Read the book: «ZwischenWelten»
Originalausgabe
© 2021 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin;
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage Januar 2021
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Privatkunden und Mailorder:
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Lektorat: Klaus Farin
Layout: www.benswerk.com
Alle Fotos: Olad Aden
Comics: Citénoir
ISBN:
PRINT: 978-3-948675-59-2
PDF: 978-3-948675-51-6
EPUB: 978-3-948675-50-9
eISBN: 978-3-948675-35-6
Dieses Buch gibt es auch als E-Book –
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ZwischenWelten wäre nicht möglich ohne die Förderung durch:

INHALT
Birgit Lang
Geschichten zwischen den Welten
Elvira Berndt
Für ein selbstbestimmtes Leben danach.
Root Leeb
Weg. Zum Glück?
Emanuela Pilolli
ZwischenWelten – Einblicke in neue Welten
CitéNoir
Comics
Herkunft – Ankunft
Heimat(en)
Lebenssplitter
Hinter Gittern
Zukunft?
Jasmin Gehrandt
Theaterproduktion mit biografischen Bezügen
Jasmin Gehrandt
Ressourcenorientierte Theaterarbeit
Emanuela Pilolli
Theaterprojekte in deutschen und italienischen Gefängnissen. Ein Vergleich.
Zevan Atroshi
Zwischen den Stühlen
Die Mitwirkenden
Gangway –
das ist Straßensozialarbeit
BIRGIT LANG
GESCHICHTEN ZWISCHEN DEN WELTEN
Zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Heimat und Fremde, zwischen Flucht und Sehnsucht, liegen Geschichten im Verborgenen. # Heimat

Ein scheinbar ganz normaler Klassenraum. Vier junge Männer sitzen an großen Schultischen vom Typ Holzimitat, jeweils eine Dozentin oder ein Dozent sitzen ihnen gegenüber. Auf den Tischen liegen große Flipchart-Plakate und dicke Stifte in verschiedenen Farben. Gebannt ruhen jeweils zwei Augenpaare auf einem von Hand gezogenen Strich, der sich mittig über das DIN A 1 große Papier zieht. Es ist eine Lebenslinie. Sie beginnt mit der Geburt und endet vorläufig mit dem aktuellen Datum. Im Gespräch suchen Teilnehmer und Dozent*in nach Spuren, die das Leben der Jugendlichen bisher geprägt und gestaltet haben, positiv oder negativ. Jedes Ereignis wird durch einen Punkt unterhalb oder oberhalb der Lebenslinie symbolisiert und mit Stichworten beschrieben. Die Atmosphäre im Raum ist konzentriert, die Gespräche sind persönlich und emotional, manchmal wird die Stimme des Erzählenden laut oder brüchig, mitunter fließen Tränen oder ein breites Lächeln lässt die Gesichter strahlen.
Die Szene beschreibt einen Workshop mit männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden in einem Berliner Gefängnis. Die Teilnehmer haben vieles gemeinsam: Sie haben überwiegend Migrationserfahrung, haben ihre ursprüngliche Heimat verlassen und sind in Deutschland mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Sie befinden sich altersbedingt in einer Suchbewegung, schauen sich nach Halt und Orientierung um und sind dabei für vermeintlich einfache Lösungen und Schwarz-Weiß-Denken empfänglich. Häufig haben sie Gewalt in ihren Heimatländern, in der Familie oder auf der Flucht erlebt, sind gelegentlich auch traumatisiert oder haben das Gefühl, in der Gesellschaft keine Anerkennung zu finden. Trotz ostentativ zur Schau gestellter Überlegenheit und Selbstsicherheit sind ihre Identitäten häufig angeknackst und zerbrechlich. In den letzten Monaten standen häufig ihre Fehler und Defizite im Vordergrund, und eine tiefe Frustration hat vom einen oder anderen Besitz ergriffen.
Mit den ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln und der Unterstützung der Pädagog*innen fassen sie ihre Lebenswege in Worte und bringen sie zu Papier.
Ibrahim [die Namen wurden immer geändert] erzählt von seiner letzten Erinnerung, bevor er seine Heimat Somalia verlassen hat. Seine Mutter hat einen Rucksack für ihn gepackt. Darin waren Klamotten, Geld, eine goldene Kette, ein Armband – und die Hoffnung, dass ihr Sohn in Europa Fuß fasst und Geld verdient, mit dem er die Familie unterstützen kann. Sie haben das letzte Geld für die Schlepper ausgegeben, die versprechen, den Sohn ins Paradies nach Europa zu bringen.
Auf dem Mittelmeer fällt der Rucksack beim Klettern von einem Schlauchboot zum nächsten ins Wasser. Obwohl Ibrahim schwimmen kann, wagt er es nicht, ins Wasser zu springen und den Rucksack mit den Erinnerungen und dem Geld zu retten. Im hektischen Hin und Her hätte ihn niemand mehr ins Boot zurückgezogen, er wäre verloren gewesen.
Das Erzählen von Geschichten hat eine lange Tradition in fast allen Kulturen. Sie bildet das Herzstück des Projektes ZwischenWelten. Die Dozent*innen lassen die Jugendlichen frei reden; sie sollen selbst entscheiden, was sie für wichtig halten und mitteilen möchten. Das Nachdenken über die persönliche Lebensgeschichte gibt der eigenen Biographie Vielschichtigkeit, Bedeutung und Emotionen zurück. Die jungen Männer beginnen im Erzählen zu verstehen, was ihnen widerfahren ist, was sie aktuell erleben, und entwickeln geleitet durch die Fragen der Dozent*innen Pläne für die nächsten Schritte in die Zukunft.
