Read the book: «LOCKDOWN»

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auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2020 Wörterseh, Lachen

Lektorat: Andrea Leuthold

Korrektorat: Lydia Zeller

Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina

unter Verwendung des Gemäldes »Wilhelm Tell« von

Ferdinand Hodler, 1896/97, © akg-images, Berlin.

Layout, Satz: Beate Simson

Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel

Print ISBN 978-3-03763-123-2

E-Book ISBN 978-3-03763-807-1

www.woerterseh.ch

Inhaltsverzeichnis

Über das Buch

Über die Autoren

Prolog

TEIL I Vor dem Lockdown

TEIL II Im Lockdown

TEIL III Lockerungen

TEIL IV Bilanz

Epilog

Schlüsselpersonen

Zur Entstehung dieses Buches und Dank

ÜBER DAS BUCH

Im Frühjahr 2020 begleiteten 14 renommierte Investigativjournalistinnen und -journalisten besonders exponierte Menschen durch die Coronakrise. Unter anderen unseren Gesundheitsminister Alain Berset, den Epidemiologen Marcel Salathé, eine Spitalapothekerin, drei Geschwister, die innert weniger Tage beide Eltern an Covid-19 verloren, eine Pflegefachfrau, die in einem Altersheim Verstorbene einsargen musste, eine Notfallärztin, die während der Krise Tagebuch führte, aber auch Infizierte – unter ihnen ein Tessiner Gemeindepräsident.

In ihrem Buch »Lockdown« lassen die Schreibenden all diese Menschen erzählen, in welchen Gefühlsstrudel sie das Coronavirus Tag für Tag gerissen hat. Die Aufzeichnungen verweben sie mit vertraulichen Protokollen von über 50 Krisensitzungen in Bundesbern. So ist – innert kürzester Zeit – ein packendes und berührendes Buch entstanden, das einen neuen Blick auf etwas wirft, das achteinhalb Millionen Menschen in der Schweiz hautnah miterlebt haben: Ausnahmezustand. Monatelang. Und auch wenn die wenigsten von ihnen tatsächlich an Corona erkrankten: Jede und jeder hat die Pandemie am eigenen Leib gespürt. Die 14 Journalistinnen und Journalisten wollten das bis dahin Unvorstellbare festhalten, es wurde aber mehr. Sie haben ein ebenso differenziertes wie facettenreiches Bild einer Zeit geschaffen, die uns für immer in Erinnerung bleiben wird.

»Minutiös recherchierte Chronik mit berührend tiefen Einblicken, packend erzählt. Ein wichtiger erster Schritt für die Aufarbeitung einer Krise, wie sie die Schweiz wohl noch nie erlebt hat.«

Fiona Endres, »Rundschau«, SRF

»Als hätte jemand ein Tagebuch für alle geschrieben. Und dabei die Protokolle der Behörden zur Hand gehabt. Und die Notizen zahlreicher Involvierter. Eine einzigartige Mischung aus Annalen und Politthriller – vielschichtige Antworten auf zentrale Fragen der Krise inklusive.«

Sarah Berndt, »Beobachter«

»Die Schweiz und das Virus, das ist die Geschichte einer Unterschätzung – und eines zähen Kampfs mit offenem Ende. Hier wird sie authentisch und umfassend recherchiert nacherzählt. Spannende Pflichtlektüre, nicht nur für HistorikerInnen.«

Thomas Kirchner, »Süddeutsche Zeitung«

ÜBER DIE AUTOREN

Die 14 Autorinnen und Autoren dieses Buches, von denen die meisten beim Recherchedesk der Tamedia arbeiten, sind:

Bernhard Odehnal

Thomas Knellwolf

Simone Rau

Titus Plattner

Fabian Muhieddine

Susanne Anderegg

Sylvain Besson

Catherine Boss

Dominique Botti

Christian Brönnimann

Yann Cherix

Roland Gamp

Kurt Pelda

Oliver Zihlmann

PROLOG

In der Nacht auf Dienstag, den 7. April 2020, verliert Anne-Lise Cornu* im Kantonsspital Freiburg ihren Kampf gegen das Coronavirus. Genau wie ihr Mann Henri-Paul* zwölf Tage zuvor. 50 Jahre lang war das Paar verheiratet, das sich einst in einem Café kennen gelernt hatte, sie als Serviertochter, Henri-Paul als Gast. Die beiden haben über Jahre gemeinsam Pétanque gespielt. Und sie haben – am Fuss des historischen Städtchens Romont – eine Tochter und zwei Söhne grossgezogen.

Für sie und für ihre drei Enkeltöchter wollte die 69-jährige Anne-Lise weiterleben. Nach Hause zurückkehren, wo sie so gern Kreuzworträtsel löste und Bücher las.

Doch gleichzeitig war die Rentnerin und Hausfrau müde, so unfassbar müde. Und sie brauchte derart viel Sauerstoff, dass für Ärztinnen und Pflegefachleute kein Zweifel bestand: Anne-Lise Cornu wird es nicht schaffen.

Um sein Leben kämpft, in derselben Nacht, im selben Spital, auch ihr jüngerer Sohn Didier*. Der 46-Jährige ist ebenfalls an Covid-19 erkrankt. Anfangs traten bei ihm nur leichte Symptome auf, erhöhte Temperatur, Magenprobleme, fehlender Appetit – ausgerechnet bei ihm, der schon als kleiner Junge Koch werden wollte und es heute auch ist. Nun, am Dienstag vor Ostern, wird er ins künstliche Koma versetzt. Er muss über einen Schlauch beatmet werden. Ob Didier Cornu die Karwoche überleben wird, weiss niemand.

In den zwölf Tagen zwischen dem Tod seines Vaters und dem Tod seiner Mutter sterben in der Schweiz weitere 619 Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Das Land ist seit drei Wochen lahmgelegt. Im Lockdown.

Die täglichen schlimmen Nachrichten bedrücken die Bevölkerung, die angehalten ist, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Niemand kann sagen, was noch kommt. Ob das Virus überhaupt in den Griff zu bekommen ist. Oder ob italienische Verhältnisse drohen, mit Ärzten, die Patienten sterben lassen müssen, weil es nicht mehr genügend Beatmungsgeräte gibt. Mit Kolonnen von Kühllastern, die die Leichen abtransportieren.

Am Abend nach der Nacht, in der Anne-Lise Cornu stirbt, merkt Alain Berset*, dass ihm das Virus selber gefährlich werden könnte. Als Gesundheitsminister steht der Bundesrat im Mittelpunkt der Coronakrise. Gemeinsam mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat er am 16. März den Lockdown verkündet, hat der Bevölkerung die Schliessungen der Schulen und Geschäfte, den Stillstand des Landes immer wieder erklärt und als alternativlos verteidigt. Nun erfährt er, dass er selbst infiziert sein könnte.

Eine Mitarbeiterin, mit der Berset im selben Sitzungszimmer war, ist positiv getestet worden. Berset schottet sich sofort ab. Der Coronatest wird am nächsten Morgen, am 8. April um 6 Uhr früh, durchgeführt. Das Militär bringt die Probe umgehend ins Labor Spiez.

Es sind dunkle Tage für die Schweiz. Eben erst ist der Bevölkerung schmerzlich bewusst geworden, dass ihr Land trotz seinem Reichtum und seinem sehr guten Gesundheitssystem keineswegs gut auf die Seuche vorbereitet ist. Schlimmer noch: Die Zahlen der Corona-Neuinfektionen und der Toten sind höher als in den meisten anderen Nationen.

Wie konnte das passieren? Wie viele wird es noch treffen? Wie kommt die Schweiz da wieder raus? Die bangen Fragen stellen sich am Anfang der Karwoche viele. Auf den folgenden Seiten werden wir darauf Antworten geben.

Wir, das sind vierzehn Investigativjournalistinnen und -journalisten vom erweiterten Recherchedesk des Verlagshauses Tamedia. Wir begleiteten besonders exponierte Menschen aus der ganzen Schweiz durch ein halbes Jahr Coronakrise – mit dem Ziel, ihr Erleben, ihre Handlungen, ihre Gedanken und Gefühle in den schweren Monaten für die Nachwelt festzuhalten.

Die Tochter und die beiden Söhne des Ehepaars Anne-Lise und Henri-Paul Cornu erzählen uns, was das Virus in ihrer Familie angerichtet hat. Bundesrat Alain Berset gewährt uns Einblick in sein Krisenmanagement und in seine persönliche Betroffenheit. Zu unseren Schlüsselpersonen zählen zudem Menschen wie die Leiterin der Intensivpflege in einem Tessiner Spital. Maria Pia Pollizzi* nahm den ersten Schweizer Covid-19-Patienten auf und begleitete fortan viele auf ihrem Weg zur Genesung – oder beim Sterben. Die Zeugnisse unserer Schlüsselpersonen haben wir mit den Ergebnissen weiterer intensiver Recherchen verwoben.

Dazu gehörte die Auswertung amtlicher Dokumente, die wir uns mit dem Öffentlichkeitsgesetz beschaffen konnten. Dank über 50 Protokollen vertraulicher Sitzungen wird klar, wie die verschiedenen Taskforces und Krisenstäbe des Bundes agierten.

Zudem haben wir mit über 50 weiteren Personen geredet, unter ihnen Politikerinnen, Epidemiologen, Klinikleiter, Parlamentarier und Ärztinnen. Insgesamt führten wir über 200 Stunden Recherchegespräche.

So entstand eine Chronik jenes halben Jahres, in dem die Schweiz in ihrer bislang schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte. Erzählt wird sie von Menschen, die persönlich schwer getroffen wurden. Und von Menschen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Medizin, die das Virus bekämpfen. Von Menschen wie Ricarda Luzio*, einer Spitalapothekerin aus Luzern.

AB MITTE JANUAR irritiert Ricarda Luzio etwas.

Sie fährt auch im Winter täglich mit dem Velo zur Arbeit. Dies ist zu Beginn des Jahres 2020 weniger beschwerlich als in anderen Jahren, denn der Schnee fehlt im Unterland gänzlich, und die Sonne scheint in der Zentralschweiz so häufig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Ricarda Luzio ist Chefapothekerin in der Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern.

Auf dem Weg von ihrer Wohnung in der Luzerner Neustadt an ihren Arbeitsort überquert die 43-Jährige die stark befahrene Seebrücke, die für gewöhnlich voller Touristen ist. Die Sicht auf den See und die Stadt ist von hier aus bezaubernd.

Ihre Irritation: Hat es weniger chinesische Touristen in der Stadt? Oder täuscht der Eindruck?

In der Pause erzählt eine Mitarbeiterin der Chefapothekerin, der Schwanenplatz, sonst übervoll mit Reisecars, sei leer. Sie reden über dieses »neuartige Coronavirus« in China, über das die Medien schreiben. Alle sind sich einig: Das ist nichts im Vergleich zu einer saisonalen Grippe, denn daran sterben in der Schweiz pro Jahr mehrere Hundert Menschen. Die Diskussion nimmt rasch ein Ende.

Ricarda Luzio debattiert auch zu Hause über das noch unbekannte Virus. Ihr Mann arbeitet als Leitender Arzt am Kantonsspital Luzern, wo bald ein ganzes Stockwerk für Coronapatienten leer geräumt wird. Beide erachten den Erreger in diesen Januartagen als vergleichsweise harmlos, die Angst davor übertrieben. »Das ging, glaube ich, zu Beginn vielen so«, sagt Luzio. »Sogar wir vom Fach haben das Virus unterschätzt.« Wenn ihre Kollegen auf sie zukommen, beschwichtigt sie, wenn Pharmaassistentinnen nachfragen, winkt sie ab. Das Virus ist weit weg – in dieser Riesenstadt namens Wuhan, die im Westen kaum jemand kennt.

AM 16. JANUAR fliegt eine 30-köpfige Touristengruppe aus ebendiesem Wuhan nach Rom. Neun Tage wird sie in Europa verbringen, erst ist die Gruppe in Italien, später in Frankreich und dazwischen zwei Tage in der Schweiz, einen grossen Teil im Kanton Luzern. Schon auf dem Hinflug fühlt sich eine 53-jährige Reiseteilnehmerin kränklich. Sie hustet.

Als die Gruppe mit ihr am 19. Januar in einem gecharterten Bus die italienisch-schweizerische Grenze passiert, kennt Europa noch keine Gesundheitskontrollen, keine Reisebeschränkungen und erst recht keine unüberwindbaren Barrieren. Der Kontinent fühlt sich zu diesem Zeitpunkt sicher vor dem Virus.

Die Reisegruppe aus Wuhan erwartet eine sonnige Schweiz und ein gedrängtes Programm. Die 53-Jährige, die bereits auf dem Hinflug hustete, trägt keine Schutzmaske. In Luzern verlassen die chinesischen Touristen den Bus, steigen in einen Panoramazug. Die »Golden Pass Line« bringt sie über den tief verschneiten Brünig nach Interlaken. Die Fahrt dauert knapp zwei Stunden.

Die Gruppe aus Wuhan übernachtet vom 19. auf den 20. Januar in einem Hotel in Sursee, das ausschliesslich Reisegruppen beherbergt, die schnell nach Luzern oder ins Berner Oberland wollen und dann weiterziehen. In unserem Fall weiter nach Paris.

In der französischen Hauptstadt fühlt sich die kränkelnde Touristin noch immer nicht wohl. Inzwischen hat sie offenbar ihre Tochter angesteckt. Bei der 29-Jährigen zeigen sich am ersten Tag in Paris Symptome, wie sie typisch scheinen für den wenig bekannten Erreger. Die Gruppe besucht die klassischen Touristenattraktionen und fliegt am 24. Januar zurück nach China.

Von den 30 Reisenden erkranken schliesslich fünf in einer ähnlichen Art. Drei davon werden getestet, allerdings erst nach ihrer Rückkehr, als Wuhan bereits unter Quarantäne steht. Alle drei sind Sars-CoV-2-positiv.

* Die Schlüsselpersonen dieses Buches sind, wenn sie das erste Mal erscheinen, mit einem Stern gekennzeichnet und werden ab Seite 323 vorgestellt.

TEIL I Vor dem Lockdown

Jahreswechsel 2019/2020
+ + + »ES GUETS NEUS« AUS DER BÄCKEREI + + + BEUNRUHIGENDES AUS CHINA + + +

Die neue Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga wünscht allen von Herzen »es guets Neus«. Sie tut das aus ihrer Berner Quartierbäckerei, in der sie regelmässig Brot und »die feinen hausgemachten Amaretti« kaufe.

Ihrer Neujahrsansprache räumen Schweizer Medien viel mehr und prominenteren Platz ein als Neuigkeiten aus China. Zwar übernimmt die Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA am nachrichtenarmen Neujahrstag eine Meldung mit dem Titel: »Lungenkrankheit in China ausgebrochen – Gerüchte über Sars«. Die Informationen verbreiten aber nur wenige Medien weiter. Dabei steht bereits vieles drin. Vom Ausbruch einer neuartigen Krankheit ist die Rede, von Vertuschung, von Gefahr.

Kaum jemand in der Schweiz erfährt am Neujahrstag also, dass in Zentralchina 27 Erkrankte isoliert worden sind und sieben von ihnen um ihr Leben kämpfen. Dass viele der Infektionen auf einem Grosshandelsmarkt für Fische und Meeresfrüchte in Wuhan erfolgten, wo auch Geflügel, Fledermäuse, Schlangen und andere Wildtiere feilgeboten werden, tot oder lebendig. Und dass die Behörden den Markt geschlossen hatten, um eine gründliche Reinigung vorzunehmen.

Der SDA-Meldung vom Neujahrstag könnte man auch Beunruhigendes entnehmen, würde ihr denn Beachtung geschenkt: In Wuhan hat die Polizei acht Personen festgenommen wegen Verbreitung »falscher Informationen« im Internet »mit negativen gesellschaftlichen Auswirkungen«. Das Parteiorgan »Volkszeitung« trete Gerüchten über einen neuen Ausbruch der Lungenseuche Sars entgegen.

