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Die Autorin

Dr. phil. Renate Fischer, Dipl.-Pflegepädagogin (FH), ist als stellvertretende Schulleiterin der Schule für Pflegeberufe am Bildungscampus Koblenz, Katholisches Klinikum Koblenz ⋅ Montabaur tätig.

Für Eberhard

Renate Fischer

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2., erweiterte und überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038338-8

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038339-5

epub: ISBN 978-3-17-038340-1

mobi: ISBN 978-3-17-038341-8

Geleitwort

Vor dem Hintergrund des neuen Pflegeberufegesetzes mit der entsprechenden Ausbildungs- und Prüfungsverordnung ist Problemorientiertes Lernen (POL) als didaktisches und curriculares Konzept aktueller denn je! So ist es auch kein Zufall, dass genau zu diesem Zeitpunkt die zweite vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage des Buches »Problemorientiertes Lernen in Theorie und Praxis« erscheint.

16 Jahre sind seit dem Ersterscheinungsjahr 2004 vergangen. Den Ursprung hatte das Buch seinerzeit in einer exzellenten Diplomarbeit im Fachbereich Gesundheit und Pflege, die von mir betreut wurde. In meinem Gutachten hatte ich damals formuliert: »Die Arbeit überzeugt in allen Teilen. Sie kann als Grundlagenarbeit zu Überlegungen systematischer Implementierung problemorientierten Lernens in die deutsche Pflegeausbildung betrachtet werden.«

Als die erste Auflage erschien, betrat die Pflegeausbildung mit der Abkehr von einem fächerstrukturierten Curriculum hin zu handlungs-, lernfeld- und kompetenzorientiertem Lehren und Lernen pädagogisch-didaktisches Neuland. Nun stand die pflegerische Handlung im Mittelpunkt, nicht mehr die Aneinanderreihung von Fächern. »Fälle« bildeten diese Handlungen curricular und didaktisch ab, das POL war zugleich curriculares, didaktisches und methodisches Konzept.

Mit dem Pflegeberufegesetz und den auf ihm basierenden Rahmenlehrplänen der Fachkommission auf Bundesebene findet dieser Ansatz seine konsequente Weiterführung im curricularen Rahmen einer generalistischen Ausbildung. Die zugrundeliegenden curricularen Konstruktionsprinzipien rücken Pflegeprozess und Pflegesituation absolut prominent in den Fokus. Aus bildungswissenschaftlicher Sicht ist dabei besonders anmerkenswert, dass es sich nicht nur um eine nochmals verschärfte Fokussierung auf Pflegeprozess und –situation handelt, sondern dass die Bedeutung gerade des »klassischen« didaktischen Prinzips der Exemplarik im Sinne der kategorialen Bildung nach Wolfgang Klafki eine unmittelbare und unverzichtbare Aktualität erfährt.

Frau Dr. Fischer beschreibt mit dieser zweiten Auflage diese Entwicklung theoretisch fundiert und zugleich absolut praxistauglich. Teil II des Buches ist quasi das historische Bindeglied zwischen 2004 und 2020, Teil III konkretisiert am Beispiel von zwölf problemorientierten Lerneinheiten Umsetzung bzw. Implementierung.

Liebe Leserinnen und Leser, vor Ihnen liegt ein Buch, dem ich schon jetzt mit großer Überzeugung prognostiziere, zu einem absoluten Standardwerk der pflegerischen Fachdidaktik zu werden. Machen Sie sich an die Arbeit der Umsetzung, damit können Sie einen wesentlichen Beitrag zu einer hochwertigen Ausbildungsqualität in der Pflege leisten.

Prof. Dr. phil. Susanne Schewior-Popp

Katholische Hochschule Mainz

Fachbereich Gesundheit und Pflege

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Ausbildung in der Pflege hat unlängst einen neuen gesetzlichen Rahmen erhalten. Aus drei ursprünglichen Berufen wird nun ein Beruf: der Beruf der Pflegefachfrau bzw. des Pflegefachmannes. Damit verbunden sind aber nicht nur eine neue Berufsbezeichnung, sondern erstmalig auch bundesweit anzuwendende Rahmenlehr- und Ausbildungspläne nach § 53 Pflegeberufegesetz. Die Veränderungen, die hier richtungweisend sind, dürfen sich jedoch nicht in formalen Aspekten erschöpfen. Sie müssen mit Inhalten gefüllt werden, welche die generalistische Pflege zukunftsweisend gestalten.

Die erste Auflage dieses Buches ist 2004 erschienen, unmittelbar nach Inkrafttreten des damals neuen Krankenpflegegesetzes von 2002 und angepasst an die damaligen Ausbildungsbedingungen. Die Frage ist nun, passt das Problemorientierte Lernen noch in die neue, generalistische Pflegeausbildung? Ich denke ja und vielleicht sogar besser als je zuvor. Problemorientiertes Lernen im Sinne des Problem-based-Learning-Konzepts ist exemplarisches Lernen, geht von konkreten Pflegesituationen aus, ist schüleraktives Lernen und eine handlungsorientierte Vermittlungsmethode – ganz im Sinne des Pflegeberufegesetzes und der Rahmenlehrpläne.

Problemorientiertes Lernen ist darüber hinaus ein Ansatz, der für sich beansprucht, viele Forderungen an zeitgemäße Vermittlungsmethoden in sich zu vereinen. Problemorientiertes Lernen versteht Lernen als das Resultat der aktiven Auseinandersetzung der Lernenden mit komplexen, praxisnahen Situationen. Situationen, die problembehaftet sind, die nicht aus der Routine bewältigt werden können und denen sich Pflegende im beruflichen Alltag täglich stellen müssen. Das vorliegende Buch richtet sich in erster Linie an Lehrer in den Berufen im Gesundheitswesen, insbesondere in der Pflegeausbildung. Es bietet ihnen sowohl einen theoretischen Begründungsrahmen als auch konkrete Vorschläge zur Umsetzung der Methode, jeweils unter Berücksichtigung der individuellen Rahmenbedingungen. Auch bereits POL-erfahrene Kollegen finden hoffentlich noch Anregungen und Ideen, z. B. für die Erstellung von Fallbeispielen.

»Problemorientiertes Lernen in Theorie und Praxis« ist im ersten Teil aus einer Diplomarbeit zum Thema »Chancen und Grenzen des problemorientierten Lernens am Beispiel des Hygieneunterrichts in der Pflegeausbildung« an der Katholischen Fachhochschule in Mainz entstanden. Frau Prof. Dr. Susanne Schewior-Popp, die die Arbeit betreut und eine Veröffentlichung angeregt hat, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Die Ergebnisse der Diplomarbeit sowie des damit verbundenen Praxisprojekts bildeten 2001 den Anstoß zur Implementierung des problemorientierten Lernens als ergänzende Methode in die Pflegeausbildung am Bildungscampus Koblenz. So sind Teil II und III des Buches aus den Erfahrungen entstanden, die mit der Einführung und Umsetzung der Methode in nunmehr 19 Jahren gewonnen wurden. »Problemorientiertes Lernen in Theorie und Praxis« ist insofern als ein Prozess zu sehen, der ständig evaluiert und weiterentwickelt wurde und auch jetzt nicht als abgeschlossen betrachtet werden soll.

Mein Dank gilt an dieser Stelle allen, die über so viele Jahre hinweg mit mir gemeinsam die Methode und ihre Umsetzungsvarianten immer wieder evaluiert, an sich verändernde Bedingungen angepasst und immer wieder neue Wege der Umsetzung gefunden haben: Der Leitung des Bildungscampus, die Innovationen stets unterstützt, den ehemaligen und aktuellen Auszubildenden, die über so viele Jahre hinweg mit uns die Methode immer wieder kritisch konstruktiv diskutiert haben und meinen Kollegen, die mir ihre bewährten Fallbeispiele für diese Veröffentlichung zur Verfügung gestellt haben. Euch und Ihnen allen ein herzliches Dankeschön!

Als Autorin wünsche ich mir Leserinnen und Leser, die sich mit den angesprochenen Inhalten kritisch auseinandersetzen und einen fachlichen Diskurs beginnen. Nur mit ihrer konstruktiven Rückmeldung kann es gelingen, die weitere Entwicklung problemorientierten Lernens in der Pflegeausbildung voran zu bringen.

Heilberscheid, im Frühjahr 2020

Renate Fischer

Inhaltsverzeichnis

1  Geleitwort

2  Vorwort

3  Teil I: Problemorientiertes Lernen – Lerntheoretischer Begründungsrahmen und Umsetzungsmöglichkeiten einer Unterrichtsform

4  1 Problemorientiertes Lernen in der Berufsausbildung

5  1.1 Problemorientiertes Lernen als didaktische Grundorientierung

6  1.2 Problemlösendes Lernen in der Pflegeausbildung als wesentliche Qualifikation für die Zukunft

7  1.3 Konzept des lebenslangen Lernens

8  1.4 Vermittlung von Problemlösefähigkeit in der Ausbildung

9  1.5 Fazit

10  2 Problemorientiertes Lernen im Sinne des Problem-based-Learning-Konzepts

11  2.1 Geschichte des Problem-based Learning

12  2.2 Ziele des Problem-based Learning

13  2.3 Problemorientiertes Lernen nach niederländischem Vorbild

14  2.4 Enquiry-based-Learning im Pflegestudium an der englischen University of Southampton

15  2.5 Issue-based-Learning im Studiengang Sozialarbeit an der australischen University of New South Wales

16  2.6 Fazit

17  3 Implementierung von Problem-based Learning

18  3.1 POL-Projekt am Klinikum Neubrandenburg

19  3.2 Überlegungen zur Einführung von Problem-based Learning in die deutsche Pflegeausbildung

20  3.3 Fazit

21  4 Lerntheoretischer und didaktischer Begründungsrahmen problemorientierten Lernens

22  4.1 Konstruktivistische Ansätze in der Pädagogik

23  4.2 Kompetenzentwicklung und Schlüsselqualifizierung

24  4.3 Handlungsorientierter Unterricht

25  4.4 Fazit

26  5 Fallbeispiele – Schlüsselelement zum problemorientierten Lernen

27  5.1 Entwicklung von Fallbeispielen an der Harvard Medical School

28  5.2 Planung von problemorientierten Lerneinheiten und Entwicklung von Fallbeispielen in der Pflegeausbildung

29  5.3 Inhaltsentscheidungen bei der Gestaltung von Fallbeispielen

30  5.4 Fazit

31  6 Das Projekt »POL im Fach Hygiene und medizinische Mikrobiologie«

32  6.1 Vorbereitung der Unterrichtseinheit

33  6.2 Durchführung der Unterrichtseinheit

34  6.3 Auswertung der Unterrichtseinheit

35  6.4 Fazit

36  Teil II: Umsetzung problemorientierten Lernens in der generalistischen Pflegeausbildung

37  7 Problemorientiertes Lernen als komplementäre Methode

38  7.1 Problemorientiertes Lernen im Kontext der Rahmenlehrpläne nach § 53 Pflegeberufegesetz (PflBG)

39  7.2 Rahmenbedingungen für problemorientiertes Lernen in der Pflegeausbildung

40  7.3 Organisation problemorientierter Lerneinheiten in der Pflegeausbildung

41  7.4 Der »modifizierte Siebensprung« für die Pflegeausbildung

42  7.5 Lernerfolgskontrolle im problemorientierten Lernen

43  7.6 Prozessevaluation im problemorientierten Lernen

44  7.7 Entscheidungen, die mit der Einführung problemorientierten Lernens einhergehen

45  Teil III: Problemorientierte Lerneinheiten

46  8 Hinweise zur Anwendung der Unterrichtsbeispiele

47  8.1 Fallbeispiel

48  8.2 Einordnung in das Curriculum

49  8.3 Pflegediagnosen

50  8.4 Erwünschte Lernergebnisse

51  8.5 Zeitplanung

52  9 Unterstützung bei der Hilfsmittelversorgung im Zusammenhang mit dem Hören bei einem 70-jährigen Mann

