Read the book: «Träume - Spiegel der Seele, Krankheiten - Signale der Seele»
Reinhold Ruthe
Träume - Spiegel der Seele
Krankheiten - Signale der Seele
Zwei Bestseller in einem Band

Impressum
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 9783865064530
© 2007 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: Getty Images
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Träume – Spiegel der Seele
Vorwort
Kapitel 1: Traum und Schlaf
Was ist der Traum?
Der Anlass für den Traum kann ein Reiz oder ein Tagesrest sein
Die Heilfunktion der Träume
Träume stellen Empfindungen bildlich dar
Der vernachlässigte Traum
Kapitel 2: Die Symbol- und Bildersprache des Traumes
Bilder beschreiben die Gefühlslage
Symbole sind vieldeutig
Symbole für weibliche und männliche Geschlechtsorgane
Die Archetypen
Die Traumumgebung als Symbol
Die Farbsymbolik
Symbole enthüllen
Erwecken Sie die Bilder zum Leben!
Kapitel 3: Der Traum und der Träumer
Wie der Mensch ist, so träumt er
Wozu träumen wir?
Das Verhalten entspringt unserer Meinung
Viele Träume verraten unsere religiöse Einstellung
Was bringt der Traum zur Sprache?
Der Traum – die Vorbereitung auf das Morgen
Der Traum offenbart unsere Lebenslügen
Kapitel 4: Begriffe in der Praxis der Traumdeutung
Manifester Traum – latenter Traum – Traumarbeit und Traumanalyse
Die Traumentstellung – die Traumzensur
Der Traum als Wunscherfüllung
Lebensstil und Traum
Die Zielrichtung des Traums
Der Traum und das Unbewusste
Traumassoziationen
Kapitel 5: Nackt- und Entblößungsträume
Ich gehöre da nicht hin
Ich schäme mich zu Tode!
Nackt auf der Kanzel
Kapitel 6: Der Tod im Traum
Mutters Beerdigung
Katharina Luther träumt vom Tod
Ein Wunsch wird zu Grabe getragen
Ein vorausschauender Traum
Ich werde im Traum umgebracht
Der Mord im Traum
Kapitel 7: Wiederholungsträume
Ich laufe hinter dem Berg her
Kapitel 8: Träume – Gottes vergessene Sprache
Ich habe die Strafe verdient
Der Traum meint den ganzen Menschen
Träume – Gottes ungebetene Boten
Willst du einmal die Hölle sehen?
Gott hat sein Schaf zurückgeholt
Kapitel 9: Wie Gott im Traum zu uns redet
Was ich für Gott opfere, kann ich nicht zurückfordern
Ein Laden im Norden Skandinaviens
Wie Sprengstoff verwandelt wird
Krieg in der Gemeinde
Kapitel 10: Gott spricht zu Jakob im Traum
Was geht dem Traumgeschehen voraus?
Gott gibt Wegweisung durch Träume
Gott bestätigt den Betrüger
Welche Rolle spielen die Engel?
Gott redet im Traum verbindlich
Erwählung trotz Verfehlung
Jakob prüft, ob sich der Traum bestätigt
Kapitel 11: Traumdeutung und Lebensstilkorrektur
Ich fühle mich allein und abgelehnt
Ich schaffe es nie!
Hinweise für den Beratungsprozess
Krisen in der Lebensmitte – Chancen zum Neubeginn
Womit hängen die Krisen zusammen
Die Zeit der Wende, die Zeit der Wandlung
Kapitel 12: Konkrete Hilfen für die therapeutisch-seelsorgerliche Traumdeutung
Die Verknüpfung von Problem, Traum und frühkindlichen Erinnerungen
Welche Leitideen kennzeichnen Problem, Traum und frühkindliche Erinnerung?
Welches Lebensgefühl vermittelt das Problem?
Welches Lebensgefühl vermittelt die frühkindliche Erinnerung?
Welches Lebensgefühl vermittelt der Traum?
Einige Denkanstöße für die therapeutischseelsorgerliche Arbeit
Zehn hilfreiche Fragen, um Traumbotschaften zu entschlüsseln
Drei Hinweise für die Traumarbeit in der Seelsorge
Kapitel 13: Unterschiedliche Methoden der Traumdeutung
Der Tagtraum in der therapeutischen Seelsorge
Der Dialog zwischen dem »Topdog« und dem »Underdog«
Den Traum zum Leben erwecken
Traumdeutung auf der Objekt- und auf der Subjektstufe
Anmerkungen
Krankheiten – Signale der Seele
Vorwort
I. Wie gehen wir mit Problemen um?
Acht Hinweise zum Verständnis
II. Seele meint den ganzen Menschen
Die Seele in Sprichwörtern
Seelisch krank?
Viele Krankheiten sind „nur“ Symptome
Fragen zum Nachdenken
Wenn der Arzt missbraucht wird
III. Krankheiten haben und krank sein
Die Bedeutung des Krankseins
Ist Krankheit ein Segen?
IV. Die leib-seelischen Zusammenhänge von Leiden, Krankheit und Tod
Was beinhaltet Psychosomatik
Modekrankheit: vegetative Dystonie
Krankheit als Schicksal?
Krankheit als Lebenslüge?
Neurosen – eine veraltete Terminologie?
Krankheit und Tod als Folge fehlender menschlicher Zuwendung
Was setzt den Körper unter Druck?
Redewendungen zeigen Leiden auf
Die Organsprache
Wenn die Erde wackelt – ein Fallbeispiel
Die Nachahmung der Symptome
Ist der Organdialekt immer krankhafter Natur?
Leiden und Konflikte durch Stress
Punktliste für seelische Belastungen
Leben verlängernde Stressoren
Angina temporis und Angina pectoris – Zeitnot und Herztod
V. Glaube und Immunsystem
Wie arbeitet das Immunsystem?
Seele und Abwehrsystem
Besonderes Merkmal: Gesund
Mit-Teilen und Gesundheit
Loben und Lachen
Denkstrukturen ändern
Wie wir unser Immunsystem stärken
VI. Schmerzen haben einen Sinn
Der Schmerz in der Bibel
Muskelschmerzen
Auch Kränkung und Ablehnung tun weh
Dem Schmerz eine Stimme geben
Wenn der Rücken schmerzt
Fragen zum Nachdenken
Kopfschmerzen
Schmerzhafte Krisen – wie gehen wir damit um?
VII. Die Persönlichkeit des Asthmatikers
Der Atem
Luft und Atem in Redensarten
Was beim Asthmaanfall geschieht
Die unterschiedlichen Formen des Asthmas
Was den Asthmatiker kennzeichnet
Asthma und Ehebruch – ein Fallbeispiel
Fragen zur Selbstprüfung
Fragen an Eltern von Asthma-Kindern
VIII. Die Persönlichkeit des Herzinfarktgefährdeten
Risikofaktoren
Lebensstil und Organwahl
Die Verkalkung von Herzkranzgefäßen
Lebensstil und Managerkrankheit
Seelsorge an Managerkranken
IX. Die Persönlichkeit des Magenkranken
Der Pantoffelheld – ein Fallbeispiel
Der Lebensstil der Ulkus-Persönlichkeit
Wie ist die Geschwürbildung zu erklären?
Magengeschwür oder: Ich habe mein Bestes getan
Magengeschwürkranke in der Statistik
Erwartungsangst und Magengeschwüre
Sympathikotoniker und Vagotoniker
Die Selbstzerfleischung
Fragen zum Nachdenken
X. In Beziehungen leben – streiten lernen
Elf Denkanstöße
XI. Krankheit als Chance
Glaube: vorbeugend und heilend
Leid und Krankheit als Heim-Suchung
Selig sind, die da Leid tragen
Der aktive Kranke
Auf unsere Reaktion kommt es an
Trost im Leben und im Sterben
XII. So, wie ich bin, bin ich gut genug
Selbstannahme als Schlüssel zum Gesundwerden
Literaturhinweise
Stichwortverzeichnis
Reinhold Ruthe
Träume –
Spiegel der Seele
Wie Sie Ihren Träumen auf die Spur kommen

2. Auflage 2007
© 2004 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Satz: Satzstudio Hans Winkens, Wegberg
www.brendow-verlag.de
Vorwort
»Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungeöffneter Brief«, heißt es im Talmud. Könnte es nicht auch sein, dass Gott uns in Träumen Briefe schreibt, die wir ungelesen liegen lassen? Viele Menschen, auch Christen sind skeptisch.
»Träume sind Schäume!« sagen sie
»Träume sind verwirrende Gedankenfetzen!«
»Träume sind nächtliche Ergüsse ohne Sinn und Verstand!«
Liegt diese Skepsis daran, dass im Traum Zeit und Raum, Gegenwart und Vergangenheit, Kindheit und Erwachsensein, bekannte und völlig unbekannte Gesichter, unbekannte Plätze und nie erlebte Situationen das Geschehen beherrschen? Verständlich, wenn Menschen das nächtliche Durcheinander ärgerlich beiseite schieben.
Wollen sie mit ihren Lebenskonflikten, mit inneren Nöten und Ängsten nicht konfrontiert werden? Finden sie einen plausiblen Grund für ihren Traumwirrwarr?
Wie ganz anders beurteilt die Bibel den Traum! Die ganze Heilsgeschichte Israels bliebe ohne den Traum unverständlich. In Träumen warnt Gott den ägyptischen Pharao davor, das Volk Israel weiter festzuhalten. Im Traum schickt Gott Maria und Josef auf die Flucht und bewahrt so den Heiland der Welt davor, den Kindesmördern in die Hände zu fallen. Ein Traumgeschehen revolutioniert die Missionsstrategie des Paulus. Gottes Regie im Traum führt Paulus nach Europa. Ein Traum gibt Petrus, dem Jünger Jesu, die Gewissheit, er solle auch Nichtjuden die »gute Nachricht« bringen.
Ich bin nicht überzeugt, dass solche Traumerfahrungen der Vergangenheit angehören. Gott hat nicht nur zu Menschen aus der Bibel in Träumen geredet. Auch heute noch meldet er sich in Träumen, Visionen und Nachtgesichten zu Wort. Es liegt an uns, ob wir seiner Stimme Gehör schenken.
Als Verfasser fühle ich mich wesentlich von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie, angesprochen, der Träume als wichtige Lebensstil-Aussagen auffasst. Aber auch die Deutungshilfen anderer Traumforscher kommen zur Sprache. Die hier geschilderten und gedeuteten Träume stammen aus der seelsorgerlichen Beratungspraxis, auch aus Einzelanalysen, dazu von Seminarbesuchern, die Träume von Ratsuchenden mit in den Kurs brachten. Der Inhalt der Träume wurde im Wesentlichen beibehalten. Umstände und Lebenszusammenhänge der Ratsuchenden wurden jedoch so verändert, dass Identifikationen nicht möglich sind.
Das Buch ist nicht nur für Seelsorger und Berater gedacht, die bei Gesprächen mit Ratsuchenden auch mit Träumen konfrontiert werden. Es will praktische Anregungen vermitteln, Träume mit dem Ratsuchenden gemeinsam hilfreich zu deuten. Ebenso will das Buch Christen dazu ermutigen, Träume ernst zu nehmen. Wir möchten die Leser neugierig darauf machen, die »vergessene Sprache Gottes« oder »Gottes ungebetene Boten« neu zu hören und ernst zu nehmen.
KAPITEL 1
Traum und Schlaf
Eine junge Frau schlief seit Tagen unruhig und wurde plötzlich durch einen Albtraum aus dem Schlaf gerissen. Der Oberkörper flog hoch. Angstschweiß stand ihr auf der Stirn. Zwiespältige Gefühle beschlichen sie. Der Traum war bedrückend.
Sie lief zögernd und ängstlich hinter einer männlichen Gestalt her, die sich entfernte, ohne sich umzudrehen. Die junge Frau empfand ein demütigendes Gefühl. Plötzlich hatte die Straße keinen festen Untergrund mehr, und sie fiel ins Bodenlose. Die männliche Gestalt war verschwunden, nur eine panikartige Angst begleitete ihren Fall in die Tiefe. Sie blickte im Fallen nach hinten und entdeckte eine lange Leiter, die an der Wand des Loches stand, in das sie stürzte. Mit dem Aufschlag auf dem Grund des tiefen Loches wurde sie wach.
Verwirrt schaute sie sich um. Sie lebte und war am Körper heil und unverletzt.
Sie ließ das Traumgeschehen noch einmal Revue passieren. Neben der schrecklichen Angst hatte sie besonders die Leiter in Erinnerung, die im Rücken stand und sie bis zum Boden begleitete. Neben dem Fall ins Bodenlose war die Leiter der stärkste Eindruck des Traums für die junge Frau.
Vor einigen Wochen hatte sie ihr Verlobter, den sie sehr liebte, verlassen. Gute Freunde hatten ihr geraten, den Mann zu vergessen, der sie im Stich gelassen hatte. Aber sie konnte den Schmerz nicht überwinden. Erst der Traum schockierte und beruhigte sie zugleich. Die Leiter wurde ihr zur inneren Gewissheit: Gott redete mit ihr. Sie solle sich umdrehen, eine völlige Kehrtwendung vornehmen. Gleichzeitig schenkte ihr Gott neuen Mut, aus der Tiefe der Verlassenheit wieder ans helle Sonnenlicht zu steigen.
Nach dem Albtraum konnte sie in der Tat die Blickrichtung ändern. Die Nächte mit dem unruhigen Schlaf waren ausgestanden. Die schmerzhaften Verlassenheitsängste waren weitgehend überwunden.
Schlaf und Traum sind geheimnisvolle Wunderwerke Gottes. Viele nehmen sie kommentarlos zur Kenntnis. Auch viele Christen, die Gottes Schöpferkraft besingen und bestaunen, gehen achtlos an diesen Wundern vorüber.
Traum und Schlaf sind eng miteinander verbunden. Seit etwa dreißig Jahren gibt es so etwas wie eine Schlafwissenschaft. Was für die Erforschung der Herzarbeit das EKG, also der zeitliche Verlauf der Herzstromkurve, bedeutet, ist für die Schlaf- und Gehirnforschung das Kurvenbild der Gehirnströme (EEG). Es ist damit möglich, den Schlaf von innen und natürlich auch von außen zu beobachten. Jeder Mensch hat sein persönliches Schlafprogramm, das in seinem EEG (Elektroenzephalogramm) sichtbar gemacht werden kann und wie ein Fingerabdruck des Gehirns zu werten ist.
Man entdeckte die Traumzeiten des Menschen und kam zu der Überzeugung, dass Träumen wesentlich für den Erholungseffekt des Schlafes ist. Wurden Versuchspersonen im Schlaflabor über längere Zeit am Träumen gehindert, veränderte sich ihre Persönlichkeit. Ängstlichkeit, Depression und mangelhafte Konzentrationsfähigkeit stellten sich ein.
Schlafen ist ein Naturbedürfnis, das man zwar einschränken, aber nie ganz abschaffen kann. Wie unser Gott Tag und Nacht, Sommer und Winter in den menschlichen Lebensprozess eingebaut hat, so wurde der Mensch auf Wachen und Schlafen programmiert. Gott hat diese Prozesse gewollt, wir können sie nicht einfach ignorieren. Menschen, die künstlich Tag und Nacht wach gehalten wurden, erlitten ohne Ausnahme schwere Zusammenbrüche. Der Schlaf ist also ein körperlicher Zustand der Erholung von der Ermüdung. Zeitweilig werden das Bewusstsein und die Tätigkeit der Skelettmuskulatur herabgesetzt.
Was ist der Traum?
Der Traum ist ein geistig-seelisches Geschehen während des Schlafes. Träumen ist eine lebensnotwendige Funktion, wie Wissenschaftler ermittelt haben. Jeder Mensch träumt. Auch Babys träumen. Das Ungeborene im Mutterleib träumt. Sogar Hunde, Katzen und Hühner träumen. Der Tagesverstand und der Wille üben keine Kontrolle über das Traumgeschehen aus. Das Bewusstsein ist fast ganz zurückgetreten. Gefühle und Reize aus der Umwelt werden nur noch stark gebremst wahrgenommen. Die Hirnzentrale hat die Wahrnehmung gebremst.
Nach dem Krieg begannen die Amerikaner systematisch, in Schlafkliniken mit modernsten technischen Hilfsmitteln Testpersonen zu untersuchen, die sich dem Schlaflabor zur Verfügung stellten. Über 10.000 Versuchspersonen wurden getestet und die Daten ausgewertet. Wissenschaftlich ist daher heute unbestritten, dass jeder Mensch träumt und in jeder Nacht etliche Male Traumphasen durchlebt. Das körperliche Ausruhen im Schlaf und das Träumen sind zweierlei. Der Schlaf ist die Vorstufe des Traumes.
Das Schlafverhalten des Menschen läuft in verschiedenen Episoden ab, die immer wieder von motorischer Unruhe gekennzeichnet sind. Je geringer die Schlaftiefe, umso mehr nähert sich das Traumerleben dem Wachzustand. Die Bilder nehmen realere Züge an.
Mithilfe des Elektroenzephalogramms werden diese episodenhaften Schwankungen gemessen. Wenn ein Mensch etwa acht Stunden schläft, zeigt das EEG etwa fünfmal eine Kurvenform an, die dem Wachzustand eines Menschen ähnelt. Diese zyklischen Schwankungen dauern etwa zehn bis sechzig Minuten. Man fand heraus, dass der Mensch in diesen Intervallen fest schläft und nur schwer aufzuwecken ist. Diesen Zustand bezeichnet man in der Schlafforschung als paradoxen Schlaf, weil das EEG einen wachähnlichen Zustand registriert.
