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TogetherText
Prozessual erzeugte Texte im Gegenwartstheater
Herausgegeben von Karin Nissen-Rizvani und Martin Jörg Schäfer
Recherchen 155
© 2020 by Theater der Zeit
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Verlag Theater der Zeit
Verlagsleiter Harald Müller
Winsstraße 72 | 10405 Berlin | Germany
www.theaterderzeit.de

Gestaltung: Agnes Wartner
Printed in Germany
ISBN 978-3-95749-303-3 (Paperback)
ISBN 978-3-95749-323-1 (ePDF)
ISBN 978-3-95749-324-8 (EPUB)
Recherchen 155
TogetherText
Prozessual erzeugte Texte im Gegenwartstheater
Herausgegeben von Karin Nissen-Rizvani und Martin Jörg Schäfer

Inhalt
Karin Nissen-Rizvani, Martin Jörg Schäfer
TogetherText: Eine Einführung
I. Institutionelle Einflüsse und theatergeschichtliche Perspektiven auf Prozesse der Texterzeugung
Christina Zintl
Die Erweiterung des Autor*innenbegriffs beim Stückemarkt des Theatertreffens
Openword.doc: TogetherText und die Institution
Anne Rietschel im Gespräch mit Marc Schäfers, Gernot Grünewald, Irina Szodruch, Maria Nübling, Sonja Laaser, Bernd Isele und Pina Bergemann
Stefan Tigges
Stückentwicklungen
Szenische Diskurspotentiale und dramaturgische Transformationen
Nikolaus Müller-Schöll
Skript-basiertes Theater
II. Texte aus Probenprozessen I: Verschobene Autor*innenschaft
Antje Pfundtner in Gesellschaft (APiG)
Sprache, um die Lücke zu schließen? Oder um Räume zu öffnen?
Julia Prager
Theater der Anderssprachigkeit
Kooperative und prozessuale Verfahren der szenischen Sprechtexterzeugung bei Common Ground (Yael Ronen und Ensemble)
Katrin Trüstedt
Externalization On Stage
The Exil Ensemble’s Hamletmaschine
Martin Jörg Schäfer
Autorität, Übertitel und Hautfarbe in Milo Raus Five Easy Pieces
III. Texte aus Probenprozessen II: Pluralisierung von Autor*innenschaft
Miriam Dreysse
»Wo soll denn jetzt der Text herkommen?«
Zur Auflösung von individueller Autorschaft im zeitgenössischen Theater
Kai van Eikels
Die Verlängerten
Sozialisierung von Autorschaft im Theater
Anja Kerschkewicz, Eva Kessler
Kollektive Autor*innenschaft in der Praxis von Frauen und Fiktion
IV. Texte aus Probenprozessen III: Live-Texterzeugungen in Performances und Aufführungen
Monika Gintersdorfer
Aktive Sprache auf der Bühne – Formulieren und Denken im Moment
Live-Übertragung auf der Bühne erschafft einen neuen Performertypus
Daniel Ladnar, Esther Pilkington (random people)
Die Kunst der Instruktion
Anna Häusler, Tanja Prokić
Safety Instructions: Skripte für den Ernstfall
Zu SIGNAs Performance-Installationen
Sybille Meier
Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Einsichten in die SIGNA-Performance
Karin Nissen-Rizvani
Social Fiction. Prozessuale Texterzeugung in SIGNAs Das halbe Leid
Ein Vorschlag zur Analyse zeitgenössischer Theaterereignisse
Autor*innen
Karin Nissen-Rizvani, Martin Jörg Schäfer
TogetherText: Eine Einführung
I. Einstieg
Was im 21. Jahrhundert nicht nur im deutschsprachigen Raum für die szenischen Künste insgesamt gilt, gilt auch für ihre Sprechtexte und schriftlichen Anteile: Diese entstehen in Prozessen zwischen mehreren Beteiligten, z. B. werden sie in einem Team von Kunstschaffenden hervorgebracht oder in dessen Öffnung zu nichtprofessionellen Beteiligten oder auch bei jeder Performance anders unter Mitwirkung des Publikums.1 Solch höchst unterschiedliche Textphänomene verbindet, dass sie meist kein Eigenleben abseits ihres szenischen Kontexts führen und dieses oft auch nicht durch eine nachträgliche Publikation erhalten. Sie liegen nicht zu Beginn der Konzeption oder der Proben als ein zusammenhängendes Material oder eine Textvorlage vor, die dann nur noch bearbeitet und transformiert werden müsste. Vielmehr werden sie von den manchmal sozial heterogenen und oft mehrsprachigen Beteiligten gemeinsam in Proben entwickelt oder aus Recherchen zusammengestellt – mal mehr, mal weniger hierarchisch; mal kollaborativ, vielleicht sogar kollektiv, oft durchaus agonal; mal analog, mal digital unter Verwendung computerisierter Textgeneratoren; mal im Zentrum der betreffenden Produktion, mal als eher randständiges Element z. B. neben sozialer Interaktion oder in einer choreographischen Arbeit. Dieser Vielzahl von höchst unterschiedlichen Texten, die von ihren Entstehungsprozessen meist ebenso wenig zu trennen sind wie von ihren szenischen Kontexten, ist der vorliegende Band gewidmet.
Die Anliegen, die wir mit diesem Band assoziieren, verbinden sich im anglophonen Neologismus TogetherText: Aufgerufen sind so Texte, denen das Verwobene, Vielteilige und Vielstimmige der eigenen Textur bereits durch ihre institutionelle Rahmung in der gegenwärtigen Theaterlandschaft und die Prozesse ihrer Hervorbringung eingeschrieben ist.2 Die Anglophonie des Namens TogetherText betont die Transnationalität eines Anliegens, das sowohl den Alltag in internationalen Großproduktionen der szenischen Künste betrifft wie auch den Alltag der Zusammenarbeit von Künstler*innen, die es teilweise nicht freiwillig an Orte verschlagen hat, an dem nicht alle einer der vorherrschenden Sprachen mächtig sind. Allerdings lässt die Anglophonie den Namen TogetherText auch wie einen Marketinggimmick erscheinen. Eines solchen bedarf es vielleicht, wenn, wie hier, Aufmerksamkeit auf ein noch wenig beachtetes Forschungsfeld gelenkt werden soll. Das grammatisch Inkorrekte verweist jedoch gleichzeitig auf das notwendig Holprige und Hybride einer sprachlichen Verständigung, die zwar auf eine gemeinsame lingua franca angewiesen ist, die alle anders benutzen – und dann eben die gemeinsame Sprache nicht nach vorgegebenen Mustern hervorbringen, sondern diese verschieben und so auch die Vorstellung von einer inneren Einheit der Sprachen (und der Kulturen) untergraben: TogetherText in diesem Sinne betont die Notwendigkeit des Übersetzens; sei es durch Vernetzung des vorher Getrennten, sei es durch das Hervorbringen harter Brüche.3 Während die Übersetzungs- und Übersetzbarkeitsmetapher für das Herangehen an die szenischen Künste der Gegenwart und ihre Ästhetiken bereits gängig ist,4 gilt es, sie auch für das Herangehen an deren sprachliche Prozesse neu zu bestimmen.
Durch das Adverb together ruft der Name die Verbundenheit eines gemeinsamen Texts auf und mag so vorschnell Harmonie suggerieren. TogetherText trennt allerdings diese Verbundenheit durch die wortinterne Großschreibung von Text, was sowohl räumlich als auch temporal konnotiert ist: Der Text entsteht aus dem Together; zugleich erscheinen Text und Together – eben gleichzeitig. Die interne Unterbrechung mag sogar den Blick auf die weiteren Partikel schärfen: To get her Text. Ununterscheidbar wird in dieser Infinitivkonstruktion, ob sie* ihren je eigenen Text bekommt (im Sinne von »to get her way«) oder jemand anderes diesen Text von ihr* bekommt (im Sinne von »to get her number«) oder ob jemand weiteres sie* mit dem Text versorgt, den sie* vielleicht benötigt oder der ihr vielleicht sogar zusteht (im Sinne von »to get her some water«). In dieser mehrfachen Lesbarkeit ist der TogetherText einer, den es erst herzustellen gilt und der, während er an die ihn hervorbringenden Instanzen gebunden ist, auch anderen gehören, ihnen entwendet, zugedacht oder dargeboten sein mag.5
Seit längerem werden diese Texte breit wahrgenommen, allerspätestens seit Helgard Haug und Daniel Wetzel für die Gruppe Rimini Protokoll 2007 für Karl Marx: Das Kapital, Erster Band, eine Collage aus Selbstportraits und Interviewtexten rund um eben Karl Marxens Das Kapital, den Mülheimer Dramatikerpreis erhalten.6 Ebenfalls 2007 produziert das erste Mal im deutschsprachigen Raum die Gruppe SIGNA am Schauspiel Köln eine ihrer immersiven Shows, in denen, bis zur Eskalation, durch Gespräche von Publikum und Performer*innen interagiert wird. Die Erscheinungen der Martha Rubin wird zum Theatertreffen eingeladen.7 Bei aller Bekanntheit werden die Texte, die in diesen Arbeiten gesprochen werden, in ihrer jeweiligen Spezifik kaum zur Kenntnis genommen. Oft werden sie als (im positiven oder negativen Sinne) »postliterarische«8 Zutaten zu einer an performativen Formen orientierten szenischen Kunst angesehen, deren eigentliche Qualitäten anderswo liegen sollen als in denen eines in der Tradition des Sprechtheaters des 19. Jahrhunderts stehenden Theaters.9 Die Aufregung über die Preisverleihung an die Rimini Protokoll-Produktion etwa rührt daher, dass ihr eben kein Dramentext zugrunde liegt. Die Collage aus Texten von Beteiligten aus Nichttheaterkontexten, in denen diese aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen das opus magnum von Marx perspektivieren, scheint auf der Bühne an die entsprechenden Personen gebunden, die einen autobiographischen Pakt mit dem Publikum eingehen und als sogenannte »Expert*innen des Alltags«10 auftreten. In Buchform auf Deutsch publiziert sind die sprachlichen Anteile der Produktion bis heute jedenfalls nicht; Texte aus den Produktionen Rimini Protokolls erscheinen fast immer im Zusammenhang mit anderen Aufführungsmaterialien und Auszügen aus den Skripten der hergestellten sozialen Situationen.11
Unverständnis, Abwehr oder schlicht Abneigung und Desinteresse gegenüber diesen derzeit so zahlreich auftauchenden Texten gibt es zuhauf.12 Gegen die Klage über eine Krise der Gattung Dramentext sind die im vorliegenden Band versammelten Beiträge an einer Beleuchtung der Phänomene dieser neuen Textformen interessiert, die sie überhaupt erst konturieren und diskutierbar machen. Nur wenige sprechen bisher wie z. B. Veit Sprenger (von Showcase Beat Le Mot) emphatisch von »neuen, glorreichen Zeiten« des Textes und des Sprechens in den szenischen Künsten: »Seit der Jahrtausendwende erlebt das Sprech- und Performancetheater einen ungebrochenen Boom. Es entwickelt zeitgenössische Formen des Erzählens und Verhandelns […], die bestehende Autoritätsverhältnisse zugunsten neuer Allianzen auf den Kopf stell[en].«13
Widerspiel und Ineinander von Skript und festem Text auf der einen Seite und Extemporieren, Stegreifspiel, Improvisation auf der anderen durchziehen zumindest die europäische Geschichte von Sprache und Text in den szenischen Künsten. Die Texte aus dem 21. Jahrhundert, um die es in diesem Band geht, stammen historisch in der Tat eher aus Ästhetiken und Produktionsweisen, die um die Jahrtausendwende von einflussreicher Theoriebildung zunächst als »postdramatisch«, »performativ« oder »relational« beschrieben und später von der Forschung manchmal auch (holzschnittartig) so kategorisiert wurden.14 Weil diese Beschreibungen und Kategorisierungen sich explizit in Differenz zu einem am (literarischen) Text orientierten Theater situieren, droht in Vergessenheit zu geraten, welches breite Spektrum auch sprachlicher Äußerungsweisen und Inhalte hier vorliegt: Dieses reicht von der Betonung des Alltagsberichts bei den nichtprofessionellen Darsteller*innen Rimini Protokolls über die gleichzeitig minimalistische wie verdichtete Poesie von etwa Forced Entertainment bis hin zu zahlreichen anderen Formen und Funktionen, die Sprache und Texte abseits einer literarischen Vorlage in den szenischen Künsten des 21. Jahrhunderts einnehmen. Jener ungestillte »Sprachhunger[]«15, den Kathrin Röggla 2020 für die Vielfalt der aktuellsten Gegenwartsdramatik in Anspruch nimmt, lässt sich immer wieder auch in diesen prozessual und zu mehreren generierten Texten finden. Um ihnen Gewicht zu verleihen, müssen erst recht nicht von Autor*innen (innerhalb oder außerhalb des Theaterapparats) produzierte Stücke gegen Texte aus gemeinschaftlichen, in performativen Formen vollzogenen Projektentwicklungen ausgespielt werden. Häufig genug implizieren solche Gegenüberstellungen ästhetischer Formen auch Zuordnungen zu Institutionen und Geldtöpfen beziehungsweise die Ausgrenzungen aus ihnen – wie in der vielbeschworenen Unterscheidung von Stadttheater und Freier Szene.16
Sehr wohl gilt es aber zu bedenken, dass es für die unter der Rubrik TogetherText zusammengebrachten sprachlichen Elemente der szenischen Künste häufig noch keine gängigen und keine guten Kategorien gibt. In noch viel stärkerem Ausmaß als für die neuere Dramatik trifft für diese prozessual und zu mehreren generierten Texte dann dasjenige zu, was Theater- und Literaturwissenschaft bereits seit längerem für die »nicht mehr dramatische[n] Theatertext[e]«17 im Stile der sogenannten Textflächen Elfriede Jelineks oder der sprachlichen Materialbrüche Heiner Müllers konstatiert haben: dass hier nämlich, so Hans-Peter Bayerdörfer, »jene Nahtstelle, welche in der europäischen Entwicklung der Kunstform vom Drama eingenommen wurde, neu zu vermessen«18 sei. Den Einstieg in eine solche Neuvermessung hat sich der vorliegende Band für diese Texte, die noch einmal anders einzuordnen wären als die inzwischen etablierte Nichtdramatik, vorgenommen. Anstelle eines Überblicks über die Beiträge werden die von ihnen aufgeworfenen Aspekte dort in den folgenden Aufriss eingebracht, wo sie im übergreifenden Zusammenhang ihren Ort haben.
II. Zum Status von Texten und Sprechakten
Eine solche Neuvermessung kann sich, wie das Beispiel von Rimini Protokoll zeigt, nicht auf die aus ihrem szenischen Kontext gelösten Sprechtexte beziehen. Was seit Aristoteles für das Drama gerne behauptet wird – dass es nämlich auf seine Aufführung im Theater nicht notwendig ankomme19 – gilt für diese Texte per definitionem nicht. Nur im Wechselverhältnis mit den anderen szenischen Elementen, mit denen diese sprachlichen Elemente gemeinsam entwickelt worden sind, erlangen sie die ihnen eigene Spezifik, Ereignishaftigkeit und Dynamik im gesamten »Performance Text«20 der jeweiligen Produktion. Zur Bestimmung dieses Wechselverhältnisses bedarf es dann weniger übergreifender theoretischer Modelle als vielmehr solcher, die das jeweils interne Verhältnis der Aktant*innen, Medien, Materialien und Künste bestimmen können: sei es die für jede Produktion spezifische Verflechtung von materiell-sinnlichen und sinnhaften Aspekten, sei es die jeweilige Verkettung menschlicher wie auch nichtmenschlicher Aktant*innen oder sei es die jeweilige Verortung im »Theater als Dispositiv«, das die ihm eigenen Hervorbringungen vor und hinter der Bühne generiert und konturiert.21
Mit vielleicht guten Gründen tun sich also Theater- und Literaturwissenschaften mit diesen Texten oft schwer – auch jenseits der oberflächlichen Berührungsängste:22 Die Literaturwissenschaften haben zu diesen Texten oft wenig Zugang. Meist tauchen sie aufgrund ihrer so dezidiert zur Schau gestellten Nichtliterarizität gar nicht erst im Aufmerksamkeitsbereich auf; manchmal, weil sie nicht als geschriebener Text vorliegen oder weil sie sich gar nicht in einem solchen dokumentieren lassen. Umgekehrt genießt in den Theaterwissenschaften ein Fokus auf den Sprechtext wegen der wirkmächtigen Wiederaufnahme der aristotelischen Setzung im europäischen Theater der Frühen Neuzeit keinen guten Ruf. Zu sehr steht der Verdacht im Raum, man wolle die Plurimedialität der szenischen Künste von Sprache und Text her betrachten statt aus ihrer Vernetzung und Eigenlogik (wie zuletzt noch hinterrücks in den semiotischen Ansätzen der Achtziger geschehen, die die Metapher vom Text auf die anderen Medien ausweiteten). Jedoch sind es auch sprachliche Texte ebenso wie Szenographie, Licht, Sound, Körper, Bewegung und mehr Elemente, deren Spezifik es genauer zu betrachten gilt – insbesondere, wenn die alte Konventionen verschiebenden Formen so gehäuft auftreten wie ungefähr seit Beginn des 21. Jahrhunderts.
Demgegenüber ist es das Vorhaben der an diesem Band beteiligten Autor*innen aus Kunst, Dramaturgie und Akademie, sich mit dem Begriff TogetherText den im Gegenwartstheater auftauchenden vielfältigen sprachlichen Phänomenen, die in Entwicklungsprozessen entstehen, anzunähern, verschiedene künstlerische Positionen zu markieren, entsprechende Verfahren zu identifizieren und zu analysieren – sowie im Falle der akademischen Beiträge zu beginnen, das eigene wissenschaftliche Instrumentarium für diese Analyse zu reflektieren.
Die gegen die Vorherrschaft eines am Drama orientierten Theaterverständnisses gerichtete Theoriebildung der Jahrtausendwende ist für die Verortung dessen, was mit diesen Texten auf der Bühne jeweils passiert, durchaus hilfreich: Hans-Thies Lehmann betont am Sprechtext in jedwedem Theaterzusammenhang seinen Status als »Material«23, das im Austausch oder im Konflikt mit den anderen Materialien, Medien und Zeichen Verwendung findet. Teils sieht er den Sprechtext als Fremdkörper und »Störung«24 ins Feld geführt, der quer zu den anderen Materialien, Medien und Zeichen steht, teils als »Ausstellungsobjekt«25, das die innersprachliche Dynamik exponiert, oder als »Ereignis«26 des Sprechens als solches, in dem die Sprache sich vom Subjekt ablöse. Dieses sind immer noch die ästhetischen Verfahren, derer die neuen Texte sich oft bedienen. Manchmal explizit ausgeklammert findet sich so jedoch die semantische Dimension der Sprache, um die Eigendynamik ihrer ästhetischen Dimension, wie z. B. der Stimmlichkeit, zu betonen.27
Hingegen finden sich in Ansätzen aus der relationalen Ästhetik, die eher aus einer performativen Erweiterung der bildenden Kunst stammen, Texte und Sprechakte nicht eigenständig thematisiert. Hier gehört das Miteinandersprechen zur sozialen Interaktion, um die es diesen Ästhetiken zu tun ist und unter denen Sprachlichkeit und Textualität subsumiert werden. Dabei läuft eine Bezugnahme auf den semantischen Gehalt implizit mit: die informative und soziale Dimension von Sprache. Und tatsächlich scheint in der forcierten Mündlichkeit und Alltagssprachlichkeit vieler in Gruppen mit Laien entwickelten Texte die Sprache alles andere als vor allem Material oder ein ästhetisierter Fremdkörper zu sein. Begriffe, die entwickelt worden sind, um die ästhetische Dimension von nicht mehr in der Gattungstradition des Dramas aufgehenden Texten und Sprechakten zu beschreiben, müssen hier entsprechend verschoben werden: Die »Texttheatralität«28 von nichtdramatischen Theatertexten bezöge sich dann nicht mehr auf deren performative Eigendynamik und szenisches Potential, sondern auch auf die Art, wie diese Texte umgekehrt in einen szenischen Kontext eingelassen sind. Auf dem »Schauplatz der Sprache«29 im Theater mag auch ein konventioneller dramatischer Text in vielfältigen ästhetisierten Formen erscheinen können. Gleichzeitig betritt die Sprache auch einen Schauplatz, auf dem verschiedene Formen gezeigt werden, in denen sie jenseits von Ästhetisierung Verwendung findet und mit den anderen Materialien, Medien und Zeichen des Theaters in Interaktion tritt. Von sprechenden Laien zu sprechenden Performer*innen ohne spezifische Schauspielausbildung zu professionellen Schauspieler*innen, die ihre Stimme vielfältigen Ästhetiken und Inhalten zur Verfügung stellen, gilt es die zahlreichen Einsatzpunkte von Text im Gegenwartstheater ebenso zu markieren wie die zahlreichen Texte, die dabei zu hören sind – meist ohne (nach)gelesen werden zu können.