Omar erzählt von seinem Vater, vor dem er zeitlebens Angst hatte. Er war der Grund dafür, dass er seine Heimat Nigeria verlassen hat. Er beschreibt ihn als cholerischen, aggressiven Menschen, der keinen Blick für seine Kinder und die Bedürfnisse seiner Frau hatte. Als die Mutter sich von ihm trennt und zu ihrer eigenen Familie zurückkehrt, übernimmt der Großvater eine zentrale Stellung in Omars Leben. Gemeinsam fliehen sie nach Italien, und dort beginnt der bisher glücklichste Abschnitt in Omars Kindheit. Er geht gerne zur Schule, liebt Geschichte und hasst Mathematik. Er spielt erfolgreich Fußball und übernimmt Verantwortung in der Familie. Erst als der Großvater stirbt und die Mutter mit den Kindern und der Berufstätigkeit überfordert ist, kommt das brüchige Glück ins Wanken. Er macht sich alleine auf den Weg nach Deutschland, ins Paradies, so glaubt er damals.

Wenn Omar erzählt, ist er kaum zu stoppen. Die Worte sprudeln mal in klaren Sätzen, mal völlig zusammenhanglos aus seinem Mund. Er nimmt die anderen Personen im Raum nicht mehr wahr, reagiert nicht auf Nachfragen. Wenn sein Redeschwall endet, seufzt er und schaut die Dozentin, die ihm gegenübersitzt, erwartungsvoll an.
Jetzt kommt es darauf an, dass die Dozent*innen das Zurückschauen strukturieren und stabile, anschlussfähige Phasen oder Erlebnisse im Leben der Jugendlichen aufgreifen. Durch die Rückbesinnung auf diese Ereignisse entsteht eine positive Atmosphäre. Sie ist die Grundlage dafür, frühe Erfahrungen zu erinnern und das zu entdecken und zu bewahren, was ein Schlüssel für die Bewältigung der Gegenwart sein kann. Welche Kompetenzen bringe ich mit? Welche Ressourcen schlummern in mir? Wer bin ich? Wer will ich sein? Was kann ich tun? Was hat mich zu der Person gemacht, die ich aktuell bin? Auf was kann ich stolz sein? Was möchte ich ändern?
Um den Prozess des Erzählens nicht zu unterbrechen, nutzen die Dozent*innen die Methode des stellvertretenden Schreibens. Sie versuchen also, möglichst unverfälscht mitzuschreiben oder in Stichworten zu notieren, was die Teilnehmer berichten. Nachdem sie ihre Notizen bearbeitet haben, werden die entstandenen Texte dem jeweiligen Teilnehmer vorgelesen, mit ihm besprochen und gegebenenfalls verändert oder ergänzt. Spannend ist die erste Frage, die ganz häufig voller Erstaunen gestellt wird: „Was, das habe ich erzählt? Cool!“ Diese Überraschung über die eigene Geschichte, die Freude über die eigenen Worte und der Stolz auf die eigenen Texte eröffnen neue Spielräume, um die Integrität der Identität wieder aufzubauen und den Selbstwert zu steigern.
Seinen Höhepunkt findet dieser Aspekt der Biographiearbeit in den Ausstellungen und Präsentationen des Projektes, also dann, wenn die Geschichten mit einem Publikum geteilt werden. Hier treffen die Teilnehmer auf Zuhörer*innen, die sich für das interessieren, was sie zu erzählen haben. Sie schenken ihnen Beifall für einen Ausschnitt aus ihrem Leben. Mit dem Applaus erleben sie, dass andere wertschätzen, dass sie sich kritisch und reflektiert mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, dass sie ihr Verhalten infrage stellen und ihr Ich Stück für Stück neu definieren. Das stiftet Sinn und ebnet den ersten Schritt auf der Brücke in eine straffreie Zukunft.
Mohammad, ein Teilnehmer des ersten Moduls von ZwischenWelten, besucht auch weiterhin in regelmäßigen Abständen die Workshops außerhalb des Gefängnisses. Stolz zieht er dann sein kleines schwarzes Notizbuch hervor, in dem er seine Texte sammelt. „Das habe ich von euch gelernt“, sagt er grinsend. „Es tut so gut, sich alles von der Seele zu schreiben, was einen fertig macht.“ Obwohl er mittlerweile zwei Jahre straffrei ist und sein Deutsch sehr gut geworden ist, hat er immer noch keine Möglichkeit, legal zu arbeiten. Er ist in seiner neuen Heimat geduldet, gehört aber nicht wirklich dazu.
Zwischen Traum und Realität,
zwischen Wunsch und Wirklichkeit,
zwischen dem Jetzt und morgen,
liegen Geschichten im Verborgenen.
# TraumHaft
ELVIRA BERNDT
FÜR EIN SELBSTBESTIMMTES LEBEN DANACH.
STREETWORK UND HAFT
Straßensozialarbeit folgt konsequent Prinzipien wie Freiwilligkeit, Vertraulichkeit und Lebensweltorientierung. Auf den ersten Blick scheint dies nicht zusammenzupassen mit einer Arbeit innerhalb einer Jugendstrafanstalt. Schließlich ist ein Gefängnis ein Ort, der wie kein anderer von Unfreiwilligkeit geprägt ist.
Gangway gibt es jetzt 30 Jahre. Von Beginn an hatten Streetwork-Teams auch mit der Jugendstrafanstalt zu tun. Und wenn ich darüber so nachdenke, wie sich unsere Beziehung zur Jugendstrafanstalt in diesen drei Jahrzehnten entwickelt und gewandelt hat, fällt mir auf, dass man – mit einer leichten Überzeichnung – diese Entwicklung in diese Jahrzehnte aufteilen kann. Vermutlich sagt das, was sich in dieser Zeit in unserer Kooperation mit der Jugendstrafanstalt Berlin vollzogen hat, eine ganze Menge aus auch über die Entwicklung des Jugendstrafrechts bzw. die Vollstreckung von Jugendstrafen im vereinigten Deutschland.
Das hier vorliegende Buch mit wundervollen Texten von ebenso wundervollen, weil sich einlassenden und kreativ werdenden jugendlichen Insassen der Jugendstrafanstalt Berlin ist vielleicht der richtige Ort, sich diese drei Jahrzehnte aus der Sicht von Streetwork mal genauer anzuschauen.
