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Ein Schloss für Mara

Roman

von

Rita Lamm

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung bedarf der ausschließlichen Zustimmung der Autorin.

Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright: Rita Lamm 2016

www.ritalamm.de

Cover: Copyright Gregory Flegler

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Danksagung

Literaturhinweis

Prolog

„Jaja, die Liebe“ säuselte Sonja und nahm einen Schluck von ihrem Campari-Orange.

Mara, barfuß und in einem knappen Sommerkleid, ging mit der blechernen Gießkanne, die sie auf einem Flohmarkt erstanden hatte, von Blumenkasten zu Blumenkasten. Sie zupfte die trockenen Blüten der Ringelblumen ab und goss. Es war drückend und schwül an diesem Abend. Die Luft stand förmlich. Schwere Wolken türmten sich über dem nahen Schlossberg.

„Ich finde ja den Zustand des Verliebtseins das Schönste, was es gibt. Manchmal bin ich richtig süchtig danach“ sagte Sonja und schaute Mara bei ihrem Rundgang zu.

„Es ist total spannend, die Fühler auszustrecken und zu flirten. Die ersten Wochen in einer Beziehung finde ich immer die besten. Deshalb muss ich, glaub´ ich, auch die Männer so oft wechseln.“

Sonja nahm noch einen Schluck und leckte sich die Lippen.

„Und Sex? Für mich ist Sex absolut wichtig. Wenn ich mir vorstelle, dass manche jahrelang ohne Sex leben - nicht auszudenken.“

Mara war mit dem Gießen fertig. Sie stellte die Kanne in die Ecke und legte sich in den Liegestuhl.

„Also mich beeindruckt es immer sehr, wenn Beziehungen lange halten und man nach Jahren noch sagen kann, dass man immer noch glücklich ist, ja, dass man sich immer wieder neu in den gleichen Menschen verliebt.“

Mara legte den linken Arm unter ihren Kopf und schaute in die dunklen Wolken.

„Ich bin eine romantische Vertreterin der großen Liebe.“

„Kennst Du jemanden, der ein Leben lang glücklich ist?“ fragte Sonja.

1. Kapitel

"Welcome" sagte Mara Köster zu der Reisegruppe und lächelte einmal reihum. Ihr Lächeln wurde dreißigfach erwidert.

Freundlich und höflich, so wie man sie kennt, die Japaner. Aber das half ihr jetzt auch nicht weiter. Mara hätte weiß Gott was dafür gegeben, „Good bye“ sagen zu dürfen.

Sie nahm ihre Sonnenbrille aus dem schwarzen, langen Haar, setzte sie auf, schlug den Kragen ihrer hellbraunen Lederjacke hoch und ging vorne weg am stark befahrenen Schlossbergring entlang in Richtung Schwabentor. Die Autos stauten sich vor der Einfahrt zum Parkhaus. Es roch penetrant nach Abgasen. Jemand hupte. Mara blieb auf dem Bürgersteig stehen und schaute ungeduldig zurück. Die Gruppe folgte ihr nur zögerlich. Sie beschloss, bis zum Schwabentor weiterzugehen und dort zu warten. Als sich die Japaner endlich in Hörweite um sie drängten, fing sie an zu referieren. Sie zeigte den Touristen den heiligen Georg, der mit dem Drachen kämpfte und erzählte die Geschichte vom reichen Schwaben, der vor vielen Jahren die verschuldete Stadt kaufen wollte und dessen Vorhaben von seiner klugen Frau vereitelt wurde. Er hatte statt Gold Holz auf seinem Wagen geladen, als er durch das Schwabentor in die Stadt einreiste. Kaum hatte Mara zu Ende gesprochen, machte sie einige Schritte nach hinten, heraus aus der Gruppe. Der Reiseleiter übersetzte und Mara wartete. Jemand stellte eine Frage. Der Reiseführer wandte sich ihr zu: „Wer sind die Schwaben?"

„Sie leben etwas weiter östlich von hier. Es gab schon immer Streit zwischen den hier lebenden Badenern und ihren Nachbarn" erläuterte sie und wischte ihre inzwischen feuchtkalten Hände an ihrer Jeans ab. Mara atmete tief durch und warf einen prüfenden Blick auf die Gesichter der Reisenden. Sie schienen mit ihrer Antwort zufrieden. Nun bog Mara nicht, wie es all ihre Kollegen getan hätten, nach rechts in den sehenswerten Stadtkern ab, sondern ging an der Straße, die um das Zentrum herumführte weiter und die ruhige Wallstraße hinunter. Sie ging schnell, viel zu schnell und führte die Japaner in Richtung ihres Arbeitsplatzes, an dem sie tätig war wenn sie keine Stadtführungen hatte, dem Museum für Neue Kunst. Gleich um die Ecke war das Adelhauser Kloster. Der gepflasterte Platz vor der in kräftigem orange gestrichenen Klosterkirche lag friedlich da und war menschenleer. Unter den blühenden Kastanienbäumen erläuterte Mara die Bedeutung der Klöster für die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Stadt in den letzten Jahrhunderten.

„Sie können gerne hineingehen und sich alles anschauen." Mit einer einladenden Handbewegung öffnete sie die schwere Holztür und ließ die Gruppe passieren. Kaum hatte der Letzte das Gotteshaus betreten und die Tür hinter sich geschlossen, zündete sie sich eine Zigarette an und lehnte sich erschöpft an den Stamm des Baumes. Sie inhalierte tief und blies beim Ausatmen den Rauch in die hohe Krone. Am liebsten wäre sie einfach weggegangen, nach Hause. Sie rauchte schnell. Ihr wurde schwindelig.

Einige der Gruppe und der Reiseleiter kamen aus der Kirche und stellten sich zu ihr.

„Wie lange sind Sie auf Reisen?" fragte Mara den Reiseführer.

„Zehn Tage."

„Und was schauen Sie sich an?"

„Alles" antwortete er und lächelte.

„Heidelberg, Paris, Rom."

Und dazwischen gibt es eine Chaostour durch Freiburg, ergänzte Mara in Gedanken. Als sich alle versammelt hatten, fragte der Reiseleiter: "Gehen wir zum Münster?"

Nervös lächelte sie ihn an.

„Sie müssen sich noch etwas gedulden", sagte sie und drehte sich von ihm weg. Krampfhaft überlegte sie, suchte nach Sehenswürdigkeiten oder Attraktionen, mit denen sie die Neugier der Reisenden befriedigen konnte. Fast wäre sie gestolpert. Stimmt, da waren ja noch die Bächlein. Aber über die wollte sie jetzt nicht reden. Sie wollte weiter, schnell weiter. In der Gerberau, einer breiteren, normalerweise nicht mit Menschen überfüllten Gasse, entdeckte sie einen Pantomimen. Er trug einen grünen Anzug und eine Mütze wie Till Eulenspiegel. Sein Gesicht war weiß geschminkt. In regloser Pose stand er mit offenen zum Himmel gerichteten Armen auf einer Kiste. Aus den Boxen eines CD-Players schallte ein Wiener Walzer. Mara ging zu ihm hin und warf ihm eine Münze in den Korb. Sogleich änderte er in geschmeidigen Bewegungen seine Haltung und beugte sich weit nach vorne. Die Wimpel seiner Mütze flogen durch die Luft. Die Japaner folgten Maras Beispiel. Der Till Eulenspiegel bewegte sich wie die Puppe auf einer Drehorgel und die Touristen amüsierten sich, tuschelten mit hohen Stimmen und freuten sich wie Kinder. Plötzlich sprang er von seiner Kiste und bat Mara um einen Tanz. Sie ließ sich nur einmal auffordern und tanzte schwungvoll mit ihm einen Walzer über das Kopfsteinpflaster. Passanten blieben stehen. Die Japaner applaudierten begeistert. Dieser erste warme Tag im Frühling hatte etwas Harmloses; der blaue Himmel, der freundliche Künstler, die sich freuenden Japaner. Mara strich sich eine Strähne hinters Ohr und schaute auf ihre Armbanduhr. Sie waren erst eine knappe halbe Stunde unterwegs. Es war zu früh, um die Tour zu beenden. Sie hob die Hand. Der Reiseführer trat an sie heran und schaute sie erwartungsvoll an. Sie spürte, wie sehr er sich wünschte, das berühmte Münster gezeigt zu bekommen.

