Read the book: «Wörterbuch des besorgten Bürgers»
ROBERT FEUSTEL / NANCY GROCHOL / TOBIAS PRÜWER / FRANZISKA REIF (HG.)
WÖRTERBUCH DES BESORGTEN BÜRGERS

Robert Feustel: Studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Leipzig und Madrid, wurde mit einer Kulturgeschichte des Rauschs 2012 promoviert und verdient seine Brötchen an der Universität Leipzig. Seine Interessen liegen im Bereich der politischen Theorie und der Wissens- bzw. Wissenschaftsgeschichte. Veröffentlichungen u. a.: »Grenzgänge. Kulturen des Rauschs seit der Renaissance«, »Die Kunst des Verschiebens. Dekonstruktion für Einsteiger«.
Nancy Grochol: Studierte Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Leipzig und Reykjavik. Sie arbeitete in verschiedenen Forschungsprojekten. Mittlerweile ist sie freiberufliche Lektorin (mit dem Schwerpunkt Wissenschaft) und berät Unternehmen bei deren interner und externer Kommunikation. Nebenbei schreibt sie journalistische und sprachkritische Texte.
Tobias Prüwer: Studierte Philosophie und Geschichte in Leipzig und Aberdeen. Seit 2009 Theaterredakteur beim kreuzer. Wenn er nicht über Inszenierungsstrategien schreibt, beschäftigt er sich u. a. für Der Freitag, Jungle World, Nachtkritik und Jüdische Allgemeine mit Comics und Körperpolitiken, Heavy Metal und Arthouse, Essay und Kritik. Veröffentlichungen u.a.: »Humboldt reloaded. Kritische Bildungstheorie heute«, »Fürs Leben gezeichnet: Body Modification und Körperdiskurse«.
Franziska Reif: Studierte Linguistik und Anglistik und arbeitet als Autorin, Lektorin und Übersetzerin. Ihre Themen sind u. a. Arbeit und Geld, Industrie und Natur sowie sprachliche Phänomene jeder Art. Veröffentlichungen: mit T. Prüwer: »A wie Asozial. So demontiert Hartz IV den Sozialstaat«, mit Prüwer und Tim Tepper: »Weltnest Leipzig«.
© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz 2016
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage der erweiterten Ausgabe, Februar 2018
print-ISBN 978-3-95575-088-6
e-ISBN 978-3-95575-597-3
Cover: Oliver Schmitt
Ventil Verlag
Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
Inhalt
!!1!1!! • 89 • Abendland • Abschiebeverhinderungsindustrie • Afrikaner • Ahu! • Alternative • Altmedien • Altparteien • Angst • Antifa • Antifa e.V. • Araber • Asylant • Asylforderer • Asylindustrie • Asylkritik • Atheismus • Aufwachen • Aussterben • Bahnhofsklatscher • BRD GmbH • Bürger • Bürgerwehr • Christentum • christlich-jüdisch • Cui bono? • D-Mark • Danke, Merkel! • Demokratie • deutsche Frau • deutsche Sprache • Deutschland GmbH • Diktatur • direkte Demokratie • Ehre • Entvölkerung • Erika • etablierte Parteien • Euro • Europa • Extremismus • Fachkräfte • Fake News • Fakten • Familie • Faschismus • Feminismus • Fernstenliebe • Ficki-Ficki-Fachkräfte • Flüchtling I • Flüchtling II • Flüchtlingsfrage • Flüchtlingskrise • Flüchtlingslawine • Flüchtlingswelle • Freiheit • fremd • fremd im eigenen Land • Frieden • Frühsexualisierung • Gastfreundschaft • Gefährder • Gemeinschaft • Gender • Genderwahn • Gewalt • GEZ • Gnadenrecht • Grenze • großer Austausch • Grundgesetz • Gummimuschi • Gutmensch • Heimat • Hyperrassismus • Identität • Integration • Invasionsarmee • Islam • Islamisierung • Islamkritik(-er) • Klartext • kleiner Mann • Kopftuch • Koran • Krieg • Kultur • Kulturbereicherer • Kulturkreis • Kulturmarxismus • Leitkultur • Lindwurm • links • Linksfaschismus • linksversifft • Lügenpresse • Maasmännchen • Mainstream • Manipulation • Männerhorden • Männlichkeit • Marionetten • Mauer • Maulkorb • Mausrutscher • Meinungsfreiheit • Merkeldiktatur • Merkeljugend • Metapolitik • Migrationshintergrund • Minderheitenterror • Mitte • Multikulti • Muslim • Nafri • Nation • Nazi • Nazikeule • Neger • Obergrenze • passdeutsch • Patriotismus • Plünderung • Plüschpimmel • Political Correctness • Polizei • prorussisch • Rapefugees • Rasse • Rassismus • rechts • Rechtsstaat • Reconquista • Schande • Scharia • Schießbefehl • Schreikinder • Schuldkult • Schweinefleisch • schwul • Sexismus • sichere Herkunftsstaaten • Smartphone • Sorge • Souveränität • Sozialamt der Welt • Spaziergang • Staat • Staatsversagen • Statistik • Straßenkampf • Südländer/Südeuropäer • Systemling • Tabubruch • Terror • Thymos • Toleranzfaschismus • Überfremdung • Umerziehung • Umvolkung • Untergang des Abendlandes • Unterhose • USA • Verfassung • Vernichtungskrieg • Verschwulung • Verteidigung • Volk • völkisch • Volksgemeinschaft • Volkstod • Volksverdünner • Volksverräter • Wahrheit • Weihnachten • Wende • Werte • Widerstand • Willkommenskultur • Wirtschaftsflüchtling • Zigeunerschnitzel • Zionisten • Zitate
Ein Volk, ein Reich, kein Syrer. Ein Gespräch mit Georg Seeßlen und Klaus Theweleit
Vorwort oder: Die Logik der Eskalation
»Wir wollen keine Beteiligung am Diskurs, sondern ein Ende vom Konsens. Es geht nicht um Diskussionen, sondern um eine andere Sprache.« Glasklar artikuliert eine neurechte Kleinstgruppe, welches Feld Pegida-Spaziergänger und AfD-Wähler zusammen mit strammen Nazis und Rechtsauslegern der Volksparteien bestellen. Ein Gespräch ist nicht das Ziel jener Wutschäumenden, die von Politik und Medien zunächst als besorgte Bürger mit berechtigten Anliegen verharmlost wurden. Sie wollen aber nicht allein Interessen im Sinne eines demokratischen Grundverständnisses anmelden, sondern vorschreiben und Begriffe besetzen. Meinungshoheit statt Redefreiheit lautet der besorgte Treueschwur, auch wenn sie anderes behaupten.
Damit befinden wir uns mitten im Besorgtensprech, der Einzug in öffentliche Debatten und Parteien älteren Gründungsdatums gefunden hat. Nicht nur die Demonstranten, die sich als Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) bezeichnen, oder die AfD machen sich beständig mit verräterischen Sprachwendungen Luft. Auch Mitglieder der Volksparteien wie Bettina Kudla, Veronika Bellmann (beide CDU), Horst Seehofer (CSU) oder Thilo Sarrazin (SPD) bedienen sich freizügig dieses Registers. Mit Umdeutungen, Erfindungen und rhetorischem Nebel entwickeln sich Denk- und Sprachmuster, in denen so manches umgekehrt und gegen den Strich gelesen wird: Da ist Deutschland Opfer, Diktatur oder GmbH, bilden geflüchtete Menschen eine Armee oder droht der Volkstod. Seit im Fahrwasser von Pegida Menschen auf die Straßen gingen, sind Verschiebungen in der Diskussionskultur zu beobachten. Parolen und Redebeiträge der Besorgten lassen den Seismografen nach rechts ausschlagen. Totgeglaubte Begriffe und Bilder erwachen zu neuem Leben, politische Semantiken laufen leer. Die Kunst der Agitation hat Konjunktur.
Es gab bereits einige Versuche, dem Besorgtenphänomen auf die Spur zu kommen, das langsam, aber ununterbrochen in den politischen Alltag einsickert. Im Osten Deutschlands spielt das Gefühl, abgehängt zu sein und nicht mithalten zu können, eine große Rolle. Die Nachwendedepression kippt in national gefärbten Unmut. Republikweit gesehen dominiert die Haltung des Angry White Man, der den alten White Trash zu neuem Leben erweckt und an der Dynamik der spätmodernen Gesellschaft scheitert. Der neoliberale Imperativ »Sei deines Glückes Schmied« zeigt hier eine seiner Schattenseiten. Seine Umkehrung (»Jeder ist seines Unglückes Schmied«) führt − gemeinsam mit einer völligen Überzeichnung von Individuum und Ego − zur verzweifelten Suche nach Gemeinschaft, in der man sich eine vermeintlich heile Welt alter Volksgemeinschaft erdichtet. Das ist so falsch wie nachvollziehbar.
Jenseits politischer Deutungsangebote geht es in diesem Buch um die Sprache der Besorgten. Die hat es in sich, nicht nur weil sie mit Eskapismus und derben Vereinfachungen glänzt. Die besorgte Sprache bedient sich auch jener Begriffe, die üblicherweise zum liberalen oder demokratischen Sprachgebrauch gehören. Parallel zur Selbsteinordnung als bürgerliche Mitte kursieren ganz selbstverständlich Worte wie Freiheit, Demokratie oder Gastfreundschaft. Der unstete Ort der Sprache liegt irgendwo zwischen Propaganda und dem Versuch, Klarheit zu stiften. Rhetorische Kniffe, um zu verschleiern und mitunter perfide zu gewichten, sind das eine Ende der Skala, Präzision das andere. Im Besorgtensprech allerdings zeigt sich ein selten gekanntes Ausmaß sprachlicher Wandlungen. Sie − unvollständig und selbst wertend − zu sammeln und zu kritisieren, ist das Ziel dieses Wörterbuchs.
In der Besorgtensprache lassen sich Systematiken erkennen. Einige fest im Gegenwartsdiskurs verankerte und unzweifelhaft positiv besetzte Begriffe werden integriert und dabei umgedeutet. Das schafft Anknüpfungspunkte und den Eindruck eines legitimen Anliegens. So reden die Besorgten unablässig von Wahrheit oder Demokratie, meinen damit allerdings ziemlich schräge Sachen. Demokratie ist dann die Tyrannei der »echten« Deutschen, um alle Formen von Minderheitenschutz bereinigt. Freiheit gilt dem biologisch gedachten Volkskörper und hat wenig mit individueller Lebensgestaltung zu tun.
Weil die Welt früher nicht so schlecht gewesen sei, wie der Mainstream uns glauben machen will, ist es für besorgte Bürger an der Zeit, längst aufgearbeitete und für ausgrenzend erklärte Begriffe zu reanimieren oder zu rehabilitieren, etwa Zigeunerschnitzel, Neger oder völkisch. In diesem Akt der Wiedereingliederung erkennen die Besorgten die vermeintliche Stärke, sich von der »Meinungsdiktatur« nicht länger in Schach halten zu lassen.
Ein weiterer Modus ist die Begriffsaneignung als radikale Umkehrung, zum Beispiel wenn Gida-Gegendemonstranten mit »Nazis raus!« angebrüllt werden. Die Antifa sind »Antideutsche Faschisten« und wir alle leben in einer »Meinungsdiktatur«, was auf den Kundgebungen ohne Störung behauptet wird. Die selbsternannte bürgerliche Mitte nutzt negativ besetzte Begriffe, um alle zu diffamieren, die nicht mitspazieren. So bestärkt sie für sich das wohlige Gefühl, auf der Seite der Guten zu stehen.
Die vermutlich größte Kraft der besorgten Sprache ist die Pauschalisierung. »Lügenpresse«, »Asylant« oder »Muslim«: Mit der Praxis, alle über einen Kamm zu scheren, gehen gefährliche politische Wertungen einher, die im Begriff selbst zum Tragen kommen. So macht es einen erheblichen Unterschied, ob man durchaus nötige Medienkritik übt oder sämtliche Presseorgane der permanenten Lüge bezichtigt.
Das alles findet als Mimikry eines Tabubruchs statt. Wer differenziert, verschleiere nur die wirkliche Dramatik der Lage. Wer nicht von Umvolkung oder Umerziehung spricht, mache sich einer Verklärung der Tatsachen schuldig. Faktisch allerdings stecken hinter angeblichen Tabubrüchen verbale Eskalationen und Diffamierungen, die sich über das angebliche Verbot selbst zur Wahrheit erklären. Diese perfide Logik ist aus antisemitischen Kreisen bekannt, wenn es beispielsweise heißt, man dürfe ja wohl Israel kritisieren − als hätte es jemals ein entsprechendes Verbot gegeben. Beständig werden die Pappkameraden Maulkorb und Tabu aufgestellt, um sich gegen Einwände unangreifbar zu machen.
An einigen Stellen kippt die Rhetorik offen nach rechts. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass die irre Reichsbürgeridee, die BRD sei eine GmbH, weil im Personalausweis das alte Wort Personal steht, einmal so weite Kreise ziehen würde? Es wird verharmlost und verdreht, Verrohungen zum Klartext umgedeutet. Dabei ruft die besorgte Sprache vergleichsweise unverhohlen zur Gewalt auf, weil selbst heftige Abwertungen wie Notwehr und Selbstverteidigung wirken sollen − etwa Ficki-Ficki-Fachkräfte für angeblich massenhaft vergewaltigende Flüchtlinge. Im Zuge dieser Entzivilisierung und Entmenschlichung kommen Metaphern aus der Biologie wieder in Mode. Von Verseuchung oder Parasiten ist die Rede. Pegida-Mitinitiator Lutz Bachmann nannte Geflüchtete »Gelumpe, Viehzeug, Dreckspack«.
