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Regula Stadler

Tod auf dem Klangweg

Regula Stadler

Tod auf dem Klangweg

Kriminalroman

orte Verlag

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Das «Grütli» existiert nicht.

© 2018 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und

Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger,

elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck,

sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Satz: orte Verlag, Schwellbrunn

eBook-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbH, www.herold-va.de

ISBN: 978-3-85830-237-3

ISBN eBook: 978-3-85830-239-7

www.orteverlag.ch

Für meinen Vater, Max Stadler

Und so wurde der Tod

bis in die kleinsten Zellen

verfrachtet.

1

«Das ist mein letztes Wort! Wenn du tatsächlich vorhast, deine einzige Tochter wegen mir zu enterben, dann weiss ich nicht, ob ich noch mit dir zusammen sein kann. Zum tausendsten Mal: Ich will dein Geld nicht!» Karin erhob sich vehement vom alten roten Sofa, stapfte mit hörbaren Schritten in die Küche und schloss nicht eben sanft die Tür hinter sich.

Marie blieb der Mund offen stehen. Sie schluckte leer. Was sollte das? Karin, ihre ruhige, sanftmütige und zurückhaltende Karin! So hatte sie in ihrer ganzen knapp vierjährigen Beziehung noch nie mit ihr gesprochen! Und dabei meinte Marie es nur gut mit ihr. Abgesehen davon wollte sie Eva gar nicht enterben. Sie hatte ihre Tochter auf den Pflichtteil gesetzt, und jetzt wollte sie mit ihrer Freundin einen Partnerschaftsvertrag abschliessen, damit diese einst den grösseren Teil ihres Vermögens erben würde.

Karin war mit ihren siebenundsechzig Jahren um einiges fitter und gesünder als sie mit ihrem angeborenen Herzfehler und ihrem Übergewicht. Logisch, dass sie sich ab und zu Gedanken über das Sterben machte und ihre Liebste gut versorgt wissen wollte.

Das Schnarren der Kaffeemaschine riss sie aus ihren düsteren Gedanken. Sie beschloss kurzerhand, bereits heute – und zwar allein – ins Toggenburg zu fahren. Nach einem knappen «Tschüss, ich fahr dann mal ins Toggi», und ohne eine Antwort abzuwarten, griff Marie nach ihrer Tasche, verliess die lauschige, grosszügige Altbauwohnung an der Idastrasse und machte sich auf den Weg zum Auto, das sie auf ihrem Abstellplatz an der Gertrudstrasse parkiert hatte. Die idyllisch von Pflanzen umrankte Maisonettewohnung hatten sie und ihr Mann Kurt vor 25 Jahren gekauft, als man in Zürich Wohnungen und Häuser noch bezahlen konnte.

Ihre Tochter lebte seit dem plötzlichen Tod ihres Vaters vor sechs Jahren in New York und war nur selten bei ihrer Mutter in der Schweiz zu Besuch. Sie war für Marie zeitlebens irgendwie ein Fremdkörper, sie hatte nie ein Kind gewollt. Als sie damals unverhofft schwanger wurde, hatte sich ihr Mann derart gefreut, dass Marie beinahe ein schlechtes Gewissen bekam, weil ihr vor dem Zeitpunkt grauste, an dem das Kind da sein würde. Sie und Kurt waren beide Goldschmiede gewesen und hatten zusammen in ihrer eigenen Schmuck-Boutique gearbeitet. Nachdem Eva da war, kümmerte sich Kurt von Anfang an mehr um das Kind, und Marie war mehr im Geschäft tätig.

Für Eva war der Tod ihres Vaters ein furchtbarer Schock gewesen, sie war Hals über Kopf nach New York ausgewandert. Jetzt würde sie mit ihrem Freund Brian nach Zürich kommen, und Marie wollte die seltene Gelegenheit nutzen, um ihre Finanzen zu regeln und ihre Tochter vor vollendete Tatsachen zu stellen. Eva und Brian würden am Abend in Zürich ankommen und morgen oder übermorgen auch im Ferienhaus in Ennetbühl auftauchen.

Die Auseinandersetzung mit ihrer Freundin liess Marie keine Ruhe. Dass Karin ihr drohte, die Beziehung abzubrechen, falls sie weiterhin darauf bestand, ihre Tochter in Bezug auf ihr Erbe zu benachteiligen, hatte sie total überrascht. Aber gerade wegen ihrer Geradlinigkeit und Uneigennützigkeit liebte sie Karin so sehr.

Marie war dermassen mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht merkte, wie prachtvoll der Tag war und wie strahlend in Sonne getaucht die Landschaft an ihr vorbeizog. Der Zürichsee leuchtete blau und einladend, wiewohl es zum Baden jetzt Mitte September vermutlich zu kalt war.

Gegen halb vier Uhr kam sie in ihrem Ferienhaus in Ennetbühl an, nachdem sie im Coop in Nesslau das Nötigste eingekauft hatte. Sie machte sich als Erstes einen Kaffee und wollte sich gerade in den Garten setzen, als sie Ueli, ihren Nachbarn, von der Weide kommen sah. Sie wartete, bis er in der Nähe des Gartens erschien und rief: «Hoi, Ueli, hast du Zeit und Lust auf einen Kaffee?» Der lachte und meinte: «Lust schon und Zeit … na ja, gern, aber nur kurz.»

Im Gegensatz zu ihrem früheren Nachbarn mochte Marie den Biobauern Ueli Strässle sehr. Er war nicht nur gebildet und kulturell interessiert, sondern auch ein toleranter, grosszügiger und fröhlicher Mensch, kurz, ein interessanter Gesprächspartner, was hier oben nicht gerade selbstverständlich war. Schade, dass er keine Frau hat, dachte sie. Er war gross und kräftig, mit einem gut geschnittenen, intelligenten Gesicht und Augen, die meist humorvoll und entspannt in die Welt schauten. Vor vier Jahren, als er den Hof übernommen hatte, war eine Frau bei ihm, die aber nach wenigen Monaten wieder nach Bern zurückkehrte.

«Na, wie läuft’s auf dem Hof? Die Schafe gesund?»

«Ja, Gott sei Dank, das ist überstanden!»

Vor Kurzem litten Uelis Mutterschafe und auch die Lämmer an der Schafräude, einer hochansteckenden Milbenkrankheit, und Ueli musste alle Tiere, unter tatkräftiger Mithilfe des Tierarztes, in einem extra errichteten Bad mit speziellen Medikamenten baden.

«Mir persönlich geht’s auch nicht schlecht, bis auf meinen Rücken, der meldet sich, wenn ich’s übertreibe. Und wie du weisst, vermisse ich eine Frau hier oben. Du hast doch eine Tochter. Die sucht nicht zufällig einen Mann und will bauern im Toggenburg?» Ueli lachte und nahm einen Schluck vom Kaffee, den Marie ihm hingestellt hatte.

«Stell dir vor, die kommt tatsächlich morgen, aber leider mit ihrem Freund, diesem Brian, einem arbeitslosen Musiker, soviel ich weiss. Nicht unbedingt der Schwiegersohn, den ich mir vorgestellt habe. Überhaupt, ein Amerikaner …», rümpfte Marie die Nase.

«Marie, ich wusste gar nicht, dass du solche Vorurteile hast! Gib dem armen Kerl doch erst mal eine Chance. Deine Tochter lebt in New York; es ist also kein Wunder, dass sie mit einem Amerikaner liiert ist.»

«Wenn ich mich richtig erinnere, ist er gar kein gebürtiger Amerikaner. Er ist als Kind mit seinen Eltern von der Schweiz in die USA ausgewandert; jedenfalls versteht und spricht er Schweizerdeutsch. Es ist einfach so, dass er mir nicht sonderlich sympathisch ist.» Versonnen griff Marie nach ihrer Kaffeetasse.

«Wo bleibt denn Karin? Ich bin es mir gar nicht gewohnt, dass du allein hier bist?»

Marie erzählte ihm nach kurzem Zögern von ihrer Auseinandersetzung. «Die eingetragene Partnerschaft hat, abgesehen vom Erbrecht, weitere Vorteile. Falls zum Beispiel eine von uns einen Unfall hat, wird die andere informiert. So, wie es jetzt ist, sind wir rechtlich gesehen Fremde! Wir werden alt, es ist höchste Zeit, dass wir unsere Beziehung vertraglich absichern», ereiferte sie sich.

«Da hast du Recht. Andererseits finde ich auch, dass Eva deine Haupterbin bleiben sollte. Ihr müsst eine für alle stimmige Lösung finden.»

Typisch Ueli, dachte Marie, ganz Diplomat, will es immer allen recht machen. Aber letztlich geht es doch darum, was ich persönlich will. Wem ich mein Geld hinterlassen will. Diese Gedanken liessen sie auch nicht los, nachdem Ueli gegangen war und sie sich eine Kleinigkeit zum Abendessen richtete. Sie hörte noch einige Arien aus einer ihrer geliebten Wagner-Opern und ging früh zu Bett.

