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Rich Schwab

Perlen vor die Schweine

– Der dritte Büb Klütsch-Roman –

FUEGO

– Über dieses Buch –

Eher nebenbei fällt im Prolog des zweiten Büb-Klütsch-Romans Eine Alte Dame Ging Hering dieser Satz über Kathrinchen, eine alte Freundin Bübs:

»Wir konnten alle drei noch nicht wissen, dass dies ihr letzter Sommer sein würde …«

»Ja, wie?«, beschwerten sich daraufhin etliche Leser, die Kathrinchen schon in Band Eins, Nie wieder Apfelkorn, ins Herz geschlossen hatten. »Was ist denn mit der passiert?!?«

Aufklärung tat not.

Und so kam es, dass Autor Rich Schwab seinen schönen Editionsplan über den Haufen werfen musste (elf Büb-Klütsch-Bände sollte es geben, in denen Bübs Abenteuer in Fünf-Jahres-Abständen in die Jetztzeit geschrieben werden sollten) – Nie wieder Apfelkorn spielte 1976, Eine Alte Dame Ging Hering spielte 1980, und Paaf!, Band Drei, sollte 1986 spielen. Wird er dann auch – aber um das Geheimnis um Kathrinchens Tod zu lüften, gibt es nun, nur wegen dieses einen unbedachten Satzes, stattdessen als Band Drei Perlen vor die Schweine, dessen Handlung zum Jahreswechsel 1980/81 spielen muss.

Büb glaubt nicht, wie Polizei und Staatsanwaltschaft, an einen Drogenunfall oder gar Selbstmord Kathrinchens – er ist sicher, dass sie ermordet wurde. Nur, warum und von wem? Zwischen Studioterminen und Auftritten macht Rockschlagzeuger Büb sich auf, um Antworten zu finden. Die Suche führt ihn durch etliche Kneipen und die Halb- bis Unterwelt im Kölner Friesenviertel und durch Junkie-Absteigen bis an die Küste Hollands – und die Lösung des Falls überrascht nicht nur ihn … und macht nicht mal ihn selbst glücklich …

»… kommt rauh und heiser in ruppiger Gangart daher wie ein Song von Van Morrison, nicht zimperlich, und doch schwingt Sehnsucht mit, Liebe, Romantik«, urteilte Elke Heidenreich nach der Lektüre von Nie wieder Apfelkorn, dem ersten Büb Klütsch-Roman, während Deutschlandfunk-Literaturredakteur Hajo Steinert den zweiten, Eine Alte Dame Ging Hering, »schärfer als die Songs von Tom Waits« fand (s. Pressestimmen).

Nicht die schlechteste Gesellschaft, findet der Autor. Und ist gespannt, mit wessen Songs man Perlen vor die Schweine, den dritten Band der Büb-Klütsch-Reihe, vergleichen wird.

Vorspann

Wen interessiert schon das Warum, nach so langer Zeit? Eine Katastrophe ist und bleibt eine Katastrophe; die dabei verletzt wurden, bleiben verletzt, die dabei getötet wurden, bleiben tot, die Träumer bleiben Träumer, und alles Reden über Ursachen geht am Wesentlichen vorbei.

Margaret Atwood

Shit happens.*

Mickey Rourke

Do määste nix draan. Hellja – dummer noch e Bier.*

Opa Klütsch

(In den Originalsprachen Kölsch und Englisch Geschriebenes ist zum großen Teil im Glossar auf Hochdeutsch zu finden – ein Asterisk im Text [*] fungiert als Link dorthin.)

1


Irgendwo da draußen

Es kommt von irgendwo da draußen. Ein murmelndes Rauschen, unterlegt von einem tiefen, unterirdisch anmutenden Grollen. Es rückt näher, steigt langsam an, baut sich auf, bis es sich fast überschlägt. Zieht durch die feuchten Schläfen, über die Stirn hinweg, während das Grollen mitten durch den Bauch rumpelt; dann beruhigt sich die Welle, verklingt, verschwindet. Fast ist das schmatzende, schlürfende Flüstern zu vernehmen, mit dem sich die mit feinem Schaum gesäumten Wellen vom Strand zurückziehen, widerwillig, mit dem gezischten, beinahe feindseligen Versprechen wiederzukommen. Fast ist das Trippeln der Sandläufer zu hören, die aus ihren winzigen Höhlen kommen – schnell etwas zu futtern ergattern, bevor die nächste Woge kommt! –, das Schleifen der Feuerquallenbäuche auf dem feinen Sand; da ist das Klatschen der Rückflut an den Felsen, das knirschende Aneinandermahlen glatt gewaschener Steine, ein Klicken und Klacken wie ein Ballett herrenloser Gebisse, darüber der ruhelose Flügelschlag und das ätzend spottende Krächzen der Möwen. Doch da kündigt sich schon die nächste Woge an, rollt herein, gleichzeitig beruhigend und bedrohlich, bringt einen Luftzug mit, einen Windhauch, der nach Salz zu schmecken scheint, nach Algen, Fisch und Teer, nach Afrika, nach Schweißperlen und Kokospalmen.

Schweiß stimmt. Teer auch. Aber es ist nur die Brandung der Bonner Straße, morgens um halb sechs, und ihr Rhythmus wird gestört von Polizeisirenen, dem Laster mit Schokoladenweihnachtsmännern und Überraschungseiern, der drüben vor dem Stüssgen-Markt rangiert, und der rollenden Disco von Bergmann’s Theo, der wegen seines obligaten Katers mal wieder nicht in die Gänge kommt mit seinem Transit voller Sesam-, Mohn- und Rosinenbrötchen, ohne dass ihm Tony Marshalls Schöne Maid mit dreihundert Watt auf die Sprünge hilft; und der Schweiß ist der eigene, muffig, fischig, mit den Bierresten von dem Besäufnis von vorgestern und der Schärfe der Albträume einer ersten Entzugsnacht – in Sauer liegen, wie die Friesen es so passend nennen.

Es braucht eine halbe Ewigkeit, zu beschließen, ruhig mal aufstehen zu können und herauszufinden, welche Tageszeit es ist. Ob überhaupt schon Tag ist. Oder noch? Endlich aufzustehen, zum Fenster zu gehen und den Vorhang beiseite zu schieben. Orchideen. Blassviolett und königsblau, purpurn und sonnenuntergangsorange auf Gauguin-grünem Untergrund. Früher mal. Jetzt sind sie alle bräunlich verschleiert von dem Nikotinfilm, der die ganze Zwei-Zimmer-Bude bedeckt, dass sie bei jedem Licht aussieht wie ein Foto aus den Tagen, als James Marshal den ersten Klumpen Gold an Augustus Sutters Mühle fand, 1848. Zum wiederholten Mal der Versuch sich vorzustellen, wie es damals hier ausgesehen haben mochte – da gegenüber sich nicht hundert Meter Schaufenster mit Badewannen, blitzenden Armaturen und Klosettbecken, sondern Weingärten, Obstbäume, Felder mit Kopfsalat, Kartoffeln und Steckrüben erstreckten. Ein Trüppchen Mönche vom Severinskloster und Nonnen vom Kartäuserhof, das müde hinter einem Eselskarren her schlurft, begleitet von zwei, drei mageren, alle paar Schritte mit Flöhen kämpfenden Kötern und von einem widerwillig mehr gebrummten als gesungenen, schlaftrunkenen Lobet den Herrn. Aber vielleicht sind sie auch ein bisschen fröhlicher und singen, in sicherem Abstand von Zelle, Abt und Gott:

Ein Leben wie im Paradies

Gewährt uns Vater Rhein

Ich geb’ es zu: Ein Kuss ist süß

Doch süßer ist der Wein

Die Erde wär’ ein Jammertal

Voll Grillensang und Gicht

Wüchs’ uns zur Lind’rung unsrer Qual

Der edle Rheinwein nicht …

Einer der Mönche tritt gegen ein Apfelbäumchen, die Nonnen springen hinzu und sammeln die heruntergefallenen Früchte ein, und bevor sie alle an die mühselige Feldarbeit gehen, setzen sie sich in den Schatten des Karrens, albern ein bisschen herum und kauen schmatzend ihr Frühstück. Dann und wann wirft vielleicht mal einer eine Apfelkitsche in eine fremde Kutte, wo sie dann unter Gekicher und Gequietsche vier- oder gar sechshändig wieder hervorgekramt werden muss, und von drüben, von der anderen Rheinseite taucht die aufgehende Sonne den Apfelgarten in goldenes Licht. Und, weiter im Norden, den seit bald vierhundert Jahren halb fertigen Dom.

Was wissen die denn schon, dass bald hundertfünfzig Jahre später jemand den Saft aus ihren Äpfeln mit Korn, Rum und Cointreau mischen und davon mindestens viermal die Woche so besoffen sein wird, dass er nicht mehr weiß, wie er vorgestern nach Hause gekommen ist? Und dass er, weil es gestern keinen Apfelkorn, überhaupt keinen Alkohol gab, sich die ganze Nacht in verschwitzten Laken hin und her wälzen musste, in einem taumeligen Auf und Ab von Albträumen und Zukunftsängsten, verworrenen Erinnerungen an andere, schönere Nächte und noch verworreneren Plänen für ein möglichst besseres Morgen?

Ach du Scheiße – morgen! Morgen wird natürlich ein besserer Tag sein, schließlich ist morgen Heiligabend! Weihnachten neunzehnhundertachtzig. Weihnachten! Das Fest der Freude und der Liebe! Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Ihr Kinderlein kommet und süßer die Glocken!

Scheiße.

Ich drehte mir eine Kippe und beschloss, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Vielleicht nicht direkt nach dieser hier – aber vielleicht, wenn das Päckchen alle war. Oder die beiden anderen, die – für alle Fälle – in dem Köcher mit den Schlagzeugstöcken steckten. Oder jedenfalls spätestens dann, wenn ich herausgefunden hatte, wer dafür verantwortlich war, dass Kathrinchen mit eingeschlagenem Jochbein, zwei fehlenden Zähnen, ein paar Brandwunden, einem gebrochenen Arm, drei gebrochenen Rippen und hässlichen Rissen an den Schamlippen im Klösterchen gelandet ist. In dem gekühlten Raum im zweiten Kellergeschoss, mausetot.

2


Kathrinchen amüsiert sich

Während ich mich mal wieder bemüht hatte, mir die Berufsbezeichnung Schlagzeuger und ein paar Brötchen zu verdienen – zur Abwechslung sogar erfolgreich –, hatte sie wohl mit irgendjemandem ihre zynischen Sado-Maso-Spielchen zu weit getrieben. Zig-mal hatte ich sie gewarnt, dass eines Tages einem ihrer Eisenfressen die Sicherung rausspringen würde, aber sie schleppte immer wieder neue von der Sorte an – Porsche- und Goldwing-Fahrer in unnötig teuren Klamotten, mit überflüssigen Hemdenknöpfen und zu viel Goldschmuck, mit Tätowierungen von Adlern, Tigern und Totenköpfen überall, einer härter als der andere. Alle sahen sie aus wie eine Mischung aus Zuhälter und Fremdenlegionär, auch wenn sie Anwalt, Bauunternehmer oder Diskobesitzer waren, und sogar dann, wenn sie Zuhälter oder Fremdenlegionär waren; und alle griffen sie sich öfter an den Sack als ich nach meinen Kippen. Sie redeten zu laut und warfen zu lässig mit ihrem Geld um sich, sie tranken zu viel aus den Flaschen, die in einer anständigen Kneipe immer ganz oben im Regal stehen, und zu oft kamen sie vom Klo mit einem frischen, nervösen Glitzern in den Augen, ständig die Nase hochziehend, als hätte jemand Niespulver über die Theke geblasen, und erhöhten Pegel und Tempo ihrer dummen Sprücheklopferei.

Und Kathrinchen amüsierte sich königlich, zog spöttisch ihre linke Augenbraue hoch und den rechten Mundwinkel nach unten und erzählte ihnen, was für aufgeblasene Wichser sie doch seien und wie wenig ihre Hahnenkampfspielchen sie beeindrucken könnten, schließlich sei sie kein Huhn; und dass sie’s trotzdem versuchten, zeige doch erst recht und deutlich, wie doof sie seien; die einzige Hoffnung, die sie habe, sei, dass das alte Sprichwort stimme, wonach Dumm gut ficke – aber mit einem Kerl ficken, der sie nicht mal unter den Tisch saufen könne? Haha, da würde sie sich doch lieber auf den Kopf stellen und sich selbst bepinkeln! Und die Arschgeigen starrten auf ihre Titten und ihren Hintern, versuchten sich das Bild vorzustellen, packten sich an die schon nicht mehr so weichen Weichteile und beeilten sich, noch mehr von ihrer Whiskey-Cola-Panscherei zu bestellen und diesem Prachtweib da einen weiteren Kabänes auf Eis. Und egal, wie viele davon sich vor ihr auf der Theke aufreihten, sie kippte sie ungerührt der Reihe nach weg, und niemand merkte ihr irgendwas an, außer dass vielleicht ihre Pupillen ein wenig größer und dunkler wurden, ihr Gang zur Musikbox eine Stufe aufreizender und ihre Stimme einen Hauch ätzender.

»Der Büb hier! Dat is’ doch der einzige Typ, der wat taugt in dem Laden hier, ihr Luschen!«, goss sie Öl ins Feuer und küsste mich mit gespieltem Stolz auf den Adamsapfel, was insofern gut war, dass keiner mitkriegte, wie heftig ich schlucken musste, denn die Blicke, mit denen die Jungs mich betrachteten, als hätten sie mit ihren handgenähten Slippern in einen Hundehaufen getreten, ließen mich zum x-ten Mal verfluchen, dass ich mich wieder mal auf eine Verabredung mit ihr eingelassen hatte – oder zumindest, dass ich zu dieser Verabredung schon wieder ohne so was wie ’ne abgesägte Schrotflinte gekommen war.

Aber warum auch immer, sie ließen mich leben, nahmen mich hin, wie sie einen Silberpudel an Kathrinchens Seite, einen Papagei auf ihrer Schulter oder ein Töchterchen an ihrer Hand hingenommen hätten – ich war eben Kathrinchens Liebling, ihr bunt schillernder Wellensittich mit seinen langen Haaren, der kaputten Lederjacke, den mit Gaffa-Tape geflickten Hosen und den selbstgedrehten Zigaretten. Sie tätschelten mir freundlich-herablassend die Schulter, gerade noch so vorsichtig, dass es als freundschaftlich durchgehen, aber hart genug, dass es auch als Warnung verstanden werden konnte, und ich tat wie immer so, als würde ich davon nichts merken. Ich grinste nur blöde und machte Witze über die Mucke, die gerade aus der Musikbox plärrte, oder über Belziger, der endlich einen lokalen Hit mit seinem Lied vom Schwarzfahren hatte, oder über Lokalhelden wie den Klautze, der es mal wieder geschafft hatte, die Trööt zu verarschen* – er hatte gewettet, dass der es nie im Leben schaffen würde, hundertmal um den Gerling-Konzern herumzulaufen. Klar hatte die Trööt dagegen gehalten, das konnte er als gefürchteter Türsteher natürlich nicht auf sich sitzen lassen, und war bald zwei Stunden lang um das riesige Karree im Friesenviertel herum gerannt, hundertmal an den feixenden und Piccolo saufenden Claqueuren Klautzes vorbei, bis er sich kurz vor einem Kreislaufkollaps, aber unter Triumphgeheul den Wetteinsatz abgeholt – einen läppischen Hunni – und vier Flaschen Wasser in sich hinein gekippt hatte. Der Kollaps kam erst eine Flasche Escorial später. Beliebt war auch mein Geläster über den FC, der doch tatsächlich erst Hennes Weisweiler zu Cosmos New York hatte ziehen lassen (»Unsere Zusammenarbeit war zum Schluss nicht mehr sinnvoll.«), um sich dann den Fußball-Dozenten Heddergott in den Pelz zu setzen. Der wiederum kriegte sich gleich mal mit Jungstar Bernd Schuster in die langen Haare und verscherbelte den für Dreikommasechs Millionen nach Barcelona, wofür er dann prompt zwei Monate später die Kündigung kassierte.