53  9.1 Fallbeispiel

54  9.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

55  9.3 Lernergebnisse/Ressourcen

56  9.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

57  10 Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme am Beispiel eines 23-jährigen Mannes nach einem Skiunfall

58  10.1 Fallbeispiel

59  10.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

60  10.3 Lernergebnisse/Ressourcen

61  10.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

62  11 Postoperative Versorgung einer 75-jährigen Frau am Beispiel einer Hüftvollprothesen-Operation bei Koxarthrose

63  11.1 Fallbeispiel

64  11.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

65  11.3 Lernergebnisse/Ressourcen

66  11.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

67  12 Pflegerische Versorgung eines 62-jährigen Mannes mit chronischer Herzinsuffizienz

68  12.1 Fallbeispiel

69  12.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

70  12.3 Lernergebnisse/Ressourcen

71  12.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

72  13 Pflegerische Versorgung eines 3-jährigen Mädchens mit obstruktiver Bronchitis

73  13.1 Fallbeispiel

74  13.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

75  13.3 Lernergebnisse/Ressourcen

76  13.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

77  14 Beratung einer 76-jährigen Frau mit chronischen Obstipationsbeschwerden in der häuslichen Pflege

78  14.1 Fallbeispiel

79  14.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

80  14.3 Lernergebnisse/Ressourcen

81  14.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

82  15 MRSA-Sanierung am Beispiel einer 90-jährigen Bewohnerin mit demenzieller Erkrankung in der stationären Langzeitpflege

83  15.1 Fallbeispiel

84  15.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

85  15.3 Lernergebnisse/Ressourcen

86  15.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

87  16 Regionale Unterstützungsangebote für ältere Menschen

88  16.1 Fallbeispiel

89  16.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

90  16.3 Lernergebnisse/Ressourcen

91  16.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

92  17 Pflegerische Versorgung eines 2-jährigen Jungen mit akuter infektiöser Gastroenteritis

93  17.1 Fallbeispiel

94  17.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

95  17.3 Lernergebnisse/Ressourcen

96  17.4 Zeitplanung

97  18 Pflegerische Versorgung eines onkologisch erkrankten Menschen am Beispiel eines 51-jährigen Mannes mit einem Larynxkarzinom

98  18.1 Fallbeispiel

99  18.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

100  18.3 Lernergebnisse/Ressourcen

101  18.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

102  19 Gesundheitsförderung bei einer 34-jährigen Frau mit chronischer Niereninsuffizienz und Dialysetherapie

103  19.1 Fallbeispiel

104  19.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

105  19.3 Lernergebnisse/Ressourcen

106  19.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

107  20 Palliative Pflege am Beispiel einer 47-jährigen Frau mit Brustkrebs

108  20.1 Fallbeispiel

109  20.2 Einordnung in das Curriculum und Pflegediagnosen

110  20.3 Lernergebnisse/Ressourcen

111  20.4 Zeitplanung und Zusatzelemente

112  Literatur- und Quellenverzeichnis

113  Stichwortverzeichnis

Teil I: Problemorientiertes Lernen – Lerntheoretischer Begründungsrahmen und Umsetzungsmöglichkeiten einer Unterrichtsform
Einleitung

Problemorientiertes Lernen im Sinne des Problem-based Learning-Konzepts ist ein Ansatz, der seit vielen Jahren, ausgehend von der McMaster University im kanadischen Hamiliton/Ontario, international in der Hochschulausbildung etabliert ist. Seine Wurzeln hat das Problem-based-Learning-Konzept im Medizinstudium, wo es entwickelt wurde, um isoliertes, disziplinäres Wissen in eine interdisziplinäre Ausbildung zu integrieren, die Lernenden in selbstständiges Problemlösen einzuführen und gleichzeitig die Anwendung von Wissen und Können bereits im Lernprozess zu fördern (vgl. Klauser 1998, S. 273–274). Als erste europäische Universität übernahm die Medizinische Fakultät der Rijksuniversiteit Limburg in Maastricht 1979 das Konzept als zentrale Lernform.

Wie zahlreiche Veröffentlichungen zeigen, hat das Problem-based-Learning-Konzept auch in die pädagogische Diskussion hierzulande Einzug gehalten. Als Ansatz, dessen Grundannahmen, Zielformulierungen und Gestaltungsgrundsätze sowohl große Nähe zu aktuellen Themen der Berufsausbildung wie Kompetenzentwicklung, Schlüsselqualifizierung und Handlungsorientierung als auch zum Ansatz des konstruktivistischen Wissenserwerbs haben, scheint das Problem-based-Learning-Konzept eine Antwort auf vielfältige Probleme von Bildung und Ausbildung zu bieten (vgl. Klauser 1998, S. 275 und Kohler 1998, S. 10–18).

Traditionell gestaltete Lernumgebungen mit strukturorientiertem Vorgehen, strengen Fächergrenzen und Lernen als vorwiegend rezeptivem Prozess werden offensichtlich nicht mehr als geeignet angesehen, um Auszubildende auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, in der die Halbwertszeit von Wissen stetig abnimmt und ein ständiger Wandel der situativen Herausforderungen stattfindet. Gefragt ist neben Kreativität, Flexibilität und Problemlösungsfähigkeit vor allem die Entwicklung von persönlichen und sozialen Kompetenzen. Diese Kompetenzen, davon wird ausgegangen, entwickeln sich im Besonderen durch problembezogenes, reflektierendes Lernen. Zudem fördert die selbstständige und multiperspektivische Auseinandersetzung mit Inhalten sowohl das Prinzip des lebenslangen Lernens als Voraussetzung, sich ein Berufsleben lang situativ auf die jeweils aktuellen Erfordernisse einzustellen, als auch die Fähigkeit zu Transferleistungen (vgl. Dohmen 1996, S. 3–4, Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2000, S. 3–8).

Diese Ziele von Lernen und beruflicher Bildung sind in besonderem Maße auch für die Pflege von Bedeutung. Im Gesundheitswesen spiegeln sich die gesellschaftlichen Entwicklungen mit den Grenzen der Finanzierbarkeit des sozialen Systems und einer »zunehmende[n] Verdrängung gemeinwesenbezogener Werteorientierung« (Dohmen 1996, S. 2) besonders eindrücklich wider.

Auch die berufliche Pflege kann sich diesen Veränderungen nicht entziehen und gibt mit dem Bestreben, das pflegerische Handeln als einen eigenständigen Beitrag der Gesundheitsversorgung zu gestalten, Denkanstöße für eine Neuorientierung der Pflegeausbildung. Die Umstrukturierungen im Gesundheitswesen, der medizinische Fortschritt und die Weiterentwicklung der Pflegewissenschaft – hierzulande eingeleitet durch die Akademisierung der Pflege zu Beginn der 90er-Jahre – erfordern Pflegepersonen, die fähig sind, diese Veränderungen verantwortlich mitzugestalten. Dazu sind Kompetenzen, wie vorher beschrieben, und die Fähigkeit erforderlich, sich selbst Wissen anzueignen und dieses situationsbezogen einzusetzen (vgl. Bögemann-Großheim u. a. 1999, S. 4). Auch wenn der beruflichen Fort- und Weiterbildung im Sinne des lebenslangen Lernens hier ein hoher Stellenwert zukommt; die Grundlage dazu muss bereits in der Ausbildung geschaffen werden.

Teil I: Theoretische Grundlagen und Praxisprojekt

»Problemorientiertes Lernen in Theorie und Praxis« besteht aus drei Teilen.

Teil I geht zunächst auf verschiedene Umsetzungsvarianten des problemorientierten Lernens im Sinne des Problem-based-Learning-Konzepts ein. Gestaltungsmöglichkeiten aus den Niederlanden, England, Australien sowie ein Implementierungsprojekt aus Deutschland werden vorgestellt und miteinander verglichen. Nachfolgend wird der Ansatz des problemorientierten Lernens in seinen lerntheoretischen und didaktischen Begründungsrahmen eingeordnet. Hierzu werden konstruktivistische Ansätze, handlungsorientierter Unterricht sowie Konzepte zur Kompetenzentwicklung und Schlüsselqualifizierung dargestellt und diskutiert. Im Anschluss an die theoretischen Vorüberlegungen erfolgt die Beschreibung eines POL-Projektes, welches im Rahmen der Diplomarbeit 2001 durchgeführt wurde. Das Projekt mit dem Thema »POL im Fach Hygiene und medizinische Mikrobiologie« wird in Vorbereitung, Durchführung und Evaluation dargestellt.

Teil II: Umsetzung des POL in der generalistischen Pflegeausbildung

Teil II des Buches analysiert zunächst die Rahmenbedingungen für problemorientiertes Lernen innerhalb der hiesigen Pflegeausbildung und im Kontext der Rahmenlehrpläne nach § 53 Pflegeberufegesetz. Nachfolgend wird dargestellt, wie POL unter den aktuellen Voraussetzungen an Pflegeschulen implementiert, geplant, umgesetzt und evaluiert werden kann.

Teil III: Praxiserprobte Fallbeispiele

Teil III ermöglicht es dem Leser, den Ansatz des problemorientierten Lernens in der eigenen Einrichtung auszuprobieren und umzusetzen. Er besteht aus 12 problemorientierten Unterrichtseinheiten, die an den Rahmenlehrplänen orientiert sind. Die POL-Lerneinheiten beinhalten größtenteils bereits praxiserprobte, aber nun an die generalistische Pflegeausbildung adaptierte Fallbeispiele, verbunden mit zu bearbeitenden Pflegediagnosen, erwarteten Lernergebnissen sowie Angaben zu Zeitmanagement und zu Zusatzelementen wie praktischen Übungen und Exkursionen.

Für die Fallbeispiele wurden Situationen mit zu pflegenden Menschen verschiedenster Altersgruppen und in unterschiedlichen Pflegesettings ausgewählt und in ihrer Komplexität an die jeweilige Ausbildungsphase angepasst.

1 Problemorientiertes Lernen in der Berufsausbildung
1.1 Problemorientiertes Lernen als didaktische Grundorientierung

Problem als Ausgangspunkt für Lernen

Der Begriff »problemorientiertes« oder »problemlösendes Lernen« wird international für unterschiedliche methodische Ansätze verwendet. Allen gemeinsam ist, dass der Ausgangspunkt für das Lernen ein Problem ist, welches von den Lernenden in Gruppen- und/oder selbstständiger Arbeit bearbeitet wird. Das jeweilige zu bearbeitende Problem wird in Form eines Fallbeispiels geschildert. Ein solches Fallbeispiel oder eine Situationsbeschreibung kann sowohl als schriftlich geschilderter Fall als auch in Form z. B. eines Videoclips, einer CD-ROM oder in einer anderen beliebigen Form vorliegen. Problemorientiertes Lernen ist aktives Lernen und hat zum Ziel, bei den Lernenden einen Erkenntnisprozess herbeizuführen.

Problem-Begriff

Um sich dem Ansatz des problemorientierten Lernens nähern zu können, muss zunächst geklärt werden, wodurch ein Problem gekennzeichnet ist. Dörner spricht von einem Problem, wenn ein Individuum »sich in einem inneren oder äußeren Zustand befindet, den es aus irgendwelchen Gründen nicht für wünschenswert hält, aber im Moment nicht über die Mittel verfügt, um den unerwünschten Zustand in den wünschenswerten Zielzustand zu überführen« (Dörner 1987, S. 10).

Ein Problem ist für ihn gekennzeichnet durch drei Faktoren:

• unerwünschter Ausgangszustand,

• erwünschter Zielzustand und

• eine Barriere, die die Transformation vom Ausgangs- in den Zielzustand verhindert.

