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Rika Mayer
Slow Dancing In A Burning Room
Volume 2 2010-2013
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
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Reprise
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Anmerkung
Impressum neobooks
B-Side
Slow Dancing In A Burning Room
Volume 2
2010 - 2013
Roman
Rika Mayer
für Kathi, Maret, Chris und Daniel
“You think you know a story, but you only know how it ends.
To get to the heart of the story, you have to go back to the beginning.”
Jonathan Rhys Meyers as King Henry VIII in The Tudors
1
„Oh mein Gott“, setzte Linnea sich auf, um besser hinaus sehen zu können auf das, was vor ihnen lag. „Ich dachte, so etwas gibt es nur im Film!“ Sie war entzückt. Vor ihnen lag ein typisches Dorf des mittleren Westens, so wie sie es aus Fernsehserien kannte. Eine breite Hauptstraße war von Holzhäusern begrenzt, ein paar Bäume säumten die Fassaden und wären da nicht die Autos, so hätte man sich um Jahre zurückversetzt fühlen können.
„Gefällt es dir?“, lenkte Haydn das Mietauto an den Straßenrand und stellte den Motor ab. „Erst, wenn wir die alte Lady mit dem Pfannkuchenfrühstück gefunden haben“, schnallte Linnea sich eilig ab und konnte es kaum erwarten auszusteigen. „Okay, dann steigt mal aus, eure Hoheit“, sah Haydn ihr dabei zu, wie sie ihre Schuhe wieder anzog. „Hey, willst du deiner Frau nicht die Tür aufmachen?“, empörte sie sich und er zog den Schlüssel ab. „Nein, aber ich trag dich dann über die Schwelle.“ „Okay“, rief sie fröhlich und sprang auf den Gehsteig hinaus. Oh, es war herrlich hier!
„Hoffentlich sind wir nicht zu auffällig“, streckte sie sich und wartete auf Haydn, der um das Auto herum kam. „Keine Sorge. Wir sind das perfekte amerikanische Paar.“ Damit beugte er sie über seinen Arm und gab ihr den perfekten Hollywoodkuss. „Ja, genau das habe ich gemeint“, zog sie ihr Shirt zurecht, aber ihr Gesicht strahlte und sie fuhr sich durch die Haare. „Jeder mag frisch verliebte Ehepaare“, zuckte er die Schultern und nahm ihre Hand. „Jetzt komm, Missy. Suchen wir deine alte Lady.“ „Yiiiiihaaah!“ Haydn lachte und legte den Arm um ihre Schultern. „Pass auf, am Ende der Woche trägst du einen Revolver und spuckst Kautabak.“ „Yuk.“ „Also ich stehe auf Cowgirls.“ Sie stellte ihm ein Bein, über das er geflissentlich hinweg stieg. „Du stehst auf alle Girls“, erwiderte sie und er küsste ihre Schläfe. „Tatsache.“
„So, das ist mein bestes Zimmer.“ Mrs. Pierce steckte den Schlüssel ins Schloss und drückte die Schnalle hinunter. Sie war alles, was Linnea sich erhofft hatte: Klein, weiße Locken, die Brille an einer schmalen Goldkette und eine Bluse mit Blumenmuster. „Ich hoffe, es wird Ihnen hier gefallen“, öffnete sie die Tür und Linnea spürte, dass Haydn an ihrem Arm fast in Ohnmacht gefallen wäre. „Es ist immer so nett, ein so junges Ehepaar hier zu haben. – Nun?“ Die Wände waren mit zartpinken Rosen tapeziert und die dunklen Möbel waren mit allerhand Schnörkeln verziert. „Ich habe natürlich kein Honeymoonzimmer“, entschuldigte sie sich und überreichte Linnea den Schlüssel. „Aber ein so verliebtes Paar wie sie beide, kann jedes Zimmer verwandeln.“ „Es ist…“ Er gab sich wirklich große Mühe. „Es ist perfekt.“ Er setzte ein dümmliches Grinsen auf und drückte Linnea an sich, um sie auf die Wange zu küssen. „Was sagst du, mein Honeybear?“ „Es ist traumhaft!“ Okay, vielleicht hatte sie gerade ein bisschen zu dick aufgetragen, aber Mrs Pierce schien sehr zufrieden. „Es tut so gut zu sehen, dass junge Leute heutzutage noch heiraten“, lächelte sie und strich eine imaginäre Falte aus der Überdecke. Du meine Güte, wie jung glaubte sie, dass sie beide waren? Linnea war sich sicher, dass sie nicht mehr als Anfangzwanzigerin durchging. „Oh, wir konnten es nur nicht mehr erwarten, Sex zu haben.“ „Wie bitte?“ Linnea zwang sich, nicht laut zu lachen und zwickte Haydn in den Oberarm. „Wir konnten es nicht mehr erwarten, Kinder zu haben“, wiederholte er, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wie schön“, lächelte die alte Dame und ging zurück zur Tür. „Also, wenn Sie mit dem Zimmer einverstanden sind, kommen Sie doch nur noch einen Moment mit nach unten, um sich einzutragen.“
„Du machst die arme Frau ganz verlegen“, zischte Linnea grinsend auf dem Weg nach unten. „Ach wo“, küsste er sie und sie wäre fast die Treppe hinunter gestolpert. „We totally made her day.“
„Frühstück ist bis halb neun“, schrieb Mrs Pierce eine Nummer auf ein Formular und reichte es Haydn. „Wenn Sie mögen, kann ich Sie wecken.“ „Halb neun, Darling“, wandte er sich besorgt an Linnea. „Denkst du, wir können da schon aus dem Bett?“ Diesmal hatte Mrs Pierce seine Andeutung bestimmt nicht verstanden und lächelte gutmütig. „Wenn Sie ein bisschen zu spät kommen, stelle ich das Essen natürlich gerne warm. Sie möchten natürlich einen gemütlichen Morgen verbringen.“ „Absolut.“ Linnea zwickte ihn wieder in den Arm und setzte ihre Unterschrift unter das Formular. „Haben Sie Ihr Gepäck noch im Wagen?“, gab ihm Mrs Pierce seinen Pass zurück. „Oh, das ist unser Gepäck“, deutete Linnea auf die eine Tasche, die sie neben der Tür abgestellt hatte. „Wir konnten es kaum erwarten und sind durchgebrannt“, fügte Haydn hinzu. „Nicht wahr, Pussycat?“ „Och, Honey! Dabei hatte meine Mutter eine so schöne Feier geplant.“ Mrs Pierce wirkte etwas irritiert, sagte aber nichts und ordnete das Formular ein.
„Das ist ein Alptraum“, ließ Haydn sich aufs Bett sinken und knöpfte seine Schuhe auf. Linnea schob den Spitzenvorhang zur Seite und warf einen Blick in den makellosen Rosengarten mit den weißen Gartenstühlen und dem kleinen Springbrunnen. „Ich finde es sehr romantisch.“ „Du bist ja auch eine Frau“, stand er wieder auf und trat hinter sie. „Euch darf so etwas gefallen.“ Damit legte er die Arme um sie und küsste ihren Nacken. „Ihr Männer findet es romantisch“, ließ sie den Vorhang los, „mitten in der Wildnis zu sitzen und Fisch auszunehmen.“ „Das ist ja auch romantisch. Wild-romantisch“, drehte er sie herum und küsste sie. „Aber wenn du möchtest, darfst du den Fisch ausnehmen. Ich bin ein moderner Mann.“ Sie lachte und ließ sich von ihm aufs Bett drücken.
„Ich habe irgendwie Angst, dass Mrs Pierce vor der Tür steht und horcht“, ließ sie sich ihr Shirt über die Brüste hochschieben und lehnte sich zurück. Haydn grinste und küsste ihren Bauch. „Mrs Pierce denkt, wir sind beide noch Jungfrau.“ „Ja, also fällt sie bestimmt tot um“, schlang sie ihre Beine um seine Hüften, „wenn sie mitkriegt, dass wir ganz und gar unkeuschen Sex haben. Frisch verheiratete Jungfrauen haben romantischen Sex. Ängstlich, vorsichtig, zärtlich und bei Kerzenlicht.“ „Wie langweilig“, seufzte er und biss ihr in den Hals. „Du bist meine Frau, ich kann dich so ficken wie ich will.“ „Oh, aber Liebling, ich bin noch so unerfahren“, rief sie aus. „Ich flehe dich an, sei sanft zu mir.“ Dabei vergrub sie ihre Finger in seinem Rücken. „Nicht so laut“, grinste Haydn und legte ihr die Hand über den Mund. „Sonst kriegt die Arme noch einen Herzinfarkt, wenn sie hört, dass wir es schon bei Tageslicht treiben.“ „Dann darfst du mich aber auch nicht so rannehmen wie sonst“, protestierte sie flüsternd. „Okay“, schob er ihren BH wieder an seinen Platz. „Lass uns Liebe machen wie ein blutjunges Ehepaar in seiner ersten Nacht.“ Damit öffnete er seine Jeans und schob ihren Rock gerade so weit nach oben, dass er sie immer noch bedeckte. Seine Jeans gerade mal bei den Knien nahm er ein Kondom aus der Hosentasche und öffnete es vorsichtig. „Oh, meine Liebste“, flüsterte er dann und zog es über. „Ich kann es kaum erwarten, dich endlich zu spüren.“ Seine Finger schoben ihren Slip etwas zur Seite und Linnea legte ihre Hände auf seine Schultern. „Vorsichtig, mein Schatz“, versuchte sie, ihre Stimme zittern zu lassen.
„Meinst du, Mrs Pierce wäre jetzt zufrieden?“, grinste er und bewegte sich ganz langsam vor und zurück. „Na ja, es ist immer noch Tag“, antwortete Linnea die nicht einmal so tun konnte, als würde es ihr gefallen. „Ja, aber wir beide sind nicht mehr wirklich blutjung.“ Im nächsten Moment brachen sie beide in schallendes Gelächter aus und Haydn ließ seinen Kopf auf ihre Brust sinken. Dann richtete er sich auf und fasste ihr unter den Rock. „So geht das wirklich nicht.“ Mit einem schnellen Ruck zeriss er ihren Slip und drängte sich enger an sie. „Hey“, protestierte Linnea und stöhnte auf. „Ich habe nur mehr einen.“ „Wir gehen später einkaufen.“
2
„Hmmm, es ist doch immer wieder faszinierend wie viel man am Arsch der Welt tun kann.“ Haydn hielt Linnea ein Prospekt unter die Nase. Sie hatten sich geduscht und umgezogen und der Hunger hatte sie nach unten getrieben. „‚Blumengestecke neu erfinden‘ - oioi.“ Haydn grinste und küsste ihren Nacken. „Das ist, was brave Ehefrauen so tun.“ „Ich bestimmt nicht. Die armen Blumen. – Aber vielleicht sollten wir wirklich etwas unternehmen“, nahm sie eine andere Broschüre vom Ständer. „Wir können nicht unsere ganzen Flitterwochen im Bett verbringen.“ „Warum nicht?“, legte er seine Arme um sie und sein Kinn auf ihre Schulter. „Dafür sind sie doch da.“ „Hmmm“, lächelte sie und tätschelte seinen Kopf.
„Hey, wie wär’s“, ließ er sie los und griff nach einem weiteren Zettel, „mit Square Dance?“, hielt er ihn hoch und schwenkte ihn vor ihren Augen. „Ooooh nein!“, wollte sie ihn ihm entreißen, doch er sprang zur Seite. „Hab dich nicht so. – This could be fun.“ „Ja, für dich vielleicht. Du hast zumindest Rhythmusgefühl.“ „Och, du bist auch nicht so übel – im Bett kannst du ganz gut mithalten. – Ouch!“ Sie boxte ihm in die Seite und nahm ihm den Zettel ab. „C’mon, kid“, protestierte er. „Judging from the rest of the activities: Das ist das einzige, wofür man nicht völlig hirnamputiert sein muss.“ „Ich mache mich bestimmt nicht auf meine Kosten lächerlich.“ „It was your idea to take the honeymoon out of the bedroom!“ Er nahm einen weiteren Flyer und begann, daraus einen Flieger zu basteln. „Ja, aber ich dachte dabei an etwas anderes.“ „Bingo im Gemeindesaal?“ „Ich bin doch noch keine 80.“ Der Flieger sauste an ihr vorbei und landete in einem der Blumenarrangements am Eingang. „Was du nicht sagst.“
Mrs Pierce kam die Treppe herunter und Haydn versteckte den Flieger eilig hinter seinem Rücken. „Ach hier sind Sie! Ich wollte Ihnen sagen, dass wir heute Abend einen Backkurs anbieten.“ Sie lächelte in Linneas Richtung. „Vielleicht möchten Sie Ihren Ehemann in Zukunft mit ein paar Keksen oder einem schönen Kuchen überraschen?“ „Oh“, grinste Haydn. „Ich darf weder Kekse noch Kuchen essen. Mein Körper ist mein Kapital.“ Linnea prustete in ihre Faust und Mrs Pierces Blick verdunkelte sich für eine Sekunde, bevor sie ihre Fassung zurück erlangte. „Eigentlich“, nahm Linnea eilig einen Flyer vom Regal, „hatten wir vor, den Square Dance Abend zu besuchen.“ Sie spürte Haydns leicht spöttischen Blick auf sich. „Oh ja“, atmete Mrs Pierce auf, „das sind sehr lustige Abende.“ Linnea wusste, dass Haydn sich gerade auf die Lippen beißen musste, damit es ihn nicht vor Lachen zeriss. „Wenn ich nicht schon so gebrechlich wäre, würde ich mich selbst ins Vergnügen stürzen.“
„So so, ich habe gehört, wir gehen heute Abend zum Square Dance“, zog er sie an sich, nachdem Mrs Pierce den Raum wieder verlassen hatte und Linnea seufzte. „Bevor ich Kekse backen muss…“ „You know we have a very soft bed upstairs. – And when you close your eyes you might not see all those freaky flowers on the walls.“
3
Das erste Mal, dass Linnea Haydn sagen wollte, dass sie ihn liebte war, als er sich am Morgen beim Rasieren schnitt. Es war ihr vierter Morgen in dem kleinen Rosenzimmer und Linnea war aufgewacht und hatte Haydn neben sich vorgefunden - tatsächlich schlafend. Da das eine solche Seltenheit war, widerstand sie der Versuchung ihn zu wecken, küsste ihn auf die Schulter und kuschelte sich an ihn. Er war die ganze Zeit über unglaublich umgänglich und Linnea fand es faszinierend einfach seine Ehefrau zu spielen, wenn sie in Gegenwart anderer waren. Wenn sie allein waren, war er der Liebhaber, den sich jedermann nur wünschen konnte, aber weit entfernt von einem Ehemann. Verdammt: Etwas für Haydn Cavendish zu empfinden, war das letzte, was sie wollte. Aber er war so unglaublich süß, wie er über dem Waschbecken fluchte und sich das Blut abtupfte, während Linnea neben ihm stand und ihr die Zahnpasta übers Kinn lief, weil sie ihn einfach nur ansehen konnte.
Das zweite Mal waren sie schwimmen gegangen, um der Hitze zu entkommen und Haydn war in der Sonne eingeschlafen. Der Schweiß glänzte auf seiner dunklen Haut, aus seinen Kopfhörern hörte man ganz leise Musik. Linneas Haut war weniger an Sonne gewöhnt und sie hatte sich in den Halbschatten zurückgezogen, von wo sie Haydn besser beobachten konnte. Aber nicht nur sie beobachtete ihn. Zugegeben, er war, neben ein paar Footballspielern, auch der Einzige der sich wirklich in Badehosen zeigen sollte, sein Körper war aber im Vergleich zu den Sportlern so schlank und fein definiert, nirgends zu viel von dem, was nicht sein sollte. Als Linnea von der Toilette zurückkam, fand sie ihren Ehemann inmitten einer Gruppe junger Leute – dem Flirten ganz und gar nicht abgeneigt – und sie setzte sich langsam auf ihre Liege und seufzte. Er lachte, er scherzte, er war so unglaublich sexy – und als er vor den Augen seiner Bewunderinnen mit einem Flickflack und einem Salto ins Wasser sprang, hätten ihre Gedanken nicht weit genug davon entfernt sein können, ihn zu lieben. Er war ein fabelhafter Schwimmer und konnte alle möglichen Kunststücke vollführen, nichts anderes hatte sie erwartet, aber sie konnte es nicht genießen, wenn jeder – vor allem sie selbst – sehen konnte, dass er es nicht für ihr Amüsement tat.
Als er aus dem Wasser stieg, schloss Linnea vor seinen Bauchmuskeln die Augen – um sie erst wieder zu öffnen, als er ihr eine Tüte Eis vor die Nase hielt. „Du hast mal gesagt, du liebst Walnusseis“, lächelte er über ihren verdutzten Blick und warf sich auf seine Liege. Wenn er wüsste, was sie in dem Moment mehr liebte, als Walnusseis. Aber natürlich konnte sie ihm das nicht sagen. Abgesehen davon, dass sie es selbst kaum glauben wollte, würde es ihn wahrscheinlich schneller in die Flucht schlagen, als sie es aussprechen konnte.
Es war einer jener Nachmittage, an denen man nicht einmal vom Mittagstisch aufstehen konnte, weil die Schwerkraft in der Hitze die Oberhand über einen gewonnen hatte. Linnea und Haydn hatten den Vormittag damit zugebracht, vor dem kleinen Fernseher auf ihrem Zimmer einzuschlafen und sie erwachten rechtzeitig zum nachmittäglichen Kinderprogramm. Dann verbrachten sie eine weitere Stunde damit, sich mit Obst zu füttern, während sich Cartoonfiguren auf Spanisch anschrien. Es hätte erotisch werden können, wenn sie nicht ständig das Gefühl gehabt hätten, Pädophilie zu praktizieren. Am Nachmittag waren sie wieder schwimmen gegangen, bevor die Schwüle sie zurück auf ihr Zimmer getrieben hatte. Linnea lag auf dem Bett und dämmerte vor sich hin – einen kalten Lappen auf der Stirn – und Haydn saß am Fenster und zupfte auf der Gitarre, die er in einem kleinen Musikgeschäft neben dem Postamt erstanden hatte.
Irgendwann wurde es plötzlich immer dunkler am Himmel und als der erste Blitz ins Zimmer zuckte, wich Haydn erschrocken von seinem Platz. „Whoa!“ Linnea öffnete die Augen und hörte das erste Donnergrollen. „Was?“ Noch ein Blitz und Haydn legte die Gitarre weg und schluckte: „Erm… nichts.“ Er zog sich aufs Bett zurück und Linnea kam nicht umhin, in sich hinein zu lachen. Hatte er etwa Angst vor Gewittern? Er, der er vor nichts Angst hatte?
Einige Minuten später brach es endgültig, in voller Stärke, über sie herein. Blitze, Donner, Regen. Man spürte regelrecht, wie es plötzlich kühl wurde, als sich die aufgestaute Hitze entlud und Linnea nahm den Lappen von der Stirn und seufzte genüsslich. Endlich würde man sich wieder bewegen können. Haydn neben ihr war weniger gelassen, auch wenn er sich überaus bemühte, sich nichts anmerken zu lassen. Er hatte das Buch zur Hand genommen, das er unten im Wohnzimmer ausgeliehen hatte, wirkte aber viel zu unkonzentriert, um bei seiner Leseschwäche überhaupt über mehr als einen Satz hinaus zu kommen.