Oder die lustige Geschichte von Ikonen-Jupp, der neulich nach einem ausgiebigen und Mut machenden Frühschoppen am hellichten Sonntagnachmittag in Kölns größtes Auktionshaus eingestiegen war. Ganz der Profi, für den er sich hielt, hatte er das komplette ausgeklügelte Alarmsystem überlistet und sorgfältig für eine halbe Million antike Kostbarkeiten in die mitgebrachte Reisetasche gepackt. Außerdem hatte er noch einen Flachmann voll Asbach und ein Transistorradio dabei. Also setzte er sich erst mal zum Ausruhen in einen Biedermeier-Sessel in einem der Schaufenster, genehmigte sich ein paar Schlückchen und schaltete sein Radio ein, um mal zu hören, was ihm sein Wetteinsatz beim Großen Preis von Baden-Baden einbringen würde.

Leider berichtete vor dem Start des Rennens der große Adi Furler vom Dressurreiten in Salzburg. Erst der Mann vom Wachdienst, der abends seine Runde drehte, bekam Zweifel, ob ein schnarchender Mann in einem übergroßen Hawaiihemd mit einem plärrenden Radio im Arm ein passendes Exponat für die exklusive Montagsversteigerung sei.

Auch mein Repertoire an Anekdoten von irgendwelchen Rockgrößen, die mir hinter der Bühne irgendwelcher Festivals über den Weg gelaufen waren, beeindruckte, immerhin, die Bumsköppe ein bisschen – zu hören, wie viel Schnaps in Joe Cockers Fanta-Dosen passte, wie Chuck Berry es mal wieder geschafft hatte, seine Gage noch mal in die Höhe zu pokern, während draußen schon Sechzigtausend Go, Johnny, Go! brüllten; oder wie der Berufscholeriker Conny Becker dem Berufskotzbrocken Gröhlemüller eine eingeschenkt hatte, weil der ihm für sechshundert Ocken Koks vom Tisch gepustet hatte. Oder wie der Bassist der Schroeder Roadshow eines Morgens um halb fünf mit den Worten »Ihr könnt mich mal! Ich fahr’ jetzt in die Kellerbar!« in voller Ledermontur in die Duschkabine seines Hotelzimmers gestiegen war und die Dusche aufgedreht hatte, Gimme the beat, boys, free my soul, I wanna get lost in your rock’n’roll singend*. Und nachdem er danach ’ne Weile klatschnass und besoffen kichernd in seinem Bett gelegen hatte, war er mit einem Schraubenzieher auf den Flur gegangen und mit der Tür des Aufzugs ins Zimmer zurückgekommen, weil ihm dessen Quietschen und Klappern auf die Nerven ging. Na ja, Rock’n’Roll eben …

Die meisten dieser Geschichten waren erfunden oder zumindest übertrieben, aber so fühlte ich mich ein wenig besser als ein Papagei auf Kathrinchens schöner Schulter. Die Arschgeigen versuchten amüsiert, mich abzufüllen mit ihrer Kentucky-Plörre, aber ich blieb stur und brav bei meinem Gedeck aus Kölsch und Apfelkorn, denn damit kriegten sie mich so schnell nicht platt, und manchmal landete man dann noch zu dritt in Kathrinchens Apartment am Beethoven-Park, und ich lag auf der edlen grauen Ledercouch und hörte mir Thomas Rapp und seine Pearls Before Swine an, ihre Lieblingsband, besonders beim Sex, während ihr nebenan ein von weißen Pülverchen und ihren Lästereien angestachelter Hengst das Nähmaschinchen machte. Es machte sie an, zu wissen, dass ich zuhörte, und noch mehr, wenn ich dann zwischendurch mal in ihrer Schlafzimmertür stand und sie mir über muskulöse, schweißnasse Schultern hinweg in die Augen sehen konnte, bis es ihr kam und sie schrie und jodelte und lange, blutige Striemen in den Rücken über ihr furchte. Koksgerammel kann sich hinziehen, und meistens schlief ich irgendwann ein auf der Couch, eingelullt von ihrem Stöhnen, während Thomas Rapp lispelte:

She says love will get you

Through times of no sex

Better than sex will get you

Through times of no love …*

Da hatte Kathrinchen wohl was nicht richtig verstanden.

Und als letzter Gedanke ging mir oft genug durch den Kopf: Eines Tages wird dich noch mal einer totrammeln, du dusselige Blumenkuh!

Selbst der miesepetrigste Pessimist ist ja ein unverbesserlicher Optimist insofern, als er immer wieder voller Hoffnung ist, dass seine ewigen Unkereien in Erfüllung gehen.

Und leider, leider sollte auch ich recht behalten.

Aber welches von den Arschgesichtern da draußen war da so dermaßen ausgerastet?

3


But people are not singers ...

Koomm, Fritzi, kooomm!« Der Kanarienvogel legte das Köpfchen auf die Seite, wich auf seine Schaukel aus, seine Äuglein zuckten hin und her. Aber das Salatblatt, das der Junge ihm durch die offene Klappe in den Käfig hielt, war zu verlockend. Er trippelte näher, hackte danach, eroberte sich ein Häppchen Vorgeschmack. Das Blatt klemmte zwischen zwei Fingern der kleinen Hand, also kletterte der Vogel, zutraulich geworden, auf die Handfläche, begann ausführlicher zu knabbern. Dann schloss sich die Hand um den zarten Körper, wand sich durch die Klappe nach draußen. Eine zweite Hand wölbte sich um die erste, ließ eine enge Öffnung zwischen den beiden Daumen, aus dem sich neugierig, verunsichert, Fritzis Kopf reckte. Von nebenan, aus der Küche, klang quäkend das kleine alte Vorkriegsradio der Großmutter. Eine Akkordeon-Polka, begleitet vom sphärischen Pfeifen und Rauschen des fernen deutschen Senders.

»Guck mal, Olga, was ich hier hab’!« Vorsichtig ging der Junge zum Nachbarkäfig.

»Ngrröök!«, machte der Rabe darin und hüpfte aufgeregt in seinem Sand herum. »Yahiiieeek!«

Langsam näherte der Junge seine Hände dem Rabengitter. Und zuckte sofort wieder zurück – im Nu hatte der Rabe zwischen den Stäben hindurch in Richtung des Kanarienvogelkopfs gehackt, aber den Daumen des Jungen getroffen. Fast hätte der vor Schmerz seine Hände geöffnet, den ängstlich tschilpenden Gelben fliegen lassen. Aber er hielt ihn mit der Rechten fest und öffnete mit der Linken, von der bereits dicke Blutperlen tropften, das Türchen zum Rabenkäfig. Knallte es noch einmal heftig zu, als der Rabe Anstalten machte, sich nach draußen zu drängen, was diesen bewog, sich an die Käfigrückwand zurückzuziehen, bösartig blinzelnd.

Schnell schob der Junge seine rechte Faust durch das Türchen und ließ Fritzi los. Klappte das Türchen zu, hakte es ein. Tat einen Schritt zurück. Beobachtete mit glänzenden Augen, was geschah.

Zwei, drei lange Sekunden herrschte Stille. Im Käfig zumindest – nebenan sang Marika Rökk die Julischka aus Buda-Budapest.

Dann reckte der Rabe seinen Kopf vor, öffnete halb den Schnabel, machte spöttisch »Krreek!« Der Kanarienvogel flatterte hoch, stieß an das Käfigdach, verlor zwei Schwanzfedern, die wiegend zu Boden schwebten und in dem schmutzigen, verkoteten Sand liegenblieben. Der Rabe breitete seine Flügel aus, plusterte sich auf. Der Kleinere stieß ein hohes Kreischen aus, drei Oktaven über Marika Rökk, wollte zur Seite ausweichen, davonfliegen, prallte an die Seitengitter des Käfigs, noch einmal und noch einmal, immer hektischer und verzweifelter. Beim vierten Mal brach er sich einen Flügel, landete auf dem Boden. Schlich, versuchte, hinter das Wasserbecken des Raben zu schleichen, aber da war der schon von seiner Stange herabgesprungen. Mit einem triumphierenden »Jägägäck!« schlug er eine seiner Krallen in den Rücken des Kanarienvogels, zerrte ihn halb in die Höhe und hieb ihm die Spitze seines Schnabels ins Genick. Der Kanare fiepte in den höchsten Tönen, noch lauter. Erschrocken fuhr der Kopf des Jungen zur Küchenwand herum. Die ungarischen Geigen jubilierten im Schlussfortissimo, molto presto. Keine Gefahr.

Im Käfig riss der Rabe dem Gelben gerade den gebrochenen Flügel aus. Noch ein letztes Mal gelang es dem, sich loszureißen, unter dem Bauch des Raben hindurch zu schlüpfen, teils hüpfend, teils mit dem heilen Flügel flatternd, teils purzelnd bis in die Mitte des Käfigbodens zu gelangen. Dann wirbelte ihn der Schlag eines Rabenflügels herum, eine Kralle riss drei tiefe Furchen in seine Brust, aus der sogleich eine bräunliche Masse quoll, ein Schnabelhieb hackte ein schmatzendes Loch in seinen weiß geflaumten Hals.

»Grrraack!«, schrie der Rabe und knackte mit einem weiteren Schnabelhieb die Hirnschale seines Opfers, zerfetzte mit einer Kralle den heil gebliebenen Flügel, dass die gelben Federn nur so umher stoben.

Fasziniert stand der Junge daneben, Speichel tropfte aus seinen Mundwinkeln, unverwandt beobachtete er das grausame Schauspiel, Fritzis zerrissenen Körper, den mit Blut und Eingeweiden verschmierten Schnabel des Raben, dessen gierig zitterndes Hinterteil.

»Na, Olga«, flüsterte er. Einen Moment drehte der Rabe sich ihm zu, betrachtete ihn mit schräg gelegtem Kopf, beäugte nachdenklich, wie der Junge an seinem blutenden Daumen leckte, fiebrige rote Flecken im Gesicht. Aus der Küche erklang die süßliche Ouvertüre der Blume von Hawaii.

4


Rabotti

Mann, hatte ich eine Woche hinter mir! Beim Pinkeln wäre ich fast vornüber gekippt. Meine Zunge schmeckte, als hätte ich die halbe Nacht am Abflussrohr eines Brauhauses geleckt. Und wahrscheinlich auch an dem bröckligen Mörtel drum herum – mein Gaumen war trocken wie Tante Friedas Sandkuchen. Nach einem ordentlichen Schwall kaltem Wasser fühlte es sich ein bisschen besser an, aber an dem Geschmack änderte das auch nichts.

Ich beguckte mir ein Weilchen das Gesicht in meinem Spiegel. Wir sahen aus wie ein und derselbe Typ, aber das waren wir auf keinen Fall. Beschlossen wir eben Kumpels zu werden und putzten uns gemeinsam die Zähne.

Was für ’ne beschissene Woche!, knurrte er blubbernd und schüttelte angeekelt den Kopf.

Autsch! Nich’ so heftig!, erwiderte ich mit Schaum vorm Mund. Musste ihm freilich recht geben und versuchte, die letzten Tage zu rekapitulieren. Einfach kapitulieren, ohne Kontra, ohne Re, wär’ auch nich’ schlecht, dachte ich. Einfach wieder in die Kiste hauen, Decke über’n Kopp, Augen und Ohren zu, und warten, bis mehr als nur sechzig Prozent von einem meinen, wieder in die Gänge kommen zu müssen, es wagen zu können, sich der gierig quengelnden Welt da draußen zu stellen.

Wider besseres Wissen – war ja nicht der erste Versuch gewesen –, aber eben auch, weil ich, pleite wie lange nicht mehr, kaum eine Wahl hatte, war ich vorletztes Wochenende mit einer Snare, einem Bündel Knüppel und einem Satz eigener Becken im Gepäck nach Hinderup gereist – nach drei Stunden Zugfahrt Umsteigen in Osnabrück, eine halbe Stunde Bummelzug, in Espelkamp fast eine Stunde Warten auf einen Überlandbus, der mich nach einer weiteren halben Stunde in Brödershof hatte stehen lassen, von wo ich dann aus einer Telefonzelle Bescheid geben konnte, damit mich jemand abholen käme.

Ich war’s ja nun wirklich gewohnt, über Land zu gurken, vor allem in Gefährten, die stinken, schaukeln und nicht gerade flott vorankommen, und auch auf dieser Fahrt hätte man schön seinen alten Ross McDonald lesen und sich mit Lew Archer amüsieren können, zwischendurch vielleicht ein bisschen Leute und Landschaft gucken – immerhin war die Deutsche Märchenstraße nicht weit – oder einfach nur vor sich hin dösen und über das komische Leben meditieren …

Aber apropos Leute und komisches Leben – oder auch umgekehrt – leider stand da auf dem, was in Espelkamp als Marktplatz durchging, an der Bushaltestelle dieser Freak. Rabotti hatte ihm eine fürsorgliche Freundin in fettem Knatschrosa auf eine dunkelblaue Wollmütze gestickt. Karottenhosen an spindeldürren Beinen, aber schwere Malocherstiefel, ungefähr drei T-Shirts übereinander, das oberste eins von, ausgerechnet, Grobschnitt, und eine verwaschen grüne bayrische Trachtenjacke, von oben bis unten vollgepappt mit bunten Buttons à la Ich war bei Pink Pop!, Rock gegen Rechts, Legalize It! und so weiter. Das Beste war noch Atomkraft? Nein danke!, woraus jemand mit lila Filzstift Schwerkraft? Nein danke! gemacht hatte. Zwischen den Stiefeln klemmte eine verschlissene braune Aktentasche.

»Ey – ich kenn’ dich irgendwo her, Ollen«, sprach er mich an. Es gibt so Typen, da weißt du gleich, wenn du auch nur »Tach« sagst, hast du sie an der Backe. Also guckte ich bloß und zuckte mit einer Schulter. »Echt, ey! Ich hab’ dich iiir-gend-wo …«

Er zog ein Päckchen Drum aus einer Jackentasche. Diese Typen rauchen immer Drum. »’ne Kippe, Ollen?« Ich holte ein Päckchen von meinem eigenen Vorrat raus, hielt es hoch und schüttelte bedauernd den Kopf. Fehler. »Ey, wow! Is’ dat denn? Türkenkost, ha ha! Kann ich ma’ probier’n, ey?«

Diese Typen wollen immer probieren. Ich öffnete die Packung und hielt sie ihm unter die Nase. Innerlich soufflierte ich ihm seinen nächsten Satz – Oh, is’ ja blonder, nee danke.

