Read the book: «Nie wieder Apfelkorn»
Rich Schwab
Nie wieder Apfelkorn
– Der erste Büb Klütsch-Roman –
FUEGO
– Über dieses Buch –
Büb Klütsch ist Schlagzeuger. Rock'n'Roll-Schlagzeuger, aus Leidenschaft. Mindestens genau so gerne hängt er an Theken rum und trinkt Bier. Damit er sich beides leisten kann, steht er auch des öfteren hinter dem Tresen.
Ein zwar buntes, aber im Grunde doch recht geruhsames Leben – würde er nicht immer wieder in irgendwelche dubiosen Abenteuer verwickelt.
In Rich Schwabs erstem Roman (Druckerstausgabe 1992) ist es die unappetitliche Verquickung von Musikgeschäft und Drogenhandel im Jahr 1976 in Köln und Wiesbaden, gekrönt von Kidnapping, Körperverletzung und Mord.
»…kommt rauh und heiser in ruppiger Gangart daher wie ein Song von Van Morrison, nicht zimperlich, und doch schwingt Sehnsucht mit, Liebe, Romantik«, urteilte Elke Heidenreich nach der Lektüre. »Vielleicht nie wieder Apfelkorn – aber immer wieder Rich Schwab!« (s. Pressestimmen).
Ausschnitte aus dem Buch gibt es auch als vom Autor gelesenes und mit Musik geschmücktes Hörbuch in den einschlägigen Download-Shops.
Vorspann
Er glaubt nicht
Dass etwas mit ihm los ist
Weil ein Teil von dem
Was mit ihm los ist
Ist
Dass er nicht glaubt
Dass etwas mit ihm los ist.
Also müssen wir ihm helfen
Zu erkennen
Dass, dass er nicht glaubt
dass etwas mit ihm los ist
Ein Teil von dem ist
Was mit ihm los ist.
Ronald Laing
Loss es, wat nit fess es.*
Opa Klütsch
(In den Originalsprachen Kölsch und Englisch Geschriebenes ist zum großen Teil hinten im Glossar auf Hochdeutsch zu finden – ein Asterisk im Text [*] fungiert als Link dorthin.)
1

Je später der Abend
Als die beiden reinkamen, wünschte ich, ich hätte gestern zwanzig Bier weniger getrunken. Oder heute zehn mehr. Oder wenigstens die Tür schon abgeschlossen – schließlich war es schon halb zwei durch. Dabei hatte ich, wie immer, pünktlich um eins die letzten Gäste rausgeschmissen, außer der Blauen Britta, die ich seitdem bei ein, zwei Feierabendbierchen am Anbaggern war, während ich die Theke sauber machte und die Stühle und Hocker hochstellte. Britta und ich hatten schon drei-, viermal das Vergnügen gehabt, und es war immer lustig, geil und unverbindlich nett gewesen. Außerdem stand ich auf oralen Schweinkram – dreizehn Jahre lang täglich literweise Kölsch in sich reinschütten beeinträchtigt im Laufe der Jahre das Stehvermögen; die Mädels, die auf drei Stunden Rammeln standen, fielen daher meistens nur einmal auf mich rein; und ich kannte kaum eine, die fürs Orale zuständiger war als die Blaue Britta – nicht nur, weil sie die beste Rocksängerin in der Stadt war oder weil sie saufen konnte wie ein Köbes.
Davon abgesehen hatte ich nicht die geringste Lust, in meine eigene Bude zu gehen und zwischen mehreren Zentnern Katzenscheiße zu pennen. Meine Wohngenossen Stevie und Helga hatten sich vorletzte Woche mal wieder heftigst gezofft, und Stevie hatte irgendwann entnervt die Wohnungstür hinter sich zugeknallt, um im Kabäuschen seinen Ärger zu ertränken. Auf dem Weg nach unten war sein Zorn aber fast schon wieder verraucht, und als er, vor der Haustür angekommen, einen Blick nach oben warf und Helga aus dem Küchenfenster gucken sah, rief er hoch, sie solle doch, verdammt noch mal, auch runterkommen. Sie schien ihn gründlich missverstanden zu haben – für die Strecke vom fünften Stock bis runter zum Ubierring brauchte sie anderthalb Sekunden und zum Sterben dann noch drei Tage. Ich hatte sie immer schon für ziemlich gaga gehalten, aber Stevie hatte eben einen völlig anderen Geschmack als ich. Deswegen kamen wir uns auch nie ins Gehege.
Stevie war seitdem in der Stadt unterwegs, um sich die Augen aus dem Kopf zu heulen und sich das Hirn weg zu ballern. Als ich vor ein paar Tagen von einer kleinen Deutschland-Tournee mit Penner’s Radio zurückkam, hatten Helgas fünf verwaiste Katzen die Wohnung voll im Griff. Sie fühlten sich so wohl, dass eine von ihnen schon wieder schwanger war. Ich stellte ihnen für ’nen Fuffi Katzenfutter und H-Milch in die Küche und ergriff erst mal die Flucht vor dem Gestank. Irgendwo auf der Zülpicher fand ich dann Stevie, der mich erstaunlicherweise noch erkennen konnte und mir die ganze Geschichte erzählte, wozu er fast drei Stunden und anderthalb Flaschen Wodka brauchte. Aber dafür hatte ich sie dann auch sechsmal gehört.
***
Na ja – und jetzt stand ich seit vorgestern wieder hinter der Theke von Wolli’s Schrebergarten, um meine beiden anderen Leidenschaften – Schlagzeug spielen und Kölsch trinken – zu finanzieren. Ich hatte mich gerade wieder halbwegs eingelebt, da kommen diese beiden Gestalten in den Laden. Sie stinken Kilometer gegen den Wind nach Ärger, und ich hoffe, dass sie den feinen Schweißfilm auf meiner Stirn nicht sehen und die Angst nicht riechen, die sich in meiner Magengrube rührt wie ein Zwölf-Wochen-Embryo.
Das Rindfleisch sah auf den ersten Blick so aus, als könne er kein Wässerchen trüben – ein Metzgersöhnchen, vollgestopft mit Eisbein, Cola und Kinderschokolade. Der zweite Blick offenbarte die Härte und Geschmeidigkeit hinter seiner Zwei-Meter-Zwei-Zentner-Figur – und dieses angeborene, eingekerbte Lächeln, wie man es nur an echten Asis kennt: Ich weiß Bescheid – das Leben ist nur ’ne andere, grausame Sportart, und nur der gewinnt, der die Spielregeln mitbestimmt, und zwar möglichst grausamer als alle anderen. Das Lächeln, mit dem mein Mofa-Kumpel Stein’s Willi früher lebende Goldhamster an Türen genagelt hatte; das Lächeln, mit dem Schiefer’s Rita noch früher die dreizackige Gartenharke meiner Oma in meinen kleinen Schädel gedengelt hatte – nur weil ich ihr zu lange auf meiner eigenen Schaukel saß …
Dem Kopp hinter dem Rindfleisch sah man den Spaß an Gemeinheiten schon auf den ersten Blick an. Ich habe nix gegen Vorurteile, und ich habe auch nix gegen Rothaarige – einige meiner besten Freundinnen haben rote Haare – aber dieses Exemplar …! Er war ungefähr halb so hoch wie das Rindfleisch, aber genau so breit. Seine rot glänzende Margarinefrisur, auf Elvis getrimmt, begann direkt über den dickknochigen Augenbrauenwülsten, die bestimmt zwei Zentimeter vorsprangen – was weiter war, als seine Nase es brachte, die aussah, als hätte sie jemand mit einem Vorschlaghammer bearbeitet. Das heißt, wahrscheinlicher war in seinen Kreisen ein Wagenheber. Er hatte breite, fleischige Lippen und zog die linke Hälfte der Oberlippe bis zum linken Nasenloch – er schien seinen Elvis vor dem Spiegel zu üben, und ich hoffte, er würde nicht gleich Cryin’ In The Chapel bringen. Andererseits – so wie die beiden aussahen, waren sie wahrscheinlich in der Lage, mir Schlimmeres zu bieten. Ich fluchte in mich hinein. Warum hab’ ich diese Scheißtür nicht schon abgeschlossen?
***
Wolli’s Schrebergarten war eine der herrlichsten Kneipen, die ich je kennen gelernt habe – und ich habe einige kennen gelernt zwischen Flensburg und Berchtesgaden, und in Köln so ziemlich alle. Es gab den Laden seit ’72 – verraucht, verkommen, verrufen; die Möbel stammten noch vom gutbürgerlichen Vorbesitzer, der sie irgendwann in den fünfziger Jahren mal gekauft haben musste; die Theke war im Eigenbau mit geklauten Backsteinen verlängert, in die »rustikalen« Lampen mit Holzrahmen und Stoffbespannung hatte Wolli einfach bunte Glühbirnen geschraubt. Einige davon brannten sogar noch.
An den schwarz gestrichenen Wänden klebten Plakate von Uni-Feten und Popkonzerten, vom SSK und vom KBW, von Indianerhäuptlingen, Sportstudios und Frauenbuchläden; es gab einen Billardtisch, dessen grüne Samtbespannung gerade noch an zwei Banden zu erkennen war; die Musik kam, gut laut, von dem Plattenspieler hinter der Theke – immer dieselben zwanzig abgenudelten Alben: Stones, Zappa, Captain Beefheart, Miles Davis, Jimi Hendrix und Dr. Hook, und wenn einer von denen, die immer was zu meckern haben, ankam und fragte, wie man bloß so verkratzte Scheiben laufen lassen könnte, kriegte er die Standardantwort: »Wieso? Wir ha’m doch nur die besten Stellen angekreuzt!«
An einem Abend, an dem ich besonders gut drauf war, hatte ich mal ’ne Doldinger-Platte aufgelegt, die einen Sprung hatte. Der war witzigerweise an einer Stelle, wo er kaum auffiel, es ergab sich einfach nur eine Endlosschleife im Sieben-Achtel-Takt. Es dauerte über ’ne Stunde, bis es jemand merkte, und zwei Stunden, bis sie alle so sauer waren, dass mir nichts anderes übrig blieb, als was anderes aufzulegen – sie fingen schon an, mit Gläsern nach mir zu schmeißen, und davon hatten wir eh immer zu wenig.
Im Schrebergarten hing immer eine ganz eigene Duftmischung: der Geruch von Jahre alter Bierhefe, kaltem Rauch, Haschisch und Haarspray, Schweiß, Kotze und Pisse, selbstgepanschtem Apfelkorn (ein Drittel Korn, zwei Drittel Apfelsaft, ein kräftiger Schuss Rum, ein Schuss Cointreau, angerührt in Zehn-Liter-Plastikkanistern, abgefüllt in alte Weinflaschen, die Flasche fuffzehn Mark, für Freunde ’nen Zehner – und den tranken überwiegend Freunde …), und nicht zuletzt der unverwechselbare Geruch von Selims Frikadellen; die briet der kleine Perser in der winzigen Küche neben der Theke – mehr Brötchen als Hackfleisch und mehr Knoblauch als Brötchen. Eigentlich war er hoch dotierter Spezialist in einer Bonner Augenklinik – aber versuch mal, mit zwanzig Captagon und zwei Flaschen Fernet im Kopp ’ne Netzhaut zu flicken.
Nachmittags um fünf machte der Laden auf, und ab sechs war er voll: verfrorene Fixer vom Barbarossaplatz, die sich auf dem Klo gegenseitig übers Ohr hauten, damit auch jeder sein Schüsschen abkriegte; Stricher vom Zülpicher, die sich auf demselben Klo auch schon mal ’nen Zwanziger dazuverdienten (wenn sie nicht gerade an Herrn Belzinger gerieten); schmuddelige SSKler, die erst mal die Groschen für die erste Runde große Biere zusammenschnorrten, dann nach zwei Stunden Debatten über die Zukunft der Anarchie in Germoney die Tageseinnahmen des Vereins, mit Entrümpelungen und Möbeltransporten mühsam erarbeitet, in literweise Apfelkorn umsetzten, ehe sie sich ans Absingen ihrer Kampflieder machten; um den Billardtisch rum Asbach-Cola schlürfende Jungloddels und Nachwuchsschläger vom Rathenauplatz, die aus lauter Langeweile schon mal einen kleinen Fixer durchs Fenster warfen; manchmal hauten sie sich auch nur gegenseitig Billardkugeln um die Ohren. Es gab jede Menge Personal aus den umliegenden Studentenpinten, die hier alle kein Geld auszugeben brauchten, weil auch wir überall frei Saufen hatten; Studenten und Studentinnen, die auch mal am proletarischen Sumpf schnuppern wollten, was manchen von ihnen dank Papis monatlichem Scheck mehr als gründlich gelang; hier kamen die Schwulen hin, denen das Shalömchen zu tuntig war; krakeelige Omas und Opas aus dem Viertel, die sich hier jünger und ernster genommen fühlten als in den gutbürgerlichen Gaststätten; ein paar Schauspieler – einer von ihnen ist heute ein Star im deutschen Film- und Fernsehgeschäft, und ich weiß noch, wie er versuchte, mir im Schrebergarten einen Aschenbecher aufs Maul zu hauen, weil ich ihm keinen Deckel machen wollte; es blieb bei dem Versuch – leider brach er sich den Arm dabei, heute kennt er mich nicht mehr, wenn wir uns begegnen; und schließlich haufenweise Musikerkollegen, die der allgegenwärtige Cat Stevens aus allen anderen Kneipen vertrieben hatte – Jazzgitarristen und Straßenmusiker, Garagenrocker und Big-Band-Bläser, ewige Loser und Karrieremacher, ehemalige und zukünftige Lokalmatadoren, Alleinunterhalter, Sich-selbst-Unterhalter und Popstars. Schöne Kneipe. Gute Zeit, 1976.
***
Wolli selbst war ein ziemlich guter Jazzpianist. Anfang der 70er hatten wir mal zusammen in einer dieser unsäglichen Post-Mahavishnu-Jazzrock-Kapellen gespielt (alles unter Neun-Achtel-Takt ist profane Kacke, und je mehr Zweiunddreißigstel-Noten du in einen Takt packst, desto besser ist die Band). Später machte er Ernst und studierte weiter seine Millimeterpapier-Musik, während ich das Kiffen dran- und mich in die Niederungen des Rock’n’Roll zurückbegab. Dann wurde in seinen Proberaum in Zollstock eingebrochen. Mit den fünfundzwanzig Mille von der Versicherung machte er den Schrebergarten auf – in der Nacht vor dem Einbruch hatte ich ihm noch geholfen, das komplette Inventar des Proberaums, Flügel, Mischpult, Bandmaschine usw., in den Keller seiner Cousine in Aachen zu schaffen. Ein Jahr lang schmiss er den Laden selbst, dann wurde es ihm zu laut und zu hektisch. Schließlich hatte er auch noch ein Riesenschwein: Kompositionsauftrag für eine dreißigteilige französische Krimi-Serie – zwar ’n Haufen Arbeit, aber auch Unmengen Kohle. »Wat soll ich mich da noch hintern Tresen stellen un’ Besoffene angucken, die ich au’ noch selber abgefüllt hab, wa’, Büb?«
Ich hatte schon ein paar Mal ausgeholfen, wenn ich pleite war, kannte den Laden und die Leute und genoss sein Vertrauen, also ernannte er mich kurzerhand zum Geschäftsführer. Ich kriegte nicht mehr zehn, sondern fünfzehn Mark die Stunde, musste mich dafür aber eben um alles kümmern. Und Wolli setzte sich ab nach Ibiza, wohin ich dann jeden Monat einen Scheck wandern ließ. Na gut – fast jeden Monat. Es gab ja nicht immer Gewinn.
***
Aber deswegen würde er mir ganz sicher nicht zwei Figuren wie diese auf den Hals schicken. Außerdem würde er auch wissen, dass das wenig Sinn hätte – ich verstand mich mit einigen von den einschlägigen Gästen ganz gut, und es hatte schon öfter geheißen: »Wä däm Büb jet deit, dä weed en dä Stadt nit alt!«* Also – was wollten die beiden Kanten hier?
»Jet spät draan«*, sagte ich, nachdem ich mich beinahe an ’nem Apfelkorn verschluckt hätte. Ganz der lässig-freundliche Barmann, den meine Gäste kennen und schätzen. Elvis schickte mir nur einen kurzen Blick rüber und kaute dann weiter an seinem Brikett. Es war die Art von Blick, wie ihn gestandene Fernfahrer nach sechzehn Stunden Autobahn für den Käfer schräg links hinter ihrem Hänger übrig haben, bevor sie ihre siebzig Tonnen ein paar Zentimeter vor seiner Schnauze auf die Überholspur lenken.