Besonders in den Zeiträumen des paradoxen Schlafes reagiert der Mensch mit Muskelzuckungen und schnellen Augenbewegungen. Man hat herausgefunden, dass diese REM-Phasen (rapid eye movements = schnelle Augenbewegungen) im Traum stattfinden. Früher glaubte man, ein Traum dauere lediglich einige Sekunden oder nur Bruchteile von Sekunden. Heute weiß man, dass der Traum zehn bis fünfunddreißig Minuten dauern kann. Diese Traumperioden sollen drei- bis sechsmal eintreten.
Werden Versuchspersonen in dieser REM-Phase geweckt, können sie detailliert über ihre Träume berichten. Wird eine Versuchsperson außerhalb einer REM-Phase geweckt, weiß sie von keinen Träumen. Mit fortschreitender Nacht werden die Träume länger; der dritte und vierte Traum können bis zu einer halben Stunde dauern, während die früheren Traumphasen nur minutenlang sind.
Wenn wir die Traumstunden unseres Lebens überschlagen, kommen über 50.000 Stunden heraus. Können Sie sich vorstellen, dass Gott in seiner schöpferischen Weisheit einen Menschen ins Leben ruft, damit der einige Jahre seines Lebens sinnlos verträumt? Der Traum spielt im biblischen Denken eine enorme Rolle. Ist es nicht überheblich, die Traumstunden unseres Lebens als ein nutzloses Abfallprodukt im Schöpfungsplan unseres Gottes zu bezeichnen?
Der Anlass für den Traum kann ein Reiz oder ein Tagesrest sein
Träume können auf tausend verschiedene Weisen zu Stande kommen. Es gibt unzählige Reize, die das Traumgeschehen in Gang bringen. Diese Reize sind Anlass, sie sind aber nicht der Inhalt des Traumes. Reize werden vom Träumenden aufgegriffen, bearbeitet und vom Lebensstil integriert.
Welche Reize können den Traum beeinflussen?
Der Träumer friert. Ihm ist das Bett weggerutscht. Das Traumgeschehen greift Kälte und Frost auf.
Der Träumer schwitzt. Ihm ist es heiß. Die Nacht ist schwül. Die Temperatur ist hoch. Die Hitze kann in den Traum einfließen.
Der Träumer nimmt Gerüche wahr. Sie können beißend oder lieblich, unangenehm oder angenehm sein. Unter Umständen finden sie im Traum ihren Niederschlag.
Der Träumer nimmt Geräusche wahr. Der Wecker rasselt, die Glocken läuten, ein Feuerwehrauto jagt durch die Nacht, oder ein Polizeiauto hat die Sirenen eingestellt.
Der Träumer hat Schmerzen. Krankheiten oder Verdauungsbeschwerden, Zahnschmerzen oder Herzschmerzen können den Traum beeinflussen.
Insgesamt: Die Reize können von außen oder von innen kommen. Herz und Eingeweide, Hunger und Durst können den Traum beeinflussen, aber selten das Traumgeschehen einschneidend bestimmen.
Selbstverständlich können auch die letzten Ereignisse vor dem Schlafengehen den Traum berühren. Tagesreste aus einem interessanten Kriminalfilm, einem eindrücklichen Gespräch oder einem Streit mit dem Partner, mit Eltern oder Kindern können den Traum anregen.
Es besteht auch kein Zweifel, dass Krankheiten, die den Menschen heimsuchen, wilde Träume oder Fieberträume hervorrufen können. Die Veränderung der Bluttemperatur und die Blutzusammensetzung erklären Fieberträume und sind Beweise, dass zwischen körperlichem Befinden und Traum Beziehungen bestehen.
Die Heilfunktion der Träume
Träume haben die Aufgabe, das menschliche Gemüt nach seelischen Verwundungen und bedrückenden Erlebnissen wieder heilen zu helfen. Konflikte und Spannungen werden im Traum bearbeitet. Der Mensch soll sich wieder wohl fühlen können. Eric Berne, Psychiater und Begründer der Transaktionsanalyse, schreibt:
»Wird einem Menschen die Möglichkeit zu träumen genommen, so kann das zu starker geistiger Verwirrung führen. Vielen Psychosen geht eine längere Periode der Schlaflosigkeit und damit der mangelnden Gelegenheit zu träumen voraus. Es könnte sein, dass die so entstehende Anhäufung unverarbeiteter Emotionen einen gewissen Einfluss auf das Entstehen der Psychose hat.«1
Diese Überlegungen aus den Siebzigerjahren werden durch die neuesten Ergebnisse der Traumforschung bestätigt. Der Nobelpreisträger Francis Crieck, der die rasanten Fortschritte auf dem Sektor der Gehirnforschung und Bio-Technologie beschreibt, geht davon aus, dass die Träume ein lebenswichtiger Bestandteil des Schlafes sind. Sie bewahren uns davor,
Zwangsvorstellungen zu entwickeln,
Halluzinationen zu bekommen und
pathologische Zustände zu produzieren, die in die Schizophrenie führen.
Die amerikanische Psychiaterin Rosalind Cartwright schilderte auf einem Kongress 1992 überraschende Erfahrungen mit ihren Patienten. Die eine Gruppe steckte in einer tiefen Lebenskrise. Alle hatten gerade eine Scheidung hinter sich oder lebten von ihrem Partner getrennt. Ihre Verlusterlebnisse waren begleitet von schweren Depressionen.
Die Ärztin beobachtete, dass die schlechte Gemütsverfassung einen großen Einfluss auf den Traumschlaf hatte. Die REM-Phasen waren länger, häufiger und ungewöhnlich intensiv. Sie beobachtete regelrechte »Stürme von Augenbewegungen«. Die Träume waren heftig, schrecklich und auch dramatisch.
Eine andere Gruppe in ähnlicher Lebenssituation (Scheidung und Trennung) schlief und träumte normal. Am Ende der Therapien stellte sich heraus:
Die Patienten mit den veränderten REM-Phasen und den schrecklichen Träumen waren über Depression und Scheidung besser hinweggekommen als die Patientengruppe mit den normalen Träumen;
die Patienten mit den bedrückenden Träumen hatten eine positive Lebenseinstellung gewonnen, die andere Gruppe zeigte geringere Heilungsanzeichen;
die Patienten mit den schweren Traumbelästigungen hatten zum Teil sogar neue Partner gefunden.
Deutlich wird:
Träume sind heilsam,
sie sind lebensnotwendig,
sie dienen der Verarbeitung schwerer seelischer Probleme.
Die Psychiaterin warnt davor, die REM-Schlaf-Aktivität durch Beruhigungsmittel zu bremsen. Sie ist fest davon überzeugt, dass diese das Leiden der Patienten nur verlängern würden.
Träume stellen Empfindungen bildlich dar
Empfindungen lassen sich nicht leicht und direkt bildlich wiedergeben:
Es gibt kein Bild für die Angst an sich,
es gibt kein Bild für die Liebe an sich,
es gibt kein Bild für den Hass an sich.
Aber der Handlungsakt, der für Empfindungen kennzeichnend ist, lässt sich darstellen. Emotionen können in Handlungen charakterisiert werden. Angst kann sich äußern im Weglaufen, nicht von der Stelle kommen, einen Verfolger im Nacken haben. Schuldgefühle kommen zur »Sprache«, wenn ein Mensch, ein Kind im Traum bestraft wird und diese Strafe als gerecht empfindet.
Hass offenbart sich in Handlungen, die zerstören, verletzen und verstoßen:
Eine Frau träumt, dass sie ihren Lieblingshund an der Autobahn aussetzt und in rasanter Fahrt davonfährt. Die leidenden Augen des Hundes verfolgen sie. Im Rückspiegel erkennt sie das Gesicht des Hundes, der ihr nachjagt. Sie fährt schneller und schneller, aber sie kann den Hund nicht abschütteln. Am eindrücklichsten sind ihr die Augen des Hundes. Mit einem zwiespältigen Gefühl wacht sie auf.
Im Gespräch wird ihr bewusst: Sie liebt und hasst. Der Hass hat die Oberhand gewonnen. Sie erkennt in dem Hund ihren Mann. Er hat sie zwei Jahre mit ihrer besten Freundin betrogen. Sie will ihn loswerden. Aber er will trotz Ehebruchs an ihr festhalten. Der Traum komprimiert die Gefühle der Frau. Sie muss sich losreißen, aber der Hund klebt ihr im Nacken. Sie will den Mann bestrafen; gleichzeitig sieht sie das leidende Gesicht im Rückspiegel. Die Zweifel, Schuldgefühle und Fragen der Frau, die der Traum auf den Punkt gebracht hat, können im Beratungsgespräch abgeklärt werden.
Will sie, dass der Ehemann ihr nachrennt?
Wünscht sie sich, gebraucht zu werden?
Sind es Wunschvorstellungen, oder
spiegelt der Traum die Realität ihrer Beziehung wider?
Der Traum bringt unsere tiefsten Empfindungen bildhaft zur Sprache.
Der vernachlässigte Traum
Obwohl Träume für die seelische Gesundheit eine so große Rolle spielen, wurden sie in der Theologie lange Zeit nicht ernst genommen. Zum ganzen Menschen, zum ganzheitlichen Denken sowie zur ganzheitlichen Medizin gehört aber ein ganzheitlicher Realismus. Wer den Menschen aufspaltet und Teile seines Lebens ausblendet, kritisiert den Schöpfer, der diese wunderbare Ganzheit geschaffen hat.
Dieser Versuchung ist die Kirche in ihrer Geschichte immer wieder erlegen. Der Körper wurde nur als Hülle für die kostbare Seele gesehen. Er hatte für das Glaubensleben keine Bedeutung. Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens stand die Seele: »Rette deine Seele!« Dass die Seele nahtlos mit dem Körper verbunden ist, wurde übersehen.
Heute entdeckt die Kirche wieder den Satz aus dem Neuen Testament: »Der Leib (ist) ein Tempel des heiligen Geistes« (l. Korinther 6,19).
Die Sexualität wurde jahrhundertelang tabuisiert oder als notwendiges Übel in Kauf genommen. Dass Ehe, Liebe und das Fortbestehen der Menschheit ohne Sexualität nicht möglich und denkbar sind, wurde zwar theoretisch akzeptiert, theologisch jedoch nie wirklich ernst genommen. »Auf der Kanzel haben sexuelle Themen nichts zu suchen!« sagte man.
Dass in der Eheseelsorge sexuelle Konflikte ohne Sachkenntnisse behandelt wurden, zeigt wiederum, wie gläubige Menschen Gottes wunderbare Schöpfung missverstehen können. Es leuchtet ein, dass die Sexualität auf dem beschriebenen Hintergrund nicht als ein schöpferisches Kleinod, sondern als Nebensächlichkeit eingestuft wurde.
Dem Traum geht es bis heute nicht anders. Die Floskel »Träume sind Schäume« hat sich tief auch im Bewusstsein der Christen eingenistet. Dass Gott den Menschen über Träume etwas mitteilen kann, wird häufig theologisch bestritten, obschon es nicht einen einzigen stichhaltigen biblischen Hinweis gibt, der dieses Argument erhärten könnte. Der Theologe Werner Jentsch bestätigt, dass Träume im Alten und Neuen Testament eine wichtige Rolle gespielt haben und bis heute als Werkzeug Gottes dienen können.
»Wann und wo es Jahwe gefällt, macht er Träume gleichsam zu Gefäßen seiner Gnade, zu Wegen für sein Wirken. An solche Träumer, die Geistträger sind, denkt der Prophet Joel, wenn er für das Ende der Tage die Ausgießung des Geistes auf charismatische Personen ankündigt: Das prophetische Charisma ist dann kein Monopol der Propheten mehr, sondern erstreckt sich auf das ganze ›Gottesvolk‹: ›Eure Greise (werden) Träume träumen, eure Jünglinge Gesichte schauen‹, Joel 3,1fr. Mit dem Stichwort ›Geist‹ schlägt sich von selbst die Brücke zum Neuen Testament.«2
Damit ist gesagt:
Der Traum kann zum Gefäß der Gnade Gottes werden;
Gott kann den Traum als einen Weg seines Wirkens benutzen;
mit der Ausgießung des Heiligen Geistes im Neuen Testament sind die Mitteilungen Gottes in Traumbotschaften nicht beendet;
am Ende der Tage werden mit der Ausgießung des Geistes Gottes bei Jung und Alt auch Träume verbunden sein. Der Prophet Joel macht ausdrücklich darauf aufmerksam.
KAPITEL 2
Die Symbol- und Bildersprache des Traumes
Bilder und Symbole sind komprimierte Vorstellungen von Welt, Menschen und Situationen, wie wir sie im Traum erleben und einschätzen. Wir müssen die Symbol- und Bildersprache verstehen. Dafür hat es nicht viel Sinn, in einem Lexikon die Bedeutung der Begriffe nachzuschlagen. Die Deutungen können ausnahmsweise stimmen. In der Regel findet jeder Träumer
seine Sprache,
seine Bilder,
seine Symbole, die ihm wichtig sind.
Wir sind einmalige Menschen und werden in der Regel unseren einmaligen Ausdruck für Dinge finden, die uns bewegen. Probleme, Ängste, Schuld, Versagen und Krisensituationen werden von jedem Menschen anders erlebt und mit unterschiedlichen Empfindungen wahrgenommen. Entsprechend sind auch die Bilder und Symbole von Mensch zu Mensch verschieden. Die meisten Träumer produzieren eindrückliche Bilder von dem, was sie sagen wollen. Da wir Menschen einmalige Originale Gottes sind, entwerfen wir auch einmalige Bilder und Symbole.
Bilder beschreiben die Gefühlslage
In der Regel sind die Bilder für den Menschen, der sie träumt, stimmig. Der Träumer hat seine Gedanken und Vorstellungen auf den Punkt gebracht. Präzise beschreiben die Bilder die Gefühlslage und die Stimmung:
»Es ist Winter.«
»Ich sehe vor mir eine Wüste.«
»Ich bewege mich in einem bunten Garten.«
»Mich verfolgt ein großes Raubtier.«
»Ich sitze in einem fensterlosen Raum.«
»An der Decke kriechen Spinnen auf mich zu.«
»Ein bissiger Hund bellt mich an.«
»Um mich herum Wasser und kein Ufer.«
»Ich werde unter Wasser gedrückt.«
Die Bilder fangen atmosphärisch die seelische Verfassung des Träumers ein. Ängste und Gefahren werden in konkrete Bilder verdichtet. Für den einen sind Hunde die treuesten Begleiter des Menschen, für einen anderen sind Hunde böse Individuen. Wir formulieren nicht umsonst »du Hund«. Der eine erlebt Wasser als sein Element, für einen anderen ist Wasser gefährlich und bedrohlich. In den Bildern, Metaphern und Symbolen spiegeln wir unsere konkreten Ängste, aber auch positiven Gefühle und Vorstellungen wider. In den Träumen bringen wir Konfliktherde zur Sprache, die in uns lebendig sind und die bewältigt werden müssen.
In den Träumen sprechen stärker Herz und Gefühl als Verstand. Gefühle aber sind schwer mit der Logik des Kopfes einzufangen. Gefühle stellen wir in Bildern, Farben und Gleichnissen dar. So verwandeln sich Menschen in Tiere und Gefahren, sie begegnen uns in Raubtieren. Der Mensch kann fliegen, wird tödlich getroffen und lebt weiter. Wenn das Herz verwirrt ist, dann ist der Traum auch verwirrend. Die Kunst des Traumes besteht also darin,
Verzweiflung oder Freude,
Stille oder Aufregung,
Vorahnungen oder Hoffnung,
Resignation oder Zuversicht,
Entmutigung oder Mut
in Bilder zu fassen, die prägnant die Lebensgrundauffassung dieses Menschen in dieser Zeit spiegeln.
Ein Träumer ist darum ein Maler und Dichter. Aber wir haben verlernt, die Sprache der Gefühle zu entziffern. Von klein auf wurden wir dazu erzogen, unseren Kopf zu benutzen, alles rational und sachlich zu erklären. Wir sind kopflastig geworden. Herz und Gefühl sind auf der Strecke geblieben. Da jeder Mensch seinen Malstil hat, müssen Seelsorger und Berater diesen persönlichen Stil mit dem Ratsuchenden zu entziffern suchen.
Selbstverständlich gibt es Symbole, die in allen Kulturen, in der Vergangenheit und Gegenwart gleich sind. Es sind Symbole, die uns auch in Märchen und Sagen der Völker begegnen. Sie haben einen ähnlichen Aussagewert, und doch
jeder Mensch geht anders mit diesen Symbolen um;
jeder Mensch trägt andere Erwartungen, Befürchtungen und Deutungen an dieses Symbol heran;
jeder Mensch spricht im Traum ein unverwechselbares Thema an, das Ähnlichkeiten mit vielen Menschen auf der Welt aufweist und doch originär diesen Menschen beschäftigt.
Hüten wir uns darum, in der therapeutischen Seelsorge
Ratsuchenden eine Lexikondeutung überzustülpen,
Ratsuchenden unsere Interpretation einzureden,
Ratsuchenden unsere Erfahrungen mit bestimmten Symbolen anzubieten.