„Vielleicht sollten wir morgen ganz früh losfahren“, legte er dann das Buch zur Seite und kratzte sich am Hinterkopf. „Bevor es wieder heiß wird. Und dann schaffen wir eine gute Strecke, bevor wir uns ein Motel suchen müssen. Oder wir schlafen im Auto, Motels können so ausladend sein.“ Linnea wusste, dass er nur redete, um sich selbst abzulenken und drehte sich zu ihm, um ihm die Hand in den Schoß zu legen. „Haydn?“ „Hm?“, unterbrach er sich selbst und sah sie an. „Ich liebe dich.“
Sie konnte nicht sagen, dass er geschockt war. Vielmehr konnte sie gar keine Reaktion aus seinem Gesicht lesen. Aber er war nicht davon gelaufen, das war schon was. „Ich darf nur nicht vergessen, zu tanken, wer weiß, wie weit es bis zur nächsten Tankstelle ist“, fuhr er dann fort, als hätte sie nichts gesagt und Linnea schluckte. „Ja, gute Idee.“ „Und wir dürfen nicht vergessen, genügend Proviant einzukaufen.“ „Ich werde gleich eine Liste schreiben.“ „Okay…“ Dann beugte er sich zu ihr um ihr einen Kuss zu geben, den man fast als zärtlich bezeichnen konnte und der sie wieder einmal verwirrt zurück ließ.
Er hatte sich für den Rest des Abends in seinem Buch vergraben und Linnea bemühte sich, andere Beschäftigungen zu finden. Sie putzten sich schweigend die Zähne und gingen zu Bett, ohne irgendwelche Zärtlichkeiten auszutauschen. Linnea verkroch sich unter die Decke und schalt sich selbst für ihre Dummheit. Es dauerte schier endlos, bis sie endlich einschlafen konnte, doch als sie gegen sechs Uhr zum ersten Mal aufwachte, schlief Haydn mit dem Gesicht zu ihr.
4
„Es hat mich sehr gefreut, Sie beide hier zu haben“, lächelte Mrs Pierce und schüttelte ihm die Hand, als Linnea zu ihnen stieß, um sich ebenfalls zu verabschieden. Das Auto war gepackt, sie hatten eine Zweitagesfahrt zum Flughafen vor sich. „Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute – und gute Fahrt.“ „Danke“, ließ er ihre Hand los. „Und danke, dass Sie uns unseren Aufenthalt so gemütlich gemacht haben.“ Damit hob er Linnea hoch, die einmal aufquiekte und setzte sie auf den Beifahrersitz. „Lass den Unsinn“, wehrte sie lachend ab und winkte Mrs Pierce. „Ich hab dich ja doch nicht über die Schwelle getragen“, zuckte er die Schultern und schloss ihre Tür.
„Denkst du, sie weint, weil wir abreisen?“, fragte sie, als Haydn die Fahrertür öffnete. „Sie wird uns jedenfalls nicht so schnell vergessen“, kletterte er auf den Fahrersitz und ließ den Motor an. Dann beugte er sich zu ihr und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss.
Es war stockdunkel, als sie bei einem Motel ankamen. Trotz der Proteste von Haydns Seite hatte Linnea darauf bestanden, nicht im Auto zu schlafen. „Wir haben ja nicht mal eine Matratze.“ Also weckten sie den Portier aus seinem Nickerchen und ließen sich einen Schlüssel geben.
„Now, this is just wrong“, knipste Haydn das Licht an und ihre Blicke fielen auf die Glasbausteinwand, die das Zimmer vom Bad trennte. „Also so schlimm ist es nun auch wieder nicht“, stellte Linnea ihre Sachen ab und sah sich in dem kleinen Raum um. „Ich hätte erwartet, dass es dich mehr ekeln würde als mich“, kam Haydn hinter ihr ganz herein. „Ich habe immerhin schon in grausameren Hotels übernachtet als du.“ „Willst du zurück in das Blumenzimmer?“, ging sie ins Badezimmer und drehte das Licht an. „Okay…“, kam sie wieder zurück und biss sich auf den Finger. „Vielleicht wäre das Auto doch die bessere Lösung.“
Haydn putzte sich die Zähne, während Linnea das Bett durchsuchte. Obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie tatsächlich etwas finden wollte. „Ich glaube, man kann darin schlafen“, saß sie darauf, als er aus dem Badezimmer kam, „aber sicherheitshalber sollten wir keinen Sex haben.“ Er lehnte sich an die Glaswand und sah sie lange an, bevor er lächelte und nickte. „Klingt weise“, ging er zum Bett und zog sein Hemd aus, bevor er zu Linnea unter die Decke kroch. Sie trug den Seidenpyjama, den er ihr gekauft hatte und ihr Haar war zu einem Zopf geflochten. Es war das erste Mal, dass er sie fürs Bett zurecht gemacht sah – bisher hatte sie sich nie darum gekümmert, da er sie ohnehin wieder ausgezogen und ihr Haar sich gelöst hatte. Obwohl sie ein paar Sommersprossen hatte, war ihr Gesicht beinahe makellos und ihre nackten Schultern leuchteten elfenbeinfarben. Er wusste, dass sie nicht mehr das Mädchen war, das er vor über zweieinhalb Jahren kennen gelernt hatte, aber er weigerte sich zu sehen, dass nur sein Blickwinkel sich verändert hatte. Er zog sie an sich und küsste sie. Sie schmeckte nach Minze.
Linnea setzte sich auf ihn und sie küssten sich, bis sie beide zu müde waren, um sich aufrecht zu halten. Die Fahrt hatte sogar Haydn erschöpft und er fiel schnell in einen unruhigen Schlaf voll alter Träume. Als er die Augen wieder öffnete, sah er direkt in Linneas graublaue Augen. Ihr Blick war sanft, aber die Tatsache, dass er sie direkt ansah, erschreckte ihn. Da sie am Tag davor vor ihm aufgestanden war, wusste er nicht, dass er sich schon in der letzten Nacht im Schlaf zu ihr gedreht hatte, aber er wusste, was es bedeutete.
„Guten Morgen.“ „Guten Morgen.“ „Was hast du geträumt?“ „Wieso?“ „Du warst ziemlich unruhig.“ „Hast du nicht geschlafen? Ich dachte, du warst sooo müde.“ „Das Bett ist gut gefedert und du hast dich ziemlich oft hin und her gedreht.“ Draußen hörte man Autotüren und einen Motor anspringen. „Deshalb schlafe ich nie“, zuckte er mit den Schultern und wollte sich aufsetzen, doch sie hielt ihn zurück. „Bleib noch einen Moment.“ „Wir sollten zusehen, dass wir uns auf den Weg machen“, fuhr er sich durch die Haare und warf einen Blick auf die Uhr. „Du hast noch nichts dazu gesagt.“ Er gähnte. „Wozu?“ „Ich liebe dich!“, setzte sie sich ebenfalls auf und sah ihn an. „Hmmm, hätte nicht gedacht, dass du das so schnell wieder sagst.“ „Siehst du: Eine Reaktion! Gestern hast du nicht reagiert.“ Wenn auch so ganz und gar nicht die Reaktion die sie sich erhoffte und nicht erhoffen konnte. „Weil der Moment dich überwältigt hat. Die Tatsache, dass ich keine Gewitter mag.“ „Trotzdem hättest du irgendetwas sagen können.“ „Und was?“, drehte er sich zu ihr und legte seine Hand an ihre Wange. „Was hast du erwartet, dass ich sage? Was erwartest du, dass ich sage?“ Sie blinzelte. „Ich weiß, was du willst, dass ich sage“, flüsterte er und streichelte ihre Wange, „aber du willst nicht, dass ich lüge, oder?“ Der Glanz in ihren Augen verschwand schlagartig und ihr Gesicht wurde blass. „Ich verstehe“, wich sie von seiner Hand zurück und verkrampfte ihre Hände. Nein, sie wollte nicht, dass er sie anlog, aber musste er gleich so verletzend ehrlich sein? Sie war in letzter Zeit schon genug gedemütigt worden, aber dieser Moment war vielleicht der Schlimmste von allen. Wenigstens hatte sie sich Albin nicht so derart an den Hals geworfen, er hatte gewusst, was sie für ihn empfand. Aber Haydn musste es doch auch wissen. Er wusste immer alles.
„Léa!“, zwängten sich seine Finger in eine ihrer Hände. „Du denkst, ich habe mir nur einen Spaß erlaubt, indem ich dich geheiratet habe, oder?” Sie nickte. „Jeder deiner Freunde weiß, dass du überhaupt nicht heiraten willst.“ „Aber ich habe dich gefragt - oder nicht?“ „Weil ich gerade anwesend war und verletzlich war…“ „Und ich betrunken war, ja ja, ich weiß.“ Er stand auf und nahm seine Jeans von dem einzigen Stuhl im Raum. „Das warst du ja auch“, stieg Linnea in ihre Schuhe, um nicht den Boden mit den nackten Füßen berühren zu müssen. „Du hättest nein sagen können“, zuckte er die Schultern und Linnea seufzte. „Ich war auch betrunken.“ „Okay, wenn das so ist“, nahm er ohne ein weiteres Wort den Telefonhörer ab, „werde ich an der Rezeption anrufen und fragen, ob es in der Nähe einen Scheidungsrichter gibt.“ Linnea schluckte.
„Warum bist du so?“, murmelte sie dann. „Warum kannst du nicht zugeben, dass du ein Herz hast?“ Sie atmete tief und stöhnte. „Du bist auch nur ein Mensch, Haydn Cavendish! Wenn ich dich jetzt umbringen würde, würdest du sterben, wie alle anderen auch!“ Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. Das hatte sie so bestimmt nicht sagen wollen! „So?“, legte er den Hörer wieder auf. „Ist es das was du willst? Schön“, breitete er die Arme aus. „Bring mich um! Dann brauche ich es wenigstens nicht selbst zu tun.“ Die Tränen hatten sich nach oben gekämpft und sie sank aufs Bett, die Hände auf die Brust gepresst. „Bist du verrückt?“, rang sie nach Atem. „Sag so was nie wieder, okay?“ Es zeriss sie fast. „Du machst mir Angst.“ Haydn ließ die Arme sinken und setzte sich auf den Stuhl. Dann legte er das Gesicht in die Hände.
„Hör mir jetzt genau zu“, kam er schließlich wieder zu ihr und sie sah auf. Er fuhr ihr durch die Haare, legte ihr den Daumen über den Mund und ließ seine Hand an ihrem Kinn ruhen. „Ich habe dich sehr lieb, Léa. Das weißt du. Aber ich kann dich nicht lieben und du wirst damit leben müssen, denn ich habe nicht die Kraft darüber zu streiten.“ Sie nickte langsam, nahm seine Hand und küsste sie, bevor sie sie sich an die Brust legte. „Okay“, flüsterte sie.


5
Er legte die Schlüssel auf die Kommode und bückte sich, um seine Schuhe auszuziehen. Ronron kam angetapst und setzte sich neben seine Tasche, ihn beobachtend. „Na du?“, kraulte er den Kater hinter den Ohren und brachte dann seine Sachen ins Schlafzimmer.
„Hmmm, wo kommst du denn jetzt her?“ Sebastian legte die Zeitschrift zur Seite und sah zu Haydn auf, der die Sonnenbrille wieder auf seine Nase gleiten ließ und ihm dann mit einer Handbewegung andeutete, zur Seite zu rücken. „Von nirgendwo“, ließ er sich neben ihm aufs Bett fallen und stöhnte auf. „Lass mich raten“, setzte Sebastian sich auf und tippte sich mit dem Finger ans Kinn. Dann beugte er sich über Haydn, schob dessen Hemd hoch und küsste seinen Bauch. „Groß – etwa 1,85…“ Haydn wand sich lachend. „Das kitzelt.“ „Gut gebaut“, fuhr Sebastian fort und zwinkerte. „Vorne und hinten.“ „Ha-ha.“ Sebastian schob das Hemd immer weiter nach oben und küsste die Haut darunter. Dann berührten sich ihre Lippen. „Du hast ihn geküsst!“ Er nahm Haydn die Sonnenbrille ab und sah ihm in die Augen. „Verdammt, Junot, hast du denn gar keine Prinzipien mehr?“, richtete er sich wieder auf. „Nein, die hast du mir schon vor einer ganzen Weile ausgetrieben.“
Sebastian sank in die Kissen und stöhnte auf. „Wow.“ „Yep.“ „Das war…“ „Yep.“ „Ich dachte, du und ich…“ „I had a lot on my mind.“ „But not me.“ „Jan…“ „Hey, far from me to complain.“ Haydn legte seinen Arm um ihn und küsste ihn in den Nacken. „Tut mir leid, dass ich mich in letzter Zeit nicht sehen ließ.“ „Ich muss sagen, ich habe mich ein wenig vernachlässigt gefühlt.“ „Oh je.“ „I did miss you, you know?“ „I missed you too.“ „Liar!“ Er packte Haydns Bein und schlang es um seine Hüften. „Ich habe sogar brav geputzt und die Wäsche gewaschen UND gebügelt.“ „Oh mein Gott, hattest du nichts Besseres mit deinem Leben anzufangen?“ „Du glaubst nicht, was man so alles unterbringt, während man darauf wartet, dass die Waschmaschine fertig wird.“ Haydn lachte und rollte auf den Rücken. „I’m not sure I like your newfound domesticity.“ „Ich gebe mir Mühe.“ Er nickte langsam. „Das weiß ich.“ „Hey“, griff Sebastian nach der Decke und wickelte sie beide darin ein. „If the shoe fits…“ „We don’t know that yet, now do we? - Und jetzt entschuldige mich“, schob Haydn ihn von sich und stand auf. „Ich muss jetzt dringend unter die Dusche.“ „Huh, Baby“, packte Sebastian seine Hand und hielt ihn zurück. „Lass mich vorher deinen Knackarsch in diesen Jeans bewundern.“ „Du kannst ihn auch“, zog Haydn ihn hoch, „ohne Jeans unter der Dusche bewundern.“ „Huh, Baby!“
„Irgendwas ist anders an dir“, setzte Sebastian sich auf die Toilette und mustere Haydn, der seine nassen Haare kämmte. Sie waren lang und rot. „Ich weiß nicht, was du meinst“, sah Haydn ihn im Spiegel an. „Ich auch nicht so genau“, kniff Sebastian die Augen zusammen. „Aber irgendwas stimmt nicht ganz.“ Er stand wieder auf und musterte Haydn aus nächster Nähe. „Würdest du das lassen“, schubste Haydn ihn von sich und legte den Kamm weg. „Es ist nichts anders an mir.“ „Hmmm, zumindest äußerlich schon“, konstatierte Sebastian und wuschelte ihm durch die Haare. „Besser?“, fragte Haydn und Sebastian zwickte ihm in die Schulter. „Ja, viel besser.“
„Hast du auch daran gedacht, Brionys Zimmer herzurichten?“, suchte Haydn frische Kleidung aus dem Schrank und warf Sebastian ein paar Shorts zu. „Staub gesaugt und gewischt, wie aufgetragen. Das hast du mir aufgetragen.“ „Hmmm“, stützte Haydn sich auf die Schranktür. „You sure do make quite a good houseguest, I must say.“ „Ja“, zwängte Sebastian sich an ihm vorbei, um selbst ein T-Shirt aus dem Schrank zu nehmen. „Mit dem Unterschied, dass ich jetzt hier wohne. Sonst würde ich verlangen, dass du mich für meine Arbeit bezahlst.“ „Kein Grund sich zu prostituieren, mein Liebster“, bekam er daraufhin einen Kuss auf die Nase und Haydn begann Sachen aus seiner Tasche zu räumen, um sie in die Wäschetruhe zu stopfen.
„Wie ich sehe, hast du sogar eingekauft“, standen sie in der Küche und warteten darauf, dass die Kaffeemaschine zu Ende gebrodelt hatte. Haydn wohnte nicht mehr bei Sebastian. Er hatte, in einem Anfall von Überzeugung, den Jungen bei sich einziehen lassen. „Oh, absolutely!“, nickte Sebastian stolz. „Milch, Brot, Kaffee, Butter – alles da. Und ich hab sogar die Schokoflakes gekauft die Briony so sehr liebt. - Aber lass dir gesagt sein, dass das nicht zu Gewohnheit werden soll. Ich schmeiße keinen Haushalt.“ „Aber du bist so gut darin“, nahm Haydn sein Gesicht zwischen beide Hände. „Ich habe halb erwartet, dass ich nicht mehr zur Tür herein komme.“ „Pah!“, drückte Sebastian ihm das Brot in die Hand, das er eben aus dem Schrank geholt hatte und machte auf dem Absatz kehrt, um hinaus zu gehen. „Mach dir dein Sandwich doch selbst!“ Haydn sah das Brot an, das er ja gar nicht gewollt hatte und grinste dann: „So gefällst du mir schon besser.“
6
„Nein, die Taste“, drückte er ihren Finger nieder. „Nein die! – Du machst das absichtlich, nicht wahr?“ Sie nickte. „Okay. Dann sag mir, was das für ein Ton ist“, schlug er eine andere Taste an. „Ich dachte, du kannst nicht Klavier spielen.“ „Ich spiele ja auch nicht. – Also, was ist das für ein Ton?“ Er schlug die Taste noch mal an. „Ein F?“ „Ein F oder ein F??“ „Ein G.“ Er seufzte und stützte die Ellbogen auf die Tasten, was dem Klavier einen schreiend jammernden Laut entlockte und Linnea lehnte sich an seine Schulter. „Sorry, Schatz. – Ich werde mich benehmen“, richtete sie sich wieder auf. „Lehr mich Noten zu lesen, Maestro.“ Haydn schenkte ihr einen misstrauischen Seitenblick und seufzte dann. „Okay. Aber wirst du jetzt auch wirklich artig zuhören?“ „Indianerehrenwort“, machte sie ein Kreuz auf ihrer Brust. „Nur woher weiß ich eigentlich dass das alles richtig ist, was du mir da beibringst, wenn du nicht spielen kannst?“ „Ich kann Noten lesen!“
Linnea hatte am Morgen plötzlich verkündet, dass sie ein Instrument lernen wollte und Haydn sollte es ihr beibringen. Wahrscheinlich hätten sie am Abend zuvor nicht Rockstar im Pay TV sehen sollen, jedenfalls hatte Haydn eine Augenbraue hochgezogen und angemerkt, dass sie schon vor zwei Jahre festgestellt hätten, dass Linnea jegliches musikalisches Talent fehle. Linnea war jedoch der Meinung, dass sie es ja noch nie wirklich versucht hätte und vielleicht wäre ja ein echter Virtuose an ihr verloren gegangen. Und er, Haydn, wäre Schuld an diesem Verlust für die Welt. Da es noch früh am Morgen war und Haydn noch keinen Kaffee getrunken hatte, drehte er sich einfach um und zog die Decke über den Kopf. Linnea gab sich allerdings nicht geschlagen und kroch unter die Decke und wandte andere Mittel ihrer Überredungskunst an.
