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Ricarda Huch
Ricarda Huch: Deutsche Geschichte 2 Zeitalter der Glauben-Spaltung - Band 2 - bei Jürgen Ruszkowski
Band 179e in der gelben Buchreihe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Herausgebers
Die Autorin Ricarda Huch
Deutsche Geschichte – Band II. – Zeitalter der Glaubensspaltung
Einleitung – Der Zusammenbruch der mittelalterlichen Weltanschauung
Der Zustand des Reiches im 15. Jahrhundert
Drei Freunde
Der Streit um das Bistum Brixen
Humanisten und Mönche
Reuchlin und die Dunkelmännerbriefe
Die Reichsreform
Die Kirchenreform
Kultur
Ritter
Luther
Die Thesen
Von Heidelberg bis Leipzig
Die Kaiserwahl
Hutten und Luther
Worms
Der Prophet
Neue Kirche
Luther und Erasmus
Sickingens und Huttens Ende
Der Bauernkrieg
Pavia
Der Abendmahlsstreit
Die Wiedertäufer
Frauen
Anfechtungen
Einigungsversuche
Die Befreiung des Adlers
Der Schmalkaldische Krieg
Der Augsburger Religionsfrieden
Tod
Aufschwung der katholischen Kirche
Calvin und der Abfall der Niederlande
Geldwirtschaft
Faust
Die Hexenverfolgung
Der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges
Der Krieg im Reich
Das große Sterben
Der Westfälische Frieden
Toleranz
Wissenschaft
Österreich
Im Norden
Ausklang
Die maritime gelbe Buchreihe
Weitere Informationen
Impressum neobooks
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.

Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.
Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktionen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.
Je weiter ich diesen Band neu redigierte, umso mehr faszinierte mich dessen Autorin Ricarda Huch. Sie verließ 1947 das sowjetisch besetzte Ost-Berlin, sehr betroffen durch ständige Kontrolle, Vorschriften und Gewalt der Regierenden und ging nach Frankfurt am Main.
Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski

Ruhestands-Arbeitsplatz
Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers
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Die Autorin Ricarda Huch
Die Autorin Ricarda Huch
https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/huchric.html

Ricarda Octavia Huch wurde am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren und starb am 17. November 1947 in Schönberg im Taunus. Sie war eine deutsche Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin und Historikerin, die als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum im Fach Geschichte promoviert wurde. Sie schrieb Romane und historische Werke, die durch einen konservativen und gleichzeitig unkonventionellen Stil geprägt sind.
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Deutsche Geschichte – Band II. – Zeitalter der Glaubensspaltung
Deutsche Geschichte – Band II. – Zeitalter der Glaubensspaltung
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Zeitalter der Glaubensspaltung
https://www.projekt-gutenberg.org/huchric/dtgesch2/dtgesch2.html
Zuerst 1937 im Atlantis-Verlag Berlin erschienen
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Einleitung – Der Zusammenbruch der mittelalterlichen Weltanschauung
Einleitung – Der Zusammenbruch der mittelalterlichen
Weltanschauung
Germania fuit et nunquam erit quod fuit, hat Luther gesagt: Germanien ist gewesen und wird nie wieder sein, was es gewesen ist. Er erlebte den Zusammenbruch des mittelalterlichen Reiches, sah und fühlte, dass seine Ideale für immer der Vergangenheit anheimfielen. Es war der Untergang einer Epoche, reich an Kampf und Irrsal, aber auch überreich an schöpferischer und aufnehmender Kraft, an mannigfachem Wachstum, die eines jugendlich in die Geschichte eintretenden, freiheitliebenden Volkes Mitgift waren. Umfasst und geeint war diese Vielfalt durch den Äther einer gemeinsamen Weltanschauung, der das diesseits Erwachsene an die Ewigkeit zu binden schien.
Die Dämmerung der romanischen und der Farbenzauber der gotischen Kirchen umfluteten das steinerne Mysterium des Christentums: die Fleischwerdung des Gottmenschen, sein Erlösungswerk und seinen Tod am Kreuz. Das tragische Geschick der Menschheit zwischen Himmel und Erde, ihre Versuchungen, ihre Kämpfe und schmerzlichen Überwindungen, diese unergründlich wunderbare symbolische Geschichte war in allverständlichen Gestaltungen von den Pfeilern und Gewölben abzulesen. Die zahllos im ganzen Abendland aufgebauten Kirchen waren sichtbare Punkte eines unsichtbaren Gerüsts, das die Welt zu einem sinnvollen Gebilde machte, sie durchdrang und trug, einer Weltanschauung, die die Welt war. Denn in ihr war die Weisheit aller Zeiten eingeschmolzen, sei es auch nur, dass sie sie als Gegensatz durchglühte. Sie war ein Werk vieler Jahrhunderte, und ihr Untergang, wenn sie untergehen konnte, schien Weltuntergang zu bedeuten.
Zu Gott zu gelangen war nach mittelalterlicher Anschauung die Aufgabe des Menschen; sie konnte nur erreicht werden innerhalb der Kirche, die von Gott gegründet, göttlich und ewig war. Es war ihr verliehen, dereinst die ganze Menschheit in sich aufzunehmen; sie war gleichsam die Erscheinung des Unvergänglichen in der vergänglichen Welt. Die Mitglieder der Kirche teilten sich in die Laien und den Priesterstand, der teils durch Lehre, teils durch Beispiel die Laien ihrem jenseitigen Ziel zuführte. Wiederum war der Priesterstand geteilt in die Weltgeistlichkeit und die Klostergeistlichkeit, die nicht nur wie jene durch Keuschheit, sondern auch durch Armut und Gehorsam der Heiligkeit sich näherte, die in Gott vollendet wurde. Wer zu Gott gelangen wollte, musste die Welt überwinden. Indem die Mönche und Nonnen von der Welt abgesondert ganz der Anbetung Gottes, dem Dienst des Nächsten und der Dämpfung der Sinnlichkeit lebten, führten sie den Laien das Bild der Engel vor Augen und genossen deshalb besondere Verehrung. An der Spitze der Priesterschaft stand der Bischof von Rom, der Papst. Zusammen mit Vertretern des Priesterstandes gab er der überirdischen Wahrheit diejenige Form, die sie den Laien fassbar machte und grenzte sie ab gegen den Irrtum.
„Wer ist unter uns, der bei der ewigen Glut wohne?“ lässt Jesaias den Sünder sagen. Aber alle Menschen sind Sünder. Die Seher und Weisen aller Zeiten haben gewusst, dass der Mensch Gott in seiner Majestät nicht ertragen kann. Die göttliche Wahrheit dringt nur in gebrochenen Strahlen zur Erde, bietet sich den Menschen dar in Symbolen, Spiegeln gleichsam, die so viel vom göttlichen Wesen auffangen, wie den Menschen erträglich und verständlich ist. Niemals waren die Spiegel der Gottheit so nahe gekommen, so von Gott durchglüht und Gott angeglichen wie in der christlichen Symbolik. Sie zu lehren, auszulegen, in der Tiefe ihrer Bedeutung zu erforschen und zu begründen war die Aufgabe der Priester. Nur durch ihre Vermittlung konnte der Laie in Beziehung zu Gott treten. Sie waren Schutzengel, die den ins Weltliche verflochtenen Menschen den Flug zu Gott lehrten und zugleich wie eine schützende Wolke das furchtbare Geheimnis der göttlichen Majestät umgaben, deren unverhülltes Antlitz das irdische Geschöpf verzehren würde.
Die christliche Weltanschauung konnte das Abendland beherrschen, weil sie erwachsen war auf den Trümmern einer hohen Kultur und über der noch nicht hoch entwickelten Kultur junger Völker, die sie willig in sich aufnahm. Die Herrschaftsstellung, die sie dem Klerus zuwies, wuchs ihm zu, weil die Völker sie bei ihm suchten. Die Führer der Christen verkündigten das hohe Ideal, das die Verwilderten und Erschöpften, die Gelehrigen und Empfänglichen mit Begeisterung ergriffen. Eine neue Welt ging aus dieser Weltanschauung wie aus einem gleichen Samen und gemeinsamer Erde hervor. Alle Äußerungen des menschlichen Geistes wurzelten in ihr und waren von ihr durchdrungen. Ihr dienten die Künste und Wissenschaften, die Denker und Dichter, von ihr erfüllt war das staatliche und wirtschaftliche und häusliche Leben. Wenn auch Krieg, Verbrechen und Irrsal, woran es unter Menschen nie fehlt, das mittelalterliche Abendland wild durchtobten, es war umleuchtet von der Glorie eines einheitlichen erhabenen Glaubens. Die Gebilde der Kunst, die Gesänge in der Kirche, die ernsten und heiteren Spiele des Volkes, alles wies aus der unruhvollen Erde auf die Herrlichkeit Gottes, die dem gläubigen Glied der Kirche zuteilwerden sollte. Es wölbte sich über der Erde ein fester Goldgrundhimmel, den die Kirche errichtet hatte. Über ihn hinaus sollte der menschliche Gedanke sich nicht wagen; unter ihm war Frieden. Zweifler und Verzweifelnde beruhigte die Kirche, in ihrem Schoss gab es Antwort für die Gottsucher und Heilung für die an den Rätseln des Daseins Erkrankten. Außerhalb der Kirche waren das Chaos und die Hölle; aber es gab kein Chaos und keine Verdammnis, denen die Kirche den Unseligen nicht hätte entreißen können, der sich ihr gläubig anvertraute.
Was konnte diese Weltanschauung erschüttern? Das Grandiose selbst, das darin lag, war eine Gefahr; denn es erforderte eine ständige Anspannung menschlicher Kraft. Lange Zeit hindurch wurde das natürliche Sinken der religiösen Inbrunst ausgeglichen durch das Auftreten begeisterter Führer, die die Kirche mit neuer Glaubensglut erfüllten. Seit dem 14. Jahrhundert blieben diese Aufschwünge aus; es begann eine Umwälzung im Sinne von Verweltlichung, die fortwährend zunahm. Die Bestimmung des Menschen zum Jenseitigen wich einer skrupellosen Vertiefung in das Irdische. Immer waren die Menschen sinnlich und genusssüchtig gewesen, und sie wurden es desto mehr, je mehr die Möglichkeit bequemer, sogar üppiger Lebenshaltung zunahm; der Unterschied war, dass auch die Geistlichkeit an den Ausschweifungen teilnahm, sich mit Behagen darin gehen ließ, so dass, wo einst an Bischofshöfen, in Stiften und Klöstern, ein Vorbild der Heiligkeit geleuchtet hatte, nun ein Beispiel sinnlicher Lust und sittlicher Verworfenheit gegeben wurde. Das untergrub die Achtung vor dem Klerus und löste den Schimmer von Unantastbarkeit auf, der die Kirche umgeben hatte; sie wurde für das Volk der Laien ein Gegenstand des Hohnes und der Verachtung. Damit wuchs für den mächtigen Gegner der Kirche, den Staat, die Möglichkeit, sie zu besiegen.
Wenn der Mensch zum Bewusstsein kommt, findet er sich in Beziehung zu Gott und in Beziehung zu den Menschen: aus diesen Beziehungen entstehen die Kirche und der Staat. Weil die Beziehung zu Gott die höchste ist, pflegt die Kirche einen Vorrang vor dem Staat zu fordern, wogegen der Staat seine näherliegenden und greifbareren Ansprüche geltend macht. Im Mittelalter gab es einen Staat im eigentlichen Sinne nicht; die Beziehungen zwischen Lehnsherren und Vasallen bildeten das den Körper der Nation zu einem bewussten Ganzen einigende Netz, dessen Mittelpunkt der Kaiser war. In den gewaltigen Kämpfen zwischen Papst und Kaiser, die das Mittelalter erfüllten, erwies sich das Band der Treue als zu schwach gegenüber der Kirche, der Erbin römischer Staatskunst, und der Kaiser unterlag. Inzwischen aber hatte sich, zuerst in den Städten, denen dann die Territorien folgten, ein festeres Regiment herausgebildet, und der Staat, die in einem Punkt zusammengefasste Gesamtkraft einer Nation oder eines Gebietes, nahm den Kampf erfolgreich auf. Wie die Kirche beide Schwerter, das der geistlichen und das der weltlichen Herrschaft, in ihre Hand bringen wollte, so trachtete auch der Staat nach beiden. Für die Staatsmänner war die Kirche, die sich so viele Blößen gab, nicht die Führerin der Seelen zu Gott, sondern eine Art Gegenstaat, ein Block, der ihre Bestrebungen, alle Kräfte des ihnen unterstellten Gebietes in einem Mittelpunkt zu sammeln, hemmte. War ja doch die Kirche ein Staat und zwar ein ungemein verfeinerter, mit einem Beamtenapparat und einer Finanzverwaltung, wie die weltlichen Staaten sie noch nicht besaßen, aber inständig anstrebten.
Die Verstaatlichung wie die Verweltlichung überhaupt empfing Nahrung von der Antike. Keine Weltanschauung vermag weder ihren eigenen Gehalt vollkommen auszuprägen, noch den unendlichen Gehalt der Geisteswelt vollkommen zu umfassen, deshalb ist einer jeden der Trieb zur Wandlung eingeschlossen. Für das Abendland ist eine von der christlichen verschiedene von Bedeutung: die der Antike. Sie kennt nicht die Spannung zwischen Gott und Mensch, zwischen Gottesreich und Welt, zwischen Gut und Böse, kennt den Gott nicht, der zum Menschen spricht: Du sollst heilig sein, denn ich bin heilig! Was es hier an Forderungen gab, war die Entfaltung des Natürlichen in schöner Harmonie. Nicht das Sittliche, aus dem Keim der Liebe erwachsend, war der Maßstab bei der Erziehung des Menschen, sondern die Tüchtigkeit, das Schöne und Maßvolle. Da nicht das Jenseits, sondern die Erde als Heimat des Menschen betrachtet wurde, wandte sich der strebende Geist ganz ihr zu, und da man an die unbegrenzte Kraft und die Zuständigkeit der menschlichen Vernunft glaubte, überließ man sich der Durchforschung des Universums und dem Aufbau einer vernunftgemäßen Gedankenwelt. Das freie und stolze Sichhingeben an die Vernunft und die Sinne hatte eine Kultur von hoher Vollendung geschaffen, die in Italien unter christlichen Idealen und Formen verborgen weitergelebt hatte und immer mächtiger, wenn auch nicht unverändert, hervorzubrechen begann. Niemals war die antike Bildung in Italien ganz verlorengegangen; sie hatte sich in den Schulen, in der Kirche und auch in einer für die Italiener charakteristischen klaren, auf das Wesentliche und Praktische gerichteten Denkweise erhalten. Nachdem die germanische Flut, die Italien überschwemmt hatte, aufgesogen war und aus verschiedenen Bestandteilen ein italienisches Volk, ein unerhört begabtes, sich gebildet hatte, besann dies Volk sich auf seine ruhmvolle Vergangenheit, und zwar mit umso leidenschaftlicherer Hingebung, als seine politische Zerrissenheit und Machtlosigkeit in der Gegenwart es nicht befriedigte.
Aus diesem politisch ohnmächtigen Volk gingen im 14. und 15. Jahrhundert so viel herrliche, vorbildliche Schöpfungen auf dem Gebiet der Kunst, Musik, Dichtung und Wissenschaft hervor, wie sie kaum jemals außer Griechenland ein verhältnismäßig so kleiner Bezirk in so kurzer Zeit hervorgebracht hat. Das zum großen Teil von Fremden teils beherrschte, teils verwüstete Land beherrschte und speiste geistig mit dem leuchtenden Gehalt seiner Kultur das Abendland.
Italienische Denker und Künstler lenkten den Blick der abendländischen Menschen von dem jenseitigen Himmel ab, zu dem die kirchliche Erziehung ihn hingewendet hatte, so dass es war, als sehe er nach langem Schlaf und Traum zum ersten Mal die Erde im Morgenglanz. Der Zauber der Schönheit überströmte das Tal der Tränen. Die Herrlichkeit göttlicher Marmorleiber, die mit den heidnischen Tempeln versunken waren und nun ausgegraben wurden, führte einen Menschen vor Augen, dessen Urbild einst, so meinte man, auf diesem Boden gewandelt hatte, dem ähnlich zu werden die heutigen Bewohner dieses Bodens berufen waren. Wie vielseitig und harmonisch erschien der antike Mensch, verglichen mit dem einseitig der himmlischen Verklärung entgegengezüchteten gotischen! Dieser erschien als ein unnatürlich verrenktes Gewächs gegenüber dem, der sich frei nach dem Maß seiner angeborenen Wachstumskraft entfalten konnte. Ausbildung aller Keime, die die Natur zur Gestaltung eines vollkommenen Menschentums dem Menschen verliehen hat, erkannte man als Aufgabe und nannte diese Richtung Humanismus. Nicht dass man den Menschen seinen natürlichen Trieben überlassen wollte; nur sollte nicht mehr Gut und Böse, Heilig und Weltlich die Norm seines Werdens sein, sondern man glaubte ihn den Mächten der Schönheit, der Weisheit, Freiheit, Tüchtigkeit anvertrauen zu dürfen. Es war etwas Gewaltiges, dass neben der christlichen Kultur, die bisher die einzige gewesen war, eine neue erstand, die sich durch die Fülle wertvoller Erscheinungen überzeugend beglaubigte, dass Menschen wie aus einer heidnischen Taufe auftauchten, die stolz auf sich selbst gestellt, nicht nach der Palme des Überwinders, sondern nach dem Lorbeer des Siegers strebten. Die antike Weltanschauung wurde in Italien und auch in Deutschland, wohin von dieser Bewegung zuerst nur ein verwehter Duft wie aus fernen Gärten drang, nicht als Gegensatz, vielmehr als Ergänzung des Christentums aufgefasst. Waren doch mit dem auf dem Boden der Antike erwachsenen Kirchenglauben zugleich edle Trümmer antiker Kultur in die von der Kirche beherrschten Länder eingedrungen, die man verehrend übernahm und weiterbildete. Überall kam die Christenheit den Einflüssen der Renaissance vertrauensvoll entgegen, überzeugt, sie könne sich ihre Schätze aneignen, ohne ihr eigenes Wesen aufzugeben. In Deutschland war das umso mehr der Fall, als eine aus dem Norden des Reiches kommende Lebensrichtung die Empfänglichkeit für die fremden Anregungen vorbereitet hatte. Die Reformideen der Brüder vom gemeinsamen Leben, die im 14. Jahrhundert in den Niederlanden wirkten, hatten sich allmählich, von geistvollen jungen Männern getragen, über ganz Deutschland, namentlich über das westliche, ausgebreitet. Sie bezweckten eine veredelte Erziehung der Jugend in der Weise, dass nicht mehr Formeln und leerer Gedächtniskram die Schulen beherrschten, sondern zur Ausbildung des ganzen Menschen der Grund gelegt werde. Es ist nicht mit Bestimmtheit nachzuweisen, woher der Name Humanismus kommt; wahrscheinlich geht er auf Cicero und dessen Übersetzung des griechischen Wortes παιδεια zurück. Die Humanisten widersetzten sich den Scholastikern, die im Laufe des letzten Jahrhunderts mit ihrer Begriffsspaltung und Begriffsakrobatik die Erde ganz verlassen und von den Gedanken alles lebendige Fleisch abgeschabt hatten. Da das Latein die Sprache der Studierenden war, begann man damit, sie aus guten lateinischen Schriftstellern zu lehren und den Schüler auch den Inhalt der betreffenden Bücher sich aneignen zu lassen. So wurde man in Deutschland allmählich von ähnlichen Problemen erfasst, wie sie die gebildete Welt Italiens bewegten. Gemessen an der vielseitigen, Überschwengliches verheißenden neuen Bildung erschienen die Tüftelei der Scholastik sowie die seelenlose Frömmelei der Kirche unerträglich abgestanden, verwest. Aber nicht nur gegen die Kirche, der jedermann etwas vorzuwerfen hatte, gegen die Religion überhaupt stumpfte sie ab; in der Helligkeit, die die neuen Anschauungen über das Bewusstsein verbreiteten, gingen die jenseitigen Sterne unter.
Es gab aber in Deutschland einen unmittelbar gefährlicheren Feind der Kirche als die Verweltlichung, die sie von innen, und den Staat, der sie von außen bedrohte, das waren die gläubigen Christen. Einst wären vielleicht manche von ihnen Heilige geworden oder hätten Orden gegründet, jetzt lebten sie, Mystiker oder ‚Brüder vom gemeinsamen Leben‘ oder Ketzer oder Einsame im Schosse der Kirche oder außerhalb der Kirche, jedenfalls fern von ihr und sie nicht beachtend. Der unterirdische Strom der Sehnsucht nach dem Göttlichen konnte anschwellen und ihre Fundamente erschüttern, wenn unter ihrer Kuppel kein Raum für seine Hochflut war.
Jahrhunderte während vollzog sich die Auflösung und Umschmelzung des tragenden Weltgerüstes in schmerzlichem Untergang und verhängnisvollen, großartigen Befreiungen. Irdisches und Himmlisches, jenseitige und diesseitige Zwecke waren dabei so ineinander verschlungen, dass keins ohne das andere erstrebt und angegriffen werden, keins unbeschattet siegen konnte. Die Erhabenheit der Ziele, um die gerungen wurde, der Ernst und die Opferfreudigkeit, mit der viele von den Kämpfern ihr Leben einsetzten, das Schicksalhafte der Wendung und die Zwiespältigkeit aller Beteiligten, von denen keiner seine Idee rein vertrat, machen das 15., 16. und 17. Jahrhundert unvergleichlich groß und bedeutungsvoll und unheilbar tragisch.
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Der Zustand des Reiches im 15. Jahrhundert
Der Zustand des Reiches im 15. Jahrhundert
König Nobel beruft einen Reichstag, zu dem sich seine Vasallen, große und kleine, geistliche und weltliche, gehorsam einfinden.

„Reineke Fuchs“
Da ist Braun der Bär, treuherzig brummend, obwohl er sich als der wahre König fühlt, Isegrim der Wolf, der unersättliche, Bellin der Schafbock, der des Königs Kanzlei, das Urkunden- und Schriftenwesen unter sich hat, Lampe der Hase, Hinze der Kater, Henning der Hahn und viele andere, und alle scharen sich in Ergebenheit um Nobel, der pompös auf dem Thron sitzt und eine von den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Fürsorge aufgeblähte Ansprache hält. Nicht erschienen ist Reineke Fuchs, weil er, vieler Missetaten und Gesetzesübertretungen sich bewusst, voraussieht, es werde ein übles Ende mit ihm nehmen. Alle Tiere, einige Fuchsverwandte, Dachs, Affe ausgenommen, hassen, fürchten ihn, der viel klüger und listiger ist als sie, und seine Listigkeit benutzt, um die kleinen zu fangen und die großen, plumpen Herrschaften in die ärgsten Ungelegenheiten zu verstricken. Es gelingt endlich, ihn zu Hof zu bringen, und schon ist ihm die Schlinge um den Hals gelegt, da kommt er noch einmal zu Worte und erweckt des Königs Gelüsten nach einem Schatz, den er irgendwo versteckt zu haben vorgibt. Argwöhnisch verlangt Nobel, dass Reineke selbst ihn zur Stelle geleite; aber Reineke wendet vor, dass er im Bann sei und dass es sich für die Majestät des Königs nicht zieme, sich mit einem Gebannten öffentlich zu zeigen; er wolle zuerst nach Rom gehen und sich vom Bann lösen. Das leuchtet Nobel ein; denn mit den römisch-päpstlichen Angelegenheiten ist nicht zu spaßen.
Nobel trägt seine Löwenperücke mit so viel Würde, und die gefährlichen Vasallen agieren ihre Dienstbeflissenheit und schwärmerische Verehrung für das Oberhaupt so glatt, dass wir ein Bild der Eintracht und wohlerworbener Rechte vor uns sehen. Im Grunde sind sie allesamt räuberische Bestien, je stärker, desto skrupelloser, während die Schwachen, Kleinen, die es gern den Mächtigen gleichtäten, durchzuschlüpfen suchen, wie es eben geht. Nobel treibt es in seinem Bezirk so wie sie; wenn er als König inmitten seiner Großen auftritt, deren er nicht Meister werden kann, hat er etwas Hohles, etwas von einer grimmigen Larve an sich, hinter der ein ratloser Schwachkopf steckt, und seine Neigung gilt eigentlich dem Schelm Reineke, dessen erfinderische Schliche ihm zugutekommen könnten, wenn es den großen Hansen einfallen sollte, die Zähne gegen ihn zu fletschen.
Eine bewundernswerte Dichtung ist das auf uralter Tiersage aufgebaute Epos von Reineke Fuchs, das um das Ende des 15. Jahrhunderts in niederdeutscher Sprache aufgezeichnet wurde. Kaum ist eine beißendere Satire denkbar, die die höchsten Gewalten im Reich im Bilde gefräßigen Viehs erscheinen lässt, zugleich aber so kindlich gutartig, so naturgemäß, so spielerisch treffend und vor allen Dingen so lustig, dass eine satirische Absicht kaum empfunden wird. Können doch Kinder das Gedicht wie ein Märchen lesen. Nur an einer einzigen Stelle trägt es den Zorn des Verfassers über den Künstler davon, als er Reineke sich über die verrotteten Verhältnisse am päpstlichen Hofe aussprechen lässt, und dem Affen Märten, der mehrere Jahre hindurch Schreiber bei einem Bischof war und in Rom gut bekannt ist, Beziehungen zum Doktor Greif, zu den Herren Losefund, Wendemantel, Schalksund hat, eine Schilderung des schändlichen Treibens an der Kurie in den Mund legt.
Man schwätzt dort wohl vom Recht sehr viel;
ja Quark! Geld ist das was man will!
Ist eine Sache noch so krumm,
mit Geld dreht man sie bald herum.
Wer blechen kann, für den wird Rat.
Weh dem, der nichts im Säckel hat.
Bei allem Spott und Zorn, die das Gedicht erfüllten, ist doch etwas ererbte Anhänglichkeit an Papst und Kaiser geblieben: der Papst ist ein armer alter Mann, der nichts von den Gräueln weiß, die um ihn her im Schwunge sind, der Kaiser ist fromm und gut, wenn auch zu schwach, um das Böse zu hindern.
Die beiden von Gott eingesetzten Mittelpunkte der Ellipse ließ man gelten, außer ihnen fast nichts mehr von dem, was einst unerschütterlich gültig gewesen war.
Ursprünglich aus den fünf Stammesherzogtümern Franken, Sachsen, Schwaben, Bayern, Lothringen bestehend, teilte sich das Deutsche Reich gemäß dem deutschen Hang nach individueller Besonderheit und Unabhängigkeit allmählich in einzelne selbstständige Herrschaften, deren es mehr als dreihundert gab. Aus der Reihe der Fürsten sonderten sich zuerst durch Gewohnheit, dann durch Gesetz als bevorzugt und einflussreich die sieben Kurfürsten, auf die sich das Recht der Kaiserwahl beschränkt hatte und denen gleich zu werden die Standesgenossen eifersüchtig strebten. Der niedere Adel der Grafen und Herren konnte hoffen, gefürstet zu werden; hatten doch mehrmals Grafen den kaiserlichen Thron bestiegen. Hoher und niederer Adel teilten sich in den Besitz der zahlreichen geistlichen Bistümer, Abteien und Propsteien, die sich reich und ansehnlich zwischen den weltlichen ausbreiteten. Überall verstreut hausten in ihren Burgen die Ritter, als Kinder schon mit dem Pferd verwachsen, mit der Waffe vertraut, verpflichtet, dem Kaiser auf seinen Kriegszügen zu folgen. Als ein im Rang niedrigeres, aber durch Tüchtigkeit und Reichtum ausgezeichnetes Element erblühten daneben die Reichs- und Freistädte, Sitze einer ebenso gebildeten wie gewerbstätigen und kriegerischen Bürgerschaft, mit denen manche Landstadt, obwohl dem Namen nach irgendeinem Fürsten untertan, an Selbständigkeit wetteiferte. Die Freiheit der Landgemeinden ging unglücklicherweise bald unter, nur wenige im Gebirge und am Meer erhielten sie oder erwarben sie in schweren Kämpfen wieder; immerhin beruhte die Dienstbarkeit der Bauern auf Verträgen, welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten von Herrschaft und Untertan regelten, so dass eigentliche Leibeigenschaft nicht vorkam. Die Spitze des reichgegliederten Körpers bildeten zwei Häupter, Papst und Kaiser, die die Staatslehre mit Sonne und Mond zu vergleichen pflegte. Beide waren auf der Höhe des Mittelalters grundsätzlich absolut, nur von Gott abhängig, tatsächlich aber mannigfach beschränkt, sowohl durch die Beziehung zu ihren Wählern wie durch ihre Beziehung zueinander, die wie alles in diesem lebendig strömenden Gebilde nur durch Gewohnheit oder durch auf den jeweiligen Fall berechnete Bestimmungen geregelt wurde. Beide strebten nach Unabhängigkeit voneinander und nach Herrschaft übereinander, woraus sich ein dauernder, nur gelegentlich durch Friedensschlüsse unterbrochener Kampf ergab, unendlich, weil diese beiden Mächte durch ihre Stellung im Reich unauflöslich miteinander verbunden und einander unentbehrlich waren. Wenn der Papst die Fülle der geistlichen Macht besaß, so nannte sich der Kaiser Herr des Erdkreises, dominus mundi, insbesondere war er Herr des Reiches, Inhaber des gesamten Bodens und aller Rechte, was alles er besaß, um davon auszuteilen; es strömte von ihm aus, um wie zum Herzen des Körpers zu ihm zurückzufließen. Diejenigen, welche am meisten Empfänger seiner Gnaden waren, trachteten, je reicher sie wurden desto mehr danach, unabhängig und selbständig zu werden, und wurden dadurch zu einer dem Kaiser entgegenwirkenden Macht. Indem sie sich auf den stets zur Intrige bereiten Papst stützten und sich mit sehr wirksamen geistigen Waffen ausrüsteten, waren sie ihm oft überlegen, und der Herr des Reiches musste sich dies Reich mit der Waffe erobern.
Wie auf dem Papst die Einheit des Glaubens, so beruhte auf dem Kaiser die Einheit der inneren und äußeren Politik. Das Zusammenwirken der Reichsglieder wurde bewirkt durch die Gefolgschaft, die bei Reichskriegen dem Kaiser zu leisten war, und durch den Reichstag, auf dem allerdings nicht alle Stände vertreten waren: die Bauern und Ritter fehlten ganz, die Städte wurden nur dann zugezogen, wenn die Fürsten ihrer bedurften; erst gegen das Ende des Mittelalters erreichten sie die eigentliche Reichsstandschaft, und auch dann nicht unbestritten.
Wie im menschlichen Körper geistiges und leibliches Leben einander stetig durchdringen, so verband sich im Körper des Reiches kirchliche Betätigung mit jeder staatlichen und gesellschaftlichen; in Krieg und Frieden, in Handel und Handwerk, auf dem Markt und beim Geldverkehr, im Hause und im Stalle leuchtete die goldene Ader des Ewigen auf, das Alltagstreiben der menschlichen Begierden adelnd. Soweit es auf Erden möglich ist, kann man von dem Reich sagen, dass es in seiner Mannigfaltigkeit und Gelenkigkeit, in der Fülle seiner aufeinander bezogenen Individualitäten, die Sternen und Sternbildern gleich durcheinanderschwärmten und sich gelten ließen, in der Großartigkeit und Freiheit seiner Anlage, wo es ohne Zwang stetigen Umschwung um den Mittelpunkt, ohne mechanische Verkettung Zusammenhang gab, wo Macht sich segensreich ausblühen konnte, weil keine ohne gegenwirkende Macht blieb, den Kosmos spiegelte.
Dasselbe kosmische Allumspannen, wie dem staatlichen Teil des Reiches eigen war, zeichnete den kirchlichen aus. Wie der Staat republikanische, monarchische, aristokratische und demokratische Bildungen in sich duldete, ja aus sich hervorbrachte und ineinandergreifen ließ, so litt die Kirche die verschiedensten Ausprägungen der Beziehung zum Göttlichen. Sie pflegte die Askese und Weltabgeschiedenheit der Mönche neben der Pracht und Weltfreudigkeit der Weltgeistlichen, nebeneinander die ackerbautreibenden und die gelehrten Klöster, die Prediger und die Bettelmönche, sie schützte die freien Vereinigungen von Männern und Frauen, die im Nordwesten des Reiches entstanden, gegen die Angriffe der Fanatiker, sie schonte die Frömmigkeit der Mystiker, die auf dem Wege der Verinnerlichung oder der Ekstase die Vereinigung mit Gott suchten, und schritt erst dann gegen sie ein, wenn sie die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf zu verwischen, Gottverwandtschaft mit Gottgleichheit zu verwechseln schienen. Auch über die große Masse derer, die ganz in der Lust oder den Sorgen der Welt aufgingen, wenig um den Willen Gottes bekümmert, ließ sie die segnende Sonne leuchten, zufrieden, wenn sie die vorgeschriebenen Gebräuche mitmachten und Glieder des geheiligten Körpers blieben, innerhalb dessen sie von dem Strom der göttlichen Gnade, der ihn durchflutete, ergriffen werden konnten. Gehorsam gegen den Organismus, der der Idee nach die gesamte Christenheit umfasste und in dem allein die Seligkeit erlangt werden konnte, war das einzige, was die Kirche unbedingt von jedem verlangte: es war gleichbedeutend mit dem Gehorsam gegen Gott. Ungehorsam war Ketzerei, die unerbittlich bestraft wurde; denn mit der Ausrottung des Ketzers war eigentlich nur die Verdammnis vollstreckt, der derjenige, welcher aus der Kirche heraustrat, verfiel. Diesen unbedingten Gehorsam nun, der der Kirche geschuldet wurde, nahm mehr und mehr der Papst als Inhaber der kirchlichen Gewalt für sich in Anspruch. Während Kaiser und Reich, anfangs eine Einheit, im Verlauf des Mittelalters immer mehr auseinandertraten und sich sogar gegeneinander wenden konnten, verschlang der Papst die Rechte der Kirche in seine Person. Der Papst war die Kirche, der Kaiser war keineswegs das Reich; insofern entwickelte sich die Stellung des geistlichen Herrn des Erdkreises umgekehrt wie die des weltlichen. Es war, als ob das ewige Rom seinen gegenwärtigen Herren den Imperialismus der Cäsaren mitteilte, deren Nachfolger sie sich mit ganz anderer Berechtigung hätten nennen können als die deutschen Kaiser. Zwar war die Macht des Papstes eine rein geistige; aber gerade deshalb konnte keine Überlegenheit der Waffen sie vernichten. Weil das Abendland an ihn glaubte, konnte er seine Könige gegeneinander ausspielen und konnte er innerhalb der Kirche Kardinäle und Bischöfe, die ursprünglich seinesgleichen waren, seiner Herrschaft unterwerfen.
Diesem wie ein gigantischer Baum gewachsenen Reichskörper war die Neigung zum Verwildern, die nach einem Worte Goethes der Natur eigen ist, die Neigung zur Ausartung und Entartung angeboren. Nur in einzelnen Höhepunkten seiner Geschichte erfüllte er seine Idee ganz; sehr bald machten sich störende, zerstörende Schäden bemerkbar. Jede menschliche Einrichtung erfordert, um sich blühend und fruchtbar zu erhalten, den immer neuen Einsatz menschlicher Kräfte unter der Führung der Idee, die sie entstehen ließ. Ist es immer selten, dass ein solcher dauernd erfolgt, so standen ihm gewisse Eigenschaften der Deutschen besonders im Wege: Streben nach Unabhängigkeit und maßloses Wuchernlassen aller Triebe auf der einen Seite, auf der anderen Bequemlichkeit, die lieber Lasten trägt, als sich wehrt. Das Verfolgen eigener Interessen auf Kosten der Gesamtheit nicht selten bis zum Verrat, woran fast alle Reichsstände, hauptsächlich die höchsten und mächtigsten, sich gewöhnten, und die Unfähigkeit der kaiserlichen Zentralgewalt, die der stete Kampf mit dem Papst lähmte, sich Gehorsam zu verschaffen, führten dahin, dass die Reichsglieder nur noch mit Mühe und oft gar nicht zu einem produktiven Zusammenwirken zu bringen waren. Anstatt dessen drohte der Krieg aller gegen alle.
Allen Forderungen des Kaisers misstrauisch gegenüberstehend, gingen die Fürsten ganz auf in dem Streben, aus den vereinzelten Gebieten und Rechten, die ihnen zustanden, ein zusammenhängendes Territorium zu bilden, dessen unumschränkte Herren sie wären. Dabei standen ihnen im römischen Recht erfahrene Räte zur Seite, die das fein durchdachte, der Zentralisierung günstige fremde Recht auf die fließenden Verhältnisse des Reiches anwendeten, bei dem es mehr als auf Herrschaft auf zu erkämpfende Ausgleichung ankam. Noch waren sie fern davon, eine absolute Herrschaft über ihre Untertanen ausüben zu können: die Geistlichen, Herren, Ritter und Städte, die ihr Gebiet umfasste, hatten sich im Maße, wie die Lehensbeziehungen an Kraft verloren, zu den sogenannten Landständen vereinigt, ohne deren Zustimmung der Fürst weder Steuern erheben noch Krieg führen konnte. Neben den Landständen stellte sich dem Machtstreben der Fürsten das Gegengewicht der Reichsritter und Reichsstädte entgegen, deren Selbständigkeit durch sie bedroht war. Wie es dem Fürsten untertänige Landstädte gab, so gab es auch landsässige Ritter; die Reichsritter, unmittelbar dem Kaiser unterstellt, eingeteilt in eine fränkische, eine schwäbische und eine rheinische Gruppe, waren stolz darauf, selbständige Reichsstände zu sein wie die Fürsten, und hätten ihre Herrschaft, mochte sie noch so armselig sein, nicht gegen ein reichlicheres Dasein in der Untertänigkeit unter einem Fürsten getauscht. Vereinigt hätten Reichsritter und Reichsstädte vielleicht etwas gegen die Fürsten ausrichten können; allein zwischen ihnen bestand ein ebenso scharfer Gegensatz wie zwischen ihnen beiden und den Fürsten, da die verarmende Ritterschaft die reich gewordenen Bürger hasste und verachtete und sich nicht selten an ihnen schadlos zu halten suchte.
Das deutsche Recht gab jedem freien Mann die Befugnis, den, von dem er sich verunrechtet glaubte, zu befehden, wenn er bei den zuständigen Gerichten vergeblich Recht gesucht hatte. Als nun die Ritterschaft infolge der veränderten Kriegsweise überflüssig und zum Teil infolge wirtschaftlicher Veränderungen arm geworden war und auf ihren Burgen wie in Wolfshöhlen ein verwildertes Dasein führte, benutzte sie wohl das Fehderecht, nicht um sich Recht zu verschaffen, sondern um unter dem Vorwand der Fehde Angehörige des bekämpften Gebietes zu überfallen und zu berauben und sich von der geängstigten Herrschaft den Frieden abkaufen zu lassen.
Da zu diesen Fehden noch die Kriege kamen, die der Kaiser führen musste, um sich Gehorsam zu erzwingen, und die die Fürsten untereinander führten, um ihre Besitzungen auszudehnen, gab es jederzeit irgendwo im Reich Krieg, wurde bei der Art der damaligen Kriegführung irgendwo deutsches Land verwüstet. Denn die Kriege bestanden hauptsächlich darin, dass die dem Gegner gehörenden Dörfer geplündert und verbrannt, seine Untertanen vertrieben, getötet, verstümmelt wurden. Die schrecklichsten Folgen des Krieges hatten demnach die Bauern zu tragen, die er gar nichts anging. Überhaupt war die Lage des Bauernstandes ein besonders hässlicher Makel im Bild des Reiches.
Längst mit wenigen Ausnahmen vom Kaiser durch die Mittelmächte getrennt, hatten die Bauern keine Möglichkeit, bei einem höheren Gericht gegen Bedrückung Schutz zu suchen. Steuern zahlen zu müssen wurde von den Deutschen als Zeichen der Knechtschaft betrachtet, von Adel und Geistlichkeit mit Entrüstung abgelehnt, einzig in den Städten bestand ein ausgebildetes Steuerwesen. Der geistliche und der weltliche Adel nährten sich hauptsächlich von den Leistungen und Abgaben der Bauern, die allerdings während des Mittelalters nicht allzu hoch waren, aber gesteigert wurden, als die Lebenshaltung anspruchsvoller wurde. Aber nicht nur, dass das schwächste Glied des Reiches die Pyramide tragen musste, es wurde ihnen nicht Dank, sondern Verachtung zuteil, wie denn immer der Stärkere den Schwächeren erst auszunützen und herabzudrücken und, wenn die Knechtung gelungen ist, als geborenen Sklaven zu verhöhnen pflegt. Nur um Anforderungen des Kaisers abwehren zu können, gedachten die Fürsten und Herren wohl des armen Mannes, wie der Bauer genannt wurde, der ohnehin unter Lasten fast zusammenbräche und nicht noch mehr beladen werden könne.
Ein bedrohliches Zeichen war es, dass der Umfang des Reiches nicht nur nicht mehr wuchs, sondern dass auf allen Seiten von ihm abbröckelte. Italien löste sich fast ganz ab, es blieb nichts übrig als einige leere Ansprüche, die hie und da ein Kaiser geltend machte, der Osten war durch Hussiten und Türken bedroht, denen nur kümmerlich widerstanden wurde, geschweige denn, dass es zu einem erfolgreichen Gegenangriff gekommen wäre. Wo war die einst so gefürchtete Kriegstüchtigkeit der Deutschen geblieben, die doch auf diesen Ruhm hin die höhere Bildung der romanischen Nachbarn geringschätzen zu dürfen glaubten? Die Ritter hielten sich zwar für befreit von allen Lasten, weil sie mit ihrem Blut steuerten, wie sie sagten; aber sie entschuldigten sich nun oft, wenn der Kaiser sie rief, mit ihrer Armut, die es ihnen unmöglich mache, Pferd und Harnisch zu halten; die Fürsten fürchteten Überfall von Seiten ihrer Feinde, wenn sie abwesend wären, und außerdem hatte der Süden kein Interesse für die Bedürfnisse des Nordens, der Westen keines für die des Ostens. Niemand rührte sich, um den Übergang der Lande des Deutschen Ordens an das Königreich Polen zu verhindern, im Norden hielt sich die Hansa mühsam gegen Skandinavien und Holland, im Westen zog das Herzogtum Burgund die blühenden Niederlande an sich. Frankreich, von jeher der eifersüchtige Nebenbuhler, drängte mit Macht an den Rhein, strebte offen nach der Kaiserkrone und machte die rheinischen Fürsten mit Geldzuwendungen von sich abhängig. Denn wie allmählich die Naturalwirtschaft in Geldwirtschaft überging, die Ansprüche an die Bequemlichkeit des Lebens und die Lust am Luxus zunahmen, ergriff gerade in Deutschland, wo noch wenig Geld im Umlauf war, eine unbändige Gier nach Geld alle Kreise. „Ja Quark! Geld ist das, was man will“, der Vers des Affen Märten galt nicht minder für Deutschland als für Rom. Man zog es sich gegenseitig aus den Zähnen, schabte es sich von den Knochen und hätte es der Hölle aus dem Rachen gerissen.
Die Deutschen haben einen ausgeprägten Sinn für Gemütlichkeit an reichbesetzter Tafel, für langausgedehntes Sichauslärmen beim Trunk. Nicht nur ihre Zunge genießt, ihre seelische Schwerfälligkeit verlangt nach Berauschung. Auch in der Liebe sind sie ausschweifend, obwohl ihnen das vulkanische Sinnenfeuer der südlichen Völker abgeht; Mann und Frau mögen den traulich-zärtlichen Umgang miteinander nicht missen. Diese Eigenschaften führten bald zu einer Erweichung der strengen Ordensregeln in den deutschen Klöstern. Mit der Einführung unnachsichtiger Askese hatten die Vertreter reformatorischer Richtungen, die von Zeit zu Zeit auftraten, im Allgemeinen kein Glück; die deutschen Mönche widersetzten sich oder liefen fort. Vollends als in allen Kreisen das Leben reicher und lockerer geworden war, gaben sich auch die Insassen der Klöster ohne Bedenken dem Wohlleben hin. Es kam vor, dass in den Männerklöstern kinderreiche Familien hausten, dass Frauenklöster Bordellen glichen. Nahmen nun die Sittenrichter schon an den Ausschweifungen der Weltleute Anstoß, um wieviel mehr empörten sie sich über diejenigen, die, auf ein heiligmäßiges Leben pochend, Verehrung beanspruchten, während sie sich wie Schweine im Kot des Lasters wälzten; denn das sagte man ihnen nach. Besonders in städtischen Handwerkerkreisen, wo Ehrbarkeit vorherrschte, war die Entrüstung über das Treiben in den Klöstern lebhaft. Es kam dazu, dass die Städte den Klöstern alle die kulturellen Aufgaben, die sie im frühen Mittelalter so großartig erfüllten, abgenommen hatten, und die überflüssig gewordenen nun nicht als Wohltäter, sondern als Störenfriede ansahen. Arbeiteten die Klosterleute nicht, so beschimpfte man sie wegen Müßigganges, aber viel schlimmer war es, wenn sie arbeiteten; denn das betrachteten die Handwerker als Eingriff in ihre Zunftrechte. Nach allen Seiten erregten sie Feindschaft und Eifersucht; die Pfarrer verboten ihnen zu predigen, die Handwerker zu arbeiten, sogar das Recht, die Toten in ihren Kirchen zu begraben, wurde ihnen bestritten. Es gab im 15. Jahrhundert kaum eine verachtetere und verhasstere Menschenklasse als die Klostergeistlichkeit.
Innerhalb des Klerus gab es verschiedene Spaltungen. Nicht nur bekämpften sich einige Orden untereinander, wie die Franziskaner und Dominikaner, die Weltgeistlichen verachteten die Mönche als Dummköpfe, die Mönche warfen jenen wohl Ketzerei vor. Der niedere Klerus, auf dem alle Pflichten des Amtes lasteten, blickte mit Bitterkeit auf die Bischöfe und Domherren, die hohe Einkünfte auf weltliche Art verzehrten, während sie, die die Arbeit leisteten, sich ärmlich behelfen mussten. Die Bischöfe ihrerseits ertrugen widerwillig die Einmischung des Papstes und seufzten über die Abgaben, die er von Zeit zu Zeit verlangte.
Am bedenklichsten für die Kirche war, wie sehr die Ehrfurcht vor dem Papst nachgelassen hatte. Gerade die Finanzwirtschaft des Heiligen Stuhles erregte Ärgernis. Seit die Päpste die Prozesse aus aller Welt, weltliche und geistliche, vor ihr Tribunal zogen, in allen Händeln Schiedsrichter sein wollten, brauchten sie viel Geld und suchten es sich, da ein geregeltes Steuerwesen nicht durchzusetzen war, unter allen erdenklichen Vorwänden zu verschaffen. Allein wieviel auch zusammenfloss, es genügte nicht für die zahllosen Geschäfte, Kriege, Bauten, Geschenke, Bestechungen, so dass immer neue Ablässe und Türkengelder aus den Taschen der Gläubigen und Gehorsamen, und das waren doch am meisten noch immer die Deutschen, gezogen werden mussten. Und wie sehr war das politische Ansehen des Papstes gesunken, seit er die Hohenstaufen gestürzt hatte! Frankreich, auf das er sich gestützt hatte, suchte ihn seinen Interessen dienstbar zu machen, rückte in die einstige Stellung der Kaiser rücksichtsloser ein. Die Abhängigkeit und der lange Aufenthalt in Avignon schwächten das päpstliche Ansehen und führten schließlich zu einer Spaltung der Kirche, dem Schisma. Der merkwürdige Umstand, dass es einmal zugleich drei Päpste und drei Kaiser gab, veranschaulichte aller Welt die furchtbare Zerfallenheit des Reiches. Noch einmal konnte freilich Siegmund, längst vergessene Kaisergewalt ausübend, die Absetzung oder den Verzicht dreier Päpste und die Wahl eines neuen zuwege bringen, nicht aber die Reformation, die allgemein, hauptsächlich von Deutschland gefordert wurde! Nachdem auch das Konzil von Basel versagt hatte, befand sich der Papst von neuem auf dem Wege zu monarchischer Allgewalt.
Das Verlangen nach Reformation wurde öffentlich, durchaus unter dem Schutz der Gesetze erhoben, vom Kaiser, von vielen abendländischen Fürsten, von den Prälaten, von den Universitäten, vom Volk; außerdem aber gab es einen unterirdischen Angriff auf die Kirche, den der Ketzer. Zu den Ketzern des 13. Jahrhunderts, den Sekten vom freien Geist, den Arnoldisten, die von den Gesetzen und Zeremonien des Papsttums nichts wissen wollten, zu den Waldensern, die man die Bibelgläubigen nannte, kamen im 15. Jahrhundert die Hussiten, die sich besonders in den Böhmen benachbarten Gebieten ausbreiteten, vielfach verschmelzend mit den Waldensern. In der großen, reichen und gebildeten Stadt Nürnberg hatten die Hussiten viel heimliche Anhänger; war doch Huss auf seiner verhängnisvollen Reise nach Konstanz in Nürnberg mit Ehren empfangen worden.