Sprachanalyse ist keine Oberflächenpolitur, weil es nicht egal ist, wie man Dinge benennt. Sprache schafft Realität. Es ist nicht gleichgültig, ob man von Geflüchteten redet oder wie Wolfgang Schäuble (CDU) Menschen als »Flüchtlingslawine« mit einer Naturkatastrophe gleichsetzt. In der Gruppe der Geflüchteten können Individuen und damit Unterschiede mitgedacht werden. Ein Schneerutsch ist eine tödliche Gefahr ohne Einzelschicksale. Der Kampf um die Wörter ist also nicht vom Kampf um die Dinge zu trennen, weil das Wort die (Be-)Deutung erschafft. Die Besorgtensprache zeigt sich so gesehen als eine Klaviatur stilisierter Angst, die längst in Hass und Gewalt umgeschlagen ist. In diesem Klima ist die Fähigkeit zur Argumentation zu Staub zerfallen. Einwände gegen das besorgte Denkgebäude werden als glatte Lüge oder als Irrweg eines vom Mainstream geblendeten Systemlings abgetan. Selbst einfache Fakten, etwa die tatsächliche Zahl der Muslime in Ostdeutschland, gelten nichts. Darüber steht die unbestimmte Angst, die als vermeintlich authentisches Gefühl noch die waghalsigsten Behauptungen untermauert. Agitation ersetzt Argumentation. Die Redner auf den Gida-Bühnen sind kaum auf konkrete Aussagen zu fixieren, ihre Behauptungen bleiben vage. Fürs Publikum reicht es: Bei jedem verhassten Namen, jedem Reizwort, zeigen die Zuhörer ihre Unzufriedenheit mit Buhrufen. Die Agitatoren beschreiten den altbekannten Weg der Verführung, auf dem sie beinahe beliebig Urteile und Wertungen verbreiten können, gewürzt mit dem Versprechen auf ein Erstarken der eigenen Bewegung.
Allenthalben werden mysteriöse Kräfte wie Ausländer oder Rot-Grün hervorgezaubert, die sich verbündet haben sollen und − über alle Differenzen hinweg − unerbittlich ein Ziel verfolgen: Die Auslöschung des wahren, biokulturellen Deutschlands. Das Volk, imaginiert als organische Einheit, werde zerstört, genauso wie Werte und Traditionen. Das Freund-Feind-Schema hat das Ruder übernommen, es klafft die schroffe und von der »realen Möglichkeit des Krieges« getriebene Unterscheidung zwischen einem bedingungslosen Wir und dessen Feind. Diese traurige Reanimation des Nazijuristen Carl Schmitt mitsamt seiner völkischen Kontur ist das Hintergrundrauschen, White Noise, aus dem White Power entspringt. Rechtes Gedankengut, verdeckt vom scheinheiligen Bild des tief besorgten Bürgers.
Gut gegen Böse. Statt des Ausgleichs verschiedener Interessen, dem Kern der Demokratie, sind Glaubenssätze angesagt, die − über Widersprüche erhaben − durchgeboxt werden. Die Nähe zwischen dieser Rhetorik und islamistischen Einlassungen ist dabei auffällig. Die Wucht besorgter Dogmen gleicht einem religiösen Eifer, nur dass die Transzendenz − das Himmelreich − nicht von Gott, sondern vom nationalen Mythos beseelt ist. In der Theorie heißt das strukturanalog. Während im religiösen Wahn einiger verwirrter Seelen das Wort Gottes jedes Mittel legitimiert, trägt eine nicht minder fantasierte nationalvölkische Illusion die besorgte Aggression. Gida-Spaziergänge sind Prozessionen zur inneren Erbauung. Und die sozialen Medien befördern dies. Sie dienen der Selbstvergewisserung, auf der Seite der Wahrheit zu flanieren, und bestärken das Gefühl der Innerlichkeit. Die eigene, besondere Sprache ist dabei wichtiges Vehikel.
Patriotisches, nationalistisches, xenophobes oder rassistisches Gedankengut und ein deutscher Opferkult sind nicht neu. Im Rahmen umgebauter, spätmoderner Kommunikationsstrukturen allerdings bekommt der Stammtisch ein anderes Gewicht. Er gewinnt mithilfe sozialer Medien Einfluss und schließt sich zu halb verschwörungstheoretischen Aussagenketten und Verweisstrukturen zusammen. Diese neuen digitalen Netzwerke produzieren einige Eigentümlichkeiten, die der Agitation genauso helfen wie selbstreferenziellen Glaubensmustern, also Verschwörungen. Die bereits im Wahrnehmungsapparat angelegte Tendenz, bevorzugt Informationen wahr und ernst zu nehmen, die ins eigene Weltbild passen − der sogenannte Bestätigungsfehler − wird bestärkt, weil sich gefilterte Subnetze bilden. Es handelt sich um beinahe isolierte Cluster, in denen nur Informationen geteilt werden, die ins Raster oder ins Ressentiment fallen. So erscheinen falsche Bilder und Vorstellungen wie die gezielte Umvolkung als seriöses Wissen. Der interaktive Charakter befeuert zudem die Gruppenpolarisierung: Was viele für wahr halten, muss stimmen. So etabliert sich ein Zerrspiegel der Realität, in dem üble Gerüchte in den Bestand objektiver Tatsachen rücken (von denen die Seite hoaxmap.org unzählige aufdeckt).
Die Skandalliebe eines heißgelaufenen Mediengeschäfts, das auf Echtzeit zusteuert, feuert die Debatte zusätzlich an. Was viel Aufmerksamkeit zu generieren verspricht, wird veröffentlicht. Der Logik der Eskalation folgend, bespielen die Agitatoren der Besorgten mit scharf gestellter Sprache und immer neuen Provokationen die Presse unaufhörlich und machen sich den Druck der Klickzahlen zu eigen. Noch die dreisteste Behauptung oder niveauloseste Beleidigung zieht weite Kreise. Gleichzeitig werden dieselben Medien als »Lügenpresse« diffamiert, was den Agitator in die Opferrolle versetzt und ihm in der Sphäre des Kontrafaktischen Spielräume eröffnet.
Ausrufe wie »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!« werden zum nationalen Vaterunser, sowohl auf der Straße als auch in den Kommentarspalten, in denen sich noch der einsamste Pöbler in die Volksgemeinschaft integriert. Endlich Akteur, verbal und zunehmend auch praktisch. Diese selbstgebastelte Frontstellung führt in eine stilisierte Opferhaltung. Da sich in ihren Augen böse Kräfte gegen Deutschland verbünden, scheint jedes Mittel erlaubt. Wer sich in Notwehr wähnt, hat einigen Handlungsspielraum.
Dabei wird das politische Koordinatensystem außer Kraft gesetzt. Für rechts halten sich Besorgte zumeist nicht, selbst wenn sie rassistische Begriffe und Ansichten verbreiten und sich nach der alten deutschen Ordnung sehnen. Die Linken sind dafür Rechte, Linksfaschisten eben. Oder Extremisten, also das Böse gegenüber einer guten demokratischen Mitte, in der sich die Besorgten sehen. In dieser Denke formuliert Lutz Bachmann, dass »Pediga die bürgerliche Mitte« sei, um im selben Atemzug den neurechten Vordenker Götz Kubitschek als Redner anzukündigen. Die Besorgten sind also nur den Weg weitergelaufen, den ihnen die inzwischen fälschlicherweise zum Standard erhobene Extremismustheorie bereitet hat. Es gebe nur noch gute Demokraten, die sich gegen fiese Extremisten behaupten müssten, egal ob linke, rechte oder religiöse. Mit dieser rein formalistischen Abstraktion von politischen Inhalten werden etwa Faschismus und Antifaschismus als wesensgleich, weil vermeintlich undemokratisch, verhandelt. Die Besorgten springen auf diese zweiwertige Logik von gut (demokratisch) und böse (extremistisch) auf, mit dem Dreh, dass sie ihr völkisches Denken im guten Zentrum vermuten, während alle anderen als extremistisch abgestempelt werden. Dabei bedienen sie sich einer Sprache, die zwischen pseudodemokratischer Extremismusrhetorik und faschistischer Reaktion changiert.
Ein Unterschied zu den 1920er- und 1930er-Jahren ist sicherlich, dass es nicht mehr (oder noch nicht wieder) um Großdeutschland geht, sondern der deutsche Opfermythos perpetuiert wird. Die Schuldumkehr begann schon in den 1980ern, als Ernst Nolte den Holocaust als Reaktion auf die »asiatische Tat« der Sowjets umdeutete. Damals fing die »Entsorgung der deutschen Vergangenheit« (Hans-Ulrich Wehler) an, verbunden mit einem anschwellenden Opfergesang. Dresden ist in diesem Reigen länger schon Vorsänger, was zumindest einen Hinweis darauf gibt, warum gerade dort die Besorgten so laut tönen. Zur Opferrolle passt auch, dass die Konservative Revolution Vorbild ist, als hätte diese nicht gerade den Weg für den Faschismus bereitet. Die brutale Eskalation des Nationalsozialismus wird verbal den anderen untergeschoben, die den deutschen Volkstod herbeisehnen würden − von der Bundesregierung bis zur Antifa. Die Besorgten selbst sehen sich als Volk und Mehrheit, auch wenn Wahlergebnisse etwas anderes nahelegen.
Abschottung und Unterordnung bestimmen dieses Wunschbild. Das »Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganz Welt« ist einem »Die ganze Welt muss draußen bleiben, damit uns Deutschland morgen wieder gehört« gewichen. Wiederholt stand auf einem Fronttransparent bei Pegida: »Heute tolerant, morgen fremd im eigenen Land!« Der alte Größenwahn hat einer Opferapokalyptik Platz gemacht. Die Besorgten halten sich für das letzte Aufgebot einer freien, national-autochthonen Welt, in der eine Kultur noch eine Kultur ist − selbst wenn nie von kultureller Homogenität die Rede gewesen sein kann. Als verhinderte Helden halten sie der Dynamik der Zeit nicht stand und klammern sich stattdessen an das pastellfarbene Bild eines früheren deutschen Dorfs, das es dummerweise so nie gab. Ein falsches Standbild alter Tage dient als Heilsversprechen.
So rückwärtsgewandt und krude die besorgten Parolen auch sind, der Zeitpunkt ihres Auftauchens ist dennoch nicht völlig überraschend. Seit Margaret Thatchers berühmtem Ausspruch, dass es so etwas wie Gesellschaft nicht gebe, sondern nur Männer, Frauen und Familien, sind Prozesse am Werk, die soziale Strukturen austrocknen und über alles eine Logik des Ökonomischen legen. Selbst geflüchtete Menschen werden zu Humankapital, was immer noch besser ist, als sie gleich erschießen zu wollen. Die restlose Dominanz des Ökonomischen hat zudem ein unternehmerisches Selbst hervorgebracht, das vermeintlich in vollständiger Eigenverantwortung sein Schicksal bestimmt. Dies heißt allerdings auch, dass das Individuum jedes noch so strukturbedingte Scheitern sich selbst anzulasten hat. Eine Bürde, die kaum zu tragen ist. Möglicherweise ist der besorgte Irrsinn eine falsche Antwort auf die totale Überforderung im Rahmen einer ökonomisierten Kultur, die häufig mit dem Wort Neoliberalismus umschrieben wird. Die Auflösung der Gesellschaft (oder des Sozialen) in kämpferische Einzelwesen provoziert die Sehnsucht nach Gemeinschaft und öffnet damit den Raum für falsche Projektionen und hasserfüllte Ausschlüsse. Weil für die neoliberale Kultur niemand so recht zur Verantwortung gezogen werden kann, kanalisiert sich die Wut auf Schwächere. Ein alter Mechanismus, der offenbar immer noch greift.
Parallel zur umfassenden Ökonomisierung ist zudem von einer wachsenden Krise der Demokratie die Rede. Das bekannte Spiel der Repräsentation geht nicht mehr auf, die Schäfchen wollen nicht mehr wie die Hirten. Dafür gibt es reichlich Gründe, die hier keinen Platz finden. Die Besorgten sind gewissermaßen nur radikalisierter Ausdruck einer europäischen Tendenz, die mit den drei Hauptfiguren Nationalisierung, Militarisierung und Dehumanisierung auftritt. Der Umgang mit Geflüchteten zeigt die Agonie der humanistisch-europäischen Idee − und die permanente Rede von der Krise offenbart die Doppelzüngigkeit dahinter. Sie wird herbeigeredet, um den Ausnahmezustand aufrechterhalten zu können. Eine Krise herzustellen und nicht zu bewältigen, erlaubt es, immer weiter mit Verweis auf außergewöhnliche Zeiten zu operieren und noch die bitterste Zumutung zu rechtfertigen. Der faktisch rechtlose und zum Objekt degradierte Flüchtling bekommt dies am deutlichsten zu spüren. Wichtig ist es, einem Missverständnis vorzubeugen, das beim Lesen des Wörterbuchs entstehen könnte: Wer Denken und Sprache besorgter Bürger kritisiert, ist noch lange nicht dicke mit Angela Merkel oder Sigmar Gabriel. Die globalen Zumutungen des Spätkapitalismus, einer robusten deutschen Hegemonie in einer tendenziell oligarchischen EU und eines europäischen Grenzregimes dürfen angesichts der reaktionären Gefahr der Besorgten keinesfalls aus dem Blickfeld geraten. Sie sind hier nur nicht Gegenstand.
Schließlich wäre es vermessen, besorgte Bürger selbst als Adressaten dieses Buchs aufzufassen. Dafür ist die Macht der Agitation zu stark, ergänzt vom Umstand, dass vor allem psychologische Muster von (vorgeschobener) Angst, von Frustration und Hass das Denken und Handeln der Besorgten tragen. Wer gegen Widersprüche und den nüchternen Blick aus dem Fenster derart resistent ist, wird für sachliche Argumente kaum zugänglich sein. Mit diesem Typus eines politisch übersetzten Psychogramms werden womöglich nur Psychologen fertig. Stattdessen stehen zwei andere Ziele im Fokus: Einerseits soll das Wörterbuch Argumentationshilfen liefern, um sich nicht im Dickicht besorgter Sprache zu verfangen. Zu viele ihrer teils abgedrehten Deutungen haben bereits Eingang in den normalen Sprachgebrauch gefunden. Bestes Beispiel ist das Wort Asylkritik, das harmlos einkleidet, was beinharte Ausgrenzungspraxis ist. Oder Flüchtlingskrise, die immer wieder hergestellt wird, statt sie einfach vorzufinden. Wenn es andererseits gelingen sollte, ein paar Leute davor zu bewahren, in die Falle besorgter Angstmacherei zu laufen, wäre schon viel gewonnen.