Die Sache, so endet die Depesche zu China, wecke Erinnerungen an die anfangs vertuschte Pandemie vor 17 Jahren mit 8000 Erkrankten, verteilt auf rund 30 Länder und über alle Kontinente. Damals gab es 774 Tote. Das sei eine »der gefährlichsten Infektionswellen der jüngeren Zeit« gewesen.

Nun taucht das damalige »severe acute respiratory syndrome«, kurz Sars, in einer neuen, noch viel gefährlicheren Variante wieder auf: als Sars-CoV-2, das bald jedes Kind als Coronavirus kennen wird.

AM LETZTEN TAG des Jahres 2019 sind an der Avenue Appia 20 in Genf erste Meldungen über eine unbekannte Lungenkrankheit aus China eingetroffen. Am Sitz der Weltgesundheitsorganisation WHO ahnt niemand, wie gefährlich der Erreger ist, der noch nicht einmal einen Namen trägt.

Einige wenige asiatische Länder reagieren bereits ab dem Jahreswechsel kompromisslos. Taiwan und Südkorea führen rigorose Kontrollen bei allen Flugpassagieren aus der betroffenen chinesischen Region durch.

Europa ist früh und detailliert informiert. Doch vorerst erfolgt keine Reaktion. Auch in der Schweiz nicht.

In der Berner Bäckerei hat Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga noch gefragt: »Aber was ist das eigentlich: ein gutes Jahr?« Und gleich selbst geantwortet: »Wenn uns und unseren Liebsten nichts Schlimmes passiert, wenn wir gesund sind und glücklich.«

Donnerstag, 2. Januar, bis Montag, 20. Januar
+ + + ALLES FÄHRT SKI + + + EIN AUGENARZT WARNT + + + DIE GENFER GEHEIMSTRATEGIE + + +

Im Land mit einer der gesündesten und glücklichsten Bevölkerungen weltweit geniessen die Menschen zum Jahresanfang Sonne und Schnee. Das Gedränge in den Bergbahnen ist gross, die Unbeschwertheit ebenso.

Sommarugas Parteikollege im Bundesrat macht gerade Skiferien im Wallis, als auch in Schweizer Medien vermehrt kurze Meldungen über eine »mysteriöse Lungenkrankheit« auftauchen. Alain Berset erinnert sich, wie er am 5. oder 6. Januar einen Zeitungsartikel über ein Virus in China gelesen hat: »Das schien mir sehr weit weg. Ich habe der Sache keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Viren tauchen auf der Welt regelmässig auf.«

Erst viel später wird dem Gesundheitsminister bewusst werden, dass er in den Walliser Bergen zum ersten Mal von etwas gehört hat, das ihn monatelang beschäftigen wird. Tag und Nacht.

Nach Ferienende erwartet Berset ein arbeitsintensives Jahr, er will die Reformen der AHV und im Gesundheitswesen endlich vorwärtsbringen.

NOCH IST AUS WUHAN kein Todesfall bekannt. Allerdings klagen dort immer mehr Menschen über trockenen Husten, Fieber, Atemnot. Chinesische Forscher haben die Ursache entdeckt: ein neues Virus, eine aggressivere Spielart altbekannter, vielfach harmloser Coronaviren, die wegen ihrer krönchenartigen Fortsätze nach einer Krone benannt sind.

Die WHO reagiert zurückhaltend. Sie lässt am 6. Januar nur verlauten, sie beobachte die Situation. Für Reisende seien »keine besonderen Vorkehrungen« notwendig, entwarnt sie. Dabei weiss man an der Avenue Appia 20 in Genf noch herzlich wenig über den eben entdeckten Erreger. In einer internen Sitzung beschweren sich in der Neujahrswoche Epidemiologen der Weltgesundheitsorganisation, dass die Volksrepublik China nicht genügend gute Daten teile. »Es liegen uns nur sehr minimale Informationen vor«, beklagt sich die Amerikanerin Maria Van Kerkhove, die die technische Leitung in der Virusabwehr übernimmt. »Es ist klar nicht genug für uns, um sauber zu planen.«

IN WUHAN wird ein Augenarzt namens Li Wenliang in ein Sicherheitsbüro zitiert. Dort wirft man ihm vor, er habe falsche Gerüchte verbreitet.

Der 33-jährige Mediziner am Zentralspital der Elf-Millionen-Metropole hat bereits am 30. Dezember frühere Studienkollegen vor einem möglichen neuen Sars-Ausbruch gewarnt: Sie sollten sich und ihre Angehörigen gut schützen. Seine Zeilen aus dem privaten Chat finden schnell den Weg ins Internet und lassen sich nun nicht mehr zensieren.

Im Sicherheitsbüro wird der Augenspezialist gezwungen, ein Dokument zu unterzeichnen, in dem er zugibt, »falsche Bemerkungen« gemacht und »die soziale Ordnung gestört zu haben«. Li Wenliang verpflichtet sich, nicht weiter über die Krankheit zu sprechen, doch daran hält er sich nicht.

AM 10. JANUAR erhält Laurent Kaiser, Chefarzt am Nationalen Referenzzentrum für neu auftretende Virusinfektionen am Universitätsspital Genf, die volle genetische Sequenz des neuen Virus. Die chinesischen Kollegen haben die Erbinformationen mit führenden Labors weltweit geteilt. Sechs Tage später haben der Professor aus Genf und sein Team einen funktionierenden Test entwickelt, einen der ersten weltweit.

IN DER ZWISCHENZEIT sind aus Asien beunruhigende Nachrichten eingetroffen. Am 11. Januar, es ist ein Samstag, meldet Wuhan den ersten offiziellen Toten, einen Besucher des Fischmarkts, auf dem das Virus wenige Wochen zuvor zum ersten Mal aufgetaucht war. Der 61-jährige Mann kam mit Atembeschwerden und einer schweren Lungenentzündung ins Spital. Er starb, weil sein Herz versagte.

NUN BERICHTEN SCHWEIZER MEDIEN regelmässig über das »neuartige Coronavirus«. Beunruhigt ist aber kaum jemand. »Das sieht zurzeit wohl nicht so aus, als ob wir uns grosse Sorgen machen müssen«, sagt SRF-Experte Gerald Tippelmann in der »Tagesschau am Mittag« zur Todesnachricht aus China. Erst bei Übertragungen von Mensch zu Mensch bestünde Grund dazu.

Mit dieser Einschätzung ist der Gesundheitsfachmann des Fernsehsenders in bester Gesellschaft. Die Weltgesundheitsorganisation verbreitet einen verhängnisvollen Tweet: »Vorläufige Untersuchungen von den chinesischen Behörden haben keinen klaren Beweis ergeben, dass sich das neue Coronavirus zwischen Menschen überträgt.« An einer Pressekonferenz in Genf ergänzt die WHO, dass eine solche Übertragung zwar »immer eine Sorge« sei. Aber sie stützt China, das behauptet, alles sei unter Kontrolle.

AM SAMSTAG DER TODESNACHRICHT aus Wuhan diskutiert der Epidemiologe Marcel Salathé* elektronisch mit seinem Doktoranden Martin Müller über das wenige, was man aus Zentralchina von diesem Virus erfährt. Zu diesem Zeitpunkt ist Salathé ein über Fachkreise hinaus kaum bekannter Professor für digitale Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, der EPFL. Der 44-Jährige hat eine Methode entwickelt, mit der die Ausbreitung einer Krankheit dank sozialen Medien nachgezeichnet werden kann. Damit hat er unter Forschern Aufsehen erregt.

Salathé und sein Doktorand Müller entscheiden, das Coronavirus online zu verfolgen. Sie wollen Twitter-Nachrichten dazu tracken, also nachverfolgen.

AM SELBEN TAG, dem 11. Januar, tritt in den Schweizer Medien ein Experte auf, dessen Entscheide oder Äusserungen Marcel Salathé in den kommenden Monaten mehrfach scharf kritisieren wird. Ein gewisser Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt zur noch kaum erforschten Krankheit Auskunft. Der Arzt und frühere Rotkreuz-Koordinator hat dasselbe in den Monaten und Jahren zuvor zu anderen Fachthemen wie Zeckenstiche oder HIV getan. Trotzdem ist der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten im BAG für den Grossteil der Schweizer Bevölkerung Anfang 2020 ein Unbekannter.

Doch nun, am Anfang einer steilen Medienkarriere, macht er das, was zu dem Zeitpunkt viele tun. Und was er fortan oft tun wird: Er beruhigt. Die Situation lasse sich nicht mit Sars vergleichen, zeigt Koch sich überzeugt, die Kontrollen seien besser: »Seither haben die Chinesen die Überwachung stark hochgefahren.« Der hohe Schweizer Gesundheitsbeamte vertraut auf die Experten der Weltgesundheitsorganisation, deren Kommunikation mittlerweile verbessert sei: »Sie sind da drin, und die Kanäle funktionieren bestens.«

Wie Koch denken in Europa viele, dass man in Fernost nur wegen des Sars-Traumas so hektisch auf die neue Lungenkrankheit reagiere. Entsprechend entspannt gibt man sich im Januar noch. Nicht einmal von Reisen nach Wuhan rät Koch ab, als er zum ersten von unzähligen Malen öffentlich über das Virus spricht. So oft, dass er bald »Mister Corona« genannt wird. Es reiche, wenn man sich nach der Rückkehr beim Arzt melde, sollten Atemprobleme auftreten. Aber vollständige Entwarnung gibt auch er nicht. Vielmehr sagt Koch: »Man weiss momentan einfach noch zu wenig, um angemessen reagieren zu können.«

IN LAUSANNE an der EPFL hat Marcel Salathé im Eiltempo die Erlaubnis der internen Ethikkommission erhalten, die er und Doktorand Müller für das Sammeln von Personendaten brauchen. Am 13. Januar verfolgen die beiden auf ihrer Plattform Crowdbreaks.org, wie sich das neuartige Virus verbreitet. Zum Auftakt registriert ihre Software täglich nur ein paar Hundert Tweets. Dann geht es schnell. Die Zahl wächst exponentiell. Das Virus ist nun auch in Thailand, Japan, in Südkorea angekommen.

MITTE JANUAR informiert das Bundesamt für Gesundheit die Kantonsärztinnen und Kantonsärzte zwar über die aussergewöhnliche Häufung von Lungenentzündungen in China, verursacht durch ein bisher unbekanntes Coronavirus. Aber es schätzt das Risiko einer Einschleppung nach Europa als gering ein. Dabei stützt sich das Amt auf das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) mit Sitz im schwedischen Solna.

Die Europäer wiederum orientieren sich an der WHO, die China in der Anfangsphase für das Vorgehen bei der Eindämmung der Krankheit lobt. Was zu diesem Zeitpunkt nur die wenigsten wissen: Um die fragile Zusammenarbeit mit China nicht zu gefährden, kaschiert die internationale Gesundheitsorganisation in Genf, dass auch sie unzufrieden ist mit dem Fluss der Informationen aus Peking und Wuhan. Das Lob soll der WHO helfen, möglichst schnell möglichst viel zu erfahren. Das Problem dabei: Es wiegt die Welt in falscher Sicherheit. Auch die Schweiz.

Dienstag, 21. Januar, bis Donnerstag, 23. Januar
+ + + STAATSMÄNNER IM SCHNEE + + + »JEDEN TAG WELTUNTERGANG« + + + WUHAN MACHT DICHT + + + ALARM IN LIEBEFELD + + + HUSTEN IM HOTELZIMMER + + +

Die Weltelite reist ans Weltwirtschaftsforum (WEF). Alle sind zum Auftakt am 21. Januar in Davos, auch die Chinesen.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hält – trotz Amtsenthebungsverfahren – eine der Eröffnungsreden. Trump lobt Donald Trump und Donald Trumps Politik. Beispielsweise sei das Verhältnis zu China »besser denn je«, betont er. Das Virus erwähnt er mit keinem Wort.

Am selben Tag wird der erste Fall einer Corona-Infektion in den USA bestätigt. Noch ist nicht absehbar, dass die Vereinigten Staaten schnell zu einem der am schwersten betroffenen Länder werden. Vorerst weist einzig China Zahlen aus, die Besorgnis erregen könnten. Aber nicht bei Trump und offensichtlich auch nicht beim chinesischen Vizeministerpräsidenten, der in Davos kurz nach dem US-Präsidenten auftritt. Han Zheng singt ein Loblied auf die Globalisierung und die freien Märkte. »China wird sich der Welt weiter öffnen«, verspricht er und redet nicht über die Gesundheitskrise, die gerade grosse Gegenden in der Volksrepublik voll erfasst.

Dabei kommen aus Peking zum WEF-Auftakt beunruhigende Nachrichten. Chinas nationale Gesundheitskommission bestätigt erstmals, was zuvor verheimlicht wurde: dass sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt. Das ist es, was Fachleute weltweit fürchteten. Jetzt steht fest: Man muss definitiv nicht bei all den toten und lebendigen Fischen, Schlangen und Fledermäusen auf Märkten in Fernost gewesen sein, um sich anzustecken.

Präsident Xi Jinping, der nicht nach Davos gereist ist, sagt nun im Staatsfernsehen CCTV, das neue Virus müsse »ernst genommen werden«.

WENIGE STUNDEN vor dem Start des Forums in Davos hat die Reisegruppe aus Wuhan, in der sich das Coronavirus verbreitet, die Schweiz Richtung Paris verlassen. In der französischen Hauptstadt besorgen sich die erkrankte Mutter und ihre angesteckte Tochter am Tag des WEF-Auftakts Schutzmasken, die sie fortan meist tragen. All das wird eine minutiöse Rekonstruktion ihrer Reise durch die WHO ergeben, an der sich eine Woche später auch das Bundesamt für Gesundheit beteiligen wird.

Doch als das Weltwirtschaftsforum beginnt, hält das BAG das Risiko, dass das Virus nach Europa eingeschleppt werden könnte, weiterhin für gering – dies, obwohl es Direktflüge von Wuhan nach London, Rom und Paris gibt. Massnahmen bei der Einreise, wie sie Länder in Südostasien ergriffen, sind für das Schweizer Gesundheitsamt »im Moment nicht angezeigt«.

Das wäre aber sehr wohl angezeigt gewesen. Daran lassen spätere Analysen der frühen Corona-Ausbreitung keine Zweifel. Eine taiwanesische Airline annulliert in der WEF-Woche Flüge in die zentralchinesische Metropole, in der die Seuche wütet. Sie bleibt die Ausnahme.

DIE TEILNEHMER am WEF 2020 fürchten solche Massnahmen mehr als das Virus selber. Noch mehr gestrichene Flüge und andere harte Massnahmen würden den eben in den Eröffnungsreden gepriesenen Welthandel beeinträchtigen. Schlechte Nachrichten lassen die Aktienkurse bereits sinken, wenn auch erst wenig. Am Tag, als die Vertreter der beiden Supermächte ihre Auftaktreden in Davos halten, beklagt sich ein Börsenanalyst einer Schweizer Bank über den »viralen Stimmungskiller«.

Es wirkt wie Jammern auf hohem Niveau. Der Schweizer Index SMI ist in den Tagen zuvor über die Rekordmarke von 11 000 Punkten gestiegen.

DER EPIDEMIOLOGE Christian Althaus stösst, wie er später gern erzählt, am ersten WEF-Tag seine Wertpapiere ab. Althaus ist kein Finanzmarktspezialist, sondern an diesem 21. Januar ein Insider. Allerdings einer, der legal handelt.

Althaus leitet eine Forschungsgruppe am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Zusammen mit dem Postdoc Julien Riou hat er in diesen Tagen das Auftreten von Infektionen ausserhalb Chinas analysiert. Anhand von Virensequenzen kann er berechnen, wie schnell sich das Virus verbreitet. In diesem Fall: beunruhigend schnell.

Die Rechnung ist einfach. Jeder Infizierte steckt durchschnittlich etwa 2,2 andere Menschen an. Von Übertragung zu Übertragung braucht es sieben bis acht Tage. Somit verdoppelt sich die Zahl der Fälle jede Woche – das ist rasanter als bei Sars, das eher lokale Ausbrüche verursacht. Die Ausbreitung gleicht mehr der tödlichsten Pandemie der Neuzeit: der Spanischen Grippe vor mehr als hundert Jahren. Diese forderte schätzungsweise zwischen 20 und 50 Millionen Opfer.