»Ach so – is’ so’n Blonder, ey. Nö, lass ma’«, sagte er. Er kramte in seinem zerknüllten Scheiß-Drum herum, und ich kannte auch schon seine nächste Zeile. Kam prompt. »Au! Haste ma’n Paper, ey?«

Diese Typen haben nie genug Blättchen. Drehen sich viermal am Tag dreiblättrige Joints, aber es kommt ihnen im Leben nicht in die bekiffte Birne, dass auf die Art die Blättchen womöglich nicht so lange halten wie der Tabak. Dafür ha’m sie ja immer Typen wie mich. Ich ging ja nicht mal zum Brötchenholen ohne ein zweites Päckchen Tabak und drei Extraheftchen Zigarettenpapier in der Tasche. Und zwei Feuerzeuge natürlich.

»Spießer!«, hatte Kathrinchen mich deswegen mal genannt. »Immer auf Nummer Sicher, wa’?«

»Du weißt nie, wo du landest«, hatte ich ihr erklärt, »und wann du von da wieder zurückkommst.«

»Klar«, schnaubte sie, »Clint Eastwood und du …« Das ließ ich dann einfach mal so stehen.

Für Rabotti hatte ich auch gleich noch mehr Gesprächsstoff – als ich ihm eins von meinen braunen Maisblättchen rauspulte.

»Boah, ey! Geil, Ollen! Haste’n die her?« Ich nickte Richtung Friesenplatz. »Ah«, meinte er.

Also drehten wir uns jeder eine. Kein Feuer oder ein Zippo, wettete ich mit mir selbst. Und wenn Zippo, dann irgendwelche albernen Kunststückchen damit. Verloren. Es waren Streichhölzer. Aber immerhin keine stinknormalen, sondern Kunststückchen-geeignete – seins rieb er lässig an einem besonders großen Button an, mit einem Foto von Jane Fonda als Barbarella drauf. Make Love Not War!, forderte sie mich per Sprechblase auf, das von Henry geerbte Nussknackerkinn grimmig zu einer Art Lächeln verrenkend, ihre Augen so liebevoll wie ein Stück Schmirgelpapier. Ich dachte einen Augenblick darüber nach. Aber den alten Witz mit dem Kasten Bier auf’m Gesicht hatte ich noch nie so wahnsinnig komisch gefunden. Zugegeben, Jane – immer noch besser als Krieg … Aber mit Jane Asher zum Beispiel würde mir die Friedensbewegung doch ein bisschen mehr Spaß machen. Sorry.

»Irgendwoher kenn’ ich dich, Ollen, weiß ich ganz genau.« Natürlich gab er so schnell nicht auf. Na ja, jetzt rauchten wir schon zusammen, konnte ich auch mit ihm reden.

»Tatsächlich«, sagte ich also und hockte mich auf mein hölzernes Snare-Flightcase mit den typischen Aluleisten und Flügelschrauben. Dachte darüber nach, was aus Jane Asher wohl geworden sein mochte. Guckte auf dem menschenleeren, nassen Platz herum. Zählte sieben Häufchen schmutzig-graue Schneereste. Bewunderte den Dorf-Weihnachtsbaum, ein windschiefes Wrack mit neun elektrischen Kerzen, drei davon kaputt, und einer rot-weißen Stoffgirlande, das zwei Tage nach dem ersten Advent schon aussah, als säßen die Heiligen Drei Könige bereits seit vier Wochen wieder am Strand vom Roten Meer. Und im Stillen verfasste ich einen Leserbrief an den Espelkamper Landboten, ein geharnischtes Protestschreiben gegen Gustav Schnöken & Sohn, die ihre Marktschänke laut Aushang »mittag bis zwei, abend 17 bis 22 Uhr« geöffnet hatten. Jetzt war es viertel vor zwei, und das schiefe schwarze Rollgitter vor der Eingangstür war bereits unten. Falls es heute überhaupt schon mal oben gewesen war. Auf der anderen Seite des Platzes duckte sich eine dunkelrote Backsteinkirche unter dem bleigrauen flachen Himmel, hinter bunten Fensterchen schien Kerzenlicht zu flackern. Da war jetzt, zur Adventszeit, wohl mehr los als bei Gustav. Aber vielleicht war Gustav ja auch gleichzeitig der Pfarrer der Gemeinde – Seelsorger ist Seelsorger.

»Ich wette, du bist Musiker, ey«, näherte mein neuer Kumpel sich dem Jackpot. Ich starrte auf die Kiste unter mir, den runden Koffer neben mir, mit meinen Becken drin und all den Aufklebern auf dem verschrammten Deckel – Guru Guru, Checkpoint Charlie, Eiliff und Embryo. Penner’s Radio …

»Nah dran.« Den Witz hatte er auch schon mal gehört. Er warf seine langen, verfilzten blonden Locken aus dem Gesicht und wieherte.

»Schlagzeuger! Jau, Mann!« Er blies beide Backen auf, schob die Lippen vor und trommelte beidarmig in der Luft herum. »Dudu duduff duduff duffuff …« Irgendwas zwischen You Really Got Me und ’nem kleinen Jungen mit ’ner Märklin-Eisenbahn. Aus seiner Kippe sprühten Funken und aus seinem Mund Speichelbläschen zwischen einem Schwall Atemwölkchen. Jau, Mann.

Mir war kalt. Ich hatte Hunger. Und Durst. Vor allem Durst. Oder wie Opa Klütsch immer zu sagen pflegte: Mir es et esu kalt, datt isch vür louter Hunger nimmieh weiß, wat für ’nen Doosch isch han – esu mööd ben isch* … Und der nächste Bus kam laut Fahrplan, soweit man das zwischen all dem Geli liebt Jens-Gekrakel lesen konnte, um halb drei. Rock’n’Roll, I gave you all the best years of my life*, knödelte Kevin Johnson in meinem Hinterkopf.

Um es kurz zu fassen: Er ging mir auf die Nerven, bis ich aussteigen musste. Nee, nicht Kevin. Da wusste ich aber dann auch, dass er zwar Klaus-Peter hieß, aber von allen nur Rabotti genannt wurde, weil er seit drei Jahren in zwei Jobs malochte – morgens um sechs ging er bis vier Trecker und Rasenmäher reparieren, und abends von sechs bis halb zehn stand er an einem elektrischen Hobel und verwandelte Schalbretter in Nut-und-Feder, ein Baumaterial für Innenausstattungen, von dem der deutsche Eigenheimbewohner und Gartenlaubenbesitzer nie genug kriegen kann. Ich hatte einen ganzen Packen Fotos von seinen vier Freundinnen gesehen, wusste, dass er sich mit achtzehn beim Bund eine Vorhautverengung mit einer Rasierklinge selbst operiert hatte (»Riesensauerei, Ollen – würd’ ich so nich’ noch ma’ machen, ey! Aber sechs Wochen danach! Mann! Ich bin Freitagabend nach Bremen in’n Puff un’ erst Sonntagabend wieder raus, ey!«). Ich hatte erfahren, dass er kiffte, seit er dreizehn war, dass es mit einer eigenen Band nie geklappt hatte (»Scheiße, Ollen, ich bin so musikalisch wie’n Sack doude Katzen, ey!«) und dass er, schon interessanter, neun Schwestern hatte, die älteste elf Jahre älter als er und die jüngste eins (»Un’ alle noch dünner als ich, Ollen!«). Und er war schon so mager, dass man ihm nicht zutrauen mochte, ein Loch in eine nasse Tapete zu hauen. Das täuschte allerdings – meinen Beckenkoffer hob er mit zwei Fingern in den Bus, als sei’s bloß die Bild-Zeitung.

Aber wie unser Eiermann immer so schön kontert, wenn ihn jemand wegen seiner drei Bass-Saiten löchert: »Alles im Leben hat mindestens zwei Saiten!« – auch Freund Rabotti hatte sein Gutes. Erstens war ich dank ihm zu beschäftigt, um Zoff mit dem Busfahrer zu kriegen, an dessen Rückspiegel ein kleines Kofferradio hing und die ganze Fahrt volle Kanne Weihnachtslieder in den ansonsten leeren Bus plärrte. Und zweitens stellte sich raus, dass Mister Arbeiterklasse nicht nur kiffte wie ein Weltmeister (»He wätt nich gerook!«, schrie der Busfahrer nach hinten. »Dann mäck dat Fensta op, Sören! Un guck oppe Straat!«, schrie Rabotti ungerührt zurück. Ein milder Stern herniederlacht / Und kerzenhelle strahlt die Nacht, krähte das Radio), nein, mit seiner großen Tasche spielte er tatsächlich noch vorweihnachtliche Bescherung und zauberte sieben Büchsen Bier hervor. Die teilten wir dann gerecht, und als ich kurz vor meiner Haltestelle den letzten Schluck aus meiner fünften schlürfte, wusste ich schließlich auch, dass er am liebsten Perry Rhodan las, dass seine Kölner Lieblingsband die von Balkan-Rock-Axel war, dass er von dreien seiner Schwestern nacheinander recht anschaulich aufgeklärt worden war, mit seinen beiden Jobs bereits über fünfzigtausend Mark zusammengespart hatte, um sich bald nach Neuseeland absetzen zu können, und dass er in den letzten drei Jahren auf insgesamt sechsundvierzig Open-Air-Festivals gewesen war – »Un’ für nich’ ein einziges hab’ ich ’ne Eintrittskarte bezahlt, Ollen, nich’ ein einziges! Un’ immer vorne inne erste Reihe! Vonne erste Scheiß-Kapelle bis zur letzten Zugabe, ey!«

Kein Wunder, dass er mich kannte.

Und eingelullt von Bus, Bier und Blabla hatte ich ihm sogar noch verraten, dass Axel demnächst seinen traditionellen Advents-Auftritt im Session hatte.

5


Brödershof

Es gab wahrhaftig eine Telefonzelle in Brödershof, einem Flecken mit sechs Bauernhöfen, einem Molkereibetrieb, einem Reiterhof und einem Edeka-Laden, der Schneider’s Dorfkrug hieß. Und eben dieser halb gelben, halb rostbraunen Telefonzelle, vollgeklebt mit Plakaten, die mich zum berühmten Holzmindener Glühwei(h)nachtsmarkt einluden – Letztes Jahr mehr als 1000 begeisterte Besucher! Die zweite Überraschung war, dass das Telefon sogar funktionierte, und die dritte, dass Herr Schneider mit Gustav Schnöken & Sohns Arbeitsmoral nichts am Hut hatte. Er begrüßte mich überschwänglich, zapfte mir ein blumiges Pils, sah beifällig, wie das nach meinem ersten Schluck halb alle war, und machte sich gleich an ein frisches. Überraschung Nummer vier.

»Woll der noie Schlachzoigä, woll?«, meinte er mit einem Blick auf mein Gepäck. Ich nickte anerkennend. »Ich wollt’ den Jopp ja woll auch gemäkkt ha’m. Aber Hansi hat gemeint, dat wär’ ja woll doch nich’ ganz dat Richtige für Schneiders Vadder sein Sohn.« Er war an die fünfzig, mindestens, wog um die drei Zentner, mindestens, hatte Arme, dicker als meine Oberschenkel, eine Schnapsnase und ein steifes Bein. Hansi war mein Arbeitgeber für diese Woche, Hansi Hedegger, Bassist und in stillschweigender Übereinkunft Chef der Jazzrock-Kapelle Baggermann.

»Ach«, trug ich meinen Teil zur Unterhaltung bei und trank das zweite Pils. Eiskalt, prickelnd herb – ein Genuss. Schien er auch zu finden – er zapfte gleich drei neue. Bis auf eine ungefähr hundertjährige Gestalt, in einem riesigen schwarzen Ledermantel an einem Ecktisch neben der Lebensmitteltheke verbuddelt, war der Laden leer. Die hatte bis jetzt aber noch keinerlei Lebenszeichen von sich gegeben – vielleicht war das ja auch nur der Nubbel von Brödershof. Immerhin war in neun Wochen Karneval.

»Paiste oder Zyldjian?«, bellte mir der Hausherr plötzlich ins Gesicht, seine haarigen Fleischerarme auf das glänzende Zinkblech gestützt, seine Kartoffelnase dicht an meiner. Tausend rote Äderchen leuchteten mich an, aber noch mehr leuchteten seine listigen Augen – Dat hättste nich’ gedacht, mien Jong, datt olle Schneiders Vadder sein Sohn da Ahnung von wech hat, woll?

Tatsächlich hätte ich mich fast verschluckt – kannte der doch tatsächlich die beiden besten Schlagzeugbeckenmarken.

»Weder noch«, brachte ich raus. »Und sowohl als auch.« Da hatte er erst mal was zu schlucken.

»Beide?!?«, fragte er entsetzt. Als hätte Uwe Seeler angekündigt, er ginge jetzt zu St. Pauli. Hinter den Falten auf seiner Stirn sank Hansi ein paar Stufen in seiner Achtung. Ich war sowieso unten durch. Also war’s eh schon wurscht.

»Ich hau auf alles, was Krach macht«, setzte ich einen drauf. Darauf brauchte er einen Klaren. Nahrung für die Äderchen. »Ich bin der Büb«, stellte ich mich vor, »der Kanaldeckel’s Büb aus Köln-Vogelsang.«

»Kanaldeckel«, echote er fassungslos.

»Na ja, ich nehm’ auch Autofelgen.« Hoffentlich kriegt er keinen Herzinfarkt.

Schneiders Vadder sein Sohn doch nicht. Er lachte schallend, machte noch zwei Korn, drückte mir einen in die Hand und stieß mit mir an.

»Autofelgen, Ooas! Nu’ wär’ ich doch beinah drauf reingefallen auf den Spöök.« Ich sagte lieber nix mehr. »Aber schon schad’, das Dingen mit dem Raimund, oder?«

»Na ja, so ganz unschuldig is’ er wohl selber nich’, oder?« Grimmig wiegte er seinen Schädel hin und her, was seinen Hals in mächtige Wellenbewegungen versetzte.

»Tscha! Ich sach ihm doch schon seit Jahren: Lassas nach, Jong! Du wirst dich nomma’s Genick brechen!«

»Da hat er ja diesmal noch ma’ Schwein gehabt, wa’?« Ich auch. Sozusagen. Deswegen war ich hier. Raimund, der eigentliche Schlagzeuger von Baggermann, hatte sich bei einem weiteren unangebrachten Versuch, in Richie Haywards Fußstapfen zu treten, mit seinem Motorrad im wahrsten Wortsinn auf Glatteis begeben und sich beide Beine und einen Arm gebrochen. Blöd für ihn, aber eigentlich nicht weiter schlimm für seine Band – die tourten grundsätzlich nur von April bis November, um den Winter über entweder an der Algarve rumzuhängen oder in ihrem eigenen Studio in Hinderup an neuen Platten zu frickeln. Leider hatten sie dieses Jahr jedoch beschlossen, dass das nächste Album Baggermann den endgültigen Durchbruch bringen sollte, und bei einer neuen Plattenfirma unterschrieben. Nicht zuletzt auch wegen eines schwindelerregenden Vorschusses. Die Firma wiederum war bloß die Hamburger Tochter eines amerikanischen Konzerns, und deren Uhren ticken anders als die bei Omelette, ihrem bisherigen Label, wo Verträge auf Bierdeckel passten und Chef Heiner König seine Frau und seine Mutter neue Platten eintüten und ausliefern ließ.

Dummerweise standen ihre fünf Unterschriften nun also auch auf richtigem Papier, unter einem richtigen Paragraphen, der besagte, dass bei Überschreiten des Abgabetermins eine sechsstellige Konventionalstrafe fällig war. Und der Termin war der 1. Januar nächsten Jahres. Keine vier Wochen, und sie mussten noch fünf Titel aufnehmen – und den ganzen Klumpatsch natürlich noch rechtzeitig abmischen. Stress war angesagt.