Der Träumer selbst hat alle Bilder gestaltet, hat seine Symbole seinem Lebensstil entsprechend gewählt. Nur er allein kann uns Auskunft geben, wie er seine Bilder versteht.
In der Seelsorge oder Beratung helfen wir ihm, die Bilder,
die beglücken oder bedrücken,
die ihm Mut machen oder Angst einjagen,
in denen er Lösungen anbietet oder vor denen er kapituliert,
segensreich zu verarbeiten.
Symbole sind vieldeutig
Ein Beispiel mag verdeutlichen, wie irreführend Bilder sind, wenn sie angeblich nur auf eine bestimmte Art gedeutet werden können.
Ich denke an das Bild der Treppe. Türme und Treppen, die bestiegen werden können, stellen in der psychoanalytischen Literatur ein sexuelles Symbol dar. Ein Tier besteigt ein anderes. Besteigt ein Mensch den anderen? Ist in unseren Köpfen und Herzen dieser Gedanke beheimatet?
Patricia Garfield, eine amerikanische Traumforscherin, charakterisiert in einem Traumbuch die Treppe folgendermaßen:
»Das Ersteigen einer Treppe ist oft ein Symbol für Sexualverkehr, und zwar in Träumen von Männern und Frauen, weil das träumende Gehirn die rhythmischen Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen des Koitus mit den Bewegungen des Steigens assoziiert.«1
Vorstellen können wir uns, dass unter vielen Treppen-Träumen auch einer die Treppe als sexuelles Symbol enthält. Andere Vorstellungen sind im Allgemeinen viel eher nachvollziehbar. Denn wir sagen:
Jemand ist die Treppe hinaufgefallen;
jemand ist die Treppe hinuntergefallen;
jemand kämpft darum, einmal auf dem »berühmten Treppchen« als Schönheitskönigin, Spitzensportler und Sieger eines Wettlaufes zu stehen;
jemand befindet sich auf der Treppe des Erfolges.
Für die praktische Traumarbeit ist auch im Hinblick auf dieses Symbol zu fragen:
Was will dieser Ratsuchende mit diesem Bild konkret ausdrücken?
Spiegelt die Treppe Ehrgeiz und Geltungsstreben wider?
Spiegelt die Treppe Versagen oder Misserfolg wider?
Wie wird die Treppe im Traum erlebt?
Fühlt sich jemand auf der Treppe gehetzt?
Was zieht ihn womöglich?
Erreicht der Träumer auf der Treppe sein Ziel? Stößt er auf Widerstände? Auf welche?
Symbole für weibliche und männliche Geschlechtsorgane
Die Deutung der Traumsymbolik hat in der psychoanalytischen Literatur merkwürdige Blüten getrieben. Entsprechend dem Konzept der Freud’schen Libido-Theorie erstreckt sich die Erklärung von Traumsymbolen in erster Linie auf sexuelle Inhalte. Besonders ein Mitarbeiter Freuds, Wilhelm Stekel, trieb dies auf die Spitze. So kam es, dass in jedem länglichen Gegenstand,
vor allem in Stöcken und Schirmen,
in Stängeln und Bäumen,
in Bleistiften und Säbeln,
in Flinten und Revolvern,
in Dolchen und Säbeln
männliche Sexualorgane gewittert wurden.
Sigmund Freud hat diesem Deutungswirrwarr selbst Vorschub geleistet, wenn er beispielsweise schrieb:
»Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen.
Zimmer im Traum sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob das Zimmer offen oder verschlossen ist, wird in diesem Zusammenhang leicht verständlich … Stiegen, Leitern, Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts oder abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsverkehrs.
Tische, gedeckte Tische und Bretter sind hier gleichfalls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen. Die Körperwölbungen sind aufgehoben.
Alle komplizierten Maschinen und Apparate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in der Regel männliche – … Ganz unverkennbar ist auch, dass alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männlichen Gliedes verwendet werden: Flug, Hammer, Flinte, Revolver, Dolch, Säbel usw. Auch Kinder bedeuten im Traum oft nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale liebkosend als ihr Kleiner zu bezeichnen.
Den kleinen Bruder hat Stekel richtig als Penis erkannt. Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen der Onanie.«2
Patricia Garfield hat in ihrem neuesten Buch diese Symboldeutung noch erweitert. Auf einigen Seiten beschreibt sie weibliche Traumsymbole. Nach ihrer Darstellung können
Vasen und Töpfe,
Urnen und Krüge,
Schalen und Flaschen,
Löcher und Gräben,
Nester und Käfige,
Futterale und Schlösser,
Steckdosen und Tassen
weibliche Sexualorgane verkörpern.
Auch alle geschlossenen Behälter:
Räume mit Türen,
Räume mit Fenstern,
Gänge und Gewölbe,
Garderobe und Koffer,
Truhen und Schubladen,
Herde und Öfen
sollen weibliche Sexualorgane verkörpern können.3
Alfred Adler, der sich wegen der Libido-Theorie schon 1911 von Freud trennte, schrieb über die einseitige sexuelle Deutung der Traumsymbolik:
»Deshalb wollen wir hier an Freud erinnern, der zuerst den Versuch unternommen hat, eine wissenschaftliche Traumlehre auszugestalten. Das ist ein bleibendes Verdienst, das niemand schmälern kann … Aber indem er sich zwang, alle seelischen Erscheinungen um die einzige herrschende Substanz, die er anerkennt, um die Sexuallibido zu gruppieren, musste er fehlgehen … «4
Ich bin der Meinung, dass solche zugespitzten und übertriebenen Erklärungen der Traumdeutung keinen guten Dienst erweisen. Selbstverständlich kann in Ausnahmen die eine oder andere Deutung zutreffen. Aber der Träumer selbst muss uns einen konkreten Hinweis liefern.
Für Seelsorge und Beratung ergeben sich lediglich einige Hinweise:
Hüten Sie sich, ein Bild als ein Symbol selbst zu deuten!
Hüten Sie sich, in einem Lexikon über Traumsymbole nachzuschlagen, um eine allgemeine Deutung heranzuziehen!
Fragen Sie den Ratsuchenden, was ihm das Symbol zu sagen hat, ob es ein bestimmtes Lebensgefühl, Lösungen oder Aufrufe enthält!
Fragen Sie den Ratsuchenden als Christen, was ihm Symbole oder Bilder im Traum für das Glaubensleben mitteilen wollen!
Die Archetypen
Es gibt Urerfahrungen der Menschen, die sich weltweit in ähnlichen Symbolen wieder finden. Einer der drei großen Tiefenpsychologen, Carl Gustav Jung, der Begründer der Analytischen Psychotherapie, spricht von Archetypen.
Er untersuchte das Traummaterial auf den Zusammenhang zwischen mythischen Vorstellungen, die in vielen Völkern zu Hause sind, und den Bildern, die in Träumen zum Vorschein kommen.
C. G. Jung unterscheidet das »Persönlich-Unbewusste« und das »Kollektiv-Unbewusste«. Die Symbole des Kollektiv-Unbewussten sind die Archetypen, die Urbilder, die vererbten Bilder, die wir in Märchen, Sagen und Volksweisheiten wieder finden. Die Urbilder (Archetypen) kommen nie oder ganz selten ins Bewusstsein. Aus Archetypen spricht die Urerfahrung der Menschen, die in allen Völkern gleich ist, auch wenn sie keine Beziehung zueinander hatten. Jung vergleicht die Archetypen mit zeitlos ewigen Urbildern als Bauplänen der Schöpfung. Naturwissenschaftlich vergleicht Jung die Archetypen mit biologischen Instinkten der Lebewesen:
»Das kollektive Unbewusste, als die Gesamtheit aller Archetypen, ist der Niederschlag alles menschlichen Erlebens, bis zurück zu seinen dunkelsten Anfängen.«5
Der Begriff des Archetypus wird aus der Beobachtung abgeleitet, dass in Mythen, Märchen, in Phantasien, Träumen und Wahnideen der Menschen von heute immer wieder Motive auftauchen, die weltweit gleich sind.
Die Traumdeutung Jungs arbeitet darum mit der so genannten Amplifikation (lat. amplifico = erweitern, vergrößern): Er erweitert die Freud’sche Methode der Assoziation, der freien Gedankenverknüpfung, durch das Hineinnehmen der Archetypen, die er zur Deutung mit heranzieht.
Beispiele für Archetypen:
Der alte Weise – ein Symbol für das geistige Prinzip. Im Märchen und in der Mythologie ein beliebtes Seelenbild.
Die Mutter – die Gebärerin, Nährerin, die Beschützerin. Sie gibt Geborgenheit und mütterliche Fürsorge.
Der Garten – das Paradies.
Der Zwerg – steht oft für Kleinheit, für Minderwertigkeitskomplexe. Zwerge können aber auch Helfer sein. Im Märchen helfen die sieben Zwerge und symbolisieren Beistand und heimliche Kraft.
Das Licht – Jesus bezeichnet sich als das Licht. In der Mythologie spielen Licht und Finsternis, Gutes und Böses eine besonders große Rolle.
Die Sonne steht für die positive männliche Kraft der Seele. Denn in den meisten Sprachen der Welt ist die Sonne männlich. Ein Energiesymbol des Lebens. Sonne ist ein Symbol für Schöpferkraft, Befruchtung, Leben.
Die Erde kann den mütterlichen Schoß verkörpern. Neues Leben sprießt aus ihr. Die Erde ist die Realität, die Grundlage. Die Erde kann Verbundenheit mit der Mutter Natur symbolisieren.
Der König – in ihm wird häufig der Vater gesehen. Er verkörpert Macht und Stärke. Entscheidend ist, wie der Träumer den König oder die Königin erlebt.
Der Baum ist archetypisch ein Bild der Person. Entwicklung, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit werden charakterisiert. Jesus benutzt oft Baumbilder. Er spricht vom Feigenbaum, dessen Wert an seinen Früchten gemessen wird; der unfruchtbare Baum wird abgehackt. Auch in der Testpsychologie spielt der »Baumtest« eine große Rolle. Er zeigt, wie der Mensch sich versteht, wenn er einen Baum zeichnet.
Die Traumumgebung als Symbol
In vielen Träumen spielt die Umgebung eine große Rolle. Der Träumer komprimiert in bestimmten Bildern, was er mit der Umgebung verbindet. Schauen wir uns einige Bilder an, die oft eine bestimmte Bedeutung haben.
Die Schule ist ein Ort, wo gelernt wird, wo Leistungen erbracht werden, Prüfungen stattfinden, wo es um Bewertungen, um Noten geht.
Der Garten ist ein Ort schöner Gefühle, vor allem, wenn Blumen, Pflanzen und Farben eine Rolle spielen.
Die Küche ist ein Ort, wo die Nahrung zubereitet, gegessen und getrunken oder unangenehme Arbeit verrichtet wird.
Die Wüste ist ein Ort, wo kein Leben stattfindet, wo alles erstorben ist. Ein Ort, wo Eintönigkeit herrscht.
Das Bett – hier wird geschlafen oder gelegen. Ausruhen, Passivität, Krankheit und Rückzug können eine Rolle spielen.
Das Geschäft – hier spielen Arbeit, Leistung und Verantwortung eine Rolle. Es werden Entscheidungen getroffen.
Eine Ebene – hier gibt es keine Beschwernisse, keine Strapazen. Alles geht ebenmäßig zu. Das Lebensgefühl ist wahrscheinlich positiv.
Das Badezimmer ist der Ort der Säuberung. Kann etwas mit Moral und Unmoral zu tun haben. Hier wird Schmutz abgewaschen, hier kann Sünde abgewaschen werden. Baden bedeutet unter Umständen reinwaschen, sauber werden.
Eine Enge – schon das Wort vermittelt Angst. Die Enge wirkt in der Regel bedrückend. Die Enge kann Engpass symbolisieren. Der Mensch ist in die Klemme geraten.
Die Fassade ist das Äußere. Der Träumer setzt sich vermutlich mit Sein und Schein auseinander. Oft bröckelt die Farbe ab. Geht unser Glanz verloren? Leben wir fassadenhart?
Das Gefängnis – der Mensch fühlt sich gefangen und eingesperrt. Die Freiheit ist infrage gestellt. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Die Entfaltung wird gehemmt.
Die Insel symbolisiert Seligkeit, Traumparadies oder Einsamkeit, Abgeschnittensein. Teilweise ist die Insel bedrohlich. Dann wieder wird sie als Glücksparadies erlebt.
Die Traumumgebung ist die Bühne, die der Träumer inszeniert, um seine Gefühle auszudrücken. Die Traumumgebung signalisiert die Einstellung des Träumers, wie er sich versteht und welche Lebenseinstellung in welche Umgebung verlagert wird.
Jeder Träumer hat seine individuelle Deutung für die Traumumgebung.
Sind die Traumumgebungen für den Träumer vertraut oder fremd? Fühlt er sich bedrückt oder erfreut?
Ist die Umgebung altmodisch oder neuartig?
Ist die Umgebung weiträumig oder eng, großzügig oder belastend?
Die Farbsymbolik
Farben verkörpern seelische Erlebnisse. Es gibt Menschen, die schwarz-weiß träumen, und andere, die häufig in Farbe träumen. Man sagt, dass Frauen im Allgemeinen farbiger träumen als Männer. Warum ist das so?
Im Wesentlichen sind Frauen farbbewusster, Patricia Garfield schreibt:
»Tatsächlich ist die Farbwahrnehmung von Frauen besser als die von Männern. In den ersten acht Monaten des Lebens sehen sie schärfer als männliche Babys … Farbenblindheit kommt nur bei einer von hundert Frauen vor, während einer von zwölf Männern diesen Mangel aufweist. Es ist also kein Wunder, dass Frauen häufiger Farben in ihren Träumen erwähnen.«6
Wahrscheinlich drücken Frauen im Allgemeinen stärker ihre Gefühle im Traum aus als Männer. Frauen erleben auch im Traum stärkere Emotionen als Männer.
Hüten müssen sich Seelsorger und Berater, bestimmten Farben von vornherein bestimmte Bedeutungen zuzumessen. Schwarz muss im Traum nicht immer Trauer bedeuten, und Weiß verkörpert nicht nur die Unschuld. Nur der Ratsuchende kann sagen, welche Gedanken und Vorstellungen er mit bestimmten Farben verbindet. Jeder Mensch hat Lieblingsfarben, und jeder Mensch verbindet mit bestimmten Farbtönen Gefallen oder Missfallen.
Was haben die Farben zu bedeuten? Die folgenden Deutungen finden sich in verschiedenen Traumdeutungs-Büchern.
Grün soll fast immer die Farbe des Lebens verkörpern und die Farbe der Empfindung sein. Sie symbolisiert den Frühling und die Hoffnung. Diese Farbe soll außerdem Liebesglück versprechen, Wohlstand und Freude. Nur das Giftgrüne sei ein negatives Symbol, die Farbe des Teufels.
Rot wird als Farbe des Gefühls gewertet. Die Farbe Rot sei eine aktive Farbe und verkörpere Leidenschaft und Aggression. Außerdem sei Rot die Farbe des Blutes und des Feuers. Als Symbol des Gefühlserlebens könne sie Hingabe, Bedrängnis, Tugend oder Laster widerspiegeln.
Blau sei die Farbe des Denkens. Sie verkörpere das geistige und spirituelle Erleben. Blau wird auch als Farbe der Wahrheit verstanden, sie spiegele seelische Gelöstheit und geistige Überlegenheit wider.
Gelb wird von C. G. Jung als Farbe der Intuition, des Ahnens gedeutet. Diese Farbe soll die Neugier der Seele verraten. Außerdem sei Gelb die Farbe der Sonne, die das Leben erhelle und erleuchte.
Braun wird als Farbe der nüchternen Tatsachen gewertet. Andere sehen in der braunen Farbe die Verkörperung der Erde, des naturbewussten Lebens. Sie spiegele Warmherzigkeit und Mütterlichkeit wider.
Schwarz sei die Farbe der Männlichkeit. Sie könne insgesamt vieldeutig sein. Schwarz wird aber auch als die Farbe der Trauer und der Finsternis gewertet.