Dass diese Texte nur selten publiziert werden oder überhaupt publizierbar sind, hat nicht notwendig etwas mit ihrer spezifischen Mündlichkeit zu tun. Häufig genug sind diese Texte intern schriftlich niedergelegt, manchmal mit großer und technisch reproduzierbarer und manchmal mit weniger großer, zu Variationen bei der Aufführung einladender Genauigkeit. Die mündliche Improvisation von Text gehört oft zur spezifischen Programmatik, wie es auf so gänzlich unterschiedliche Weisen in diesem Band von Monika Gintersdorfer für Gintersdorfer/Klaßen und La Fleur und von Sibylle Meier für SIGNA beschrieben wird. Eine solche Mündlichkeit grenzt sich manchmal sehr explizit von Verschriftlichung ab; die Aushandlung des jeweiligen Verhältnisses prägt aber zahlreiche TogetherTexte: Die Distanzierung, die einem Verschriftlichen innewohnt (ob dies nun in einem gemeinsamen Probenraum geschieht oder außerhalb von jenem), fällt in diesen mal größer, mal kleiner aus. Die Mündlichkeit zumindest des europäischen Theaters insgesamt ist historisch eng mit der Schriftlichkeit verbunden.30 Wenn in den prozessual entstandenen Texten im Gegenwartstheater oft die Dimension der Mündlichkeit betont (und nicht selten mit dem Einsatz technischer Medien kombiniert) wird, dann ist diese immer im Austausch mit einer Schriftkultur und deren aktuellen Formen zu denken (die sie in ihrer Transformation durch die sozialen Medien angenommen hat). Der Beitrag von Nikolaus Müller-Schöll in diesem Band schlägt vor, Theaterproduktionen von ihrem jeweiligen Skript her zu denken. Sprechtexte in jedweder Form wären dann innerhalb dieses Skripts in ihrem Verhältnis zum Einsatz der anderen Materialien, Medien und Zeichen zu verorten. Für die TogetherTexte, um die es hier im Genaueren zu tun ist, heißt dies: Bereits im Wechselverhältnis mit den anderen szenischen Elementen, aber auch zwischen den verschiedenen Instanzen, aus deren Wechselverhältnis der Text prozessual entsteht, ist deren Verortung zu suchen. Dies betrifft sowohl die jeweilige Entwicklung wie auch den jeweiligen szenischen Zusammenhang bei einer Aufführung und oft genug auch das Zusammenfallen beider Dimensionen.
III. Zum Status von Autor*innenschaft
Dass seit mindestens 20 Jahren in den szenischen Künsten Produktionen exponentiell zugenommen haben, in denen die Texterzeugung nicht vor Beginn der Produktion, sondern entweder erst während des Probenprozesses (mit der Premiere) oder sogar durch die Öffnung zum Publikum hin erst im Aufführungsereignis selbst abgeschlossen wird, hängt mit verschiedenen Merkmalen aktueller künstlerischer Praxis zusammen, die keinesfalls über einen Kamm zu scheren sind: z. B. mit der (nicht mehr nur literaturtheoretischen, sondern auch praktischen) Neujustierung des Verständnisses von Autor*innenschaft, dem Bedürfnis, traditionelle Hierarchien in der Theaterarbeit aufzulösen, einem fluideren Sprachverständnis und einem erweiterten Begriff des Sozialen. Auf diese heterogenen Entwicklungen, die jeweils in größeren kulturellen Kontexten stehen, werden die folgenden Beiträge immer wieder Bezug nehmen, aber keine übergreifenden Erklärungsmuster anbieten. Vielmehr geht es um vielfältig perspektivierte Annäherungen anhand der jeweiligen Befunde. Gesagt sei aber doch, dass es sich bei der Offenheit des ästhetischen Prozesses im Gegenwartstheater (der formal an die künstlerischen Avantgarden und Neoavantgarden des 20. Jahrhunderts anschließt) auch um die Folge einer Öffnung des Blicks für heterogene gesellschaftliche Blickwinkel und Wirklichkeiten handelt. Mit dem Ende der Nachkriegszeit ab den Neunzigern, den von Globalisierung und Digitalisierungen entfachten Dynamiken wie z. B. der Verstärkung von Migrationsbewegungen und ihrer Wahrnehmung werden die in den szenischen Künsten vertretenen Perspektiven deutlich vielfältiger, intra- und transkultureller, transnationaler und polysexueller. An einem langjährigen Projekt wie dem der transnationalen Hamburger Gruppe Hajusom wird deutlich, wie wenig soziale Intervention und künstlerischer Anspruch einander ausschließen müssen.31 Ein Begriff wie »postmigrantisches Theater« weist darauf hin, dass die scheinbar neuen Perspektiven oftmals Zustände reflektieren, die in der Welt außerhalb der Theater schon lange gang und gäbe sind – nur noch nicht notwendig bei den szenischen Künsten und den von ihnen angesprochenen Gesellschaftssegmenten angekommen.32 Die Beiträge von Julia Prager und Katrin Trüstedt in diesem Band beleuchten die TogetherText-Dimension einiger der prominenten Arbeiten, die am Maxim Gorki Theater entstanden sind, das sich dieser Öffnung für den Normalzustand des Postmigrantischen und anderer oft immer noch marginalisierter Positionen so nachdrücklich verschrieben hat.
Kaum möglich scheint es, einheitliche Perspektiven auf eine sich nicht nur durch das Internet schnell verändernde Welt einzufordern. Die Zukunft bleibt – bestenfalls – offen. Die szenischen Künste öffnen sich und ihre Formen entsprechend, zumindest teilweise. Die TogetherTexte, um die es in diesem Band geht, stehen im Zeichen dieser Transformation. Der Beitrag von Stefan Tigges verweist auf die internationale Vorgeschichte gegenwärtiger Textentwicklungen seit den Sechzigern sowie ihre Weiterführung in der deutschsprachigen Freien Szene und auch im Stadttheater. Der Beitrag von Daniel Ladnar und Esther Pilkington rekonstruiert aus der Performance Art und ihren historischen Kontexten eine kleine Geschichte der Instruktionskunst, in der sprachliche Anweisungen szenisches Handeln des zum Kollaborateur gemachten Publikums generieren. Seit den Achtzigern touren im Zuge der Internationalisierung der Freien Szene und der Etablierung von Festivalstrukturen verstärkt Gruppen, die für die heutige künstlerische Praxis zu Bezugspunkten und Vorbildern geworden sind (wie The Wooster Group und Forced Entertainment).33 In der Gegenwart sind unterschiedliche Methoden eines Devised Theatre oder einer Collective Creation für die gemeinsame Erzeugung eines Skripts inklusive der Textentwicklung im Probenprozess auch an vielen jener Theaterakademien zu lernen, die in erster Linie für die traditionelle Stadttheaterstruktur ausbilden, welcher ein Festhalten an etablierten Mustern nachgesagt wird.34
Die Entwicklung (oder Reaktivierung) anderer Formen findet sich allerdings auch davon bedroht, neue gesellschaftliche Zwänge, die die szenischen Künste doch meist kritisch reflektieren wollen, zu reproduzieren: Die neoliberalen Zwänge zur Deregulierung und Flexibilisierung, die sich in den offenen Projektarbeitsformen manifestieren, gehen neben den größeren künstlerischen Freiheiten auch mit den entsprechenden prekären monetären Vergütungen sowie der zwischen den Projekten anfallenden und in nicht zu realisierende Projekte fließenden unbezahlten Arbeit einher.35
Für die gemeinsam produzierten Texte stehen nicht nur die Formen des gemeinsamen Arbeitens zur Disposition. Es stellt sich in Kontexten, in denen Eigentum und Urheberrecht gesetzlich verankert sind, auch die Frage, wem die aus dem Allgemeingut Sprache hervorgebrachten Texte gehören und ob sie überhaupt jemandem gehören können. Dass prozessual generierte TogetherTexte stets an traditionelleren Theatertextformen gemessen und in traditionelleren Strukturen verortet werden, ist, wie der Beitrag Christine Zintls und die von Anne Rietschel geführten Interviews am Anfang dieses Bandes zeigen, nicht etwa Ratlosigkeit geschuldet. Vielmehr sind Institutionen und Formate (wie z. B. die trotz aller literaturtheoretischer Debatten immer noch an individuelle Autor*innenschaft gebundene Buchpublikation) beharrlich; andere Formen entstehen daher oft in Opposition zu ihnen: in internen Freiräumen oder in ihrer langwierigen Transformation. Das strikt arbeitsteilige Produktionsmodell der staatlich finanzierten Bühnen im deutschsprachigen Raum, das die Positionen im Arbeitsprozess mit jeweils dafür qualifizierten Spezialist*innen besetzt, gemahnt viele Theaterschaffende zu sehr an industrielle Produktionsformen des 20. oder gar 19. Jahrhunderts und reproduziert zu viele alte Hierarchien und stereotype Selbstkonzepte, als dass aus ihnen aktuelle Perspektiven auf Kunst und Gesellschaft hervorgehen könnten: Ein*e Spezialist*in für Sprache (Autor*in) verfasst demnach einen dramatischen Text, der (überzeitliche) Wahrheiten über Mensch, Welt und Kosmos ausdrückt, die von einer szenischen Spezialist*in (Regisseur*in) mithilfe von Spezialist*innen der Texte (Dramaturg*innen) und der Darstellung (Performer*innen, Schauspieler*innen) auf eine Bühne gebracht wird, die ihrerseits von bildenden Künstler*innen nach Maßgabe der Regisseur*in eingerichtet wird. Das beschreibt zwar nach wie vor die übliche Praxis in vielen deutschsprachigen Stadttheatern, stößt aber in vielen Fällen gleich an mehrere künstlerische Grenzen. Die besonders empfindsame Subjektivität einer Autor*in, die sich genialisch oder unter Entbehrungen ins »Reich des Wahren« durchschlägt, die überlegen expressive Persönlichkeit einer Regisseur*in, die zeitgemäße Formen für diese Wahrheiten findet und die körperlich-stimmlich-mimetische Kraft einer Schauspieler*in, die dem tonlos geschriebenen Text emotionale Nuancen und Ekstasen entlockt und sie so einem atemlos rezipierenden Publikum vorführt – diese Auffassungen werden zunehmend nicht nur von Theaterschaffenden als bürgerliche Mythen und traditionelle Verbrämungen von alten Hierarchien und Besitzstandswahrungen abgetan: Kai von Eikels geht in seinem Beitrag auf die mit kooperativen Textentstehungsprozessen einhergehende Entthronung der Autor*innen ein. Gruppen und sich selbst als solche bezeichnende Kollektive gründen sich oft abseits der Institution Stadttheater und suchen nach anderen Formen der Verantwortung für ein künstlerisches Projekt – so auch der Texterzeugung.36
Im 21. Jahrhundert ist gemeinsame Texterzeugung ein gängiges Modell, das in der journalistischen Berichterstattung ebenso selbstverständlich ist wie in den Writers’ Rooms von Fernsehserien. Oft scheint hier eine Problematisierung geteilter Autor*innenschaft, wie sie für Kunst, Literatur und Theater immer noch gängig ist, nicht weiter dringlich. Hinsichtlich einer gemeinsamen Texterzeugung im Theater des 21. Jahrhunderts könnte man drei verschiedene Kategorien herausarbeiten, an denen sich der Aufbau des vorliegenden Bandes orientiert: In der ersten arbeiten z. B. Künstler*innen wie Falk Richter, René Pollesch, Milo Rau oder Yael Ronen. Sie alle beteiligen das Produktionsteam während des Probenprozesses ausführlich an der Erstellung des Textes. Mit der Premiere steht der Bühnentext weitgehend fest. In Einzelfällen wird auch nach der Premiere noch etwas verändert, aber am Ende gibt es eine Textfassung, auf der dann die Namen »Falk Richter«, »René Pollesch«, »Milo Rau« oder »Yael Ronen & Ensemble« als Urheber*innen genannt werden. Das Publikum trägt hier nicht aktiv zum aufgeführten Text bei.
In der zweiten Kategorie werden die Texte entweder durch ein Kollektiv oder durch eine Regisseur*in gemeinsam mit Laien oder thematisch Beteiligten in einem Probenprozess erzeugt, ohne dass hier eine individuelle Autor*innenschaft noch plausibel sein könnte, sodass die Positionen von Autor*in und Regisseur*in nicht im Einzelnen und in der genauen Gewichtung nachzuverfolgen sind. Hier wären z. B. Künstler*innen wie She She Pop, Gob Squad, Gernot Grünewald, Gintersdorfer/Klaßen, geheimagentur oder Monster Truck zu nennen. Auch hier trägt das Publikum in der Regel nicht zum gesprochenen Text bei.37 Eine Publikation ist teils möglich und wird sogar vorangetrieben, teils ist sie nicht von Interesse und ein niedergeschriebener Text im engeren Sinne liegt nicht notwendig vor.
Zur dritten Kategorie zählen z. B. Künstler*innen wie Christoph Schlingensief, die Gruppe Interrobang oder das Kollektiv SIGNA, die konzeptionell dafür sorgen, dass das Publikum den Text aktiv und maßgeblich miterzeugt. Hier endet die Texterzeugung nicht am Tag der Premiere, sondern erst mit dem Ende der letzten Show (SIGNA), dem letzten Partizipationsspiel (Interrobang) oder am Wahlabend (Schlingensiefs Projekt Chance 2000). Diese Namenslisten sind natürlich unvollständig, ließen sich selbstverständlich erweitern und können zudem in internationalen Kontexten verortet werden. Die Beiträge in diesem Band decken das gesamte Spektrum ab: Sie reichen von der sich als letzte Autorität in der Textentwicklung verstehenden, emphatischen Autorschaft Milo Raus, wie der Beitrag Martin Jörg Schäfers sie beschreibt, zu den das Problem der Autorität betonenden Fiktionen SIGNAs, in denen das Publikum in den eingespeisten Text verwickelt wird und dieser sich so zum jedes Mal anders erzeugten TogetherText auswächst. Dies rekonstruieren in ihrem Beitrag Anna Häusler und Tanja Prokić.
Die Prozessualität der Texterzeugung und (gegebenenfalls) die Mitwirkung von Laien oder des Publikums am gesprochenen Text tragen dazu bei, dass weitere Grundfeste eines sich als traditionell verstehenden Theaters infrage stehen: Sobald die Texte in einem gemeinschaftlichen Prozess erzeugt werden, stellt sich die Frage nach ihrer Autor*innenschaft. Das schließt ein: rechtliche (Urheber-, Persönlichkeits- oder Tarifrecht) und wirtschaftliche Aspekte (Honorar für den Theatertext, Erlös für den Abdruck, eventuell Tantiemen durch Nachspielen) ebenso ein wie institutionelle (Verantwortlichkeiten, Positionen, Disposition der Proben und Aufführungen, Gagen). Aber auch neue Einordnungen dessen, woher die Texte auf der Bühne kommen, werden nötig: Monika Gintersdorfer spricht in ihrem Beitrag von Live-Übersetzungen durch einen anderen Performer*innentypus (im Gegensatz zu Darsteller*innen) als texterzeugendem Prozess. Für Antje Pfundtner in Gesellschaft sind die Texte choreografiert und kompositorische Elemente ihrer Inszenierungen, während für Anja Kerschkewicz und Eva Kessler von Frauen und Fiktion die Performerinnen als Botinnen jener fremden Texte auftreten, die vorab im Kollektiv recherchiert wurden. Insofern Publikum mitwirkt, ist die Frage nach dem der Aufführung zugrunde liegenden Text nicht mehr eindeutig zu beantworten, mehr noch: Sie verliert oft ihren Sinn. Denn so wichtig der gesprochene Text als verbale Interaktion in SIGNAs Projekten oder etwa in Christoph Schlingensiefs Wahlkampfzirkus Chance 2000 ist, so wenig enthält er den Bedeutungszusammenhang des Ganzen.
Wenn der in einer Aufführung gesprochene Text wie im vorliegenden Band maßgeblich als ein TogetherText verstanden wird, also als prozessual und kooperativ beziehungsweise prozessual und agonal erzeugter Text, dessen Autor*innenschaft fraglich wird, liegt es nahe, auch die grundlegenden Begriffe von Sprache und Text auf den Prüfstand zu stellen.38 Dies geschieht etwa im Beitrag von Miriam Dreysse, die vom Angelpunkt der Autor*innenschaft an Julia Kristevas Intertextualitätstheorie anschließt, sowie im Beitrag von Karin Nissen-Rizvani, die von Michel Foucaults Theorie der Diskursivität und Ereignishaftigkeit von Sprache ausgeht.
Die potentielle Dokumentation eines ästhetischen Prozesses der Texterzeugung gestaltet sich umso komplexer je länger er andauert, je mehr Menschen an ihm beteiligt sind und je unklarer die Frage nach der Autor*innenschaft beantwortet werden kann. Wenn – wie bei den genannten Pollesch, Richter, Rau oder Ronen – der Prozess der Texterzeugung mit der Premiere im Wesentlichen abgeschlossen ist, kann eine Textfassung erstellt, veröffentlicht und mit den bekannten Methoden untersucht werden. Der Prozess hat am Ende ein identifizierbares Produkt hervorgebracht. Im Falle von Theaterkollektiven, die ein Projekt gemeinsam verantworten, insbesondere dann, wenn sie mit Laien beziehungsweise Expert*innen arbeiten wie Gernot Grünewald, Rimini Protokoll oder geheimagentur, wäre eine einheitliche Textfassung aus Sicht der Autor*innen teilweise nicht wichtig, weil es im ästhetischen Projekt vordergründig um die Herstellung sozialer Situationen geht. Sie wäre aber in jedem Fall urheberrechtlich umstritten. Wem »gehört« der Text der Laien oder Expert*innen? Sind sie am künstlerischen Projekt in derselben Weise beteiligt wie die Künstler*innen oder Kollektive? Sind sie Autor*innen oder liefern sie eher Material für das Theaterereignis? Müsste eine solche Textfassung mit abendlichen Varianten leben, wenn abweichende oder neue Geschichten erzählt werden? Vollends unmöglich wird die Dokumentation des Textes im Falle von SIGNAs Shows. Selbst wenn es gelänge, alle Sätze, die an allen verschiedenen Orten von allen Darsteller*innen und vom Publikum gesagt würden, zu notieren und zu sortieren, erhielte man keine Textfassung der Show, sondern nur eine Momentaufnahme eines Abends. Vergleichbar unmöglich verhielte es sich mit Christoph Schlingensiefs Wahlkampfprojekt Chance 2000. In beiden Fällen würde die prinzipielle Offenheit des erzeugten Textes dem Dokumentationsvorhaben entgegenstehen. Existierende filmische Dokumentationen von Christoph Schlingensiefs Chance 2000 zeigen, dass eher die Atmosphären, die Aktionen und die Erinnerungen an die Akteure dokumentiert wurden als das Theaterereignis und der Text als solches.39 1998 wurde ein Buch mit dem Titel Chance 2000: Wähle Dich selbst bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht, bei dem Christoph Schlingensief und Carl Hegemann als Autoren agierten. In dem Band sind alphabetisch, lose sortiert Wahlkampftexte, Lieder, Definitionen gesammelt, die sprachliche Bruchstücke und dramaturgische Versatzstücke abbilden, jedoch (natürlich) kein Skript der acht Monate andauernden Produktion – und keine Archivierung der gesprochenen und ansonsten erstellten Texte in ihrem Wechselspiel mit den anderen szenischen und performativen Elementen.40
IV. TogetherTexte innerhalb und außerhalb des Probenraums
Für eine langfristige Beschäftigung mit den hier als TogetherText bezeichneten prozessualen Phänomenen ergeben sich vom analytischen Standpunkt aus vor allem drei Perspektiven: die Zugänglichkeit der betreffenden Texte und der Status dieser Quellen im Verhältnis zu den Prozessen, denen sie entstammen (Dokumentation), das Problem von Autor*innenschaft und Verantwortlichkeit in Teamstrukturen sowie deren Rekonstruktion (Autorisation), außerdem die Frage der Lesbarkeit und Deutung der dabei entstehenden Texte und des Zusammenhangs mit ihren szenischen Kontexten (Lektüre und Textanalyse). Alle diese Linien sind mit zahlreichen Unbekannten verbunden: z. B. mit einer oft konstitutiven Unzugänglichkeit der Texte, mit den performativen Verfahren und Artistic Research eigenen Formen,41 die sich mit guten Gründen gegen Explikation sträuben, mit der Nachträglichkeit der Zuschreibungen bezüglich der Arbeitsprozesse. Entsprechend setzen die in diesem Band versammelten Beiträge auf ganz unterschiedlichen Ebenen an: bei institutionellen und historischen Verortungen, bei künstlerischen Programmatiken, bei Texterzeugungsprozessen in Proben und mit Publikum, bei auf einer Bühne gesprochenen TogetherTexten, die von außen nichts von einer traditionelleren Theatertextvorlage zu unterscheiden scheint. Aus der Breite der Ansätze und Beispiele ergibt sich ein Blick auf den verschobenen Status von Text in den szenischen Künsten der Gegenwart.