Aber sie kannten ja mich.

»So’n büschen wundern tu’ ich mich ja schon …«, meinte Schneider. »Nix für ungut – aber dein’ Namen hab’ ich noch nie gehört.«

»Ja, scheinst dich auszukennen, was Schlagzeug angeht, wie?« Sein Stichwort.

»Komm ma’ mit!«, flüsterte er geheimnisvoll. Ich nahm vorsichtshalber noch einen guten Schluck und folgte ihm zu einem dicken rotbraunen Vorhang zwischen Zigarettenautomat und Toilettentür. Mit großer Geste knipste er einen Lichtschalter an und zog den Vorhang auf. »Tädäää!«, schrie er.

Ich war baff. Ein komplettes Schlagzeug-Set auf einem kleinen Podest, schätzungsweise Jahrgang ’55, in einem grauslichen Türkisgrün mit Goldglimmer, fett Premier auf dem vorderen Basstrommelfell, und in rot und golden umrandetem Türkis darunter ein schwungvolles The Blue Beatnicks. Ja, mit ck. Und auf allen auf Hochglanz polierten Becken war der Paiste-Schriftzug mit türkisgrünem Lack nachgezogen. Ein echtes Schmuckstück. Ich wettete mit mir, dass er das Ding Schießbude nennen würde.

»Na, wat sachste, mien Jong?«, strahlte Schneiders Vadder sein Sohn. Ich strahlte zurück.

»Mein lieber Mann. Wo haste gespielt – in Las Vegas?«

»Pah! Las Vegas! Weißte, wo ich an die Schießbude gesessen hab’? Na?« Er zwängte sich an der Kiste vorbei, ließ sich auf ein besonders stabiles Monstrum von Schlagzeughocker plumpsen und griff sich die Stöcke, die fein säuberlich gekreuzt auf der Snare lagen. Weiß, mit Nylonspitzen. Und natürlich mit türkisem Klebeband verziert. Er klickte den Snareteppich hoch und produzierte einen sauberen Zirkuswirbel. »In’n Starclub, Mann! In Hämbuarch in’n Starclub! Neunzehnsechzig! Einunsechzig! Als der Beat losging!« Und prompt legte er einen trocken swingenden Twist hin, der Chubby Checker ein breites Grinsen entlockt hätte. Seine Hi-Hat blieb geschlossen, weil sein steifes Bein ausgestreckt daneben lag. Aber mit dem gesunden rechten spielte er eine ordentliche Bassdrum. Nach acht Takten floss ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht, und seine Zunge streckte sich wild von einem Mundwinkel zum anderen.

»Herrjessas, Himmel, Arsch un’ Klötensuppe!«, tönte es plötzlich aus dem Ledermantel in der anderen Ecke. »Ich denk’, da – nu’ is’ Sören mit sein’ Bus in’n Kruuch gedonnert! Un’ dann is’ auch noch mein Bier alle!« Mit einem gekonnten Wirbel über beide Toms beschloss Schneider seine Darbietung. Ich hatte nur ein bisschen Angst, er würde sich dabei auf die Zunge beißen.

»Kommt sofort, Fritzken, kommt subito!« Mühsam stand er auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er wollte die Stöcke schon wieder akkurat an ihren Platz legen, aber dann warf er mir einen schrägen Blick zu. »Willste auch mal, Jong?«, streckte er sie mir generös entgegen. Ich wollte schon dankend abwehren, aber da sah ich die Enttäuschung, die sich in seinem Gesicht ausbreiten wollte. Verlegen grinsend nahm ich die Dinger, als überreichte er mir den Goldenen Schlüssel zur Stadt. Klemmte mich auf seinen Hocker, schraubte die Hi-Hat-Becken auf Abstand. Vorsicht, Büb, sagte ich mir, jetzt hau dem armen Mann nicht sein Schmuckstück in Fetzen! Aber was sollte ich spielen? Ich trommelte ein paar Paradiddle und Sechzehntel-Triolen auf die Snare, um ein Gefühl für die Abstände, die Spannstärke der Felle und die Stöcke zu kriegen, die nicht halb so schwer waren wie meine Kanaldeckels-Knüppel. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Schneider sich auf halbem Weg zu seinem Zapfhahn herumdrehte und mich aufmerksam beobachtete. Na ja, dachte ich, alle alten Schlagzeuger mögen Jazz, bewundern Gene Krupa, Buddy Rich, Art Blakey. Hey – und Joe Morello natürlich! Und schon rollte ich in einen sanften, locker aus dem Handgelenk gespielten Fünf-Viertel-Rhythmus, spielte einen halben Chorus von Brubeck’s Take Five, brummte das Bassriff dazu, kriegte Spaß an der Sache und legte die ersten sechzehn Takte von Morellos Kult-Solo drauf.

Als ich zwischendurch mal hochblickte, stand der Schießbudenbesitzer mit weit offenem Mund hinter seiner Theke, Unglauben und Bewunderung in den Augen. Aber auch eine gute Portion Neid und Wehmut. Jetzt spiel’ ich doch mindestens zwanzig Jahre länger als dieses langhaarige Früchtchen, konnte ich lesen, aber das werd’ ich mein Lebtag nich’ hinkriegen … Schnell wich er meinem Blick aus und beschäftigte sich angelegentlich mit Fritzkens Pils. Scheiße, Büb, ermahnte ich mich, mach hier nicht den Angeber! Flugs verhedderte ich mich bei einem Tomwirbel, schlug auf dem Rückweg gegen die Unterseite des Ride-Beckens und verlor klappernd den rechten Stock.

»Verdammt!«, schrie ich und sprang auf. »Aber eines Tages werd’ ich’s hinkriegen!« Bemüht, seine Erleichterung zu verbergen, wenn auch nicht ganz erfolgreich, griff Schneider zur Kornflasche.

»He, mien Jong, dat war doch schon gar nich’ so verkehrt! Da hat der alte Joe auch lange dran geübt! Dat kommt nich’ von heut’ auf gleich! Schon gar nich’ mit Kanaldeckeln, ho ho!« Er hielt mir einen doppelten Korn entgegen. »Komm, ich geb’ einen aus! Hier, Fritzken, kriss auch ein’n auf den Schreck! Auf die wunnäbare Welt der Musik, Kinners!« Synchron kippten wir uns zu dritt den Schnaps in die zurückgelegten Hälse. Männerrituale. Ich hob erst mal den Stock wieder auf, legte das Paar schön über Kreuz auf die Snare, wie es sich gehörte, schaltete den Snareteppich ab und schraubte die Hi-Hat wieder zusammen. Zog den Vorhang zu und machte das Licht wieder aus. Hübsch ordentlich und bescheiden, der Junge aus Köln.

Dann hockte ich mich wieder an die Theke, wo schon ein frisches Pils auf mich wartete.

»Weißte«, beugte Schneider sich wieder herüber, »eins kann ich dir aus langer Erfahrung sagen: Ein Schlachzoigä, der muss immer üben. Immer üben! Ein Leben lang! Jackie Jefferson – kennst du, oder? Der vom Ellington –, der hat noch mit über siebzig vor jedem Konzert eine halbe Stunde seine Exi-, eh … Exerzitien gemacht! Inner Garderobe!« Ich nickte mehrmals, als sei das sowieso Grundwissen für unsere Branche. Meines Wissens war der alte Jackie zwar mit knapp sechzig an Fettleber gestorben, und schon zehn Jahre vorher hatte er seinen Job verloren, weil seine Kollegen ihn vor jedem Gig erst mal mit kalten Duschen aus dem Koma holen mussten. Aber das Pils war wirklich sehr lecker.

»Inner Garderobe!«, bekräftigte Schneiders Vadder sein Sohn. »Jee-deen Tach! Willste no’ ein’n?« Was ’ne Frage. »Ich will dir mal was erzählen, mien Jong …« Ich rutschte auf meinem Hocker in eine bequeme Stellung, drehte mir eine neue Kippe und schlürfte schon mal ein halbes Bier unter dem Schaum weg.

Leider ging in dem Moment die Tür auf, und Sven Eisenmacher versaute mir einen vielversprechenden Abend.

6


Da isser ja

»Naa, da isser ja!«, grüßte er scheinheilig und schüttelte sich ein paar Schneeflocken von einer sündhaft teuer aussehenden Kalbslederjacke. Aber dann guckte er sich uns kurz genauer an, sah für zwei Gäste erstaunlich viele schmutzige Gläser neben dem Spülbecken stehen und erfasste recht schnell die Lage. Sein professionelles Lächeln ließ ihn ein wenig im Stich, sein Mund schien ein enttäuschtes »Oh« formen zu wollen, und auf seiner Stirn stand Ich hab’ euch gleich gesagt: Nicht diesen versoffenen asozialen Kölner! Sein Abend war wohl auch im Eimer.

War’n wir halt quitt.

Aber so what – er war doch nur der Manager, Baggermanns Mädchen für alles – Tourbegleiter, Ombudsmann, Drogenbeauftragter, Finanzverwalter. Und als einer der ersten in unserem Geschäft von Amateuren und Luftikussen hatte er erkannt, dass es durchaus nicht verkehrt war, sich ein paar kaufmännische und juristische Kenntnisse draufzuschaffen und als Band, die all ihr Material selbst schrieb, einen eigenen Musikverlag zu gründen. Das war ihm als BWL studierendem Spross einer alten Hamburger Kaufmannsdynastie auch nicht sonderlich schwergefallen. Also leitete er seit zwei, drei Jahren die IronmakerPublishing GmbH – alle Ausgaben wurden aus der Baggermann-Kasse gezahlt, und von allen Einnahmen sackte er einundfünfzig Prozent ein, schließlich war er entsprechender Mehrheitsinhaber und Geschäftsführer und hatte »die ganze Arbeit am Hals«. Dieses Arrangement war meinen Kollegen möglicherweise noch gar nicht so richtig aufgegangen, vielleicht war’s ihnen aber auch schnurz – von ihrem Anteil der GEMA-Tantiemen konnte man sich einen ziemlichen Klumpen Afghanen leisten. Dass manche in der Branche Eisenmacher »den Jud’« nannten, fanden sie jedenfalls genau so wenig angebracht wie ich.

Natürlich ließ er sich nur zu einem Sprudel überreden, an dem er spitzmundig nippte, während ich erst mein Bier austrank, dann noch das, was Schneider mir schon angezapft hatte, und meinen Deckel bezahlte. Mit Ach und Krach, aber für’s erste hütete ich mich, Eisenmacher um einen Vorschuss zu bitten – um Kohle würde ich noch früh genug mit ihm feilschen müssen.

Also schleppte ich mein Gepäck raus zu seinem BMW (erst drei Schritte vor dem Kofferraum bot er mir an, mir ein Stück abzunehmen) und ließ mich auf den schnieken Beifahrersitz fallen. Und natürlich musste er sich aufspielen und ausgerechnet Emerson, Lake & Palmer aufdrehen – aber was hatte ich erwartet? – und halsbrecherisch einen Waldweg voll frischem Schnee entlang schlittern – ein leichtsinniges Reh, und ich könnte mich gleich zu Raimund ins Bett legen. Ich überlegte noch, ob ich ihm zum Spaß auf seine schicken Lederarmaturen reihern sollte, aber da rutschten wir schon zwischen zwei riesigen Totempfählen hindurch und kamen drei Zentimeter vor der Heckklappe des Baggermann-Tourbusses zum Stehen. Natürlich ein fetter Mercedes 608, keine zwei Jahre alt. Ein kleines bisschen neidisch dachte ich an unseren Opel Blitz. Der war schon volljährig. Aber dafür stand auf dem auch nicht so was wie Baggermann – FREAKPOWER OVER GERMANY!

Das erste Stück Freakpower, das ich zu spüren bekam, war Elvis – knappe zwei Zentner Neufundländer schmissen mich begeistert in den Schnee, leckten mir durchs Gesicht und niesten mich voll, nachdem sie meine Bier-und-Korn-Fahne in die Nase gekriegt hatten. Immer noch besser als das zweite Stück – in der Haustür tat Sibylle, als würde sie sich freuen, mich wiederzusehen, fiel mir jauchzend um den Hals und rammte mir ihre knochige Hüfte in die Weichteile. Aber auch ihrer langen Nase blieb die Fahne nicht verborgen. Natürlich nicht.

»Wie deine Fahrt war, brauch’ ich ja wohl nicht zu fragen«, schnupperte sie ostentativ geräuschvoll, »aber jetzt hast du sicher Hunger, oder? Wir wollen gerade essen.« Spitze Betonung auf essen. Klar hatte ich Kohldampf. Und Gentleman, der ich bin, verkniff ich mir, sie auf den Geruch von Schimmel und Haschisch hinzuweisen, der aus ihren Klamotten und ihren roten Locken stieg.

»Ach, komm, Bill – du weißt doch, dass ich weiß, dass ihr immer einen Kasten Bier im Keller habt. Und ich wette, der steht schon wieder so lange da, dass das Verfallsdatum –«

»Leider Pech gehabt, Büb!«, schnurrte sie so triumphierend, dass sie vergaß, sich das verhasste Bill zu verbitten. »Den haben die Jungs gestern Abend leergemacht – du bist schließlich zum Arbeiten hier, oder?«

»Klar. Aber ob das was wird – mit so ’nem trockenen Hals?«

»Lass dich nich’ verarschen, Mann. ’türlich ha’m wir dir ’ne Flasche übrig gelassen.« Paul hielt uns die Küchentür auf, hieb mir in die Lebergegend und klatschte Sibylle auf den mageren Hintern. Zur Strafe nahm sie ihm den halbgerauchten Joint aus dem Mund und stolzierte paffend in die Küche. Hier roch es besser – Knoblauch, Weißwein, Oliven und Kräuter übertönten den Modergeruch, ohne den eine Landwohngemeinschaft nicht auszukommen schien. Und Shit natürlich.

»Aah«, machte ich begeistert, »wieder Boeuf Niçoise – ohne Fleisch, wie?« Solange die Kollegen daheim unter Sibylles Fuchtel standen, waren sie alle Vegetarier. Aber sobald es auf Tour ging, saßen sie in der ersten Raststätte, die auf ihrem Weg lag, und hauten sich Bockwurst, Schnitzel und Gulasch rein. Bis auf Selmer natürlich, den Saxophonisten – der schmierte sich nicht mal Butter aufs Brot, weil man dafür eine Kuh vergewaltigt hatte. Dass irgendwelche Maserati fahrenden Arschlöcher sich den Arsch ab verdienten, indem sie mit Kräutern handelten, die achtjährige Kurdenjungs bei dreißig Grad im Schatten ernten und bei zwölf Grad minus für eine Handvoll Reisnudeln zentnerweise über mörderische Gebirgspfade schmuggeln mussten, schien seinem Gewissen nicht so viel auszumachen – er hatte ein Rohr in der Hand, für das er mindestens fünf Blättchen gebraucht hatte. Und es war offensichtlich nicht sein erstes – seine nur noch halb offenen Augen schwammen in einer rosigen Flüssigkeit, und er grinste, als habe er einen kleinen Mann im Ohr, der ihm einen Ostfriesen-Witz nach dem anderen erzählte.

»Ey, Mann«, brachte er heraus. »Cool, ey. Der – ääh – der Büb, ey.« Der kleine Mann in meinem Ohr bedauerte fast, dass Eisenmacher auf seinem Weg zu Schneiders Dorfkrug kein Reh getroffen hatte.