„Boy, you sure are determined“, schlug Haydn nach Luft schnappend die Decke zurück und Linnea grinste. „Also bringst du mir zumindest Notenlesen bei?“ „Die besten Musiker können nicht Notenlesen“, sprang Haydn aus dem Bett und Linnea quiekte auf. „Hey! Das ist nicht fair!“ „Sieh es als eine gute Übung“, packte er ihre Beine und kitzelte ihre Fußsohlen, bis sie fast aus dem Bett fiel, um ihm auszukommen.
„Also gut, was ist das für eine Note?“, malte er einen kleinen schwarzen Punkt in eine Notenzeile und Linnea überlegte. In ihrem Kopf zählte sie ja wirklich die Zeilen und versuchte die Tonleiter durchzugehen, die sie in der letzten Stunde durchgenommen hatten. „Ein A.“ „Braves Kind.“ „Kuss!“, tippte sie sich auf die Lippen und Haydn verdrehte die Augen. „Okay, für die nächste Tonleiter brauchen wir ein neues Belohnungssystem.“ Aber er gab ihr trotzdem ihren Kuss. So viel mehr hatten sie in der letzten Stunde auch nicht getan. Er hatte die Tonleiter praktisch in ihrem Mund rezitiert. „Nein, ich finde das gut so. Du darfst mir was beibringen und ich krieg meine Küsse.“ „Du tust es auch nur wegen der Küsse“, zwickte Haydn ihr in die Schulter. „Du hast gar nichts gelernt.“ „Natürlich“, rieb sie sich die Stelle und er sah sie leicht vorwurfsvoll an. „Das ist ein C, Léa.“ „Du hast gesagt, die besten Musiker können nicht Notenlesen.“ „Und du hast mir einen Blowjob gegeben, weil du unbedingt Musikerin werden willst.“ Sie hatte zu viele Bandbiografien gelesen. „Genau, also sehe ich nicht, worüber du dich zu beklagen hättest.“ „Gut“, nahm er die Blätter und klappte den Deckel zu. „Könnten wir dann bitte endlich nach oben gehen und Sex haben?“ „Ich dachte schon, du fragst nie“, sprang sie auf, aber er folgte ihr nur kopfschüttelt und mit einem gewissen Sicherheitsabstand.
„Huh, hätte ich nur gewusst, dass es so anstrengend ist, Musiker zu sein“, warf sie sich aufs Bett und streckte Arme und Beine von sich. Haydn lehnte in der Tür, die Notenblätter immer noch in der Hand und zog wieder die Augenbrauen hoch. „Wo warst du denn die letzten drei Jahre?“ „Wieso?“, hob sie gerade mal den Kopf und ließ ihn dann wieder zurück fallen. „Na, vielleicht bin ich Musiker?“, kratzte er sich die Nase mit einer Ecke des Papiers. „Oh“, sah sie wieder auf. „Ja, richtig“, lachte sie dann und er warf die Notenblätter nach ihr, bevor er ihre Hände packte und sie an den Kopfteil fesselte, ehe sie sich gegen ihn wehren konnte.
Angefangen hatte alles damit, dass sie in dem kleinen Hotel in Montmartre abgestiegen waren in dessen Foyer ein großer schwarzer Flügel stand. Die Rezeption war unbesetzt, aber Haydn schien das nicht weiter zu stören und er nahm ganz selbstverständlich und zielsicher einen Schlüssel von einem der Haken dahinter und Linnea folgte ihm nach oben und den Flur hinunter, bis sie vor einer Tür hielten bei der der Schlüssel passte. Das Zimmer das sie betraten war eindeutig kein reguläres Hotelzimmer. Dafür war es viel zu persönlich. In den Regalen standen Bücher, an den Wänden hingen Bilder, das Dekor war viel zu individuell. Haydn wirkte auch sofort wie zu Hause. Er ging zum Fenster, zog die Vorhänge beiseite und ließ frische Luft herein. Dann zog er seinen Mantel aus und warf ihn über einen der leicht unbequem aussehenden antiken Stühle die um den Couchtisch gereiht waren. Linnea ging durch den Raum und warf einen Blick auf die Bilder. Die meisten davon hatte Haydn gemalt. Wie sie später feststellen würde, hatte er fast alle Bilder gemalt, die in diesem Hotel aufgehängt waren.
„Möchtest du etwas zu trinken?“, kniete er vor einem kleinen Kühlschrank, den sie noch gar nicht gesehen hatte. Darauf standen außerdem eine Kochplatte, ein Minibackofen und ein Wasserkocher. Es war fast so wie eine kleine private Garconniere. „Ich fürchte, ich habe nichts hier“, schloss er die Tür, „aber ich gehe schnell nach unten in die Küche und hole etwas. Oder willst du Tee?“, richtete er sich wieder auf und holte eine Holzschachtel von einem Regal. „Tee ist noch genug da.“ „Tee klingt gut, danke“, setzte sie sich vorsichtig auf die Couch und verschränkte die Hände im Schoß. „Tea it is“, verschwand er in das kleine Badezimmer, um Wasser aufzufüllen. „Aber ich werde trotzdem schnell nach unten telefonieren, dass wir noch Handtücher brauchen. Und Mineralwasser.“ Er setzte den Kocher auf und griff nach dem Telefon.
„Du bist öfter hier“, stellte sie fest, als er aufgelegt hatte und er lachte. „Whatever gave you that idea?“ Sie deutete auf die Gitarre, die unter dem Fenster stand und die sie ebenfalls noch nicht auf Tour gesehen hatte. „Du hast Tourgitarren und du hast private Stücke.“ Über diese Antwort musste er lachen. Damit hatte er nicht gerechnet. „Very well observed“, ließ er dann seine Hand über das glänzende Holz gleiten und hob sie auf. Er strich über die Seiten und ließ sich in einen der Stühle fallen. Wieso konnte sie so was nicht? Wieso war sie so gänzlich unmusikalisch, dass eine Gitarre wie seine nur ein Stück Holz darstellte, dem ihre Finger höchstens ein paar falsche Töne entlockten? „Diese hier hat mir Mamie geschenkt. Sie hat sie von einem Flohmarkt, aber der Klang ist fantastisch. Wenn ich sie als Kind gespielt habe, habe ich mir immer Geschichten ausgedacht, wem sie wohl einmal gehört hat und was schon alles auf ihr gespielt worden ist.“ Er fing an, eine Melodie zu zupfen und dann begann er leise mitzusingen. Es jagte Linnea einen Schauer über den Rücken. Nicht nur, weil es äußerst selten vorkam, dass er in ihrer Gegenwart einfach nur etwas spielte, ohne dabei zu komponieren, sondern viel mehr wegen der Wahl des Liedes. Es war keine Eigenkomposition, Linnea kannte es sehr gut: Es war auf einer der Schallplatten, die ihr Vater so oft aufgelegt hatte. Elias hatte ihr einmal erklärt, um was es in den Lyrics ging, als sie noch zu jung gewesen war, um die Sprache und die Worte zu verstehen und sie hatte den Song immer wieder aufgelegt und sich die Bilder dazu im Kopf bewahrt. Aber als ihr Vager auszog hatte er die Platten mitgenommen und Linnea hatte das Lied so gut wie vergessen. Dass dieser junge Mann vor ihr, der sich manchmal ihr Ehemann nannte und meistens Mistkerl, ausgerechnet dieses Lied ausgesucht hatte, das eigentlich so gar nicht zu ihm passte, war fast zu viel für Linnea. Zu oft wusste er scheinbar zu genau, wer sie war, ohne es wissen zu können. Wieso musste sie ausgerechnet einen Faible für Musiker haben? Konnte sie sich nicht eine etwas weniger komplexe Menschengruppe aussuchen?
Irgendwann klopfte es an der Tür und Linnea schreckte regelrecht aus ihren Träumen und wusste plötzlich nicht, ob sie den Menschen vor der Tür verfluchen sollte oder ihm dankbar sein, dass die Intimität des Augenblicks nun durchbrochen war. Haydn sah kaum auf, als er den Besuch herein rief. Es war eine ältere Dame mit langem grauem Haar, das zu einem dicken Zopf geflochten war. Ihre Garderobe war bunt und lose, passte aber durchaus zu ihrem Typ. „Haydn, mon chéri!“, ging sie sofort auf den jungen Mann zu, der ihr den Kopf hinreckte, ohne die Gitarre abzusetzen. Die Dame beugte sich zu ihm und gab ihm einen dicken Schmatz auf die Lippen. Linnea setzte sich auf. „Schön, dass du wieder mal hier bist“, sagte die Dame in breitem Pariserisch und Linnea hatte alle Mühe es zu verstehen. „Ich habe immer Sehnsucht nach Paris“, antwortete Haydn fröhlich und lehnte die Gitarre nun doch an den Tisch. „Und Paris nach dir“, lächelte die Dame und warf einen Blick auf Linnea, unschlüssig, ob sie die junge Frau bereits kennen gelernt hatte oder ob sie erst gar nicht erst fragen sollte. Haydn zögerte einen Moment und Linnea hatte ihrem Blick standgehalten, selbst zu unsicher, wie sie reagieren sollte.
„Mamie“, setzte er sich dann auf. „Mamie, das ist Léa.“ Das war also seine Großmutter. „Salut“, reichte sie Cyrielle Junot die Hand. „Salut, mademoiselle Léa“, erwiderte sie und damit schien alles wieder in Ordnung zu sein. Cyrielle ging zum Kühlschrank, schüttete den vergessenen Tee weg und machte neuen. Haydn stand auf, um ihr zu helfen und die beiden verfielen bald in ein Frage-Antwort Spiel, dem Linnea nicht mehr folgen konnte und sie nahm eine der Zeitschriften vom Tisch. Sie blätterte darin bis Cyrielle ihr eine Tasse frischen Tee vorsetzte. Die alte Dame blieb vor ihr stehen und musterte Linnea freundlich, bevor sie ihr eine Hand an die Wange legte. „Très adorable“, lächelte sie und ging aus dem Zimmer. „Was hast du ihr gesagt?“, fuhr Linnea herum, aber Haydn zuckte nur die Schultern und nahm seine Gitarre wieder auf. „Ich habe ihr nur gesagt, dass du kein Model bist.“
Später, als der ohnehin schon vorangeschrittene Nachmittag endgültig in den Abend überging, stiegen sie aus dem Bett, hoben die Notenblätter auf und machten sich auf den Weg durch Montmartre. Paris lag in der Dämmerung und der Spätherbst hatte fast alle Blätter von den Bäumen gefegt. Es war relativ kühl und Linnea knöpfte ihren Mantel zu. Sie hatte sich besonders chic gemacht für diesen Abend – die Tatsache, dass sie nun nicht mehr so große Hemmungen zu haben brauchte Haydns Kreditkarte zu benutzen, hatte dabei ein wenig geholfen – und sie trug Kniebundhosen, ein seidenes Trägertop und eine bestickte Jacke unter dem vergleichsweise eleganten Mantel. Sie hatte auch ein wenig geübt, besser auf Heels gehen zu können, aber das Pariser Pflaster ließ sie sich noch ein bisschen an Haydns Arm klammern, der lachend darüber hinwegsah.
Er führte sie in kleines Restaurant, wo man ihn bereits am Eingang freundlich begrüßte wie einen alten Freund und man gab ihnen sofort den besten Tisch im ganzen Raum. „Dich haben wir hier ja schon ewig nicht mehr gesehen“, reichte der junge Kellner ihnen die Menükarten und Haydn zuckte die Schultern. „Ich hatte viel zu tun.“ „Schön zu sehen, dass du uns trotzdem nicht vergessen hast.“ „Wie könnte ich das beste Steak in ganz Paris vergessen?“, zwinkerte Haydn und Linnea lächelte. Er war so unglaublich sexy, wenn er keine Rolle spielte.
„Oh mon dieu, je ne le crois pas!“, kam plötzlich ein weiterer junger Mann aus der Küche auf sie zu gelaufen. „Haydn!“ Der Angesprochene sah auf und sein Gesichtsausdruck war für eine Nanosekunde entsetzt, bevor er sich augenblicklich wieder fing und lächelte. „Mathieu! Das ist ja eine Überraschung…“ Aber keine besonders angenehme, wie Linnea trotzdem sehen konnte. „Ich bin der neue Sous-Chef“, umarmte ihn der junge Mann, der nichts von Haydns plötzlicher Distanziertheit bemerkte. „Das ist ja großartig“, schob Haydn ihn bemüht freundlich von sich. „Gratuliere.“ „Danke, danke. – Oh, pardonnez-moi“, wandte er sich dann an Linnea, die dem Ganzen etwas abseits zugesehen hatte. „Ich habe meinen Cousin schon seit bald einem Jahr nicht mehr gesehen und habe darüber ganz meine Manieren vergessen: Ich bin Mathieu Junot.“ Er hielt ihr unschuldig strahlend die Hand entgegen und Linnea fing Haydns Blick ein, der etwas verkniffen war. „Erm… Linnea.“ „Wie bitte?“ „Léa“, wiederholte Haydn und nahm wieder die Menükarte zur Hand. „Oh, Léa“, nickte Mathieu. Warum bedeutete hier ihr Name jedem etwas? „Mon plaisir. Freut mich sehr.“ „Mathieu, sei so gut und bring uns eine Flasche Wein“, schob Haydn die Getränkekarte zwischen seinen Cousin und Linnea. „Gerrard weiß schon, welchen ich meine.“ „Natürlich, natürlich“, nickte Mathieu fröhlich und ließ Linneas Hand los. „Kommt sofort.“
„Du hast nicht gewusst, dass er hier arbeitet?“, stellte sie fest und musterte dabei sein Gesicht. „Nein“, schüttelte er den Kopf. Es gefiel ihm auch nicht besonders und Linnea konnte sich denken, warum. Nur: Wenn ihm sein Privatleben so heilig war, sollte er Linnea nicht ständig hineinziehen! Der Wein kam, aber Mathieu musste sofort zurück in die Küche, um nicht gefeuert zu werden und so konnte das Paar sein Essen in Ruhe genießen. Haydn hatte nicht zu viel versprochen: Das Steak war wirklich ausgezeichnet und Linnea konnte einfach nicht verhindern, ihn damit aufzuziehen, dass er seinen Teller leer gegessen hatte – zum ersten Mal seit sie sich kannten. „Red keinen Unsinn“, wehrte Haydn jedoch ab. „Ich esse immer auf.“ „Ja, aber deine Portionen sind meist so klein, dass sie mit zwei Bissen weg sind.“ „Ich glaube, der Wein steigt dir zu Kopf, meine Liebe.“ „Wenn ich jetzt noch eines dieser fabelhaft aussehenden Desserts bestelle, könnte es dann sein, dass ich dich ernsthaft satt erleben darf?“ „All I need is the air that I breathe in to fuck you“, zuckte er die Schultern. „Was glaubst du, warum ich immer nur so wenig esse?“ Aber er grinste und bestellte ein Dessert mit zwei Löffeln.
„Oh oh oh min Gud!“, sank sie in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen. „Das ist fantastisch.“ „Offensichtlich sogar besser als Sex?“, musterte Haydn sie lächelnd und Linnea blinzelte. „Hmmm“, leckte sie den Löffel ab. „Schwer zu sagen.“ Sie tauchte ihn wieder ein und hielt ihn dann Haydn an den Mund. „Sag du’s mir.“ „Ahhh“, machte er ihn auf und sie schob den Löffel hinein. „Oh my“, leckte er sich die Lippen und fuhr sich übers Kinn. „Das legt die Latte verdammt hoch.“ Er nahm seinen eigenen Löffel und fütterte Linnea. „Yummy“, seufzte sie. „Sei ehrlich: Hattest du schon mal so gute Eiscreme?“ „Hmm“, zog er den Löffel langsam aus dem Mund. „Ich hatte noch nie so guten Sex.“ „Ha-ha!“ Er lachte und griff nach seiner Serviette. „Ich fürchte, ich werde die Rechnung verlangen müssen und dir augenblicklich beweisen, dass ich besser bin als Eiscreme.“ Aber er tauchte nur seinen Löffel wieder in den Becher und hielt ihn Linnea an den Mund.
Nachdem sie ausgetrunken hatten und er die Rechnung beglichen hatte, half er ihr in den Mantel und sie verabschiedeten sich von Gerrard, als Mathieu erneut aus der Küche gelaufen kam. „Ihr geht doch nicht, ohne euch zu verabschieden?!“, rief er und stolperte fast über einen Blumentopf. „Es hat großartig geschmeckt“, fing Haydn ihn auf. „Man hat fast nicht bemerkt, dass du deine Finger im Spiel hattest.“ „Ha-ha“, grinste Mathieu und gab ihm ein Küsschen auf beide Wangen. „Wenn du das nächste Mal in der Stadt bist, komm wieder vorbei. – Und du auch“, küsste er auch Linnea, bevor diese sich wehren konnte. „Und richte Mamie aus, dass ich am Wochenende zu Kaffee und Kuchen komme. Ich würde ja noch gerne nach der Schicht vorbei kommen, aber es wird spät und ich will euch zwei Turteltauben nicht stören. – Außerdem will Mamie dich sicher für sich allein. Du warst ja immer schon ihr Lieblingsenkel, auch wenn du das nicht verdient hast.“ „Hat mich gefreut dich wieder zu sehen“, öffnete Haydn die Tür und schob Linnea hinaus. „Liebe Grüße an deine Eltern.“ „Richte ich aus“, verbeugte sich sein Cousin. „Richte ich aus. – Aber beim nächsten Mal komm einfach selbst in persona vorbei. Maman hat schon nach dir gefragt.“ „Sag ihr, ich suche immer noch nach dem perfekten Kleid für sie.“
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, dann nahm sie seinen Arm und sah ihn von der Seite an. „Ich mag dein Paris sehr“, flüsterte sie. „Viel mehr als Paris.“ „Du warst doch ohne mich noch gar nicht hier.“ Sie lachte leise. „Nein, aber ich stelle es mir laut und dreckig vor.“ „Jede Großstadt ist laut und dreckig.“ „Und warum kommst du dann so gerne hierher?“ „Deshalb“, deutete er um sich. „Weil ich weiß, wohin ich gehen muss. – Und wenn du in Zukunft in diese Stadt kommst, dann sollst du wissen, dass du bei Mamie immer willkommen bist. Und um Mathieu mach ich mir keine Sorgen. Den kümmern meine Affären nicht besonders, ich bin mir nicht einmal sicher, dass er darüber Bescheid weiß.“ Ach so, seine Affären. Darum hatte seine Großmutter ihn erst nach ihr fragen müssen. Es war also gar nichts Besonderes, das er seine Damen hierher ausführte?
„Er und ich waren nie besonders eng, aber trotzdem beneide ich ihn um eine Sache.“ Seine Stimmung hatte sich schlagartig geändert und Linnea schüttelte den Kopf, nicht sicher, ob er einen Kommentar erwartete. „Darum, dass Mamie ihm einmal ihr Hotel vermachen wird.“ Oh… „Ich wohne in diesem Zimmer seit meiner Jugend. Ich hab an der Rezeption mitgeholfen und die Abrechnungen mitgemacht und mit den Jahren habe ich die Bilder gemalt und bei Umgestaltungen mitgeplant…“ Linnea spürte etwas in seiner Stimme, das sie bislang nur in Bezug auf seine Tochter kannte. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie es mit „Sehnsucht“ bezeichnet. „Du… Du hättest es gerne.“ Das war keine Frage, das war längst eine Feststellung. Er nickte. Sie nahm wortlos seinen Arm und legte ihn um ihre Hüften. Für diesen kurzen Augenblick erschien er so menschlich - auch wenn das wahrscheinlich das Letzte war, was er vermitteln wollte – und sie hielt ihn zurück und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Das war die einzige Geste, die ihr in diesem Moment angebracht schien.