Das erste Jahrzehnt – die 1990er Jahre
Zunächst waren es nur die ungeliebten Knastbesuche, um den Kontakt zu den Jugendlichen nicht zu verlieren, deren Taten letztlich in einen Gefängnisaufenthalt mündeten. Die Gedanken, die die Streetworker*innen dieser Zeit mit der Jugendstrafanstalt verbanden, waren vor allem:
• Wie bekomme ich einen Besuchstermin, ohne dass dieser der Familie des Jugendlichen abgezogen wird?
• Wie kann ich eine Gelegenheit abpassen, um mit meinem Jugendlichen im Vertrauen zu sprechen?
• Welche Grüße der Gruppe darf ich keinesfalls vergessen?
• Habe ich Zigaretten gekauft? (Die wichtigsten Mitbringsel, auf die alle besuchten Jugendlichen warteten.)
• Bekomme ich wirklich Einlass oder werde ich an der Pforte wieder weggeschickt? (Ein Grund dafür fand sich immer; Widerspruch erschien kaum möglich.)
Einen Dialog miteinander gab es im Prinzip nicht. Nachfragen, ja selbst Beschwerden versanken irgendwo im Nirwana. Selbst wenn wir „draußen“ mit aller Kraft darum gekämpft hatten, dass ein Jugendlicher seiner Aufforderung zum Haftantritt wirklich nachkam und nicht „abtauchte“ (was seiner Lebensperspektive letztlich ziemlich geschadet hätte), und der betreuende Kollege nach Tagen intensivster Einzelbetreuung und unermüdlicher Überzeugung mit dem Jugendlichen pünktlich vor dem Tor der JSA stand, konnte es passieren, dass er lapidar gesagt bekam: „Wir haben heute nun doch keinen Platz frei; kommen Sie in zwei Wochen wieder.“ Ein Satz, der wochenlange Arbeit zunichtemachen konnte. Interessiert hat das „drinnen“ kaum jemanden.
In der zweiten Hälfte dieses ersten Jahrzehnts gelang es uns mithilfe der Sozialpädagogischen Fortbildungsstätte des Landes Berlin (damals Haus am Rupenhorn), den damaligen Leiter der Jugendstrafanstalt Berlin in die Fortbildung der Streetwork-Teams zu locken. Damit begann in ganz vorsichtigen Schritten auch ein inhaltlicher Diskurs. Im Gedächtnis geblieben ist mir sein spontaner Stoßseufzer: „Hach, so ein Streetwork-Team, das nicht in die Hierarchien eingebunden und einfach für die Jugendlichen da ist, könnte ich in der Jugendstrafanstalt eigentlich auch gut gebrauchen.“
Tatsächlich bewegt hat sich noch wenig, aber um das Jahr 2000 herum war wenigstens ein Fenster etwas geöffnet – was auf ein Gefängnis bezogen zugegebenermaßen ein etwas unpassendes Bild ist.
Das zweite Jahrzehnt – die 2000er Jahre
Der begonnene Gesprächsfaden mit der JSA mündete relativ bald in Gespräche darüber, wie man die Weiterbetreuung junger Menschen durch die Streetwork-Teams während der Haftzeit erleichtern und verbessern kann und auch darüber, wie vielleicht in der Zeit der Jugendhaft eine Aktivierung Jugendlicher über ihre Interessen und jugendlichen Ausdrucksformen möglich wäre. Aus diesen Gesprächen ist mir ebenfalls ein Satz des damaligen Leiters der JSA im Gedächtnis geblieben: „Eher bekomme ich vom Abgeordnetenhaus ganz viel Geld für einen neuen Sicherheitszaun, als dass ich das Kleingeld für einen Tuschkasten bekäme.“
Ungeachtet dieser leider realistischen Erkenntnis bewegte sich einiges. Gangway wurde seitens der JSA als Partner ernster genommen. Das hatte vielleicht etwas damit zu tun, dass die Straßensozialarbeit von Gangway in Berlin inzwischen etabliert und anerkannt war. Es könnte aber auch sein, dass wir davon profitiert haben, dass in den Zeiten der Bezirksfusionen (Berlin reduzierte2001 die 23 Bezirke auf die heutigen 12) und der Einführung der Sozialraumorientierung in den Berliner Jugendämtern (ab 2002) bei gleichzeitiger Reduzierung des Personals im Öffentlichen Dienst die Jugendgerichtshilfen personell und strukturell so beeinträchtigt waren, dass sie von der Justiz zeitweilig nicht mehr als verlässlicher Partner wahrgenommen wurden.
Mitte der 2000er Jahre, genauer gesagt auf der Party zum 15. Gangway-Geburtstag in der Treptower Arena, erreichte uns aus der JSA die Frage, ob wir nicht jemanden wüssten, der dort Rap-Workshops geben könnte. (Rap im Knast! Bis dahin einfach unvorstellbar!) Die Vernetzung der JSA mit einem geeigneten Künstler erfolgte noch vor Ort auf der Party; eine Verbindung, die übrigens bis heute gehalten hat. Irgendwie haben wir dies als Geburtsstunde der wirklich gemeinsamen Arbeit abgespeichert. Die Gruppe Gitta Spitta entstand in der JSA, und die jungen Männer waren vermutlich die ersten Rapper, die in der Jugendhaft eine von der Institution akzeptierte Karriere begannen. Als diese am Ende der 2000er Jahre aus der Haft entlassen wurden, war es schon selbstverständlich, dass die Streetworker von Gangway sie noch während der Haftzeit kennenlernen und nach der Entlassung mit ihnen draußen weiterarbeiten konnten. Mit der in dieser Zeit bei Gangway entstehenden Arbeit an den GangwayBeatz-Alben (um eine vollwertige Alternative zu GangstaRap-Phantasien zu etablieren), mit der Entstehung der BronxBerlinConnection (um die Wurzeln der HipHop-Kultur erlebbar zu machen) und Projekten wie der Kooperation mit Eastpak „Gangway goes fashion week“ gab es für die jungen Haftentlassenen attraktive Möglichkeiten, um neben der mühseligen Lösung von alltäglichen Lebensproblemen die eigene Kreativität zu entdecken und Talente zum Blühen zu bringen.