Das Rindfleisch ignorierte mich gar nicht erst, sondern ging fett wie ein kastrierter Kater auf die hintere Ecke der Theke zu, wo Britta saß. Er trug ein mehr oder weniger weißes Unterhemd, das ihm seine Mutter wohl schon vor über zehn Jahren gekauft hatte. Bei den beiden Wäschen seitdem war es ziemlich eingelaufen, unten reichte es nicht über seine Speckhüften, und oben auf den Schultern waren die Nähte an mehreren Stellen aufgeplatzt. Seine Mutter hatte daraus gelernt und ihm bei Woolworth eine rote Trainingshose gekauft, in die er wohl erst noch reinwachsen sollte. Als er an mir vorbei kam, brachte er eine Wolke von Schweiß und Shit mit. Ich versuchte, nicht allzu tief einzuatmen.
»Treck ding Jack aan, mir fahre jetz’ jet spaziere«*, begrüßte er die Blaue Britta galant.
»Moment ens* …«, versuchte ich, mich einzumischen. Elvis stand vor mir, einen Ellbogen auf die Theke gelehnt und schenkte mir einen etwas längeren Blick. Mir wurde klar, dass der Käfer schon eher neben dem Hänger fuhr, und jetzt sah ich auch die orangenen Aufkleber auf der Plane – Explosive Ladung!
Aber ich arbeite schon zu lange in solchen Kaschemmen, um mich von jedem Arschloch sofort einschüchtern zu lassen. Auch wenn du Schiss hast bis zum Geht-nicht-mehr – das Schlimmste, was du tun kannst, ist, es diese Sorte merken zu lassen. Da sind sie wie diese degenerierten Zwingerhunde – die fallen über jeden her, an dem sie Angst riechen, ziehen aber oft schnell den Schwanz ein, wenn du sie mal ordentlich anschreist. Ich kannte die Sprache dieses Vereins und hatte auch den einen oder anderen Trick noch nicht vergessen, der mir in meiner eigenen Asi-Zeit das Überleben im Eigelstein-Viertel erleichtert hatte. War zwar auch schon weit über zehn Jahre her, aber bisher war ich auf die Art noch immer glimpflich weggekommen, selbst auf dem Schrebergarten-Prüfstand. Wer sich hier in seinem Job länger als zwei Jahre halten konnte, an dem musste schon irgendwas dran sein. Oder …?
»Passt ens op: Eetztens es he Fierovend, ihr sid also eijentlisch jaa nit he, sondern stoot drusse un’ sid aan de Rollade am kloppe. Zweitens es dat Mädsche he kein vun üer Jymnasiums-Prömmsche, die ihr sönz he nommeddags affschlepp’, öm se aanzestesche, un drit-«*
Ich hatte die Bewegung kaum richtig mitgekriegt, weil ich zwischen beiden hin- und hergeguckt hatte bei meiner kleinen Ansprache – es war einfach nur der Reflex von einem, dem schon öfter was über die Theke geflogen kam, deshalb streifte mich der Barhocker nur an der Schulter und landete im Regal mit den Fruchtsäften.
»Du spells he jaa nit met, kleine Mann«*, bellte Elvis mit einer Stimme, wie man sie normalerweise nur kriegt, wenn man mindestens vierzig Jahre lang Karnevalslieder grölt – aber vielleicht klappt so was ja auch mit Brikettfressen. »Rühm ding Thek op un stühr uns nit bei d’r Arbeit. Dat nächste Dinge krisste en die Fress, es dat kla’?«*
Währenddessen hatte Rindfleisch, den die ganze Szene überhaupt nicht zu interessieren schien, Britta ihre Jacke in die Hand gedrückt, sie am Arm gepackt und war schon fast an der Tür mit ihr.
»Kumm, Fuss«*, sagte er, woraufhin auch Elvis sich der Tür zuwandte. Er übernahm Britta und Jacke und ging mit ihnen hinaus.
»Am beste drinkste dir noch e Bier un verjiss, datt mir övverhaup he wore. Sönz kumm isch widder und tredde dir dä Kopp weg«*, meinte Rindfleisch freundlich zu mir. Er tat einen halben Schritt von der Tür weg, und mit der Leichtigkeit einer Ballerina an der Trainingsstange, nur wesentlich schneller, kickte er die Lampe weg, die etwa in Höhe seines Minipli anderthalb Meter vor ihm über der Theke hing.
Ich machte die Bewegung, mit der Eiskunstlauf-Juroren ihre Bewertungs-Schilder ziehen, blickte nach rechts und links zu meinen virtuellen Mitjuroren und verkündete mit Stadionsprecherstimme:
»Vierkommavier …, dreikommaneun …, zweikommaacht … Das wird diesmal für die Meisterschaft kaum reichen, meine Damen und Herren. Wir geben zurück ins Studio.«
Das Rindfleisch betrachtete mich mit dem leicht verwunderten Blick eines jungen Hundes, der die Stimme seines Herrchens am Telefon hört. Vielleicht überlegte er auch, ob er seine Drohung wahr machen sollte, statt der Lampe mir den Kopf weg zu treten. Aber das war für sein Hirn anscheinend doch etwas zuviel auf einmal – er kratzte sich nur kurz an den Eiern, rückte sein beim Kicken wohl verrutschtes Zipfelchen zurecht, drehte sich um und ging hinaus. Die Tür ließ er ganz dabei.
2

Nachtschalter
Ich kippte noch einen Apfelkorn, bis ich die Autotür klappen hörte, dann spurtete ich los, um einen Blick durch die Ritze in dem kaputten Holzrollladen zu werfen. Rindfleisch stieg gerade auf der Fahrerseite in einen kanariengelben Ford Capri mit schwarzem Kunststoffdach. Britta saß zusammengekauert auf dem Rücksitz, und Elvis auf dem Beifahrersitz. Sie schienen es nicht eilig zu haben.
Ich spurtete zurück zum Telefon. Normalerweise traf man sich nach eins erst mal in der türkischen Pizzeria, hundertfünfzig Meter die Straße hoch.
»Den Zak, schnell!« Aber ich hatte ihn schon selbst am Apparat. Er steht meistens an dem Tisch neben dem Telefon und wartet auf ’ne Fuhre. Ich hatte eine für ihn. »Da kommt jeden Moment ein gelber Primaner-Mustang mit schwarzem Dach an dir vorbei. K-UK 425. Häng dich dran und sag mir, wo sie die Blaue Britta abladen. Pass auf, das sind Schläger. Ich warte im Nachtschalter auf dich.«
Ohne einen Ton hängte er ein. Ich konnte mich darauf verlassen, dass mein alter Schulfreund mit dem unaussprechlichen polnischen Namen Zakrzsewski jetzt in sein Taxi jumpen und dem Capri auf den Fersen bleiben würde bis zum Affenfelsen von Gibraltar. Ich würde rausfinden, was das ganze Theater hier sollte.
Ich bin einer, der gerne seine Ruhe hat, und mische mich deswegen auch nie in anderer Leute Angelegenheiten. Aber ich lasse mich nicht von jedem in meinem eigenen Laden mit Hockern beschmeißen. Und ich muss es mir auch nicht bieten lassen, dass man mir die einzige Frau im Laden vor der Nase wegzerrt. Zumindest war ich es mir und Wolli schuldig, Elvis die Kohle für die fünfundvierzig Graninis abzuknöpfen, die er mir zerdeppert hatte.
***
Nachdem ich die Sauerei beseitigt und den Laden zugemacht hatte, ging ich zu Fuß die drei Ecken bis zum Nachtschalter. Was mir unterwegs nicht aus dem Kopf ging, war das Verhalten der Blauen Britta während der ganzen Geschichte. Sie war ganz schön blass geworden, als Pat und Patachon reingekommen waren, hatte aber eigentlich kein bisschen überrascht gewirkt. Es war eher die Reaktion von jemandem, der schon länger mit Unheil rechnet und sich dann auch nicht mehr wundert, wenn es eintritt. Sie schien sofort gewusst zu haben, dass die beiden ihretwegen da waren. Und beim Rausgehen hatte sie auf mich gewirkt wie die Mörder in den Edgar-Wallace-Filmen, wenn sie nach dem brillanten Resümee von Blacky Fuchsberger zwischen zwei Bobbies abgeführt werden: Man weiß, dass alles gelaufen ist, die Frage ist nur noch: Strick oder Dartmoor? Und im Hintergrund darf Blacky schon Karin Dor küssen. Oder war es Baal?
Egal – ich hatte gerade keine Karin zum Küssen, sondern zerbrach mir den halb vollen Schädel darüber, was denn die Blaue Britta verbrochen haben mochte. Hatte sie was verbrochen? Was wusste ich überhaupt über sie, außer dass sie gut singen, saufen und blasen konnte?
Sie war dreiundzwanzig, irgendwo im Sauerland aufgewachsen und mit siebzehn nach Köln gekommen, weil sie als Sängerin schon alle Bands in ihrer Gegend durch hatte und einfach zu gut für sie alle war. Ein Naturtalent. Ein Talent, das auch noch ehrgeizig und fleißig war – in Köln fing sie an, Gesangs-, Klavier- und Tanzstunden zu nehmen; sie wollte hoch hinaus. In der Bandhierarchie der Stadt diente sie sich dann auch ziemlich schnell hoch – innerhalb von fünf Jahren hatte sie ihre eigene Band, für die sie auch ihr eigenes Material schrieb. Sie hatte jede Menge Studiojobs, Auftritte, Angebote von Plattenfirmen und einen Heiratsantrag von Werner Faus. Im letzten Jahr hatte sie dann bei einer Winz-Firma unterschrieben und eine wunderschöne LP herausgebracht, Blue B. And The Purple Veil. Eine Woche nach der erfolgreichen Präsentation im Weißhaus meldete der Besitzer der Firma Konkurs an und verschwand irgendwo auf den Seychellen. Es stellte sich heraus, dass er seine Kohle hauptsächlich mit dem Verschieben von geklauten Mercedessen gemacht, aber noch nicht eine der Rechnungen für die Produktionskosten der Platte bezahlt hatte.
Ein halbes Jahr hatten wir uns dann nicht gesehen. Britta tourte wie eine Geisteskranke Deutschland rauf und runter, um die Schulden abzuzahlen, und Penner’s Radio war auch ziemlich viel unterwegs – wir spielten ja sowieso überall, wo ’ne Steckdose war.
Doch – einmal trafen wir uns auf der Raststätte am Hockenheimring. Blue B. waren auf dem Weg von Osnabrück nach Würzburg und wir von Freiburg nach Bremen oder so ähnlich. Als wir vom Tanken kamen und uns in die Cafeteria schoben, kam sie gerade vom Kaffeetrinken raus.
»Du siehst müde aus«, sagte ich und hauchte ihr einen Kuss auf die weiche Stelle zwischen Kragen und Ohrläppchen.
»Guck dich mal an«, erwiderte sie mit einem schiefen Grinsen und einem sanften (sehnsüchtigen?) Leuchten ganz hinten in ihren blauen Augen und küsste die Ringe unter meinen. »Wie lange noch?«
»Noch acht Paar Stöcke. Und ihr?«
»Wenn du mich jetzt schwängern würdest, müsste ich die letzten beiden Gigs wohl absagen.«
»Wenn wir jetzt damit anfingen, würden wahrscheinlich heute Abend schon zwei ausfallen«, erwiderte ich bedauernd. »Schade, schade.«
»Ja«, sagte sie, »schön, dich gesehen zu haben.«
***
Verdrießlich starrte ich auf die Flasche Apfelkorn, die mir Werner vom Nachtschalter automatisch vor die Nase gestellt hatte. Wenn ich mich jetzt mit der anfreundete, war ich womöglich später zu blau, um Prinz Eisenherz zu spielen – wahrscheinlich würde ich nicht mal auf ein Pferd kommen. Also bestellte ich mir’n paar Wasser und warf ein Zweimarkstück in den Flipper. Die beiden Studenten davor wollten erst protestieren, aber ich drückte ihnen den Apfelkorn in die Hand, setzte sie auf die Fensterbank und empfahl ihnen, erst mal ein Trinkpäuschen einzulegen.
Es kam mir vor, als hätte ich Hunderte von Freispielen geholt und gespielt, aber frag mich keiner nach irgendwelchen Spielergebnissen. Flippern ist das Spiel zum Meditieren. Besser als Patiencen, Schach oder auf ’nem Nagelbrett liegen. Irgendwo zwischen dem bunten Geflacker und Geblitze siehst du verschwommen Die Magische Silberne Kugel herumflitzen und knallst die Mittelfinger auf die Knöpfe, um das Ding oben zu halten. Wie einer von den Glorreichen Sieben mit einem Schuss nach dem andern den Dollar in der flirrenden Luft von Texas tanzen lässt, ziehst du wieder und wieder ab, bis deine Trommel leer geschossen ist, und ganz entfernt hörst du das Klacken der Freispiele wie das beifällige Raunen der dummen Siedler vor dem Saloon. Fast so gut wie Schlagzeug spielen. Oder Vögeln.
»Probleme, Büb?« Werner stellte die unvermeidliche Flasche Apfelkorn und zwei Gläser auf die Glasplatte des Flippers und schenkte ein. Ich sah ihn an, als wäre ich gerade aus einem dieser klebrigen Mittagsschläfchen voller Ken-Russell-Träume erwacht. Sah ihn an, dann die Flasche, sah mich im Laden um. Alle Stühle standen schon auf den Tischen, und wir waren nur noch zu fünft – Werner, zwei seiner Thekenmädels und ich. Und Chet Baker, der gerade Heroin in Blues verwandelte.
»Wie spät isses denn?«
»Halb sieben«, unterdrückte Werner ein Gähnen. »Wa’s los?«
»Gehen die beiden mit?«, fragte ich ihn mit einem Kopfnicken zur Theke hin.
Er zuckte die knochigen Schultern: »Haste Lust?«
»Trinken wir erstmal einen.«
»Sowieso. Prost, Büb.« Wir tranken drei, vier Gläschen, und ich erzählte ihm, was am Abend im Schrebergarten gelaufen war.
»Nijinsky«, sagte Werner und schenkte nach, »und Brikett-Fuss. Haste schwer Schwein gehabt.«
»Hä?«
»Nijinsky, weil er so gut springen und die Füße hochkriegen kann, auch wenn man’s bei seiner Figur kaum glaubt, und Brikett-Fuss, weil der sich seit Jahren Briketts auf die rote Tolle knallt, um seine Stirn abzuhärten. Geh nie näher als auf einen Meter an den ran. Der hat schon mehr Nasenbeine auf dem Gewissen als Joe Frazier und die Müllers Aap zusammen. Und weißte, wo du jetzt mal anrufen solltest, wenn der Zak seit mehr als fünf Stunden an denen dranhängt?«
Na klar! Ich griff mir das Telefon. Es war die dritte Notaufnahme, die des Marien-Hospitals in Ehrenfeld. Ich bestellte mir ein Taxi, trank noch einen und umarmte die beiden an der Theke.
»Bestimmt ein andermal«, sagte ich. Sie nickten beide lächelnd und hielten Händchen.
»Ruf an«, sagte Werner, »wir warten.«
***
Den Werner kannte ich seit ungefähr drei Jahren, seit ich entdeckt hatte, dass man sich bei und mit ihm ganz wunderbar die Nacht um die Ohren schlagen konnte. Auch er mischte einen vorzüglichen Apfelkorn – kein Wunder, er trank kaum was anderes. Er war eins von diesen Handtüchern, wo man sich immer fragt: Wo tun die eigentlich all das hin, was sie saufen? Er war immer braungebrannt, weil er zwei-, dreimal im Jahr in Urlaub fuhr, und hatte tief eingegrabene Kerben um die Mundwinkel; vom Schnaps, vom Nachtleben, von zwölf Jahren Ehe, von den Problemen, die vier eheliche und mindestens neun uneheliche Kinder so mit sich bringen, von dem Zynismus, in den man sich dann gerne flüchtet. Und er hatte eine Macke: Ficken.
Wer den Spruch von der Nase des Mannes und seinem Johannes in die Welt gesetzt hat, war wahrscheinlich vorher mit Werner in der Sauna gewesen, denn der hatte einen wirklich riesigen, dicken Adlerzinken. Im Nachtschalter arbeiteten immer nur Blondinen, die alle paar Wochen bis Monate wechselten. Von fünfzehn bis fünfundzwanzig, von Einsfünfzig bis Zweimeter, von vierzig bis hundertvierzig Kilo, vom Typ Wenn-ich-ein-Junge-wär bis zum Typ Rauschgoldengel – Hauptsache, jung und blond. Und es arbeiteten immer so viele davon, dass es nicht geschäftsschädigend war, wenn eine mal ’ne Weile nicht da war. Alle zwei, drei Stunden kriegte Werner nämlich seinen Rappel, dann verschwand er mit einer von ihnen in der Wohnung ein Stockwerk drüber. Und dann wurde auf seinem Dreimal-drei-Meter-Bett erstmal ein Stündchen gerammelt – ein Nähmaschinchen war nix dagegen. Wir waren ein paar Mal zu viert dort oben versackt, deswegen kannte ich das aus eigener Anschauung – die Mädels stöhnten und schrieen, und er machte ihnen ächzend den Rammler. Wenn ich heute ’ne Frau »Ich kann nich’ mehr!« sagen höre, assoziiere ich immer sofort dieses Schlafzimmer.