An der Börse geht es abwärts.

ALAIN BERSET hat mit Donald Trump wenig gemeinsam. Aber eines verbindet den Schweizer Gesundheitsminister mit dem US-Präsidenten: Beide haben sich am gleichen Tag am gleichen Ort zum ersten Mal öffentlich zum Coronavirus geäussert, und zwar am 22. Januar, dem zweiten WEF-Tag, in Davos. Sogar die Absicht Bersets und Trumps scheint identisch: Beide wollen beruhigen. Das versuchen in jenen Wochen fast alle Spitzenpolitiker weltweit. Abgesehen davon könnten die Auftritte des Bundesrates aus dem Freiburger Vorort Belfaux und des Mister President aus dem New Yorker Stadtteil Queens unterschiedlicher kaum sein.

Trump, der Spontane und Unvorbereitete, wird in einem Fernsehinterview auf den ersten bestätigten Fall in Seattle angesprochen. »Gibt es zu diesem Zeitpunkt Sorgen über eine Pandemie?«, fragt der Journalist.

Trump: »Nein. Überhaupt nicht. Und … wir haben … wir haben alles unter Kontrolle. Es betrifft nur eine Person, die aus China kam, und wir haben alles unter Kontrolle. Es wird alles gut gehen.«

Der Interviewer ist sichtlich bemüht, dem US-Präsidenten etwas zum Virus zu entlocken. Ob man darauf vertrauen könne, dass China nichts vertusche, fragt der Journalist.

»Das tue ich. Das tue ich«, antwortet Trump, und schon schweift er ab: »Ich habe ein grossartiges Verhältnis zu Präsident Xi. Wir haben gerade den wahrscheinlich grössten Deal unterzeichnet, der je abgeschlossen wurde.«

Trump kann nicht wissen, dass das Virus eben noch in der Schweiz war. Und nun mit der Touristengruppe aus Wuhan in Paris angekommen ist. Dort fühlt sich inzwischen auch die Reiseführerin krank. Wie Mutter und Tochter, denen sie Europa zeigt, hustet die Chinesin. Zudem hat sie erhöhte Temperatur.

BUNDESRAT BERSET hinterlässt derweil in Sachen Corona in Davos einen deutlich informierteren und engagierteren Eindruck als Donald Trump. Doch das geht unter. Der Stargast aus dem Weissen Haus stiehlt allen die Show. Das Forum diskutiert heissere Themen als die Krankheit in China: die Top-Wirtschaftslage, den Klimawandel oder die von Trump angeordnete Tötung des iranischen Generals Qassim Soleimani.

Die ersten öffentlichen Äusserungen des Schweizer Gesundheitsministers zu Corona bleiben eine Randnotiz. Bersets Kernaussage: »Die Schweiz ist gut vorbereitet.« Der Bundesrat verweist vor allem auf das Epidemiengesetz, das er 2013 durch die Volksabstimmung gebracht hat. Die Bestimmungen sind für ihn »ein guter Handlungsrahmen«.

Bund und Kantone haben umfangreiche Pandemiepläne. Die Checklisten gehen bis ins kleinste Detail. Geregelt wird beispielsweise, wie die Notbetten in Turnhallen angeordnet werden oder wie man Tote ohne Infektionsgefahr bestattet.

Doch die Pläne werden sich nur bedingt als nützlich erweisen. Beim Bund sind die Planer von einem Grippevirus ausgegangen, wofür es keine spezifischen Tests und wenig Schutzmasken braucht. Versammlungsverbote und die Schliessung von Schulen haben sie zwar vorgesehen. Aber von einem Lockdown, wie er wenige Wochen später kommen wird, steht auf den 128 Seiten nichts.

Im Januar ist die Planung noch unbestritten. Auch der Epidemiologe Christian Althaus von der Universität Bern sagt in einem Interview, das Land sei gut gewappnet: »Der Bund hat einen Pandemieplan, die Schweiz ist mit ihrem Gesundheitssystem und den diagnostischen Möglichkeiten ausreichend vorbereitet.«

Alain Berset sitzt am WEF-Mittwoch auf einem Podium neben dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Ich kenne ihn gut«, sagt Berset. »Ich habe ihn gefragt, wie wir helfen können. Unser Land hat immer zum Kampf gegen neue Viren beigetragen. Ebola-Patienten zum Beispiel wurden in Genf behandelt.«

Mit dem bald allgegenwärtigen Thema Masken beschäftigt sich die Schweizer Öffentlichkeit, während das WEF läuft, noch kaum. Allerdings kaufen Touristen aus Asien bereits die Apotheken leer.

Die Schweiz hat die Pflichtlager an Hygienemasken aufgehoben, das weiss Alain Berset bestens. Hauptverantwortlich für Beschaffung und Verteilung des Schutzmaterials sind die Kantone. Einrichtungen wie Altersheime und Spitäler müssen sich selbst mit allem eindecken, was sie brauchen – und für den Notfall vorsorgen. Der Bund hat gemäss Berset in diesen Tagen bei den Kantonen nachgefragt, ob sie vorbereitet seien. Die Vorräte, das wird sich schon bald herausstellen, werden hinten und vorne nicht ausreichen.

DER WHO-NOTFALLAUSSCHUSS tagt an diesem Mittwoch in seinem ultramodernen Genfer Strategic Health Operation Center. Und am Donnerstag gleich nochmals. Es gibt keine Fenster, dafür riesige Bildschirme an den Wänden. Fast acht Stunden wird konferiert. Zugeschaltet sind Peking und Atlanta. Man ist jetzt im Krisenmodus. Das Virus ist inzwischen auch in Südkorea, Japan, Thailand und Singapur nachgewiesen worden. Man erwarte, so heisst es in einer Mitteilung zu den Notsitzungen, dass es auch in anderen Ländern auftauchen werde: Und die WHO warnt: »Alle Staaten müssen sich für die Eindämmung vorbereiten.«

FÜR ALAIN BERSET bleibt die Ankunft des Virus in der Schweiz vorerst ein eher hypothetisches Szenario. »Wir dachten damals noch nicht, dass es sich auf dem ganzen Planeten ausbreiten würde«, sagt er, als er während des Lockdown ans WEF zurückdenkt.

Nur die wenigsten machen sich am Weltwirtschaftsforum vertieft Gedanken zum Virus. Und die wenigsten thematisieren es wie der Schweizer Gesundheitsminister. Vielen scheint es eher lästig. Der Chefredaktor der »Schweiz am Wochenende«, Patrik Müller, ein Dauergast in Davos, titelt zum Abschluss des Forums: »Jeden Tag Weltuntergang – es nervt!« Im Kommentar tadelt Müller alle, die das Coronavirus (»weit weg, in China«) als globale Gefahr beschwören. Dabei passiert in Zentralchina gerade etwas, das es noch nie gab. Und das ist nur der Anfang.

IN WUHAN überschlagen sich am 23. Januar die Ereignisse. Um 10 Uhr lokale Zeit – 4 Uhr früh in der Schweiz – kappen die Behörden alle Verbindungswege der Stadt zur Aussenwelt. Der Zug- und Busbetrieb wird komplett eingestellt, der Flughafen muss dichtmachen, Strassensperren werden errichtet, die Häfen gesperrt. Die Provinz Hubei, deren Hauptstadt Wuhan ist, schliesst die Autobahnen.

50 Millionen Menschen sitzen in ihren Wohnungen fest.

WÄHREND WUHAN seinen Lockdown vollzieht, startet das Bundesamt für Gesundheit die »Eintrittssitzung« der Taskforce 2019-nCoV. 19 Fachleute sind von Anfang an dabei im Sitzungszimmer K1 auf dem modernen Campus Liebefeld. Dort, im Vorort von Bern, hat das BAG seinen Sitz. Daniel Koch und seine direkte Vorgesetzte Andrea Arz de Falco sind noch im Zentrum der Stadt im Generalsekretariat des Innendepartements und stossen später zur Sitzung der Taskforce.

Patrick Mathys, Chef der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit im BAG, übernimmt den Vorsitz. Der 50-Jährige wird gleich zum Auftakt sehr deutlich und sagt, »dass sich die Ereignisse überschlagen und stündlich ändern«.

Deshalb gibt es für die Taskforce viele »Herausforderungen«, wie das Protokoll preisgibt: Eruieren möglicher Massnahmen an Flughäfen, für Ärzte und Spitäler sowie rund um den Tourismus, für Veranstaltungen und auch für das internationale Genf. Ziemlich weit oben auf der Traktandenliste steht auch ein Thema, bei dem das BAG von Beginn weg für mehr Verwirrung als Klarheit sorgt: die Masken.

Noch am 23. Januar, dem Tag des Lockdown in Wuhan, wird Patrick Mathys von Radio SRF gefragt: »Bringen Masken etwas?« Seine Antwort: »Es kommt im Wesentlichen darauf an, dass solche Masken richtig getragen werden. Es trägt sicher dazu bei, eine Übertragung zu vermeiden. Vollständig vermeiden lässt sich eine Übertragung damit aber wohl nicht.«

Mathys äussert sich so positiv zum Thema Masken wie fortan lange kein Exponent des Bundes mehr.

AM TAG, an dem ihre Heimat sich abriegelt, geht es der Mutter, die bereits auf dem Flug von Wuhan nach Rom gehustet hat, und ihrer Tochter nicht besser. Sie rufen die chinesische Botschaft in Paris an. Dort rät man ihnen, die Rufnummer eines medizinischen Notfalldienstes zu wählen, der sich speziell mit dem neuen Virus beschäftigt. Der Verdacht, dass die beiden Chinesinnen an Corona erkrankt sind, liegt auf der Hand.

Nun kommt es zu einem folgenschweren Fehler: Als der Notfalldienst eine 24-Stunden-Ambulanz aufbietet, unterbleibt der Hinweis auf den Corona-Verdacht.

Ein nicht vorgewarnter Arzt des Notfalldienstes SOS 92 begibt sich – ohne jeglichen Schutz – in das Hotelzimmer der beiden erkrankten Chinesinnen. 20 Minuten ist er vor Ort, 15 Minuten dauert die eigentliche Untersuchung. Eine weitere Person aus der 30-köpfigen Gruppe aus Wuhan ist im Zimmer und übersetzt. Der Arzt diagnostiziert eine Erkältung. Tests erfolgen keine.

AM SELBEN DONNERSTAG, dem 23. Januar, kommen auch die kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren zusammen, zum ersten Mal in diesem Jahr.

»Die Krise stand auf der Traktandenliste«, erinnert sich die Waadtländer Staatsrätin Rebecca Ruiz. »Aber wir hatten keine Ahnung, wie gross sie war. Damals hatten wir nur wenige Informationen.«

Die 38-jährige SP-Politikerin sagt, sie habe den Ernst der Lage erst eine Woche später erkannt. Thierry Calandra, der Chef der Abteilung für infektiöse Krankheiten am Waadtländer Universitätsspital, orientiert die kantonale Gesundheitsdirektorin über die Krise und über den engen Austausch der Lausanner Ärzte mit den Kollegen in der Deutschschweiz, aber auch in China. »In diesem Moment«, erinnert sich Ruiz, »ist mir bewusst geworden, dass die Bedrohung für die Spezialisten – und damit auch für uns – wichtig ist.«

Zum Zeitpunkt des Lockdown in Wuhan vermittelt China nach wie vor den Eindruck, es habe alles unter Kontrolle. Es ist auch immer noch nicht eindeutig erwiesen, wie ansteckend das Virus ist. Thomas Steffen, Kantonsarzt und Leiter Medizinische Dienste des Kantons Basel-Stadt, sagt im Rückblick: »Wir haben in den letzten Jahren mehrere solcher Erreger erlebt, die alle keine solch gravierenden Folgen hatten in der Schweiz.«

Erst kam 2002 Sars, dann 2009/2010 die Schweinegrippe. Danach, 2013, das »Middle-East respiratory syndrome«, kurz Mers. Sars erreichte Europa gar nicht erst, Mers kaum. Beide Krankheiten hatten weltweit je weniger als 1000 Todesfälle zur Folge: An Sars starben 774, an Mers 866. Die Schweinegrippe forderte mehr Menschenleben, aber vielerorts auf der Welt gab es massive Kritik an übertriebenen und teuren Abwehrbemühungen – auch in der Schweiz. »In all diesen Fällen konnte das Virus den Umständen entsprechend mit den üblichen Massnahmen schnell wieder eingedämmt werden«, sagt Steffen. »Das war für unsere Einschätzung im Januar und Anfang Februar prägend.«

In ihrer ersten Sitzung im Jahr 2020 beschliessen die kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren keine konkreten Massnahmen, um Corona zu bekämpfen. Die Weltgesundheitsorganisation hingegen entscheidet sich am 23. Januar, eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite auszurufen.

DIE REISEGRUPPE AUS WUHAN plagen noch andere Sorgen. Am kommenden Abend sollte sie in Paris ins Flugzeug steigen und heimfliegen. Doch das geht nicht mehr, weil in und um Wuhan alle Flughäfen geschlossen wurden.

Freitag, 24. Januar
+ + + BESTENS VORBEREITET FÜR DEN SCHLIMMSTEN FALL + + + RUN AUF DIE MASKEN IN LUZERN + + +

»Für Europa besteht im Moment keine Gefahr oder eine sehr geringe Gefahr. Aber es ist sehr gut möglich, dass in nächster Zeit auch in Europa Fälle auftreten«, sagt Daniel Koch in einem Interview am 24. Januar, dem Tag nach dem Lockdown in Wuhan. Er ist dabei, als an jenem Freitag um 11 Uhr erstmals der Bundesstab Bevölkerungsschutz (BSTB) wegen Corona zusammentritt. Das zentrale Krisengremium der Eidgenossenschaft soll bei Erdbeben, Atomunfällen und grossen Stromausfällen zum Einsatz kommen – oder aber bei Pandemien.

Vorerst hält der Bundesstab aber nur Informationssitzungen ab, wie es in den Sitzungsprotokollen heisst. Dabei informieren sich die Stabsangehörigen aus verschiedenen Departementen gegenseitig. Fünf Wochen werden sie in diesem Informationsmodus verbleiben. Erst dann geht das Gremium in den Einsatzmodus über.

Von alldem soll die Bevölkerung nichts erfahren. »Das BAG strebt eine verhaltene Informationspolitik an«, heisst es im Protokoll der ersten Sitzung. Eine Medieninformation über die Treffen gibt es nicht.

Gleich zum Auftakt der ersten Sitzung beruhigt BAG-Direktor Pascal Strupler die mehreren Dutzend Vertreterinnen und Vertreter aus vielen Ämtern und Kantonen. Sein Amt habe die Lehren aus der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 gezogen, beteuert er. Man wähnt sich bestens vorbereitet, auch für den schlimmsten Fall.

In der Auftaktsitzung geht man das Thema Masken noch relativ gemächlich an. Vom drohenden Mangel ist noch nicht direkt die Rede. Betont wird im höchsten Corona-Gremium des Bundes, dass die Pflichtlager nur für das Sanitätspersonal reichen müssen, das sich um Verdachtsfälle und Erkrankte kümmert.

Nach dem Wochenende will das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) ein Informationsschreiben an die Spitäler verschicken: Man solle die Lager an Schutzmasken überprüfen.

»Verängstigte Bürger«, so steht im Protokoll, würden wegen Medienberichten bereits vermehrt Masken kaufen.

DAS PHÄNOMEN kennt die Chefapothekerin Ricarda Luzio bereits bestens. Luzern ist mit den vielen Reisenden aus Asien so etwas wie ein Frühwarnsystem. In der Apotheke der Klinik St. Anna, die jedermann offen steht, decken sich Touristen aus Fernost mit Masken ein. Und das nicht zu knapp. Auch Einheimische tun dies immer häufiger.

Bereits Ende Januar ist auch andernorts in der Schweiz kaum mehr Schutzmaterial erhältlich. Luzios Team ist verunsichert – und nimmt die Masken aus dem Sortiment. Die Versorgung der Klinik muss gewährleistet bleiben.