Auch auf der formalen Ebene tat sich einiges. Die Zutrittsbedingungen für die Streetwork-Teams wurden erleichtert, die Gesprächsmöglichkeit „ohne Beisein eines Beamten“ wurde vom Einzel- zum Regelfall, beginnend mit beruflicher Beratung konnte Streetwork-spezifische Beratung auch innerhalb der JSA etabliert werden, und der inzwischen neue Leiter der JSA brachte sich gemeinsam mit einigen seiner Kolleg*innen bei Gangway-Veranstaltungen außerhalb der JSA ein. Mit der Ausstellung „Grauzone Leben“ thematisierten Streetworker*innen und junge Haftentlassene gemeinsam all die Dinge, die für ein gutes Ankommen in einem Leben in Freiheit nicht förderlich sind – und bei diesem kritischen Feedback hörten die Kolleg*innen aus der JSA zu und kamen ins Gespräch, statt es – wie so oft vorher – zu bekämpfen.
Das dritte Jahrzehnt – die 2010er Jahre
Wir wussten gemeinsam, dass ein guter Übergang in die Freiheit auch für diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gebraucht wird, die den Streetwork-Teams nicht schon vor der Haft bekannt waren. Und auch die Jugendhilfe in Berlin erkannte, dass ihre Arbeit an der Schnittstelle zur Justiz intensiviert werden musste. Die Jugendgerichtshilfen hatten sich zwar wieder gefangen, aber auch sie erreichten mit ihren Angeboten nur einen Bruchteil der jungen Haftentlassenen. 2011 entstand so bei Gangway das Team Startpunkt; ein Streetwork-Team, das zu sogenannten Endstrafern (Jugendliche, welche die Haft bis zum letzten Tag absitzen und ohne weitere Betreuung entlassen werden) und zu Jugendlichen, die voraussichtlich aus der U-Haft entlassen werden, schon während der Haftzeit Kontakt und Vertrauen aufbaut, die Entlassung vorbereitet und die Jugendlichen nach der Entlassung mehrere Monate betreut und begleitet.
Intensiviert wurde auch die Kooperation mit der Schulabteilung der JSA (heute Helmuth-Hübener-Schule), wo mehr und mehr nicht nur schulische Curricula vermittelt, sondern auch kreative Prozesse in Gang gesetzt wurden. Mit dem Projekt ZwischenWelten wurde seit 2016 eine gemeinsame Möglichkeit aufgebaut, intensive Reflexionsprozesse mit Insassen zu gestalten, die von Gewalt- und Radikalisierungstendenzen betroffen sind und die vordem kaum eine adäquate Möglichkeit gefunden haben, ihre kreativen Ressourcen zu entdecken und zu entwickeln. Die mit dem Projekt beabsichtigte intensive Kommunikation zwischen „drinnen“ und „draußen“ wird durch die parallele Arbeit mit Insassen in der JSA und mit jungen Haftentlassenen außerhalb der JSA realisiert. Damit haben wir auch erreicht, dass sowohl die kreative Arbeit als auch die Unterstützung bei der Bewältigung handfester Lebensprobleme nach der Haftentlassung nahtlos weitergehen kann. Äußerst wichtig ist dabei aber auch, dass sich die Jugendlichen schon während ihrer Haftzeit „gesehen fühlen“ und durch diese beständige Kommunikation nicht nur unter sich bleiben.
Ein weiterer Dialog, nicht nur zwischen drinnen und draußen, sondern auch zwischen sehr verschiedenen Lebenswelten, wird durch die jährlich mindestens zwei bis dreimal stattfindenden Veranstaltungen zur Präsentation der Arbeitsergebnisse erreicht, die wechselnd innerhalb und außerhalb der JSA als Ausstellung oder Bühnenperformance stattfinden und immer Gesprächs- und Dialogräume beinhalten.
ZwischenWelten wird stetig weiterentwickelt. Im aktuellen Jahr 2020 – etwas gebeutelt durch Corona und die Folgen – haben wir den Diskurs zu gesellschaftspolitischen Themen, welche die Jugendlichen unmittelbar bewegen, in den Mittelpunkt gestellt und integrieren den Dialog mit Expert*innen aller Art „von draußen“ unmittelbar in die jeweiligen Workshop-Reihen. Beständig bleibt allerdings bei aller Weiterentwicklung unser Ansatz, alles Neue an die biografischen Erfahrungen der Jugendlichen anzuknüpfen und so gemeinsam kleine, aber nachhaltig wirkende Schritte zu gehen.
Und es geht weiter: Eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Helmuth-Hübener-Schule in der JSA und dem Street College von Gangway eröffnet neue Bildungsperspektiven, indem auch hier eine personelle Kontinuität hergestellt wird zwischen den Bildungsansätzen innerhalb und außerhalb der Haft.
Diese drei Jahrzehnte sind natürlich nicht so glatt verlaufen, wie es in einem so kurzen Rückblick aussehen mag. Unsere Streetwork-Prinzipien wie Freiwilligkeit, Vertraulichkeit und Lebensweltorientierung sind für uns nicht verhandelbar; egal, in welcher Lebenswelt wir junge Menschen aufsuchen. Natürlich gab es – auch, aber nicht nur deshalb – auch Unverständnis, Rückschläge und Auseinandersetzungen. Diese Retrospektive ist auch nur die Streetwork-Perspektive – ein Rückblick aus Sicht der JSA würde sicher etwas anders aussehen, weil die Zwänge innerhalb einer Strafanstalt sich natürlich noch wesentlich komplexer darstellen. Aber wir sind uns sehr sicher, dass wir uns in dem Ziel einig sind, den straffällig gewordenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein selbstbestimmtes Leben nach der Haft zu ermöglichen und schon während der Haft dafür so viel wie nur irgendwie möglich in Gang zu setzen. Und wir finden, dass uns der Erfolg Recht gibt.