Ich hatte mal eine gefragt, wieso sie das eigentlich mitmache.
»Ich steh auf den Werner«, war die verständnislose Antwort. Ich fragte nicht weiter nach. Ich hatte damals zwar schon ’ne Menge feministische Bücher gelesen, aber junge Frauen missionieren war deswegen noch lange nicht mein Bier. Außerdem war »Muss ja jeder selber wissen« schon lange einer meiner Leitsätze. Und ich hatte ja nix gegen Werner. Ein paar Wochen, nachdem wir uns kennen lernten, hatte ich ihm verklickert, dass Sterilisation nicht im Geringsten was zu tun hat mit Impotenz oder gar Kastration. Er hatte sich daraufhin erfolgreich einem Eingriff unterzogen und konnte jetzt nach Lust und Laune in der Gegend herumvögeln. Seitdem war ich sein Freund. Von AIDS hatte man damals noch nichts gehört.
3

Zak
Gegen halb acht traf ich im Marien-Hospital ein. In der Notaufnahme war nicht mehr viel zu tun. Oder noch nicht. Nur ein Typ in Motorradklamotten auf einer Bahre im Gang störte die Ruhe ein wenig. Er schrie wie am Spieß. Er hatte sich offensichtlich ohne Helm auf die Fresse gelegt und sah nicht sehr schön aus. Als er den blutdurchtränkten Klumpen Mull mal kurz von seinem Kopf wegnahm, sah ich, dass er sich das halbe Gesicht und das halbe linke Ohr weggescheuert hatte.
Ich fragte mich zu Zak durch und musste erstmal tief durchatmen, als ich ihn fand. Von seinem Gesicht sah man nur die geschlossenen Augen, eins davon blutunterlaufen, seine Nasenspitze und einen schmalen Schlitz, wo sein Mund sein sollte. Er schlief und stöhnte leise im Schlaf. Ich suchte den Arzt, der ihn behandelt hatte, gab mich als Zaks Bruder aus und tat aufgeregt. Der Arzt war ein junger Schnösel mit teurer Brille und noch teurerer Armbanduhr. Ich war sicher, dass sein Alter auch Mediziner war – die Uhr konnte er sich so kurz nach seinem Studium sonst sicher nicht leisten. Er war entsprechend blasiert und kurz angebunden.
»Unterkieferfraktur«, verkündete er von oben herab und als sei das nichts Besonderes, »mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen. Gehen Sie zur Polizei!«
»Aber da war ich doch schon; die wollen mir auch nix sagen!«, greinte ich, »was soll ich denn jetzt machen?«
Er guckte mich zwar skeptisch an – sein Chef hätte mir das bestimmt nicht abgekauft – aber er war wohl schon seit gestern Abend im Dienst, und der Motorradfahrer wartete draußen hörbar auf ihn.
»Schau’n Sie«, ließ er sich in seinem Villa-in-Hoffnungsthal-Tonfall herab, zu mir langhaarigem Proleten zu dozieren, »viel weiß ich auch nicht. Der Patient ist wohl Taxifahrer und hat sich letzte Nacht bei seiner Zentrale nicht abgemeldet. Daraufhin haben seine Kollegen nach ihm Ausschau gehalten und ihn bewusstlos in seinem Taxi auf der Oskar-Jäger-Straße gefunden, wo er einen parkenden Lastwagen gerammt hatte. Wie er sich dabei aber so den Kiefer gebrochen hat, ist mir allerdings auch in Rätsel.«
»Was meinen Sie mit ’so den Kiefer geb–’«, wollte ich nachhaken.
»Das kann ich Ihnen jetzt auch nicht detailliert erklären«, unterbrach er mich ungeduldig, »aber wenn er mit dem Kinn aufs Lenkrad geschlagen wäre, müsste der Bruch ganz anders aussehen. Mir scheint eher, dass es ihm den Unterkiefer von der Seite weggeschlagen hat. Aber Genaueres wissen wir erst morgen, wenn die Röntgenaufnahmen ausgewertet sind. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.« Drehte sich auf einem Gummiabsatz rum und quietschte Richtung Straßenfeger.
Ich überlegte einen Augenblick lang, ob ich zurück zu Werner und den beiden Mädels fahren sollte. Nein – morgen würde es einiges zu tun geben, und es wäre bestimmt nicht schlecht, dafür halbwegs ausgeschlafen zu sein. Ich rief an, berichtete und wünschte ihnen viel Spaß. Im Hintergrund sang Jack Bruce I’m So Glad.
Ich fuhr zu Vera. Sie war schon weg, und ihre Tochter war im Kindergarten. Ich ließ das Rollo in meinem Zimmer runter, um die Morgensonne auszusperren, und legte mich ins Bett. Draußen rauschte der Alltag durch die Stadt, mit Gehupe, Geknatter, Geschnatter und Gebell. Es war ein schöner, milder September, und als letztes Bild vorm Einschlafen sah ich Nijinsky, der vor Zaks Taxi stand und sagte: »Verpiss disch, sonz tredde isch dir dä Kopp weg!«
***
Nachmittags weckte mich der Duft von frisch aufgebrühtem Vanille-Tee. Er kam aus einem großen blauen Becher mit gelben Punkten, den mir Anna, Veras fünfjährige Tochter, unter die Nase hielt.
»Komm, Schnarchsack, genug geschlafen«, kicherte sie.
»Wie spät isses denn?«
»Drei Uhr, glaub ich.«
»Und wieso bist du dann schon hier, du Kröte?«
»Ich bin keine Kröte, ich bin ein Seraphim. Und deswegen hab ich auch keine Lust mehr, im Kindergarten zu gehen.« Sie kletterte zu mir aufs Bett und fing an, meine Haare zu verknoten. Sie roch noch besser als der Tee. Wahrscheinlich hatte Vera mal wieder ein neuer Duftwasser. Bedeutete normalerweise, dass es da irgendwo ’ne neue Freundin gab.
»In den Kindergarten«, verbesserte ich automatisch. »Und ich bin kein Schnarchsack. Ich übe im Traum neue Lieder, das mag sich nur von draußen ein bisschen komisch anhören. Außerdem heißt es Seraph, ohne -im, wenn’s nur einer ist. Und wenn er sechs Flügel hat. Wo sind denn deine?« Ich begann, sie auf der Suche nach ihren Flügeln im Rücken zu kitzeln, was in eine Riesenbalgerei ausartete. Kinder sind schon eine herzerwärmende Sache. Wenn man sie nicht dauernd am Hals hat; von der Verantwortung ganz abgesehen. Ich war froh, dass ich nicht Vater war, auch wenn man mit einer jauchzenden, blondgelockten Fünfjährigen mit vor Eifer geröteten Wangen schon mal auf ganz andere, wehmütige Gedanken kommt. Trautes Heim. Wenn das meine Fans in Ingolstadt wüssten …!
Ich machte uns ein paar Brote mit frischem Holländer, mildem Senf und Apfelscheiben, und wir setzten uns auf den Balkon voller duftender Tomatenpflanzen, Küchenkräuter und Blumen und hörten Louis Armstrong. Anna liebte ihn – die Scheibe mit den Greatest Hits hatte ich ihr schon zum zweiten Mal gekauft, weil sie die erste durchgenudelt hatte. Wir aßen unsere Brote und tranken den Tee. Er war viel zu dünn und noch mehr zu süß, aber ich sagte nichts dazu. Sie war offensichtlich sehr stolz, dass sie ihn ganz alleine aufgebrüht hatte.
***
»DIE FAHRT KOSTET DICH ABER ’N PAAR BIER!«, stand auf dem Blatt Papier, das Zak mir auf einem Klemmbrett entgegenhielt.
»Mindestens«, sagte ich. Und dann las ich, was er auf die Seite darunter gekrakelt hatte. Er war dem gelben Capri die Aachener Straße raus bis nach Junkersdorf gefolgt, eine der feineren Wohngegenden Kölns, wo der in einer Garageneinfahrt geparkt wurde. Die beiden Figuren hatten Britta in einen Bungalow gebracht, dessen Haustür von einer zierlichen Asiatin mit langen Haaren geöffnet worden war. »Pechschwarze Haare bis zum Arsch«, hatte Zak geschrieben, »irgendwo hab ich die schon mal geseh’n – ich meine, im Forum.«
Leider war die Einfahrt direkt hinter einer Kurve gelegen, und den Jungs musste das Taxi doch noch aufgefallen sein. Als Zak nämlich nach ein paar Minuten ausgestiegen war, um sich den Bungalow etwas näher anzusehen, hatte sich einer der beiden schon in seinen Rücken geschlichen.
»Ich hör jemanden durch die Zähne pfeifen, dreh mich um, seh den dicken Nijinsky, wie er mich angrinst und hab auch schon seinen Turnschuh in der Fresse. Bin froh, dass der keine Fußballschuhe trägt. Dann weiß ich erstmal nix mehr, bis ich merke, dass ich auf dem Beifahrersitz meiner Karre liege. Der Nijinsky fährt und hält mich mit dem rechten Arm an die Lehne gedrückt. Dann gibt’s ’nen Knall, und ich bin wieder weg. Als ich wach werde, steh’n ’n Haufen Kollegen und die Bullen um mich rum«, las ich. »Der Nijinsky wird sich bald ’ne andere Stadt für seine Streiche suchen müssen. Bis dahin wär’s nett, wenn du mir ’nen Kassettenrekorder und wat Musik besorgen könntest. Und wat machs’ du jetzt?«
»Ich besorg dir jetzt erstmal deine Musik. Dann such ich Twiggy und guck mir das Häuschen in Junkersdorf mal an.« Zak hob den rechten Daumen und schloss müde die Augen. Ich sah ihn mir noch ’n paar Sekunden an. Ja, er hatte bestimmt recht: Nijinsky würde in Köln nicht mehr viel Spaß kriegen: ’nen kölschen Taxifahrer zusammentreten …!
Ich machte mich auf die Socken.
***
Die Stadt brachte sich zunehmend in Feierabendstimmung. Auf der Goldenen Meile, den Ringen zwischen Friesen- und Barbarossaplatz, flogen mir ein paar schwarzbraun gefleckte Blattreste um die Beine. Irgendwo musste es hier doch noch den einen oder anderen Baum geben. Der Verkehr schob sich zäh in beide Richtungen. Hinter den Fenstern der Straßenbahnen klebten graue Gesichter ohne erkennbaren Ausdruck. Vielleicht waren sie tatsächlich nur aufgeklebt, aber ich fand nicht, dass sie eine gute Werbung für den Kaufhof-Schriftzug waren, der darunter prangte.
Ein Kind in einem Buggy, eingeklemmt zwischen prallen Einkaufstüten, schrie sich neben dem Zebrastreifen an der Richard-Wagner die Kehle wund. Eine höchstens neunzehnjährige Schwangere mit toupiertem Wasserstoffblond schrie ihrerseits genervt auf das Kind ein. Ich hörte mindestens sieben Wenn-du-jetz-nit-bald-still-bis’!, ohne dass sie dem Kind einmal verraten hätte, was denn dann wäre. Der italienisch aussehende Typ daneben betrachtete beide angewidert und versuchte, dabei lässig und unbeteiligt auszusehen.
Tja, Giuseppe, solltest vielleicht mal überlegen, ob es was nützt, deine Jisela mal eine Stunde durch die Stadt zu schieben, den Kopp in Auspuffhöhe festgeklemmt! Ich glaubte aber nicht, dass das viel nützen würde. Wahrscheinlicher war, dass sie einfach nur zu jung und überfordert war. Dabei war der Giuseppe sooo nett gewesen, damals auf der Deutzer Kirmes, viel süßer als die Mülheimer Halbstarken, mit denen sie sich da sonst immer rumtrieb. Die versuchten ihr nur dauernd an ihre großen Brüste zu gehen, während der hübsche Italiener ihr auf der Bank unten am Rheinufer erzählt hatte: »Dein Auge sin schöne’ dann die von Sophia Loren!« Mittlerweile schien er die Augen auf einem Paar Würfel schöner zu finden. Oder die der italienischen Schlampe hinterm Tresen des Club San Marco, den er nur noch verließ, um sich bei ihr zu Hause frisch gebügelte Klamotten abzuholen. Oder sie zum zweiten Mal zu schwängern.
4

Twiggy
Einen Haufen Tresen und Schlampen würde ich heute Abend wohl auch noch zu sehen kriegen. Twiggy hatte dienstags frei, und das hieß, er konnte in irgendeiner der achthundert Kneipen zwischen Rodenkirchen im Süden Köln und Worringen im Norden, zwischen Rösrath im Osten und Bocklemünd im Westen hängen. Ich hatte ziemliches Glück. In Kneipe Nummer fünf, dem Florchen in der Friesenstraße, fand ich seine Spur in Form seiner verheult aussehenden Dauerverlobten Roswitha.
»Dä blöden amerikanischen Hungk! Dä soll mer bloß nimmieh unger die Aure kumme! Vun wäje: ‚Dienstag frei, do maache mir uns ene schöne Oovend zesamme!’ Am Suffe un am Käue un am Zocke es dä Drecksack ald widder!«* Sie heulte sich vier Bacardi-Cola wässrig und erzählte mir zum zigsten Mal die Geschichte ihres Liebesleids mit »däm Mister Kritt-dä-Hals-nit-voll«.*
Aber nach einer knappen Stunde hatte ich raus, mit wem er denn heute unterwegs war, und wo sie angefangen hatten. Danach war’s einfach. Ich fand ihn im Silberne Saddel in Weidenpesch, nahe der Pferderennbahn. Hier verkehrten die Jockeys und die Wettgeschäftemacher, die Fans und die Zocker, Zuhälter aus der nördlichen Hemisphäre der Stadt und ihre Puppen, die aussahen wie die Frauen der dort ansäßigen Geschäftsleute, die ihrerseits aussahen wie Zuhälter. Alle palaverten lautstark und wild durcheinander, das Kölsch floss in Strömen, hauptsächlich in die Mini-Gläser, die in Köln »Stößjen« heißen. Und Abba ließen die Musikbox klirren.
Twiggy stand mit bloßem Oberkörper mitten in einem Knäuel Loddel und hielt vornüber gebeugt den Gürtel von Hämches Jupp zwischen den Zähnen. Jupps schlappe hundert Kilo schwebten einen halben Meter über dem fast schwarzen Parkettboden. Er machte einen Haufen Kies mit Imbissbuden, die für ihre gegrillten Hämchen berühmt waren. Das einzige, was er selber noch an Arbeit leistete, war zweimal die Woche morgens um fünf im Schlachthof-Restaurant mit ein paar Großhändlern Asbach-Cola zu saufen und dann eigenhändig ein paar Zentner Schweinshaxen in einen seiner Lieferwagen zu schmeißen – »domet die Arschlöcher nit meine, se künnten dä Jupp bedrieße!«*
Einer der Umstehenden begann, von einer Rolex mit einem goldenen Armband so breit wie anderer Leute Manschetten die letzten zehn Sekunden runterzuzählen. Twiggy ließ sich auf die Knie sinken und ließ seinen Gegner so sanft auf dem Boden ab, als sei er ein Tablett voll Jack Daniels. Er reichte Hämches Jupp seine rechte Schaufel und zog ihn spielerisch auf die Füße. Dann trank er drei Bier auf ex, machte die Runde und kassierte ab. Es kam ein ziemliches Bündel blauer Scheine zusammen. Nein – keine Zehner.
»Lokälrunde!«, schrie er in seinem breiten amerikanischen Akzent und grinste sein Lausbubengrinsen. Die meisten applaudierten und hieben ihm anerkennend auf die verschwitzten nackten Schultern. Ein paar – hauptsächlich die Loddel-Fraktion – guckten eher missmutig drein. Sie hätten »däm Ami« einen Dämpfer gegönnt – er war ihnen ein Dorn im Auge mit seiner unglaublichen Kraft, seinem Stehvermögen und seiner jungenhaft großen Schnauze. Und er machte keinen Hehl daraus, dass er keine Zuhälter mochte. Er prügelte sich bei jeder passenden Gelegenheit mit ihnen – und verlor nie.
***
Als er noch Sergeant beim Los Angeles Police Departement gewesen war, hatten vier schwarze Pimps seine Frau in Streifen geschnitten, weil sie einem von ihnen bei einer erzwungenen Orgie den halben Schwanz abgebissen hatte. Twiggy hatte seine Magnum mit selbst angefertigten Dumdum-Geschossen geladen, sich ein paar Tage krank gemeldet und die Kerle der Reihe nach aufgespürt.
»Not much left of them motherfuckers, when I’m thru’ with ’em, Boob. Blew one of ’em right thru’ a fuckin’ motel room wall.”* Land of the brave.