Dann bemerkt Luzio, dass zwei Pharmaassistentinnen versuchen, Masken via Grossisten für den Privatgebrauch zu bestellen. Sie wollen im Februar nach Asien in die Ferien verreisen. Ricarda Luzio beruhigt ihre Mitarbeiterinnen. Es bestehe kein Grund zur Panik, findet sie noch immer. Das Coronavirus sei vergleichsweise harmlos. Die Spitalleitung ermahnt die Belegschaft, sparsam mit den Masken umzugehen. Sie seien ausschliesslich für den spitalinternen Gebrauch gedacht.

Das alles trägt dazu bei, dass die Pharmazeutin Luzio schliesslich erkennt: Sie kann das Virus nicht länger kleinreden. Sie braucht eine Strategie bezüglich Masken. Überhaupt eine Strategie. Und zwar schnell. Wie prekär die Lage mit dem Schutzmaterial bereits ist, zeigen ihr Ende Januar drei Tuberkulosefälle. Um die drei isolierten Erkrankten zu behandeln, braucht ihr Spital dringend Masken, Brillen und Schutzkleider. Isolationsmaterial eben. Für diese drei Patienten reicht es noch, doch die Chefapothekerin merkt: Gäbe es Corona-Fälle in der Schweiz, in Luzern, in ihrer Klinik, bräuchte sie noch mehr, viel mehr.

Ricarda Luzio sucht das Gespräch mit einem Mitglied der Geschäftsleitung. Die beiden entscheiden, im Spital ein eigenes, vorerst kleines Pandemielager aufzubauen. Luzio fühlt sich unterstützt – und doch belächelt. »Ich glaube nicht, dass die Geschäftsleitung den Ernst der Lage damals erkannte«, sagt sie. »Sie dachten wohl eher, das sei mal wieder typisch Apothekerin.« Doch da steckt sie bereits mitten in der »Corona-Logistik«, wie Luzio es nennt.

VON ÄHNLICHER AKTIVITÄT ist in der ersten Sitzung des Bundesstabs Bevölkerungsschutz zu Corona noch wenig zu spüren. Man wähnt sich recht gut gewappnet. Ein Vertreter des Bundesamts für Gesundheit referiert, dass man mit einer Häufung von Tests rechne, insbesondere weil auch die Grippesaison begonnen habe. »Die Schweiz ist allerdings für einen solchen Fall vorbereitet«, versichert er. Das BAG sei »überzeugt«, dass im nationalen Referenzlabor in Genf »genügend Kapazitäten vorhanden« seien, um die Tests auszuwerten. Das stimmt für den Moment – doch es ist trotzdem eine fatale Fehlannahme, wie sich bald zeigen wird. Schon kurz nach Ausbruch der Pandemie wird das Material knapp. Nicht mehr alle Verdachtsfälle können getestet werden.

Samstag, 25. Januar
+ + + CORONA FLIEGT HIN UND HER + + + »HOT TOPIC« IN GRINDELWALD + + + MARCEL SALATHÉ WIRD NERVÖS + + + DAS JAHR DER RATTE BEGINNT SCHLECHT + + +

Wuhan ist zwar dicht, doch das Virus fliegt zwischen Asien und Europa hin und her. Die Reisegruppe aus Wuhan hat Plätze für einen Nachtflug nach Guangzhou ergattert, wo sie früh am 25. Januar landet. Von dort aus wären es noch nicht ganz 1000 Kilometer in die seit knapp zwei Tagen abgeschottete Heimatstadt, immer nordwärts.

Das Virus ist da aber schon wieder in der Gegenrichtung unterwegs. Von Asien nach Europa, ja in die Schweiz: Ein Engländer namens Steve Walsh ist von Singapur aus, mit einem kurzen Zwischenstopp in London, nach Genf geflogen. Zuvor hat er sich im Stadtstaat angesteckt, an einer Konferenz im Hotel Grand Hyatt. Davon bemerkt er nichts, als er in die Ferien in die Alpen unterwegs ist.

Der Fall des 53-Jährigen aus dem südenglischen Brighton wird später ebenso minutiös rekonstruiert wie jener der Reisegruppe aus Wuhan. Durch die Analysen erfährt die Wissenschaft mehr über die rätselhafte Krankheit. Ein schlimmer Verdacht wird sich erhärten: Auch Personen ohne oder mit nur leichten Krankheitssymptomen geben das Virus weiter. Das erschwert die Eindämmung ungemein.

Steve Walsh, der Passagier aus Singapur, reist vom Genfer Flughafen 84 Kilometer weiter nach Saint-Gervais im Mont-Blanc-Gebiet. Im französischen Skiort verbringt er den Abend mit Freunden. Erst jetzt spürt er sehr milde erste Krankheitszeichen. Seine Ferien mag er nicht abbrechen.

Zu diesem Zeitpunkt weiss noch niemand genau, wie sich das Virus verbreitet: höchstwahrscheinlich über Tröpfchen, die insbesondere mit Husten oder Niesen bis zu zwei Meter durch die Luft fliegen. Befürchtet werden auch Schmierinfektionen, zum Beispiel über Türfallen oder Haltegriffe im öffentlichen Verkehr. Deshalb wird bald schon fleissig desinfiziert, aber diese Art der Übertragung wird sich mit der Zeit als selten herausstellen. Stattdessen kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Aerosole gefährlich sind. Minipartikel, die nicht wie beim Husten oder Niesen ausgestossene Tröpfchen rasch zu Boden sinken, sondern länger in der Luft schweben. Erst recht in geschlossenen Räumen in der Luft. Dadurch sind insbesondere alle gefährdet, die mit Infizierten unter demselben Dach leben.

So wie Steve Walsh’ Freunde, mit denen er ab dem 25. Januar im französischen Skigebiet Les Contamines ein Chalet teilt und dort, aber auch unterwegs, innert weniger Stunden höchstwahrscheinlich elf andere Briten ansteckt.

EBENFALLS IN DIE BERGE gereist ist am 25. Januar Daniel Koch, er allerdings nur bis Grindelwald. Am Fuss des Eigers versammeln sich Schweizer Fachleute in Virenkunde und auch ein paar internationale Koryphäen zum alljährlich stattfindenden Kongress »Challenge in Virology«. Er findet im Hotel Sunstar statt, einem überdimensionierten Chalet. Eigentlich hätte Daniel Koch Ferien gehabt, aber dafür bleibt jetzt keine Zeit. »Es war klar, dass das die Gelegenheit ist, um über das neue Virus zu reden«, sagt Daniel Koch.

Pünktlich zur Veranstaltung in Grindelwald ist aus Genf eine Schocknachricht gekommen. Die WHO beschreibt in einem Situationsbericht ein Szenario, das sie unbedingt verhindern wollte: Vietnam hat jetzt eine Infizierung mit dem Coronavirus bei einem Mann bestätigt, der zuvor nicht in China war.

Was ebenso geahnt wie befürchtet wurde, ist nun eine Tatsache: Das Virus verbreitet sich selbständig ausserhalb Wuhans. Damit ist Sars-CoV-2 entscheidend gefährlicher als andere Viren wie zum Beispiel Mers.

Und wie reagiert die Schweiz? Das Bundesamt für Gesundheit beobachtet, wie es selber sagt, die Situation aufmerksam. Seine vorerst einzige ersichtliche Reaktion bleibt das Aufschalten von Informationen zum Ausbruch in China auf seiner Website.

In Grindelwald an der »Challenge in Virology« werden die Teilnehmer willkommen geheissen von jenem Laurent Kaiser, der bereits vor über einer Woche einen Test für das neue Virus entwickelt hat. Er gehört zu den Organisatoren, die kurzfristig ein »hot topic« ins Programm aufgenommen haben. Zuerst präsentiert deshalb die Leiterin des Zentrums für neu auftretende Viruserkrankungen an der Universität Genf, Isabella Eckerle, den Forschungsstand zum Coronavirus. Es sei »hochansteckend und schwer einzudämmen« und könne gigantische wirtschaftliche Schäden anrichten. Es sei Zeit zum Handeln.

Für Daniel Koch und seine »Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit« sind ganz am Schluss des Kongresses zehn Minuten vorgesehen. Die anschliessende Diskussion verlagert sich schnell ans Buffet. Dresscode: casual.

AN DER EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, beginnen am 25. Januar die »Applied Machine Learning Days«. Fünf Tage, 60 Veranstaltungen und Vorträge über maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz. Das Budget beläuft sich auf über eine Million Franken. Finanziert wird es von Sponsoren wie den Schweizer Unternehmensriesen Swiss Re, Roche oder Novartis und Techgiganten wie Google und Microsoft. Angekündigt sind »Top-Referenten aus der ganzen Welt«. Mehr als 2000 Teilnehmer, ein Dutzend aus China.

Für Marcel Salathé, den Professor für digitale Epidemiologie, ist der Anlass der frühe Höhepunkt des Jahres. Er verfolgt aber schon seit zwei Wochen mit seinem Twitter-Tracking, wie sich das Virus in der Welt ausbreitet. Mit zunehmender Sorge. Er fürchtet, dass jemand das Coronavirus einschleppt.

Doch eine Absage der Grossveranstaltung in letzter Minute kommt nicht infrage, das verstünde niemand. Es wäre zu diesem Zeitpunkt »übervorsichtig« gewesen, sagt Salathé. Und zudem ein halbes Jahr Vorbereitung für die Katz.

So treffen an diesem Samstagmorgen Gäste aus aller Welt im riesigen SwissTech Convention Center ein. Die Vorfreude ist gross, doch das ungute Gefühl beim Gastgeber wächst. Was, wenn ausgerechnet die Konferenz der Anlass wäre, der das neue Virus in die Schweiz bringen und dann via Europa über den ganzen Globus verteilen würde? »Superspreading Event« heisst das im Fachjargon. Das Risiko ist klein, das weiss der 44-Jährige, aber als Epidemiologe stünde er wirklich schlecht da. Vielleicht würde es sogar das Ende seiner Karriere bedeuten. Das ungute Gefühl nimmt während der ersten Vortragsrunde überhand.

Marcel Salathé will Masken kaufen. Aber die Apotheke auf dem Campus hat keine mehr. Bleibt nur der Online-Handel. Die ersten Sessionen sind kaum zu Ende, da hat er die Bestellung schon abgeschickt: drei Mal 20 FFP3-Masken, das sind die sichersten. Die 60 Stück kosten 106 Franken, was sich als Schnäppchenpreis erweisen wird. Bald wird ein Vielfaches verlangt. So viel, dass die Polizei in mehreren Kantonen gegen Wucherer ermitteln wird, die aus der Krise Kapital schlagen wollen. Glücklich wird sich dann schätzen, wer überhaupt noch Schutzmaterial in einigermassen guter Qualität bekommt – und werde er dabei übers Ohr gehauen. Die Lieferfristen sind auch bei seriösen Anbietern extrem lang.

Die 60 Masken sollen in drei bis fünf Tagen bei Salathé ankommen, selbst im besten Fall also erst gegen Ende des Kongresses. Und ausreichen würden sie sowieso nur für ihn und seine engsten Mitarbeiter. Seine Sorgen ist der Professor also nicht los.

IN ASIEN ist das Jahr des Schweins zu Ende gegangen. Das Jahr der Ratte hat begonnen. Am chinesischen Neujahrstag, dem 25. Januar, trifft die Reiseführerin der Gruppe aus Wuhan in Taiwan ein. Die 55-Jährige stammt von dort. In Taipeh werden Einreisende bereits seit Ende Dezember streng kontrolliert. Südkorea schickt bereits seit der ersten Januarwoche alle Personen in Quarantäne, die aus der Provinz Hubei einreisen.

In der Schweiz gibt es nach wie vor keine ähnlichen Massnahmen. Immerhin rät der Bund ab jetzt von Reisen in die Gegend um Wuhan ab, die seit dem Lockdown, eine halbe Woche früher, ohnehin unerreichbar ist. Für das übrige China mahnen die Schweizer Behörden zu Vorsicht.

Am Flughafen in Taipeh erzählt die Reiseführerin den Gesundheitsbehörden, dass sie seit vier Tagen Husten hat. Umgehend wird sie in ein Krankenhaus gebracht, das auf Corona-Verdachtsfälle spezialisiert ist. Sie wird getestet.

Sonntag, 26. Januar
+ + + DIE WELT BLICKT STAUNEND NACH WUHAN + + + PATRICK MATHYS WARNT + + +

Am Sonntag, 26. Januar, liegt das Resultat vor. Die Reiseführerin ist Sars-CoV-2-positiv. Obwohl ihr die Krankheit nicht schwer zusetzt, muss sie über zwei Wochen im Spital bleiben. Taiwan setzt auf konsequente Isolation und kann die Krankheit so gut eindämmen.

In China fühlen sich am Tag nach der Rückkehr zwei weitere Teilnehmerinnen der Reisegruppe, die zu Wochenbeginn noch in der Schweiz war, erstmals unwohl – eine davon ist die Frau, die im Pariser Hotelzimmer zwischen dem lokalen Arzt und der erkrankten Mutter und Tochter übersetzt hat. Die zweite Frau bekommt kurz darauf Durchfall, Husten, Fieber und sogar Lähmungserscheinungen im Gesicht. Jetzt sind es schon fünf Erkrankte aus der Gruppe.

China befinde sich in einer »ernsten Lage«, sagt Präsident Xi Jinping am 26. Januar. Alle Ebenen von Partei und Regierung müssten dem Kampf gegen das Virus »höchste Priorität« einräumen, mahnt er.

In Wuhan werden wegen Corona gleich zwei Spitäler aus dem Boden gestampft. Die Welt staunt, dass diese schon in zehn Tagen 1000 Coronapatienten aufnehmen sollen.

DIE SORGEN WACHSEN. Nun auch in Bern. »Die Folgen der Krankheit, verursacht durch das Coronavirus, darf man auf keinen Fall unterschätzen«, warnt Kochs Stellvertreter Patrick Mathys am 26. Januar in einem Interview. »Das Risiko einer Ansteckung in der Schweiz ist unmittelbar noch gering. Was sich allerdings im schlimmsten Fall rasch ändern kann. Das Virus hält sich bei der Reisetätigkeit nicht an Grenzen und Kontinente. Die Dynamik des Virus ist gegenwärtig eher beunruhigend.«

Montag, 27. Januar
+ + + WUNDERMITTEL IM EINSATZ + + + NOTFALL IN LAUSANNE + + + SCHLECHT INFORMIERTER »MISTER CORONA« + + + LI WENLIANG MISSACHTET EIN VERBOT + + +

In Taiwan ist die erkrankte Reiseführerin sofort und intensiv zu ihren Kontakten und Bewegungen in den vergangenen Tagen und Wochen befragt worden. Auch zu ihrem Aufenthalt in der Schweiz. Spezialisten in Fernost beginnen, die Reise des Coronavirus im Car durch Italien, im Zug über den Brünig und in der Pariser Metro zu rekonstruieren. Über soziale Medien wird hierfür der Rest der Gruppe kontaktiert.

Taiwan setzt neben den rigorosen Kontrollen und Flugverboten auf eine Methode, die das breite Publikum im Rest der Welt erst kennen lernen wird: auf Contact-Tracing, das Rückverfolgen der Infektionsketten. Dank der Methode können gefährliche Krankheiten in Schach gehalten werden. Wichtig ist nur, dass sie schnell und möglichst grossflächig angewendet wird.

In Taiwan gibt es staatliche »Centers for Disease Control«. Man hat hier schmerzliche Erfahrungen mit Infektionskrankheiten gesammelt. Sars breitete sich 2003 von China und Hongkong auf den Inselstaat aus. Die Republik ist spätestens seither gewappnet für Katastrophen wie jene, die sich nun anbahnt – und von Taiwan weitgehend erfolgreich abgewehrt wird. Wie das Land dies bewerkstelligt, beobachten nun Fachleute weltweit. Auch in Bern.

AM TAG nach dem positiven Testresultat bei der Reiseführerin, am Montag, dem 27. Januar, informieren die taiwanesischen Spezialisten die Kollegen vom BAG über den Fall und ihre Erkenntnisse. Am selben Tag tritt im Campus Liebefeld die Taskforce 2019-nCoV zusammen.