7
„Lass uns hier rein gehen“, blieb er dann plötzlich stehen und deutete auf ein paar Stufen die in eine Bar hinunter führten. „Since we have already embarked on a trip down my memory lane... Ich habe Loïc auch schon ewig nicht mehr gesehen.“ „Bist du sicher?“, fragte Linnea trotzdem vorsichtig, „dass du mich wirklich noch einem deiner Bekannten vorstellen möchtest?“ „Loïc hat mich mit vielen meiner Geliebten zusammengebracht“, zuckte Haydn nur wie beiläufig die Schultern und ließ Linnea den Vortritt. „Er wird über deine Anwesenheit nicht mal mit der Wimper zucken.“ Gut, das hatte sie nun auch nicht unbedingt hören wollen. „Außerdem siehst du heute Abend so hübsch aus, das müssen wir auskosten.“ Okay, das wollte sie dann vielleicht doch hören. „Okay“, ließ sie sich also die Treppe hinunter führen.
Durch eine niedrige Tür betraten sie einen verrauchten Raum der nur von Kerzen und gedimmten Lustern erleuchtet wurde. Es gab zahlreiche runde Tische mit kleinen Gestecken die jedoch meist leer waren. Am Kopfende des Raumes war man damit beschäftigt Instrumente auf einer Art Bühne aufzubauen und an der kleinen Bar kühlte man Champagnerflaschen ein. „Loïc!“, hatte Haydn den Besitzer entdeckt, der in ein Gespräch mit einem der wenigen, verstreuten Gäste vertieft war. „Loïc!“ Der Angesprochene sah herüber und machte sich sofort von seinem Gesprächspartner los. Er war mittelgroß und trug einen maßgeschneiderten Anzug mit weißem Hemd und Fliege. Linnea kam sich plötzlich gänzlich underdressed vor.
„Na, wenn das nicht eine Fata Morgana ist“, streckte er Haydn beide Hände hin und die beiden tauschten zwei Küsschen aus. „Was verschafft mir denn die Ehre?“ „Ich hatte wieder einmal das Bedürfnis nach richtig guter Musik.“ Loïc Baly, Barbesitzer, lachte und tätschelte ihm die Hände. „Da bist du hier natürlich genau richtig, mon cher. Die Musiker sind eben eingetroffen.“ Er ließ Haydns Hände los und wandte sich an Linnea, die ein bisschen mit dem Rauch zu kämpfen hatte, der wohl schon seit Jahren in der Luft hing, sich in alle Textilien gefressen hatte und ebenso zum Inventar gehörte wie die Mahagoni-Wandvertäfelung. „Bonsoir, mademoiselle“, lächelte er freundlich, jedoch etwas durchsichtig. „Bienvenue.“ Sie lächelte zurück. „Loïc, darf ich dir Léa vorstellen?“, legte Haydn da seinen Arm um sie und sofort änderte sich der Gesichtsausdruck des Parisers, als wäre ein Name zum Gesicht eine Art Signal. Wie schon bei Haydns Großmutter und Cousin. „Ah oui, mademoiselle Léa. Enchanté.“ Dabei küsste er ihre Hand und Linnea kam nicht umhin, ihn irgendwie drollig zu finden.
„Ju, bring doch bitte eine Flasche Champagner herüber!“, winkte er der jungen Dame an der Bar und führte Haydn und Linnea an einen Tisch an der Bühne. Erst beim Durchgehen fiel ihr auf, das die meisten Tische nicht leer, sondern reserviert waren. Loïc bot Linnea einen Stuhl und sie setzte sich dankend. Ju brachte den Champagner und sie wurde gar nicht gefragt, bevor man ihr ein Glas einschenkte. „Ich dachte schon, du wärst zu berühmt, um noch hierher zu kommen“, stellte Justine Crenn die Flasche ab und küsste Haydn dann ebenfalls, der wieder aufgestanden war. Doch sie küsste ihn dreimal. „Oder zu gut.“ „Mais non“, winkte er lächelnd ab und Linnea spürte sofort das Knistern zwischen ihnen. „Ich werde niemals zu berühmt sein, um gute Musik zu genießen.“ „Aber Haydn, du wirst heute Abend auch spielen“, widersprach Loïc sofort. „Wenn du schon hier bist, wirst auch für deine Brötchen singen müssen.“ „Ich will doch aber gar keine Brötchen“, wehrte Haydn sich allerdings weit weniger vehement, als Linnea es erwartet hätte. „Keine Widerrede!“, hob Loïc den Finger. „Ich werde den Musikern gleich Bescheid geben.“ Damit verschwand er hinter einem schweren Samtvorhang und Haydn zuckte die Schultern und nahm einen Schluck aus seinem Glas, bevor er sich wieder setzte.
Der Raum füllte sich danach sehr bald sehr schnell und es wurde lauter und der Rauch verdichtete sich weiter, sodass Linneas Augen leicht zu brennen begannen. Noch mehr, als Loïc Haydn eine seiner besten Zigarren anbot und die beiden gemeinsam an ihrem Tisch rauchten und sich in einer, ihr unverständlichen, Sprache unterhielten. Ihr Französisch war nie besonders gut gewesen, aber sie hatte sich Mühe gegeben es ein wenig aufzufrischen und war bislang ganz gut damit durchgekommen. Pariserisch war allerdings nicht auf ihrem Lernplan gestanden.
Für den Moment war sie aber auch ganz zufrieden damit, einfach nur ihren Wortlauten zuzuhören. Französisch war tatsächlich eine unglaublich erotische Sprache und die beiden Herren, mit ihren Zigarren und großen Gesten, wirkten fast wie aus einem alten Schwarzweißfilm. Sie wirkten sehr vertraut und trennten sich erst, als Loïc auf die Bühne ging, um die Musiker anzukündigen. Haydn beugte sich zu Linnea und flüsterte: „You’re in for a real treat, baby. Loïc engagiert nur Ausnahmemusiker um hier aufzutreten. – Der Sänger“, deutete er auf einen älteren Herrn, der neben Loïc getreten war und mit stürmischem Applaus begrüßt wurde, „hat mir beigebracht, meine Stimme richtig zu trainieren.“ Linnea nickte und applaudierte dem Schlagzeuger, der sich leicht verbeugte, bevor er sich hinter sein Instrument setzte. „Arnaud hat mir mein erstes Schlagzeug geschenkt“, nickten die beiden sich zu und Haydn lehnte sich wieder zurück.
Er hatte nicht zu viel versprochen. Auch wenn Linnea nicht unbedingt ein Fan der französischen Musik war und nur wenige – und ihrer Meinung nach somit genug – Chansons und Jazznummern kannte, so war einfach das ganze Umfeld einfach stimmig und sie lehnte sich zurück und verschränkte die Hände im Schoß, um einfach nur zuzuhören.
Der Sänger hatte einen gewaltigen Stimmumfang und die Gabe, genau zu wissen, wann er leiser und lauter werden musste, sodass es einem über den Rücken rieselte. Zwischen den Liedern unterhielt er die Gäste mit Anekdoten und kleinen Geschichten die Linnea leider zum größten Teil nicht verstand. Sie lachte dennoch aus Höflichkeit mit allen anderen. Die Band bestand aus Musikern, die laut Haydn alle aus verschiedenen Musikrichtungen zusammengewürfelt worden waren und sich somit perfekt ergänzten, da jeder gelernt hatte einen unabhängigen Rhythmus zu halten. Sie spielten Neues und Altes und das Publikum sang mit und schließlich schob man sogar ein paar Tische an die Wand, eine kleine Tanzfläche zu bilden. Haydn war einer der ersten, und er bot Linnea die Hand. Sie vergaß wie immer einzuwerfen, dass sie ja nicht tanzen konnte und legte ihren Kopf an seine Brust um sich führen zu lassen wie an Silvester vor einer scheinbar endlos langen Zeit. Falsch, sagte sie sich: Sie tanzte gerne. Wahnsinnig gerne. Mit ihm. Er wirbelte sie übers Parkett und sie lachte herzlich und fühlte sich gut. Richtig gut.
„Meine Damen und Herren“, schnippte Felix Dupont leicht im Takt und nahm das Mikrophon aus dem Ständer. „Wir haben heute Abend einen ganz speziellen Gast unter uns. Einen jungen Mann, der die Kunst der Musik hier auf dieser Bühne erlernt hat und seine Gabe und sein Talent nun sehr erfolgreich in die Welt hinaus trägt.“ „Oh je“, stützte Haydn seinen Kopf in die Hand und schenkte Linnea einen gespielt leidenden Blick. „Wir können seine Anwesenheit natürlich nicht einfach so unbeachtet lassen und ich bitte dich“, damit warf er endgültig seinen Blick auf den jungen Kanadier, „zu uns herauf zu kommen und ein paar Nummern mit uns zu spielen.“ Haydn hob den Kopf und verzog das Gesicht. Doch er war kein Mensch der sich bitten ließ, wenn es um eine seiner Leidenschaften ging und er erhob sich langsam und ging zur Bühne. „Mesdames et Messieurs“, reichte Felix ihm die Hand. „Begrüßen Sie sehr herzlich meinen lieben Freund: Haydn Junot.“ Der Beifall war herzlich und einige der Anwesenden schienen den Musiker plötzlich wieder zu erkennen und riefen seinen Namen. Haydn lächelte zurück und der Pianist verließ sein Instrument, um ihm Platz zu machen. Linnea fiel das Kinn in den Schoß, als er scheinbar ohne große Überlegung anfing darauf zu spielen. ‚Dieser kleine gemeine Lügner’, schüttelte sie den Kopf und beobachtete, wie flink seine Finger über die Tasten huschten. Sie hätte ihm nie glauben sollen, dass er nicht Klavier spielen konnte.
Er spielte und sang ein paar Lieder und Linnea hing an seinen Händen und seinen Lippen. In dem Moment erreichte er in ihrem Augen Gottstatus, wenn er ihn nicht sowieso schon längst innegehabt hatte. Seine Stimme war auf Französisch noch so viel weicher und doch rau und jazzig und er wirkte noch viel gelöster, als er es auf großen Bühnen tat. Und an diesem Abend war sie endlich die Frau an seiner Seite, auf die alle neidischen Augenpaare der weiblichen Gäste gerichtet waren und die so tun konnte, als wäre sie seine Muse, seine Partnerin. Eine Rolle in der sie sich viel zu gut gefiel und die sie von sich schütteln musste wie eine lästige Fliege, bevor sie sich daran selbst verletzte. Vielleicht, nur vielleicht, war sie heute Abend – und nur heute Abend – doch ein klein bisschen besonders.
Es war weit nach Mitternacht, als sie schließlich ins Hotel zurückkehrten. Cyrielle saß immer noch in einem der Ohrensessel im Foyer und löste Kreuzworträtsel. Als das Paar herein kam, sah sie auf und lächelte. „Guten Abend, ihr beiden.“ Linnea gähnte und Haydn lachte. „Bonsoir, Mamie.“ „Hattet ihr Spaß?“ „Haydn ist ein Lügner“, räusperte Linnea sich über ihre Schläfrigkeit hinweg und Cyrielle zog die Augenbrauen hoch. „So?“ Aber aus ihrer Stimme konnte Linnea herauslesen, dass sie nicht wirklich darüber verwundert war. „Wir haben Loïc besucht“, setzte Haydn sich seiner Großmutter gegenüber und zog Linnea auf seinen Schoß, die durch den Schock dieser Tat fast wieder munter wurde. „Ah ja“, nickte Cyrielle wissend. „Er hat dir nicht erzählt, dass er tatsächlich singen kann.“ Linnea nickte gähnend und Haydn zwickte ihr in die Nase.
„Möchtet ihr noch eine heiße Schokolade?“, legte Cyrielle das Rätsel nun endgültig weg und hievte sich aus dem Stuhl. Haydn warf einen Blick auf die junge Frau, die den Kopf an seine Schulter gelehnt hatte. „Ich denke, wir sollten ins Bett gehen“, lehnte er leise ab und Linnea lächelte schwach und brummte. Er hob sie ohne Schwierigkeiten hoch und trug sie ins Zimmer hinauf. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich an seine Schulter.
„Danke für heute“, murmelte sie, als ihre Müdigkeit vom Tag sich mit der Müdigkeit vom Sex vermischte. Haydns Hand lag auf ihrer Wange und streichelte sie zärtlich und sie dämmerte langsam ins Traumland hinüber. „Gern geschehen.“ Sie bemühte sich zu lächeln, spürte aber, wie alle Sinne sie langsam verließen. Nicht, dass es ein ungutes Gefühl gewesen wäre, sie fühlte sich zufrieden und entspannt. „Weißt du, woran ich schon den ganzen Abend denken muss?“, flüsterte sie dann unter Aufbringung ihrer letzten Kräfte und suchte seinen Blick. „Nein“, strich er ihre eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie seufzte und ihre Stimme war leise aber fest. „I know I stand in line”, sang sie schwach, „until you think you have the time to spend an evening with me…” Ihre Augen fielen wieder zu. „And if we go someplace to dance I know that there’s a chance you won’t be leaving with me. And then I go and spoil it all by saying something stupid like I love you.“ Sie war sofort eingeschlafen, aber Haydns Hand verweilte noch einen Moment an ihrer Wange. „You never have to stand in line, Léa”, flüsterte er dann. „And it’s not stupid.”

8
„Oh me bloody Christ, this is good shite!”, presste Sebastian in seinem charmantesten Schottisch hervor und lehnte den Kopf zurück. „Absolut frisch“, nahm Haydn ihm den Joint aus der Hand und nahm einen tiefen Zug. „Aus Brasilien“, drehte er sich auf die andere Seite und reichte den Joint weiter. „Happy Birthday, Baby.“ „Mmmhmmm“, beugte Sebastian sich zu ihm und stieß den Rauch in Haydns Mund. „Can’t wait to taste the rest of the stuff.“ Dabei ließ er seine Hand in Haydns Jeans wandern. „It’s not down there“, lachte dieser und schob ihn von sich.
Es war eine dieser fabelhaften Partys die völlig von alleine liefen. Musik wechselte sich automatisch, es gab genügend Drinks und ein sündteures Buffet – nicht, dass irgendjemand tatsächlich am Essen interessiert war. Zumindest nicht bis spät in der Nacht, als jeder stoned genug war, um entweder einzuschlafen, herumzumachen oder ein plötzliches Bedürfnis nach kaltem Büffet zu verspüren. Gäste saßen auf der Couch, dem Bett, dem Boden; es war laut, aber niemand hörte es. Es gab kein direktes Licht, aber jeder sah was er sehen wollte. Koks wurde von einer zerkratzten Platte geschnupft, LSD war über den Boden verstreut, man brauchte nur darauf auszurutschen.
Sebastian hatte ein wenig seiner berühmten Überredungskunst anwenden müssen, um Haydn in Stimmung zu bringen – er mochte vielleicht hin und wieder über seine eigenen Füße stolpern, aber prinzipiell war er wirklich bemüht, clean zu bleiben - aber ein kleines Stückchen Zucker und es war wieder so als wären sie Teenager, ohne Verpflichtungen. Ohne Morgen.
„Okay, okay, okay, ich muss jetzt tanzen!“, sprang Haydn auf und stolperte über seinen Couchtisch. „Oh, oh, easy, honey“, kam Sebastian ihm nach. „You are in no state to dance!“ „The hell I am!“, richtete Haydn sich wieder auf und rieb sich das Knie. Dann durchquerte er den Raum in Richtung Schlafzimmer, wo ein Mädchen mit ihrer Freundin kicherte, mit der er schon den ganzen Abend über unkeuschen Augenkontakt gehabt hatte. „Okay, baby“, schmeichelte er um sie herum, um sie dadurch von ihrer Freundin zu trennen. „Wir können gerne weiterhin so tun, als könnten wir unsere Gedanken nicht lesen. Or we can dance like we’re making love. – Which”, legte er seine Hände an ihre Hüften und dirigierte sie zur Tanzfläche, „we will be doing later.”
Sebastians Blick brannte auf seinem Rücken und er zog das Mädchen noch enger an sich. Er war eifersüchtig und das gefiel ihm. Er legte sich eine kleine Tablette auf die Zunge, zog das namenlose Mädchen an sich und gab ihr einen Kuss der keine Fragen offen ließ. Sie tanzten noch eine Weile, aber der Stoff war viel zu gut und Haydn wusste, dass er sie ins Bett kriegen musste, bevor er seine volle Wirkung entfaltete.
„Oh, oh mein Gott“, sie klammerte sich an ihn und ließ ihn widerstandslos unter ihre Röcke. Sie lehnte an der Tür zu Lafayettes Zimmer und wusste nicht mehr wo ihr der Kopf stand. Es war alles Farben, Gefühle, aber egal wo seine Lippen oder Hände sie berührten sie spürte es nicht, es war, als wäre sie in einer Seifenblase, doch wann immer er diese Blase berührte war es, als würde es kleine elektrische Schläge durch ihren Körper jagen. Sie hatte keine Ahnung von Sex auf Acid.
Sie waren auf dem Teppich vor dem Bett, jede Sekunde war wie ein Minute, jede Minute wie eine Stunde, intensiver als alles Vorstellbare. Er wusste, dass Sebastian im Raum war, bevor er ihn spürte. Das machte Acid mit einem. Das Mädchen auf allen Vieren, trafen sich ihre Lippen in der Dunkelheit des Zimmers, ihre Haut funkte aneinander, jagte Schauer durch seinen Körper. Er packte das Mädchen an den Schultern und zog die enger an sich, Sebastians Mund über seinen Rücken gleitend.