Eva Riefener war todmüde, als sie und Brian Daves gegen halb zehn Uhr abends endlich in Maries Wohnung in Zürich ankamen. Dass die Mutter nicht da war, um sie zu empfangen – immerhin hatten sie sich fast zwei Jahre nicht gesehen – verbesserte ihre Laune nicht. Sie hatte beinahe kein Geld mehr. Das Taxi vom HB nach Wiedikon hatte sie mit ihren letzten Euros bezahlt, Schweizer Franken musste sie erst noch wechseln; sie musste unbedingt von ihrer Mutter Geld leihen. Karin empfing die beiden gastfreundlich und warmherzig, doch Eva blieb kühl und unnahbar. Sie hatte von Anfang an beschlossen, die Geliebte ihrer Mutter nicht zu mögen. Sie wusste, dass diese von Maries Geld lebte, und obwohl sie sich selbst, im Gegensatz zu Brian, wenig aus Geld machte, fand sie, dass Maries Geld ihr zustand und nicht Karin. Da sie als freischaffende Grafikerin in New York von der Hand in den Mund lebte, konnte sie einen gelegentlichen finanziellen Zustupf gut brauchen, und Brian hatte sie wiederholt gedrängt, mit ihrer Mutter über einen Erbvorbezug oder eine regelmässige finanzielle Unterstützung zu sprechen. Eva ahnte, dass das schwierig werden könnte.

Karin tischte den beiden ein spätes Abendessen auf, wofür Eva ihr dankbar war. «Ich muss euch morgen unbedingt etwas mitteilen, bevor ihr ins Toggenburg zu Marie fahrt.» Karin hatte sich endlich durchgerungen. Sie musste mit Eva sprechen und ihr von Maries Absichten erzählen.

«Ja, jetzt wisst ihr es. Ich habe deiner Mutter klipp und klar gesagt, dass ich damit nicht einverstanden bin und ihr Geld nicht annehmen werde. Mit der eingetragenen Partnerschaft bin ich einverstanden, aber falls ich Marie einst beerben sollte, gehört das Geld dir. Ich bekomme eine kleine Rente – habe schliesslich jahrelang als Teilzeit-Lehrperson in der Schule unterrichtet – und viel zum Leben brauche ich nicht.» Karin hatte ausgesprochen, was ihr auf dem Herzen lag und lehnte sich im Stuhl zurück. Eine grosse Ruhe breitete sich in ihr aus, gleichzeitig spürte sie eine Anspannung, die sie sich nicht erklären konnte.

«Warum hast du denn Teilzeit gearbeitet? Du hast doch keine Kinder, soviel ich weiss?» Eva war jetzt doch neugierig geworden.

«Nein, ich habe schon immer gewusst, dass mich Frauen mehr interessieren als Männer. Deshalb konnte ich leider keine Familie gründen. Aber ich hatte eine Schwester mit Down-Syndrom, die bei mir lebte. Sie ist erst vor wenigen Jahren an einer Lungenentzündung gestorben, sie wurde einundsechzig Jahre alt. Es war nicht immer einfach mit ihr.» Karin zuckte mit den Schultern und lächelte entschuldigend.

Eva betrachtete sie mit widerwilligem Interesse. Eigentlich war ihr die zierliche, noch immer gutaussehende Frau mit den silbergrauen Locken nicht unsympathisch. Sie war auf wohltuende Weise anders als ihre Mutter. Gross, schwer, laut, rechthaberisch, dominant, so war ihre Mutter, seit sich Eva erinnern konnte. Was die beiden Frauen wohl aneinander anzog?

Brian hingegen hatte nur Ohren für Karins Verzichterklärung auf die Erbschaft. «Kannst du uns das schriftlich geben, dass du auf Maries Geld verzichtest?», wollte er wissen.

Eva warf ihm einen empörten Blick zu.

«Ich denke, das hat Zeit, bis ich bestimmt weiss, ob und wieviel ich von Marie erbe. Wenn ich sie denn überhaupt je beerbe, schliesslich sind wir beide ungefähr gleich alt.»

Da das Wetter immer noch traumhaft war, wollten Eva und Brian noch vor dem Mittag ins Toggenburg fahren. Karin hatte im Sinn, später nachzukommen, damit Mutter und Tochter Gelegenheit hätten, ungestört miteinander zu sprechen.

Der grösste Störfaktor ist allerdings mit von der Partie, dachte sie, und betrachtete den leicht aufbrausenden, miesepetrigen Brian unauffällig. Schade, dass er Schweizerdeutsch spricht und versteht. Dass Eva dieser Typ gefällt! Na ja, mit seinen dunklen langen Haaren und seiner ein bisschen zu grossen Nase sieht er nicht schlecht aus; zudem ist er Musiker und spielt Schlagzeug in einer Jazzband in New York. Geld verdient er praktisch keines, kein Wunder, dass sich Eva an ihre vermögende Mutter wendet. Nachdem Karin Eva Geld für das Nötigste geliehen hatte, machten sich die beiden auf den Weg zum Hauptbahnhof und fuhren via Rapperswil ins Toggenburg.

Am nächsten Morgen schlief Marie für ihre Verhältnisse ungewohnt lange. Erst gegen zehn stand sie auf, um sich einen Kaffee zu machen. Sie setzte sich gerade an den Frühstückstisch, als die Hausglocke läutete. Sie rang kurz mit sich und entschied dann, zur Tür zu gehen. Vielleicht war es Ueli. Doch draussen stand Beate Richle, eine Nachbarin. Die zirka vierzigjährige Beate war eine äusserst unberechenbare Person. Sie neigte zu unerwarteten Wutanfällen, die die Menschen, die gerade mit ihr zu tun hatten, erschreckten und irritierten. Handkehrum war sie freundlich und anständig und schien den Streit, den sie wegen einer Nichtigkeit am Tag zuvor vom Zaun gebrochen hatte, vergessen zu haben. Marie vermutete, dass sie psychisch krank war, anders konnte sie sich ihr Verhalten nicht erklären.

«Ich muss schon sagen, Marie. Gestern über Mittag hast du wieder laut gelacht in deinem Garten. Ich konnte meinen Mittagsschlaf nicht halten. Ich habe dir schon oft gesagt, dass ich meinen Schlaf brauche. Du nimmst gar keine Rücksicht und schäkerst mit Ueli herum. Schäm dich, eine Frau in deinem Alter. Und ich meinte, du stehst auf …»

«Ich weiss nicht, was du willst, Beate! Und in diesem Ton musst du nicht mit mir sprechen!», gab Marie zurück und schloss die Tür vor ihrer Nase zu. Ihre gute Laune hatte sich in Luft aufgelöst, die von Beates ausgeatmetem Gift verseucht zu sein schien. Meistens fühlte sie sich unbeschwert und mit sich im Reinen hier oben, aber immer wieder gab es Nachbarn, die ihr das friedliche, sorgenfreie Leben nicht zu gönnen schienen. Zuerst war es Albin gewesen, dieser chronisch schlecht gelaunte, komische Kauz. Und seit einiger Zeit war es Beate, die sie mit ihrem übergriffigen Verhalten störte. Marie wusste, dass Beate sie nicht ausstehen konnte und krankhaft eifersüchtig auf sie war. Eine Weile trödelte sie unschlüssig und grollend im Haus herum, abwechslungsweise die Szene mit Beate und die gestrige Auseinandersetzung mit Karin im Hinterkopf. Schliesslich beschloss sie, nach Unterwasser und von dort mit der Standseilbahn auf den Iltios zu fahren.

Das Wetter war herrlich an diesem Septembertag. Als Marie um drei Uhr an der Talstation ankam, musste sie feststellen, dass sie nicht die einzige war, die um diese Zeit auf den Iltios wollte. Geduldig stellte sie sich in die Warteschlange vor dem Ticketschalter.

Oben angekommen, wanderte sie auf dem Klangweg Richtung Sellamatt. Dort setzte sie sich in der Beiz an die Sonne und bestellte ein Glas Weisswein. Aus einem Glas wurden mehrere, und eine Dreiviertelstunde später machte sie sich gemächlich, mit sich, der Welt, der Nachbarin und auch mit Karin versöhnt, auf den Rückweg. Müde vom Wein, setzte sie sich kurz auf eine Bank an die Sonne und döste im Nu ein. Als sie erwachte, war die Sonne weg; es war bereits fünf nach halb sechs Uhr. Marie erschrak, sie hatte fast zwanzig Minuten geschlafen.