Jan Hus, * um 1370, † 1415 und das tschechische Nationalbewusstsein Böhmen war das einzige Königreich im Heiligen Römischen Reich. Prag war zu Hus’ Zeit kaiserliche Residenzstadt.
Würzburg und Bamberg, wo die Stadt uneins mit ihrem Bischof zu sein pflegte, waren zuweilen voll von Ketzern. Den größten Bestandteil der Sekten bildeten die Handwerker, stille fleißige Leute, denen nichts Böses nachzusagen war, als dass sie vor lauter Arbeiten, Lehren und Lernen nicht genug zum Beten kämen. Aber auch ein Markgraf von Brandenburg wurde hussitischer Ketzerei verdächtigt, und auf dem Baseler Konzil wurde einmal die Befürchtung ausgesprochen, es würden sich, wenn man nicht bald und durchgreifend reformiere, alle Bauern zu den Hussiten schlagen. Denn die Hussiten wollten nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine soziale Revolution; Tausende von hoffenden Menschen scharten sich im Jahre 1476 um den jungen Pfeifer von Niklashausen im Taubergrund, der ihnen eine paradiesische Republik vormalte, wo alle Menschen durch die Aufteilung der geistlichen Güter gleich und glücklich sein würden, nachdem man die Pfaffen totgeschlagen hätte.

Hans Böhm oder Hans Behem, Pauker von Niklashausen (* um 1458 in Helmstadt; † 19. Juli 1476 in Würzburg) – auch als Pfeifer von Niklashausen , Pfeiferhannes, Pfeiferhänslein oder Henselins bekannt.
Es gibt jederzeit in den staatlichen und kirchlichen Einrichtungen Schäden, die bekämpft werden, die vielleicht auch zu ernstlichen Beeinträchtigungen führen; sie gehören zu den unlöslichen Resten des Lebens und können mitgetragen und ausgeglichen werden, wenn die Grundlage des Gesamtorganismus fest und seine Konstruktion im Allgemeinen gesund ist. Im 15. Jahrhundert aber war das Reich, das mittelalterliche Gottesreich, in dem Kirche und Staat ineinander verflochten waren, so durch und durch im Verfall, dass die Notwendigkeit einer Wiederherstellung offenkundig war. Die Reformation an Haupt und Gliedern, wie man es nannte, war die Aufgabe der Zeit. Fürsten und Volk, Priester und Laien, Gelehrte und Ungelehrte sprachen davon und gaben sich damit ab. Man lebte im Reich wie in einem sehr alten Bau, wo man zuweilen bei Nacht ein schauerliches Rieseln im Gemäuer zu hören und ein Schwanken unter den Füßen zu spüren glaubte.
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Drei Freunde
Drei Freunde
Auf dem Konzil zu Basel, das im Jahre 1431 eröffnet wurde, lernten sich drei junge Männer kennen, die zu den hervorragendsten Begabungen ihrer Zeit gehörten und deren ineinander verschlungene Lebensläufe wie in einem Sinnbilde die Geistesströmungen der Zeit darstellen.

Papst Pius II., geborene Enea Silvio Bartolomeo Piccolomini, (geb. 18.10.1405, corsignano [jetzt pienza], republik siena – gest. 14/15.08.1464, ancona, päpstlicher Staat), war vom 19. August 1458 bis zu seinem Tod Oberhaupt der katholischen Kirche und Herrscher des Kirchenstaates.
Einer von ihnen war ein Italiener, Enea Silvio Piccolomini aus Siena, zwei waren Deutsche: Nikolaus Krebs, aus Cues an der Mosel gebürtig, daher gewöhnlich Cusa oder Cusanus genannt, und Gregor von Heimburg, ein Franke aus adligem Geschlecht, das schon im 11. Jahrhundert blühte. Piccolomini hatte von den Talenten dieses jungen Juristen, der, wie es scheint, als Privatmann das Konzil besuchte, einen so starken Eindruck, dass er ihn beschäftigte, wozu er als Mitglied eines Ausschusses Gelegenheit hatte.

Nikolaus von Kues wurde im Jahr 1401 als Nikolaus Krebs (oder auch Cryfftz) in dem Ort Kues an der Mosel geboren und verstarb 1464.
Wenn der Italiener ihn einen der drei gelehrtesten Männer des Konzils nennt, möchte man annehmen, dass er mit dem anderen sich selbst, sicher ist, dass er mit dem dritten Nikolaus von Cusa meinte. Heimburg hatte neben den Rechten die Humaniora studiert, was damals noch eine Ausnahme war, ein stattlicher Wuchs empfahl ihn, man rühmte sein heiteres, offenes Gesicht, frühe Kahlheit ließ seine Stirn noch mächtiger erscheinen. Seine Lebensführung gab nie zu Tadel Anlass, jugendliche Ausschweifungen konnten ihm nicht vorgeworfen werden; Enea Silvio dagegen gab sich unbekümmert den Genüssen des Lebens hin und pochte mit einer gewissen liebenswürdigen Frivolität auf das Recht, die natürlichen Triebe auszuleben. Er verstellte sich nicht und tat das Unerlaubte mit Bildung und Geschmack. Aufgewachsen inmitten der neuen italienischen Richtung, die das Natürliche und Schöne feierte, die kaum ein höheres Ziel kannte, als die lateinische Sprache nach dem Muster der besten altrömischen Schriftsteller zu reinigen und sich anzueignen, die Kenntnis der antiken Welt zu vertiefen und anderen zu vermitteln, war er entzückt, in Basel zwei jungen Männern zu begegnen, die ihm an Bildung und Verstand gleich waren und die in der die Welt bewegenden Frage der kirchlichen Reform eines Sinnes mit ihm waren. Alle drei hingen der vom Konzil zu Konstanz überlieferten Ansicht an, dass der Papst der im Konzil vertretenen Christenheit unterworfen sei, einer Ansicht, die der damalige Papst, Eugen IV., hartnäckig bestritt.

Papst Eugen IV., geborene Gabriele Condulmer (* 1383, † 1447), war vom 3. März 1431 bis zu seinem Tod Oberhaupt der katholischen Kirche und Herrscher des Kirchenstaates. Condulmer war ein Venezianer und ein Neffe von Papst Gregor XII. 1431 wurde er zum Papst gewählt.
Von den drei Freunden war Nikolaus von Cusa die interessanteste Persönlichkeit und der bedeutendste Denker. Dieser merkwürdige Mann, in dem das Denken die stärkste Leidenschaft war, der er nicht widerstehen konnte, hat für Jahrhunderte vorausgedacht. Es gibt kaum einen Philosophen der folgenden Zeit, von dem sich nicht annehmen ließe, er habe von Nikolaus von Cusa Anregung empfangen. In der Schule der ‚Brüder vom gemeinsamen Leben’ erzogen, teilte er ihre freieren Auffassungen und stand er dem Papsttum zunächst kühl, teilweise ablehnend gegenüber. Er verurteilte die Alleinherrschaftsansprüche des Papstes im Verhältnis zum Klerus und zum Staat und die Seelenführung der Kirche, die sich mit Äußerlichkeiten begnügte. Er hätte nicht nur der Bekämpfer der alten Kirche, sondern der Vorkämpfer für einen neuen, freieren Glauben werden können. Seine Gedankengänge führten ihn zu der Einsicht, dass jeder Mensch Gott nur so weit erkennen könne, wie es seinen geistigen Kräften entspreche, und dass deshalb das Gottesbild eines rohen Volkes anders ausfallen müsse als das eines hochentwickelten. Er zog daraus nicht den Schluss, auf den Denker einer späteren Zeit verfielen, dass der Mensch sich Gott mache, dass Gott nur das in den Himmel geworfene Spiegelbild des Menschen sei; denn er ging von Gott als von der sichersten Tatsache aus; aber er folgerte daraus die Hoffnung, dass einst vielleicht alle Völker sich in einer gemeinsamen Religion vereinigen würden, wenn sie begriffen, dass sie alle nur eine mittelbare Kenntnis des Einen, Unerreichbaren hätten, dessen von ihren Vätern ahnungsvoll erschautes Bild sie anbeteten. In seinem Werk De pace seu concordantia fidei lässt er Gottvater, umgeben von Engeln und Seligen, die Herstellung der Glaubenseinheit beschließen und 17 Nationen im Himmel der Vernunft friedlich vereinigen. Würde ein Löwe Gott ein Antlitz geben, sagt er, so würde es wie das eines Löwen ausfallen, bei dem Adler wie das des Adlers. „Wie ein jeder eine Brille auf der Nase hat, also erscheint und ist ihm Gott“ drückte es später volkstümlich Sebastian Franck aus.
Indessen je enger Cusas Denken die Idee Gottes, die absolute Vernunft umkreiste, desto deutlicher wurde ihm die Ohnmacht des menschlichen Denkens in Bezug auf das Übersinnliche. Wohin geriet er, wenn er, wie die Idee es zu erfordern schien, auf jede Vermenschlichung des Göttlichen verzichten wollte? Wenn er sich nicht damit begnügen wollte, dass wir hier, wie Paulus es ausdrückt, in einem dunklen Wort sehen, dort erst von Angesicht zu Angesicht? – Wer ist nach seinem eigentlichen Wesen der, den keine Namen nennen, der mit nichts Irdischem vergleichbar ist? In unermüdlicher Gedankenarbeit blättert er von der Gottesidee alles Irdische ab, um endlich vor dem Abgrund des Nichts zu stehen. Er erlebte, dass, wer den Schleier vom Bilde Gottes reißen will, um ihn in seiner Majestät zu sehen, vom Feuer verzehrt oder in eisige Finsternis geworfen wird, wo der Sterbliche nicht atmen kann. Unter dem Grauen, das ihn befiel, wurde ihm klar, was die Kirche für die Menschheit getan hatte. Sie hatte über den furchtbaren Gottesabgrund, in dem das Endliche sich verzehrt wie ein Tropfen auf glühendem Eisen, die herrliche Vision der Gottesgeschichte gespannt, Symbole, die dem menschlichen Geist fasslich sind, und die eins werden konnten mit der Idee, die sie darstellten. Die Kirche steht schützend zwischen den Menschen und der schauervollen Einöde, zu der der über Gott denkende Verstand führt, sie lehrt den Glauben an Gott und hat ihre Lehre mit Wissenschaft und Kunst und mit unerschütterlichen Geboten befestigt. Cusa fand nicht wie ein späterer großer Deutscher in seinem Herzen einen Weg zu Gott, der unmittelbar an das Herz des alliebenden Vaters führt; den Abgrund zwischen Gott und der Kreatur zu überbrücken, wusste er kein anderes Mittel als engen Anschluss an die Kirche. Sich und die Menschheit glaubte er zu retten, indem er sich aus der Hölle des Denkens wie ein flüchtender Verbrecher an die Säulen der Kirche klammerte. Der Verstand, so sagte er, muss durch den Glauben besiegt werden, und das ist für den hochmütigen Menschen der schwerste Kampf; er muss wie ein Tor und Sklave werden, der auf die Freiheit des Verstandes verzichtet und sich gefangen gibt. „Glauben können ist der größte Sieg, er übertrifft alle geistige Kraft, denn er gehört in das Gebiet des Willens … Die vernünftige Seele kann glauben oder nicht glauben, je nachdem sie will oder nicht will … Wenn der Wille durch einen bestimmten Glauben auf die Vernunft drückt, dass nämlich Gott zu uns durch die Propheten, zuletzt durch seinen Sohn, der uns die Lehre von der Unsterblichkeit geoffenbart, geredet hat, so nimmt die Vernunft keinen Anstand, dem Worte Gottes zu glauben.“ Solche Betrachtungen lassen ahnen, mit welcher Anstrengung sich Cusa den Glauben an Gott, wie die Kirche ihn lehrt, erkämpft hat, und sie machen die Strenge begreiflich, mit der er diesen Glauben von den Menschen forderte. Er war für ihn nicht ein Feuer, das aus einem begnadeten Herzen bricht und das innere Auge erleuchtet, sondern ein Entschluss, den zu erfassen nur strafbarer Hochmut oder strafbare Trägheit hindert.
Es hat etwas Ergreifendes, den leidenschaftlichen Denker sich um die Innigkeit des Gläubigen mühen zu sehn. „Gepriesen seist du, mein Herr und Gott, dass du mich mit der Milch des Gleichnisses nährst und speisest“. „Du wolltest, o Gott, die kindliche Liebe zu dir auf jene menschliche Anschauung von dir gründen“. In solchen Anrufungen Gottes spürt man immer noch mehr den Denker als den kindlich Gläubigen, der er sein wollte; denn im schlichten Glauben, sagt er, sei eine größere Fruchtbarkeit als in dem durch reichliche Verstandesgründe vermittelten. Eine ungeheure Denkkraft und eine ungeheure Willenskraft in einem Menschen zusammenwirkend erstreben als höchstes Ziel kindlichen Glauben. Cusa sah zu klar, um nicht zu wissen, dass sein Glaubenwollen und Bekennen nicht der Glaube war, den zu haben er für richtig hielt; das war die geheime Tragik, die seine Seele verdüsterte. Er selbst hatte sich erlaubt zu denken und erlaubte es sich auch ferner, weil er denken musste, wie er atmete; aber er hatte sich davon überzeugt, dass die höchste Weisheit und die einzige Rettung vor Willkür, Auflösung und Untergang bei der Kirche sei, und zwar bei der monarchisch regierten Kirche.
Man muss annehmen, dass die inneren Erlebnisse Cusas, das an Abgründen sich hinwälzende Ringen seiner Gedanken, das sein Leben erfüllte, während des Konzils begann, dessen Verlauf den stolzen Erwartungen seiner Begründer nicht entsprach. Trotz der vorzüglichen Eigenschaften des das Konzil leitenden Kardinals Cesarini brachten es die versammelten Väter nicht zu einmütigen, starken Beschlüssen, wovon die Folge war, dass bei manchen der Konzilsgedanke ins Wanken kam, und dagegen die Ansicht sich festsetzte, dass die Herrschaft eines einzigen fruchtbarer für die Kirche sei als die Herrschaft vieler unverträglicher Prälaten. Nikolaus von Cusa war der erste von den Freunden, der zur Partei des Papstes überging. Der Glaube, die Grundlage des menschlichen Lebens, so schien es ihm nun, dürfte nicht der schwankenden Meinung einer vielköpfigen Versammlung preisgegeben werden. Gewissheit des Glaubens sei wichtigstes Erfordernis, und die gewähre die Überlieferung der Kirche durch die Autorität eines einzigen gehütet. Nur ein einzelner könne ganz eins sein mit dem System, das er vertrete. Die Freiheit, die er sich gewährt hatte, führte ihn zur unbedingten Unterwerfung unter das monarchische Papsttum. Immerhin vergaß Cusa nicht, wie verderbt die Kirche war; gerade weil sie den Menschen gleich Gott sein sollte, musste sie gereinigt, zu früherer Vorbildlichkeit zurückgeführt werden. Die notwendige Reform durchzuführen betrachtete er nun als seine Aufgabe, die er durch Predigt und durch Beispiel mit außerordentlicher Selbstverleugnung zu erfüllen suchte. Er war hart gegen sich, um es mit Recht gegen andere sein zu dürfen. Niemals äußerte sich bei ihm jene Frömmigkeit, die sich von einer liebenden Allmacht getragen fühlt; seine Überzeugung war unerschütterlich, aber ohne Freudigkeit, zuweilen war in seinem Auftreten etwas Verbissenes. Viel Erfolg hatten seine Bemühungen um Reform des Klerus nicht. Aus den Kreisen der Geistlichkeit selbst wagte es einer, ihm eine schriftliche Drohung vor die Tür zu legen; er dürfe ihnen nicht Laster und Ausschreitungen zum Vorwurf machen, die von den Häuptern straflos begangen würden.
Länger als Cusa blieb Piccolomini der Sache des Konzils treu, ja, als sechs Kurfürsten die deutsche Kirche für neutral im Kampf zwischen Papst und Konzil erklärten, trat er dagegen auf, während Gregor von Heimburg den Beschluss billigte.
Der gerade von den Deutschen so leidenschaftlich erstrebten gründlichen, umfassenden Reformation der Kirche wurde die Spitze abgebrochen durch Konkordate mit den einzelnen Nationen und Fürsten, namentlich durch die im Jahre 1438 zwischen Frankreich und dem Heiligen Stuhl abgeschlossene sogenannte pragmatische Sanktion, welche seitdem als die Bürgschaft französischer Kirchenfreiheit galt. Obwohl Frankreich nun das Konzil verwarf, ging der Kampf noch mehrere Jahre weiter, und eine Reihe deutscher Fürsten, an der Spitze die geistlichen Kurfürsten, hielten an der Forderung eines unabhängigen Konzils fest.

Friedrich III. (* 1415, † 1493) entstammte der Familie der Habsburger. Durch die Neuberger Teilung von 1379 zwischen Albrecht III. und Leopold III. wurden die gesamten habsburgischen Länder getrennt. Friedrich gehörte der Hauptlinie der habsburgischen Leopoldiner in den innerösterreichischen Herzogtümern an.
Ein neuer Umschwung in den Beziehungen der Freunde fand statt, als Enea Silvio, der als Sekretär des Konzil-Papstes Felix nach Frankfurt kam, diesen Gegenpapst des römischen verließ, um in den Dienst Kaiser Friedrichs III. zu treten, von seinem neuen Herrn nach Rom geschickt für Papst Eugen gewonnen wurde und von nun an ebenso wie Nikolaus von Cusa, wenn auch aus ganz anderer Gesinnung, mit allen Kräften den Kaiser dahin zu beeinflussen suchte, dass er sich wieder in den Gehorsam des Papstes begebe. Der gebildete Humanist konnte, ohne sich Gewalt anzutun, sich in jede Richtung fügen, die für ihn selbst günstig war und im Allgemeinen aussichtsvoll schien. Einzig Gregor von Heimburg änderte seine antipäpstliche, reformatorische Gesinnung nicht, und da er eingesehen hatte, dass auf dem Weg der Neutralität nichts zu erreichen war, benutzte er den Augenblick, da mehrere angesehene deutsche Fürsten mit ungewöhnlicher Energie die Ansprüche des Reiches gegen den Papst zu erheben sich anschickten. Er veröffentlichte, allerdings nicht unter seinem Namen, die Admonitio de injustis usurpationibus paparum Romanorum, eine leidenschaftliche Anklage, in der Sätze von reformatorisch-ketzerischer Wucht überraschend aufblitzen; nicht nur, dass er den Primat des Papstes verwirft, er verwirft Zwang in Glaubenssachen als dem göttlichen Gesetz zuwider, er nimmt und verlangt Beweise aus der Heiligen Schrift.
Da, als der Streit dahin führte, dass der Papst die Erzbischöfe von Trier und Köln absetzte, die Fürsten die Absetzung nicht anerkannten, vielmehr die Berufung eines neuen Konzils forderten, gelang es der päpstlichen Partei, die Einmütigkeit ihrer Gegner durch ein Mittel zu sprengen, das in Deutschland selten versagte, durch Bestechung mit Geld. Zweitausend Goldgulden genügten, um den Kanzler des Erzbischofs von Mainz zu kaufen, 210.000 Dukaten wurden an den Kaiser gewendet. Nachdem dies Geschäft im Jahr 1447 abgeschlossen war, wurde dem sterbenden Papst Eugen im Namen von Kaiser und Reich die Obedienz erklärt, um die er während seiner ganzen Regierungszeit so mühsam gekämpft hatte. Sein Nachfolger, Nikolaus V., machte Nikolaus von Cusa zum Kardinal und verlieh Enea Silvio Piccolomini das Bistum Triest, diejenigen belohnend, die das meiste zur Unterwerfung des empörten Reiches getan hatten.

Gregor von Heimburg (* Anfang des 15. Jahrhunderts) war ein deutscher Jurist, Humanist und Staatsmann. Um 1430 erhielt er den Doktortitel beider Rechtswissenschaften an der Universität Padua.
Gregor von Heimburg hatte sich von keinem Sieger Dank und Lohn verdient, er blieb der schlichte Syndikus des Rates der Stadt Nürnberg, hatte aber als solcher bald neue Gelegenheit, seinen Rittersinn auf weithin sichtbarer Bühne zu betätigen. Bei den Bemühungen, ihren Grundbesitz zu erweitern, stieß die Stadt Nürnberg auf den Widerstand eines fürstlichen Nachbarn, des Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg, der einen bedeutenden Anteil an allen Reichsfragen nahm und sich nach Art vieler Deutschen der damaligen Zeit in den Krieg wie in ein Fest stürzte, wo man sich berauschte und austobte. Er sagte Nürnberg Fehde an, siegte in vielen Schlachten und wollte Frieden nur gegen Zahlung einer unverhältnismäßig großen Summe gewähren. Als der Streit vor das kaiserliche Hofgericht kam, berief er sich auf ein Gesetz der Goldenen Bulle, wonach Fürsten nur von ihresgleichen könnten vorgeladen werden. Die Entrüstung über diese Dreistigkeit befeuerte Heimburg zu einer schneidenden Rede. Hätte dies Gesetz Gültigkeit, sagte er, so wäre die Gerechtigkeit unter uns vernichtet, so wäre nichts mehr da, was man Römisches Reich nennen könnte. „Denn dieses einzige Gesetz ist es, das alle anderen Gesetze aufhebt, das Reich zerstört, die Völker unterdrückt, fast unzählige Tyrannen unserem Nacken aufbürdet. O blindes, unvernünftiges Deutschland, dass du dich weigerst einen Kaiser anzuerkennen und dich tausend Herren unterwirfst! Denn was ist es anders, wenn ein Fürst nicht vorgeladen werden darf, als dass jeder in seinem Land Kaiser ist? Über 600 Jahre waltet über uns das Kaisertum; wenn schon in engere Grenzen eingeschlossen, so haben wir länger die Herrschaft geführt als Griechen und Römer; vielleicht ist nun das Ende unseres Ruhmes da, wie Gott ja keine Macht auf Erden ewig währen lässt. Ich fürchte, ich fürchte, es kommen andere und nehmen uns Land und Leute hinweg, denn es ist bekannt, dass Ungerechtigkeit König- und Kaiserreiche zerstört, von Volk zu Volk übergehen macht. In unseren Händen ist das Reich geschwächt worden und vernichtet. Unsere Nation, zerrissen und zerschlagen, findet zu keiner Stunde Ruhe, überall ertönt Kriegslärm, nirgends ist Sicherheit, jedermann lebt vom Raub … Das ist die Folge unbilliger Gesetze. Das ist es, was die Ungerechtigkeit der Fürsten erzeugt, welche, indem jeder von ihnen als Kaiser sich benimmt, das Kaiserreich zugrunde gerichtet haben.“ Diese Rede, die noch heute, nach fast 500 Jahren, uns trotz der unvermeidlichen lateinischen Rhetorik bewegen kann, bewegte von den anwesenden Fürsten nur drei; den Markgrafen von Baden und die Bischöfe von Regensburg und Eichstätt. Der Kaiser setzte diesem wie jedem Ansturm seine monumentale Stumpfheit entgegen und befreite sich von der unangenehmen Sache durch Aufschub. Nürnberg blieb nichts übrig, als sich der fürstlichen Erpressung zu unterziehen.
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Der Streit um das Bistum Brixen
Der Streit um das Bistum Brixen
Um diese Zeit bereiteten an sich unbedeutende Vorfälle an den Grenzen des Reiches, in Tirol, Ereignisse vor, die die drei Freunde vom Baseler Konzil noch einmal zu grundsätzlichem Kampf zusammen und gegeneinander führen sollten. Im Jahr 1450 starb der Bischof von Brixen, und ein anderer wurde vom Kapitel gewählt. Der Papst, obwohl er die Rechtmäßigkeit der Wahl anerkannte, setzte anstatt dessen den Kardinal Nikolaus von Cusa ein, den er aus bestimmten Gründen für geeigneter hielt, den Platz auszufüllen.