Do es ene Kääl en mingem Kopp / Määt mich langsam, ävver beklopp’* klimperte Paul auf einer akustischen Zwölfsaitigen, zwar meiner Ankunft zu Ehren, aber durchaus passend, einen von Penner’s Radios vielen heimlichen Hits (eigentlich hatten wir ja nur Hits – und irgendwann würde das auch mal jemand merken …). Die große Überraschung war das Mädel, das neben ihm auf einem der Sofas saß und plötzlich lachend den Text mitsang – in akzentfreiem Kölsch! Die würde ich mir später noch genauer angucken müssen.

Aber erst mal galt es natürlich den Chef zu begrüßen. Der saß am Kopfende eines Esstisches für zwanzig Personen in seinem Thron, einem hohen Eichenlehnstuhl mit wilden Schnitzereien, und blickte abwesend von einem winzigen Steckschach auf, als sei er überrascht, mich zu sehen.

»Hansi!«, lautete meine wohlgesetzte Begrüßungsrede. Es ist zum Kotzen – ich kann arrogante Menschen nicht ausstehen, sie können mich eigentlich nicht im geringsten beeindrucken, und ich durchschaue sie meistens bis zu den Pickeln auf ihrem selbstherrlichen Hintern, aber trotzdem tue ich mich schwer damit, mich nicht von ihnen verunsichern zu lassen. Kommt vielleicht davon, dass man als Arbeiterkind auf eine Herde »richtiger« Gymnasiasten losgelassen wird. Bzw. umgekehrt. Ich wanderte zu ihm hinüber und blieb zur Kompensation einen Meter vor ihm stehen, mit ausgebreiteten Armen, so dass er sich genötigt sehen musste, höflich zu sein, aufzustehen und mir einen Schritt entgegen zu kommen.

Küche könnte im Fall Hinderup ein etwas irreführender Begriff sein. Die Kirche von Espelkamp war nicht viel kleiner als Baggermanns Gemeinschaftszimmer, und bei einer anständigen Fete würden hier mindestens achtzig Leute Platz finden, ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Vom Kühlschrank zum Herd konnte man Rollschuh fahren, zu einer Klettertour auf ihren Küchenschrank nahm man besser eine Leuchtpistole mit, und zwischen den mächtigen Esstisch und den Billardtisch im hinteren Teil hätten bequem noch ein paar Kicker und ein Hundezwinger gepasst.

Was red’ ich da – neuerdings stand da zumindest ein Kicker, und Elvis lag daneben auf seinem eigenen Sofa, einem riesigen schmuddeligen Ungetüm aus zerfetztem violetten Leder. Missmutig und krachend kaute er an einem halben Birnbaum – auch ihm blieb nichts anderes übrig, als zu Hause Vegetarier zu sein. Von einem Köter, besonders dieses Formats, natürlich ein bisschen viel verlangt, weswegen er sich gelegentlich mal eine Nacht in die Wälder der Gegend verdrückte. Und wenn er dann zufrieden grinsend heimkehrte, war, was manchmal noch von seinen Lefzen tropfte, gewiss kein Johannisbeersaft.

»Der Büb«, konstatierte Hansi lässig, aber korrekt. »Kommt mal wieder was Leben in die Kräuterbude, wie?« Er klopfte mir ein paarmal auf den Rücken und befummelte meine Rechte. Ich fühlte mich wie Hänsel, aber ich war wohl immer noch nicht fett genug, denn die Knusperhexe ließ von mir ab und setzte sich wieder an sein Schachbrett.

»Springer auf f9«, sagte ich. Verdutzt guckte er auf seiner Partie herum, bis er den blöden Witz schnallte und säuerlich grinste. Selmer wollte sich hingegen nicht mehr einkriegen vor Lachen.

»Springer auf f9!«, jaulte er. »Läufer auf fis-Moll 7!!«

»Schockemöhle auf Alarich«, ergänzte Paul grinsend.

»Wilson Pickett auf Lester Young!!!«, kreischte Selmer. Kiffer.

»Essen is’ fertig, Kinners!«, klatschte Sibylle in die Hände. »Sagt jemand dem Schrat Bescheid?«

»Nit nodig«, brummte es von der offenen Küchentür her. Weit offen, denn der Schrat war so breit wie groß, und er war ziemlich groß. Ein Bär von einem Kerl, mit wilden schwarzen Locken und einem noch wilderen schwarzen Bart, dem die lila Latzhose, die er trug, ähnlich gut stand wie mir das Gelbe Trikot. Wir führten ein kleines Wiedersehenstänzchen auf.

»Mann, hab’ ik auf dir chewartet!«, holländerte er strahlend, angelte zwei Pullen Bier aus seinen Hosentaschen und knackte zwischen seinen Pferdezähnen die Kronkorken ab. »Endlik einen, mit dem ik mal wieder ein’n zischen kann! Wat, Billa?« Sibylle sagte nichts, aber ihr Gesicht sprach Bände. Ihre ganze schöne Hausmütterchen-Autorität drohte flöten zu gehen. »Die Mary Ann aber ließ ihn nicht los«, sang der Schrat. »Wat, Büb, oude klootzak?«

Damit war ich sein Freund geworden, als wir uns vor ein paar Jahren kennenlernten, auf irgendeinem Festival irgendwo in Ingendingenhingen (ob Rabotti auch da gewesen war, damals?). Als ich ihn das erste Mal sah, war mir spontan das alte Freddy-Quinn-Lied in den Kopf gekommen, und ich hatte es ihm gleich vorgesungen. Und an mehreren Theken noch mehrmals vorsingen müssen, er hatte es nämlich nicht gekannt und war völlig begeistert – ein eigenes Lied! Für ihn, der doch bloß Roadie bei einer Krautrock-Kapelle war! So groß wie ein Baum und stark wie ein Bär / So fuhr er das erste Mal über’s Meer … Und Big Bill Broonzy wälzte sich in seinem Grab herum.

Arm in Arm walzten wir eine halbe Runde um den Tisch.

»He, koptein«, dröhnte mir der Schrat ins Ohr, »has’ du schon Mischa kenne’chelernt, mein Meisje?« So viel zu »später genauer angucken« – rundum appetitliche, schwarzlockige Einssechzig sprangen in seinen Arm, reichten mir ein schwitziges Händchen und versuchten, mir die Finger zu zerquetschen.

»Tach, Herr Klütsch, isch ben et Mischa, us Lungke. Alles en Dortmund?«* Sie nahm dem Schrat seine Pulle aus der Hand und holte aus. Na, war das auch erledigt – um vorlaute Frauen mit schwitzigen Händen mach’ ich eh lieber einen Bogen.

»Teller!«, machte Sibylle Boden wett. »Besteck! Brot!«

»Willkommen in Hinderup«, grinste Paul. Ich ließ das kölsche Mädchen unsere Flaschen aneinander knallen und mir erst mal das Bier in den Hals laufen. Trocken, wie der schon wieder war.

»Isch kenn’ disch!«, verkündete Mischa dann auch noch. »Isch hab’ disch mal mit dem Kathrinschen zusammen jeseh’n – auf’m Mädschenklo im Session!« Ihr Kichern verriet, dass das nicht beim Lippenstift-Nachziehen gewesen war.

»Tja, die Welt is’ klein«, brachte ich hervor.

»Un’ – wie jeht et der? Seid ihr noch zusammen?«

»Nö«, sagte ich, machte die Pulle alle und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie weh das »Nö« tat.

»Komm, Herr Baggermann, sei unser Gast und segne, was du uns eingedudelt hast«, mussten wir dann am Tisch beten, während alle sich an den Händen gefasst hielten. Aber wenigstens spendierte uns Herr Baggermann Rotwein zum Essen.

7


... and life is not a song ...

Du bist selber schuld!«, schimpfte sie. Ihre Stimme klang zittrig, brüchig, als leide sie innerlich doch ein bisschen mit ihm – aber natürlich würde sie nicht eingreifen, natürlich würde sie ihn nicht retten. Das hatte sie einmal versucht, als er im Winter auf der im Hof gestreuten Asche knien musste, weil er mit Streichhölzern gespielt und ein Loch in die Tischdecke gebrannt hatte. Der Alte hatte sie geohrfeigt, grob an den Haaren herumgezerrt und sie ebenfalls dort knien lassen, zwei Stunden lang, frierend, mit schmerzenden Kniescheiben, schluchzend. Nein, sie würde ihm nicht helfen. Nicht helfen können.

Noch ein Löffel voll. Rhabarbergemüse mit Kartoffelbrei. Kalt – der Rest seines Abendessens. Von gestern. Da war der Junge nach mehreren Schlägen in den Nacken, nachdem ihm der Alte zweimal das Gesicht in den halb geleerten Teller gedrückt hatte, ins Bett geschickt worden, mit dem bekannten, gefürchteten Versprechen. Die halbe Nacht hatte er würgend wachgelegen, lautlos unter seiner Decke geweint, ein Erdbeben, einen Blitzeinschlag, eine Panzerarmee herbei gebetet.

Und selbstverständlich hatte der Alte es sich nicht nehmen lassen, ihn schon vor dem Morgengrauen aus dem Bett zu zerren, in die noch kalte Küche, während sie den Herd in Gang brachte. Hatte den Teller aus der Vorratskammer geholt, zum Glück nicht bemerkt, dass sie ein unauffälliges Häppchen davon schon hatte verschwinden lassen, die eklige rosarote Pampe auf den Küchentisch geknallt und ihn auf den Stuhl davor gedrückt.

»Und das isst du jetzt!« Und als Prophylaxe gleich zwei schmerzhafte Kopfnüsse dazu.

Drei Löffel hatte der Junge geschafft, den widerlichen Brei gekaut, fast eine halbe Stunde immer wieder und wieder im Mund umher gewälzt, bis er sich überwinden konnte, ein kleines Bisschen davon hinunterzuschlucken; klar wusste er, dass das Zeug nur immer ekliger wurde, je länger er das Schlucken hinauszögerte – aber die Angst, dass es sich wieder selbständig machte, seine Speiseröhre sich weigerte, es weiterzubefördern, sein Magen sich weigerte, es anzunehmen, war zu groß. Und dann war es ihm doch hochgekommen. So gerade noch schaffte er es, den Kopf zur Seite zu drehen. Schon einmal, im letzten Herbst – Breitlauch mit Graupen – war es ihm passiert, dass er, sich übergebend, den Teller getroffen hatte, und er hatte alles zusammen aufessen müssen – das schlimmste Frühstück seines Lebens.

Jetzt traf ihn eine Ohrfeige, die ihn seitlich vom Stuhl warf, aber bevor er sich unter dem Tisch verkriechen konnte, war die Hand da, packte das Fleisch an seinem Oberarm und riss ihn wieder hoch.

»Gottverdammter –« Draußen röhrte ein Lastwagenmotor, und eine heisere Hupe erklang zweimal.

»Ach, der Wolfi«, rief seine Mutter, bemüht beflissen, einen schrillen Unterton von Verzweiflung in der Stimme, von Hoffnung auf Erlösung. Sie packte die verbeulte Aluminiumdose mit den Butterbroten und die Kanne mit dem Getreidekaffee in die verschlissene braune Aktentasche, drei hartgekochte Eier. »Hier, ich tu’ dir zwei Äpfel dazu!« Der Alte schnaubte verächtlich, ging zum Vorderfenster und öffnete es.

»Ja zaraz wraca!«, schrie er hinaus. »Ich komme gleich!« Kam wieder zurück. »Jetzt mach, Junge, stell dich nicht so an«, tat er freundlich, »Rhabarber ist gesund! Willst doch groß und stark werden, oder? Komm, ein Löffel noch!« Griff sich die kleine Nase und hielt sie zu. Als der Junge, nach Luft schnappend, den Mund öffnete, schob er ihm einen gehäuften Löffel voll hinein. Hielt die Nase weiter fest im Griff, bis alles hinuntergeschluckt war. Ignorierte das Würgen, den Strom von Tränen.

»Na siehste, geht doch!«, sagte er zu beiden, gab dem Jungen noch einen harten Klaps auf den Kopf und der Mutter einen noch härteren auf ihr dürres Hinterteil. Schnappte sich seine Tasche und polterte hinaus.

Schnell griff die Mutter sich den abgestoßenen weißen Emaille-Putzeimer und hielt ihn dem Jungen vor das hochrote Gesicht, nur um die Nase herum noch weiß von den eisernen Fingern, und im hohen Bogen erbrach der sich in den Eimer, ein rot-grüner Schwall von Zerkautem und Galle, während ihm der Schweiß in dicken Tropfen aus der Stirn brach.

Keuchend hielt er inne.

»Groß und stark!«, flüsterte er. »Groß und stark! Wenn ich groß und stark bin, schlag’ ich ihn tot!«

Von draußen hörten sie das Gelächter der beiden Männer, dann knallte eine Wagentür, der Motor brüllte auf, und sein böses Grollen entfernte sich langsam, verlor sich im Grau des beginnenden Tages, im Knistern des Herdes, dem Ticken der großen Uhr auf dem Küchenschrank, dem Kratzen des Löffels, mit dem die Mutter den Rest des Essens in den Eimer schob, ihrem bebenden Atem.

»Dann musst du essen!«, kam es tonlos aus ihrem Mundwinkel, als sie sich wegdrehte und, den Löffel noch in der Hand, ein hastiges Kreuzzeichen über ihrer mageren Brust schlug.

8


Was 'ne Woche

»Ja, allerdings, mein Freund: Was ’ne Woche«, bestätigte ich meinem Spiegelbild noch einmal und bemühte mich, den Rallyestreifen zwischen meinen Koteletten zu rasieren, ohne mich umzubringen. Your face / Is drawing / Crazy patterns / On my mind*, sang Tom Rapp nebenan. »Wenn ich das nächste Mal abhebe und es meldet sich ein Herr Eisenmacher, sag’ ich ‚Falsch verbunden!’ und lege sofort wieder auf. Wie soll ich dich eigentlich nennen?«

»They call me Mister Pitiful«*, sang er. »Aber immerhin tausend Ocken! Plus Fahrgeld – da hast du doch nicht mit gerechnet, oder?« Hatte ich nicht. »Und dein Name auf dem Cover einer Platte, die sich wahrscheinlich deutlich mehr verkaufen wird als alle drei Penner’s Radio-Alben zusammen. Is’ doch auch was, oder?« War auch was. »Und trotz Kiffer-WG jeden Abend gemütlich angeschickert in die Koje. Hättste au’nich’ gedacht, hä?« Hatte ich auch nicht. »Und beinahe nicht mal immer alleine! Hättste damit gerechnet?« Nein, damit hatte ich allerdings überhaupt nicht gerechnet.

»Blödmann!«, knurrte ich. That’s how I got my fame, bellte Mr. Pitiful fröhlich …

»Wie, du hast keinen Schlafsack dabei?!«, hatte Sibylle sich gewundert, als der Schrat nach dem Essen wieder hereinkam und mein Gepäck neben einen der drei Kühlschränke pfefferte.

»Wusste nicht, dass ich hier neuerdings einen brauche«, klimperte ich sie an. Sie wurde rot und zerpflückte heftig ein Stück Kerzenwachs. Nicht besonders fair von mir, aber sie ging mir zusehends auf die Nerven, und das schon am ersten Abend. Dass sie gleich versuchte, mir ein Bündel Verhaltensmaßregeln für die Woche aufzudrücken, hätte ich ja noch lustig gefunden, wenn mir auch ihre Behauptung, Raimund sei jeden Morgen um acht mit Elvis eine Runde durch die Botanik gelaufen, schwer danach klang, als wollte sie bloß dafür sorgen, dass ich nicht wieder bis morgens um fünf mit dem Schrat und einem Kasten Bier um den Billardtisch herumhing. Dass ich während meines Aufenthalts einmal mit Kochen und einmal mit Abwaschen dran sei, war für mich sowieso selbstverständlich. Dass sie aber meinte, sich auch einmischen zu müssen, als wir anfingen, über die Stücke zu reden, auf denen ich trommeln sollte, ging mir entschieden zu weit. Darüber würde ich mit Hansi noch genügend Zoff kriegen, dafür brauchte ich die Weisheiten der Band-Mutti wahrhaftig nicht.