„Wir werden nun einen Abstecher in die Fischerau machen".

Der Straßenkünstler zwinkerte ihr kumpelhaft zu. Mara winkte und eilte weiter. In der Fischerau stellte sie sich auf eine kleine Brücke, die über den Kanal führte und erzählte aus der Zeit der Zünfte. Der Reiseführer übersetzte. Abwartend lauschte Mara seiner Stimme mit den fremd klingenden Lauten. Dabei schaute sie nach unten. Auf dem Grund des Baches lag ein Fahrrad. Das Wasser umspülte das verdrehte Vorderrad und das Schutzblech. Es bildeten sich Wirbel. Endlich hörte der Reiseleiter auf zu sprechen. Es kamen keine Fragen. Gut, dann auf zum Grande Finale und dann tschüss, dachte Mara.

„Hier ist das Martinstor.“ Mara deutete nach oben.

„Es ist das zweite der vier Stadttore. Wenn Sie durch dieses Tor gehen, sind Sie in unserer Einkaufsmeile. Sie können noch etwas Bummeln und dann rechts zum Münster und auf den Markt gehen und von dort ist es nicht mehr weit zu Ihrem Reisebus.“ Ihre Stimme überschlug sich. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und eine gute Reise. Good bye." Sie lächelte gequält. Die Japaner klatschten und nickten ihr höflich zu. Der Reiseleiter schaute sie, wie es ihr schien, für einen Moment kritisch an. Mara reichte ihm die Hand so, als wolle sie das Ende der Tour besiegeln und ging davon. Er wird sich schon nicht beim Kulturamt beschweren und wenn, dann konnte sie es auch nicht ändern. Als sie zurückschaute, sah sie, wie alle aufgeregt und neugierig durch das Tor drängten. Allein schon bei der Vorstellung in die Massen von Menschen eintauchen zu müssen, spürte sie panische Angst in sich aufsteigen. Fluchtartig machte sie sich auf den Nachhauseweg.

Mara fuhr mit ihrem Fahrrad stadtauswärts. Sie radelte über die schmale Holzbrücke, die über den Kanal führte und im Winter oft völlig vereist war. Immer noch, obwohl es schon fast Samstagmittag war, kamen ihr Leute entgegen, die auf dem Weg in die Stadt waren. Sie fuhr ein kurzes Stück die Kartäuserstraße hoch und bog dann in die Oberaustraße, die am Fluss entlang führte, ab. Es tat ihr gut, an der Dreisam, an ihrem Fluss, zu sein. Hier konnte sie frei durchatmen. Die Luft roch mild nach Frühling. Die Äste der Trauerweide hingen weit bis zum Wasser hinab. Enten ließen sich von der Strömung flussabwärts treiben. Sie fuhr über eine weitere Brücke und hatte jetzt den Fluss zu ihrer Linken. Spaziergänger schlenderten am Ufer entlang oder saßen auf einer Bank, um sich von den Strahlen der Sonne wärmen zu lassen. Mara kam dem Wasserfall näher und hörte sein Rauschen. Auf dem Mäuerchen gegenüber lag eine Frau und las. Oft hielten sich dort Liebespaare auf, die sich geschützt durch das Rauschen des Wassers in ihren Liebesträumen verloren. Mara wich geschickt einem Mann mit einem Kinderwagen aus und überholte zwei Joggerinnen, die nebeneinander im Gleichschritt liefen.

Plötzlich rannte ein großer, schwarzer Hund direkt in ihr Vorderrad. Sie hörte ihn jaulen, versuchte zu bremsen. Ihr Rad geriet ins Schlingern. Nur mit Mühe gelang es ihr, nicht zu stürzen.

„Mephisto, Mephisto!“ Der herbeigeeilte Besitzer kniete neben seinem Hund und suchte ihn nach Verletzungen ab.

„Können Sie nicht aufpassen?“

Mara schwieg betroffen.

„Müssen Sie denn so schnell hier vorbeirasen?“

Mara lehnte ihr Fahrrad an einen Baum und ging zu den beiden hin.

„Sie könnten Ihren Hund aber auch an die Leine nehmen.

Ich wäre fast hingefallen!“

„He, mein Guter.“

„Ist er okay?“ Mephisto schien sehr okay: er legte sich, kaum, dass Mara neben ihm war, auf den Rücken und ließ sich von ihr kraulen. Der Hund schleckte ihr die Hand ab und schaute sie mit treuen, bernsteinfarbenen Augen an.

„Wie es aussieht, scheint er ja in Ordnung“ stellte Mara fest und betrachtete den Besitzer, der auf Augenhöhe neben ihr kniete. Mit seinen blonden Haaren, der hohen Stirn und einem eigentlich sympathischen Gesicht, erinnerte er sie an einen Clown aus einem Zirkus, nur attraktiver. Viel attraktiver, dachte Mara.

„Hoffen wir` s mal“ brummte der Hundehalter. Mephisto stand auf und schüttelte sich. Als er im Fluss eine Ente sah, schien der Unfall vergessen. Er rannte die Böschung hinunter zum Wasser.

Wenig später bog Mara in ihren Hof ein. Als sie ins Haus ging, schaute sie in den Briefkasten. Außer stapelweise Werbung keine Post, stellte sie fest- von wem auch. Sie schloss die hölzerne Wohnungstür mit den Milchglasscheiben auf. Mara mochte die Wohnung mit den knarrenden Dielenböden, hohen Decken und großen Fenstern sehr. Sie hatte bei der Gestaltung der zwei Zimmer darauf geachtet, nicht alles voll zustellen. Sie schlief im größeren, auf einem kniehohen Podest unter Palmen. Wenn es auch nur Yucca Palmen waren. Den anderen Raum nutzte sie als Wohnzimmer. Dort hatte sie mit schwarzem Ledersofa und Glastisch eine gemütliche Sitzecke eingerichtet. An den Wänden standen Regale voller Bücher und Bildbände über Kunst. Zwischen die langen Buchreihen hatte sie kleine Kunstwerke, Figuren aus Speckstein, Metall oder Holz, gestellt. Mittlerweile besaß sie eine recht ansehnliche Sammlung, auf die sie sehr stolz war.

Es war kühl in der Wohnung. Sie ging durch das kleinere Zimmer und schloss die Balkontür. In der Küche kochte sie sich mit der italienischen Kaffeemaschine einen doppelten Espresso, den sie mit viel warmer Milch verdünnte. Erleichtert, zu Hause und in Sicherheit zu sein, bezog sie ihren Aussichtsposten am Tisch und zündete sich eine Zigarette an. Rauchend schaute sie aus dem Fenster in den Hof. Mit jedem Zug ließ die Anspannung in ihr nach und sie wurde ruhiger.

Drüben auf dem flachen Dach des Backsteinhauses spazierten zwei Tauben turtelnd umher. Ihr grauweißes Gefieder glänzte in der Sonne. Mara dachte an Carl Spitzweg. Auf seinen Gemälden bedeuteten Tauben die Boten der Liebe. Turteltauben. Ihr Religionslehrer hatte ihr in der Grundschule erzählt, dass vor allem oder gerade Tauben die Vögel waren, die sich bei einem Streit grausam verletzen konnten.

In der Schreinerei, die sich im hinteren Teil des Hofes befand, arbeitete heute niemand. Die hohen Tore waren geschlossen. Unter der Woche hörte Mara von dort das schrille Kreischen der Sägen.