ROOT LEEB
WEG. ZUM GLÜCK?
Alle sind irgendwo weg gegangen, haben auf unterschiedlichen Wegen ihren Ursprungsort verlassen …
Manche lassen alles zurück und manchmal kommen sie gut an.
Manche lassen alles zurück und kommen nirgendwo an.
Manche lassen alles zurück. Und müssen nach langem Unglück wieder dahin, wo sie aufgebrochen sind.
Ich habe in der Jugendstrafanstalt Berlin junge Menschen getroffen, bei denen alles möglich ist.
Ja, sie sind im Moment noch nicht richtig gut angekommen; irgendetwas haben sie falsch gemacht, dass sie da sind, wo ich sie getroffen habe. Aber es gibt Möglichkeiten, dass es noch gut wird.
Ich habe andere Menschen getroffen, die hier verwurzelt sind und die den Jungen, die erst einmal in der JSA gestrandet sind, eine hilfsbereite Hand hinhalten. Einsatzbereite Frauen und Männer von Gangway und der JSA-Berlin, die unermüdlich Ausschau halten nach Ertrinkenden, nach Möglichkeiten, einen Rettungsring, eine Boje oder ein Tau auszuwerfen.
Ob die dargebotene Hand genommen wird, ist jedes Mal ein Wunsch mit Fragezeichen.
Manchmal schlagen Ertrinkende ja wild um sich, wenn man sie retten will, das kennen wir; dann gilt es aufzupassen, dass man nicht selbst hinuntergezogen wird in den Strudel und womöglich das Bewusstsein verliert. Oder das eigene bisherige Leben.
Manchmal klammern sie sich so fest, dass einer oder einem Helfenden die Luft wegbleibt. Auch das gilt es zu vermeiden.
Und dann sind da noch junge Menschen, die nur zaghaft die Hand ergreifen, misstrauisch oder geschwächt (wovon?) viel zu früh wieder loslassen, weil sie glauben oder von sich selbst fordern, alleine zurechtzukommen. Manchmal gelingt es ihnen tatsächlich, einen für sie guten Weg zu finden; manchmal kommen sie nach einiger Zeit und auf vielen, womöglich beschwerlichen Umwegen wieder auf die dargebotene Hand zurück.
Viele sind orientierungslos. Sie haben zwar alles überlebt, sind aber aus irgendeinem Grund nicht richtig angekommen; ihre Erinnerungen gehen nur nach rückwärts in vergangenes Leben und Erlebtes, zu Menschen, die sie geliebt haben und zurücklassen mussten. Für nach vorne haben sie oft noch keine Vorstellungen, sie brauchen jemanden, der ihnen einen Weg zeigt. Den Weg für alle gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen finden, und manche brauchen ein halbes Leben dafür.
Ich hatte in der JSA das Gefühl, dass der Wille da ist, egal woher diese jungen Männer kommen, dass sie endlich ankommen wollen. Diese Anstalt ist für sie eine (hoffentlich nur einmal besuchte) Zwischenstation. Und ich hatte den Eindruck, dass auch die Menschen von der helfenden Seite diesen Willen stärken wollen, wecken kann man ihn wohl nicht. Ein Funke muss bereits vorhanden sein; wenn jemand sich selbst aufgegeben hat, scheint es aussichtslos.
Auch die Männer des Justizvollzugs in der JSA so wie die Gefängnisleitung wirken unterstützend, Wohl wollend. Ich, die ich lange Jahre in einem gefängnisähnlichen Internat in Bayern verbracht habe und die Situation gut kenne, dass Besucher*innen immer nur die Sonnenseite der Institution gezeigt bekamen, hoffe sehr, dass das hier nicht nur für Außenstehende vorgespielt, sondern ehrlich und grundsätzlich so ist. Bei uns war das damals leider nicht der Fall. An den Tagen, an denen Menschen von außen kamen, seien es „Ehemalige“ oder Eltern, gab es besseres Essen, wurde eine Gelassenheit, ja Heiterkeit und Toleranz demonstriert, auch uns Schülerinnen gegenüber, die einfach nur guten Eindruck machen sollten und sofort verdunsteten, nachdem die Besucher das Haus wieder verlassen hatten.
Wir konnten nicht einmal die eigenen Eltern überzeugen, wenn wir von scheinheiliger Selbstdarstellung des Internats sprachen. Was die Einsamkeit nur größer machte.
Die Erinnerungen an früher kann und soll man nicht auslöschen. Die schlechten helfen, bestimmten Situationen besser zu widerstehen, sich zu wappnen mit dem Wissen, dass man ja einiges bereits überstanden hat, und die guten helfen ebenfalls, widrige Situationen zu überstehen; sie stärken ungemein – und vielleicht klären sie sogar den Blick nach vorne.
Und das Schöne an Erinnerungen ist, sie reisen mit dem Menschen mit, der sie in sich trägt. Überall hin. Und wenn alles gut läuft, helfen sie, an dem zunächst fremden Ort etwas Neues aufzubauen …
Und im besten Fall ist das dann genau das, was man als Zuhause, ja als Heimat empfindet.
EMANUELA PILOLLI
ZWISCHENWELTEN –
EINBLICKE IN NEUE WELTEN
Das erste Wort, welches mir in den Kopf kommt, wenn ich an unser aktuelles Projekt ZwischenWelten denke, ist „Brückenbau“. Unser Anspruch an das Projekt ist die Verbindung zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen, Nationalitäten, Religionen und Traditionen. Es soll ein Weg entstehen, der vom Alltag im Gefängnis zur Realität außerhalb der Mauern weist. Anders gesagt: Eine Brücke, die den Übergang erleichtert. Im Vordergrund steht nicht die Vermittlung von Moral und starren Konzepten, nicht die Lehre von richtig und falsch, sondern der Gedanke, dass die Teilnehmer (nur männlich) durch Interaktion und aktive Gestaltung eigene Strategien finden, mit diesen Themen umzugehen.