Die letzte Bahn war um 17.30 Uhr gefahren. Nun musste sie wohl oder übel zu Fuss nach Unterwasser hinunter! Kein Mensch war mehr unterwegs. Zügig, aber immer noch leicht beschwipst, wanderte sie Richtung Iltiosbahn. Wie schon auf dem Hinweg konnte sie der Glockenbühne, dem Posten 6 des Klangwegs, nicht widerstehen. Sie musste die vielen an Ketten hängenden Glocken einfach in Bewegung setzen. Das Geläute beruhigte sie und nahm ihr das ein wenig unangenehme Gefühl, das sie verspürte, seitdem ihr klar geworden war, dass ihr eine für ihre Verhältnisse längere und anstrengende Wanderung bevorstand. Sie gab einer im hinteren Teil des Glockenfeldes hängenden Glocke einen kräftigen Schubs. Als sie sich umdrehen wollte, nahm sie einen grossen Schatten wahr, der sich auf sie zu bewegte. Sie hatte keine Zeit mehr, Angst zu empfinden: Ein harter Schlag, und alles war schwarz.

Er war einen Moment erschrocken und verwirrt darüber, was geschehen war. Vor allem überraschte es ihn, wie einfach es gewesen war, die Frau zu töten. Er hatte kräftig mit der grössten Glocke ausgeholt und sie gegen Maries Schläfe prallen lassen. Und sie war tatsächlich tot. Ihre offenen dunkelbraunen Augen blickten ihn erstaunt an, weder Angst noch Schmerz verzerrten ihre Gesichtszüge.

Rasch blickte er sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er packte die grosse, schwere Frau unter den Armen und schleppte sie über den Weg Richtung Abhang. Hinter einem grösseren Gebüsch am leicht abschüssigen Hang liess er sie liegen und ging rasch weiter. Er war so euphorisch und aufgedreht, dass er ausnahmsweise keinerlei Schmerzen verspürte. Noch bevor er die Station der Iltiosbahn erreichte, schlug er sich links in die Büsche und marschierte ins Tal hinunter Richtung Unterwasser.

2

Am Donnerstagmorgen war das Wetter immer noch wie aus dem Bilderbuch. Liza Huber wollte die ihr verbleibende Zeit nutzen und nochmals zum Klangweg hinauf. Diesmal würde sie von der Sellamatt bis nach Wildhaus wandern. Sie hatte die Ferienwohnung in der Webstube Bühl oberhalb von Nesslau leider nur bis Ende Woche gemietet, da sie vorhatte, am Samstag nach Zürich zurückzukehren. Bei diesen phänomenalen Wetterverhältnissen drängte sich eine Änderung ihrer Pläne jedoch förmlich auf. Zudem wurde ihre Detektei in Zürich in letzter Zeit von Kundinnen nicht gerade überlaufen. Heute Abend würde sie versuchen, die Miete der Wohnung um eine Woche zu verlängern. Sie kannte die Webstube Bühl von früher. Vor fünfzehn Jahren, bevor sie mit der Quereinsteiger-Ausbildung zur Primarlehrperson begonnen hatte, hatte sie einmal an einem Webkurs teilgenommen. Als sie zufällig im Internet entdeckt hatte, dass die ehemalige Webstube zu einem attraktiven Loft mit einer Toggenburger Hausorgel umgebaut worden war, die man als Ferienwohnung mieten konnte, hatte sie beschlossen, an diesem idyllischen und friedlichen Ort eine Woche Ferien zu machen.

Schon um neun Uhr parkierte sie ihr Auto in Alt. St. Johann bei der Talstation der Sesselbahn auf die Sellamatt und schwebte den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Oben angelangt, beschloss sie, direkt loszuwandern und erst im Restaurant auf dem Iltios einen Kaffee zu trinken. Sie schritt zügig aus, noch war kaum jemand unterwegs, das Gras war feucht vom Morgentau, die Landschaft funkelte und glitzerte in der Sonne. Liza fühlte sich wie in einer Märchenwelt. Immer wieder blieb sie an den einzelnen Klangwegstationen stehen, um die teils witzigen und spannenden Instrumente in Bewegung zu setzen und um, wie sie sich eingestehen musste, ein wenig zu verschnaufen. Sie war nicht mehr so sportlich wie früher; mit ihren achtundvierzig Jahren war sie etwas füllig geworden.

Ich muss unbedingt wieder abnehmen! Eine Detektivin, die schon nach kurzer Marschzeit in Atemnot kommt, das kann es doch nicht sein, schalt sie sich. Eine Weile blieb sie stehen und genoss die Aussicht ins Tal.

Obschon sie auf der Sellamatt auf einen Kaffee verzichtet hatte, spürte sie jetzt einen Druck auf der Blase. Weit und breit war niemand zu sehen; sie würde sich hinter einem der Büsche etwas weiter vorne auf der abschüssigen Seite des Weges erleichtern. Liza hatte ihre Hose bereits geöffnet, als sie einige Meter hinter sich etwas Grosses, Langes, Dunkles am Boden liegen sah. Ein Tier!, blitzte es ganz kurz in ihren Gedanken auf. Nein. Sie wusste sofort, dass das nicht stimmte. Es war ein Mensch, der da lag. Vorsichtig trat sie näher. Es war eine grosse Frau. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht auf dem Boden, kurze graue Haare, ein kräftiger Nacken, die Beine seltsam verkrümmt, dunkle Jeans, dunkle Sportjacke, Wanderschuhe. Tautropfen auf dem ganzen Körper. In Sekundenbruchteilen nahm sie all diese Eindrücke wahr. Was jetzt? Wie in Trance blieb sie eine Weile stehen und griff dann langsam zum Mobiltelefon, um die Polizei zu verständigen.

Michael Schönewald von der Kantonspolizei Wattwil nahm den Anruf im Auto entgegen: «Wo? Auf dem Klangweg oberhalb von Unterwasser? Bleiben Sie bitte da, wir kommen so rasch wie möglich.»

Er war mit seiner Kollegin Marion Canzoni unterwegs auf Patrouille Richtung Obertoggenburg. «Bei diesem Wetter ist es direkt ein Glück für uns, dass da oben eine Leiche liegt. Das ist das erste Mal in diesem wunderbaren Altweibersommer, dass ich in die Höhe komme.»

Marion pflichtete ihm bei: «Geht mir genau so. Eine weibliche Leiche sei es, hat die Frau am Telefon gesagt. Sie hat ziemlich schockiert getönt. Zum Glück muss sie nicht allzu lange warten.».

Als sie bei der Glockenbühne eintrafen, war Erika Althaus, die Ärztin aus Wildhaus, bereits vor Ort. Sie führte ihre Hausarztpraxis seit zwanzig Jahren; die Polizisten hatten auch schon mit ihr zu tun gehabt. Man kannte sich im oberen Toggenburg.

«Die Frau hat einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, mehr kann ich nicht dazu sagen. Ihr müsst den Amtsarzt und die Kriminaltechnik anfordern», begrüsste sie die beiden.

Dr. Althaus war eine stille, unscheinbare Frau, gelegentlich etwas barsch, aber nicht unsympathisch. «Ich bin bereits in Unterwasser gewesen, als mich Frau Huber angerufen hat.» Sie warf einen mitfühlenden Blick auf Liza, die bleich und ratlos neben ihr stand. Trotz der warmen Sonne war es Liza kalt und sie trat von einem Bein aufs andere. Warum sie nach dem Anruf bei der Polizei auch die Ärztin benachrichtigt hatte, hätte sie nicht mehr sagen können. Vermutlich hatte sie gehofft, dass der Frau noch zu helfen sei.

«Haben Sie uns angerufen?», wandte sich Canzoni an sie. «Ich bin Marion Canzoni, von der Kantonspolizei Wattwil und das ist mein Kollege Michael Schönewald. Danke, dass Sie gewartet haben.»

Sie reichte ihr die Hand. Die junge Polizistin hatte blonde, lange Haare und ein offenes, freundliches Gesicht. Sie lächelte ihr mitfühlend zu. Während Liza ihre Personalien angeben und erzählen musste, wie sie die Leiche gefunden hatte, informierte ihr Kollege die Kriminalpolizei, die Kriminaltechnik und den Amtsarzt.

Frau Althaus verabschiedete sich: «Ich kann hier nichts mehr ausrichten, und unten wartet noch viel Arbeit auf mich. Tschüss miteinander.» Sie reichte Liza die Hand, nickte den beiden Polizisten zu und machte sich auf den Rückweg.

Liza hätte im Nachhinein nicht mehr sagen können, wie lange sie da gestanden und Fragen beantwortet hatte. Irgendwann hörte sie das Dröhnen des Helikopters, und bald ging es bei der Glockenbühne zu wie in einem Bienenhaus. Die unmittelbare Umgebung war abgesperrt worden; Fotokameras blitzten, die Leute von der Spurensicherung krochen auf dem Boden herum, der Amtsarzt und ein Leichenführer beugten sich über die tote Frau.

«Sie sind Liza Huber? Walter Widmer, Ermittler der Kriminalpolizei St. Gallen.»