Für nachhaltige akademische Herangehensweisen bieten sich zahlreiche Anschlusspunkte und Annäherungsmöglichkeiten über die sich seit den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts intensivierende Forschung zu Probenprozessen in den szenischen Künsten.42 Von deren Rekonstruktion oder gar der Einbettung in den Entwicklungsprozess als beteiligte Beobachter*in sind Einsichten auch in die Prozessualität der Textentwicklung zu erwarten. (Die Einblicke in die Notiz- und Skizzenbücher, die viele Künstler*innen während der Corona-Krise über ZOOM gewährten, scheinen hier für die nächste Zeit ein fruchtbares Quellenmaterial zu bieten.)43 Zu achten wäre hier darauf, den Prozess zumindest dort nicht zu privilegieren,44 wo das vorherrschende Dispositiv der szenischen Künste auf absehbare Zeit doch an einem Ergebnis orientiert ist – mag man es Aufführung, Performance oder Show nennen. In diesen sind Texte zu hören, manchmal zu sehen, manchmal werden sie währenddessen prozessual entwickelt. Wie diese Texte in sich und in ihrem szenischen Zusammenhang funktionieren ist mindestens ebenso wichtig wie der Prozess ihrer Entwicklung.
Zu fragen wäre immer nach dem Zusammenhang der beiden Ebenen, wie es zahlreiche Beiträge dieses Bandes tun. Handelt jede Stück- und Textentwicklung in der Erarbeitung und Probe doch auch das dramaturgische Prinzip aus, das der Aufführung, der Performance oder der Show letztlich ihre Struktur gibt.45 Für Rimini Protokoll etwa heißt das, um auf das einleitende Beispiel zurückzukommen: »Erst, wenn der Rechercheprozess beendet ist, wird klar, wonach gesucht worden ist«46. Auf ähnliche Weise muss für jede Produktion nach dem Status von Text und den besonderen künstlerischen Verfahren seiner Hervorbringung gesucht werden, im Probenprozess oder im Resultat oder in deren Wechselverhältnis. »Es kommt darauf an, wie die Texte entstehen«47, sagt René Pollesch 2005 zum damaligen Volksbühnen-Chefdramaturgen Carl Hegemann und ist sich sicher, dass diese Art der Entstehung sich in der Beschaffenheit des Texts niederschlagen wird. Produktionen aus den ersten 20 Jahren des 21. Jahrhunderts, insbesondere aus der Gießener und Hildesheimer Schule sind hier besonders dankbare Analyseobjekte, weil sie die Aufführung oft als eine Art Dokumentation der Probenarbeit begreifen und diese ebenso reflektieren wie oft sprachlich auf den Bauplan der vorgeführten performativen Anordnung verweisen. She She Pop nennen diese den Abend sprachlich erklärenden Passagen plastisch-plakativ »Erklärbären«48: Diese nehmen das Publikum mit in die immer auch sprachlichen Versuchsanordnungen, die eine She She Pop-Performance ausmachen.
In den Probenprozessen werden nicht zuletzt die Arten und Weisen verhandelt, mit denen eine Produktion sich zur Realität und zum Realen außerhalb der Proben einerseits in Verbindung setzt und andererseits von ihm abgrenzt. Prozessual erzeugte TogetherTexte in den szenischen Künsten entstehen nicht im luftleeren (Proben-)Raum, sondern in Anlehnung an und Differenz zu den vielfältigen Verfahren und Vorgängen der Texterzeugung außerhalb des Theaters und seiner Institutionen. An Sprache als einem sozial hergestellten und reproduzierten Material arbeiten sie sich ab, an den an diesem Sprechen hängenden Utopien ebenso wie an den Dystopien. Erneute Prominenz hat im 21. Jahrhundert das (romantisierende) Bild erlangt, mit dem Hannah Arendt in ihrer politischen Theorie Mitte des 20. Jahrhunderts gegen alle gerade vergangenen Katastrophen der modernen Gesellschaft und im Angesicht der aufziehenden Verwerfungen des Konsumkapitalismus ein demokratisches Gemeinwesen als szenischen TogetherText imaginiert: als eine Szene unserer sich ständig erneuernden Auftritte in sprachlichen Exponierungen vor den anderen. Über unsere Sprache enthüllen wir uns voreinander und verweben unsere Geschichten miteinander; das gemeinsame ›Herumtexten‹ wird so zur Verwirklichung einer nur in der Vielfalt des aneinander gerichteten Sprechens erreichbaren Autonomie.49 Demgegenüber sieht Paolo Virno Arendts Utopie in einer kapitalistisch durchgestalteten globalen Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts in ein Schreckensszenario verkehrt: Unsere ständige Selbstpräsentation vor anderen in einem Dauerkommunikationsmodus, der nach ständig neuen Anschlüssen und Verbindungen sucht, erzeugt in erster Linie unseren Marktwert: ein ebenfalls szenischer TogetherText des gemeinsamen ›Herumtextens‹ als eines ökonomischen Zwangs, der jeglicher politischen Handlungsfreiheit verlustig gegangen ist.50 Die dunkle Seite dieses Zwangs zeigt sich im 21. Jahrhundert nicht zuletzt in der Zunahme der vielstimmigen, aber kaum je mehrstimmigen Sprachen des Ressentiments, der Phobien und der klar bestimmbare Grenzziehungen imaginierenden Phantasmen: in der Zunahme von sprachlichen Äußerungen, welche die bestehende Vielstimmigkeit mit ihren Brüchen, die Ausgesetztheit an die anderen und prozessuale Dimension, in der wir diese Ausgesetztheit verhandeln, schlicht verleugnet oder verwirft. Die prozessual erzeugten Texte der szenischen Künste der Gegenwart, um die es dem vorliegenden Band zu tun ist, sind nicht zuletzt Gegenentwürfe zu solchen Verleugnungen und Verwerfungen – auch und gerade dort, wo sie sie überspitzen und manchmal ad absurdum führen.
V. Dank
Dieser Band geht auf eine Tagung zurück, die als Kooperation der Professur für Neuere deutsche Literatur mit Schwerpunkt Theaterforschung an der Universität Hamburg, der Hamburger Theaterakademie und dem Internationalen Zentrum für schönere Künste Kampnagel im Januar 2019 auf dem Gelände der Hamburger Kampnagel-Fabrik stattfand. Künstlerische Inputs und Lecture Performances gab es von Antje Pfundtner in Gesellschaft, Monika Gintersdorfer und Franck Edmond Yao, Signa und Arthur Koestler sowie einem Seminar des Hamburger Masterstudiengangs Performance Studies unter Leitung von Noah Holtwiesche.
Herzlich danken wir neben allen Beiträger*innen und Beteiligten Kampnagel (hier vor allem Alina Buchberger, Amelie Deuflhard, André Huppertz-Teja, Nadine Jessen und Uta Lambert), Ergün Yagbasan und dem Peacetanbul sowie Ewelina Benbenek, Franziska Fleischhauer, Noah Holtwiesche, Marvin Müller und Sophia Koutrakos für die Organisation der Tagung. Achim Rizvani danken wir für die Idee für Flyer und Buchcover und für inhaltliche Beratung. Mirjam Groll, Sophia Hussain und Sophia Koutrakos haben die Drucklegung dieses Bandes unterstützt.
Mit allen Genannten und hoffentlich noch vielen mehr soll es weitergehen mit der Forschung zu Texten und Sprechakten in Theater, Performance und weiteren szenischen Künsten der Gegenwart: zu recherchebasierten Texten, assoziativ entstandenen Texten, im szenischen Raum improvisierten Texten. Es soll weiter um TogetherTexte gehen: um in gemeinsamen Probenprozessen im physischen oder digitalen Raum erzeugte Texte oder in fiktiv sozialen Räumen unter Beteiligung des Publikums entstandene, in Stückentwicklungen und beziehungsweise oder in anderen Verfahren hervorgebrachte Texte, die die szenischen Künste auf die brüchige und uneinheitliche Vielstimmigkeit und Vielsprachigkeit der Welt außerhalb ihrer Schutzräume öffnen, ohne dabei diesen Schutz für das künstlerische Experiment, auch das Experiment mit der Sprache, aufzugeben.
1Gemeint sind mit der Öffnung zu nichtprofessionellen Beteiligten solche, die jedenfalls in Bezug aufs Theater Laien sind, aber oftmals Expert*innen (wie etwa bei Rimini Protokoll) einer anderen Profession (etwa Soziologie oder Klimawissenschaft). Sie sollen hier nicht generell amateurisiert werden.
2Wir beziehen uns hier auf die bekannte Metapher von Roland Barthes vom Text als »Gewebe«: »Text heißt Gewebe, aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat […] betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein beständiges Flechten entsteht.« Weniger geht es uns jedoch darum, inwieweit solch ein Text »sich selbst bearbeitet« und die Instanzen seiner Hervorbringung im Gewebe der verwendeten Zitate dabei »[auf]löst« (Barthes, Roland: Die Lust am Text, übersetzt aus dem Franz. von Traugott König, Frankfurt a. M. 1974, S. 94). Vielmehr sind die unterschiedlichen Sprechorte, Sprechinstanzen und Verfahren von Interesse, die diese Texte zusammenbringen, sowie die Spuren, die dies in etwaigen Resultaten hinterlässt.
3Gemeint ist damit zum einen eine »Kollektivität, die ihre Freiheit in einer Sprache oder einem Set von Sprachen ausübt, für die Differenz und Übersetzung irreduzibel sind« (Butler, Judith/Spivak, Gayatri Chakravorty: Sprache, Politik, Zugehörigkeit, übersetzt aus dem Englischen von Michael Heitz und Sabine Schulz, Zürich/Berlin 2007, S. 43). Ebenso gut kann es aber zum anderen um die Verfugung und Ausstellung agonaler Momente gehen. Vgl. Mouffe, Chantal: Agonistik. Die Welt politisch denken, übersetzt aus dem Englischen von Richard Barth, Bonn 2015.
4Vgl. z. B. Lehmann, Hans-Thies: Postdramatisches Theater, Frankfurt a. M. 1999, S. 268f., S. 444f.; vgl. Wortelkamp, Isa: Sehen mit dem Stift in der Hand. Die Aufführung im Schriftzug der Aufzeichnung, Freiburg i. Br./Berlin 2006.
5Vgl. für eine solche Annäherung an ein konstitutives Miteinander, das sich auch, aber nicht privilegiert in Sprache manifestiert, Nancy, Jean-Luc: Die undarstellbare Gemeinschaft, übersetzt aus dem Französischen von Gisela Febel und Jutta Legueil. Stuttgart 1988, S. 151 – 169.
6Vgl. https://www.rimini-protokoll.de/website/de/project/karl-marx-das-kapital-erster-band. Ebenfalls auf der Webseite von Rimini Protokoll wird die Reaktion der FAZ auf die Preisverleihung unter dem Titel »Mülheimer Malaise. Dramatikerpreis für ein Nicht-Drama« wiedergegeben: »An die Biographien der Darsteller gebunden, hat die ganz amüsante Performance, eine Koproduktion von Hebbel am Ufer, Düsseldorfer Schauspielhaus, Schauspiel Frankfurt und Schauspielhaus Zürich, keinen Text zur Grundlage, der nachgespielt werden kann. So schwächen die Mülheimer Theatertage, bis vorgestern das wichtigste Forum für neue deutsche Stücke […] ihren Anspruch. Eine Selbstdemontage.« https://www.rimini-protokoll.de/website/de/text/muelheimer-malaise [beide abgerufen am 24. August 2020].
7Vgl. »Rimini Protokoll: Karl Marx: Das Kapital, erster Band«, in: https://www.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/programm/2008/gesamtprogramm-2008/termine.html [abgerufen am 24. August 2020].
8Fülle, Henning: Freies Theater. Die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft (1960 – 2010), Berlin 2016, S. 263.
9Da der Begriff ›performativ‹ sich inzwischen für jegliche künstlerische Verfahren durchgesetzt hat, die nicht direkt an einer Abbildästhetik orientiert sind, sei er hier im Folgenden auch in einem sehr weiten Sinne verwandt.
10Vgl. Dreysse, Miriam/Malzacher, Florian (Hrsg.): Experten des Alltags. Das Theater von Rimini Protokoll, Berlin 2007.
11Vgl. z. B. Schipper, Imanuel (Hrsg.): Rimini Protokoll: Staat 1 – 4. Phänomene der Postdemokratie, Berlin 2018. Eine größere Sammlung von Texten (allesamt aus dem Kontext der frühen Gießener Schule: andcompany&Co., Gob Squad, Rimini Protokoll, She She Pop, Showcase Beat Le Mot) liegt in Übersetzung interessanterweise auf Englisch vor, inklusive Das Kapital: Vgl. Cornish, Matt (Hrsg.): Everything and Other Performance Texts from Germany, London u. a. 2019.
12Häufig geschieht dies in Abgrenzung zur dramatischen Tradition wie z. B. in Simon Straußens Plädoyer für eine größere Aufmerksamkeit für deren Reichtum: »Die Schwäche der derzeitigen Dramaturgie an deutschen Theatern […] zeigt sich durch nichts so deutlich wie durch das nahezu vollständige Ausbleiben literarischer Entdeckungen.« Stattdessen werden – Rimini Protokolls Marx-Bearbeitung scheint nicht so fern – »ohne mit der Wimper zu zucken […] Beziehungsratgeber und Sachbücher auf die Bühne gebracht.« (Strauß, Simon: »Prolog«, in: ders. (Hrsg.): Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht, Stuttgart 2020, S. 11 – 16, hier: S. 12f.)
13Sprenger, Veit: »Was ihr so Drama nennt«, in: Deck, Jan/Umathum, Sandra (Hrsg.): Postdramaturgien, Berlin 2020, S. 358 – 364, hier: S. 358). SCBLM aus der Gießener Schule führen eigentlich einen Sieg des Spektakels über das (dramatische) Wort bereits im Namen.
14Vgl. Lehmann: Postdramatisches Theater; vgl. Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen, Frankfurt a. M. 2004; vgl. Bourriaud, Nicolas: Esthétique relationnelle, Dijon 2001.
15Röggla, Kathrin: »Hinter der Wand. Über Sprache und Zeitgenossenschaft«, in: Eilers, Dorte Lena/Nioduschewski, Anja (Hrsg.): Stück-Werk 6. Neue deutschsprachige Dramatik im Gespräch, Berlin 2020, S. 18 – 21, hier: S. 19.
16Vgl. Matzke, Annemarie: »Jenseits des Freien Theaters«, in: https://nachtkritik.de/index.php?view=article&id=7472%3Ahildesheimer-thesen-v-n&option=com_content&Itemid=84 [abgerufen am 24. August 2020].
17Poschmann, Gerda: Der nicht mehr dramatische Theatertext. Aktuelle Stücke und ihre Analyse, Tübingen 1997.
18Bayerdörfer, Hans-Peter: »Vom Drama zum Theatertext? Unmaßgebliches zur Einführung«, in: Balme, Christopher u. a. (Hrsg.): Vom Drama zum Theatertext? Zur Situation der Dramatik in Ländern Mitteleuropas, Tübingen 2007, S. 1 – 14, hier: S. 5; vgl. auch Tigges, Stefan (Hrsg.): Dramatische Transformationen. Zu gegenwärtigen Schreib- und Aufführungsstrategien im deutschsprachigen Theater, Bielefeld 2008.
19Vgl. Aristoteles: Poetik, übersetzt aus dem Altgriechischen von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1982, S. 94 – 97; vgl. Halliwell, Stephen: Aristotle’s Poetics, London 1986, S. 337 – 344.
20Lehmann: Postdramatisches Theater, S. 145.
21Vgl. Haraway, Donna J.: Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene, Durham/London 2016, S. 58 – 98; Vgl. neben Haraway auch Latour, Bruno: Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, übersetzt aus dem Französischen von Gustav Roßler, Frankfurt a. M. 2010, S. 86 – 131; vgl. Aggermann, Lorenz u. a. (Hrsg.): Theater als Dispositiv. Dysfunktion, Fiktion und Wissen in der Ordnung der Aufführung, Frankfurt a. M. 2017.
22Das heißt nicht, dass diese Texte nicht immer wieder in der breit angelegten Auseinandersetzung mit den szenischen Künsten des 21. Jahrhunderts angesprochen und verhandelt werden: Die Forschung zu den szenischen Künsten des 21. Jahrhunderts ist ebenso umfangreich wie zu neueren Theatertexten. Das hier als TogetherText gefasste Phänomen scheint uns jedoch in den unterschiedlichen Perspektiven verloren zu gehen.
23Lehmann: Postdramatisches Theater, S. 261.
24Ebd., S. 264.
25Ebd., S. 266.
26Ebd., S. 269.
27Vgl. Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen, S. 209 – 227; vgl. Schrödl, Jenny: Vokale Intensitäten. Zur Ästhetik der Stimme im postdramatischen Theater, Bielefeld 2012.
28Poschmann: Der nicht mehr dramatische Theatertext, S. 321; vgl. Finter, Helga: »Zur Dioptrik von Bühne, Film und Zuschauer«, in: Fischer-Lichte, Erika u. a. (Hrsg.): Arbeitsfelder der Theaterwissenschaft, Tübingen 1994, S. 183 – 192.
29Birkenhauer, Theresia: Schauplatz der Sprache – Das Theater als Ort der Literatur. Maeterlinck, Chechov, Genet, Beckett, Müller, Berlin 2005; vgl. Reinhardt, Michaela: TheaterTexte – Literarische Kunstwerke. Eine Untersuchung zu poetischer Sprache in zeitgenössischen deutschen Theatertexten, Berlin 2014.
30Es lässt sich argumentieren, dass bereits im antiken Drama die Schrift als verbreitete Kulturtechnik einen distanzierten Blick der Figuren auf sich und ihr Schicksal ermöglicht – und sie so als Figur mit individuellen Zügen vom Chor absetzt. (Vgl. Segal, Charles: Interpreting Greek Tragedy. Myth, Poetry, Text, Ithaca, NY 1986, S. 77 – 107.) Der Buchdruck ermöglicht die Renaissance der europäischen Theaterkulturen in der Frühen Neuzeit. (Vgl. Peters, Julie Stone: Theatre of the Book 1480 – 1880. Print, Text and Performance in Europe, Oxford 2000.)
31Vgl. Huck, Ella/Reinicke, Dorothea (Hrsg.): Masters of Paradise. Der transnationale Kosmos Hajusom – Theater aus der Zukunft, Berlin 2014.
32Vgl. u. a. Sharifi, Azadeh: Theater für Alle? Partizipation von Postmigranten am Beispiel der Bühnen der Stadt Köln, Frankfurt a. M. 2011.
33Vgl. Brauneck, Manfred: »Vorwort«, in: ders./ITI Zentrum Deutschland (Hrsg.): Das Freie Theater im Europa der Gegenwart. Struktur – Ästhetik – Kulturpolitik, Bielefeld 2016, S. 13 – 43, hier: S. 24.
34Vgl. z. B. Bicat, Tina/Baldwin, Chris: Devised and Collaborative Theatre. A Practical Guide, Crowood 2002.
35Vgl. Boltanski, Luc/Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus, aus dem Französischen von Michael Tillmann. Konstanz 2003, S. 147 – 210; vgl. Kunst, Bojana: Artist at Work. Proximity of Art and Capitalism, Winchester/Washington 2015, S. 50 – 87.
36Vgl. ebd., S. 87 – 98.
37Es gibt durchaus Inszenierungen der genannten Künstler*innen, in denen auch das Publikum spricht. So etwa bei Gernot Grünewalds Inszenierung ankommen. Unbegleitet in Hamburg, Premiere: 24. Oktober 2015, Thalia Theater Hamburg, Gaußstraße (mit der Dramaturgie von Anne Rietschel). In diesem biografischen Projekt berichten die Flüchtlinge in einzelnen Begegnungen mit dem Publikum über ihre Erlebnisse, die sie in Deutschland gemacht haben, und kommen dabei mit dem Publikum in ein direktes Gespräch.
38Theoretisch ist der Begriff des Autors beziehungsweise der Autor*in schon lange problematisiert; an seiner Gängigkeit in der Praxis hat das wenig geändert. Bei der vorliegenden Fragestellung ist keineswegs sicher, dass alle Beteiligten »konstruktiv« bei der gemeinsamen Texterzeugung kooperieren. Sollte die texterzeugende Interaktion davon geprägt sein, dass partikulare Interessen verfolgt und durchgesetzt werden, spräche man genauer von agonalen anstelle von kooperativen Formen der Texterzeugung. Vom wissenschaftlichen Zugang her sind beide Verhaltensweisen und alle Zwischenformen gleichwertig.
39Vgl. Chance 2000 – Abschied von Deutschland (D 2017) – Regie: Kathrin Krottenthaler und Frieder Schlaich.
40Vgl. Schlingensief, Christoph/Hegemann, Carl: Chance 2000: Wähle Dich selbst, Köln 1998.