Damit grenzt Dörner den Unterschied zwischen Problemen und Aufgaben insofern ab, als dass er Aufgaben als »geistige Anforderungen, für deren Bewältigung Methoden bekannt sind« (ebd., S. 10), definiert. Die Vorerfahrungen einer Person bestimmen demnach, was für sie ein Problem und was eine Aufgabe ist. Aus dieser Sicht ergibt sich, dass manche Sachverhalte für eine Person ein Problem darstellen, für eine andere lediglich eine Aufgabe sind (vgl. ebd., S. 10–11).

Werning und Kriwet differenzieren Probleme weiter in »prinzipiell lösbare « und »prinzipiell unlösbare « Probleme. Prinzipiell lösbare Probleme haben eine Lösung; prinzipiell unlösbare Probleme stellen die mit dem Problem konfrontierte Person vor die Situation, dass intensives Nachdenken über das Problem zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Antworten führt. Dadurch benötigen diese Art Probleme die Entscheidung der mit der Problembearbeitung konfrontierten Person (vgl. Werning und Kriwet 1999, S. 7).

Die Problemorientierung als didaktische Grundorientierung wird von Kohler in Anlehnung an weitere Autoren so verstanden, »dass Problem- und Strukturorientierung zusammen eine Art polares Begriffspaar bilden« (Kohler 1998, S. 22) und somit Gegensätze darstellen. Ausgangspunkt für den Lernprozess beim problemorientierten Lernen bildet ein »komplexes, interessantes und intrinsisch motivierendes Problem« (ebd., S. 23), welches, angelehnt an Dewey, in einem mehrstufigen Vorgehen bearbeitet wird und in der Prüfung der erarbeiteten Lösung endet. Konträr dazu beziehen sich strukturorientierte Lernbedingungen auf die Struktur der jeweiligen Disziplin. Kohler sieht strukturorientierte Lernbedingungen für geeignet an, wenn es große Stoffmengen zu bewältigen gilt oder Lernende sich einen ersten Einblick in ein Thema in kurzer Zeit verschaffen wollen. Problemorientiertes Lernen dagegen eignet sich mehr für ein exemplarisches, entdeckendes und in die Tiefe gehendes Lernen, exemplarisches Lernen (vgl. ebd., S. 23–26).

Übersicht 1: Problemorientiertes Lernen und strukturorientiertes Lernen als polare Gegensätze


1.2 Problemlösendes Lernen in der Pflegeausbildung als wesentliche Qualifikation für die Zukunft

These von Werning und Kriwet

Die Frage, warum in der (allgemeinbildenden) Schule problemlösend gelernt werden sollte, lässt sich mit der Aussage von Werning und Kriwet beantworten, die verdeutlicht, dass problemlösendes Lernen die wesentliche Qualifikation für die Zukunft überhaupt ist. Werning und Kriwet begründen ihre These damit, dass die wirklich wichtigen Fragestellungen der Zukunft prinzipiell unlösbare Probleme darstellen, welche Entscheidungen erfordern, und dass Jugendliche in der Schule auf die »Komplexität und Offenheit ihrer Lebenswirklichkeit« (Werning und Kriwet 1999, S. 8) vorbereitet werden müssen. Der Umgang mit Problemen sei durch den Umgang mit Unsicherheit gekennzeichnet; und genau diese Tatsache betrachten die Autoren als den Bildungswert des problemlösenden Lernens (vgl. ebd., S. 7–8).

Unlösbare Probleme erfordern problemlösendes Lernen

Diese Überlegungen lassen sich gewissermaßen auf die Pflegeausbildung übertragen. Auch das gesamte Gesundheitswesen in Deutschland ist von prinzipiell unlösbaren Problemen im Sinne von Werning und Kriwet gekennzeichnet, die sich auf die Pflege auswirken und denen die Ausbildung Rechnung tragen muss. Zu nennen ist hier z. B. das Problem der zunehmenden Anzahl multimorbider alter Menschen, welches sowohl durch die höhere Lebenserwartung als auch durch den medizinischen Fortschritt bedingt ist. In Anbetracht dessen, dass die Kosten für die medizinische Behandlung von Menschen im Alter von über 80 Jahren fast sieben Mal so hoch sind als bei der Altersgruppe unter zwanzig (vgl. Wolf 2000, S. 113), gleichzeitig aber sowohl von Versicherten als auch von den Kostenträgern Beitragsstabilität gefordert wird, werden hier in näherer Zukunft Entscheidungen anstehen, die die Pflege letztlich mittragen muss. Konkrete Entscheidungen über im Grunde unlösbare Probleme werden von den Pflegenden, egal ob in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege oder Altenpflege tätig, aber ebenso in der täglichen Praxis gefordert, wenn beispielsweise wegen knapper Zeit- und Personalressourcen den Patientenbedürfnissen nur eingeschränkt Rechnung getragen werden kann. Auch der Wissenszuwachs in der Pflege, bedingt durch die Akademisierung und die damit einhergehende Forschung, stellen wachsende Anforderungen an die Pflegenden; sich vergrößernde Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis fordern Pflegepersonen begründete Entscheidungen ab.

Definition: Gefragt ist, so Stark u. a., nicht die routinemäßige Verrichtung angeordneter Tätigkeiten, sondern die Fähigkeit:

• die gestellten Aufgaben erfolgreich zu bewältigen,

• wiederkehrende Aufgaben möglichst ökonomisch zu erledigen und

• neu sichtbar werdenden Problemen gewachsen zu sein.

Stark u. a. bezeichnen diese Fähigkeit als Handlungskompetenz (vgl. Stark u. a. 1995, S. 291).

Der rasche Wissenszuwachs in Pflege und Medizin zieht einerseits die schnelle Veralterung von Wissen nach sich, andererseits aber auch die immer stärkere Forderung nach Evidenz-basierter Medizin und Pflege. Die Ausbildung in den Pflegeberufen muss diese Entwicklungen berücksichtigen und die zukünftigen Berufsangehörigen darauf vorbereiten, sich mit »prinzipiell unlösbaren Problemen« adäquat auseinander zu setzen; nicht nur während ihrer Ausbildung, sondern ein Berufsleben lang. Damit ist problemlösendes Lernen ein Zugangsweg zum Konzept des lebenslangen Lernens.

1.3 Konzept des lebenslangen Lernens

In unserer Zeit wirken in kürzeren Abständen immer mehr Informationen auf den Menschen ein. Aus einer Flut an Informationen müssen ständig neue, relevante Aspekte ausgewählt und geprüft werden, bevor sie internalisiert und verwendet werden. Auch die in einer Berufsausbildung erworbenen Fähigkeiten reichen nicht für ein ganzes Berufsleben aus. Sie bedürfen der ständigen Auffrischung und Ergänzung (vgl. Seyd 1994, S. 23).

Seyd zeigt an den Ausführungen verschiedener Autoren auf, dass es wenig sinnvoll ist, »den Lebenslauf in einen Lern- und einen Arbeitsabschnitt zu zerlegen« (ebd., S. 23); stattdessen sollten Lern- und Arbeitsphasen einander abwechseln. Schließlich hängt die Lernfähigkeit des Menschen weniger von seinem Alter ab als vom Lerngegenstand, vom Interesse des Lernenden, von der Übung, von intellektuellen Fähigkeiten, von den vorhandenen Vorkenntnissen und besonders von seiner Motivation (vgl. ebd., S. 22–23). Dohmen sieht das lebenslange Lernen als eine natürliche Grundfunktion menschlichen Lebens. »Ohne ständiges Lernen kann der Mensch in einer komplexen, instabilen Welt nicht als selbst denkendes, sein Verhalten selbst regulierendes und das gemeinsame Ganze verantwortlich mitgestaltendes Wesen überleben« (Dohmen 1996, S. 5). Der schnelle Wandel der situativen Herausforderungen erfordere lebenslanges Lernen, dessen Förderung eine zentrale Aufgabe aller Bildungsinstitutionen sei. Deshalb betrachtet Dohmen die Förderung des selbstständigen, kompetenzentwickelnden Lernens als Zentrum aller vorhandenen Ansätze und Konzepte der Bildungspolitik. Für ihn steht in erster Linie die Entwicklung der für Problemlösungen notwendigen Kompetenzen wie Analyse-, Interpretations- und Integrationsfähigkeit im Vordergrund. Diese Kompetenzen entwickeln sich vor allem durch problembezogen-reflektierendes Lernen (vgl. ebd., S. 1–6).

Memorandum der Kommission der EG

Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften hat im Oktober 2000 ein Memorandum über lebenslanges Lernen veröffentlicht. In den Schlussfolgerungen des Europäischen Rats von Lissabon wurde festgestellt, dass Europa sich auf dem Weg in das Zeitalter des Wissens befindet und dass dies Konsequenzen für das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Leben nach sich zieht, die eine Änderung eingefahrener Handlungsmuster erforderlich machen. Es wird bekräftigt, dass der »erfolgreiche Übergang zur wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft mit einer Orientierung zum lebenslangen Lernen einhergehen muss« (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2000, S. 3). Lebenslanges Lernen soll zum Grundprinzip werden, an dem sich Lernen in allen Kontexten ausrichtet, damit alle Europäer gleiche Chancen haben, an der Gestaltung der Zukunft Europas mitzuwirken (vgl. ebd., S. 3).

Für die hohe Priorität, die dem lebenslangen Lernen eingeräumt wird, werden zwei Gründe angegeben:

1. Der Zugang zu aktuellen Informationen und aktuellem Wissen sowie die Motivation und Befähigung zur Nutzung dieser Ressourcen sind der Schlüssel zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Verbesserung von Beschäftigungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte.

2. Europäer leben in einem komplexen sozialen und politischen Umfeld und müssen lernen, mit kultureller, ethnischer und sprachlicher Vielfalt umzugehen. Bildung ist der Schlüssel, diesen Herausforderungen zu begegnen (vgl. ebd. S. 5–6).

Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften formuliert sechs Grundbotschaften zum lebenslangen Lernen. Botschaft Nr. 3 ist die Innovation in den Lehr- und Lernmethoden mit dem Ziel, »effektive Lehr- und Lernmethoden und -kontexte für das lebenslange und lebensumspannende Lernen zu entwickeln« (ebd. S. 16). Gefordert wird diesbezüglich, die pädagogischen Fähigkeiten der Lehrenden anzupassen und auf ihre zukünftige Berufsrolle als Berater, Mentoren und Vermittler vorzubereiten. Eine Grundqualifikation von Pädagogen soll zukünftig sein, Lernende zu unterstützen, ihr Lernen selbst in die Hand zu nehmen, sowie offene, partizipative Lehr-/Lernmethoden zu entwickeln und diese zu praktizieren (vgl. ebd., S. 16–17).

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann in Bezug auf die Pflegeausbildung gesagt werden, dass hier die Chance besteht, die Grundlagen für ein lebenslanges Lernen zu schaffen. Wenn die Fähigkeiten dazu u. a. von den vorhandenen Vorkenntnissen und von der Motivation des Lernenden abhängig sind, dann muss es ein Ziel der Ausbildung sein, neben der Vermittlung von Vorkenntnissen eben diese Motivation zum Lernen zu fördern. Dies entspricht den Forderungen der Europäischen Gemeinschaften, die darüber hinaus einen Wandel von der traditionellen Lehrerrolle hin zum Lernberater postulieren. Es müssen also Unterrichtsformen gefunden werden, die neben der umfassenden Wissensvermittlung das Interesse am Lernen wecken und Schüler zur selbstständigen Arbeit befähigen. Problemlösendes Lernen wird als ein geeigneter Ansatz zum Erwerb beruflicher Kompetenzen betrachtet.

1.4 Vermittlung von Problemlösefähigkeit in der Ausbildung

Untersuchungen zur Vermittlung von Problemlösefähigkeiten

Wenn Problemlösefähigkeit als eine wichtige und zukunftsorientierte berufliche Fähigkeit angesehen wird, ergibt sich die Frage, wie diese vermittelt werden kann. Zwei empirische Untersuchungen von Stark u. a. und Kohler haben sich mit der Frage beschäftigt, durch welche Herangehensweise an Problemlöseaufgaben die besten Ergebnisse bei Lernenden zu erzielen sind.