Dass manche Einträge länger, andere kürzer sind, hat keinen tieferen Sinn. Manche Texte beziehen ihre Beispiele aus sächsischen Verhältnissen, was dem Wohnort einiger Autoren geschuldet ist. Dabei steht Sachsen vielleicht Modell, einsam ist es dennoch nicht. In unterschiedlicher Häufung und Intensität lassen sich besorgte Muster überall finden. Auf unserem Blog (sprachlos-blog.de) werden sicherlich mit der Zeit weitere Begriffe erscheinen, die hier keinen Eingang gefunden haben. Es bleibt zu befürchten, dass die Bewegung der besorgten Bürger noch lange nicht am Ende ist. Dessen ungeachtet enthält der Blick auf ihre Sprache nicht nur Politisches, schon gar nicht trockene Theorie, sondern ist gern auch von Humor getragen.
Robert Feustel
Nancy Grochol
Tobias Prüwer
Franziska Reif
www.sprachlos-blog.de
!!1!1!!
Fünf Ausrufezeichen sind »ein sicheres Zeichen dafür, daß jemand die
Unterhose auf dem Kopf trägt«, witzelt eine Figur im Terry-Pratchett-Roman Mummenschanz. Ausrufezeichen müssen dazu herhalten, die Unmöglichkeit des Schreiens im geschriebenen Wort aufzufangen. Und weil die Frustration besorgter Bürger kaum zu steigern ist angesichts der
Manipulationen und Bedrohungen, die das deutsche
Volk erleiden müsse, ertönt jeder Satz mit zornbebender Stimme. Die Zahl der Ausrufezeichen markiert die Erregungsleiter. Zwei, drei wirken ruhig und besonnen. Ab acht wird die Wut anschaulich, bei 30 droht die Halsschlagader zu platzen. Die alte Kunst der Argumentation ist einem marktschreierischen Überbietungswettkampf gewichen: Jede noch so absurde Aussage beweist ihren Wahrheitswert anhand der Häufung einer Punkt-Strich-Kombination am Satzende. Die erregte Gesellschaft hat ihr Lieblingszeichen gefunden. Im Eifer des Gefechts und in Unkenntnis der Feststelltaste schleicht sich hin und wieder eine 1 ein, was der Angelegenheit beinahe einen typographischen Charme verleiht. Das wäre eine Randnotiz, würden die Besorgten nicht auf die Reinheit der deutschen Sprache pochen, die ein Ausrufezeichen nur bei einem Satz mit Imperativ vorsieht. Also wirklich selten. Und immer nur eins. [rf]
89
1989 war das Jahr, in dem mächtig was los war im Osten. Die Leute gingen in vielen Städten auf die Straße, riefen unter anderem »Wir sind das Volk« und am Ende gab es keine DDR mehr − so die verkürzte Wahrnehmung. Die wackeren Gida-Montagsspaziergänger meinen, Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. »Ihr habt es geschafft, dieses Unrechtsregime dahin zu schicken, wo es hingehört, auf den Müllhaufen der Geschichte«, ruft Michael Stürzenberger am Jahrestag des Mauerfalls 2015 von der Leipziger Legida-Bühne. Und legt den Zuhörern nahe, es ein gutes Vierteljahrhundert später wieder so kommen zu lassen. Ähnliches schwebt auch Redner Graziano vor, der hofft, »dass wir alle gemeinsam es doch schaffen werden, dieses Regime zum Umdenken zu bringen, genau wie damals vor der Wende 1989. Sowas kann sich von heute auf morgen ändern und ihr wisst es: Das geht ruckzuck.« Weil ein Häufchen Getreuer in Leipzig alleine nicht in der Lage ist, derart Großes zu vollbringen, fallen die Namen von Städten, in denen der Protest ebenfalls lodert: Chemnitz, Duisburg und Kassel sind zu hören, Stendal, Goslar, Gera. Es seien viele »Patrioten« regelmäßig auf der Straße, »die dieses Regime nicht mehr länger ertragen können«. Im »Regime« und den abendländischen Protesten dagegen findet am selben Tag eine weitere Rednerin nicht nur Parallelen. Eigentlich sieht sie keine Unterschiede mehr zwischen früher und heute: Leute werden von Arbeitgebern und Kollegen wegen ihrer politischen Meinung schikaniert, die Kanzlerin ist eine ehemalige IM (
Erika), Parteien und Presse sind gleichgeschaltet. »Wir sind das Volk!« und »Merkel muss weg!« sekundieren die Zuhörer und sind sich sicher, dieses Regime knickt vor ihnen ein, wie 89 der DDR-Staatsapparat. [fr]
Abendland
»Abendland in Christenhand«: Vor einigen Jahren ging die österreichische FPÖ mit dieser Parole in den Wahlkampf, suggerierend, das Abendland befinde sich nicht mehr in christlichen Händen. Dann wäre es aber gar nicht mehr das Abendland, weil das dem Konzept nach nur christlich sein kann. Von der problematischen Verstrickung beziehungsweise Gleichsetzung von
Demokratie und gesellschaftlicher Verfasstheit mit Religion (
christlich-jüdisch) abgesehen, dient das Abendland bis heute als Abgrenzungsmetapher.
Ursprünglich bezeichnete das Abendland − Okzident − nur jene westlichen Lande der bekannten Welt, die der untergehenden Sonne am nächsten liegen. Der Nahe Osten wurde hingegen Morgenland − Orient − genannt. Von der geografischen Ordnungsvorstellung wurde das Abendland dann zum Kampfbegriff. Es soll irgendwie die antike Philosophie mit dem Christentum verschmelzen und damit einen über die Zeiten hinweg homogenen europäischen
Kulturkreis behaupten. Mit dem Begriff setzte sich das lateinische Christentum vom orthodoxen in Byzanz auf Distanz. Dann diente es als Konzept gegen die Angriffe der Türken, wurde gezielt gegen
Muslime verwendet; auch Juden waren lange außen vor. Bei Autoren wie Oswald Spengler (
Untergang des Abendlands) gerinnt es später zur Beschreibung eines ursprünglichen Europas, das von Kapitalismus und Demokratie im Westen und Kommunismus im Osten in die Zange genommen wird. So gerierte sich auch Adolf Hitler als Verteidiger des Abendlands. In Zeiten des Kalten Kriegs wird es − dann inklusive USA − als Wertegemeinschaft gebraucht, die vorm Ostblock zu verteidigen sei.
Allmählich verblasste sein Glanz, aber nicht ganz. Noch 1997 hielt der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Rede die Fahne hoch: »Lassen wir uns nicht von jenen beirren, die meinen, über den Begriff des ›christlichen Abendlandes‹ spotten zu müssen. Die Werte und Anschauungen, die unser christliches Abendland verkörpert, sind älter als die pseudophilosophischen Denkschulen unserer Zeit und werden auch noch zu einem Zeitpunkt bestehen, diskutiert und gelebt werden, an dem so manche der modernen Weisheiten und Wahrheiten schon lange vergessen sein werden.« Pegida hat das Wort wieder populär gemacht und seither trampeln auch viele Nichtgläubige unter dem Namen »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« als wütende Demonstranten durch Dresden & Co. [tp]
Abschiebeverhinderungsindustrie
Man muss Rainer Wendt Respekt zollen. Kaum jemand sonst hatte sich derart festgebissen im deutschen Talkshowgeschäft. Woche für Woche polterte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPoIG) gegen die aufgeklärte Welt und redete ihren Untergang herbei. Nur die ganz harte Hand könne noch helfen. Dabei gelang es Wendt, als Gesicht der ganzen Polizei aufzutreten, obwohl seine durchaus umstrittene Gewerkschaft mit 94.000 Mitgliedern deutlich kleiner ist als die Konkurrenz, die Gewerkschaft der Polizei.
In einem seiner rhetorisch sonst nicht ungeschickten Redeanfälle prägte er einen Begriff, den Besorgte dankbar aufnahmen: »Es gibt eine regelrechte Industrie für Abschiebeverhinderung«, schwadronierte er gewohnt bitterlich. Gemeint ist die tatsächlich recht seltene Praxis, eine Abschiebung etwa am Wohnort der Betroffenen zu verhindern, indem sich Menschen der Polizei in den Weg setzen. Diese müsste sich erst durch eine Gruppe hindurchprügeln, um die Abschiebung einleiten zu können, was unverhältnismäßig wäre.
Wendts Gefühlskälte ob der häufigen Differenz zwischen Recht und Gerechtigkeit − etwa wenn gut integrierte Menschen aufgrund absurder Gesetze in ein Land abgeschoben werden sollen, das sie gar nicht kennen − verwundert nicht. Das Maß der verbalen Eskalation dagegen schon. Klassischerweise bezeichnet Industrie eine Art des Wirtschaftens mit einem hohen Grad der Automatisierung: Maschinen, Fließbänder und Serienproduktion, womöglich am besten bebildert durch die dreckigen Fabrikhallen des 19. Jahrhunderts. Es braucht schon viel üble Vorstellungskraft, den Schutz einzelner Menschen durch schlichte Anwesenheit von Aktivisten mit einem solchen Begriff in Verbindung zu bringen. Das einzige Mal, dass an anderer Stelle das Wort Industrie in Bezug auf Menschen als Objekt (und nicht als Arbeiter) zur Geltung kam, war jener des »industriellen Massenmords« an Juden und Roma in Auschwitz und anderswo. Bleibt die Hoffnung, dass sich Wendt dieser Überblendung nicht bewusst ist und vorrangig seine Gier nach Aufmerksamkeit einen solchen Fehlgriff begründet. Zweifel daran allerdings sind angebracht. [rf]
Afrikaner
Afrikaner, tönte Björn Höcke von der AfD, hätten eine andere Reproduktionsstrategie als Europäer. In den nördlichen Breiten zeuge man weniger Kinder, um »die Kapazität des Lebensraums optimal ausnutzen« zu können (K-Strategie). Soll heißen, für Europäer gebe es keinen Grund, auch territorial zu expandieren, da alle genug Platz hätten. »Afrikanern« hingegen attestierte er, sie würden auf Kinderreichtum setzen, um die Bevölkerung möglichst stark anwachsen zu lassen (r-Strategie). Da all die Menschen aber Raum bräuchten, kämen viele aus Afrika nach Europa. Solange man sie hier aber aufnehme, würden sie nie lernen, nach der europäischen Strategie zu vögeln.
Höcke bedient sich in astrein rassistischer Manier bei der Biologie, wo es für die Tierwelt heißt, dass Säugetiere weniger Nachwuchs bekommen, um den sich die Eltern intensiv kümmern (K-Strategie). Bakterien, Läuse und Fliegen vermehren sich nach der r-Strategie: Eine hohe Reproduktionsrate sichert nicht das Überleben des Einzelnen, aber der Art.
Als Bakterien oder Läuse gelten »die Afrikaner«. In diesem falschen Sammelbegriff für sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen eines ganzen Kontinents und in der widerlichen Überblendung von Menschen und Insekten drückt sich die bodenlos rassistische Abwertung des schwarzen Anderen aus. Wie zerrüttet muss das Selbstwertgefühl sein, wenn es solcher Argumentationen braucht, um sich überlegen und gut zu fühlen? [ng]
Ahu!
Die sinnentleerteste Besorgtenparole verbreiten die Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa). Unter dem Schirmbegriff können sich Einzelpersonen oder Gruppen zu Aktionen (Demos, Straßenschlachten) ohne festen Organisationskern sammeln. Das dumpfe, im Endlosband wiederholte »Ahu! Ahu! Ahu!« ist der begleitende Kampfschrei, etwa als eine HoGeSa-Demo 2014 in Köln eskalierte. Der Schlachtruf tauchte wohl das erste Mal bei Fans des FC Hansa Rostock auf und machte dann die ganze Hoolrunde. Er entstammt der Comic-Verfilmung 300, die sehr frei die Schlacht bei den Thermopylen wiedergibt: An diesem Engpass haben Spartaner 480 v. u. Z. einer persischen Übermacht getrotzt. Muskelgestählte Männerkörper, inszeniert als Phalanx gegen die
Fremden, »Ahu!« dient als Ausweis ihres Intellekts. Das muss Fans der dritten Halbzeit gefallen.
Popkultur statt Politik: Auch die Identitären (
Identität) griffen zur Sparta-Inspiration, die Abkürzung via 300 ist wahrscheinlich. Ihr gelbes Signet Λ auf schwarzem Grund greift das Lambda-Zeichen auf, das die spartanischen Fußsoldaten auf ihren Schilden trugen. Als martialisches Symbol nutzt auch Tatjana Festerling, die ihre Hoolsympathie nie verhehlte, den Ruf. Angesichts des Merkel-Besuchs am 3. Oktober 2016 in Dresden geiferte sie: »Hier wirst du dein Blaues Wunder erleben! Deine Speichellecker, Hofschranzen und Schoßhündchen im Bundestag und bei der deutschen Presse mögen einen Nichtangriffspakt mit dir geschlossen haben − WIR NICHT! Im Gegenteil (…) stehen die Zeichen auf Attacke. Also, GröKaZ, trau’ dich − AHU!« [tp]
Alternative
Wenn etwas nicht so klappt, wie gewünscht, muss ein Plan B her. So ähnlich werden die Überlegungen gelaufen sein, als die AfD sich ihren Namen überlegte, der anzeigen soll, dass es hier um nichts Geringeres geht als um eine Alternative für das ganze Land. Angela Merkel betätigte sich als Thatcher-Double, erklärte Entscheidungen und Vorgehensweisen kurzerhand für »alternativlos« und alle machten mit oder schienen von der allgemeinen Agonie, die wie Mehltau über dem Land lag, so gelähmt, dass sie höchstens kopfschüttelnd Widerspruch leisteten. Es fehlten harte Kämpfe um Positionen und Visionen jenseits von Koalitionsfrieden und Schwarzer Null. Mit Begriffen wie Postpolitik oder Postdemokratie hatten solche Diskussionen um den Wechsel vom Politischen zur reinen Verwaltung der Welt auch in der Politikwissenschaft einige Wellen geschlagen. Es ist allerdings fraglich, ob die Vorstellung einer autochthonen Nation auf ihrer Scholle im frühen 21. Jahrhundert wirklich eine Alternative ist. Der Begriff Alternative steht im Rahmen der AfD eher für den wirklichkeitsfernen Versuch, die glücklicherweise überwundene Enge deutschen Biedermeiers wiederzubeleben (
Genderwahn).