Seine Kollegen hatten zwar durchweg viel Verständnis für ihn, aber durchgehen lassen konnten sie ihm das natürlich nicht. Nicht einmal in L.A. Sie erklärten ihn für unzurechnungsfähig aufgrund von Schockwirkung und suspendierten ihn. Er reiste ’ne Weile in der Welt herum und landete dann hier in Köln als Nahkampflehrer für den Polizei-Sport-Verein. Nebenbei arbeitete er als Türsteher im Session in der Ehrenstraße. Da saß er dann oben an der Tür, trank Jack Daniels auf Eis, kaute Haschischklumpen und grinste jeden, der rein kam, freundlich an. Wenn’s unten im Laden Ärger gab, und den gab’s öfter, ertönte oben an seinem Platz ein Summer. Dann war er in zwei Sekunden unten, griff sich die Störenfriede, schlug sie mit den Köpfen aneinander, schleifte sie die Treppe hoch, manchmal an den Füßen, wobei ihre Köpfe bei jeder Stufe dieses hässliche Geräusch machten, und warf sie auf die Straße. Wenn sie sich bis oben immer noch nicht beruhigt hatten, warf er sie auch schon mal durch die Tür. Allerdings ging er nach dem ersten Mal, das ihn eine Stange gekostet hatte, immer hinterher und nahm ihnen ihr Geld ab.
»Ick kann doch nickt jedes Mal die fuckin’ Scheißdoor beßahlen, shit, man!«, kauderwelschte er fröhlich, klatschte mit einer reinigenden Geste in die Hände und ließ sich einen neuen Jackie bringen.
»Make it double, man, der Ahbeit macht Duahst!« Sie kriegten ihm nie beigebracht, Leute, die nach Ärger aussahen, gar nicht erst rein zu lassen. »Dafür braukt Ihr doch good ole Twiggy nickt, däs kann jede fuckin’ Klofrau!« Einmal waren es sechs junge Türken, was morgens um halb sieben sogar für ihn zwei zuviel waren. Sie richteten ihn und seinen Arbeitsplatz ziemlich übel zu.
»Türken, ha?«, meinte er nach zwei Tagen Erholungspause. Er fuhr in die Weidengasse, ging in die erste türkische Imbissbude und machte Kleinholz aus ihr. Dann ging er in die nächste. In der Weidengasse gibt es jede Menge davon – die Kölner nennen dieses Viertel Klein-Istanbul. In der vierten erwartete ihn der alte Metin und fragte ihn, was das sollte.
»You Turkish guys komm in mein Laden und mack trouble, Twiggy komm in dein Laden mack trouble, okay?« Metin telefonierte. Nach ’ner halben Stunde tauchten die drei der sechs Jungs auf, die nach ihrer Begegnung mit Twiggy noch laufen konnten, ließen eine Standpauke von Metin über sich ergehen und entschuldigten sich bei dem Amerikaner. Dann tranken sie ein paar Flaschen Raki zusammen, hauten sich auf die Schultern und nannten sich gegenseitig Arkadas. Es gab nie wieder Ärger mit Türken im Session.
Wir waren Freunde geworden, weil ich einer der Wenigen war, die seinen L.A.-Slang verstanden, weil er darauf stand, wie ich Schlagzeug spielte, und weil ich bei einer Session im gleichnamigen Laden einem Loddel, der vor der Bühne eine seiner Nutten verdrosch, eins meiner Becken auf den Schädel gedengelt hatte. Ich bin etwas altmodisch in manchen Dingen. Außerdem zog er gerne nach Feierabend mit mir durch die Kaschemmen, knobelnd und saufend, und wenn ein paar Loddels da waren, fing er an mir beizubringen, wie man mit einem Gegner fertig wird, der nicht allzu viel auf die goldenen Regeln der Fairness gibt. Das war mir einerseits immer ein wenig peinlich – Twiggy zog sich Jacke und Hemd aus und zeigte mir an irgendeiner Theke unter den finsteren Blicken der Jungs ein paar Tricks. Andererseits hatten wir immer eine Menge Spaß dabei – meistens gipfelte die Vorstellung darin, dass er vor mir stand und schrie: »Hit me in the face as fast an’ hard as you can! Come on, Boob!«* Ich versuchte es immer wieder, aber trotz meiner Boxerfahrung traf ich ihn nie, sondern landete regelmäßig in irgendeiner Ecke. Tae Kwon Do oder so ähnlich. Woraufhin er sich zu den Jungs rumdrehte und einen von ihnen anbellte:
»Warum lachst du, dumbshit, du glaubs, du bist schneller? Hier – zweihundert Mark, wenn du der courage hast, hey!« Und schon war wieder ’ne lustige Keilerei im Gange. Ach ja, goldene Jugendzeit …!
5

Dingdong
Jetzt standen wir an der Theke im Silberne Saddel und tranken Stößjen, während Twiggy sich in Ruhe anhörte, was ich wusste, was ich wissen wollte – und was ich vorhatte.
»Britta, hey? Fine lady. Wie spät is das?« Es war kurz vor zehn. »Freie Abend for ol’ Twiggy, hey? Shit.« Er dehnte das Wort so, dass es zwei Silben hatte. »Auto?« Ich verneinte. Wir bestellten ein Taxi, er zog seinen schwarzen Lederblouson über sein Mothers-of-Invention-T-Shirt, und wir zogen los.
Der Wind hatte sich gelegt. Es war ein wirklich freundlicher Septemberabend, an dem die Singvögel in den Parks und Gärten von Junkersdorf noch einmal ihr Bestes gaben, bevor sich der Sommer endgültig aus diesem Jahr schleichen würde. Unterwegs waren wir uns einig geworden, dass es eigentlich nur eine gute Strategie gäbe. Wir würden klingeln, nach Britta fragen und dann weitersehen. Watt Earp und Doc Holiday.
Asterix und Obelix?
***
Das mit dem Klingeln klappte noch ganz gut, aber es ließ sich niemand blicken, den wir irgendwas hätten fragen können. Das Haus blieb dunkel und mucksmäuschenstill. Bis auf das sanfte Dingdong irgendwo da drinnen, wenn ich den Klingelknopf drückte. Shit. Wir gingen um das Haus herum, an einer verschlossenen Doppelgarage vorbei, öffneten ein kleines schmiedeeisernes Törchen und fanden hinter dem Haus einen großen dunklen Wintergarten. Ich ging vier Stufen hoch und probierte die Klinke einer Glastür. Sie war nicht abgeschlossen, und ich öffnete sie vorsichtig. Dann lag ich auf dem Rücken am Fuße der vier Stufen und ließ mir von einem langhaarigen Schäferhund den vertrauten Duft von halb verfaultem Pansen ins Gesicht blasen. Das Mistvieh hing einfach über mir, vielleicht fünfzig, sechzig Kilo schwer, und grinste mich an. Er sah fast aus, als wolle er bloß ein bisschen spielen, wären da nicht die gekräuselten Lefzen gewesen und das leise Grollen tief in seiner Brust.
Und er wusste nicht, dass mein Onkel Fred, bei dem ich mehr als die Hälfte meiner Kindheit verbracht hatte, Schäferhunde gezüchtet hatte, solange ich zurückdenken konnte. Ich sammelte so viel Speichel ich konnte und spuckte ihm ins Maul. Er zuckte kurz zurück und riss den Rachen auf. Ich rammte ihm die flache rechte Hand quer hinein und presste seine Zunge fest an seinen Unterkiefer. Gleichzeitig kniff ich mit der Linken hart in seine Nase. Er winselte und versuchte, mit ruckartigen Bewegungen seine Schnauze zu befreien. Ich drehte seinen Kopf, seinen Unterkiefer als Hebel benutzend, bis er nicht mehr auf mir hing. Ich wälzte mich auf die Knie, wo ich noch mehr Kraft entwickeln konnte. Es knackte. Sein Geheul musste ganz Junkersdorf aufwecken. Ich sprang auf, riss meine Hand aus seinem Maul und trat ihm gegen den Kiefer. Er überschlug sich und kroch winselnd und mit eingekniffener Rute in den dunklen Garten. Wenn er so gut dressiert war, wie es bei seinem lautlosen Angriff den Anschein gehabt hatte, würde er in ein paar Minuten wieder böse werden, aber er würde, was meine Person anging, etwas vorsichtiger sein. Schwer atmend drehte ich mich um.
»Dein freier Abend, wie?«, knurrte ich Twiggy an, der im Türrahmen stand, Hände in den Jackentaschen, Kaugummi kauend. Oder Haschisch?
»Nickt gänz, Tarzan«, brummte er vergnügt. Jetzt erst bemerkte ich, dass zu seinen Füßen ein Mensch hockte, sich den Magen hielt und würgte.
»Wen hammer denn da?«, fragte ich.
»Modesty Blaise?«, sagte Twiggy, packte die Gestalt am Kragen und hob sie hoch, sodass ich ihr ins Gesicht sehen konnte. Er hielt sie mühelos an seinem ausgestreckten Arm, wobei ihre Füße vierzig Zentimeter über dem Erdboden schwebten. Es war Zaks Asiatin, Haare bis zum Arsch. Gut ging’s ihr nicht.
»Suzie Wong! Jetzt haust du auch schon kleine Mädchen?«
»Wenn dunkel, erst beruhigen, dann fragen«, sagte er. »Alte Regel bei de cops.«
»Na dann fragen wir sie doch mal ’n bisschen was«, meinte ich. Er drehte sich um, mit dem Mädel an der ausgestreckten Faust, und ging durch den Wintergarten ins Haus. Wir betraten ein riesiges Wohnzimmer. Ich fand einen Lichtschalter. Ein paar Sessel, zwei Sofas, ein Glastisch, der so groß war, dass ich bedauerte, keine Schlittschuhe dabei zu haben. Die meisten Möbel waren mit weißen Laken zugedeckt. Urlaubsstimmung.
Twiggy setzte Suzie Wong in einen der Sessel und drückte sie kurz hinterm Ohr. Sie verdrehte die Augen und wurde ohnmächtig.
»Erst de Haus«, meinte er. Auch nicht dumm. Also nahmen wir uns erst »de Haus« vor. Vom Keller bis zum Speicher. Fast überall das gleiche Bild – mit Laken verdeckte Möbel. Kein Mensch. In einem der Schlafzimmer im ersten Stock waren zwei getrennt stehende Betten benutzt worden. An deren Fußende stand eine Campingliege, an deren Gestell ein Paar Handschellen befestigt waren. In meinem Kopf ertönte das Stahlnetz-Thema. Aber es wollte dann doch nicht so recht zu der Fototapete am Kopfende der Betten passen – ich hatte das Foto schon mal in irgendeiner Zeitschrift gesehen, aber nicht im Format drei mal fünf Meter: ein afrikanischer Sandstrand, Palmen, Fischerboote. In den Booten standen hochgewachsene, nass glänzende schwarze Männer, die sich auf lange Stäbe stützten. Die meisten von ihnen hatten Pimmel, die ihnen fast bis zum Knie reichten. Black Hammer. Wir waren wohl im Mädchenzimmer gelandet.
Wir trabten wieder runter ins Wohnzimmer. Es war leer.
»Verdammt zäh, diese Asiatinnen, wie?«
»Yeah«, knirschte Twiggy. Ich sah ihn an und ritt nicht weiter darauf herum. Nicht alles in Vietnam hatte ihm gefallen.
»Warte hier. Und denk an den Hund«, schlug ich ihm vor. »Ich guck mir noch mal das Büro an.« Er nickte bloß. Das hat man nun davon, wenn man einem nicht allzu wehtun will! konnte ich ihn förmlich denken hören.
In dem Arbeitszimmer im zweiten Stock, schräge Wände, eine Dachhälfte verglast, riss ich die Laken vom Schreibtisch und einem Wandschrank. Leer. Nichts. Nada. Nix Urlaub – weg! Ich warf noch mal einen Blick ins Bad und den einen oder anderen Schrank. Absolutely nothing. Nichts, was irgendeinen Rückschluss auf die Hausbesitzer oder Mieter zuließe. Mieter?! Ich rannte die Treppe runter zum Vordereingang. Daneben hing, in die Wand eingelassen, der Briefkasten. Werkzeug!
»Twig?« Er kam in den Flur und begriff sofort. Er trat einmal kurz mitten auf das Briefkastentürchen. Es bog sich ein schönes Stück nach innen, und die Ränder klafften auf. Er bog den unteren nach oben. Man kann sich doch immer darauf verlassen, dass die Post irgendwas verschlampt. Ich holte zwei Briefumschläge aus dem Kasten. »An alle Haushalte«. Absender der Quelle-Versand. Scheiße! Aber der hier: An Hrn. Dieter O. Meyer, Nachtigallenweg 4, 5000 Köln-Junkersdorf. Abs.: Der Polizeipräsident, Köln. Die Mahnung für ein beschissenes Zwanzig-Marks-Knöllchen wegen Falschparkens am Wallraf-Richartz-Museum! Bingo!
»Besser als nix«, grinste Twiggy. »Time for a drink, hey?«
In beiden Punkten konnte ich ihm nicht widersprechen. Wir verpissten uns.
6

Kalt und warm
»Jetz’ tu’ mir bloß dat Tier vom Hals!«, schimpfte Ela, als wir in ihren Laden in der Bismarckstraße kamen. »Dat jibt doch nur widder Ärjer!«
»Nä, nä, Ela«, beschwichtigte ich sie, »mir sin’ dienstlich unterwegs. Mach uns mal zwei Jedecke!«
»Datt ich nit laache – dienstlich! Dä Haschischfresser un’ der Appelkorn-Junkie! Dabei war dat so ’ne jemütliche Abend bis jetz’ …« Aber dabei zapfte sie schon und stellte unsere Getränke vor uns hin. Zwei Bier, ein doppelter Jack Daniels, ein doppelter Apfelkorn. Dann kam sie um die Theke rum und kniff mich in mein Pittermännchen (so heißt in Köln ein Zehn-Liter-Fässchen Kölsch. Manche – wie ich – tragen so’n Ding ständig mit sich rum. Unterm Hemd.). »Weißte eijentlich, wie lang du dich nit has’ sehen lassen, du treulose Tomat’?« Ich nahm sie in den Arm und streichelte ihren Rücken. Sie war mindestens zehn Jahre älter als ich, hatte aber die Figur einer Achtzehnjährigen. Ihr Alter sah man ihr nur an, wenn man auf die feinen Falten um ihre Augen und ihren Mund achtete. Es gab keinen Grund, darauf zu achten – sie war wunderschön.
»Du weiß’ doch, dass ich auf Tour war. Ich …«
»Jaja, dat weiß ich. Ein’ Ansichtskart’ von der Raststätte Dammer Berge, ein’ von der Raststätte Würzburg. Un’ auf beiden steht hinten drauf bloß: Büb. Müsst ihr et immer eilig haben!«
»Jaja, die Menschen sin’ schlecht, Ela, weißte doch. Un’ …«
»Un’ die, die nit schlecht sin’, sin’ doof«, ergänzte sie meine Lieblingsweisheit unisono. »Lass dir mal wat Neues einfallen, Büb! Sons guck’ ich mich emal en bisschen unter dä andere Jungens um.«
»Guck’ dich doch um«, sagte ich. Positiv verstärken, Dr. Klütsch! »Wer hätte denn ’ne Chance gegen mich?« Das brachte mir einen Tritt gegen das Schienbein ein. Scheißtyp!
»Na ja – heut’ Abend seh’ ich da auch eher schwarz. Aber sei dir nit so sicher!«
»Wat is’ schon sicher? Sicher is’, datt mir im Moment richtijen Ärjer am Hals haben. Un’ damit mein’ ich nit dat Roswitha.« Die war gerade zur Tür reingekommen und hatte Twiggy natürlich prompt entdeckt. Der konnte sich auch schlecht hinter irgendjemandem verstecken. Also Vorwärtsverteidigung.
»Darlin’!«, ging er mit weit ausgebreiteten Armen auf sie los, begrub sie an seinem mächtigen Brustkorb, küsste ihr ganzes Gesicht und flüsterte ihr eine Weile ins Ohr. Nach zwei Minuten hatte er gewonnen. Roswitha strahlte:
»Is’ dat wahr, Büb – ihr sucht mich schon seit zwei Stund’?«
»Dä fing ald an, sickig ze weede, weil mir dich nit jefunge han«, versicherte ich ihr. »Du muss och nit immer esu unjeduldig sin, Rösjen!«* Fragen sie Frau Irene!
»Wat denn für ’ne Ärjer?«, fragte Ela, nachdem Roswitha sich wieder ihrem Verlobten zugewandt hatte. Ich erzählte ihr die ganze Story, während uns ihr Barmännchen weiter mit Stoff versorge.
»Das Blöde is’, ich weiß ganz genau, dass mir der Name Dieter O. Meyer schomma untergekommen is’. Aber ich komm’ zum Verrecken nich’ drauf!«
»Mensch, Büb, wie lang’ machs’ du schon Musik in dä Stadt, hä? Oder haste dir dat bisschen Jehirn schon janz wegjesoffen? Bei dem hat doch früher dat Kathrinchen jearbeitet!« Shit! Ich schlug mir mit dem Handballen gegen die Stirn.