Nach der Begrüssung durch Patrick Mathys kommen die Gesundheitsbeamten unmittelbar auf das »entry system« zu sprechen. Auf die Gesundheitskontrollen bei Einreisenden, die Taiwan längst aufgezogen hat. Vier Wochen nach der Einführung von Massnahmen wie Fiebermessen bei Fluggästen in Fernost will die BAG-Taskforce aber nichts Ähnliches in Angriff nehmen. In ihrem »Protokoll Krisensitzungen« hält sie fest, dass an schweizerischen Flughäfen – wie an den europäischen auch – »im Moment kein Entry-Screening nötig« sei.

DIE SCHWEIZ lässt sich vorerst also nicht von den taiwanesischen Massnahmen inspirieren. Erst fünf Monate später beginnt der Bund damit, Einreisende zu kontrollieren – aus einem einzigen Land: Schweden.

Passiert da in der Schweiz im Januar gerade ein gravierender Fehler? Jedenfalls werden sich in Taiwan mit seinen 23 Millionen Einwohnern in einem halben Jahr nur rund 50 Menschen mit dem Virus anstecken, rund 350 weitere reisen bereits infiziert ein. Gerade mal sieben Personen sterben. Einen Lockdown braucht es nicht.

Der Inselstaat Taiwan hat es in der Seuchenabwehr einfacher als ein Binnenland wie die Schweiz. Zudem befolgt die Bevölkerung die Vorschriften ihrer Regierung zur Seucheneindämmung gut, auch weil die Sars-Erfahrung vielen in den Knochen steckt. Und China ist nah. Wer nach Taiwan einreisen will, muss zwei Wochen in Quarantäne. Eine App auf dem Handy hilft schon bald, zu kontrollieren, ob Eingereiste auch tatsächlich daheimbleiben. Ausschalten bringt nichts. Selbst wenn nur der Akku leer ist, steht die Polizei bald vor der Tür.

Andere taiwanesische Massnahmen wie eine strikte Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln werden viele Staaten ebenfalls einführen, allerdings teilweise erst nach Wochen oder gar Monaten. Auch hier wird die Schweiz lange nicht mitziehen.

Um das Coronavirus einzudämmen, setzen die Schweizer Behörden anfangs praktisch ausschliesslich auf Contact-Tracing. Das Bundesamt für Gesundheit schaltet nun die Zuger, Luzerner und Berner Kantonsärzte ein. In deren Gebieten war die 30-köpfige Reisegruppe aus Wuhan unterwegs.

AM TAG, an dem die Schweizer Gesundheitsbehörden – noch durchaus zuversichtlich – das erste grosse Corona-Contact-Tracing starten, macht das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), was es drei Tage zuvor in der geheim gehaltenen ersten Bundesstab-Sitzung angekündigt hat: Es verschickt ein Rundschreiben. Darin empfiehlt es den Spitälern, ihre Bestände an Hygiene- und Atemschutzmasken zu überprüfen und gegebenenfalls aufzustocken.

Das BWL, angesiedelt in Guy Parmelins Wirtschaftsdepartement, hat Lehren aus der Sars-Epidemie gezogen. Nun gibt es diese weiter: In den Jahren 2002 und 2003 sei die Versorgung mit Schutzmaterial rasch zum Erliegen gekommen, da China einer der wichtigsten Lieferanten sei. Das Amt schreibt, das könne nun wieder eintreffen, und zwar selbst dann, wenn Europa und die Schweiz nur marginal vom neuen Virus betroffen sein sollten.

DOCH FÜHRENDE VERSANDHÄNDLER in der Schweiz verkaufen nun, Ende Januar, ein Vielfaches an Desinfektionsmitteln und Schutzmasken. Viele Privatpersonen haben bereits vorgesorgt – wie Marcel Salathé.

Tatsächlich passiert genau auf dem Höhepunkt seines Kongresses, den »Applied Machine Learning Days«, etwas Beängstigendes. Es ist der Montag, 27. Januar, kurz nach 22 Uhr. Geheimdienst-Whistleblower und IT-Sicherheitsexperte Edward Snowden, aus Moskau als Stargast zugeschaltet, hat gerade über Risiken der künstlichen Intelligenz gesprochen. 1200 Leute sind im Saal. Marcel Salathé geht kurz raus in die Winternacht, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Da sieht er eine Ambulanz mit Blaulicht. Viel zu erkennen ist nicht. Schnell kursieren Gerüchte. Mehrere Kongressteilnehmer seien erkrankt. Das stellt sich als wahr heraus. 30 Personen hat es erwischt.

Ist es das neue Virus? – Nein. Wahrscheinlich ein Durchfallerreger, nicht allzu ernst. Kein Coronavirus an den »Applied Machine Learning Days« – Marcel Salathé wird also nicht zum grössten Pechvogel unter den Epidemiologen der Welt.

Der Schock sitzt trotzdem tief in Lausanne. Die EPFL-Führung weiss natürlich, wie leicht sich ein Virus in einem international vernetzten Betrieb verbreiten könnte. Und sie gehört zu den Ersten in der Schweiz, die nun handeln.

DAS NEUE VIRUS sei weniger dramatisch als jene Viren früherer Epidemien, etwa Sars, behauptet Daniel Koch noch am 27. Januar in den Medien. Es sei nicht mit schweren Krankheitsverläufen verbunden, sondern äussere sich mit Symptomen wie Husten, Niesen und laufender Nase. Der künftige »Mister Corona« ist noch schlecht über Corona informiert. Tatsächlich ist nur Husten häufig, Niesen und laufende Nase jedoch nicht. Dafür ist das neue Virus sehr wohl mit schweren Krankheitsverläufen verbunden, wie etwa Lungenentzündungen.

Mehr über die Krankheit erfahren hat ein anderer Arzt, und zwar am eigenen Leib. Der Augenarzt Li Wenliang, der als einer der Ersten vor dem Virus gewarnt hat, ist inzwischen wieder dort, wo er arbeitet, aber als Patient: im Zentralspital in Wuhan. Er liegt auf der Intensivstation, isoliert.

Er hatte Anfang Januar einen Verkäufer vom Fischmarkt behandelt. Der Patient war hochinfektiös, aber das stellte sich erst heraus, als mehrere Kontaktpersonen Fieber und Husten bekamen.

Nun geht es Li Wenliang so schlecht, dass er beatmet werden muss – aber er will weiterhin über die Krankheit aufklären. Da er kaum mehr sprechen kann, tauscht er sich am 27. Januar via Chatnachrichten mit einer chinesischen Zeitung aus – das Verbot der lokalen Sicherheitsbehörden ignoriert der Todgeweihte.

Dienstag, 28. Januar
+ + + EIN NOTFALLARZT BEKOMMT FIEBER + + + 35 WENIG ÜBERZEUGENDE MINUTEN + + + ASTRONAUTEN IN STEINHAUSEN + + +

Am 28. Januar fühlt sich jener Pariser Notfallarzt schwach, der fünf Tage zuvor in einem Hotelzimmer bei den zwei Touristinnen aus Wuhan, die durch die Schweiz gereist waren, eine Erkältung diagnostizierte. Er hat Kopfschmerzen, und seine Körpertemperatur ist auf 38 Grad gestiegen. Sofort begibt er sich in ein Spital, das Corona-Verdachtsfälle behandelt. Dort bekommt er die Bestätigung: Er ist am Virus erkrankt.

Über die Infektion werden auch die Schweizer Gesundheitsbehörden rasch informiert. Im BAG und bei den Kantonsärzten in Zug, Luzern und Bern weiss man nun: Hätten die erkrankte Mutter und Tochter statt in Paris ein paar Tage früher in der Schweiz eine Notrufnummer gewählt, hätte sich eine Ärztin oder ein Arzt in Sursee, Luzern oder Interlaken mit dem Coronavirus infizieren können.

WÄHREND DIE CONTACT-TRACER in den Kantonen nun unter Hochdruck nach Personen suchen, die mit der Gruppe aus Wuhan in Kontakt standen, kommt es in Bern zu einer weiteren Corona-Premiere: die erste von vielen Medienkonferenzen in der Schweiz zum Thema. Sie dauert, Fragerunde inklusive, gerade einmal 35 Minuten. Doch die knappe Zeit reicht für mehrere falsche Angaben und amtliche Fehleinschätzungen.

Patrick Mathys verkündet vom Podium im Medienzentrum des Bundes die »einzige gute Nachricht« dieses Morgens. Er, der Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit im BAG, behauptet, dass alle bekannten Ansteckungen mit dem neuen Virus in China stattgefunden hätten. Doch das fliegt ihm sogleich um die Ohren.

Christian Althaus, der den Auftritt der Spezialisten des Bundes gebannt verfolgt, reagiert schnell, wie schon bei seinem Aktienverkauf eine Woche zuvor. »Leider falsch«, schreibt der Berner Epidemiologe noch während der Pressekonferenz auf Twitter. Minuten später setzt Althaus einen zweiten Tweet ab: »Erschreckend, wie schlecht Patrick Mathys vom @BAG_OFSP_UFSP informiert ist. Die @WHO hat bereits am 24. Januar eine Sekundärinfektion in Vietnam bestätigt. Weitere Fälle in Deutschland und Japan.«

Die beiden scharfen Tweets lösen vorerst wenig Echo aus. Eine Handvoll Fachkollegen retweeten oder liken sie, darunter Marcel Salathé oder der Basler Forscher Richard Neher. Und doch ist am 28. Januar kurz nach 11 Uhr, fast unbemerkt, ein Konflikt ausgebrochen, der die Bekämpfung der Seuche in der Schweiz nachhaltig beeinflussen und auch beeinträchtigen wird. Der Kleinkrieg zwischen den eher jungen Wissenschaftlern und den eher älteren Fachleuten des BAG wird fortan intensiv und oft öffentlich ausgetragen. Just in einer Zeit, in der Wissenschaftler und Behörden Hand in Hand arbeiten sollten. Und der Streit wird in einer Personalisierung ausgetragen, die eigentlich niemand will.

Die Vertreter des Bundes agieren von der ersten Minute an aus der Defensive. Denn Althaus’ Tweet ist inhaltlich so korrekt wie Mathys’ Aussage falsch. Die Weltgesundheitsorganisation hat bereits vier Tage vor der Medienkonferenz tatsächlich über die Ansteckung eines Vietnamesen informiert, der sich nicht in China aufgehalten hatte. Zudem ist relativ kurz vor der Konferenz die Erkrankung eines Mitarbeiters des deutschen Autozulieferers Webasto bekannt geworden, der durch eine Frau aus China geschult und dabei angesteckt worden war – in Stockdorf bei München, keine zwei Stunden Autofahrt von der Schweiz entfernt. Parallel geht die Nachricht einer bestätigten Infizierung in Japan um den Globus. Dort hat es einen Buschauffeur erwischt, der eine Reisegruppe aus Wuhan durch das Land der aufgehenden Sonne fuhr.

Mathys hat von diesen Fällen keine Kenntnis, wie er an der Medienkonferenz einräumt.

Ein Journalist merkt an, dass Schutzmasken in Apotheken zum Teil bereits ausverkauft seien, und möchte wissen, ob es hier zu Engpässen kommen könnte. Daniel Koch antwortet. Der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG erklärt, man verfüge eigentlich über ein sehr grosses Lager. Leider sei bei vielen dieser Masken das Verfallsdatum abgelaufen, oder sie hielten nicht mehr lange. Nun werde geprüft, ob das Schutzmaterial doch noch verwendet werden könne. Das Verteidigungsdepartement liefert dann tatsächlich 13,5 Millionen Masken aus einem alten Bestand an die Detailhändler aus. Später muss es sie zurückrufen. Ein Labor hat Pilzbefall festgestellt. Dies geschieht aber erst rund ein halbes Jahr nach der ersten Corona-Medienkonferenz.

Dort wird noch gefragt, ob man nun Angst vor chinesischen Touristinnen und Touristen haben müsse. Daniel Koch verneint und verweist darauf, dass für eine Übertragung des Virus ein Kontakt von unter einem Meter Distanz nötig sei, und dies »eine Zeit lang«. Das wird sich, so absolut ausgedrückt, ebenfalls als falsch herausstellen.

Koch sitzt vorne fast Schulter an Schulter mit seinem Stellvertreter Patrick Mathys und der Genfer Virologie-Professorin Isabella Eckerle, die zusammen mit Koch bereits am Kongress in Grindelwald für das »hot topic« Covid-19 verantwortlich war. Es gibt noch keine Abstandsregeln. In der Schweiz, in ganz Europa kennt man diese Massnahme noch nicht.

Auch in den kurzen Live-Interviews gleich nach dem Auftritt auf dem Podium äussern sich die Vertreter des Bundesamts für Gesundheit nicht viel präziser. Daniel Koch beispielsweise schickt zwar voraus, vieles sei im Moment ungewiss und im Fluss angesichts der »dramatischen Lage in China«, wo »die Fallzahlen explodieren«. Er stellt Corona allerdings als nach wie vor chinesisches Problem dar – was es in Wirklichkeit bereits nicht mehr ist. In seiner ruhigen, aber bestimmten Art, die bald die ganze Schweiz kennen lernt, sagt Koch: »In der Schweiz besteht kein Risiko oder ein theoretisches Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren, weil das Virus noch nicht in der Schweiz ist.«

Dabei hat das Bundesamt für Gesundheit tags zuvor erfahren, dass Sars-CoV-2 in der Vorwoche wohl durch die Voralpen gereist ist. Gerade machen sich die von der 30-köpfigen chinesischen Reisegruppe bereisten Staaten im engen Austausch daran, jene Personen zu ermitteln, die der gemäss BAG »kompakten Gruppe mit wenig Kontakten« nahe kamen. Es spricht bereits einiges dafür, dass sich die Reiseteilnehmer in den eineinhalb Wochen in Europa vor allem untereinander ansteckten.

AM 28. JANUAR, dem Tag der ersten Medienkonferenz des Bundes zu Corona, hat das Virus die Welt noch nicht im Griff, zumindest nicht vollständig. In der Schweiz ist das Thema nicht einmal überall richtig angekommen.

Medizinisches Personal, gut geschützt, Astronauten ähnelnd, kennt man zwar aus dem Fernsehen. Wenn das Bild aber in der Nähe auftaucht, im eigenen Quartier, verstört es. Das zeigt sich im Kanton Zug. In der Gemeinde Steinhausen führt das Zürcher Triemli-Spital bei einem Erkrankten zu Hause einen Coronatest durch, eine in dieser Frühphase noch angewendete Praxis. Das Personal in weissen Schutzanzügen fällt der Nachbarschaft auf. Jemand meldet die seltsame Erscheinung umgehend den Behörden. Die Polizei wird eingeschaltet. Schnell stellt sich die Sache als harmlos heraus. Und noch besser: Niemand ist Sars-CoV-2-positiv.

Mittwoch, 29. Januar, bis Freitag, 31. Januar
+ + + KNIFFLIGE DETEKTIVARBEIT + + + STEVE WALSH AUF ALLEN KANÄLEN + + + DER HEILSAME SCHOCK BLEIBT AUS + + + EIN PRACHTSMONAT GEHT ZU ENDE + + +

Die Fachleute im BAG vertrauen darauf, dass es ihnen und den europäischen Nachbarn gelingt, die Krankheit nach Asien zurückzudrängen, indem sie alle Ansteckungsketten finden und unterbrechen.

Deshalb wird nun in der Schweiz wie in Italien und in Frankreich unter Hochdruck ermittelt, wer mit der Reisegruppe aus Wuhan in Kontakt kam. Das italienische Gesundheitsministerium kontaktiert alle 176 Passagiere und die 17-köpfige Crew des Hinflugs von Wuhan nach Rom mit der hustenden Touristin. Es findet sich niemand, der sich angesteckt hat.

Der slowakische Chauffeur des gecharterten Cars, mit dem die Gruppe tagelang durch Europa fuhr, gilt für die Contact-Tracer als »Hochrisiko-Kontakt«. Es gelingt, ihn zu Hause in der Slowakei ausfindig zu machen. Aber auch zwei Wochen nach der Heimkehr zeigen sich bei ihm keine Symptome.