41Vgl. Peters, Sibylle: »Das Forschen aller – ein Vorwort«, in: dies. (Hrsg.): Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft, Bielefeld 2013, S. 7 – 22.
42Vgl. Matzke, Annemarie: Arbeit am Theater. Eine Diskursgeschichte der Probe, Bielefeld 2012; vgl. McAuley, Gay: Not Magic But Work. An Ethnographic Account of a Rehearsal Process, Manchester 2012.
43Vgl. z. B. aus der My Documents – Share your screen!-Serie Etchells, Tim: OR ALL YOUR CHANGES WILL BE LOST, live übertragen am 6. Juni 2020 (https://www.youtube.com/watch?v=RrDf9ySVmKg [abgerufen am 24. August 2020]).
44Das wäre das Versprechen der literaturwissenschaftlichen critique génétique: Werke beziehungsweise Resultate durch eine genaue Rekonstruktion der Entwicklungsstufen zu kontextualisieren – beziehungsweise, wie einige Kritiker*innen fürchten, zu ersetzen. Vgl. z. B. Grésillon, Almuth: »›Critique génétique‹. Gedanken zu ihrer Entstehung, Methode und Theorie«, in: Bremer, Kai/Wirth, Uwe (Hrsg.): Texte zur modernen Philologie, Stuttgart 2010, S. 287 – 307.
45Vgl. Matzke: Arbeit am Theater, S. 87f.
46Schipper: Rimini Protokoll, S. 10.
47»Neues und gebrauchtes Theater – René Pollesch im Gespräch mit Carl Hegemann.«, in: Wangemann, Jutta/Höppner, Michael (Hrsg.): Gnade – Überschreitung und Zurechtweisung, Berlin 2005. Programmbuch zur Inszenierung Schuld und Sühne von Frank Castorf.
48She She Pop: Sich fremd werden. Beiträge zu einer Poetik der Performance, Berlin 2019, S. 75.
49Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2002, S. 241 – 251. Zur Problematisierung vgl. Butler/Spivak: Sprache, Politik, Zugehörigkeit, S. 28 – 47.
50Vgl. Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Öffentlichkeit, Intellekt und Arbeit als Lebensform. Mit einem Anhang: Der Engel und der General Intellect. Individuation bei Duns Scotus und Gilbert Simondon, Berlin 2019, S. 61 – 99.
I. Institutionelle Einflüsse und theatergeschichtliche Perspektiven auf Prozesse der Texterzeugung
Christina Zintl
Die Erweiterung des Autor*innenbegriffs beim Stückemarkt des Theatertreffens
Der Stückemarkt des Theatertreffens hat 2012 damit begonnen, den Autor*innenbegriff neu zu betrachten und dabei auch kollektive Prozesse der Texterzeugung miteinzubeziehen. Als ich 2012 die Leitung des Stückemarkts übernommen habe, hatte ich vorher als Dramaturgin an Staatstheatern etwa zwei Drittel zeitgenössische Texte betreut, von denen etwa die Hälfte Stück- oder Projektentwicklungen waren. Diese Situation wurde in dem, was der Stückemarkt bis dato präsentiert hatte, nicht abgebildet. Yvonne Büdenhölzer, die bis 2011 den Stückemarkt geleitet und ab 2012 die Leitung des Theatertreffens übernommen hatte, hatte die Idee, mit einer großen Umstrukturierung des Stückemarkts einen Weg zu finden, auch kollektive Projekte repräsentieren zu können. Bei der Überarbeitung des Festivals haben wir uns insbesondere die Aufgabe gestellt, dafür entsprechende neue Modalitäten im Auswahlprozess zu finden. Abgesehen von dem quantitativen Bild, das ich gerade beschrieben habe, fand ich persönlich, dass spannende Impulse gleichermaßen von literarisch beziehungsweise klassisch schreibenden Autor*innen und von Kollektiven, Gruppen und Projekten ausgingen, und auch die Felder, in denen diese Arbeiten entstanden sind, also Stadt- und Staatstheater sowie die Freie Szene, sich immer mehr überschnitten und gegenseitig inspiriert hatten. Ehrlicherweise muss man wahrscheinlich sagen, dass vor allem die Staats- und Stadttheater wichtige innovative Impulse aus der Freien Szene bekommen haben. Zeitgleich hat sich auch in der Theatertreffen-Auswahl diese Entwicklung widergespiegelt: Gruppen wie Rimini Protokoll, Milo Rau (International Institute of Political Murder), She She Pop und Gob Squad wurden eingeladen, und so war dieser Umstrukturierungsprozess des Stückemarkts letztendlich einfach ein Mitgehen mit der Zeit.
Auch wenn diese Überlegungen vielleicht zunächst nachvollziehbar klingen, war es in der konkreten Arbeit gar nicht so leicht, eine Vergleichbarkeit in der Beurteilung herzustellen. Diese Entwicklung war ein Prozess über mehrere Jahre, in denen wir immer wieder neue Kriterien und neue Modalitäten in dem Bewerbungsverfahren ausprobiert und verbessert haben. Im ersten Jahr wurde beispielsweise nur ein Konzept für eine Projektarbeit ausgewählt und in einem Projektlabor mit René Pollesch als Mentor entwickelt. In diesem ersten Jahr ging es erst einmal darum, herauszufinden, was und wie viel eingesendet wird und wie eine Jury diese Einsendungen diskutieren kann. Das hat sofort zu Diskussionen in der Jury geführt, und der Wunsch wurde formuliert, dass man keinen Unterschied zwischen klassischen Texten und Projekten in der Auswahl machen sollte, sodass alle Arbeiten gemeinsam diskutiert werden könnten. Ausgehend von diesem starken Bedürfnis haben wir uns darauf konzentriert, die Kriterien für die Einsendungen und die Auswahl neu zu definieren, sodass es möglich wurde, eine bessere Vergleichbarkeit im Auswahlprozess herzustellen. Es mussten neue Kriterien entwickelt werden, die prozesshaften, kollektiven Textentwicklungen gerecht werden. Beispielhaft kann man sagen, dass eine hohe literarische Qualität oder eine gute Nachspielbarkeit vielleicht gar nicht die wichtigste Qualität solcher Texte darstellen. Gerade mit dem Kriterium der »Nachspielbarkeit« haben wir uns intensiv auseinandergesetzt – dies wäre ja ein naheliegendes Kriterium, wenn man die Distributionsstruktur des klassischen Stückemarktes anschaut. Dass neue Autor*innen den Zugang in eine Theater- und Verlagslandschaft finden, war ein zentraler Aspekt in den vorherigen Jahren des Stückemarkts. Dabei kreiste eine wichtige Diskussion um den Uraufführungshype und um die Forderung nach häufigerem Nachspielen. Aber wir haben schnell gemerkt, dass man bei der Erweiterung des Autor*innenbegriffs vielen spannenden Arbeiten, die sehr an die Performer*innen und an den Live-Charakter der jeweiligen Arbeit gebunden sind, mit dem Kriterium »nachspielbar« nicht gerecht wird. Beispielsweise hatten bisher wenige die Idee, Stücke von She She Pop nachzuspielen, und auch die Arbeiten der ersten zum Stückemarkt eingeladenen Gruppe Markus & Markus, die sehr stark von der Energie der beiden Performer lebte, waren nicht in erster Linie auf Nachspielbarkeit angelegt. Nachdem im folgenden Jahr der Autor*innenbegriff sehr stark erweitert und auch Arbeiten aus dem Bereich des Physical Theatre und der Narrative Spaces eingeladen wurden, hatten wir wiederum den Eindruck, dass der Stückemarkt kein ausreichend scharfes Profil mehr aufwies. Wir sind dann in einem nächsten Schritt dahin gekommen, den Textbegriff beim Stückemarkt wieder weiter einzugrenzen und haben als neues Kriterium den Begriff der Sprache gefunden, d. h., damit ein Stück für den Stückemarkt zugelassen wird und vergleichbar diskutiert werden kann, sollte Sprache ein Hauptaspekt der Arbeit sein oder im Zentrum der Arbeit stehen – egal, ob die Sprache vor oder während des Probenprozesses von ein oder mehreren Menschen aufgeschrieben wird, ob sie erst in jeder Aufführung entsteht, es vielleicht sogar gar keine Sprache gibt, dabei aber stark um die Abwesenheit von Sprache geht. Zentral musste nur ein definierbarer, klarer Umgang mit oder eine Reflexion über Sprache sein. Das hat sich als sehr brauchbares Kriterium herausgestellt; es konnten Fragen entwickelt werden, die auf alle Arbeiten beziehbar waren, z. B.: Welche Aufgabe übernimmt die Sprache in einer Arbeit? Wie wird über die Möglichkeiten von Sprache nachgedacht? Was macht die Qualität der Sprache aus? Wir haben dann allerdings auch relativ schnell gemerkt, dass es trotzdem schwierig bleibt, wirkliche Vergleichbarkeit herzustellen.
Überraschend war in diesem Prozess für uns, dass wir wenig wissenschaftliches Handwerkszeug für die Analyse und Beschreibung eines Sprachbegriffs finden konnten, das für neue Stücke, ob kollektiv-prozesshaft oder klassisch entwickelt, anwendbar wäre. Ein wichtiger Grund für das Fehlen der wissenschaftlichen Literatur ist, vermute ich, dass die Veröffentlichung und Analyse der Transkription beziehungsweise Fixierung der Sprache in eher performativen Entwicklungsbereichen bisher nicht so eine große Rolle gespielt hat.
Ich denke, die Schwierigkeit der vergleichenden Besprechung der unterschiedlichen Entwicklungspraxen hat nicht nur mit dem überschaubaren analytischen Handwerkszeug zu tun, sondern auch mit der klassischen Distribution von Theaterstücken. Dass sich z. B. die meisten Verlage bis heute an den Bedürfnissen literarischer, individueller Formen von Autor*innenschaft ausrichten, ist dabei ein zentraler Punkt. Bei den meisten Verlagen werden Stücke in ein Programm aufgenommen, es werden Werkaufträge verhandelt, Nachspielmöglichkeiten gesucht etc. (Es gibt einige wenige Verlage, die verschiedene Künstler*innen vertreten und sich stärker als Agentur aufgestellt haben.) Theaterverlage arbeiten in erster Linie mit dieser Form der Distribution mit Staats- und Stadttheater zusammen und tragen so auch deren Repertoirebetrieb und Abonnent*innenstrukturen Rechnung. Auf der anderen Seite gibt es die Freien Spielstätten, die mit diesem literaturbasierten Theaterbegriff kaum mehr umgehen, in denen klassische neue Dramatik also kaum noch vorkommt. Viele Autor*innen hingegen bewegen sich selbstverständlich in beiden Bereichen, schreiben individuell und im Rahmen von kollektiven Entwicklungen, wie z. B. Olivia Wenzel, Laura Naumann, Leif Randt.
Ich persönlich finde das sehr spannend, diesen sprachlichen beziehungsweise literarischen Aspekt von kollektiver, prozesshafter Sprachentwicklung zu untersuchen und diese damit als Form von Texterzeugung und Autor*innenschaft stärker sichtbar zu machen. Unser Autor*innenbegriff hat sich stark gewandelt. Das bedeutet für mich aber nicht nur, dass ich alle Elemente einer Aufführung als Text betrachte, also alles Text beziehungsweise Autor*innenschaft darstellt, sondern gerade auch: Das, was ich klassischerweise als Text bezeichne, findet sich auch in Arbeiten mit mehreren Autor*innen, die nicht vor Probenbeginn den kompletten Text notiert haben. Die Kollektivierung der Arbeitsprozesse im Theater betrifft eben auch das Schreiben. Die Vorstellung, dass jede*r seinen beziehungsweise ihren eigenen, unantastbaren Geniebereich im Theater hat, empfinden viele, auch ich, als nicht mehr zeitgemäß.
Was wäre nun also das utopische Moment, wenn sich diese Textgenerierungen gegenseitig anregen? Wenn sie also in einer wissenschaftlichen Beschreibung besser in eine Verständigung miteinander kämen?
Ich glaube, dass sich vor allem diese Frage stellt: Was soll Theater sein und leisten? Was ist die neue Aufgabe in einer sich stark verändernden Gesellschaft? Das ist eine große Frage, an der man gemeinsam arbeiten muss, und nicht jede Berufsgruppe im Theater für sich. Gerade von den Autor*innen wird oft erwartet, dass sie diese Relevanzfrage lösen, dass sie mit ihren Stoffen und neuen Formen die Antwort darauf liefern sollen: Womit sollen wir uns beschäftigen? Warum ist Theater noch wichtig? Und das können die Autor*innen meines Erachtens nicht alleine leisten, weil Theater einfach kein ausschließlich literaturbasiertes Medium mehr ist (oder jemals war). Ich glaube, für die neue Standortbestimmung von Theater ist wichtig, dass dies wahrscheinlich besser unter den Bedingungen kollektiver künstlerischer Prozesse beantwortet werden kann. Und dabei muss eine Vielfalt von Stimmen abgebildet werden. Interessant ist bei allen Diversifizierungsprozessen im Theater für mich die Frage nach dem Kanon. Damit Neues in unsere Vorstellung vom Kanon hineinkommen kann, müssen wir neue Kriterien entwickeln und neue Möglichkeiten der Beschreibung haben. Das bedeutet nicht, dass ein Text, der individuell zu Hause geschrieben wurde, weniger spannend ist, sondern einzig, dass starre Vorstellungen davon, wie künstlerische Arbeiten entstehen, sehr viel Innovatives ausschließen und dass der Dialog zwischen allen Beteiligten genauso zum künstlerischen Prozess dazugehören kann und vielleicht vermehrt dazugehören sollte.
Letztendlich sind wir beim Stückemarkt wieder bei einer tendenziellen internen Quotierung gelandet und haben festgelegt, dass von den fünf ausgewählten Stücken immer mindestens zwei aus jedem Bereich (individuelle Autor*innenschaft beziehungsweise Projektentwicklung) kommen sollen, weil das den Juror*innen die Arbeit erleichterte. Unser Ausgangspunkt war dabei, dass wir eine Vielfalt an Formen und Schreibweisen gesucht haben: das Nebeneinanderstellen von künstlerischen Praxen, die sonst nicht gleichberechtigt als Stücke im Bereich der Autor*innenschaft in Dialog treten. Auch aus diesem Gedanken kam die Entscheidung, die Benennung Stückemarkt beizubehalten, also zu behaupten: Das alles sind gleichermaßen neue Stücke.
Openword.doc: TogetherText und die Institution
Anne Rietschel im Gespräch mit Marc Schäfers, Gernot Grünewald, Irina Szodruch, Maria Nübling, Sonja Laaser, Bernd Isele und Pina Bergemann
2007 gewannen Rimini Protokoll mit dem Mülheimer Dramatikerpreis einen renommierten Stückepreis, 2008 gründete sich mit schaefersphilippen ein Verlag, der sich unterschiedlichster Fälle von Autor*innenschaft im Theater annahm, und 2012 öffnete sich der Berliner Stückemarkt für Projektbewerbungen. All diese Bewegungen, die ein erweitertes Verständnis von Autor*innenschaft und Textproduktion im Theaterbetrieb abbildeten, nahm ich 2012 zum Anlass, meine Masterarbeit im Fach Dramaturgie diesem Thema zu widmen. Die Notwendigkeit einer neuen beziehungsweise erweiterten Praxis im Umgang mit Theatertext – nicht nur für die Theatermacher*innen, sondern auch für die Theaterinstitutionen – beschäftigte mich auch in den folgenden Jahren in meiner Praxis als Dramaturgin an Theaterhäusern und in Projekten in Eigenproduktion. Während in der Freien Szene längst Selbstverständlichkeit im Umgang mit TogetherText und den Folgen für Produktionsprozesse herrscht, wirkt er in den Strukturen des Stadt- und Staatstheaters oft noch herausfordernd. Erweiterte Formen der Textproduktion fordern eingespielte Produktionsprozesse heraus. Wo liegen diese Herausforderungen und wie kann TogetherText auf nachhaltige und sinnvolle Weise seinen Weg ins bestehende Theatersystem finden?
In diesem Band greife ich das Thema erneut für eine Reflexion auf. Ausgehend von der Frage, wie sich die damaligen Öffnungen der Institutionen mittlerweile weiterentwickelt haben und wo noch immer Probleme, Fragestellungen, aber auch Möglichkeiten liegen, habe ich alte und neue Bekannte getroffen, um über TogetherText in deren (ganz unterschiedlichen) Arbeitsprozessen zu sprechen. Ich habe sie in Kantinen und Theatercafés in Köln, Hamburg, Berlin und Jena getroffen, wir haben immer ungefähr eine Stunde geredet: Dramaturg*innen, Festivalleiter*innen, ein Verleger, eine Schauspielerin, ein Regisseur, eine Rechtsanwältin. Ganz im Sinne des TogetherText werden hier Auszüge aus den ganz unterschiedlichen Gesprächen wiedergegeben; exemplarisch, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und natürlich in all ihrer Subjektivität: ein Spaziergang durch die Institutionen.
Marc Schäfers, Verlag schaefersphilippen, Köln
Als Erster erzählt mir Marc Schäfers im Fünfziger-Jahre-Ambiente des Kölner Café Wahlen davon, wie er und sein Kollege Tobias Philippen aus einem Interesse an der Terra incognita den Schritt zum eigenen Verlag wagten. Bereits 2008 gründeten sie den Verlag und die Agentur schaefersphilippen. Begeistert von der Kunst und von Autor*innenschaftsansätzen von Gruppen wie Rimini Protokoll oder andcompany&Co, interessierten sie sich für die Frage, wie diese damals neuen und kollektiven Ansätze für das Stadttheater fruchtbar gemacht werden könnten:
»Als wir 2008 schaefersphilippen gründeten, gab es in der Freien Szene oft eine durchaus kritische Haltung gegenüber dem Stadttheater. Wir hatten große Freude daran zu überlegen, wie man die beiden miteinander verbinden kann, denn wir haben bemerkt, dass es beidseitig – so sehr man sich auch kritisch beäugt – ein Interesse aneinander gab. Die Häuser haben gesehen, dass da was Neues passiert, und versuchten oft auch etwas unbeholfen, die Gruppen irgendwie in ihre Institution zu bekommen. Das hat selten richtig gut geklappt, auch wenn der gute Wille da war. Oft sind aber auch die freien Gruppen ein bisschen zu radikal da reingegangen. Ich verstehe die Theater, die gesagt haben, ›wenn ihr zu uns kommt, müsst ihr auch mit unseren Regeln umgehen.‹«
Wie sah und sieht die Arbeit als Verleger*in bei euch konkret aus?
»Klassischerweise kommt man als freie Gruppe häufig, wenn man nicht mit einem Verlag arbeitet, zu einem eher unterdimensionierten Gesamtkurs in ein Theater und macht dafür sämtliche Arbeiten, von der Recherche über die Texterstellung bis zur Performance. Wir haben das Gesamte wieder in die Einzelteile zerlegt, um zu schauen: Was ist das eigentlich? Was davon kann über eine Produktion hinaus Bestand haben? Aus unserer Sicht als Verleger war es erst mal der Text, der weitergereicht und auch anderweitig genutzt werden könnte, z. B. im Bereich Hörspiel. Die Möglichkeit, auch mit einer freieren und kollektiven Textentwicklung traditionellere Verwertungswege einzuschlagen, war für uns und die Künstler*innen sehr spannend, weil so Institutionen wie der Bayerische Rundfunk oder der WDR solche Formate für sich entdeckt haben. Es war wichtig, die Stadttheater darauf hinzuweisen, dass es sich auch bei der Arbeit von freien Gruppen um eine Autor*innenschaft handelt. Aber auch das muss im Einzelfall offen diskutiert werden, denn in der Sekunde, wo jede*r Autor*in ist, bricht natürlich ein Konstrukt weg, welches in der schwierigen Gagenstruktur am Stadttheater den originären Autor*innen überhaupt ihr oft nur minimales Einkommen sichert.«
Es scheint ja längst angekommen, dass viele Häuser prozessuales Arbeiten für sich entdecken. Was sind Problematiken, die ihr beobachten könnt?
»Es gibt natürlich einen riesigen Unterschied zwischen einer gewachsenen Gruppe wie z. B. Rimini Protokoll und einer Gruppe, die über die Dramaturgie eher zufällig zusammenkommt. Die gewachsene Gruppe hat eine gemeinsame Herkunft und Ausbildung, hat viele Jahre intensiv zusammengearbeitet und eine ganz klare Form entwickelt. Das kann man nicht pauschalisieren, aber ich glaube, es fehlt bei den sicher richtigen Themen dann doch oft der ganz klare künstlerische Zugriff, der über die Tagespolitik hinausführt. Natürlich haben Autor*innen wie Maxi Obexer, die seit über 15 Jahren über den Themenkomplex ›Festung Europa‹ schreibt und recherchiert, oder Björn Bicker, der schon sehr lange an den Nahtstellen der Gesellschaft im Umgang mit Marginalisierten arbeitet, eine Form und eine unvergleichliche Expertise entwickelt. Oft aber sehe ich wohlgemeinte Produktionen, denen dann doch ein Unterbau – und ganz konkret: eine tatsächliche Autor*innenschaft – fehlt.«
Gibt es Erfahrungen und Hinweise im Umgang mit teils sehr persönlichen Texten von Akteur*innen? Die Frage ist ja, wer alles als Ko-Autor*in beteiligt wird.