Weiß könne Reinheit und Unschuld bedeuten, aber auch Enthaltsamkeit, Kühle und Unfruchtbarkeit. Die englische Psychologin und Traumforscherin Ann Faraday fasst ihre Deutung der Bilder und Symbole in der Traumdeutung so zusammen:
»Nachdem die moderne Forschung die Vorstellung erschüttert hat, dass Träume sich in erster Linie von Kindheitserlebnissen herleiten, ist Freuds ganze Theorie von der universalen Symbolik hinfällig geworden. Bestenfalls sind seine Ideen Hinweise darauf, was einige Traumsymbole manchmal bedeuten; schlimmstenfalls können sie echt irreführend sein, weil sie die Menschen dazu verleiten, bei ihren Träumen nach nur einer Art von Bedeutung Ausschau zu halten, während die wichtigste Regel sein sollte, alle möglichen Bedeutungen aufzuspüren, die ein Traum im Licht ihrer derartigen Erfahrung haben kann … «7
Symbole enthüllen
Freud war der Meinung, die Seele nehme Zuflucht zu einer symbolischen und verhüllenden Sprache, um sexuelle und »unanständige« Vorstellungen zu vertuschen. Ann Faraday, die einige weit verbreitete Bücher über Traumdeutung geschrieben hat, ist genau gegensätzlicher Meinung. Sie behauptet, Träume seien die Möglichkeit der Seele, in einem einzigen kompakten Bild Gedanken und Eindrücke dieses Menschen zu spiegeln. Träume wollen uns nicht täuschen, sondern Wahrheiten offenbaren. Bilder enthalten verdichtete Überzeugungen des Menschen. Faraday schreibt:
»Es ist jetzt weitgehend anerkannt, dass Symbole in Träumen dem Träumer die Wahrheit eher enthüllen als verhüllen und sie überdies in sehr präziser, gedrängter Form darstellen. Wenn ich zum Beispiel in einer Nacht träume, dass ich ein Schwein umbringe, und in der nächsten Nacht, dass ich meinen Mann zu Tode prügele, dann ist es vernünftiger anzunehmen, dass das Symbol Schwein zusätzliche Empfindungen vom irrtümlichen Chauvinismus meines Mannes darstellt, statt als (höchst unwirksame) Verhüllung zu dienen, um uns eine peinliche Konfrontation mit meinen mörderischen Gefühlen zu ersparen. Tatsächlich ist der Hauptgrund für den Zweifel an Freuds Verhüllungstheorie, dass die in Träumen auftauchenden Bilder sich nicht von den Metaphern und Slang-Ausdrücken unterscheiden, die wir dauernd im Wachleben gebrauchen. Die symbolische Sprache ist keineswegs eine Verhüllung, sondern scheint die wirksamste Art und Weise zu sein, eine ganze Sammlung von Gefühlen zu artikulieren, und das gilt gleichermaßen, ob die Gefühle nun abscheulich oder edel sind.«8
Träume sind die Logik des Herzens, sie wollen enthüllen, nicht verhüllen. Die Bilder und Gleichnisse werden genauso in Büchern, Filmen und auf der Bühne wie im Traum verwandt. Bilder und bildharte Ideen sind älter als das abstrakte Sprachvermögen der Menschen.
Schauen wir uns die Bibel an. Ein Meer von Bildern und Gleichnissen kommt uns beim Lesen entgegen. Nehmen wir die Psalmen. Die Schreiber leben von Bildern. Und wir verstehen sie. Wir haben vergessen, dass unsere Sprache Bilder, Symbole und Beispiele am laufenden Band benutzt. Wir sagen:
»Dieser Schweinehund!«
»Sie vermehren sich wie die Karnickel.«
»Ein Wolf im Schafspelz.«
»Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.«
»Ein eitler Pfau!«
»Ein Satansbraten.«
»Ein Teufelsweib.«
»Langsam wie eine Schnecke.«
»Schnell wie ein Leopard.«
»Flink wie ein Wiesel.«
»Dunkel wie die Nacht.«
»Trostlos wie eine Wüste.«
»Strahlend wie die Sonne.«
Wir können diese Liste ohne Schwierigkeiten mit hunderten von Bildern, Beispielen, Ideen und Symbolen ergänzen. Viele Träume enthalten konzentrierte Bilder, verwenden verständliche Gleichnisse und drücken Gefühle in einem Gemälde aus, das wir lernen müssen zu verstehen. Die Logik des Herzens ist eine andere als die Logik des Kopfes.
Erwecken Sie die Bilder zum Leben!
Die Bildersprache ist ein Geschenk. Wenn Sie versuchen. Ihre Träume zu deuten, dann versetzen Sie sich in die Bilder hinein. Sind Sie Berater oder Seelsorger, gehen Sie mit dem Ratsuchenden in das Bild und erwecken Sie es zum Leben.
»Woran werden Sie erinnert, wenn Sie im Traum in ein Loch fallen?«
»Woran denken Sie, wenn Sie wie gelähmt sind?«
»Versetzen Sie sich in das Gefühl: ›Ich stehe nackt auf der Kanzel!‹«
»Erleben Sie nach, wie es ist, wenn Sie den Zug verpasst haben.«
»Was geht in Ihnen vor, wenn Sie nicht von der Stelle kommen?«
»Welche Assoziationen kommen Ihnen, wenn Sie vom Einbrecher überrascht werden?«
»Was ist Ihr Hauptgefühl, wenn Sie im Traum über Ihre Stadt fliegen?«
»wenn Sie selbst ermordet werden?«
»wenn Sie als Mann ein Kind gehären?«
»wenn Sie auf einer eingestürzten Brücke stehen?«
»wenn Sie zum anderen Flussufer hinüberblicken?« usw.
Bilder, Wortbeispiele, Slang-Ausdrücke und umgangssprachliche Redewendungen spiegeln das Lebensgefühl und die Erfahrungen eines Träumers wider. Seine Denk- und Handlungsmuster werden in die handelnden Personen oder Objekte hineinkomponiert. Sie helfen ihm, sich selbst zu verstehen.
KAPITEL 3
Der Traum und der Träumer
Träume sind ein Spiegelbild des Träumers. Abgesehen von Visionen, die den Menschen überfallen, die auf Eingebungen, Offenbarungen und Erleuchtungen zurückgehen, bringen Träume den wahren Menschen zur Sprache, wie er leibt und lebt. Der Traum enthält Freude, Angst und Scham, verborgene Wünsche und Eigenarten der Persönlichkeit, die dem Träumer seine geheimen Leitmotive, seine private Logik und seine versteckten Sünden aufdecken. Der Traum stellt den Träumer vor einen Spiegel, in dem er sein Leben ungeschminkt betrachten kann.
Wie der Mensch ist, so träumt er
Schon im Talmud, einer Sammlung von Gesetzen des nachbiblischen Judentums und deren Auslegung, heißt es: »Was und wie der Mensch ist, so träumt er.«
Der Traum spiegelt unser wirkliches Leben wider,
der Traum verrät unsere Lebenseinstellung,
der Traum gibt Einblicke in die tiefen Schichten unserer Persönlichkeit.
Zurzeit Jesu gab es mehr als zwanzig Traumdeuter allein in Jerusalem. Das jedenfalls überliefert der Talmud. Diese Traumdeuter halfen den Menschen, sich und das, was Gott ihnen mitteilen wollte, zu enträtseln.
Jeder von uns kennt die Redensart: »Das würde mir nicht einmal im Traum einfallen.« Was drücken wir damit aus?
Selbst aus der Tiefe meines Unbewussten kann von mir so ein Gedanke nicht kommen.
Meine Persönlichkeit ist eine Einheit. Bewusstes und Unbewusstes sind nahtlos miteinander verknüpft. Wenn ich bewusst die Wahrheit sage, werde ich nicht unbewusst oder im Traum etwas Gegenteiliges zur Sprache bringen.
Wie ernst der Traum in der Geschichte der Menschheit genommen wurde, berichtet uns der griechische Geschichtsschreiber Plutarch. Er beschreibt einen Mann, der zum Tode verurteilt wurde, weil er geträumt hatte, Dionysios, den Tyrannen, ermordet zu haben.
»Wie der Mensch ist, so träumt er.« Der Traum verrät die geheimsten Wünsche des Menschen. Also folgerten die Griechen: »Wer im Traum einen Menschen umbringt, der wird ihn auch im Leben umbringen wollen.« In unseren Träumen kommen unsere Wünsche und Rachegefühle zur Sprache. Gefühle im Traum sind oft überzeichnet. Wir übertreiben und dramatisieren, aber wir offenbaren, was in uns ist.
Wozu träumen wir?
Was ist der Sinn des Traumes? Welchen Zweck verfolgt er? Es gibt keine Antwort, die in einem Satz den Sinn eines Traumes enthüllt. Träume sind vielschichtig.
Der Traum weist in die Zukunft, er bemüht sich, künftige Möglichkeiten vorauszuberechnen;
der Traum will dem Träumer Gefahren bewusst machen;
der Traum will Zukunftshoffnungen realisieren;
der Traum ist die Vorbereitung auf den nächsten Tag;
der Traum mobilisiert unsere Gefühle und unsere Affekte.
Diese bringen Bereiche zur Sprache, die der Verstandesmensch gern unterdrückt;
der Traum bereitet also die Stimmung vor, in der zukünftiges Handeln gestaltet werden soll;
der Traum hat eine Warnfunktion. Er mahnt, Prüfungen, bevorstehende Entscheidungen und Ereignisse ernst zu nehmen; der Traum bringt Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken und Befürchtungen zur Sprache;
der Traum bringt Selbstwert- und Beziehungsprobleme zur Sprache und setzt sich mit dem Träumenden selbst, mit anderen Menschen und mit Gott auseinander.
Wichtig ist:
Träume sind keine willkürlichen Erfindungen des Menschen,
Träume täuschen nicht,
Träume lügen nicht,
Träume vertuschen und verdrehen nicht,
Träume verkünden echt und ehrlich, was in uns ist.
Das Verhalten entspringt unserer Meinung
Diese Überschrift verkörpert einen Kerngedanken der Individualpsychologie, aber auch ein Prinzip, das überall im biblischen Denken bestätigt wird. Paulus schreibt beispielsweise im Römerbrief:
»Zwar steht für mich unerschütterlich fest, dass es nichts gibt, durch dessen Berührung der Mensch vor Gott unrein wird. Ich kann mich dafür auf Jesus, den Herrn, berufen. Aber wenn einer davon überzeugt ist, dass ihn etwas unrein macht, dann ist es für ihn auch unrein.« (Römer 14,14)
Auch Paulus ist der Meinung:
Unsere Überzeugungen bestimmen unser Verhalten,
unsere Meinungen beeinflussen unser Tun,
unsere Urteile und Vorurteile spiegeln sich im Leben wider.
Ich kann auch sagen: »Sag mir, was du tust, und ich sage dir, was du gedacht hast!«
Wir Menschen sind eins. Denken, Fühlen und Verhalten sind untereinander verzahnt. Bewusstes und Unbewusstes sind eine Einheit. Und weil das so ist, sind Träume besonders interessant. Hier kommen
Denkmuster,
Gefühlseinstellungen und
Verhaltenseigenarten ans Licht.
Das Unbewusste ist das Unverstandene,
das Nicht-Zugelassene,
das Verdrängte,
das Vergessene,
das mir Unangenehme,
das Eigentliche, wo unzensiert und ungestört unsere wirklichen Lebensüberzeugungen ans Licht kommen.
Der Traum, der im Wesentlichen unbewusste Überzeugungen verdeutlicht, ist darum ein Schlüssel zum Zentrum unserer Persönlichkeit.
Alfred Adler hat den Begriff tendenziöse Apperzeption geprägt (subjektive Wahrnehmung). Er schreibt:
»Es ist für mich außer Zweifel, dass jeder sich im Leben so verhält, als ob er über seine Kraft und über seine Fähigkeiten eine ganz bestimmte Meinung hätte; ebenso als ob er über die Schwierigkeiten oder Leichtigkeit eines vorliegenden Falles schon bei Beginn seiner Handlung im Klaren wäre; kurz, dass sein Verhalten seiner Meinung entspricht.«1
Meine tendenziöse Apperzeption meint also meine subjektive Wahrnehmung, meine Wahrnehmungsverzerrung, meine Lebenserfahrung, die ich gewonnen und mir zugelegt habe. Die gemachten Lebenserfahrungen sind Bausteine meines Lebensstils. Der Lebensstil ist das Wahrnehmungsschema meiner Persönlichkeit. Lebenserfahrungen mit Eltern, Großeltern, Nachbarn und Geschwistern haben meine Lebensüberzeugungen (meinen Lebensstil) geprägt.
Eine Reihe dieser Überzeugungen können wir formulieren, andere liegen im Dunkeln, im Unbewussten, sie sind unverstanden. Diese Wahrnehmungen können richtig, halbrichtig, falsch oder verzerrt sein. Sie bestimmen unser Leben, und wir heben sie im Traum ins Licht.
Viele Träume verraten unsere religiöse Einstellung
Nicht alle Träume haben einen religiösen Kern. Aber viele offenbaren Zweifel oder Vertrauen, Geborgenheit oder Unfriede. Unsere religiösen Empfindungen setzen wir in den Vorstellungsmustern unseres Herzens ins Bild.
Wenn der Glaube an den lebendigen Gott und Christus unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt, muss auch im Traum diese Beziehung zur Sprache kommen. C. G. Jung schilderte einen eigenen Traum, der überdeutlich seine religiöse Einstellung charakterisiert:
»Der Traum, das bin ich.«
»Auf einer kleinen Straße ging ich durch die hügelige Landschaft. Die Sonne schien, und ich hatte einen weiten Ausblick ringsum. Da kam ich an eine kleine Wegkapelle. Die Tür war angelehnt, und ich ging hinein. Zu meinem Erstaunen befand sich auf dem Altar kein Muttergottesbild und auch kein Kruzifix, sondern nur ein Arrangement aus herrlichen Blumen. Dann aber sah ich, dass vor dem Altar, auf dem Boden, mir zugewandt, ein Yogin saß im Lotussitz und in tiefer Versenkung. Als ich ihn näher anschaute, erkannte ich, dass er mein Gesicht hatte. Ich erschrak zutiefst und erwachte an dem Gedanken: Ach so, das ist der, der mich meditiert. Er hat einen Traum, und das bin ich. Ich wusste, dass, wenn er erwacht, ich nicht mehr sein werde.«2
Was bringt der Traum zur Sprache?
Jung schreibt ausdrücklich über diesen Traum: »Der Traum, das bin ich.« Alles, was er zur Sprache bringt, charakterisiert seine Lebens-Grundüberzeugung.
Jung hat einen »weiten Ausblick ringsum«. Er war in der Tat kein engstirniger Denker. Sein Weitblick hat die Psychologie bereichert. Ringsum hat er Dinge aus Ost und West in sein System integriert.
Auf seinem Lebensweg spielt die Kapelle, die von Christen erstellt ist, eine Rolle. Jung wird allgemein als der Religiöseste unter den drei Tiefenpsychologen (Freud, Adler und Jung) bezeichnet. Die Kapelle, das Gotteshaus, zieht ihn an. Er geht nicht daran vorbei, er geht hinein. Er setzt sich mit dem Christentum ernsthaft auseinander. Jung kann seine Herkunft nicht verleugnen. Sein Vater war Pfarrer.
Was zutiefst sein Glaubensleben kennzeichnet, kommt in den nächsten Sätzen zur Sprache. Der Altar, der Ort der Gegenwart Gottes, auf dem in einer Wegkapelle normalerweise ein Kruzifix oder ein Muttergottesbild stehen, wird von Jung mit einem »Arrangement aus herrlichen Blumen« geschmückt. Das Kreuz und der Gekreuzigte, Zentrum des christlichen Glaubens, sind verschwunden. Jung hat sie vom Altar entfernt. Heißt das nicht, dass er sie aus seinem Denken und Leben entfernt hat?
Östliche Weisheit und östliches Gedankengut haben im Leben des Psychiaters und Psychologen Jung eine große Rolle gespielt. Im Traum kommt das zur Sprache; die christliche Symbolik ist nur noch in der Hülle der Kapelle vorhanden. Gefüllt wird das Gotteshaus mit dem Yogin, der mit dem Rücken zum Altar auf dem Boden sitzt.
Jung erkennt sich im Yogin (Yogi) wieder. Er trägt sein Gesicht. Er meditiert nicht das Kreuz und biblische Wahrheit. Das gebrochene Verhältnis zum Christentum kommt bei Jung zum Ausdruck. In der Tat: Der Traum, das bin ich.
Der Traum – die Vorbereitung auf das Morgen
Im Traum spielen Affekte und Gefühle eine große Rolle. Sie haben ein stärkeres Gewicht als die Intellektualität. Ungehemmt von Rücksichten auf Sachlichkeit und Logik nimmt der Träumer zu aktuellen Fragen seines Lebens Stellung.
Viele Träume bestätigen, dass es um entscheidende Ereignisse geht, die in naher Zukunft anstehen. Es geht um Prüfungen, die bestanden, um Entschlüsse, die gefasst, um Aufgaben, die gelöst und bewältigt werden wollen. Der Traum spiegelt von daher unser »Bewegungsgesetz« wider, wie Alfred Adler die Grundmuster nennt, die wir in der Kindheit entwickelt und trainiert haben. Das »Bewegungsgesetz« (vgl. S. 54 – 57) enthält unsere grundsätzlichen Zielvorstellungen, unsere Ansichten, wie wir Aufgaben anpacken, wie wir Verantwortung wahrnehmen, also die Art, wie wir das Leben meistern. Adler sieht im Traum eine Bewegung vom Heute zum Morgen.
Eine depressive Patientin, die eine lange seelsorgerlich-therapeutische Begleitung erfahren hat, träumt gegen Ende der Beratung:
»Ich sitze im Garten allein auf der Bank. Mir ist unwohl. Plötzlich kommt ein Gewitter, verbunden mit einem Sturm. Ich renne ins Haus, wo ich mich sicher weiß, wo mein Mann im Arbeitszimmer eine Predigt vorbereitet. Offensichtlich freut er sich, dass ich komme. Er schaut mich eine Weile an, dann reicht er mir einige dicke Bücher. Offensichtlich soll ich etwas nachschlagen. Ich gehe mit einem guten Gefühl an die Arbeit.«
Die Träumerin wollte sich in der Depression von ihrem Mann trennen, von dem sie sich im Stich gelassen fühlte. Schon vor Monaten war sie ausgezogen und wohnte bei ihrer Schwester. Im Traum trifft sie eine neue Entscheidung. Sie sieht sich selbst auf die Bank im Garten abgeschoben und allein gelassen. Die Träumerin erkennt, dass sie selbst aus eigenen Stücken die Bank im Garten ausgesucht hat. Sie selbst hat Haus und Ehe verlassen.