***
Das hätte ich nicht tun sollen. Ich saß anscheinend doch nicht so stabil auf meinem Hocker, wie ich dachte, kippte mitsamt dem Scheißding nach hinten und donnerte gegen den Nebentisch, den ich gleich mit zu Boden riss. Einer von den Jungs am Tisch wollte mich festhalten, flog aber gleich in eine andere Ecke, weil Twiggy nicht mitbekommen hatte, was passiert war, und ihn mir prophylaktisch mal vom Hals schaffen wollte. Schon machten drei Kollegen Front gegen Twig. Aber Ela schob sich schnell dazwischen.
»Wehe euch!«, klirrte sie. Da keiner so genau wusste, worum es eigentlich ging, fror die Szene erstmal ein, als warteten sie alle darauf, dass jetzt von der Regie die Zeitlupe eingespielt würde.
Ich rappelte mich hoch und trank erst mal mein Bier aus, das ich mit der Linken während der ganzen Nummer instinktiv so gehalten hatte, dass ihm nix passieren konnte. Menschen, Tiere, Sensationen.
»Alles okay!«, grinste ich. »Kein’ Hektik! Minge Fähler – kutt, ich jevv ’n Rund us!«*
»Dat is aber dann auch die letzte!«, beschied Ela und nickte ihrer Theke ihr Einverständnis zu. »Du jehs’ dann jlaub’ ich besser in et Bett, Büb!«
Na ja, danach wollte ich jetzt auch nicht mehr mit ihr streiten, nahm mein Bier entgegen, prostete der Runde zu und setzt mich ruhig in die Ecke.
***
D.O.M.! D.O.M.E.-Concerts! Da hatte wohl wirklich kurzzeitig das kranke Hirn ausgesetzt. Dieter Otto Meyer war seit drei, vier Jahren einer der erfolgreichsten Konzertveranstalter der Stadt. Ich war ihm persönlich erst einmal begegnet, als Kathrinchen mich mal auf ein Abba-Konzert in die Sporthalle geschleppt hatte. Da musste man natürlich hin – vier Nummer Einsen in diesem Jahr, davon allein sieben Wochen Fernando, das konnte hierzulande natürlich nur die George Baker Selection von der Berufsholländer-Fraktion mit ihrer fröhlichen Paloma Blanca überbieten – fröhlich wie ’ne lauwarme Flasche Fanta …
Aber dass ich mir selbst und meiner Kapelle noch ’nen Hit schuldig war, das wusste ich ja schon lange – dringender war ja wohl im Moment rauszufinden, wo die Blaue Britta war und was dieser Porsche fahrende Schnösel damit zu schaffen hatte. Für die Asche, die der jede Woche in seinen super-säuberlich gestutzten Schnäuzer investierte, könnte ich mir wahrscheinlich gut ’n Paar neue Stiefel machen lassen. Kathrinchen hatte damals auf der After-Show-Party darauf bestanden uns vorzustellen, aber ich mochte ihn nicht – Augen so lebendig wie die einer Forelle blau und ein Händedruck wie vom selben Tier, als es noch lebte. Auf seine obercoole Art machte er Kathrinchen den Hof wie blöd und versuchte so zu tun, als sei ich gar nicht mehr da. Er war wohl von mir auch nicht so begeistert.
»Wo mein Bier is?«, fragte ich sie, als ich das Spielchen leid war. Das brachte zumindest seinen Schnäuzer mal kurz zum Zucken. Als sie dann aber tatsächlich losstöckelte, um mir eins zu holen, ertappte ich ihn dabei, wie seine Wangenmuskeln wackelten. Ich drehte eine Zigarette, so dick und krumm ich konnte, und wollte sie ihm zum Trost anbieten, aber da hatte er plötzlich inmitten all der Catering-Geier Hello! Agneta! entdeckt, der er dringend den Rüschenkragen verkrumpeln musste. Vielleicht mochte sie keinen Qualm.
Der schöne Abba-Abend hatte damit geendet, dass ich nachts um drei aus der Bar vom Interconti rausflog, weil ich zwei Flaschen Apfelsaft und eine Flasche Korn bestellt und diese dann in einem Cocktail-Shaker zusammengeschüttet hatte. Leider war der Shaker für diese Menge gar nicht groß genug gewesen.
»’n biss’n Valuss is’ imma!«, versuchte ich den Barkeeper ein paar Mal zu belehren, aber der war einer von den beurkundeten Besserwissern und nach dem dritten Mal nicht mehr bereit dazuzulernen. Also Tschüs, Interconti. Und Tschüs, Kathrinchen, die nach ihrem achtzehnten Jägermeister mit Zosche unbedingt von einem Porsche nach Hause gebracht werden wollte. Ich hatte mal wieder keinen dabei.
***
»Hier, dann mach dä Rest au’ noch weg!«, stellte Ela mir eine Flasche vor die Nase. Daneben legte sie einen Schlüssel. »Un’ dann jehste rauf un’ legst dich scho’ma’ in die Heia. Du siehs’ ja aus, als würdste hier am Tisch schon wegknacken!«
Ganz Unrecht hatte sie wohl nicht. Ich trank den Schluck Apfelkorn gleich aus der Flasche. Als ich mich noch von Twiggy verabschieden wollte, stellte ich fest, dass der mit seiner Roswitha schon abgezogen war. An der Theke saß noch ein Fünfer-Clübchen und spielte Kampftrinken – ein Würfel, jeder einen Wurf; wer die niedrigste Augenzahl hat, gibt ’ne Runde Schnaps aus; wer ’ne Sechs wirft, bestellt Bier. Das konnte sich noch hinziehen. Ich war schon versucht, mich noch in die Runde einzuklinken, aber ein warnender Blick von Ela riet mir davon ab. Dann eben Nacht zusammen.
Ich ging zur Hintertür raus und arbeitete mich hoch zum ersten Stock. Die vier Runden mit dem Türschloss gewann ich klar durch technischen k.o., und drinnen schaffte ich es sogar, mich alleine und komplett auszuziehen. Ich kriegte sogar das Radio noch an, wo Elmar Gunsch gerade Hot Chocolate ankündigte: »… mit ihrem Titel Tears on The Telephone – Tränen auf dem Telefon …« Der gute, alte Elmar.
Die erste Strophe bekam ich schon nicht mehr mit.
***
Wieso hab ich so ’nen kalten Rücken? Was machen diese kalten Spinnen auf meinem Bauch? Und wieso ist mein Hintern dann so warm? Ich wühlte mich hoch aus einem Traum, in dem gelbe Ford Capris, überladen mit rothaarigen Barhockern aus blutdurchtränktem Gips, gesteuert von Asiatinnen mit langen schwarzen Haaren, die alle das Gesicht von Britta hatten, über die Hohenzollernbrücke auf einen Strand zu segelten, an dem langschwänzige Neger mit Schäferhundschnauzen Apfelkorn aus Zehn-Liter-Kanistern tranken. Sie trugen rote Trainingshosen und graninifarbene Turnschuhe und grölten Und du bist mein Sofa! Ich versuchte verzweifelt, den Dreck unter meinen Walzen loszuwerden, aber auf meinem Rücken hing ein riesiges Hundevieh, das mir das Ohr leckte. Ein geiles Gefühl …!
Und es war auch kein Hund, sondern Ela, die zu mir ins Bett gekrochen war. Vorher hatte sie sich noch ihren Kneipenmief weggeduscht, als letztes offenbar kalt, und sich nicht abgetrocknet. Sie hatte ihre Hände, ihre Füße, ihre Schenkel, ihre Zunge, ihre Zähne überall und gab leise, gurrende Töne von sich. Ihre Brustwarzen waren hart und so kalt, dass sich auf meinem Rücken eine Gänsehaut bildete, und ihr Unterleib so heiß an meinem Hintern, dass das Wasser schon verdampft sein musste. Da soll ein Mensch bei schlafen können. Aber besser als dieser blöde Traum war es allemal. Eine Stunde später waren wir beide klatschnass. Und erheblich lauter.
Als ich wieder einschlief, von ihren Armen und Beinen umschlungen, ein paar Zentimeter von mir immer noch in ihr, fühlte ich mich wohl wie ein gerade gestillter Säugling und so gut wie lange nicht mehr. Wenn sie einen Reißverschluss gehabt hätte, wäre ich ganz in sie reingekrochen.
7

Waidmanns Heil
Bin zur Metro, einkaufen. Vorsicht! In dem Apfelsaft ist kein Korn drin!, stand auf dem Zettel, der zwischen den beiden Eierbechern auf dem Küchentisch steckte. Ein Schinkenbrot, Kräuterquark, eine Tomate – alles, was man für ’nen anständigen Tagesauftakt braucht. Dazu volle Möhre Litte Feat’s Last Record Album, was will man mehr?
Aber schon als ich das zweite Ei aufschlug, fiel mir Zaks einbandagierter Schädel wieder ein. Und Britta. Und die dreckige Fresse vom Brikett-Fuss. Ende der Idylle.
Passend bei Lowell George’s I See No End To The Dead End war ich mit meinem Frühstück fertig und machte mich auf den Weg zum Marien-Hospital. Unterwegs besorgte ich noch zwei neue Kassetten, damit der arme Zak sich nicht zu Tode langweilen musste. Es ging ihm weder besser noch schlechter als am Tag vorher. An seinem Bett saßen drei seiner Taxikollegen und spielten Schieberramsch. Dabei erzählten sie, wo sie Nijinsky und Fuss schon überall vermutet, aber noch nicht aufgestöbert hatten, und was den beiden blühen würde, wenn. Einer der Jungs, der Ex-Legionär Algerien-Fred, zeigte mir »ming Lalla«. Ich kenne mich mit Waffen nicht so aus, aber das Ding sah ganz so aus, als könne man mit einer Magazinladung den Gürzenich in Schutt und Asche legen. Wie die drei redeten, klang es ganz so, als wüsste schon die ganze Stadt, dass Kölns Taxifahrer auf dem Kriegspfad seien. Wenn die beiden Schläger nicht ganz so blöd waren, wie sie aussahen, saßen sie jetzt irgendwo in Düsseldorf und mucksten sich nicht.
Ich wünschte Waidmanns Heil und zog los, um Kathrinchen zu treffen, die auf der Hohe Straße in einer dieser poppigen neuen Filialen einer großen Kette von Plattenläden als Geschäftsführerin arbeitete.
***
Auf dem Weg dorthin stieg ich am Friesenplatz aus, um kurz nach Twiggy zu sehen. Er wohnte am Kaiser-Wilhelm-Ring, sechs Stockwerke über Dr. Müllers Sex-Shop, in einem Raum, der wohl früher mal der Trockenspeicher gewesen war. Das Ding war ungefähr so groß wie das Foyer vom Agrippa-Bad und, von den schrägen Dachwänden abgesehen, ähnlich gemütlich. Twig hatte, um Bad, Kochnische und Schlafecke ein wenig abzuteilen, ein paar mannshohe, rot-weiße »Wände« aus leeren Beck’s-Bier-Büchsen gestapelt. Neben der Kochnische stand eine runde, gläserne Duschkabine, die bis obenhin mit vollen Büchsen zugebaut war. Aus der Dusche lief Tag und Nacht kaltes Wasser darüber. Ich holte mir zwei raus und ging dem Gesang nach – bzw. dem, was Twiggy dafür hielt. Ray Charles war wahrscheinlich erblindet, als und weil er diese Version von Take These Chains From My Heart mal gehört hatte.
Der Interpret lag in der Badewanne und badete Jackie O., die ihren drei Meter langen, armdicken, gold-braun-schwarz gefleckten Leib genüsslich um seine Beine gleiten ließ. Ihr Gesicht schien wohlig zu grinsen – aber so sah sie auch aus, wenn sie die lebendigen Karnickel verschlang, die ihr Herrchen ihr in dem Grüngürtel aus Parks und Schrebergärten, der sich um Köln herumzog, mit einer Art Luftpistole mit kleinen Betäubungspfeilen jagte. Die Tigerpython fraß auch die Reste der Calamares, die Twiggy bei Stephanidis pfundweise zu verdrücken pflegte. Und sie liebte Beck’s Bier. Nach zwei Büchsen davon rollte sie sich auf dem Bett zusammen und schlief vier bis fünf Tage lang ihren Rausch aus. Und wehe, es war kein Karnickel da, wenn sie wieder wach wurde – dann war Twiggy der einzige, der sie davon abhalten konnte, ein paar Rippen zu knacken.
»Hi, Jackie«, begrüßte ich sie höflich und reichte Twig eine der Büchsen. Sie gab keine Antwort. Sie mochte mich nicht besonders, seit ich eines Nachts mal besoffen in ihr Terrarium gekotzt hatte. Das Steak, das ich ihr am nächsten Tag als Versöhnungsgabe mitgebracht hatte, blieb zwei Wochen unbeachtet liegen, bis sie sich herabließ, den stinkenden Brocken zu verschlingen.
»Any news, Boob?« Ich erzählte ihm, was ich bisher wusste. Was schnell passiert war – es war ja nicht viel.
»So what’s next?«
»Jetzt geh ich erst mal Kathrinchen interviewen, und danach werd ich wohl mal das D.O.M.E.-Büro beehren. Vielleicht gibt es da ja irgendwen, der mich was schlauer machen kann.«
»Want me to come?«
»Nö, ich denke doch, dass mir in dem Büro nix passieren wird. Oder?« Ein Schulterzucken. »Zur Not schmeiß ich ’n paar Schreibtische aus’m Fenster. Morgen und übermorgen bin ich übrigens mit Penner’s Radio on the road.«
»Da’s good – ick wollt’ an Wockenend’ kleine trip nach Belfast mäcken. Have a litte fun.« Ach du Scheiße! »A little fun in Belfast« hieß bei Twiggy, mit einer geliehenen Cessna selbst hinfliegen, mit seinen Kumpels von der I.R.A. tagsüber in den finstersten Untergrundkaschemmen ein paar Flaschen Whiskey leer machen, diese abends mit Benzin füllen, mit einem Lappen verschließen und nachts als Molotow-Cocktails auf die »Fuckin’ British Army« schmeißen. Jackie O. kriegte dann freitags ihr Bier und pennte bis mindestens Dienstag.
»Ich hoffe, du lebst noch, wenn ich Montag wiederkomme. Und ich hoffe, die Britta auch.«
Noch ein Schulterzucken und ein beruhigendes Kopfschütteln.
»They wanna snuff her, they done it right away at the Schreber joint. Shouldn’t worry ’bout that. Yet.«* Wie tröstlich. Ich trank mein Bier aus, platzierte die Büchse vorsichtig auf einer der Blechwände und ließ die beiden weiterplanschen.
8

Kathrinchen
Fly Like An Eagle!, säuselte mir Steve Miller mit neunzig Phon entgegen, als ich auf der Hohe Straße in den ersten Stock kletterte. Ein paar Schüler in grünen Parkas wühlten in den Plattenregalen und versuchten, mit ihren langen Haaren und ihren Kaugummis cool genug auszusehen, um Kathrinchen zu beeindrucken. Woher sollten sie auch wissen, dass man die mit gar nichts mehr beeindrucken konnte?
Sie thronte hinter der Kasse neben dem Ausgang und war allerdings für jedes männliche Wesen jeden Alters den Versuch wert. Sie trug goldlackierte Stiefel mit hohen Pfennigabsätzen, in denen eine hautenge Samthose steckte, die dasselbe Kupferrot hatte wie ihre streichholzkurz geschnittenen Haare. Von ihren Ohrläppchen herab baumelte ein Pfund goldener Kugeln, mit denen eine Familie in Ostheim ihren ganzen Weihnachtsbaum hätte schmücken können. Und einen Pullover. Ein flauschiges knallrosa Etwa, das ihren schönen, weißen Rücken fast ganz frei ließ, und dessen V-Ausschnitt ihre mächtigen Alabasterbrüste gerade so weit bedeckte, dass man die Lucky-Luke-Tätowierung zwei Fingerbreit über ihrer linken Brustwarze noch sehen konnte. Technicolor. Sie mochte ihren Busen nicht sonderlich, genoss aber seine Wirkung auf Männer, die sie sehr wohl zu nutzen wusste. Und sie liebte es, hart angefasst, bis an die Schmerzgrenze geknetet und gebissen zu werden (»Geht nix über ’nen anständigen Tittenfick, Büb. Und schwanger wirste davon auch nich’ …«). Der Anblick und die damit verbundenen Erinnerungen und Fantasien ließen meine Nacht mit Ela wochenlang her erscheinen. Wenn sie so’n Dekolletee tragen kann, also keine blauen und roten Flecken verstecken muss, hat sie vielleicht gerade keinen Lover …?