»Wie kann Handlungskompetenz erreicht werden?«

Stark u. a. sind mit einer Studie der Frage nachgegangen, durch welche Faktoren Handlungskompetenz gefördert werden kann. Sie gehen davon aus, dass die »oft abstrakte und künstlich systematisierte Form der Wissensvermittlung« (Stark u. a. 1995, S. 293) der Komplexität des Alltags oft nicht gerecht wird und problemorientiertes Lernen eine Möglichkeit bietet, Handlungskompetenz zu fördern. Weiterhin vertreten die Autoren, angelehnt an die Cognitive-Flexibility-Theorie ( Kap. 4.1.2), die Ansicht, dass die Problemlösungsfähigkeit verbessert werden kann, indem Probleme in verschiedenen Kontexten bearbeitet werden (vgl. ebd., S. 293).

Basierend auf diesen Voraussetzungen untersuchten sie mithilfe einer computerunterstützten Simulation an 60 Berufsschülern, ob die Vorgabe multipler Lernkontexte geeignet ist, Handlungskompetenz zu fördern. Gleichzeitig sollte überprüft werden, ob »eine mit der Darbietung multipler Lernkontexte verbundene Komplexitätserhöhung ein erhöhtes Ausmaß an instruktionaler Unterstützung der Lernenden (hier in Form geleiteten Problemlösens) notwendig macht« (ebd., S. 291). Neuere Befunde aus der Instruktionspsychologie weisen darauf hin, dass das Lernen anhand komplexer Probleme nicht selten zur Überforderung der Lernenden führt (vgl. ebd., S. 294).

Ergebnisse

Die Studie ergab, dass Schüler mit multiplen Lernkontexten ohne zusätzliche instruktionale Unterstützung die schlechtesten Problemlösefähigkeiten aufwiesen. Die besten Problemlösefähigkeiten erzielten Schüler, die bei der Bearbeitung multipler Lernkontexte durch geleitetes Problemlösen unterstützt wurden. Beim Erwerb handlungsrelevanten Sachwissens erwiesen sich multiple Lernkontexte als ungünstig; die besten Ergebnisse erreichten hier die Schüler, die mit uniformen Lernkontexten konfrontiert wurden. Bei den Transferaufgaben erzielten die Schüler, die sich mit uniformen Lernkontexten auseinanderzusetzen hatten und dabei instruktional unterstützt wurden, die besten Ergebnisse (vgl. ebd., S. 304–308).

Ähnliche Ergebnisse können bei Kohler beobachtet werden, die den Einfluss von problemorientierten Texten auf die Problemlösefähigkeiten von Schülern untersuchte. In ihren Untersuchungen waren die Leser eines problemorientiert gestalteten Textes bei Problemlöseaufgaben den strukturorientiert instruierten Schülern überlegen. Anders als bei Stark waren die problemorientiert instruierten Schüler den strukturorientiert instruierten Schülern jedoch auch bei der Lösung von Kenntnisaufgaben nicht unterlegen (vgl. Kohler 1999, S. 245).

Merke: Aus den beiden Untersuchungen zur Problemlösefähigkeit von Schülern ergeben sich Hinweise darauf, dass die Präsentation multipler Kontexte in Problemaufgaben zu verbesserten Problemlösefähigkeiten führen kann. Um eine Überforderung der Schüler zu vermeiden und die Aufgaben erfolgreich zu bewältigen, ist eine instruktionale Unterstützung der Lernenden unbedingt von Vorteil.

1.5 Fazit

Problemlösendes Lernen kann als wesentliche Qualifikation für die Zukunft, besonders auch für die Zukunft der Ausbildung in pflegerischen Berufen betrachtet werden. Die Tätigkeit im Gesundheitswesen ist gekennzeichnet von einem rasanten Wissenszuwachs und dem damit gleichzeitig einhergehenden immer schnelleren Veralten von Wissen. Daher steht für die Ausbildung weniger die Anhäufung von Faktenwissen im Vordergrund als vielmehr die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz. Berufliche Handlungskompetenz zeichnet sich durch die Fähigkeit der Berufsangehörigen aus, wiederkehrende Aufgaben möglichst ökonomisch zu erledigen und neu auftretenden Problemen gewachsen zu sein. Darüber hinaus muss festgestellt werden, dass auf Grund der beschriebenen Entwicklungen der Lernprozess nach der Ausbildung nicht beendet ist, sondern lebenslang andauert. Auszubildende müssen demnach nicht nur Handlungskompetenz erwerben, sondern auch die Fähigkeit und Motivation zum lebenslangen Lernen. Problemorientiertes Lernen, betrachtet als polarer Gegensatz zum herkömmlichen strukturorientierten Vorgehen, ist eine Methode, welche die Umsetzung eben dieser Ziele verfolgt.

2 Problemorientiertes Lernen im Sinne des Problem-based-Learning-Konzepts

Da Problem-based Learning übersetzt zwar »problemorientiertes Lernen« bedeutet, wie aus den Ausführungen in Kap. 4 hervorgeht, jedoch nicht mit »problemorientiertem Lernen« insgesamt gleichzusetzen ist, wird im Folgenden von »problemorientiertem Lernen im Sinne des Problem-based Learning« gesprochen.

Definition: Wilkie (2000) definiert Problem-based Learning (PBL) als eine Unterrichtsmethode, bei der die Studierenden in Kleingruppen arbeiten, mit dem Ziel, Wissen und Problemlösungsfähigkeiten zu erwerben.

Charakteristika von PBL

Ein wesentliches Charakteristikum von PBL ist, dass den Studierenden das Problem vorgestellt wird, bevor das Hintergrundwissen erarbeitet ist; dieses Merkmal unterscheidet PBL von herkömmlichen Problemlösungsansätzen. Als zweites Kennzeichen des PBL wird das zu bearbeitende Problem in einem Kontext dargestellt, der Situationen nahekommt, in denen die Studierenden in der Praxis mit einem solchen oder ähnlichen Problem konfrontiert werden könnten (vgl. Wilkie 2000, S. 11). Mit der Methode des PBL erhalten Studierende Gelegenheit, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen und die zum Selbststudium notwendigen Fertigkeiten zu erwerben. Außerdem soll das Lernen so viel Freude bereiten, dass die zukünftigen Berufsangehörigen motiviert sind, den Lernprozess lebenslang fortzusetzen. Ausgestattet mit der Motivation und den Fertigkeiten zum lebenslangen Lernen sollen die Auszubildenden auf die Weiterentwicklung in den multidisziplinären Gesundheitsdienstleistungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet werden (vgl. Bourns und Glen 2000, S. 4).

2.1 Geschichte des Problem-based Learning

McMaster University in Kanada

Der Ansatz des Problem-based Learning lässt sich zurückführen auf die Einrichtung des ersten Kurses für PBL im Medizinstudium an der McMaster University im kanadischen Hamilton/Ontario Mitte der 60er-Jahre. Neufeld u. a. gehen jedoch davon aus, dass die Methode viel älter ist und sich am Tutorensystem der Oxford University orientiert, welches bereits aus dem Mittelalter stammt (vgl. Wilkie 2000, S. 13). Anstoß für die Überlegungen hinsichtlich einer neuen Studienmethode gab das Problem des raschen Veraltens von Wissen und die Schwierigkeit, in den bestehenden Kursstrukturen auf neue Entwicklungen reagieren und Innovationen einbringen zu können. Das Ziel der McMaster University, welches mit der Einrichtung der PBL-Kurse in der Medizin verfolgt wurde, war, die Zahl der Vorlesungen zu reduzieren. Gleichzeitig sollten die Grundlagenwissenschaften im Zusammenhang mit klinischen Problemen dargestellt werden, um die Studierenden so auf zu erwartende Situationen in der Praxis vorzubereiten. Es sollten kritisch und analytisch denkende Akademiker ausgebildet werden, mit deren Hilfe sich die Sorge um den Menschen effektiv und effizient gestalten ließe.

Universität Limburg in den Niederlanden

1971 wurde das problemorientierte Lernen (POL) an der Medizinischen Fakultät der niederländischen Universität Limburg in Maastricht eingeführt; hier wurde auch die Problemlösungsstruktur »Siebensprung« entwickelt, die inzwischen europaweit anerkannt ist (vgl. Wilkie 2000, S. 14).

Deutsche Hochschulen

Seit Anfang der 90er-Jahre gibt es problemorientiertes Lernen im Sinne von POL mit zunehmender Tendenz auch an deutschen Hochschulen. So ist seit 1992 das Medizinstudium an der privaten Universität Witten-Herdecke problemorientiert organisiert, und zum Wintersemester 1999 wurde an der Berliner Humbold-Universität ein POL-Reformstudiengang Medizin eingeführt. Die Universität Hamburg bietet seit dem Wintersemester 2001 mit einem Modellstudiengang die Möglichkeit zum problemorientierten Studium der Medizin für die ersten drei Studienjahre, und an der Universität Bochum begann ein Modellstudiengang für Medizin im Wintersemester 2003.

In die deutsche Pflegeausbildung hat PBL bzw. POL, soweit es Veröffentlichungen darüber gibt, bislang überwiegend in Form einzelner Projekte und als komplementäre Methode Einzug gefunden. Derzeit gibt es meines Wissens in Deutschland jedoch keine Schule für Pflegeberufe, die über ein vollständig problemorientiert strukturiertes Curriculum verfügt.

2.2 Ziele des Problem-based Learning

Neben dem Erwerb von Fertigkeiten zum lebenslangen Lernen werden mit dem Einsatz des Problem-based Learning verschiedene Ziele verfolgt.

Bornhöft u. a. definieren als Ziele des POL im Grundstudium der Medizin an der Universität Witten-Herdecke die Motivation der Lernenden und Lehrenden, Wissenserwerb im Zusammenhang mit der späteren Anwendungssituation und die Erlangung einer wissenschaftlichen Denkweise. Die Vermittlung des Wissens im Kontext der späteren Anwendungssituation geschieht unter der Vorstellung, dass das Wissen in der realen Situation später schneller aktiviert werden kann (vgl. Bornhöft u. a. 1997, S. 101).

Moust u. a. betonen neben dem Wissenserwerb den interaktiven Aspekt des Lernens beim POL und führen aus, dass in Unterrichtsgruppen, die hinsichtlich Alter, Lebenserfahrung, Vorbildung, Geschlecht und gesellschaftlichen Einstellungen unterschiedlich sind, die Gruppenmitglieder besonders gut voneinander lernen können (vgl. Moust u. a. 1999, S. 4).

Bezugnehmend auf Levin gehen Burns und Glen davon aus, dass die Ausbildung in der Pflege die Studierenden mit übertragbaren Fertigkeiten wie Kommunikation, Selbstdisziplin, Teamarbeit und eben Problemlösungsfähigkeit ausstatten muss (vgl. Burns und Glen 2000, S. 4).

Auch Engel erachtet die mit dem PBL angestrebten Kompetenzen wie logisches und analytisches Denken, begründetes Handeln und Entscheiden und nicht zuletzt die Fähigkeit zur Selbstevaluation als notwendig, um sich im sich schnell verändernden Berufsleben anpassen zu können und an Veränderungen mitwirken zu können (vgl. Engel 1999, S. 17–18).

Neben dem Erwerb klinischer, psychosozialer, naturwissenschaftlicher und pflegerischer Kenntnisse sehen Bögemann-Grossheim u. a. die Förderung und Entwicklung von persönlichen und sozialen Kompetenzen wie z. B. Selbstständigkeit, Teamarbeit, Problemlösungsstrategien und Kommunikationstechniken als Ziele des problemorientierten Lernens. Den Auszubildenden soll es möglich sein, sich den Anforderungen des Berufslebens professionell zu stellen. Ferner stehen die Lernziele, selbst als Lernender Entscheidungen zu treffen, was wichtig zu bearbeiten ist, und eigene Wissenslücken und Schwächen zu erkennen, im Vordergrund (vgl. Bögemann-Großheim u. a. 1999, S. 9).