»Ich kann nur empfehlen, von Anfang an ganz klar die Bedingungen zu besprechen. Ich finde schon, dass es ein gewisses Anrecht der Initiator*innen gibt, zu sagen: ›Das ist meine Ästhetik, ich mach das so oder so, ist das in Ordnung für euch?‹ Mein Erweckungserlebnis war Rimini Protokolls Wallenstein1, da hatte ich das Gefühl, alle Personen auf der Bühne sind wahnsinnig interessante Menschen. Das Besondere fällt dann aber ohne die Theatermaschinerie auch wieder ab, sie stellt das ja erst her. Das war ein Triumph des Castings, der richtigen Zusammenführung und der hochkomplexen Überlegung: Wie kann man mit Hobbyschiedsrichtern usw. den Wallenstein erzählen? Ich finde schon, dass das eine ganze Menge ist. Mich interessieren Dinge, die über den Tag hinausgehen. Das funktioniert erst durch das vergrößernde Glas der Kunst und die Form des Zugriffs.
Und dann geht es um rein vertragliche Fragen. Geht offen damit um und klärt das am Anfang. Es gibt ja nichts Blöderes, als sich hinterher zu ärgern. Man kann immer sagen: ›Mach ich oder mach ich eben nicht.‹«
Gernot Grünewald, Regisseur
Wir treffen uns während einer Probenpause im Hamburger Thalia in der Gaußstraße. Gernot Grünewald (*1978) arbeitet als Regisseur an zahlreichen deutschsprachigen Theatern, häufig an dokumentarischen Projektentwicklungen. Er studierte Schauspiel an der HfS Ernst Busch und ab 2007 Theaterregie an der Theaterakademie Hamburg. Mit seiner auf Interviews mit Sterbenden basierenden Diplominszenierung Dreileben2 gewann er 2011 den Preis des Körber Studio Junge Regie. Exemplarisch beschreibt er mir einige seiner Arbeiten, zunächst Dreileben. Die Schauspieler*innen hatten in einem Hospiz mit Sterbenden gesprochen, und so entwickelte die Gruppe eine Art dreifache Autor*innenschaft:
»Die Sterbenden erzählten das, was sie erzählen wollten, sie waren der/die erste Autor*in der eigenen biografischen Narration. Die Schauspieler*innen erzählten mir daraufhin, was sie aus dem Gespräch mitgetragen haben, und ich als Regisseur habe dann zusammen mit der Dramaturgin eine Auswahl getroffen. So entstand ein Abend, der komplett aus Texten der Spieler*innen bestand, die wir auch nie fest fixiert haben. Der Gedanke war, dass man die Geschichte der Sterbenden, die aus dem Erleben der Spieler*innen erzählt wurden, jeden Abend aufs Neue berichtet. Natürlich wurden dann in den Proben doch irgendwie Texte daraus, aber es gab eine Offenheit für jede Vorstellung.«
Am Stadt- und Staatstheater hast du ja dann beides gemacht, Stücktexte inszeniert, aber eben auch zahlreiche dokumentarische und prozessuale Projekte realisiert –
»Was lange auf der Strecke blieb, war, dass die Schauspieler*innen wirklich zum Teil eines Rechercheprojektes wurden, was am Stadt- und Staatstheater oft schwer möglich ist, weil sie in so viele Produktionen eingebunden sind. Das erste Mal, dass es so funktioniert hat, wie ich es mir wünschte, war 2016 bei einem Projekt über die Insel Lesbos für die Box am Deutschen Theater3. Wir sind mit zwei Spieler*innen für eine Woche nach Lesbos gefahren und haben dort u. a. mit Freiwilligen und Geflüchteten geredet. Aus dieser gewonnenen, natürlich absolut subjektiven Expert*innenschaft, welche die eigenen Erfahrungen und den Umgang damit reflektiert, haben wir dann (zusammen mit einem irakischen Schauspieler, der selbst über Lesbos nach Berlin geflohen war) einen Abend inszeniert, der fast nur aus diesen eigenen Texten bestand.«
Wie ist denn in diesem Fall der Text entstanden?
»Direkt auf den Proben. Die Spieler*innen beschrieben mir die Situation, dann verdichten wir das immer weiter und kommen irgendwann zu einer finalen Version, die aber immer noch eine Offenheit hat, was die Textbehandlung angeht. Für die Licht-, Ton- und Videotechnik müssen die Sätze irgendwann dann doch aufgeschrieben werden, aber im Grunde sollen sie möglichst frei bleiben. Es ist immer ein ähnlicher Zugang: Wie kann man die Spieler*innen mit Wirklichkeit konfrontieren, die sie aus dem Dabeigewesensein dann einem Publikum berichten können? Das ist ja eine ganz andere Expertise, als wenn man sich ein Interview anhört, das Regisseur*in oder Dramaturg*in geführt haben, was sonst Verfahren waren, mit denen ich arbeiten musste, wenn es nicht anders ging.«
Wenn du sagst, der Text soll möglichst offenbleiben, wie funktioniert die Textfixierung?
»Bei Dreileben war es extrem, da haben wir es gar nicht fixiert, da habe ich aber selbst das Licht gemacht. Wenn ich nicht dabei bin, braucht es das natürlich. Oft schreiben dann auch die Regieassistent*innen mit, so z. B.: ›Sie redet über xy und geht nach hinten, Lichtwechsel‹. Das sind dann so Halbtexturen. Oder es gibt Texturen, wo der Text ungefähr aufgeschrieben steht, aber wo der Hinweis notiert ist: ›wird improvisiert‹. Oder es gibt einen Satz, der immer von den Spieler*innen gesagt werden muss, weil das der Cue ist.«
Wie ist das bei den Proben zu Hereroland?4 Ihr habt eine Recherchereise nach Namibia unternommen.
»Das ist ein interessanter Fall. Für die deutsch-namibische Kooperation über den Genozid an den Herero und Nama konnte nur ein Spieler mit auf die Reise kommen. Die namibischen Kolleg*innen sind selbst Herero und somit Expert*innen für das Thema, und man merkt in den Proben, dass man jetzt damit sehr unterschiedlich arbeiten kann.
Der Spieler, der mit auf der Reise war, kann natürlich aus der Erfahrung schöpfen und hat jetzt eine viel bessere Anbindung an das Thema, daraus entsteht in der Arbeit ein ganz anderer Text beziehungsweise kann überhaupt erst ein Text entstehen. Denen, die nicht dabeisein konnten, gebe ich Texte, die aus Interviews entstanden sind, und muss ihnen erzählen, was das Signifikante an dem Moment war, was man versuchen könnte, theatral zu übersetzen. Für diese Art von Projekten kann man erst in dem Moment anfangen, einen Text gemeinsam zu entwickeln, wo Spieler*innen auch anwesend sind/waren.«
Zusammenfassend würdest du deine Textarbeit so beschreiben –
»Es ist ein bisschen Entweder/Oder: Entweder versuche ich, dass die Spieler*innen den Text in Kooperation mit mir auf den Proben entwickeln, oder ich gebe ihnen Texte, die ich aus Interviews oder dokumentarischem Material collagiere und verdichte. Ich komme besser an Themen dran, wenn ich mich unmittelbar mit ihnen auseinandersetze. Ich sehne mich oft nach einem Stück (um mehr Struktur zu haben), finde es dann nicht und mache es schließlich selbst.«
Wie funktioniert deine Arbeitsweise an Häusern mit Ensemble? Es ist ja eine Art zu arbeiten, die man als Schauspieler*in auch wollen muss.
»Es müssen Spieler*innen sein, die offen für solche Formen sind, das ist oft ein Problem. Das beginnt bei der Ausbildung an den Schauspielschulen. Ich selbst habe eine Schauspielausbildung an der HfS Ernst Busch gemacht, da war es überhaupt kein Teil der Ausbildungspraxis, auf solche Projekte vorbereitet zu werden. Ich nehme wahr, dass an vielen Häusern immer noch der bürgerliche Kanon vorherrscht, der manchmal von Projekten durchbrochen wird. Aber dazu braucht es andere Spieler*innentypen als die, die in vielen Ensembles zu finden sind. Wenn ich an einem Haus arbeiten soll, wäre es doch gut, wenn man dort zwei bis drei Leute hätte, die solche Projekte auch machen können und wollen. Aber der Spielplan besteht zu 80 – 90 % aus Stücken, d. h. es wird andersrum gesucht: Wer kann die große Bühne mit Sprachausbildung und Präsenz füllen? Und alles andere kann er/sie hoffentlich auch noch.«
Aus dieser Arbeitsweise ergibt sich ja auch eine andere Produktionsweise. Wo liegen dabei Problematiken?
»Der schwierigste Faktor für mich ist die Disposition, wie z. B. Hereroland. Wie weit im Voraus schafft es ein Haus, Besetzungen zu planen? Recherchereisen finden deutlich vor Produktionsbeginn statt. Wenn man mit einer Gruppe von Spieler*innen eine Recherchereise macht, kann man anders arbeiten. Zumeist verhindert die Produktionsdichte der Theater aber, dass sich die Spieler*innen ausführlich mit Themen beschäftigen können. Wenn sie sich vorher in einen Kosmos stürzen, in dem ich schon ein Jahr lang stecke, und sollen sich, während sie proben, Text lernen und Vorstellungen haben, in ein Thema einarbeiten, bleibt die Expert*innenschaft begrenzt. Als freie Gruppe geht das besser, man arbeitet in fester Konstellation und kann gemeinsam eine Arbeitsweise kontinuierlich weiterentwickeln.«
Ist deiner Erfahrung nach das prozessuale Arbeiten an den Häusern angekommen?
»Ich dachte 2011, dass ich mein Diplom als Projekt mache und danach fange ich am Theater an zu arbeiten, da wird das sicher nie wieder vorkommen. Jetzt ist es ein bisschen umgekehrt und ich bin der, der immer ›diese Projekte‹ macht. Dabei will ich das gar nicht immer machen, weil es ziemlich anstrengend ist, vier Mal im Jahr eine neue Form zu erfinden. Ich glaube schon, dass das prozesshafte Arbeiten in den Häusern angekommen ist als eine Art, Theater zu machen, die Sachverhalte gegenwärtiger und schneller auf die Bühne bringen kann, anstatt darauf zu warten, dass ein*e Autor*in ein Stück dazu schreibt. Die strukturbedingten Arbeitsprozesse stehen diesem Ansinnen aber manchmal entgegen, zuweilen auch die Betrachtung der Spieler*innen. Das Denken, dass sie nicht nur ausführendes Material sind, das einen Text zugeteilt bekommt und eine Figur spielt, ist mancherorts nur mäßig in den Köpfen angekommen. Spieler*innen spiegeln mir immer wieder, dass sie an den Besetzungsprozessen beteiligt sein wollen, dass sie als selbstständige Künstler*innen und nicht als weisungsgebundene Handwerker*innen betrachtet werden wollen. Sie wollen nicht nach der Konzeptionsprobe den Treibhauseffekt bei Wikipedia nachlesen, sondern vorher anfangen, mitzudenken. Wenn man schon vorher zusammensitzen könnte, diskutieren, sammeln, recherchieren, dann kann man woanders starten und auch Texte besser zusammen entwickeln. Da geht in der Theaterbetriebspragmatik ein großes Potential verloren.«
Irina Szodruch, Dramaturgin, Maxim Gorki Theater Berlin
Irina Szodruch (*1980) ist nach Stationen in der Dramaturgie an der Schaubühne und dem Ballhaus Naunynstraße seit Beginn der Ära Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater dabei. Eine langjährige Arbeitsbeziehung verbindet sie mit Regisseurin Yael Ronen. Wir treffen uns in der Gorki-Dramaturgie, es gibt Kaffee und die restlichen Croissants des vorangegangenen Dramaturg*innen-Frühstücks.
Das Gorki steht mittlerweile für die Form von Stückentwicklungen, war das von Anfang an Programm?
»Das hat schon am Ballhaus Naunynstraße angefangen, wir wollten Geschichten erzählen und neue Perspektiven auf alte Geschichten richten, die so noch nicht aufgeschrieben sind. Da lag es in der Natur der Sache, dass wir sie selbst schreiben mussten. Es ist ja auch kein Zufall, dass hier so viele Autor*innen/Regisseur*innen arbeiten, die schreiben und inszenieren, weil es eher ein inhaltliches und politisches Anliegen ist, mit dem wir angetreten sind. Wie das genau passiert, ist ja sehr unterschiedlich. Yael Ronen zum Beispiel ist eine Autorin, die sich gar nicht an den Computer setzen und anfangen könnte, irgendwas zu schreiben. Sie interessiert sich vor allem für Gruppenprozesse, für spezifische Themen und Menschen. Deshalb initiiert sie eher Prozesse und sagt oft selbst, dass das Theaterstück eher ein Nebenprodukt ist.«
Wie wird das prozessuale Arbeiten am Haus reflektiert?
»Wir haben seit ungefähr drei Jahren eine Arbeitsgruppe zum Thema. Bei einer Klausur haben damals die Ensemblevertreter*innen angesprochen, dass sie in den ersten drei Spielzeiten so viele Stückentwicklungen mitgemacht hätten und es eine sehr uneinheitliche Umgangsweise damit gäbe. Zwar eine sehr vertrauensvolle, aber so richtig geschützt und abgesichert fühlten sie sich nicht. Wir haben das am Anfang eben immer irgendwie gemacht und haben dadurch auch einen bestimmten Stil und eine Spielweise entwickelt. Es gibt sehr unterschiedliche Situationen, z. B. Regisseur*innen wie Yael Ronen, sie nennt ihre Stücke immer ›von Yael Ronen und Ensemble‹, weil ihr das total wichtig ist, dass im Credit das Team genannt ist. Und es gibt andere wie z. B. Falk Richter, bei dem es meist ein Text ›von Falk Richter‹ ist. Was die Nennungen betrifft, wird das sehr unterschiedlich gehandhabt. Auch, was mit den Texten im Anschluss passiert, z. B. publiziert Falk Richter seine Stücke und lässt sie nachspielen, bei Yael Ronen gab es da nie wirklich ein Interesse von außen, deshalb hat sich die Frage nie so gestellt.«
Wie entstehen die Texte konkret?
»Darin gibt es natürlich eine große Diversität, das reicht davon, dass auf einer Probe eine*r eine Geschichte aus dem Leben erzählt. Da fragt auch niemand nach, ob das wirklich so passiert ist. In anderen Probenprozessen wird protokolliert, aufgenommen und transkribiert und daraus entstehen Texte. Manchmal gibt es konkrete Schreibaufgaben, dann kommen die Schauspieler*innen am nächsten Tag und lesen ihre Texte vor. Bei Yael Ronen z. B. gibt es eine Aufgabe und dann wird manchmal der geschriebene Text, den jemand mitgebracht hat, eins zu eins in die Inszenierung übernommen, oder es wird eine erzählte Geschichte übernommen. Und manchmal ist das auch ein Ausgangspunkt für etwas, was Yael Ronen schreibt. Insofern ist das aus urheberrechtlicher Perspektive sehr unterschiedlich. Aber da kommt immer die moralische Komponente und Verantwortung dazu: Wie gehe ich um mit einer Geschichte, die mir auf einer Probe erzählt wurde?«
Und wie geht das?
»Das Ensemble hat ganz klar gesagt, sie brauchen eine Art von Schutz; es sind immerhin ihre erlebten Geschichten oder geschriebenen Texte. Dann kamen auch Regisseure wie Oliver Frljić oder Ersan Mondtag ans Haus, die nochmal unterschiedliche Vorgehensweisen mitgebracht haben. Z. B. in Ersan Mondtags Inszenierung Salome5 gab es einen Text von Thomaspeter Goergen. In den Proben wurde die Schauspielerin Orit Nahmias gebeten, ebenfalls Texte zu schreiben. Diese Texte haben ungefähr ein Drittel des Aufführungstextes ausgemacht, weshalb klar war, dass sie dafür auch Tantiemen bekommt.
Eine schwierigere Kategorie ist die moralische Komponente, da geht es oft um kurze Texte, die prozentual nicht stark ins Gewicht fallen, die aber für die Person einen großen emotionalen Stellenwert haben können. Das ist eine Kategorie, die sich urheberrechtlich nicht wirklich fassen lässt, weil es sich nicht um einen geschriebenen Text handelt, sondern um eine Improvisation oder Erzählung auf der Probe. Das ist dann ein kaum geschützter Bereich, und da geht es dem Ensemble sehr um Schutz und um Hoheit. Natürlich braucht man Vertrauen in einem Prozess, um sich zu öffnen, aber um das Vertrauen aufbauen zu können, muss man sich eben sicher sein können, dass verantwortungsvoll mit dem Gesagten umgegangen wird.«
Wie geht ihr mit einer Weiterverwertung der Texte um?
»Bei Yael Ronens Stücken haben wir mittlerweile die Absprache, dass die Weiterverwertung der Texte nur im Einvernehmen passieren kann. Das ist aber etwas, was wir am Gorki nicht allgemein für alle Projekte festgeschrieben haben. Diese Fragen stellen wir uns in unseren Arbeitsgruppen: Wie kann man einen Gorki-Standard formulieren und aufschreiben, dem sich alle, die hier arbeiten, verpflichten? Zum Beispiel hatten wir zu Third Generation – Next Generation eine Anfrage zur Stückveröffentlichung von Theater heute, also haben wir das Ensemble gefragt, ob sie damit einverstanden sind.6 Wir sagten allen, wenn jemand das auf keinen Fall will, ist das in Ordnung. Oder wenn sie prinzipiell wollen, aber die eigene Geschichte nicht vorkommen soll, kann man einzelne Szenen rausnehmen. Ein Schauspieler wollte, dass ein bestimmter Teil von seinem Text nicht vorkommt, also haben wir den rausgestrichen. Es gab ein zugehöriges Interview mit Yael Ronen, in dem sie erklärt hat, dass etwas fehlt.«
Wo geraten der Theaterbetrieb und die prozessuale Form aneinander?
»Die Disposition ist meist ein Problem. In einem Theater mit eigenen Werkstätten hat man bestimmte Abläufe, d. h. Bauproben, Werkstattzeiten und technische Einrichtung. Und das Ensemble ist nicht immer verfügbar, weil sie mitunter vier Stücke im Jahr proben. Das hat zur Folge, dass man auch bei Projekten eine Bauprobe machen muss, bevor man anfängt zu probieren. Aber für eine Regisseurin wie Yael Ronen, die ihr Thema erst dann findet, wenn sie anfängt zu proben, und damit auch erst der Bühnenbildnerin Input geben kann, ist das problematisch.
Da haben wir mit viel Geduld und Mühe seitens des Betriebsbüros ein Prinzip entwickelt, wie man einen Workshop vor der Bauprobe machen kann.«
Sonja Laaser, Dramaturgin und Rechtsanwältin, Berlin
Sonja Laaser ist Rechtsanwältin für die Kunst- und Kreativszene und betreut die Gebiete Gesellschaftsrecht, Vertragsrecht sowie Urheber- und Medienrecht. Sie arbeitet auch als freie Dramaturgin. Ich besuche sie in ihrer Kanzlei in Berlin Charlottenburg. Im Gespräch definiert sie zunächst drei Formen, die für sie in die Kategorie TogetherText fallen:
»Als Erstes gibt es die Kategorie, in der alle einen Teil zum Text beisteuern, wie bei Gob Squad oder She She Pop, vergleichbar mit dem Writers’ Room beim Film, da sind alle Miturheber*innen.
In die zweite Kategorie fallen z. B. Autor*innen wie René Pollesch oder Falk Richter, die sich im Probenprozess inspirieren lassen und Input vom Team einfließt, aber die Fassung am Ende wird meist von einer Person geschrieben. Das sind eher einzelne Urheber*innen, unabhängig von den Benennungen.
Die dritte Variante sind für mich Projekte wie z. B. von SIGNA oder Situation Rooms von Rimini Protokoll.7 Diese Kategorie finde ich rechtlich sehr spannend, denn da ist das Konzept das Entscheidende. Da ist in rechtlicher Hinsicht die Frage, ob das Konzept geschützt ist. Wenn ich z. B. Situation Rooms nehme: Man geht mit Tablets durch Räume und jeder Raum erzählt eine bestimmte Geschichte. Das Konzept an sich ist nicht geschützt, das kann jeder nachmachen. Der Titel hätte einen Titelschutz, aber man könnte relativ viel ähnlich machen. Das finde ich spannend: Wenn man sehr konzeptionell arbeitet, hat man nach dem deutschen Urheberrecht keine Schutzmöglichkeit. Es ist auch durchaus richtig, dass in der Kunst nicht alles geschützt ist, sonst könnte sie sich nicht weiterentwickeln.«
Wie steht es denn urheberrechtlich um Texte, die von Schauspieler*innen oder von der Regie produziert werden?