»Mittagspause! Zeit für’n Bier!«, schrie ich gegen Steve Miller an. Ein paar Köpfe ruckten erschrocken zu mir rum. Kathrinchen lächelte ihr süffisant-arrogantes Lächeln, was sie konnte, ohne eine Miene zu verziehen – es wirkte einfach von innen heraus so. Sie drückte auf den Knopf, der ihren Lehrling aus dem Lager nach vorne summte, nahm einen Fuffi aus der Kasse und zog sich eine kurze schwarze Lederjacke über. Dann rief sie den Kassenstand ab und warf mir ein goldenes Handtäschchen von der Größe zweier Zigarettenschachteln zu.
»Trägst du meine Tasche, Ivanhoe?«
»Bis nach Batavia, Herzchen. Du hast ja eh genug zu schleppen.«
»Arschloch!«, zischte sie und rammte mir im Vorbeigehen ihr Knie zwischen die Beine. Ich machte eine entsprechend artige Verbeugung und musste mir Mühe geben, nicht auf die Knie zu fallen. Mit zusammengebissenen Zähnen folgte ich den Sternchen, die um ihren wiegenden Hintern kreisten. Wie kriegt sie bloß immer diese Hosen an, ohne sie zu zerreißen?
***
Kathrinchens Erscheinen im Früh am Dom zauberte fast so etwas wie ein Leuchten auf das Gesicht des notorisch miesepetrigen Köbes in unserer Stammecke. Mit fröhlichem Schwung knallte er zwei Kölsch auf unsere Deckel, sagte tatsächlich: »Tach zesamme!« und leerte sogar den Aschenbecher. Und ihr Mettbrötchen brauchte sie bloß ein einziges Mal zu bestellen.
»Es dat Jary Cooper?«,* fragte er scheinheilig mit einem Nicken auf Lucky Luke.
»Du Jeck, wat soll ich dann met enem Schwule op d’r Memm?«,* fragte Kathrinchen zurück, was ihn so begeisterte, dass er gleich noch drei Gläser brachte. Ohne zu fragen schrieb er sie auf meinen Deckel, hob prostend seins und schüttete es sich auf einen Zug und ohne zu schlucken in den Hals. Dann wackelte er rüber, um seinen Kollegen diesen köstlichen Witz brühwarm zu erzählen. Kathrinchen lächelte ihr Lächeln und schob unter dem Tisch einen Fuß zwischen meine Beine.
»Tut’s noch weh?«
»Wenn du so weitermachs’, is mir dat och ejal«, warnte ich sie und versuchte, für meine Zigarette weniger als ein halbes Päckchen Tabak zu verbraten.
»Wie geht’s Vera?«, fragte sie mit einem gleichzeitig boshaften und lüsternen Funkeln in ihren großen, fast violetten Augen.
»Das müsstest du doch eigentlich besser wissen als ich. Oder trefft ihr euch nicht mehr?«
»Nicht mehr so oft. Leider. Die ist doch jetzt schon seit Wochen mit Iris zugange. Aber die is’ ja auch nich’ schlecht. Frisst nur zuviel Cappies un’ vergisst dann immer, was für lange Fingernägel sie hat. Aber vielleicht sollten wir zwei mal wieder mit Vera …«, sie fuhr sich kurz mit der Zungenspitze über ihre pulloverrosa geschminkten Lippen, »… einen trinken gehen.« Ich trank schnell noch einen Schluck Bier und versuchte, das Kribbeln am Ende meiner Wirbelsäule zu ignorieren. Das letzte Mal, als wir zusammen »einen trinken« waren, hatte ich morgens um sieben ’nen Kreislaufkollaps gekriegt. Es war aber nicht ganz klar, ob wegen der Mischung aus Sekt, Schnaps, Thai-Gras und Koks oder wegen dem, was die beiden die ganze Nacht mit mir – und miteinander – angestellt hatten. Würde mich die Gute Fee mal vor die Wahl stellen zwischen einem Gig im Madison Square Garden und solch einer Nacht, wüsste ich nicht, ob ich ruhmsüchtig genug wäre, mich für New York zu entscheiden.
»Apropos Schweinkram«, lenkte ich ab. »Wat macht der Stoff?«
»Alles im Griff, du kenns’ mich doch«, strahlte sie mich an. Allerdings fiel ihr dabei ein, dass sie nach dem halben Mettbrötchen – ihr Mittagessen und wahrscheinlich überhaupt das erste, was sie heute an fester Nahrung zu sich genommen hatte – und den zwei Bierchen gut einen Jägermeister vertragen könnte. Unsere dritte Runde kam schneller als die erste der drei Japaner am Nebentisch, die schon eine ganze Weile da saßen.
Ja, ich kannte sie. Ich hatte schon mit vielen Fixern zu tun gehabt (wieso sich eigentlich dauernd Fixerinnen in mich verknallten, würde mir auch ewig ein Rätsel bleiben), aber Kathrinchen war wirklich ein Phänomen gegen all die doch ziemlich kaputten Leidensgenossen. Sie machte seit Jahren straighte Jobs, und das so gut und souverän, dass sie kontinuierlich die Karriereleiter hochkletterte – immerhin hatte sie es mit ihren vierundzwanzig Jahren zur Filialleiterin gebracht, mit einem Nettogehalt, für das ich mindestens sieben Wochen die Republik rauf und runter trommeln müsste. Ohne Renten- und Krankenversicherung und was es da noch alles so gab. Alle zwei, drei oder auch mal vier Tage setzte sie sich nach der Arbeit einen Schuss (»Damit ich nich’ so mitkriege, was das Leben hier für’n Quatsch is’«) und war gut drauf. An ihr hatte ich auch noch nie so was wie Entzugserscheinungen erlebt, selbst wenn sie mal über ’ne Woche nix in den Venen hatte. Ich hatte sie auch noch nie einen Schuss setzen sehen; das passierte alles völlig unauffällig, während die meisten anderen eher eine Art Kulthandlung daraus machten. Von denen abgesehen, die so fertig waren, dass ihnen eh alles egal war. Aber Kathrinchen schien immer mit Heroin vom Feinsten versorgt zu sein, obwohl sie nie in irgendeiner der Fixerszenen rumhing oder engeren Kontakt zu den einschlägigen Dealern pflegte, wenngleich sie sie alle zu kennen schien und umgekehrt. Und wenn man sie so sah, wäre niemand je auf die Idee gekommen, dass sie irgendwas mit Drogen zu tun hätte – doch nicht diese auffällig, aber geschmackvoll und teuer gekleidete erfolgreiche junge Geschäftsfrau! Ich hatte es auch erst nach Wochen gemerkt, als sie einmal mit auffallend kleinen Pupillen und einem etwas trüben, abwesenden Blick aus dem Badezimmer kam. Aber es hatte nie auch nur im Geringsten unsere Beziehung beeinflusst.
»Wenn du weißt, womit du dich da abgibst, und weißt, was du dir zutrauen kannst, ist das nicht riskanter als dein Bier«, hatte sie mir verklickert. »Du musst eben nur dich selbst gut kennen und das Zeug, das du nimmst – alles kein Problem für mich.«
Und hier saß sie mir als Beweis gegenüber – das blühende Leben. Eine gesund aussehende Haut, strahlende Augen, hellwach und sehr abgeklärt. Und ich sah schon vor mir, wie sie nach einer Stunde Mittagspause, sprich zwölf Bier und sechs Jägermeistern, aufrecht und fit in ihren Laden zurück stöckeln würde, während ich neben ihr versuchte, mir den Pudding in meinen Knien nicht anmerken zu lassen. Sie würde souverän wie immer den Rest ihrer Schicht abreißen und nach Ladenschluss, einen großen Cognac neben sich, noch den Kassenabschluss, die Warenbestandsaufnahme und die Bestellungen erledigen. Dann würde sie eine Bombe mit zigtausend Mark in den Nachttresor der Deutschen Bank schmeißen, ein Taxi nach Hause nehmen und sich für einen lustigen oder auch wilden Abend in der City parat machen. Und am nächsten Morgen nach knapp vier Stunden Schlaf wieder so fit sein wie ich nach einer Woche Sprudelwasser.
***
»Aber jetzt sag ma’, wieso du hier bist, Büb – biste pleite oder brauchste mal wieder ’ne Abwechslung in deinem langweiligen Sexualleben?« Wie fang ich’s am klügsten an? Is’ aber eigentlich egal, die wird dich sowieso gleich durchschauen. Also, klug wie immer: Klartext.
»Pleite bin ich doch immer, dat weißte doch, un’ über die Abwechslung könn’ wir gleich gerne ma’ reden. Aber worum es mir jetzt erst mal geht, ist: Du hast doch ’ne ganze Zeit für den Bilderbuch-Schnäuzer gearbeitet? Und kennst den auch so ganz gut, wenn ich die eine oder andere Porschefahrt richtig deute?« Alles in einer einzigen kurzen Bewegung: Nicken für ja, hab ich, gleichgültiges Schulterzucken für richtig gedeutet, na und? und eine Augenbraue hochziehen für erzähl weiter, aber langweil mich nicht!
»Warum sollte der die Blaue Britta kidnappen wollen?« Sie starrte mich ein paar Sekunden völlig verblüfft an, dann kriegte sie einen Lachanfall. Ich nickte dem Köbes zu – zwei Kölsch, eine Kräuterbrühe. Als die Runde vor uns stand, hatte sie sich wieder beruhigt.
»Der Meyer? Kidnapping? Haste ’n Rad ab? Der ist zwar der cleverste Schleimer von Agent, der hier rumläuft, un’ is’ in seinem Business dat Schweinchen Schlau – aber ansonsten is’ der doch doof wie ’n Stuhl! Der un’ so ’ne Nummer? Wie kommste denn da drauf?«
Ich erzählte ihr die ganze Story. Kathrinchen hörte mir aufmerksam zu und unterbrach mich nicht ein Mal. Dabei vergaßen wir aber nicht, den Köbes zu beschäftigen. Was dem gar nicht zu missfallen schien. So wie er mein Gegenüber jedes Mal beäugte, mochte ich wetten, dass seine Frau heute Abend Grund haben würde, sich zu wundern. Hennes! Dat is’ ja schon dat dritte Mal dies’ Woch’! Aber er würde sie gar nicht hören. In seinem Kopf lief ein anderer Film. Der weibliche Star seines Films kaute nachdenklich an seiner eigenen rosa Unterlippe.
»Dass die zwei Asis gelegentlich ’n bisschen Drecksarbeit für den Meyer machen, is’ nix Neues. Aber die Britta abschleppen? Wofür? Die bringt doch nich’ mal ’n Hunni Lösegeld. Un’ den würdest du dir dann wahrscheinlich noch bei mir pumpen kommen – wer sollte sonst für die zahlen? Der Meyer is’ zwar ’n Sklaventreiber, aber Mädchenhandel …? Nö. Un’ mit dem Strich hat der auch nix am Hut. Der hat zwar seine Finger in allen möglichen Drecksdeals, aber dafür is’ der zu weich. Un’ wenn der was für die Kiste haben will, braucht der in seinem Büro doch bloß mit den Fingern zu schnipsen. Un’ seine Helma hat er au’ noch. Die is’ au’ nich zu verachten. Aber der steht ja sowieso mehr aufs Zugucken. Da zahlt der ja sogar für.«
»Was für Drecksdeals?«, hakte ich ein. Scharfsinnig, Marlowe!
»Dat Übliche. Wat brauchste – ’nen Mercedes? ’n Porsche? ’nen neuen Führerschein? Reisepass? ’n Tütchen Koks? ’ne Nachtkonzession für deine Kneipe? Zehn Tribünenkarten für dat ausverkaufte Spiel vom KEC? ’ne Knarre? ’n Schlägertrüppchen? Un’ wat glaubste, wo ich immer mein Stöffchen her kriege? Alles im Angebot. Meinste, mit seinen Konzerten alleine wär’ der so stinkreich un’ in der Stadt so wichtig geworden? Der geht doch mit dem OB zum Frühschoppen un’ mit dem Intendant vom WDR in die Sauna. Der Nijinsky arbeitet auch für andere – ich glaub, hier biste falsch.«
»Un’ die Hütte in Junkersdorf?«, gab ich zu bedenken.
»Haste ’ne Ahnung, wie viel Häuser un’ Wohnungen der Meyer in Köln un’ drumherum hat? Dat heißt noch gar nix. Der hat doch soviel schmutziges Geld im Sack, dass er froh is’ über jede Gelegenheit, dat sauber zu waschen. Un’ wenn du dem ’ne anständige Miete zahlst, fragt der garantiert nich’ groß nach, wofür.«
»Meinste vielleicht, ich setz’ mich jetz’ hin un’ dreh Däumchen un’ warte, datt die Britta vielleicht irgendwann mal wieder auftaucht? Oder datt die zwei Köpp wieder aus ihrem Loch gekrochen kommen?«
»Was willste denn machen? Clint Eastwood spielen?«, fragte sie mich mit einem ironisch-mitleidigen Unterton. Lucky Luke grinste dazu an seiner Kippe vorbei. In meinen Lenden summte es.
»Ich geh einfach erst mal davon aus, dass der Meyer seinen Schnäuzer da drin hat – schon allein, weil ich den nich’ leiden kann. Ich geh nachher mal in sein Büro un’ sag ihm dat.«
»Och, Büb! Willste neben dem Zak landen? Da kommste ohne deinen Ami-Bullen doch gar nich’ heil wieder raus! Weißte wat? Ich bin morgen Abend auf ’ner Fete beim Schmecker – da is’ die ganze Meyer-Mischpoke garantiert auch. Da nehm’ ich mir mal den Assmann zur Brust un’ horch den mal ’n bisschen aus. Der is’ eh schon länger scharf auf mich. Un’ du gehs’ in deinen Schrebergarten, zapfst Bier un’ hältst dich erst mal wat zurück.«
»Assmann? Die Ratte? Da musst du ja anschließend drei Stunden in Kernseife und Essigessenz baden!« Allein bei der Vorstellung, wie dieses schleimige Ekelpaket zwischen Kathrinchens Titten herumsabberte, schüttelte es mich. Köbes! Assmann war Meyers Spannmann, Mädchen für alles, Bote, Prügelknabe, Chauffeur, Aufreißer, Wichtigtuer – man konnte nie so genau sagen, wer von beiden Jekyll und wer Hyde war. Assmanns Hobby war der CB-Funk. Die halbe Nacht, oft genug auch die ganze, kreuzte er in einem aufgemotzten alten Opel Kapitän durch die Stadt und mischte sich in anderer Leute Funkgespräche ein. Er hörte Polizeifunk und Taxifunk und Fernfahrerfunk und Telefone ab, und es gab jede Menge Figuren, die ihm so manchen Gefallen nicht abschlagen konnten, weil sie Schiss hatten, er könnte aus dem Nähkästchen plaudern. Außerdem hielt er sich für die Rock’n’Roll-Koryphäe und laberte mir, wenn wir uns über den Weg liefen, was viel zu oft der Fall war, ständig die Ohren voll, was Penner’s und ich alles für Fehler machten, und wie weit wir es bringen würden, wenn er unser Management in die Hand nähme. Er hatte auch nur noch eine, die rechte. Die linke war aus Leder – ein gekrümmtes, schwarzbraunes Teil, mit dem er gerne unter Röcke fasste, weil ihm das Kreischen so gefiel. Es hielt sich hartnäckig das Gerücht, ein jugoslawischer Dealer hätte ihm die Hand abgehackt, weil ein Köfferchen mit fünf Kilo Haschisch unauffindbar verschwunden war. Er dementierte dieses Gerücht nie, aber als ich ihn kennen lernte, war er vielleicht dreizehn, vierzehn gewesen und hatte dieses Ding schon getragen. In dem Alter gib man den Jugos alles, was sie von einem haben wollen. Und Assmann war selbst heute, ein Dutzend Jahre später, weit davon entfernt, den Helden zu spielen. Aber in einem hatte Kathrinchen recht – er würde mit Sicherheit wissen, ob der Meyer die Finger in meinem Fall hatte. Mein Fall – mein Gott, Marlowe!
»So, ich muss wieder«, kippte sie ihr letztes Glas runter und winkte dem Köbes mit ihrem Fuffi. »Wo bist du denn morgen Abend, Büb?«
»In Braunschweig. Und Sonntag in Billerbeck. Krach machen.«
»Wow!«, tat sie begeistert. »Wieder eine dieser großen Tourneen, wa’? Die Stones und wir!« Das war mir keine Antwort wert, zur Strafe bedankte ich mich aber auch nicht dafür, dass sie (mal wieder) einen ausgegeben hatte. Immer im Kampf für Gerechtigkeit. Büb Bronson.
Ich brachte sie noch rüber in ihren Laden. Das verbesserte meine Laune wieder, denn ich erntete jede Menge neidischer Männerblicke. So’n Teilchen hatte lange nicht jeder am Arm. Oben im Lagerraum bekam ich dann noch einen sehr langen Jägermeisterkuss. Dann trug ich meine Erektion in Richtung Schrebergarten. Auch blöd – vierzehn Bier im Bauch und nicht mal pissen können!