»Ich hab’ noch ’ne zweite Steppdecke«, sprang Paul ein.

»Alles klar«, sagte ich.

»Morgen nach dem Frühstück hören wir uns mal an, was wir bis jetzt auf Tape haben«, entschied Hansi, ganz der Kapellmeister, »und dann spielen wir dir mal vor, was an neuem Material da ist.«

»Un’ dann ’ne Jam-Session, ey!«, beteiligte sich Selmer. Super, dachte ich. Session hieß bei Selmer, der wiederum Selmer hieß, weil er nie ein Saxophon einer anderen Marke auch nur anfasste, dass er nach dem vierten Joint sein Echogerät nachjustierte, bis es klang, als hätte man fünf Fichtelgebirge hintereinander gestapelt. Dann trötete er in eins seiner Hörner, ein, zwei, vielleicht sogar drei Töne, lauschte erst mal ein paar Takte versonnen und weggetreten dem Weg der Echos hinterher, und erst, wenn von irgendwo in Freakistan eine Antwort kam und seinem vernebelten Hirn sagte, dass er es ruhig wagen könne, sich zu einem vierten Ton durchzuringen, kam er wieder auf den Teppich und an sein Mikrophon zurück.

Leider war es sein Ehrgeiz dabei auch, das Echogerät auf das Tempo des Stückes einzustellen, das gerade gespielt wurde. Was er allerdings höchst selten schaffte, bevor seine Mitspieler mal wieder einen der bei Jam Sessions üblichen und häufigen Tempowechsel vollzogen hatten.

Also beschränkte sich der kreative Beitrag des Saxophonisten die halbe Zeit auf ein kurzes Tuut, dem vom Bandecho eine lange Reihe schneller und wieder langsamer werdende tutututuutuuuutuuuutuututututs folgten. Versuch mal, zum Takt eines Metronoms einen Tischtennisball auf einen Steinfußboden fallen zu lassen.

Hinzu kam, dass auch Paul, an sich ein netter Mensch und ein klasse Gitarrist, zu später Stunde den Versuchungen des einen oder anderen Hallgeräts nicht widerstehen konnte und zu ein paar von seinen typischen merkwürdigen Akkorden – er spielte umgebaute Gitarren, an denen die tiefe E-Saite unten und die hohe oben lag – anfing, Gesang zu improvisieren. Wie gesagt, ein toller Gitarrenmann, aber sein Gesang klang wie Frl. Menken auf Rohypnol. Und sein Englisch war nicht halb so gut wie Rudi Carrells Deutsch.

Allerdings hatte er noch einen guten Grund, auf lange Gitarrensoli zu verzichten, und der hieß Hansi Hedegger. Und so spielte er auch. Häddäggähäddäggäddäggäddä hackte er mit einem riesigen, viel zu harten Plektrum aus Büffelhorn seine Sechzehntel auf den straff gespannten, viel zu dünnen Saiten seines Kramer herum, einer amerikanischen Bassgitarre, die zu allem Überfluss noch einen Hals aus Stahl hatte – kein bisschen naturhölzerne Wärme. Die Höhen und oberen Mitten seines Verstärkers waren bis zum Arsch aufgedreht, sodass sein Geschrabbel klang, als hämmerte jemand mit Moniereisen auf einem Sauerkrautfass herum. Vielleicht hatte das ja diesen englischen Journalisten zu dem Begriff Krautrock inspiriert. Zum Ausgleich, und weil ihm vielleicht in einer Auftrittspause doch noch jemand geflüstert hatte, dass er doch der Bassist sei, drehte Hansi auch noch alles zwischen achtzig und hundertachtzig Hertz bis hinten gegen – wenn er mal gelegentlich einen tiefen Ton ausklingen ließ, hatte man Angst, seinen Schlagzeughocker voll zu spratteln. Kam aber zum Glück selten vor.

Seine berühmten Sechzehntel waren so akkurat wie Millimeterpapier – allerdings erst zerknüllt und dann wieder aus dem Papierkorb gefischt und notdürftig geglättet. Wenn du als Schlagzeuger auch mal probiertest, welche zu spielen, klang das mit seinen zusammen wie eine Häckselmaschine. Raimund schien das nicht weiter zu jucken, aber mir rollte es die Zehennägel auf. Dass Hansi seine Riffs häufig und unmotiviert unisono ins Mikrophon schnatterte, machte die Sache auch nicht gerade besser. Häddäggähäddäggäddäggä …! Worüber wir uns auch prompt immer wieder in die Haare gerieten, erst recht in dieser Woche, wo es um diese wichtigen Aufnahmen ging.

Ihr Publikum liebte es, wenn bei Auftritten die Baggermann-Kompositionen in kilometerlange Improvisationen mündeten. Beziehungsweise ausuferten. Na ja, kein Wunder – ihre Fans waren noch simpler gestrickt als unsere, und man konnte förmlich hören, wie in jedem einzelnen von ihren leeren Schädeln die Tischtennisbälle herumklackerten. Aber bei mir waren Sessions mit den Baggermännern so beliebt wie ein Aushilfsjob bei den Flippers. Fehlte nur noch, dass Paul anfinge, Weine nicht, kleine Eva zu singen.

Völlig ausgeschissen hatte ich bei Hansi am dritten Tag, als ich ihn nach einer heftigen und ermüdend ergebnislosen Diskussion über Präzision und Timing zum Spaß mal ein paar Takte die Sechzehntel eines Drumcomputers mitrattern ließ, sogar noch bei seinem Lieblingstempo. Dasselbe tat ich auf einer anderen Spur, dann ließ ich das Band mit halber Geschwindigkeit wieder ablaufen. Während meine Snare-Schläge zusammen mit denen des Japaners klangen wie Axthiebe in eine Porsche-Tür, war sein Bass so synchron wie ein Trupp Bundeswehrsoldaten auf dem Hauptbahnhof am Freitagabend. Dass Paul sich nicht hatte verkneifen können, bei der Bandgeschwindigkeit klänge der verdammte Kramer endlich mal wie ein richtiger Bass, hob Hansis Stimmung auch nicht gerade.

Na ja, hatte auch sein Gutes – an dem Abend wurden frustriert ein paar Flaschen Rum aufgemacht, und zu der unvermeidlichen pseudo-basisdemokratischen Grundsatzdiskussion gab es Grog bis zum Abwinken.

Das eigentlich voraussehbare Ergebnis des Gesprächs war, dass ich als Mietmucker gefälligst meine eigenen Kanaldeckels-Ansprüche zurückzuschrauben und mich auf den Baggermann-Stil einzustellen hätte. Nach dem siebten oder achten Grog konnte ich das auch locker abnicken.

Weniger voraussehbares Ergebnis des Besäufnisses war, dass Sibylle mich zuuufällig um vier Uhr morgens im Bad traf – genau wie vor zwei Jahren, bei meinem ersten Besuch in Hinderup. Damals waren wir nach einem ausgiebigen Test von ein paar Kisten Rotwein, die Hansi aus Portugal mitgebracht hatte, auch im Halbdunkeln in der Badezimmertür zusammengestoßen, beide schon bettfertig gekleidet, also gerade mal ein T-Shirt an. Und als hätten uns der Portugiese und der Fado, den wir passenderweise dazu gehört hatten, inspiriert, hatten wir plötzlich knutschend auf dem Badewannenrand gesessen. Ein Stündchen später, wir lagen inzwischen quer auf ihrem Bett und versuchten gerade, mich zu einer Zugabe hochzupäppeln, war sie mit einem Mal wieder nüchtern geworden.

»Was …? Mensch, wie kommst du denn …?«, stotterte sie mit großen Augen, erschrocken keuchend.

»Das hast du doch eben offensichtlich gemerkt«, versuchte ich ihre Stimmung zu lockern. »Und von dir weiß ich’s jetzt auch. Sehr angenehm, übrigens«, versuchte ich, ihr das zu beweisen. Aber entsetzt stieß sie meine Hand weg.

»Du musst sofort in dein Zimmer!«, haspelte sie. »Ich habe hier nie …! Nie …!«

»Nie Besuch? Nie Gesellschaft?«, fragte ich ungläubig. Sie guckte weg, wühlte nach ihrem T-Shirt und zog es über. »Ah, ein neuer Fan«, machte ich sie freundlich frotzelnd darauf aufmerksam, dass sie mein Penner’s-T-Shirt erwischt hatte, eins von denen mit den zahnlos lachenden tanzenden Berbern. »Steht dir aber auch gut.« Sie riss es sich so hastig wieder vom Leib, als hinge es voller Spinnen.

»Geh jetzt!«, drängte sie und zog ihr eigenes über.

»Nie?«, beharrte ich. »Mit keinem von deinen Jungs?« Sibylle, die kaltschnäuzige Herrin von Hinderup, errötete tatsächlich.

»Das geht dich nichts an.« Nachdrücklich schob sie mich von ihrem Bett und drückte mir meine Berber in die Hand. Nebenan aus Hansis Zimmerflucht ertönte eine Serie schneller spitzer Schreie. Er hatte sich ein bisschen Fan-Besuch mitgebracht. Sibylle erstarrte, und eine Sekunde lang dachte ich, sie würde mich wieder festhalten wollen. Ihre Augen glitzerten, als wolle sie anfangen zu weinen. Aber vielleicht war’s auch nur das Kerzenlicht.

»Ach so«, sagte ich, stand auf und zog mich an. »Na ja, wenn er so pimpert, wie er Bass spielt, würd’ ich auch nicht mit ihm angeben wollen.« Einen Moment sah es aus, als wolle sie mir eine scheuern, aber dann hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange und umfasste kurz mein verschrumpeltes Bübchen.

»Schlaf gut«, flüsterte sie, schob mich von sich, ließ sich wieder auf das Bett fallen und wickelte sich in ein Laken, das Gesicht zur Wand gedreht.

»Du auch«, wünschte ich ihrem Rücken und ging mal nachsehen, ob der Rest des Portugiesen schon dekantiert war. Die restlichen Tage meines Besuches – wir nahmen gerade im Baggermann-Studio für kleine Mark ein paar Penner’s-Demos auf – hatte sie mich kaum noch angesehen und kein einziges Wort mehr mit mir gesprochen.

Weiber.

Und dann diesmal das. Ich komme zwischen zwei Grogs vom Pinkeln zurück und habe meine Hose noch nicht ganz zugeknöpft, da steht sie wieder in der Badezimmertür und lässt mich nicht vorbei. Als ich sie vorsichtig um die Hüften fasse, um sie verlegen grinsend zur Seite zu schieben, wirft sie mir beide Arme um den Hals und ein Bein um den Hintern, schiebt mir ihre scharfe Zunge zwischen die Zähne und spült mir einen Schluck lauwarmen, puren Rum in den Mund. Das Zeug fährt mir in alle Körperenden, als hätte ich an einen elektrischen Weidezaun gepinkelt, und da erst merke ich auch, dass sie wieder nur ein Hemd anhat. Ein verwaschenes Herrenhemd, nicht zugeknöpft. Sie ist noch dünner als vor zwei Jahren; mit ihren Beckenknochen hätte ich mir die Reste des Abendessens aus den Zähnen pulen können. Mit einer Hand öffnet sie meine halb geschlossene Hose wieder und massiert eine beginnende Erektion, so heftig, als wolle sie mich dafür bestrafen, dass ich schon wieder im Stehen gepinkelt hatte.

»He!«, sage ich, als sie irgendwann Luft holt. Nie um ein schlagfertiges Witzchen verlegen, der Büb.

»Sei still«, legt sie mir kurz die andere Hand über den Mund, »wollt’ dir nur sagen, dass ich das nicht vergessen habe, damals.« Lässt mich los, dreht sich um und verschwindet in ihrem Zimmer.

Da stehe ich, weder bestellt noch abgeholt, der Rum pocht von hinten gegen meine Augäpfel wie der Sekundenzeiger einer Bahnhofsuhr, während mein kleiner Zeiger vorwitzig auf ihre Zimmertür deutet. Und frage mich, wie ich das nun wieder interpretieren soll.

Nö, doch keine Einladung, sagt das Klacken, mit dem von innen ein Schlüssel herumgedreht wird. Ich ziehe mich wieder komplett an und wanke in die Küche, wo der Schrat ungerührt schon fünfzehn Kugeln in ein Dreieck sortiert hat.

Weiber, grunzte auch Mr. Pitiful, drehte sich ebenfalls um und verschwand aus meinem Spiegel und aus meinem Badezimmer. Sind eben nicht immer nur die Frauen, die merkwürdige, undurchschaubare Dinge tun.

Und ich schnitt mir doch noch ins Kinn.

Na, wenigstens hatte ich zum guten Schluss meinen Job noch zufriedenstellend hinter mich gebracht. Hing zwar immer noch eine Weile auf der Kippe, aber am fünften Tag hatte sich dann auch Raimund endlich mal blicken lassen – er ließ sich im heimischen Tübingen von Muttern pflegen, und mit seiner unverletzten Hand wälzte er den ganzen Tag Motorradkataloge.

»Geil, Alder!«, meinte er neidlos, nachdem wir die Aufnahmen durchgehört hatten, und knallte mir seinen Gipsarm ins Kreuz. »Hätt’ i net besser mache’ könne’. Wuscht’ i’s doch, dess du die richt’ge Verdredung bischt.« Hansi machte große Augen und schmale Lippen, Paul grinste bestätigend, Selmer baute einen.

»Chottverdickie!«, schrie der Schrat und machte mir ein Bier auf, was Billa nicht mal mit einem Wimpernzucken kommentierte. Ich hielt es mit Elvis und mich bescheiden zurück.

»Hätt’s net nur net besser mache’ könne’«, erklärte Raimund der erstaunten Versammlung, nachdem der Joint seine letzte Runde gedreht und wir uns das Ganze noch einmal angehört hatten. »Am liebschte würd’ i jetscht die andere Nummere noch emol trommele.« Das war in der Tat ein Kompliment. Elvis zwinkerte mir zu, und ich prostete zurück. Sie würden allerdings beim Mischen ein bisschen Mühe haben, mit ihren Kompressoren und Equalizern so zu tun, als hätte Raimund meinen Bums.

Auf jeden Fall war das Ergebnis so ausgefallen, dass ich sie beruhigt meinen Namen aufs Cover schreiben lassen konnte, und ich würde auch nicht rot werden müssen, wenn mich jemand auf die Platte ansprach.

Okay, meine Kollegen Veedelnoh und Eiermann würden ein paar Wochen lästern, aber damit konnte ich leben.

Nachdem ich mir ein paar Fuhren kaltes Wasser ins Gesicht geschmissen hatte, konnte ich auch mein Spiegelbild wieder halbwegs als meins erkennen. Aber ich kam mir vor wie ein verwackeltes Foto, die Sorte, die nicht im Album landet, sondern in einem Schuhkarton oben auf dem Schrank. Zu schade zum Wegschmeißen – konnte man ja gelegentlich eines feucht-fröhlichen Abends noch mal rauskramen: Guck ma’, der Büb bei der Dingens-Feier – sieht doch echt komisch aus, oder?