»In normalen NV-Bühne-Verträgen geht man bei Schauspieler*innen nicht davon aus, dass sie Text produzieren. Dazu gibt es demnach auch vertraglich keine Regelung über die Einräumung und Vergütung von Texten, die Schauspieler*innen produziert haben, aber in der Praxis steuern sie häufig Texte zur Inszenierung bei. Man kann eine Regelung über den Umfang der Einräumung der Nutzungsrechte an dem Text und über die Höhe der Vergütung natürlich in die Verträge aufnehmen, das wird aber in der Regel nicht gemacht. Sofern sich – wie meistens – im Vertrag keine Regelung über den Umfang der Einräumung der Nutzungsrechte an dem Text und über die Höhe der Vergütung für den Text findet, stellt sich insbesondere die Frage: Was passiert, wenn der Text außerhalb des Bühnenraums verwertet wird, also beispielsweise im Programmheft abgedruckt oder im Radio gesendet wird? Die Verträge, die ich kenne, auch im Stadttheaterbereich, treffen dazu meist keine Regelung. Oft wird davon ausgegangen, dass alles, was Spieler*innen machen, dem Theater gehört. Das würde man rechtlich nicht so sehen. Es gibt aber durchaus Häuser, die das auch separat vergüten, und eigentlich muss man natürlich auch ihre Namen nennen, also z. B. ›von und mit‹. Die Theater sparen sich oft die Vergütung der Autor*innenrechte bei den Regisseur*innen, die dann keine höhere Gage bekommen, obwohl sie Projektentwicklungen machen und neben ihrer Regieleistung den ganzen Text beisteuern. Dafür könnten sie durchaus versuchen, eine höhere Vergütung zu erhalten.«
Enthalten die Musterverträge, die du mit deinem Team für die Freie Szene erstellst, Regelungen zum Text?
»Ja. Wir erstellen gerade Musterverträge für die Freie Szene für Darsteller*innen, Regie und Puppenspiel. Darin gehen wir davon aus, dass Darsteller*innen auch Text generieren, denn in der Freien Szene wird eben meist so gearbeitet. Beispielsweise haben wir uns im Regiebereich auf eine Regelung geeinigt, wonach die Parteien wählen können, dass neben dem fest vereinbarten Honorar weitere Lizenzen gezahlt werden müssen, wenn die Inszenierung beispielsweise nach zwei Jahren immer noch aufgeführt wird.«
Was bedeuten die Veränderungen hin zum prozessualen Text für die juristische Ebene?
»Die Verträge werden schwieriger, weil sie vielfältiger werden – ich kann ja nicht den einen Vertrag machen und sagen, ›das ist jetzt der TogetherText-Vertrag‹. Es gibt ja noch mehr Kategorien als die drei, die ich vorhin beschrieben habe. Das ist noch nicht verankert und ausdekliniert in den Verträgen. U. a. die Professionalisierung der Freien Szene oder mehr Auslandsbezug machen es immer komplizierter. Man hat verschiedene Steuerrechte oder die Künstlersozialkasse, das sind alles spezielle Themen, die man bedenken muss. Förderungen auf Verbandsebene und auch die der Gruppen werden höher, die Professionalisierung geht voran und dadurch fängt man an, sich mehr Gedanken dazu zu machen.«
Welche Wandlungen in den Strukturen nimmst du wahr?
»Durch die Wandlung von den klassischen Anstellungsverträgen, die durch andere Arbeitsformen ersetzt werden, wandelt sich alles. Die Szene wird internationaler, das Internationale stößt auch Projektentwicklungen an und Projektentwicklungen das Internationale, die öffentlichen Förderungen für die Freie Szene steigen, es gibt Doppelpass-Projekte usw. Da wächst ganz viel, dadurch entstehen andere Strukturen und rechtlich komplett neue Konstellationen. Da gibt es keinen Anstellungsvertrag mehr, sondern auf einmal eine GmbH, wo Gesellschafter*innen zusammenarbeiten und Text produzieren. Die Strukturen werden herausgefordert, aber das tut ja Staatstheater wie Freier Szene gut. Doppelpass ist ja ein anschauliches Beispiel für die Idee, dass jede*r voneinander lernen kann.«
Maria Nübling, Leiterin Stückemarkt, Berliner Theatertreffen
Maria Nübling (*1989) ist seit 2017 Dramaturgin des Theatertreffens und seit der Spielzeit 2018/19 Leiterin vom Stückemarkt. 2012 begann der Stückemarkt, nicht nur Theatertexte, sondern auch Projekte einzuladen.
Kannst du die Entwicklung vom Stückemarkt beschreiben? Was war die Idee hinter der Öffnung für Projekte?
»2003 wurde der Stückemarkt europaweit geöffnet, davor beschränkte er sich auf Texte aus dem deutschsprachigen Raum. 2012 wurde er zudem für Projekte geöffnet. Letztes Jahr haben wir den Schritt gemacht, ihn für Einsendungen aus der ganzen Welt zu öffnen. Die Öffnung für die Projekte lag zwar vor meiner Zeit, aber dieser Schritt hatte viel damit zu tun, mit der Zeit gehen zu wollen. Wir haben festgestellt, dass wir nur noch einen Teilbereich davon fördern, wie an den Theatern Texte und Theaterabende entstehen. Wenn man nur die klassische Autor*innenschaft – quasi ›vom Schreibtisch zur Regie‹ – fördert, ist das eben nur ein Bereich. Natürlich macht in Deutschland und im angelsächsischen Raum dieser Teil viel aus, aber in den Spielplänen sieht man ja, dass prozessual erzeugte Texte relevant sind. Wenn man auch die Freie Szene einbinden will, war das ein Schritt, den man gehen musste. Dort ist ein Stücktext als Ausgangspunkt für einen Theaterabend meist nicht die primäre Arbeitsweise.«
Ist diese Art der Textproduktion eurer Beobachtung nach angekommen bei den Theatermacher*innen und Zuschauer*innen?
»Ich habe das Gefühl, dass das in vielen Fällen eine Generationenfrage ist. Wenn ich mich mit jüngeren Theatermacher*innen unterhalte, ist es gar keine Frage, ob man das eine über das andere priorisiert. Viele Wege führen nach Rom: Da kann man den klassischen Textweg oder den kollektiven Weg gehen. Es gibt immer noch Leute, die demgegenüber eine Grundskepsis und ein sehr traditionelles Theaterverständnis haben. Das wird sich auch nicht rapide ändern, aber gerade für jüngere Theatermacher*innen und die Freie Szene ist das doch toll, dass so eine Leuchtturminstitution wie das Theatertreffen mehr Platz schafft und Staatstheater und Freie Szene nicht konsequent auseinanderhält.«
Habt ihr eine Definition für die Texte und Projekte, die bei euch eingereicht werden können?
»Bis zu einem gewissen Grad ist das sehr offen. Da wir aber Kollektive oder Theatermacher*innen und nicht Regisseur*innen fördern wollen, schauen wir an dieser Stelle etwas genauer hin. Wenn sich jemand mit einem Projekt bewirbt, aber eigentlich Person x den Text geschrieben hat und gar nicht unbedingt in diesem Projekt involviert ist, würde das rausfallen, dann würden wir Regieförderung betreiben.«
Wie findet die Auswahl statt, wie geht ihr vor bei einer so großen Offenheit?
»Wir haben eine sehr diverse Jury, die sowohl mit ›klassischen‹ Autor*innen aber auch Künstler*innen aus dem Performancebereich besetzt ist. Die Jury berufe ich in Absprache mit meinen Kolleg*innen. Es geht uns darum, dass verschiedene Disziplinen vertreten sind und dass sich die weltweite Öffnung in der Jury spiegelt. Verschiedene Blickachsen und Disziplinen sollen für eine möglichst diverse Diskussion sorgen.«
Ihr habt nach der Öffnung für Projekte viel Kritik erhalten –
»Ein häufiger Kritikpunkt ist die Vergleichbarkeit: Man könne ja nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ich sage aber: Warum sollte man das eine über das andere priorisieren? Wir suchen ja nicht das perfekte Stück oder die perfekte Performance, sondern wollen spannende Künstler*innen entdecken, die das Potential zeigen, auch langfristig interessante Arbeiten zu kreieren. Und da diese Potentiale und Künstler*innen sinnvoll gefördert werden sollen – wir vergeben einen Werkauftrag – stellt sich für mich die Frage gar nicht so, wie man das eine mit dem anderen vergleichen kann.«
Spiegelt sich eine Veränderung in der Textproduktion in den Einsendungen, die euch erreichen?
»Vor der weltweiten Öffnung wurden tatsächlich mehr Texte und deutlich weniger Projekte eingereicht, das hat sich jetzt geändert: 2017 waren es z. B. 201 Texte und 85 Projekte, die uns erreicht haben. 2018 waren es 181 Texte und 82 Projekte. Das hat sich durch die weltweiten Einreichungen erstmals gewandelt, jetzt überwiegen die Projekte: 2019 gab es 168 Texte und 193 Projekte, für 2020 wurden 178 Texte und 183 Projekte eingereicht. Neben Deutschland ist der angelsächsische Raum noch relativ stark vertreten mit dem ›klassischen‹ Textprozess, aber sonst ist der prozessuale Vorgang in vielen Theaterkulturen eher der vorrangige, das hat man an den Einsendungen gemerkt.«
Bernd Isele, Dramaturg und Leiter der Autorentheatertage, Deutsches Theater Berlin
Bernd Isele, der als Dramaturg u. a. schon am Luzerner Theater und am Schauspiel Stuttgart arbeitete, ist seit 2018/19 Leiter der Autorentheatertage am Deutschen Theater in Berlin, über die wir uns in der Kantine des DT unterhalten.
Wie laufen die Autorentheatertage ab? Gibt es einen Begriff von Autor*innenschaft, der eurer Auswahl zu Grunde liegt?
»Die Autorentheatertage teilen sich in verschiedene Segmente. Das erste ist der Wettbewerb, wo jede*r Stücke einreichen kann. Dabei handelt es sich in aller Regel um einen zu Papier gebrachten Text. Wie dieser Text aussieht, wie er entstanden ist und wie viele Autor*innen er hat, ist für uns erst mal egal, d. h. es gibt da keine Kriterien, die irgendwas verbieten oder präferieren. Es ist auch so, dass sich dieser Wettbewerb nicht nur an etablierte Autor*innen/Theatermacher*innen richtet. Aus den Einsendungen ergeben sich dann drei Uraufführungen.«
Wie trefft ihr die Auswahl?
»Die Auswahl der Uraufführungen liegt in der Hand einer Jury. Natürlich gibt es so etwas wie eine objektive Auswahl nicht, niemand ist in der Lage, die drei ›besten Stücke‹ auszuwählen. Das ist immer subjektiv und mit der Auswahl der Jury definiert man eine Auswahl mit. Dieses Jahr (2020) ist die Dramatikerin Dea Loher Chefjurorin und Schauspielerin Nina Hoss und Dramaturg und Übersetzer David Tushingham sind Co-Juror*innen. Die drei Partnertheater, die das dann produzieren, haben kein Mitspracherecht, d. h. denen fällt dann irgendwas auf den Tisch, und das ist dann die Aufgabe, die man lösen muss. Das kann eben auch ein Text sein, den sie nicht erwartet haben. Manchmal ist es schön, die Dinge aufeinanderprallen zu lassen und zu schauen, was sich entzündet. Das setzt andere Energien frei, bei der letzten Festivalausgabe hat das prima funktioniert.
Dea Loher hat es interessanterweise dieses Jahr so gemacht, dass sie die 170 Einsendungen gelesen und davon 30 ausgewählt hat, die an die Mitjuror*innen gingen. Sie hat dabei versucht, alle Aspekte, die im Pool waren, abzubilden. Da waren also Stücke dabei, die vor allen Dingen sehr unterschiedlich waren. Auf der Long- und Shortlist waren auch Stücke, die sich von der klassischen Autor*innenschaft ziemlich weit entfernen, in der Endauswahl ist dieses Jahr z. B. ein Stück von Rosa von Praunheim (Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs), das im Grunde eher ein Vorschlag für eine politische Performance ist.«
Ihr ladet auch Gastspiele ein –
»Ja, das zweite Segment sind die Gastspieleinladungen, die wir aussprechen können, das sind im deutschsprachigen Raum jedes Jahr ungefähr zehn. Da ist es auch ein Anliegen, verschiedene Arten von Autor*innenschaften zu präsentieren, weil wir davon ausgehen, dass Autor*innenschaft erst mal nicht nur bedeuten kann, dass ein Mensch einen Text schreibt, den abgibt und acht Wochen später sieht, was ein anderer Mensch daraus gemacht hat. Das ist eine Form von Autor*innenschaft, die ich zwar auch weiterhin für möglich halte, aber die für uns überhaupt nicht die einzig relevante ist. Wenn ich mir Stücke für das Festival anschaue, spielt es für mich keine Rolle, wo der Text herkommt. Ich suche mit großem Fokus auf genuinen Theatertext, aber nicht auf eine bestimmte Autor*innenschaft.
Das dritte Segment der Autorentheatertage ist dann das Rahmenprogramm, vor allem die Autor*innensalons. Im letzten Jahr waren 14 Autor*innen zu Gast, mit denen wir uns über die Frage unterhalten haben: Was ist dieses Autor*innentheater eigentlich? Das Festival heißt ja auch so, weil das damals noch klarer war, heute ist dieses Feld in Bewegung. Die Autorentheatertage möchten diese Bewegungen mitbegleiten. Und wenn man mit diesen 14 Leuten über die gleichlautende Frage spricht, was eigentlich Autor*innenschaft bedeutet, ist das natürlich sehr interessant. Ich habe z. B. eine Stunde mit Boris Nikitin gesprochen, der das für sich vollständig anders definiert als Moritz Rinke oder Rebekka Kricheldorf. Ich fand das toll, mich mit denen hinzusetzen und zu diskutieren. Es gibt eine Menge Festivals, die Theaterhäuser oder junge Regie einladen. Ich finde den fast schon altmodischen Impuls zu sagen, dass das hier das Festival der Autor*innen ist und es in erster Linie um die geht, wirklich gut. Weil ich sonst gar nicht das Gefühl habe, dass sie im Mittelpunkt stehen oder eine Lobby haben. Es ist ja immer die Frage, wo hängt es gerade durch? Ich finde, dass es auf Autor*innenseite durchhängt, die haben eine schlechte Position in dieser Theaterverwertungskette, und man hört ihnen nicht immer gut genug zu.«
Was genau hängt denn gerade durch?
»Ich denke über das Festival hinaus als Dramaturg viel über Autor*innentheater nach. Eine Sache, die mich interessiert und die man in den Theatern besser pflegen muss, ist die Frage danach, wie früh man Menschen im Prozess zusammenbringen kann. Auch viele Verlage und Agenturen denken darüber nach, z. B. haben Sabine Westermaier und Dorothea Lautenschläger mit der rua. Kooperative für Text und Regie genau den Versuch gemacht: Dinge früh in den Austausch bringen, früh Pakete schnüren, die Vorstufe der Dramaturgie auf Agenturebene. Das ist eine Sache, über die es sich nachzudenken lohnt.8«
Pina Bergemann, Schauspielerin, Theaterhaus Jena
Pina Bergemann (*1987) habe ich in meinem ersten Studienprojekt an der Hamburger Theaterakademie kennengelernt. Nach dem Studium ging sie als Schauspielerin an das Theater Kiel, dann ans Schauspiel Leipzig und ist nun Ensemblemitglied am Theaterhaus Jena, das seit der Spielzeit 2018/19 vom niederländischen Kollektiv Wunderbaum geleitet wird. Im Theatercafé sprechen wir über ihre Erfahrungen mit der Arbeitsweise von Wunderbaum.
Kannst du eure Arbeitsweise an einem Beispiel erläutern?
»Das erste Stück, was ich hier mitgemacht habe, war der Thüringen Megamix, den haben wir ohne Regie geprobt.9 Wir haben uns mit dem Draufschauen abgewechselt, jede*r war mal draußen. Wunderbaum ist seit 18 Jahren ein Kollektiv, die haben viel Erfahrung damit. Es funktioniert sehr unhierarchisch, man kann alles sagen und Einfluss nehmen, die haben das Motto: Die beste Idee setzt sich durch. Es gab zu Beginn nur den Titel Thüringen Megamix. Das war unser Einstand hier. Die Arbeitsweise von Wunderbaum ist, dass wir gemeinsam Acts machen. Man stellt sich Aufgaben, die man vorbereitet. Man schläft eine Nacht drüber und schreibt Texte. Ich war am Anfang sehr gestresst davon. Eine Sorge war, dass wir alle aus dem Westen kamen, wir wohnten seit zwei Monaten hier, wie sollten wir jetzt über Thüringen reden? Wir haben dann Acts produziert und im Anschluss darüber gesprochen, gesammelt, gebastelt und dann kamen immer wieder Leute von außen und haben Feedback gegeben: Was funktioniert, was nicht, was könnte eine Form sein? Die Texte sind alle selbst geschrieben oder improvisiert.«
Es gibt also keine Textinstanz, die alles zusammenbastelt?
»Nein, wir haben meistens ein open word Dokument, da machen wir alles selbst. Ich habe aber auch gemerkt, dass eine andere Verantwortung entsteht. Da kommt nicht irgendwann jemand und bringt alles in Ordnung. Wenn ich das nicht selber mache, dann passiert auch nichts.«
Es gibt bei jedem Projekt ein Ausgangsthema, wie wird das festgelegt?
»Da habe ich mich sehr eingesetzt, dass wir eine gemeinsame Themenfindung machen. Denn sobald mich das Thema nicht interessiert und ich keinen Zugang dazu finde, ist es schwierig. Wenn man das weiterdenkt, müssten wir alle von Anfang an hinter dem Thema stehen. Wir haben jetzt angefangen, uns immer wieder zu treffen, um uns für die nächste Spielzeit Themen auszudenken. So können wir besser in den Prozess reingehen; ansonsten versucht man, sich das Thema anzueignen, was produktiv sein, aber auch schiefgehen kann.«
Es ist wahrscheinlich von Vorteil, dass Wunderbaum als Niederländer*innen nicht so im deutschen Theatersystem verhaftet sind –
»Für sie gibt es diese Auseinandersetzung mit dem Kanon nicht, das ist denen herzlich egal und sie verstehen das auch gar nicht. Warum spielt man immer nur alte Stücke? Warum macht man nichts Neues? Sie verstehen sich eben als Theatermacher*innen, die Grenzen der jeweiligen Arbeitsfelder sind viel fließender. Ich finde das sehr anders und radikal und habe das Gefühl, das funktioniert schon deswegen einfacher, weil sie das deutsche Stadttheater nicht kennen. Das ist alles nicht in ihren Köpfen verhaftet. Ich habe hier auch erst gemerkt, wie eng ich in vielen Fragen denke.«
Das Theaterhaus Jena ist ein kleines Theater, aber es gibt Werkstätten usw. Auch wenn man hier Experimente gewöhnt ist, liegen da Verständigungsschwierigkeiten in der Arbeitsweise?
»Zum einen ist das Spontane der Arbeitsweise von Wunderbaum sicher eine Herausforderung für die Gewerke. Zum anderen wirft diese Art zu produzieren auch Zuständigkeitsfragen auf. Wunderbaum sind daran gewöhnt, alles selbst zu machen, z. B. die Requisite und Kostüme einzurichten. Und im deutschen System ist man an eine klare Aufgabenteilung gewöhnt. Das ist nicht immer leicht, diese Denkweisen zusammenzubringen. Oder wer mit den Gewerken kommuniziert, ist auch oft eine Frage. Bei einer Inszenierung hatten wir ganz verschiedene Acts und Szenen, da sind wir selbst oft die Spezialist*innen für eine Szene, d. h. man arbeitet selbst noch weiter dran und ist der/die beste Ansprechpartner*in für den Musikeinsatz usw. Die Gewerke sind dagegen eine klare Kommunikationskette über Regie und Assistenz gewöhnt. Das verändert sich eben auch mit dem Wegfallen von Hierarchie. Solche Vorgänge und Kommunikationswege werden unübersichtlicher.«
Würdest du dich als (Mit-)Autorin der Abende bezeichnen?
»Ja, aber ich begreife das gar nicht so richtig als fertige Texte. Die endgültige Fassung ist auf meinem Computer und ich kann damit machen, was ich will. Wir schreiben immer ›von und mit‹ und es gibt manchmal die Kategorie ›Endregie‹, also jemand, der die letzten zwei Wochen von außen draufguckt.«
Sind bei euren Abenden denn Umbesetzungen möglich?