Gemeinsam erarbeiten und besprechen wir in der Gruppe Gedanken, Ideen, Ängste und mehr, die die Teilnehmer im Hinblick auf ihre eigene, aber auch vermeintlich fremde Welten haben. Interaktive Kommunikation durch Gruppengespräche, Schreibübungen und Darstellungen sind die primären Bausteine, die uns helfen, interkulturelle und soziale Brücken zu bauen.
Hinter jedem Einzelnen stehen sehr individuelle Geschichten, Schicksale oder Ängste, die zum Ausdruck gebracht werden wollen. Unsere Herangehensweise im Workshop hat somit einen Leitfaden, muss aber als ein dynamischer Prozess verstanden werden, der durch das Mitwirken und die Eigenschaften und persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer spezifische Schwerpunkte setzt. Die Prozesse und Instrumente, die diesen Weg pflastern, können so verschieden sein wie die Teilnehmer selbst, sodass wir am Ende des Projekts ein buntes Venedig erschaffen wollen, was gut als Ganzes miteinander funktioniert.
Wichtigster Bestandteil von ZwischenWelten ist der schriftliche und verbale Austausch in einem geschützten Raum, den wir den Jugendlichen zur Verfügung stellen.
Trotz sprachlicher Barrieren wollen wir es schaffen, die bunte und kreative Welt des Einzelnen kennenzulernen und in unsere Arbeit aufzunehmen. Diese versteckt sich oftmals hinter sprachlichen Hemmungen, weil die Teilnehmer die deutsche Sprache nicht optimal beherrschen, aber auch hinter sozialen Mauern. Für viele ist es nicht einfach, sich vor einem Publikum zu öffnen. All dies gilt es zu berücksichtigen und zu verstehen, wenn wir nach Methoden und Instrumenten suchen, diese Barrieren aufzubrechen und zu nutzen. Nicht selten kommunizieren wir mit Gesten, nutzen Hände und Füße oder übersetzen Metaphern aus der jeweiligen Muttersprache ins Deutsche, sodass neue sprachliche Möglichkeiten entstehen, die wir in unsere Texte mit aufnehmen. Oft entstanden so lustige Situationen, und die Sicherheit der Jugendlichen wuchs zunehmend.
Sprachen beeinflussen sich gegenseitig. Viele Metaphern werden auch in andere Sprachen übersetzt, Wörter übernommen oder eingedeutscht. Ein Philosophiestudent in Italien beispielsweise muss viele deutsche Worte lernen, um die philosophischen Texte zu verstehen. Viele Worte werden aus dem deutschen Sprachgebrauch (Originalsprache vieler Texte) übernommen. Manchmal wäre ein ganzes Buch notwendig, um diese zu erklären. Es geht nicht nur um Worte, sondern um ganze Konzepte. Nehmen wir zum Beispiel das Wort Weltanschauung. Wie versteht der Autor, der Leser, das Gegenüber die Welt? Wie interpretiert der Mensch/die Gruppe die eigene Existenz und das irdische Dasein? Es geht um moralische und soziale Normen und Prioritäten im Leben und die Rolle, die der Mensch in diesem Gefüge einnimmt. Diese Regeln und Ansichten sind jedoch so unterschiedlich geprägt, dass es schwierig ist, sie als ein starres Konzept darzustellen und in Texten zu verarbeiten. Bei der Darstellung und Verwendung eines solchen deutschen Begriffs beispielsweise ist Fingerspitzengefühl gefragt und der interaktive Dialog besonders wichtig. Wie schaffen wir es, die Weltanschauung unseres Gegenübers, trotz eigener Interpretationen, Prägungen und normativen Systemen, zu verstehen? Wie verstehst du deine Heimat? Wie riechst du sie? Wie klingt sie in deinen Ohren? Wie schmeckt sie für dich? All das waren zentrale Fragen, die wir in der Gruppe gestellt und besprochen haben.
Der Austausch über eigene Wahrnehmungen öffnet neue Türen und führt oft zu mehr Verständnis und einer gegenseitigen Annäherung.
Ebenso wie das Verständnis innerhalb der Gruppe fördern möchte unser Projekt auch der Welt außerhalb der Gefängnismauern zeigen, wer unsere Teilnehmer wirklich sind. Es ist nicht nur der Kriminelle, der seine Identität durch den Haftaufenthalt erhält. Statt die Insassen einer Strafanstalt als homogene Gruppe von Sträflingen zu sehen, möchten wir zeigen, dass es sich um verschiedene Charaktere und Geschichten handelt. Unser Projekt ZwischenWelten soll dazu beitragen, diese Stigmatisierungen aufzubrechen.
Viele der Jugendlichen bezeichnen sich selbst als Ausländer, Kriminelle oder schwer erziehbar, weil sie das durch jahrelanges Abstempeln der Außenwelt übernommen haben und sich nicht anders selbst definieren können. Wir wollen mit den Jugendlichen gemeinsam daran arbeiten, die eigenen Horizonte zu erweitern. Das Schubladendenken soll ersetzt werden, in dem wir auf vielseitige Eigenschaften hinweisen, die uns zu dem machen, was wir sind. Auch wenn uns das Gegenüber vorerst fremd erscheint, ist es nicht per se schlecht. Man kann es kennenlernen und begreifen.
Das Fremde kann eine andere Lebenswelt aus ferneren Ländern wie Nigeria, Tschetschenien oder dem Iran sein; oft jedoch habe ich in meiner Arbeit die Erfahrung gemacht, dass auch eine Art der Entfremdung zu beobachten ist, wenn die Menschen in unterschiedlichen Bezirken in Berlin aufgewachsen sind. Durch die unterschiedliche soziale und urbane Struktur sowie spezifische Nachbarschaften und Stadtbilder, mit verschiedenen sozialen und kulturellen Regeln, fühlen sich Jugendliche aus Neukölln beispielsweise manchmal fremd gegenüber den Jugendlichen aus Marzahn.