***
Oder sollte ich doch mal in Meyers Büro? Natürlich würde mir da kein Schwein erzählen, was ich wissen wollte, aber vielleicht würde mein Instinkt …? Das Büro war in einer Jugendstilvilla am Sachsenring, einem der letzten Stückchen der Kölner Ringe, das noch halbwegs so aussah, wie es sich der Stadtbaumeister Josef Stübben 1880 ausgedacht hatte. Dessen Ringe waren einmal ein Nachtboulevard nach Pariser Vorbild und die größte Grünfläche der Kölner Neustadt gewesen. Aber Spekulantenklüngel im Verein mit dem Bombenteppich des Zweiten Weltkrieges hatten dafür gesorgt, dass von dem löblichen Vorbild nur noch der eine oder andere gebrauchte Pariser übrig blieb. Moderne Zeiten. Die hatten allerdings auch die Frittenbude zwei Ecken weiter mitgebracht, in der ich erst mal meinen Hunger stillen, pinkeln und das Bier neutralisieren wollte.
Mein Instinkt! – An einem der Stehtische stand Bernd Assmann und tunkte eine Frikadelle abwechseln in Currysauce, Senf und Mayo.
»Der Kanaldeckel’s Büb!«, schrie er, wie immer drei Nummern zu laut, und hieb mir sein Lederpfötchen ins Kreuz, als sei er wunders wie begeistert, mich zu sehen. Kanaldeckel nennen sie mich, weil ich an meinem Schlagzeug die dicksten Becken hängen habe, die man überhaupt auftreiben kann – zwei bestehen aus Autofelgen. Die feinen, dünnen, schön klingenden türkischen halten bei mir nie sehr lange, und ich muss schon ständig genug Kohle ausgeben für die Knüppel und die Felle, die auf der Strecke bleiben. Rock’n’Roll. Ich kniff ihn freundschaftlich in die Backe, dass die Frikadelle in seine Pampe fiel und ihm das Wasser in die Augen trat.
»Ah, du Wichser! A’s klar?«, begrüßte ich ihn. Manche Leute steh’n drauf, wenn ein Künstler wie ich so mit ihnen redet. Das ergänzt sich aber ganz gut – mir macht es nichts aus, so mit denen zu reden. Im Gegenteil. Aber angesichts dieser Fresse war mit Bier neutralisieren auch nix mehr. Ich holte mir ’ne Flasche und bestellte mir ’ne Bratwurst mit Fritten und Tomatensalat. Tomaten sind gut für’n Kreislauf. Dann ging ich wieder an seinen Tisch und hörte mir an, mit was für wichtigen Leuten er heute schon telefonisch verhandelt hatte, wen er alles für das absolute Bombenkonzert in die Stadt geholt hatte und noch holen würde, welche Frauen er diese Woche schon gevögelt hatte, welche nächste Woche dran kämen und was der neue Kurzwellenapparat kostete, mit dem er mit CB-Funkern in Australien dirty jokes austauschen konnte. Mein Essen war fertig. Ich holte es mir ab, zusammen mit einem weiteren Fläschchen. Ich bot Assmann, der derweil natürlich nicht aufgehört hatte zu labern, eine Fritte an und fragte ihn mitten im Satz:
»Haste ’ne Ahnung, wo die Blaue Britta steckt?« So wie seine blassblauen, leicht vorstehenden Augen mit einem Mal stumpf wurden und sein Gesicht den Ausdruck von jemandem bekam, der beim Kartenspielen mogelt, hätte ich schwören können, er hatte. Er ignorierte die Fritte.
»Wat, Büb – auf die biste immer noch scharf?« Ganz schnell hatte sich sein Gesicht wieder zu seinem gewohnten lüsternen Grinsen verwandelt. Das hatte er auch besser drauf als ’n Pokerface. »Da würd’ ich doch nich’ mal mehr drauf pissen! He, ich hab’ letztens im Santa Cruz eine kennen gelernt, das wär’ was für dich. Die –« Mir war schwer danach, ihm meine Pulle in die Schnauze zu hauen. Aber sie war noch halb voll. Er hatte es auch so mitgekriegt. »Nä, wo die Britta rumhängt, weiß ich auch nich’. Ich hab gehört, sie hätte Ärger mit irgendwelchen Jungs …«
»Irgendwelche Jungs?«, unterbrach ich ihn wieder.
»Ja, Genaueres weiß ich auch nich’. Aber wenn es dich so interessiert, kann ich ja mal ’n bisschen rumhören. Du weißt doch: Der Assmann erfährt alles hier. Aber jetzt muss ich erst mal wieder los, ins Büro. Der Meyer is’ nich’ da und ich muss den Laden alleine schmeißen.« Er kramte einen Zehner aus seiner Hemdtasche und warf ihn mit großer Geste auf den Tisch, »Ich ruf dich an, Büb.«
»Assmann …!«, rief ich sanft, als er die Tür erreicht hatte. Er drehte sich um. Für eine kurze Sekunde sprühten seine Augen Gift und Galle. »Ich bin sehr interessiert.«
»Alles klar, Büb«, er hob nach Rennfahrerart seinen rechten Daumen. »Du hörst von mir.«
Ich beendete mein Mittagessen. Es schmeckte nicht besonders.
9

Heile, heile, Gänschen
Im Schrebergarten ließ ich das abgestandene Bier aus der Leitung laufen, zapfte mir ein frisches, suchte mir das Putzzeug zusammen und fing an, den Laden zu putzen. Heute ging’s einigermaßen. Nur einer hatte neben die Kloschüssel gekotzt, und im Damenklo fehlten nur zwei Glühbirnen. Dafür kehrte ich unter einem der Tische einen verkrumpelten Zwanziger zutage. My lucky day.
Fast. Mit einem Stereoknall flogen die beiden Schwingtüren auf, und mein Lieblingspärchen kam reingewackelt. Brikett-Fuss gekleidet wie letztes Mal, Nijinsky mit dem gleichen Unterhemd, aber ’ner anderen Hose. Es war ein riesiges, blank gescheuertes Stresemann-Modell mit breiten, passend grau-weiß gestreiften Hosenträgern. Der Eiserne Gustav. Ich war gerade im hinteren Raum dabei, die Stühle wieder auf ihre Plätze zu stellen, die ich zum Putzen auf die Tische gekippt hatte. Ich behielt mal einen in der Hand.
»Vierunfuffzichfuffzich«, sagte ich zum Fuss, »ohne Trinkgeld.« Er sagte nichts, nahm mir den Stuhl ab, warf ihn mit einer Hand beiseite und zog mich mit der anderen am Aufschlag meiner Jeansweste zu sich heran, um mir seine Tolle ins Nasenbein zu drücken. Damit hatte ich mittlerweile aber schon gerechnet. Ich machte einen Diener, und seine Stirn knallte auf meine. Einszunull. Ich zog mein Knie hoch. Aber da, wo eben noch seine Eier hingen, war jetzt sein Knie. Langsam is’ der auch nicht. Unentschieden. Meine Kniescheibe knallte gegen sein Schienbein. Mir wurde schlecht. Einszuzwei. Ich drehte mich von ihm weg, um mal kurz durchzuatmen. Das brachte mir einen Faustschlag in die Nieren ein. Einszudrei. Mir wurde noch schlechter, und ich begriff langsam, dass das jetzt ernst war. Ich ließ Durchatmen Durchatmen sein, vollendete meine Drehung etwas flotter als geplant und schaffte es, ihm meinen Ellbogen auf die Augenbraue zu pflanzen. Aufgeholt.
Und zu früh gefreut. Ihm war völlig klar, was als nächstes kommen würde, und mein Absatz, der seine Kniescheibe treffen sollte, verpuffte irgendwo an der Kante vom Billardtisch. Ersatzweise trat er mich in die Kniekehle. Ich knickte kurz nach hinten über, was ihm reichte, mir seinen Unterarm um die Gurgel zu biegen. Ich bog mich ein bisschen mehr mit, als ihm nötig war, packte seine Elvis-Tolle mit beiden Händen, ging noch ein Stückchen weiter in die Knie, machte einen Buckel und versuchte, ihn über mich zu werfen. Ich landete auf allen Vieren, ein Büschel roter Haare in der Hand.
Hinter mir ertönte ein Schrei, eine Mischung aus Schmerz und Wut. Gar nix mehr mit Punktezählen. Jetzt Leben oder Tod. Ich wischte um ihn rum, bekam die weiße Kugel zu packen – und hätte sie ihm auf den Hinterkopf gedengelt, wenn ich nicht den Queue aufs Handgelenk gekriegt hätte, den Nijinsky sich derweil in Ruhe ausgeguckt hatte. Der Queue kam auch gleich noch mal und traf mich im Nacken. Die weiße Kugel glitt mir aus der Hand wie ein nasses Stück Seife, ich küsste die Bande und hatte gerade noch Zeit genug herauszufinden, wie eine Billardtischbespannung riecht. Dann rissen mich die Fäuste vom Fuss wieder ans andere Ende des Tischs. Weg hier! Nur weg! Ich schlug blindlings mit beiden Fäusten über meinen Kopf nach hinten. Spürte, dass ich ein paar Zähne traf, und wie meine Knöchel aufgerissen wurden. Die Fäuste ließen eine Moment locker. Jetzt!
Nö. Das stumpfe Ende von Nijinskys Knüppel traf mich genau auf den Solar Plexus. Mir blieben die Luft, der Mut, die Wut und alle Lebensgeister auf einmal weg. Das letzte, was ich sah, war das grinsende Gesicht hinter dem Billardstock, der noch mal auf mich zu sauste.
Wieder wach wurde ich von dem dumpfen Rhythmus, der meinem Magen empfahl, sich doch endlich auszukotzen. Es waren die Cowboystiefel vom Fuss, der mich überall dahin trat, wo ich meine schützenden Unterarme gerade nicht hatte. Rhythmisch begleitet von seinen heiseren Flächen und Drohungen:
»Du. Küss. Mir. Nimmieh. In. Die. Quer! Du. Mischs’. Dich. Nirjendswo. Mieh. En! Du. Häls. Ding. Dreckelije. Fress. En Zukumpf. Us Allem. Rus! Dich. Mach. Ich. Dermaßen. Platt …!«* Ich fühlte mich, als wäre eine Kolonne Kieslaster über mich hinweggerollt. Das, was jetzt kam, war nur noch der Bollerwagen von Opa Krumm. Ich mochte Opa Krumm nicht – er machte immer den Nikolaus in unserer Siedlung und drohte mir dreijährigem Daumenlutscher, mir mit seiner riesigen Schneiderschere den Daumen abzuschneiden. Selbst unter der Küchenbank war ich nie sicher vor ihm – da zogen sie mich schon raus, Mutti, Vati, Oma, Onkel Ernst. Die liebe Verwandtschaft. Wir wollen doch nur dein Bestes!
Ich griff zum billigsten Trick und krallte meine Faust um Opa Krumms Eier, so hart ich konnte. Dann hängte ich mich mit all meinem Gewicht daran. Fuss gab ein seltsames Jauchzen von sich und kam mir entgegen. Nein, ich lass nicht los! Das Jauchzen verwandelte sich in ein Kreischen, und Nijinskys Grinsen fror ein. Fror ein zu einer eisigen Temperatur, die mir von einer Stelle unterhalb des Nabels hochkroch bis zum Hinterkopf. Ach, Vera! Tschüs, Kathrin.
Die Tür schwang auf, und Twiggy sagte: «Hi, folks!«
***
Aus derselben Bewegung, mit der er mir den Schädel hatte eintreten wollen, drehte Nijinsky sich um seine eigene Achse, brachte die drei Meter zwischen sich und Twiggy hinter sich und schwang sein rechtes Bein in Richtung dessen Kinn. Twiggy knickte leicht in der Hüfte ein, hatte plötzlich Nijinskys Fuß mit beiden Händen gepackt und ließ sich wie ein einjähriges Baby nach dem ersten Gehversuch auf den Arsch plumpsen. Der Fuß sah auf einmal aus wie falsch angenäht, Nijinsky quiekte, versuchte, sich in der Luft noch zu fangen, konnte sich aber zwischen Schmerz und Wehtun nicht entscheiden und knallte mit dem Kopf gegen den Türpfosten. Was ihn nicht hinderte, sich gleich wieder rumzudrehen und eine Karatekralle Richtung Twiggy zu schicken. Der war aber schon ein Stück weiter ins Hinterzimmer vorgedrungen, wurde allerdings sofort wieder gebremst – der Fuss hatte von irgendwoher ein Stilett hervorgezaubert und hielt es mir an die Halsschlagader.
»Jangk noch eine Schritt, un’ du häss ’ne Fründ jehatt, Ami!«*
»Sure, Baby«, knurrte Twiggy, tat einen langen, fließenden Schritt zurück, legte seine Arme um Nijinskys Hals und machte eine ruckartige Bewegung. Es knackte laut, und Nijinsky kippte mit weißem Gesicht zu Boden. Fensterscheiben und Gläser klirrten. Twiggy verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich in den Durchgang. Kauend. Kein Ausdruck in seinem Gesicht.
»Your turn, Ruby.«* Was er kaute, schien ihm zu schmecken. Er schien sich überhaupt ziemlich wohl zu fühlen. Meine Arme und meine Rippen und meine Kehle und mein Schädel schmerzten. Aber das Stilett war weg. Ich rollte mich mühsam herum, weg vom Fuss, der halb gebeugt dastand, beide Arme an den Seiten herabhängend, und völlig fassungslos abwechselnd auf das leblose Bündel Nijinsky und auf Twiggy starrte.
Seine Erstarrung löste sich in einem rasselnden Fauchen. Er schleuderte das Stilett in Richtung Twiggy, der sich seitwärts weg duckte und mit zwei langen Sätzen, sich um sich selbst drehend, ins Hinterzimmer flog. Sein Fuß traf den Fuss kurz unter dem Herzen. Als dessen Kinn den Fußboden traf, zitterte sein Stilett immer noch in der Tür. Dann war es sehr still im Raum. Nur die Thekenkühlung summte, wie immer.
»Wollte nock ein letz’ Bier mit dir trinke’ before I take off, Boob.«
»Konntste nich’ kommen, bevor ich mit Putzen fertig war? Jetzt muss ich noch mal anfangen!« keuchte ich und rappelte mich hoch. Schwer genug, überhaupt hochzukommen. »Biste böse, wenn’s zu dem Bier noch ’n Cognac gibt?«
»N-nh. Make it double.«* Machte ich. Dann rief ich Stevie an und bat ihn, mich für heute zu vertreten. Zum Glück hatte er nichts Besseres vor. Besaufen konnte er sich ja auch hier, hinter der Theke.
***
Ich stand gerade hinten in der Küche und ließ Twiggy checken, ob ich irgendwas gebrochen hatte, als wir die Eingangstür klappern hörten. Er wischte raus in den Laden und auf die Straße, konnte aber nur noch den gelben Capri mit qualmenden Reifen lospreschen sehen. Dann kam er zurück. Ich hatte nichts gebrochen.
»Wie haste denn das mit dem Nijinsky hingekriegt?« Er kicherte in sich hinein.
»Good trick, ey? Is einfack – look!« Er nahm einen der Apfelkornkanister, schlang seine mächtigen Arme darum wie um ein menschliches Genick, presste eine Hand zwischen seinen rechten Bizeps und seinen Brustkorb und ließ gleichzeitig laut all ihre Fingergelenke knacken. Absolut glaubwürdig. Man lernt doch nie aus.
Als Stevie eintraf, bestellten wir uns ein Taxi und ließen uns zu Veras Wohnung fahren. Ich quälte mich raus, und Twiggy fuhr weiter zu seiner Cessna.
»Have a nice weekend!«, wünschte er mir noch mit einem mitfühlenden Grinsen. »Next Wocke wir geh’n mal bisschen mack Ordnung in de Scheisenest, ey, Boob?«
Ich brachte nur ein mühsames Grunzen zustande. Nächste Woche war so weit weg wie meine Silberne Hochzeit.
***
»Ich wette, du hast in den letzten zehn Minuten mehr gestöhnt und gejammert als während der ganzen Schlägerei«, sagte Vera und machte eine Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden. Ich hatte eine halbe Stunde geduscht, heiß, kalt, heiß, kalt, lag jetzt auf dem Bett in ihrem Gästezimmer und schwitzte. Seit zehn Minuten massierte sie mich mit einer Mischung aus Massageöl und flüssig gemachter Beinwellsalbe, sanft, wo sich überall schon blaue Flecken und Blutergüsse abzeichneten, fester, wo meine Muskeln verkrampft und hart wie Knorpel waren. Also hauptsächlich sanft. Mein Körper brannte, als hätte ich schon den ganzen Tag nichts getan als raus aus der Sauna, rein in den Schnee und raus aus dem Schnee und rein in die Sauna. Der Grog, den sie uns gemacht hatte, tat ein Übriges. Ich nahm noch einen Schluck und sah sie an.