»Das Thema habe ich gerade wegen meiner anstehenden Elternzeit, außerdem ist ein Kollege an ein anderes Theater gewechselt, sodass wir jetzt zwei Positionen im Stück Nackt umbesetzen müssen. Wir konnten uns das zunächst gar nicht vorstellen, das war ein sehr intimer Prozess, in dem wir auch die Texte selbst geschrieben haben. Aber es war toll, dass wir gefragt wurden. Zwar schon mit der Bitte, dass wir es ermöglichen, aber wenn wir das nicht gewollt hätten, wäre es nicht weitergespielt worden. Dadurch, dass man in die Verantwortung kommt, das zu entscheiden, merkt man: Die Alternative ist, dass wir es gar nicht mehr spielen. Wie geht man damit um, mit diesen sehr persönlichen Texten oder Momenten, wie gibt man die weiter? Das ist das Großartige, aber eben auch eine Verantwortung; ich kann nicht mehr sagen, dass ich die Umbesetzung oder den Spielplan blöd finde, sondern ich muss selbst mit etwas kommen. Mich lockt das aus meiner Komfortzone. Ich muss wirklich Verantwortung übernehmen. Das ist doch seltsam, dass das bei uns in den Köpfen sonst nicht stattfindet, dass man auch als Spieler*in Verantwortung übernehmen und gemeinsam Theater machen kann.«
1Wallenstein – Eine dokumentarische Inszenierung, von: Rimini Protokoll, Leitung: Helgard Haug/Daniel Wetzel, Premiere: 5. Juni 2005, 13. Internationale Schillertage, Probenzentrum Neckerau, Mannheim.
2Dreileben – Ein Projekt übers Sterben, Regie: Gernot Grünewald, Theaterakademie Hamburg 2011.
3Lesbos – Blackbox Europa. Ein Projekt von Gernot Grünewald und Ensemble, Regie: Gernot Grünewald, Premiere: 26. Januar 2017, Deutsches Theater Berlin (Box), Berlin.
4Hereroland. Eine deutsch-namibische Geschichte, Regie: David Ndjavera/Gernot Grünewald, Premiere: 19. Januar 2020, Thalia in der Gaußstraße, Hamburg.
5Salome, nach Oscar Wilde, Autor*in: Thomaspeter Goergen/Orit Nahmias, Regie: Ersan Mondtag, Premiere: 1. Dezember 2018, Maxim Gorki Theater, Berlin.
6Third Generation – Next Generation, Autor*in: Yael Ronen und Ensemble, Premiere: 9. März 2019, Maxim Gorki Theater, Berlin.
7Situation Rooms. Ein Multi Player Video-Stück, von Rimini Protokoll, Leitung: Helgard Haug/Stefan Kaegi/Daniel Wetzel, Premiere: Ruhrtriennale 2013.
8»rua. Kooperative für Text und Regie steht für eine inhaltliche und sich beständig neu definierende Theaterarbeit, welche immer im Diskurs und Austausch über Themen und Ästhetik ist. Text und Inszenierung werden als sich gegenseitig inspirierende Theaterpraktiken gesehen. Neben der klassischen Verlags- und Agenturarbeit wird die vernetzte Zusammenarbeit von Autor*innen und Regisseur*innen gestärkt und praktiziert.« Vgl: https://ruakooperative.de/wir. [abgerufen am 25. Juni 2020].
9Thüringen Megamix, von: Wunderbaum, Premiere: 13. Dezember 2018, Theaterhaus Jena, Jena.
Stefan Tigges
Stückentwicklungen
Szenische Diskurspotentiale und dramaturgische Transformationen
Stückentwicklungen, so mein Ausgangspunkt, rücken sowohl in der künstlerischen Ausbildungspraxis, d. h. in Schauspiel-, Regie- und Dramaturgiestudiengängen, als auch in der Aufführungspraxis seit einigen Jahren verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit. So stellen Stückentwicklungen im Schauspiel gegenwärtig längst keine ästhetische Randerscheinung mehr dar, sondern gehören selbstverständlich zu dessen Repertoire. Noch selbstverständlicher als in Stadttheatern treten Stückentwicklungen in der Freien Szene auf, da diese ästhetisch noch experimentierfreudiger operiert, was sich ebenso in der Vielfalt der Formen von Stückentwicklungen abbildet, die wiederrum unmittelbar mit den spezifischen Produktionsweisen zusammenwirken beziehungsweise aus diesen resultieren.
Einen Sonderfall bilden das Kinder- und Jugendtheater sowie an Theatern angegliederte, zumeist pädagogisch ausgerichtete Jugendklubs oder Bürgerbühnen, in denen Stückentwicklungen aufgrund der stark partizipativ ausgerichteten Spielästhetiken und des emanzipatorischen Selbstverständnisses spätestens seit Ende der sechziger Jahre eher die Regel als eine Ausnahme darstellen.1 Gleiches gilt – wenn auch unter ganz anderen ästhetischen Rahmenbedingungen und Spielregeln – spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert für den Tanz, den Jazz sowie kurz danach für die sich begründende Performancepraxis, da kollektive Stückentwicklungen in diesen Kunstformen de facto die künstlerische DNA bilden.
Die zunehmende Bedeutung von Stückentwicklungen zeigte sich ebenso beim Mülheimer Dramatikerpreis, der 2007 an Rimini Protokoll für Karl Marx. Das Kapital. Erster Band ging. Oder beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, der 2014 nach 35-jähriger Tradition als Plattform junger Dramatik radikal neu ausgerichtet, d. h. für theatrale Formen verschiedenster Art wie Projekte, Performances und damit auch für Stückentwicklungen geöffnet wurde. Entsprechend werden hier die Begriffe Drama/Text sowie Autorschaft neu definiert, indem diese zugunsten von neuen Narrativen aus ihrer zentralperspektivischen, d. h. ihrer fixen Autor-Subjekt verhafteten Verankerung gerissen, kollektiviert und in deren Prozessualität betont werden.2
Exemplarisch für diese Entwicklung ist u. a. die Position des Autors/Regisseurs Falk Richter:
Seit Beginn meiner Arbeit als Dramatiker beschäftigt mich die Frage, wie ich den Textbegriff, den Autorbegriff erweitern kann, welche Möglichkeiten es gibt, die Definition davon beziehungsweise das Verständnis dafür, was ein Text, was ein Stück, was Autor*innen für das Theater sein können, weiter zu fassen und immer wieder mit jeder Arbeit neu zu definieren.3
Das Startmoment für Richters Stückentwicklungen bilden von ihm geschriebene Texte, mit denen er zu Probenbeginn die Schauspieler*innen/Performer*innen oder/und Tänzer*innen konfrontiert, um seine Spielvorlagen im nächsten Schritt kollektiv über- oder weiterzuschreiben und gegebenenfalls neu zusammenzusetzen. Richter präzisiert:
In den letzten Jahren schreibe ich vor allem Materialsammlungen, die ich dann als Ausgangspunkt für meine Inszenierungen nehme. […] In meinen Materialsammlungen versuche ich, mich mit einer Vielzahl von unterschiedlichen dramatischen Schreibweisen einem Thema anzunähern. Ich kann es von unterschiedlichen Perspektiven und mit immer wieder anderen Analysewerkzeugen und mit wechselnden Qualitäten von Sprache und in einem immer anderen Genre untersuchen. Das Thema, das Anliegen, das Stück, der Text befreien sich aus der einen, festen dramatischen Struktur. Es gibt Ansätze von Figuren, Handlung und Geschichten. Vor allem aber geht es um ein Absuchen des Wirklichkeitsraumes: Wie verhält sich das Individuum heute zur Gesellschaft? Wer bestimmt die Diskurse?4
Richter, der seine Stücke in der Regel als Autor ästhetisch präfiguriert, diese am Ende (noch) mit seinem Namen zeichnet und publiziert, weswegen diese prinzipiell auch nachspielbar sind – beansprucht damit eine stärkere individuelle Autoridentität als Künstler(-kollektive), die ihre Stückentwicklungen mit gemeinsamen Recherchen beziehungsweise einer Art Feldforschung einleiten, um daraus (Text-)Material zu generieren und dieses szenisch weiterzuentwickeln. Damit kristallisieren sich zwei Grundtypen von Stückentwicklungen heraus, deren Differenz mit dem jeweiligen Startmoment zusammenhängt: Stückentwicklungen mit einem konkreten Textangebot oder einer Materialsammlung, d. h. einer mehr oder weniger brüchigen, bewusst unfertigen/offenen Spielvorlage. Und Stückentwicklungen, die lediglich durch eine Themensetzung und gegebenenfalls im Vorfeld bestimmte Methodik, wie z. B. eine spezifische Recherchestrategie oder formbewusste Dokumentartechnik, grundabgesichert sind, d. h. programmatisch von einem stärkeren ästhetischen Nullpunkt/Nullstand starten und eine möglichst prägnante kollektive Autorschaft mit einem oftmals signifikanten autobiographischen/autofiktionalen Grad anstreben, die sich szenisch fortschreibt/fortsetzt. Dabei können ebenso eigene wie fremde Texte ins Spiel kommen, wobei, so meine Wahrnehmung, der Anteil von eigenen Texten zunehmend steigt.
Jedoch wird der ästhetisch zu Recht sehr breit gefasste Begriff, von dem ein verstärktes Authentizitäts- und Aktualitätsversprechen des Theaters auszugehen scheint und dem ein Spannungsverhältnis von Theater und Literatur innewohnt, selbst wenn die (dramatische) Literatur eine untergeordnete oder keine Rolle mehr spielt, zu beliebig und undifferenziert verwendet.
I. Traditionslinien in Theaterperformances
Drei zentrale exemplarische Avantgarde-Referenzen, die auf ihre Art jeweils folgenreich die Ästhetik des Schauspiels und damit auch Spielformen der Stückentwicklung beeinflusst haben und zudem als Vorläufer oder Mitbegründer sogenannter postdramatischer Theaterformen angesehen werden können, sind die an der Schnittstelle zum (Sprech-) Theater angesiedelten Arbeiten von Pina Bausch und in deren Nachfolge u. a. Alain Platel. Und als zweite Referenz Arbeiten des von Judith Malina und Julian Beck 1947 begründeten Living Theatres, wobei sich Malina und Beck, und dies ist eine doppelt interessante Fußnote, in einem »Dramatic Workshop« von Erwin Piscator an der New School for Social Research kennenlernten.
Erstens betont die folgenreiche Begegnung von Malina, Beck und Piscator die potentiell erhebliche Schnittmenge der Theater- und (frühen) Performancepraxis, und zwar ebenso in dem Sinne, dass sich Piscators wegweisende multimediale Inszenierungen, wie z. B. Ernst Tollers zeitkritische Reportage Hoppla wir leben (1927), aber auch die Uraufführung von Peter Weiss’ Die Ermittlung (1965) zweifellos als Stückentwicklungen verstehen lassen. Und dies schon wegen ihres dokumentarisch geprägten Ansatzes, der für Stückentwicklungen typisch ist und in der gegenwärtigen Theaterpraxis eine zentrale Rolle spielt – was vor allem mit dem anhaltenden Authentizitätshunger zu erklären ist. Zweitens zeigt sich, dass die New York School for Social Research exemplarisch im Sinne der modernen Avantgarden die Trennlinie zwischen Leben und Kunst aufweicht und darüber hinaus programmatisch verschiedene wissenschaftliche und künstlerische Disziplinen unter einem Dach versammelt, um deren scharfe Grenzziehungen zugunsten von über- sowie ineinandergreifenden Dialogen zu verflüssigen und damit tiefer in die gesellschaftliche Praxis vorzudringen. Darüber hinaus betont die Ausrichtung des Institutes, dass die Schauspielabteilung hier dezidiert als künstlerische Forschung verstanden wird. Oder auf eine kurze Formel gebracht, die heute, speziell in Formen des Artivism, im Fokus steht: Aesthetic Research im Rahmen von Social Research und Aesthetic Research als Social Research.5 Daran anknüpfend lässt sich ebenso ein Zusammenhang zwischen der in den letzten Jahren signifikant aufgewerteten künstlerischen Forschung und der wachsenden Anzahl und Bedeutung von Stückentwicklungen diagnostizieren.
Als dritte Referenz möchte ich Theaterperformances der von Richard Schechner 1967 begründeten Performance Group nennen, die u. a. das frei nach Euripides entwickelte Stück Dionysus in 69 in einer New Yorker Garage realisierte und nach dem Bruch mit Schechner seit 1975 in wechselnden künstlerischen Konstellationen (u. a. Elisabeth LeCompte, William Defoe) als Wooster Group firmiert.
Bemerkenswert ist, dass das Living Theatre und die Performance Group/Wooster Group sich in ihren Theaterperformances trotz verschiedener Ausnahmen immer wieder mit literarischen Texten auseinandersetzen, d. h. klassische oder zeitgenössische Dramen den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten bilden – wenngleich diese dann (sehr) frei szenisch realisiert werden. So inszenierte das Living Theatre in seiner frühen Phase in den fünfziger Jahren Stücke von Jean Cocteau, Bertolt Brecht, T. S. Eliot sowie Gertrude Stein, wobei die Landscape Plays von Stein eine zentrale frühe Referenz postdramatischer Ästhetik darstellen, an die u. a. wiederum Robert Wilson oder Heiner Goebbels in ihren eigenen (Musik-)Theaterarbeiten, aber auch in ihren szenischen Installationen, ästhetisch anknüpfen.6
40 Jahre später zeigt die gerade auch in Europa einflussreiche Wooster Group, dass sie mittels sogenannter postdramatischer Spielästhetiken/Stilmittel – und hier speziell mit technologisch komplexen audio-visuellen Mitteln − in ihren Theaterperformances u. a. in Brace Up! (nach Tschechows Drei Schwestern, 1991/2003), To You, The Birdie! (nach Phèdre von Jean Racine, 2002) sowie Hamlet (2006) diese Traditionslinien nicht zerschneidet, d. h. ihr Verhältnis zur Literatur/Dramatik keineswegs aufkündigt.
Gerade diese Beispiele unterstreichen nochmals, dass Theaterperformances dem Theater nicht prinzipiell die Literatur entziehen, sondern vielmehr eine Dynamisierung und Erweiterung der Funktionen und Bedeutung von Literarizität in/von theatralen Formen motivieren. Im Hinblick auf diese spezifischen Traditionslinien werde ich im Folgenden aufzeigen, dass zeitgenössische Stückentwicklungen bewusst an Ästhetiken sowie künstlerische Strategien von Theaterperformances anknüpfen – dabei aber zunehmend − einen entscheidenden Schritt vollziehen:
Zeitgenössische Stückentwicklungen lösen sich immer stärker von literarischen/dramatischen Spielvorlagen, womit eine ästhetische Zäsur eingeleitet wird, die wohl einen der folgenreichsten Einschnitte in der jüngeren Praxis des Schauspiels markiert.
Typisch ist hier u. a. die Position von Rimini Protokoll, deren Methode sowie Haltung Stefan Kaegi stellvertretend auf den Punkt bringt:
Eine unserer Entscheidungen von Anfang an war, dass wir zu dem, was wir tun, immer Theater gesagt haben. Die Stoßrichtung ging nicht gleich Richtung Bildende Kunst oder Performance. Rollenspiel und Fiktion wollten wir nicht, aber Themen wie Narration oder auch Identifikation haben immer eine Rolle gespielt. […] Die Geschichten selbst müssen nicht erfunden werden, es gilt, sie einzurahmen, auszuwählen und zu fokussieren, zu verbinden, sodass das Publikum sie selbst mit dem eigenen Hermeneutik-Mikroskop durchleuchten kann.7
Genauso folgenreich, wenn auch unter einem anderen Blickwinkel, stellt sich der nachstehende, im Genter Manifest festgehaltene Passus dar, der allerdings die Frage aufwirft, ob der hier federführende Milo Rau mit diesem selbst auferlegten Gebot nicht zugleich die künstlerische Freiheit des/seines (Stadt-)Theaters beschneidet, indem er dessen potentielle Spielräume (fahrlässig) verkleinert: »Die wörtliche Adaption von Klassikern auf der Bühne ist verboten. Wenn zu Probenbeginn ein Text – ein Buch, Film oder Theaterstück – vorliegt, darf dieser maximal 20 Prozent der Vorstellungsdauer ausmachen.«8
Aus den zuvor genannten Punkten ergeben sich zahlreiche Fragen und nicht unerhebliche Risiken. Es steht im wahrsten Sinne des Wortes viel auf dem Spiel! Für die Schauspieler*innen bildet sich ein ebenso grundlegend neues Rollenverständnis wie geändertes Verhältnis zum Stück heraus.
Welche Folgen sind damit verbunden, wenn bei Stückentwicklungen »die klassische Trennung der Arbeitsbereiche Textproduktion, Dramaturgie, Regie und Schauspiel herausgefordert und mitunter aufgehoben wird«9? Dass Stückentwicklungen eine höhere künstlerische Eigenverantwortung sowie schauspielerische Autonomie einfordern/freisetzen, betont auch der Grazer Schauspielabsolvent Michael Sumper in Bezug auf seine Erfahrungen in My lovely Europe. Ein Heimatabend: »Auch ist man nicht so sehr an die Erfüllung und Gestaltung des vorgeschriebenen Textes gebunden, sondern bis zu einem gewissen Grad sein eigener Autor, sein eigener Regisseur, sein eigener Dramaturg.«10 Und genau diese spezifische schauspielerische Gratwanderung steht im Fokus von avancierten Darstellungs- und damit zusammenwirkenden Dramaturgiediskursen.
II. Traditionslinien im Schauspiel. Stückentwicklungen im Spiegel des dramatischen und postdramatischen Theaters.
Mündige Künstler*innen nehmen sich nicht vor, dramatisches oder postdramatisches Theater zu machen und lassen sich ästhetisch auch nachträglich höchst unwillig in diese Kategorien einordnen. Zu Recht – weshalb sich eine (strikt gedachte) Dichotomie beider Formen auch in der Theoriebildung des Theaters als nicht produktiv erwiesen hat.
Die Darstellungsweisen, Ausdrucksmittel und Formen des Theaters sind heute vielfältig und differenzieren sich fortlaufend ästhetisch aus. So gilt auch weiterhin in Bezug auf die Künste, und darauf wies schon Brecht sinngemäß hin, dass »neue Zeiten neue Formen des Theaters brauchen«11. Dies gilt auch nach dem von Hans-Thies Lehmann 1999 formulierten »Ende des dramatischen Paradigmas«.12 Heute zeigt sich jedoch, dass dramatische Theaterformen nicht ausgestorben sind und auch nicht absterben werden, solange diese sich weiterentwickeln, d. h. kontinuierlich transformieren. Und dieses Potential an Erneuerung – und eben nicht bloße Wiederbelebungs- oder Musealisierungsstrategien − liegt, so meine Einschätzung, weiterhin vor.13
Postdramatische Theaterformen, die als eine Entwicklungsfolge sowie wesentliche Spielvariante des dramatischen Theaters auftreten, sind also weder als Synonym für zeitgemäßes/zeitgenössisches Theater noch als (alleiniges) Synonym für moderne Theater-Avantgarden zu denken. Genauso wenig sind postdramatische Theaterformen von ihrer Struktur her per se politischer als andere Formen des Theaters, auch weil postdramatische Theaterformen, wie auch andere, z. B. post-epische Theaterformen, längst weitere ästhetische Dynamiken motiviert haben. So wird immer spürbarer, dass auch postdramatische Theaterformen nicht nur längst klassisch geworden sind, sondern ebenso als Mainstream zum Teil ästhetisch erheblich ermüden – was auch wiederholt an ihrer übertriebenen Selbstreferenzialität sowie Tendenz zur spielerischen Eindimensionalität in Form des unterdrückten spielerischen Handelns liegt.14
Was bedeutet dies nun im Kontext von Stückentwicklungen? Zeitgenössische Stückentwicklungen sind weder zwangsläufig postdramatisch noch an eine konkrete Theaterästhetik beziehungsweise spezifische Theaterform gebunden. Stückentwicklungen sind eine Spielart des ästhetisch hybriden zeitgenössischen Theaters und entwickeln einen spezifischen ästhetischen Eigensinn, der sich nur bedingt ›labellisieren‹ lässt. Zudem fordern Stückentwicklungen jeweils eine spezifische Dramaturgie ein, wobei sie sich wiederholt mittels nicht-mimetischer Ausdrucksmittel beziehungsweise durch den Abbau oder die Abwesenheit von dramatischen Äußerungen von primär dramatisch geprägten Theaterformen absetzen.