Frau Meier, die im Backsteinhaus wohnte, öffnete die grün gestrichene Haustür und fegte die wenigen Treppenstufen aus Sandstein zum Hof. Sie war, wie Mara fand, unglücklich verheiratet. Oft schon hatte Mara die Streitereien mitbekommen, wenn Herr Meier betrunken nach Hause kam. Frau Meier klopfte den Türvorleger am Geländer aus und legte ihn wieder auf den untersten Treppenabsatz. Jetzt nahm sie den Besen, ging die Treppe hoch und schloss die Tür hinter sich. In diesem Moment fuhr ein großer, weißer Möbeltransporter in den Hof. Eine junge Frau öffnete die Wagentür und sprang aus dem Auto. Sie trug einen bunten, kurzen Rock über einer Jeans, ein verwaschenes T-Shirt und hatte eine blaue Strähne in den kurzen, hellblonden Haaren. Ihr folgte ein Mädchen. Mit ihrer zierlichen Statur und den strohblonden Haaren hätte sie eine Zwillingsschwester von Michel aus Lönneberga sein können. Mara schätzte die Kleine auf acht Jahre. Waren das etwa ihre neuen Nachbarn, eine Frau mit Kind?

Sie hatte vergangene Woche mitbekommen, wie Otmar Kapp, der Polizist von nebenan, ausgezogen war. Nach zwei Jahren spärlichem Kontakt, der darin bestand, dass man sich im Treppenhaus aneinander vorbeischob und grüßte, hatte er seine Kisten gepackt und war davon gefahren. Nach Stuttgart, hatte er ihr beim Hinunterschleppen der Umzugskisten erzählt. Das Gute an Otmar war, dass er sie in Ruhe gelassen hatte. Ein Umstand, den sie vor allem im vergangenen Winter als sehr angenehm empfunden hatte.

Mit dem weißen Transporter waren noch zwei Autos in den Hof gefahren. Männer schleppten eine alte Kommode aus dunklem Holz, einen wuchtigen Schrank, Matratzen ins Haus. Es wurden kaum Pflanzen ausgeladen, aber dafür ein großer Fernseher und Unmengen von Kartons. Die ganze Zeit stand die Frau mit dem blauen Band im Haar im Hof und koordinierte den Umzug. Dabei kaute sie nervös an ihren Fingernägeln oder rauchte hektisch.

Nach einiger Zeit hörte Mara von nebenan lautes Hämmern und Poltern. Kurz darauf klingelte es. Vor der Tür stand die Frau mit dem Kind.

„Wir sind die neuen Nachbarn. Ich heiße Sonja und das ist“, zu dem Kind hingewandt, „stell Dich vor.“

„Annalisa.“

Das Mädchen turnte auf der Treppe herum und begutachtete Mara mit wachen, blauen Augen.

„Hallo“ antwortete Mara. Sie hatte die Tür zu ihrer Wohnung nur einen schmalen Spalt weit geöffnet.

„Ich wollte fragen, ob Sie einen achtzehner Schraubenschlüssel haben?“

„Einen achtzehner Schraubenschlüssel?“ wiederholte Mara.

„Da müsste ich mal schauen. Moment.“ Mara kniete sich im Flur vor das Schränkchen, auf dem das Telefon stand und durchwühlte den Werkzeugkasten. Von nebenan hörte sie, wie eine Männerstimme rief: „Frag noch nach einer Bohrmaschine!“

Gleich darauf stand Sonja neben ihr in der Wohnung.

„Haben Sie auch eine Bohrmaschine?“ Mara suchte weiter.

„Da ist eine ganze Sammlung von Schlüsseln, wollen Sie die mal mitnehmen?“, antwortete Mara und richtete sich auf. Dabei sah sie gerade noch, wie sich Sonja in der Wohnung umschaute. Auch das Kind stand inzwischen im Flur.

„Bohrmaschine hab ich keine, tut mir leid.“ Mara ging zur Tür und öffnete sie weit, so, als wolle sie die ungebetenen Gäste auf schnellstem Wege wieder nach draußen geleiten.

„Wohnen Sie alleine hier?“ fragte das Mädchen.

„Ja, ganz alleine.“

„Danke, erst mal.“ Sonja schob ihre Tochter nach draußen ins Treppenhaus. Mara schloss die Tür. Es dauerte keine halbe Stunde, bis Sonja wieder an der Tür stand.

„Entschuldigung, dass ich schon wieder störe. Aber wir haben keinen Strom. Können Sie mir sagen, wo der Sicherungskasten ist?“

„Der ist im Keller“ sagte Mara kurz angebunden und nahm ihren Schlüsselbund. Gefolgt von Sonja ging sie nach unten. Mara öffnete die Kellertür. Gemeinsam standen sie vor einem rostigen Metallkasten.

„Hier, schauen wir mal. Zweites OG, Wohnung links, das ist meine und rechts das ist Ihre.“ Mara betätigte den kleinen, schwarzen Hebel.

„So, jetzt müsste es klappen.“

„Vielen Dank!“

„Haben Sie keinen Kellerschlüssel?“

„Doch, irgendwo muss der sein. Aber in diesem Chaos finde ich überhaupt nichts mehr.“ Gemeinsam stiegen sie wieder die Treppen nach oben.

„Also, wenn noch was ist: Sie wissen ja, wo ich bin. Ich bin hier zwar nicht der Hausmeister und ich hab´ auch keine Bohrmaschine. Aber ich kenn' mich zumindest etwas aus hier im Haus.“

„Danke!“ sagte Sonja noch mal und nickte. Mara schloss die Tür zu ihrer Wohnung.

Später am Nachmittag saß Mara in einem mit weichen Polstern ausgelegten Rattanstuhl im Wintergarten ihrer Tante Paula und schaute hinaus in den Garten. Narzissen säumten die Wege, Primeln blühten lila und rosa, Maiglöckchen standen vornehm im Halbschatten unter dem blühenden Forsythienstrauch. In wenigen Wochen wird der Garten wieder zu einem botanischen Bollwerk, einem Meer aus Blüten und wachstumsfreudigem, biologisch gedüngtem Gemüse mutiert sein, dachte Mara. Aber Tante Paulas große Leidenschaft waren Heilkräuter, die sie zu Tees und Salben verarbeitete.

„Was gibt es Neues?“ Tante Paula kam aus der Küche und stellte einen selbstgebackenen Aprikosenkuchen, auf den Tisch.

„Nichts, doch, neue Nachbarn. Hoffentlich lassen die mich in Ruhe.“

Ihre Tante schnitt den Kuchen mit dem großen Messer auf, das sie schon bereitgelegt hatte. Natürlich war er mit Vollkornmehl gebacken.

„So schlimm wird es nicht werden.“

„Naja, sie waren nicht mal eine halbe Stunde im Haus und standen schon bei mir vor der Tür.“

Mara nahm einen Schluck von ihrem Cappuccino.

Tante Paula schlug ihren grünblauen Umhang aus grober Wolle um ihre zierlichen Schultern, nahm das Gefäß aus Messing, das Mara an eine Blumenvase erinnerte und zog schlürfend an dem Rohr, das an der Seite herausragte. Seit ihre Tante viel auf Reisen war, trank sie ausschließlich Matetee. Sein strenger Duft breitete sich im Wintergarten aus.

Wenn sie jetzt noch eine Feder in ihrem kinnlangen, grauen Haar gehabt hätte, hätte sie genauso gut in einem indianischen Dorf im Kreise ihrer Freundinnen, alter, weiser Frauen vom Stamm der Navajos, sitzen können. Tante Paula saugte an ihrem Rohr und betrachtete ihre Nichte.

„Die Setzlinge aus dem Baumarkt stehen hinten im Garten. Du kannst sie ja nachher mitnehmen. Aber ich sage Dir, das war das letzte Mal, dass ich Dir so einen Gefallen getan habe.“

„Ist ja gut! Du wärst ja sowieso hingefahren, oder?“

„Das tut nichts zur Sache. Du kannst Dich nicht immer nur zurückziehen!“

„Mach ich ja gar nicht“ verteidigte sich Mara und stieß ihre Kuchengabel in den mit Streuseln bedeckten Rücken einer Aprikose.

„Also was ich so mitbekomme, ist, dass Du Dich nur noch durchmogelst. Ich weiß gar nicht, wie Du deine Arbeit im Museum überhaupt schaffst. Da bist Du doch ständig mit Menschen zusammen.“

„Lass das mal nur meine Sorge sein“, antwortete Mara.

„Das geht jetzt schon seit Monaten so und ich habe nicht das Gefühl, dass es über den Winter besser geworden ist.“

Im Flur klingelte das Telefon.