Sigismund von Tirol Si(e)gmund oder Sigismund genannt der Münzreiche, auch Herzog Siegmund von Tirol (* 26. Oktober 1427 in Innsbruck; † 4. März 1496.
Mit eben diesen Gründen hing es wohl zusammen, dass Siegmund, der Herzog von Tirol, die päpstliche Wahl bestritt, indem er sich auf das im Jahr 1439 auf dem Reichstag zu Mainz abgeschlossene Konkordat berief, wonach die Kapitel das Recht hatten, den Bischof zu wählen. Den Hintergrund der Entzweiung bildeten folgende Umstände: um ein zentralisiertes Landesfürstentum zu begründen, wollte der Herzog von Tirol die beiden Bistümer Trient und Brixen, selbständige Staaten in seinem Staat, nach Möglichkeit in den seinigen hineinziehen. Er pflegte zu sagen, für sein Land und für die Bistümer könne Sicherheit nur erlangt werden, wenn die Verwaltung der bischöflichen Temporalien, also der weltlichen Rechte, so eng mit der Verwaltung seines Landes verknüpft wäre, dass dieselbe einheitlich geführt werden könne, nicht durch die Regierung der Bischöfe getrennt würde. Die geistlichen Angelegenheiten möchten immerhin von den Bischöfen verwaltet werden. Im Hinblick auf das Bistum von Trient hatte das Baseler Konzil das Bestreben des Herzogs unterstützt, ohnedies hatten die Bischöfe, die häufig durch die Stadt Trient bedrängt worden waren, die landesfürstliche Oberhoheit des Herzogs bereits weitgehend anerkannt. Um nun zu verhindern, dass der Herzog das Bistum Brixen in derselben Weise an sich ziehe, wünschte der Papst eine verlässliche und unbeugsame Persönlichkeit an der Spitze desselben zu sehen und erlas dazu Nikolaus von Cusa. Zunächst ließen Herzog und Bischof sich die Vermittlung des Erzbischofs von Salzburg gefallen, die festsetzte, dass der Herzog den päpstlichen Bischof anerkennen, und der Bischof versprechen solle, sich gegen den Herzog so zu verhalten wie seine Vorgänger. Schon nach zwei Jahren trübte ein unscheinbarer Vorfall die empfindlichen Beziehungen zwischen den beiden Fürsten. Das hoch über Bruneck gelegene Frauenkloster Sonnenberg befand sich schon lange mit dem Bischof von Brixen im Streit wegen der Gerichtsbarkeit über einige Täler. Als nun die Äbtissin Verena von Stuben mit einem Teil ihrer Untertanen Händel bekam, suchten diese Schutz bei dem Bischof, der auch für sie eintrat und zugleich die oberste vogteiliche und richterliche Gewalt über das Kloster in Anspruch nahm.

Äbtissin Verena von Stuben geboren um 1410, gestorben nach 1472
Nein, sagte Verena von Stuben, diese Gewalt stehe dem Herzog zu und wandte sich hilfesuchend an Siegmund; es versteht sich, dass dieser nicht zögerte, den Schirm zu übernehmen. Dass der Streit sich zuspitzte, war die Folge von Cusas reformatorischem Eifer, mit dem er das überall so heillos gelockerte Klosterleben zur ursprünglichen Strenge zurückführen wollte. Er bedachte nicht, dass im Lauf der Jahrhunderte die Lebensführung überhaupt sich geändert hatte und dass von dieser Entwicklung auch die Klöster berührt werden mussten, in die ja meist Angehörige adliger Häuser eintraten. Die Äbtissin Verena, eine unerschrockene Frau, gab zu, dass das Kloster in geistlichen Dingen dem Bischof unterstehe, versprach auch, sich mit den Nonnen der Reformierung zu unterziehen; aber die Freiheit zu reisen und auch mit Männern über die Angelegenheiten des Klosters sich zu besprechen mochte sie nicht aufgeben und hielt es auch für unmöglich, eine Umwandlung des Lebens, wie Cusa sie verlangte, mit einem Schlag durchzuführen.
So suchte sie die Sache hinzuziehen und stützte sich dabei auf ihren Schirmherrn, den Herzog. Auch bei anderen erregte die Strenge des Bischofs Widerwillen; zum Beispiel verbot er den Tanz auf Kirchweihtagen, und dass die Männer in Wehr und Waffen dabei erschienen, wie es üblich war. Dadurch brachte er nicht nur das Volk gegen sich auf, sondern auch gewisse Edle, die das Recht hatten, die Kirchweihtage einzuberufen und zu überwachen. Nachdem der Streit zwischen Bischof und Äbtissin sich durch drei Jahre ergebnislos hingezogen hatte, tat der Bischof die stolze Jetzabel, wie er sie nannte, in den Bann. Auf der Schwelle der Kirche, in der der Bann ausgesprochen war, schleuderten die Geistlichen nach alter Weise die ausgelöschten Kerzen gegen das Kloster hin zum Zeichen der ewigen Verdammnis, in die Gott hingegeben habe Datan und Abiram, die das Erdreich lebendig verschlang. Der Herzog hatte während dieser Begebenheit die Äbtissin abwechselnd unterstützt und preisgegeben, je nachdem das Verhältnis zum Bischof es angemessen erscheinen ließ; denn den offenen Bruch wollten beide womöglich vermeiden.
Wie aber beider Absichten und Auffassungen nun einmal waren, ließ sich derselbe auf die Dauer nicht vermeiden. Der Herzog wollte die weltliche Gewalt im Fürstentum Brixen an sich bringen, der Bischof wollte nicht nur darauf nicht eingehen, sondern war sogar der Meinung, der Herzog, der sich als sein Oberherr gebärdete, sei eigentlich sein Vasall, den seine, Cusas, Vorgänger zum Vogt, das heißt zum Beschirmer des Bistums angenommen hätten. Kaum hatte er die Regierung angetreten, so begann er in den Archiven nach Urkunden zu stöbern, die sein Recht erweisen sollten. Es glückte ihm, wie er behauptete, den urkundlichen Nachweis liefern zu können, dass den Bischöfen von Brixen alle königlichen Rechte, die sogenannten Regalien, von verschiedenen Kaisern verliehen seien, wozu das Recht auf alle Erze und Salze gehörte, die in ihrem Gebiet entdeckt wären oder noch entdeckt werden würden. Von Kaiser Friedrich III. ließ er sich ein Privileg Friedrichs II. bestätigen, das ihm den Besitz aller Silbergruben, Metall- und Salzgänge im Bistum Brixen verbürgte. Da er außerdem Matrei und Steinach, die von einem seiner Vorgänger verpfändet waren, wieder einlösen wollte und Anspruch auf allerlei Rechte und mehrere Schlösser erhob, die dem Bistum früher einmal entzogen worden waren, so würde, wenn es nach ihm gegangen wäre, der Herzog fast ganz Tirol mitsamt seinen Bergschätzen verloren haben. Der Herzog konnte darauf entgegnen, dass die Ausbeutung der Bergwerke immer von den Landesherren von Tirol sei ausgeübt worden, dass Cusas Vorgänger nie etwas dagegen eingewendet, ihn überhaupt als Landesfürsten anerkannt hätten, dass die Bischöfe von Brixen und Trient beide tirolische Landstände wären und damit eine bestimmte Stellung im Land unter dem Landesfürsten einnähmen, seinem Gebiet in bestimmter Weise eingeordnet wären.
Die alten Urkunden, die der Bischof aus dem Staub ausgegraben hatte, waren längst von verwandelten, gegenwärtigen Verhältnissen überwachsen und entwertet und mussten im Anhauch des Tageslichtes zu Asche zerfallen.
Aber kam es denn überhaupt auf Urkunden an? Sie bildeten doch nur, und das wussten wohl beide, die Unterlage für einen Kampf zweier Mächte. Die Räte des Herzogs begründeten seine Stellung folgendermaßen: Das Vogteirecht habe den Herren von Tirol die Oberherrlichkeit über alle zu der Vogtei gehörigen Schlösser, Länder und Güter gegeben, damit Land und Leute, geistliche wie weltliche, im einmütigen Gehorsam des Landesfürsten blieben und für einen Mann stehen möchten. Kraft der Vogtei habe der Landesfürst alle Personen und Untertanen, seien es Prälaten, Grafen, Ritter und Knechte, in seinem Schutz gehabt, wie sie hinwiederum alle im Genuss der Freiheiten des Landes wären. Die Einwohner des Landes, Prälaten, Grafen, Ritter, Knechte, Bürger und Bauern, würden nicht so friedlich nebeneinandersitzen, die Straßen würden nicht so friedlich gehalten werden, wenn ein Prälat oder sonst jemand, der Regalien und Herrschaftsrechte hätte, neben dem obersten Landesfürsten herrschen wollte. Einem jeden Fürsten stehe es zu, im Kreise seiner landesfürstlichen Herrschaft die Obrigkeit also zu handhaben, dass der Gehorsam ungespalten und das Fürstentum unzertrennt bleibe. Es waren die Gründe, die damals und später alle Fürsten anführten, um die in ihrem Gebiet liegenden selbständigen Herrschaften sich einzuverleiben und unterzuordnen; es waren aber auch die Gründe, die mit innerer Notwendigkeit zur Bildung größerer, geschlossener Territorien hindrängten.
Nikolaus von Cusa, dessen großer Geist dem Geist der Menschen auf neuen Bahnen voranging, unternahm es, den Zerfall des alten Reichs aufzuhalten, in dem Staat und Kirche ineinander verflochten waren, ihm Kraft und Glanz wiederzugeben. An zwei Punkten setzte er seine Kraft ein: Reformierung der herabgekommenen Geistlichkeit, damit der Klerus wieder zu Ansehen und Glaube im Volk komme, und Zurückwerfen der weltlichen Regierungen und ihrer Begier nach den weltlichen Besitzungen und Rechten der geistlichen Fürsten. Sicherlich wusste er, dass die weltlichen Regierungen, fürstliche und städtische, bereits tief in die geistliche Festung eingedrungen waren; vielleicht gerade darum stand er mit einer so düsteren Entschlossenheit, einer so tragischen Starrheit auf seinem verlorenen Posten.
Noch rückte er mit seinen angesammelten Urkunden nicht vor, aber er lehnte das listige Ansinnen des Herzogs ab, sein Kanzler zu werden, das dieser mit viel Erfolg bei den Bischöfen von Trient in Anwendung gebracht hatte, und trug sich mit dem Plan abzudanken und das Bistum einem bayrischen Prinzen zuzuwenden, in der Meinung, dass ein mächtiger Prinz aus dem Hause, das dem österreichischen von jeher feind war, dem Herzog wirksameren Widerstand entgegensetzen könne als er. Wie die Gegner sich so, zum Schlage ausholend, gegenüberstanden, kam es soweit, dass der Bischof den Herzog beschuldigte, ihm nach dem Leben getrachtet zu haben, und sich wie ein Verfolgter auf die Felsenburg Andraz zurückzog. Da ein mörderischer Angriff auf einen Bischof als todeswürdiges Verbrechen galt, war die Anklage bedenklich, und der Herzog wies sie entrüstet zurück. War sie ganz aus der Luft gegriffen? War sie die Folge einer durch die gegenseitigen Ränke erzeugten Nervosität oder ein Mittel im Kampfe?
Aufs äußerste gespannt war die Lage, als zwei für sie bedeutungsvolle Ereignisse eintraten, einmal dass im Jahre 1458 Enea Silvio Piccolomini zum Papst gewählt wurde, der als Freund und Bewunderer des Cusaners besonders nachdrücklich mit ihm zusammenwirken würde. Weicher und geschmeidiger als der unbeugsame Freund, gab er diesem bisweilen auch wider die eigene Ansicht nach, wie es ihm denn lieber gewesen wäre, wenn der Zwist zwischen dem Bischof und dem Herzog von Tirol sich gütlich hätte beilegen lassen. Er hatte nämlich als Papst seinen ganzen Ehrgeiz darauf gestellt, die Fürsten des Abendlandes zu einem Kreuzzug gegen die Türken zu vereinen, an dessen Spitze er selbst sich stellen wollte, obwohl er nicht mehr jung und gar nicht gesund war. Zu diesem Zweck berief er eine Fürstenversammlung nach Mantua, auf welcher Herzog Siegmund persönlich erschien, außerdem aber in Bezug auf seinen anhängigen Streitfall durch Gregor von Heimburg vertreten war. Dies war das zweite Ereignis des Jahres 1458, dass Siegmund die Bekanntschaft des furchtlosen Syndikus von Nürnberg machte und in ihm den Mann entdeckte, der juristische Kenntnisse, Klugheit, Redegabe und Hass der päpstlichen Allgewalt für ihn einsetzen konnte. Wie mochte Pius II., so nannte sich der neue Papst, zumute sein, als er den einstigen Freund und Mitstreiter gegen sich in die Schranken treten sah! Der Verlauf des Konvents brachte ihm die trübe Einsicht, dass die Zeit vorüber war, wo päpstlicher Einfluss die Fürsten für ein Unternehmen gewinnen konnte, das ihnen keinen persönlichen Vorteil versprach. Gregor von Heimburg bekämpfte den Türkenkrieg, gerade weil es der Papst war, der ihn führen wollte.
Man müsste sich wundern, dass Gregor von Heimburg, der als Syndikus von Nürnberg die Gewalttätigkeit eines Fürsten so ernstlich bekämpft hatte, sich nun für das Machtstreben eines Fürsten einsetzte, wenn man nicht bedächte, dass er hier gegen den Absolutismus des weltbeherrschenden Papstes vorgehen konnte, den zu erschüttern das Ziel seines Lebens war. Unverkennbar wurde das Auftreten des Herzogs schroffer, seit er Heimburg in seinen Dienst genommen hatte. Nachdem Cusa den Herzog durch Drohungen gereizt hatte, wie dass er ihm die Brixener Lehen entziehen und sie dem Kaiser übertragen werde, schickte der Herzog ihm, um der Sache ein Ende zu machen, einen Absagebrief, überfiel ihn in Bruneck und zwang ihm einen für sich günstigen Vertrag ab. Cusa verließ sein Bistum und bewog den Papst, Herzog Siegmund, den er im Interesse seines Kreuzzuges viel lieber freundlich behandelt hätte, zu exkommunizieren. Heimburg verfasste dagegen eine Appellation an einen künftigen Papst und ein künftiges Konzil, ja an die gesamte Herde unseres Herrn Jesu Christi, wie er sich ausdrückte, und an jeden, der sich unser erbarmen und das Recht eines niedriger Gestellten auch gegen zürnende höher Gestellte verteidigen will, endlich an alle Freunde der Gerechtigkeit und Unschuld. Es war eine unerhörte Herausforderung, denn eben erst hatte Pius II. die Bulle Execrobilis erlassen, in der er alle für den Bann verfallen erklärte, die an ein künftiges Konzil appellieren würden, womit er also die auf den Konzilien zu Konstanz und Basel aufgestellten Grundsätze verdammte. Heimburg appellierte an ein künftiges Konzil, aber nicht nur das, sondern auch von der sichtbaren Kirche an eine unsichtbare. Am Grünen Donnerstag des folgenden Jahres schaltete Pius die Exkommunikation des Herzogs und Heimburgs zwischen den altherkömmlichen Fluch über die Häretiker und den über die Seeräuber und Sarazenen ein.
Nachdem diese endgültige Verfluchung unter pompösen Zermalmungsandrohungen verhängt war, blieb alles wie zuvor. Der Herzog blieb Herzog, und Heimburg blieb sein Rat, das Volk starrte einen Augenblick auf die päpstlichen Blitze wie auf ein gemaltes Gewitter und ging dann wieder seinen Geschäften nach. Da doch etwas geschehen musste, verfiel Pius II. auf die schweizerischen Eidgenossen als auf besonders getreue Söhne. Sie hatten zur Zeit des Konstanzer Konzils dem Vater des jetzigen Herzogs den Aargau weggenommen, freilich im Auftrag des Kaisers im Gegensatz zum damaligen Papst, und würden sich jetzt vielleicht bereitfinden lassen, Herzog Siegmund den Thurgau zu entreißen. Zwar hatte er sie aus irgendeinem Grunde kürzlich in den Bann getan, aber den hob er auf und ermunterte sie, die Exekution zu vollstrecken. Nicht sofort willigten die Eidgenossen ein, und nachdem sie sich schließlich aufgerafft und den Thurgau, des Herzogs letzte Besitzung in der Schweiz, erobert hatten, schlossen sie mit ihm Frieden. So hatte der Papst es nicht gemeint, er schalt und mahnte, allein vergebens, die Eidgenossen blieben verstockt. Der Kaiser, an den er sich nun wandte und mit dem der Papst so eng durch die Reichsgesetze und persönlich durch 210.000 Dukaten verbunden war, schlug doch den verwandtschaftlichen Zusammenhang höher an und weigerte sich, gegen seinen Vetter einzuschreiten. Die nun ergehende Vorladung Siegmunds, Heimburgs, sämtlicher anderer Räte des Herzogs, des Bischofs von Trient, des Kapitels von Brixen, der meisten Äbte Tirols, vieler geistlicher und weltlicher Herren, der Bürger aller Städte, fast aller Einwohner der Grafschaft Tirol nach Rom, wo sie wegen ihrer Rechtgläubigkeit in Bezug auf den Artikel: ich glaube an eine heilige, katholische und apostolische Kirche, vernommen werden sollten, regte Heimburg zu witzigen Ausmalungen dieses Massenaufbruchs an. In seiner Entgegnung sagte er, man könne wohl glauben, dass eine Kirche sei, nicht aber könne man an eine Kirche glauben, denn man glaube nur an Göttliches, nicht an Erschaffenes, und bezeichnete damit die Kirche als eine menschliche Einrichtung. Es blieb dem Papst nur die Hoffnung auf die Wirkung einer Handelssperre, die als Folge der Exkommunikation eintreten sollte. Cusa selbst drängte darauf, dass alle nach Tirol führenden Wege gesperrt und alle Lebensmittel zurückgehalten würden, damit eine völlige Aushungerung die Hartnäckigen endlich niederzwänge. Pius scheute sich nicht, die Edelleute aufzufordern, dass sie, was sie ohnehin gern taten, die Handelsleute überfielen und ihnen ihre Waren, z. B. Salz und Wein, wegnähmen. Obschon auch die Sperre schwer durchführbar war, wie denn z. B. der Erzbischof von Salzburg erklärte, seine Untertanen müssten ohne von Tirol eingeführte Lebensmittel verhungern, ließen doch ihre in Tirol allmählich peinlich empfundenen Folgen den Herzog eine Beilegung des Streites wünschen. Da auf der anderen Seite der Papst mit Schrecken sah, wie wenig seine Bannflüche verfingen, schien eine von der Republik Venedig vorgeschlagene Vermittlung nicht mehr ganz aussichtslos. Der von ihr damit betraute Morosini, ein feiner und kluger Mann, suchte mit unsäglicher Geduld eine Verständigung herbeizuführen. Es spricht für Gregor von Heimburg, den er bei diesem Anlass kennenlernte, wie hoch ihn der gebildete Venezianer schätzte. Dem päpstlichen Legaten gegenüber sprach er die Ansicht aus, dass der Papst und Cusa durch Humanität und Güte mehr ausrichten würden als durch Gewalt. „Ich muss bezeugen“, schrieb er, „dass mir der Herr Gregorius in einem ganz anderen Licht erschien, als er mir geschildert war, und ich glaube mit Recht überzeugt sein zu dürfen, dass ich alles durch seine Klugheit und Umsicht erreicht habe. Nicht nur der Herzog, sondern ganz Deutschland hält ihn für einen höchst gelehrten Mann und entschiedenen Freund der Wahrheit und des Friedens.“ Diese eifrigen, wohlwollenden Bemühungen scheiterten an der Unversöhnlichkeit des Nikolaus von Cusa. Er blieb dabei, dass das Hochstift Brixen der Herr und der Herzog der Vasall sei; ohne Unterwerfung und Abbitte des Herzogs gestattete er dem Papst nicht, die Exkommunikation aufzuheben. Nachdem Venedig sich zurückgezogen hatte, nahm der Kaiser das Vermittelungswerk auf. „In der Tat, heiliger Vater“, schrieb er dem Papst, „wäre es Zeit, die Sache beizulegen. Die Autorität der Kirche verliert, wie wir sehen, zu sehr an Achtung. Es ist nötig in Berücksichtigung unserer Zeit von der Strenge ein wenig nachzulassen.“ In Berücksichtigung unserer Zeit! Ja, das hatte sich gezeigt, dass der päpstliche Bannfluch einen Fürsten nicht mehr vom Thron schleudern konnte. Pius II. sah es ein, Cusa nicht. An seiner starren Haltung wäre die Vermittlung wohl wieder abgeglitten; da berührte den Knoten, den alles Zerren anstatt ihn aufzulösen nur desto fester zusammengezogen hatte, die Geisterhand des Todes, und er fiel schlaff auseinander: rasch nacheinander starben im Spätsommer 1464 erst Nikolaus von Cusa, dann Pius II. Gleich darauf wurden die Vorschläge des Kaisers angenommen. Siegmund beugte sich nicht; da er sich durchaus weigerte, Abbitte zu leisten, erbot sich der Kaiser zu einer stellvertretenden Demütigung vor dem Papst. Ob und in welcher Form sie ausgeübt wurde, steht nicht fest.
In dieser Versöhnung war Gregor von Heimburg nicht inbegriffen und suchte sie wohl auch nicht. Da sein Verhältnis zu Nürnberg schon seit einigen Jahren gelöst war, trat er durch Vermittlung Herzog Albrechts von Sachsen in Beziehung zu Georg Podiebrad, dem König von Böhmen, der als Kalixtiner den Gegner des Papstes gebrauchen konnte und mächtig genug war, den Verfemten zu schützen.

Georg von Kunštát und Poděbrad (* 1420 † 1471), auch bekannt als Poděbrad oder Podiebrad, war der sechzehnte König von Böhmen, der 1458–1471 regierte. Er war ein Führer der Hussiten, jedoch gemäßigt und tolerant gegenüber dem katholischen Glauben.
Dieser bedeutende Fürst, den einige unternehmende Männer im Reich gern unter Beiseiteschiebung des schläfrigen Friedrich zum Kaiser gemacht hätten, war immer bereit, großartige Pläne auszuführen, die er selbst entwarf oder die andere ihm unterbreiteten. Er plante eine Organisation der abendländischen Fürsten, die der päpstlichen Macht die Waage halten könnte, er dachte sogar daran, die Türken aus dem vor kurzem eroberten Konstantinopel hinauszuwerfen und sich selbst zum oströmischen Kaiser zu machen. Wieder hatte Heimburg Gelegenheit, mit Rat und Schrift gegen die Gewaltherrschaft des Papstes zu wirken, der einen Feldzug gegen den hussitischen Böhmenkönig führte, wie Pius II. gegen Herzog Siegmund getan hatte, ihn in den Bann tat und seine Untertanen und die benachbarten Fürsten gegen ihn auf hetzte.

Matthias Corvinus (* 1443, † 1490), auch Matthias I. genannt, war von 1458 bis 1490 König von Ungarn und Kroatien. Nach mehreren Feldzügen wurde er 1469 zum König von Böhmen gewählt und nahm 1487 den Titel Herzog von Österreich an.
Mathias von Ungarn, auch ein hochstrebender und begabter Mann, setzte sich schließlich, den Ermahnungen Gehör schenkend, in Bewegung und ließ sich zum König von Böhmen wählen; ein Krieg wäre zwischen den beiden mächtigen Emporkömmlingen des Ostens entbrannt, wenn nicht Georg Podiebrad dem Tod erlegen wäre. So war Gregor von Heimburg ohne Aufgabe und ohne Schutz.
Albrecht von Sachsen, der Schwiegersohn des Verstorbenen, nahm ihn auf und brachte ihn nach Dresden; aber trotz der herzoglichen Gunst wollte die Stadt den Gebannten nicht bei sich dulden. Da entschloss sich der verlassene Kämpfer, die Absolution des Papstes zu suchen und erhielt sie auf Albrechts Befürwortung. Es war im Jahr 1472; bald darauf starb er.
Der Verlauf des Streites zwischen dem Herzog von Tirol und der Kirche zeigt, wie nah der Gedanke der Säkularisation geistlicher Güter den weltlichen Fürsten lag, wie sie, sowie es möglich schien, ihn grundsätzlich ergriffen und rücksichtslos durchzuführen versuchten, und was für ketzerische Gedanken in Verbindung damit laut, öffentlich dem Papst entgegengeworfen werden konnten.

Albrecht Wettin von Sachsen, Herzog von Sachsen, geboren am 27 Januar 1443 in Grimma, verstorben am 12. September 1500.
Es zeigte sich freilich auch, was für Kampfmittel dem Papst doch noch zur Verfügung standen, wie er Ehrgeizige, Unzufriedene und Habgierige zu benutzen wusste, und wie auch der Bannfluch dadurch lästig werden konnte, dass sich Feinde seiner zum Schaden des Betroffenen bedienten. Noch war ein Gebannter, wenn er nicht Fürst war, ein Ausgestoßener, für manches einfache Gemüt ein gebrandmarkter Frevler, für die vielen Niederträchtigen ein bequemes Ziel. Selbst ein so überzeugter Gegner des Papstes wie Gregor von Heimburg gab am Ende nach. War der einst so Tapfere müde geworden? Tat er es, um dem Herzog von Sachsen, dem einzigen, der ihm ein Asyl anbot, keine Schwierigkeiten zu machen? Oder war auch in ihm ein Gefühl geblieben oder wieder erwacht, das sich nach der Geborgenheit im Schoss der alten Mutter Kirche sehnte, die alle Christen des Abendlandes umfasste und zu Brüdern machte?
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Humanisten und Mönche
Humanisten und Mönche
Wie eine Landschaft zuweilen vor anderen mit Früchten gesegnet ist, so bringt sie auch zuzeiten eine besonders große Anzahl außergewöhnlicher Menschen hervor, eine überschwengliche Ernte, der vielleicht langedauernde Unfruchtbarkeit folgt. Westfalen und der obere Rhein waren im 15. Jahrhundert so ergiebig, namentlich das Gebiet des Oberrheins war erfüllt von der Heiterkeit und dem Brausen geistigen Lebens.

Jakob Wimpfeling, geb. in Schlettstadt, Elsass, 25. Juli 1450; war ein Humanist und Theologe der Renaissance.
Die Schule von Schlettstadt leitete Jakob Wimpheling, am Dom von Straßburg predigte Geiler von Kaisersberg, an der Universität Freiburg lehrte Ulrich Zasius.

Johann Geiler von Kaysersberg war Priester, der als einer der größten Volksprediger des 15. Jahrhunderts galt.

Ulrich Zasius (1461 – 24. November 1535 oder 1536) war ein deutscher Jurist. 1461 in Konstanz (heute Baden-Württemberg) geboren. Nach dem Studium in Tübingen zunächst bischöflicher Notar in Konstanz, dann 1489 Stadtschreiber in Baden im Aargau und in Freiburg in 1493. † 1535.
Diese und viele andere Männer, um die Mitte des Jahrhunderts geboren, waren durchdrungen vom Bewusstsein der Notwendigkeit einer Reform, die darin bestehen sollte, dass durch die auf allen Gebieten wuchernde Verwilderung, durch den aufgehäuften Wust von Missbräuchen und Verzerrungen durchgebrochen werden müsse zu den reinen Quellen, aus denen die Religion, das Recht, die Sprache, die Sitten geflossen wären, hauptsächlich zur Heiligen Schrift. Dort sollte man die christliche Lehre aus dem Mund des Heilands vernehmen anstatt aus den durch die Spitzfindigkeit der Scholastik verdunkelten Lehrbüchern oder aus den mit sinnlosen Wundergeschichten zur Unterhaltung ausgeschmückten Legendensammlungen. Das römische Recht sollte man aus den von Justinian gesammelten Rechtsbüchern, nicht aus den verunstaltenden Kommentaren des Mittelalters, die alten Sprachen sollte man aus den Werken der klassischen Schriftsteller studieren. Um das gegenwärtige Leben des deutschen Volkes aufzuhellen, wollten sie zu seinen Ursprüngen zurückkehren und in der Vertiefung in seine ruhmreiche Vergangenheit den Glauben an seine Zukunft gewinnen.
Viele von diesen älteren Humanisten waren niemals in Italien gewesen, und mochten sie auch von der großartigen Bewegung des den Deutschen so eng verbundenen Landes berührt sein, so waren sie doch mehr beeinflusst von der in der Stille erwachsenen Lebensauffassung und Unterrichtsart der ‚Brüder vom gemeinsamen Leben’, die in den Niederlanden entstanden waren und in der Schule von Deventer eine Stätte weitreichender Wirksamkeit gegründet hatten. Italien wirkte auf das lebhaft erwachende Interesse an der deutschen Geschichte weniger durch den dortigen Patriotismus und die bewunderten Vorbilder der Antike als durch seine Verachtung der Deutschen. Vielleicht war der tiefste Grund für dies neue Interesse die Tatsache, dass eine Epoche abgelaufen war, der eine auf wesentlich verschiedener Grundlage sich entwickelnde folgen musste, dass man in einer Stunde lebte, wo eine Entwicklung sich geschlossen hatte, wo auf göttlichen Wink die Hülle vom gegossenen Bild fällt und es rund und blinkend vor allen Augen dasteht, nicht mehr fließend, sondern fertig für die Ewigkeit. Dies war gerade den Humanisten des Oberrheins nicht bewusst, sie wollten vielmehr den Schutt wegräumen, damit das alte Fundament zum Vorschein käme und richtig an das Alte anschließend weiter gebaut werden könne. Aber ein Stachel war es ihnen, dass die Deutschen von den kultivierteren Nachbarn als Barbaren bezeichnet wurden. Poggio zum Beispiel, der als Teilnehmer des Konzils sich in Konstanz aufgehalten und in deutschen Klöstern nach alten Handschriften gefahndet hatte, schrieb in einem Brief, die Deutschen seien einst ein kriegerisches Volk gewesen, jetzt wären sie nur stark im Essen und Trinken. „Sind das Menschen?“ sagte er: „Gute Götter, schlaftrunkene, blöde, schnarchende Geschöpfe sind es, niemals nüchtern, den Menschen und Gott verhasst! Ob sie leben oder tot sind, kann man nicht unterscheiden, wenn sie von Wein und Speise überwältigt daliegen.“ Ein anderer Italiener nannte Deutschland eine Räuberhöhle, in der die Edelsten vom Adel die Räuber wären. „Leben ist hier gleichbedeutend mit Saufen.“ Die Barbarei des Geistes sei unglaublich, Freunde der Wissenschaft seien äußerst selten, Freunde der Eleganz gebe es überhaupt nicht, für das Studium der Humanität fehle es an Fassungskraft. Unter solchen Barbaren wohne keine Muse. Derartigen Beschimpfungen sollte ein Bild glanzvoller Vergangenheit, großer Taten deutscher Helden entgegengestellt werden. Aus ähnlicher Stimmung heraus hatte im Anfang des Jahrhunderts Dietrich von Niem (ca. 1345 – 22. März 1418), ein Westfale, der im Dienst des Papstes in Italien lebte, die ersten Züge zu einer deutschen Geschichte entworfen. Er zuerst bezeichnete auch die Deutschen als Nation, das Wort im völkischen Sinne gebrauchend. In einer Zeit beginnender Auflösung ermutigte er sich und sein Volk durch die Erinnerung an das Heldenzeitalter des Reiches unter den großen Kaisern, von denen er Otto I., Magnus Augustus, am höchsten verehrte. Heraufbeschworen durch den Unwillen über eine trübe gewordene Gegenwart, zogen sie vorüber, die blonden Sachsenkönige, die dämonischen Staufer, die geharnischten Ritter, eine gottgeweihte Schar, die ihren Kaiser über die Alpen geleitete, den Westen schützte und den Osten eroberte. Seine Auffassung hat Nikolaus von Cusa und die Humanisten beeinflusst. Jakob Wimpheling, in der elsässischen Reichsstadt Schlettstadt geboren, versuchte als erster nach ihm eine Darstellung deutscher Geschichte unter dem Titel Epitome rerum Germanicarum. Die Herrlichkeit des Imperiums, die völkerbezwingenden Waffentaten ließ er ausmünden in die Zeit der Erfindung Gutenbergs, wo die Hand, die das Schwert führte, im Buchdruck das Wort verbreitete und verewigte, wo der Barbar dem Abendland eine Waffe schenkte, die nicht tötet, sondern lebendig macht, den Samen der Bildung in die Furchen der Zeit streut.

Johannes Gutenberg
Wimpheling hat eine eigene Schrift über die Kunst des Buchdrucks verfasst, die göttliche Kunst oder die deutsche Kunst, wie man sie schlechtweg nannte. Er frohlockte über die große Zahl der meist deutschen Buchdrucker, die in fast allen Ländern, dankbar aufgenommen, Werkstätten errichtet hatten. Indessen war Wimpheling nicht blind für die Fehler seiner Landsleute, die missgünstige Beobachter zu dem Vorwurf der Barbarei berechtigten. Er lobte sie als tapfer, treu, wahrheitsliebend, aber er tadelte ihre Trunksucht und dass der Adel, nur am Krieg und an der Jagd seine Lust findend, sich zu gut hielt, um Bildung des Geistes zu erwerben. Der Adel war gewohnt gewesen, dass seine kränklichen oder zarten Söhne, die lieber über den Büchern als auf dem Rücken der Pferde saßen, dem geistlichen und damit dem gelehrten Stande geweiht wurden; das, was er für einen Mangel ansah, machte sie zu Gelehrten. Das sollte nun anders werden, seit Bildung die Aufgabe hatte, alle in den Menschen gelegten Keime zur Entfaltung zu bringen, einen edlen, vernünftig urteilenden, die äußere und innere Welt nach allen Beziehungen überblickenden Menschen zu formen. Gerade im Westen, an der französischen Grenze, wo man dem Angriff sowohl wie der Verführung unmittelbar ausgesetzt war, konnte sich das Bewusstsein des Deutschtums leidenschaftlich steigern.
Seit es ein Frankreich gibt, hatte Frankreich mit brennender Eifersucht auf das Nachbarvolk geblickt, das Träger des Kaisertums geworden war, wozu sich Frankreich, das Karl den Großen ebenso für sich in Anspruch nahm wie Deutschland, das sich sogar nach seinem Stammesnamen nannte, ebenso berechtigt hielt. Kaum war durch Beendigung des englisch-französischen Krieges Frankreichs Kraft frei geworden, so suchte es von neuem, wie es schon vor diesem Krieg getan hatte, die angeblichen Ansprüche zu verwirklichen, sei es durch kriegerischen Überfall, sei es durch Bestechung.

Ludwig XI. der Kluge (3. Juli 1423 – 30. August 1483), König von Frankreich von 1461 bis 1483. Er war der sechste König aus dem Haus Valois und der zweite der sogenannten Loire-Könige.
Nachdem im Jahr 1444 der Dauphin, der spätere König Ludwig XI., Straßburg belagert hatte, entstand dort eine französische Partei, die den Anschluss an Frankreich wünschte und von französischen Sendungen ermuntert und unterstützt wurde. Im Hinblick auf diese Verhältnisse richtete Wimpheling eine Schrift an den Rat von Straßburg, deren Zweck die Aufforderung war, in Straßburg ein Gymnasium zu gründen, deren eigentlichen Kern aber die Auseinandersetzung bildete, dass das linksrheinische Gebiet immer den Deutschen, niemals den Franzosen gehört habe, und dass Karl der Große ein Deutscher gewesen sei. Der Rat erhielt die in lateinischer Sprache verfasste Schrift in deutscher Übersetzung. Man hätte sich nicht wundern können, wenn die Straßburger französische Partei die Schrift angegriffen hätte; anstatt dessen kam eine Entgegnung von ganz anderer Seite, von einem jungen Mann nämlich, der sich bisher als Anhänger Wimphelings gebärdet hatte, dem Franziskanermönch Thomas Murner.