Die Anhänger der AfD können sich schließlich darüber freuen, dass sie sich mit dem ganzen linksgrünversifften volksfernen Haufen nicht mehr auseinandersetzen müssen, seit sie auf dem Wahlzettel eine Alternative finden. Dort steht sie übrigens − Alphabet sei Dank − an erster Stelle, jedenfalls unter den Parteien, die bei der Wahl davor nicht angetreten sind. Vielleicht war die Namenswahl also gar nicht so sehr von dem ehrlichen Wunsch getrieben, etwas anders zu machen und eben eine Alternative zu bieten. In Sachsen-Anhalt jedenfalls plant der dortige Parteichef André Poggenburg seit mindestens 2016 eher eine »Alternative für Poggenburg«. Seine Fraktion bröckelt, die Unterstützung ebenso. Sicher hat er einen Plan B. Für ihn selbst und natürlich für ganz Deutschland. [fr]
Altmedien
Der Begriff meint eine »Pfründegemeinschaft«, deren Merkmal die »inhaltliche Gleichschaltung« und ihre »gemeinschaftliche Status-quo-Fixierung« sei, so Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Nein, das Wort
»Lügenpresse« habe er (seines Wissens) nie in den Mund genommen, den Begriff »Lückenpresse« würde Höcke indes gerne »seiner Verwendung zuführen«. Aber er sagt lieber »Altmedien«. Klingt vornehmer − Höcke ist immerhin beurlaubter Gymnasiallehrer −, meint aber nichts anderes: den an Selbstbereicherung interessierten, verkommenen Haufen von Journalisten mit falschem »volkspädagogischem Anspruch«.
Deshalb erklärt Höcke »die Zeit des Rechtfertigens für beendet« und schreitet weiter auf dem Weg seiner Partei, den er als »unkonventionell« beschreibt. Mit Günther Lachmann, dem Pressesprecher seiner Fraktion im Thüringer Landtag, an seiner Seite.
Der kommt aus den Altmedien. Das allein wäre aus Höckes Perspektive unkonventionell genug, aber er setzt noch einen drauf. Lachmann musste das Altmedium Die Welt verlassen, weil er neben seiner Redakteurstätigkeit eine Pfründegemeinschaft mit der AfD gründen wollte. Er soll Höckes damaliger Parteikollegin Frauke Petry angeboten haben, sie für 4.000 Euro im Monat zu beraten. Nebenbei, denn er wollte für Die Welt weiter der zuständige AfD-Berichterstatter bleiben. Der Deal kam nicht zustande, Lachmann musste nach den Bestechlichkeitsvorwürfen das Blatt verlassen.
Aber quo vadis ohne Altmedien? Gerade als jemand wie Höcke, der sicherheitshalber eine Deutschlandfahne mit in die Talkshow nimmt, um auf jeden Fall Schlagzeile zu machen. Als Mitglied einer Partei, deren Spitzenpersonal den Dreiklang »provozieren − relativieren − dementieren« überhaupt als Kommunikationsstrategie erfunden hat. Sie würde ohne die Altmedien, die altbacken an der Routineformel »Es gilt das gesprochene Wort« festhalten, nicht funktionieren.
Auf dem Gipfel der Empörung »bedauert« Höcke, dass seine rassentheoretische Rede über den »lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp« (
Afrikaner), der auf »den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp« treffe, zu »Fehldeutungen« geführt habe. Parteikollege Alexander Gauland konnte sich zunächst nicht erinnern, Jérôme Boateng im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung überhaupt erwähnt zu haben. Stunden später räumte er dann doch ein, »dass die Leute einen Boateng« nicht als Nachbarn haben wollten. Das hätte er aber nicht als Person Gauland, sondern quasi als Medium der Leute gesagt. Er kolportiere also nur die Stimme des Volkes. Die Altmedien zerbrachen sich den Kopf: Darf man jemanden verurteilen, weil er sagt, was seiner Meinung nach die Leute denken? Unklar. Ein weiteres Meisterstück der Verwirrung gelang AfD-Chef Jörg Meuthen: »Wenn die NPD vernünftige Vorschläge macht«, würde die AfD nicht gegen sie stimmen. Schon am nächsten Tag behauptete er die klare Abgrenzung zu »allen extremistischen Positionen und Parteien« (
Extremismus).
Gäbe es die Altmedien nicht, würde dieser Wahnsinn kaum auffallen. Thomas etwa ist Gegner der wirklichkeitsverzerrenden »Altmedien« und feiert in seinem Blog sein zehntes Jahr ohne Altmedien mit den Worten: »Keine Sorge, ich schaffe es auch ohne stundenlange Berieselung, meinen Tag zu füllen. Problemlos auch mit sinnlosem Scheiss«. [jest]
Altparteien
Altparteien, auch etablierte Parteien, System- oder Blockparteien, sind »die da oben«. Wenn Gida ankündigt, so lange im Kreis zu spazieren, bis die Regierung ihre Forderungen erfüllt, sagt das mindestens zwei Dinge über ihr Weltbild aus. Einmal, dass sie nicht begriffen haben, wie eine
Demokratie funktioniert. Andererseits, dass sie »die da oben« als komplett von der eigenen Lebenswelt getrennt wahrnehmen, als politische Kaste der Alt-, System- und Blockparteien, die allen Debatten im Bundestag zum Trotz in eine Schublade passen.
Dort regiert ein verordneter monolithischer Meinungsblock, sitzen saturierte Herrschaften der Altparteien, die vom System profitieren, das sie am Leben halten. Ernährt werden sie von den Steuern, die das stets und ständig betrogene Volk entrichtet. Vom Alltag der Bevölkerung wissen diese Leute nichts, schon gar nichts von deren
Sorgen, die sie regelmäßig auf die Straße treiben, um Reden zu bejubeln, in denen »wir« gegen »die« wettern. Entsprechend hieß es von der Legida-Bühne im Frühjahr 2015 wissend, dass »die etablierten Parteien beginnen, Angst zu haben«. Die imaginierten Widerständler unterscheidet Folgendes von diesem »Scheißhaufen«, der »korrupt« sei: »Ihr seid hier aus freiem Willen, und vor diesem Geist der
Freiheit und Unabhängigkeit erzittern diese Systempolitiker.« Dass nach dem Wahlsupersonntag ein gutes Jahr später am 13. März 2016 die Hauptnachrichten der Öffentlich-Rechtlichen mehrfach das Wort »Etablierte« verwendeten, um alle Parteien außer der AfD zu bezeichnen, dürfte dieser gut gefallen. Im Vergleich mit den Altparteien wollen die kämpferischen Kräfte von Gida und AfD nicht nur wie die Frischlinge auf dem politischen Parkett erscheinen, die sie teilweise sogar sind. Sie wollen vor allem als gerechte Kämpfer mit dem Ohr am Volk dastehen, die selbiges wirklich repräsentieren können.
Wenn die AfD sich als Teil des Volkes inszeniert, beginnt die Rhetorik um »System« und »Etablierte« zu schillern. Wer so tut, als wolle er den Politikladen aufmischen, aber in fast allen Landesparlamenten sowie im Bundestag sitzt und Steuergelder kassiert, befindet sich nicht nur in einer Etablierungsspirale, sondern vor allem in einem interessanten Spagat zwischen »wir« und »die«. [fr]
Angst
Angst ist erstens ein subjektives Gefühl, die gleichermaßen drängende wie diffuse Empfindung, bedroht zu sein. Angst ist zweitens eine Emotion, der für andere − etwa als Erbleichen, Zittern oder Schweißausbruch − sichtbare individuelle Ausdruck dieses Bedrohungsgefühls. Angst ist drittens ein kollektiver Affekt, eine überindividuelle Stimmung des Bedrohtseins, die Welt- und Selbstwahrnehmung in toto einfärbt. Angst als Affekt unterläuft die Differenz von Verstand und Gefühl, sie wirkt ansteckend und kann sich bis zur Massenpanik steigern. Viertens schließlich besitzt Angst auch eine kommunikative Dimension. Von Angst wird geredet, und sie verbreitet sich, indem von ihr geredet wird. Besonders in politischen Auseinandersetzungen fungiert sie als Argument, mit dem sich nahezu alles rechtfertigen lässt.
Angstkommunikation dramatisiert und erzeugt einen Sog. Sie signalisiert: Die Sache ist dringlich. Zeit kennt sie nur als stets viel zu knappe Frist. Die Angstuhr steht immer auf fünf vor zwölf. Wer Angst sagt, schaltet um in den Alarmmodus. Es muss etwas geschehen, und zwar sofort. Daraus folgt eine Dynamik der Überbietung, die in sich selbst keinen Haltepunkt findet: Immer ist da jemand, der sagt, es gehe nicht schnell genug, es werde nicht genug oder das Falsche getan, und überhaupt sei die Lage noch viel schlimmer, als die Verantwortlichen zugeben. Das Sprechen über Angst wirkt selbstverstärkend. Je mehr darüber geredet wird, desto größer wird sie. Bestimmen Angstthemen erst die Agenda, können die zu ergreifenden Maßnahmen gar nicht radikal genug sein. Wo die Angst regiert, herrscht die Logik des Ausnahmezustands: Demokratische Aushandlungsprozesse − dauern viel zu lang; humanitäre Erwägungen − ein Luxus für bessere Zeiten. Schon Fragen zu stellen heißt, dem Gegner in die Hände zu spielen. Stattdessen wird die Wirklichkeit radikal vereinfacht: Wir oder die Anderen, Freund oder Feind, Schwarz oder Weiß. Für Zwischentöne und Ambivalenzen bleibt kein Platz. Als subjektives Gefühl mag Angst quälend sein, als Brille, durch die man auf die Welt schaut, ist sie verlockend. Sie löst zwar keine Probleme, aber entlastet ungemein.
Die Berufung auf Angst hat einen weiteren strategischen Vorteil: Wer die Angstkarte ausspielt, unterläuft jede Kritik. Man kann sie nicht widerlegen, weil sie auf die Authentizität ihres Gefühls pocht. Auf jeden Einwand wird erwidert: »Aber ich habe doch meine Angst! Wer wollte sie mir bestreiten?« Der Affekt immunisiert gegen
Fakten. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob etwas stimmt, als dass es affektiv anschlussfähig ist. Was dem Zirkel der Selbstverstärkung zuwiderläuft, wird geleugnet oder als Komplott der
Lügenpresse denunziert. Wer auf überprüfbare Tatsachen pocht, gilt selbst als Teil der Bedrohung. Die Angstrhetorik erzeugt einen Erregungszustand, in dem noch die abstrusesten Geschichten Glauben finden. Statt um Sachhaltigkeit geht es um Einschwingen in den Sog. Daraus speisen sich antisemitische Verschwörungstheorien ebenso wie xenophobe Horrorgeschichten. Angstkommunikation beansprucht für sich zwar gute Gründe, entzieht sich aber dem Anspruch auf Begründbarkeit. Weil sie keine Gegenrede duldet und die Vernunft immer schon auf ihrer Seite weiß, lizenziert sie die Unvernunft.
Zugleich bringt die kommunizierte Angst, die Angst als Argument, erst das Gefühl, die Emotion, den Affekt hervor, auf die sie sich beruft. Angst ist etwas, in das man sich hineinreden, das man sich oder anderen einreden kann. Sie ist nicht zuletzt ein Effekt des Sprechens über Angst. Populistische Agitatoren wissen das zu nutzen, und die sozialen Netzwerke fungieren als mediale Affektverstärker. Damit der Erregungspegel nicht absinkt, darf der Strom der Facebook-Einträge, Online-Kommentare und Tweets nicht abreißen.
Dass Angst im Unterschied zur Furcht diffus ist, bedeutet nicht, dass sie kein Objekt hat, es bedeutet vielmehr, dass sie sich auf alles Mögliche richten kann (
Sorge). Sie sucht sich ihre Anlässe und erfindet sie notfalls. Gleichwohl sind sie nicht beliebig. Es gibt einen gesellschaftlichen Fundus an Situationen und Figuren, vor denen wir Angst haben dürfen oder sollen. Aus ihm bedienen wir uns intuitiv, und die populistischen Angstmacher wissen nur zu gut, welche Register sie ziehen müssen. Sie sind Resonanzvirtuosen, die geschickt jene Motive anspielen, die ihr Publikum hören will. Das Stichwortverzeichnis des AfD-Wahlprogramms liest sich wie das Ranking populärer Ängste der Deutschen, das die R+V-Versicherung jährlich erstellen lässt.