In Frankreich gestaltet sich das Nachverfolgen beim erkrankten Notfallarzt aufwendig, wenn auch relativ einfach. Die Gesundheitsbehörden überprüfen Kontakte, die der Mediziner in der Zeit nach seiner Visite im Pariser Hotelzimmer hatte. Es sind insgesamt 58 Personen, darunter Angehörige und viele Patienten. Niemand zeigt Krankheitssymptome.

Wie knifflig und lückenhaft Contact-Tracing sein kann, offenbart sich in der Schweiz: Die »Golden Pass Line« führt keine Passagierlisten. Allfällige Kontakte bereits infizierter Touristinnen und Touristen auf der Fahrt über den schneebedeckten Brünig können nicht eruiert werden. Die involvierten Behörden stufen das Risiko von Ansteckungen anderer Passagiere oder des Zugpersonals jedoch als gering ein. Auf einen öffentlichen Aufruf verzichten Bund und Kantone. Die Schweizer Bevölkerung erfährt nichts von der Reisegruppe aus Wuhan.

FAST SCHON EIN MEDIENSTAR wird derweil Steve Walsh, der Engländer, der über Genf ins Mont-Blanc-Gebiet gereist war. Vor allem britische Blätter, aber auch der Nachrichtensender Al Jazeera oder die »Washington Post« berichten über den »Superspreader«, den »Superverbreiter«, der das Virus aus Singapur nach Grossbritannien brachte – »via Alpen«. Der Engländer hat bereits wieder am Genfer Flughafen eine Easyjet-Maschine nach London-Gatwick genommen. In den Tagen zuvor hat er am Fuss des Mont Blanc höchstwahrscheinlich elf Landsleute angesteckt. Er hat dort auch Schweizer Freunde getroffen, doch sie erwischt es nicht.

DAMIT BLEIBT DER SCHWEIZ ein früher Schock erspart. Allerdings hätte so ein Schuss vor den Bug auch heilsam sein können. So wie in Deutschland, wo beim bayerischen Autozulieferer Webasto inzwischen bereits 14 Mitarbeiter erkrankt sind. Der Münchner Chefarzt Clemens Wendtner und der Berliner Virologe Christian Drosten analysieren das neue Virus. Sie stellen schnell fest, wie gefährlich es ist.

Die deutschen Wissenschaftler schlagen Alarm. Und sie werden von den Behörden ernst genommen, am Anfang weitaus ernster als Althaus, Salathé und Co. in der Schweiz, die keinen solchen frühen Fall hatte.

Zumindest erzählt Christian Althaus, dass er in jenen Tagen nach der ersten Medienkonferenz des BAG befürchtet habe, »dass das Virus beim BAG unterschätzt wird«: »Ich rief Herrn Koch an, um ihn darauf hinzuweisen, die Sache ernst zu nehmen. Ich erwähnte auch unsere Studie, mit der wir schon im Januar die hohe Ansteckungsrate des Virus bestimmen konnten. Ich hatte das Gefühl, dass meine Einschätzungen nicht interessierten.«

EINEN HEILSAMEN SCHOCK für die Schweiz hat auch die Reisegruppe aus Wuhan nicht geliefert. Trotz Abklärungen in drei Kantonen, so heisst es bald in einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Europareise, liess sich keine »Hochrisiko-Person« mit engerem Kontakt zu den 30 Touristinnen und Touristen eruieren. Es werden aber drei »Niedrigrisiko-Kontakte« identifiziert: zwei Mitarbeiter von Läden, welche die Touristen aus Wuhan besuchten, sowie ein Gastwirt. Die drei Personen werden informiert, dass sie der Gefahr einer Corona-Ansteckung ausgesetzt waren. Befragungen zeigen, dass ihre Begegnungen mit der Reisegruppe eher flüchtig waren. Niemand muss in Quarantäne, Isolation oder ins Spital. Tests unterbleiben. Man lässt es bei einer Instruktion durch die kantonsärztlichen Dienste bewenden: Bei Symptomen sollen die Betroffenen sofort einen Arzt aufsuchen und sich nochmals melden. Das wird nie passieren. So bleibt zwar eine Restunsicherheit, bei den Verantwortlichen aber vor allem das Gefühl, dass die Schweiz knapp verschont geblieben ist.

AM 29. JANUAR tauscht sich der Bundesrat erstmals eingehender über das Virus aus. In Frankreich und Deutschland gibt es bereits bestätigte Fälle. Und Österreich und Italien? Nichts. Das Bundesamt für Gesundheit hat noch am Vortag, dem Tag mit seinem 35-Minuten-Auftritt vor den Medien, eine Infonotiz zur nationalen und internationalen Situation an Alain Berset abliefern müssen. Darin steht nichts von den Touristen aus Wuhan. Der Bundesrat erfährt nicht, dass das Virus bereits durch die Schweiz gereist ist.

Das BAG schreibt dazu in einer Stellungnahme für dieses Buch, es selektiere die Informationen an den Departementsvorsteher, »damit er relevante Informationen erhält«: »Die Reisegruppe stellte zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr für die Bevölkerung dar.«

Im Bundesrat geht es deshalb an jenem Mittwoch vor allem um China. Massnahmen werden noch keine beschlossen. Fortan ist das Virus in jeder Sitzung ein Thema, bald nur noch das einzige.

AN SCHWEIZER FLUGHÄFEN lässt das Bundesamt für Gesundheit nun Plakate aufhängen und Flyer auflegen mit Informationen zur Gefahr für Rückkehrer und speziell für das Flugpersonal. Aber selbst Reisenden, die in China waren, wird nicht empfohlen, erst einmal daheimzubleiben.

Die Taskforce des BAG tagt fast gleichzeitig mit dem Bundesrat. Zu reden gibt dort gemäss Protokoll, dass ihr Leiter Patrick Mathys vom »Virologen Althaus per Twitter angegriffen« wurde. Das stösst den Gesundheitsbeamten sauer auf. Es wird entschieden, dass ein Sprecher eine Antwort darauf verfassen soll. Althaus, der in Wirklichkeit Epidemiologe ist, sagt, er habe nie etwas bekommen. Der Konflikt zwischen BAG und den Epidemiologen eskaliert nicht. Noch nicht.

DER 29. JANUAR ist auch der letzte Tag der »Applied Machine Learning Days«. Nun ruft die Eidgenössische Technische Hochschule in Lausanne alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Lehrkräfte und Studierenden, die zuletzt in China waren – »egal, in welcher Region« –, dazu auf, nicht mehr auf den Campus, in die Labors, Büros oder Hörsäle zu kommen. Sie alle müssen nach der Rückkehr vierzehn Tage im Homeoffice arbeiten. Sämtliche Reisen nach China werden gestrichen.

DIE WARNUNG UND DIE WEISUNGEN rufen in Liebefeld keine Freude hervor. Das BAG interveniert später sogar mit einem Brief, gerichtet an alle Universitäten und Hochschulen. Im Schreiben, unterzeichnet von Daniel Koch, mahnt es, die offiziellen Bestimmungen nicht auszuweiten.

Die EPFL krebst jedoch nicht zurück. Im Gegenteil: Bald schon weitet sie die Reiseverbote auf Norditalien, den Iran und Südkorea aus.

Das BAG wird erklären, es sei nicht darum gegangen, die Initiative der EPFL zu verhindern. Man habe einen »Flickenteppich« vermeiden wollen.

AM TAG DANACH, dem 30. Januar, ruft die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand aus. Alle Staaten sollen das Virus aufspüren, überwachen und isolieren, fordert die UN-Organisation in Genf. Das Risiko schätzt sie nun weltweit als »hoch« ein, für China gilt »sehr hoch«. Von den 7818 bestätigten Corona-Fällen entfallen die allermeisten auf die Volksrepublik.

Wie gefährlich das Virus ist, kann ab dem 30. Januar jeder in der Fachzeitschrift »Eurosurveillance« nachlesen, online und gratis. In einem Artikel von Christian Althaus und seinem Postdoktoranden Julien Riou. Das Fazit: Die neue Krankheit verbreitet sich wie die Spanische Grippe von 1918, die mindestens 20 Millionen Menschen das Leben kostete.

Doch Althaus, sogar er, ist beruhigt. »In Europa und der Schweiz muss man sich aber vorerst nicht sorgen«, sagt er in einem Interview. »Solange es nicht zu hohen Fallzahlen kommt, sollte sich das Virus hier nicht festsetzen können.« Und doch, sagt Althaus, werde es weitere Fälle in neuen Ländern geben: »Nach Frankreich kann es natürlich auch die Schweiz treffen.«

Seine Studie schickt der Berner Epidemiologe auch an Daniel Koch und Patrick Mathys. Ob sie seine wissenschaftliche Warnung lesen, wird er nie erfahren: »Ich habe weder von Herrn Koch noch von Herrn Mathys je eine Rückmeldung darauf erhalten.«

Das BAG schreibt dazu auf Anfrage für dieses Buch: »Sie müssen verstehen, dass wir sehr viele Mails mit Hinweisen auf zu beachtende Studien und Erkenntnisse erhalten. Sie werden nicht alle einzeln verdankt, finden aber bei Eignung Beachtung.« Alle Hinweise auf Studien seien in die Bewertung der Situation eingeflossen.

EIN PRÄCHTIGER JANUAR geht zu Ende, mit doppelt so viel Sonnenschein im Mittelland wie in anderen Jahren. Auch die Profiskifahrer lassen das Land strahlen. Beat Feuz gewinnt die Abfahrt am Lauberhorn, Daniel Yule die Slaloms in Kitzbühel und Adelboden.

Die Swiss fliegt zum letzten Mal für lange Zeit mit Passagieren von und nach China. Fortan werden ihre Flugzeuge nur noch ab und zu leer in der Schweiz abheben und dafür vollgestopft mit Masken und anderem Schutzmaterial aus der Volksrepublik zurückkehren.

In Wuhan und Umgebung warten zehn Schweizer Staatsangehörige auf ihre Evakuierung. Frankreich hat sich bereit erklärt, sie auszufliegen. In einem Ferienresort an der Côte d’Azur sollen sie zwei Wochen in Quarantäne verbringen.

AM LETZTEN JANUARTAG kämpft Li Wenliang nicht nur gegen das Virus, sondern auch um die Wahrheit. Aus dem Spitalbett veröffentlicht er den Brief im Internet, mit dem ihn die Polizei Anfang Monat einzuschüchtern versuchte. Der Post des Arztes, der als einer der Ersten vor dem neuen Virus warnte, geht viral.

DIE ZWEITE CORONA-MEDIENKONFERENZ des Bundes soll drei Tage nach der missglückten ersten »Vertrauen aufbauen«, das kündigt BAG-Direktor Pascal Strupler am Morgen des 31. Januar im Bundesstab Bevölkerungsschutz an. Am Nachmittag vor den Medien beteuert und beschreibt er, wie intensiv sich die Schweiz seit Anfang Januar vorbereite. Mit den Kantonen habe sein Amt die nötigen Massnahmen für Verdachtsfälle getroffen. Zudem habe es für die medizinische Versorgung von Erkrankten vorgesorgt.

Doch sind das die richtigen Schritte? Und schätzt das Amt die Lage korrekt ein?

»Ausserhalb von China handelt es sich zurzeit nicht um eine Epidemie«, erklärt Daniel Koch Ende Januar. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Situation irgendwo ausser Kontrolle sei. »Ob das so weitergeht«, fügt Koch hinzu, »kann man unmöglich sagen.« Daher bereite sich die Schweiz auf eine Epidemie vor.

Nun aber macht Bern Sportferien, für ein paar Tage auch der oberste Schweizer Gesundheitsbeamte Pascal Strupler. Sein BAG hat innerhalb gut einer Woche zahlreiche Massnahmen ergriffen: Medienkonferenzen, Infoline, Informationen auf der Website, Plakate und Flyer für Rückkehrer aus China. Das Bundesamt für Gesundheit tritt dem Virus mit einer Informationsoffensive entgegen.

Auch der Bundesstab Bevölkerungsschutz macht derweil länger Pause. Das zentrale Krisengremium des Bundes kommt über drei Wochen lang nicht mehr zusammen. Sein richtiger Einsatz – bis jetzt sind es immer noch Informationsveranstaltungen – wird erst Anfang März beginnen. Da ist die Welt eine andere.

Sonntag, 2. Februar, bis Dienstag, 4. Februar
+ + + ALARM UND FEHLALARM + + + LUZIO RÄUMT DAS LAGER LEER + + + EIN TEMPOMACHER IN DER TASKFORCE + + +

Die BAG-Taskforce hingegen macht keine Sportferien. Sie trifft sich weiterhin regelmässig, es wird vieles aufgegleist, aber noch wenig umgesetzt. Mit welchem Zeithorizont man in Liebefeld fortan plant, zeigt folgendes Detail von Anfang Februar: Zwar will das BAG nun eine neue, externe Corona-Expertengruppe zusammenstellen. Doch diese soll erst am 12. März zum ersten Mal tagen.

Ab Anfang Februar tauchen in der Schweiz immer mehr Corona-Verdachtsfälle auf. Doch ein Test nach dem anderen fällt negativ aus. Immer ist es die Grippe oder sonst was. Jedenfalls Fehlalarm.

Das Virus ist zwar nachweislich in Frankreich, Deutschland und neu auch in Italien aufgetaucht. Aber Europa habe den Erreger aus China unter Kontrolle, beteuern die Regierungen.

Daran ändert sich auch nichts, als am 2. Februar der erste Todesfall ausserhalb Chinas bekannt wird. Ein Mann in Manila ist gestorben. Aber die WHO beruhigt, dass es sich beim 44-Jährigen um einen Chinesen aus Wuhan handelt, der kurz zuvor von dort in die Philippinen eingereist war. Im Fachjargon ist das ein »importierter Fall«.

Das Problem wirkt also nach wie vor sehr chinesisch. In Zahlen ausgedrückt: Die Volksrepublik verzeichnet 304 Tote und 14 411 Infizierte. Der Rest der Welt den einen Toten in Manila und 146 Infizierte.

Virologinnen, Epidemiologen und andere Fachleute auf der ganzen Welt verfolgen die Ausbreitung gebannt. Die globale Passivität – Ausnahme Asien – treibt die Experten um. Denn ein schlimmer Verdacht erhärtet sich: Auch gesund wirkende Menschen geben die Krankheit weiter.

Es erscheinen erste Studien zu Fällen in Europa. Die Fakten sind alarmierend. Insbesondere die Zahlen nach dem Ausbruch der Krankheit bei der Webasto-Gruppe in München. Im Rachen von Angestellten des Autozulieferers lässt sich das neue Virus in tausendfach höherer Konzentration nachweisen als das alte Sars-Virus bei vergleichbaren Tests. Es hat sich in den oberen Atemwegen der Infizierten festgesetzt. Von dort gelangt das Virus leicht in die Umwelt. Und zu neuen Opfern.

Die Erkenntnisse sind zum Teil noch ungesichert, ja sogar widersprüchlich. Doch eines wird immer klarer: Wenn Infizierte ohne deutliche Symptome hochansteckend sind, ist eine Bekämpfung schwierig bis unmöglich, denn die Ausbreitung lässt sich nicht verhindern, indem Frauen und Männer mit Symptomen wie Husten einfach ein paar Tage daheimbleiben. Der Mix aus oft symptomfrei, aber doch sehr ansteckend macht das neue Virus hochgefährlich.

AM 3. FEBRUAR herrscht in der Spitalapotheke der Klinik St. Anna in Luzern Aufruhr. Chefin Ricarda Luzio bemerkt, dass sehr viele Atemschutzmasken verschwunden sind, die sie eigentlich für die drei isolierten Tuberkulosepatienten bräuchte. Und wohl auch bald für die ersten Erkrankten mit dem neuartigen Virus.

Der kleine Diebstahl ist zwar unschön und dem Vertrauensverhältnis unter Kollegen nicht gerade förderlich. Aber eigentlich sind die fehlenden Masken für die Klinik kein Problem. Oder besser: Sie wären kein Problem. Denn in normalen Zeiten könnte man schnell Nachschub organisieren.