Thomas Murner, OFM (24. Dezember 1475 – ca. 1537) war ein deutscher Satiriker, Dichter und Übersetzer. Er wurde in Oberehnheim (Obernai) bei Straßburg geboren. 1490 trat er in den Franziskanerorden ein und begann 1495 zu reisen, zu studieren und dann in Freiburg im Breisgau, Paris, Krakau und Straßburg selbst zu lehren und zu predigen.
Er machte sich in der Germania nova über Wimphelings historische Beweisführung lustig, wozu er Ursache gehabt hätte, da die Quellenforschung trotz guter Absicht noch nicht sehr ausgebildet war, wenn nur seine eigene stichhaltiger gewesen wäre. Seine Kritik hatte die gute Folge, dass Wimpheling in seiner Entgegnung nunmehr die weit ausholenden künstlichen Gründe beiseitesetzte und sich auf die Tatsache berief, dass „unsere Väter und Großväter, unsere Urgroßväter, Vorfahren und Ahnen Deutsche oder Alemannen gewesen sind, dass sie deutsch gesprochen, dass sie Männer von deutscher Art und Sitte gewesen“. Während der Straßburger Rat Wimphelings Schrift mit Dank, ja mit Begeisterung aufgenommen hatte, befahl er die Vernichtung der Murnerschen Entgegnung.
Die Fehde wurde von den Anhängern Wimphelings noch eine Zeitlang fortgesetzt. Es erschienen damals wohl schon Flugblätter und sogenannte Neue Zeitungen; aber Zeitungen im heutigen Sinne, wo die öffentliche Meinung sich täglich hätte äußern, wo auf allen Gebieten des Lebens das Für und Wider hätte besprochen werden, Gegner in Streitfragen sich hätten bekämpfen können, gab es nicht. Anstatt dessen teilten sich die Gelehrten ihre Ansichten und Entdeckungen in Briefen mit, die gesammelt und gedruckt wurden, oder sie bekämpften und verteidigten sich in Druckschriften. Wimphelings Getreue behandelten Murner wie einen Landesverräter; aber es scheint nicht, dass er im Auftrag oder nur im Sinne der französischen Partei Straßburgs aufgetreten war, sonst hätte Kaiser Maximilian, der so unermüdlich sein Leben lang die Sache des Reiches gegen Frankreich verfocht, ihn wohl kaum zum Dichter gekrönt. Was ihn eigentlich bewog, die politischen Behauptungen Wimphelings zu bestreiten, ist nicht recht ersichtlich; vielleicht lockte es den Witzigen und Spottlustigen, Wimphelings etwas schwerfälligen Kothurn ins Stolpern zu bringen, vielleicht ärgerte ihn als Mönch, der die Klosterschulen für die besten hielt, der Vorschlag, in Straßburg ein Gymnasium zu gründen. Überhaupt bestand ein Gegensatz zwischen der Welt- und der Klostergeistlichkeit: die Weltgeistlichen verachteten die Mönche wegen ihres Mangels an Kenntnissen, ihres abgeschmackten Aberglaubens und ihres Schwelgens in Sinnengenüssen, die Mönche wehrten sich mit dem Vorwurf der Ketzerei. Als Wimpheling in der Schrift De integritate gegen die Mönche zu Felde zog und als Beispiel dafür, dass man auch außerhalb der Klostermauern ein heiliges Leben führen könne, Augustinus anführte, der nie eine Kutte getragen und nie gebettelt habe, sprang Murner wieder in die Schranken, zieh Wimpheling der Ketzerei und verklagte ihn sogar als Feind der christlichen Kirche beim Papst Julius II. Nur wenige waren damals frei von der Neigung, einen Gegner durch die Denunziation der Ketzerei zu schrecken oder zu Falle zu bringen. Keine hatte so vernichtende Folgen; denn das letzte Glied der Kette war der Scheiterhaufen. Zu seinem Glück hatte Wimpheling vielvermögende Freunde: der Bischof von Straßburg, das Domkapitel, bedeutende Gelehrte setzten sich für ihn ein, worauf der Papst ihm nicht nur die Reise nach Rom erließ, wohin er bereits vorgeladen war, sondern sogar den Mönchen Schweigen auferlegte. Solche Verbote pflegten nicht beachtet zu werden.

Johannes Trithemius, latinisiert aus Johann(es) Tritheim, auch Johannes von Trittenheim, Johann Heidenberg sowie Johannes Zeller genannt (* 1. Februar 1462 in Trittenheim; † 13. Dezember 1516.
Gegen die Weltgeistlichkeit vereint, bekämpften sich die Orden oft heftig untereinander, so die Dominikaner und Franziskaner wegen der unbefleckten Empfängnis der Maria. Ein merkwürdiger Mann, der mit den Humanisten in Beziehung stand, Vielschreiber, Sammler denkwürdiger Notizen, Liebhaber der Geheimwissenschaften, Johannes Trithemius, Abt des Klosters Sponheim bei Kreuznach, verfasste im Jahr 1494 aus besonderer Vorliebe für Anna, die Mutter der Jungfrau, flink mit der Feder, wie er war, ein Werk in 13 Kapiteln über diese Heilige, deren Verehrung vermutlich aus dem von den Türken eroberten Byzanz ins Reich eingedrungen war, in dem er die Meinung verfocht, sie habe ihre Tochter ohne Erbsünde empfangen. Gegen diese schwer beweisbare Behauptung erhob sich ein Prediger des Dominikanerordens in Frankfurt am Main, namens Wigand Wirt, in einem an Trithemius gerichteten Brief. Der berühmte, an Bewunderung gewöhnte Abt stellte Wirt in seiner Antwort als einen Geisteskranken hin, der des Arztes bedürfe und den im Jenseits die ewige Verdammnis erwarte.

Wigand Wirt in einem an Trithemius gerichteten Brief
Nach zwei Jahre lang geführter erbitterter Fehde mischten sich die Universität Köln und mehrere Theologen ein und entschieden, dass Wirt eine unehrerbietige Ansicht über die Geburt der Jungfrau habe und Trithemius um Verzeihung bitten müsse, dass aber beide Teile die Streitfrage ruhen zu lassen hätten. Wirt, dem das unleidlich war, wandte sich klagend an Papst Alexander VI., richtete aber nichts aus, da Trithemius die Mehrheit auf seiner Seite hatte: die Universitäten von Paris und Köln, mehrere Orden, mehrere Kardinäle und Erzbischöfe, viele Gelehrte und fast den ganzen Klerus von Deutschland. Die Verehrung der heiligen Anna, von der man bisher nicht viel Wesens gemacht hatte, wurde begierig wie eine neue Mode ergriffen. Als ein Frankfurter Stadtpfarrer die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariä auf der Kanzel besprach und die Dominikaner, die diese Lehre bestritten, als Verunehrer der Jungfrau angriff, konnte der zum Schweigen verurteilte Wigand Wirt nicht an sich halten; er stellte sich eines Tages der Kanzel gegenüber auf, um den Franziskaner durch unentwegtes Anstarren außer Fassung zu bringen. Wirklich, als dieser die Augen des Feindes dreist auf sich gerichtet fühlte, geriet er in Wut und schoss einen Pfeil ab, indem er sagte, er sei froh, nicht zu denen zu gehören, die den Kaiser Heinrich ermordet hätten; es war nämlich Überlieferung, dass Heinrich VII. in Italien an Gift gestorben sei, das ein Dominikaner ihm gereicht habe. „Du lügst“, schrie Wigand Wirt, „und hast deine Lüge wie ein Ketzer ausgespien.“ Wieder entspann sich eine Fehde und gingen Klagen nach Rom, Wirt verfasste ein bitterböses Büchlein, das der Erzbischof von Mainz verbrennen ließ. Die Dominikaner, die über die erlittene Niederlage umso erbitterter waren, als sie in gelehrten Disputationen über die Frage gesiegt hatten, beschlossen auf einem Ordenskapitel, das im Jahre 1506 in Wimpfen stattfand, sich durch eine großartige, gewagte Unternehmung Recht zu verschaffen. Ihr Plan war, die heilige Jungfrau selbst sich über die sie am nächsten angehende Angelegenheit im Sinne der Dominikaner aussprechen zu lassen. Einer Aussage aus so sicherer Quelle gegenüber, meinten sie, müsse jeder Widerspruch verstummen. Als Ort, wo die Einfalt des Volkes das Gelingen des Planes am ehesten gewährleiste, erschien ihnen die Stadt Bern geeigneter als Nürnberg oder Frankfurt. Vier Männer, die an der Spitze des Berner Dominikanerklosters standen, nahmen es auf sich, die Gottesmutter erscheinen zu lassen.
Johann Jetzer (* um 1483 in Zurzach; † wahrscheinlich 1515 ebenda) war Schneidergeselle und zwischen 1506 und 1508 Mitglied des Dominikanerordens in Bern.
Sie erprobten ihre Kunst zunächst an einem Schneidergesellen aus Zurzach, namens Jetzer, der kürzlich in das Kloster eingetreten war, der auch die Wunder, die sich ihm offenbarten, gläubig hinnahm, bis er einmal in der Stimme der Maria die des Priors erkannte und den Betrug durchschaute. Nicht abgeschreckt durch diesen Unfall, setzten die Unternehmer, nachdem Jetzer Schweigen gelobt hatte, ihr Spiel fort und ließen nunmehr die Jungfrau in der Kirche erscheinen und sich beklagen, dass die ketzerischen Franziskaner, die eine falsche Lehre über sie verbreiteten, noch in der Stadt geduldet werden. Die Zuhörer, von der Wimpfener Versammlung offenbar richtig beurteilt, zweifelten nicht an der Wirklichkeit der Erscheinung; aber von Jetzers Seite mehrten sich die Schwierigkeiten. Zwar hatte er sich durch Drohungen in den Betrug hineinziehen lassen, spielte aber ungern eine Rolle, die ihm viele Quälereien zuzog, denn er war auch stigmatisiert worden, und als die Brüder seinen Widerwillen merkten, wussten sie sich nicht anders zu helfen, als dass sie dem gefährlichen Mitwisser nach dem Leben trachteten. Einer vergifteten Suppe mit Not entronnen, entwischte er aus dem Kloster, stellte sich dem Rat und gestand das Vorgefallene. Nachdem die Untersuchungen seine Aussage bestätigt hatten, wurden die vier Schuldigen dem weltlichen Gericht übergeben und verbrannt. Jetzer wurde in einen Käfig gesperrt, entkam aber.
Vielleicht ist diese groteske Geschichte mit Ausschluss der Hinrichtung, welche wirklich im Jahre 1509 stattgefunden hat, nicht wahr. Vieles spricht dafür, dass die Erscheinungen der Jungfrau Erfindungen des frechen, hysterischen Jetzer, und dass die unglücklichen Mönche Betrogene waren, denen durch die Folter ein falsches Geständnis erpresst wurde. Dann wäre aber bewiesen, dass die Mönche noch dümmer und abergläubischer waren, als man allgemein für möglich hielt, und dass sie in allen Kreisen aufs äußerste verhasst waren; denn sonst wären sie kaum das Opfer eines so unverschämten Betruges geworden.
Jakob Wimpheling stand der mönchischen Streitfrage nicht etwa gleichgültig gegenüber, sondern war überzeugter Anhänger der unbefleckten Empfängnis. Geiler von Kaisersberg, die Posaune von Straßburg, den alle Humanisten verehrten, spickte seine Predigten mit unterhaltenden Histörchen, wie es üblich war; aber er tat es, um von der erhabenen Lehre, die den Kern seiner Predigt bildete, einen Übergang ins alltägliche Leben herzustellen. Dem entarteten mittelalterlichen Denken und Treiben der Mönche gegenüber fühlten sich diese älteren Humanisten durchaus als Vertreter der Vernunft und ihre Arbeit als eine Reinigung; die Grundformen von Staat und Kirche sollten dadurch aber nicht zerstört, sondern im Gegenteil durch die Säuberung deutlich sichtbar werden. Inmitten chaotischer Verhältnisse und Meinungen wiederholten sie die Lehre von der gemeinsamen Herrschaft von Papst und Kaiser, wie das Mittelalter sie aufgestellt hatte. Die Ansicht von der Suprematie der Konzilien, die das erste Viertel des 15. Jahrhunderts beherrscht hatte, war von den Humanisten aufgegeben, sie hielten die Alleinherrschaft des Papstes innerhalb der Kirche für erforderlich zum Wohl derselben. Auch an der Vorherrschaft des Papstes über den Kaiser hielten sie fest; außerhalb der römischen Kirche gebe es kein Kaisertum, lehrte Hug, Leutpriester in Straßburg, ja nach ihm war der Kaiser des Papstes Vasall. Geiler von Kaisersberg, Sebastian Brant, Wimpheling waren alle Hörer des berühmten Rechtslehrers Peter von Andlau gewesen, der an der Universität Freiburg römische Rechte las und in seinem Libellus de Caesarea Monarchia die Linien eines Reichs-Staatsrechtes zu ziehen versucht hatte.
Das Fundament des Reiches, so sagte er, bildet die Doppelherrschaft von Papst und Kaiser. Duo sunt quibus hic mundus principaliter regitur; scilicet pontificales auctoritas et regalis potestas. Dies sind die beiden hauptsächlichen Mächte, durch welche Gott beschloss und wollte, dass ihm die schuldige Ehre dargebracht werde und dass durch sie das menschliche Geschlecht mittels der Regeln des Rechts heilsam unterrichtet werde, das Böse zu vermeiden und das Gute zu tun. Der Papst hat die Suprematie über den Kaiser nach den von Innocenz IV. 1245 auf dem Konzil zu Lyon aufgestellten Sätzen. Allerdings kann auch der Papst abgesetzt werden, aber nur im Fall der Ketzerei, der Kaiser noch dazu, wenn er unnütz ist; so war Wenzel als „unnützer Entgliederer des Reiches“ entthront worden. An der konstantinischen Schenkung, deren Echtheit Nikolaus von Cusa und Piccolomini bezweifelt hatten, hielt Peter von Andlau fest; bei der Krönung habe der Kaiser sie dem Papst zu garantieren. Dass die Nachbarländer längst selbständige Staaten geworden waren, mächtiger als das zerfallende Reich, hinderte Peter von Andlau nicht, dem Kaiser das Imperium mundi zuzuschreiben; die Loslösung jener Staaten sei, sagte er, eine Tatsache, kein Recht. Es hat etwas Erschütterndes, wenn er die Verse Vergils anführt von dem Caesar Augustus: „Der zu den Sternen den Ruhm, zum Ozeanus dehnet die Herrschaft – Jenseits Garamanten und Inder – Dehnt er das Reich“, als wären sie, die inzwischen als Übungen in der Schule gelesen wurden, die Posaunenklänge von einst, dem Triumphzug der deutschen Träger des universalen Gedankens vorantönend. Als herrschende Staatslehre trug er vor, dass mit dem Ende des Römischen Reiches Deutscher Nation das Ende der Welt hereinbrechen werde, wie es St. Methodius in seinem Buch De consumtione saeculi gelehrt hatte.

St. Methodius
Das Zepter wird nicht vom Römischen Reich genommen werden, bis der Antichrist erscheint. Alle Völker werden sich dann vom Römischen Reich lossagen. Alsdann wird der letzte Herr der Welt nach Jerusalem eilen, und an der Stelle, wo der König der Könige am Kreuze hing, wird er, angetan mit dem Zeichen der kaiserlichen Würde, seine Krone und damit sein Reich und seine Herrschaft niederlegen. Dann stirbt der Kaiser, und mit ihm stirbt der Erdkreis, der ihm einst gehorchte.
Diesen merkwürdig seherisch geheimnisvollen Worten lauschten die Söhne einer neuen Zeit, auf denen die Ahnung des Untergangs lastete. Sie vernahmen sie in den knappen, festverschränkten Sätzen der lateinischen Sprache, die etwas Unumstößliches zu verkünden schienen. Es war für sie kein Widerspruch, dass sie gleichzeitig den Gebrauch der deutschen Sprache förderten, obwohl sie selbst sich des schriftlichen Ausdrucks in ihr nicht sicher fühlten. Römische und deutsche Geschichte, lateinische und deutsche Sprache, das bildete höchstens einen solchen Gegensatz, der ein fruchtbares Zusammenwirken in höherer Einheit vorbereitete.
Eher ablehnend verhielten sich die Humanisten zu Peter von Andlaus Hochschätzung des römischen Rechts. Mehrere von ihnen hatten anfangs die Rechte studiert, sich aber enttäuscht davon zurückgezogen, fast alle waren den Juristen und dem römischen Recht feind, verteidigten das deutsche. Peter von Andlau dagegen erwartete von der zunehmenden Kenntnis des römischen Rechtes nicht nur eine Verbesserung des Rechtszustandes im Reich, sondern im Zusammenhang damit die allgemeine Reformation, nach der alle strebten und sich sehnten. Denn das römische Recht würde die kaiserliche Macht verstärken, also diejenige Lösung des Problems herbeiführen, die allgemein als die Vorbedingung der Reformation betrachtet wurde. Die Willkür würde auf allen Gebieten dem Gesetz und der Ordnung weichen. Darin stimmten die Humanisten mit Peter von Andlau und Ulrich Zasius, den beiden großen Juristen, überein, dass sie das Ansehen des Kaisers erhöht sehen wollten und dass sie als Quell der Erneuerung die Wissenschaft, die Erziehung, die bessere Einsicht ansahen.
Der bedeutendste Mann, der diesen Gedanken in literarischen Werken entwickelte und in seiner Persönlichkeit darstellte, war Erasmus von Rotterdam.

Desiderius Erasmus von Rotterdam (* vermutlich am 28. Oktober 1466/1467/1469, wahrscheinlich in Rotterdam; † 11./12. Juli 1536 in Basel) war ein niederländischer Gelehrter des Renaissance-Humanismus. Er wurde in den Burgundischen Niederlanden, einem Teil des Heiligen Römischen Reiches, geboren und war Theologe, Priester, Augustiner-Chorherr, Philologe und Autor.
Sein Geburtsland war dem Reich entfremdet, blieb ihm aber doch durch Stammverwandtschaft, gemeinsame Geschichte und geistige Strömung verbunden, wie denn auch Erasmus nach langen Wanderungen sich in Deutschland am meisten heimisch fühlte und es sein Vaterland nannte. Erasmus war konservativ wie alle die älteren Humanisten, insofern er einen Umsturz des Bestehenden nicht wollte; aber weiteren und freieren Geistes, war er viel kühner, witziger und treffender in der Bekämpfung des Überalterten und Versumpften. Das ungeheure Aufsehen, das seine Werke erregten, und die Vergötterung seiner Person, heute nicht leicht zu verstehen, erklären sich am ehesten, wenn man ihn als die erste Erscheinung eines germanischen Menschen ansieht, der ganz frei von Vorurteilen der Kirche und des Staates, allen Bindungen, an die man gewöhnt war, von seiner Natur, seiner Einsicht, seinem Empfinden sich leiten ließ. Er wollte eine Revolution, aber eine geräuschlose, die nicht zertrümmerte, sondern durch einen ätzenden Hauch, der von ihm ausging, den Kitt zwischen den Fugen auflöste und durch ein fröhliches Gelächter den Schutz der Feierlichkeit und Unantastbarkeit von den unbrauchbar gewordenen alten Ordnungen, gleichsam Verkehrsstörungen, wegblies. Er war ein moderner Mensch, insbesondere könnte man ihn einen Menschen des 18. Jahrhunderts nennen, wenn auch die Beziehung zum Göttlichen im Mittelpunkt seiner Weltanschauung stand. Das war nicht nur eine Folge seiner Erziehung und Umgebung, sondern ihm natürlich; er verehrte Gott als den Schöpfer aller Dinge und den Geber alles Guten, als die Vernunft und den Geist des Friedens, der den Menschen zur Vervollkommnung berufen hat und führt. Er sah nicht so sehr Böses in der Welt als Torheit und Vorurteil, die durch Lachen und bessere Einsicht überwunden werden können. In einer Welt, die voll von plumpem Aberglauben, von Verfolgungswut, pedantischer Beobachtung halbverstandener Zeremonien und krassem Sinnengenuss war, führte er ein gebildetes Christentum ein, dessen Grundlage das Leben und die Worte des Erlösers waren. Aus ihnen sollte man Ergebung in den göttlichen Willen, Sittenreinheit, Hilfsbereitschaft gegen Schwache und Kranke und Duldung der Andersgearteten lernen. In der klaren Luft der durch Erkenntnis geläuterten Welt würde das Böse und Hässliche, würde der Irrtum nicht gedeihen können. Christus war der Erzieher zur Humanität. Der Eindruck, den diese geglättete, der menschlichen Vernunft entgegenkommende Religiosität auf die Zeitgenossen, namentlich auf die Humanisten, hervorbrachte, war außerordentlich. Man glaubte, das Ideal, das man erstrebte, die Verschmelzung von Christentum und Antike, in den Gedankengängen und in der Person des kleinen zarten Gelehrten verwirklicht zu sehen.
Die Kirche konnte Erasmus keine Häresien nachweisen, denn er hütete sich, Glaubenssätze anzugreifen; aber sie spürte an ihm die ganz feine und darum sehr gefährliche Ketzerei. Seine Art, den ganzen Betrieb der Kirche zu verspotten, mit einer liebenswürdigen Bewegung beiseite zu schieben unter dem Beifall aller Gebildeten im Reich, ja im Abendland, erbitterte sie. Indessen er war unangreifbar, überall von Freunden und Verehrern umgeben. Er lebte auf einem Stückchen Welt, das sich, von seinem hellen freundlichen Geist beschienen, weiter und weiter auszubreiten und über den vorsintflutlichen Riesendrachen Kirche hinwegzuwachsen schien.
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Reuchlin und die Dunkelmännerbriefe
Reuchlin und die Dunkelmännerbriefe

Johannes Reuchlin (auch Johann Reichlin, gräzisiert Kapnion und Capnion, Capnio (Räuchlein); * 29. Januar 1455 in Pforzheim; † 30. Juni 1522 in Stuttgart) war ein deutscher Philosoph, Humanist und Diplomat.
Von den beiden Augen Deutschlands, Reuchlin und Erasmus, war Erasmus, wenn man das von Hutten gebrauchte Bild weiter ausmalen will, der glitzernde, strahlenwerfende Stern, Reuchlin der klarspiegelnde See. Reuchlins Ruhm beruhte darauf, dass er nicht nur das Griechische, sondern auch das Hebräische verstand; man nannte ihn das dreisprachige Wunder. Von der Feinheit und Gewandtheit, mit der Erasmus das Lateinische handhabte, war Reuchlin weit entfernt. Der Reiz des Erasmischen Stils, der anmutige Witz, die die Lektüre seiner Bücher zu einem Vergnügen machten, ließen einen helleren Glanz auf seinen Namen fallen; aber das Ansehen Reuchlins wurde dadurch nicht verdunkelt. In dieser so sehr auf das Studium der alten Sprachen und die Rückkehr zu den Quellen gerichteten Zeit war es etwas Außerordentliches, das Griechische von einem Griechen und das Hebräische von einem Hebräer erlernt zu haben. Für das Hebräische war kaum ein anderer Weg möglich. Auch Manetti, ein Kaufmann in Florenz, hatte Hebräisch von einem Juden gelernt, um die Juden besser bekämpfen zu können, wie er sagte; inzwischen hatte er den Juden zwei Jahre lang in seinem Hause, las mit einem jüdischen Gelehrten das Alte Testament in hebräischer Sprache und liebte es überhaupt, mit gelehrten Juden über ihre Glaubenssätze zu disputieren. Man hatte damals ein zwiespältiges Verhältnis zum Hebräischen: einmal war es die Sprache des verachteten Volkes, das den Heiland verkannt und ans Kreuz geschlagen hatte; aber es war doch auch die Sprache, in der der Herr zum ersten Mal mit den Menschen gesprochen hatte, und es umgab sie ein Schimmer fremdartiger, uralter Heiligkeit, wie er keiner anderen eigen war.

Kabbala
In der Kabbala, der Geheimlehre der Juden, glaubte Reuchlin Offenbarungen über die in Zahl und Zeichen verborgene göttliche Schöpferkraft zu finden; besonders die Namen des Unnennbaren sollten Zauberworte sein. An den Schluss der hebräischen Grammatik, die er verfasst hat, setzte er den Vers des Horaz: Exegi monumentum aere perennius; so sehr war er sich bewusst, etwas Großes und Dauerndes geleistet zu haben. Gerade die Kenntnis des Hebräischen nun war es, die ihn in einen verhängnisvollen Kampf verwickelte.
An einem Herbsttag des Jahres 1509 besuchte Reuchlin ein getaufter Jude namens Pfefferkorn und brachte ein merkwürdiges Ansinnen vor.

Johannes Pfefferkorn * 1469, ursprünglich lautete sein jüdischer Vorname Joseph, war ein deutscher Jude, der zum Christentum konvertierte. Er nahm eine antijudaistische Haltung ein.
Er habe, sagte er, von Kaiser Maximilian, während derselbe im Krieg gegen Venedig vor Padua lag, die Vollmacht erhalten, mit Zuziehung des Pfarrers und zweier obrigkeitlicher Personen jedes Ortes alle Bücher der Juden einzuziehen und zu vernichten, die etwas dem christlichen Glauben Abträgliches enthielten. Reuchlin, als in der hebräischen Literatur bewandert, möge ihn begleiten und sich an der Arbeit beteiligen. Mit der Begründung, dass er keine Zeit habe, lehnte Reuchlin ab und machte außerdem den unwillkommenen Mann auf gewisse Formfehler des Mandats aufmerksam, die der Ausführung des Auftrages hinderlich wären. Damit glaubte er die Sache abgetan. Pfefferkorn indessen gehörte zu jenen Konvertiten, die sich mit einer Art von Raserei in den neuen Glauben verbeißen und gegen den verlassenen wüten, vielleicht auch bewegte ihn wirklich, wie man ihm später nachsagte, Rache gegen seine früheren Glaubensgenossen, die ihn wegen begangener Verbrechen ausgestoßen hätten; kurz, er setzte seine Bemühungen fort, deren Ergebnis war, dass Reuchlin von Seiten des Kaisers um ein Gutachten angegangen wurde, ob es göttlich und löblich und dem heiligen christlichen Glauben nützlich sei, die Bücher der Juden, mit Ausnahme natürlich des Alten Testamentes, zu verbrennen. Außer von Reuchlin wurden Gutachten eingefordert von den Universitäten Köln, Mainz, Erfurt, Heidelberg, von dem Kölner Dominikanerprior Jakob Hochstraten (Jakob Hochstraten, geboren um 1460, verstorben am 21. Januar 1527 päpstlicher Inquisitor zur Zeit der Reformation.) und von dem getauften Juden Viktor von Carben, der ehemals Rabbiner, jetzt christlicher Geistlicher war.
Victor von Carben, auch von Karben (geboren 1422; gestorben am 2. Februar 1515) war ein deutscher Rabbiner, der vom Judentum zum katholischen Glauben übertrat und Priester wurde.
Das Gutachten, das Reuchlin ausstellte, ist ein schönes Zeugnis für seine Gewissenhaftigkeit, Unparteilichkeit und Geistesfreiheit. Er unterschied sieben verschiedene Klassen jüdischer Bücher: 1. die Heilige Schrift, die nicht in Frage komme. 2. den Talmud, der vielleicht manches wider den christlichen Glauben enthalte; allein dass die Juden Jesus Christus nicht als Gott anerkennten, sei nun einmal ihr Glaube und könne ihnen weiter nicht vorgeworfen werden, außerdem sei manches Gute darin. 3. die Kabbala, der Reuchlin am wenigsten etwas Böses nachsagte. 4. die Glossen oder Kommentare, die dem besseren Verständnis der Schrift dienten. 5. die Predigten und Zeremonienbücher, die zu dem von Kaiser und Papst den Juden zugestandenen Kult gehörten. 6. Bücher über Kunst und Wissenschaft. 7. Dichtungen, unter denen möglicherweise Schmähungen gegen Christus, seine Mutter und die Apostel wären. Wenn man solche Bücher fände, könne man sie vernichten und die Juden bestrafen, aber nur nach ordentlichem Verhör und Urteil. Er beschloss das Gutachten mit dem Rat, die Bücher nicht zu verbrennen, sondern die Juden durch vernünftige Disputationen sanftmütig und gütlich zum christlichen Glauben zu bekehren.
Auf den Kaiser, den Freund der Humanisten, machte Reuchlins Gutachten offenbar Eindruck, denn obwohl alle anderen, ausgenommen das der Universität Heidelberg, sofortige Einziehung und Unterdrückung aller jüdischen Bücher rieten, verschob er die Angelegenheit auf eine Beratung der Reichsstände. Wütend, dass ihm seine Opfer entgangen waren, und vermutlich angetrieben von den Kölner Dominikanern, schrieb Pfefferkorn den Handspiegel, eine Schmähschrift, in der er sich erdreistete, Reuchlin zu verdächtigen, als sei er von den Juden bestochen worden. Reuchlin wies im Augenspiegel die 34 Lügen des Pfefferkorn, so viele nämlich enthalte der Handspiegel, zurück, vor allem, wie sich von selbst versteht, den Vorwurf der Bestechlichkeit. Weit entfernt, dadurch zum Schweigen gebracht zu sein, wurde der penetrante Pfefferkorn nur umso hitziger. Er bewirkte, dass der Augenspiegel der theologischen Fakultät der Universität Köln eingereicht wurde, die ihrerseits das Buch dem Professor Arnold von Tungern überwies, damit er es auf die Rechtgläubigkeit des Verfassers hin untersuche. Reuchlin war ein großgewachsener, stattlicher Mann, damals 56 Jahre alt, seines Wertes bewusst, durch das allgemeine Ansehen, das er genoss, gehoben. Trotzdem überlief ihn ein Grauen; es war, wie wenn vom Rhein her ein brenzliger Geruch zu ihm gedrungen wäre. War Unschuld ein Schutz gegen die Inquisition? Nicht nur, dass das nicht der Fall war, schon der Prozess, die Untersuchung, die Quälerei des Ausfragens schreckten ihn. Er lebte mit seiner kränklichen Frau auf einem kleinen Landgut in der Nähe von Stuttgart, in seine Studien vertieft und beglückt durch den Anblick seiner weißen Pfauen. Dies geliebte Asyl wollte er sich nicht entreißen lassen. So schrieb er denn einen höflichen, allzu höflichen, ja unterwürfigen Brief an Arnold von Tungern, in dem er seine Übereinstimmung mit dem Kirchenglauben beteuerte und sich bereit erklärte zurückzunehmen, was etwa in seinen Schriften gegen denselben verstoße. Nach mehrmaligem Briefwechsel trat die Kölner Fakultät unverhohlen mit der Forderung hervor, Reuchlin sollte den Augenspiegel nicht mehr verkaufen, öffentlich erklären, dass er in allem mit der Kirche übereinstimme und die Juden mit ihren gottlosen Büchern, insbesondere den Talmud, verwerfe. Diese hochfahrend und überheblich vorgetragene Zumutung brachte Reuchlin wieder zu sich selbst; er richtete sich zu seiner alten Mannhaftigkeit auf, lehnte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als erlogen ab und nannte die Gegner mit den damals üblichen Schimpfwörtern Füchse, Schweine, Maulesel, Furien.
Wie würde sich Kaiser Maximilian verhalten? Er war ein Freund der Humanisten, die wiederum ihm begeistert anhingen; es war kaum einer unter ihnen, der ihn nicht durch ein Gedicht oder eine Ansprache verherrlicht hätte. Er liebte es, sich mit ihnen in Gespräche einzulassen, und verkehrte mit ihnen, als wären sie seinesgleichen, wie er denn gelegentlich die Ansicht aussprach, dass eigentlich die Gebildetsten und Gelehrtesten herrschen müssten. Einmal, es war in Boppard im Jahr 1508, richtete er acht Fragen an den berühmten Abt Trithemius, darunter die folgenden: Warum Gott von den Menschen lieber geglaubt als gewusst und erkannt werden wolle? Ob, da nur ein kleiner Teil der Welt den christlichen Gesetzen unterworfen sei, die Meinung derer zugelassen werden könne, welche annähmen, jeder könne in einer Religion, die er für wahr halte, als Verehrer Eines Gottes außerhalb des Christentums und der Taufe selig werden? Ob aus der natürlichen Vernunft so gut wie aus der Schrift bewiesen werden könne, dass Gott für alle Wesen Sorge trage?
Trithemius geriet einigermaßen in Verlegenheit und erbat sich drei Monate Zeit zur Beantwortung, denn er wollte sich nicht auf einer mit den kirchlichen Dogmen in Widerspruch stehenden Äußerung ertappen lassen. Sie waren in der Tat etwas schlüpfrig, die Fragen des Kaisers, und man glaubt das leise skeptische und schelmische Blinzeln seiner Augen zu sehen, wie er den gelehrten Abt aufs Eis führt. Konnte einer, der so fragte, auf der Seite der Kölner Ketzerrichter stehen? Sicherlich nicht; aber wenn er als Kaiser auftrat, konnte er auch nicht ohne weiteres seinem persönlichen Geschmack und Urteil folgen. Er war durch Eid verpflichtet, den Papst und die Kirche zu schützen und die Ketzer zu bestrafen, außerdem stand er in vielfacher politischer Beziehung zum Papst; war sie feindlich, suchte er ihm zu schaden, zuweilen aber, wenn der Papst grade eine Schwenkung zu seinen Gunsten gemacht hatte, tat er ihm zu Gefallen, was er konnte. Schließlich, es konnte nicht alles, was in der kaiserlichen Kanzlei einlief, dem Kaiser mitgeteilt werden, manches fertigten seine Räte aus, ohne dass er davon wusste, und taten es oft im Sinne der Meistbietenden. Der Kaiser selbst war beweglichen Geistes, folgte augenblicklichen Eindrücken und erlag leicht den Gründen, die der letzte Bittsteller vortrug. So kam es, dass Reuchlin von ihm ein Mandat erlangte, welches beiden streitenden Teilen Schweigen auferlegte, und seine Gegner bald darauf ein anderes vorweisen konnten, das den rheinischen Erzbischöfen und dem Ketzermeister befahl, den Augenspiegel zu unterdrücken. Die Pariser Universität, die an Stelle der nicht gefügigen Heidelberger um ein Gutachten angegangen wurde, sprach sich einstimmig dahin aus, dass der Augenspiegel zu verbrennen sei und Reuchlin widerrufen müsse. Hocherfreut lud Hochstraten, der Ketzermeister, Reuchlin vor sein Tribunal in Mainz, wo der Beklagte im Herbst 1513 erschien. Da das Ergebnis zunächst kein anderes war, als dass Reuchlin an den Papst appellierte und der Erzbischof von Mainz Aufschub verlangte, ordnete Hochstraten, um sich doch irgendeines Scheiterhaufens zu erfreuen, die Verbrennung des Augenspiegels an, und schon strömten schaulustige Scharen herbei, als im letzten Augenblick ein Verbot des Erzbischofs eintraf, dazu Aufhebung des Inquisitionsgerichts und Genehmigung der Appellation. Der enttäuschte Hochstraten verschaffte sich in Köln Genugtuung, wo der Augenspiegel als ein nach Ketzerei schmeckendes, judenfreundliches, gegen heilige Kirchenlehren unehrerbietiges, ärgerliches Buch verbrannt wurde.