Affekte sind nicht nur beweglich im Hinblick auf ihre Objekte, sondern auch auf ihre Qualität. Selten ist ihre Färbung eindeutig, Mischungen unterschiedlicher Affektlagen sind die Regel. Angst, Wut und Hass gehen ineinander über, oder das eine kippt schlagartig ins andere um. Entscheidend ist ohnehin die Intensität der Erregung. Auch deshalb lässt sich Angstkommunikation so schwer fassen: Was lauthals beschworen wird, ist nicht unbedingt das, was tatsächlich getriggert und mobilisiert wird. Stimme, Mimik oder die verwendeten Sprachbilder verraten hier oft mehr als die expliziten Aussagen. Es bedarf keiner besonderen hermeneutischen Fähigkeiten, um festzustellen, dass bei denjenigen, die derzeit am lautesten von den Ängsten der Menschen und dem drohenden Untergang des deutschen
Volkes schwadronieren, eher Aggression als Angst am Werk ist. Ihr Brüllen verrät sie. Angst ist das Argument, in das sie ihren Hass gegen
Flüchtlinge und ihre Wut gegen die etablierte Politik kleiden. Sie wollen geradezu Angst haben, um sich aufregen zu können, wollen Angst machen, damit auch andere es tun. Als Sprechakt zeitigt der Satz »Ich habe Angst vor den Fremden« andere Effekte als die Aussage »Ich hasse sie«: Wer sich auf seine Angst beruft, beansprucht, ernst genommen zu werden; aber kein noch so besorgter Politiker käme auf die Idee zu fordern, man müsse den Hass der Menschen ernst nehmen und deshalb die Asylgesetze verschärfen. Wenn die Demagogen rhetorisch illegitime in legitime Affekte konvertieren, können sie sicher sein, dass ihr Publikum sie schon richtig versteht. Für das augenzwinkernde Einverständnis braucht es nicht mehr als einen gemeinsamen Sündenbock.
Die realen oder erdichteten Angstgeschichten, die man nicht müde wird in immer neuen Varianten zu erzählen, gewähren obendrein eine perfide Befriedigung. Insbesondere die Obsession, mit der Berichte über angebliche oder tatsächliche sexuelle Übergriffe ausgebreitet werden, zielt unmittelbar auf eine Mischung aus Faszination und Abscheu − und damit selbst auf einen sexualisierten Erregungszustand. Es ist ein ähnlicher Mechanismus wie bei den Nachrichten über Kriminalfälle in der Zeitung. Auch da erhalten Sexualdelikte die höchste Aufmerksamkeit. Zugleich darf man sich seinen eigenen Gewaltfantasien hingeben, weil man sie auf die
Fremden projiziert. Hier greift unmittelbar das rassistische Klischee vom triebgesteuerten, patriarchalisch geprägten schwarzen Mann, der sich der weißen Frau bemächtigt (
Afrikaner,
deutsche Frau). Wenn solche Geschichten politisiert werden, geht es immer auch um das Verhältnis von Sex und Macht, von Sex und Gewalt. Psychoanalytisch gesehen ist offenkundig: Was am meisten verdammt wird, wird auch heftig begehrt, und sei es nur, dass begehrt wird, darüber zu reden. Sich aufzuregen ist auch eine Art des Sich-Aufgeilens. Aus ähnlich trüben Quellen speisen sich die Debatten um ein Burka-Verbot: So leidenschaftlich, wie sie sich dafür ereifern, muss die Vorstellung, einer muslimischen Frau in der Öffentlichkeit qua Gesetz den Schleier herunterzureißen, auf viele deutsche (französische, österreichische …) Männer höchst erregend wirken. Auf die Idee, das als Beitrag zum Kampf gegen den Terror oder als Maßnahme zur
Integration zu verkaufen, muss man jedenfalls erst mal kommen.
Solche symbolischen Scheingefechte kennzeichnen die aktuellen Politiken der Angst insgesamt: Die mühsame Suche nach Lösungen überlassen die populistischen Affektmanager den verachteten
Gutmenschen, die dumm genug sind, noch daran zu glauben. Stattdessen bieten sie wohlfeile Gelegenheiten, sich zu einer Erregungsgemeinschaft zusammenzurotten, zivilisatorische Hemmungen hinter sich zu lassen und das Mütchen an Schwächeren zu kühlen. Es denen »da oben« mal richtig zu zeigen, verschafft zusätzliche Befriedigung. Die Panikreflexe von Horst Seehofer (CSU) bis Sahra Wagenknecht (DIE LINKE) reichen, damit der
kleine Mann sich ganz groß vorkommt. Was braucht es ein Programm, wenn man ein Feindbild hat? Die Angstrhetorik suggeriert eine Notwehrsituation: Weil die Gefahr so groß ist und die Regierenden versagen, so die Botschaft, müssen die Aufrechten die Sache selbst in die Hand nehmen. Um »Asylchaos«, »Terrorgefahr«,
»Islamisierung des
Abendlands« und »großen Austausch« abzuwehren, ist dann alles erlaubt − am Ende auch brennende Flüchtlingsunterkünfte.
Sollte man die Ängste, welche die völkischen Hetzer unentwegt im Munde führen, also besser ignorieren, um die Erregungsspirale nicht weiter anzutreiben? Das sicher nicht. Einiges wäre schon gewonnen, wenn man ihre Worte nicht für bare Münze nähme, sondern den Hass darin hörte, der sich als Angst unangreifbar zu machen versucht. Selbstverständlich gibt es auch Menschen, die sich ängstigen, ohne gleich nach Sündenböcken Ausschau zu halten. Umso wichtiger, ein Sensorium zu entwickeln für die Unterschiede und Übergänge zwischen Angst und Hass, zwischen Angst als Gefühl, Emotion, Affekt − und als rhetorische Allzweckwaffe. Fatal ist dagegen die Parole »Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen«, mit welcher Politiker der etablierten Parteien der völkischen Konkurrenz das Wasser abzugraben versuchen. Wem zum grassierenden Fremdenhass nichts anderes einfällt, als mantrahaft herunterzubeten, die Menschen hätten begründete Ängste und die Politik müsse darauf eingehen, sonst wählten sie halt die AfD oder demonstrierten mit Pegida, der bewirtschaftet Ressentiments und lässt sich von den rechten Bewegungen vor sich hertreiben. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es gibt in unserer Gesellschaft ein erhebliches Potenzial an fremdenfeindlichen, islamophoben und antisemitischen Einstellungen. Alle empirischen Untersuchungen belegen, dass diese sich keineswegs auf rechtsextreme Gruppen beschränken, sondern längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind (wenn sie nicht immer schon dort zu Hause waren). Es sind viele, die es drängt, ihren Hass endlich auszuleben − zumindest verbal. Um das tun zu können, berufen sie sich auf ihre Angst. Anlässe finden sich dann. Es sind nicht alle rechts, die von Angst reden. Aber wer Angst sagt, hat auch nicht automatisch Recht. [ub]
Antifa
Die Antifaschistische Aktion umfasst Gruppen und Organisationen im radikalen und autonomen Spektrum der Linken in Deutschland, einschließlich einiger Knalltüten. Gegenstand ihrer Kritik und Aktionen sind (
völkischer) Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Sie richtet sich gegen Neonazis, Neue Rechte und chauvinistische oder rassistische Tendenzen in Politik und Staat.
Das Verhältnis zwischen Antifa und Staat ist insofern − sagen wir − angespannt. Zwar macht spätestens seit Deutschland als Land der Vielfalt vermarktet wird und Gerhard Schröder im Jahr 2000 zum »Aufstand der Anständigen« gerufen hat das Wort Staats-Antifa die Runde. Der gewachsene Standortnationalismus verzichtete zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit in den globalen (Arbeits-)Märkten zumindest auf die offensichtlichen Teile des traditionellen deutschen Rassismus. Auch fließen mittlerweile ein paar Mittel für die Förderung von Demokratie und Antidiskriminierung. Aber die Reaktionen aus der Antifa-Szene auf diese Entwicklungen waren skeptisch. Es gibt weiterhin direkte Aktionen, immer dort, wo Nazis gefährlich werden, und gegen den Staat, wo er Nationalisten schützt; kombiniert mit gelegentlichem »Ausschlafen gegen Rechts« (und für ganz andere Verhältnisse). Von staatlicher Seite ist die Feindbestimmung immer noch recht klar: Dank der Extremismusdoktrin gehört die Antifa-Szene weiterhin zum liebsten Feindbild der Verfassungsschutzbehörden und anderer Teile des Sicherheitsapparats (
Extremismus).
Aus besorgter Perspektive handelt es sich bei der Antifa um eins der am besten getarnten taktischen Instrumente des Systems, das besonders seit der »Machtübernahme« durch Angela Merkel an Bedeutung gewann. Seine Hauptfunktion besteht darin, die Verbreitung der
Wahrheit bei Demonstrationen, an Informationsständen oder auf Veranstaltungen zu stören. Schon vor der jüngsten Besorgniswelle war der Begriff Staats-Antifa in rechten Kreisen falsch verstanden und zum Kampfbegriff gegen einen vermeintlichen Konsens des Systems zwischen
Altparteien und Linken (
links) umgedeutet worden. Fortan galt jede Form der Störung als Ausdruck der staats-antifaschistischen Zersetzung des deutschen Volkswiderstands − vom (gegen Rechts selten eingesetzten, aber aus der Opferperspektive gern kolportierten) Polizeiknüppel bis hin zu allen möglichen Formen zivilgesellschaftlicher Proteste.
Natürlich wurden auch bei dieser Geschichte die
Sorgen endlos potenziert. So zieht seit Februar 2015 ein unglaublich echtes internes Rundschreiben eines Antifa e. V. seine Kreise in den Besorgten-Netzwerken, mit dem endlich Klarheit geschaffen wurde: staatliches Demogeld (»25 Euros! das sind 50Mark!! pro stunden!!!1«,
!!1!1!!), organisierte Anfahrt, gestellte Arbeitskleidung. Seither hat sich die Meldung verselbstständigt, etwa als die taz sie wiederholte. Erika Steinbach (damals CDU) vertwitterte die offensichtliche Satire als authentisch, die AfD formulierte dazu Landtagsanfragen. Die Jusos forderten auf ihrem Bundesparteitag eine Erhöhung des Demogeldes auf 45 Euro (»jez reicht es entgültig!1!!«). Entstanden ist ein soziales Experiment, das die verschwörungstheoretische Elastik laufend weiter testet. Vom Antifa e. V. und der bald aufgrund der enormen zu verwaltenden Summen gegründeten Antifa GmbH sowie der zugehörigen Antifa-Gewerkschaft werden seitdem täglich neue staatlich finanzierte Schmankerl für die Mitglieder angeboten − und noch jedes davon hat es in den besorgten digitalen Äther geschafft. [mr]
Antifa e. V.
Antifa
Araber
Von manchen Dingen hat man klare Vorstellungen. Je genauer man jedoch hinschaut, desto mehr verschwimmen sie. Ist vom Araber die Rede, weiß eigentlich jeder, was gemeint ist. Aber wie präzise ist das? Nicht sehr, wenn im Alltag regelmäßig von Türken als Arabern gesprochen wird.
Für die Definition, was der arabische Raum ist, wird meist eins von drei Kriterien geltend gemacht: Sprache, Politik, Religion. Mit der arabischen Welt identifiziert wird oft die islamische Welt. Nur umfasst diese viel mehr Länder und Araber sind hier in der Minderheit. Und nicht alle Araber sind Muslime. Die Arabische Liga mit ihren 22 Mitgliedstaaten gibt da schon ein besseres Bild. Die Ausbreitung der arabischen Sprache als Kriterium für einen homogenen Raum ist das gängigste. Demzufolge zählen 24 Länder zum arabischen Raum, darunter Israel. Die Türkei und der Iran dagegen keinesfalls. Von Arabern zu sprechen ist also in vielen Fällen weder sinnvoll noch genau. [tp]
Asylant
Aus Asyl (Zufluchtsort) und der Endung -ant als Bezeichnung für eine Person gebildet, ist das Wort Asylant nicht unbedingt semantisch negativ beladen. Es könnte schlicht eine Person bezeichnen, die an einem Zufluchtsort lebt. Doch dem Begriff haftet etwas Abwertendes an. Grammatisch ist das kaum zu erklären: Die hin und wieder ins Feld geführte negative Konnotation, die mit der Endung -ant einhergeht, ist nicht konsequent erkennbar. Zwar stehen Simulant, Querulant oder Dilettant in einem schlechten Licht, aber Lieferant oder Musikant durchbrechen diese Systematik.
Dennoch sollte zumindest den Menschen, die vor 1985 geboren wurden, die (deutsche) mediale und politische Verwendungsgeschichte von »Asylant« präsent sein. Ab den späten 1970ern wurden Menschen, die einen Antrag auf Asyl stellten, Asylanten genannt; mit der Bezeichnung kam eine Parallelform zu
Flüchtling auf. Nun wurde nicht mehr (wie nach dem Zweiten Weltkrieg) auf den Grund von Migration abgestellt, die Flucht, sondern das Ziel wurde markiert: Menschen wollten in Deutschland Asyl, vielleicht sogar dauerhaft. Zudem waren mit Asylanten nicht allgemein Ausländer gemeint, sondern vor allem Migranten aus armen Ländern − nicht Franzosen oder US-Amerikaner, sondern Rumänen, Russen, Vietnamesen.
Kurz nach 1989 brachen sich Rassismus und Fremdenhass Bahn: Die frühen 1990er waren besonders im Osten geprägt von neonazistischen Morden und Gewalttaten. Der Gipfel war das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992. Über Monate hatten Medien den Begriff Asylant mit Metaphern zu hetzerischen und Panik verbreitenden Schlagzeilen kombiniert, so etwa die Bild im April 1992: »Fast jede Minute ein neuer Asylant. Die Flut steigt − wann sinkt das Boot?« Politiker sprachen vom »ungebremsten Zustrom von Asylanten«, dem nur mit »einer neuen Mauer« Einhalt geboten werden könne (
Mauer). 1993 wurde das Asylrecht stark eingeschränkt, das Wort Asylant verschwand aus Politik und Medien. Nun war die Rede von Asylbewerbern − ein Begriff, der auf den ersten Blick positiver klingt, aber in dem steckt, dass sich Menschen um Asyl bewerben müssten. Ein Umstand, der gerade mit der Abschaffung des allgemeinen Rechts auf Asyl, wie es die Genfer Flüchtlingskonventionen und die Menschenrechte fordern, einen Beigeschmack hat.