Zurück in Köln, für ein paar Wochen meine Geldsorgen los, musste ich dann erfahren, dass die hiesige Kripo im Zusammenhang mit dem Fall Kathrinchen drei österreichische Zuhälter festgenommen hatte. Und nach zweitägiger U-Haft wieder laufen lassen – Tatverdacht nicht bestätigt, Fluchtgefahr nicht gegeben. Also ging ich erst mal zu Ferdi und ließ mich von ihm ein bisschen abfüllen, während ich mich was umhörte, bevor wir auf eine Runde um die Häuser zogen, die Donnerstag Abend begonnen und irgendwann vorletzte Nacht geendet hatte. Knirschend kramte ich in meinem Gedächtnis herum, kam auf vielleicht sieben oder acht Kneipen, aber dem Geschmack meiner Rülpser und dem Geruch meines Urins nach mussten es ein paar mehr gewesen sein – Bier natürlich, jede Menge, Apfelkorn, Ouzo, Gin, veredelt von einem Hauch von Magenbitterkräutern.

Kein Wunder, dass der Büb echt komisch aussah. Fragt erst mal, wie er sich fühlt …!

Nein. Fragt nicht.

***

5 Tote in Bonn!, blökte der Express mich an, als ich endlich so weit war, dass ich am Küchentisch sitzen, ein Glas frische Milch bei mir behalten und vorsichtig an einer Rollmopsstulle kauen konnte. Ich konnte sogar die Buchstaben entziffern, ohne dass meine Augen mir immer wieder nach links innen oder rechts außen wegrutschten.

Aus Verzweiflung darüber, dass seine Ehe völlig zerrüttet war, hatte ein 45-jähriger Familienvater seine Frau, seine 16-jährige Tochter, seine Schwiegereltern und anschließend sich selbst mit Kopfschüssen ins Jenseits befördert. Ob er an ein besseres Leben nach dem Tod glaubte? Das würde sich wohl auch den Rest seines Lebens sein jetzt 14-jähriger Sohn fragen – den hatte Papi nicht richtig getroffen, der war jetzt bloß blind.

Noch mehr Schüsse waren an der Schweizer Grenze gefallen – dort hatte ein vorbestrafter deutscher Rechtsradikaler einen Grenzer erschossen, bevor er im darauf folgenden Feuergefecht tödlich getroffen wurde. Das BKA vermutete, dass er in der Schweiz Waffen für eine unserer einheimischen Wehrsportgruppen besorgen sollte. Einfach nur Kreuzchen bei NPD zu machen, reichte denen nicht.

Auf dem linken Flügel randalierten Jugendliche in Berlin und Zürich. Die Berliner versuchten mit Brandsätzen auf Sparkassen und Banken inhaftierte Hausbesetzer freizupressen, während Jung-Zürich protestierte, weil sein berühmtes AJZ geschlossen werden sollte, das Autonome Jugendzentrum. Geschieht euch recht, fand ich – was beschmeißt Ihr auch harmlose deutsche Rockbands auf Benefiz-Konzerten mit Milchtüten? Vollen Milchtüten! »Weil Ihr hier doch bloß Werbung für eure Platten machen wollt!«, kreischen sie empört zurück. Da kann ich mir bessere Methoden vorstellen, entgegne ich ungerührt, nehmt euch ein Beispiel an den Punks im AJZ Hannover – die haben uns wenigstens mit Bier beschüttet! Oder an den militanten Mädels in Frankfurt, die unseren gelben Bandbus über und über mit Schokolade beschriftet haben! Mit diesem süßen Werbeträger für deren gerechte Sache (»SCHWANZ AB, DUMPF-CHAUVIS!« Aber dann doch: »NEUE MÄNNER BRAUCHT DAS LAND!« – ohne Schwanz, Mädels?) waren wir dann fünf Wochen – bis zum nächsten kräftigen Regen nämlich – landauf und landab gefahren. Und fragten uns heute noch, ob das nicht den Feminismus in der BRD ein gutes Stück vorwärts gebracht hatte – immerhin hatten wir nach diesen fünf Wochen siebzehn Auftritte und sechstausenddreihundert Kilometer mehr auf dem Tacho. Und unser Opel Blitz hieß nur noch »die Bussin«.

In Teheran wurde laut Express noch nicht geballert, da drohte man nur mal wieder, den seit dem vierten November festgehaltenen zweiundfünfzig amerikanischen Geiseln den Spionageprozess zu machen. Noch-Präsident Jimmy Carter fand das »beleidigend«, während der künftige, Ronald Reagan, die Iraner als »kriminelle Kidnapper« beschimpfte.

Verstorbener des Tages war Großadmiral Karl Dönitz, mit neunundachtzig Jahren in Hamburg einem Herzversagen erlegen. Nach Hitlers Selbstmord war er dreiundzwanzig Tage lang Reichspräsident gewesen, hatte dann, weil Hitler ja nicht auf ihn gehört und die U-Boot-Flotte ausgebaut hatte, die Kapitulation genehmigt. Ein Jahr später noch verkündete er den Richtern des Nürnberger Prozesses, man »habe den Eid halten müssen, solange immer anständig war, dem die Loyalität galt. Dass der Führer nicht anständig war, das habe ich nicht erkannt.« Deswegen auch: Nicht über Los, zehn Jahre Haft.

Von toten Frauen in Kühlkellern stand nirgends etwas, auch nichts von einem schlichten schwarzen Grabstein auf dem Nordfriedhof, auf den in zierlichen goldenen Lettern Katharina Maria Löhr graviert war, 12. 11. 1952 – 4. 12. 1980. Lieber ein Augenblick mit einem Engel als ein Leben mit einer Heiligen stand nicht darauf, obwohl das der Epitaph war, den Kathrinchen sich gewünscht hatte. Aber vielleicht war ich der einzige Mensch gewesen, der das wusste. Und mich hatte niemand gefragt.

Mich hatte niemand fragen können, selbst wenn sie es gewollt hätten – am Tag ihrer Beerdigung hatte ich schließlich auf einer Bühne von der Größe einer Tischtennisplatte in einer Kellergalerie in einem Kaff bei Karlsruhe gesessen, um mal wieder ein paar Mark für die Miete nach Hause zu bringen. Also hockte ich mit meinem Schlagzeug in eine Ecke gepfercht, als hätte ich Angst vor unserem Publikum, eingekesselt von zwei Verstärkern, vor mir Tom Sack mit seiner 50er-Jahre-Guild und in der anderen Ecke unser Bassist Eiermann, der auf seiner Box saß, weit vornüber gebeugt, damit man erstens nicht sein permanentes Kichern sah und er zweitens hören konnte, was aus seiner Box überhaupt raus kam – eigentlich spielte er eher nach Gefühl als nach Gehör, nach den Schwingungswellen, die er unterm Hintern spürte, während ich meine Besen so locker gespannt hatte, dass ich genauso gut mit halbgaren Makkaroni hätte trommeln können. Toms Slide klang, als käme sie aus einem handlichen Diktiergerät; sein Mikrophon war quasi ausgeschaltet, und er bellte seinen Mississippi-Blues fast unverstärkt über die weißgedeckten Tische, an denen unser Publikum in Vernissage-Klamotten Schildkrötensuppe schlürfte, mit Kennermiene auf französischem Chateau de la Vachequirit herumkaute und sich in kultiviert-gedämpftem Ton an einem gelungenen Abgang freute, etwas, das uns dreien heute wahrhaftig nicht vergönnt war.

Zwischendurch zeigten sie sich gegenseitig die Gemälde an den grob verputzten, kalkweißen Wänden – très mediterranée –, Quadratmeter große Geschmacksachen in Gelb, Grau und NSU-Prinz-Farben für viereinhalb Mille das Stück, klopften sich gegenseitig, also sich selbst, auf die Schulter für ihre tolle Entdeckung – noch ein Abgang –, freuten sich über ihre Schnäppchen und nickten gelegentlich anerkennend zu dem vergeistigten Künstler hinüber, den all die roten Punkte, die an seinen Rahmen klebten, und wohl auch das eine oder andere Gläschen Geschäftsabschluss-Sekt so aus der Bahn geworfen hatten, dass er fröhlich, beidhändig und laut den Takt mitschnippte – schade, dass es nicht der unsere war. Und nach jeder Nummer applaudierte er lautstark und verlangte fachmännisch nach dem Hoochie Coochie Man, yeah! – wahrscheinlich die einzige Bluesnummer, die er kannte. Ich wusste, wie gerne Tom Sack diesen abgenudelten Song spielte, aber als er sich animiert zu uns herumdrehte, machte ich ihm dezent und diplomatisch klar, dass so ein zweiundzwanziger Ride-Becken, auf kurze Distanz umgekippt, doch ganz schön unschöne Kopfverletzungen verursachen kann. Auch wenn es sein Gig war und wir nur die Begleitmucker.

Woraufhin Eiermann mit hochrotem Kopf prustend drängelte, wir sollten doch schleunigst mal zur letzten Nummer kommen, sonst müsse er sich noch in die Hose pissen; da erst entdeckte ich, dass neben seiner Box drei Flaschen von dem Chateau la Dingens standen, wovon allerdings zwei schon zum Leergut gehörten.

Also torkelten wir noch somnambul durch eine Bleiadler-Version von Stormy Monday und hofften, uns eine Zugabe zu ersparen, indem wir für T-Bone Walkers Sail On Boogie ein paar Briketts nachlegten. Aber obwohl das der einen oder anderen Zuhörerin ihr Tiramisu vom Löffel blies, mussten wir doch noch mal ran, nicht zuletzt, weil der Künstler inzwischen so weit war, dass er sich auf die Bühne schwang, sein geblümtes Halstuch schwenkte und seine Mäzene energisch aufforderte, nach mehr zu klatschen.

Zur Strafe kriegten sie als Encore Shake Your Moneymaker in der Haut-rein-Jungs-da-draußen-steht-schon-der-Wagen-des-Sheriffs-Version. Tom sägte ihnen mit seinem Bottleneck die Frisuren ein bisschen durcheinander, und während er sich nach seinen schweißtreibenden achtzehn Chorussen in blumigen Worten bedankte, seine tollen Mitmusiker noch mal vorstellte und sich verabschiedete, stand ein Drittel der Band bereits auf dem Klo – heute kein Bass-Solo –, und ich nutzte mein Schlagzeug-Solo, um schon mal die Hälfte von meinem Schrottplatz abzubauen. Fanden sie ganz schön Avantgarde. Na ja, Applaus ist das Brot des Künstlers.

Nix gegen vier Blaue bar auf die Kralle und ein paar Flaschen La Dingens für knapp fuffzig Minuten Matinee-Mucke.

9


Um Asche

Um Asche ging es natürlich letztendlich auch bei der Express-Meldung, dass Heiraten wieder in! sei: schließlich mache es nicht nur glücklich, den richtigen Partner zu haben – dank Steuerersparnis lohne es sich doch auch. Sollte ich vielleicht Vera mal ausschneiden.

So eine funktionierende Familienpartnerschaft war ja wirklich was wert, wie man auch an dem Fall des 29-jährigen Fensterputzers Walter P. sehen konnte. Der hatte am Sonntagnachmittag mit seinem Schwiegervater stundenlang Schach gespielt und Kräuterschnaps gesoffen, bis es einen erst lautstarken, dann handfesten Streit um einen fragwürdigen Damenzug gegeben hatte. Walter bugsierte den Alten in dessen Schlafzimmer, damit der sich dort beruhigen und seinen Rausch ausschlafen könnte. Als der aber nicht aufhören wollte zu randalieren, warf sein Schwiegersohn ihn kurzerhand aus dem Fenster des dritten Stocks. Hals- und Beinbruch, Schädeltrauma. Erschrocken und halb wieder nüchtern schleppte Walter ihn wieder nach oben, Frau und Schwiegermutter beseitigten alle Spuren des Streits, riefen nach über einer Stunde den Notarzt und behaupteten einmütig, den Papa so vor der Haustüre gefunden zu haben, nachdem er ewig nicht vom Bierholen zurückgekehrt sei.

Aber natürlich gab es in dem ganzen Vorweihnachtsrummel genug Nachbarn, die mit Päckchen beladen umher wuselten und den wahren Hergang bezeugen konnten, so dass Walter sich schließlich zu einem Geständnis gezwungen sah. It’s a family affair* …

Draußen war es schon eine ganze Weile stockdunkel. Gelegentlich huschten die Reflexe eines Autoscheinwerfers über die kahlen schwarzen Bäume auf dem Mittelstreifen, zuckten die Blitze einer elektrischen Entladung hoch, wenn die Straßenbahn vom Rheinufer kreischend auf den Ubierring bog. Gegenüber, durch die Scherenschnitt-Äste hindurch, konnte ich zwei recht korpulente Mädels in weißen Unterröcken einen Rock and Roll tanzen sehen, kichernd, mit wippenden Locken und Brüsten. Wirkte sehr merkwürdig, schon weil bei mir Pearls Before Swine gerade ihre Miss Morse anbeteten. Das kleine gelbe Auge meines Plattenspielers blinkte träge, das fette grüne des Verstärkers glotzte unbewegt ins Zimmer. Die Uhr läuft! schien das gelbe zu signalisieren, komm in die Gänge, Büb!, während das grüne gleichgültig tat: Ah ja, die Zeit vergeht … Was juckt es mich? Was geht es dich an? Aber ich konnte das Gefühl nicht mehr loswerden, dass ich mich das jetzt schon lange genug gefragt hatte.

Kill all the echoes / Still around / From the sound / Of calendars crumbling*, nuschelte Thomas Rapp, und die anderen Perlen klimperten um ihn herum, als ginge auch sie das alles gar nichts an, als horchte jeder von ihnen nur auf die Echos in seinem eigenen Schädel, von weit weg, von lang her, verdammt lang her; und auch mein Kalender zerbröselte, mürbe von süßer Wehmut.

Ich zog mir meine Lederjacke an und die Tür hinter mir zu und machte mich auf den Weg ins Session. Ließ die Echos in der leeren Wohnung umher zirpen, wo sie auf der Suche nach Harmonie verklangen, während ich die Treppe runter stapfte, den Kragen hochgeklappt, die Hände tief in den Taschen vergraben, die Schultern schon bis an die Ohren gezogen, mich gegen die Kälte wappnend, die mich erwartete, gegen die Stadt da draußen, das Gewusel und Geschiebe, das Gehabe, Getue und Gefeilsche, die Schnorrer, die Sünder, die Säufer, den Suff. Die Mörder?

10


Im Session

Zehn Jahre gab’s den Schuppen jetzt schon. Ein düsteres Loch mit schwarz gestrichenen Wänden, über die die pastellfarbenen Reflexe von gleich drei Glitzerkugeln huschten wie Leuchtkonfetti; vierzehn Stufen in den Keller hinunter, wo die Nacht niemals zu gehen schien und der Tag niemals zu kommen. Und Johnny Walker hing eh rund um die Uhr da rum.