Ein freundlicher Mann war auf sie zugetreten, reichte ihr die Hand und führte sie aus dem abgesperrten Gebiet. Liza musterte den Polizisten unauffällig. Sie schätzte ihn auf etwa fünfundvierzig. Er war mittelgross, untersetzt und leicht rundlich, wirkte aber kräftig. Ein runder Kopf, nur noch wenige, angegraute kurze Haare, ausdrucksvolle graugrüne Augen, sanfter Blick, schloss sie ihre innere Begutachtung ab.

Liza musste nochmals genau erzählen, wie sie die Leiche gefunden hatte, was ihr ein bisschen peinlich war. Dann wollte Widmer wissen, was sie so früh auf dem Klangweg zu suchen hatte, wo sie wohne, warum sie überhaupt im Toggenburg war. Als Beruf hatte sie «Primarlehrerin» angegeben; sie hatte einmal drei Jahre lang unterrichtet. Mit der Berufsangabe «Detektivin» ging sie zurückhaltend um, da sie bei den meisten Leuten falsche Vorstellungen weckte und die Polizei in der Regel voreingenommen reagierte.

Schliesslich sagte Widmer: «Das genügt vorerst, danke. Könnten Sie vielleicht morgen in Wattwil auf die Polizeistation kommen, um das Protokoll zu unterschreiben? Brauchen Sie psychologische Unterstützung? Die Sache scheint Sie sehr mitgenommen zu haben.» Er musterte Liza leicht besorgt; ihre von Natur aus blasse, beinahe durchsichtige Haut war weiss, der Blick ihrer dunklen Augen starr. Sie war ungefähr in seinem Alter, beinahe so gross wie er, vollschlank, rotes, leicht angegrautes, aber immer noch schönes Haar, kurzgeschnitten. Sie war keine Schönheit, aber die Frau gefiel ihm.

«Nein danke, es geht schon. Ich brauche jetzt nur einen Kaffee», antwortete Liza hastig.

Widmer blickte sich um. Die Leiche lag bereits auf einer Bahre und wurde soeben in den Helikopter eingeladen. Die Kriminaltechniker konnten ihre Arbeit ohne ihn machen. «Ich begleite Frau Huber zur Bergstation Iltios», informierte er seine Kollegen und zu Liza meinte er aufmunternd: «Dann wollen wir mal.» Ohne sie zu fragen, nahm er ihren Arm und führte sie von ihrem grausigen Fund weg Richtung Iltios.

Ueli war am Donnerstagabend auf dem Weg in die «Brauerei» in Nesslau, als sein Mobiltelefon klingelte. «Du, Ueli, die ‹Brauerei› ist heute geschlossen. Sie haben eine geschlossene Gesellschaft, eine Geburtstagsfeier, glaube ich. Wollen wir uns im ‹Grütli› treffen?»

«Oje, schade! Ich habe mich schon auf das feine Bier gefreut. Ok, das ‹Grütli› tut’s zur Not auch. Bis gleich, bin schon unterwegs.»

Es war Roman Gasser, einer der beiden Lehrer in Nesslau, mit denen er sich seit einigen Monaten einmal in der Woche auf ein Bier traf. Er hatte die zwei kennengelernt, als sie mit ihren Klassen bei einer Wanderung seine Weide überquert hatten. Dann waren sie sich einige Male zufällig über den Weg gelaufen und hatten bald beschlossen, sich regelmässig zu sehen. Die Mentalität der Bauern hier im Toggenburg hatte sich zwar seit seiner Kindheit verändert; die meisten waren offen, hilfsbereit und freundlich. Damals war sie jedoch einer der Gründe gewesen, weshalb er sich entschieden hatte, sein Heimattal zu verlassen und nach Zürich zu ziehen. Warum er hierher zurückgekehrt war, um einen Bauernhof zu übernehmen, war ihm selber nicht ganz klar. Denn ausser am Wochenende, wenn immer wieder einmal jemand aus seinem Freundeskreis in Zürich zu ihm auf Besuch kam, war Ueli an den meisten Abenden allein. Und mit seinem Bruder und dessen Familie, die in Wattwil wohnten, verband ihn wenig. Deshalb freute er sich, wenn er neue Leute kennenlernte, mit denen er über Dinge sprechen konnte, die ihn wirklich interessierten und berührten.

Er betrat das «Grütli», wo Roman Gasser bereits an einem Tisch sass. Die Beiz war recht voll, der Lärmpegel entsprechend hoch. Am Nebentisch, anscheinend dem Stammtisch, sassen Albin Hauser, der alte Bauer, der ihm vor vier Jahren seinen Hof verkauft hatte und zwei weitere ältere Männer, die Ueli vom Sehen kannte. Er nickte kurz in ihre Richtung und setzte sich zu Roman an den Tisch. «Wo bleibt denn Elis?», wunderte er sich.

«Der sollte jeden Moment da sein», gab ihm Roman zur Antwort.

«Wisst ihr’s schon? Auf dem Klangweg oben beim Iltios wurde heute Morgen eine Tote gefunden, ermordet, soviel ich gehört habe.» Die kräftige Männerstimme kam vom Stammtisch und gehörte Hans Rohner, einem Bauern, dessen Gestalt trotz seines vorgerückten Alters immer noch aufrecht und kraftvoll wirkte.

Roman und Ueli drehten sich zum Nebentisch um.

«Weiss man schon, wer es ist?» Diese Frage kam von Fritz Egli.

«Eine ältere Frau, hat’s geheissen. Den Namen haben die von der Polizei bis jetzt nicht herausgegeben», antwortete Hans Rohner.

«Dann wurde sie, äh, nicht … ihr wisst schon.» Fritz Egli linste halb lüstern, halb verschämt in die Runde. Er war ein verschlagen und arglistig wirkender, ungefähr siebzigjähriger Bauer, klein, dürr, mit einem wirren grauen Haarschopf.

Ueli war er äusserst unsympathisch, und er wandte den Blick angewidert von ihm ab. Sein Bier wurde serviert und er begann sich mit Roman zu unterhalten, doch beide waren nicht ganz bei der Sache. Der Leichenfund, über den allem Anschein nach auch an anderen Tischen gesprochen wurde, und die zunehmende Lautstärke am Stammtisch, an den sich mittlerweile zwei weitere Männer gesetzt hatten, lenkten sie ab. Eine Weile lauschten sie der Unterhaltung.

Als Egli zum Bier eine Runde Schnaps bestellte, wurde es wieder leiser. Die Stimmung war leicht angespannt, verhalten aggressiv. Wie meistens an solchen Stammtischen, dachte Ueli, der sich zunehmend unwohl fühlte. Während er noch überlegte, wie er sich mit Anstand verabschieden könnte, trat Elis Osmani in die Wirtsstube.

«Wisst ihr’s schon, deine Nachbarin, Ueli, die Marie Riefener, wurde auf dem Klangweg tot aufgefunden. Sie scheint ermordet worden zu sein. Jemand hat sie erschlagen.» Bleich und fassungslos liess sich Elis auf einen Stuhl sinken.

«Was, Marie, das kann doch nicht sein! Ich habe am Dienstagnachmittag noch mit ihr Kaffee getrunken!» Ueli war aschfahl.

Mit einem Mal war es still im ganzen Lokal. Alle schauten zu ihnen, vereinzelt waren mitfühlende Blicke auszumachen, doch bald nahmen die meisten ihre Unterhaltung wieder auf.

«Die tat doch immer von oben herab, wollte alle herumbefehlen, und eine Lesbe war sie auch.» Fritz Eglis hohe Fistelstimme war deutlich zu vernehmen. Er war offensichtlich angetrunken.

«Hör auf! Das gehört sich nicht, die Frau ist tot, lass sie in Frieden.» Hans Rohner schien noch nüchtern zu sein. Das Stimmengewirr wurde wieder lauter.

Ueli sass wie gelähmt am Tisch, schüttelte immer wieder den Kopf. Elis legte dem Freund den Arm um die Schultern.

«Du hast sie doch auch gekannt, Albin?», wandte sich Hans Rohner an seinen griesgrämigen Kumpel, der bis jetzt geschwiegen hatte.

«Komm, wir gehen.» Roman fand es höchste Zeit, dass Ueli hinauskam. Nachdem er bezahlt hatte, standen die drei auf.

«Ja, und du hast sie auch nicht gemocht. Kein gutes Haar hast du an der gelassen!» Das war wieder Eglis hohe Fistelstimme.

«Die Riefener haben viele nicht gemocht. Wenn man sie deswegen umgebracht hätte, wäre sie schon oft gestorben.» Albin Hausers Worte begleiteten sie auf dem Weg nach draussen, wo Ueli gierig die frische Abendluft in sich hineinsog.

Am Freitagmorgen war Liza im Auto unterwegs nach Wattwil. Ihre Ferienstimmung war merklich gedämpft. Sie schwankte zwischen sofort abreisen und die Fährte der ermordeten Frau aufnehmen wollen. Die Tote liess ihr keine Ruhe, also war es wohl besser, wenn sie ihrer Neugierde nachgab und versuchte, auf der Polizeistation so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Da sie dem sympathischen Polizisten bisher verschwiegen hatte, dass sie in Zürich als Detektivin arbeitete, würde sie das heute wohl nachholen müssen.