Leo X. (geboren als Giovanni de’ Medici; * 11. Dezember 1475 in Florenz; † 1. Dezember 1521 in Rom) war vom 11. März 1513 bis zu seinem Tod römisch-katholischer Papst.
In der wechselvollen Geschichte dieses Streites folgte dem Hochstratenschen Triumph bald ein Reuchlinscher: der Bischof von Speyer, dem der Papst die Behandlung der Appellation übertragen hatte, erklärte den Augenspiegel für nicht allzu judenfreundlich, nicht unehrerbietig, nicht ärgerlich, verurteilte Hochstraten zum Stillschweigen und Tragen der Kosten und gebot ihm noch dazu, sich in kürzester Frist mit Reuchlin zu vergleichen. Einer solchen Demütigung sich zu unterziehen kam dem Ketzermeister nicht in den Sinn, der gewohnt war, wie der Vorsitzende des Jüngsten Gerichts Seelen und Leiber nach Belieben in die Hölle zu stoßen. Er appellierte seinerseits an den Papst, worauf Reuchlin dasselbe zum zweiten Mal tat. Da kurz vorher Leo X., der Medizäer, auf den päpstlichen Thron erhoben war, bekannt als Humanist, aufgeklärter Mann und Mäzen, konnte man darauf rechnen, dass er nichts gegen Reuchlin unternehmen werde. Reuchlins Gesuch, die Sache endlich zu seinen Gunsten zu entscheiden, war vom Kaiser, von mehreren Kurfürsten, Fürsten, Bischöfen und Äbten und 53 schwäbischen Städten unterzeichnet; in Pforzheim geboren, gehörte Reuchlin zu Schwaben. Aber nicht nur in Deutschland, auch in dem anspruchsvollen Italien wurde Reuchlin verehrt. Die Gelehrten des Abendlandes bildeten eine erlauchte Republik, deren Lob und Tadel nicht wenig galt.
Der einzigen Waffe, die ihm zu Gebote stand, bediente sich Reuchlin.
Unter dem Titel Epistolae clarorum virorum, Briefe berühmter Männer, veröffentlichte er die Briefe, die bekannte Humanisten zustimmend, rühmend an ihn gerichtet hatten. In einer späteren Auflage wurden die Namen aller Reuchlinisten angeführt, im ganzen 43, darunter Erasmus, Pirckheimer und Peutinger, Patrizier von Nürnberg und Augsburg, der Graf von Neuenaar, Hutten, Crotus Rubeanus, Eoban Hesse, Oekolampad, Vadian, Glarean, Melanchthon, Hermann von Busche, lauter edle Namen, die dem damaligen Deutschland Glanz und Klang gaben. Dagegen hatte Hochstraten etwas aufzuweisen, was vielleicht noch mehr glänzte und klang. In ansehnlichem Aufzug begab er sich nach Rom, die Taschen voll Gold und begleitet von den Segenswünschen der Dominikaner. Nach Art aller die Throne stützenden Schichten fingen sie an, heimlich die Faust gegen ihr Idol zu ballen, falls gegen sie entschieden würde. Geld hatte Reuchlin nicht, im Gegenteil, der Prozess hatte ihn bereits über Vermögen angegriffen, und man wusste, was für ein Heißhunger nach Geld in Rom wie an allen Höfen herrschte. Lange zogen sich die Verhandlungen der Kommission, die der Papst eingesetzt hatte, hin, man hatte den Eindruck, dass der von Hochstraten ausgestreute Samen aufschoss und eine schnelle, für Reuchlin günstige Entscheidung hinderte. Da konnte es nicht schaden, wenn den Freundesbriefen ein zweiter Sturmangriff folgte: im Jahre 1515 erschien die Epistolae obscurorum virorum, die Briefe unberühmter Männer, oder wie man sie mit unsterblich gewordenem Ausdruck übersetzte: Briefe der Dunkelmänner.

Es war ein Einfall, so einfach, so naheliegend, wie es das Geniale zu sein pflegt, den Briefen der Reuchlinisten solche der Arnoldisten an die Seite zu stellen, wie sie die große Angelegenheit von ihrem Standpunkt, der sumpfigen Niederung aus, betrachteten. Wie dort die Humanisten Reuchlin ihre Anhänglichkeit bezeugten, so hier die Mönche dem Magister Ortuin Gratias von Deventer, Professor der scholastischen Philosophie in Köln, den Humanisten besonders verhasst, weil er, der selbst Humanist und Dichter sein wollte, von ihnen als Abtrünniger betrachtet wurde. Im ersten Brief unterbreitet Thomas Langschneider, Bakkalaureus der Theologie, dem Magister Ortuin eine wichtige Streitfrage, ob man nämlich magister nostrandus oder noster magistrandus zu sagen habe. Bei Gelegenheit eines Magisterschmauses, wo es bei Malvasier, Rheinwein, Einbecker und Torgauer Bier, Kapaunen und Fischen lustig zugegangen war, hatte man auch über ernste Fragen, darunter diese, gesprochen. Magister Warmsemmel, ein gar scharfsinniger Scholast, sprach sich für noster magistrandus aus, weil magistrare so viel heiße wie einen zum Magister machen, dagegen nostrare nicht gebräuchlich sei und weder im Wörterbuch „Ex quo“ noch im Catholicon, noch im Breviloquium, noch in der Gemma Gemmarum stehe. Ein gleichfalls höchst scharfsinniger Magister habe dem Warmsemmel Widerpart gehalten, indem er gesagt habe, man könne ja neue Wörter bilden, und das aus dem Horaz bewiesen habe. Eine noch heiklere Frage bringt das zweite Schreiben vor. Dem Magister Pelzer und einem Bakkalaureus, die auf der Frankfurter Messe waren, begegneten zwei anständig aussehende Männer, die schwarze Talare und große Kapuzen mit Zipfeln trugen. Pelzer hielt sie für Magister und grüßte sie ehrerbietig, worauf der Bakkalaureus ihn darauf aufmerksam machte, dass es Juden waren, vor denen er das Barett abgezogen hatte. „Gott sei mir gnädig, was hab ich aus Unwissenheit getan“, ruft der erschreckte Magister, unsicher, ob er nicht eine Todsünde begangen habe, weil man sein Vergehen unter den Begriff der Götzendienerei bringen könne, und weil der Bakkalaureus meint, so krasse Unwissenheit könne keine Sündenvergebung bewirken. Er bittet Ortuin zu entscheiden, ob eine Todsünde oder eine lässliche Sünde, ob ein einfacher oder bischöflicher oder päpstlicher Fall vorliege.
Mit so bescheidenem Spott beginnen die Briefe, dass es Dominikaner gab, die sie für echt hielten und mit Vergnügen lasen. Freilich konnte diese Gutgläubigkeit vor der rasch zunehmenden Dreistigkeit des Hohnes nicht bestehen; die verliebten Abenteuer besonders waren mit allzu triefendem Pinsel ausgemalt, die erfundenen Verirrungen der Gelehrsamkeit allzu närrisch. Köstlich ist der Brief des Bruders Dollenkopf, der an der Heidelberger Universität Poesie studiert und an Hand der Schriften des Magister Angelicus Stellen aus Ovids Metamorphosen auf viererlei Weise erklären gelernt hat, nämlich natürlich, wörtlich, geschichtlich und nach dem Geist, und als Beispiel verschiedene Stellen daraus mit Stellen aus der Heiligen Schrift vergleicht: Diana bezeichnet die Jungfrau Maria, die mit vielen Jungfrauen hierhin und dorthin wandelt, worauf der Psalm sich bezieht „Die Jungfrauen, die dir nachgehen, führt man zu dir“. Auf Jupiters Beziehungen zu Europa geht die Stelle „Höre, Tochter, schaue darauf und neige das Ohr, denn dein König hat Lust an deiner Schöne gehabt“; Semele, die den Bacchus säugt, bezeichnet wieder die allerseligste Jungfrau, von der geschrieben steht „Nimm hin das Kindlein und säuge mir's“; der seine Schwester suchende Cadmus stellt Christus vor, der die menschliche Seele sucht.
Mit welcher Kunst der einmal angenommene Grad von Albernheit durchgeführt ist, kann nur der Leser des ganzen Werkes einschätzen. Die aufgeblasene Einfalt spricht aus jeder Wendung und Mitteilung, auch aus ganz bedeutungslosen Sätzen. Wie gute Schauspieler sich in eine Rolle versetzen und nun der Dargestellte sind vom Scheitel bis zur Sohle, in jeder Miene und Bewegung, so spielen die geistvollen Verfasser höchst geistlose, im Schlamm sinnlichen Behagens plätschernde Dickbäuche, unschuldige Heuchler insofern, als Heuchelei durch Gewöhnung Natur geworden ist. Man sagt sich wohl, so dumm, so unwissend, so ausschweifend können Ordensleute, die an Universitäten lernen und lehren, nicht gewesen sein, aber man begreift, dass übertrieben werden muss, weil wenige an Stelle von vielen stehen, und weil Torheit und Schlechtigkeit sonst nicht deutlich werden. Mit sehr feiner Kunst ist auch die plumpe Behandlung der lateinischen Sprache durchgeführt, sowohl die üblichen Entgleisungen in der Umgangssprache wie der als Merkmal des Poetischen geltende Schwulst. Denn die Mönche treten durchaus nicht etwa als Gegner der Poesie auf, im Gegenteil, sie sind stolz darauf, Gedichte machen zu können, und führen zum Beweis ihrer nach scholastischen Lehrbüchern erlernten Meisterschaft gern Proben an, die den gelungensten Schmuck des Buches bilden. Es perlt durch die Briefe ein kristallhelles und wohllautendes Gelächter, kindlich harmlos, Überschwang einer fröhlichen Stunde. Liest man die Namen der Briefsteller: Gänseprediger, Ziegenmelker, Hafenmus, Schlauch, Unkepunke, so glaubt man sich unter ausgelassenen Gassenbuben zu befinden, die einen Schabernack vorhaben. Aber mitten im Spiel blitzt es wie Schwerter, verrät sich ein ernster Wille, der den kecken Streich zur ritterlichen Tat macht. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die angegriffenen Dominikaner eine festbegründete, eine sehr gefährliche Macht waren. In ihren Händen lag die Inquisition, sie waren ein Teil der legitimen Gewalt, die seit Jahrhunderten das Abendland beherrschte, die den Gegner mit Feuer vernichtete. Angriffen war diese Macht zuweilen durch mutige oder verzweifelte Menschen; hier war sie durch den Zauber des Geistes aufgehoben, ausgelöscht durch Witz und Spott, ihr Ende war vorweggenommen. In diesem Buch hatte die Freiheit gesiegt. Das ängstliche Sichducken vor starren, den Geist einschnürenden Gesetzen, die heuchlerische Demut vor verachtetem Popanz, die Allgewalt eines einzigen über Millionen von Geknechteten, das alles hatten Sturmvögel weggeweht. Mit den Fetzen der entlarvten Götzen spielte die von ihrem Schwung bewegte Luft.
Verbindend und gestaltend geht durch alle Briefe, schon im ersten beginnend, Reuchlins Prozess, dessen Entscheidung bei der Kommission in Rom lag. Die Spannung zu steigern, wurden einige Briefsteller dorthin versetzt und berichten über den Gang der Verhandlungen aus eigener Anschauung, so dass sich Furcht und Hoffnung, von Anhängern und Gegner wechselnd empfunden, im Werk spiegeln. Einen beiläufigen Spaß machten sich die Verfasser daraus, dass sie in der zweiten Brieffolge, die 1517 erschien, ihre Mönche zuweilen die Dunkelmännerbriefe anführen ließen, so als wären sie stolz auf die vielen gelehrten Freunde, die ihr verehrter Magister Ortuin habe.
Die Epistolae obscurorum virorum sind das einzige von Humanisten verfasste schriftstellerische Kunstwerk, das die Zeit überdauert hat und dauern wird, solange die Geistesfreiheit aufrichtige Anhänger hat. Nur hier wird die Vergangenheit, die so oft durch die lateinische Sprache und fremdartige Gedankengänge ein mühseliges und unfruchtbares Studium bedeutet, zur blühenden Gegenwart. Wir verstehen, dass es hier nicht um ciceronianische Rhetorik oder um verstaubte, schwer zu ergrübelnde Thesen geht, sondern um etwas Unvergängliches, Unersetzliches, etwas allen Menschen zu jeder Zeit Notwendiges, die Luft, in der der Geist atmet: um Freiheit.

Verfasser der ersten Briefe war, wie man mit ziemlicher Sicherheit annimmt, der junge Humanist Crotus Rubeanus. Er besaß den Humor, der neben den hassens- oder verachtenswürdigen Seiten des Gegners zugleich die komischen sieht und an diesen solches Vergnügen hat, dass er ihn beinah liebgewinnt. Je länger er mit diesen Ketzerrichtern im Geiste umgeht, die so wundervoll albern, selbstgefällig wie der Hahn auf dem Mist paradieren, desto mehr überkommt ihn eine Art von Zärtlichkeit für diese kostbaren Modelle; er möchte sie lieber streicheln als vernichten.

Ulrich von Hutten, * 21. April 1488, † 20. August 1523
Ganz anders Hutten, der am zweiten Teil der Briefe beteiligt war. Ihm führen Zorn und Entrüstung die Feder, sein Witz ist scharf, er hat nicht das künstlerisch quellende Behagen, die künstlerische Spiellust seines Freundes Crotus. Hutten gehörte zu den wenigen Rittern, die sich den Wissenschaften widmeten und sich dessen rühmten, und zu den noch selteneren, die Vertreter ihres Standes nach angeborenem Wesen waren. Wohl kam es häufig vor, dass junge Adlige sich für einen Helden begeisterten, sich einem Führer anschlossen, viel weniger häufig, dass sie aus eigener Überzeugung für eine gute Sache kämpften. Die eigentliche Aufgabe des Ritters, die Schwachen zu schützen, die Vergewaltiger zu strafen, hatte sich in der Ausübung fast ins Gegenteil verkehrt. Hutten aber fühlte das innerste Gesetz seines Seins erfüllt, als er Gelegenheit fand, für die, denen Unrecht geschah, sich einzusetzen. Zum ersten Mal geschah das, als der leidenschaftliche und gewalttätige junge Herzog Ulrich von Württemberg seinen, Huttens, Vetter Hans von Hutten ermordete, in dessen Frau er sich verliebt und vor dem er sich aufs äußerste gedemütigt hatte.

Ulrich von Württemberg (* 8. Februar 1487 in Reichenweier (Riquewihr), Elsass; † 6. November 1550 in Tübingen) war 1498–1519 und 1534–1550 der dritte regierende Herzog von Württemberg.
Als naher Verwandter fühlte sich Hutten doppelt berufen, den fürstlichen Mörder anzugreifen. Er bewies seine Dichtergabe, indem er den einzelnen Fall in seiner allgemeinen Bedeutung ergriff und darstellte, den Ermordeten als fleckenlosen Ehrenmann, den Mörder als rohen, sittenlosen, jede Willkür sich anmaßenden Tyrannen schilderte, was für den Herzog ungefähr zutraf. Viel mehr noch entsprach ihm der Kampf um Reuchlin. Denn in diesem Fall war nicht nur einem einzelnen Menschen Unrecht geschehen, sondern es stießen zwei Prinzipien aufeinander, von denen das eine die Herrschaft innehatte, das andere sich Raum erkämpfen wollte: Geisteszwang und Geistesfreiheit. Sollte es in Deutschland dem Gedanken möglich werden, seine göttliche Kraft zu gebrauchen und die Ergebnisse seiner Forschung zu äußern? Sollte es eine freie Wissenschaft geben? Oder sollte der Gedanke in alle Ewigkeit in ein Gerüst gezwängt bleiben, das Herrschsucht geschaffen hatte? Können Menschen sich anmaßen, und wäre es selbst um eines guten Zweckes willen, aller Menschen Glauben und Denken zu bestimmen? Kann Weltanschauung vorgeschrieben werden? – Hutten selbst liebte die Freiheit über alles, darum setzte er von allen Menschen, besonders von allen Deutschen voraus, dass sie freiwillig nicht Knechte sein wollten, deshalb hasste er diejenigen, die andere knechteten. Er hatte Erasmus und Reuchlin von jeher verehrt als Bahnbrecher der Wissenschaft und einer freieren, edleren Auffassung des geistigen Lebens; nun er verfolgt und bedroht war, wurde Reuchlin ihm doppelt teuer. Als der Geängstete ihm einmal geschrieben hatte: Verlasse die Sache der Wahrheit nicht! antwortete er im Januar 1517: „Ich sie oder dich, ihren Führer, verlassen? Kleinmütiger Kapnion, wie wenig kennst du Hutten! Nein, wenn du sie heute verließest, würde ich den Krieg erneuern!“ Von jungen kampflustigen Gefährten umgeben, glaubte er sich des Sieges sicher. „Längst wird ein Brand vorbereitet“, schrieb er, „der zu rechter Zeit, hoffe ich, aufflammen soll.“ Reuchlin, der ältere Mann, der genug für seinen Ruhm getan hat, soll ohne Furcht den Austrag seiner Angelegenheit seinen jungen Verehrern überlassen, der endliche Triumph kann nicht ausbleiben.
Soweit der Ausgang von der vom Papst eingesetzten Kommission abhing, hatte Hutten recht mit seinem Zutrauen. Als es nach mehreren Jahren endlich zum Beschluss kam, gaben alle mit einziger Ausnahme des Dominikaners Sylvester Prierias dem Vorsitzenden, Erzbischof von Nazareth, sich anschließend, ihre Stimme für Reuchlin ab. Trotz aller Bemühungen Hochstratens und Pfefferkorns wäre ihm der Sieg zugefallen, wenn nicht Leo X. doch schließlich den Mut verloren hätte, den mächtigen Predigerorden gegen sich aufzubringen. Es zeigte sich, wie so oft bei den Kaisern, dass die Forderungen des Amtes die Neigungen der Person überstimmten. Die für Reuchlin günstige Entscheidung der Kommission wurde nicht nur nicht verkündigt, sondern aufgehoben, so dass für Ränke auf der einen, Befürchtungen auf der anderen Seite wieder Raum war. Die Dunkelmännerbriefe wurden auf fleißiges Drängen der Dominikaner vom Papst zum Feuer verurteilt, obwohl man, so hieß es, auch an der Kurie in das Gelächter eingestimmt hatte, das dem verwegenen Witz der jungen Freiheitsschwärmer wie ein allverbreitetes Echo folgte.
Von Erasmus ging die Sage, das Lachen habe ihm durch Sprengung eines gefährlichen Geschwürs das Leben gerettet. Später, als er in den Briefen redend und als Feind des Papstes eingeführt wurde, äußerte er sich erschreckt und ablehnend. Noch einen anderen gab es, der, obgleich er zu den Humanisten gezählt wurde und obgleich es ihm an Humor nicht fehlte, die Briefe ablehnte, ja sogar ihren unbekannten Verfasser einen Hanswurst nannte; das war Luther.

Doktor Martin Luther
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Die Reichsreform
Die Reichsreform
Das, was man die mittelalterliche Anarchie nennen kann, lag einmal begründet in den fließenden Zuständen, die Verschiebung der Machtverhältnisse verhältnismäßig leicht ermöglichten und dem allgemeinen Streben nach Selbstherrschaft dienten; dazu kam im späteren Mittelalter die Entartung und Verwilderung aller Verhältnisse, die umso mehr als unerträglich empfunden wurde, als das öffentliche Leben überhaupt, wie es die Entwicklung des menschlichen Geistes mit sich bringt, allmählich zu erstarren begann. Das Bedürfnis nach festen Ordnungen machte sich geltend.

Karl IV. (HRR) – Wikipedia. Karl IV. (HRR) Karl IV. (tschechisch Karel IV.; * 14. Mai 1316 in Prag; † 29. November 1378 ebenda), geboren als Wenzel (tschechisch Václav), war römisch-deutscher Kaiser.
Man kann sagen, dass Karl IV. mit der Goldenen Bulle den Anfang dazu gemacht hatte, indem er wenigstens die Königswahl in feste Formen brachte und aus den Kurfürsten eine Art Körperschaft organisierte, die dem König gleichberechtigt zur Seite stand und seitdem auch in den Kurvereinen bedeutenden Einfluss ausübte. Siegmund, Karls geistvoller Sohn, der mit so viel Energie an der Reformation der Kirche arbeitete, plante auch eine Reichsreform, wobei er sich auf die Städte und die Ritter stützen und das Reich in Kreise einteilen wollte.

Sigismund lebte vom 15. Februar 1368 bis zum 9. Dezember 1437. Geboren wurde er in Nürnberg als Kind von Kaiser Karl IV und seiner vierten Frau Elisabeth von Pommern. Aus der Ehe davor, mit Anna von Schweidnitz, ging Sigismunds Halbbruder hervor, Wenzel. Anders als sein Vater, galt Sigismund als lebensfroher Mensch, der sich die Zeit gerne mit einem Turnier vertrieb. Er war hoch gebildet und sprach mehrere Sprachen. Sigismund war zweimal verheiratet.
Zur Ausführung konnte es bei dem Widerwillen aller Stände nicht kommen. Noch zu seinen Lebzeiten aber durchdachte ein philosophischer Kopf, der junge Nikolaus von Cusa, diese seine Zeit so sehr bewegenden Fragen. Wie es damals selbstverständlich war, behandelte er in seiner Schrift De concordantia catholica die Reichs- und Kirchenreform gemeinsam. Er ging von dem tiefsinnigen, folgenreichen Gedanken aus, dass die Wahrheit auf Übereinstimmung beruhe. Die Ordnung im Reich beruhe auf der Übereinstimmung von Papst und Kaiser mit dem Körper ihrer Untergebenen. Der entgegengesetzten Entwicklung von Papsttum und Kaisertum entsprechend wollte er auf Minderung der päpstlichen und Mehrung der kaiserlichen Macht hinwirken. Die gesamte Kirche hielt er damals für vertreten durch die in einem Konzil versammelten christlichen Prälaten, und zwar auch ohne den Papst, falls derselbe an dem Konzil nicht teilnehmen wolle oder könne. Würde unter so vielen aus verschiedenen Ländern stammenden Priestern Übereinstimmung erzielt, so könne das als Wirkung des Heiligen Geistes angesehen werden. Innerhalb des Staates waren die Reichstage etwa das, was in der Kirche die Konzilien waren; sie sollten nach seinem Reformplan jährlich in Frankfurt stattfinden. Der ausübenden Macht des Kaisers sollte ein Reichsheer dienen, das durch eine Reichssteuer zu erhalten wäre. Da fürstliche Heere neben dem kaiserlichen nicht vorgesehen waren, so bedeutete das eine Umwälzung von unermesslichen Folgen. Zwecks leichterer Verwaltung sollte das Reich in Kreise eingeteilt werden und in jedem Kreis ein Reichsgericht das Recht sprechen. Einen gesicherten Rechtszustand zu schaffen, sah er für das wichtigste Erfordernis an. Die Fehde sollte für ewige Zeit abgeschafft werden. Was die Masse des Volkes betrifft, ging Cusa davon aus, dass ihr sklavische Gesinnung angeboren sei, so dass sie sich willig von den Weiseren leiten ließe und durch sie vertreten werden könnte. Bei der Zusammensetzung der Reichstage und Reichsgerichte war dem bürgerlichen Element mehr Einfluss zugedacht als dem fürstlichen. Man spürt in dem ganzen Entwurf den bürgerfreundlichen, großartig zugreifenden Geist des Zeitalters des Kaisers Siegmund, auch darin ihm zugehörig, dass seine Ideen sich nicht verwirklichten.

Albrecht II. von Habsburg (in einer Handschrift um 1560) Albrecht II. von Österreich, genannt der Weise oder der Lahme (* 12. Dezember 1298 auf der Habsburg; † 20. Juli 1358 in Wien).
Der frühe Tod des tatkräftigen Albrecht II., des Schwiegersohns und Nachfolgers Kaiser Siegmunds, entzog der Reformbewegung den Ansporn, den die kaiserliche Teilnahme ihr bis dahin gegeben hatte. Ein seltsames Verhängnis fügte es, dass Friedrich III., der durch Nichtwollen und Nichttun die Nation lähmte und sich selbst erhielt, über 50 Jahre regierte. Versenkt man sich in die wunderliche Existenz dieses Habsburgers, so kommt einem wohl das Bild der Riesenschildkröte in den Sinn, die man zuweilen in Aquarien sieht. Ein gigantischer Klotz von phantastisch urweltlichem Umriss hängt im Wasser. Lebt dies Geschöpf oder ist es in Jahrtausenden versteinert? Wie lange man es auch beobachtet, es bewegt sich nicht; aber plötzlich sieht man, dass der Felsen Augen hat, aus denen es böse herausblitzt, ein unzugänglicher, tückischer, lauernder Wille. Weder durch gütliche Vorstellung noch durch Drohung war Friedrich III. nach irgendeiner Richtung hin zu bewegen. Seine Politik hat sich in einem späteren Jahrhundert in der Regierung eines gleichfalls langlebigen Habsburgers und seines langlebigen Kanzlers wiederholt, die nämlich, nichts am Bestehenden zu ändern, weil in einem morschen Gebäude die Verrückung eines einzigen Steins zum Zusammenbruch des Ganzen führen könne. Nachdem Friedrich sich entschlossen hatte, dem Papst die Obedienz zu leisten, bevor die ersehnte Reform verbürgt war, verbanden sich die beiden mittelalterlichen Häupter zum Widerstand gegen jede Neuerung. Obwohl auch jetzt noch, wie im Mittelalter, der Papst den kaiserlichen Einfluss in Italien bekämpfte, der Kaiser zuweilen rücksichtslos diesen Einfluss durchsetzte, so wurde doch mehr und mehr der Erzherzog von Österreich und römische Kaiser des Papsttums wichtigste Stütze. Die beiden universalen Mächte blieben in einer Zeit, wo die selbständig gewordenen Nationen das alte Weltgebäude zerbrachen, aufeinander angewiesen. Eine Reichsreform im Sinne des Cusa hätte dem Kaiser erwünscht sein müssen; allein sie zu erzwingen, hätte es mehr Interesses für das Reich und mehr Lust, sich dafür einzusetzen, bedurft, die der ganz der Sorge für seine Erblande hingegebene Friedrich nicht hatte. Denn dies geheimnisvolle Urtier, das am liebsten still vor sich hin Rosen züchtete und Edelsteine sammelte, war nicht ohne Empfindung, er hatte sogar Leidenschaft für sein Land Österreich und im Zusammenhang damit für seinen Sohn und Erben. Wenn er ihm auch misstrauisch keinen Einblick in die Regierung gestattete, so war der Sohn ihm doch teuer als der künftige Herr des Weltreichs Österreich. Austriae Est Imperare Orbi Universo. Alles Erdreich Ist Österreich Untertan. Das Ostreich, zu dem König Rudolf im 13. Jahrhundert den Grund gelegt hatte, das Rudolf der Stifter weitergeträumt hatte, wogte als große Vision vor der dunklen Seele Friedrichs III. Gespeist mit seinen ausschweifenden Vorstellungen, schwoll es in der unterirdischen Höhle zu ungeheurem Ausmaß an. Das Ostreich, bestehend aus Polen, Ungarn, Böhmen und Österreich, war da; aber gerade zur Zeit Friedrichs III. eroberten es tatkräftige Emporkömmlinge, erst Georg Podiebrad von Böhmen, dann Mathias Corvinus von Ungarn. Die Führung des Bollwerks, das Europa vor den Türken schützen musste, schien dem Hause Habsburg zu entgleiten. Wien selbst, Österreichs schöne Hauptstadt, fiel dem König von Ungarn zur Beute, Friedrich III. schlug sich kläglich als Gast seiner guten Städte durchs Reich. Das machte ihn nicht irre im Glauben an die Bestimmung seiner Dynastie.

Matthias I. Corvinus (Mátyás Hunyadi) König von Ungarn (seit 1458) und Böhmen (seit 1476), * 23.2.1443 Klausenburg (Siebenbürgen), † 6.4.1490 Wien.

Georg von Podïebrad (Jiří z Poděbrad; eigentlich von Kunstadt, Poděbrader Linie) König von Böhmen, * 6.4.1420, † 22.3.1471 Prag.
Und wie er erlebte, dass Mathias Corvinus seinen einstigen Beschützer, Georg Podiebrad von Böhmen, entthronte, so erlebte er auch den Tod dieses kriegsgewaltigen Usurpators.
Ja es gelang ihm, als sein Nebenbuhler im Westen, Herzog Karl von Burgund, die Reichsstadt Neuß belagerte, ein Reichsheer zum Entsatz zu führen, zu dem selbst aus dem Norden, aus Lübeck, stattliche Abteilungen heranrückten. Auch dieser erstaunliche Aufschwung jedoch gehört in den Kreis seiner österreichischen Berechnungen. Es genügte ihm, die Reichshilfe im einzelnen Fall erwirkt zu haben. Grundsätzliche Beschlüsse zur Ordnung des Reichs hat er nicht erstrebt und nicht erreicht; denn die Reformation, die seinen Namen trägt, die ein Reichstag des Jahres 1442 zum Gesetz erhob, ließ außer einigen Bestimmungen, an die sich noch dazu niemand kehrte, alles beim alten.
Indessen, obwohl vom Kaiser aufgegeben, ruhte die Idee der Reichsreform keineswegs. Ihr Vertreter war der Heidelberger Martin Mayr, wie Cusa aus dem Bürgerstande hervorgegangen. Da er für sich allein nichts hätte erreichen können, trat er nacheinander in den Dienst verschiedener Fürsten, die geneigt waren, sich für die Reformation einzusetzen, einmal auch in den Dienst Podiebrads, als der sich mit der Absicht trug, römischer König und Nachfolger Friedrichs zu werden. Die Pläne zur Reichsreform, die man allmählich von der Kirchenreform abtrennte, waren sich in den wesentlichen Punkten gleich, wie die Übel, die sie abschaffen sollte, die gleichen blieben. Die Verwüstung des Reiches war die Folge der Fehden, deren Zahl und deren brutaler Charakter im Laufe des 15. Jahrhunderts in erschreckendem Maße zunahm; die Abstellung der Fehden war also das nächst liegende Bedürfnis. Im Beginn des 15. Jahrhunderts hatten die Fehden ein solches Ausmaß mit so heillosen Folgen erreicht, dass man ernstlich an ihre Beschränkung dachte; aber man verfiel auf ein höchst ungeeignetes Mittel. Im Jahr 1442 wurde ein Gesetz erlassen, das nur diejenigen Fehden für erlaubt erklärte, die dem Befehdeten drei Tage vor Beginn angesagt wären. Durch Beobachtung einer leicht durchzuführenden Förmlichkeit glaubten nun die Ritter in Ehren ihre Mitstände überfallen und schuldlose Menschen ausplündern, einkerkern und misshandeln zu können. Man sah ein, dass dem Fehdewesen auf andere Weise entgegengetreten werden müsse. Ursprünglich war das Recht der Fehde ein Recht der Selbsthilfe, wenn die Gerichte versagten. Es folgt daraus, dass für schnelles und gerechtes Gericht gesorgt werden musste, damit die Friedebrecher sich nicht mit dem Vorwand entschuldigen konnten, es sei ihnen kein Recht geworden. Wiederum konnte das Gericht nur wirksam werden, wenn hinter seinen Beschlüssen eine Vollziehungsgewalt stand, die dem Verbrecher mit der Waffe entgegentreten konnte. Beide, Gericht und Heer, mussten natürlich regelmäßig besoldet werden, ein Kostenaufwand, der nur durch eine allgemeine Steuer gedeckt werden konnte. Verbot der Fehde, Reichsgericht, Reichsheer, Reichssteuer, das waren die immer wiederkehrenden Forderungen der Reichsreform; zweifelhaft blieb aber und gekämpft wurde darum, ob diese Institutionen mehr vom Kaiser oder vom Reich, das heißt von den Ständen, abhängen, wessen Macht sie verstärken sollten.
Das höchste Gericht, das Hofgericht, war an die Person des Kaisers gebunden, der den Vorsitz führte oder den Vorsitzenden ernannte. Es ist einleuchtend, dass, da die Kaiser keine ständige Residenz hatten und vollends seit Friedrich III. sich fast ständig in Österreich aufhielten, das für viele Deutsche schwer erreichbar war, das Hofgericht den Anforderungen einer pünktlichen Justiz nicht genügte. Unter Maximilian kamen die wunderlichsten Dinge vor.

Johann XX. von Dalberg (* 14. August 1455 in Oppenheim; † 27. Juli 1503 in Heidelberg) war als „Johann III.“ Bischof von Worms und von 1480 bis 1482 Kanzler der Universität Heidelberg. Er war ein profilierter Mäzen des deutschen Frühhumanismus, selbst hochgelehrt und den Künsten zugetan.
Der Bischof von Worms, Johann von Dalberg, in humanistischen Kreisen hochgeehrt als guter Lateiner, Dichter, Kenner des Altertums und Büchersammler, lebte in Streit mit seiner Stadt Worms, die er seiner Herrschaft unterwerfen wollte und der er durch brutales Geltendmachen seines militärischen Übergewichts einen Huldigungseid abzwang, zu dem sie als freie Stadt ihrer Meinung nach nicht verpflichtet war. Beide wandten sich an den Kaiser als an den höchsten Richter. Maximilian hielt es, wenn immer möglich, mit den Reichsstädten, die seine Interessen vertraten und ihm zahlten, wollte es aber auch mit dem berühmten Dalberg nicht verderben; er half sich damit, dass er erst der Stadt und dann dem Bischof recht gab, so dass die von beiden Seiten an ihn abgeschickten Gesandtschaften befriedigt heimkehrten, um sich bald darauf in erneuter Ungewissheit zu finden. Auf diese Weise fertigte er die ihm geduldig Nachreisenden viermal hintereinander ab; dann beraumte er eine Tagung an, auf welcher er zwischen den Streitenden zu vermitteln versprach, verschob aber jeweils den Termin, weil irgendetwas dazwischenkam. Mit so naiven Listen brachte er es dahin, dass, als der Bischof starb, die Rechtsfrage noch nicht entschieden und durch eine neue Konstellation zunächst aus der Welt geschafft war. Es ist begreiflich, dass der Vorschlag gemacht wurde, das Hofgericht möge von der Person des Kaisers getrennt werden und einen festen Sitz in einer zentral gelegenen Stadt erhalten. Im Laufe des 15. Jahrhunderts war neben dem Hofgericht das sogenannte Kammergericht entstanden, das, ursprünglich für gewisse, meist fiskalische Zwecke zusammenberufen, allmählich das Hofgericht verdrängte. So kam es, dass das neu zu gründende Reichsgericht nicht Hofgericht, sondern Kammergericht genannt wurde. Begreiflicherweise sah der Kaiser die Abtrennung des höchsten Gerichtes von seiner Person nicht gern; gab ihm doch das Amt des höchsten Richters seinen wesentlichen Charakter und die Möglichkeit, seinen Einfluss geltend zu machen. Günstig für den Kaiser wäre dagegen die Reichssteuer, der Gemeine Pfennig, gewesen, die jeden Reichsangehörigen treffen sollte; denn dadurch wäre die Masse des Volkes wieder in eine unmittelbare Beziehung zum Kaiser getreten. Aus eben diesem Grunde verletzte diese Steuer das Interesse der Fürsten und anderer Stände, die das Recht zu finanzieller Ausnützung ihrer Untertanen mit keinem anderen teilen wollten; ärgerlich genug waren ihnen die jeweiligen Beutezüge der Kirche. Überhaupt wurde das Recht, keinem Steuerzwang zu unterliegen, von allen, mit Ausnahme der Hörigen, die aber auch gegen willkürliche Erhöhung der Abgaben protestierten, in Anspruch genommen und ängstlich festgehalten. Steuerpflicht wurde als Abzeichen der Hörigkeit betrachtet und gerade in dieser Hinsicht die Lage der Franzosen, über deren Vermögen der König weitgehend verfügen konnte, als bestialisches Servitut bezeichnet. Wie die Stände der Prälaten, Ritter und Städte dem Landesherrn gegenüber das Recht der Steuerbewilligung als Grundlage der Freiheit hüteten, so die Reichsstände gegenüber dem Kaiser, nur dass die Landstände viel mehr Verständnis und guten Willen für die Erfordernisse des Landes aufbrachten als die Reichsstände für die des Reiches. Man sollte meinen, es habe sich jeder beeifert, das Seine zu tun, damit der andauernden Verwüstung des Landes durch Kriege und Fehden ein Ende gemacht würde, und tatsächlich waren alle von der Notwendigkeit der Reform überzeugt; sobald sie aber in Angriff genommen werden sollte, zeigte sich Widerstand auf allen Seiten. „Traue dem Landfrieden nicht“, ist eine noch heute gebrauchte Redewendung, die im Mittelalter dem berechtigten Misstrauen der Städte gegen eine scheinbar so wohltätige Einrichtung Ausdruck gab. Dass an der Spitze der zur Durchführung des Landfriedens gebildeten militärischen Organisation ein Fürst stand, machte diese in den Augen der Städte zu einer verdächtigen Interessenvertretung. Ein oder der andere Kaiser dachte daran, sich selbst zum Landfriedenshauptmann zu machen, vermochte es aber nicht durchzusetzen. Hätten nun wenigstens die Fürsten die Sache stramm gehandhabt! Aber nur selten wurde einmal ein Raubnest zerstört, ein Friedensbruch bestraft. Im Allgemeinen waren zu viel Berechnungen und Rücksichten im Spiel, als dass sie aus der in Reichsangelegenheiten grundsätzlichen Langsamkeit herausgetreten wären. Sahen es doch manche Fürsten nicht ungern, wenn die Ritter den Städten Ungelegenheiten machten, hetzten sie wohl gar heimlich auf.
Indessen selbst dann, wenn es sich um eine Stärkung der kaiserlichen Zentralgewalt handelte, wenn Siegmund und später Maximilian daran dachten, sich im Gegensatz zu den Fürsten auf die Städte und Ritter zu stützen, verhielten sich beide Stände ablehnend. Die Städte hatten ihre Macht und Unabhängigkeit auf den im Laufe der Jahrhunderte von den Kaisern erlangten Freiheiten und Privilegien aufgebaut, ihre Politik hatte immer darin bestanden, diese kostbaren Pergamente sich bestätigen zu lassen und durch neue zu vermehren. Dieselbe Politik des Beharrens auf erworbenen Rechten betrieb die Ritterschaft. Jede Stärkung der Zentralgewalt aber, mochte sie auch den Ständen wohlwollend geneigt sein und ihr Bestes im Auge haben, bedrohte doch zunächst ihre Selbständigkeit. Die von den Städten mit manchem Opfer erkaufte Unabhängigkeit hing bis zu einem gewissen Grade mit der Anarchie zusammen, deren Ausschreitungen bekämpft werden sollten. Konnte ihnen der Kaiser versprechen, dass bei einer Neuregelung ihre Stellung verbessert, wenigstens nicht verschlechtert würde? Ja, wenn er den Fürsten einen Bund der Städte, Ritter und Bauern hätte entgegenstellen können! Aber die Feindschaft zwischen Rittern und Städten und die Verachtung der Bauern war so eingefleischt, so mit allen Anschauungen und geschichtlichen Erinnerungen zusammenhängend, dass der genialste Mann sie nicht hätte überwinden können und dass, wäre ein solcher Bund zustande gekommen, das Ziel nicht ohne furchtbare Bürgerkriege hätte erreicht werden können.
Am ersten konnten die Fürsten bei der Reformation zu gewinnen hoffen, wenn nämlich sie bei der Besetzung der zu schaffenden Reichsinstitutionen den Hauptanteil bekamen, und so brachten sie denn auch im Laufe des 15. Jahrhunderts mehrere, meist von Martin Mayr erdachte, Reformpläne vor. Allein die Gegensätze zwischen den Fürsten waren zu groß, ihre Absicht, die eigene Macht zu vermehren, zu offenkundig, als dass sie Anklang hätten finden können. Die verfeindeten Häuser Brandenburg und Wittelsbach dachten die Reform als Kampfmittel gegeneinander zu gebrauchen, und alle Fürsten hofften, durch sie die in ihren Territorien gelegenen Städte und Ritterschaften sich unterwerfen zu können. Man gewöhnte sich daran, auf den Tod des Kaisers als auf den Zeitpunkt zu blicken, wo die schwierigste Hemmung wegfallen würde, umso mehr als sein Sohn Maximilian freudig sich der großen Angelegenheit widmen zu wollen versprach.
Im Jahr 1459 war dem ungleichen Paar, Friedrich von Österreich und Leonor von Portugal, der erste und einzige Sohn, Maximilian, geboren, der mit ebenso viel Ungestüm seiner Stunde zu großen Taten entgegensah, wie das Volk mit Ungeduld und Vertrauen seinen Regierungsantritt erwartete. Denn der Jugendliche war ganz und gar das Gegenteil seines Vaters, begierig, das noch schwankende Ostreich in feste Hand zu fassen, aber auch Vater und Mehrer des Heiligen Römischen Reichs zu werden.
Außer dem ersten königlichen Habsburger, Rudolf, ist Maximilian der erste Kaiser, von dessen äußerer Erscheinung wir uns ein überzeugendes Bild machen können; vielleicht ist es auch das, was ihn uns so besonders nahebringt.