Besorgten ist diese Wortgeschichte schnurz. Oder sie sprechen bewusst weiterhin von (Merkel-)Asylanten, die ihnen die Arbeit wegnehmen, Frauen schänden, das Land madig machen (
Danke, Merkel!). Auch in anderen Komposita mit Asyl zeigt sich der fremdenfeindlich besorgte Kern: Mittlerweile gehen Wortungetüme wie Asylforderer oder -anspruchsteller um, die jeweils die angebliche Dreistigkeit der Geflohenen betonen. Die AfD tut sich schwer, einfach von Asyl zu reden. In ihrem Parteiprogramm findet sich häufiger Asylzuwanderung, die kaum verhehlen kann, dass Zuwanderung hier als Problem verstanden wird. Den »rechtstreuen Asylbewerbern« stehen die »irregulären Migranten« gegenüber. Vermutlich hatte die AfD gute Medienberater, die sich an die 1990er erinnern können. Ausweichmanöver und Wortschöpfungen sollen die Xenophobie verdecken. [ng]
Asylforderer
Asylant
Asylindustrie
Eigentlich treibende Kraft hinter der
Flüchtlingskrise ist die Asylindustrie. In gewissen Kreisen etablierte sich die zeitgemäße Notwendigkeit, auf jede Meldung zu fragen:
»Cui bono?« Nur wer erkennt, wem der Lauf der Ereignisse in die Taschen spielt, erkenne auch, was wirklich los ist. Industrie kann erst mal ein neutrales Wort sein und eine bestimmte, eben industrialisierte Produktionsform meinen oder einen Wirtschaftszweig. Im letzteren Fall kann sich ein negativer Beiklang einstellen, wenn etwa die Musikindustrie beklagt wird, die weniger auf den künstlerischen Wert achtet als auf Chartplatzierungen. Der Vorwurf des schnöden Geldverdienen-Wollens steht bei Asylindustrie im Vordergrund. Hier hat man sich gierige Profiteure vorzustellen, die rücksichtslos mit Blick aufs eigene Konto an der Füllung des selbigen arbeiten.
Wer seine Immobilie für Flüchtlingswohnungen an eine Kommune vermietet, wer dort im Wachschutz arbeitet oder als Sprachlehrer, Dolmetscher oder Sozialarbeiter ein- und ausgeht, auch wer all das plant und verwaltet, gehört dazu. Es braucht nicht viel Fantasie, sich das wahre Ausmaß vorzustellen. Es geht bei der Vorstellung von der Asylindustrie längst nicht mehr um so etwas Banales wie die Frage, ob es nicht gut ist, wenn Geflüchtete ein Dach über dem Kopf finden, und auch nicht darum, ob jemand für Leistungen, die er zur Verfügung stellt, nicht auch entlohnt werden sollte. Vielmehr geht es um die Unterstellung, dass ein weitreichendes, aber so inoffizielles wie intransparentes Netzwerk ein monetäres Interesse an Flüchtlingen hat und somit daran, dass deren »Strom« nicht abnimmt (
Flüchtlingswelle). [fr]
Asylkritik
Bekannt wurde der Begriff (auch: Asylkritiker oder asylkritisch; verwandt:
Islamkritik, Israelkritik) während des Aufstiegs von Pegida und AfD. Unbesorgten stieß sein Gebrauch zuerst in konservativen und linksliberalen Massenmedien auf − erstmals irgendwann 2014. Von Anfang an war klar, dass der Begriff nicht adäquat repräsentiert, was damit beschrieben wird. Als sich beispielsweise im sächsischen Heidenau eine »asylkritische Demonstration« als Gewaltorgie entlarvte, fiel bei einigen Medien der Groschen: Vertreter dieser Haltung sind Feuer und Flamme für ihre Kritik und richten sie ganz konkret auf alles, was irgendwie nach pro Asyl (synonym zu deutschenfeindlich) aussieht − Menschen, Unterkünfte, Initiativen, Stadtteile.
Heute wird der Begriff medial demonstrativ noch von der Jungen Freiheit und anderen rechten (oder sächsischen) Zeitungen genutzt. Einige haben explizit verkündet, darauf zu verzichten. Die Nachrichtenagentur dpa ließ mitteilen, dass der Begriff angesichts der Praktiken selbsternannter Asylkritiker verharmlosend sei. Angestrengt nachgedacht wurde da allerdings nicht, denn die verkündete Alternative Fremdenfeindlichkeit ist aus ähnlichen Gründen schon seit Jahrzehnten dämlich falsch.
Bei Asylkritik handelt es sich um einen Euphemismus, mit dem menschenverachtende Inhalte und Taten als selbstverständliche Meinungsäußerung verharmlost werden. Das haben mittlerweile die meisten Beteiligten verstanden − Nazis und Besorgte, AfD und Pegida, weil sie genau das wollen; der lernfähige Teil der Öffentlichkeit, weil sie erkannt haben, was da passiert. Alle anderen sollten sich fragen, wo sie stehen. Anfangen könnte damit vielleicht der sächsische Verfassungsschutz. Anstatt entsprechende Diskussionen aufzunehmen, hat sich die Behörde entschlossen, gleich einen Begriffsapparat für ihre »Berichterstattung zur Asylthematik« zu entwickeln. »Asylbezogene Veranstaltungen« sind demnach dann »asylfeindlich«, wenn sie von »Rechtsextremisten« organisiert werden (
Extremismus). Ansonsten sind sie »asylkritisch«. Wie − so hat die Behörde messerscharf erkannt − Pegida, weshalb es da nichts zu beobachten gebe. Das scheint sächsische Staatsräson zu sein, denn der damalige Innenminister Markus Ulbig (CDU) geht noch einen Schritt weiter, wenn er von einem irgendwie legitimen »Mantel der Asylkritik« spricht, unter dem illegitime Gewalt und Rassismus verdeckt würden; oder wenn er den Kern der Probleme in der »Auseinandersetzung zwischen Asylgegnern und Asylbefürwortern« entdeckt. Man könnte bei diesen Verhältnissen eine ausgewiesene »Sachsenkritik« entwickeln − wenn man es nicht besser wüsste. [mr]
Atheismus
christlich-jüdisch
Aufwachen
Wer aufwacht, hat vorher geschlafen. Nun, mit offenen Augen, ist wieder ein frischer Blick auf die Welt möglich. Der Aufgewachte durchschaut, was läuft. Er ist kritisch bis unbequem, denkt selbst und plappert nichts nach. Dahinter steckt eine bestechende Strategie: Dieser kritische Geist ist qua seines Durchblicks in der Lage, auch den größten Stuss auf der Palette des Verschwörungsdenkens als
Wahrheit zu verkaufen.
Auf das Aufwachen folgt das Aufstehen. Den Aufstand − in Rekurs auf
89 auch schon mal
Wende 2.0 genannt − können freilich nicht einzelne nachdenkliche Zeitgenossen stemmen. Dafür braucht es entflammte Massen. Das Leiden des Aufgewachten stammt nicht vom Spott der Zeitgenossen − der ist ihm Bestätigung. Er leidet daran, dass so viele noch schlafen und sich einlullen lassen. Würden alle aufwachen und aufstehen, dann könnte man sich wehren, zur Mistgabel greifen und den Eliten zeigen, was man von ihnen hält. So aber bleibt der Erwachte der einsame Rufer in der Wüste, der tagein, tagaus unermüdlich das Flämmchen der Erleuchtung am Leben erhält. [fr]
Aussterben
Umvolkung
Bahnhofsklatscher
Gutmensch
BRD GmbH
Deutschland GmbH
Bürger
Besorgte sind immer auch Bürger − ausschließlich. Sie sind keinesfalls etwas anderes, beispielsweise Neonazis, Landtagsabgeordnete oder Rassisten, sind »weder rechts, noch links« (
Mitte), »weder für die eine, noch für die andere Seite«. Nach ihrem Selbstverständnis verkörpern sie eine neutrale Zone innerhalb allen politischen Geschehens und äußern aus diesem zentral gelegenen Vakuum lediglich ihre
Sorgen und
Ängste. Nun ist der Standort zwar recht bequem, sich mit »gesundem Menschenverstand« selbst aus jeglichem Kontext herauszunehmen und von einer behaupteten neutralen Position aus zu sprechen, das bleibt aber Verschleierungsstrategie oder schlichtweg idiotisch.
Das Wort Idiot leitet sich vom altgriechischen Begriff für eine Privatperson ab, die zwar öffentliche Ämter wahrnehmen könnte, es aber nicht tut. Ihr Gegenstück war der polites − eine Figur, auf die bis heute Überlegungen zur Stellung des Bürgers in einer demokratischen Gesellschaft zurückgreifen. Die idiotische Sphäre war die des oikos, also der Wirtschaft im Sinne der Reproduktion und Überlebenssicherung. Als gäbe es eine begriffsgeschichtliche Kontinuität vom Idioten der griechischen Polis zum besorgten Bürger, begründen auch letztere ihren aufgewühlten Gemütszustand mit der Sorge ums alltägliche Überleben und verweisen auf die Cent-Stücke (
D-Mark), die vom vielen Umdrehen bereits abgegriffen sind. Im Zustand ihrer seelischen Aufwallung bemerken sie jedoch nicht, dass sie sich das Politische zueigen machen und es gleichzeitig ablehnen − und so zu dialektisch oszilierenden Subjekten werden.
Dass der Bürger von seiner Begriffsherkunft den Verteidiger eines befestigten Zufluchtsorts bezeichnet, dürfte mehr zum besorgten Selbstverständnis passen, da man sich im Belagerungszustand wähnt (
Invasionsarmee). Hinderlich dagegen: Bereits im 12. Jahrhundert vollzog sich eine semantische Verschiebung hin zum Burgbewohner statt des Verteidigers. Darin spiegelt sich das Hauptdilemma der besorgten Rhetorik: Bürgerschaft setzt, im Gegensatz zur Herrschaft, ein Verständnis der Horizontalität voraus. Sie ist eine Assoziation der Freien und Gleichen, in welcher sich aus Herkunft, Gewohnheit und Tradition keine Vorteile ableiten lassen, ebenso wenig wie die Ungleichbehandlung jener, die aus vertrauten Mustern herausfallen. In ihrem Avantgarde-Anspruch (»Wacht endlich auf!«,
Aufwachen), der allen Kritikern die politische Unmündigkeit und Korrumpiertheit attestiert, schlägt sich dagegen vielmehr ein patriarchales Herrschaftsdenken nieder. [rs]
Bürgerwehr
Es »wird zeit das endlich die demos in bürgerwehr aufgeht«, fordert ein Kommentator, »und unser ja unser land das deutschland aufräumen und die regierung stürtzen und dan raus mit den migranten alle es ist unser land was sytehmatich von ausen her zerlegt wird wollt ihr das?? jetzt heist es aufstehn unschuldige sterben weil regierung versagt«. Mit dem Aufruf, eine Bürgerwehr müsse richten, wo Demonstrationen in seinen Augen versagten, ist der Schreiber nicht allein.
»Bürger, wehrt Euch!« lautet eine der Besorgtenparolen. Bürgerwehr klingt harmlos, nach Mieterschutzbund und Fußgängerverein. Mensch Bürger nutzt sein gutes Recht, lässt sich nicht alles gefallen. So unproblematisch und gewaltneutral ist die Bürgerwehridee nicht, das zeigt schon ihr idealisierter Urmythos. Noch immer gilt vielen die Alte Schweizer Eidgenossenschaft als Vorbild eines mit Spießen bewaffneten Bürgerbundes, der erfolgreich das Ritterheer der habgierigen Habsburger schlug. Das waren damals natürlich nicht alles Menschen, die sich freiwillig zusammenschlossen, sondern es gab widersprüchliche Eigeninteressen, Abhängigkeiten und Standesunterschiede. Tatsächlich kam im Mittelalter für freie Stadtbürger eine Verteidigungspflicht auf. Sie hatten sich an der Waffe fit zu halten und im Angriffsfall ihre Stadt zu schützen. Daraus entwickelten sich im 19. Jahrhundert militärische Einrichtungen, die Arbeiteraufstände oder die Erhebungen der Märzrevolution 1848 bekämpften. Dem Willen des »gemeinen Menschen« dienten sie gerade nicht. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwanden sie. Besonders in Süddeutschland erinnern bis heute Vereine aus Traditionspflege an diese Bürgerwehren.
Faustrecht statt Folklore bestimmt das Denken gegenwärtiger Bürgerwehren. Mögen manche wirklich der Nachbarschaftshilfe verpflichtet sein, so sind die meisten doch vom Ungeist der Besorgten bewegt. Diese Form der Selbstjustiz − der juristische Rahmen für eine legale Bürgerwehraktivität ist sehr eng − ist nicht nur problematisch, weil sie de facto das Gewaltmonopol des Staats infrage stellt. Unausgebildete Menschen maßen sich im Namen des Schutzes der Öffentlichkeit Personenkontrollen, Festsetzungen, gar den Einsatz körperlicher Gewalt an. Das den Reichsbürgern zugehörige »Deutsche Polizeihilfswerk« läuft in Ostdeutschland als Vollstrecker eines Fantasiestaats auf und setzte schon mal Gerichtsvollzieher mit Kabelbindern fest. Wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mord und versuchte schwere Körperverletzung hat Ende 2017 die Bundesstaatsanwaltschaft Anklage gegen Anhänger der Bürgerwehr Freital (Erzgebirge) erhoben (Urteile wurden bis Drucklegung nicht verhängt). [tp]
Christentum
christlich-jüdisch, Abendland
christlich-jüdisch
Die Rolle der »christlich-jüdischen Tradition« bei der kolportierten Notwendigkeit, das
Abendland gegen die
Islamisierung zu verteidigen, erscheint wie ein Phantomschmerz. Denn das sächsische Geburtsland von Pegida ist wie andere ostdeutsche Bundesländer für die Konfessionslosigkeit seiner Einwohner bekannt. Manche würden auch behaupten, dass es Antisemiten dort leichter haben als Juden. Vielleicht deshalb strengt sich die Evangelische Kirche in Sachsen nun an, dem Phantom eine pegida-gerechte Gestalt zu geben. So profilierte sich der Landesbischof Carsten Rentzing vor seiner Ernennung mit homophoben Aussagen. Und für den ob seiner DDR-Opposition bekannten ehemaligen Pfarrer Theo Lehmann drückt sich in dieser Haltung der auch in Kirchensachen bewundernswerte »sächsische Weg« aus. Diesen ebnet er für die
Spaziergänge von Pegida, an denen er teilnimmt, um seine Kritik am Islam als »antichristliche Religion« zu demonstrieren.