Ihr Detektivbüro war zu ihrem Erstaunen die ersten paar Jahre recht gut gelaufen, doch in letzter Zeit hatte sich die Auftragslage verschlechtert, und Liza war froh, dass sie dank einer kleinen Erbschaft etwas Geld hatte, auf das sie wenn nötig zurückgreifen konnte. Vielleicht war es damals keine so gute Idee gewesen, sich auf weibliche Klientel zu spezialisieren. Doch nach ihrer Scheidung war sie nicht nur auf ihren Exmann Oskar, sondern auf Männer im Allgemeinen nicht gut zu sprechen gewesen. Erst seit ungefähr einem Jahr hatte sich das beinahe unmerklich geändert, und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie ab und zu einen Mann vermisste. Sie stellte ihr Auto auf den Parkplatz vor der Gemeindeverwaltung Wattwil und betrat die Polizeistation.

«Da sind Sie ja, Frau Huber, bitte kommen Sie herein», wurde sie von Walter Widmer begrüsst. Sein freundlicher Blick strahlte eine Ruhe aus, die sich auf Liza übertrug. Er schien alle Zeit der Welt zu haben. «Hier ist das Protokoll. Was noch fehlt, ist Ihre Wohnadresse in Zürich und die Adresse der Schule, wo Sie zurzeit tätig sind.» Nachdem er ihr einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich wieder an den Computer. «Also, Ihre Adresse bitte…»

«Heimatstrasse 27, 8008 Zürich», antwortete Liza.

«Und an welcher Schule unterrichten Sie?»

«Ich arbeite schon lange nicht mehr als Primarlehrerin», gestand sie etwas verlegen. «Momentan bin ich selbständig, ich habe eine Detektivagentur im gleichen Haus, in dem ich wohne …» Sie zögerte: «Und früher habe ich zehn Jahre bei der Stadtpolizei Zürich gearbeitet. Darf ich Sie fragen, wie die ermordete Frau heisst? Ich muss zugeben, die Tote lässt mir keine Ruhe mehr, nachdem ich quasi über sie gestolpert bin», brach es aus ihr heraus. Sofort ärgerte sie sich über ihr Vorpreschen.

Widmer musterte sie verblüfft. «Aha, eine ehemalige Kollegin! Und erst noch eine äusserst vielseitige! Sie wollen demnach Ihre restlichen Ferientage nutzen, um möglichst viel über diesen Mordfall in Erfahrung zu bringen! Hmm, ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist. Und Sie wissen, dass ich Ihnen keinerlei Auskunft geben darf. Tut mir leid. Den Namen der Toten werden Sie schnell genug selber herausfinden.» Er stand auf, um sie zu verabschieden und registrierte ein wenig belustigt die verschiedenen Gefühle, die sich in Liza Hubers Gesicht spiegelten. Sie kämpfte sichtlich gegen ihre Neugier, für die sie sich gleichzeitig zu schämen schien.

Auf dem Rückweg beschloss Liza, auf eigene Faust einige Nachforschungen anzustellen; sie konnte einfach nicht anders. Dieser Widmer sollte doch wissen, dass es nicht Sensationslust war, die sie antrieb, sondern berufliches Interesse. Es war wie eine Art Fieber, sie musste unbedingt herausfinden, was geschehen war. Ohne diese berufliche Neugier könnte sie ihren Job gar nicht machen. Als Erstes musste sie wissen, wie die Frau hiess und wo sie wohnte. Sie fuhr nach Nesslau zurück und parkierte ihr Auto vor dem Coop. Beim Einkaufen erfuhr man immer wieder Neuigkeiten. Schon bei den Gemüseregalen traf sie auf eine junge Frau, der sie auf ihren Spaziergängen bereits mehrmals begegnet war. Zum Glück ist es auf dem Land üblich, sich zu grüssen, dachte Liza und nickte ihr freundlich zu.

Diese unterbrach ihr Gespräch mit einer älteren Dame und rief aufgeregt: «Haben Sie es schon gehört? Auf dem Klangweg ist eine Frau ermordet worden! Marie Riefener.»

«Ja, ich weiss, ich habe sie gestern Morgen gefunden.» Im Nu war Liza von mehreren Leuten umringt, denen sie brühwarm erzählen musste, was sie erlebt hatte. «Weiss jemand von Ihnen, wo diese Marie Riefener gewohnt hat?»

«Bei uns oben, in Ennetbühl. Sie hat da ein Ferienhaus. Sie und ihre Freundin sind beinahe jeden Donnerstag hierhergekommen und meistens bis am Sonntagabend geblieben. Ich habe sie gesehen, wenn sie an unserem Haus vorbeigefahren sind.» Die Antwort kam von einer rundlichen kleinen Frau mit einem fröhlichen Gesicht. «Das Haus steht neben dem Bauernhof von Ueli Strässle, unserem Biobauern.»

Obwohl sie gutmütig lachte, glaubte Liza ihr anzusehen, dass sie nicht allzu viel von ihm hielt. Sie liess sich den Weg zu Strässles Bauernhof beschreiben und schaute dann demonstrativ auf ihre Uhr. «Oh je, ich muss weiter!» Mit einem freundlichen Nicken verabschiedete sie sich und erledigte rasch ihre Einkäufe.

Da habe ich aber wirklich Glück gehabt, dachte Liza, als sie nach Ennetbühl fuhr. So glatt läuft es bei meinen Ermittlungen nicht oft. Da, das musste Riefeners Ferienhaus sein, und etwa 150 Meter weiter hinten war der Bauernhof. Gleich daneben stand ein älteres Wohnhaus mit wahrscheinlich drei Wohnungen. Liza steuerte entschlossen auf den Bauernhof zu, parkierte ihr Auto auf dem Kiesplatz und stieg aus. Noch bevor sie sich eine gute Begründung für ihren Besuch ausdenken konnte, trat ein Mann aus der Haustür.

Liza staunte nicht schlecht: Der Mann, der auf sie zukam und sie freundlich begrüsste, war äusserst attraktiv und sympathisch. Das wird wohl kaum der Bauer sein, ging es ihr durch den Kopf, und sie schalt sich sogleich für ihre Vorurteile. «Guten Morgen, ich bin Liza Huber. Ich … Sie wissen sicher, dass Ihre Nachbarin Marie Riefener gestorben ist. Ich habe sie gefunden, gestern, auf dem Klangweg.»

«Ja … Ueli Strässle», er schüttelte ihre Hand. «Ich bin informiert und auch bereits von der Polizei befragt worden. Kommen Sie herein, darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?» Ohne ihre Antwort abzuwarten ging er mit langen Schritten ins Haus zurück. «Ich habe oft mit Marie Kaffee getrunken, erst am letzten Dienstagnachmittag noch. Sie war grad von Zürich gekommen, ausnahmsweise ohne ihre Freundin Karin. Dass jemand sie umgebracht hat, ist unfassbar für mich. Ich mochte sie sehr und freute mich immer, wenn die beiden da waren. Marie war an Kunst und Musik interessiert, weltoffen und hatte meist gute Laune, eine wirkliche Bereicherung in meinem Alltag.»

«Führen Sie den Bauernhof hier?» Liza war immer noch erstaunt.

«Ja, seit vier Jahren. Ich halte Milchschafe und produziere biologische Schafmilchprodukte. Das ist aber nicht mein Erstberuf; früher arbeitete ich als Grafiker in Zürich, in der Werbung.» Strässle lächelte und fuhr fort: «Es scheint mir ewig her, wie in einem früheren Leben.» Er schwieg gedankenverloren. «Marie wird mir fehlen. Mit ihr und Karin konnte ich über alles sprechen.» Fassungslosigkeit und Erschütterung machten sich auf seinen Zügen breit und mit einem Mal wirkte er um Jahre gealtert.

«Es tut mir leid. Aber ich kann es einfach nicht fassen.» Ratlos schaute er Liza an und schien erst jetzt zu merken, dass er mit einer wildfremden Person sprach.

«Ja, ein plötzlicher Tod, und noch dazu ein Mord, ist immer ein Schock. Auch mir ging es gestern so, obwohl ich Marie Riefener gar nicht gekannt hatte.» Liza zögerte. Sie wusste nicht recht, was sie den Mann noch fragen sollte und ob sie ihn noch weiterbefragen durfte; der Tod seiner Nachbarin schien ihm sehr zu Herzen zu gehen.

«War sie … war Marie schlimm verletzt?»

«Nein, sie hatte einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, das sah man, es war fast kein Blut zu sehen. Ich denke, sie war sofort tot. Sie lag hinter einigen Büschen am Abhang bei der Klangwegstation Nummer 6, der Glockenbühne.»