„Das Leben ist viel zu kurz, um es mit so viel Angst zu verbringen, wie Du das im Moment tust. Findest Du nicht?“

Tante Paula warf ihr einen strengen Blick zu und ging nach draußen.

Mara stand auf.

Sie wollte sich nicht drängen lassen. Natürlich wusste sie selbst, dass es so nicht weiter gehen konnte, dass sie nicht ein Leben lang allem, was ihr Angst bereitete, ausweichen konnte.

Sie ging hinüber ins Wohnzimmer. Die schweren, afghanischen Teppiche dämpften ihre Schritte. Die Wände hingen voller Kult- und Schmuckgegenstände. Sie betrachtete einen mit imposanten Adlerfedern geschmückten Traumfänger. Darunter hingen ein kleiner Lederbeutel und daneben eine Kalebasse aus getrocknetem Kürbis. Den Lederbeutel hätte sie gerne geöffnet. Nur um zu sehen, was darin war. Weiter drüben hing eine ganze Serie von Pfeifen in verschiedenen Größen. Waren es Friedenspfeifen? Vor dem schwarzen Bücherschrank mit den Glastüren, einem Erbstück der Familie, blieb Mara stehen. Hier hatte Tante Paula ihre Schmuckstücke ausgelegt: gebleichte Muscheln, lilafarbene Amethysten, grün schimmernde Jade, gläserne Bergkristalle und allerlei Fossilien. Wegen seiner hellen Farbe fiel Mara ein Bernstein in der Größe eines kleineren Hühnereis auf. Sie öffnete das Glastürchen und nahm ihn in ihre Hand. Überraschenderweise fühlte er sich fast warm an. Seine kuppelartige Oberfläche war glatt und glänzend. Die Unterseite war nur grob bearbeitet. Sie hielt den Stein gegen das Licht. Er leuchtete honigfarben. Deutlich erkannte sie eine Fliege, ihre dünnen Beinchen, die Flügel und den Kopf. Vor Jahrhunderten vom Harz eines Baumes überflutet, war das Insekt eingeschlossen und für immer begraben, eingehüllt und abgekapselt. So sah sich Mara selbst. Vom Strom des Lebens eingeschlossen und isoliert.

Tante Paula, die nach dem langen Telefonat ins Wohnzimmer zurückkam, rieb sich das rechte Ohr. „Also Luise ist auch nicht einfach“ sagte sie und schüttelte den Kopf.

„Hast Du den neu?“ fragte Mara und hielt Tante Paula den Stein hin.

„Ich hab ihn vor ein paar Tagen bei einer Haushaltsauflösung hier in der Nachbarschaft gefunden. Gefällt er Dir?“

„Ja, sehr.“

„Weißt Du was, ich schenk ihn Dir.“

„Nein.“

„Doch. Nimm ihn mit“, sagte Tante Paula, „Du kannst ihn gebrauchen. Bernstein ist ein heilsamer Stein. Er bringt Licht ins Gemüt.“

Mara fuhr mit den Balkonpflanzen auf dem Gepäckträger und dem Bernstein in ihrer Hosentasche heimwärts. Aber statt den direkten Weg nach Hause zu nehmen, fuhr sie zum Fluss, setzte sich auf eine Bank und rauchte eine Zigarette. Es war still. Nur das Rauschen des Wassers war zu hören. Niemand kam vorbei. Doch zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass jemand fehlte. Sie drückte die halb zu Ende gerauchte Zigarette aus und schob ihr Fahrrad nach Hause.

Dort legte sie den Stein mit der eingeschlossenen Fliege neben ihr Bett zum Wecker. So konnte sie ihn immer sehen. Gleich morgens wenn sie aufwachte und abends, wenn sie das Licht löschte.

In der Nacht lag Mara wach. Sie dachte an Felix und mit ihm an den siebten Geburtstag im Garten mit den Obstbäumen und der Wiese. Überall hingen bunte Girlanden und Luftballons. All ihre Freundinnen waren eingeladen und Papa war früher aus der Uni gekommen, was sehr selten vorkam. Wolfgang und Thomas wollten bei allen Spielen mitmachen. Dabei waren sie einfach noch zu klein. Beim Sackhüpfen waren sie viel zu langsam und beim Eierlaufen fiel Thomas gleich am Anfang das Ei vom Löffel und die ganze Mannschaft verlor. Dann gab es Apfelsaft und Schokoladenkuchen. Nach dem Kuchenessen verband ihre Mutter ihr die Augen. Alle waren ganz leise. Nur ein kurzes Lachen hörte sie von Sandra, ihrer besten Freundin. Jemand nahm ihre rechte Hand. Es war Papas Hand, die sie führte. Seine andere legte er auf ihre Schulter. Sie wurde um etwas herumgeführt. War es der Tisch? Dann ging es über den Rasen. Sie spürte die Unebenheiten unter ihren Füßen und die Grashalme, die sie kitzelten. Nach einigen Schritten verstärkte sich der Druck der Hand auf ihrer Schulter, anscheinend sollte sie anhalten. Ihr wurde das Tuch von den Augen genommen. Und da war er: In einem Stall mit einer Trinkflasche auf der einen Seite und einem Holztürchen auf der anderen Seite saß auf Stroh ein hellbrauner Hase. Mara kniete sich vor den Stall und griff in die kleinen Löcher im Draht. Er kam angehoppelt. Sanft berührte er mit seiner Nase ihre Fingerspitzen und schnupperte daran. Ihr Vater öffnete das Türchen und Mara nahm den Hasen auf den Arm. Ängstlich legte er seine Ohren an. Durch sein weiches Fell spürte sie sein Herz schnell schlagen. Ihre Mutter fotografierte sie. Vorsichtig setzte sie ihn in seinen Stall zurück. Am Abend, nachdem alle Kinder weg waren, brachte sie ihm Futter und eine Möhre. Sie blieb lange bei ihm und streichelte ihn und hätte am liebsten die ganze Nacht bei ihm verbracht.

Sie hatte Felix sehr gern. Sie mochte sein weiches, flauschiges Fell, wenn sie ihn streichelte, wenn sie ihr Gesicht darin vergrub. Sie fütterte ihn morgens und abends und oft saß sie bis es dunkel wurde bei ihm vor dem Stall und erzählte ihm alles Mögliche, bis ihr Vater kam und sie ins Haus holte. Felix schien sie zu verstehen. Einmal nach einem solchen langen Abend bei Felix wollte sie ihn am nächsten Morgen gleich vor der Schule noch besuchen. Als sie zu ihm kam, lag er reglos im Stall. Er kam nicht zu ihr hingehoppelt. Sein Fell sah wirr und unordentlich aus. Seine Augen waren stumpf. Sein Mund war halb offen. Sie sah seine Zähne. Felix war tot.

Mara weinte, schluchzte laut. Sie nahm den Bernstein in ihre Hand. Allmählich tröstete sie die Tatsache, dass sie in ihrer Wohnung, in ihrem Bett war und nicht mehr das verlassene Mädchen von damals.

2. Kapitel

Mara schloss die Tür ihres Büros. Sie wollte sich unten im Café des Museums einen Cappuccino holen. Vergangene Nacht hatte sie schlecht geschlafen. Jetzt brauchte sie dringend einen Muntermacher. Sie ging den Flur entlang und dann die Treppe hinunter. Ihre Hand glitt über das schmiedeeiserne Geländer. Über ihr bildeten hohe Bögen aus Stein kleine Himmel. Auf den einzelnen Zwischenstufen waren mit weißem und rotem Marmor Sterne eingelegt. Mara mochte das alte Gebäude, in dem im neunzehnten Jahrhundert eine höhere Schule untergebracht war. Auf halber Höhe des Treppenhauses stand ein Fenster offen, durch das angenehm warme Luft hereinströmte. Sie lehnte sich hinaus. Gegenüber, in dem kleinen Schuhladen, wurde das Schaufenster neu gestaltet. Frau Melter, eine der Servicefrauen des Cafés, öffnete im Vorgarten die großen beigefarbenen Sonnenschirme und wischte mit einem Lappen den Tau von den Tischen und Stühlen. Mara ging weiter. Sie war froh, hier arbeiten zu dürfen. Die meisten der Kommilitoninnen, die mit ihr Kunstgeschichte studiert hatten, hatten keine feste Anstellung in einem Museum oder Ähnlichem, sondern mussten sich mit irgendwelchen Jobs, die nicht das Geringste mit dem Studium zu tun hatten, zufriedengeben. Mara hatte Glück gehabt, als sie sich vor eineinhalb Jahren um die Stelle beworben hatte.