Der Traum beschert ihr ein Gewitter, sie deutet es als die Bedrohung von draußen, als Widrigkeit des Lebens. Im Gewitter sind bildlich alle Stürme des Lebens gedeutet, die ihr auf der Bank schutzlos und allein widerfahren. Sie rennt ins Haus, in die Geborgenheit, die sie vor Monaten verzweifelt hinter sich gelassen hat. Die Trennung und die seelsorgerlichen Gespräche haben sie reifer gemacht. Die Ehe kann sie weniger erregt aus der Distanz beleuchten. Sie kann ihre Vorurteile als solche akzeptieren.
Der Traum signalisiert ihr, dass sie ihrem Mann eine »Gehilfin« sein will, eine Mitstreiterin. Der Mann zeigt ihr nicht die kalte Schulter, sondern freut sich. So empfindet sie es in ihrem Traum, in ihrem Herzen. Die Arbeit des Mannes, die ihr in der Depression zum Horror wurde, wertet sie im Traum mit anderen Augen. Sie hat in der Tat eine tief greifende Veränderung erfahren.
Die junge Frau, die in der Depression glaubensmäßig stark angefochten war, erkennt im Traum Gottes Weisung. Der Traum vermittelt ihr mit unwiderlegbarer Gewissheit, dass sie die Ehe wieder aufnehmen soll.
Für den Beratungsprozess hat dieser Traum noch eine weitere Bedeutung. Er zeigt, dass die Ratsuchende sich geändert hat. Ihr Lebensstil ist korrigiert worden. Diese Frau hat Einsichten in die Tat umgesetzt. Der Traum, der einen Einblick in die Abgründe des Herzens offen legt, demonstriert, dass sie ihre Fehler und Sünden eingesehen hat.
Träume verdeutlichen, ob Änderungswünsche Wirklichkeit geworden sind. Seelsorger und Berater erhalten unaufgefordert eine Bestätigung, wie effektiv der Beratungsprozess verlaufen ist.
Der Traum offenbart unsere Lebenslügen
Was können Christen selbst tun, um dem Traum gerecht zu werden? Wie können wir uns davor schützen, zweifelharten Wunschbildern Glauben zu schenken? Der Lebensstil, der im Traum zur Sprache kommt, macht deutlich, welche Lebens-Grundüberzeugungen wir hegen und welchen Wunschbildern wir nachhängen. Der Traum steht niemals für sich. Er muss mit den Leitmotiven im Leben konfrontiert werden.
Wir verdrängen den Traum nicht und halten ihn nicht für phantastische und chaotische Gedankenfetzen ohne Sinn und Verstand. Wir trauen Gott zu, dass er uns durch Träume ermutigt, bestätigt, warnt und unsere geheimsten und verstecktesten Wünsche, die in uns schlummern, ans Licht bringt. Auch trauen wir Gott zu, dass er uns im Traum unsere Konflikte, unsere Spannungen und unsere Vorurteile bewusst macht, die wir dann in seiner Kraft korrigieren können. Wir rechnen damit, dass Gott uns einen Spiegel vorhält, um uns mit dem Schatten und den uns verborgenen Seiten unserer Persönlichkeit zu konfrontieren.
Ein schlichter und eindrücklicher Traum mag das verdeutlichen:
»Ich bin auf einer Party. Eine Reihe Männer und Frauen stehen im Raum herum und unterhalten sich. Ich stehe in einer Ecke allein.
Dann wird eine Torte von einem Bediensteten herumgereicht. Jeder bekommt ein Stück. Ich beobachte gespannt die Szene. Als der Tortenteller in meine Nähe kommt, ist kein Stück mehr drauf.«
Der Ratsuchende wacht auf und spürt körperliche Schmerzen einer schweren Kränkung.
Ich: »Wie ist Ihr Hauptgefühl an der dichtesten Stelle dieses Traumes?«
Sofort platzt es aus ihm heraus: »Ich komme zu kurz. Ich werde benachteiligt. Mein Hauptgefühl ist, ich werde ungerecht behandelt.«
Ich: »Spiegelt sich dieses Lebensgefühl heute und hier in Ihrem Leben wider?«
Er: »Meines Erachtens überall. Was ich auch anstelle, ich werde das Gefühl nicht los, man behandelt mich ungerecht.«
Der Traum spiegelt das subjektive Lebensgrundgefühl dieses Mannes wider. In einem symbolträchtigen Bild wird ein zentrales Lebensproblem komprimiert.
Eine alte, schmerzliche Wunde, die nicht verheilt ist, prägt diesen Ratsuchenden. Diese Wunde wurde zur Lebenslüge, zu einer Behauptung, die mit der Realität nicht übereinstimmt, aber sein ganzes Leben beeinflusst. Er glaubt felsenfest an die Zurücksetzung. Das Tragische ist, dass er wie ein ungerecht Behandelter reagiert. Seine zwischenmenschlichen Beziehungen mit Männern und Frauen, besonders mit Frauen, verlaufen so, dass er überall eine Zurücksetzung wittert und wie ein schwer gekränkter Mensch zurückschlägt. Er wird jähzornig und verletzt andere Menschen. Viele Beziehungen kommen in die Krise, viele Begegnungen verlaufen für ihn belastend.
Der Ratsuchende kann den Traum als Fingerzeig Gottes aufnehmen, an dieser irrationalen Überzeugung und der Lebenslüge zu arbeiten. Denn erst was wir klar und eindeutig durchschaut haben, können wir konkret ins Gebet nehmen und ändern.
Träume offenbaren unsere Vorurteile und falschen Denkansätze. Wir trauen Gott zu, dass er die Lebenslügen, an die wir glauben, im Traum enthüllt.
Wir beten, dass Gott uns innere Klarheit über diese irrationalen Überzeugungen schenkt oder über einen Seelsorger uns die Augen öffnet, den irrigen Lebensstil zu erkennen und zu ändern. Mit dem Psalmbeter können wir beten:
»Herr, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch. Ob ich sitze oder stehe, du weißt es, du kennst meine Pläne von ferne … Durchforsche mich, Gott, sieh mir ins Herz, prüfe meine Wünsche und Gedanken! Und wenn ich in Gefahr bin, mich von dir zu entfernen, dann bring mich zurück auf den Weg zu dir!« (Psalm 139,1 – 2 und 23 – 24)
Ein solches Gebet um innere Erleuchtung, die der Heilige Geist dem Betenden schenken kann, wird Gott erhören.
Der Beter kann auch zusammen mit dem Seelsorger um innere Klarheit ringen.
Die Einsicht ist der erste Schritt, eine Kurskorrektur der Lebenslüge einzuleiten.
Mit der Himmelfahrt Jesu haben wir Christen die Verheißung, dass der Heilige Geist uns tröstet, für uns eintritt und Worte auch für das findet, was wir nicht ausdrücken können. Er wird uns helfen, unerklärliche Ängste und Befürchtungen, rätselhafte Depressionen und tief verwurzelte Vorurteile, die die Lebenskraft beeinträchtigen, zu erhellen und zu verändern.
Viele ernsthafte Christen lesen täglich in der Bibel. Sie suchen Weisung für ihr Leben und beten um Klarheit bei Problemen und unergründlichen seelischen Schwierigkeiten. Viele neigen unbewusst dazu, ihre unverstandenen Lebenslügen und ihre Neurosen, die Unwahrheit einschließen, dem Heiligen Geist zu öffnen. (Die Neurose kann auch eine Lebenslüge sein. Sie enthält eine uneingestandene, unbewusste Unwahrheit.)
Das Traumgeschehen, das wir in der Seelsorge betend miteinander bedenken, kann eine Hilfe sein, unseren Nöten, auch denen, die wir nicht wahrhaben wollen, ins Gesicht zu schauen.
KAPITEL 4
Begriffe in der Praxis der Traumdeutung
Die verschiedenen psychologischen Schulen arbeiten jeweils mit verschiedenen Begriffen. Es ist daher hilfreich, wiederkehrende Begriffe kurz darzustellen, um Missverständnisse zu vermeiden. Da sich die tiefenpsychologischen Schulen (Freud, Adler und Jung) inhaltlich voneinander unterscheiden, ist es erklärlich, dass sie auch Träume unterschiedlich werten und gewichten.
Manifester Traum – latenter Traum – Traumarbeit und Traumanalyse
Sigmund Freud nennt den Traum, den wir erinnern, den »manifesten Traum«. Es handelt sich dabei um die Bilder, Symbole und Ereignisse, die uns beim Erwachen noch gegenwärtig sind. Die Hintergrundmotive, die versteckten Absichten und das, was uns das Unbewusste sagen will, nennt Freud den »latenten Traum«.
»Den Vorgang der Verwandlung vom latenten zum manifesten Trauminhalt werde ich die Traumarbeit nennen … Der Gegensatz vom manifesten und latenten Trauminhalt … hier finden sich die Rätsel vor, die erst verschwinden, wenn man den manifesten Traum durch den latenten Gedankeninhalt ersetzt.«1
Die eigentliche Traumdeutung nennt Freud die Analysearbeit. Sie beabsichtigt, den manifesten Traum auf seine latenten, verborgenen Wünsche und Ziele hin zu untersuchen. (Ich halte mich in diesem Buch nicht an die Formulierungen Freuds, weil sie in meinem Konzept eine untergeordnete Rolle spielen.)
Die Traumdeutung ist in der Regel eine wirkliche Arbeit und erfordert umfassende Kenntnis der menschlichen Persönlichkeit. Da der Traum nur aus der Kenntnis der Gesamtpersönlichkeit erschlossen werden kann, ist es wichtig, niemals den Ratsuchenden oder den Träumer nur von der Deutung des Traumes allein zu verstehen. Auch wenn Freud den Traum als den »Königsweg« zum Menschen charakterisiert, ist es bedenkenswert, folgende Elemente bei der Deutung zu berücksichtigen:
Tagesreste, Eindrücke des vergangenen Tages,
gegenwärtige Probleme, Probleme der Charakterstruktur, frühkindliche Erinnerungen,
spezielle Ängste und Schwierigkeiten,
wichtige Lebensstilaspekte.
Nur dann kann man einer Gesamtaussage über diesen Menschen gerecht werden. Dieses Sehen im Zusammenhang bewahrt Seelsorger und Berater vor Fehleinschätzungen. Je sicherer ein Seelsorger diese Zusammenhänge erkennt und die Linien verschiedener Aussagen miteinander verknüpfen kann, desto umfassender fühlen sich Ratsuchende verstanden.
Die Traumentstellung – die Traumzensur
Warum sind die Träume so verworren? Warum sind viele Träume für den Durchschnittsmenschen nicht auf Anhieb durchschaubar? Freud hat hier von der »Zensur« gesprochen. Er kommentiert die Traumzensur folgendermaßen:
»Wer an dem Gesichtspunkte der Zensur als dem Hauptmotiv der Traumentstellung festhält, der wird nicht befremdet sein, aus den Ergebnissen der Traumdeutung zu erfahren, dass die meisten Träume der Erwachsenen durch die Analyse auf erotische Wünsche zurückgeführt werden …
Seitdem wir die in ihren Äußerungen oft so unscheinbare, regelmäßig übersehene und missverstandene infantile Sexualität kennen gelernt haben, sind wir berechtigt zu sagen, dass fast jeder Kulturmensch die infantile Gestaltung des Sexuallebens in irgendeinem Punkte festgehalten hat, und begreifen so, dass die verdrängten infantilen Sexualwünsche die häufigsten und stärksten Triebkräfte für die Bildung der Träume ergeben.«2
Freud geht davon aus, dass erotische Wünsche im manifesten Traum als asexuell erscheinen sollen und daher in der Traumzensur »entstellt« werden, wie er das bezeichnet.
Da sexuelle Vorstellungen angeblich tabuisiert und verdrängt werden, dürfen lediglich Andeutungen, Anspielungen und indirekte Aussagen im Traumgeschehen auftauchen.
Der Träumer kennt im Allgemeinen nicht die Bedeutung der sexuellen Symptome, die er in der Traumarbeit verwendet. Freud nimmt aber an, dass diese Symptome weit über Länder- und Sprachgrenzen hinausgehen und Träumer aller Länder vereinen.
Freud will daher in seiner Analysearbeit auf die Deutung der alten Völker zurückgreifen, die – so nimmt er an – mit der Psychoanalyse im Verstehen sexueller Symbole übereinstimmt.
Diese Aussage Freuds, dass sexuelle Symptome in der Regel verdeckt zur Sprache kommen, erscheint überaus einleuchtend. Sie kann zutreffend sein. Aber die Traumentstellung einseitig auf die Verdrängung sexueller Wünsche zu reduzieren macht sie fragwürdig. Ich bin mit Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie, der Meinung, dass alle Aspekte, die die Lebens-Grundüberzeugungen zur Sprache bringen, im Traum unverdeckt, aber in Bildern und Symbolen erscheinen. Das heißt, im Traum, der
den Lebensstil spiegelt,
das Bewegungsgesetz dieses Menschen charakterisiert (ob er pessimistisch oder optimistisch, zwanghaft oder mutig ans Leben herangeht),
eine Spiegelung der Lebens-Grundüberzeugungen darstellt und diese zur Sprache bringt,
kommen unterdrückte sexuelle Vorstellungen und vom Lebensstil ausgeblendete Gedanken ans Licht.
Der Träumer vergisst – wie im Wachzustand –, was er vergessen möchte. Er unterschlägt, was er unterschlagen möchte. Die »Traumentstellung«, wie sie Freud charakterisiert, entspricht der subjektiven Wahrnehmung des Träumers, ist also keine Traumentstellung, sondern Ausdruck des Lebensstils.
Ich sehe, was ich sehen will,
ich höre, was ich hören will,
ich fühle, was ich fühlen will,
ich empfinde, was ich empfinden will.
Meine unverstandenen Äußerungen – im Wachen oder im Schlafen – sind Äußerungen meines Lebensstils, meiner Einstellung zu Gott und den Menschen.
Adler schreibt zur Traumzensur: »Was aber Freud ›die Zensur‹ nennt, ist nichts anderes als die größte Entfernung von der Wirklichkeit im Schlafe, ein beabsichtigtes Fernbleiben vom Gemeinschaftsgefühl, dessen Mangelhaftigkeit eine normale Lösung eines vorliegenden Problems verhindert, sodass das Individuum, wie in einem Schock, anlässlich einer erwarteten Niederlage einen anderen Weg zu einer leichteren Lösung sucht, zu dem ihm die Phantasie, im Banne des Lebensstils, abseits vom Commonsense (vom Gemeinschaftsgefühl) behilflich sein soll.«3
Die Traumzensur kommt in der Individualpsychologie Alfred Adlers nicht vor, sie ist überflüssig.
Das Gemeinschaftsgefühl ist für Alfred Adler das Barometer
für seelische Gesundheit,
für Beziehungsfähigkeit,
für ein konstruktives Zusammenleben.
Der Mensch, der auf Grund seiner Lebensführung dieses Gemeinschaftsgefühl vermissen lässt, weicht im Leben und im Traum der Verantwortung vor Gott und vor dem Nächsten wie auch den Anforderungen des Lebens aus. Er sucht eine »leichtere Lösung«, die sich aber als gemeinschaftsfeindlich entpuppt.
Wo Freud die Verdrängung sexueller Wünsche anspricht, spricht Adler von gestörten Beziehungen. Für Adler gibt es keine Traumzensur. Der Traum offenbart unser Denken, Fühlen und Handeln und damit unseren Lebensstil. Ist die Beziehungsfähigkeit untergraben, kommen im Traum die »leichten Lösungen« zur Sprache, die sich der Träumende zurechtlegt.
Wie können »leichte Lösungen« im Traum und im Leben aussehen?
Der Träumende tritt auf der Stelle, er geht nicht vorwärts;
der Träumende wird krank oder ohnmächtig und reagiert mit Angst;
der Träumende überlässt anderen die Arbeit und die Verantwortung;
der Träumende empfindet Reue und Schuld, aber er tut nichts;
der Träumende – wie der Mensch im Alltag – hält sich für klein, untauglich, hilflos und schwach. Er glaubt an seine Unfähigkeit und weicht dem Leben aus.
Worin besteht die Entstellung des Traumes? Freud spricht von der Traumzensur. Adler schreibt:
»Daraus aber folgt die wichtigste Funktion des Traumes, den Träumer auf einen Abweg vom Commonsense, vom Gemeinschaftsgefühl, zu führen … Im Traum begeht also der Träumer einen Selbstbetrug. Unserer Grundanschauung gemäß können wir hinzufügen: einen Selbstbetrug, der ihn angesichts eines Problems, für das sein Gemeinschaftsgefühl nicht ausreicht, auf seinen Lebensstil verweist, damit er das Problem diesem entsprechend löse. Indem er sich von der Wirklichkeit losreißt, die soziales Interesse verlangt, strömen ihm Bilder zu, die sein Lebensstil ihm eingibt.«4
Das heißt für uns:
Der Lebensstil spiegelt sich in den Bildern des Traumes wider. Es gibt keine Zensur.
Der Lebensstil drückt unbewusste, vielleicht neurotische und irrige Ziele aus, die der Nächstenliebe oder dem Gemeinschaftsgefühl zuwiderlaufen.
Der Träumer produziert Bilder, die einem grandiosen Selbstbetrug gleichen. Er phantasiert Möglichkeiten, um auf gemeinschaftsfeindliche Weise zu Lösungen zu kommen.