Bedenkenswert ist in diesem Kontext auch eine Diagnose Christopher Rüpings, der in aktuellen Theaterformen und damit auch in Stückentwicklungen eine verstärkte Tendenz zu ›Ersatzdramaturgien‹ wahrnimmt. Rüping meint hier sowohl die »Netflixication kanonischer Texte, d. h. das Nachdichten von Klassikern im Stil einer Netflix-Serie« als auch das »Nachbauen der Erfahrungswelten bildender Künstler*innen« im Theater und präzisiert: »Was fehlt, sind theaterspezifische Dramaturgien: zeitgenössische Weltentwürfe, die sich nur im Theater ereignen können, weil ihre Prämisse die analoge Kopräsenz von denkenden, atmenden Zuschauer*innen und denkenden, atmenden Spieler*innen ist.«15
Wie die Herausforderungen und Profile von avancierten zeitgenössischen Dramaturgien, die sich bewusst als »gesellschaftliches Handeln« verstehen, aussehen könn(t)en, zeigt folgende Positionsbestimmung:
Neue Dramaturgien werden tätig. Nicht nur, indem sie konventionelle Lesarten von Bildern, Texten und Kunstwerken verschieben oder gängige Definitionen von Begriffen erweitern. Sie handeln, indem sie die Migration von Aussagen und die performative Kraft von Sprechakten vorbereiten und inszenieren. Sie kommen zu sich selbst – als wesenhaft transdisziplinäre und kollaborative Tätigkeit –, wenn sie tatsächliche und mögliche, regionale und internationale Öffentlichkeiten von Theater verweben und orchestrieren, wenn Dramaturgie als Praxis des gemeinsamen Denkens begriffen wird, die ihre Virtuosität aus überraschenden Verschränkungen von Rede und Gegenrede, Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit gewinnt, die sie erst zu organisieren weiß. Dann können unerwartete Nachbarschaften sichtbar, Formate transformiert und gesellschaftliche Andersmöglichkeiten belegt werden.16
Stückentwicklungen, die in der Regel möglichst hohe performative Energien anstreben, von denen sie sich eine höhere ästhetische/politische Sprengkraft erwarten, sind wiederum zumeist selbst ästhetische Hybride, da sie auf unterschiedliche Stilmittel zurückgreifen und mit divergierenden künstlerischen Strategien operieren.
Ein Moment sollte dennoch nicht vergessen werden: Stückentwicklungen sind zutiefst mit der Tradition des dramatischen Theaters verbunden. So beginnt die Geschichte der Stückentwicklung mit dem ältesten erhaltenen Drama Die Perser, das Aischylos für den im Rahmen der Dionysien stattfindenden Dramatikerwettbewerb entwickelte und 472 v. Chr. in Athen (selbst) zur Uraufführung brachte. Machen wir einen theatergeschichtlichen Zeitsprung in die siebziger Jahre und rufen uns weitere Stückentwicklungen in Erinnerung, die aus heutiger Sicht ästhetisch erstaunlich avanciert wirken und szenische Diskurspotentiale aktueller Stückentwicklungen präfigurieren. Schauplatz der folgenden Beispiele ist die Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin, die sich in dieser Phase zu einer der künstlerisch fortschrittlichsten Bühnen Europas entwickelt und von einem Leitungsteam (um Peter Stein sowie u. a. dem Dramaturgen Dieter Sturm) gesteuert wird.
III. Archäologie des Gegenwartstheaters
1.) Szenische Ausgrabungen. Die Grundlagen des Theaters
Antikenprojekt I – Erster Abend. Übungen für die Schauspieler unter der Gesamtleitung von Peter Stein sowie Antikenprojekt I – Zweiter Abend. Die Bakchen von Euripides in der Regie von Klaus-Michael Grüber, Premieren jeweils am 6. beziehungsweise 7. Februar 1974 in dem extra von Karl-Ernst Herrmann umgebauten Philips-Pavillon der Berliner Messehallen.
Der zweite Teil des Antikenprojektes Die Orestie des Aischylos wird erst sechs Jahre später mit Peter Steins fast zehnstündiger Inszenierung an der Schaubühne am Halleschen Ufer realisiert. Die Inszenierungen der Bakchen und der Orestie, die in Bezug auf die Spielästhetik und die Stilmittel ästhetisch diametral zueinanderstehen, müssen hier leider ausgeklammert werden.17
Bemerkenswert sind alleine schon 1.) die Hervorhebung des für Stückentwicklungen typischen Projekt-Gedankens im Übertitel des Gesamtvorhabens; 2.) die am ersten Abend bewusst verweigerte Spielvorlage in Form eines vorliegenden (dramatischen) Textes; 3.) der dramaturgisch-künstlerische Leitgedanke mit den Übungen für die Schauspieler konsequenterweise das Antikenprojekt zu beginnen und diese aufzuführen; 4.) die Schauspieler*innen ausdrücklich im Titel hervorzuheben; und 5.) damit auch den Gedanken des im Haus angestrebten künstlerischen Mitbestimmungsmodells anzudeuten. Dieses Bedürfnis nach mehr Mitbestimmung erfährt aktuell unter anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen eine erhebliche neue politische Aufladung, die sich auch in aktuellen Stückentwicklungen ausdrückt, die zum Teil sehr konkret die unmittelbar zusammenspielenden strukturellen und ästhetischen Diskurse verhandeln und zeitgenössische Alternativen szenisch zu etablieren versuchen.
Bezeichnend für den ersten Abend des Antikenprojektes ist insbesondere ein Moment, das ich als Performativität zweiten Grades bezeichnen möchte: die Potenzierung des Hervorbringens eines Stückes in Form einer reflexiven Making-of-Ästhetik. Gemeint ist damit nicht die spielerische Hervorbringung und deren unmittelbare szenisch-diskursive Thematisierung im Hier und Jetzt, die ich als Performativität ersten Grades bezeichnen würde. Stattdessen geht es bei der Performativität zweiten Grades zusätzlich darum, den Vorraum der Aufführung, d. h. die zurückliegende Probenarbeit, offenzulegen, indem Suchbewegungen in Form von Arbeitsständen und Entwicklungsprozessen offensiv in die Aufführung einfließen und in dieser spielerisch-reflexiv kenntlich gemacht sowie kontextualisiert werden. Diese Performativität zweiten Grades, die offensiv mit prozessualen, d. h. bewusst offenen Ästhetiken, experimentiert, spielt in der gegenwärtigen Schauspiel-/Performancepraxis und damit auch in Stückentwicklungen eine immer wichtigere Rolle. Dies zeigt sich in einem ästhetisch höchst unterschiedlichen Spektrum, wie z. B. in Arbeiten von Forced Entertainment, vom Nature Theater of Oklahoma, von Angélica Liddell, Rodrigo Garcia, She She Pop, René Pollesch, Falk Richter, Gob Squad, Yael Ronen, Christopher Rüping, Thorsten Lensing, Philippe Quesne, Thom Luz oder Johan Simons.18 Übungen für die Schauspieler macht genau dies, wird aber darüber hinaus erst zu einer vollwertigeren Stückentwicklung, indem die Schauspieler*innen nicht nur Übungen vollziehen sowie gemeinsam improvisieren, sondern u. a. konkrete Jagd-, Opfer- und Beschneidungsriten reenacten und dabei kritisch befragen. Entscheidend ist, dass der Abend auch deshalb über eine »nur geschmackvoll verkörperte Völkerkunde« hinausgeht, da »die Reflexionen der Schauspieler auf sich selbst« im Mittelpunkt stehen.19
Peter Iden präzisiert: »Wie sich selbst spielend erfahren, und das heißt: wie sie erfahren, was spielen ist, welche Beziehungen zum Beispiel zwischen psychischen Dispositionen und körperlichem Ausdruck bestehen und wie Darstellung und Wirklichkeit aufeinander zubewegt werden können.«20 Hinzu kommt, dass das sich in unmittelbarer Nähe zu den Schauspieler*innen befindende und zum Teil durch die Halle bewegende Publikum schon durch die Raumordnung dramaturgisch in die Übungen eingebunden wird, d. h. sich wie in Happenings wiederholt neu positioniert, wechselnde Perspektiven einnimmt und dabei seine eigenen Seherfahrungen aktiv hinterfragt.
Diese Prozesse werden bewusst von der Regie angestiftet, die weder die »Eindrücke der Zuschauer vorsortiert« noch auf dem Spielfeld (fixe) »Hierarchien« motiviert.21 Die Aufführung übt noch eine weitere Funktion aus, indem sie nicht nur auf die vorangestellte Probenarbeit verweist, um diese in Anwesenheit des Publikums im Rahmen einer Aufführung zu aktualisieren, sondern die Aufführung konsequent als Fortsetzung der Probenarbeit begreift.
Die Arbeit öffnet ebenso ein zukünftiges Zeitfenster, indem die Schauspieler*innen aus den Übungen bewusst den Folgeabend mit ihren individuellen Erfahrungen sowie dem kollektiv generiertem szenischen Wissen künstlerisch vorgrundieren. Auch, wenn Grüber in seiner Bakchen-Inszenierung mit dem identischen Ensemble, das parallel die Übungen probte, unter ganz anderen Spielvoraussetzungen eine völlig andere Spielästhetik entwickelt.
2.) Schauspieler*innen als geschichtsbewusste szenische Forscher
Shakespeares Memory I und II, Regie: Peter Stein, Premiere am 22. und 23. Dezember 1976, CCC-Film-Studio 4, Berlin-Spandau, Gesamtdauer: ca. sieben Stunden.
Und wieder der signifikante Entwicklungsgedanke im Rahmen eines neuen, über sich hinauswachsenden Großprojektes, das wie Übungen für die Schauspieler auf eine konkrete Spielvorlage in Form eines (dramatischen) Textes verzichtet, aber im Vergleich dazu aufgrund seiner Kunst-/Wissensformen übergreifenden Ästhetik, die sich auch in der vielschichtigen Raumdramaturgie/Ausstattungsästhetik widerspiegelt, noch komplexer ist.
Jedoch werden im ersten Teil wenige und im zweiten Teil Shakespeares Eiland eine Vielzahl von Szenensplittern aus Shakespeares Stücken als eine Art Potpourri in den Raum gesprochen.22
Shakespeares Memory ist eine szenische Recherche und Wegbereiter für die ein Jahr später folgende Inszenierung von Wie es euch gefällt, die Stein am selben Ort realisieren wird.
Allein der vieldeutige Arbeitstitel: Shakespeares Memory − »Shakespeares Gedächtnis«, aber auch »Erinnerungen an Shakespeare« −, der sofort eine Reibung zwischen Gegenwart und Geschichte motiviert, aber auch programmatisch die Frage nach den einzunehmenden Standpunkten stellt. Und genau um die von den Schauspieler*innen und dem Publikum auszuhandelnden sowie einzunehmenden Standpunkte geht es in erster Linie.
Der Ausgangspunkt aus der Perspektive der Schaubühne: »Ehe wir eines der Stücke Shakespeares spielen, müssen wir uns mit den historischen Voraussetzungen beschäftigen, unter denen Shakespeare gelebt und gearbeitet hat, wobei schon diese Beschäftigung sich der Darstellungs-Mittel des Theaters bedienen soll.«23 Übersetzt bedeutet dies nichts anderes als kollektive künstlerische (Grundlagen-)Forschung mit der Intention, dass sich theoretische (und hier vor allem philosophische) und künstlerische Positionen experimentell durchdringen und sich als szenisches Wissen möglichst produktiv binden, damit dieses neue Erkenntnisse generiert, die dann auch in die Folgearbeit einfließen können. Eigentlich, so Benjamin Henrichs, eine »legitime Absicht, ein Zwischenergebnis, eine Materialsammlung zu publizieren über die Arbeit des Ensembles an Shakespeare, etwas Vorläufiges und Fragmentarisches auszustellen.«24
Die für Stückentwicklungen zentrale Herausforderung besteht nun darin, wie spielerisch und wie spielerisch mit dem kollektiv angereicherten Material umzugehen ist und welche adäquaten Darstellungsmittel sowie Spielweisen in diesem Prozess zu entwickeln sind. Dabei stellen sich gleich mehrere Herausforderungen: 1.) die Anstiftung, Entfaltung und Vitalität des Spielens, da Stückentwicklungen aufgrund ihrer Materiallast dazu neigen, das Spielen zugunsten des Transportes sowie der möglichst reflexiven Vermittlung der Inhalte zu vernachlässigen und entsprechend diskurszentriert auftreten zu können. 2.) Das Problem des »Verhältnisses von Dokumentationsabsichten und Spielelementen« sowie die Intention, dass sich beide Momente möglichst produktiv, d. h. spielerisch vermischen und diskursiv durchdringen, wobei diese Strategie ebenso Risiken in Form von inhaltlichen Verwässerungen oder spielerischen Abstumpfungen in sich birgt.25
Hierbei ist u. a. zu beachten, dass »die szenische Darstellung eines Dokumentes zwangsläufig auch dessen inhaltliche Aussage verwandelt« – was die Schauspieler*innen mit einer erkennbaren Haltung szenisch mitverhandeln müssen, womit automatisch deren szenisches Bewusstsein steigt.26 3.) Die Entwicklung eines ausgeprägten Formbewusstseins, das gerade deshalb so entscheidend ist, weil Stückentwicklungen zumeist offene, heterogene oder/und hybride Formen anstreben. 4.) Speziell im Kontext der Formfrage zeigt sich, dass Stückentwicklungen wiederholt den Charakter von szenischen Essays annehmen. Damit stellt sich die Frage, wie dieses bewusst brüchige/fragmentierte »laute Nachdenken« auf der Bühne im Sinne von Kleists »allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Reden« und die von den Schauspieler*innen begründeten »Denkbilder« auch spielerisch produktiv von diesen eingebunden werden können. Dabei gilt es zu vermeiden, dass die Gedanken weder monolithisch auf der Bühne für sich oder ausschließlich frontal zum Publikum stehen noch die Schauspieler*innen lediglich als spielgehemmte statische Diskurslautsprecher agieren.
Konturiere ich zunächst die Ästhetik des Essays, die Adorno in Der Essay als Form in den fünfziger Jahren reflektiert, so stellt der Essay nach Adorno die »kritische Form par excellence« dar, die sich »gegen die Idee des Hauptwerks sträubt«, wobei der Essay sich grundsätzlich durch seine Offenheit, seine Brüche, seine Auslassungen und durch die »Akzentuierung des Partiellen gegenüber der Totale« in Form des »Stückhaften« auszeichnet.27 Weitere Kennzeichen sind die »Dichte der Verflechtungen« sowie seine sich gegen »bündige Ableitungen stellenden Querverbindungen«, aber auch seine ausgeprägte Augenblicksgebundenheit sowie Selbstreflexivität.28 Relevant ist auch Adornos folgender Hinweis: »Das Bewusstsein der Nichtidentität von Darstellung und Sache nötigt jene zur unbeschränkten Anstrengung. Das allein ist das Kunstähnliche des Essays.«29
Es überrascht wenig, dass der Essay mit seinen spezifischen Wesens- und Formmerkmalen auch im Kontext der künstlerischen Forschung prominent auftritt. So notiert Kathrin Busch in einem Handbucheintrag zum Essay:
Der Essay ist die Kunstform der Theorie. In ihm figurieren sich Gedanken zu einer ästhetischen Gestalt. Als künstlerische Form des Denkens ist der Essay vorbildlich für das Forschen in den Künsten, sofern es sich nicht auf die Seite der Wissenschaften schlägt. Der Essay, wörtlich als Versuch übersetzt, meint ein tastendes und erwägendes Verfahren, ein auf Erkenntnis ausgerichtetes Tun, das sich seinem Gegenstand als einem Unbekannten nähert, um ihn zu erkunden. Essay bezeichnet daher die Vollzugsform des Erkennens unter den Bedingungen der Darstellung, die nicht ein zuvor gewonnenes Wissen präsentiert, sondern es in und durch den Ausdruck entstehen lässt. Aus dem Erkennen wird ein Ereignis, das Wissen erscheint als Werdendes.30
Hans-Thies Lehmann ist wohl einer der Ersten, der den Begriff 1999 theoretisch in den unmittelbaren ästhetischen Kontext des Theaters über-setzt und dabei auf eine Strategie hinweist, die seitdem spürbar an Einfluss gewonnen hat:
Theoretische, philosophische oder theaterästhetische Texte werden aus ihrer Behausung des Lesezimmers, der Universität oder der Theaterschule geholt und auf der Bühne präsentiert – durchaus mit dem Bewusstsein, dass das Publikum der Ansicht zuneigen könnte, solcher Beschäftigung sollten die Schauspieler vor der Aufführung nachgehen.31
Und genau diese Diagnose trifft bereits auf Shakespeares Memory zu, das mit der von Dieter Sturm entwickelten anspruchsvollen Meta-Dramaturgie bewusst Grenzen sprengt. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das im Probenprozess generierte Über-Material das Ensemble in seiner spielerischen Präsenz nicht zu ersticken und das Publikum zu überfordern droht.
Es geht um Bilder und Texte, so der Untertext von Shakespeares Memory, wobei das Programmheft bewusst als Wegweiser bezeichnet wird, der drei Stationen nennt, die sich wiederum in zahlreiche Unterkapitel gliedern: 1.) Mummenschanz, 2.) Das Bankett – hier sitzen die Schauspieler*innen und Zuschauer*innen gemeinsam an einer langen Tischreihe; 3.) Das Museum – sowie für den zweiten Abend 4.) Shakespeares Eiland.
Wie ästhetisch heterogen und hybrid, aber auch gedankenlastig der erste Teil von Shakespeares Memory ist, drückt sich bereits in der Vielfalt und Dichte des szenisch zu bewältigenden Materials aus, das von den Schauspieler*innen sowie dem Publikum in Form eines Parcours durchlaufen und an verschiedenen Orten mit wechselnden Bühnenbildern und zahlreichen Requisiten spielerisch dreidimensional verhandelt wird.
Drei Momente sind hier hervorzuheben: 1.) die choreographische Dimension: So spielt das Bewegungsmoment in der Halle, d. h. das kollektive Durchwandern von (Geistes-)Welten, eine zentrale Rolle, wobei die Schauspieler*innen immer wieder als Choreographen agieren, indem sie die Zuschauer*innen durch die Räume bewegen/lenken und dabei neue Spielorte/Schauplätze begründen.
Jedoch erhalten die Zuschauer*innen ebenso ihre eigenen Freiräume, indem sich diese zum Teil autonom durch die Räume und zum Teil parallel ablaufenden Szenen bewegen können und dabei ihre individuelle Choreographie entwickeln. Ebenso bekommen die Zuschauer*innen im Verlauf des Parcours wiederholt Handzettel mit Textauszügen, die sie vor Ort lesen oder mit nach Hause nehmen können. Darüber hinaus werden einzelne Zuschauer*innen zu Zuhörer*innen, indem sie sich Auszüge aus Leonardo da Vincis Traktat von der Malerei (1481–1499) über Kopfhörer anhören, oder kollektiv mit den Schauspieler*innen einer vom Ton eingespielten Funkaufnahme Fritz Kortners mit Auszügen aus King Lear (1958) zuhören können. 2.) Der hohe dramaturgische Mitschöpfungsgrad aller Beteiligten. Elementar für dieses sich kontinuierlich neu konfigurierende performative installative Setting ist, dass sowohl die Schauspieler*innen als auch die Zuschauer*innen ebenso in die Rolle von Dramaturg*innen schlüpfen, indem sie sich in und zwischen künstlerischen, (natur-)wissenschaftlichen sowie philosophischen Positionen bewegen, darin verorten und das sowohl ausgestellte als auch spielerisch live hervorgerufene »Material« gedanklich erfassen, deuten, verknüpfen und szenisch einbetten, d. h. im Rahmen der Meta-Dramaturgie zunächst ihre eigene Dramaturgie entwickeln müssen. 3.) Die ästhetischen Reibungsmomente zwischen den spielerischen Handlungen sowie Darbietungen der Schauspieler*innen und den ausgestellten Objekten sowie Dokumenten.
Dabei wird einerseits der handwerkliche und hohe ästhetische Eigenwert der Ausstellungsobjekte thematisiert, wie z. B. bei einigen von Moidele Bickel bewusst auf einem Wagen ausgestellten und nach historischen Vorlagen entworfenen Kostümen. Anderseits werden Requisiten als reale Gegenstände ausgestellt, wie z. B. eine Original-Projektionskugel aus einem Zeiss-Planetarium. Ein weiteres ästhetisches Spannungsmoment bilden zahlreiche Nachbildungen/Nachstellungen, die entweder als Bühnenbildelemente fungieren, ins Spiel miteinbezogen werden oder in Kabinetten ausgestellt und zum Teil von den Schauspieler*innen erläutert werden.
So finden sich u. a. folgende Nachbildungen/Nachstellungen: einem aus einem Bild von Piero della Francesca nachgestellten »Humanistenwagen«, auf dem wiederum eine Büste Ciceros sowie Personifikationen von Grammatik, Rhetorik und Dialektik auftreten; ein für das Publikum begehbares und von den Schauspieler*innen bespieltes Rundtheater nach einem Entwurf Leonardo da Vincis (1532); Nachbildungen astronomischer Instrumente aus dem 16./17. Jahrhundert, die in einer »Astronomiewerkstatt« ausgestellt werden; ein »Sphärenmodell« in Form von Nachbildungen von Darstellungen des Mittelalters und der Renaissance zum Verhältnis von Mikro- und Makrokosmos – das damit nochmals die Leitvorstellung dieser Stückentwicklung visualisiert; riesige raumaufteilende Welträderprospekte; sowie ein »Emblem- und Gestenregal«, in denen plastische Nachbildungen von Renaissance-Emblemen und rhetorische Gesten ausgestellt und mittels Texten erklärt werden.
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