Übersicht 2: Ziele des Problembased Learning

Ziele des Problem-based Learning

Die Lernenden …

• eignen sich Fähigkeiten und Motivation zu lebenslangem Lernen an,

• erwerben transferfähiges Wissen,

• erarbeiten sich eine breite Wissensbasis,

• werden durch Anwendungsbezug zum Lernen motiviert,

• erlangen eine wissenschaftliche Denkweise,

• profitieren innerhalb der Lerngruppe voneinander,

• werden geschult in Kommunikation, Teamarbeit und Selbstdisziplin,

• erlangen Problemlösefähigkeit,

• eignen sich Fähigkeiten zur Selbstreflexion an.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die von den verschiedenen Autoren aufgeführten Ziele des Problem-based Learning auf den Erwerb von Schlüsselqualifikationen sowie der Kompetenztrilogie aus Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz zusammenzuführen sind. Die Studierenden sollen sich nicht nur eine breite fachliche Wissensbasis erarbeiten, sondern gleichermaßen die Fähigkeit und Motivation zum lebenslangen Lernen erwerben. Darüber hinaus spielt die Entwicklung einer reflektierten Persönlichkeit eine wichtige Rolle, die es schließlich ermöglicht, das Gelernte situationsabhängig anzuwenden, es nötigenfalls zu verändern oder neue Handlungsalternativen zu generieren. PBL soll demzufolge die Auszubildenden auf die bestehenden und zukünftigen Anforderungen ihres Berufes vorbereiten und sie befähigen, sich wandelnden Bedingungen anzupassen und Veränderungen verantwortlich mitzugestalten.

Umsetzungsformen des PBL-Konzepts

Problemorientiertes Lernen im Sinne des PBL-Konzeptes lässt verschiedene Umsetzungsformen zu, je nachdem, welche Zielsetzungen im Vordergrund stehen und welche Rahmenbedingungen vorhanden sind.

Im nachfolgenden Kapitel werden drei problemorientierte Ansätze mit ihren Besonderheiten beschrieben und ausschließlich miteinander verglichen:

• Problemorientiertes Lernen (POL), wie es z. B. im Medizinstudium in Maastricht und Witten-Herdecke praktiziert wird,

• Enquiry-based-Learning (EBL), welches an der University of Southampton im Studium für Pflege und Geburtshilfe durchgeführt wird, und

• Issue-based-Learning (IBL), welches an der University of New South Wales im Studium der Sozialarbeit angewendet wird.

2.3 Problemorientiertes Lernen nach niederländischem Vorbild

Kernelemente des POL

Moust u. a. sehen im problemorientierten Lernen (POL) eine Unterrichtsmethode, die folgende Kernelemente enthält:

• eine zum Nachdenken anregende Problembeschreibung,

• Vorkenntnisse der Lernenden zum jeweiligen Thema,

• Fragen, die aus der Problembeschreibung entstehen, und

• die Motivation der Lernenden, diese zu beantworten.

POL ist weiterhin gekennzeichnet durch die Arbeit in einer Unterrichtsgruppe, die von einem Tutor betreut wird. Als wichtig erachten Moust u. a. den Aspekt, dass die Mitglieder der Lerngruppe voneinander lernen und sich gegenseitig motivieren. Außerdem werden in der Gruppe Kommunikationsfähigkeit und Teamarbeit gefördert. Durch den Vergleich mit den Leistungen der anderen Gruppenmitglieder findet indirekt auch eine Leistungskontrolle statt.

Der problemorientierte Unterricht ist in Blöcken oder Modulen organisiert, in denen durchgehend ein bestimmtes Thema behandelt wird. Zu jedem Block erhalten die Studierenden einen sogenannten Reader, der eine kurze Einführung in das zu bearbeitende Thema, die Problem- oder Aufgabenbeschreibung, eine Liste mit empfohlener Literatur und anderen Informationsquellen sowie organisatorische Hinweise wie Gruppenzusammensetzung und Zeitpläne enthält (vgl. Moust u. a. 1999, S. 2–3).

Lernziele

Moust u. a. verwenden sowohl den Begriff des problemorientierten Lernens als auch des aufgabenorientierten Lernens und sehen, angelehnt an Barrows, drei zentrale Lernziele, die mit POL angestrebt werden:

• »Der Student erwirbt brauchbares Wissen und macht sich dieses zu Eigen.

• Der Student lernt, wie man lernt (›self-directed-learning‹).

• Der Student lernt, Probleme zu analysieren und zu lösen« (Moust u. a. 1999, S. 3).

Wie Moust u. a. betrachten auch Labudde u. a. die Interaktion der Lernenden als ein wesentliches Charakteristikum für POL. Labudde u. a. beurteilen besonders die Orientierung an vorhandenem Wissen, den konkreten Praxisbezug, die Beteiligung an der Lernzielformulierung und die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden für den Lernprozess als vorteilhaft für deren Lernmotivation und Lerneffizienz (vgl. Labudde u. a. 1999, S. 12–15).

Auswahl der Lerninhalte

Zur Auswahl der Lerninhalte machen Moust u. a. und Labudde u. a. keine Aussagen. An der Universität Witten-Herdecke werden die Inhalte nach den folgenden drei Kriterien ausgewählt:

• Häufigkeit,

• Wichtigkeit und

• Exemplarität,

und sind, so die Autoren, häufig an der Systematik der Anatomie orientiert (vgl. Bornhöft u. a. 1997, S. 105). Zur Bearbeitung eines Falls steht im Durchschnitt eine Woche zur Verfügung (vgl. ebd., S. 105; Moust u. a. 1999, S. 51).

2.3.1 Problemlösungsmethode »Siebensprung«

Die Problemlösungsmethode »Siebensprung« wird im Folgenden unter Verwendung der Ausführungen von Moust u. a. erläutert.

Definition: Der Siebensprung ist eine systematische, schrittweise Herangehensweise an Problemaufgaben in der Unterrichtsgruppe. Es findet ein Wechsel zwischen Kleingruppenarbeit und Selbststudium statt.

Schritt 1: Klärung unklarer Begriffe

Zu Beginn werden alle unklaren Begriffe geklärt. Die Problemaufgaben können je nach Komplexität des geschilderten Falls bis zu mehreren Seiten lang sein. Dabei muss sichergestellt werden, dass alle Gruppenmitglieder den Sachverhalt bzw. die geschilderte Situation verstehen. Weiterhin muss auch über Einzelheiten, die nicht explizit geschildert sind, eine einheitliche Auffassung herrschen. Ziel des ersten Schrittes ist also eine gemeinsame Ausgangssituation für alle Gruppenmitglieder.

Schritt 2: Problemdefinition

Der zweite Schritt zielt auf die Problemdarstellung bzw. die Einigung darüber, was das zu bearbeitende Problem ist. Mit der Problemdarstellung wird auch der zu bearbeitende Bereich eingegrenzt.

Schritt 3: Problemanalyse/Brainstorming

In Schritt drei geht es um die Problemanalyse, das heißt um die Aktivierung des Vorwissens der Gruppenmitglieder. Ein Brainstorming eignet sich gut, um allen Gruppenmitgliedern die Möglichkeit zu geben, sich unzensiert zu äußern und mögliche Ideen einzubringen. Die Autoren empfehlen, die Gedanken mit je einem Stichwort an die Tafel zu schreiben, damit keine spontanen Ideen verloren gehen.

Schritt 4: Systematische Vertiefung

Schritt vier dient der Gliederung der Ideen und ihrer systematischen Vertiefung. Es geht darum, die Gedanken aufzugreifen und weiterzuführen. Unklarheiten, offen gebliebene Fragen und divergierende Ansichten zu einzelnen Themenpunkten dienen als Grundlage für den nächsten Schritt: die Erarbeitung der Lernziele.

Schritt 5: Lernzielformulierung

Im fünften Schritt werden die in Schritt vier ermittelten Wissenslücken zu Lernzielen formuliert. Lernziele können Aufgaben oder Fragestellungen sein, die dazu dienen, das Ausgangsproblem zu bearbeiten. Es geht jedoch nicht nur darum, das Problem zu lösen; vielmehr ist es das Ziel, über die konkrete Fragestellung hinaus umfassendes Wissen aus dem jeweiligen Fachgebiet zu erwerben. Moust u. a. bezeichnen die Lernziele als Brücke zwischen den Fragen und dem Wissen. Wichtig ist für den Erfolg der Lerngruppe, dass die Lernziele konkret formuliert werden, um ein zielgerichtetes Arbeiten für alle zu ermöglichen. Die Autoren empfehlen, nicht die Lernziele in der Gruppe aufzuteilen, sondern alle Gruppenmitglieder alle Lernziele bearbeiten zu lassen; ansonsten wäre jeder nur Spezialist für sein Fachgebiet. Es ist jedoch möglich, die verschiedenen Informationsquellen zu verteilen. Schritt fünf ist der letzte Schritt im ersten Treffen der Arbeitsgruppe.

Schritt 6: Selbstständiges Studium

Der sechste Schritt ist die Bearbeitung der gemeinsam formulierten Ziele im Selbststudium. Als Informationsquellen können neben Literatur auch das Internet oder andere digitale Medien als Quelle dienen. Ebenfalls ist es möglich, Experten zu befragen. Da es häufig verschiedene Ansichten oder Erklärungen für einen bestimmten Sachverhalt gibt, wird empfohlen, sich nicht mit einer Informationsquelle zufrieden zu geben. Die erarbeiteten Ergebnisse sollten strukturiert und mit eigenen Worten zusammengefasst werden.

Schritt 7: Synthetisierung der neuen Informationen

Der letzte Schritt im Siebensprung, das Synthetisieren und Testen der neuen Ergebnisse, findet wieder in der Lerngruppe statt. Die wichtigsten Ergebnisse der Literaturrecherche werden zusammengefasst und besprochen; Zusammenhänge können herausgestellt werden. Ferner wird festgestellt, ob alle offenen Fragen geklärt werden konnten und ob der Lernstoff von allen Gruppenmitgliedern verstanden wurde. Die Informationen aus der Literatur werden gesammelt, zusammengefügt und am Ausgangsproblem überprüft. Möglicherweise ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass das Problem noch nicht erschöpfend gelöst wurde oder Aspekte des Themas unklar blieben. In diesem Fall werden zusätzliche Lernziele formuliert und weiter bearbeitet (vgl. Moust u. a. 1999, S. 21–32, S. 57).

Die Schritte eins bis fünf werden in der Kleingruppe durchgeführt. Schritt sechs erfolgt in Eigenarbeit, der siebte Schritt erfolgt wieder in der Kleingruppe.

2.3.2 Organisation der Gruppenarbeit

Zusammensetzung und Funktionen

Eine Unterrichtsgruppe besteht aus sechs bis zehn Teilnehmern und einem Tutor. Zusammenkünfte der Lerngruppen finden im POL zu Beginn der Bearbeitung eines neuen Falls und zum Abschluss der Bearbeitung statt. Sie dienen der Berichterstattung über die Lernziele aus der vorherigen Sitzung und der Analyse des neuen Problems. Die Gruppe bestimmt einen Gesprächs- oder Diskussionsleiter und einen Protokollanten; diese Rollen sollten nacheinander alle Studierenden übernehmen, um sich in kommunikativen Fähigkeiten zu üben. Der Gesprächsleiter legt die Tagesordnung fest, sorgt für die Einhaltung des vereinbarten Ablaufs der Gruppensitzung und leitet die Diskussion (vgl. Bornhöft u. a. 1997, S. 110 u. Moust u. a. 1999, S. 7).