Tatsächlich meint die christlich-jüdische Tradition gerade nicht die christlichen Kirchen. Erfunden haben ihn Vertreter meist aus dem Lager der Unionsparteien zu Hochzeiten der
Leitkultur- und Integrationsdebatten (die dabei den schon zuvor umstrittenen Begriff einer jüdisch-christlichen Tradition noch verkehrten, um ihre Prioritäten zu verdeutlichen). Meist in Verbindung mit Aufklärung gebraucht, dient das Konstrukt einer vermeintlich aufgeklärten Variante des antimuslimischen Rassismus. Und die geht so: »Unser« Rechtsstaat und seine freiheitlichen Grundwerte in »unserem« Grundgesetz wie die Gleichstellung der Geschlechter, Freiheit der Kunst, Meinungsoder Religionsfreiheit seien das Ergebnis besagter Tradition (übrigens auch die sexuelle Freiheit). Denn im Gegensatz zum Islam mit seinen »kriegerisch-arabischen Ursprüngen« hätte diese erst die Aufklärung ermöglicht. Einige Tatsachen wurden allerdings unter den Stammtisch fallen gelassen: zum Beispiel, dass Christentum und Judentum die längste Zeit vor allem durch Glaubenskriege und Antisemitismus »verbunden« waren und − ach ja − die Shoah als dialektische »Kleinigkeit« der westlichen »Zivilisation« auch etwas mit diesem Verhältnis zu tun hat. Schließlich verdrehen die Apologeten des christlich-jüdischen Abendlands den einfachen Umstand, dass die von ihnen gefeierten Freiheiten gegen die Kirchen erkämpft wurden.
Bei so viel kaschiertem Horror fällt nicht auf, dass mit diesem Bezug das Kunststück gelingt,
Muslimen selbst gegenüber intolerant sein zu dürfen − mit dem Verweis auf ihre angebliche kulturell-religiös bedingte Unfähigkeit zu Toleranz und Freiheit. Einige Kirchenvertreter und andere Konservative haben mittlerweile gelernt, zumindest für den Moment einen liberalen Umgang mit den Blüten aufgeklärter Gesellschaften zu suggerieren und zum Beispiel Schwule und Lesben einzubeziehen, damit diese Rechnung gegen den Islam aufgeht. Bei den Homophoben von AfD, Pegida und sächsischer Kirche allerdings ist man selbst für diesen Kniff zu blöd. [mr]
Cui bono?
»Wem zum Vorteil?«: Angesichts von Verbrechen, historischen oder aktuellen politischen Geschehnissen ist die Frage, wer davon profitiert, folgerichtig, um auf eine erste Spur der Verantwortlichkeit zu kommen. Nur kann beim Suchen nach dem möglichen Motiv nicht stehen bleiben, wer wirklich aufklären will. »Wem das Verbrechen nützt, der hat es begangen«, wie Seneca in seiner Tragödie Medea schreibt, ist eben nicht die ganze Antwort. So verführt die eilig beantwortete Frage zum Fehlschluss.
In der Verschwörungstheorieecke blüht »Cui bono?« seit Langem als Pauschalerklärung für dies und das. Weil die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den Krieg zogen, müssten sie hinter den Ereignissen stecken. Die Pharmaindustrie habe HIV auf die Menschheit losgelassen, um sich dadurch auf Jahrzehnte einen Absatzmarkt zu sichern. Dass jemand Nutznießer eines Umstands sein kann, ohne diesen verursacht zu haben, kommt den »Cui bono?«-Rhetorikern nicht in den Sinn. Komplexes lässt sich derart einfach zu hübsch auf simple Antworten reduzieren. Ein Beispiel: Die islamistischen Anschläge von Paris? Um Pegida-Demos zu verbieten!
USA und
Zionisten schüren damit antimuslimischen Hass! Wohnungen für Flüchtlinge werden dadurch freigemacht!
Lustigerweise geriet Pegida selbst unter »Cui bono?«-Beschuss. Ken Jebsen, Galionsfigur der Querfront-Friedensmahnwachen, mutmaßte, Pegida wurde von oben installiert. Damit werde gerechter Volkszorn kanalisiert, statt das System revolutionär zu erschüttern. [tp]
D-Mark
Der Geldfetisch ist in kapitalistischen Verhältnissen keine abnorme Vorliebe, sondern deren Grundlage. Er ist Ausdrucksmittel des Tauschwerts. Einen besonderen Fetisch beten die Besorgten wie viele andere Deutsche in der D-Mark an. Wenige Währungen sind symbolisch derart aufgeladen. Im Westen gilt die Deutsche Mark, ab 1948 Zahlungsmittel, als Zeichen von Wirtschaftswunder und nationaler Stärke. Die Rede von der harten Westmark bestimmte bald die Ereignisse von
89: »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!« führten Demonstranten auf Transparenten mit. So wurde sie auch zum Symbol für die Wiedervereinigung. Den späteren Bezahlvorgang mit dem Euro empfanden hingegen viele als Schmach.
Bis heute wird der 1999 eingeführte Euro − die D-Mark war bis Dezember 2001 als Bargeld im Umlauf − als »Teuro« wahrgenommen. Tatsächlich führte die Währungsreform zunächst zur Verteuerung, auch weil Unternehmen die Umrechnung mit großzügigem Aufrunden zur Preissteigerung nutzten. Auf lange Sicht gebe es aber nur eine gefühlte Inflation, versicherte die Mehrheit der Ökonomen. Geholfen hat das nichts. Laut einer Umfrage der GfK-Marktforscher anno 2016 sollen noch 45 Prozent aller Deutschen bei Kaufentscheidungen in D-Mark umrechnen.
Nostalgie und Nationalismus: Euro und D-Mark sind auf Besorgtendemos gern gezeigte Insignien mit gegensätzlicher Symbolkraft. Der eine steht nicht nur für eine vermeintlich schwache Währung, sondern für den gesamten politischen Apparat der Europäischen Union. Die Mark erinnert an imaginierte bessere Zeiten und strahlt zugleich die Hoffnung aus, mit der D-Mark-Rückkehr würden solche wieder anbrechen. [tp]
Danke, Merkel!
Besorgt ist oft gleichzusetzen mit pauschal, wie sich an der zynischen Formulierung »Danke, Merkel!« zeigt. Mit der schließen Besorgte gern, nachdem sie auf Missstände hingewiesen haben. »Wir werden von muslimischen Asylanten überrannt!«, »Bald werden wir kein Weihnachten mehr feiern dürfen!«, »Alles geht den Bach runter, und zwar wegen der Flüchtlingspolitik in diesem Land!« − »Danke, Merkel!« Die Bundeskanzlerin fungiert dabei als so etwas wie eine Führerin mit negativem Vorzeichen: Eine Person, die alles (hin-)richtet.
Im September 2016 plante die AfD, Plakate mit dieser Phrase zu drucken, die direkt nach möglichen Terroranschlägen in Deutschland verbreitet werden sollten. Als Pauschalvorwurf an die Bundeskanzlerin und Verhöhnung der Opfer. Eine Facebook-Seite mit eben diesem Namen ironisiert den Beleidigte-Leberwurst-Ausdruck mittlerweile. Ob kaputte Bierflaschen, leere Klopapierrollen oder selbstverschuldete Fahrradunfälle − immer gilt: »Danke, Merkel!« [ng]
Demokratie
Sie wird umstandslos geliebt und ist Fixstern aller Debatten, ob besorgt-bürgerlich, staatstragend oder progressiv. »Pegida bekennt sich voll und ganz zum Grundgesetz, zur Demokratie und zum Rechtsstaat«, hieß es auf der Dresdner Bühne. Dieses Bekenntnis ist entweder Folge einiger Stangen Kreide, die Festerling für mediale Zwecke gefressen hat. Oder, das macht die Angelegenheit deutlich komplizierter, hier wird unter Demokratie etwas ziemlich Unübliches verstanden.
Im besorgten Oberstübchen ist alles recht einfach: Weil Demokratie Volkssouveränität heißt und sie und niemand anderes das
Volk sind, müssten eigentlich die besorgten Bürger das Zepter schwingen. Wenn da nicht die
linksversiffte diktatorische Elite wäre. Politiker seien eigentlich Angestellte des Souveräns, die nur leider ihren Dienst nicht tun, wie vom Volk geheißen. Diese gesinnungslosen und korrumpierten Angestellten drücken stattdessen ihren
Minderheitenterror gegen das Volk durch. Angetrieben wird diese Argumentation vom Phantasma, tatsächlich und ohne Zweifel die Mehrheit zu repräsentieren.
Das besorgte Demokratieverständnis leidet allerdings unter einigen Aporien. Oder − anders formuliert − der Sinn des Begriffs wird soweit verwässert, dass sich seine moralische und sachliche Aussagekraft bedenklich einer Nulllinie nähert. Los geht es beim robust vorgetragenen Anspruch, auf vergleichsweise kleinen Kundgebungen für die Gesamtheit der Bevölkerung zu sprechen. Diese Haltung untergräbt ein wesentliches demokratisches Moment: die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven. Weil das wahre Volk, biologisch verknotet, patriotisch bis in die Haarspitzen ist und sich für
Spaziergänge begeistert, sind alle abweichenden Meinungen undemokratisch. Von diesem Moment an müssen Besorgte nicht länger in umständliche Debatten über Repräsentation eintauchen oder verschiedene Varianten von Aushandlungsprozessen diskutieren. Noch weniger bedarf es einer Klärung der Frage, wer eigentlich in welcher Form mitbestimmen darf. Die Logik des »Wir für alle« zwingt dazu, Elemente direkter Demokratie für das Phänomen selbst zu halten und folglich Volksentscheide als einzige Lösung demokratischer Defizite zu beschwören. Die vermeintlich demokratische Funktion der souveränen Menge besteht dann darin, die apodiktischen Forderungen, die von den Bühnen schallen, mit brüllender Zustimmung zu untermauern. Das Volk sekundiert den Führern und drückt seine Souveränität aus − wer dagegen ist, kann nicht zum Volk gehören. Wann immer politische Gegner Thema sind, ruft es umgehend
»Volksverräter«.
Nun ist die Geschichte der Demokratie lang und kompliziert. An ihrer griechischen Wiege war sie jener mächtige Impuls der Anteillosen, die mittun wollten. Sie war der Name für die Einsicht, dass es keinen natürlichen Grund für irgendeine Ordnung gibt, dass nichts aus sich heraus Macht und Herrschaft begründet. Der Ort der Macht müsse leer bleiben, brachte der Philosoph Claude Lefort diese wichtige Kontur »eigentlicher« Demokratie auf den Begriff. Die gegenwärtigen Staatsformen, die diesen Namen tragen, lassen einen solchen Impuls kaum erkennen, was seit längerer Zeit heftige Kritik auf den Plan ruft. Die Defizite deutscher und europäischer Institutionen, deren demokratische Kontur bestenfalls blass erkennbar ist, wird vom besorgten Denken in eine andere Richtung aufgelöst: Man muss nur das Diktat der völkischen Beobachter, um ihren Vorteil bemüht und jede Form von Pluralität für widernatürlich haltend, als eigentliche Demokratie definieren. [rf]
deutsche Frau
Ein Blick auf die klassische Verteilung der Geschlechterrollen, die nicht nur im AfD-Programm beschworen werden, zeigt: Die deutsche Frau soll nicht modern sein. Die Erziehung der drei Kinder findet in den ersten Jahren daheim statt, die Frau besinnt sich auf familiäre, nicht berufliche Verpflichtungen (
Familie). Sie ist weich, kümmert sich, erträgt. Sie schenkt der
Volksgemeinschaft Nachwuchs und erzieht ihn zu deren wertvollen Mitgliedern. Sie zeigt, dass sie
Angst hat vorm »Schwarzen Mann«, der auf ihrer weißen Haut Abdrücke hinterlässt; ist ein Opfer, das sich von deutscher
Männlichkeit beschützen und rächen lässt.
Die Diskussionen um die Ereignisse der Silvesternacht 2015 in Köln zeigten, wie scheinheilig dieser Beschützerinstinkt ist. Noch 1997 stimmten 138 Bundestagsabgeordnete dagegen, auch Vergewaltigung in der Ehe zu bestrafen, darunter Horst Seehofer (CSU) und − nicht ganz so männlich, aber ähnlich reaktionär − Erika Steinbach (damals noch CDU). Bis Köln wurde die »Nein-heißt-Nein«-Debatte abgetan als hysterisches Gekeife einiger Nachfolgerinnen der damals schon nervigen 68er-Feministinnen. Seitdem wollen vorrangig besorgte Männer entscheiden, wann ein Pograpscher im Büro rein freundschaftlich ist und der anzügliche Blick eines Nichtdeutschen einer Vergewaltigung gleichkommt.
Im Kern ist die Debatte vor allem sexuell aufgeladen: Besorgte Männer wie Frauen, die zuvor das Einfordern von Frauenrechten als zickiges Abwerten von Männern im Allgemeinen verstanden und nicht als Konzept von Gleichberechtigung, konnten es plötzlich nicht lassen, sich einzumischen − gepaart mit von eigenen sexuellen Fantasien angetriebener Geilheit.