«Das war Maries Lieblingsposten. Sie läutete immer die Glocken, wenn sie dort vorbeikam, sie behauptete, sie könne eine Berggeistmelodie spielen.» Strässle rang um Fassung.

Lizas Gewissen regte sich. Warum konnte sie den armen Mann nicht in Ruhe lassen! «Herr Strässle, wissen Sie, ob Frau Riefener Feinde hatte im Toggenburg? Könnte es sein, dass sie Neider hatte? Immerhin war sie so wohlhabend, dass sie sich ein Ferienhaus leisten konnte.»

Die Ablenkung schien ihm gut zu tun. «Wenn Sie wissen wollen, ob mir jemand in den Sinn kommt, der Marie umgebracht haben könnte… Nein, ich kenne niemanden, dem ich eine solche Tat zutrauen würde. Sie war meistens die zweite Wochenhälfte hier. Die übrige Zeit lebte sie in Zürich. Vielleicht stammt der Mörder aus ihrem Bekanntenkreis in Zürich.»

«Was für ein Verhältnis hatte sie zu den anderen Nachbarn hier in Ennetbühl?»

«Ja», Strässle überlegte einen Moment: «Ich möchte niemanden anschwärzen, aber… Beate Richle, die in dem Haus da wohnt» – er zeigte mit der Hand aus dem Fenster auf das etwas heruntergekommene ältere Mietshaus –, «die hat sich mit Marie gar nicht gut verstanden. Die beiden Frauen konnten sich gegenseitig nicht ausstehen. Aber Beate ist harmlos, ein bisschen durchgeknallt. Sie hätte auch nicht die Kraft … Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wurde Marie hinter den Büschen versteckt. Also musste sie jemand dort hingeschleppt haben. Sie ist eine grosse, schwere Frau, hat sehr gern gegessen und getrunken. Sie hat das Leben genossen. Wenigstens das.» Wehmütig blickte er aus dem Fenster. «Also, Beate hätte schlicht nicht die Kraft, Marie irgendwohin zu bewegen, da bin ich mir sicher.»

Liza war da nicht so sicher. Wenn es sein musste, konnte beinahe jeder Mensch ungeahnte Kräfte entwickeln. Sie wollte als Nächstes mit Beate Richle sprechen.

«Und dann…, gestern Abend war ich ausnahmsweise im ‹Grütli›. Die Bauern am Stammtisch haben nicht gerade freundlich von Marie gesprochen. Es gibt durchaus Leute hier oben, die sie nicht mochten.»

«Können Sie mir die Namen dieser Bauern geben? Ich möchte der Sache ein bisschen nachgehen.»

«Ich kenne nur den Albin, der hat mir den Hof hier verkauft. Der hat nicht viel gesagt, ist einer der schweigsamen Sorte. Er heisst Albin Hauser und wohnt in Nesslau, wo genau, weiss ich nicht. Die beiden anderen Männer kenne ich nicht. Da müssten Sie Elis Osmani und Roman Gasser fragen. Ich kann Ihnen ihre Adressen geben.»

«Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben und auch für den Kaffee.» Liza stand auf.

«Nichts zu danken. Ich kann mich ohnehin nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Meine Energie reicht gerade knapp, die Tiere zu füttern, alles andere muss warten.» Traurig reichte er ihr die Hand: «Sie dürfen gerne wiederkommen, wenn Sie noch mehr wissen wollen.» Ueli Strässle schien von seinem Kummer dermassen absorbiert zu sein, dass er sich gar nicht zu wundern schien, weshalb ihm Liza all diese Fragen stellte. Sie hoffte, dass es den anderen, die sie noch zu fragen beabsichtigte, ebenso erginge.

In Gedanken versunken überquerte Liza den Kiesplatz und studierte die verwitterten Namensschilder am Nachbarhaus. Es hatte drei, zwei waren angeschrieben. Sie läutete beim untersten, einer Frieda Kunz. Nach langem Warten hörte sie langsame, schlurfende Schritte. Eine alte Frau öffnete die Türe.

«Guten Tag, Frau Kunz? Ich bin Liza Huber. Darf ich Ihnen ein paar Fragen zu Ihrer Nachbarin Marie Riefener stellen? Sie wissen sicher, dass sie gestorben ist.»

«Ich hab’s gehört, ja. Ihre Kollegen waren doch bereits da. Was wollen Sie denn noch wissen?» Die alte Frau wirkte müde und etwas desorientiert.

Liza beschloss, sie im Glauben zu lassen, dass sie von der Polizei sei. Das konnte nicht schaden. «Wie gut haben Sie Frau Riefener gekannt?»

«Wir haben uns gegrüsst, mehr nicht. Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen. Ich komm ja kaum noch aus dem Haus.»

«Wissen Sie, ob sie mit jemandem hier befreundet war?» Liza liess nicht locker.

«Nein, tut mir leid. Ich weiss nichts. Auf Wiedersehen.» Frau Kunz schloss die Türe.

Liza entzifferte das mittlere Türschild: Margrith Schaller. Wo wohnte denn diese Beate, von der Ueli Strässle gesprochen hatte? War die nicht angeschrieben? Sie läutete bei Frau Schaller.

«Die wohnt nicht mehr hier, die ist im Pflegeheim.»

Liza fuhr herum.

Eine kleine magere Frau, einige Jahre jünger als sie, mit stechend blickenden schwarzen Augen, kam auf sie zu.

«Habe ich Sie erschreckt?» Etwas, was man als Genugtuung interpretieren könnte, breitete sich auf ihren spitzen Zügen aus, ihr Blick war unverändert starr.

Die scheint auf Drogen zu sein, war Lizas erster Gedanke, und der zweite: Das muss Beate Richle sein. Sie trug grellgelbe Hosen und eine blaue Bluse. Sie wirkte leicht schmuddelig und verwahrlost. «Guten Tag, Frau Richle. Ich bin Liza Huber. Darf ich Ihnen ein paar Fragen zu Ihrer Nachbarin Marie Riefener stellen? Sie wissen sicher, dass sie gestorben ist.» Liza machte entschlossen einen Schritt auf die Frau zu.

«Ja, ich weiss, dass Marie tot ist! Das ist mir egal. Ich konnte diese Frau nicht ausstehen. Eine Lesbe und gleichzeitig mannsgeil, das will ich mir lieber nicht vorstellen. Sie trug ihre Nase sehr hoch. Ihre Freundin, die Karin, ist ein bisschen netter und freundlicher! Aber die Riefener, nein, um die tut’s mir nicht leid.» Nachdem Beate Richle diese Sätze scheinbar emotionslos ausgespuckt hatte, schwieg sie und musterte gespannt Lizas Gesicht. Liza war für den Moment um eine Antwort verlegen. Die Frau ist tatsächlich nicht ganz dicht, dachte sie. Trotzdem fragte sie: «Warum konnten Sie Frau Riefener nicht ausstehen? Können Sie sich vorstellen, warum sie umgebracht wurde? Wissen Sie noch von anderen Leuten, die Frau Riefener nicht mochten?»

«Ja, wie schon gesagt, sie war hochnäsig, benahm sich hier im Dorf wie eine Königin ihren Untertanen gegenüber. Und dann hat sie immer mit dem gutaussehenden Bauern nebenan, dem Ueli, geschäkert. Dabei hatte sie doch eine Freundin.»

«Aber deswegen bringt man doch niemanden um», Liza hoffte immer noch auf handfestere Informationen.

«Jaa, so gut kannte ich die Frau ja auch nicht.» Beate Richle schwieg verwirrt.

«Darf ich Sie fragen, wo Sie am Donnerstagnachmittag waren?» Ich kenne den genauen Todeszeitpunkt ja gar nicht, schoss es Liza durch den Kopf. Den muss ich so rasch wie möglich in Erfahrung bringen.

«Wo sollte ich schon gewesen sein. Hier zu Hause, natürlich. Ich arbeite nicht, habe IV. Ich mache Spaziergänge, und sonst bin ich meistens zu Hause. Ich möchte wieder einen Hund, der alte ist vor ein paar Monaten gestorben.»

«Das tut mir leid. Waren Sie gestern Nachmittag allein oder hatten Sie Besuch?»

«Ich war allein, habe mit meiner Tante telefoniert und den Ueli von drüben gegrüsst, als er vom Stall gekommen ist», erzählte Frau Richle bereitwillig.

«Wissen Sie noch, wann das ungefähr war, als Sie mit Ihrem Nachbarn gesprochen haben?»

«Das wird gegen fünf Uhr gewesen sein, denke ich. Jetzt muss ich ins Haus, ich muss dringend auf die Toilette.» Sie nickte Liza kurz zu, lief rasch an ihr vorbei und verschwand im Haus.

Mit dieser Frau stimmt in der Tat etwas nicht, sinnierte Liza, während sie nochmals zum Bauernhof zurückging.