Moust u. a. unterscheiden zwischen aufgabenorientierten Funktionen, also Aktivitäten, die auf die Aufgabe selbst und auf die Arbeitsorganisation ausgerichtet sind, und gruppenorientierten Funktionen, bei denen es um die Optimierung des Gruppenprozesses bzw. des Arbeitsklimas geht. Obwohl jedes Gruppenmitglied sich selbst Notizen machen sollte, hat die Gruppe einen Protokollanten, der alle wichtigen Informationen und Beiträge notiert und zusammenfasst. Auch beim Brainstorming hält der Protokollant die Ideen der Gruppenmitglieder fest und visualisiert die Lösungsvorschläge (vgl. Moust u. a. 1999, S. 13–14).

Funktion und Profil des Tutors

Zur Unterrichtsgruppe gehört auch der Tutor, dessen Aufgabe die Förderung des Lernprozesses ist. Die Tutorenrolle wird in der Regel von einem Dozenten eingenommen. Tutoren müssen keine Fachleute für die jeweiligen Themen sein. Ihre Aufgabe ist es nicht, Antworten zu liefern, sondern die Diskussion in die richtige Richtung zu steuern, Literatur zu empfehlen und die Zusammenarbeit zu fördern (vgl. ebd. 1999, S. 15). In Maastricht haben momentan noch Professoren die Tutorenrolle inne, es sind jedoch Überlegungen im Gange, Studierende zu Tutoren auszubilden. An der Universität Witten-Herdecke sind auch praktisch tätige Ärzte als Tutoren tätig, die nach der Problembearbeitung eine fachkompetente Rückmeldung geben können (vgl. Bornhöft u. a. 1997, S. 110).

2.3.3 Aufgabentypen im problemorientierten Lernen

Moust u. a. unterscheiden fünf verschiedene Aufgabentypen, die im problemorientierten Lernen Anwendung finden können:

• Problemaufgabe

• Diskussionsaufgabe

• Strategieaufgabe

• Studienaufgabe

• Anwendungsaufgabe

Problemaufgabe

Die klassische Aufgabenform für POL ist eine Problemaufgabe. Probleme können sowohl aus der klinischen Praxis übernommen werden als auch als didaktische Idealfälle entwickelt sein. Bei Problemen kann es sich entweder um eine Situationsbeschreibung handeln, ein Gespräch kann wiedergeben oder auch ein Foto bzw. eine Grafik dargestellt werden (vgl. Moust 1999, S. 20). »Ein Problem, das speziell für den Unterricht konstruiert wird, besteht aus einer mehr oder weniger neutralen Beschreibung einiger Phänomene oder Ereignisse, die miteinander im Zusammenhang stehen« (ebd., S. 20).

Bornhöft u. a. berichten, dass konstruierte oder modifizierte Fälle oft nicht so gut von den Studierenden angenommen werden wie die echten (vgl. Bornhöft 1997, S. 106). Dies bestätigt auch Wilkie, die für das Lernen der Studierenden echte Probleme für die geeignetsten hält (vgl. Wilkie 2000, S. 22). Probleme sind die klassischen Aufgaben, die mit den Schritten des Siebensprungs bearbeitet werden.

Diskussionsaufgabe

Eine andere Aufgabenform ist die Diskussionsaufgabe. Diskussionsaufgaben dienen dazu, das kritische Urteilsvermögen der Studierenden zu fördern oder die Studierenden mit verschiedenen Ansichten zu einem Thema zu konfrontieren. Lernziel der Diskussionsaufgabe ist, unterschiedliche Standpunkte zu beleuchten und einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Aus den Diskussionsergebnissen können entweder Schlussfolgerungen gezogen werden oder auch neue Lernziele entstehen. Auch Diskussionsaufgaben werden systematisch in der Kleingruppe bearbeitet. Nachdem Begriffe und das Problem geklärt sind, werden zunächst Meinungen gesammelt und geordnet. Im nächsten Schritt werden die wichtigsten Punkte herausgestellt und schließlich Schlussfolgerungen oder Lernziele formuliert (Moust u. a. 1999, S. 33–35).

Strategieaufgabe

Eine weitere Form der mit POL zu bearbeitenden Aufgaben ist die Strategieaufgabe. Hier steht das berufliche Handeln im Vordergrund. Ziel der Strategieaufgabe ist es, begründete und reflektierte Entscheidungen zu treffen. Nachdem klar ist, um welches Problem es sich handelt, schlagen die Gruppenmitglieder mögliche Vorgehensweisen vor. Der Fokus der eingebrachten Handlungsmöglichkeiten wird jeweils auf die Begründung der gewählten Strategie gerichtet. Zum Schluss wird die gewählte Strategie auf Sachrichtigkeit überprüft (vgl. ebd., S. 35–36).

Studienaufgabe

Eine Aufgabenart, bei der es nicht um inhaltliche Diskussionen in der Unterrichtsgruppe geht, ist die Studienaufgabe. Die Studienaufgabe gibt genau vor, welche Literatur mit welcher Fragestellung zu bearbeiten ist, und wird in Eigenarbeit erledigt. In der nächsten Gruppensitzung werden die Ergebnisse des Eigenstudiums vorgetragen (vgl. ebd., S. 37–38).

Anwendungsaufgabe

Die Anwendungsaufgabe dient der Anwendung von erworbenem Wissen und hat die Besonderheit, dass sie erst nach dem Literaturstudium bearbeitet wird. Das Ziel der Anwendungsaufgabe ist der Transfer. Es geht darum, bereits vorhandenes Wissen in der konkreten Situation zu verwenden oder Kenntnisse verschiedener Bereiche zusammenzufügen. Die Anwendungsaufgabe wird im Eigenstudium gelöst, und in der Gruppe werden abschließend die Ergebnisse besprochen (vgl. ebd. S. 38–39).

Neben diesen spezifischen Aufgabentypen gibt es Mischformen, die verschiedene Aspekte miteinander verknüpfen. Auch betonen Moust u. a., dass es sich bei den vorgeschlagenen Arbeitsstrategien nicht um strikte Anweisungen handelt, sondern um Hilfsmittel, die ein effektives Lernen möglich machen sollen. Kernpunkt des POL bleibt dabei die aktive Auseinandersetzung mit der Aufgabe auf der Basis der individuellen Vorkenntnisse (vgl. ebd. S. 35–39).

Zusammenfassung

Alles in allem ist das problemorientierte Lernen nach niederländischem Vorbild eine Methode, die klar vorgibt, wie das Lernen organisiert werden soll. Es gibt verschiedene Aufgabentypen und, um den optimalen Lernerfolg zu ermöglichen, für jeden Aufgabentyp ein systematisches Bearbeitungsschema. Die Bearbeitung der Fälle bis zur Lernzielerstellung findet in einer acht- bis zehnköpfigen Kleingruppe statt. Die Lernziele werden im Eigenstudium mithilfe von Literatur und anderen Medien bearbeitet, und zum Abschluss findet eine (kurze) Auswertung in der Gruppe statt.

2.4 Enquiry-based-Learning im Pflegestudium an der englischen University of Southampton

Ausgehend von der PBL-Philosophie der kanadischen McMaster University haben sich verschiedene Durchführungsansätze entwickelt, um den jeweiligen institutionellen Bedingungen und den Lernvoraussetzungen der Studierenden Rechnung zu tragen.

Wilkie unterscheidet zwischen dem ursprünglichen problemorientierten Lernen und verschiedenen Mischformen, die jeweils abhängig von den institutionellen Bedingungen und Bedürfnissen zum Einsatz kommen (vgl. Wilkie 2000, S. 16). Beispiele hierfür sind neben dem »PBL in Reinform« die modifizierten Ansätze Enquiry-based-Learning und Issue-based-Learning. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die unterschiedlichen Methoden dem jeweiligen Ausbildungskonzept anzupassen. Studien- bzw. Ausbildungsgänge können in Anteilen oder durchgängig problemorientiert strukturiert sein, das problemorientierte Lernen kann in der Ausbildungseinrichtung selbst oder während der Praxiseinsätze erfolgen, und ferner ist es möglich, problemorientierte und traditionelle Unterrichtseinheiten parallel durchzuführen (vgl. ebd., S. 17–22).

Schwerpunkt im E/IBL

Triggermaterial

Da die akademischen Fähigkeiten von Pflegestudenten als geringer eingeschätzt werden als die von Medizinstudenten, hält Wilkie, in Anlehnung an Feletti, das Enquiry-based-Learning (EBL) bzw. den Ansatz des Issue-based-Learning (IBL) für eine geeignetere Methode im Rahmen der Pflegeausbildung (vgl. Wilkie 2000, S. 23). Beim E/IBL geht es weniger um Diagnosestrategien als um die Bewältigung typischer Probleme aus dem Pflegealltag. Schwerpunkt im E/IBL ist so nicht die Analyse des Lernmaterials, sondern mehr die kritische Reflexion des Lernprozesses und der Praxiserfahrungen. E/IBN ist flexibler im Hinblick auf die Aufgaben, im angelsächsischen Raum als »Triggermaterial bezeichnet, und weniger anspruchsvoll hinsichtlich personeller Ressourcen als PBL in seiner ursprünglichen Form« (vgl. ebd., S. 23–24).

2.4.1 Ziele und Lernorganisation

Die Universität Southampton hat 1997 den Ansatz des Enquiry-based-Learning (EBL) für das Studium der Pflege und Geburtshilfe sowohl für die Diplom- als auch für die Bachelor-Studiengänge eingeführt. Der Begriff »Enquiry-based-Learning« kann frei mit erkundigendes, nachfragendes Lernen übersetzt werden.

Die Ziele

Ziele, die mit diesem Schritt verfolgt werden, sind vielfältig: Die Studierenden sollen die Möglichkeit haben, klinisches und kritisch-logisches Denken zu erwerben, ihre praktischen Erfahrungen zu reflektieren, Problemlösefähigkeiten zu erlangen und Führungskompetenz zu erwerben. Soziale und personale Kompetenzen wie Selbstständigkeit, aber auch Kooperationsfähigkeit in der Teamarbeit sollen die fachlichen Fähigkeiten ergänzen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf den Einbezug von Forschungsergebnissen im Sinne des Evidence-based-Nursing in der Pflegeausbildung gelegt. Eines der Hauptcharakteristika des Curriculums in Southampton ist das Konzept des lebenslangen Lernens. In der Gruppenarbeit des EBL sollen die Studierenden lernen, ihren persönlichen Lernstil zu finden und ihre eigene Lerneffektivität zu überprüfen (vgl. Long und Grandis 2000, S. 52–53).

Lernorganisation

Das Pflegestudium ist in vier- bis sechswöchigen Lernmodulen organisiert. In jedem Lernmodul wird ein Fallbeispiel bearbeitet; die Fallbeispiele werden aus Erfahrungen im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen konstruiert. Im Vordergrund stehen die Heranführung der Studierenden an Teamarbeit und das Bestreben, die Studierenden selbst immer mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen zu lassen.

Das gesamte Curriculum ist so strukturiert, dass die berufliche Praxis den Mittelpunkt der Ausbildung darstellt (vgl. ebd., S. 53).

2.4.2 Implementierung von Enquiry-based-Learning

In Großbritannien fand in den 90er-Jahren die als »Project 2000« benannte schrittweise Umstrukturierung der Pflegeausbildung an traditionellen Krankenpflegeschulen zum Studium an Universitäten mit den möglichen Abschlüssen Higher National Diploma (3–jähriges Studium) und Bachelor-Degree (4–jähriges Studium) statt. An der University of Southampton bestand seit Beginn des Project 2000 bereits eine enge Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen Pflege Erwachsener, Kinderkrankenpflege, Pflege Lernbehinderter und Geburtshilfe. Von den dadurch entstandenen Arbeitsbeziehungen konnten die neuen Entwicklungen zur Einführung des EBL profitieren (vgl. Long und Grandis 2000, S. 54). Bereits in einem sehr frühen Planungsstadium wurde die klinische Praxis in das Vorhaben eingeführt. Long und Grandis betrachten die zentrale Stellung der Pflege und die Wertschätzung pflegerischer Kompetenz als »Eckpfeiler des EBL-Ansatzes« (ebd. S. 54) zur Entwicklung einer reflektierten Praxis. In einem weiteren Schritt wurde eine Curriculumgruppe aller Fachbereiche gegründet, zu denen sowohl Lehrer als auch Studierende und praktizierende Pflegepersonen gehörten. Der Leiter der Gruppe sowie der Koordinator nahmen an einer internationalen Konferenz über problemorientiertes Lernen an der McMaster University in Kanada teil, um sich über Implementierungsstrategien zu informieren und sich mit PBL-erfahrenen Kollegen auszutauschen (vgl. ebd., S. 55).