Wir nehmen die Orte anders war, wissen weniger darüber, weil wir dort nicht leben oder aufgewachsen sind. Wenn wir nun aber Geschichten aus anderen Perspektiven hören, ist das eine wundervolle Chance, unsere Sicht auf die Welt zu erweitern.
Die These, dass Distanz zwischen Menschen oftmals durch unterschiedliche Sozialisation mit spezifischen Ansichten, Werten und Strukturen entsteht, sprich: das unbekannte Fremde erst einmal Barrieren schafft, ist grundlegend für unsere Arbeit im Projekt ZwischenWelten. Diese Grenze soll durch den lebendigen Austausch gelockert und im besten Fall überwunden werden. Auch ich als Betreuerin des Projektes lerne durch den Austausch mit den Jugendlichen aus ganz unterschiedlichen Kontexten, meine eigenen vorgefertigten Muster und Denkweisen zu reflektieren.
Wie bereits angedeutet spielt das Phänomen Sprache in unseren Workshops eine ganz zentrale Rolle. Hier geht es nicht nur um die Sprache, die wir durch Worte ausdrücken, sondern um die Interpretationen und das Verständnis, welche wir in unserer Welt erlernt haben. Sprache sind Deutungsmuster, Mimiken und individuelle Erfahrungen, die sich in unserer alltäglichen verbalen und non-verbalen Kommunikation widerspiegeln. Sie wird nicht nur benutzt, um Objekten einen Namen zu geben, Formen zu beschreiben oder Gefühle auszudrücken. Die Etikettierung von Dingen, Orten, Gefühlen etc. durch Sprache verschließt uns Türen und beschränkt unsere Wahrnehmung und Auffassung des Beschriebenen. Wir müssen die Ungreifbarkeit der Realität akzeptieren, verstehen, dass die individuelle Wahrnehmung der Menschen ganz unterschiedlich ist.
Eine Schreibübung, die wir im Rahmen unseres Projekts durchführen, ist die Beschreibung verschiedener Orte. Dies können eine Haltestelle oder ein Park im Wohnviertel sein oder Straßenzüge, Plätze und andere Orte, die man wahrnimmt. Am Ende der Übung erraten die anderen Teilnehmer, um welche Orte es sich handelt, und wir besprechen das Geschriebene gemeinsam. Es entstehen wunderbare individuelle Beschreibungen und Bilder verschiedener Orte: Einblicke in andere Welten und Wahrnehmungen der Außenwelt. Es sind Orte voller persönlicher Erfahrungen und Erinnerungen, die nicht nur durch einen Namen entstehen. Der Bergmannkiez oder das Gelände Messe Nord kann für mich etwas ganz anderes bedeuten als für mein Gegenüber. Während mein rechter Nachbar den Hermannplatz als bedrohlich oder hektisch wahrnimmt, kommt mein linker Nachbar vielleicht gar nicht mehr aus dem Schwärmen raus. Er sieht bunte Menschen, Kreativität und multikulturelles Leben. Die Welt ist somit viel mehr eine glitzernde Discokugel, ein Spiegel mit vielen Facetten als ein Globus mit festen geografischen Grenzen. Jeder Teilnehmer im Projekt konstruiert seine eigene Welt und deutet diese nach individuellen Mustern. ZwischenWelten möchte vermitteln, dass es keine richtigen und falschen Wahrnehmungen gibt, sondern diese von individuellen Deutungen abhängen. Dies zu verstehen fördert tolerantes Denken und ein respektvolles Miteinander. Menschen werden nicht weiter abgestempelt und in Schubladen gesteckt, sondern wir lernen, genauer hinzuschauen. Was steckt hinter dem Menschen; wer sind die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten; warum stehen sie dort, wo sie jetzt stehen.
Der Philosoph Wittgenstein beschreibt Sprache als ein Spiel, welches immer wieder neue Welten erschaffen kann. Im Hinblick auf unser Projekt könnte dies zum Beispiel bedeuten, dass für die Jugendlichen, durch das schriftliche Beschreiben (von Orten, Gefühlen, Ereignissen) ein neuer Denkprozess angestoßen wird, bei dem sie ihre Welt reflektieren und neu kreieren können. Sie bekommen einen anderen Blick auf sich selbst, ihre Rolle in der Gesellschaft und auch auf ihre Mitmenschen. Die Welt als großes globales System, aber auch als individuelles und soziales Gefüge, in dem der Jugendliche aufgewachsen ist und aktuell lebt, kann durch diese Beschreibung von einer anderen Perspektive wahrgenommen werden. Dieser Blickwechsel eröffnet ihnen die Möglichkeit, durch die vielen kleinen Geschichten, die wir hören, unsere Rolle in dieser Welt anders zu begreifen. Aus der Vielfältigkeit entstehen neue Blickwinkel und die Jugendlichen lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.
In der philosophischen Theorie wird oft die These vertreten, dass Objekte (ein Berg, ein Mensch) nicht existieren, sofern wir sie nicht visuell wahrnehmen. ZwischenWelten ist ein Projekt, welches diese Objekte durch Um- und Beschreibung sichtbar werden lässt. Es entstehen also Brücken, die Fremdes und Eigenes verbinden.
Ich hoffe, unser kleines Venedig gefällt euch.








HERKUNFT – ANKUNFT
Zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Selbstbild und Fremdbild, zwischen gestern und heute, liegen Geschichten im Verborgenen.
Ich komme aus Algerien.
Mit 12 Jahren habe ich mein Land verlassen. Was als ein Spiel von drei kleinen Jungs begonnen hat, wurde harte Wirklichkeit.