«Ja, das stimmt. Ich habe Beate gegrüsst, als ich vom Stall gekommen bin, es war kurz vor fünf, glaube ich», antwortete Strässle nach kurzem Überlegen. «Um welche Zeit ist Marie umgebracht worden?»

«Das weiss ich leider nicht», räumte Liza ein.

«Sie haben Marie gefunden, haben Sie gesagt. Weshalb interessieren Sie sich eigentlich für diese tragische Geschichte?» Zum ersten Mal blitzte so etwas wie Neugierde in seinem Gesicht auf. Er schien Liza erst jetzt bewusst wahrzunehmen und musterte sie von Kopf bis Fuss mit wachsendem Interesse, was sie leicht verlegen machte. «Was machen Sie eigentlich hier im Toggenburg?»

3

Das wochenlange Prachtwetter schien zu Ende zu gehen, als Liza am späteren Nachmittag auf der Autobahn zurück nach Zürich fuhr. Ein heftiger Sturm zog auf, und mit einem Mal begann es wie aus Kübeln zu giessen. Die Autofahrer drosselten das Tempo. Liza liess das Gespräch mit Ueli Strässle Revue passieren. Sie war länger als zwei Stunden bei ihm gewesen und hatte mit ihm in seiner gemütlichen Küche zu Mittag gegessen. Sie hätte nicht sagen können, wann sie sich zum letzten Mal so wohl gefühlt hatte. Von ihrer Scheidung vor fünf Jahren hatte sie ihm erzählt, von ihrer beruflichen Vergangenheit bei der Polizei und von ihrem Detektivbüro. Ihrer beider Leben waren insofern ähnlich, als sie beide einen jähen Bruch in ihrer Biographie hatten: Ueli hatte vor acht Jahren nach seiner Scheidung seinen Job als Grafiker und Werber in Zürich an den Nagel gehängt und sich zum Biobauern ausgebildet; parallel dazu hatte er auf einem grossen Biobetrieb in Stammheim gearbeitet. Als sich vor vier Jahren die Gelegenheit bot, in Ennetbühl den Betrieb von Albin Hauser zu übernehmen, hatte er nicht lange gezögert. Schliesslich stammte er selber aus dem Toggenburg. Er war in Ebnat-Kappel aufgewachsen. Auch hatten sie beide, obwohl sie es sich wünschten, keine Kinder bekommen. Das hatte nicht nur Nachteile, da waren sie sich einig.

Sie musste unbedingt die Todeszeit von Marie Riefener in Erfahrung bringen. Weiter wollte sie in Zürich sogleich Kontakt mit Doris Rathgeb aufnehmen, ihrer Freundin und ehemaligen Kollegin bei der Polizei. Diese war mittlerweile die Leiterin des Kommissariats Ermittlung. Die Befragungen in Marie Riefeners Nachbarschaft und in ihrem Bekanntenkreis in Zürich fielen in deren Zuständigkeitsbereich. Am liebsten würde sie mit Karin Stillhart und mit Marie Riefeners Tochter sprechen; sie wusste aber noch nicht recht, wie sie das einfädeln sollte. Vielleicht würde sie einfach in Ennetbühl an der Haustür klingeln und ihr Beileid aussprechen. Schliesslich hatte sie Marie gefunden. Oder über Ueli Strässle? Sie könnte ihn ins Vertrauen ziehen, sie hatte ihm ja bereits so viel von sich erzählt, und ihn bitten, seine Nachbarn mal zum Essen einzuladen…

Der Verkehr stockte. Sie hatte Zürich erreicht. Als sie endlich in ihrer Dreieinhalbzimmerwohnung im Seefeld ankam, leerte sie als Erstes den Briefkasten, überflog die Post, die sich in den letzten sieben Tagen angesammelt hatte und hörte den Telefonbeantworter ab. Da war eine Anfrage für einen neuen Auftrag: Sie sollte für eine der Stimme nach ältere Frau den Exlebenspartner observieren. Obwohl sie froh sein sollte, dass neue Arbeit auf sie wartete, waren ihre Gedanken beim Tötungsdelikt im Toggenburg. Sie füllte die Wäsche in die Waschmaschine, registrierte, dass die Nachbarin ihren Pflanzen zu viel Wasser gegeben hatte, erledigte mechanisch die Haushaltsarbeiten.

Sollte sie Doris jetzt gleich telefonieren? Liza sah auf die Uhr. Es war beinahe sechs Uhr, Doris würde wohl nicht mehr im Dienst sein; sie beschloss, sie privat anzurufen. Da läutete ihr Mobiltelefon. Es war Ueli Strässle. Er tönte ein bisschen aufgeregt und teilte ihr mit, dass er, kurz nachdem sie abgefahren sei, Karin Stillhart getroffen und mit ihr gesprochen habe. Sie sei jetzt wieder zu Hause in Zürich an der Idastrasse, Liza solle ihr doch einen Besuch abstatten. Maries Tochter und ihr Freund seien in Ennetbühl geblieben, sie müssten sich der Polizei zur Verfügung halten. Die beiden hätten kein Alibi für den späteren Mittwochnachmittag, sie seien wandern gewesen «irgendwo da oben».

Nach dem Telefongespräch war Liza ein bisschen durcheinander. Sollte sie jetzt zuerst ihre ehemalige Kollegin anrufen oder sich sogleich bei Karin Stillhart melden oder ihr ohne Anmeldung einen Besuch abstatten? Und was war mit Marie Riefeners Tochter und deren Freund? Mit denen wollte sie auch dringend sprechen.

Ueli schien Vertrauen zu ihr gefasst zu haben; dass er sie so bereitwillig informierte, war nicht selbstverständlich. Er schien sie zu mögen. Sie wollte jetzt aber nicht weiter über ihn nachdenken, sondern sich auf ihr weiteres Vorgehen konzentrieren. Als sie am Morgen aufgestanden war, hatte sie noch nichts von seiner Existenz gewusst und jetzt hatte er schon ihre Telefonnummer! Naja, es ging ihm um Marie Riefener. Liza hatte ihn gebeten, ihr mitzuteilen, wenn ihm noch etwas Wesentliches in den Sinn käme, und das hatte er getan. Solchen Gedanken nachhängend war sich Liza gar nicht bewusst, dass sie die Nummer von Doris Rathgeb angetippt hatte. Sie musste sich einen Moment sammeln, als sie die freundliche Stimme ihrer ehemaligen Kollegin hörte: «Ja, halloo?»

«Hoi, Doris, hier ist Liza. Du, ich habe eine dringende Frage. Ich nehme an, du weisst, dass am Mittwoch eine Frau aus Zürich auf dem Klangweg im Toggenburg ermordet worden ist. Stell dir vor, ich bin diejenige, die sie gestern Morgen gefunden hat. Ich habe eine Woche Ferien in der Webstube Bühl in Nesslau gemacht und …»

«Was! Das gibt’s doch nicht! Wir sind von der Kriminalpolizei St. Gallen informiert worden. Ein Walter Widmer hat sich bei uns gemeldet. Ich habe persönlich mit ihm telefoniert, nachdem er uns alle Infos gemailt hat. Der hat eine erotische Stimme, hast du auch mit ihm gesprochen?» Sie kicherte ein wenig.

Liza konnte sich ihren Gesichtsausdruck genau vorstellen: leicht verschämt, mit einer Mischung aus Sehnsucht und Resignation. Wenn sie schon auf Widmers Stimme so abfährt, wie würde sie erst reagieren, wenn sie seine Augen sähe, dachte Liza belustigt. Doris lebte schon viel zu lange allein. «Hast du immer noch keinen Mann! So geht das nicht weiter! Du bist jung und attraktiv, nimm dir endlich einen!»

«Du bist ja auch immer noch Single, so einfach ist das nicht», gab Doris zurück. «Jedenfalls müssen wir natürlich die Nachbarschaft und den Freundeskreis dieser Frau in Zürich abklappern, das machen die St. Galler nicht. Dabei haben wir so viel um die Ohren, und zwei aus meiner Truppe, neue, die du nicht kennst, sind krank. Ich weiss gar nicht, wie wir das bewältigen sollen.»

Liza zögerte ein wenig: «Meine Detektei läuft zurzeit nicht so toll», sagte sie gedehnt, «wenn du eine Möglichkeit finden würdest, mich temporär einzustellen …»

«Liza, das ist lieb von dir. Aber du weisst, dass das nicht geht.» Doris seufzte.

Sie unterhielten sich eine Weile über gemeinsame Freunde und Bekannte; doch Liza war nicht recht bei der Sache. Das Bild der toten Marie Riefener wollte nicht aus ihrem Kopf.

Nach diesem Gespräch und zwei Tassen Kaffee entschied sich Liza, Karin Stillhart einen Besuch abzustatten.