„Oh my, that was… beyond fantastic“, fuhr sich die junge Frau durch die Haare und sank in die Kissen. „Thanks“, zündete Haydn sich eine Zigarette an und legte seinen Arm um sie. Sebastian hatte sich ebenso hinaus geschlichen wie herein und sie schien ihn entweder gar nicht wahrgenommen zu haben oder es war in ihrem Rausch an ihr vorüber gegangen. „Das hört man gern“, erntete Haydn also das ganze Lob für sich selbst. „Ich meine, du warst in meinem Kopf“, tippte sie sich an denselben. „Da oben. In meinem Kopf. Und überall sonst.“ „That happens“, stieß er den Rauch durch die Nase und streichelte ihre Schulter. „Ich hatte noch nie einen so intensiven Orgasmus…“ Er grinste. Aber sie hörte nicht auf zu plappern und auch wenn es eine Ansammlung an Komplimenten über seine Qualitäten im Bett waren, sah er nur eine Möglichkeit sie abzuschalten: Er beugte sich aus dem Bett und nahm das Buch und die kleine Papierrolle. Er zog auf und hielt ihr das Röllchen hin. „Wanna bet I can’t do that again?“
„Wusste ich, dass man auf dein Dach hinaus kann?“, kletterte Bobby hinter den anderen über die schmale Leiter durch eine Dachluke hinaus über die Dächer Torontos. „Oh, honey, there’re too many things you don’t know“, klammerte Ian sich hinter ihm an die Sprossen. Es war nicht nur das Koks das ihn leicht schwindlig machte. „Oh, Gott, ist das wirklich eine gute Idee? Es gibt keine Sicherheitsseile!“ Bobbys Freundin warf einen vorsichtigen Blick nach unten und wich zurück. „Oh God!“ „Oh you minnie!“, breitete Haydn die Arme aus und atmete tief ein. „Genieß die Aussicht.“ „Jesus, it’s like minus 20 degrees here“, balancierte Barclay bibbernd über die Ziegel. „But God, this is so great!“, blieb er stehen und setzte sich dann. „All die Lichter“, lehnte sich Layla an das etwa kniehohe Geländer, das um das Dach herumlief. „Tu es lapidé, chérie!“, nahm Lafayette ihre Hand, um sie wegzuziehen, bevor sie die Balance verlor. „Sind wir das nicht alle?“, zündete Sebastian sich einen Joint an. „Well yeah“, lachte Haydn. „It’s a pretty good turnout down there.” „One of your best partys, I should think, mouse“, nahm Ian Sebastian den Joint aus der Hand. „Anything for you, honey”, fuhr Haydn Sebastian durch die Haare. „Damit es erträglicher ist für dich, dass du jetzt auch schon dreißig bist.“ „Pass auf, oder es passiert ein äußerst unglücklicher Unfall, bei dem du unerklärlicherweise über das Geländer fällst und zu Tode kommst.“ „Wenn sie eine Blutprobe nehmen, ist es nicht mehr unerklärlich.“
Keiner wusste genau wie viel Zeit sie auf dem Dach verbracht hatten, bald spürte keiner mehr die Kälte oder irgendetwas anderes, was das betraf. Sie sangen und redeten Unsinn und irgendwann fanden sie ihren Weg zurück ins Treppenhaus, wo sie eine Zeit lang herumtanzten, bevor sie zu den anderen zurückkehrten, um ein bisschen zu jammern. Hätten sie einen Tape Recorder gehabt, hätte sie am nächsten Morgen feststellen müssen, dass keiner von ihnen wirklich in tune war oder denselben Song sang, aber im Moment störte sie das am allerwenigsten.
9
Agneta schleifte die letzte Kiste mit Weihnachtsdekoration herein und ließ sich erschöpft auf die Couch fallen. „Okay, das war’s. Ich bin jetzt schon so fertig, dass ich sage, wir verschieben das Dekorieren auf morgen.“ „Aber Mamma“, protestierte Linnea und brachte die Limonade herein. „Morgen muss ich den ganzen Tag arbeiten und dann sagst du wieder es ist zu spät. – Hier, trink erst mal was“, stellte sie das Tablett auf den Tisch. „Ich hol die Leiter aus dem Keller.“ „Ist ja gut, ist ja gut“, seufzte Agneta. „Himmel, du bist ja fast noch genau so wie mit vier.“ Linneas Lachen wanderte mit ihr in den Keller, aus dem sie mit der Stehleiter zurückkam. „Tja, ich wohne ja auch bei meiner Mutter.“ „Und ich finde das wunderbar“, zwickte Agneta ihr in die Wange und nahm ächzend die Deckel von den Kisten.
Innerhalb weniger Stunden hatten die beiden Frauen das Wohnzimmer in die Werkstatt des Weihnachtsmanns verwandelt. Da es das erste Mal seit Jahren war, dass Linnea auch im Dezember im Haus war, hatten sie beschlossen all den Kitsch zu verwenden, den sie in den Keller verbannt hatten als Linnea zum Teenager geworden war. Kleine Elfen, goldene Lichter, Räucherkerzen, Schneesterne… „Oh Gott, ich glaube ich bin froh, wenn Weihnachten vorbei ist“, kommentierte Linnea, als sie das fertige Werk betrachtete. „Denk daran, dass wir das alles dann wieder abräumen müssen“, stapelte Agneta die Kisten ineinander und machte Anstalten sie wieder in den Keller zu tragen. „Geh und mach uns eine schöne Kanne Gewürzwein, ja?“, wies sie Linnea noch an und diese nickte. „Mach ich. – Ich werd auch die Musik wechseln, wenn das okay ist.“ „Oh ja, ich bitte darum!“
Linnea stellte sich in die Küche und wiegte sich fröhlich trällernd im Rhythmus der Musik, während sie die Orangen für den Wein schnitt. Agneta war ihr gefolgt und lehnte nun etwas verwundert in der Tür. Das Mädchen liebte Musik, aber es war schon eine ganze Weile her, dass Agneta sie singen gehört hatte. „Linni, Kind“, trat sie neben ihre Tochter und legte ihr die Hand an die Stirn. „Geht es dir gut?“ „Mir geht es gut, Mamma“, lachte Linnea und tauchte die Orangenscheiben in den Wein, den sie in einem Topf aufgesetzt hatte. „Wieso fragst du?“ „Bist du sicher? Du wirkst irgendwie… verliebt…“ Gleich nachdem sie es gesagt hatte, wusste sie, wie dumm diese Aussage gewesen war. Aber Linnea lachte nur wieder und zuckte mit den Schultern. „Es ist herrlicher Winter und es ist warm hier… Und es geht mir einfach nur gut.“ „Was auch immer du sagst, mein Schatz“, gab Agneta ihr einen Kuss auf die Wange. „Es ist schön zu sehen, dass du dich nicht in deinem Zimmer verkriechst und dich selbst bemitleidest.“ „Ach Mamma“, schüttelte Linnea den Kopf. „Ich habe mit Albin meinen Frieden geschlossen. Ich denke in ein paar Monaten können wir vielleicht sogar Freunde sein.“ „Aber du weißt, dass er in ein paar Monaten auch jemand neuen gefunden haben könnte.“ „Dann hoffe ich, dass sie ihn vom Fleck weg heiratet und glücklich macht.“ „Seit wann bist du so erwachsen, Linni?“, lehnte Agneta sich an die Abwasch und musterte die junge Frau, die den Zucker in den Wein rührte. „Ich bin nicht erwachsen, Mamma“, zuckte diese jedoch nur die Schultern. „Aber ich kann auch nicht ewig etwas nachtrauern, von dem ich weiß, dass es nicht richtig gewesen wäre. Für mich und für ihn.“
10
Die Zwillinge hatten sich gegenseitig mit Lametta dekoriert und jagten sich durch das Wohnzimmer, immer knapp genug am Weihnachtsbaum vorbei, um ihn fast umzuwerfen. Grace saß auf dem Teppich vor dem Kamin und brachte ihre eigene Version des Weihnachtsmanns zu Papier und Simon versuchte Cookie ein Glöckchen an den Schwanz zu binden. Doch immer wenn er dachte, es geschafft zu haben, wedelte der gutmütige Husky mit dem Schwanz und schüttelte das Glöckchen geräuschvoll ab.
Briony und Bethany standen am Küchentisch und stachen kleine Sterne aus dem Lebkuchenteig, während Maartje das Blech im Ofen kontrollierte und Haydn und Faith bestäubten sich gegenseitig unter fröhlichem Singen mit Mehl, die Hände vom Teig ganz verklebt. Lucas hatte sich mit seinen Kopfhörern in den Wintergarten zurückgezogen und der Reverend versuchte, sich zwischen Kindergeschrei, Glöckchen Gebimmel und Weihnachtsmusik auf seine Predigt zu konzentrieren. Es war ein ganz normaler Dezembertag im Hause Cavendish.
„Papa, bleibst du bis ins neue Jahr?“, streckte Briony sich über den Tisch, anstatt um ihm herumzugehen und renkte sich fast die Schulter aus. „Bis zum dritten Jänner“, nickte Haydn fröhlich. „Das sind ganze drei Wochen“, hob er sie hoch und sie drückte ihren Ausstecher in den Teig. „Drei Wochen?“, konnte sie es kaum glauben und das Teigstück fiel auf den Fußboden. „Ja“, bückte sich Haydn, um es aufzuheben und wischte sich dann die Hände an ihrer Schürze ab. „Ist das ein gutes Weihnachtsgeschenk?“ „Das beste“, schlag sie ihre Arme um ihn, doch dann sah sie ihn etwas skeptisch an. „Heißt das aber, dass ich sonst nichts kriege?“ Alle in der Küche Anwesenden lachten laut und Haydn zwickte ihr in die Nase. „Nimmersatte Raupe.“ „Aber ich hab einen langen Brief an den Weihnachtsmann geschickt“, schmollte das Kind. „Und ich hab nicht mal einen einzigen Rechtschreibfehler gemacht.“ „And here I thought that all you wanted for Christmas was me“, tat Haydn beleidigt und Briony kletterte auf einen Stuhl, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. „Dich hab ich ja schon – und es ist noch nicht Weihnachten.“ „Da hat sie Recht, Brüderchen“, bewaffnete Faith sich mit einer Faust voll Mehl und als Haydn sich umdrehte, um ihr zu erwidern, klatschte sie sie ihm direkt ins Gesicht. „Okay, now it’s war!“, spuckte und hustete er und tastete nach etwas, mit dem er sich die Augen reiben konnte. Dann nahm er eines der Eier von der Anrichte und zielte so scharf, dass Faith es nicht einmal kommen sah, bevor es ihr auf den Kopf klatschte. „Und ich hab gedacht, ich bin das Kind“, seufzte Briony in dem Tonfall den sie eindeutig von ihrem Vater hatte und Bethany und Maartje grinsten.
Als sie alle wieder sauber waren und die Kekse sicher in den Blechdosen vor hungrigen Kindermündern versteckt waren, nahm Haydn Cookie und Briony mit auf einen kleinen Spaziergang, da der Kleinen von der Teignascherei etwas übel war. „Sagst du mir auch, was du dir vom Weihnachtsmann wünscht?“, zog er an der Leine, damit Cookie hinter dem Baum hervorkam, hinter dem sie wohl ihr Territorium markieren wollte. Er war erst am Vorabend nach Hause gekommen und hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich den Zettel anzusehen, den Maartje feinsäuberlich kopiert hatte, bevor sie ihn mit den Kindern in den Postkasten geworfen hatte. „Ich wünsch mir neue Farbstifte“, hüpfte sie über die kleinen Schneehaufen auf dem Gehsteig. „Das ganze Set mit allen Farben. Und wenn man mit Wasser drübermalt, verschwimmen sie.“ „Du meinst Aquarellstifte.“ „Ja, Awaell.“ Sie hatte eben auch seine künstlerischen Ambitionen in die Wiege gelegt bekommen. „Und was noch?“ „Ein Fernrohr! Ein großes, damit ich den Mars sehen kann.“ „Das heißt Teleskop.“ Cookie vergrub ihre Schnauze in einer Schneewehe und Haydn wickelte sich die Leine etwas fester ums Handgelenk. Briony an seiner anderen Hand nieste. „Gesundheit, Kröte“, zog er eilig ein Taschentuch aus der Manteltasche und putzte ihr die Nase. „Du hast dich doch nicht verkühlt, Ladybird?“ „Nein“, schüttelte sie heftig den Kopf und die Quaste auf ihrer Mütze flog hin und her. „Ich hab Schnee in die Nase gekriegt.“ „Ah ja“, nickte er lächelnd und zog ihr die Mütze über die Augen. „Hey!“, protestierte sie und boxte ihm in die Seite. Dann nieste sie wieder und hätte Haydn sie nicht festgehalten, wäre sie wohl ausgerutscht und hingefallen. „Oi, ich glaube, wir gehen wohl besser wieder zurück und machen dir einen heißen Tee.“ „Ich bin nicht verkühlt“, schmollte sie und ließ sich auf den Arm nehmen. „Ich muss morgen beim Schlittenrennen Peter Donaldson schlagen.“ „Umso mehr Grund, schnell einen heißen Tee zu trinken und unter die warme Decke zu kriechen.“ „Krieg ich eine heiße Schokolade und kommst du zu mir ins Bett?“ „Absolument.“
„Weißt du was ich mir noch gewünscht habe?“ schlüpfte sie in ihren Flanellpyjama und kletterte auf ihr Bett. Haydn breitete die Decke über sie beide und sie schmiegte sich an ihn. „Dass ich dieses Jahr eine Maman und eine kleine Schwester kriege mit der ich spielen kann.“ „Aber du hast doch all deine Onkel und Tanten“, versuchte er sein plötzliches Unbehagen zu überspielen das ihn wie ein Schlag getroffen hatte. „Ja, aber das sind deine Geschwister. Ich will meine eigene Schwester. Und meine eigene Maman.“ „Du hast ja eine, chouchou.“ „Ja, eine unsichtbare, die mich nicht will.“ Hatte er eigentlich je bedacht, wie Briony es auffassen würde, wenn er ihr so geradeheraus erzählte, dass ihre Mutter einfach gegangen war ohne sie mitzunehmen? „Aber ich will eine richtige Maman, so wie die von Lucy. Die mir meine Haare in Zöpfe flechtet und mir Puppenkleider näht und…“ An ihrer Stimme und der Art wie sie ihre Arme um ihn schlang wusste er, dass kleine heiße Tränen über ihre Wangen liefen, ohne sie ansehen zu müssen. „Oh, babydoll! Komm her“, zog er sie hoch und drückte sie an sich. Er hasste es, wenn sie weinte. Sie weinte nicht oft, aber wenn, dann war er meistens unfähig etwas dagegen zu tun. Er konnte nicht bei ihr bleiben, er konnte sie nicht nach Montréal holen, er konnte ihr keine Mutter und eine Schwester aus dem Hut zaubern. „Aber“, schniefte sie. „Der Weihnachtsmann wird sie mir schon bringen, wenn ich mir ja sonst nicht viel wünsche. Irgendwann im nächsten Jahr.“ Er streichelte ihren Kopf. „Bestimmt.“
Die Tränen trockneten und das Mädchen dämmerte in einen traumlosen Schlaf. Haydn löste sich vorsichtig von ihr und bettete ihren Kopf auf das Kissen, bevor er das Zimmer verließ und zurück hinunter ins Wohnzimmer ging. Der Fernseher war an und die Hausälteren hatten sich auf die beiden Sofas verteilt, während die Kinder auf dem Boden saßen. Es war erstaunlich friedlich und Haydn schob seine Schwester zur Seite, um sich zu ihnen zu quetschen. Manchmal tat es richtig gut, eine Familie zu haben.
Zwei Wochen später saßen zweiundzwanzig Mitglieder des Cavendish Clans und ihre Gäste in einem viel zu kleinen Esszimmer an einem zu kleinen Tisch voll viel zu viel Essen. Aber das war eine Tradition. So wie die fröhlichen, lauten Gespräche, das Gelächter und die Insiderjokes im Sprachenchaos. Es war eine Atmosphäre die wohl die meisten erst einmal zurückschrecken ließ wenn sie nicht hinein geboren worden waren. Aidan, Faiths Freund, und Macy, Lucas’ Freundin, sahen auch nach einer Stunde nicht so aus, als würden sie nicht doch immer wieder nach einem Notausgang Ausschau halten.
Jullien und Maartje und Matisses Frau Carrie hatten den Nachmittag in der Küche verbracht – mit der abwechselnden Hilfe von Matisse, Haydn und Faith. Es gab Truthahn mit genügend Fülle, um einen Elefanten zu stopfen, gedämpften Rotkohl, einen kleinen Kartoffelacker, Pies, Salate in fünf Variationen und drei Kuchen als Dessert – niemand konnte den Cavendishs vorwerfen, dass an Feiertagen gekleckert wurde.
„Warum hat der Weihnachtsmann eigentlich einen Schlitten, wenn er ja fliegt?“, trottete Grace am Morgen davor an Haydns Hand hinter den anderen zur großen Wiese, auf der sich die Kinder zum allweihnachtlichen Schneemanwettbewerb einfanden – im Falle eines Schneemangels konnte es auch spontan in einen Sandburgenwettbewerb am Strand umgewandelt werden. „Na, manchmal ist das Wetter schlecht und dann muss er eben durch den Schnee fahren“, zuckte Aaron die Schultern und kickte einen Schneeball vor sich her. „In Afrika schneit es aber nicht“, warf Sara ein und gab ihm einen Schubs. Aarons Reaktion war ein schneller Handgriff und das Mädchen schrie auf als seine Zähne in ihr Handgelenk sanken. „Hey, hey, you two, cut it out!“, ging Lucas dazwischen und Haydn schenkte Macy ein mitleidiges Lächeln. „Welcome to our family.“ Sie zuckte etwas verzagt die Schultern. „Keine Sorge“, fügte Briony nonchalant hinzu. „Wir fressen nur Verwandte.“ Haydn zog ihr wieder ihre Mütze über die Augen und sie protestierte lautstark.
Obwohl man nicht sagen konnte, dass der Ort unter Kindermangel litt, war es doch schwer, gegen die geballte Ladung Cavendishs anzukommen, wenn es um Wettbewerbe ging. Es war Noel, der die Trophäe – ein Marmeladenglas gefüllt mit Gummibärchen – nach Hause tragen durfte - für seinen Schneemann aus dem Weltall. Briony saß auf Haydns Schultern und machte ihn fast taub, als sie mit den anderen Weihnachtslieder verunstaltete und wuschelte ihm dabei mit den Wollfäustlingen in den Haaren herum. Dass sie ihm dabei auch manchmal die Augen zuhielt und ihn somit fast zum Stolpern brachte, führte dazu, dass er sie den Rest des Weges über eine Schulter geworfen trug, während sie ihm ihre Füße in die Brust boxte.
Die Kuchenauswahl servierte man im Wohnzimmer, wo Haydn sich gezwungen sah, sich mit Jullien ans Klavier zu setzen, bevor er von allen weiblichen Mitgliedern seiner Familie mit Küssen erdrückt wurde. Während sie ganz und gar unweihnachtliche Duette spielte, tanzten die Kinder durch den Raum und versprühten Sillystring bis sie sich fast daran verschluckten. Aidan und Macy schienen den Weg des geringsten Widerstands gewählt zu haben und lachten nur mehr darüber.
Als die Meute im Bett war und die Semi-Erwachsenen sich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, saß Haydn auf der Veranda und zog an einer Zigarette, während er in seinem Notizbuch kritzelte. Obwohl es Minusgrade hatte und sich niemand mehr im unteren Stockwerk befand, hatte er es dennoch vorgezogen nicht im Hause zu rauchen. Die eisige Luft half ihm dabei, seinen Kopf freizukriegen und er hatte tatsächlich ein paar Minuten Zeit sich darüber Gedanken zu machen, welche Erziehung er sich für seine Tochter vorstellte. Sie hatte definitiv eine Menge seiner Kreativität geerbt und begeisterte sich zumindest in seiner Gegenwart für Musik und Kunst, aber sie war auch ein Tomboy und las Sternbilder und Planetensysteme wie andere die Morgenzeitung. Wenn es so schwer war, ein Kind richtig zu erziehen, wieso kam es dann nicht von Anfang weg mit einer individuellen Gebrauchsanweisung? Vielleicht wäre er dann nicht so ein Rabenvater.