In der Eingangshalle standen Frau Taufrisch, eine der Sekretärinnen, und Susanna, Maras Praktikantin, zusammen vor dem schwarzen Brett. „Heute steht schon wieder was von der Ausstellung in der Badischen Zeitung!“ rief Frau Taufrisch Mara entgegen und heftete einen Zeitungsartikel an die schon mit Meldungen volle Pinnwand.

Mara stellte sich zu den Beiden.

Sie las die Überschrift: „Die Figurensammlung Il Legri verzaubert.“

„Alles nur Lobeshymnen“ sagte Frau Taufrisch und lächelte Mara an.

„Oder hier: Das Museum für Neue Kunst wird zu einem Sommerzauber."

„Ein Spiel aus Farben erfreut den Besucher“ las Susanna und darunter: „Der Kuratorin ist ein Glücksgriff gelungen“.

Gerade kam ihr Chef, Herr Martin, aus der Säulenhalle. Dort drängte sich eine Gruppe von Kunstinteressierten um die Skulpturen. Seit die Ausstellung eröffnet war, konnte sich das Museum kaum mehr vor Besuchern retten.

Herr Martin trat zu ihnen und sagte: „Also unglaublich! Man hat ja das Gefühl, dass alle nur noch die Ausstellung sehen wollen.“ Er stand da und drehte an seiner Armbanduhr, so als würde sie nicht richtig sitzen. Mara fand ihren Chef attraktiv; schlank mit dunklem Haar, das er manchmal fast schulterlang trug und einem vornehm geschnittenen Gesicht. Oft schwarz gekleidet, wirkte er wie ein wohlerzogener Sohn aus einer spanischen Adelsfamilie. Sie wusste, dass er in Wirklichkeit aus einem kleinen Dorf im Nordschwarzwald kam und dass er seit Februar mit einer recht unscheinbar wirkenden Norddeutschen verheiratet war. So war es oft, die schönsten Menschen hatten die langweiligsten Partner. Herr Martin hörte auf, an seiner Uhr zu drehen und schaute Mara mit einem leicht verschmitzten Lächeln an.

„Frau Köster, ich muss sagen, ich habe mich getäuscht, ich hatte es ja nicht geglaubt. Aber Ihre Ausstellung kommt an. Gratulation.“

„Danke“ antwortete Mara und lächelte stolz zurück. Sie warf einen siegessicheren Blick in die Säulenhalle, nickte Frau Taufrisch und Susanna zu und ging in Richtung Café davon.

Und da es heute so schön warm war, ging sie nach draußen und setzte sich in den Vorgarten. Gut gelaunt hielt sie mit Frau Melter einen kleinen Schwatz über das schöne Wetter, nahm einen Löffel voll Milchschaum von ihrem Cappuccino und ließ ihn auf der Zunge zergehen. Er schmeckte süßlich. Wenn ihr Chef sich schon mal zu einem solchen Kompliment hinreißen ließ, sollte das was heißen, war er doch sonst mit Lob sehr sparsam.

Nachher musste sie gleich mal Giuseppe anrufen und ihm erzählen, wie begeistert das Freiburger Publikum auf seine Kunstwerke reagiert. Sie kannte ihn aus der Zeit des Studiums. In Florenz hatten sie einen gemeinsamen Sommer verbracht. Danach war er nach Bergamo in seine Heimat zurückgekehrt. Vor zwei Jahren hatte sie ihn auf dem Nachhauseweg von Sardinien besucht. Er hatte ihr erzählt, dass er vergeblich nach einem Ausstellungsraum suche. Ihr hatten seine Arbeiten gut gefallen. Farbenkräftige, fröhliche Skulpturen aus zusammengeschweißten, bemalten Eisenteilen. `Die Fröhlichen` hatte er seine Sammlung genannt. Nichts an den Figuren war düster oder schwer, alles war Leichtigkeit, Spiel und Freude.

Als es darum ging, für das kommende Jahr das Ausstellungsprogramm zusammenzustellen, hatte sie an ihn gedacht. Über den Sommer bot etwas Leichtes, eher Verspieltes sicher mehr Reiz ins Museum zu gehen, als etwas Schweres, Tiefsinniges, bei dem die Betrachter immer wieder nach dem Sinn oder einer Aussage suchten, um dann mit fragendem Blick das Museum zu verlassen. Es war ihr gelungen, Herrn Martin zu überzeugen. Und jetzt solch ein Erfolg! Sollte mal einer sagen, sie hätte kein Gespür für ihre Arbeit. Mara blies den Rauch ihrer Zigarette gegen den blauen Himmel und lehnte sich zurück. Die Sonne schien ihr warm ins Gesicht.

Es war kurz nach achtzehn Uhr, als Mara mit ihrem Fahrrad nach Hause fuhr. Beim Italiener in der Kartäuserstraße hatte sie selbstgemachte Tortellini, gefüllt mit frischem Ricotta und Spinat, gekauft, die wollte sie sich zum Abendessen kochen. Frischen Parmesan hatte sie auf jeden Fall im Kühlschrank. Vielleicht hatte sie noch einen guten `Montepulciano` in ihrem Weinregal im Wohnzimmer liegen. Mara bog in die Oberaustraße ein und überquerte kurz darauf die Dreisam. Sie stieg vom Fahrrad und lehnte es an das Geländer der Brücke. Minutenlang schaute sie hinunter ins Wasser, fixierte ohne nur ein einziges Mal wegzuschauen einen Felsen, der vom Wasser umspült wurde. Sie mochte dieses Spiel, das sie früher das `Bootsfahrspiel` genannt und mit Sandra am Dorfbach gespielt hatte. Man schaute so lange auf einen Punkt, bis man das Gefühl hatte, die Brücke bewege sich unter einem und nicht das Wasser. Die Brücke wurde zum Schiff und mit diesem Schiff konnte man wegfahren. Irgendwohin. Vielleicht auf eine Insel in der Südsee, einen Ort, an dem es keine Angst gab? Mara wartete und schaute und endlich fuhr ihr Schiff los. Sie stand an der Reling. Sie spürte den Fahrtwind und die Gischt des Meeres in ihrem Gesicht.

Das Geländer der Brücke war aus Schmiedeeisen. Seit einiger Zeit hatten verliebte Paare angefangen, Schlösser mit ihren Namen und einem Datum zu versehen und am Geländer zu befestigen. Würde sie jemals zu den Glücklichen gehören und hierherkommen, um ein Schloss anzuhängen, den Schlüssel ins Wasser zu schmeißen und so die Liebe zu besiegeln?

Später, als sie gegessen hatte, ging sie auf den Balkon. Sie goss die frisch gepflanzten Blumen und lauschte dem eifrigen Zwitschern der Vögel an diesem Frühlingsabend. So ausgeglichen hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Vielleicht hatte Tante Paula ja doch Recht. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da war sie an freien Wochenenden losgezogen, hatte im Schwarzwald Wanderungen unternommen oder war nach Basel ins Museum gegangen. Aber seit Monaten zog sie es vor, zu Hause zu bleiben. Nur hier fühlte sie sich sicher. Hier gab es keine Räume voller Menschen, aus denen sie nicht hätte flüchten können, falls sie von einer Angstattacke überfallen wurde.

„Muss das sein?“ schrie eine schrille Frauenstimme im Hof. Es war Frau Meier.

„Ich bin nicht betrunken“ grölte Herr Meier. „Lass mich. Das ist auch mein Haus!“

Mara schaute über die Brüstung ihres Balkons und sah, wie Herr Meier wieder einmal die wenigen Stufen zur Haustür hoch wankte und sich am Geländer festhielt.

„Du widerst mich an“ Frau Meier stand unter der offenen Haustür. „Kannst Du das nicht lassen?“

„Kannst Du das nicht lassen?“ äffte Herr Meier seine Frau mit schwerer Zunge nach und schob sie zur Seite.