Und ein letzter Gedanke, wie Adler die unverstandenen Äußerungen des Traumes kommentiert: »Die Unverständlichkeit des Traumes, eine Unverständlichkeit, die sich im Wachen in vielen Fällen ebenso konstatieren lässt, wenn einer mit weit hergeholten Argumenten seinen Irrtum befestigen will, ist demnach Notwendigkeit und nicht Zufall.«5
Das Unverstandene ist das Unbewusste. Wenn jemand beispielsweise im Traum sich als Kind klein und hilflos im Bett liegen sieht, gibt er damit zu verstehen,
dass er nicht wie ein Erwachsener gefordert werden will,
dass er der Verantwortung ausweicht,
dass er lieber wie ein Hilfloser angesehen und behandelt werden möchte.
Traum und Lebensstil spiegeln im Schlaf wie im Wachen einen Menschen wider, der im verantwortlichen Zusammenleben Störungen und Fehlhaltungen aufweist.
Der Traum als Wunscherfüllung
Für Sigmund Freud sind Träume in erster Linie Wunscherfüllungsträume. Nach seiner Meinung sind Wünsche Erreger des Traumes. Über Kinderträume schreibt Freud:
»Das Gemeinsame dieser Kinderträume ist augenfällig. Sie erfüllen sämtliche Wünsche, die am Tage rege gemacht und unerfüllt geblieben sind. Sie sind einfache und unverhüllte Wunschvorstellungen.«6
Da Kinder in der Regel als unkompliziert und offen gelten, so Freud, offenbaren auch ihre Träume leichter als die Träume Erwachsener die geheimen Wünsche ihrer Seele:
Die Gedanken der Kinder, die im Traum zur Sprache gebracht werden, sind Wünsche, die in der Regel aus dem Tagesgeschehen zu erklären sind. Sie werden häufig mit intensiven Gefühlen ausgestaltet.
Auch in den Träumen Erwachsener sieht Freud die Wunscherfüllung am Werk. Sie träumen vom Trinken, weil ein nächtlicher Durstreiz sie quält. Oder sie träu- men von üppigen Mahlzeiten und vom Zuhausesein, wenn sie sich auf Expeditionen weit weg von zu Hause befinden.
Der Ratsuchende entwickelt laut Freud Widerstand gegen die Enthüllung seiner triebhaften, sexuellen Bedürfnisse.
Ich bin dagegen mit Alfred Adler der Meinung:
Die Wunscherfüllung, die es selbstverständlich im Traum gibt, ist nur eine der Möglichkeiten, nach Überlegenheit zu streben.
Das Streben nach Überlegenheit meint:
Der kleine Mensch will groß werden;
der Mensch mit Minderwertigkeitsgefühlen will stark und vollkommen werden;
der Mensch denkt und handelt zielstrebig, um Sicherheit, Erfolg, Wachstum und damit Überlegenheit zu gewinnen. Es ist ein gesundes, von Gott dem Menschen gegebenes Streben.
Dieses Streben nach Überlegenheit und Selbstentfaltung kann allerdings egoistisch entarten. Es kann zu einer unseligen Selbstverwirklichung, zu Macht- und Geltungsstreben werden. Wir sprechen dann vom Überlegenheitskomplex.
»Da jede seelische Ausdrucksform von unten nach oben, von einer Minussituation nach einer Plussituation sich bewegt, kann man auch jede seelische Ausdrucksbewegung als Wunscherfüllung ansprechen«, schreibt Adler.
Kinder wie Erwachsene sind häufig verwöhnte Menschen, die ständig danach streben, unbefriedigte Wünsche im Traum erfüllt zu bekommen.
So genannte Wunscherfüllungsträume bringen nicht in erster Linie unterdrückte Bedürfnisse zur Sprache (das kann sein), sondern artikulieren häufig unberechtigte Wünsche, die gegen das Liebesgebot verstoßen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Diese unberechtigten Wünsche müssen durch ein soziales oder christliches Verhalten im Sinne der Nächstenliebe korrigiert werden.
Was Freud Wunscherfüllung nennt, charakterisiert Adler als eine Leitlinie, die aus einer Minussituation in eine Plussituation führt, den Menschen aus der Minderwertigkeit in die Überlegenheit bringt und den Träumer aus einer erlebten Unvollkommenheit in eine überideal formulierte Vollkommenheit befördert.
Lebensstil und Traum
Der Begriff des Lebensstils spielt in der therapeutischen Seelsorge eine große Rolle. Es ist eine der großen Entdeckungen Adlers, der damit den komplizierten Menschen besser verstehen will. Adler nannte seine Psychologie – im Gegensatz zu Freud – Individualpsychologie (Individuum heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung das unteilbare Ganze).
Adler will den Menschen nicht zerteilen, sondern ihn in seiner unteilbaren Ganzheit verstehen. Der Lebensstil bedeutet für ihn:
die Lebens-Grundüberzeugungen, die ein Mensch in sich hat;
das Denkschema, mit dem der Mensch seine unbewussten Ziele ansteuert; – die Meinungen, die er über die anderen hat;
die Vorstellungen, die er von Gott, dem christlichen Glauben und dem Sinn des Lebens hat;
die private Logik, die er sich über Liebe, Arbeit, Freizeit, Genuss, Aktivität, Ehrgeiz usw. gebildet hat;
die subjektive Wahrnehmung, in der er Welt, Dinge und Menschen beurteilt;
das Bewegungsgesetz eines Menschen, das ihn zwanghaft oder mutig, pessimistisch oder optimistisch, aktiv oder passiv, entscheidungsstark oder entscheidungsschwach an die Aufgaben des Lebens herangehen lässt;
die Gangart eines Menschen, die ihn langsam oder schnell, kreativ oder einfallslos, plump oder elegant, vorurteilslos oder voreingenommen alles im Leben in Angriff nehmen lässt;
ein Programm, das sich dieser Mensch geschaffen hat, um allen Anforderungen gewachsen zu sein;
die Summe von Erfahrungen, die der Mensch schon als Kind gemacht und in sein Lebensprogramm eingebaut hat;
die schöpferische Antwort, den Herausforderungen des Lebens auf konstruktive oder neurotische Art und Weise zu begegnen; alle Umgangs- und Verhaltensmuster, mit denen er aggressiv, charmant, betrügerisch, nachgiebig, kämpferisch, abwertend oder fürsorglich die Lebensaufgaben anpackt.
Der Lebensstil ist also die Summe aller Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster, die ein Mensch einsetzt, um den Ansprüchen des Lebens gewachsen zu sein. Der Lebensstil ist die Schablone, die der junge oder erwachsene Mensch über alle Situationen, Gegebenheiten und Ereignisse stülpt. Im Lebensstil kommt der ganze Mensch mit allen seinen Sonnen- und Schattenseiten ungeschminkt zur Sprache. Der Lebensstil ist ein getreues Spiegelbild dieser einmaligen Persönlichkeit.
Aufgabe der therapeutischen Seelsorge ist es, diesen Lebensstil mit dem Ratsuchenden herauszuarbeiten. Je klarer der Lebensstil definiert ist, desto besser kann dem Ratsuchenden geholfen werden:
seine Mängel zu erkennen,
seine Probleme zu verstehen,
seine Beziehungsstörungen einzuordnen,
seine Glaubensschwierigkeiten wahrzunehmen,
Lösungen für Konflikte anzustreben.
Der Traum ist eine Möglichkeit, den Lebensstil eines Menschen zu verstehen. Denn im Traum kommen die Muster und Lebens-Grundüberzeugungen zur Sprache, die für sein Denken, Fühlen und Handeln kennzeichnend sind.
An einem Beispiel möchten wir deutlich machen, wie der Traum den Lebensstil enthüllt. Den Traum erzählte eine achtunddreißigjährige Frau, die die Beratung aufsuchte. Zunächst beschrieb sie ihr Problem:
»Ich bin verheiratet und habe Schwierigkeiten mit meinem Mann. Immer bin ich unzufrieden. Bei den kleinsten Dingen, die nicht nach meinen Vorstellungen verlaufen, reagiere ich mit Kritik. Ich habe das Gefühl, dass ich es richtig mache, und er macht vieles falsch. Meine Unzufriedenheit ist so stark, dass ich mit der Kritik nicht aufhören kann. Ich werde unwahrscheinlich aggressiv. Als ich heiratete, wusste ich, dass ich einen großen Fehler machte, aber ich wollte den Mann nicht enttäuschen.«
Mein Traum war so:
»Ich gehe zu einem Mann in die Seelsorge. Er hat lange, schlohweiße Haare. Der Bischof hat mir den Mann empfohlen. Auf dem Weg dorthin werden meine Schritte langsamer. Ich spüre, wie ich selbst mit mir rede. ›Warum gehst du langsamer?‹ Und ich höre mich sagen: ›Er wird das Gespräch nicht bringen, was du dir vorstellst!‹ Als ich die Tür öffne, kommt mir ein Gesicht entgegen, das ich langweilig finde. Ich spüre keine Überzeugung, dass er mir helfen kann. Was er sagt, ist oberflächlich. Ich spüre, dass in mir Zorn hochkommt. Plötzlich fallen ihm seine Aufzeichnungen aus der Hand. Auf der Erde liegt alles durcheinander. Er findet nichts wieder. Da wache ich auf.«
Der Lebensstil erschließt sich durch fünf Fragen:
a) Wie sieht die Ratsuchende sich selbst?
Unzufrieden, pessimistisch,
selbstkritisch, besserwisserisch,
überheblich, fehlerorientiert.
b) Wie sieht die Ratsuchende die anderen? Wie sehen die anderen die Ratsuchende?
Die anderen genügen nicht,
sie machen alles falsch,
sie sind schuld,
besonders Männer sind enttäuschend,
sie erfüllen nicht ihre Erwartungen,
die anderen werden entwertet,
die Ratsuchende wirkt in den Augen der anderen unangenehm,
handelt in den Augen der anderen lieblos und unpartnerschaftlich,
wird als arrogant und kritiksüchtig erlebt.
c) Wie fühlt sich die Ratsuchende in der Welt? Wie ist ihre Glaubenserziehung?
Sie lebt unglücklich in dieser Welt,
das Leben bleibt ihr vieles schuldig,
sie findet, Gott ist ungerecht,
der Glaube ist eher eine Last und keine Freude,
sie fühlt sich auch von Gott oft im Stich gelassen.
d) Welche Ziele verfolgt die Ratsuchende?
Sie muss überlegen sein,
sie handelt richtig,
nur durch Überlegenheit meistert sie das Leben,
sie weiß alles und weiß alles besser,
durch ständige Entwertung anderer steigert sie ihre eigene, allumfassende Macht,
selbst die Ratschläge eines namhaften geistlichen Führers, eines Bischofs, sind irrig.
e) Mit welchen Mitteln und Methoden verfolgt die Ratsuchende ihre Ziele?
Mit unbarmherziger Kritik,
Aggressionen,
Entwertungen,
unmenschlicher Überheblichkeit,
Besserwisserei,
Selbstgerechtigkeit (»Ich mache alles richtig!«),
Verachtung von Menschen, besonders der Männer.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das geschilderte Eheproblem und der Traum sind in den Aussagen so deckungsgleich, dass die Leitmotive des Lebensstils in beiden Äußerungsformen klar ersichtlich sind. Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen kommen so eindrücklich zur Sprache, dass es der Seelsorger leicht hat, den roten Faden im Auge zu behalten.
Die verschiedenen Aspekte des Lebensstils sollen allerdings nicht vom Seelsorger gedeutet werden. Der Seelsorger hat die Aufgabe, die Selbstaussagen, die im Problem und im Traum offenbar werden, mit der Ratsuchenden ins Licht zu heben. Sieht sich die Ratsuchende im Spiegel seiner Stellungnahmen, kann die Selbsterkenntnis so hilfreich sein, dass mit Gottes Hilfe eine Korrektur des alten Lebensstils gelingt.
Die Zielrichtung des Traums
Ein Begriff, der das Konzept der therapeutischen Seelsorge und des biblischen Denkens beherrscht, ist der Begriff der Zielgerichtetheit, der Finalität (finis = Ziel). Das Ziel des Menschen besteht darin,
im Geistlichen wie im Menschlichen positive oder auch zerstörerische Vorstellungen zu verwirklichen,
mit praktisch gelebter Liebe, aber auch mit störenden Verhaltensmustern das Leben zu meistern,
von klein auf Hilflosigkeit in Stärke zu verwandeln,
Unsicherheit in Sicherheit zu überführen,
Unvollkommenheit in Vollkommenheit zu verarbeiten, die Minussituation des Lebens in eine Plussituation umzugestalten.
Wo wird im biblischen Denken das zielorientierte Planen und Handeln des Menschen deutlich? Einige Bibelstellen sollen das verdeutlichen:
»Gib dein Bestes im Glaubenskampf, damit du das ewige Leben gewinnst. Zu diesem Leben hat Gott dich berufen, als du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis des Glaubens ablegtest« (l. Timotheus 6,12).
»Im Voraus setzt du (Gott) fest, wie alt er (der Mensch) wird, auf Tag und Monat hast du es beschlossen« (Hiob 14,5).
»Lehre mich, Herr, dass mein Leben ein Ziel hat« (Psalm 39,5).
»Jage nach dem vorgesteckten Ziel« (Philipper 3,14).
»Arbeitet an euch selbst in der Furcht vor Gott, damit ihr gerettet werdet! Ihr könnt es, denn Gott gibt euch nicht nur den guten Willen, sondern er selbst arbeitet an euch, damit seine Gnade bei euch ihr Ziel erreicht« (Philipper 2,12 – 13).
Der Mensch wird angehalten,
zu Gott zu kommen,
eine Hoffnung auf ihn zu setzen,
Vertrauen nicht aufzugeben,
im Glauben Zuversicht zu praktizieren,
zu kämpfen, um den Siegespreis zu erlangen,
die Seligkeit zu schaffen,
auf das Ziel zu schauen usw.
Adler nennt seine Psychologie eine Gebrauchspsychologie, im Gegensatz zur Besitzpsychologie.
Die Besitzpsychologie stellt fest, was ein Mensch mit auf die Welt bringt. Aus dem Besitz wird alles Seelische abgeleitet. Die Gebrauchspsychologie verdeutlicht, was ein Mensch mit seinen Anlagen, Gaben und Möglichkeiten anfängt,
wie er sie benutzt,
was er damit bezweckt,
wie er sie in Dienst stellt.
Im Umgang mit Christen und Nichtchristen und in der Seelsorge mit Ratsuchenden wird deutlich, wie ein Mensch seine Gaben, Anlagen und von Gott geschenkten Möglichkeiten ausnutzt.
Redet er sich auf seinen »Besitz« heraus? Gebraucht er seine vererbten Anlagen als Alibi? Ist er bereit, über seine Verantwortung nachzudenken, darüber,
was er aus Anlage und Umwelteinflüssen gemacht hat?
wie er seine Gaben in Dienst gestellt hat?
wie er Gaben und Talente vergraben oder für Gott und andere Menschen eingesetzt hat?
Im Wachen wie im Traum kommen diese Deutungsmuster zur Sprache.
Die Traumdeutung nach Adler versucht daher schwerpunktmäßig, zwei Fragen zu beantworten:
a) Was ist das Ziel des Traumes?
Was soll damit bezweckt werden?
Welche Lebens-Grundeinstellungen (menschlich oder geistlich) offenbart der Träumer?
b) Wie ist die Stellung des Träumers zur Gemeinschaft?
Handelt er gemeinschaftsfreundlich?
Handelt er partnerschaftsfeindlich?
Handelt er kooperativ oder destruktiv? Das Beispiel eines Flugtraumes soll beide Aspekte beleuchten.
Ein Manager eines mittelgroßen Betriebes, Zulieferer für ein großes Autowerk, kommt mit folgendem Problem in die Seelsorge: »Mein Leben verläuft im Prinzip erfolgreich. Man beneidet mich um meinen geschäftlichen Fortschritt. Aber es macht mir zu schaffen: Ich verstehe die Menschen nicht. Die Menschen verstehen mich auch offensichtlich nicht. Ich denke prinzipiell sachlich und pragmatisch, die anderen haben Beurteilungskriterien, die mir fremd sind. Helfen Sie mir, es muss doch Kompromisse geben!«
Der Mann ist ein ausgesprochener Einzelgänger. Frau und Kinder distanzieren sich von ihm. Die Frau scheint sogar zu signalisieren, dass sie sich trennen will. In der dritten Beratungsstunde bringt er einen Traum mit.