Ich hatte noch nie eine Heimat und habe bisher auch keine gefunden. Meine Familie ist alles, was ich habe.
Ich komme aus Moskau.
Ich bin nach Deutschland gekommen, weil meine Familie hier ist. Aber es ist alles anders gekommen, nicht so, wie ich wollte.
Trotzdem ist Deutschland zu einer zweiten Heimat für mich geworden.
Morgen werde ich Deutschland verlassen.
In meiner Seele behalte ich Deutschland in Erinnerung.
Ich bin 17 Jahre alt. Ich komme aus Algerien.
Ich habe Algerien mit 14 Jahren verlassen. Auf einem Gummiboot bin ich für 500 € nach Spanien, Alicante, gefahren.
Ich bin mit einem Trekking-Rucksack nach Europa gekommen. Für einen Koffer war auf dem Boot kein Platz. Im Rucksack waren Essen, eine Hose, eine Jogginghose, eine Jacke, ein T-Shirt und ein Liter Wasser. Ich selbst habe eine Kappe, eine Jacke und Sportschuhe, ein Armband und einen Ring getragen. Obwohl ich das alles anhatte, war mir trotzdem kalt.
Wir waren 17 Stunden lang auf dem Boot. Es gab dort ausreichend Wasser. Außerdem Datteln und Milch. Datteln sind auch gut gegen die Übelkeit.
Mein Armband und meinen Ring habe ich auf der Fahrt verloren. Alle meine anderen Sachen habe ich einem alten Marokkaner geschenkt. Er musste in Spanien in einem Flüchtlingslager zurückbleiben. Ich war minderjährig und konnte weiter. Nur im T-Shirt und kurzer Hose ging ich los.
Ich komme aus Afghanistan.
In bin mit meiner Familie in den Iran geflüchtet, als ich drei Jahre alt war. Als ich 15 Jahre alt war, bin ich in die Türkei gegangen. Nach vier Monaten bin ich zu Fuß nach Griechenland gelaufen.
Als ich 18 war, bin ich über Ungarn nach Deutschland gekommen. Hier habe ich Asyl bekommen.
Ich habe keine Heimat mehr, weil ich umgebracht werden würde, wenn ich nach Afghanistan reisen würde. Ich werde niemals zurückkehren können.
Aber ich mag Deutschland. Ich habe jetzt einen deutschen Pass.
Afghanistan hat eine lange Leidensgeschichte:
1989 endete der Krieg zwischen der Sowjetunion und Afghanistan. 1 Million Tote, 5 Millionen Flüchtlinge, zerstörte Dörfer waren die Folge.
1996 ergreifen die Taliban die Macht. Mein Vater war Mudschaheddin und hat mit Unterstützung der USA gegen die Taliban gekämpft. Das ist mein Vater.
Nach den Anschlägen in New York griffen die USA 2001 Afghanistan an.
2004 wird nach dem Ende des Krieges der erste demokratische Präsident, Hamid Karzai, gewählt.
Anhörung des Vaters beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
FRAGE: Nennen Sie mir bitte Ihre letzte offizielle Anschrift im Heimatland. Haben Sie sich dort bis zur Ausreise aufgehalten? Wenn nein, wo?
ANTWORT: Ich wohnte in der Provinz Herat. Ich habe mich bis zur Ausreise dort aufgehalten.
FRAGE: Haben Sie in einem Haus oder in einer Wohnung gewohnt?
ANTWORT: Ich habe dort in einem zweigeschossigen Privathaus gewohnt, das der Familie gehört.
FRAGE: Wann haben Sie Ihr Heimatland verlassen?
ANTWORT: Ich bin am 19.05.1999 ausgereist.
FRAGE: Wohin sind Sie gereist?
ANTWORT: Ich bin illegal nach Iran ausgereist.
FRAGE: Wie lange haben Sie sich im Iran aufgehalten?
ANTWORT: Ich habe mich im Iran 16 Jahre lang aufgehalten.
FRAGE: Wie sind Sie dann weitergereist?
ANTWORT: Vom Iran aus bin ich in die Türkei gereist. Danach reiste ich über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Deutschland. Die Reise hat viele Tage gedauert. An der Grenze zwischen Serbien und Ungarn mussten wir drei Tage im Wald leben. Während wir warteten, wurden wir überfallen. Uns wurden 4.600 € geraubt. Wir wurden gefangen und geschlagen. Die ganze Ausreise kostete 17.000 € für die gesamte Familie.“
FRAGE: Welchen Beruf haben Sie gelernt? Bei welchem Arbeitgeber haben Sie zuletzt gearbeitet? Hatten Sie ein eigenes Geschäft?
ANTWORT: Ich bin Schneider. Ich habe diesen Beruf erlernt und in diesem gearbeitet.
FRAGE: Sie werden nun zu Ihrem Verfolgungsschicksal und den Gründen angehört. Sie werden aufgefordert, die Tatsachen vorzutragen, die Ihre Furcht vor Verfolgung oder die Gefahr eines Ihnen drohenden Schadens begründen. Weiterhin haben Sie alle sonstigen Tatsachen und Umstände anzugeben, die einer Abschiebung in einen bestimmten Staat entgegenstehen.
ANTWORT: Ich bin seit 1989 Mitglied der Mudschaheddin. Zum Anfang haben wir gegen die Regierung gekämpft und später kämpften wir gegen die Taliban.
FRAGE: Gibt es noch andere Gründe, die Sie für das Verlassen Ihres Heimatlandes vorbringen wollen?
ANTWORT: Das war der Grund, warum ich meine Heimat verlassen habe; das Leben meiner Familie und mein eigenes Leben war in Gefahr.
FRAGE: Machen Sie für Ihre Kinder weitere Asylgründe geltend?
ANTWORT: Ja.
FRAGE: Bitte geben Sie diese weiteren Gründe an.
ANTWORT: Ich möchte für meine Kinder eine bessere, sichere Zukunft haben.
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