„Lass mich rein!“

Mara hörte, wie die Haustür zugeschlagen wurde. Als sie noch mal hinüberschaute, sah sie, wie Frau Meier die Fenster schloss und die Gardinen vorzog, als könne sie damit verhindern, dass die Nachbarn etwas mitbekamen.

Am nächsten Tag hatte Mara frei und das schöne Wetter lockte sie nach draußen. Gemütlich schlenderte sie am Flussufer entlang. Es waren nicht all zu viele Menschen unterwegs. Sie setzte sich nahe des Fußweges auf eine Bank und drehte sich eine Zigarette. Sie schlug ihre Beine übereinander und widmete sich ihrem Buch.

Plötzlich saß Mephisto vor ihr. Freudig wedelte er mit dem Schwanz.

„Mephisto! Was machst Du denn hier?“ Natürlich erschien neben Mephisto auch gleich sein Herrchen.

„Das ist ja eine Überraschung, so sieht man sich wieder.“ „Hallo“ Mara blickte in leuchtend blaue Augen, die ihr bei der ersten Begegnung gar nicht aufgefallen waren.

Mephisto legte seinen Kopf auf Maras Oberschenkel. Sie musste ihn streicheln. Sie genoss es, ihre Hand durch das wuschelige Fell gleiten zu lassen und musste an Felix denken. Daran, was für ein guter Freund er für sie gewesen war und wie sehr sie als Kind darunter gelitten hatte, als er tot war.

„Mein Hund hat ja einen Narren an Ihnen gefressen“ meinte der Mann.

„Mephisto! Sei doch nicht so aufdringlich“.

„Lassen Sie ihn doch. Ist er in Ordnung?“

„Ja, ja, alles okay. Er ist mit dem Schrecken davongekommen“, beschwichtigte er. „Und ich ja wohl auch.“

Er stand etwas unbeholfen da. In der einen Hand hielt er Mephistos Leine und in der anderen einen Stock, an dem unübersehbar Spuren von Mephistos Gebiss zu erkennen waren. Mephisto hatte sich bei Mara seine Streicheleinheiten abgeholt. Nun schaute er sein Herrchen erwartungsvoll an.

„Mephisto lauf!“ rief dieser und warf den Stock in einem weiten Schwung die Uferböschung hinunter. Der Hund rannte los und brachte gleich darauf den Stock zurück. Er legte ihn mit einem herausfordernden Blick seinem Herrchen vor die Füße.

„Mephisto!“ Der Mann hob den Stock auf und warf ihn noch mal mit aller Kraft weit von sich weg. „Das kann er über Stunden machen.“ Er blickte seinem Hund hinterher, der mit wedelndem Schwanz im hohen Gras am Flussufer den Stock suchte. Dann wandte er sich ihr zu und, als müsse er sich ein Herz fassen, fragte er: „Gehen wir ein Stück zusammen?“

„Gerne“ antwortete Mara und stand auf.

Sie gingen nebeneinander her. Auf einer schmalen Brücke überholten sie eine junge Frau mit einem Kinderwagen.

„Was lesen Sie?“, fragte ihr Begleiter. Mara schaute auf den Einband ihres Buches und sagte: „Wie schütze ich mich vor Hundebesitzern.“

„Quatsch!“

„Kennen sie Elisabeth George?“

„Nein“

„Sie schreibt gut. Klassische Krimilektüre nach englischer Tradition.“

„Aha, Miss Marple lässt grüßen. Ich les` nicht soviel, ich komm` nicht so dazu.“

„Haben Sie Familie oder einen stressigen Job, oder beides?“ fragte Mara.

„Stressig? Manchmal. Ich bin am Theater, hier am Großen Haus“ sagte er.

Nach einer kurzen Pause fragte er: „Und was machen Sie?“

„Ich arbeite beim Museum für Neue Kunst und über den Sommer mache ich für Touristen Stadtführungen.“

„Das ist sicher auch eine interessante Abwechslung.“

„Geht so“, antwortete Mara. Auf gerade diese Abwechslung hätte sie liebend gerne verzichtet.

„Lassen Sie mich raten. Sie sind Bühnenbildner?“

„Nein. Ich bin Schauspieler.“

Ein Jogger mit hochrotem Gesicht rannte an ihnen vorbei. Mara betrachtete den Schweißfleck auf seinem T-Shirt.

„Sie sind wirklich Schauspieler?“

„Ja natürlich.“

„Ach, übrigens, ich heiße Oscar und Sie?“

„Mara“ erwiderte sie und dachte, so, das haben wir jetzt auch geklärt.

„Gehen Sie ab und zu ins Theater? Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Sie das interessiert.“

Mara schaute nervös auf ihre Armbanduhr.

„Oh, es ist schon spät. Ich muss los!“

„Sehen wir uns wieder?“ fragte Oscar.

„Ja! Tschüss“ rief Mara schon aus einiger Entfernung. Sie wusste selbst nicht, wovor sie wegrannte.

Mara öffnete das Fenster ihres Büros, packte ihr Vesperbrot aus und setzte sich auf die Fensterbank. Sie nahm einen Bissen und trank einen Schluck Tee. Zurzeit trank sie ` Innere Ruhe`-Tee. Vielleicht half er ihr. Er schmeckte schrecklich gesund. Von dem Zustand der inneren Ruhe war sie, seit sie mit Guiseppe` s Kunstwerken so Furore machte, wahrlich weit entfernt. Ein Pressetermin jagte den nächsten und dazwischen meldete sich immer wieder Herr Martin mit neuen Ideen. Und diese hatten meistens nicht den Charakter von einsamen Meetings in ihrem Büro, sondern er dachte an mehr Führungen, mehr Vorträge und Zusatzveranstaltungen. Sie streckte sich und rieb sich die Augen. Wie sollte sie das alles bewerkstelligen und dabei nicht völlig verrückt werden? Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen und hätte sich in ihrem Bett vergraben oder wäre in ein anderes Leben gewechselt.Wenn das nur ginge, sich wie in einem Fantasyfilm in eine andere Zeit beamen.

Sie packte die Hälfte ihres Brotes wieder ein. Mit dem restlichen Tee in ihrer Tasse goss sie die Grünlilie, die auf der Fensterbank stand.

„Du siehst so anders aus.“ Tante Paula stand im Blumenbeet, stützte sich auf dem Spaten ab und betrachtete ihre Nichte. Sie war in ihrer Gartentracht: grüne Latzhose, die vor lauter Erde fast braun war, ein verwaschenes Hemd mit weiten Ärmeln und Strohhut und lieferte so die ideale Vorlage für die Titelseite einer Fachzeitschrift für Gartenbau.

„Das Gleiche könnte ich auch zu Dir sagen“ antwortete Mara.

„Nein, ich meine, in letzter Zeit sahst Du oft so abgekämpft aus. Aber heute wirkst Du verändert. Was ist los?“

Mara, die auf dem gepflasterten Fußweg auf und ab ging, blieb auf Höhe von Tante Paula stehen und schwieg. Eine Amsel saß auf dem Stein bei der Trauerweide und sang ihr helles Lied.

Tante Paula ließ nicht locker: „Komm, sag es mir“.

„Ich hab jemanden kennen gelernt.“

„Und weiter?“ Tante Paula schien vor Neugierde fast mit ihrem Spaten umzukippen.

„Nichts weiter“ Mara trat mit dem Fuß gegen die Steine der Beetumfassung.

„Dir muss man aber auch die Würmer einzeln aus der Nase ziehen.“ Tante Paula stach den Spaten in die dunkle Erde, nahm ihre Nichte an der Hand und führte sie nach hinten zur Bank bei der Trauerweide.

Mara folgte willig.

„Er arbeitet beim Theater.“ Mara zog ihren Tabak aus der Tasche und fing an, sich eine Zigarette zu drehen.

„Und was ist da das Problem?“ Tante Paula nahm ihren Hut ab und legte ihn neben sich auf die Bank.

„Ich darf mich nicht verlieben, ich kann keine Beziehung führen. Wie soll ich das denn machen? Es gibt so viele Sachen, die ich nicht kann.“ Mara zündete sich die Zigarette an und blies den Rauch hörbar in die Luft.