Maximilian II. (* 31. Juli 1527 in Wien; † 12. Oktober 1576 in Regensburg), zeitgenössisch auch „Maximilian der Ander[e]“, war Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Erzherzog zu Österreich von 1564 bis 1576.
Wir sehen ihn so, wie ihn Dürers Meisterhand kurz vor seinem Tode gezeichnet hat.

Das Bild zeigt Maximilian alt, ganz ausgereift, aber ohne ein Zeichen der Auflösung.
Die Züge sind scharf ausgeprägt, mit keinem anderen Gesicht vergleichbar, sehr vornehm, sehr hoheitsvoll und doch voll Güte. Maximilian wurde nicht verkannt, wenn er, wie er gern tat, in einem schäbigen alten Wams einherging; sein Gesicht verkündigte seine Würde. In den Falten um Augen und Mund liegt ein ganz leises Lächeln, die Spur eines Humors, der die Parade des Lebens mit leichtem Zweifel betrachtet, nicht wie ein religiöser Mensch, dem sie Schein ist, sondern wie einer, der weiß, dass er eine Rolle in einem Drama zu spielen hat. Den Hermelin, der ihm zugeteilt ist, trägt er mit Anstand und möchte ihn nicht lassen; aber es ist ihm bewusst, dass er dem Theater gehört, ihn zwar verpflichtet, die seiner Rolle angemessenen Taten zu tun, sein eigentliches Wesen jedoch nichts angeht. Diese Eigenart, die Dinge nicht bis zum äußersten ernst zu nehmen, gab ihm Überlegenheit, aber auch etwas Dilettantisches und war insofern Ursache einer Schwäche. So wenig geblendet er durch die Requisiten des Lebens war, so verwandt fühlte er sich dem Leben selbst: er interessierte sich für alles, traute sich alles zu, ergriff alles und riss durch sein warmes Eingehen alle mit. Es kam ihm mehr darauf an, möglichst viel Leben an sich zu reißen, als in einer Sache Meister zu sein; war er doch Kaiser. Bei aller Umgänglichkeit, Leutseligkeit und Skepsis war er doch erfüllt von seiner Größe. Seiner freien Art lag nichts ferner als Pose, als sich auszustaffieren mit erklügelten Gebärden; aber in den Pausen seines atemlosen Lebens war er beschäftigt, Denkmäler seines Ruhmes aufzutürmen, die zugleich die seines Hauses und des Reiches waren.
Maximilian war 34 Jahre alt, als sein Vater starb. Schon zwei Jahre später fand der denkwürdige Reichstag von Worms statt, von dem man nach dem Urteil Mösers den Beginn eines neuen Zeitalters für Deutschland datieren sollte. Er nennt den das ganze Reich umfassenden Ewigen Landfrieden, der hier verkündigt wurde, eine große und glückliche Konföderation, durch welche das dem Auseinanderfallen nahe Reich noch einmal zu einem lebens- und handelsfähigen Organismus zusammengefasst sei. Die Fehde wurde nicht für einen beschränkten Zeitraum, sondern für immer aufgehoben, sie hörte auf, ein unter gewissen Umständen zulässiges Rechtsmittel zu sein. Sicherlich musste es außerordentliche Folgen sowohl für das öffentliche Leben wie auch für die einzelne Person haben, dass nun in allen Streitfällen der Prozess an die Stelle der Waffen trat. Da gleichzeitig das Söldnerheer mehr oder weniger allgemein die ständigen Heere ersetzte, entwöhnten sich allmählich alle Schichten des Volkes der Waffen, das Volk wurde friedlich, Rohheit und Gewalttätigkeit beschränkten sich auf die Söldner und Landsknechte, auf den Auswurf der Gesellschaft. Menschen, die sich im 15. Jahrhundert noch als ritterliche Unholde, als verwilderte Helden gebärden konnten, wurden schlechtweg als Verbrecher angesehen. Freilich liefen die Unbewaffneten Gefahr, den Bewaffneten gegenüber eine gutartige und respektable, aber schüchterne oder gar feige Lämmerherde zu werden. Auch die Anarchie hat Vorzüge, auf ihrem unsicheren Boden erwachsen starke Persönlichkeiten, erwachsen alle die Mittel der Selbsthilfe, durch die während des hohen Mittelalters gerade das Bürgertum so rühmliche Ergebnisse erkämpfte. Doch indessen wären Besorgnisse dieser Art überflüssig gewesen. Der Ausspruch, es fehle nicht an guten Gesetzen, sie müssten nur ausgeführt werden, konnte auch auf das Fehdeverbot angewendet werden. Es wurde so wenig beobachtet, als wenn der Reichstag zu Worms ein Auftritt in einem Theaterstück gewesen wäre. Im Jahr 1499, also ein Jahr später, unterwarf der Erzbischof von Trier die Reichsstadt Boppard, ohne dass jemand der Vergewaltigten zu Hilfe gekommen wäre.
Allerdings gelangte auch die bessere Hälfte des Fehdeverbots, das Kammergericht, noch nicht gleich zu regelmäßiger und durchgreifender Tätigkeit. Dennoch war es etwas Großes und Bedeutendes, dass ein Gesetz in Übereinstimmung von Kaiser und Ständen geschaffen war, auf das immer wieder zurückgegriffen werden konnte. Nach fast hundertjährigem Projektieren und Experimentieren schien die vielberedete Reformation endlich zustande gekommen. Auf einem Reichstag zu Nürnberg hatte der Abt Trithemius gesagt, es sei viel vorgeschlagen, besprochen und erwogen, aber außer Worten sei nichts ausgerichtet, weil alle nur den eigenen Vorteil gesucht hätten. Das war nun anders geworden: auf kaiserlicher und auf ständischer Seite stand je ein Mann, der bei allem natürlichen Eigennutz doch den ehrlichen Willen hatte, die Reformation im Interesse des Reiches durchzuführen, allerdings in ganz verschiedenem Sinne, der eine wesentlich monarchisch, der andere wesentlich aristokratisch; die beiden Männer waren Maximilian und der Erzbischof von Mainz, Berthold von Henneberg. Das Ringen der beiden hat den großen Reichstagen zu Beginn des 16. Jahrhunderts den dramatischen Charakter gegeben.
Berthold aus dem Geschlecht der Grafen von Henneberg wurde 1484 mit 43 Jahren Erzbischof von Mainz.

Berthold von Henneberg (* 1441/1442; † 21. Dezember 1504 in Aschaffenburg) war Erzbischof von Kurmainz, damit Reichserzkanzler und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches und maßgeblich verantwortlich für die Reichsreform.
Nach allem, was wir von ihm wissen, war er ein untadeliger Mann von konservativer Gesinnung, fest in seinen Überzeugungen, stolz und ernst. Von ihm stammt das erste deutsche Zensurgesetz. Es ist vom 4. Januar 1486 und beklagt den Missbrauch, der mit der göttlichen Kunst des Bücherdrucks getrieben werde, namentlich durch Übersetzungen ins Deutsche, wodurch ins Volk getragen werde, was nur den Gelehrten zuständig sei. Ähnlich wie Geiler von Kaisersberg und Wimpheling sprach er sich frei gegen die übermäßigen Geldforderungen der Kirche, überhaupt gegen kirchliche Übergriffe aus, ohne den päpstlichen Primat anzugreifen. Er war durchaus ein Mann der Ordnung, der an Hand der Tradition die fließenden, unklaren Verhältnisse des Mittelalters in feste, geregelte verwandeln wollte.

Albrecht von Brandenburg, genannt Albrecht Achilles (* 9. November 1414 in Tangermünde; † 11. März 1486 in Frankfurt am Main), aus dem Haus Hohenzollern, war als Albrecht I. ab 1440 Markgraf zu Ansbach und ab 1464 Kulmbach sowie später als Albrecht III.
Es scheint, dass Kurfürst Albrecht Achilles von Brandenburg, der sich zeitlebens mit Reformplänen abgegeben hatte und stolz auf seine Kenntnis der Reichsgesetze war, ihn für die Idee der Reichsreform gewonnen hatte. Es war die letzte Tat des todkranken Mannes, dass er die Wahl Maximilians zum römischen König beförderte; auch seine kaiserliche Gesinnung wird er versucht haben, auf Berthold zu übertragen. Aber wie ganz anders war Maximilian als der Erzbischof! Auch er war für die Reichsreform und nicht nur, weil er es seinen Wählern hatte versprechen müssen, sich dafür einzusetzen. Er fühlte sich so eins mit dem Reich, dass der Wunsch, es zu schirmen und zu stärken, ihm selbstverständlich war. Reich begabt und vielseitig, wie er war, fühlte er sich doch in erster Linie als Feldherr, der an der Spitze eines Heeres den Bestand des Reiches zu sichern hat.
In der Organisation der Landsknechte hat der kaiserliche Dilettant etwas Gründliches und Dauerndes geleistet, zur Kriegführung hatte er eine verhängnisvolle Leidenschaft. Ohne Zweifel hatte er recht, wenn er das Reich in Gefahr glaubte. Seit sie im Jahre 1453 Konstantinopel erobert hatten, waren die Türken rasch vorgedrungen. Schon verheerten ihre räuberischen Einfälle Kärnten, Krain und Steiermark. Ebenso bedrohlich war Frankreich im Westen, besonders seit es versuchte, sich in Italien festzusetzen. Waren auch die Rechte des Reichs in Italien zu bloßen Titeln herabgesunken, wollte Maximilian sie doch nicht preisgeben. Wenn Frankreich Mailand besaß, so konnte es zugleich von Westen und Süden her ins Reich vordringen. Die Aufgabe, Deutschland im Osten und Westen zugleich gegen krieggewöhnte, eroberungssüchtige Mächte zu verteidigen, hätte wohl von einem Herrscher erfüllt werden können, der über die kriegerische Kraft der ganzen Nation verfügte. Das war aber nicht der Fall. Zwang zur Heeresfolge bestand nach altem Herkommen nur für den Zug nach Rom zur Erlangung der Kaiserwürde; im Übrigen war der Kaiser auf das angewiesen, was die Stände an Geld und Truppen bewilligten. Auf jedem Reichstag kehrten die Geldgesuche zur Führung des Türkenkrieges wieder, und so tragisch verknüpft waren die Geschicke des Reichs, dass diese so sehr berechtigte Forderung, die zugleich vom Papst ausging, fast immer abgewiesen wurde, weil die Stände zweifelten, ob die eingehenden Gelder wirklich für den genannten Zweck verwendet würden. Ein so aufrichtiger Patriot wie Gregor von Heimburg bekämpfte die Türkensteuer, als Pius II. selbst, obwohl schwer krank, die Führung des Kreuzzuges übernehmen wollte. Auch hatte man sich schon so sehr daran gewöhnt, Österreich als eine gesonderte Ländermasse zu betrachten, dass man es ihm überließ, die sich heranwälzende Gefahr von seinen Grenzen abzuwenden. Die Folgen zu übersehen, die die Eroberung Ungarns durch die Türken für Deutschland haben würde, waren die Fürsten vollends nicht weitblickend genug. Was sie nicht unmittelbar betraf, das wollten sie sich nichts kosten lassen. Begreiflicherweise empörte es Maximilian, dass ihm ein Reichsregiment an die Seite gesetzt werden sollte, in dem die Fürsten das Übergewicht hätten. So kurzsichtig und selbstsüchtig zwar wie die meisten war Berthold von Henneberg nicht. Den berechtigten Besorgnissen und Forderungen Maximilians verschloss er sich nicht; aber wichtiger als die äußeren Angelegenheiten schien ihm die Ordnung der inneren zu sein. Ehe die Reformation nicht durchgeführt sei, wollte er von der Verflechtung in Kriege mit den Nachbarn nichts wissen.
Der halbhundertjährige Regierungsschlummer Friedrichs III. hatte das Zutrauen der Stände zum Kaiser sehr gemindert; die Unternehmungslust des Sohnes war nicht geeignet, sie zu beleben. Den weiten Horizont, der sich vor seinen Augen rundete, Ungarn, Böhmen, die Niederlande, Spanien, sahen sie nicht, oder er befremdete und erschreckte sie. Maximilian pflegte Geld und Truppen von heute auf morgen zu verlangen, während sie an unendliches Aufschieben und Feilschen gewöhnt waren, und die überraschenden Wendungen und Sprünge, mit denen er sich seinen Weg durch die trugvollen Schliche der Diplomatie bahnte, ließen ihn in ihren Augen unzuverlässig erscheinen. Andererseits, wie hätte er eine starke, geradlinige kriegerische Politik treiben können ohne Geld und Soldaten? Die Umstände und das Verhalten der Stände selbst ließen ihn sprunghafter, leichtsinniger erscheinen, als er war; aber er war es gewiss mehr als der ernste, bedächtige Berthold von Henneberg. Ist es ratsam, mochte dieser denken, die Geschicke des Reiches diesem Mann anzuvertrauen, der, wenn ihn die Geschäfte verärgern, sich in seine geliebten Tiroler Berge schlägt und bei einer Gemsjagd den Gemeinen Pfennig und die Matrikularbeiträge vergisst? Der während des Feldzugs dichtet, der bei den Reichstagsverhandlungen oft so heftig wird, dass man kaum versteht, was er sagt, und von dem man nie weiß, ob er mit dem benachbarten Monarchen im Kriege ist oder über Ehebündnisse verhandelt?
Es war aber durchaus nicht nur die Persönlichkeit Maximilians, die Bertholds Auffassung der Reichsreform bestimmte. Wenn er die Regierungsgewalt in die Hände der Fürsten bringen wollte, so verfolgte er damit das Ziel, das fürstlicher Eigennutz und Machttrieb von jeher im Auge gehabt hatte, das aber auch anders und rechtmäßig zu begründen war. Die Goldene Bulle hatte das Übergewicht der Kurfürsten bereits zum Gesetz gemacht, Berthold von Henneberg befestigte eine vorbereitete Entwicklung, handelte dem Gang der Geschichte gemäß. Er glaubte das Reich stabiler zu machen, wenn er es auf die Stände gründete, als wenn es von den Einfällen und Interessen eines weltpolitisch eingestellten Kaisers abhängig wurde. Dem universalen Kaiser gegenüber vertrat er die nationalen Tendenzen der Zeit, wenn er auch durchaus nicht gleichgültig gegen Verluste des Reichs war. Mit leidenschaftlicher Heftigkeit von Seiten des Kaisers wurde auf den Reichstagen von Freiburg, Lindau, Köln um das ständische oder kaiserliche Übergewicht gerungen. Denn Maximilian, wenn er sich auch darüber stellen konnte, war doch mit Leib und Seele bei allem, was er gerade unternahm. Es kam zu offener Entzweiung, wobei Berthold den herausgesprudelten Zornesausbrüchen des Kaisers die missbilligende Gemessenheit des Kirchenfürsten entgegensetzte. Man sagte vom Kaiser, die Rede fließe ihm wie geschmolzenes Gold von den Lippen; diesmal siegte seine Überredungskunst nicht. Unter dem Misserfolg würde er unsäglich gelitten haben, wenn sein elastischer Geist nicht rasch zu anderer Tätigkeit übergegangen wäre, an der er sich erfrischte. Berthold war nicht so leicht zu erschüttern, aber auch nicht so leicht abzulenken und zu beruhigen. Wie bitter enttäuschten ihn seine Mitstände, die Fürsten, deren Sache er vertrat, und die mit ihrem Eigennutz, ihrer Kleinlichkeit und Gleichgültigkeit sich der Stellung, die er ihnen zudachte, und seines Eifers so wenig wert zeigten. „O liebe Herren“, sagte er, „es ist wenig Ernst und Fleiß bei den Ständen des Reiches vom ersten bis zum unteren.“ Maximilians Verdacht, er sei durch Frankreich bestochen, traf ihn tief; er erkrankte und starb im Jahr 1504, nachdem er noch den Zusammenbruch der von ihm geschaffenen aristokratisch-republikanischen Reichseinrichtungen erlebt hatte. Es war ein tragisches Ende für einen so redlichen, gewissenhaften Mann; aber tragisch war es auch, dass die rheinischen Fürsten im Allgemeinen nicht mit Unrecht verräterischer Beziehungen zu Frankreich verdächtigt werden konnten.
Befreit von seinem Gegner, gelang es Maximilian, einen Umschwung zugunsten der kaiserlichen Suprematie herbeizuführen. Aber so oder so hielt sich zunächst weder der Gemeine Pfennig noch das Reichsregiment, und was von der Reichsreform übrigblieb, führte zunächst nicht zu einer Stärkung, sondern zu einer beklagenswerten Verminderung des Reiches. Im Zusammenhang mit der allgemeinen Zentralisierung sollten die Reichsteile, die sich dem Reich entfremdet hatten, ihm wieder enger angeschlossen werden, indem sie dem neugegründeten Kammergericht unterworfen wurden; das galt hauptsächlich für die schweizerische Eidgenossenschaft. Einst hatte sie sich im Anschluss an den Kaiser die Selbständigkeit erworben, als reichsunmittelbar sich aller Grundherren erwehrt. Noch mit Siegmund hatte sie in besonders freundschaftlichen Beziehungen gestanden und ihm als Kaiser gehuldigt. Das änderte sich, als Friedrich III. zur Regierung kam und heimtückischerweise die französischen Armagnaken gegen sie hetzte. Durch die Erhebung der Dynastie Habsburg zu einer Art Erbkaisertum nahmen von nun an die Kaiser an der Erbfeindschaft teil, die zwischen der Eidgenossenschaft und Habsburg bestand. Allerdings, wäre das auch nicht gewesen, hätte sich die längst ihrer Unabhängigkeit und Stärke frohe Eidgenossenschaft, die gerade damals unter die Großmächte als ihresgleichen getreten war, der Jurisdiktion des Kammergerichts nicht unterstellt. Eine kriegerische Auseinandersetzung folgte, in der Maximilian wie fast immer seine persönliche Tapferkeit und Energie vergeblich einsetzte, da das Reich ihn ungenügend unterstützte. In dem Frieden, der den Schwabenkrieg beendete, wurde die Unabhängigkeit der Eidgenossen vom Kammergericht anerkannt, wenn sie sich auch noch Verwandte des Reichs nannten.
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Die Kirchenreform
Die Kirchenreform
Dass die Reformation der Kirche die Deutschen von oben bis unten mehr als die des Reiches und mehr im gleichen Sinne beschäftigte, hat verschiedene Gründe, deren wesentlicher der ist, dass dem Reich Mangel an Wirksamkeit, der Kirche ihr Übermaß vorzuwerfen war. Man konnte zweifeln, was und wie viel vom Reich verlangt werden sollte, man war sich einig über das, was man von der Kirche nicht länger ertragen wollte. Der Umstand, dass der Staat zwischen Kaiser und Ständen geteilt war, hatte zur Folge, dass sich in Hinsicht auf die Reform verschiedene Interessen kreuzten, während alle vom Kaiser bis zum armen Mann sich irgendwie von der Kirche geschädigt fühlten. Da Italien tatsächlich vom Reich getrennt war, fingen die Deutschen an, den Papst als eine ausländische Macht zu betrachten, und die Anklagen gegen ihn wurden gesteigert durch das Feuer des nationalen Bewusstseins, das jedem Kampf besonders in den unteren Schichten des Volkes einen Schein von unbestreitbarer Berechtigung, ja von Heiligkeit zu geben pflegt.
Die Sittenlosigkeit und Unwissenheit des Klerus war, wie erheblich auch immer, doch nicht so groß, wie sie ausgeschrien wurden; es sollte sich bald zeigen, wieviel tüchtige, ja hervorragende Elemente sowohl unter den Bischöfen wie unter Pfarrern und Mönchen sich noch befanden. Unbestreitbar aber hatte die Kirche einen anderen, einen massiven, aufdringlich unverschämten Fehler: sie war zu reich. Sie brütete wie ein Lindwurm auf sagenhaft unermesslichen Schätzen unbeweglich, wartend, dass die goldenen Eier anschwollen und sich mehrten. Hier war der Hort, den Reineke dem König vorspiegelte. Voll grimmigen Neides umschlichen ihn die Braun und Isegrim sowohl wie die Hinz und Henning und sogen sich mit blanken Augen an dem feisten Wanst des Wurmes fest. Er sah mit stillem Lächeln die Gier entbrennen, denn er war durch kanonisches Recht und Reichsgesetze gesichert. Das Kirchengut durfte nicht angetastet und seiner Bestimmung nicht entfremdet werden: man nannte das Inalienabilität; wer wagen sollte, sich kirchlichen Besitz anzueignen oder ihn für andere als kirchliche Zwecke zu verwenden, würde nicht nur von der Hölle verschlungen, sondern von Acht und Bann getroffen werden. Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass trotz wachsender Raublust die Schenkungen an die Kirche eher zunahmen als sich verminderten; aber das hing zusammen mit der Lehre von den guten Werken, in deren Ausübung die Religiosität der meisten Menschen sich auswirkte. Indessen das Geld hat magnetische Kraft, die unwiderstehlich wird, wenn eine große Menge in verhältnismäßig wenigen Händen angesammelt ist, und es übt sie aus, indem es immer mehr Geld und zugleich mehr Habgier an sich bannt. Die böse Lust wurde in Schranken gehalten, solange die Kirche die einzige Kulturträgerin war und solange das, was ihr vom Volk zugewendet war, in unzähligen Kanälen zu ihm zurückströmte, sei es durch die Armenpflege, durch Schulen oder dadurch, dass die Kirche die Stelle der Banken vertrat. Seitdem aber die Städte einen großen Teil dieser Leistungen übernommen hatten und der Klerus nicht mehr durch vorbildliches Verhalten den Schutz der Gesetze zu verdienen schien, wurde es zum Schlagwort, dass das Kirchengut dem gemeinen Nutzen nicht mehr diene und dass es notwendig sei, es dem gemeinen Nutzen auf irgendeine Art wieder zuzuführen. Gerade das, dass der Reichtum der Kirche nur der Kirche dienen sollte, Besitz in toter Hand war, erschien als unerträgliche Ungerechtigkeit und volkswirtschaftlicher Unsinn, nun sich unter dem Deckmantel des Gottesdienstes die Wollust von Heuchlern und Nichtstuern verbarg. Am meisten Vorteil von der Kirche hatte der niedere Adel. Die ritterlichen Familien pflegten von ihren Kindern die besonders kräftigen zur Heirat auszulesen, die schwächeren wurden in Stiften und Klöstern untergebracht, die man deshalb die Spitäler des Adels nannte. Die Bistümer, auch vielfach in der Hand von Rittern, begannen im 15. Jahrhundert von den Fürsten in Anspruch genommen zu werden; andererseits suchten die Fürsten sich nach Möglichkeit in das Kirchenregiment einzumischen, wozu das Vogteirecht eine Handhabe bot, und die in ihrem Gebiet liegenden Kirchengüter demselben einzuverleiben. Nicht weniger fühlten sich die Städte durch Klöster und Stifte gehemmt und ärgerten sich noch mehr als die Fürsten über die Steuerfreiheit des Klerus; denn die Fürsten konnten sich dadurch entschädigen, dass sie sich von ihren Ständen, zu denen der Klerus gehörte, freiwillige Beiträge zahlen ließen.
Der Kampf um das Bistum Brixen zeigt, wie weit die fürstlichen Ansprüche sich hervorwagten, und welche Anstrengungen die Kirche machen musste, um ihre alte Macht zu behaupten. Bereits war dem Staat mancher Vorstoß in die Festung der kirchlichen Rechte gelungen, und zwar gerade von Seiten besonders kirchlicher Fürsten. So hatten Ferdinand und Isabella, die sich die katholischen Könige nannten, als wären sie es in einer bestimmteren Art als andere, die spanische Kirche in hohem Grad von sich abhängig gemacht, und von dem sehr kirchlichen Herzog Georg von Sachsen wird die Äußerung berichtet, er sei in seinem Land Papst, Kaiser und Deutschmeister. Ähnlich soll sich der Herzog von Cleve ausgesprochen haben, und sicher war dies das geheime Ziel aller Staatsmänner. Während sie es zu erreichen suchten, indem sie irgendeine Gelegenheit benützten, in eine zufällige Lücke zu schlüpfen, kämpfte Gregor von Heimburg grundsätzlich. Er fuhr fort, den Primat des Papstes zu bestreiten, und riss einige Fürsten, sogar geistliche, mit sich fort. Erzbischof Jakob von Trier verlangte ein Konzil, um einen Druck auf den Papst auszuüben; nach seinem Tod setzte Dietrich von Erbach, Erzbischof von Mainz, seine Politik fort, unterstützt und angespornt durch den Heidelberger Martin Mayr, seinen Kanzler. Die Ausschreibung eines Ablasses durch den Papst verstärkte die Opposition; denn die Beschwerden, die man gegen den Papst hatte, betrafen zumeist die finanzielle Ausbeutung, und deren ertragreichstes Mittel waren neben den Annaten die Ablässe, die von Zeit zu Zeit verkündet wurden.

Jakob von Eltz, eigentlich Jakob von und zu Eltz, auch Jakob zu Eltz (* 1510 auf Burg Eltz bei Münstermaifeld; † 4. Juni 1581 in Trier), war von 1567 bis zu seinem Tode 1581 als Jakob III.

Dietrich von Erbach (1434-1459) Mainzer Erzbischof
Getragen von der allgemeinen Entrüstung, schrieb Martin Mayr im Jahr 1457 einen Brief an Enea Silvio Piccolomini, in welchem er das Wesentliche, was die deutsche Nation dem Papst vorwarf, in 10 Punkte zusammenfasste.

Enea Silvio Piccolomini (1405–1464), einer der bedeutendsten Humanisten und Diplomaten der Frührenaissance, wurde 1458 zum Papst gewählt.
Sie betrafen die Eingriffe des Papstes in die Wahl der Prälaten, deren Freiheit durch Dekrete des Konstanzer und Baseler Konzils gesichert war, übertriebene Geldforderungen wie die durch Ablässe, Türkensteuer und über das festgesetzte Maß hinausgehende Annaten, schließlich Eingriffe in die Gerichtsbarkeit, indem der Papst alle Prozesse vor sein Tribunal zu ziehen suchte. Wenn diese Missbräuche nicht abgestellt würden, werde es zum Abfall von Rom kommen.
Dieser Brief Martin Mayrs hätte noch größere Wirkung ausgeübt, wenn der Druck damals schon erfunden gewesen wäre; aber unter den Gebildeten wurde er verbreitet und ist denkwürdig als das erste halböffentliche Dokument, das die Beschwerden der Deutschen gegen den Papst aufzählte. „Tausend Schliche werden ersonnen“, hieß es in dem Brief, „wie der Römische Stuhl uns Barbaren das Geld auf eine feine Art aus dem Beutel ziehen kann. Unsere ehemals so berühmte Nation, die mit ihrer Tapferkeit, ihrem Blut das Römische Reich zusammengebracht hat und die Herrscherin und Königin der Welt war, ist jetzt in Armut gestürzt, Sklavin und zinsbar geworden.“ Wenn sich Martin Mayr an Piccolomini wandte, geschah es wohl deshalb, weil man wusste, welchen Einfluss er im Interesse des Papstes auf den Kaiser ausgeübt hatte, und weil er unter allen Italienern der einzige war, der die deutschen Verhältnisse gut und aus eigener Anschauung kannte. Piccolomini gab zu, dass die Deutschen dem Heiligen Stuhl Geld darbrächten, sie aber hätten von Rom den christlichen Glauben empfangen. Wer habe dem andern mehr gegeben?
Zu so höhnischer Antwort berechtigte Piccolomini die Bestechlichkeit der Fürsten. Sowohl Trier wie Mainz ließen sich die Opposition abkaufen, wenn nur genug gezahlt wurde. Es gelang in diesem Fall dem Markgrafen Albrecht Achilles, den Mainzer für den Kaiser und damit für den Papst zu gewinnen, Martin Mayr ging zum Pfalzgrafen über, der in der Hoffnung, römischer König zu werden, die Opposition weiterführte.

Dietrich von Isenburg (* 1412, † 1382)
Ein Jahr schon, nachdem Martin Mayr seinen berühmten Brief erlassen hatte, wurde Piccolomini Papst; noch ein Jahr später starb Dietrich von Erbach, und Dietrich von Isenburg, der neugewählte Erzbischof, nahm den von seinem gealterten Vorgänger aufgegebenen Kampf gegen Papst und Kaiser wieder auf. Zum Zeichen seiner Gesinnung nahm er Gregor von Heimburg in seinen Dienst, der damals die Sache Siegmunds von Tirol gegen den Papst vertrat. Weite Kreise im Reich verfolgten die große Auseinandersetzung im kleinen entlegenen Tirol mit lebhafter Teilnahme, die Verfluchung Heimburgs, seinen Appell an ein künftiges Konzil und alle Freunde unschuldig durch eine gewalttätige Übermacht Verfolgter. Auf mehreren Tagungen ballte sich die Opposition so mächtig zusammen, dass ein entscheidender Schlag bevorzustehen schien; aber wieder gelang es Papst und Kaiser, die Front der Gegner aufzulösen, namentlich dadurch, dass sie den Gegensatz zwischen Pfalz und Böhmen benutzten, die beide nach der Königskrone strebten. Der Erzbischof von Mainz wurde zur Strafe entsetzt und zog die Stadt Mainz, die ihm treu blieb, mit in seinen Fall.
Eine gesonderte Opposition von Reichsfürsten kam seitdem nicht mehr zustande; anstatt dessen wurden, nachdem die Kirchenreform ganz von der Reichsreform getrennt worden war, die Beschwerden gegen den Papst, auf lateinisch Gravamina, ein Gegenstand der Beratung auf allen Reichstagen. Den Reichstag zu Nürnberg des Jahres 1501 beschäftigte der vom Papst ausgeschriebene Jubiläumsablass. Trotz der Anwesenheit des päpstlichen Legaten ging der Beschluss durch, dass der Ablass nur dann verkündet werden dürfte, wenn das erzielte Geld im Reich bliebe.
Maximilian war auch in seinem Verhältnis zur Kirche ganz von seinem Vater verschieden. Unterordnung unter den Papst lag ihm fern. Kirchlich war er insofern, als er ein Freund der Tradition war und das Verbindende alter, durch lange gemeinsame Übung geweihter Gebräuche fühlte; so hat er die Ausstellung des Heiligen Rockes von Trier erneuert. Im Papst sah er vor allen Dingen den italienischen Fürsten, der eine erhebliche Rolle in der abendländischen Politik spielte und ihm in seinen Kriegen mit Frankreich und in Italien böse Streiche anzetteln konnte. Das Gewicht, das dem Papst seine Ausnahmestellung immer noch gab, war ihm oft sehr im Weg. Als Fürst und Kaiser hatte er Sinn genug für die staatlichen Rechtsansprüche, um eine Beschränkung der kirchlichen Eingriffe zu wünschen, und als ständiger Reichstagsbettler sah er ungern den Strom des deutschen Geldes nach Rom fließen. Indessen war es eine heikle Sache, in der man behutsam vorgehen musste und über die er sich zunächst einmal mit seinen Vertrauten besprach. Des Wortes mächtig, wie er war, liebte er es, mit seinen Humanisten über die großen Fragen der Zeit zu reden.

Sebastian Brant oder Sebastian Brandt (latinisiert „Titio“; geboren 1457 oder 1458 in Straßburg; gestorben am 10. Mai 1521 ebenda) war ein deutscher Humanist, Jurist, Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Basel (1489–1500) und von 1502 bis zu seinem Tod 1521 Stadtsyndikus und Kanzler der Freien Reichsstadt Straßburg.
Einmal berief er Sebastian Brant zu diesem Zweck, ein andermal Geiler von Kaisersberg.

Johann Geiler von Kaysersberg (auch Johannes oder französisch Jean; * 16. März 1445 in Schaffhausen; † 10. März 1510 in Straßburg) gilt als der bedeutendste deutsche Prediger des ausgehenden Mittelalters.
Es war bekannt, wie rückhaltlos sich dieser Geistliche über die Verderbnis der Kirche und des Glaubens zu äußern pflegte; man schrieb ihm den Ausspruch zu, er hoffe zu erleben, dass Gott einen Mann zur Erneuerung der Kirche erwecken werde, und wenn das geschehe, wolle er dessen Schüler werden. Als im Jahr 1509 eine Wendung in den politischen Verhältnissen eintrat, die Maximilian gegen Papst Julius II. aufbrachte, kam ihm der Gedanke, ob es tunlich sei, die pragmatische Sanktion, die die Beziehungen Frankreichs zum Heiligen Stuhl in einer für den Staat vorteilhaften Weise geregelt hatte, in Deutschland einzuführen. Von Wimpheling, dessen Neffe Jakob Spiegel sein Sekretär war, verlangte er ein Gutachten, ob und wie die pragmatische Sanktion auf die deutschen Verhältnisse anzuwenden sei. Wimpheling, der, wie die meisten älteren Humanisten, bei aller Begeisterung für den Kaiser und kaiserliches Ansehen an der Suprematie des Papstes festhielt, riet nicht zur Einführung der pragmatischen Sanktion, dagegen solle vom Papst die genaue Beobachtung der mit dem Reich geschlossenen Konkordate zu erlangen gesucht werden, und zwar auf dem Wege friedlicher Vereinbarung. Er fügte seinem Gutachten die zehn Klagepunkte bei, die Martin Mayr in seinem berühmten Brief vor nun etwa 50 Jahren aufgesetzt hatte.
Ob ein revolutionärer Rat Wimphelings wirkungsvoller gewesen wäre als der vorsichtige? Es ist nicht anzunehmen; denn wie schroff sich auch im Spiel der Gedanken Maximilian oft zu dem Problem stellte, er blieb auf der Ebene des Spiels, wo er sich umso verwegener, weil ganz folgenlos tummeln konnte.
Wie der große Künstler, der ihn gezeichnet hatte, war Maximilian voller Figur: Pläne zu Denkmälern, zu Dichtungen, zu Organisationen, zu heroischen Taten, zu folgenschweren Umwälzungen tauchten wechselnd in seinem tätigen Geist auf. Als er sich mit Wimpheling beriet, dachte er an eine Staatskirche, wie sie in Frankreich begründet worden war; aber schon vorher war ihm ein anderer, höchst merkwürdiger Einfall gekommen, nämlich, ob er nicht selbst Papst werden könne. Schließlich war es noch nicht lange her, dass ein weltlicher Fürst, Felix von Savoyen, Papst geworden war. Als im Jahre 1511 Julius II. erkrankte und dem Ende nahe schien, hielt er den Augenblick für gekommen, das Spiel seiner Gedanken zu verwirklichen. Er überlegte sich, welche Persönlichkeiten mit welchen Mitteln gewonnen werden müssten, und zog den und jenen ins Vertrauen. Dabei schien er bald nur die weltliche Gewalt des Papstes, die sogenannten Temporalien, an sich ziehen, bald selbst den Päpstlichen Stuhl besteigen und dennoch Kaiser bleiben zu wollen.