Ihr sanftes, blasses, mütterliches Gesicht glühte, von der Anstrengung, von dem Grog und vor Ärger und Empörung. Ihr dünnes, hellblondes Haar klebte ihr an den Schläfen und Wangen. Sie trug eins von meinen verwaschenen, eingelaufenen Penner’s-Radio-T-Shirts – man konnte so gerade noch die zufrieden grinsende, bierbäuchige Ratte mit der Sprechblase Kölsch bringt’s! erkennen – und einen dunkelblauen Slip, zu dessen Farbe die blonden Schamhaare, die sich rechts und links davon hervor kringelten, ausgezeichnet passten. Ihre schweißfeuchten Schultern, ihre Arme und Schenkel glänzten, wie sie da rittlings auf meinen Oberschenkeln hockte. Ich trank schnell noch einen Schluck. Mein Mund war so trocken.
»Guck mich ja nicht so an!«, ermahnte sie mich und klemmte hart meine Beine ein, dass ich laut aufstöhnte. Aber ein Blick an mir herab ließ erkennen, dass das schon keine Sache von Kopfentscheidung mehr war.
»Du bist unmöglich!«, musste sie wider Willen lachen. »Halbtot geprügelt und schon wieder nix als Sauereien im Kopp!« Sie drückte ihre Zigarette aus und machte weiter mit ihrer Massage, die aber immer mehr ihren medizinischen Charakter verlor. Heilsam erschien sie mir trotzdem. Die heilenden Hände konzentrierten ihre Kreise immer mehr dorthin, wo es einem am wohlsten tut. Vera zog sich ihr T-Shirt über den Kopf und legte sich auf mich. Wir küssten uns zärtlich, träge und feucht. Für einen Augenblick spürte ich wieder mal den alten, leisen Stich der Eifersucht. Warum bin ausgerechnet ich mit ’ner Frau verheiratet, die mehr auf Frauen steht? Andererseits – was kann mir bei meinem Lebenswandel besseres passieren? Sie ist immer noch die beste Ehefrau, die ich je hatte. Und die beste Freundin.
Außerdem ändert Eifersucht auch nix. Tut sie nie. Und die heilenden Hände, die mich so gut und schon so lange kannten wie keine anderen, machten weiter. Meine blöden Gedanken verwandelten sich in Geigenmelodien, pumpende Bassriffs und Schlagzeugsoli. Ein wildes Zittern überkam mich, mit dem ich jede Anspannung in meinem Körper von mir schüttelte. Vera verrieb die milchig gewordene Spannung zwischen unseren dampfenden Körpern. Dann rollte sie von mir herunter und zog sanft meinen Kopf zwischen ihre Beine, damit ich mich revanchieren konnte.
10

Wieder unterwegs
Um mein fest einbandagiertes rechtes Handgelenk trug ich eine torfbraune Ledermanschette. Sie passte gut zu den dunkelrotbraunen Lederklamotten, die ich auf Tour meistens trug – in Fachkreisen auch mein Lederschlafanzug genannt. Genauso fest einbandagiert war mein Brustkorb. Die Korsage quetschte mein Tönnchen ein, meine Beine waren aus diesem lustigen Zeug aus Amerika – oder Taiwan? –, das die Kinder jetzt alle hatten und »Slime« nannten, meine Arme fühlten sich an, als hätte ich gestern Volleyball mit Bierfässern gespielt, und in meinem Nacken klopfte mir eine blaurote Schwellung fortwährend ans Hirn. Und keiner rief: Herein! Beim Versuch, meine schulterlangen Haare zu bürsten, wäre ich am Morgen beinahe die Wand hochgegangen. Ich fühlte mich, als ob nicht ich in unserem alten Opel Blitz, sondern er über mich weg fahren würde. Und das seit dreihundert Kilometern. Das waren mit diesem Gefährt bei ebener Strecke viereinhalb Stunden. Aber wo gibt’s auf einer Penner’s Radio-Tour schon ebene Strecken?
Der Bus hatte vorne neben dem Fahrer noch zwei Sitzplätze, und dahinter hatten wir ein altes Sofa reingeklemmt (außer bei TÜV-Terminen, natürlich), das Platz bot für drei Passagiere und eine Kühltasche. Dahinter war eine Holzwand, hinter der wiederum unsere Anlage rappelte. Die Kühltasche wurde an jeder zweiten bis dritten Raststätte mit Büchsenbier aufgefüllt, von dem ich mir immer wieder eins in den Nacken hielt, bis die kühlende und lindernde Wirkung nachließ und es Zeit wurde, die Büchse auszutrinken. Ich mag kein warmes Bier.
Die Frotzeleien über mein Aussehen und meinen Zustand hatten inzwischen aufgehört – sensibel, wie Musiker nun mal sind, hatten sie schon kurz vor dem Kamener Kreuz gemerkt, dass es mir wirklich nicht so doll ging, und das Thema gewechselt. Mittlerweile waren sie bei dem bevorstehenden Boxkampf zwischen Ali und Ken Norton. Dazu konnte ich dann wenigstens fachmännisch schweigen. Ich war sicher, dass ich meinen Zwanziger richtig platziert hatte.
Dass ich eventuell gar nicht spielen könnte, kam keinem der Kollegen in den Sinn. Eiermann, unser Bassist, hatte schon mit eingegipster linker Hand gespielt – nicht, dass das bei ihm einen großen Unterschied machte. Seine Devise war: »Dä Bass muss brumme, un’ zwar en de Eier, Mann!« So spielte er auch, und so war er an seinen Namen gekommen. Die halbe Zeit schlug er sowieso nur mit der rechten Hand die Leersaiten an – »E – A – D – wir gehen auf Tournee!« war eins unserer kompositorischen Credos. Eiermann ist übrigens mein Lieblingsbassist. Dessen rechte Hand ist mindestens so gut wie meine. Normalerweise.
Auch unsere beiden singenden Gitarristen hatten sich schon mit vierzig Fieber oder eine Darmgrippe oder einem Gipsbein oder einer Gehirnerschütterung ihre Zugabe erarbeitet. Die Regel hieß: »Solange man noch ’n Bier trinken und es bei sich behalten kann, wird kein Gig abgesagt!« Da hielten wir uns dann auch dran. Nur das mit dem Bier wurde nicht so eng gesehen – wir hatten auch schon mit einer Gesamtleistung von zirka vierzehn Promille auf der Bühne gestanden und unseren Spaß gehabt. Was ein Rudel Düsseldorfer Studenten allerdings relativ ratlos zurückgelassen hatte – aber na ja, Düsseldorf …
Zitat SOUNDS, Juni ’76: Wenn Penner’s Radio ihr Business ernsthafter betreiben und nicht so viel saufen würden, wären sie die deutschen Stones und eine ernste Konkurrenz für Udo Lindenberg. Ein Tusch für den deutschen Musikjournalismus! Ich habe noch nie in einer amerikanischen Zeitschrift gelesen: Wenn Tina Turner nicht so viel kiffte, wäre sie die amerikanische Lulu und eine ernste Konkurrenz für Neil Diamond! oder ähnlichen Schwachsinn. Oder wie wär’s mit der englischen Variante: Eric Clapton ohne Drogen könnte der englische Johnny Winter sein und eine ernste Konkurrenz für Gary Glitter …?
Egal. Für unsere beiden Gitarristen, Veedelvüür und Veedelnoh, gehörte ein Kasten Bier ebenso zum Auftritt wie der Strom für ihre Marshal-Verstärker. Sie spielten seit mindestens zehn Jahren zusammen und hatten seitdem auch immer die gleiche Position auf der Bühne. Der eine von mir aus gesehen halb links, also im Uhrzeigersinn viertel vor, der andere halb rechts, also für mich viertel nach. Der zweite Grund für ihre Spitznamen lag in ihrer Spielanlage. Veedelvüür prügelte mit seinen scharfen riffs und fills permanent den beat vor sich her, während Veedelnoh, ein Meister der offen gestimmten slide-guitar, seine fetten Linien behäbig hinten auf den beat draufsetzte. Ein weniger sturer Schlagzeuger als ich hätte bei dem einen die Band ein Stück doppelt so schnell enden lassen, wie sie es angefangen hatte, bzw. bei dem anderen genau umgekehrt, aber wenn Eiermann und ich einmal die »Pump aan« hatten, spielten wir jedem Drum-Computer die Krätze an den Hals. Und genau diese kontrastreiche Rhythmusarbeit machte den drive aus, den die Leute anscheinend mochten – zwei Jahre nach unserem Debütauftritt auf einem Festival im Rheinpark, wo uns gleich mal sechstausend gefeiert hatten, kriegten wir immer noch Auftrittsangebote. Und unsere Fangemeinde wuchs – so sehr, dass wir ernsthaft überlegten, vielleicht doch mal ’ne Platte zu machen.
Kathrinchen, die da in jedem Falle weiß, wovon sie redet, hatte sich uns mal nach einem besonders guten Joint reingezogen.
»Is’n guter Lover, die Band«, sagte sie später. Ich musste nachfragen. »Ja, weißte, Büb, wenn du mit ’nem Kerl vögelst, der was taugt, dann hat der erst mal ’nen guten Rhythmus. Die Spannung macht der nicht, indem er immer schneller losrammelt, sondern mit den unterschiedlichen Betonungen. Wie eure Rhythmusgruppe. Un’ die eine Hand, die spielt hier dagegen, un’ die andere Hand da, dass du gar nicht weißt, worauf du dich konzentrieren sollst, aber alles zusammen bringt dich richtig gut in Fahrt. Das sind deine Gitarristen. Un’ wenn die zwei dann auch noch anfangen zu singen – dann haste sojar noch wat für’t Herz. Wat will mer mehr? Macht ruhig so weiter!«
***
Fehlte zur kompletten Besetzung nur noch unser Emerson, der außer Autos, Motorrädern, Verstärkern und Mikrophonen nur noch Fernseher, Telefone, Hotelaufzüge und Licht- und Klimaanlagen reparieren konnte. Seinen Namen hatte er aber seiner Art zu verdanken, mit der er seine uralte, winzige Farfisa-Orgel mit knapp zwei Oktaven bediente. Das nur vierstimmige Ding kippte und schob er kreuz und quer über die Bühne, traktierte es mit Hämmern, Schraubenziehern, Bierflaschen oder was er sonst gerade in die Finger kriegte, und dann streute er Akkorde in unsere Stücke ein, mit denen Miles Davis erst Jahre später seine Fans in Erstaunen versetzen würde.
Und Little Joe, so genannt, weil er aussah wie der Sieger des Hoss Cartwright Lookalike Contest. Aber er hasste es, Hoss genannt zu werden, und das brauchte er auch jedem, der es tat, nur einmal zu sagen. Er hatte eine Figur, als bräuchte er für unsern Opel-Blitz, den zu fahren und zu beladen sein Job war, keinen Wagenheber, wenn wir mal ’nen Platten haben sollten. Er nahm seine Verantwortung als Fahrer so ernst, dass er der einzige von uns war, der auf Tour nichts trank, was allerdings auch bei so mancher brenzligen Gelegenheit unser Glück gewesen war. Ohne ihn wären wir des Öfteren nicht in unserm Hotel oder unserer Gastgeber-WG angekommen. Dafür stellte er sich dann nach jeder Tour, wenn der Blitz ausgeladen, entrümpelt und sauber war, erst mal bei Tante Hilde in Kölns ländlichem Vorort Flittard an die Theke und brauchte höchstens zwei Stunden für ungefähr siebzig Kölsch. Dann legte er sich auf unser Tour-Sofa, schob eine der Kassetten ein, die er bei unseren Gigs immer aufnahm, und pennte selig. Isch hann keine Beruf – isch ben dä Dreiwer vun dä Penner! Dat wor isch vun Aanfang aan, un’ dat blieve isch bes zom Schluss! Un’ eines Dags fahre isch die eimol quer un’ eimol längs durch janz Amerika!* Eine Seele von Mensch.
***
»Pass auf, Hans-Werner: Wenn du uns noch einmal mit deinem Wahnsinn kommst, schmeiß ich deine Klampfe hier mitten auf die LKW-Spur! Ich kann et nimmieh hüüre! Verstehste?!«* Veedelvüür war leicht rot angelaufen und brauchte dringend ein Beruhigungsbier – er nannte Veedelnoh beim Vornamen und sprach hochdeutsch! Emerson machte ihm schnell eins auf.
»Ävver dat es doch en Riesen-Hammer-Idee! Pass op!« Und Veedelnoh, wie immer nicht aus der Ruhe zu bringen, schlug kraftvoll die Intro-Akkorde von Wild Thing an und sang dazu: »Wahnsinn! Do jommer och hin! Dat darf nit wohr sin …«* Das versuchte er uns jetzt schon seit ein paar Monaten als potenziellen Hit anzudrehen, aber niemand in der Band konnte und wollte darauf abfahren.
»Kumm, Noh, loss stecke!« »Es nix im Radio, Joe?« »Lääch doch ens en Kassett op!«*, kamen von allen Seiten konstruktive Vorschläge. Er hatte keine Chance. Schmollend nahm er sich ein Bier und benutzte nach einem langen Schluck die Büchse als slide-ring. Da waren dann alle wieder dabei und sagen gemeinsam den Penner’s Blues:
Dä Kanzler es e’ Aaschloch
Dä Paaps, dä es en Funz
Wat wör die Welt e’ Drecksloch
Jööv et he nit uns …*
Und dann überlegten wir zur Abwechslung mal wieder, wie wir es hinkriegen würden, heute Abend in Braunschweig ordentlich was in Magen und Leber zu kriegen, morgen ein kräftiges Frühstück aufzutreiben und dann noch genug Kohle zu haben, um den Blitz und uns mit genügend Sprit bis nach Billerbeck bei Münster zu versorgen. Der Gig heute war nämlich mal wieder eins von unseren sechsunddreißig Benefiz-Konzerten im Jahr, in diesem Fall für das Autonome Jugendzentrum »Heißer Hund«.
»Bin jespannt, wat dat widder für’n Loch is’«, überlegte Veedelnoh. »Wahrscheinlich besteht dat Catering widder us ’ner Schüssel Müsli, zo däm die Milch suur oder all jewoode es, ’ner Kann Jasmintee un’ ’nem Teller Schmalzbruut …«*
»Un’ wenn de noh Bier frögs, luuren se eetz all blöd un’ kromen dann irgendzwo ’ne lauwärme Kaste Feldschlößjen-Pils erus!«, ergänzte Veedelvüür. »Manchmol frore ich mich, wovun die janze Autonome övverhaup verexistiere, ohne uns. Ich jläuv, esu vell Benefiz wie mir määt keiner he.«*
»Doch – Schroeder Roadshow!«, warf Emerson ein.
»Jo, klar! Wenn ich en Weetschaff en d’r Eifel hännt …!«*
»Stemmp! Do künnte mir och ens widder hinfahre!«,* leckte sich Veedelnoh genüsslich die Lippen.
»Hör bloß auf!«, winkte Emerson entsetzt ab. »Beim letzten Mal war ich drei Tage todkrank, so haben die mich vollgeschüttet!«
»Wat reparierste dänne dann och dat komplette P.A., du Lötkolbenfreier? Beste doch selver schuld!«* Veedelnoh war das dann schon wieder genug Diskutiererei, und die nächste Büchse entlockte seiner Gitarre das Intro von Schroeders Anarchie In Germoney, das auch wir manchmal in unserem Programm hatten. Würde heute Abend in Braunschweig wahrscheinlich wieder gut kommen. Und schon sangen sie wieder alle:
Ich spiele Euer Spiel nicht mit
Ich scheiß auf Eure Welt
Ich rauche lieber Shit
Und versauf mein Geld …*
Wieder unterwegs! Ich pennte die letzten paar Kilometer, begleitet vom Brummen des alten Blitz, den schrabbelnden Gitarren und dem harmonisch-bissigen Gesang meiner Freunde, und träumte, ich wäre mit der Blauen Britta unterwegs auf der Route 66 von Chicago nach Amarillo. Vor uns fuhr ein völlig verbeulter kanariengelber Ford Capri und versuchte uns dauernd auszubremsen. Dabei geriet er immer wieder aus der Spur, überschlug sich mehrmals, knallte ein paar Mal gegen unsere Kühlerhaube, landete aber stets wieder auf seinen vier Rädern. Britta schrie vor Angst, und ich streckte beruhigend meine Hand nach ihr aus. Sie warf sich schluchzend an meinen Hals. Das schmerzte in meinem Nacken, als wären ihre Hände elektrisch geladen. Voller Panik blickte ich nach links zu unserm Fahrer – aber da saß niemand. Um das Lenkrad gewickelt schaukelte Jackie O. ihren weisen alten Kopf hin und her und grinste mich spöttisch an:
»Wir sind da, Büb, wir sind da …«
***
»Wir sind da, Büb, werd wach! Ausgeladen hammer auch schon!« Little Joe rüttelte sanft an meinem Knie. »So schlecht is’ dä Schuppen jaanit!« Er hielt mir einen riesigen Cognac-Schwenker unter die Nase, der tatsächlich duftete wie mit Metaxá gefüllt. Na ja – besser als kein Apfelkorn.
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