Als er keine Zigaretten mehr hatte und das Gekritzel in seinem Buch zu abstrakte Formen annahm, kehrte er ins Haus zurück und verteilte die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Die meisten hatten kleine Kärtchen „von Mum und Dad“ angehängt, auch wenn viele davon streng genommen Haydn bezahlt hatte. Was sollte er auch sonst mit seinem Geld anfangen? Es kam ihm nicht einmal besonders absonderlich vor, dass er es war, der seinen Eltern Taschengeld gab und nicht umgekehrt.
Nachdem die Geschenke abgezählt waren und er seinen Tee ausgetrunken hatte, setzte er sich auf die Couch und rief seinen liebsten Grinch an. Phonesex hatte ihm immer noch durch eine schlaflose Nacht geholfen. Kishiko hatte sich in ihren exklusivsten Dessous auf ihrem weißen Fellteppich ausgebreitet, trank Champagner aus einem teuren Kristallglas und hörte Heavy Metal. Sie war nur zu gewillt, die Fernbedienung gegen einen anderen batteriebetriebenen Gegenstand auszutauschen. Sie trieben sich so weit zum Höhepunkt soweit Haydns schmutziges Japanisch reichte, dann fertigte er sie mit ein paar gezielten englischen Schweinereien ab und sank keuchend zurück auf die Armlehne. „Now that’s what I call a merry Christmas“, lachte Kishiko am anderen Ende der Leitung und streckte sich genüsslich. „Any chance you might be available in person sometime soon?“ „Ich kann Ende Jänner einen Abstecher nach San Francisco machen, wenn du dich freimachen kannst.“ „Ist das eine Frage?“ „Nein.“ „Schick mir das genaue Datum und ich werde sehen, dass ich so wenig wie möglich am Leib trage. – Wusstest du übrigens, dass…“
Dass es halb sieben Uhr morgens war, bemerkte er erst, als eine Herde geschenkewütiger Kinder das Wohnzimmer enterte – gefolgt von zwei gähnenden Eltern. Maartje setzte sich seufzend zu ihm und band ihren Morgenmantel zu, während Jonas den Kamin entzündete. „Na, Sinta Klaas? Heute Nacht hast du ja wenigstens eine Ausrede, warum ich mal wieder umsonst dein Bett überzogen habe.“ „Vrolijke Kerstmis, Mams“, drückte er ihr einen Kuss auf die Wange und konnte sich gerade noch rechtzeitig wieder aufrichten, bevor Briony auf seinen Schoß sprang, um das Papier von ihrem ersten Geschenk zu reißen.
11
Linnea und Agneta hatten es sich auf dem Sofa bequem gemacht und schlürften selbstgemachten Punsch. Sie hatten Agnetas alten Plattenspieler vom Dachboden geholt und die leicht verstaubten Platten aufgelegt, die Linnea aus ihrer Kindheit kannte. Ihr Weihnachtsdinner war im Kühlschrank – niemand konnte ernsthaft erwarten, dass sie sich an den Herd stellten, auch wenn Weihnachten war, das würde ihnen nur das Fest zunichte machen – und sie hatten rechtzeitig daran gedacht, sich ein paar Kekssorten vorzubestellen, von denen sie nun einen Teil vor sich auf dem Couchtisch ausgebreitet hatten. Den anderen Teil hatten sie schon fast zur Gänze vertilgt.
„Weißt du, was schade ist?“, seufzte Linnea und lehnte den Kopf zurück. „Dass heute nicht Neujahr ist. Ich hätte so viele gute Vorsätze.“ „Und du meinst, du hast sie bis Neujahr wieder vergessen?“ „Nein, verworfen.“ Agneta lachte und wippte mit dem Fuß im Rhythmus. „Ich weiß heute schon, dass ich mir vornehme, meiner Tochter fürs nächste Jahr den perfekten Ehemann zu finden.“ „Oh, Mamma, bitte nicht!“ Und das sagte sie nicht nur, weil sie etwas wusste, dass ihre Mutter nie erraten könnte. „Linni“, fuhr Agneta jedoch fort. „Du wirst neunundzwanzig…“ „Und im nächsten Jahr werde ich wieder neunundzwanzig“, zwinkerte Linnea und stand dann auf, um in die Küche zu gehen. Langsam bekam sie Hunger, draußen war es dunkel und es war wirklich höchste Zeit, den Wein etwas atmen zu lassen, den gebeizten Lachs und den würzigen Frischkäse aus dem Kühlschrank zu holen, bevor sie ihn zum Auftauen in die Mikrowelle stecken mussten.
„Ach, ich finde es so schön, mein Kind an Weihnachten ganz für mich allein zu haben“, schwenkte Agneta ihr Glas und verschüttete beinahe etwas von seinem Inhalt auf den frisch geschrubbten Boden des Wintergartens. Linnea biss in ein Stück Schinken und lächelte milde. „Ernsthaft!“, wischte sich Agneta einen edlen Tropfen von ihrem Rock. „Männer sind ja sehr nett, aber meine Tochter ist mir der liebste Mensch auf der ganzen Welt.“ „Ich hab dich auch lieb, Mamma.“
Den Rest des Abends verbrachten sie damit, kitschige Weihnachtsfilme anzuschauen und schließlich – als die Filme zu gruselig wurden - Brettspiele zu spielen. Etwa eine halbe Stunde lang saßen sie mit ihren Weingläsern vor dem Fernseher auf dem Boden und amüsierten sich über einen Softporno – das Weihnachtsprogramm war auch nicht mehr das, was es mal war. „Oh Gott, sie reitet auf Luft! Da ist weit und breit kein Schwanz in Sicht!“, klopfte sich Linnea auf die Schenkel und Agneta kam nicht darüber hinweg „wie viele Haare der Typ auf der Brust hat“.
Am Weihnachtsmorgen hatten sie beide leichte Kopfschmerzen und trotteten mit der vollen Kanne Kaffee ins Wohnzimmer, um die restlichen Geschenke auszupacken, die sie sich ohnehin selbst gekauft hatten. Mit Außnahme derer, die sie sich die Mühe gemacht hatten, für einander auszusuchen, oder die von Freunden eingetrudelt waren.
12
„Aufwachen, Schlafmütze“, kitzelte sie etwas an der Nase und sie blinzelte. Haydn saß neben ihr auf dem Bett und streichelte ihr Gesicht mit einer blutroten Rose. „Grattis på födelsedagen!“ „Oh…“, lächelte sie und gähnte. „Das klang ja schon fast richtig.“ „Ha-ha“, beugte er sich zu ihr, um ihr einen Kuss zu geben. „Hmmm… Aber danke.“ Sie streckte sich und setzte sich dann genüsslich seufzend auf. Sie hatte ausgezeichnet geschlafen und es war ihr Geburtstag! Und vor ihr saß ein äußerst attraktiver junger Mann, in nichts als Shorts. „Sorry, dass ich mir die letzten Male nicht die Mühe gemacht habe, daran zu denken“, legte er ihr ein Paket in den Schoß und steckte die Rose in die Schleife, die darum herumgebunden war. Dass er jetzt daran dachte überstieg alles, was sie bis dahin über ihn geglaubt hatte und sie versuchte nonchalant zu wirken. „Ach, da bist du nicht alleine“, nahm sie die Rose an sich und roch daran. Wann hatte sie das letzte Mal Rosen zum Geburtstag bekommen?
Das Papier verlor den Kampf gegen ihre Neugierde viel zu früh und sie brach in schallendes Gelächter aus. „Ich dachte, es wäre m e i n Geburtstag“, hielt sie die Handschellen ins Licht, die mit pinkem Leopardenplüsch überzogen waren. „Na, sagen wir’s so“, beobachtete er sie grinsend, als sie die Lederkorsage und den nietenbesetzten Strumpfgürtel aus dem Karton holte. „Wir haben beide was davon.“ „Der ewige Egoist“, zwinkerte sie und fand dann etwas auf dem Boden des Kartons, das ihre Augen aufleuchten ließ. „Okay“, zog sie die Reitgerte heraus. „Das ist ein Geschenk nach meinem Geschmack!“ Damit schnalzte sie sie in Richtung Haydns nacktem Oberkörper. „Aber klär mich auf: Hat das hier einen Zweck oder bist du nur mal wieder ein Arsch?“ „Okay“, rückte er näher und nahm die Handschellen. „Damit“, klickte er sie um Linneas Handgelenk, „fesselt man einen“, ließ er sie um sein Handgelenk einrasten. „Und damit…“ Er wollte ihr die Reitgerte aus der Hand nehmen, aber sie klopfte ihm eilig damit auf die Finger. „Du bist unmöglich, Cavendish! – Ich hoffe nur, du hast dafür einen Schlüssel“, deutete sie dann auf die Handschellen. „Sonst musst du ernsthaft mit mir verheiratet sein.“ „Solange du nichts gegen eine Ménage á trois einzuwenden hast…“ Dann drückte er einen kleinen Knopf unter all dem Plüsch, machte sich los und griff hinter sich, um ihr triumphierend ein Kuvert zu überreichen. „Und was ist das?“, nahm sie an. „Meine Mitgliedskarte für den Sado-Maso Club?“ „Mach’s auf“, gelang es ihm, ihr die Gerte zu stibitzen und fuhr damit seinen Körper entlang, sodass sie sich kaum auf das Kuvert konzentrieren konnte.
„Du würdest deine arme kleine Freundin doch nicht so auf den Arm nehmen, oder?“, stammelte sie, nachdem sie für einen schier endlosen Moment lang absolut sprachlos gewesen war. In ihren zitternden Händen hielt sie zwei VIP Tickets für ein Alice Cooper Konzert in Toronto. „Ich habe mich vage daran erinnert, dass du mal erwähnt hast, dass du ein Poster von ihm gegenüber deinem Bett hattest.“ „Ich wollte ihn heiraten! – Ihn oder Nikki Sixx.“ Beinahe hätte sie ihn darum gebeten sie zu kneifen, um sicher zu gehen, dass das kein Traum war. Und Haydn hatte sich daran erinnert und er hatte sie ihr geschenkt. Das war vielleicht eine noch größere Überraschung – und Freude. „Bei Alice könnte nicht mal ich landen“, zuckte Haydn die Schultern, „aber Nikki ist immer offen für Vorschläge, soweit ich weiß.“ „Haydn Cavendish?“, sah sie auf und ihre Schultern sackten nach vor. Wenn es nicht zu kitschig gewesen wäre, hätte sie Tränen in den Augen gehabt. „Ich liebe dich.“ „Ich hab dich auch lieb, Babydoll“, streichelte er ihre Wange mit der Gerte und stellte dann die Kiste auf den Boden. „Und jetzt komm her, damit ich auch noch was von deiner Freude habe.“ Er schmeckte nach Pfefferminzzahnpasta und Linnea musste sich eingestehen, dass sie es unheimlich erregend fand, wie er das harte Leder der Gerte über ihre Brüste und Schenkel wandern ließ.
„Du hast aber nicht ernsthaft Alice Cooper angemacht?“, verschränkte sie ihre Finger mit seinen, als sie durch das winterlich graue Wien spazierten. Haydn blieb stehen und zuckte die Schultern. „Vielleicht?“ „Oh…!“, gab sie vor, ihm ins Schienbein zu treten und biss dann in ihr Stück warmen Apfelstrudel, das sie in einer kleinen Bäckerei auf dem Weg vom Hotel in die Altstadt gekauft hatten. Sie war zwar erst wenige Stunden zum ersten Mal hier, aber sie konnte schon jetzt sagen, dass ihr die Stadt wirklich gut gefiel. Sie mochte vor allem die Pferdekutschen, die trotz der Kälte auf zahlkräftige Touristen warteten, wie auch die Tatsache, dass sogar Schaufensterpuppen als Mozart verkleidet waren.
„Hmmm, was hältst du davon?“, waren sie vor den Temperaturen in ein Musikgeschäft geflüchtet und sie zeigte ihm eine CD. Haydn hielt darin inne, den Buchstaben D zu durchsuchen und warf einen schnellen Blick auf das Cover. „Angeblich sind sie ziemlich gut.“ „All wankers“, zuckte er die Schultern und grinste. Sie ließ sie CD sinken. „Wie ist es eigentlich, wenn man seine eigene Musik in den Regalen findet?“, fragte sie dann und sah ihn an. „So wie ein Blick in den Spiegel?“, zog er die Augenbrauen hoch. „Sei ehrlich“, öffnete sie die CD, um das Booklet heraus zu holen. „Haydn Cavendish“, las sie daraus laut. „Vocals, Guitar, Drums. ‚Silk Wire’, Lyrics/Music: Cavendish, Roche. Erhöht das nicht wenigstens deinen Puls?“ „Okay“, nahm er seine Hände von den CDs. „Ich gebe zu, beim ersten Mal wäre ich fast ohnmächtig geworden.“ Sie kicherte. „Aber“, griff er nach ihrem Schal und zog daran. „Aber du kennst mich: Natürlich finde ich unser Album in den Regalen. I know how fabulous I am.“ „Ach du“, winkte sie ab und steckte die Cd zurück. Plötzlich fand sie sich in Haydns Armen wieder, in einen äußerst leidenschaftlichen Kuss verwickelt. „Whoohaa…“ schnappte sie nach Luft und zog ihre Mütze zurecht. „Ey baby, wir sind hier nicht im Schlafzimmer.“ „Jemand hat unsere Alben durchstöbert. Ich wollte nur sichergehen, dass man mich nicht erkennt…“ Sie zog ihm die Mütze vom Kopf.
Nach einem Bummel durch die Altstadt, einem Besuch im Museum und einem Rundgang durch Schloss Schönbrunn – das sich nun auch wieder nicht so großartig vom Stockholmer Stadtschloss unterschied, aber für einen Kanadier war jede Burg ein Schloss -, kehrten sie kurz in ihr Hotelzimmer zurück, um Sex unter der Dusche zu haben und sich für den Abend herzurichten. Ein weiterer Teil ihres Geburtstagsgeschenks beinhaltete Opernkarten. Linnea war noch nie in der Oper gewesen. Sie mochte klassische Musik und sie kannte auch ein paar Namen, aber es hatte noch nicht zu ihren gewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen gehört. Umso überraschter war sie, dass Haydn sich sogar ein wenig mit den Inhalten einzelner Werke auszukennen schien. Und ihr gefiel die Idee, sich ein bisschen hübsch zu machen, um in ein Theater zu gehen – vor allem als sie Haydn zum ersten Mal, seit sie sich kannten, in einem Anzug sah. Okay, schwarze Hosen, schwarzes Sakko und ein dunkelblaues Hemd, an dem er geflissentlich vergessen hatte die obersten Knöpfe zuzuknöpfen. „My oh my“, drehte sie sich herum, die sie gerade beschäftigt war, ihren Lidschatten im Garderobenspiegel aufzutragen und musterte ihren Ehemann, der sich, ganz das Topmodel, gekonnt herumdrehte. „Yes, I do scrub up quite nicely sometimes“, zwinkerte er dann und legte seine Armbanduhr an. „Aber ich muss neidlos zugeben, du hast auch keine schlechte Wahl getroffen.“ Sie sah an ihrem lila Kleid hinunter und streifte den Stoff glatt. „Und dabei hab ich es mir selbst gekauft.“
Ihre Plätze waren nicht die besten, aber das Linnea hatte vergessen, kaum dass der erste Akt vorüber war. Sie hatte sich schnell daran erinnert, dass sie Die Zauberflöte einmal im Stockholmer Schlosstheater aufgeführt hatten und sie Teile davon in einer Fernsehübertragung gesehen hatte, aber so, live, war es geradezu mitreißend. Sie mochte die Musik und die verschiedenen Charaktere und sie erschauderte innerlich, als die Königin der Nacht sich in schwindelnde Höhen sang.
Haydn hatte ihre Finger in seinem Schoß mit den seinen verschränkt und beobachtete vielmehr Linneas Reaktion zu den einzelnen Szenen auf ihrem Gesicht als das Geschehen auf der Bühne und spürte den unterschiedlichen Druck ihrer Hand. Es war schwer zu sagen, was er empfand, als er das tat oder woran er dachte. Eigentlich dachte er überhaupt nicht, was es umso angenehmer für ihn machte.
Linnea konnte hingegen gar nicht fassen, dass es ihnen gelungen sein sollte, zwei beinahe normale Wochenenden miteinander zu verbringen, in denen er sie tatsächlich behandelte, als wäre sie mehr als ein Mädchen das er bei einem Interview aufgerissen hatte. Hatte sie ihn etwa in ihrer Gegenwart tatsächlich ein wenig gezähmt? Doch alle Hoffnung zerfiel in winzig kleine Stückchen, als sie in der Pause von der Toilette zurückkam und ihn lachend und flirtend an der Bar vorfand, völlig in das Dekolleté einer jungen Frau neben ihm vertieft, die ihm auch noch an den Po fasste. Hatte sie eigentlich das Recht, ihm eine Szene zu machen? Sie waren immerhin nicht in seiner Öffentlichkeit und sie war seine Frau.
Die junge Frau hatte sich neben Haydn wiedergefunden, als sie zwei Glas Sekt für sich und ihre Freundin holen wollte. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das jedoch kaum etwas der Phantasie überließ und sie zwinkerte ihm zu, als sie sich über die Theke beugte, um die Aufmerksamkeit der Kellner auf sich zu ziehen. „Argh, bis die sich bewegen ist die Pause längst vorbei“, brummte sie und Haydns Deutsch war gut genug, um zumindest die Umstände zu verstehen, auch wenn ihm der Dialekt Probleme bereitete. „Was darf’s denn sein?“, fragte er und versuchte seinen holländischen Akzent zu verstecken, den man meistens raushörte, wenn er Deutsch sprach. Sie hatte kurze metallicblonde Haare und war eigentlich so gar nicht sein Typ. Aber sie hatte dieses Blitzen in den Augen, als sie sich zu ihm drehte. „Zweimal Sekt.“ „Okay.“ Innerhalb weniger Sekunden stellte er die Gläser vor ihr hin und sie schüttelte den Kopf. „Wie hast du das gemacht?“ „Zauberei.“ „Ich bin beeindruckt“, steckte sie ihre Geldtasche zurück in ihre Handtasche. „Ach, das war doch nur eine Kleinigkeit“, zuckte er die Schultern. „Süßer Akzent“, zwinkerte sie und schlängelte sich dann mit den beiden Gläsern zurück zu ihrer Freundin. Haydn schüttelte nur lachend den Kopf und sah dann zu den Toiletten hinüber.
„Hey, was machst du später noch?“, tauchte dann auf einmal das Mädchen wieder neben ihm auf und er fuhr herum. „Was treibt ihr denn nachher noch?“ Er wusste, dass ihr die Zweideutigkeit des „ihr“ nicht entgangen war „Na ja, wir müssen unser Hotel finden…“ Nein, das war zu einfach. Zu schnell. „Aber vielleicht willst du uns später in einem Club oder einer Bar treffen?“ Dabei schob sie ihm ein Stück Papier in die Tasche. Er brauchte nicht darauf zu sehen, um zu wissen, dass es die Nummer ihres Hotels war. „Eigentlich“, sah er aus den Augenwinkeln Linnea auf sie zukommen und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Eigentlich wollte ich meine Frau noch zu einem Mitternachtsdinner entführen…“ Jahrelange Erfahrung hatten ihn diesen Satz so timen lassen, dass sie in Hörweite gewesen war. Trotzdem war er über sich selbst überrascht. Er hatte schon eindeutigere Einladungen abgelehnt, aber er hatte noch nie einen solchen Vorwand angegeben.