Amadeus VIII. von Savoyen als Gegenpapst Felix V. (Holzschnitt aus der Schedelschen Weltchronik, 1493) September 1383 in Chambéry ; † 7. Januar 1451 in Genf ), war von 1391 bis 1439 Herzog von Savoyen.
Seiner Tochter Margarete, die an Stelle seines jungen Enkels Karl die Niederlande regierte und die ihn zu einer neuen Heirat ermunterte, schrieb er, er habe nicht im Sinn, eine Frau zu nehmen, wolle vielmehr vom Papst sich zu seinem Koadjutor ernennen lassen, um nach dem Tod desselben Papst zu werden. Er wolle, schrieb er in seinem mit souveräner Willkür behandelten Altfranzösisch, das die Naivität und den Humor seines Einfalls verdoppelt, Papst und dann ein Heiliger werden, damit sie nach seinem Tod gezwungen sei, ihn anzubeten, „dont je me trouveré bien gloryoes“. Ob er im Ernst für möglich hielt, die eifersüchtigen Großmächte würden einer so ungeheuren Vermehrung seiner Macht gleichgültig zusehen? Vielleicht interessierte ihn hauptsächlich, was für ein Gesicht seine kluge Tochter bei der Aussicht machen würde, ihren leichtbeschwingten Vater als Heiligen anbeten zu sollen. Die Genesung des Papstes machte diesen Phantasien um die Tiara ein Ende. Man begreift, dass die Florentiner sagten, über Maximilian reden sei ebenso wie über die Trinität disputieren.
Wie sehr für Maximilian das politische und kriegerische Interesse im Mittelpunkt stand, zeigte sich, als er anfangs das Konzil von Pisa unterstützte, das die Reformation der Kirche durchführen sollte, dann aber, nachdem er mit dem Papst versöhnt war, die Beschlüsse desselben für nichtig erklärte und das Lateran-Konzil beschickte, das Julius II. dem Pisaner entgegenstellte und das gehorsam für die Verstärkung seiner Macht sorgte. Es wurde im Jahr 1517 durch Leo X. geschlossen.
Wenn Maximilian in seiner Haltung schwankte, so hielten die Stände doch grundsätzlich fest an ihren Beschwerden. Seit dem großen Reichstage von 1495, wo die Reichsreform alles andere zurückgedrängt hatte, erschienen die Gravamina auf jeder Reichsversammlung wieder.

Julius II., ursprünglich Giuliano della Rovere (* 5. Dezember 1443 in Albisola Superiore bei Savona (Ligurien); † 21. Februar 1513 in Rom), war vom 1. November 1503 bis zum 21. Februar 1513 römisch-katholischer Papst.
Gesandtschaften an den Papst, um sie zu überbringen, wurden beschlossen, kamen aber nicht zur Ausführung. Es waren allmählich hundert Klagepunkte geworden, von denen ein Teil die römische Verwaltung, ein Teil das Finanzwesen, ein Teil die Prozesse betraf. Es wurde von dieser offiziellen Seite nur die causa reformationis in Betracht gezogen, die das Konstanzer Konzil von der causa fidei, der Glaubensfrage, abgesondert hatte. Diese beschäftigte das so vielfach von den hussitischen und waldensischen Sekten beeinflusste Volk. Man möchte glauben, dass solchen Kreisen jener ungenannte Elsässer nahestand, dessen Gedanken über die Reichs- und Kirchenreform auf uns gekommen sind. Wie er den rechten Kaiser in die Nähe Gottes rückt, so stellt er die rechten Priester Engeln gleich; aber er findet nicht, dass es rechte Priester gebe. Sie sind alle verweltlicht, ganz und gar verwerflich, man soll sie in den Türkenkrieg schicken und die Pfaffenkinder verhungern lassen. Die Kirchengüter und geistlichen Fürstentümer sollen eingezogen werden. Jeder fromme Mann kann Priester sein, die guten Werke nützen nichts, wenn das Gemüt nicht zu Gott gewendet ist, auch der Ablass hat keinen Wert, denn nur Gott verzeiht dem Reuigen seine Sünde. Die Messe soll in deutscher Sprache gefeiert werden, denn kein Gebet ist so herzlich andächtig wie in der Muttersprache. Der Papst und alle Geistlichen sind dem weltlichen Recht unterzuordnen, das kanonische Recht muss verschwinden. Gott hat niemandem Ehelosigkeit, im Gegenteil, er hat die Ehe geboten, deshalb wird der Zölibat und werden auch die Klöster aufgehoben. – Das war keine Reformation mehr, sondern eine gewaltige Revolution im ketzerischen Sinne; aber diese Gedanken wühlten nur in der Tiefe, züngelten zufällig einmal ans Licht und verschwanden wieder.
Heftiger und schonungsloser als die offiziellen Aktenstücke, die immerhin auch eine scharfe Sprache führten, waren einige von privater Seite veröffentlichte Äußerungen. Auf dem Reichstag zu Worms 1495 erschien eine Schrift von dem Vertreter Magdeburgs, Hermann von Hermannsgrün, die darin gipfelte, dass dem Papst, wenn er die Kaiserkrone einem Franzosen zuwenden sollte, von den Deutschen der Gehorsam zu kündigen sei. Das hätte Trennung von Rom, Gründung einer Reichskirche bedeutet. Dreiundzwanzig Jahre später war noch keine Beschwerde erhoben, die Kirche triumphierte, auf dem Reichstag zu Augsburg 1518 verlangten Papst und Kaiser gemeinsam einen Zehnten für den Türkenkrieg. Maximilian drohte denjenigen, die ihn verweigern würden, mit Reichsacht und Kirchenbann.
Während die Stände mit ihrem Votum zögerten, erschien ein Flugblatt unter dem Titel Oratio dissuasoria, eine Rede, die von der Bewilligung des Zehnten abmahnte. Das war nicht die wohlabgewogene Sprache einer Kanzlei, sondern der leidenschaftliche Erguss eines Entrüsteten, eines verzweifelten Patrioten. Es sei eine gute Sache, den Türken zu bekämpfen, sagte er, aber unter diesem Vorwand das arme Volk auszuplündern, das sei ein ärgeres Verbrechen als alle Untaten der Türken. Nicht auf das Geld komme es an: das Unerträgliche sei, dass der Satan sich in den Engel des Lichtes verstelle, dass in den Becher der Frömmigkeit Gift gespritzt werde, dass das Volk, im Glauben, gottgefällig zu handeln, der Habsucht opfere, die die Mutter der falschen Religion sei. „Den Türken wollt ihr schlagen? Ich billige eure Absicht, aber ich fürchte sehr, ihr irrt euch im Namen. Sucht ihn nicht in Asien, sucht ihn in Italien. Gegen den asiatischen kann jeder Fürst sich selbst wehren, den anderen zu bändigen reicht die ganze christliche Welt nicht aus. Jener liegt mit seinen Nachbarn ab und zu im Kampf und hat uns noch nicht geschadet, dieser wütet überall und dürstet nach dem Blut der Armen, diesen Höllenhund könnt ihr auf keine andere Art als mit einem goldenen Strom beschwichtigen.“ Ebenso scharf war die Denkschrift des Bischofs von Lüttich, eines Grafen von der Mark. „Von der Hölle aus ging eines der ärgsten Tiere“, hieß es darin, „die Geldgier, die Wurzel alles Übels.“ Für den Verfasser der Oratio dissuasoria hielten viele den Ritter Ulrich von Hutten; dieser aber hatte in einer Schrift zur Bewilligung der Zehnten aufgefordert, in der er freilich, hin- und hergerissen zwischen seiner Anhänglichkeit an den Kaiser und der Einsicht in die Notwendigkeit des Türkenkriegs auf der einen Seite und dem Hass und Argwohn gegen den Papst auf der anderen, nicht umhin konnte, ein Übergewicht dieses Hasses spüren zu lassen. Wahrscheinlich hat ein Würzburger Domherr, Friedrich Fischer, die Oratio geschrieben; es waren also zwei hohe Geistliche, die einen so unverhüllten, beleidigenden Angriff auf das Kirchenoberhaupt wagten. Das Bedenkliche der wirtschaftlichen Zustände, hervorgerufen, wie man annahm, durch die Ausbeutung von Seiten Roms, machte blind gegen die Gefahr der Türkenkriege; wenigstens traute man den regierenden Häuptern nicht zu, dass es ihnen mit der Abwendung der Gefahr Ernst wäre. Die päpstlich-kaiserlichen Forderungen wurden abgelehnt, und zwar mit Hinblick auf den armen Mann, das vielgeplagte Volk, auf das alle Abgaben abgewälzt zu werden pflegten, und das nicht noch mehr belastet werden dürfe. Bereits waren im südwestlichen Deutschland Bauernaufstände ausgebrochen und hatten die Herren erschreckt. Man sagte sich, dass die Aufständischen mit ihren Klagen nicht durchaus im Unrecht waren; Befürchtungen, dass eine allgemeine Erhebung des bedrückten Volkes bevorstehe, wurden häufig ausgesprochen. Sei es nun, dass die Stände ernstlich daran glaubten oder nicht, sie wollten ihren Unwillen über das Ausbleiben der Reformation zeigen, indem sie ihren Beutel verschlossen.
Traurig ritt der Kaiser von Augsburg fort, wo er so oft auf der Höhe des Lebens getagt, gescherzt, getanzt hatte; jetzt mahnte ihn die über seine Seele sinkende Dämmerung, dass er es nicht wiedersehen werde. Als er in Innsbruck, die vor allen geliebte Stadt in den Bergen, einkehren wollte, schloss sie die Tore vor ihm zu, weil er ihr ohnehin viel schulde. „Er wird ein Streuhütlein werden“, hatte sein Vater, der sparsame Friedrich, von dem Kind gesagt, als es bei der gestellten Wahl nicht nach dem Goldstück, sondern nach dem Apfel griff, und wirklich hatte er das Geld nie festhalten können. „Der Kayser war ein herr von oesterreich“, berichtet eine Chronik von Maximilian. „Er war fromm und nicht von hoher vernunft und war stets arm.“ Wie ein abgewiesener Bettler ritt der kranke Herr weiter nach Wels, wo er am 12. Januar 1519 starb. Er war noch nicht 60 Jahre alt geworden.
Das Bild des seinem Ende nahen Kaisers, das in seinem kleinen Stüblein auf der Augsburger Pfalz Dürer von ihm zeichnete, versteht man erst recht, wenn man das Bild des jungen Maximilian damit vergleicht, das Lukas von Leyden gemalt hat.

Maximilian von Lukas von Leyden gemalt
Trotz der kennzeichnenden höckerigen Nase, und wenn wir auch die gleichen Züge wiederfinden, ist doch kaum ein Zusammenhang zwischen dem blonden, weichen, ganz ungeprägten, ganz empfänglichen Prinzengesicht und dem souveränen Haupt des scheidenden Kaisers. Die Spuren eines reich ausgefüllten, weit ausgreifenden Lebens sind hier zu einem ergreifenden Akkord gesammelt. Lag vielleicht ein Keim der Schwermut auf dem Grunde dieser unermüdlich tätigen, elastischen, heiteren Seele? Schöpfte er rastlos die unzähligen Quellen seines Reiches aus, damit der dunkle Keim nicht aufschießen und ihn überschatten könne? Dem unvergesslichen Antlitz haben sich ebenso sehr die Strapazen eines mehr an Mühsal als an Erfolgen reichen Lebens eingegraben wie die Einsicht in bodenlose Tiefen und klägliche Unzulänglichkeiten alles Menschlichen, und ebenso sehr wie hohe Würde scheint unausgesprochenes Leiden Distanz zu gebieten.
Es ist schicksalhaft, dass Maximilians Körper nicht in Innsbruck, sondern in Wiener-Neustadt begraben liegt; denn nicht seiner Person gilt die übermenschliche Gedächtnisfeier, die die ehernen Kolosse an seiner Tumba in der Hofkirche zu Innsbruck begehen, sondern dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, des in einem Glauben einigen. Er ist ein Letzter, dessen hier voll Ehrfurcht gedacht werden soll, der Letzte einer stolzen und tragischen Reihe. Bild ist hier die Klage geworden, die zu seinen Lebzeiten, von Sebastian Brant ausgesprochen, aus vielen Herzen brach: „O Deutschland, hülle dich in Trauer, denn das Zepter wird aus deiner Hand genommen werden! Wer gibt meinen Augen Tränen, um den Zusammenbruch des Reiches zu beweinen!“
* * *
Kultur
Kultur
Nicht Sebastian Brant allein witterte Verfall und Untergang, aber kaum einer hat der bangen Ahnung so bestimmten Ausdruck gegeben wie er in seinem großen Brief an seinen Freund, den Patrizier und Humanisten Peutinger in Augsburg.

Konrad Peutinger (* 14. Oktober 1465 in Augsburg; † 28. Dezember 1547 ebenda) war ein Jurist, Humanist und Antiquar.
Er sieht die drohenden Vorzeichen, die andere nicht bemerken. „Keine besseren Zeiten werden kommen, im Gegenteil, ich fürchte schlimmere, da ja alles zu Verderben und Sturz sich hinneigt!“ Ein Gefühl war verbreitet, wie es die Kreatur vor einem Gewitter oder Erdbeben beschleicht, als verdunkle sich das Licht, als senke sich der Himmel tiefer als sonst hinab, als höre die Natur auf zu atmen.
Diese Ahnung unabwendbaren Unheils bemächtigte sich der Deutschen zu einer Zeit hoher kultureller Blüte, deren Pracht die Nachkommen zum Neid auf ein so harmonisches Zusammenwirken geistiger Kräfte bewegt. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts sagte Enea Silvio Piccolomini, Deutschland sei noch nie so reich und glänzend gewesen, und andere sagten dasselbe mit ähnlichen Worten. In den hundert Jahren von 1450 bis 1550 ist, mit Ausnahme der Kirchen, das meiste von dem entstanden, was wir heute als Zeugnis des schönen mittelalterlichen Stadtbildes bewundern. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts und im Laufe des 16. bauten sich fast alle Städte neue Rathäuser oder bauten wenigstens die älteren um, bauten die Zünfte sich neue Versammlungshäuser, die Patrizier und die Handwerker sich Wohnhäuser, die ihrem vermehrten Wohlstand, ihrem verfeinerten Geschmack, ihrem zunehmenden Bedürfnis nach Bequemlichkeit entsprachen. Überall in Deutschland, wo nicht Krieg oder Feuer oder Großstadtbedürfnis zerstört haben, treffen wir auf den mittelalterlichen Kern, der durch seinen malerischen, Auge und Gemüt befriedigenden Charakter so merklich von der modernen Umgebung absticht. Das ist keine Wohnstätte, sondern Heimat; es scheint, als ob glücklichere Menschen hier gelebt haben, die wussten, dass draußen Kampf und Ruhm ist, dass aber das Glück im Innern des Herzens und im Innern des Hauses gesucht werden muss.
Das Fachwerkhaus mit seinem phantastisch vergitterten Holzgerüst mahnt an die Wälder, deren Rauschen einst die deutschen Lande erfüllte, und atmet ihr würziges Aroma in die Straßen aus. Der hohe Giebel und das breite Tor erinnern an das Bauernhaus, das mütterlich schirmend mit dem Menschen zugleich das Vieh und den herbstlichen Vorrat umfasst.

Aus dem Jahr 1526 stammt das imposante Knocherhaueramtshaus am Marktplatz in Hildesheim, das mit der rhythmischen Steigerung seiner Stockwerke wie eine Fuge sich entfaltet und, ohne etwas von der bäuerlichen Geborgenheit zu verlieren, einen monumentalen Baugedanken verkörpert. Die Rathäuser, meist am Anfang des 15., zuweilen schon zu Ende des 14. Jahrhunderts begründet, wurden nun erweitert und geschmückt. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts erhielt das Rathaus der Braunschweiger Altstadt die letzten Laubenvorbauten, durch die das ernste Gebäude in ein Feenschloss verwandelt wurde. Ebenso erhielt das zu Ende des 14. Jahrhunderts errichtete Rathaus zu Wesel seine stolze Fassade hundert Jahre später. Das Rathaus, dem Kaiser geweiht, wie die Kirche Gott, stand in den Grenzen der Weltlichkeit an Würde und Weihe der Kirche nah. Das Recht kommt nach germanischer Auffassung von Gott, wie es der Sachsenspiegel in den bekannten Worten zum Ausdruck bringt: „Gott selbst ist das Recht, und darum ist ihm das Recht lieb.“ Die Grundlage alles irdischen Rechtes ist das natürliche Recht, das Gott den Kreaturen gegeben hat und das allen Satzungen und Gewohnheiten vorgezogen werden muss. Wie die sittliche Ordnung ist es vorhanden gewesen, ehe es einen Staat gab. Durch den Kaiser konnte die Gerichtshoheit den Gliedern des Reiches verliehen werden und besaßen sie die Städte. Ihre Verleihung vollendete die Reichsunmittelbarkeit und war das ersehnte Siegel der Freiheit, gewährte Sicherheit vor den Ansprüchen der Landesherren. In vielen Städten sächsischen Rechts waren sogenannte Rolande als Kennzeichen der Gerichtshoheit den Rathäusern vorgebaut; sie trugen das Schwert zur Handhabung der Gerechtigkeit und zuweilen in der Gürtelschließe das Bild eines Engels mit der Laute als Symbol für den göttlichen Ursprung des Rechtes. Die malerische Ausschmückung im Inneren der Rathäuser pflegte auf alle diese Beziehungen hinzuweisen, etwa durch den Reichsadler oder Bilder der Kaiser oder durch Darstellungen aus der Heiligengeschichte oder der sogenannten Neun guten Helden, nämlich drei heidnischer, drei jüdischer und drei christlicher. In den Ratssälen und Gerichtslauben von Köln, Lüneburg, Goslar und vielen anderen umfängt den Eintretenden, als wäre Weihrauch in der Luft, das Gefühl der überirdischen Bestimmung.
Neue Kirchenbauten wurden im 15. Jahrhundert nur selten unternommen; in Augsburg entstanden zum Beispiel im letzten Viertel mehrere Klosterkirchen und die Kirche Sankt Ulrich und Afra, deren Einweihung in Gegenwart der beiden großen Gegner Kaiser Maximilian und Berthold von Henneberg stattfand. Anbauten erhielten verschiedene Kirchen, so der Dom von Münster die Fassade des einen Querschiffs mit dem herrlichen gotischen Fenster. Wurden neue Kirchen nicht errichtet, so füllten sich doch die alten um die Mitte des 15. Jahrhunderts mit den Altären, Grabmälern, Epithaphien, deren farbiges Gedränge uns den Eindruck einer heiligen, Ahnen und Enkel umfassenden Wunderwelt vermittelt, in der der einzelne willig versinkt. Wenn wir jetzt in den Museen an dem schweigenden Volk der Verklärten vorübergehen, so bemerken wir als Ursprungsjahr meistens Jahreszahlen zwischen 1470 und 1520. Unzählige Bilder und Statuen sind darunter, deren Meister nicht bekannt sind, die aber hochentwickelten Kunstsinn und Kunstfertigkeit verraten und die durch Lieblichkeit und beseelten Ausdruck sich tief einprägen.

Isenheimer Altar von Grünewald
Denkt man dann an die Meisterwerke der Epoche, den Isenheimer Altar von Grünewald, den Freiburger Altar von Baldung-Grien, die Schnitzaltäre von Tilman Riemenschneider und Michael Pacher (Michael Pacher (* um 1435 vermutlich in Mühlen bei Pfalzen, Tirol; † 1498 in Salzburg) war ein Tiroler Maler und Bildschnitzer), die Bildnisse von Dürer, Cranach und Holbein, so glaubt man die schöpferische Kraft des deutschen Volkes gesammelt zu sehen, um das Höchste, was ihm geoffenbart wurde, in vollkommener Form zu schaffen.
Wie die Kirchen sich mit Kunstwerken füllten, so die Häuser mit künstlerisch gearbeitetem Gerät, das nicht nur der Hand bequem, sondern auch dem Auge eine Lust sein sollte. Gerade die geschmackvolle Durchbildung der zum täglichen Gebrauch bestimmten Gegenstände zeigte die Höhe der Kultur, wenn anders Kultur ausgleichend ist, so dass ihre Güter nicht eine einzige oder einige wenige Stellen gleichsam als wunderbare Auswüchse schmücken, sondern allenthalben verteilt sind.

Tilman Riemenschneider (* um 1460 in Heiligenstadt; † 7. Juli 1531 in Würzburg) war ein deutscher Bildschnitzer und Bildhauer sowie Bürgermeister und Freiheitskämpfer. Er zählt zu den bedeutendsten Künstlern am Übergang von der Spätgotik zur Renaissance um 1500.

Albrecht Dürer der Jüngere (auch „Duerer“; * 21. Mai 1471 in Nürnberg; † 6. April 1528 ebenda) war ein deutscher Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker. Mit seinen Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten zählt er zu den herausragenden Vertretern der Renaissance.
Wie die einst so unwirtlichen Ritterburgen durch Teppiche, Truhen und Bilder wohnlich gemacht wurden, so zeigte sich auch in den Dörfern an Kirchen, Häusern, Brunnen und Wegkreuzen die Freude am Schönen. Die neuerfundene Kunst des Buchdrucks brachte auch den Ärmeren Anregung und die erwünschten Nachrichten vom Weltgeschehen durch Flugschriften. Schon am Ende des Jahrhunderts waren in fast allen namhaften deutschen Städten Druckereien in Tätigkeit. Die großen Verleger, die Koberger in Nürnberg, die Froben in Basel, die Quentell in Köln und Lufft in Wittenberg waren hochgebildete Männer, die durch ihre Arbeit ebenso wie sich selbst und nicht selten mehr als sich selbst Deutschland und die christliche Welt bereicherten. Sie haben dem Buchhandel die ehrenvolle Bahn vorgezeichnet, die ihre Berufsgenossen Jahrhunderte hindurch innegehalten haben. Die Bücher, die sie herstellten, schlossen sich zunächst noch der Art der geschriebenen an, ihr Format war unhandlich, die Lettern waren groß und schön, fast jede Seite trug graphischen Schmuck.

Von den Bibeln, die herausgegeben wurden, waren mehrere reichlich mit Holzschnittbildern versehen. Zur Zeit Maximilians war der Holzschnitt so entwickelt, dass bedeutende Künstler sich seiner bedienen konnten, um die anspruchsvollen Pläne des Kaisers auszuführen. Der Triumphzug und die Ehrenpforte, Verherrlichungen seiner Person und seiner Taten, rauschen so festlich vorüber, dass man schimmernde Farben zu sehen und Trompeten blasen zu hören meint. Hervorragende Künstler wurden sehr geschätzt, wenn auch nicht immer entsprechend bezahlt. Dass sie einer Zunft zugeteilt und dadurch dem Handwerk, der Arbeit und bürgerlichen Pflichten verbunden blieben, gehörte wieder zur ausgleichenden Kultur. Verschiedene Künstler haben hohe städtische Ämter bekleidet, so Altdorfer in Regensburg und Riemenschneider in Würzburg. Dass sie dem praktischen Leben sich nicht entfremden konnten, machte sie zu so tüchtigen männlichen Erscheinungen. Ermöglicht wurde der Umfang ihrer Leistungen durch den damals üblichen Schulbetrieb, der die Arbeit der Schüler in den Dienst des Meisters stellte.
Reich und glänzend stellten sich die deutschen Lande dem dar, der sie um die Jahrhundertwende durchwanderte, aber mitten im Überschwang konnte man Zeichen des Untergangs wahrnehmen. An die Vollendung der Leistungen selbst knüpfte sich wohl das Gefühl, dass alles, wie man sagte, zum Höchsten gekommen sei, die Ahnung, dass auf der eingeschlagenen Bahn kein Weitergehen möglich sei, dass der Lebensquell, aus dem das Abendland bisher sich gespeist hatte, ausgeschöpft sei. Aber nicht nur ein Versiegen oder Ausströmen tragender Kräfte machte sich geltend, sondern auch ein Vordringen von etwas Neuem, dem Alten Feindlichem; das war die Verweltlichung. Die große Spannung zwischen dem Himmlischen und Irdischen ließ nach. Noch zwar wiesen die Kunstwerke der Zeit die gotisch-germanische Linie auf, die wie ein zwischen Himmel und Erde zückender Blitz das Bild, indem sie es formt, entzündet. Im Fluge der Engel Dürers und Grünewalds bläst noch der Atem Gottes, der sie entsendete, die Gewänder der Heiligen sind gebauscht von der Erhabenheit überirdischen Schreitens und Schwebens. Ein Augenblick ist da, wo Himmlisches und Irdisches sich durchdringen und ewig gültige Meisterwerke entstehen. Das vermehrte Können ermöglichte den Künstlern, ihren Figuren mehr Beweglichkeit und der Bewegung mehr Natürlichkeit zu geben. Der Mensch erschien nicht mehr als der aus einer Welt des Mangels sehnsüchtig zur Herrlichkeit des Himmels Strebende, sondern als der Herr der Erde, die Krönung der Natur, der in sich Vollkommene. Die Schönheit des menschlichen Körpers begann den Künstler mehr zu interessieren als die Inbrunst seiner Seele. Mit Vorliebe wurde aller irdische Liebreiz über die Maria ergossen: eine mädchenhafte Frau, deren holdseliges Antlitz überhaucht ist von der reinen Flamme mütterlicher Liebe, so wie der Künstler sich die angebetete Geliebte als Mutter seines Sohnes vorstellen mochte.

Hans Baldung (* 1484 oder 1485 in Schwäbisch Gmünd; † September 1545 in Straßburg), auch Hans Baldung Grien nach der von ihm bevorzugten Farbe Grün genannt, war ein deutscher Maler.
Hans Baldung-Grien hat den Marienmythus zu einem deutschen Märchen gemacht: von höchster irdischer Süßigkeit umwoben, wandelt das Königskind durch die Prüfungen, um endlich von seinem königlichen Vater und königlichen Sohn in die liebenden Arme aufgenommen und gekrönt zu werden. Schöne und würdige Altarbilder stellten doch nicht mehr heilige Handlungen, sondern zeremonielle Begebenheiten unter hochgestellten Personen dar, nicht weil sie Gewänder von Edelleuten tragen, sondern weil sie ganz und gar aus irdischer Luft heraus leben.
Die veränderte Auffassung des Menschen in der Kunst wurde von den Zeitgenossen bemerkt. Geiler von Kaisersberg klagte, dass die Maler jetzt, wenn sie ein Bild von Sankt Barbara oder Sankt Katharina machen sollten, Huren malten, die die Priester in der Andacht störten. Die Priester allerdings waren sehr bereit, sich stören zu lassen. Weltliche Gesinnung, das heißt Trachten nach allem, was die Sinnlichkeit, den Ehrgeiz, die Prachtliebe, den Machttrieb befriedigt, ist immer unter den Menschen vorherrschend; aber im Mittelalter wirkte ihr das Streben nach Heiligung entgegen, das im Vorbild der Klostergeistlichkeit und in der Lehre der Kirche, überall, sei es durch Wort oder Bild, gegenwärtig war. Dass die Geistlichkeit aufhörte, ein Vorbild übermenschlicher Tugend zu sein, im Gegenteil das Beispiel des Lasters war, trug sehr zur Ausbreitung der Sittenlosigkeit bei; denn diejenigen, die an ausgezeichneter Stelle stehen, werden von der Masse nachgeahmt. Der Zölibat, sicherlich immer hier und da umgangen, wurde nun offen verhöhnt. In manchen Klöstern wirtschafteten ganze Mönchsfamilien, und man erzählte sich von Haufen kleiner Knöchlein, die bei Frauenklöstern ausgegraben wären. Die satirischen Schriften der Zeit sind voll von Spott und Hohn über die Ausschweifungen der Geistlichkeit, die denen der Laien nicht nachständen. Im Maß, wie die Entwicklung der Geldwirtschaft und der kaufmännischen Betriebe die Möglichkeit dazu vermehrte, ergriff die Sucht, reich zu werden, alle Stände. Man konnte reich werden, wenn man etwas Geld zu wagen hatte, sich an einem kaufmännischen Unternehmen beteiligte, das oft großen Gewinn abwarf; hatte man keins, musste man List oder Gewalt anwenden.
Es geht vom Geld eine anregende und wild aufregende, gemeinmachende Kraft aus. Wie ein Rauschmittel prickelt es auf, lähmt und entnervt, wie manche Gifte wirkt es heilsam in kleinen Dosen, aber da es reizt und niemals sättigt, wird die Grenze fast immer überschritten. Der Mensch ist immer schwach und bestechlich und war es auch im Mittelalter; aber mit Geld lässt sich Bestechung leichter handhaben als mit Naturalien. Schnell nahm die Bestechlichkeit zu, wurde mit großer Schamlosigkeit ausgeübt, und zwar in den höchsten Kreisen am meisten, wo mehr Geld zu vergeben war und mehr gebraucht und genützt wurde. Da Frankreich das reichste Land Europas war, wurden viele deutsche Fürsten heimlich und öffentlich Anhänger Frankreichs. Wie das Beispiel des Edlen, von oben gegeben, hebt, so verdirbt das Beispiel des Gemeinen. Auch die Bauern liefen dem Meistbietenden nach und führten etwa Krieg gegen die eigenen Landsleute. Hielten die Handwerker an dem alten Grundsatz fest, dass der Gewinn eine gewisse Grenze nicht überschreiten solle, damit eine annähernde Gleichheit der Lebenshaltung innegehalten werden könne, so machten sich doch auch unter ihnen die gesteigerten Ansprüche bemerkbar. Man machte sich die Erde zu einem angenehmen Aufenthalt, ohne zu fragen, was dafür zu zahlen war. Das Wort des Apostels: „Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir“, verlor seine Geltung. Anstatt des Bundes mit dem Himmel schloss man einen Bund mit der Erde und feierte ihn durch Essen und Trinken. Wie Ausgehungerte stürzte man sich auf die Kannen und Schüsseln. Das war nicht das festliche Schmausen des Mittelalters, sondern Völlerei. Durch das selbstgefällig gepflegte Schlemmen und die Trunkenheit kam etwas Unflätiges in das Leben der Deutschen, das sie bei den mäßigen Romanen verächtlich machte. Es zeigte sich, dass das Natürliche sehr widerlich sein kann. Die Gelage und das unmäßige Trinken waren hauptsächlich eine Liebhaberei der Fürsten, ebenso die Jagd. Die Jagdleidenschaft erstickte in den Fürsten und Herren jedes Gefühl für Gerechtigkeit, das ohnehin den Bauern gegenüber gering war. Der Bauer, der sich des Wildes erwehrte, das seine Äcker beschädigte, wurde mit unmenschlichen Strafen, wie Ausstechen der Augen, bedroht. Überhaupt waren die Strafen grausamer und brutaler als die Verbrechen. Man weidete sich am Anblick der Todesqualen des Gegners und an Scheußlichkeiten der Justiz, von denen man heute nur mit Schaudern liest. Waren nun auch Rohheit und Unsittlichkeit nicht ärger, als sie früher gewesen waren, so fielen sie doch mehr auf im Vergleich mit der verfeinerten und der wissenschaftlichen Bildung, die nebenherging. War es doch die Zeit, von der Hutten sagte: „Es blühen die Studien, die Geister regen sich; du nimm den Strick, Barbarei, und mache dich auf Verbannung gefasst!“ Und an anderer Stelle: „Mit der Barbarei ist es zu Ende; bisher wurden die Studien gering geachtet, jetzt kehrt man zu wahrer Gelehrsamkeit zurück, die Geister bilden sich.“
Auch hier hatte Nikolaus von Cusa einen großartigen Anfang gemacht. Von der durch die Bibel gewiesenen Ansicht ausgehend, dass die sichtbare Welt ein Bild des unsichtbaren Gottes sei, stellte er den Menschen die Aufgabe, die Natur zu erforschen, um dadurch soweit wie möglich zur Erkenntnis des an sich nicht erkennbaren Gottes zu gelangen. Er verwarf es dabei als unwürdig, sich auf Autoritäten zu stützen, das sei, wie wenn ein Pferd, anstatt frei sich seine Nahrung zu suchen, im Stall fressen muss, was ihm in der Krippe vorgeworfen werde. Er verwarf sogar die Autorität des bis dahin fast heilig gehaltenen Aristoteles. So setzte die neue Macht, die Wissenschaft, sofort als selbstherrlich, furchtlos, rebellisch ein. Sie kam als Befreier, der Zweifel ging ihr als Herold voran. Dieser schwungvolle Anlauf blieb zunächst jedoch ohne Folge. Wenn Piccolomini von den Gelehrten und Adligen Deutschlands sagte, sie seien gute treuherzige Leute, aber sie liebten die Wissenschaft nicht nach seiner Weise, und ihre Lust sei nicht die seine, so urteilte er gewiss im ganzen richtig über die Deutschen seiner Zeit. Auch als es im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts anders wurde, waren doch die Italiener den Deutschen gegenüber sehr im Vorteil, schon weil die Sprache, um deren Reinigung es sich zunächst handelte, die ihrige war.