Die Feindbilder des männlichen Besorgten sind Frauen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und auf sich selbst achten. Für diese Männer bedeutet das: Sie werden nicht mehr gebraucht − weder als Ernährer, Unterstützer, Chef, noch als Sexualpartner. Plötzlich haben sie neben der Kastrationsangst (
Gummimuschi) noch den Verlust des Heldenstatus zu erdulden. Wer beschützt ihre blonden Frauen und Mädchen vor den
Männerhorden, vor den Schwarzen mit den langen Schwänzen und den frauenverachtenden
Muslimen? Wer erklärt ihnen, den unschuldigen Naivchen, wie gefährlich diese Welt für Frauen ist? [ng]
deutsche Sprache
Sie nennen sich Patrioten und wollen die deutsche Sprache retten. Sie tauschen Handynummern, packen Babys in Plüsch, wenn sie zur Grillparty gehen, sie mögen Auto und Vorgarten, kuscheln bei Kaffee mit dem Onkel und rauchen Zigaretten, bis ihnen blümerant um die Rosette wird. Sie haben Respekt vor Chef und Sporttrainer, lieben Wein, aber verachten andere Drogen, leben vielleicht ihre Emotionen auf der Toilette aus und machen eine Szene, wenn das Militär schlecht wegkommt. Von kriminellen Handlungen distanzieren sie sich prinzipiell, denn sie sind moralisch integer. Alle kursivierten Begriffe haben einen anderen Ursprung als Germanisch.
Besorgte wie Peter Hauk (CDU) fordern eine Deutschpflicht im Internet, die CSU will sie auch in Moscheen. Schließlich reden die alle so komisch, da weiß man nie, was die wieder planen! (Dass zur freien Religionsausübung auch die Sprache gehören muss, kann man getrost ignorieren, denn in katholischen Kirchen wird ausnahmslos auf Deutsch gebetet. Wobei, Halleluja ist hebräisch.) Mit diesen zum Scheitern verurteilten Attacken versuchen Besorgte nicht nur, arabisch- oder türkischsprachige Gruppen zu germanisieren, sondern auch, Einfluss auf einen Bereich zu nehmen, der lebendig, dynamisch und zwangsläufig nie abgeschlossen ist. Sprachkontrolle funktioniert selbst in Ländern mit strikteren Vorgaben (Frankreich oder Island) kaum, weil sich Sprache im Ganzen nicht steuern lässt. Man mag einzelne Begriffe kritisieren, aber pauschale Sprachpflichten untergraben Vielheit, die einigen gefährlich, weil
fremd vorkommt. Ein solcher Versuch kann nur danebengehen.
Die wenigsten besorgten Urlauber oder gar Auswanderer werden sich daran halten, ausschließlich die Sprache des Gastlandes zu sprechen; etwa Holger Apfel, vormals NPD und mittlerweile Kneipier auf Mallorca, oder Lutz Bachmann, der in Südafrika vermutlich wenig Afrikaans oder eine der vielen anderen Amtssprachen des Landes gelernt hat − und für seinen neuen Arbeitsmittelpunkt Teneriffa auch kein Spanisch-Diplom mitbringt. Die Besorgten fordern, die »Neuen« sollten »genau wie wir damals« diese komplizierten Grammatik- und Rechtschreibregeln lernen. Gut gebrüllt, Löwe. Wir haben aufgehört, die Fehler in besorgten Statements zu zählen.
Die Idee einer homogenen Sprache, die sich nicht verändert und nur aus sich selbst heraus Wortschatz generiert, ist so alt wie absurd. Schade nur, dass es im besorgten Umkreis noch keine Lexikvorschläge à la Dörrleiche für Mumie oder Jungfrauenzwinger für Kloster gibt. Zu Hochzeiten des deutschen Sprachpurismus im 17. und 18. Jahrhundert war Latein des Bösen Wurzel; heute ist es Englisch. Aber sogar Michael Klonovsky, früher beim Focus, später publizistischer Berater von Frauke Petry, nannte sich selbst Spindoctor. »Propagandabeauftragter« ist sprachhistorisch vermutlich nicht Deutsch genug. [ng]
Deutschland GmbH
Die Kurzform für die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH fasst alles zusammen: Die BRD oder Deutschland ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Wer diesen Gedanken noch absurd findet, dem werden zahlreiche
Fakten offeriert. Gelernte Ostdeutsche finden hier erstaunliche Ähnlichkeiten zur DDR: Diese stand unter der Knute der Sowjetunion, während Deutschland eigentlich von den
USA beherrscht wird, die nach wie vor die Besatzungsmacht bilden. Ein Redner mit dem Pseudonym Friedrich Fröbel behauptete bei Legida, dass Angela Merkel von »amerikanischen V-Frau-Führern« gelenkt werde, man »von Herr zu Vasall« miteinander spreche. Horst Seehofer komme in der »amerikanischen Tyrannis« die Rolle des »Egon Krenz der BRD« zu, für den Fall, dass Merkel irgendwann abtreten sollte.
Klingt unglaubwürdig? Man nehme seinen Ausweis. Als Staatsangehörigkeit wird »deutsch« angegeben, ohne Staatsnennung. Fast ganz oben steht Personalausweis. Genau, Personal. Der Inhaber des Dokuments gehört also zum Personal der BRD GmbH. Und wie ist der Name des Personals geschrieben? In Großbuchstaben. In Großbuchstaben mussten angeblich auch die des Schreibens mächtigen Sklaven im Alten Rom ihre Unfreiheit bestätigen. Ergo: Das Personal der GmbH ist auch deren Sklave. (Das alte Latein kannte übrigens nur Großbuchstaben.) Man kann sich erstaunlich lange damit aufhalten, den Ausweis anzuschauen und da Dinge zu lesen − von den Illuminaten bis zu Satan ist für jede Verschwörungsnische etwas dabei.
Bleiben wir bei der BRD. Die ist kein souveräner Staat, was man daran merkt, dass sie keine Verfassung hat. Das Grundgesetz gilt nicht, auch wenn es sich »das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt« selbst geschenkt hat, wie es in der Präambel heißt (
Verfassung). Außerdem hat der Bundestag eine Steuernummer. Man möchte meinen, dass das auch besser so ist, denn der Bundestag hat Betriebe und muss Umsatzsteuer abführen. Tatsächlich beweist die Steuernummer aber, dass das Land nicht souverän ist.
Die Reichsbürger sind besonders aufgeweckte Kerlchen, denn sie wissen sogar, dass das Deutsche Reich nie aufgehört hat zu existieren. Sie haben dafür Belege, außerdem ihre eigenen Ausweispapiere und lehnen es ab, Steuern zu zahlen oder sich an die Straßenverkehrsordnung zu halten. Natürlich fahren sie gerne über die Straßen des Vasallenstaats oder nutzen dessen Gesundheitssystem, wenn sie krank sind. Aber wer an den Vasallenstaat Steuern zahlt, hat sich bereits versklaven lassen. Und wer will schon Sklave sein? [fr]
Diktatur
Besorgte Bürger sehen sich diktatorischen Verhältnissen ausgesetzt. Merkel- oder Meinungsdiktatur ist beständig zu hören, und hinter allem regieren böse US-Mächte. Alles sei wie vor
89 und erzwinge einen Aufstand. Gesellschaftskritik ist das eine. Die Selbststilisierung zum Opfer einer Diktatur ist etwas anderes. Im Sinne einer Minimaldefinition von nichtdiktatorischen Welten muss es möglich sein, einen Herrscher oder eine -clique unblutig abzusetzen. Nun sind die Strukturen von Macht und Herrschaft komplex. Man weiß nicht so genau, wer wen in welcher Form regiert. Unbeschränkt und diktatorisch sind die hiesigen Zustände schon deshalb nicht, weil die Besorgten unbehelligt und öffentlich ihre Lageeinschätzung zum Besten geben können (
Meinungsfreiheit).
Eine Diktatur ohne benennbaren und sichtbaren Diktator (oder Gruppe, etwa das Militär oder eine Einheitspartei) ist zudem ein Selbstwiderspruch. Wenn niemand den Schülern die Wörter ansagt, die sie schreiben sollen, wird es kein Diktat geben. Wie schließlich die vermeintlich freie und demokratische Welt aussehen soll, wissen die Besorgten offenbar auch nicht so genau (
Demokratie,
Freiheit). [rf]
direkte Demokratie
Die Sache mit der
Demokratie ist an sich schon schwierig. Was heißt »Herrschaft des Demos«? Wer ist das? Funktioniert die Idee der Repräsentation, also die Vorstellung, dass einzelne für viele entscheiden? Das sind Fragen, die dieser Tage hochkochen − in Zeiten, in denen immer häufiger von Postdemokratie oder Oligarchie (der Herrschaft des Reichtums) gesprochen wird.
Es gibt verschiedene Formen von Demokratie als Herrschaftsform. Die Schweiz steht dabei ständig Modell, wenn eine Variante ins Spiel kommt, die mehr Gewicht auf Volksentscheide und weniger auf das Element der Repräsentation legt. Das hat Vor- und Nachteile, die kritisch beschaut und gewichtet werden müssen. Auf der Habenseite steht mehr Einfluss der »einfachen« Leute (
kleiner Mann) und damit mehr Identifikation mit Entscheidungen. Dagegen spricht der Umstand, komplexe Themen auf markige Parolen für einfache Ja-Nein-Abstimmungen eindampfen zu müssen.
Die Besorgten schließlich haben die direkte Demokratie für sich entdeckt. Getragen von der Illusion, als Volk die Mehrheit zu sein und dementsprechend das Abstimmungsergebnis schon zu kennen, fordern sie mit Penetranz entsprechende Entscheide auf Bundesebene − die haltlose Reduktion der Sachverhalte inklusive: für oder gegen Merkel, für oder gegen
Mauern, Minarette,
GEZ, Koalition mit Putin usw. Im Prinzip steckt dahinter eine Vorstellung von Demokratie im Stile der Sportpalastrede: »Wollt ihr Asylsuchende?« »Nein!« Dass die Besorgten noch ihrem bittersten Hass das Mäntelchen namens direkte Demokratie umhängen, zeigt ein Interview aus dem sächsischen Bautzen. Ein leerstehendes Hotel, das als Unterkunft für Geflüchtete vorgesehen war, wurde im Februar 2016 angezündet und brannte teilweise aus. Kurz darauf wetterte ein junger Mann in eine TV-Kamera: »Es wurden tausend Häuser angezündet, null Verletzte, also geht es eindeutig nur gegen Frau Merkel. Wären das richtige Nazis gewesen, dann wären dort Menschen drin gewesen. (…) Das zeigt, dass es eindeutig direkte Demokratie ist, die hier abläuft.« Ein richtiger Nazi ist also nur, wer tatsächlich Menschen tötet. An diesem Punkt ist es völlig egal, welche Spielart oder Tradition von Demokratie zu bevorzugen wäre. Wenn selbst brennende Häuser als irgendwie demokratisch durchgehen, ist Hopfen und Malz verloren. [jf]
Ehre
Eine Frage der Ehre? Selbst die Bundesregierung hat keine Lust mehr auf die Ehren-Floskel. Daher spricht sie statt vom Ehrenamt lieber von Freiwilligendienst und zivilem Engagement − was sich auch besser ins neoliberale Konzept der Abtretung sozialstaatlicher Pflichten an die Gesellschaft fügt.
Ehre fungierte bis lange in die Neuzeit als zentrale Kategorie des sozialen Miteinanders und bedeutete nicht weniger als Geschäftsfähigkeit. Sozialethische Normen wie Treue, Aufrichtigkeit, Freundschaft fügten sich zum komplexen Wertesystem, mit dem das Verlangen nach Anerkennung verbunden war. Ehre verbürgte die soziale und ökonomische Kreditwürdigkeit. Daran knüpft zum Beispiel auch das im 19. Jahrhundert entstandene Ehrenamt als (Selbst-)Verpflichtung des Bürgers an, sich gesellschaftlich zu betätigen. Ehre ist demnach ein verinnerlichter äußerer Zwang, dem man nach allen Mitteln gerecht werden muss, um Gesellschaftsfähigkeit auszudrücken. Und sei es im letzten Gefecht des Duells, mit dem man seine Ehre wiederherstellen konnte. Im Nationalsozialismus kam der Ehre eine besondere Überhöhung zu. Um nur zwei Beispiele zu nennen: »Meine Ehre heißt Treue« (SS-Leitspruch) und das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«.
In der Demokratie bedarf es dieses Prinzips nicht, weil Anerkennung und Gleichwertigkeit prinzipiell allen Passinhabern zukommen und sie − zumindest der Idee nach − am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Stichwort: die grundgesetzlich gewährte Würde. Ehre als
Identität stiftendes Merkmal ist daher aus der Selbstwahrnehmung vieler Individuen verschwunden, was nicht heißt, dass diese Menschen nicht einem eigenen ethischen Kompass folgen würden. Nur ist dessen Kollektivierung, und das ist der Kern des Ehrprinzips, perdu.
Es wundert nicht, dass Ehre besonders mit Blick auf den soldatischen Charakter angesprochen wird und gerade konservative bis völkisch-nationalistische Kreise auf sie pochen. Dem Motto der Jenaer Urburschenschaft von 1815, »Ehre, Freiheit, Vaterland«, folgen nicht nur Burschenschaften als Dreisatz ihrer Leitkultur. Aussagen, die »Volk« und »Ehre« im Zusammenhang führen, sind in nazistischen Kreisen Legion. Durch die Besorgtenerweckung fand ein älterer Liedermacher-Song − Im Sommer des Jahres 1996 hatte mein Freund Lüne beim Pilzesuchen plötzlich eine Melodie im Kopf. Auf dem Heimweg erhielt er als »Zugabe« aus der geistigen Welt den Text dazu übermittelt − endlich den ersehnten großen Umlauf. Im Lied heißt es: »Wo ist das Erbe uns’rer Ahnen, was wissen wir vom alten Brauch. / Geschichte hat man uns genommen, Ehre und Achtung, Seele auch.« [tp]
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