Schwerpunkte zur Vorbereitung

Der zentrale Fokus in der Vorbereitung lag auf der Überzeugungsarbeit im Lehrerkollegium und auf der Ausbildung der Lehrer als Tutoren. Auch die in der Praxis tätigen Kollegen wurden in die Entwicklung einbezogen, und gemeinsam mit ihnen wurde ein neues Instrument zur Leistungskontrolle entwickelt (vgl. ebd., S. 58). Die häufig diskutierte Frage, ob die Studierenden ohne verpflichtende Lehrveranstaltungen genügend Fachwissen erwerben würden, wurde durch eine Studie über die Fachkompetenz der Studierenden, die nach dem konventionellen Curriculum ausgebildet wurden, aufgegriffen; in der vorliegenden Literatur werden die Ergebnisse jedoch nicht dargestellt. Long und Grandis erachten es als besonders wichtig, zur Überwindung von Widerständen allen Beteiligten die Sicherheit zu vermitteln, dass ihre Anliegen ernst genommen werden (vgl. ebd., S. 58).

2.4.3 Southampton-Prozess

Das Modell der University of Southampton zur Durchführung des EBL im Fachbereich Pflege und Geburtshilfe wird von Long und Grandis als »Southampton-Prozess« bezeichnet.

Lernorganisation

Die Lerngruppe im Southampton-Prozess besteht aus einer von Long und Grandis nicht näher benannten Anzahl Studierender, die von einem Tutor begleitet werden. Ein Gruppenmitglied fungiert als Gesprächsleiter, ein weiteres Gruppenmitglied als Protokollant. Die Bearbeitung des Fallbeispiels erfolgt in einem festgelegten Ablauf.

Wie im niederländischen Siebensprung wird im ersten Schritt sichergestellt, dass alle Studierenden das Fallbeispiel in seinem Kontext verstehen. Danach wird ein Brainstorming durchgeführt, um die Lernthemen herauszufinden, die sich aus dem Fall ergeben; der Protokollant hält die Ergebnisse auf Flipchart oder an der Tafel fest. Anschließend haben die Studierenden Gelegenheit, weitere Informationen zu erhalten, die zur Bearbeitung des Falls benötigt werden. Dies können z. B. der soziale Hintergrund oder pflegerische Details sein, die im Leitfaden des Tutors zu finden sind. Die Themen (bzw. Lernziele) werden schrittweise bearbeitet. Wichtig ist in dieser Phase, dass die Studierenden begründen können, warum sie welche Zusatzinformationen benötigen. Im nächsten Schritt werden Fragen, die sich aus dem Fallbeispiel ergeben, formuliert, priorisiert und die Lernbedürfnisse in der Gruppe abgestimmt (vgl. Long und Grandis 2000, S. 60). Die Bearbeitung der Fragen und Lernthemen erfolgt in einer vier- bis sechswöchigen Phase, in der Praxiseinsätze und theoretische Elemente einander abwechseln. Als Grundlage zum Selbststudium erhalten die Studierenden Hinweise auf Literatur und andere Materialien, die zur Beantwortung der Fragen nützlich sind. Während der Bearbeitungszeit können die Studierenden verschiedene freiwillige Lernangebote wie Vorlesungen und Workshops nutzen. Zusätzlich gibt es Vorträge von Praktikern oder Erfahrungsberichte von Patienten sowie Gruppensitzungen, an denen die Studierenden teilnehmen und ihre Gruppe vertreten können. Einige Fragen können mit in den Praxiseinsatz genommen und mit den klinischen Lehrern diskutiert und bearbeitet werden. Die Studierenden werden ermutigt, neue Quellen für Informationen zu erschließen, um dadurch kommunikative und andere soziale Fähigkeiten zu erlangen. Beim nächsten Gruppentreffen werden die Lern- und Praxiserfahrungen dann ausgetauscht (vgl. ebd. S. 61–62).

2.4.4 Rolle des Tutors im Southampton-Prozess

Lernbegleiter und fachlicher Ratgeber

Aus den Ausführungen von Long und Grandis lässt sich nicht ableiten, inwieweit der Tutor im Southampton-Prozess auch fachlicher Spezialist für das jeweilige zu bearbeitende Thema ist. Die als »akademische Tutoren« (Long und Grandis 2000, S. 62) bezeichneten Lernbegleiter übernehmen eine sehr aktive Rolle im Lernprozess. Bereits im ersten Schritt geben sie den Studierenden beim Verständnis des jeweiligen Kontextes Hilfestellung und stellen so sicher, dass die Gruppe gute Ausgangsbedingungen für eine konstruktive weitere Fallbearbeitung hat. Der Tutor stellt weiterhin auf begründete Nachfrage der Studierenden Hintergrundinformationen zur Verfügung, die in seinem Tutorenleitfaden enthalten sind. In den nächsten Arbeitsphasen unterstützt der Tutor die Gruppe im Auffinden der im Fall enthaltenen Aufgabenstellungen und hilft beim Fokussieren der entsprechenden Lernbedürfnisse. Bei allen Interventionen des Tutors wird auf eine ermutigende Lernatmosphäre und ein partnerschaftliches Verhältnis Wert gelegt. Während der Bearbeitungszeit der Fragen finden wöchentliche Treffen der Arbeitsgruppe mit dem Tutor statt. Auch hier ist es die Aufgabe des Tutors, den Arbeits- und Gruppenprozess zu leiten und bei Problemen vorsichtig einzugreifen. Long und Grandis beschreiben die Rolle des Tutors als essenziell in der Ergänzung und Unterstützung des integrierten EBL-Lernansatzes (vgl. ebd., S. 60–64).

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Modell Southampton-Prozess eine klar strukturierte Vorgehensweise zur Bearbeitung der Fallbeispiele vorgibt. Der Tutor hat eine wichtige Rolle inne und wird nicht nur als Lernbegleiter, sondern gleichermaßen durch fachliche Unterstützung aktiv. Die Bearbeitung der Lernziele erfolgt nicht ausschließlich durch Selbststudium, sondern die Studierenden haben die Möglichkeit, ergänzende Lehrveranstaltungen zum jeweiligen Thema zu besuchen.

2.5 Issue-based-Learning im Studiengang Sozialarbeit an der australischen University of New South Wales

An der australischen University of New South Wales wurde 1983 die Methode des Problem-based Learning im Studiengang Sozialarbeit eingeführt. Anfang der 90er-Jahre wurde der Begriff PBL in Issue-based-Learning (IBL) geändert, weil die Assoziation, dass angehende Sozialarbeiter mit PBL die Probleme ihrer Klienten lösen sollten, problematisch erschien. Der Begriff »Issue-based-Learning« könnte mit situationsbezogenem, diskutierendem Lernen übersetzt werden. Derzeit wird nur das erste von vier Studienjahren im Fachbereich Sozialarbeit mit IBL organisiert (vgl. Bolzan und Heycox 1997, S. 194). Das restliche Studium erfolgt konventionell.

2.5.1 Ziele und Lernorganisation

Mit der Herangehensweise des IBL wird in erster Linie angestrebt, den Studierenden zu Beginn ihres Studiums verschiedene Interventionsmethoden zu präsentieren, die Arbeit in Gruppen anzubahnen, den Studierenden Verantwortung für ihr Lernen übernehmen zu lassen und den Lernprozess auf den Lebenserfahrungen der Studierenden aufzubauen (vgl. Bolzan und Heycox 1997, S. 195). Während des ersten Studienjahres werden vier Fallbeispiele präsentiert und bearbeitet.

Fallbeispiele/Themen

Die Themen des ersten Ausbildungsjahres sind:

• Eine ältere Frau, die in der Gemeinde lebt.

• Flüchtlinge, die in Australien leben.

• Diskriminierung geistig behinderter Menschen.

• Junge Menschen mit psychischer Erkrankung.

Bearbeitungsdauer pro Fallbeispiel: sieben Wochen

Dieses Themenspektrum soll Bezug zu aktuellen Themen der Sozialarbeit bieten, die Entwicklung spezieller Fertigkeiten ermöglichen und den breiten Tätigkeitsbereich von Sozialarbeit repräsentieren (vgl. ebd., S. 195). Jedes der Fallbeispiele wird jeweils sieben Wochen lang bearbeitet. Pro Woche finden zwei Kleingruppentreffen und eine Präsentation in der Großgruppe statt. Als Triggermaterial dienen Videos, Zeitungsausschnitte, andere Dokumente und Fallgeschichten; zur Bearbeitung erhalten die Studierenden Literaturempfehlungen. Jede Gruppe kann den Fall nach eigenen Vorstellungen bearbeiten. Bei zwei der drei Fallgeschichten ist der Besuch einer Behörde oder einer entsprechenden Einrichtung obligat. Zwischen den Kleingruppentreffen haben die Studierenden die Möglichkeit, fakultative Veranstaltungen wie Gastvorlesungen zu speziellen Problemstellungen an der Universität zu besuchen. Die wöchentlichen Treffen in der Großgruppe dienen der Auswertung der Kleingruppenarbeit und der weiteren Vertiefung des Themas durch Aktivitäten wie Rollenspiele oder Videovorführungen (vgl. ebd., S. 194–196).

2.5.2 Rolle des Tutors

Der Tutor übernimmt im IBL eine sehr aktive Rolle. Tutoren sind ausgebildete Sozialarbeiter und somit gleichzeitig Experten. Der Tutor versteht sich als Förderer des Lernprozesses, aber ebenso als Vorbild, Begleiter, Fachkundiger, Organisator und »devil’s advocate«. Als Grundlage für die Gruppendiskussionen dienen, so Bolzan und Heycox in Anlehnung an Vinson, die Lebenserfahrungen und die Schulbildung der Studierenden. Die Studierenden haben ferner in der Gruppe Gelegenheit zur Selbstreflexion und Gruppenprozessreflexion; damit werden gegenseitiges Vertrauen und Zusammenhalt gefördert. Auch das Tutorenteam trifft sich zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch (vgl. Bolzan und Heycox 1997, S. 196).

2.5.3 Leistungskontrollen und Beurteilung aus Sicht der Praxis

Leistungskontrollen in Form von Briefen, Berichten, Referaten und größeren Prüfungen

Praxisorientierte Leistungskontrollen finden nach der Bearbeitung eines jeden Falls statt. Je nach Thema können ein Brief (z. B. an eine Behörde oder entsprechende Einrichtung), ein Bericht oder ein Referat zur Leistungskontrolle dienen. Zweimal im Jahr erfolgt eine größere Prüfung, bei der es um Fachwissen und spezielle Fertigkeiten geht (vgl. Bolzan und Heycox 1997, S. 196). Das Feedback von praktisch arbeitenden Sozialarbeitern auf die IBL-ausgebildeten Studierenden beschreiben Bolzan und Heycox als durchweg positiv. Die Studierenden sind besser über ihren zukünftigen Beruf informiert, können ihre Berufswahl kritisch reflektieren und haben mehr Sicherheit, welches Wissen und welche Fertigkeiten in der Praxis benötigt werden. Zudem erwerben die Studierenden sehr früh Basisqualifikationen für ihren zukünftigen Beruf (vgl. ebd., S. 198). Um die Fallbeschreibungen und Bearbeitungen stets aktuell zu gestalten, wird ein enger Kontakt zur Praxis gepflegt. Die Universität von Sydney hat Partnerschaften zwischen der Universität und entsprechenden Einrichtungen geschaffen, deren Ziel der Austausch von Wissen und Erfahrungen darstellt (vgl. ebd., S. 198–200).