Lorenzo Valla wurde zwischen 1405 und 1407 in Rom geboren. Er war als Sohn des kurialen Konsistorialadvokaten Luca della Valla stadtadeliger Abkunft.
Wie stolz sagt Lorenzo Valla: „Wir Römer haben die weltliche Herrschaft eingebüßt, aber kraft der glänzenden Herrschaft der Sprache regieren wir noch heute über einen großen Teil des Erdkreises: unser ist Italien, unser Frankreich, Spanien, Deutschland und viele andere Nationen, denn wo die römische Sprache herrscht, da ist römisches Reich.“ In wie sonderbarer Stellung befanden sich die deutschen Humanisten, die diesem Stolz gegenüber den Gebrauch der deutschen Sprache fördern wollten, aber sich selbst nicht gut in ihr ausdrücken konnten. Die reinere Behandlung und tiefere Durchdringung der lateinischen Sprache, wie sie nun üblich wurde, hatte für Deutschland auch Nachteile. Einst waren durch das Einströmen germanischen Geistes in die ausgebildete lateinische Sprache Dichtungen von hinreißender Lebendigkeit entstanden: Hymnen, Trink- und Liebeslieder. Die gefeilten, nach klassischen Mustern gearbeiteten Verse der deutschen Humanisten verhalten sich zu jenen wie ausgestopfte zu lebendigen Tieren. Gregor von Heimburg sagte einmal schön, als man seine tullianische Eloquenz pries, schöner als nach Weise der Bienen Zerstreutes zu sammeln, sei nach dem Vorbild des Wurms, der Seide aus seinem Eingeweide spinne, aus sich selbst heraus reden zu können. Er wolle jetzt das Studium der göttlichen Dinge betreiben, die nicht der Bewässerung durch die Fluten tullianischer Eloquenz, nicht der Redeblümchen Quintilians bedürften, sondern einer Rede, die die Sache erläutere, den Sinn kennen lehre, Dunkles aufhelle. Aber es ist nur selten, wenn überhaupt möglich, in einer fremden, erlernten Sprache Eigenes auf eigene Art zu sagen. Mochte je einmal einer von den gekrönten Dichtern vom Überschwang dichterischer Kraft erfüllt sein, Gestalt vermochte er ihm nicht zu geben. Wir begreifen diesen Dichtern gegenüber, dass Wimpheling sagte: Poesie sei ein Anhängsel der Grammatik und zu nichts gut, als die Silben zu messen. Es ist charakteristisch, dass die Dichterkrönung als greifbaren Gewinn das Recht einbrachte, an Universitäten die freien Künste zu lehren. Hervorragende Leistungen in der Poesie stellten den Dichter dem Gelehrten gleich, verdankte er sie doch seinem Fleiß und seinen gelehrten Kenntnissen.
Im Vergleich mit den italienischen Humanisten haftete den Deutschen etwas Spießbürgerliches, Beschränktes an. Zu einer Zeit, als in Italien die neubelebte Wissenschaft mit großartiger Naivität und stolzer Zuversicht gegen alles Bestehende anstürmte, konnte Enea Silvio Piccolomini Deutschland ein „gleichsam außerhalb der gebildeten Welt liegendes Land“ nennen. Allmählich aber ersetzten deutsche Bedächtigkeit und Gründlichkeit das geistige Feuer und führten zu bedeutenden Leistungen. Das Studium der Sprachen wurde auf durchdachte Art betrieben, die Methode des Erlernens verbessert, Lehrbücher und Grammatiken wurden geschaffen. Auch auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft, die auf den Universitäten von Bologna, Padua, Pisa und Pavia studiert wurden, kam der Anstoß von Italien; aber schon der Umstand, dass das römische Recht in Beziehung zum deutschen gesetzt werden musste, bedingte eine besondere Entwicklung. Ulrich Zasius (Ulrich Zasius (* 1461 in Konstanz; † 24. November 1535 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Jurist und Humanist. Geboren als Ulrich Zäsy hat er später den latinisierten Namen Huldrichus.), das Haupt der deutschen Rechtslehrer, war durchaus nicht für kritiklose Übernahme des römischen Rechtes, er wollte es nur übernommen wissen, soweit es für Deutschland heilsam und seinen Sitten entsprechend sei, hauptsächlich in Bezug auf die juristische Technik und die allgemeinen Rechtsgrundsätze.
Schon im Beginn des 15. Jahrhunderts wurde über das Fehlen allgemeiner leitender Grundsätze und über den Mangel an Einheitlichkeit im deutschen Recht geklagt. Nikolaus von Cusa, auf allen Gebieten führend, schlug vor, die provinziellen Gewohnheitsrechte aufzuzeichnen und allgemeine Rechtssätze aus ihnen abzuleiten. Soweit das Gewohnheitsrecht schlecht sei, solle es abgeschafft oder mit dem allgemeinen Gesetz der Natur und Vernunft in Einklang gebracht werden. Auch haben Aufzeichnungen der Stadt- und Landrechte seitdem vielfach stattgefunden; allein da das römische Recht gelehrt wurde und allgemeine Grundsätze enthielt, war es natürlich, dass diese übernommen wurden. Wo das deutsche Recht einigermaßen einheitlich und gut überliefert war, wie in Bayern und in den Hansestädten sächsischen Rechts, konnte das römische Recht nur langsam eindringen. Wie die anderen Gebiete des menschlichen Geisteslebens, so war auch das römische Recht durch einen Wust von Glossen und Kommentaren überdeckt und entstellt; das Zurückgehen auf die Quellen waren die wesentliche Tätigkeit und das größte Verdienst des Ulrich Zasius. „Vor allem will ich bekennen“, schrieb er, „dass ich allein von dem Texte der Quellen und von wahren und sicheren Gründen, die auf dem Recht oder der Natur der Sache beruhen, abhängen, nur auf diese mich stützen will.“ Der Wirbelwind der Meinungen habe bei ihm nicht das geringste Ansehen, wenn er nicht auf den Quellen des Rechtes oder auf der klaren Vernunft beruhe.
In der Geschichte begann man gleichfalls auf die Quellen zurückzugehen, bemühte man sich um Feststellung der Tatsache, räumte man auf mit den grotesken Vorstellungen, die namentlich in Bezug auf die Herkunft der Nationen und Dynastien mitgeschleppt waren. Daneben freilich entfaltete sich üppig wie je die Konstruktion einer deutschen Urgeschichte, die die deutsche Nation als zur Weltherrschaft berufen darstellen sollte: die heutige deutsche Sprache ist die älteste und wird einst alle anderen Sprachen verdrängen. Schon Adam, der ein deutscher Mann war, sprach sie, und durch Japhet, der vor der babylonischen Sprachverwirrung auszog, ist sie nach Europa verpflanzt worden. Es ist ein garstiger Fehler des Alten Testamentes, dass es von der Wanderung Japhets nichts berichtet; er ist zu Istein im Breisgau bestattet worden. Auch Alexander der Große war ein deutscher Held und Statthalter über das von den Deutschen unterworfene Griechenland. Jerusalem ist von den Deutschen gegründet. Die Amazonen stammen von den Sachsen ab. Die Deutschen waren, als die Söhne Japhets, auch die ersten Christen und haben bei Basel und Trier christliche Tempel gegründet. Das Gegenstück zu der Verherrlichung der Deutschen bildet eine entsprechend verächtliche Ableitung der romanischen und slawischen Völker. Solche Ausgeburten kindlicher Vaterlandsliebe waren dem Volk immer noch willkommen.
In einem merkwürdigen Gegensatz zu so wirrer Phantastik stehen die Leistungen der Deutschen auf dem Gebiet der Mathematik. Auch hier ist Nikolaus von Cusa führend. Weil er die Mathematik als die am wenigsten an die Sinnlichkeit gebundene Wissenschaft für am meisten geeignet hielt, ein Bild des Unendlichen zu sein, beschäftigte er sich besonders mit ihr. Er tat es zum Zweck besserer Erkenntnis Gottes, forderte aber auch eine exakte Wissenschaft, die sich, abgesehen von dem Urgrund, dem sie zum Bild dient, der Erforschung des Bildes widmet. Mit besonderer Neigung und Begabung warfen sich nun die Deutschen auf das Studium der Mathematik, namentlich in ihrer Anwendung auf Astronomie und Geographie.

Johannes Müller aus Königsberg, latinisiert Regiomontanus (1436–1476), Mathematiker, Astronom und Verleger.
Als Wunder des Jahrhunderts wurde Johannes Müller, nach seinem Geburtsort Königsberg bei Hassfurt Regiomontanus genannt, im Abendlande gefeiert. Er war Schüler des Georg von Peuerbach, der in Wien lebte und dessen Werk über die Planeten er herausgab.

Theoricae novae planetarum
Georg von Peuerbach (auch „Georg Purbach“, eigentlich „Georg Aunpekh“, Gelehrtenname „Purbachius“; * 30. Mai 1423 in Peuerbach in Oberösterreich; † 8. April 1461 in Wien) war Humanist und Astronom an der Wiener Universität.
Nachdem Regiomontanus in Padua einen arabischen Astronomen erklärt und dann die Trigonometrie begründet hatte, ließ er sich in Nürnberg nieder und entfaltete dort eine großartige wissenschaftliche und praktische Tätigkeit. Er gründete eine Druckerei, in der die Werke des Altertums und Mittelalters über Mathematik und Astronomie, und eine Werkstatt, wo nach seiner Angabe Kompasse, Himmelsgloben, Karten hergestellt werden sollten und wurden. Dies war der Beitrag, den Deutschland zu den Entdeckungen der großen Seefahrer des Jahrhunderts lieferte. Durch Vorträge weckte er Interesse für seine Wissenschaft, das sich rasch zu leidenschaftlicher Anteilnahme steigerte. Die reichen Patrizier Nürnbergs förderten seine Unternehmungen, Bernhard Walther, ein Geschäftsführer bei der berühmten Firma Vöhlin und Welser, ermöglichte ihm durch seine finanzielle Hilfe die Gründung einer Sternwarte. Nach dem Tod seines Freundes setzte Walther seine Bestrebungen fort. Sowohl Peuerbach wie Regiomontanus sind jung gestorben. Der letztere starb im Jahre 1476 in Rom, wohin Sixtus IV. ihn berufen hatte, um ihn bei der Verbesserung des Julianischen Kalenders zu beraten. Drei Jahre vorher war Kopernikus geboren, dessen Werk De revolutionibus orbium celestium die Arbeit der beiden Vorläufer vollenden sollte.
Es waren anfangs keine umwertenden und umstürzenden Absichten mit diesen Arbeiten verbunden: die Kraft, die lange gerastet hatte, versuchte freudig, unermüdlich ihre Schwingen. Aber wie konservativ auch die Gesinnung und wie angemessen dem herrschenden Weltbilde auch die Leistung war, die Wissenschaft, die bescheiden nichts zu wollen schien, als zu den Quellen zurückzukehren, war doch die Macht, die den Anspruch in sich trug, die Welt umzuschaffen. Dass sie das Entartete beseitigen wollte, machte ihr den Zweifel zur Pflicht, die Reformation, deren Notwendigkeit auf allen Gebieten jeder einsah, verlangte Kritik alles Bestehenden. Da die Autoritäten, die Dekrete, das Herkommen die Menschen in ein fast unentwirrbares Netz von Übeln verstrickt hatten, suchte man einen zuverlässigen Grund in den Gesetzen zu finden, die in den Dingen selbst lägen. Als Führers bediente man sich der Vernunft und der Natur der Dinge. Die Wissenschaft löste langsam die Welt des Augenscheins, aufgenommen und aufgebaut von den Sinnen, als ein großartiges, die Menschheit umfassendes Gewölbe in ein unendliches Gegenbild des konstruierenden Verstandes auf. Sie wirkte klärend und auflösend, bis die Welt des Verstandes so übersichtlich daliegen würde, dass der Mensch sie seinen Bedürfnissen entsprechend ordentlich einrichten könnte. Sie würde alles bisher Geglaubte aufheben, und wenn es ihr richtig schiene, auch sich selbst aufheben; aber nur, um sich immer wieder neu zu setzen.
Dem Erwachen der Wissenschaft stand das Sinken der Religiosität und der Sittlichkeit gegenüber. Da es immer Sittenrichter gibt, die die Lasterhaftigkeit ihrer Mitmenschen als Ausnahmezustand ihrer Zeit betrachten, ist es schwer, den Grad der Unsittlichkeit im 15. Jahrhundert richtig zu beurteilen; aber das übereinstimmende Urteil vieler gebildeter, denkender Menschen muss doch als Beweis für einen erschreckenden Verfall gelten. Unter vielen seien nur einige Äußerungen angeführt. Um die Mitte des Jahrhunderts zählte Nikolaus von Cusa als unheilvolle Zeichen auf: die zentrifugale Tendenz, die Ehrfurchtlosigkeit der Gehorchenden, dass der Gemeinsinn der Privatgier Platz gemacht habe, kurz die Herrschaft des Antichrist. Einige Jahrzehnte später schrieb der Humanist Beatus Rhenanus: „Was gilt uns heute noch heilig, uns, den Christen, die wir zu innerer Beschämung gestehen müssen, dass unsere heidnischen Vorfahren weit besser waren als wir? Wir bringen es über uns, über jede Schandtat zu lachen, wir finden für alles, was wir heutzutage treiben, eine Rechtfertigung im Zeitgeist: er muss Unsittlichkeiten empörendster Art, er muss Trunksucht entschuldigen. Der Zeitgeist muss als Deckmantel dienen für diejenigen jungen Leute, welche als Reisläufer ein leichtsinniges Lasterleben führen, für die Unersättlichen, welche in gieriger Gewinnsucht nie genug zusammenscharren können, für die habsüchtigen Geistlichen, welche Pfründen auf Pfründen häufen und doch nie zufrieden sind.“

Beatus Rhenanus (eigentlich „Beat Bild“; * 22. August 1485 in Schlettstadt; † 20. Juli 1547 in Straßburg) war ein deutscher Humanist und Philologe, der aus der Schlettstädter Schule hervorging. Die Familie von Beatus Rhenanus stammte aus Rheinau im Unterelsass (daher sein nach Humanistenmanier latinisierter Name).
Und in dem früher angeführten Brief von Sebastian Brant heißt es: „Lange habe ich des Reiches Geschick beklagt; fast habe ich für dasselbe keine Tränen mehr, denn ich sehe, dass alles nach einer eisernen Notwendigkeit geschieht. Was ich vor langer Zeit über die verkehrte Ordnung in der Welt geschrieben und geweissagt habe, das ist leider eingetroffen: alles ist Zwietracht, kein Gesetz, keine Freundschaft mehr in der Welt! Alle wüten gegeneinander wie Löwen und Wölfe!“
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Ritter
Ritter
Noch immer erinnerten die Formalitäten, mit denen die Ritter eingekleidet wurden, an das Ideal, dem sie dienen sollten. Die Kunst stellte mit Vorliebe den Ritter Sankt Georg dar, ihren Patron, wie er den Drachen bekämpft, das Symbol des Bösen.

Die berühmten Holzgruppen der Lübecker Bernt Notke und Henning von der Heide zeigen im Hintergrund die Jungfrau, die der Held errettet gemäß der Ritterpflicht, bedrängten Frauen, Witwen und Waisen beizustehen.

Bernt Notke – vermutetes Selbstporträt in der zerstörten Gregorsmesse Bernt Notke (* um 1435 in Lassan; † Anfang – vor dem 12. Mai – 1509 in Lübeck)
Henning von der Heyde (auch van der Heide; * vor 1487; † nach 1520) war ein deutscher Bildschnitzer und Maler. Leben Henning von der Heyde ist für Lübeck für den vorgenannten Zeitraum urkundlich, auch durch Grundbesitz nachgewiesen.

In diesen gerüsteten Gestalten vereinen sich Mut und Kraft des Kämpfers mit der strahlenden Sicherheit des Götterboten. Über der phantastischen Scheußlichkeit des Drachen flammt er ohne Makel. Auf den Grabsteinen in den Kirchen sehen wir die irdischen Ritter in Erz und Stein, bald die Hand am Schwert, bald die Hände zum Gebet gefaltet, bald jugendlich schlank, bald breit und gelassen. Sie scheinen bereit, vor ihren himmlischen Herrn zu treten mit dem Bewusstsein, oft gefehlt, aber ehrlich gestrebt zu haben.
Diese Verherrlichung des Rittertums durch die Kunst entstand zu einer Zeit, als ein großer Teil der Ritterschaft zu Schnapphähnen geworden war, die ihrer Armut durch Beraubung reisender Kaufleute abzuhelfen suchten, die nicht Witwen und Waisen beschützten, sondern die Frauen in Dorf und Stadt zu Witwen und Waisen machten. Es waren Leute von abgefeimter Roheit darunter, die nicht einmal das Flehen ihrer Opfer erhörten, wenn sie baten, ihnen die linke statt der rechten Hand abzuhauen. So waren nicht alle; aber auch die Besseren und Besten hielten sich auch nach Abschaffung des Fehderechtes noch für befugt, sich seiner zu bedienen, was sie vor sich selber damit rechtfertigen mochten, dass die Gerichte mangelhaft wären und dass die Fürsten nach Belieben Krieg führten. Wenn einem selbst Anlass zur Fehde fehlte, erkundete man Leute mit irgendwelchen Ansprüchen, die auf dem Rechtswege nicht befriedigt worden waren, und trieb sie mit Waffengewalt ein. Mit Vorliebe befehdeten die Ritter Städte, deren Kaufleute sie dann überfallen und plündern konnten, wenn der erschreckte Magistrat sich nicht sofort mit einer großen Summe loskaufte. Auf diese Weise konnte man sich bereichern und zugleich die verhassten Stände der Städte und Fürsten schädigen.

Silvester von Schaumberg, auch Sylvester Knoch (* zwischen 1466 und 1471; † 29. Juni 1534) war Reichsritter und Amtmann von Münnerstadt, Veldenstein und Parkstein.
Silvester von Schaumberg, ein sehr angesehener fränkischer Ritter, sagte einmal dem Bischof von Bamberg Fehde an, weil er wichtige geistliche Stellen an Schusters- und Schneiderssöhne und andere hergelaufene Leute vergeben habe zu Schmach und Schaden der Ritterschaft, die diese Stellen für sich in Anspruch nahm, weil sie von ihren Vorfahren gestiftet wären. Die Bischöfe von Würzburg und Bamberg waren dem Angriff der fränkischen Ritterschaft besonders ausgesetzt. Die Gefahr war groß, weil alle zusammenzuhalten pflegten und ihrer sehr viele waren. Herzog Ulrich von Württemberg soll nach der Ermordung des Hans von Hutten über fünfhundert Fehdeansagen erhalten haben.
Die Lage des Ritterstandes war ein allgemeines Übel und Problem, das viele Reichstage beschäftigte. Sie waren die Arbeitslosen und Anarchisten jener Zeit, Arbeitslose, für die es eine standesgemäße Arbeit zu finden galt. Durch bürgerliche Arbeit hätten sie geglaubt, sich zu erniedrigen; aber auch die Bürger hätten das als einen Eingriff in ihre Rechte beanstandet. Eins blieb dem Ritter übrig, als Rat oder hoher Beamter in den Dienst von Städten oder Fürsten zu treten. Viele taten das und kamen auf diesem Wege zu gesichertem Einkommen und Ansehen; aber andere sahen darin eine Demütigung oder steiften sich auf ihren ritterlichen Beruf, der Studium und Federfuchserei nicht gestatte.
Der natürliche Stützpunkt der Reichsritter war der Kaiser. Sie hatten ein Interesse daran, seine Macht zu stärken, wie er, sich ihrer gegen die Fürsten bedienen zu können. Verschiedentlich hatten Kaiser versucht, diesen abgesplitterten Stand, der sich nirgends mehr angliedern konnte und wollte, zu erneuern und sich enger zu verbinden, so Siegmund und Maximilian I., beide allerdings vergeblich. Die Bemühungen Maximilians scheiterten daran, dass die Ritter nicht auf die Bedingung eingingen, es solle jeder mit vollendetem 18. Lebensjahr gewissen Gerichtshauptleuten, die der Kaiser setzen würde, sich eidlich verpflichten, keinen Straßenraub zu begehen. Nicht dass nicht viele Ritter den Straßenraub missbilligten; aber erstens sahen sie die Fehde nicht für Straßenraub an, und sodann zweifelten sie, und vielleicht mit Recht, ob das neue Recht, welches der Kaiser ihnen verleihen wollte, sie gegen die Fürsten genügend sicherstellen würde. Sie antworteten dem Kaiser, sie wollten bei dem alten Herkommen bleiben. Auf diesem unfruchtbaren Standpunkt erstarrten sie. Lieber als durch Reichstagsbeschlüsse zu irgendeiner Steuer verpflichtet zu werden, entbehrten sie des Rechtes der Teilnahme an den Reichstagen. Um nicht besteuert zu werden, lehnten sie zur Zeit der Kämpfe um die Reichsreform den Gemeinen Pfennig ab, der die Macht des Kaisers gestärkt hätte, des einzigen, der sie gegen die Fürsten schützen konnte. Grollend saßen sie auf ihren Burgen, verzehrten die knappen Einkünfte, die ihre Untertanen ihnen lieferten, und hielten sich für die von aller Welt Gekränkten. Im Beginn des 16. Jahrhunderts schien der Ritterschaft in Franz von Sickingen ein Führer erstanden zu sein, der es zu solcher Macht und solchem Ansehen gebracht hatte, dass er sich Fürsten gleichstellen konnte.

Reichsritter Franz von Sickingen (* 2. März 1481 auf Burg Ebernburg über Bad Münster am Stein-Ebernburg; † 7. Mai 1523 auf Burg Nanstein über Landstuhl) war Anführer der rheinischen und schwäbischen Ritterschaft.
Er war 1481 geboren, zwei Jahre älter als Luther. Die Familie stammte aus dem Kraichgau; Franz war ein kleines Kind, als sein Vater die Ebernburg bei Kreuznach erwarb. Außer dieser gehörte ihm die Burg Landstuhl bei Kaiserslautern. Das Vermögen, das sein Vater begründet hatte, erweiterte er beträchtlich, besonders durch Bergbau, aber auch durch Fehden. Die Rolle des Beschützers verunrechteter Schwacher zu spielen, entsprach seiner Gesinnung, in der etwas Großmütiges war; sich im Gegensatz zu den herrschenden Mächten zu fühlen, schreckte ihn nicht, war seinem Stolz eher eine Genugtuung. Im Jahre 1512 hatte in der Stadt Worms eine Erhebung der Gemeinde gegen den Rat stattgefunden, die vom Kaiser niedergeschlagen und bestraft worden war.

Ebernburg
Unter denen, welche bei dieser Gelegenheit auswandern mussten, war ein bischöflicher Notar, Balthasar Schlör, der große Forderungen an Wormser Bürger zu haben behauptete. Da er sich mit seiner Klage an Sickingen wandte, nahm dieser ihn in seinen Dienst und ließ sich seine Forderungen übertragen. Ohne sich auf den von der Stadt Worms vorgeschlagenen Rechtsweg einzulassen, überfiel er Wormser Kaufleute, die auf einem Heidelberger Schiff nach Frankfurt fuhren, nahm ihnen ihre Waren fort und brachte sie auf die Ebernburg. Dann erst sagte er die Fehde an. Trotzdem der Kaiser die Acht über ihn verhängte, wonach er aus dem Adel ausgestoßen und den unvernünftigen Tieren und ehrlosen Menschen zugesellt wurde, ging die sogenannte Franzensfehde Jahre hindurch zum ärgsten Schaden der Stadt weiter, ohne dass der Kaiser ernstlich eingeschritten wäre. Eine andere Fehde führte Sickingen gegen die Stadt Metz, eine andere gegen den jungen Landgrafen Philipp von Hessen, der, fast noch ein Knabe, eben die Regierung angetreten hatte. In beiden Fällen kauften sich die Angegriffenen mit sehr großen Summen los. Ein solcher Ruf der Unbezwingbarkeit umgab Sickingen, dass die Mächtigen, anstatt ihn zu unterwerfen, sich um ihn bewarben. Durch Vermittlung eines Freundes trat er in den Dienst des Königs von Frankreich, dann, nachdem er diesen aufgegeben hatte, in den des Kaisers. Noch kurz zuvor hatte Maximilian die Waffen gegen den Abtrünnigen wenden wollen, aber da er bei den Kreisen keine Unterstützung fand, ließ er sich herbei, ihn gnädig aufzunehmen. Das Fränzchen erschien 1517/18 in Mainz und Innsbruck vor Maximilian, versprach gegen Herzog Ulrich von Württemberg zu dienen und ließ zum Andenken an diese Begegnung eine goldene Denkmünze schlagen, auf der er vor dem Kaiser kniend abgebildet war. Auf dem Feldzug gegen den Württemberger, der erst nach dem Tod des Kaisers, im Sommer 1519, zustande kam, lernte Sickingen Ulrich von Hutten kennen, der eine verhängnisvolle Wendung seines Lebens herbeiführen sollte.
Wenn es einen Ritter gab, der die Ideale seines Standes verwirklichte, so war es Ulrich von Hutten.

Crotus Rubeanus, auch Rubianus, (* um 1480 in Dornheim bei Arnstadt, Thüringen; † um 1545 in Halberstadt) war ein deutscher Humanist und katholischer Theologe.
Zum Klosterleben von den Eltern bestimmt und diesem mit Hilfe seines etwas älteren Freundes, Crotus Rubeanus, entflohen, das seinem ganz auf Tat und Erleben gestimmten Wesen widersprach, war er der natürliche Gegner des Klerus, besonders der Klostergeistlichkeit. Unter großen Entbehrungen, denn nach seiner Flucht aus dem Kloster hatte sein Vater die Hand von ihm abgezogen, hatte er an verschiedenen Universitäten sich in humanistische Studien vertieft, dann, um seinen Vater zu versöhnen, in Italien die Rechte zu studieren begonnen. Dort dichtete er im Jahre 1513 schöne, straff geschürzte lateinische Verse gegen den Papst und den Ablass: „Wie doch die gläubige Welt der Krämer Julius anführt / Welcher den Himmel verkauft, den er doch selbst nicht besitzt! / Biete nur feil, was du hast! Wie schamlos ist's zu verkaufen / Was, o Julius, dir eben am meisten gebricht.“ Und ferner: „Wie, der menschliche Geist, ein Funke des göttlichen Lichtes / Von Gott selber ein Teil, lässt so durch Wahn sich verblenden? / Julius, dieser Bandit, den sämtliche Laster beflecken, / Er verschließe den Himmel nach Willkür diesem und schlösse / Jenem ihn auf? Sein Wink beseligte oder verdammte?“ Ohne grübelnde Untersuchung, ohne dass ein innerer Kampf vorausgegangen wäre, versandte er diese Pfeile. Es kam ihm nicht in den Sinn und kümmerte ihn nicht, ob der hässlichen kirchlichen Praxis eine wahre, große Idee zugrunde liege; der Ablass war für ihn ein Schimpf, den Rom den deutschen Barbaren antat, Grund genug, dagegen zu kämpfen. Als er im Jahr 1516, fünf Jahre nach Luther, in Rom war, befestigte ihn die Anschauung der am päpstlichen Hofe herrschenden Sittenlosigkeit in seinem Hass.
„Also sah ich sie denn, Roms halb zertrümmerte Mauern,
wo mit dem Heiligen man selber den Gott auch verkauft!“
Doppelt widert ihn das verweichlichte und skandalöse Leben an, das er sieht, weil es auf dem Hintergrund der Ewigen Stadt sich abspielt:
„Und das alles in Rom, wo Curius einst und Metellus
und Pompejus gelebt; o der veränderten Zeit!“
Denn Rom ist diesem Romfahrer heilig, und er sucht es auf, Pietät und Verehrung im Herzen, nicht weil sein Boden vom Blut der Märtyrer getränkt ist, sondern als den Schauplatz antiker Größe und Freiheit, als die Heimat von Helden, denen die Deutschen gleichen könnten, wenn die Papstkirche sie nicht verderbt hätte.
Im Begriff, Italien zu verlassen, bekam Hutten bei einem Freund Einsicht in die Schrift, in welcher Lorenzo Valla in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Schenkung des Konstantin, auf welche die Päpste ihren Anspruch auf Herrschaft über den Erdkreis und insbesondere über Italien gründeten, als eine Fälschung nachgewiesen hatte. Sofort fasste Hutten den Plan, sie zur Verbreitung in Deutschland drucken zu lassen. Mit großartiger Unverschämtheit widmete er diese Schrift, die das Fundament der päpstlichen Herrschaft erschütterte, dem Papst Leo X. Leo, der in Italien als Wiederhersteller der Freiheit gefeiert werde, habe mit dem Frieden Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit zurückgeführt, nun könnten die Wissenschaften aufblühen, könne sich offen zeigen, was bisher sich habe verstecken müssen. Schlechte Päpste hätten die konstantinische Schenkung erdichtet. Leo werde freiwillig aufgeben, was man einem schlechten Papst mit Gewalt würde genommen haben; denn Frieden könne zwischen Räubern und Beraubten nur sein, wenn das Geraubte zurückgegeben werde. Leos Vorgänger, schlechte Päpste, hätten Gnaden feilgeboten, mit Dispensen und Bullen Handel getrieben, Sündenvergebung verkauft und aus den Strafen im künftigen Leben eine Erwerbsquelle gemacht. Sie hätten die Deutschen glauben gemacht, nur die seien rechte Bischöfe, die um viele tausend Goldgulden ein Pallium von ihnen erhandelten, und hätten, während sie alles dies und mehr verübten, dazu noch als Heilige verehrt sein wollen. Es würde ein großes Unrecht sein, Leo solchen Päpsten beizählen zu wollen. Zwar zweifle er, Hutten, nicht, dass das Büchlein des Valla ihm gefallen werde, aber es wäre ihm doch lieb, wenn Leo ihm öffentlich seinen Beifall kundtäte; dann werde er sich Mühe geben, bald etwas Ähnliches aufzutreiben.
Ob Leo die Schrift kennenlernte und es für das beste hielt, zu schweigen, weiß man nicht. Dass den Humanisten die Verwegenheit des Witzes so entzückt hätte, dass er den Inhalt hätte hingehen lassen, ist kaum anzunehmen.
Huttens ritterliche Impulse erhielten frische Nahrung, als im Jahr 1515 Herzog Ulrich von Württemberg seinen Vetter, Hans von Hutten, ermordete. In leidenschaftlichen Anklagereden trat er als Verteidiger der Unschuld und Rächer des Unrechts auf. Stärker noch ergriff ihn der Kampf um Reuchlin. Denn da war nicht nur ein alter Mann, dem Ketzerrichter mit dem Scheiterhaufen drohten, mit ihm litt ein ganzes Volk, litt die abendländische Menschheit unter dem Druck eines Glaubens, der zum törichten oder finsteren Aberglauben geworden war. Die Kirche war der Drache, auf den er sich stürzte; er hatte die Aufgabe und das Pathos seines Lebens gefunden. Der Streit um die Thesen, die damals ein Augustiner an die Wittenberger Schlosskirche anschlug, interessierte ihn nicht, das war in seinen Augen ein Mönchsgezänk wie das um die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau, das vor einer Reihe von Jahren Dominikaner und Franziskaner entzweit hatte. Mochten sie sich untereinander zerfleischen!
Als er Ende des Jahres 1518 auf Steckelberg bei seinen Eltern weilte, stellte er die Türkenrede, aus der er auf Zureden seiner Freunde in Augsburg die gegen den Papst gerichteten Stellen gestrichen hatte, unverkürzt her und versah sie mit einer Zuschrift an die wahren und freien Deutschen. Sollte ihm Gefahr drohen, sagte er darin, so verlasse er sich auf seine Deutschen, für die er soviel gewagt habe. Die Feinde und Unterdrücker Deutschlands sollten sich hüten, die Sache zum Äußersten zu treiben. Wenn es jemand gebe, der die deutsche Freiheit so vernichtet wünsche, dass man gegen kein Unrecht, keine Schmach mehr Einrede tun dürfe, der möge bedenken, dass die geknebelte und fast erwürgte Freiheit plötzlich losbrechen und sich wiederherstellen könnte. Einfangen und binden lasse sich die Freiheit wohl, wenn einer es schlau und geschickt anzufangen wisse, sie ganz zu vernichten sei unmöglich. „Ihr, denen des Vaterlandes Freiheit am Herzen liegt, die ihr Deutschlands Ehre erkennt und nicht ganz dem Aberglauben verfallen seid, leset, wagt Ähnliches und lebt wohl.“ Hutten glich einem Feldherrn, der ein Heer sucht, um es zu Krieg und Sieg zu führen. Und wie das Schicksal zeitenweise einem Menschen wie aus einem Füllhorn alles zuwendet, dessen er bedarf, ließ es Hutten einen Freund finden, der so gut wie ein Heer war. Immer darauf bedacht, sich nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch in den eigentlichen Aufgaben seines Standes zu betätigen, nahm er teil an dem Feldzug, den der Schwäbische Bund im Frühling 1519 gegen den geächteten Herzog von Württemberg veranstaltete. Das lag ihm ohnehin nah, weil er in Vertretung seiner Sippe den Mörder eines Hutten öffentlich angeklagt hatte. Bei der Leichenfeier des verstorbenen Kaisers in Reutlingen hatte ein Bürger der Stadt im Streit einen Württemberger getötet. Das hatte Herzog Ulrich zum Anlass genommen, sofort aufzubrechen und die überraschte Reichsstadt zu unterwerfen. Die Klagen der Reichsstadt hätten vielleicht nichts gefruchtet, wenn nicht die Herzöge von Bayern, Brüder der gekränkten Frau des schwäbischen Herzogs, für dieselbe hätten eintreten wollen, wozu sie ihr Einfluss auf den Schwäbischen Bund in den Stand setzte. Im Dienst des Kaisers beteiligte sich auch Franz von Sickingen an der Spitze geworbener Landsknechte an diesem Feldzug, und bei dieser Gelegenheit befreundete er sich mit Hutten. Sickingen war ungelehrt, verstand kein Latein, hatte wenig gelesen und sich an die üblichen kirchlichen Gebräuche gehalten, ohne darüber nachzudenken. Nun begegnete ihm ein tapferer Standesgenosse, der ein enthusiastischer und zugleich kritischer Geist war, dabei mitteilsam und durch seine Abkunft mit der Art und Einstellung seines neuen Freundes vertraut. Wie so oft einfache Menschen, die nur handelnd im Leben standen, war Sickingen außerordentlich empfänglich für geistige Anregung; die erhielt er nun reichlich von Hutten. Mit lebhafter Teilnahme ging er auf die Gedanken und Betrachtungen des Freundes ein, verarbeitete sie mit der kräftigen Gründlichkeit, die in seinem Charakter lag, und machte sie sich ganz zueigen. Es gibt Menschen, die ihr Denken neben ihrem Tun einherlaufen lassen können, ohne Übereinstimmung zu fordern; es war das Große an Sickingen, dass er sofort sein Tun dem neugewonnenen Überblick unterstellte. Es war, als hätten die edleren Kräfte in ihm auf die rechte Losung gewartet, für die sie kämpfen könnten. Obwohl stark von Hutten beeinflusst, blieb er doch ganz der fest in sich ruhende Mann, der allen, auch Hutten, imponierte. Wie der Löwe der Legende, den der Mensch zähmt und der dem Menschen folgt und doch eine überlegene, furchtbare Kraft und ein bewundernswertes Werk der Natur bleibt, ging er gelassen, eigene, undurchschaubare Pläne hegend, seinen Weg weiter. Noch während des Feldzuges hatten die beiden Freunde Gelegenheit, sich als echte Ritter zu erweisen. Sie sorgten dafür, dass das Haus des geängstigten Reuchlin, für den Fall, dass Stuttgart mit Gewalt sollte erobert werden, nicht beschädigt würde, besuchten ihn und versicherten ihn ihrer Hilfe, wenn er durch seine Gegner noch ferner belästigt würde. Bei Worten ließ es Sickingen nicht bewenden. Er sagte dem Predigerorden förmlich die Fehde an, das heißt er verlangte von ihm, dass er aufhöre, Reuchlin zu belästigen, und dass er die Kosten des Prozesses trage. Der Schrecken, der vor Sickingens Namen herging, war so groß, dass der Orden auf alles einging; unterderhand allerdings bezeichnete er dem Papst das Zugeständnis als erzwungen und erreichte auch, dass Leo, die Entscheidung der früher von ihm eingesetzten Kommission missachtend, Reuchlins Buch verurteilte. Indessen war er dadurch, dass die Herzöge von Bayern ihn als Professor nach Ingolstadt beriefen, vor ernstlichen Verfolgungen geschützt. Obwohl nur sieben Jahre älter als Hutten, hatte Sickingen ein beträchtliches Stück Leben vor ihm voraus, das ihn gesetzter, gesättigter machte. Er hatte früh geheiratet und vor einigen Jahren seine Frau verloren, nachdem sie ihm drei Töchter und drei Söhne geboren hatte. Es scheint, dass sein häusliches Leben ihn befriedigt hatte, wieder verheiratet hat er sich nicht. Es ist nicht unmöglich, dass Äußerungen Sickingens oder sein Beispiel Huttens Gedanken auf die Ehe lenkten. Bald nach ihrer Begegnung schien das Schicksal ihm einen Weg zu öffnen, der von der tragischen Bahn abführte, die er eingeschlagen hatte. Sehnsucht nach Glück ergriff ihn, nach der einfach schönen Beseligung durch Liebe, wie sie aller Menschen, auch der ärmsten, Bestimmung und Geschenk sein kann, nach Weib und Kind, nach einem Eigen, einer Häuslichkeit, wo alle Misstöne sich in Wohlklang lösen, wo unter einer weichen Hand Friede und Heiterkeit blüht. Man weiß, dass das Mädchen, das er heimzuführen hoffte, Katharina Glauburg aus Frankfurt war, die Schwester eines Freundes. Er träumte von einem Haus, das ihre Lieblichkeit durchleuchtete, wo er, der bisher bei andern Gast und Fremdling gewesen war, in schönen Räumen und Gärten Freunde empfangen konnte, wie er es wohl in Nürnberg und Augsburg bei den reichen Patriziern gesehen hatte.
Vielleicht, dass Katharina Glauburg dem unscheinbaren, aber temperamentvollen Ritter zugelächelt hatte; aber ihre Mutter hielt den kränklichen Mann, der keine gesicherte Stellung hatte und durch rebellische Schriften Anstoß erregte, nicht für einen zu ihrer Tochter passenden Ehemann. Sie hatte wohl recht. Würde er die Fessel des häuslichen Glücks nicht abgeworfen haben wie einst die Kutte? Keine Äußerung von ihm verrät uns, ob der Ausgang ihn schmerzte, und wie tief. Nur einmal, wo er von seiner Mutter spricht, bebt eine süßere Schwingung persönlichen Lebens über die Saiten dieses heroischen Dichters. Über den zerfließenden Traum hinweg stürzte er sich, ohne zurückzublicken, in den Kampf.
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