Tante Paula hustete und wedelte mit der Hand.

„Jeder, der mitbekommt, dass ich an Panikattacken leide, nimmt doch Reißaus. Wer will denn schon mit einer Psychopatin zusammen sein?“

„Jetzt sei doch nicht so.“

„Doch, ist doch wahr“ beharrte Mara.

„Das mit dem Theater, wie soll das denn gehen? Kannst Du mir das mal sagen?“

„Wart' s doch mal ab. Du bist nicht nur Krankheit und Panikattacken, es gibt so vieles anderes, was Dich ausmacht!“

„Blah, blah, blah“

„Du bist eine attraktive Frau. Du hast Charme und Bildung, bist erfolgreich im Beruf.“

Mara drückte mit dem Schuh die Zigarette aus und hob die Kippe auf.

„So ist es recht“ sagte sie, als Mara den Zigarettenstummel in ihre Jackentasche steckte.

„Es gibt immer einen Weg. Wenn dieser Mann in Ordnung ist und Dich wirklich liebt so wie Du bist und er es ehrlich meint mit Dir, dann wird das schon alles richtig werden, glaub mir.“

Tante Paula setzte ihren Strohhut auf und ging wieder zurück zu ihrem Spaten.

„Du hast gut reden“ murmelte Mara. Sie blieb auf der Bank sitzen und betrachtete den mannshohen Stein neben sich. Tante Paula hatte ihn vor Jahren aus einem nahen Steinbruch herantransportieren lassen. Deutlich erkannte sie die eingemeißelten Zeichen, die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer.

„Aus welcher Mythologie stammen eigentlich diese Zeichen?“

„Von wem wohl?“

„Navajos“ rief Mara und Tante Paula nickte. Mara stand auf und fuhr mit den Fingern die gemeißelten Linien nach. Seit Urzeiten waren die Menschen von der Erde abhängig, die sie trägt und ernährt. Vom Wasser, das ihnen Leben spendet. Sie brauchten die Luft zum Atmen und sie wussten um die Kraft des Feuers, das sie wärmte. Sicher kannten sie Mut und Angst. Im Leben mit der Natur bedeutete Angst Kampf und Flucht. War der Mensch nicht darauf ausgerichtet bei Gefahr, zu fliehen? Sie konnte nicht fliehen, wenn sie Angst hatte. Auch wenn sich ihr Körper auf Flucht einstellte, ihr Herz raste und sie schnell atmete.

3. Kapitel

Das Telefon klingelte und klingelte. Es schien Mara, dass es diesmal viel länger dauerte als sonst, bis der Anrufbeantworter ansprang. Sie wollte nicht ans Telefon. Trotzdem stand sie im Flur vor dem Schränkchen und wartete. Noch zweimal, dachte sie, wenn es dann nicht aufhört, nehme ich ab. Es hörte nicht auf.

„Hallo, hier ist Susanna. Kommst Du mit ins Kino?“

„Ins Kino?“ wiederholte Mara.

„Das ist schlecht.“ Sie schluckte. „Ehm, ich hab grad Besuch von Sandra aus Hamburg und wir wollten heute Abend gemütlich hier sein und ein Weinchen trinken.“

„Schade. Ich hab gedacht, ich frag mal. Na, muss ich halt alleine los.“

„Tut mir leid.“

„Tschüss und noch einen schönen Abend.“

„Danke, Dir auch.“ Mara legte den Hörer auf. Erst jetzt merkte sie, dass sie gar nicht gefragt hatte, in welchen Film Susanna wollte.

Aber das war eigentlich egal. Ins Kino konnte sie sowieso nicht. Sie würde es nicht aushalten unter all den anderen Menschen in einem dunklen, stickigen Raum zu sitzen. Es war immer eng, es gab keinen Ausweg und die ausgeschilderten Fluchtwege schienen ihr immer unerreichbar. Mara ging in Gedanken alle Kinos der Stadt durch. Im `Friedrichsbau` gab es den extrem kleinen Raum, der kaum größer war als ein Wohnzimmer oder eine Garage. Furchtbar! In der `Harmonie` waren die Wege nach draußen weit, die Flure endlos und wenn man Pech hatte, stieß man unten im Foyer an den Kassen auf weitere Ansammlungen von Menschen, die einem den Weg versperrten. Überhaupt, die Vorstellung eingekeilt zu sitzen, rechts und links jemanden und dann sie, Mara, in der Mitte. Sie würde es nicht aushalten. Im schlimmsten Fall würde sie neben jemandem mit langen Beinen oder mit einem dicken Bauch sitzen. Egal welches Kino, egal welcher Film, sie konnte nicht.

Mara setzte sich an den Küchentisch und widmete sich gezwungenermaßen der Fernsehzeitschrift. Im Ersten kam „Straße der Lieder“ mit Gotthilf Fischer, das war wohl nichts, im Zweiten wurde ein Fußballspiel übertragen, im Dritten kam ein Bericht über die Semperoper in Dresden. Nebenan hörte sie, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel und jemand die Treppe hinunter rannte. Sie schaute in den Hof. Da stand Sonja geschminkt und gut aussehend, neben ihr ein schmaler Typ mit blondem, halblangem Haar und Brille. Von weitem sah er aus wie ein Philosoph. Sie schlossen ihre Fahrräder auf und fuhren aus dem Hof. Fort waren sie. Mara blätterte weiter und entschied sich für einen Krimi „Mord in Greenwich“. Sie ging hinüber ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein, nahm aus dem Weinregal eine Flasche französischen Merlot und fläzte sich auf ihr Ledersofa. Der Film war, wie zu erwarten mittelmäßig. Trotzdem schaute sie ihn sich an. Danach zappte Mara durch die Programme. Um zweiundzwanzig Uhr kam auf Kabel Eins „Armee der Finsternis“, eine Horror-Komödie. Sie benötigte weder Horror noch eine Komödie. Der Horror, den sie kannte, hatte wahrlich wenig von einer Komödie. Sie schenkte sich noch ein Glas Wein ein und schaltete weiter. Im Zweiten lief ein Action-Thriller mit dem Titel „Codename Nina“. Mara schaute die Hälfte des Films und leerte die Flasche Merlot. Dann schlief sie auf dem Sofa ein. Um halb zwei schaltete sie den Fernseher ab und ging zu Bett. „So, Maralein, das war Dein Samstagabend“, murmelte sie vor sich hin und löschte frustriert das Licht. Irgendwann später hörte sie, wie Sonja nach Hause kam. Sie lachte im Treppenhaus. Es klang albern und schrill und dann hörte sie eine männliche Stimme, die beruhigend auf sie einredete.

Als sie am nächsten Morgen ihren Kaffee kochte und aus dem Fenster schaute, sah sie, dass der Himmel stahlblau war.

Es war ein strahlender Morgen, ein Morgen, der einen traumhaften Frühsommertag versprach. Tauben spazierten fröhlich auf dem Kupferdach der Meiers auf und ab. Frau Meier hatte das Fenster des Schlafzimmers weit geöffnet und die Bettwäsche zum Lüften über den Rahmen gehängt. Unten neben der Haustreppe sah sie eine Krähe, die auf etwas einhackte. Blut glänzte an ihrem schwarzen Schnabel. Graue, kleine Federn flogen umher. In ihren Krallen hielt sie eine Taube.

Leben und Tod, dachte Mara und rieb sich die Augen. Einen dicken Kopf hatte sie. Es war wohl etwas zu viel Merlot gewesen gestern Abend. Wie heißt es: Wer allein trinkt, schafft sich Feinde. Sie musste alleine trinken. Feinde hatte sie viele, wenn auch nicht in menschlicher Gestalt.

Sie ging duschen, ließ das heiße Wasser über ihren Körper strömen, wusch sich ihre Haare und pflegte sie mit einer Spülung. Sie rasierte sich die Beine, ihre Scham und die Achselhöhlen und cremte sich mit ihrer Lieblingslotion ein. Dann suchte sie für den frühlingshaften Tag eine passende Garderobe und entschied sich für eine frisch gewaschene Jeans und einen orangefarbenen Strickpulli ohne Ärmel, das Orange stand ihr gut. Jetzt fühlte sie sich schon besser.