Zusammen mit den anderen 16 Kliniken der Hirslanden-Gruppe bezieht St. Anna seit fünf Jahren ihr gesamtes medizinisches Verbrauchsmaterial aus einem Zentrallager in Villmergen. Die Post hat im Aargau ein Logistikzentrum errichtet, mit Swissmedic-Zertifikat, das auch von anderen Spitälern genutzt wird. Tupfer, Kompressen, Einwegspritzen, Katheter und Implantate lagern dort und stehen bei Bedarf schnell zur Verfügung. Doch jetzt ist nichts mehr, wie es einmal war. Bei den Masken gibt es einen grösseren Engpass. Und offensichtlich besteht nirgends ein Vorrat, wie ihn der Pandemieplan empfiehlt. Zumindest kein genügend grosser.

Ricarda Luzio schlägt bei der Geschäftsleitung Alarm, zum zweiten Mal innert kurzer Zeit in derselben Sache. Es ist der dritte Geburtstag ihres jüngeren Sohnes, doch gross nach Feiern ist der Spitalapothekerin nicht zumute. Sie ist mittlerweile sehr beunruhigt. Müssen sich Kolleginnen und Kollegen bald unnötigen Gefahren aussetzen, wenn sie hochansteckende Kranke behandeln?

Eine Nacht und viele Gedanken später leitet Luzio in Luzern eine Besprechung der Arzneimittelkommission. Nach 20 Minuten klingelt ihr Telefon. Es ist das Zentrallager in Villmergen. Luzio übergibt die Leitung der Sitzung ihrem Apothekerkollegen und hastet aus dem Raum. Die Ärzte schauen komisch, doch der Rückruf kann nicht warten.

Noch wenige Masken seien da, erfährt Luzio. Sie läuft weiter in ihr Büro, um sich über das elektronische Bezugssystem den benötigten Bedarf zu sichern. Sie realisiert: »Ich muss die Masken sofort bestellen. Es eilt extrem!«

AM RENNEN um die Masken beteiligen sich längst nicht mehr nur Spitalapothekerinnen. Am Morgen darauf bespricht das Bundesamt für Gesundheit die Problematik mit Grossverteilern wie Migros, Coop oder Manor. Man kommt gemäss Taskforce-Protokoll überein, dass man »den Notfallstock ergänzen« will.

Nun werden im BAG alle Kräfte gebündelt. Die Taskforce bekommt einen neuen Chef: Daniel Storch. Er kümmert sich normalerweise um radiologische Risiken, insbesondere bekämpft er das krebsfördernde Radon in Schweizer Häusern. Doch ab sofort ist Storch als Stabschef gegen das Virus im Einsatz.

Storch erhöht das Tempo. Er will als Taskforce-Leiter keine vertieften Diskussionen. »Die heutige Sitzung dauert 45 Minuten.« Es gibt zwar viel zu besprechen. Es gibt vor allem aber viel zu tun. Mehrere Schweizer im Ausland könnten bereits infiziert sein, wie aus dem Sitzungsprotokoll hervorgeht:

– Einer ist mit einem infizierten Belgier aus China ausgeflogen worden. Er befindet sich in Quarantäne.

– Ebenfalls in Quarantäne, aber an der Côte d’Azur, befinden sich aus Wuhan ausgeflogene Landsleute.

– In Japan wird das Kreuzfahrtschiff »Diamond Princess« festgehalten. 3711 Passagiere und Crewmitglieder sind an Bord in Quarantäne, darunter ein Schweizer Paar. Nach 20 Tagen im Hafen von Yokohama werden 705 Menschen infiziert sein und 14 sterben.

Aus schweizerischer Perspektive gehen alle diese Fälle glimpflich aus. Alle Schweizer bleiben gesund, alle Tests fallen negativ aus.

Der Aufwand für die Abklärungen jedoch ist enorm. Im BAG jagt eine Telefonkonferenz die andere. Früh am Morgen des 4. Februar gab es eine mit den Kantonsärztinnen und Kantonsärzten. Darüber wird nun in der Taskforce rapportiert: »Vorschlag einer gemeinsamen Medienkonferenz in Bern bei Auftreten des ersten bestätigten Falles stiess auf Wohlwollen.«

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Krankheit in der Schweiz auftaucht. Bund und Kantone rechnen mittlerweile fest damit. Auch das BAG scheint sich langsam darauf einzustellen, dass die Lage ernster werden könnte als ursprünglich angenommen. In einem »sounding board«, geleitet von Daniel Koch, hat sich herausgestellt, dass »frühzeitig mit der Planung und der Vorbereitung der Massnahmen begonnen werden muss, damit im Notfall genügend Ressourcen zur Verfügung stehen«. Deshalb wird in der Taskforce nun zur Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe aufgerufen: »Wer kann in der AG zur Pandemievorbereitung mithelfen?«, heisst es im Protokoll.

Die Frage, ob es genug Material hat, interessiert die Öffentlichkeit immer brennender. Daniel Koch muss einräumen, dass die Lager für Hygienemasken mittlerweile ziemlich leer sind. Doch er beteuert, man müsse sich keine Sorgen machen, dass die Versorgung mit Schutzmaterial zusammenbreche. Der Bund verfüge schliesslich über Pflichtlager. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung habe 170 000 Masken in Reserve.

Doch dem Bundesamt für Gesundheit fehlt die Übersicht, wie das Protokoll einer weiteren Taskforce-Sitzung verrät: »Der Bund verfügt in verschiedenen Lagern über grosse Bestände an Hygienemasken, idealerweise müsste man wissen, wie gross diese Reserven noch sind, um sie möglichst gewinnbringend einsetzen zu können.« Gemeint ist wohl: möglichst effizient.

DERWEIL MAHNT DIE WHO. »Die Welt ist mit einem chronischen Mangel an persönlicher Schutzausrüstung konfrontiert«, sagt ihr Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Weltweit gehen Masken und andere Materialien aus.

Selbst in der Schweiz, dem Land mit der perfekten Versorgung, ist auf einmal nichts mehr gewiss. Keine 24 Stunden sind vergangen, seit Ricarda Luzio aus der Sitzung gelaufen ist. Da bekommen alle Hirslanden-Spitäler eine Mail aus Villmergen. Das Zentrallager bittet die Klinikleitungen, ihr Personal für die angespannte Situation zu sensibilisieren. Atemschutzmasken vom Typ FFP-2, die nicht nur das Umfeld, sondern auch die Träger selbst schützen, dürften »nur bei echter Notwendigkeit« verwendet werden. Mit dem Lieferanten sei man in Kontakt. Dieser spreche von einer »nie da gewesenen Nachfrage nach dieser Art von Produkten«. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Luzio vorausschauend den letzten Bestand längst gesichert. »Tatsächlich gab es im Zentrallager praktisch keine Masken mehr«, erzählt sie. »Ich habe es mit meiner Bestellung leer geräumt.«

Mittwoch, 5. Februar, bis Samstag, 8. Februar
+ + + »LEBE WOHL, LI WENLIANG« + + + KANTONSÄRZTE SCHIEBEN SONDERSCHICHTEN + + + DIE KRANKHEIT BEKOMMT EINEN NAMEN + + + EIN »SUPERSPREADER« WILL RUHE + + +

Im zentralchinesischen Wuhan geht es Li Wenliang miserabel. Der Augenarzt, der als einer der Ersten vor dem neuen Virus gewarnt hat und deshalb gemassregelt und schikaniert wurde, kämpft inzwischen um sein Leben.

Das Spital berichtet seit dem 5. Februar via Kurznachrichtendienst Weibo vom dramatischen Gesundheitszustand seines Angestellten. Millionen Chinesen verfolgen live seine letzten tragischen Stunden.

Li Wenliang stirbt am 7. Februar 2020 im Alter von 33 Jahren. Er hinterlässt einen Sohn und seine Ehefrau, die mit dem zweiten Kind schwanger ist.

Der Tod des Arztes erschüttert viele Chinesen. Jemand hat in Mandarin »Lebe wohl, Li Wenliang« in den Schnee geschrieben. Ein Bild davon verbreitet sich in den sozialen Medien. Im Netz ist die Trauer gross, viele sind wütend auf die Behörden. Hashtags wie »Die Regierung Wuhans schuldet Dr. Li Wenliang eine Entschuldigung« und »Wir wollen Meinungsäusserungsfreiheit« werden umgehend Opfer der Zensur. Doch der Proteststrom reisst nicht ab. Die Zensurbehörde gibt auf.

Die Behörden in Wuhan kondolieren der Familie des Verstorbenen. Und die Regierung in Peking verleiht dem Doktor posthum die höchste Ehre für einen Bürger im Dienst des Landes: Li Wenliang wird zum »Märtyrer« erklärt. Aus einem schikanierten Warner macht die kommunistische Führung nun das, was er für viele bereits ist: einen nationalen Helden.

IN ENGLAND wird Steve Walsh derweil gerade zum Antihelden – und das ebenfalls öffentlich. Walsh ist seit einer Woche aus den französischen Alpen zurück und hat in seiner Heimat in Brighton ein Pub besucht. Dem 53-Jährigen geht es gut. Trotz unzähligen Medienberichten und wissenschaftlicher Aufarbeitung seines Falls bleibt unklar, warum er eine Woche nach seiner Rückkehr, am 5. Februar, ins städtische Royal Sussex County Hospital gefahren ist, um sich auf das neue Virus testen zu lassen.

Am Tag darauf ist das Resultat klar: positiv. Walsh ist nach einem Paar, das aus Wuhan zurückgekehrt ist, der dritte bestätigte Sars-CoV-2-Fall im Vereinigten Königreich. Obwohl sich Walsh nicht oder kaum krank fühlt, wird er in eine Spezialklinik in London eingeliefert.

Die englischen Gesundheitsbehörden lösen wegen seiner Ansteckung noch am 6. Februar Alarm über das europäische Warnsystem EWRS aus. Die Schweiz ist seit wenigen Tagen ans System angeschlossen. Der Fall Walsh wird zum ersten grossen Abwehrtest der Schweiz.

In Bern und in der Westschweiz wird alles getan, um eine Weiterverbreitung des Virus, das der »Superspreader« aus Singapur nach Europa gebracht hatte, zu unterbinden. Jeder in der Schweiz, der Walsh selber oder einer von ihm infizierten Person nahe kam, muss gefunden, getestet und unter Quarantäne gestellt werden. Sofort.

Umgehend kommt der »Fall UK« auf die Liste der Sofortmassnahmen der Corona-Taskforce des Bundesamts für Gesundheit. Im Protokoll vom 7. Februar heisst es: »Die Person hatte mit einer Familie aus Genf Kontakt.« Patrick Mathys, der Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, geht dem nach. Das Contact-Tracing, das nun startet, ist deutlich schwieriger als im Fall der Reisegruppe aus Wuhan. Denn während die Reisegruppe fast nur unter sich war, begab sich Steve Walsh unter die Leute.

Nun, da er isoliert im Londoner Guy’s-and-St-Thomas’-Spital liegt, wird sein Fall in England ähnlich bekannt wie jener von Li Wenliang in China. Fast jede britische Zeitung berichtet über den Experten für Gasanalyse-Geräte; der Boulevard publiziert sogar seinen Pfadfindernamen. »Shir Khan«. Der Südengländer, der gar nicht richtig krank geworden ist, kann nun vom Spitalzimmer aus über sich lesen: »Coronavirus: Als möglicher ›Superspreader‹ im Zusammenhang mit elf britischen Fällen wurde ein Geschäftsmann identifiziert«. Bald wird diese Schlagzeile durch eine Untersuchung der Basler Epidemiologin Emma Hodcroft erhärtet. Die »Virenjägerin«, wie sich Hodcroft selbst nennt, zeichnet den Fall in der Fachzeitschrift »Swiss Medical Weekly« in allen Facetten nach. Die Ansteckungskette führt von Singapur über Frankreich nach Mallorca und in das Vereinigte Königreich.

Doch was ist mit der Schweiz?

DREI MONATE VOR SEINER PENSIONIERUNG schiebt Jacques-André Romand Sonderschichten. Der 65-jährige Genfer Kantonsarzt hat am 7. Februar einen Anruf aus Frankreich bekommen. So hat er erfahren, dass ein gewisser Steve Walsh vor 14 Tagen über den Flughafen Cointrin in die nahen französischen Alpen gereist war und dort wohl mehrere Menschen mit dem Coronavirus angesteckt hatte, eher er nach London flog, wieder über Genf.

Als Allererstes muss der Kantonsarzt sämtliche Personen finden, die mit Walsh im Flugzeug nach Genf sassen. Das Bundesamt für Gesundheit stellt Romand die Passagierliste zur Verfügung.

Er beginnt, die Liste mit dem Handy abzutelefonieren. Schickt einzelnen Passagieren SMS hinterher. Er gibt nicht auf, bis er alle erreicht hat. Von jedem hält Romand fest, auf welchem Platz er im Flugzeug sass.

In der Schweiz, in Frankreich, Grossbritannien und Spanien entsteht ein neuer Berufszweig: Contact-Tracer. Die Detektive im Dienst der Gesundheit verfolgen bei Infizierten jeden einzelnen Schritt zurück. In der Schweiz gehen mehrere Kantone den Spuren von Personen nach, die Walsh begegnet sind.

Eine äusserst aufwendige Arbeit. Gemäss der Taskforce des BAG haben neben dem Briten zwei weitere Infizierte einen Flug von Genf nach England genommen. In Neuenburg lässt sich ein junger Mann ausfindig machen, der in einem Skibus neben einem Kind sass, das von Walsh im französischen Les Contamines infiziert wurde. Am 11. Februar wird der Neuenburger unter Quarantäne gestellt. Doch sein Test ist negativ.

Im Fall Walsh hat das Contact-Tracing in der Schweiz perfekt funktioniert. Schnell können die Detektive allen Fährten, zumindest den ersichtlichen, nachgehen. Trotz intensiver Suche finden sie landesweit keinen positiven Fall. Viel Sorge um nichts?

Ja und nein. Die Virusverfolger sind zwar erfolgreich, weil sie in der Schweiz keine Ansteckungskette finden. Doch der Fall zeigt auch, was erst wenige zu dem Zeitpunkt erkennen: wie verwundbar die Schweizer Abwehr ist. Nur schon alle möglichen Kontakte von einer einzigen infizierten Person zurückzuverfolgen, erweist sich als extrem zeit- und arbeitsintensiv.

Manche Kantone haben nicht genügend Personal, um gleichzeitig viele Fälle zu verfolgen. In Genf etwa steht Kantonsarzt Romand dafür bis Anfang März nur ein fünfköpfiges Team zur Verfügung. In Neuenburg sind neben dem Kantonsarzt Claude-François Robert gerade mal drei Personen im Einsatz. Schweizweit kommen auf achteinhalb Millionen Einwohner ein paar Dutzend Contact-Tracer. Eigentlich, so hält es die Taskforce des BAG später in einem Protokoll fest, bräuchte es landesweit über 2100 von ihnen.

Engpässe bahnen sich auch bei den Testkapazitäten an. Für eine rigorose Fallverfolgung muss man im Umfeld jeder und jedes Infizierten laut BAG durchschnittlich 20 Personen testen. Dafür braucht es lange Wattetupfer, um einen Nasen-Rachen-Abstrich zu machen, sowie spezielle Reagenzflüssigkeiten, die genau auf das Virus abgestimmt sind. Für einen Ausbruch, wie ihn Hugo Sax, Infektiologe und Leiter Spitalhygiene am Zürcher Universitätsspital, erwartet, reichen die Kapazitäten Anfang Februar nicht aus. Und sie werden jetzt, in der Ruhe vor dem Sturm, auch nicht aufgebaut.

»Wir hätten sofort 500 000 Tests produzieren sollen und nicht warten, bis es brennt«, sagt Didier Trono, Professor für Virologie an der ETH Lausanne. Auch Hugo Sax sagt, man hätte früh im Februar mehr vorbereiten sollen.