Linnea war gleichermaßen verblüfft. „Hej, Käraste“, schob sie ihren Arm durch seinen und schlang ihn um seine Hüften. „Hej“, erwiderte er. Oh, sie hätte ihn am liebsten erdrückt. Und dann gab er ihr auch noch einen Kuss, der keinen Zweifel mehr daran ließ, dass er niemals mit diesem Mädchen ins Hotel gegangen wäre. Konnten Zeichen und Wunder tatsächlich geschehen?
Am nächsten Morgen küsste er sie wach. „Hmmm“, öffnete sie die Augen. „Wie spät ist es?“ „Kurz vor acht.“ „Warum weckst du mich dann?“, drehte sie sich herum und zog die Decke übers Kinn. „Ich muss zurück nach Kanada“, strich er ihre Haare zurück und küsste ihren Nacken. „Was?“, drehte sie sich herum. „Ich dachte, dein Flug geht erst heute Abend.“ „Sie brauchen mich für einen roten Teppich. So eine Charity Gala und es fehlen noch ein paar große Namen.“ „Oh…“ Er wusste, dass sie ihm nicht glaubte und er war ihr dankbar dafür, dass sie so tat als würde sie es tun.
13
Haydn saß in dem Armstuhl in einer Ecke des Zimmers und skizzierte Lafayettes Gesicht, der immer noch friedlich und völlig unberührt in ihrem gemeinsamen Bett schlief. Seine Finger waren ganz schwarz von der Kohle und er hatte ein paar Spuren auf Nase und Stirn wo er sich gekratzt hatte. Auf seinem Mp3-Player liefen Franz Liszts Pianokonzerte und seine Hand folgte der Melodie während sein Blick zwischen dem Papier und seinem Modell hin und her wanderte. Es war einer dieser Momente, in denen er gerne seine Farbkästen zur Hand gehabt hätte, aber es wäre zu aufwendig, diese auf Tour mitzunehmen – und wer weiß, was die Jungs im Tourbus damit anstellen würden.
„Nicht bewegen!“ Lafayette blinzelte und hob den Kopf. „Wo bist du?“ „Hier drüben. – Ah, nicht bewegen, hab ich gesagt!“ „Was machst du da?“ „Nach was sieht es denn aus?“, deutete Haydn ihm an, den Kopf wieder hinzulegen. „Als hättest du eben einen Rauchfang gekehrt?“ „Ha-ha“, gab er nun doch auf und legte den Block zur Seite. „Petit déjeuner, mon cheri?“ „Merci“, setzte Lafayette sich auf und streckte sich. Da Haydn aufstehen musste, um das Telefon zu erreichen, nützte er seine Chance und griff nach dem Zeichenblock, der Haydns einzige feste Beziehung war, wenn sie unterwegs waren. Wenn er sich dabei nicht selbst dumm vorkommen würde, würde er ihn wahrscheinlich mit ins Bett nehmen. Während sein Freund Kaffee bestellte, folgte Lafayettes Blick den Linien auf dem Papier, die sein Gesicht bildeten. Er lächelte und schüttelte dann fast etwas verlegen den Kopf und seufzte lauter als gedacht und Haydn sah zu ihm herüber. „As-tu bien dormi?“ „Hä?“, ließ Lafayette die Zeichnung sinken. „Ah, oui oui, très bien, merci. – Es toi?“ „Ganze viereinhalb Stunden“, kam Haydn zurück zum Bett und nahm ihm den Block ab, um ihn zurück auf den Nachttisch zu legen. „Ich nehme an, die ganze Herumtingelei hat mich doch mal eingeholt.“ Er streifte den Morgenmantel ab, um ihn gegen ein Paar grellgelbe Jeans und ein dunkelblaues Hemd zu tauschen. Dass er darunter völlig nackt war, war niemandem ein Augenzwinkern wert. „Du wirst einfach alt, so sieht’s aus, Teddybär“, suchte Lafayette nach frischer Unterwäsche und Haydn legte den Kopf ein wenig schief und blinzelte. „Das auch.“
Es war ein Vormittag des Sundance Film Festivals und Lafayette und Haydn warteten darauf, einen weiteren roten Teppich zu betreten. Von Salt Lake City ging es nach Santa Barbara, Victoria in Kanada und von dort würde Haydn direkt nach London zur Fashion Week fliegen, wo er zwei Auftritte hatte. Mehr Termine hatte er zwischen all die Konzerte nicht mehr unterbringen können und er und Lafayette freuten sich, bis zum Abend ein bisschen durch die Stadt flanieren zu können.
Noch wusste offiziell niemand von ihrem Part und während sie sich die Outfits für den Abend zusammensuchten, überlegte Haydn laut, wie sie ihren Auftritt gestalten sollten. „Es ist zwar nicht Hollywood“, konnte Lafayette beim besten Willen nur einen Schuh finden, „aber wie wär’s mit einem Hollywoodkuss?“ Sie reisten gänzlich ohne Entourage, aber er hätte jetzt zu gerne jemanden herumkommandiert, den Schuh zu suchen. „Hollywoodkuss?“, entdeckte Haydn seine Handschuhe zwischen seiner Unterwäsche. So etwas passierte nur, wenn Jacqueline nicht zur Stelle war, um ihm beim Packen zu helfen. „Ja“, nickte Lafayette und sah seinen besten Freund an, der sein Hemd noch immer nicht zugeknöpft hatte und dessen Bauchmuskeln von der Morgensonne betont wurden. „Wo wenn nicht auf einer Filmpremiere?“ „Aber wer legt wen um?“, zupfte Haydn sich eine Fluse seines Pelzmantels von der Zunge. „Na ich dich natürlich“, wunderte sich Lafayette. „Du willst doch sterben.“ „Ha-ha“, zielte Haydn und warf ein paar Socken-Strikes nach ihm. Lafayette ging davor eilig hinter der Couch in Deckung, allerdings verlor er dort das Gleichgewicht und quiekte auf.
„Hast du dich auf eine Maus gesetzt?“, kam Haydn zu ihm herum und zog ihn ganz mühelos wieder auf. Diesen Moment nutzte Lafayette und beugte ihn über seinen Arm. Sein Mund stoppte nur wenige Millimeter vor Haydns Lippen. „Mon amour…“ Natürlich ließ er ihn los und Haydn plumpste auf den Hintern. „Au!“ „Das war jetzt aber auch nicht viel maskuliner.“ „Ich bin ja auch die Frau in diesem duo infernale.“ Er klopfte sich die Hosen ab und holte dann seine Abendgarderobe aus dem Kleidersack. „Welches sagt mehr ‚Opening Night’?“, schwenkte er die beiden Kleidungsstücke, die er aus der Filmgarderobe übernommen hatte – oder geklaut, je nachdem auf wessen Seite man war. „Schwarz oder weiß?“ Lafayette ärgerte sich gerade über eine Falte in seinem Smoking und sah erst mit Verzögerung zu seinem besten Freund hinüber. „Du ziehst das wirklich durch, nicht wahr? Die volle Montur?“ „Versuch mich davon abzuhalten“, legte Haydn beide Outfits grinsend aufs Bett und rieb sich das Kinn. „Ich denke weiß passt besser zu dir und dem Mantel.“ „Dann nimm aber die schwarzen Schuhe und den schwarzen Hut“, war Lafayette bestimmt nicht versucht, Haydn von irgendetwas abzuhalten und zog an dem verknitterten Ärmel. „Funktioniert das wirklich mit dem Dampf im Bad?“ „Woher soll ich das wissen?“, steckte Haydn das schwarze Outfit wieder in den Sack und hängte es zurück an die Schranktür. „Du bist die Frau…“ „Ja, aber keine Hausfrau.“ „Ich werds einfach versuchen“, ging Lafayette ins Badezimmer und Haydn krempelte sein Hosenbein hoch. „Merde! – Lay, ich brauch deinen Rasierschaum.“ Er hinkte ins Bad. „Ehrlich, dass Frauen sich das ständig antun…“
Als das makellose Paar über den roten Teppich schritt war Lafayette ganz der Gentleman in Smoking und Zylinder und führte seine Filmpartnerin an seinem Arm galant an den Kameras vorbei. Die Überraschung über die Rolle des Rockmusikers war groß, doch war sie kurzweilig, sobald der erste Blitz sich in dem glitzernden Kleid seiner Begleitung verfangen hatte. Da Candy Hart ganz und gar mit einem authentischen 20er Jahre Outfit aus dem Film ausstaffiert war, riss man sich um die Aufnahmen und sie winkte fröhlich und die tiefroten Lippen lächelten verführerisch, während sie geschickt posierte. Sie war die Stilikone des Abends.
Nachdem die obligatorischen Fotos mit versammelter Crew im Kasten waren, begab man sich zum ersten Screening, das mit begeistertem Applaus beendet wurde. Schließlich trat Jessie Bryant, Regie und Drehbuch, auf die Bühne, um sich zu bedanken und sein Team noch einmal der versammelten Presse vorzustellen. „In den Hauptrollen: Die fabelhafte Paige Miller als die intrigante Lottie Brewer.“ Der Applaus wurde fortgesetzt. „Der kriminell gutaussehende Frankie Stockton als zweigleisiger Fred Rayburn.“ Stürmischer Beifall. „In den Nebenrollen: Grandioser Barpianist Deion Lewis alias weltberühmter Rockgitarist Lafayette Roche.“ Lafayette zog galant seinen Hut und hielt dann seiner Partnerin die Hand hin, um ihr auf die Bühne zu helfen. „Und als seine tragische Partnerin: Die bittersüße Candy Hart – alias...“ Es war vielleicht nicht ganz fair, den Auftritt einer Nebenrolle so medienwirksam hinauszuzögern, aber Jessie selbst genoss diesen Moment viel zu sehr – den Moment um den er sein ganzes Skript aufgebaut hatte. „Alias Rockstar und Chamäleon Haydn Cavendish.“ Jedes Filmfestival brauchte seine Story – diese war genug für viele weitere.
Später – es war längst früh am nächsten Morgen – fiel das ungleiche Paar vor ihrem Hotel aus dem Taxi und begrüßte den Portier per Handschlag, bevor sie in ihr Zimmer hinaufwankten. Während Lafayette unter der Dusche stand, ließ Haydn sich auf die Couch fallen, ein Bein auf der Lehne, und versuchte die Spange an seinen Schuhen aufzubekommen.
„Ich muss sagen“, glitt Lafayette schließlich in den Stuhl ihm gegenüber und rieb sich das Haar trocken. „Alles in allem war es ein äußerst vergnüglicher Abend.“ „Ja“, ließ Haydn erfolglos die Hände sinken und streckte das andere Bein von sich. „Das Ganze jetzt noch zehn Mal, dann habe ich wieder genug von roten Teppichen.“ „Ah, du hast doch jede Sekunde Aufmerksamkeit genossen“, feixte Lafayette und warf das Handtuch einfach achtlos auf den Boden. „Immerhin haben dir mal wieder echte Hollywoodstars beim Tanzen an den Po gefasst.“ „Hehe“, grinste sein Gegenüber. „Ja, das kann mir niemand mehr nehmen. – Trotzdem“, nahm er den Hut ab und schleuderte ihn Richtung Bett. „Ich bin froh, wenn ich wieder Adieu sagen kann zu Miss Candy Hart.“ „Ihr beide habt sehr gut zusammengearbeitet.“ „Und sie war ausgesprochen gut im Bett.“ Lafayette schmunzelte und legte den Kopf an die Lehne. „Ich bin immer noch geschockt, dass du nach all den anrüchigen Tänzen mit einer Frau nach oben verschwunden bist. - War sie lesbisch?“ „Nicht während ich sie gevögelt habe“, zwinkerte Haydn und Lafayette kicherte. „Wer war denn oben? Du oder sie?“ „Niemand, ich hab sie an die Wand gelehnt.“ „Dass dich der Fummel anturnt…“, erhob er sich aus seinem Stuhl und setzte sich zu Haydn, um ihm dabei zu helfen, die Knöpfe auf dem Rücken aufzubekommen. „Nun“, drehte Haydn sich halb herum. „Ich erinnere mich, dass er dich auch nicht unbedingt abgeschreckt hat.“ „Ja“, nickte Lafayette und drehte Haydn wieder um. „Und es wird nie wieder passieren.“ Dabei ließ er seinen Finger zärtlich über Haydns Wirbelsäule gleiten und dieser gluckste. „Ne va pas sentimental, Lay. – Auch wenn du manchmal versuchst, es dir auszureden: Du stehst nicht auf Männer.“ „Du ja auch nicht.“ Das Schnauben kam so überraschend, dass Haydn sich die Hand vor die Nase halten musste.
„Versuch nicht, mich zum Narren zu halten“, öffnete Lafayette die Verschlüsse des BHs. „Ich hab dich schon viel zu lange durchschaut.“ „Ah ja?“, lehnte Haydn sich zurück und bettete seinen Kopf an Lafayettes Schulter. „Und was siehst du?“ „Dass du nur deshalb mit Männern schläfst, weil du es kannst. Weil du sie haben kannst.“ „Und warum auch nicht?“, zuckte Haydn unberührt die Schultern. „Es ist ein sehr nettes Gefühl von Macht.“ „Aber du stehst nicht auf Männer, Teddybär.“ „Nein, du stehst nicht auf Männer. – Und das ist auch gut so“, rollte er seine Strümpfe übers Knie. „Denn du sollst Layla heiraten und zehn Kinder mit ihr haben und deinen zwanzig Enkelkindern dann im Schaukelstuhl von der Zeit erzählen, als du mal berühmt warst.“ „Im Gegensatz zu dir, der du mit 70 noch hinter jedem Rockzipfel her sein wirst.“ „Ach wo“, schüttelte er den Kopf und zerriss mit einem verzweifelten Ruck das Lederband, das den Schuh an seinen Knöchel fesselte. „Ich werde doch überhaupt keine 70. Nicht nach all dem Zeug, das ich genommen habe.“ „Dass du auch nur genommen hast, weil es dir angeboten wurde.“ „Ich versuche alles einmal auszuprobieren.“ „Nicht gerade ein lobenswerter Grundsatz“, schüttelte Lafayette den Kopf.
Er lehnte sich zurück und sah für einen Moment aus dem Fenster. Seine Hände lagen auf Haydns Bauch und dieser drehte an den Ring, den Layla Lafayette geschenkt hatte. Obwohl es bereits sieben Uhr morgens war, kroch die Sonne gerade erst hinter den Dächern hervor und vertrieb den letzten Rest der Müdigkeit die er noch gespürt hatte, als sie zurückgekommen waren. „Warum hast du mir nie davon erzählt.“ „Wovon?“, war Haydn ebenso munter wie er, auch wenn er an seine Brust gelehnt war und die Augen geschlossen hatte. „Davon, dass du weißt, wie man sich Morphium spritzt. Oder Heroin, in deinem Fall – nehme ich an.“ „Also so schwer ist das dann aber auch wieder nicht.“ „Wann, Haydn?“ „Wann was?“, nahm dieser die Perücke ab und fuhr sich durch die Haare. „Christian!“ „Aber nur einmal. Ich habe mich so heftig übergeben, dass ich es nie wieder anfassen könnte.“ Wenn das mit anderen Dingen auch so funktionieren würde… „Wunderbar, Christian. Ehrlich. Das hast du doch vorher nicht wissen können.“ „Das war kurz vor meinem letzten Zusammenbruch, Lay. Ich wollte süchtig werden“, zuckte Haydn die Schultern. Tatsächlich war die Sucht die Facette seiner Rolle die ihm am leichtesten gefallen war. Auch wenn er schon mehrmals in Frauenkleidern abgelichtet worden war und unzählige Männer geküsst hatte: Drogen und er hatten immer noch das engste Verhältnis von den drei Wahlmöglichkeiten. „Ich habe gehofft, dass es mich umbringt. Bislang bin ich dabei ja noch nicht besonders erfolgreich gewesen.“ Sein Filmtod war ebenfalls reizvoll gewesen, wenn auch vielleicht ein bisschen zu Rock’n’Roll. „Trotzdem versuchst du es immer wieder.“ Dabei klang seine Stimme eher ironisch als besorgt und Haydn biss sich auf die Lippen. „Die Schlaftabletten an meinem Geburtstag? Das hat doch schon fast Tradition. Außerdem habe ich es bis jetzt noch jedes Jahr vergeigt.“ „Und was, wenn du doch einmal erfolgreich bist?“, wechselte der Tonfall. „Dann bin ich tot.“ Das klang so, als hätte er eben gesagt, dass er einen Spaziergang machen würde. „Aber bislang bin ich immer zu betrunken gewesen, um die Dinger lange genug in mir zu behalten. – Ich bin scheinbar zu dumm für Selbstmord.“ Lafayette suchte in seinem halbzugewandten Gesicht nach dem frechen Blitzen und schüttelte dann den Kopf. „Hast du schon mal überlegt, dass du deshalb jedes Mal versagst, weil du eigentlich gar nicht sterben willst?“ „Oh nein, ich will sterben“, widersprach Haydn in einem fast fröhlichen Ton. „Ich habe nur viel zu viel Angst davor. Das ist mein Dilemma: Auf der einen Seite“, hob er die rechte Hand, „ist Christian, der mich auf seine Seite zieht – und auf der anderen Seite“, hob er die linke Hand, „ist mein kleines dummes Selbst, das eine Sterbensangst vorm Sterben hat. Sonst hätte ich es doch längst mit wirksameren Methoden versucht.“ Er ließ die Arme sinken. „Aber allein der Gedanke daran, abdrücken zu müssen…“
14
„Okay“, wischte Linnea sich die Hände in ihrer Schürze ab und überflog die Seite vor ihr. „Bringst du mir jetzt bitte die Karotten?“ „Sofort!“, hüpfte Briony zum Tisch und streckte sich nach der braunen Papiertüte. „Und was machen wir jetzt damit?“, transportierte sie sie zurück zum Herd, wo Linnea etwas verloren aussah. „Stiften“, nahm sie sie entgegen. „Was auch immer das bedeutet“, blätterte sie fieberhaft im Kochbuch, um ein Glossar zu finden. „Vielleicht können wir sie auch einfach klein schneiden?“, kletterte Briony zurück auf ihren Hocker, von dem sie in die Töpfe sehen konnte. „Meinst du?“, holte Linnea eine Karotte aus der Tüte und legte sie unschlüssig vor sich auf das Brett. „Na ja, es sind ja immer noch Karotten.“ Sie war sehr weise für ihre sieben Jahre. „Da hast du Recht. – Ah, verdammt!“ Die schon zu lange aufgesetzte Suppe kochte über und Linnea verbrannte sich fast die Hand, als sie den Topf von der Platte ziehen wollte. „Autsch!“, schüttelte sie ihre Finger aus und Briony bot sich an, darauf zu blasen. „Danke, Bibi“, lachte Linnea daraufhin und erlaubte sich, dem Kind durch die Haare zu fahren. Sie war ein bemerkenswertes Kind. Unbestreitbar Haydns Tochter, war sie sehr aufgeweckt und klug und sog alle Informationen um sie herum in sich auf, um sie in leicht verdrehter Version wieder zu geben. Schon jetzt mit den Genen ihres Vaters – und vielleicht auch ihrer Mutter gesegnet – würden sich in wenigen Jahren reihenweise Jungs nach ihr umdrehen und ihr natürlicher Charme verzauberte jetzt schon alle um sie herum. Trotzdem gab es da eine kleine graue Wolke, die sich immer wieder über ihrem süßen Kopf bildete. Es war kaum zu übersehen, dass sie ihren Vater vergötterte, Linnea hatte es selbst gesehen, aber die Verzweiflung mit der sie ihn gegenüber anderen verteidigte zeigte nur zu deutlich, wie sehr sie unter seiner Abwesenheit in ihrem Leben litt. Obwohl er es bislang noch jedes Jahr geschafft hatte, zu Weihnachten und an ihrem Geburtstag wenn auch nur für wenige Stunden nach Hause zu kommen, so war er doch bei zu vielen wichtigen Ereignissen verhindert und Briony musste mit ihren Großeltern Vorlieb nehmen, die sich alle Mühe gaben, für das Kind bestmöglich da zu sein. Trotzdem würde Briony jedem mit leuchtenden Augen davon erzählen, wie ihr Vater an ihrem ersten Schultag extra aus dem Tonstudio geflüchtet war, um sie in ihre Klasse zu begleiten.