Zusammenfassung

In der zusammenfassenden Betrachtung lässt sich sagen, dass auch im Inquiry-based-Learning die Kleingruppenarbeit im Vordergrund steht, aber die instruktionale Unterstützung der Studierenden durch fachlich versierte Tutoren, verpflichtende Aktivitäten und fakultative Vorlesungen gewährleistet ist. Die engen Verbindungen zu Einrichtungen der sozialen Arbeit betonen den sehr praxisorientierten Charakter des Studiengangs.

2.6 Fazit

Merke: Allen beschriebenen Organisationsformen des PBL gemeinsam sind drei übergeordnete Ziele, nämlich:

• der Erwerb von Sach-, Selbst- und Sozialkompetenzen,

• die Fähigkeit zum selbstgesteuerten, lebenslangen Lernen und

• die Fähigkeit zur Analyse und Bearbeitung von Problemen.

Methode oder Methodologie?

Ein grundlegender Unterschied besteht darin, dass Moust u. a. in ihren Ausführungen das problemorientierte Lernen mehr als Vermittlungsmethode betrachten, Gibbon und Wilkie dagegen als Methodologie. Die Methode POL bei Moust u. a. gibt vor, wie eine Unterrichtsgruppe zusammengesetzt ist, welche Aufgaben die Gruppenmitglieder haben und wie sich der Ablauf einer Gruppensitzung gestaltet. Es werden verschiedene Aufgabentypen unterschieden, die entsprechend der Lehr-/Lernziele zur Anwendung kommen. Auch die Vorgehensweise bei der Bearbeitung ist vorgegeben; der Siebensprung als Problemlösungsmethode bzw. Variationen für andere POL-Aufgaben sind beschrieben.

Auch Wilkie sieht das problemorientierte Lernen zunächst als eine Unterrichtsmethode, bei der das Lernen in der Eigenverantwortung der Studierenden liegt. Durch die Veränderungen und Weiterentwicklungen hat es sich jedoch im Laufe der multiplen Anwendungsgebiete zu einer »komplexen Mixtur aus einer allgemeinen Unterrichtsphilosophie, aus Lehr-/Lernzielen sowie Fähigkeiten, Einstellungen und Werten, die allesamt schwierig zu regulieren sind und in den Forschungsberichten oft nicht richtig definiert werden« (Vernon und Blake 1993, S. 560, zitiert in Wilkie 2000, S. 16), entwickelt.

Gibbon charakterisiert, in Anlehnung an Alavi, das problemorientierte Lernen ebenfalls als eine Philosophie bzw. eine Lehr-/Lernmethodologie, welche die Anforderungen an eine Methodologie erfüllt (vgl. Gibbon 2000, S. 37). Gibbon erläutert nicht, worin sich ihrer Meinung nach eine Lehr-/Lernmethodologie kennzeichnet. Sie verweist jedoch auf Kap. 2 (Glen und Wilkie 2000, S. 11–34), welches das »Wesen« des Problem-based Learning thematisiert. Aus diesem Verweis kann geschlussfolgert werden, dass Gibbon den Begriff »Methodologie« darauf begründet, dass Aussagen zur Art der Lerngruppe, zur Rolle des Lehrers, zur Erschließung des Lerninhalts und zu verschiedenen Formen problemorientierten Lernens gemacht werden, die über die Definition einer reinen Methode hinausgehen.

Rolle des Tutors

Weitere Unterschiede zwischen den Ansätzen POL und E/IBL bestehen in der Rolle des Tutors. Beim POL ist die Aufgabe des Tutors die Förderung des Lernprozesses, indem die Diskussion in die richtige Richtung gesteuert und die Zusammenarbeit in der Gruppe gefördert wird. Tutoren sind zwar meistens Dozenten, müssen jedoch keine Fachleute für das jeweilige Thema sein (vgl. Moust u. a. 1999, S. 15). In Witten-Herdecke sind ergänzend niedergelassene und klinisch tätige Ärzte als Tutoren tätig, um den geforderten Praxisbezug des Studiums zu verstärken (vgl. Bornhöft u. a. 1997, S. 110). Im Gegensatz zum POL ist die Rolle des Tutors im Southampton-Prozess eine sehr aktive. Die Aufgabe des Tutors beim EBL ist es, neben der Förderung des Lernprozesses auch fachliche Hilfestellung zu leisten (vgl. Long und Grandis 2000, S. 60–64). Bolzan und Heycox verstehen Tutoren im IBL primär als Förderer des Lernprozesses. Darüber hinaus sollen sie aber aktive Teilnehmer am Lernprozess und fachliche Vorbilder sein; Tutoren im Studiengang Sozialarbeit an der University of New South Wales sind ausgebildete Sozialarbeiter (vgl. Bolzan und Heycox 1997, S. 194–201).

Siebensprung/POL

Weitere Unterschiede zwischen den Ansätzen ergeben sich aus dem Ablauf der Problem- bzw. Aufgaben- oder Fallbearbeitung. Im POL sind für alle Aufgabenarten konkrete Lösungsschritte vorgegeben; klassisch ist hier der Siebensprung zur Bearbeitung einer Problemaufgabe. Moust u. a. gehen davon aus, dass die vorgegebenen Schritte notwendig sind, um einen optimalen Lernerfolg zu erzielen. Der sechste Schritt, die Bearbeitung der vorher in der Gruppe erarbeiteten Lernziele, erfolgt beim POL im Selbststudium. Die Studierenden erhalten einen Reader, der neben organisatorischen Hinweisen eine Liste mit empfohlener Literatur und anderen Informationsquellen enthält. In der Regel beträgt die Bearbeitungszeit für ein Problem eine Woche. Das Ziel der Problemaufgabe ist neben der Lösung des Problems die umfassende Erarbeitung der dem Problem zugrunde liegenden Phänomene; dafür müssen die Lernziele weiter gefasst werden, als es zur reinen Problemlösung erforderlich wäre. Der Erwerb personaler und sozialer Kompetenzen wird durch die Gruppenprozesse im POL angestrebt (vgl. Moust u. a. 1999, S. 8). Bornhöft u. a. gehen jedoch davon aus, dass mit dem POL nicht alle angestrebten Ziele des Medizinstudiums, wie z. B. Wahrnehmungsfähigkeit, Gesprächsführung, Empathiefähigkeit, Fähigkeit zur Wissenschaftskritik und gesellschaftliche Verantwortung, erreicht werden können. Deshalb werden zusätzliche Veranstaltungen angeboten, die als »POL-Umgebung« bezeichnet werden (ebd. S. 112).

Enquiry-based- Learning/Southampton-Prozess

Auch im Southampton-Prozess ist eine mehrschrittige Herangehensweise an die Aufgabe vorgegeben. Ähnlich wie im Siebensprung werden nach der Klärung des Kontextes zunächst Vorkenntnisse aktiviert und dann der Lernbedarf abgestimmt. Für die Bearbeitung der Lernziele sind pro Fall vier bis sechs Wochen vorgesehen; Long und Grandis bezeichnen diese Zeitspanne als »Pflegeeinheit«. Während einer Pflegeeinheit wechseln Praxisanteile und Theoriephasen einander ab, sodass die Bearbeitung nicht ausschließlich im Eigenstudium erfolgen muss. Die Studierenden haben die Möglichkeit, an Vorlesungen, Seminaren und anderen relevanten Veranstaltungen teilzunehmen und ihre Arbeitsgruppe dort zu vertreten. Fachliche Intention ist auch im Southampton-Prozess die umfassende Bearbeitung der Thematik. Daneben geht es aber ebenso um die Reflexion der Praxiserfahrungen, zu denen die in den Pflegeeinheiten integrierten Praktika Gelegenheit bieten. Zentral ist im Enquiry-based-Learning die berufliche Praxis; um diese herum gruppieren sich der theoretische, forschungsgestützte Wissenserwerb und der Erwerb sozialer und personaler Kompetenzen (vgl. Long und Grandis 2000, S. 52–53).

Issue-based-Learning

Im Issue-based-Learning an der University of New South Wales sind für die Bearbeitung eines Falls sieben Wochen vorgesehen; pro Einheit treffen sich die Studierenden zweimal wöchentlich in der Kleingruppe. Aus den Ausführungen von Bolzan und Heycox lässt sich keine Siebensprung-ähnliche Vorgehensweise zur Aufgabenbearbeitung ableiten. Die Vorgehensweise zum Thema »Die Erlebnisse von Flüchtlingen in Australien« ist jedoch beispielhaft und strukturiert dargestellt. Im Arbeitsgruppentreffen der ersten Woche werden grundlegende Fragen besprochen, die in den folgenden Wochen erweitert und vertieft werden. Gleichzeitig finden Gastvorträge, andere themenbezogene Veranstaltungen und weitere Gruppentreffen zu speziellen Themen statt, die fakultativ besucht werden können. Daneben gibt es Pflichtveranstaltungen wie z. B. der Besuch einer Einrichtung für Flüchtlinge zwischen der vierten und fünften Woche. Ergänzend erhalten die Studierenden Literaturhinweise und Skripte für das Selbststudium. Zentrale Anliegen sind im Studium der Sozialarbeit nach dem IBL-Ansatz der enge Kontakt zur Praxis und die Reflexion der bisherigen Lebens- und neuen Praxiserfahrungen der Studierenden.

Zusammenfassende Betrachtung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass alle drei Ansätze von einem praxisbezogenen Szenario ausgehen und die Bearbeitung in Kleingruppen unter der Leitung eines Tutors stattfindet. Die Aufgabe des Tutors ist im POL mehr zurückhaltend und lernprozessbezogen, im EBL bzw. IBL nimmt der Tutor aktiver teil und fördert die Gruppe auch fachbezogen. Im POL und im EBL/Southampton-Prozess sind die Schritte der Bearbeitung in der Gruppe bis zur Lernzielerstellung vorgegeben; nach der Lernzielbearbeitung findet ein gemeinsames Feedback statt. Alle drei Varianten haben eine Phase des Selbststudiums, die mithilfe von Literatur und anderen Medien unterstützt wird. Sowohl im EBL als auch im IBL haben die Studierenden zusätzlich die Möglichkeit, an Lehrveranstaltungen zum jeweiligen Thema teilzunehmen. Im POL an der Universität Witten/Herdecke finden ebenfalls begleitende Lehrveranstaltungen, die sogenannte POL-Umgebung, statt.

Die Frage, ob Problem-based Learning eine Methodologie oder eine Methode ist, kann hier nicht abschließend beurteilt werden. In den folgenden Ausführungen wird davon ausgegangen, dass es sich um einen Ansatz handelt, der vom Verständnis eines aktiven, Erkenntnisse auslösenden Lernens ausgeht und verschiedene pragmatische Umsetzungsmöglichkeiten bietet. Diese sind nachfolgend als Methode oder als Konzept im Sinne einer planmäßigen Art und Weise des Vorgehens bzw. eines Plans bezeichnet (vgl. Langenscheidts Fremdwörterbuch in: http://www.langenscheidt.de). Tabelle 1 fasst wichtige Unterschiede in der Umsetzung des problemorientierten Lernens noch einmal zusammen.

Tab. 1: Umsetzungsformen des problemorientierten Lernens


Umsetzungsformen des problemorientierten LernensEnquiry-based- Learning (EBL)Issue-based- Learning (IBL)Problemorientiertes Lernen (POL)

Kritikhinweis

Abschließend soll noch hinzugefügt werden, dass es in der Literatur durchaus auch kritische Anmerkungen zum Ansatz des Problem-based Learning gibt (vgl. hierzu Wilkie 2000, S. 25 ff., und Drinan 1997, S. 333 ff.); da es aber an dieser Stelle darum geht, die positiven Aspekte des PBL für die Pflegeausbildung nutzbar zu machen, wird hier nicht weiter darauf eingegangen.

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Release date on Litres:
18 August 2025
Volume:
274 p. 41 illustrations
ISBN:
9783170383401
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