»Ich sehe vor mir ein unbegehbares felsiges Etwas, einen zerklüfteten Hügel. Rechts davon läuft ein kleines Wesen weg. Es kann ein Mensch sein. Ich sehe, wie ich den Kopf schüttele. Einen Augenblick überlege ich, wie ich diesen schwierigen Hügel bezwingen kann. Dann nehme ich einen Anlauf, hebe ab und fliege wie im Gleitflug über das Hindernis hinweg. Auf der anderen Seite komme ich gut an und stehe fest auf der Erde. Ich schaue mich um und lächele. Dann wache ich auf.«
Meine Fragen lauten:
»Was ist Ihr Hauptgefühl an der dichtesten Stelle des Traumes?«
Antwort: »Ich wache auf und bin stolz. Ich habe das Problem gemeistert!«
»Wie sehen Sie sich selbst im Traum?«
»Ich spüre, das bin ich. So gehe ich das Leben an. Vor mir ein dickes Problem. Es sieht unlösbar aus. Man hat den Eindruck, es gibt keinen Weg.«
»Wie sehen Sie die anderen, soweit sie im Traum vorkommen?«
»Ja, das ist eine Schwierigkeit bei mir. Die anderen kommen nicht vor. Es sei denn, das flüchtende Wesen war ein Mensch. Leider ist das meine Schwachstelle im Leben. Die Firma interessiert mich, nicht die Menschen. Der Erfolg interessiert mich, nicht die Mitarbeiter. Mein Ehrgeiz frisst mich auf. Da bleiben nicht selten andere auf der Strecke.«
»Wenn das fliehende Wesen ein Mensch war, was sagt Ihnen das Bild?«
»Es könnte meine Frau sein, aber auch die Kinder. Vielleicht sogar Mitarbeiter der Firma, die vor den Problemen kapitulieren. Aber das reizt mich besonders. Ich fliehe nicht, ich will das Unbegehbare gangbar machen.«
»Was tun Sie im Traum?«
»Offensichtlich lasse ich sie laufen. Ich bleibe ja stehen und nehme mir wieder das riesige Problem vor. Mich befriedigt die Arbeit. – Ja, und abends und am Wochenende bin ich allein. Es stimmt tatsächlich, die anderen fliehen vor mir.«
»Welche versteckten Ziele verfolgen Sie? Was wollen Sie erreichen?«
»Ich will komplizierte Sachen meistern. In der Regel weiß ich, wenn ich einen Anlauf nehme, die Ärmel hochkrempele, dann komme ich darüber weg. Unüberwindliches hat für mich einen wahnsinnigen Reiz. Was andere nicht schaffen, das reizt mich besonders.«
»Welche unausgesprochenen Absichten verbergen sich dahinter?«
»Gut sein ist nicht genug. Ich sage es ungern, aber ich will besser als die anderen sein. Und dieses Ziel verleiht mir ungeahnte Kräfte.«
»Mit welchen Mitteln und Methoden verfolgen Sie Ihr Ziel?«
»Mit Wagemut gehe ich an die Sache heran, mit großem Ehrgeiz, das versteht sich von selbst. Ich denke nach, ich denke vorher wirklich gründlich nach. Leider übersehe ich die anderen dabei. Wenn es sein muss, mobilisiere ich alle Kräfte. Ich stecke so leicht nicht auf.«
»Was wollen Sie verändern, wenn der Traum Dinge offenbart, die problematisch sind?«
»An meiner Lebensauffassung will ich nichts ändern. Was mich erheblich stört, sind meine Schwierigkeiten mit Menschen. Mit meiner Frau, mit meinen Kindern und mit Mitarbeitern gibt es laufend Konflikte. In der Regel gehen die mit Gefühl an alles heran. Gefühle haben bei mir aber einen geringen Stellenwert. Mit Gefühlen löst man keine Probleme.«
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Zielgerichtetheit des Traumes wird deutlich. In allem, was der Mensch träumt, verfolgt er Zwecke und Ziele, die er selbst nicht versteht. Aber auch die Beziehungsfähigkeit wird im Traum offenbar.
Nach Adler ist das Gemeinschaftsgefühl ein Barometer für seelische Gesundheit oder Krankheit. Dieser tüchtige und erfolgreiche Manager ist nicht wenig gestört. Der Traum signalisiert ihm, dass die Menschen vor ihm fliehen. Im Spiegel seiner Selbstaussagen werden ihm die Mängel seiner Lebensgestaltung bewusst. Er spürt, dass er sich in die Isolierung hineinmanövriert hat. Die Veränderung seiner Lebens-Grundüberzeugungen braucht viel Zeit. Besonders der Traum hilft ihm, die Bremse zu ziehen, um sein Lebenskonzept zu revidieren. Es ist typisch für ihn, dass er nun wie ein Manager neue Wege im sozialen Bereich strategisch angeht.
Der Traum und das Unbewusste
Träume steigen aus dem Unbewussten hoch. Was heißt das eigentlich? Die Tiefenpsychologen sprechen übereinstimmend vom Unbewussten, doch es gibt Unterschiede in der Bewertung dieses menschlichen Bereichs. Die meisten gehen davon aus,
dass das Unbewusste durch Verdrängung entstanden ist;
dass verdrängte sexuelle Impulse, die dem Über-Ich (dem Gewissen) unangenehm sind, ins Unbewusste gerutscht sind;
dass diese verdrängten Impulse dem Bewusstsein entrissen, aber noch in der Erinnerung vorhanden sind. Sie sind nicht ausgelöscht und können in Träumen, verkleidet in Bildern und Symbolen, wieder an der Oberfläche erscheinen;
dass eine Grenzziehung zwischen Bewusstem und Unbewusstem fast unmöglich ist.
Die Vorstellung der Individualpsychologie Adlers ist eine andere. Er grenzt das Unbewusste nicht scharf gegen das Bewusste ab. Aufbauend auf Adler lässt sich über das Unbewusste Folgendes sagen:
Der Mensch ist eine unteilbare Einheit. Seelisches und Körperliches, Unbewusstes und Bewusstes gehen nahtlos ineinander über. Die Aufspaltung wird dem Menschen nicht gerecht. Auch die Bibel lässt diese künstliche Aufteilung nicht zu.
Das Unbewusste ist kein Ort, kein unheimlicher Dschungel, kein gefüllter Raum mit verdrängten und abgestellten Gedanken und Wünschen.
Der Mensch denkt, fühlt und handelt im Sinne seines Lebensstils. Das heißt, er lässt Dinge, die ihm angenehm erscheinen, vor dem Bewusstsein zu, andere Dinge, die ihm unlieb sind, denen er ausweicht, lässt er im so genannten Unbewussten verschwinden.
Wir haben uns so an die Unterscheidung zwischen Bewusstem und Unbewusstem gewöhnt, dass wir in der Tat an zwei verschiedene Bereiche glauben. Im Prinzip gibt es sie nicht. Nach Freud ist das Unbewusste das Verdrängte. Da für Adler im Gegensatz zu Freud das Ich keine Instanz neben Es und Über-Ich ist, sondern gleichbedeutend mit der Person, lehnt er den Gegensatz zwischen bewusst und unbewusst ab. Das Unbewusste meint nach unserer Sicht nicht versteckte Winkel unserer Seele, sondern Teile des Bewusstseins, die wir nicht verstanden haben.
Das Unbewusste ist also das Nicht-Zugelassene, das Vergessene, das Ausgeblendete, das dem Lebensstil nicht entspricht. Das Unbewusste ist die unverstandene Seite unseres Lebensstils; die unverstandenen Lebens-Grundüberzeugungen, Selbstannahme, Beziehungs- und Umgangsmuster verkörpern den Lebensstil. Dieser Lebensstil bleibt den meisten Menschen unbewusst bzw. unverständlich.
Der Lebensstil als unbewusster Lebensplan verfolgt Zwecke und Ziele, die dem Bewusstsein weitgehend unbekannt sind. Der Mensch verhält sich so, als ob er über seine Ziele bestens informiert ist.
»Der Mensch weiß mehr, als er versteht!« (Dies war ein Lieblingssatz Adlers.) Der Mensch weiß unermesslich viel über sich zu berichten, auch im Traum. Aber er versteht es nicht. Seine verborgenen Absichten sind ihm unbewusst. Er kann dieses Wissen verstehbar machen. Mithilfe eines Seelsorgers oder Beraters kann er diese verborgenen Schätze ins Licht des Bewusstseins heben.
Das Unbewusste ist also das Unerkannte, Unverstandene, Unverdaute und Ungeklärte. Das Unbewusste ist nicht die schweinische Rumpelkammer unserer Persönlichkeit, wo beschämende Wünsche und unsaubere Begierden verstaut werden.
Traumassoziationen
Die meisten Berater, Therapeuten und Seelsorger, die sich mit Traumdeutungen beschäftigen, benutzen die Methoden der Assoziation (freie Verknüpfung von Gedanken, von denen einer den anderen hervorruft), um die Bilder, Symbole und Geschehnisse im Traum zu verstehen. Diese Methode wurde von Sigmund Freud in die Traumdeutung eingeführt und von den meisten Autoren übernommen. Freud schreibt darüber:
»Dieses Verfahren ist leicht zu beschreiben, wenngleich seine Ausführung Unterweisung und Übung erfordern dürfte. Wenn man es bei anderen, etwa einem Kranken mit einer Angstvorstellung in Anwendung zu bringen hat, so fordert man ihn auf, seine Aufmerksamkeit auf die betreffende Idee zu richten, aber nicht, wie er schon so oft getan, über sie nachzudenken, sondern alles ohne Ausnahme sich klarzumachen und dem Arzt mitzuteilen, was ihm zu ihr einfällt … Es mag also die Aussage genügen, dass wir bei jeder krankhaften Idee ein zur Lösung derselben hinreichendes Material erhalten, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gerade den ›ungewollten‹, den unser Nachdenken störenden, dem sonst von der Kritik als wertlosen Abfall beseitigten Assoziationen zuwenden … Es müsste jedes Traumbeispiel sich in gleicher Weise dazu eignen.«8
Freud zerlegt den Traum in seine Teile, geht einzeln an alle Bruchstücke heran und fragt den Träumer nach seinen Assoziationen.
Selbst kritische Einwände, die der Träumer gegen seine eigenen Einfälle vorbringt, kommen zur Sprache. In diesen kritischen Einwänden wird laut Freud der Widerstand des Träumers deutlich, verdrängte Elemente zu offenbaren.
Auch Adler und andere Psychologen haben diese Technik grundsätzlich anerkannt und praktiziert. Sie birgt zudem folgende Vorteile:
In den Gedankenassoziationen kommen die zielgerichteten Vorstellungen des Träumers zur Sprache, denn der Träumer kann ja nichts anderes in seinen frei strömenden Einfällen beisteuern, als was in ihm angelegt ist.
In den Gedankenassoziationen kommt der Lebensstil dieses Menschen zum Tragen; ohne dass er sich darüber im Klaren ist, geben seine Einfälle das Bewegungsgesetz und die Grundüberzeugungen wieder.
In den Gedankenassoziationen kommen also keine objektiven Vorstellungen zur Sprache, sondern die Mittel, Ziele und Methoden dieses einmaligen Menschen.
Wie sieht die Assoziations-Methode praktisch aus?
Eine Frau träumt. Die ersten zwei Sätze dieses Traumes lauten:
»Es ist Winter. Ich gehe von zu Hause allein eine eisig glatte Straße hinauf.«
Der Berater und Seelsorger kann alle Traumelemente eingehend befragen.
»Sie sprechen vom Winter. Was fällt Ihnen dazu ein?«
»Sie gehen von zu Hause weg. Was empfinden Sie dabei?«
»Sie sind allein. Wie fühlen Sie sich?«
»Sie befinden sich auf einer eisig glatten Straße. Was löst das in Ihnen aus?«
»Sie gehen eine eisige glatte Straße hinauf. Was hat das alles mit Ihrem Leben und Empfinden von heute zu tun?«
Schon die beiden ersten Sätze sind eine gekonnte Verdichtung der gegenwärtigen Befindlichkeit dieser Frau. Der Traum präzisiert Gefühle, Gedanken und das Handeln der Träumerin. Die Assoziationen bringen ihren kompletten Lebensstil zur Sprache.
KAPITEL 5
Nackt- und Entblößungsträume
Kleider haben eine Bedeutung. Sie schützen den Menschen, sie verdecken ihn. Menschen, die sich eine Blöße geben, die entblößt werden, schämen sich. Entblößungsträume sind also Träume, die eng mit dem Schamgefühl des Menschen und mit seinen Schuldgefühlen verbunden sind. Menschen, die schnell und gern Dinge auf sich beziehen und Schamgefühle als bedrückend erleben, träumen häufiger von Entblößungen.
Die Freud’sche Psychoanalyse hat uns deutlich zu machen versucht, dass Nacktträume in der Regel mit sexuellen Gefühlen oder mit Schuldgefühlen wegen Sex zu tun haben. In Wirklichkeit geht es um die Frage, in welcher Weise der Ratsuchende sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nackt, enthüllt, verletzt, bloßgestellt oder ungeschützt vorkommt. Die Deutung der Entblößungsträume kann deshalb verschieden sein:
Die einen fühlen sich nackt und möchten am liebsten im Boden versinken,
die anderen sind unsicher, fühlen sich nicht richtig angezogen; die Kleidung symbolisiert eine starke Selbstwertstörung,
wieder andere haben sich nicht recht benommen und kleiden den Traum in eine Entblößung,
die Entblößung kann ein unmoralisches Verhalten symbolisieren; der Träumer fühlt sich ertappt und bloßgestellt,
die Unordentlichkeit der Kleider kann einen unordentlichen Lebenswandel widerspiegeln,
die Entblößung kann das Unpassende ins Bewusstsein heben. Jemand fühlt sich in einer Gesellschaft fehl am Platz.
Ich gehöre da nicht hin
Ein Chemiker, der im Forschungslabor eines großen Werkes beschäftigt ist und von seiner Frau zur Beratung gedrängt wurde, hat folgenden Traum:
»Die Firma hat alle leitenden Mitarbeiter eingeladen. Die anwesenden Männer und Frauen sind überaus festlich gekleidet. Alle Frauen tragen lange Gewänder. Die meisten Männer haben sogar eine Fliege umgebunden. Sie stehen zusammen und unterhalten sich angeregt. Ich sehe mich an einem Fenster stehen, mache mir an einer Pfeife zu schaffen und entdecke plötzlich, dass ich nur eine Unterhose anhabe. Einige Herren schauen mich an und schütteln den Kopf. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.«
Wir gehen gemeinsam diesen Traum durch.
»Was ist Ihr Eindruck an der dichtesten Stelle des Traumes?«
Der Ratsuchende sagt: »Ich gehöre da nicht hin! Das ist nicht meine Welt.«
Im Traum bringt der Mann sein Lebensproblem zur Sprache. Die Frau leidet unter seiner Sprachlosigkeit. Der Mann flieht zu Hause in den Keller, in dem er sich ein großes Privatlabor eingerichtet hat. Vor der Tür hängt ein nicht zu übersehendes Schild: »Eintritt verboten!«
Der Chemiker ist ein Einzelgänger und Einsiedler. Partys sind ihm zuwider. Er hasst das oberflächliche Geschwätz der Menschen. Er hasst aber auch das »Aufgeputzte« und »Aufgemotzte«. Für ihn bedecken die langen Kleider der Frauen nur ihre Geistlosigkeit.
Er selbst steht im Traum als Einziger abseits. Die anderen können sich gut unterhalten. Sie haben Gesprächsstoff. Er macht sich an seiner Pfeife zu schaffen.
»Wie erleben Sie diese Szene im Traum?«
Der Chemiker lächelt: »Schon als Student habe ich das Pfeiferauchen angefangen. Ich sehe nur einen Grund: Wenn ich an der Pfeife hantiere, muss ich nicht reden. Ich bin beschäftigt. Ich falle nicht auf.«
»Plötzlich sehen Sie sich in der Unterhose. Was geht in Ihnen vor?«
Der Mann sagt: »Du bist anders als die anderen. Hier hast du nichts zu suchen. Elegante Anzüge und Unterhosen vertragen sich nicht.«
»Und die Herren, die den Kopf schütteln?«
»Die kennen mich. Ich bin als Querdenker verschrien. Sie schütteln den Kopf und lassen mich laufen. Keiner wagt es, mich umzustimmen. Keiner redet mir gut zu.«
An dieser Stelle geht die Frau des Chemikers dazwischen. Bis dahin hat sie ruhig zugehört. »Du gibst dir für dein unfreundliches Verhalten die passenden Erklärungen. Du glaubst, die anderen respektieren deine Frechheit. Nein, sie schütteln den Kopf. Und ich schüttele ihn auch. Du bist verheiratet, und wir haben drei Kinder. Wir alle haben ein Anrecht auf deine Gegenwart. Aber du ziehst dich in deine Laborwelt zurück.«
Der Angriff der Frau ist gezielt und überlegt inszeniert. Sie will mich zur Stellungnahme herausfordern. Ich soll für sie gegen ihren Mann Position beziehen.
»Und welche Schlüsse ziehen Sie aus diesem Tun? Was will der Traum Ihnen sagen?«, frage ich.
Der Mann reagiert ganz anders, als die Frau es erwartet hat. Er verteidigt sich nicht und geht auch nicht zum Gegenangriff über. Er sagt: »Du hast mich in die Beratung geschickt, weil du unglücklich bist. Bisher wollte ich das nicht einsehen. Aber ich spüre, auch die Kinder ziehen sich von mir zurück. Ich fühle mich in meiner Forschungsarbeit wohl, da besteht kein Zweifel. Aber ich bin auch einsam. Manchmal sogar sehr einsam. Und ich will da raus. Der Traum hat mir klargemacht, ich bin nicht nur ein Querdenker, ich bin auch ein Querschläger.«
Der Traum wird der Einstieg für eine Reihe von Ehegesprächen zu dritt.
Wahrscheinlich ist der geschilderte Traum kein typisches Beispiel für Nacktträume, aber ein Hinweis, wie gründlich wir unsere Blöße oder unsere Schwächen preisgeben. Auch die Schuld wird vom Träumer so gründlich uminterpretiert, dass sein Lebensstil das Handeln rechtfertigt. Der Lebensstil dieses Mannes bedeutet aber eine verzerrte Wahrnehmung; er spiegelt ein unpartnerschaftliches Denken wider und rechtfertigt die »Ich-gehör-da-nicht-hin-Haltung«. Die therapeutische Seelsorge hat die Aufgabe, die Lebenslügen aufzudecken.