„Glaubst du, das Fleisch ist schon durch?“, bückte sich Briony, um einen Blick in den Ofen zu werfen. „Ich glaube nicht“, sah Linnea auf die Uhr. „Wann haben wir es denn rein getan?“ „Vor einer Stunde?“ „Dann ist es bestimmt noch nicht durch“, beschloss sie und holte eine Pfanne, um etwas Öl hinein zu gießen.
Haydn nahm seine Sachen von der Ladefläche seines Chevys und sank dann mit einem lauten Seufzen auf die Stufen vor seinem Haus. Sein Kopf lehnte am Geländer und er schloss für einen Moment die Augen, um genug Energie zu sammeln, bis in den ersten Stock hinauf zu steigen. Drei Monate in Japan und Australien und drei Flüge nach Europa für zwei Shoots und die Fashion Weeks und die Premierentour sowie ein Flug nach Hause für Heilig Abend konnten auch an ihm nicht spurlos vorüber gehen.
Ächzend und hustend hievte er sich schließlich hoch und bemerkte erst jetzt, dass er sich in zermatschten Schnee gesetzt hatte. „Na toll“, versuchte er, seine Jeans abzuklopfen und nahm dann sein Gepäck, um sich nach oben zu schleppen. Seine Stimme war angegriffen und seine linke Hand zeigte Anzeichen einer beginnenden Sehnenscheidenentzündung. Er hatte mehr Leads gespielt als sonst, da Lafayette selbst durch eine Erkältung beeinträchtit gewesen war und das machte sich nun bemerkbar. Außerdem blieben ihm nur wenige Tage, bevor er nach Los Angeles fliegen musste, um ein Duett einzuspielen.
Etwas verdutzt blieb er in der Tür stehen und ließ den Schlüssel langsam auf die Kommode gleiten, während er schnupperte. „Hey, ich sagte doch du… Oh!“ Er war sichtlich überrascht, anstatt Sebastian Linnea und Briony in seiner Küche anzutreffen. In Schürzen und umgeben von Dingen, die einmal essbar gewesen waren. „Papa!“, sprang Briony von ihrem Hocker und rannte auf ihn zu. „Joyeux anniversaire!“ Er fing sie auf und hob sie etwas zögerlich hoch. „Danke… Kröte“, konnte er seine Verwunderung nicht ganz verbergen. „Wir haben dir ein Geburtstagsessen gemacht!“, strahlte sie und deutete auf den Herd. „Aber du bist zu früh, es ist noch nicht ganz fertig.“ „So I see“, setzte er sie auf seine Hüfte und ging zu Linnea, die einen tropfenden Kochlöffel hielt und ihm etwas schuldbewusst entgegen sah. „Happy Birthday.“ „Merci…“ Er versuchte ihrem Blick auszuweichen und wusste sichtlich nicht, was er sagen sollte. „Du hast viel zu viel Öl in der Pfanne“, bemerkte er dann und setzte Briony wieder ab. „Ich…“, verzog Linnea das Gesicht. „Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich hier tue“, erwiderte sie etwas zerknirscht und legte den Löffel ab. „Léa und ich haben dir sogar eine Torte gebacken“, war Briony sich des ganzen Debakels allerdings keineswegs bewusst. „Sie ist im Kühlschrank, aber ich darf sie erst nach dem Essen herausholen.“ „Na, dann kann ich mich ja noch auf etwas freuen“, fuhr er ihr durch die Haare und warf dann einen etwas hoffnungslosen Blick auf das Chaos vor ihm.
„Kann ich euch irgendwie helfen?“, fragte er schließlich aus der Verlegenheit heraus, dass er noch immer nicht wusste, was er dazu sagen sollte, was hier vor sich ging. „Nein“, wehrte Linnea sofort ab, die sich auch nicht mehr ganz so wohl fühlte, mit dem was sie getan hatte. „Es ist dein Geburtstag. – Und du bist sicherlich erschöpft“, fügte sie dann eilig hinzu. Haydn zuckte die Schultern. Halbtot, um genau zu sein. „Nimm erst mal ein Bad.“ Dann konnte sie sich noch eine gute Entschuldigung einfallen lassen. „Ruh dich aus. Ich bring dir gleich frischen Kaffee.“ Ein Bad war genau das, was er jetzt brauchte, aber er kam nicht umhin sich etwas schuldig zu fühlen, wenn er daran dachte, wie enttäuscht Linnea und Briony sein würden, wenn sie bemerkten, was mit dem Essen passiert war, wenn sie es schließlich servierten. Vielleicht konnte er ja noch ein bisschen was davon retten und somit auch sich selbst. Müdigkeit und etwas zwiespältige Überraschung hin oder her.
„Ach was“, winkte er also ab und bemühte sich, ein Lächeln für seine Tochter aufzusetzen, die ihn etwas schief angesehen hatte. „Ich bin frisch wie eine Erdbeere“, griff er nach einem Geschirrtuch und zog den Braten aus dem Ofen bevor er unkenntlich wurde. „Aber es soll doch eine Überraschung sein“, protestierte Briony und brachte ihn fast dazu, das Blech fallen zu lassen. „Da darfst du nicht helfen.“ „Es ist ja keine Überraschung mehr“, stellte er es ab und schnalzte mit dem Geschirrtuch nach ihr. „Und jetzt kannst du dich ganz um die Tischdekoration kümmern und ihr überrascht mich dann ja immer noch mit der Torte.“ „Okay“, resignierte sie ob diesen schwachen Trostes und begann den Tisch abzuräumen.
Seine linke Hand zitterte leicht und der Schmerz wurde langsam zu deutlich um ihn zu ignorieren, als er die Sauce anrührte, die er aus dem geretteten Bratensatz auf dem Blech neu angesetzt hatte. Linnea war nicht entgangen, dass er blasser war als sonst und auch wenn sie ihn noch nie nach einer Tour nach Hause kommen gesehen hatte, wusste sie, dass er unüblich erschöpft war. Sie konnte das Fieber in seinen Augen förmlich flimmern sehen und als er sich kurz wegdrehte, um zu husten, wusste sie, dass er sich etwas eingefangen hatte.
„Wow, so sieht also kochen aus“, versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. Es war unglaublich. Die letzte halbe Stunde hatte sie mit offenem Mund zugesehen, mit welchen Raffinessen Haydn selbst in der Küche arbeitete. Eine Prise hier, ein Tropfen da und plötzlich sah alles nicht nur essbar aus, sondern wie ein richtiges Abendessen. Ein Abendessen, das man jemandem zum Geburtstag servieren konnte. Und obwohl er offensichtlich nicht ganz er selbst war sah er dabei auch noch unglaublich gut aus. „Na ja“, zuckte er die Schultern. „Ihr habt die meiste Arbeit schon gemacht.“ „Ich wusste nicht, dass man so viele Dinge beachten muss.“ „Nein“, griff er nach einem Topflappen. „Nur wenn man das gewisse Etwas sucht.“ Was er zweifelsohne tat – in allen Lebenslagen. „Hey“, konnte sie ihre Deckung aber keine Sekunde länger aufrecht halten und half ihm, die Kartoffeln abzugießen, bevor er sie fallen ließ. „Du solltest dich wirklich ausruhen, Haydn. Ich glaube, jetzt kann ich nicht mehr viel falsch machen.“ Briony hatte den Tisch ganz unter Dekoration versteckt und saß nun am Boden, um auf einem der Stühle zu malen. „Ja, aber wir können bald essen“, widersprach er. „Jetzt werde ich mich nicht mehr hinlegen.“ „Aber du brauchst doch bestimmt eine heiße Dusche.“ „Willst du mich loswerden, Kid?“, zog er die Augenbrauen hoch und Linnea warf einen schnellen Blick auf Briony. „Du bist krank“, flüsterte sie dann halblaut, ohne ihn wirklich anzusehen. „Ich bin nicht krank“, flüsterte er zurück. „Nur erkältet. Hab mich bei Lafayette angesteckt.“ „Hatte er auch eine Sehnenentzündung?“ „Ich bin nur erkältet, Léa.“ „Krank, erkältet, völlig gesund… Du brauchst jetzt Ruhe!“ „Briony möchte meinen Geburtstag feiern“, drehte er die Flamme herunter. „Until she’s in bed, I’m absolutely fine.“ Linnea wusste, dass sie ihn nicht umstimmen konnte und entschied sich stattdessen dafür, die Suppe ein letztes Mal zu probieren.
Während sie am Tisch saßen sprudelte Briony geradezu mit Neuigkeiten aus der Schule und von zu Hause, sodass sie fast aufs Essen vergaß. Haydn war ganz der aufmerksame Vater, lachte, kommentierte und schimpfte. Tatsächlich wirkte er während des ganzen Essens überhaupt nicht erschöpft oder müde. Aber er aß fast nichts, obwohl Linnea zugeben musste, dass er die meisten Gerichte noch wirklich gut hinbekommen hatte, nachdem sie sie bereits fast getötet hatte. Außerdem entging ihr nicht, dass seine Hand ihm Probleme bereitete die Gabel zu halten.
Für die nächste Stunde waren sie fast eine richtige Familie. Briony erzählte von ihren Freunden, Haydn tischte ihr Geschichten aus seiner Karriere auf, die natürlich entweder erlogen oder übertrieben waren und Linnea fand es fast mühelos, sich in all das einzubringen. Abgesehen davon war sie ganz damit zufrieden, einfach nur zu beobachten.
Schließlich hatten sie die Teller und Schüsseln abgeräumt und Briony durfte die Torte aus dem Kühlschrank holen. Linnea half ihr dabei, ein paar Kerzen in die Gott sei Dank fest gewordene Glasur zu stecken und sie sangen Haydn ein kleines Geburtsständchen, während er die Kerzen wieder ausblies. Briony klatschte fröhlich und als die Torte angeschnitten wurde und sich als gelungen herausstellte, lachte auch Linnea erleichtert. Sie hatten sich solche Mühe gegeben und trotzdem war fast alles schief gegangen. Wäre die Torte nun auch danebengegangen, wäre sie wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen.
Wenn es Haydn tatsächlich immer noch stören sollte, dass seine Frau und seine Tochter hier waren, um mit ihm zu feiern, so überspielte er es recht gut. Er fütterte Briony mit Kuchen und sprühte ihr schließlich etwas Sahne auf die Nase, die sie dann abzuschlecken versuchte. Leider war ihre Zunge nicht einmal annährend lang genug, aber sie gab sich nicht so schnell geschlagen. Und nach einer Weile tropfte die durch die Hitze wieder flüssig gewordene Sahne auf ihre ausgestreckte Zunge. „Ha!“, triumphierte das Mädchen und leckte sich die Lippen. Haydn nahm eine Serviette und rieb ihre Nase so fest, dass sie aufquiekte.
Nachdem Briony fast die ganze Torte allein verzehrt hatte, bestand sie darauf, dass Haydn seine Geschenke auspacken sollte. Sie hatte die der gesamten Familie mitgebracht und schleifte eilig den Rucksack aus ihrem Zimmer herein. Es war bestimmt nicht einfach jemandem ein Geschenk zu kaufen, der zu viel Geld hatte und der zu selten anwesend war, um ihn gut genug zu kennen, aber Linnea war überrascht, wie gut die Geschenke waren. Jonas und Maartje hatten ihm einen Bildband über die Geschichte Nova Scotias gekauft und Briony hatte ihm darüber hinaus ein eigenes Gedicht geschrieben. Sie wartete bewusst aber nervös bis er alle Geschenke geöffnet hatte, dann kletterte sie auf ihren Stuhl und räusperte sich. „Jetzt kommt mein Geschenk“, verkündete sie mit ernster Miene und rollte einen Bogen Papier aus, den sie hinter ihrem Rücken versteckt hatte. Haydn und Linnea schenkten ihr sofort ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
Es war das rührendste Gedicht, das Linnea je von einem Kind gehört hatte. Es handelte von allem was Briony und Haydn taten, wenn sie zusammen waren und davon, wie stolz sie auf ihren Vater war. Nicht alles reimte sich astrein, aber gerade das machte es so herzlich. Nur die letzte Strophe hatte einen anderen Tenor, als sie erklärte wie traurig sie jedes Mal war, wenn ihre gemeinsame Zeit vorüber war und sie wusste, dass es wieder viel zu lange dauern würde bis sie sich wieder sehen würden. Linnea warf einen vorsichtigen Blick auf Haydn und bemerkte, dass dieser verbissen gegen ein paar Tränen ankämpfte, die das Gedicht seiner Tochter zweifelsohne in ihm rührten.
„Joyeux anniversaire“, beendete Briony schließlich ihren Vortrag. „Je t’aime, Papa.“ Haydn stand auf und schloss das Mädchen ganz fest in die Arme. „Je t’aime aussi“, gab er ihr einen liebevollen dicken Kuss. „Je t’aime tellement. So sehr, dass es weh tut.“ Sie gab ihm ebenfalls einen dicken Kuss, dann sah sie auf Linnea hinunter. „Du musst noch Linneas Geschenk auspacken!“, rief sie, als wollte sie selbst nicht, dass man ihre Tränen sah und Haydn setzte sie wieder hin. „Ja, richtig“, nahm er ebenfalls wieder Platz und zwinkerte Linnea zu, die ihr Geschenk von dem leeren Stuhl am Tisch nahm. „Alles Liebe, Haydn“, überreichte sie ihm das flache Päckchen und er nahm es dankend entgegen. „Mein Schatz“, fügte er dann hinzu und die Betonung auf „mein“ warf Linnea für einen Moment völlig aus der Bahn. Er hatte schon Schatz zu ihr gesagt, aber meist eher etwas neckisch. Es war das erste Mal, dass er es sagte als würde es vielleicht wirklich so meinen.
„Es… erm… Es ist nichts Besonderes“, erklärte sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. „Ich dachte nur, du könntest sie vielleicht brauchen.“ Es war eine Schachtel Zeichenstifte die sie in einem kleinen Laden in Stockholm entdeckt hatte. Eigentlich war es vor allem ihr Design gewesen, warum sie sie gekauft hatte, aber als sie sie nun so auf dem Tisch sah, kam es ihr so belanglos vor. Er hatte ihr Alice Cooper geschenkt!
„Die sind ja hübsch!“, kommentierte Briony als erstes und nahm einen blauen Stift heraus, um ihn genauer anzusehen. Haydn fuhr mit der Hand über den Deckel und sah dann zu Linnea hinüber. „Ja, Stifte kann ich immer brauchen.“ Dann stand er auf und kam um den Tisch herum. „Danke, Baby“, gab er ihr einen Kuss auf die Stirn.
Später räumten Haydn und Linnea gemeinsam die Küche auf, während Briony fernsehen durfte. Haydn hatte das Radio aufgedreht und Aerosmith waren „Jaded“ während er leise mitsang. Dabei fiel Linnea erst so richtig auf, wie heiser er war. Er bemühte sich hauptsächlich seine rechte Hand zu benützen – nicht einfach für einen Linkshänder – und versuchte das Kratzen in seinem Hals zu ignorieren. Er mochte den Song, er verband unzählige Erinnerungen damit. Es war pure Ironie, dass sie ihn ausgerechnet an seinem Geburtstag spielten.
Schließlich wurde das Brennen in seinem Handgelenk aber doch zu intensiv und er stöhnte auf. „Merde!“ Linnea stellte den Topf ab, den sie gerade hatte auswaschen wollen. „Alles okay?“ „Ich fürchte, ich habe meine Hand tatsächlich ein wenig überstrapaziert“, ließ ihn der Schmerz keine andere Ausrede finden. „Du solltest wirklich ein Bad nehmen und dann ins Bett gehen“, sagte sie daraufhin bestimmt und sah ihm in die Augen. „Auch du darfst mal krank sein, Haydn Cavendish.“ Er musterte sie einen Moment und klappte dann den Geschirrspüler zu. „Just what exactly do you think you’re doing here?“, lehnte er sich daran und verschränkte die Arme vor der Brust. Linnea schluckte. Er war tatsächlich ein guter Schauspieler. „Ich… ich wollte dich überraschen“, flüsterte sie etwas verzagt. „Nachdem du mir diesen phantastischen Geburtstag beschert hast.“ „Du schleichst dich in meine Wohnung und du machst dich an meine Tochter ran…“ „Ich dachte, du würdest dich freuen, wenn du an deinem Geburtstag nicht alleine bist“, verteidigte sie sich, doch er wandte sich ab und stellte den Spüler an. „Stop expecting things from me, Léa.“ Sie schwieg und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. „Tut mir leid…“, war sie ein bisschen vor den Kopf gestoßen. „Ich dachte nur, es wäre ganz nett, mal ein bisschen Ehefrau zu spielen und seinen Mann mit einem Abendessen zu erwarten.“ „Léa“, kniete er sich vor ihr auf den Boden und nahm ihre Hände in seine. „Ich freue mich ja, dass du hier bist.” Ach so, tat er das? So hatte das aber eben gar nicht geklungen. „But I don’t want you to get this close to my daughter.” Er sagte das mit so viel Nachdruck, dass sie schlucken musste. „I won’t even ask how you managed to get her to come to a complete stranger…” „Sebastian hat sie abgeholt und in die Wohnung gebracht”, sah sie verwundert auf. „Ich dachte, du hättest davon gewusst.“ „Jan war noch hier?“ Hatte sie die Überraschung in seiner Stimme bemerkt? Wenn ja, hatte sie das „noch“ auch bemerkt? „Ja“, nickte sie unschuldig. „Ich glaube, er hatte auch vor dich zu überraschen, aber als ich vor ihm stand, hat er gemeint, er würde besser gehen.“ Sebastian hatte Briony einfach so einem Mädchen überlassen, das er einen einzigen Abend lang gesehen hatte? „Und was habt ihr Briony gesagt wer du bist?“ „Eine enge Freundin ihres Vaters“, zog sie die Stirn kraus und musterte ihn fragend. „Okay“, sank er zurück. „Okay…“ Wieso wurde sie den Gedanken nicht los, dass er erleichtert war? Nur worüber? Dass sie seiner Tochter oder seinem Freund nicht unter die Nase gerieben hatte, dass sie verheiratet waren?
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