An dem Tisch auf dem ersten Treppenabsatz, an dem früher mein Freund Twiggy mit seinem Freund Jack Daniels gesessen und fröhlich seine Haschischklümpchen gekaut und Witze gerissen hatte, saß jetzt Bomar, finster brütend wie immer, die dunklen Falten in seinem harten slawischen Gesicht wie mit einem verrußten Schürhaken eingeritzt. Ein einziges Mal in den drei Jahren, die er jetzt diesen Job machte, hatte ich ihn lächeln sehen; das war, als irgend so ein italienischer Jungloddel ihm ein Messer an den Hals gehalten hatte, wutschäumend und voll Koks bis in die geölten schwarzen Locken – Bomar hatte ihn nicht reinlassen wollen. Er kam auch nicht rein. Nirgendwo mehr, außer in die Ambulanz der Uni-Klinik. Der Russe hatte sich, lächelnd, völlig unerwartet, einfach gegen das Messer gelehnt, mit angespannten Halsmuskeln fast in die Klinge hineinfallen lassen, und als das Blut spritzte und der Itaker erschrocken die Hand mit dem Messer zurückzog, hatte Bomar mit seinen beiden mächtigen Pranken dessen Handgelenk geschnappt, ihm mit einem lauten, unappetitlichen Knacksen den Arm aus dem Schultergelenk gedreht, sich auf seinen Fuß gestellt und ihm, immer noch lächelnd, den Arm umgebogen und ihm das eigene Messer in’s linke Auge gedrückt.

Fassungslos starrte das andere Auge auf dieses unheimliche Lächeln, in dem verqualmten Foyer umher, auf die blutverschmierte Waffe in seiner immer noch verkrampften Faust, dann klappte der Itaker zusammen wie eine schlampig gebaute Gliederpuppe und rutschte an der Wand runter, auf den schmutzig-grauen Teppichboden mit den verschlissenen gelben Sternchen, die sich dunkler und dunkler färbten von dem Blut, das in heftigen Stößen aus seiner Augenhöhle gepumpt wurde. Erst als Bomar der Messerhand mit einem verächtlichen Schnauben einen Tritt versetzte, dass das Messer zu Boden flog, fing der Junge an zu schreien; ein hohes Kreischen, das die Laute schon vorwegzunehmen schien, mit denen sich seine Mutter und Tanten in seiner Heimat über seinen Sarg werfen würden. Als würde ihm das selbst peinlich bewusst, brach er nach wenigen Sekunden wieder ab, mit einem tiefen, kindlichen Schluchzen, verlor das Bewusstsein und klatschte mit dem Kopf auf den nassen Teppich.

Keiner dieser italienischen Jungloddels geht nachts alleine aus. Das schien auch Bomar plötzlich einzufallen, doch als er sich abrupt zu den beiden Begleitern umdrehte, geduckt, auf einen Angriff gefasst, konnte er sich gleich wieder entspannen – der eine hockte würgend über einer Lache halb verdauter Pasta, und das kreidebleiche Gesicht und der unmissverständliche nasse Fleck auf einer engen weißen Jeans zeigten, dass auch dem anderen alle Angriffslust vergangen war.

Über das Haustelefon bestellte Bomar eine Flasche Wodka, ein paar Handtücher und einen Krankenwagen, kippte dem Itaker den Wodka über die Wunde und stoppte notdürftig die Blutungen, aber drei Tage später konnten wir im Express lesen, dass der Junge schon viel zu viel Blut verloren hatte und auch all der gute Wodka eine Infektion nicht hatte verhindern können. Und all das Koks in seinem Kreislauf war einer Heilung auch nicht gerade förderlich gewesen – jedenfalls wachte er am zweiten Morgen nicht mehr auf – ciao, ragazzo, ciao* …

Na ja, Ende der Siebziger, Köln fing gerade erst an, die Multi-Kulti-Stadt zu werden, die manche heutzutage so zu feiern versuchen. Oder Jede Jeck es anders*, wie der Kölner eh schon lange erkannt hat.

Immerhin kam Bomar glimpflich davon – die Sache wurde als unglückseliger Unfall, an dem der Italiener quasi selbst schuld war, zu den Akten gelegt.

»Moin!«, grüßte ich freundlich. Bomars unbewegte Miene schob sich ungefähr einen halben Millimeter nach oben und sackte langsam wieder zurück. Ist doch immer wieder schön, sich als Gast so willkommen zu fühlen.

»He!«, beschwerte sich ein Typ mit Fritz-Teufel-Brille, der gerade einen Zwanziger auf Bomars Tisch geblättert hatte. »Wieso muss der denn nix zahlen?« Ungerührt schob der Russe ihm zwei rote Bierbons rüber.

»Is’ sich Chlubmitglied«, brummte er. Fritzchens Begleiterin musterte mich skeptisch von oben bis unten. Dann sah sie ihren Männe an. Bist du sicher, dass wir hier rein wollen?, las ich in ihren hübschen braunen Augen.

»Und wie wird man Clubmitglied?«, fragte der.

»Dsuffall.«

»Wie – Zufall?«

»Jetzt lass uns endlich runtergeh’n, Horst«, drängelte Braunauge, »ich muss mal aufs Klo.«

Da würde sie erst recht ihren Spaß haben – das Damenklo war komplett in glitzerndem Lila gestrichen, Wände, Decke, Fußboden, Türen, Becken, alles; nur auf der Innenseite der Kabinentür prangte in schönstem fleischfarbenen Realismus das meterhohe Ölbild eines schrumpeligen, unbeschnittenen Pimmels, der über einem haarigen Hodensack hing und eine schicke 50er-Jahre-Schmetterlingssonnenbrille trug. Leider war das Bild nicht signiert – heute wäre die Tür ein Vermögen wert; der inzwischen als »deutscher Malerfürst« gehandelte Künstler hatte damals mit dem Werk seinen Deckel abgearbeitet. Damit und mit dem nicht weniger realistischen Bild des senkrechten Lächelns auf der Innenseite der Herrenklotür.

Ich musste noch nicht, also hängte ich mich in die Westkurve der Theke, wo Emerson, einen Kopfhörer über seinen wilden Afro gestülpt, Platten auflegte. Time loves a hero* behaupteten Little Feat. Das ließ mich hoffen.

Zumindest Sylvia hatte was für mich übrig – schon hatte ich ein Bier vor mir stehen. Eine Sekunde lang – na gut, fünf – war ich in Versuchung, dann schüttelte ich den Kopf:

»’n Wasser.« Ihr Lächeln zerbröckelte.

»Krank, Büb?«

»Nur nüchtern. Und das soll auch so bleiben.«

»Sag bloß, du hast ’nen Plattenvertrag.«

»Nö. Woher?«

»Du heiratest?«

»Nö. Wen?«

»’ne Beerdigung.«

»Ich geh’ nich’ auf Beerdigungen – wofür?« Worauf sie nur missbilligend den Mund verzog. »Ein Kreuzzug, Sylvia. Und jetzt gib mir endlich ’n Wasser. ’n großes.« Kopfschüttelnd erfüllte sie mir meinen ausgefallenen Wunsch. Brutal, aber passend blendete Emerson die Helden der Feat in die von Bowie über und zog an seinem Joint. Dann registrierte er mich. Und mein Getränk.

»Krank, Büb?« Ich schüttelte bloß den Kopf.

»Sag bloß, du hast –«

»Nein, ich hab’ keinen Plattenvertrag. Und ich werd’ auch morgen nich’ heiraten. Und auch übermorgen nich’. Eigentlich hab’ ich überhaupt nich’ vor, noch mal zu heiraten.«

»Regste dich denn so auf?«

»Ich reg’ mich nich’ – und nein, ich kiffe immer noch nich’«, als er mir einen Zug anbot. Jetzt war er dran mit Kopfschütteln. Schien heute ansteckend zu sein – drüben kam Braunauge aus der Toilette, ebenfalls kopfschüttelnd. Du, könntest du schwimmen …, wünschte Bowie sich.

»Is’ denn dein Problem, Büb?«, fragte Emerson. »Hat dir der Doktor endlich das Saufen verboten?«

»Den Doktor gibt’s nich’.« Wie Delphine es tun …

»Also?«

»Kathrinchen.« Er verzog das Gesicht, als hätte ihm jemand Zwiebelschalen in den Joint gewickelt.

»Lass die Finger davon, Büb. Man hört nix Gutes.«

»Ach. Was hört man denn?«

»Nix Gutes.« Niemand gibt uns eine Chance …

»Sondern?« Erneutes Kopfschütteln. Und ein ausdrucksloser Blick über meine Schulter. Nach ein paar Sekunden drehte ich mich langsam ein bisschen auf meinem Hocker um. Einen knappen Meter hinter mir standen die Kesslers und spielten Endzahl darum, wer mit Bestellen dran war.* Kessler verlor, fragt mich nicht, welcher. Die beiden waren dermaßen eineiige Zwillinge, dass nicht mal ihre Mutter sie auseinanderhalten konnte – sie nannte beide einfach »Jung’«. Kessler hießen sie auch nicht, so wurden sie nur genannt, weil sie eben Zwillinge, einander so ähnlich und unzertrennlich waren. Als der eine mal zu drei Jahren verknackt worden war, weil er einer widerspenstigen Nutte das Gesicht mit Salzsäure präpariert hatte, war der andere zum Staatsanwalt gegangen und hatte behauptet, er habe seinem Bruder dabei geholfen, nur damit sie zusammen einfahren konnten.

Der Verlierer stellte sich neben mich, bestellte bei Sylvia zwei Bacardi-Cola, legte einen Fuffi auf die Theke und winkte verächtlich ab, als sie »Vierundzwanzig Mark« sagte. Als sie nach dem Schein griff, packte er ihre Hand, zog sie hoch und leckte kurz an ihrem Zeigefinger.

»Für dich, Süße. Willste dich nich’ gelegentlich mal bedanken?«

»’ke, Jung’«, sagte sie trocken, entzog ihm ihre Hand und steckte sie mit einer angeekelten Grimasse ins Gläserspülbecken. Er lachte.

»Wat könnten wir zwei Spaß haben, Schätzchen. Oder wir drei …?« Sylvia schüttelte sich und goss sich einen Cognac ein, kippte ihn angewidert hinunter.

»Eher würd’ ich mit einem Wurf Kanalratten ins Bett gehen.« Kessler versteifte sich, sein Lächeln verschwand, seine Augen wurden kalt.

»Übertreib’s nich’, Schätzchen! Vergiss nich’, mit wem du redest.«

»Und du vergiss nicht, wo du bist.«

»Klar«, grinste er wieder, »noch isses dein Laden. Noch, Süße.«

»Dein Drink wird warm.«

»Wirst du au’ noch, Süße, wirst du au’ noch. Und wie.« Sie verdrehte die Augen und ließ ihn stehen, ging zum Zapfhahn, um ein paar schwarze Jungs zu bedienen.

»Und dann sind wir Helden / für einen Tag«*, schluchzte ich mit Bowie.

»Is’ was, Büb?«, drehte Kessler sich bedrohlich zu mir um. Schon stand sein Bruder halb hinter mir. Die Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Am unteren Ende meines Rückgrats bildeten sich ein paar Schweißtröpfchen, während mein Säckchen sich zusammenzog, als hätte ich mich in eine Wanne mit Eiswasser gesetzt. Das fehlte mir jetzt noch – noch einen Schädel von einer dreitägigen Sauftour, nix als Sprudelwasser vor mir, und dann eine Klopperei mit diesen Arschgesichtern. Die berüchtigt waren für die Art, mit der sie einen Gegner fertig machten, auch wenn er schon am Boden lag. Besonders wenn er schon am Boden lag. Und beide grinsten, als freuten sie sich bereits darauf, mich als Helden für einen Tag über die Tanzfläche zu treten. Jemand tippte mir auf die Schulter.

»He, Büb, kannste mich mal ’n Moment ablösen – muss mal Bier anschlagen geh’n.« Wütend starrten die Kessler-Zwillinge Emerson an. Er grinste ganz unschuldig zurück, während er das Brett hochklappte und hinter der Theke hervorkam.

»Klar, Mann«, sagte ich und nahm seinen Platz ein. Wühlte ein bisschen im Plattenregal und legte Jango Edwards auf. If I had a face like yours, I’d shave my ass an’ walk backwards*. Ich schenkte den Kesslers ein freundliches Zwinkern. Sie hoben ihre Gläser und prosteten mir lässig zu, aber in ihren Visagen lag alles andere als Saufkumpanengefühle. Auch wenn sie Jango mit Sicherheit nicht verstanden – in den höchstens sechs Jahren Volksschule, die sie geschafft hatten, war Englisch kein Thema gewesen. Dann wanderten sie rüber zum Breakout-Automaten und kramten ein paar Markstücke aus ihren Hosentaschen. Mein Säckchen entspannte sich wieder. Aber ich musste mich schwer zusammenreißen, um mir nicht ganz schnell drei Bier zu zapfen.

***

Die Gespräche, die ich auf mehreren Runden um die Tanzfläche und die beiden Theken entlang mehr oder weniger mühsam in Gang bekam, nüchtern, wie ich war, brachten wenig Neues. Davon abgesehen, dass ich mindestens ein Dutzend Mal gefragt wurde, ob ich krank sei. Aber das fragte ich mich auch selber schon – beim mittlerweile zehnten oder elften Wasser. Der Geruch der gewachsten Zitronenschalen stach mir in die Nase, andauernd war mir nach Rülpsen, und meine Kippen schmeckten wie einer von Oma Klütschs Trockenblumensträußen.

»Ich hab’ die Geschäftsidee!«, sagte ich zu Sylvia bei einem Zwischenstopp. Sie blickte von einem Deckel hoch zu mir, dann auf mein Glas, dann wieder zu mir. Wenn du ’ne Geschäftsidee hast, die was taugt, Büb, melde ich mich zur nächsten Wahl der Miss Universum an, sagte ihr Blick. »Meine Stimme hättest du«, versicherte ich ihr.

»Was für ’ne Idee?«

»Alkoholfreies Bier«, verkündete ich stolz. Sie verdrehte die Augen. Bückte sich zu einem Fach unter der Theke und stellte mir eine kleine Flasche vor die Nase.

»Wenn dein Timing als Schlagzeuger auch so gut ist, solltest du dich vielleicht mal nach einem Gesangslehrer umgucken. Das gibt’s schon seit über ’nem Jahr, Junge.«

»Schade.« Na ja – woher sollte ich das auch wissen. Aber das Zeug zu probieren brachte ich dann doch nicht übers Herz – Clausthaler! Das klang doch schon nach Kurhotel und Schlammpackungen und forschen, langen Spaziergängen in Frühnebeln! Mit Rumpfbeugen als Pausenfüllern!

Langsam wurde es ruhiger. Die Mädels waren fast alle weg oder versorgt, die Freaks torkelten nach Hause, die Loddels wanderten ins Colosseum – dienstlich – oder ins Pinoccio, um zu zocken, die Kneipenarbeiter aus der Umgebung saßen geschafft vor ihren Absackern, die Bimbos waren in ihren Club in der Altstadt verschwunden, um endlich zu richtiger Musik tanzen zu können, und auf die Italiener und Türken wartete das Fließband mit dem neuen Stummelheck-Escort.

Sylvia saß auf ihrer Ecke und rauchte mit zwei Mädels aus ihrer WG etwas schwer südländisch Duftendes, Emerson sparte sich das Plattenwechseln und hatte sich zu seinem Feierabend-Cognac eine Kassette mit Otis Redding eingelegt. I’ve been loving you too long, croonte der, während ich zusah, wie Witta versuchte, den Faden unseres Gesprächs nicht zu verlieren.

»Du hast doch keine Ahnung, Büb«, sagte sie, wenn auch mit etlichen Sätzen und einigen Pausen mehr. »Warum sollte ein Zuhälter eine Frau halb tot schlagen, die gar nich’ anschaffen geht?«

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285 p. 10 illustrations
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9783862871896
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