Für den Infektiologen des Universitätsspitals Zürich ist der Fall Walsh der entscheidende Weckruf. Der Südengländer hatte während seines Aufenthalts in den Alpen bei Genf kaum Fieber, höchstens 37,3 Grad. »Das bedeutet, es gibt hochmobile Menschen, die das Virus streuen, und zwar an normalen gesellschaftlichen Anlässen«, sagt Sax. »Und die Neuangesteckten konnten sogar noch weiterreisen – ohne Symptome zu spüren – und andere Personen anstecken.«

Als Sax die Geschichte über Walsh hört, weiss er: Wenn so eine Ansteckung irgendwo in Europa passiert, ohne dass man die Infektion sofort entdeckt, »dann wird es auch bei uns sehr schnell zu Zuständen wie in China kommen«.

Der Infektiologe sagt auch: »Es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht allen Leuten klar, wie schnell wir handeln müssen. Das betraf die Verwaltung genauso wie die Medien und die Allgemeinheit.« Die kollektive Passivität erklärt Sax so: »Wir Menschen reagieren auf Erlebnisse, nicht auf Statistiken und Modelle.«

Es beunruhigt nur wenige so richtig, dass viele Flüge aus der Schweiz in die Volksrepublik gestrichen wurden. Oder dass die Post deswegen auf einmal keine Briefe oder Pakete nach China mehr annimmt.

Die Schweiz hat bis zum Zeitpunkt von Li Wenliangs Tod 200 Coronatests durchgeführt. Alle waren negativ. Es gibt im Land nicht eine einzige bestätigte Infizierung. Und in ganz Europa ist kein einziger Todesfall bekannt. Die Krankheit, die das Virus verursacht, hat noch nicht einmal einen Namen. Getauft wird sie erst auf dem WHO-Gipfel in Genf am 11. Februar: Sie heisst fortan Covid-19, abgeleitet von »Corona virus disease 2019«.

IN ENGLAND will derweil ein unfreiwilliger Antiheld aus dem Spital – und den Schlagzeilen. Steve Walsh bekommt dabei sogar staatliche Unterstützung. »Herrn Walshs Symptome waren mild, und er ist nicht mehr ansteckend und stellt kein Risiko für die Öffentlichkeit dar«, erklärt der Nationale Gesundheitsdienst. »Er will nun in sein normales Leben zurückkehren und Zeit mit seiner Familie verbringen, ausserhalb des Scheinwerfers der Medien.« Nach einer Woche und zwei negativen Tests darf der 53-Jährige die Spezialklinik in London verlassen.

Über seine Entlassung aus dem Spital wird im Vereinigten Königreich viel berichtet. Walsh hat – noch in Isolation – ein letztes Statement abgegeben; darin dankt er jenen, die sich um ihn gekümmert haben. Seine Gedanken seien bei allen, die er angesteckt habe.

Freitag, 14. Februar, bis Sonntag, 16. Februar
+ + + EIN BUNDESAMT WEHRT AB + + + 14 STUNDEN FAHRT IM ROTEN KIA SPORTAGE + + + LIECHTENSTEIN HAT EIN ALKOHOLPROBLEM + + + EINE HOCHZEIT, EINE »KAPPENSITZUNG« UND EIN GROSSES RÄTSEL + + +

Patrick Mathys ist nicht neu im Business. Der 50-jährige Epidemiologe war schon beim Bundesamt für Gesundheit, als die Schweiz sich Mitte der Nullerjahre gegen die Vogelgrippe wappnete, die dann weniger schlimm war als befürchtet.

Ähnlich verhielt es sich bei der Schweinegrippe. Da war Mathys bereits Leiter Pandemievorbereitung im BAG. Im Sommer 2009 warnte er vor einer Welle mit bis zu zwei Millionen Erkrankten allein in der Schweiz. Nichtsdestotrotz flog er dann nach China an einen Kongress zum Thema und nahm keine Schutzmasken mit. So hatte er es zumindest auf dem »heissen Stuhl« der Fernsehsendung »Rundschau« angekündigt. Prognosen seien äusserst schwierig, erfuhr das TV-Publikum damals vor der Abreise von Mathys. Dann wagte er doch eine: Die Zahl der Toten im Land könnte durchaus in der Grössenordnung von 1000 bis 5000 Menschen liegen. Konkret zählte die Schweiz 18 Tote infolge der Schweinegrippe.

Das Bundesamt für Gesundheit musste sich den Vorwurf der Panikmache gefallen lassen – nicht nur, aber auch wegen Mathys. Doch dieser drehte den Spiess um. »Es wird beim Thema Schweinegrippe immer mit Emotionen gespielt«, beklagte sich der Epidemiologe in einer damaligen Fachdiskussion. »Das wollen wir aber nicht. Wir wollen sachlich informieren.«

Jetzt, Anfang 2020, steigert das BAG die Frequenz seiner Medienkonferenzen. Zu Beginn setzt es dabei oft auf Patrick Mathys. Auf einen Mann also, der in seinem bisherigen Berufsleben nicht unbedingt einer war, der Gefahren für die Bevölkerung kleinredet. Doch selbst Mathys, mittlerweile Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit im BAG, macht eher auf Optimismus. »Die gute Neuigkeit zuerst«, verkündet er an einer Pressekonferenz am 14. Februar: »Ausserhalb Chinas gibt es keine zusammenhängenden Übertragungsketten. Das Risiko einer unkontrollierten Ausbreitung in Europa – und somit auch in der Schweiz – ist gering.« Die schlechten Neuigkeiten aus Asien gehen danach fast unter.

Zwar sind inzwischen mehrere Fälle von Infizierten ganz in der Nähe der Schweiz aufgetaucht. Doch sind sie nicht alle eher glimpflich ausgegangen? Das weiss Mathys bestens, denn er bearbeitet die Fälle und koordiniert die Abwehrmassnahmen. Er, sein Team, das BAG, die Gesundheitsbehörden in Europa, alle gemeinsam haben bereits mehrfach dazu beitragen können, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet – bei der 30-köpfigen Reisegruppe aus Wuhan, beim Autozulieferer in München. Und zuletzt bei Steve Walsh.

Aber müsste der Fall Walsh, mit seinen Ansteckungsketten über halb Europa, nicht eine Warnung sein, wie schnell alles ausser Kontrolle geraten kann?

ANNA SAGHI* mag das Autofahren, »es ist mein liebstes Hobby«, sagt sie. So macht es ihr nichts aus, dass sie nun 14 Stunden in ihrem roten Kia Sportage unterwegs ist: von ihrer Heimatstadt Humenné an der slowakisch-ukrainischen Grenze 1300 Kilometer immer westwärts. Von der Slowakei durch Österreich und Bayern bis nach Rupperswil im Kanton Aargau.

Die 45-Jährige ist 24-Stunden-Pflegerin und eine von Zehntausenden Frauen aus Osteuropa, die in der Schweiz alte und gebrechliche Menschen pflegen und betreuen. In deren Daheim. Sie pendelt. Vier Wochen verbringt sie jeweils bei sich zu Hause, im Osten der Slowakei, wo auch ihre Tochter lebt, die folgenden vier Wochen an ihrem Arbeitsplatz in der Schweiz. Saghi ist alleinerziehend. Die 17-jährige Ivana lässt sie jeweils in der Slowakei zurück. Normalerweise ist das kein Problem, ihre Tochter geht in ein Internat.

In der Schweiz wohnt Anna Saghi ständig bei ihrem Klienten oder ihrer Klientin. Ab dem Freitag, 14. Februar, nicht mehr in Luzern, wo sie bisher arbeitete, sondern in Rupperswil.

Saghi arbeitet schon seit 17 Jahren als Altenbetreuerin und seit vier Jahren in der Schweiz. Sie hat in dieser Zeit ziemlich anstrengende Seniorinnen und Senioren erlebt, mürrische, knausrige, misstrauische. Sich selbst beschreibt sie als ausgeglichen, positiv, auch humorvoll. Aber bei manchen ihrer Klienten sei sie an ihre Grenzen gestossen.

Jetzt merkt sie schnell, dass sie dieses Mal Glück hat. Ihr neuer Klient, ein 85-jähriger alleinstehender Mann, erweist sich als angenehmer Gesprächspartner.

Anna Saghi ist zufrieden. In den nächsten Wochen wird sie pausenlos bei ihm sein, sie wird bei ihm wohnen, putzen, für ihn einkaufen, kochen, ihn pflegen. Nur einen Tag in der Woche hat sie frei. Dann geht sie spazieren, in den Wald oder ans Ufer der Aare. Oder sie telefoniert mit ihren Kindern. Neben ihrer Tochter hat sie auch einen Sohn. Der 25-Jährige lebt seit ein paar Jahren in Tschechien.

Wenn Saghi arbeitet, und das tut sie fast immer, liest sie ihrem Klienten Nachrichten aus dem Internet vor, am Abend schauen sie gemeinsam fern. Meistens wählen sie deutsche oder österreichische Sender, »nur selten die Schweizer«, wie sie sagt. Corona ist jetzt immer öfter das Hauptthema in den Nachrichten. »Wir haben uns schon gewundert: Was ist da eigentlich los auf der Welt?«

AN ANNA SAGHIS ERSTEM TAG in Rupperswil fährt Ricarda Luzio ins Unterengadin. Die Spitalapothekerin will mit ihrem Mann und den beiden Kindern eine Woche in ihrem Ferienhaus verbringen, danach eine zweite Woche zu Hause in Luzern. Skiferien und endlich Zeit für die Familie. Doch wirklich entspannen kann sie nicht.

Endgültig vorbei mit der erhofften Ruhe ist es, als ein Apothekerkollege aus ihrem 20-köpfigen Team eher zufällig bemerkt, dass dem Spital St. Anna bald das Händedesinfektionsmittel ausgehen wird. Die Sache ist so wichtig, dass er die Chefin im Unterengadin einschaltet.

Zwar hat Daniel Koch vom BAG gerade öffentlich versichert, dass die lokale Produktion von Desinfektionsmittel gross genug sei. Aber Luzio geht auf Nummer sicher. Sie erteilt dem Kollegen den Auftrag, sofort so viel wie möglich nachzubestellen. »Ich schaute nur für die Klinik St. Anna«, erklärt sie. »Es war mir in dem Moment nicht wichtig, wie viel im Zentrallager für die anderen Spitäler übrig blieb.« Es gelingt dem Apotheker, 600 Liter zu sichern.

Kurz danach wird auch öffentlich bekannt, dass der Rohstoff Ethanol, also gewöhnlicher Alkohol, in der Schweiz Mangelware ist. Um ein paar Millionen zu sparen, hat der Bund seine Pandemie-Reserve 2018 abgeschafft. Das rächt sich nun, wobei die Konsequenzen weniger gravierend sind als beim Schutzmaterial. Masken kommen aus Asien, da sind der Schweiz die Hände gebunden. Beim Alkohol kann das Land selber Abhilfe schaffen – unkompliziert, nur die Trinkerseele schmerzt.

Agroscope, die Forschungsstelle für Landwirtschaft, leert ihren gesamten Weinkeller. Aus 20 000 Liter Wein – rotem und weissem aus dem Tessin, dem Wallis und dem Lavaux – werden knapp 3500 Liter Desinfektionsmittel für die Armee-Apotheke. Im Kanton Zug müssen 2000 bis 2500 Liter edler Etter-Kirsch mit 80 bis 90 Prozent Alkoholgehalt dran glauben. In Martigny bringt die Destillerie Morand eine Desinfektionslösung auf der Basis von Birnenschnaps auf den Markt. Hipster in Lausanne, Genf und Neuenburg schätzen sie bald schon, weil sie »nach Williams riecht und die Hände weich macht«.

Das Problem ist fürs Erste gelöst. Eine erfolgreiche Aktion, die anmutet wie aus der legendären Schweizer Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg. Dem will das Fürstentum Liechtenstein in nichts nachstehen. »Wir haben ein Alkoholproblem«, schreibt die Regierung an alle Mitarbeitenden der Verwaltung. »Auch wenn in Krisenzeiten mehr zu Hause getrunken wird, habt ihr vielleicht noch ein paar Flaschen Schnaps im Keller, die ihr nicht einmal in der schlimmsten Krise trinken würdet.« Diesen »Fusel« sollen die Staatsangestellten doch bitte abgeben, damit die Regierung ihn zu Desinfektionsmittel verarbeiten kann. »Wie das Zeug riechen wird, kann man noch nicht sagen, aber seinen Zweck wird es erfüllen: Es killt die Viren.« Das originelle Schreiben schlägt ein, viele Beamte leeren ihre Vorräte.

IN DER KATHEDRALE im nordspanischen Burgos, Teil des Weltkulturerbes, wurden bereits im 14. Jahrhundert Opfer der grössten Seuche der Menschheit betrauert: der Pest.

Am Ende des Ersten Weltkriegs weinte man um all die Frauen und Männer, die an der Spanischen Grippe starben, der grössten Seuche der Neuzeit.

Und in ein paar Wochen, an Ostern 2020, wird der Erzbischof allein, aber in Live-Übertragung mit Gläubigen in Ausgangssperre, um die Corona-Toten trauern. Die Stadt Burgos, die Autonome Region Castilla y León, zu der sie gehört, und ganz Spanien zählen zu den am meisten betroffenen Gebieten.

Jetzt aber, am 15. Februar 2020, wird im gotischen Gotteshaus eine Hochzeit gefeiert. Für solch ein Fest eine ungewöhnliche Jahreszeit, etwas kalt, aber nicht weniger schön.

Für die Feier in der Kathedrale und die anschliessende Fiesta in einem Hotel sind Angehörige und Freunde aus ganz Spanien und auch aus Österreich angereist. Von dort stammt der Bräutigam. Auch sein Cousin Moritz Futscher* ist gekommen, zusammen mit seiner deutschen Frau Laura*. Aus Amsterdam. Dort leben die beiden seit vier Jahren, dort hat der Physiker Anfang Januar seine Doktorarbeit über neue Solarzellen verteidigt. Mit Auszeichnung. Laura ist selbständige Texterin – und im fünften Monat schwanger.

Das Paar freut sich auf alles, was kommt. Auf den baldigen Umzug von Amsterdam nach Zürich, vor allem aber auf ihr erstes Kind. Am 1. April hat Moritz seinen ersten Arbeitstag bei der renommierten Schweizer Forschungsanstalt Empa in Dübendorf.

Für die Hochzeit in Nordspanien haben die Futschers den holländischen Winter gern hinter sich gelassen. Das neue Virus hält noch kaum jemanden von Reisen auf die iberische Halbinsel ab. In Spanien gibt es Mitte Februar zwar zwei bestätigte Corona-Infizierungen, aber keine in Burgos und Umgebung.

INZWISCHEN IST CORONA vielerorts in Europa angekommen. In Deutschland, Italien oder Österreich werden politische Kundgebungen, Feiern, Gottesdienste, aber auch Sportanlässe zu Virusfallen. Der Erreger geht manchmal, aber längst nicht immer von Teilnehmer zu Teilnehmer über. Wieso an einem Ort alles glimpflich verläuft und sich an anderen Katastrophen anbahnen – darüber wird die Wissenschaft noch lange rätseln.

Am Tag der Hochzeit in Nordspanien steckt sich in Mailand ein 70-jähriger Tessiner an, der für eine Veranstaltung angereist ist. Und am Abend feiert das deutsche Örtchen Gangelt, nahe der niederländischen Grenze, Karneval, worauf wenige Tage später Hunderte Personen an Covid-19 erkranken. Bald wird es erste Tote geben. Am Samstagabend aber wird an der »Kappensitzung« geschunkelt, getrunken – und unbemerkt das Virus weitergegeben.

Laura und Moritz Futscher geniessen am selben Abend in Burgos eine etwas ruhigere, aber umso bewegendere Feier inmitten der 200 Hochzeitsgäste. Direkt nach der Hochzeit geht es für die beiden 30-Jährigen nach Teneriffa weiter. Elf Tage nur zu zweit, Sonne, Strand und Meer – so stellen sie sich ihre letzten längeren Ferien vor der Geburt ihres Kindes vor. Sie haben eine Finca im Norden der kanarischen Insel gemietet, danach verbringen sie noch ein paar Tage in einer Wohnung im Süden.

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357 p. 13 illustrations
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9783037638071
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