Es war schon halb acht, als sie vor der Wohnungstüre stand und läutete. Eine zierliche ältere Frau mit verweinten Augen öffnete die Türe. Nachdem sich Liza vorgestellt hatte, wurde sie von Karin stumm in die Wohnung gebeten. Sie nahm in der Stube Platz, während Karin in der Küche Kaffee machte. Liza hatte das Angebot, einen Kaffee zu trinken, ohne zu zögern angenommen, obwohl es der dritte an diesem Abend war. Doch zusammen etwas trinken schaffte Vertrauen, das war nun einmal so. Neugierig schaute sie sich um. Der Raum war teuer eingerichtet mit Designerstücken und wenigen Antiquitäten, wirkte aber trotzdem gemütlich und sogar ein bisschen verwohnt. Man spürte, dass die Bewohnerinnen sich hier wohl fühlten.

Karin kam zurück, stellte den Kaffee auf den kleinen Tisch zwischen ihnen, setzte sich in einen bequem aussehenden roten Ledersessel und fragte Liza: «Was wollen Sie wissen? Ueli hat mir von Ihnen erzählt.»

Liza stellte sich nochmals vor, erzählte Karin, wie sie Marie Riefeners Leiche am Donnerstagmorgen auf dem Klangweg gefunden habe und dass ihr dieser schreckliche Mord keine Ruhe lasse, was bei der anderen Frau einen Strom von Tränen auslöste.

Sie erhob sich und holte ein Taschentuch. «Ich habe Marie so geliebt, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. Wir hatten es idyllisch und friedlich miteinander. Wir haben so viel zusammen gelacht und uns gefreut», sagte sie schlicht. «Ich bin überzeugt, dass Marie ihren plötzlichen Tod vorausgeahnt hat.» Sie erzählte Liza von ihrer heftigen Auseinandersetzung, ja, ihrem Streit wegen dem Erben. «Und wir konnten uns nicht einmal mehr versöhnen.» Wieder kamen ihr die Tränen.

Vorsichtig erkundigte sich Liza nach Maries Tochter und deren Freund.

Karin schilderte ihr den Besuch der beiden hier in der Wohnung ausführlich.

«Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie Eva Riefener bereits gekannt haben?»

«Ja, ich habe sie zweimal kurz gesehen, vor zwei und vor drei Jahren. Brian habe ich zum erstenmal gesehen.»

«Sind sie Ihnen sympathisch? Mögen Sie die beiden?»

«Eva ist mir sympathisch. Ich glaube, sie mag mich auch, obwohl sie etwas Mühe hat mit meiner Rolle als Geliebte ihrer Mutter», gab Karin rasch zur Antwort. Und nach einigem Zögern meinte sie: «Brian ist mir unsympathisch. Ich sage das nicht gerne über Menschen, die ich kaum kenne, aber dieser Mann hat etwas Gieriges und gleichzeitig Anbiederndes. Er ist …», sie suchte nach den richtigen Worten, «verschlagen und skrupellos. Das tönt etwas hart, aber das ist genau der Eindruck, den ich von ihm habe: Ein Mensch, der glaubt, im Leben zu kurz gekommen zu sein und das Recht zu haben, sich zu nehmen, was er will. Er könnte Marie im Affekt umgebracht haben, das wäre vielleicht möglich gewesen.» Sie erhob sich und begann, im Zimmer hin und her zu gehen. «Aber, um die Tat zu planen, hätte Brian wissen müssen, wo Marie sich wann aufgehalten hat. Er kennt sie nicht, hat höchstens mal ein Foto von ihr gesehen. Soviel ich weiss, ist Eva erst seit ungefähr einem halben Jahr mit ihm zusammen. Und auf mich wirkt er nicht wie ein Mensch, der über Entschlusskraft verfügt.» Fast über sich selber erschrocken und leicht errötend verstummte Karin abrupt.

Liza musterte sie interessiert: Karin Stillhart hatte sich trotz ihrer Trauer intensiv mit dem möglichen Tathergang beschäftigt und ihre Überlegungen hatten Hand und Fuss.

«Entschuldigen Sie bitte, aber ich möchte jetzt gerne allein sein. Sie können jederzeit wieder kommen, falls Sie Fragen haben. Und falls Sie etwas herausgefunden haben, würde ich es gerne erfahren.» Karin zögerte, schien zu überlegen. «Sie sind Privatdetektivin, hat mir Ueli gesagt! Wären Sie bereit … Ich könnte Sie beauftragen, Nachforschungen anzustellen. Was meinen Sie?»

Das war mehr, als Liza erwartet hatte! Sie frohlockte. Es war nach neun Uhr, der heftige Regen vorbei, die Strassen beinahe wieder trocken.

Langsam spazierte sie zur Tramstation Schmiede Wiedikon und stieg in den 14-er, der gerade heranfuhr. Sie fühlte sich gleichzeitig müde und angeregt. Sie hatte so viel nachzudenken und zu ordnen; sie wusste kaum, wo ihr der Kopf stand. Am folgenden Morgen wollte sie die Nachbarschaft befragen. Sie würde auch nochmals bei Karin Stillhart vorbeigehen. Sie hatten über Karins Beziehung zu Marie sowie über Eva Riefener und Brian gesprochen, sie war aber nicht mehr dazu gekommen, Karin nach ihrem gemeinsamen Freundeskreis und nach Bekannten zu fragen, nach Personen, die Marie nicht mochten oder mit denen sie zerstritten war. Sie war emotional stark in diesen Fall involviert, dessen war sie sich sehr wohl bewusst.

Nach einem zufälligen Blick aus dem Fenster merkte Liza, dass die Station Stauffacher vorbei war, sie hatte vergessen, auf den 2-er umzusteigen!

Walter Widmer sass im Büro, das ihm in der Polizeistation Wattwil eingerichtet worden war. Im Raum war genug Platz für zwei Tische; er würde auch Befragungen und Besprechungen hier abhalten können, dachte er zufrieden. Er hatte sich gefreut, Rolf Nussbaumer, seinen langjährigen Arbeitskollegen, wiederzusehen. Nussbaumer war lang und hager, ein gutmütiger, geduldiger Mann, mit dem ihn eine unkomplizierte Freundschaft verband. Es war für Widmer klar, dass er ihn bei seinen Ermittlungen dabeihaben wollte.

Erst vor einem Jahr hatte Widmer seine Arbeitsstelle als Postenchef in Wattwil aufgegeben und sich zur Kriminalpolizei nach St. Gallen versetzen lassen. Mit seinen neuen Arbeitskollegen war er noch nicht so richtig warm geworden, was vor allem an ihm lag, das war Widmer klar. Er galt als Eigenbrötler; seine Ermittlungsmethoden waren oft unkonventionell.

Nussbaumer und er hatten am Vortag lange und ausführlich mit Eva Riefener und Brian Daves gesprochen und trotzdem wusste er überhaupt nicht, was er von den beiden halten sollte. Er hatte nicht aus ihnen herausgebracht, wo genau sie am Mittwochnachmittag gewandert waren; sie waren offensichtlich ortsunkundig. Fest stand lediglich, dass sie von Zürich kommend direkt mit dem Postauto nach Wildhaus und dann mit der Sesselbahn ins Oberdorf gefahren waren. Sie waren möglicherweise kurz auf dem Klangweg gewesen, hatten Klanginstrumente gesehen, aber wo und welche konnten sie nicht sagen. Ihr Gepäck hatten sie in Wildhaus im Hotel Sonne deponiert. Widmer hatte den beiden vorgeschlagen, mit ihm zusammen die Wanderung zu wiederholen, obwohl er genug anderes zu tun hatte. Doch Eva hatte erwidert, dass sie den Weg kaum mehr finden würden. Sie seien querfeldein über Wiesen und durch Wälder gelaufen. Am Abend hätten sie, auf Brians Vorschlag, in der «Sonne» übernachtet; sie hätten deshalb gar nicht gemerkt, dass Marie nicht nach Hause gekommen sei. Sie seien erst am Donnerstagnachmittag in Ennetbühl eingetroffen und von einer völlig aufgelösten Karin und einer Polizeipsychologin empfangen worden.

Die Geschichte wäre nicht schlecht erfunden, dachte Widmer.

Die beiden hatten gegen halb vier Uhr ihr Gepäck in der «Sonne» abgestellt und waren am Abend gegen sieben Uhr wieder im Hotel angekommen. Das hatte Nussbaumer überprüft.

Angenommen, sie hätten sich mit Marie auf dem Klangweg verabredet, sie hingehalten bis nach der letzten Talfahrt der Bahn, und dann, als alle Leute weg waren, umgebracht: Die Zeit hätte gereicht. Es wäre möglich gewesen. Andererseits konnte er sich einfach nicht vorstellen, dass Eva ihre Mutter umgebracht hatte oder es zugelassen hätte, dass ihr Freund sie tötete. Das passte nicht zu der sensibel und sympathisch wirkenden Frau! Auf seine Menschenkenntnis und sein Gespür bildete sich Widmer einiges ein.

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