Um Punkt fünfzehn Uhr drückte Mara die Klingel. Von drinnen schallte das Radio und sie hörte, wie Sonja von weiter weg rief: „Machst du mal auf!“

Es dauerte einen Moment bis die Tür geöffnet wurde. Aber es war nicht, wie Mara erwartet hatte, Annalisa, die öffnete und auch nicht der Philosoph vom Abend zuvor, sondern ein völlig anderer Typ, mit einem kleinen Ring im linken Nasenflügel und einem Spitzbärtchen am Kinn. So eine Art Zappaverschnitt, dachte Mara.

„Der sieht aber lecker aus“ lobte er mit Blick auf den Apfelkuchen und hielt ihr die Tür auf.

„Danke.“

Er roch frisch geduscht.

„Schade, dass ich nicht bleiben kann“ sagte er

und rannte pfeifend die Treppe hinunter. Mara betrat die Wohnung. Dabei trug sie ihren Kuchen vor sich her, als wäre er nicht nur eine Opfergabe an die Göttin der guten Nachbarschaft, sondern als wäre er eine Lösung, ein Heilmittel gegen all die einsamen Abende mit Wein und Fernsehen.

„Hallo, na, was machst Du gerade?“

„Ich mal’ ein Bild“, antwortete Annalisa und schaute Mara neugierig an.

„Darf ich es sehen?“ Annalisa schüttelte den Kopf.

Sonja kam aus dem Bad. Sie rubbelte sich ihre nassen Haare trocken und trat nur mit einem Bademantel bekleidet in den Flur.

„Wow! Hast Du den selbst gebacken? Komm, rein. Wir duzen uns, gell?“

„Ja, das fände ich auch angebracht“ stimmte Mara zu und folgte Sonja in die Küche.

„Annalisa würdest Du bitte den Tisch decken?“ Sonja setzte einen Kaffee auf.

Mara stellte den Kuchen auf den Küchentisch.

„Ich komm gleich, ich zieh mir nur noch was über.“

Mara trat auf den Balkon hinaus und setzte sich auf einen alten Klappstuhl. Er war das einzige Möbelstück am Rande eines Bergs von leeren Umzugskartons. Sie zündete sich eine Zigarette an. Neben dem Stuhl auf dem Boden stand ein überquellender Aschenbecher. Inzwischen war es richtig heiß geworden. Ein Tag, der nur danach rief, dass man etwas Schönes unternahm.

„Erstmal eine rauchen und dann ein Kaffee. Die Cocktails waren aber auch zu gut gestern Abend.“ Sonja stellte sich neben sie.

„Das hab´ ich heut´ Nacht mitbekommen. Ihr wart ja nicht zu überhören.“

„Oh, sorry“ entschuldigte sich Sonja.

„Wir waren auf einer Party von Freunden von Christoph. Eigentlich kannte ich keinen. Aber es war super. Wow! In einem alten Kellergewölbe im Stühlinger. Voll abgefahren. Tolle Deko. Irgendwann war es so voll, dass man sich fast nicht mehr bewegen konnte. Es waren so viele interessante Leute da. Und wo warst Du gestern Abend?“

Aus der Küche war das Zischen und Brausen der Kaffeemaschine zu hören.

„Der Kaffee ist fertig“. Mara drückte in dem übervollen Aschenbecher ihre Zigarette aus.

„Ich schneid´ schon mal den Kuchen an.“

„Ich will eine heiße Schokolade.“ Sonja setzte für Annalisa einen Topf mit heißer Milch auf. Kaum saßen sie mit Kaffee und heißer Schokolade und einem Stückchen von Maras Kuchenkreation auf den Tellern vor sich einträchtig am Küchentisch, als von irgendwoher aus der Wohnung das Telefon klingelte.

„Wer ist das denn?“ fragte Sonja.

„Geh hin und find's raus“, antwortete Mara und deutete mit dem Kaffeelöffel in die Richtung, aus der das Klingeln gekommen war.

Sonja stand auf und kam mit dem tragbaren Telefon zurück in die Küche.

„Ins Schwimmbad? Das ist eine gute Idee.“

Sie schlenderte in der Küche umher.

„Annalisa?“ Sonja betrachtete fragend ihre Tochter, die gerade von ihrer heißen Schokolade trank und sich mit der Zunge den Milch-Kakaorand von den Lippen wischte.

„Die kommt bestimmt gerne mit.“ Die Mutter schaute ihre Tochter immer noch fragend an. Endlich nickte Annalisa.

„Gut bis gleich.“ Sonja lächelte ins Telefon.

„Du kommst mit oder?“

„Wer ist denn noch da?“ wollte Annalisa erst mal klären.

„Klaus. Aber ist doch egal, wir gehen auf jeden Fall schwimmen.“

„Den mag ich nicht.“ Annalisa stocherte mit ihrer Gabel im Apfelkuchen herum. Es schien Mara, als hätte ihr die Aussicht auf einen Nachmittag mit Klaus den Appetit verdorben.

Sonja nahm einen Schluck Kaffee.

„Die große Frage ist, wo ich meinen Bikini habe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich ihn hier, in dieser Wohnung, noch gar nicht gesehen habe.“

„Und fühlt Ihr Euch wohl hier?“ fragte Mara.

„Ja, die Wohnung ist super. Und ich bin so froh, endlich für mich zu sein. Am Schluss war es echt richtig schlimm.“

Sonja stand auf und ging in ihr Zimmer.

Mara wollte nachhaken und fragen, was am Schluss so richtig schlimm war. Aber dazu kam sie nicht. Als Sonja nach einiger Zeit noch immer nicht in die Küche zurückkam, stellte sich Mara in den Türrahmen von Sonjas Zimmer. Überall im Zimmer waren kleine Häufchen von Kleidern zerstreut. Die Bettdecke war unordentlich über das Bett geworfen. An der Wand neben der Tür hing ein langer Wandspiegel. Sonja öffnete die Türen des großen Kleiderschranks und fing an, Stapel von T-Shirts und Pullovern auf den Boden zu legen.

„Klaus ist aber nicht der von gerade eben?“ fragte Mara.

„Das war Thorsten. Er ist ganz nett, und er kennt eine Menge abgefahrener Leute. Aber auf Dauer ist er mir zu anstrengend, glaub ich.“

Wieder klingelte das Telefon und wieder sprach Sonja mit jemand am anderen Ende.

„Nein, ich kann heute Nachmittag nicht. Ich habe Besuch von meiner Nachbarin. Nein, das geht auch nicht. Heute Abend möchte ich zu Hause bei Annalisa bleiben.“ Sonja drehte genervt ihre Augen zur Decke.

„Kannst Du ja machen, also bis dann mal.“ Sie legte auf.

Annalisa kam in Sonja s Zimmer und setzte sich aufs Bett. „Mama, wer war das?“

„Das war Eddi. Ich musste ihm leider absagen.“

„Kenn` ich nicht“ kommentierte Annalisa.

„Kommst Du auch mit ins Schwimmbad?“

„Nein, ich bleib hier. Ich mache es mir lieber auf meinem Balkon gemütlich.“

„Schade.“

Mara wusste nicht, was sie antworten sollte. Ihre unternehmungslustige Nachbarin hatte ja keine Ahnung, wie gerne sie mitgegangen wäre.

„Ah, da ist er ja“ Sonja zog ein pinkfarbenes Bikinioberteil und eine Badehose aus einer Kleiderkiste im hinteren Teil des Schrankes und hielt die Wäschestücke hoch, als hätte sie die Badegarderobe wie eine Zauberin aus einem Hut gezogen.

„Annalisa packst Du auch mal Deine Sachen, dass wir dann los können.“ Mara fühlte sich plötzlich überflüssig und auf indirekte Weise ausgeladen.

„Also, ich geh dann mal rüber.“

„Tschüss“

„Tschüüss“, rief Sonja.

Als die beiden mit Badetaschen bepackt den Hof verließen, stand Mara am Geländer ihres Balkons und schaute ihnen nach.

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Release date on Litres:
04 January 2026
Volume:
180 p.
ISBN:
9783741822643
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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