Ich schäme mich zu Tode!
Ein Traum, der deutlich Beziehungsprobleme zur Sprache bringt, sieht zum Beispiel so aus:
»Meine Freundin hatte zur Geburtstagsfeier eingeladen. Es kamen viele Freunde, die ich gut kannte. Mein Mann forderte die Gesellschaft auf, sich zu erheben und mit Sekt auf das Geburtstagskind anzustoßen. Und da passierte etwas Unangenehmes. Indem mein Mann das Glas anhob, rutschte ihm die Hose weg. Ich stand etwas im Hintergrund und kriegte das genau mit. Keiner der Anwesenden sah das aber, denn alle starrten auf das Geburtstagskind. Plötzlich drehten sich alle zu mir hin. Ich schaute betroffen an mir herunter und entdeckte, dass ich splitternackt war. Ich wäre am liebsten gestorben.«
Wie verstehen wir diesen Traum? Dazu einige Anmerkungen:
a) Traum und Problem gehören zusammen
Die Frau, die diesen Traum in die dritte Beratungsstunde mitbrachte, war ursprünglich gekommen, um Eheprobleme zu besprechen. Sie war mit ihrem Mann unzufrieden und hatte viele Punkte an ihm auszusetzen. Ich hatte mir an den Rand der Notizen aus der ersten Stunde geschrieben: »Sieht nur die Probleme beim andern!« Von ihren Schwächen und Anteilen war überhaupt nicht die Rede gewesen.
b) Wer kommt zur Party?
Eingeladen hatte die Freundin der Frau. Die Teilnehmer sind also in erster Linie der Familie und der Frau bekannt. Die Frau betont darum auch, dass sie selbst die Gäste gut kennt.
c) Die Unterhose des Mannes bemerkt keiner
»Haben Sie dafür eine Erklärung?«, frage ich die Frau. Sie selbst hat im Traum ihren Mann entblößt – um nicht zu sagen »ausgezogen«. Die Ratsuchende sagt: »Vielleicht kümmert sich darum keiner um die Unvollkommenheit meines Mannes, weil nur ich ihn in- und auswendig kenne.«
»Und woher?«
Die Ratsuchende lächelt und erzählt eingehend, wie oft sie sich im »Damenkränzchen« treffen und eingehend über ihre Männer »herziehen«. Die Frau bekennt, dass sie eine schlimme Kritikerin ist, die häufig vom Leder zieht und den Partner »entblößt«.
d) Plötzlich steht die Frau im Mittelpunkt des Interesses
»Wie verstehen Sie diesen Traumabschnitt? Alle wenden sich Ihnen zu?«
Die Träumerin schüttelt den Kopf, damit könne sie nichts anfangen. Sie sehe auch keinen Sinn in dem Ganzen. »Und warum wären Sie am liebsten gestorben?« Sie sagt: »Weil ich ganz nackt dastand. Das ist doch ein entsetzliches Gefühl.«
»Und warum entwerfen Sie einen Traum, in dem Sie sich selbst splitternackt zeigen? Warum schämen Sie sich? Was ist Ihnen so peinlich?«
Die Ratsuchende nimmt ihren Kopf in die Hände. Offensichtlich schämt sie sich. Nach einer Weile des Nachdenkens sagt sie: »Ich bin ja noch schlimmer dran als mein Mann.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich habe über ihn geredet und ihn angeschwärzt. Aber Sie wissen ja gar nicht, was ich auf dem Kerbholz habe!«
Ich warte, um sie nicht zu drängen. Und dann kommen eine Reihe ehebrecherischer Begebenheiten ans Licht.
»Ich bin eine Heuchlerin. Ich schäme mich zu Tode. Aber ich bin froh, jetzt ist es raus!«
Die Beichte setzt einen Gesinnungswandel in Gang. Heuchelei und raffinierte Ablenkungsmanöver haben ein Ende. Die Schuldverschiebung, ein beliebtes Versteckspiel seit Adam und Eva im Paradies, hört auf.
Es ist schon so: Im Traum bringen wir unsere geheimsten Wünsche, unsere Schwächen und Blößen zur Sprache. Wir zeigen uns nackt, wie wir sind. Gott reißt uns nicht gewaltsam die Maske vom Gesicht. In einsichtigen Bildern hält er uns einen Spiegel vor. Wir können die Entblößung akzeptieren oder den Spiegel zerschlagen. Wir haben es in der Hand. Verständlich, dass viele Menschen darum nicht an die »nackten Tatsachen« heranwollen. Auch die Ratsuchende ist erschrocken darüber, wie sie im Traum das, was sie mir bisher zielstrebig verschwiegen hat, unverhüllt offenbart.
Nackt auf der Kanzel
Ein Pfarrer, seit zwei Jahren im Amt, träumt eines Nachts einen kurzen, aber eindrücklichen Traum:
»Es ist Sonntag, der Gottesdienst läuft, ich stehe auf der Kanzel und verlese den Text. Ich habe mir eine glänzende Predigt zurechtgelegt. Viele Ausleger habe ich zu Hilfe genommen. Ich sehe mich gestikulieren.
Plötzlich lacht die Gemeinde. Es wird unruhig. Keiner hört mir richtig zu. Ich bin verwirrt. Als ich an mir herunterschaue, entdecke ich, dass ich oberhalb der Kanzelbrüstung einwandfrei angezogen bin, aber darunter bin ich nackt. Der Talar geht nur bis zu den Knien. Ich gebe eine komische Figur ab. Und die Kanzel ist aus Glas. Ich rede noch und bin schweißnass und weine.«
Was bringt der Traum zur Sprache?
a) Der rote Faden in Traum und Problem
Pfarrer G. ist seit zwei Jahren als Gemeindepastor im Amt und unglücklich. Er sucht die Beratung auf, um eine Bestandsaufnahme seines Lebens zu machen. Er hat lange Theologie studiert und einige Semester »verschlampt«, wie er sagt. Immer wieder hat ihn die Frage beschäftigt: »Bist du eigentlich von Gott berufen?« Er ist ein gründlicher Mann, der nicht leichtfertig Theologie studiert hat. Was er macht, will er ganz machen. Noch ist er unverheiratet, weil er auch da nicht eine x-beliebige Partnerin wählen will, sondern eine Frau, die Gott für ihn auserwählt hat.
b) Der Anlass für den Traum
Pfarrer G. wollte über einen Text mit dem Thema »Erwählung« predigen. Er sah sein eigenes Lebensthema mit dem Text verwoben. Schon Wochen vor der Predigt sammelte er Auslegungen, besuchte die theologische Bibliothek und schrieb Predigteindrücke auf ein Blatt Papier. In der Nacht von Samstag auf Sonntag hatte er den besagten Traum. Sonntag sollte er die Predigt halten.
c) Haupteindruck des Traumes
»Ich stehe blamiert da. Ich bin ein Versager.« Der Pfarrer stellt die Blamage und das Versagen als Haupteindruck dar. Sein Lebensgefühl, von Gott nicht bestätigt zu sein, scheint der Traum auch deutlich zu machen. Das alles vermittelt mir der Ratsuchende.
d) Die glänzende Predigt
Pfarrer G. ist äußerst gewissenhaft. Seine Predigten werden gründlichst vorbereitet. Tagelange Arbeit investiert er in eine zwanzigminütige Ansprache.
»Lassen Sie Ihre glänzende Predigt sprechen?« ermutige ich ihn. Und er sagt, dass die biblischen Texte exegetisch sauber erarbeitet würden, bevor er sie für die Predigt zurechtschnitte. Es handele sich aber um viel angelesenes Wissen. Er habe schon den Eindruck, dass seine Predigten »äußeren Glanz« verrieten, aber ihm fehle der geistliche Funke.
e) Was bedeutet die Entblößung?
Hier wird das Lebens- und Glaubensproblem des Pfarrers deutlich. Er will überdurchschnittliche Predigten liefern. Sie sollen äußerlich glänzen und vollmächtig den Hörer treffen. Er hadert mit Gott, dass er nicht ein vollkommener Prediger ist. Er hadert mit seinem Leben, dass er diese Vollkommenheit als Gemeindepfarrer nicht aufweisen kann. Er glaubt, ein Seelsorger und Verkündiger müsse ein tadelloses Vorbild für die Gemeinde sein.
f) Er ist oberhalb der Kanzelbrüstung einwandfrei angezogen
Pfarrer G. entdeckt selbst im Traum, dass er oberhalb der Brüstung »einwandfrei angezogen« ist.
»Wie verstehen Sie sich selbst oberhalb der Brüstung?«
Ihm fällt dazu ein, dass er mit dem Intellekt und mit der Vernunft nicht auf Kriegsfuß lebt. Diese Teile seiner Persönlichkeit helfen ihm, eine »glänzende Predigt« zu halten. Aber er will mehr. Er will nicht nur äußerlich beeindrucken. Er will die Herzen anrühren. Seine Vergangenheit in einem frommen christlichen Jugendverband legt ihm nahe, so zu predigen, dass Menschen sich bekehren. Ihm liegt daran, Menschen wachzurütteln und vor die Entscheidung für oder gegen Christus zu stellen.
g) Die Kanzel ist aus Glas
Pfarrer G. fühlt sich durchschaut. Er gibt eine komische Figur ab. Seine christliche Existenz ist nicht makellos. Die Gemeinde sieht, dass nicht alles in seiner Persönlichkeit stimmig ist. Er glaubt, die Gemeinde lache über seine bloßen Stellen. Er möchte hundertprozentig ernst genommen werden. Sein Eindruck ist, er stehe Gott und der Gemeinde im Wege, seine Blößen machten ihn für das Pfarramt untauglich.
h) Hilfreiche Träume
Pfarrer G. weint, als er aus dem Traum erwacht. Ich konfrontiere ihn mit den letzten Aussagen. »Was sagt der Traum?«
Er sei für die Gemeinde untragbar. Seine »komische Figur« sei eine Zumutung für die Gemeinde.
Wir fassen noch einmal seine Gedanken zum Traum zusammen und suchen den roten Faden, der Traum und Problem verbindet.
Da wird dem jungen Pfarrer deutlich:
Er glaubt, sich der Gemeinde nicht zumuten zu dürfen.
Er glaubt, Gott suche einen vollkommenen Seelsorger.
Sein persönliches Vollkommenheitsstreben, sein angestrebter Perfektionismus stehen ihm im Wege.
Er glaubt, die Gemeinde lache über ihn, weil er seine Blößen für unverzeihlich hält. In Wirklichkeit lieben ihn die Gemeindeglieder, aber er kann und will es nicht glauben.
Er glaubt, die Gemeinde erwarte einen Prediger, der über alle menschlichen Schwächen und Blößen erhaben ist.
Er produziert einen Traum, der ihm die Rechtfertigung liefern soll, für das Pfarramt untauglich zu sein. In Wirklichkeit deckt der Traum ein falsches Selbstbild, irrige Glaubensüberzeugungen und eine Erwartungshaltung auf, die völlig überzogen ist. Je mehr er sich zwingt und seine Vollkommenheit beweisen will und muss, desto mehr Blößen kommen ans Licht. Im Lichte des Traumes erkennt er seine Selbstrechtfertigung. Der Traum offenbart einen Lebensstil, der leider vielen ernsthaften Christen zu schaffen macht: Sie wollen selbst und aus eigener Kraft vollkommen sein.
KAPITEL 6
Der Tod im Traum
Ratsuchende sind nicht selten bestürzt, wenn geliebte Personen im Traum sterben. Das Traumgeschehen lässt sie nicht los. Immer wieder entwickeln sie Schuldgefühle und große Ängste. Nicht selten sind die Träume äußerst realistisch und schildern den Tod als unvergessliches Ereignis.
Mutters Beerdigung
Frau B. will unbedingt in der Beratung über einen Traum sprechen, den sie vor Tagen hatte und der ihr den Alltag zur Qual macht. Ihre Mutter, die sie sehr liebt, war zu Besuch. Aber am letzten Tag gerieten beide heftig aneinander. Die Mutter verabschiedete sich von der Tochter mit Tränen in den Augen und fuhr mit dem Zug ab. Frau B. träumt einige Tage später:
»Ich gehe die Hauptstraße entlang, die durch unseren früheren Wohnort führt. Bis zu meinem zehnten Lebensjahr haben wir dort gewohnt. Plötzlich begegnet mir ein Leichenzug. Die Männer, die am Rande stehen, nehmen den Hut ab. Auch ich bleibe stehen. Neben mir ist eine Frau vom Fahrrad abgestiegen und wartet auch, bis der Leichenzug vorbei ist. Ich frage sie, wer gestorben sei, und sie antwortet, indem sie an mir vorbeischaut: ›lrene T.‹ Das ist der Name meiner Mutter. Ich werde wach, eine schreckliche Angst überfällt mich. Ich fliege mit dem ganzen Körper hoch und schreie: ›Mutter, Mutter, Mutter.‹«
Frau B. schaut mich mit großen, weit aufgerissenen Augen an: »Sagen Sie mir ja nicht, dass der Traum wahr wird!«
Was macht der Traumzusammenhang deutlich?
Frau B. hat mit ihrer Mutter, die sie liebt, eine schwere Auseinandersetzung gehabt. Beide sind mit bedrückenden Gefühlen auseinander gegangen. Die Tochter hat schwere Schuldgefühle empfunden.
Frau B. hat das Gefühl, die Mutter sei schwer gekränkt und könnte sich von der Tochter zurückziehen.
Frau B. produziert einen Angst erregenden Traum, der die Spannung zwischen Mutter und Tochter zuspitzt. Ihr kommt es in der Tiefe der Seele vor, als sei die Mutter wirklich gestorben. Mit anderen Worten: Der schmerzvolle Abschied ruft in der Tochter so starke Schuldgefühle hervor, dass sie aus der Trennung den Tod der Beziehung ableitet. Die Tochter lässt die Mutter im Traum sterben.
Frau B. sagt: »Der Traum hat mir einen Stoß versetzt. Ich habe mein liebloses Verhalten erkannt. Die Todesangst um meine Mutter hat mein Verhalten zu ihr umgekrempelt.«
Frau B., die vom christlichen Glauben nicht viel hält, ist überzeugt, dass »jenseitige Mächte« ihr diesen Schrecken im Traum eingejagt haben.
Wenn Menschen unserer Umgebung im Traum sterben, sind mehrere Deutungen möglich, die mit den Ratsuchenden genau erörtert werden müssen:
Der Träumer will diese Person los sein und lässt sie im Traum sterben. Die Zielrichtung des Traumes ist eindeutig.
Der Träumer weiß um Hass und Wut auf den Partner, Eltern, Kinder oder den Chef. »Ich hasse dich. Ich wollte, du wärst tot!« Da der Traum Gefühle dramatisiert, kann es Träume geben, in denen Menschen sterben.
Der Träumer kann eine Scheidung, die er herbeisehnt oder befürchtet, im Traumgeschehen in einen Tod umwandeln, sodass der Tod des Gatten das Ende einer Beziehung signalisieren kann.
Der Träumer ist mit bestimmten Eigenschaften seiner eigenen Person absolut nicht einverstanden. Er lässt sie in einer anderen Figur, die im Traum auftaucht, sterben.
Der Träumer erlebt eine große Verlustangst, die im Sterben symbolisch zur Sprache kommt.
Der Träumer, der mit geliebten Personen zusammenlebt, die alt werden oder krank sind, kleidet seine Befürchtungen im Wachen und im Unbewussten in einen Traum vom Sterben.
Der Träumer ahnt wirklich den Tod eines Menschen voraus.
Darüber gibt es viele Theorien. Eine eindeutige Antwort steht bis heute aus. Aber warum kann Gott nicht bestimmten Menschen im Traum eine Botschaft mitteilen, die den Tod einschließt?
Katharina Luther träumt vom Tod
Martin Luther, der große Reformator und Bibelübersetzer, hatte einen guten Freund, Philipp Melanchthon. Melanchthon war ein sehr ängstlicher Mensch und beschäftigte sich intensiv unter anderem mit Astrologie und Traumdeutung.
Eines Tages hörte er von Luthers Frau Katharina, sie habe einen Traum gehabt, der sie beunruhigte. Zu der Zeit war ihre Tochter Magdalene krank. Im Traum waren Katharina Luther zwei schöne junge Männer erschienen, die festlich gekleidet gewesen seien, um die Tochter Magdalene zur Hochzeit abzuholen. Melanchthon hielt sich zurück, Frau Katharina seine Befürchtungen mitzuteilen. Aber anderen vertraute er seine Traumdeutung an:
»Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, die werden kommen und die Jungfrau ins Himmelreich führen zur ewigen Hochzeit.«
Tochter Magdalene starb am selben Tag.1
Der Traum von Luthers Frau muss nicht unbedingt als prophetischer Traum gewertet werden. Tochter Magdalene war schon eine Zeitlang schwer krank. Und die Befürchtungen der Eltern, der Tochter könnte etwas Schreckliches zustoßen, lagen auf der Hand. Wir wissen heute, dass viele Träume, in denen der Tod von lieben Menschen vorweggenommen wird, berechtigte Befürchtungen beinhalten. Aber auch das andere gilt: Gott kann uns im Traum den Tod von geliebten Menschen zeigen.
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