Read the book: «Time Is Now»
Die Schweizer Popmusik ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und seit einigen Jahren feiern jüngere Musikerinnen und Musiker auch international Erfolge, etwa Sophie Hunger, Bonaparte und Valeska Steiner von Boy. Und seit Ende der Neunzigerjahre hat sich eine kreative Umgebung entfaltet, zu der neben den Musikern auch Clubs, Festivals, Labels, Radiostationen, Szenenmagazine und anderes mehr gehören.
Und doch gelten Popmusiker in der Schweiz noch immer als Amateure. Dass ihre Erfolge Resultat harter Arbeit, einem breiten Networking und auch jahrelanger Förderung sind, wird kaum wahrgenommen.
«Time Is Now» thematisiert diese Situation mit Hilfe von Geschichten und Analysen und will das Bewusstsein für die Vielfalt, die Professionalität, aber auch für die Herausforderungen der Popszene fördern.
Pop Music Culture
Eine Reihe des Migros-Kulturprozent
Band 1
www.popmusicculture.ch
Time
Is
Now
Popmusik in der
Schweiz heute
Herausgegeben von Hedy Graber, Dominik Landwehr und Philipp Schnyder von Wartensee im Auftrag des Migros-Kulturprozent
Beiträge von Christoph Fellmann, Hedy Graber, Carole Gröflin, Ane Hebeisen, Martina Kammermann, Hanspeter Künzler, Dominik Landwehr, Lena Rittmeyer, Adrian Schräder, Christophe Schenk, Philipp Schnyder und Renzo Wellinger
Gespräche mit Brandy Butler, Fabian Chiquet, Joy Frempong und Marcel Blatti (Oy), Jimi Jules und Tobias Jundt (Bonaparte)
Limmat Verlag
Zürich
Inhaltsverzeichnis
Editorial
Die neue Folklore
Ausflug in die Basisgitarrendemokratie
Musiker sein
«Es bräuchte etwas mehr Selbstbewusstsein in der Schweiz». Brandy Butler, Fabian Chiquet und Jimi Jules im Gespräch
Hallo Leidenschaft!
Eine kurze Geschichte der Popmusik im Radio
Kaufst du noch?
Oder streamst du schon? Die neue Medienzentrale Smartphone
Clips, Klicks Cash
Musikvideos und ihre Tantiemen
Via Berlin
«Man muss Tag und Nacht dran sein!» Joy Frempong, Marcel Blatti und Tobias Jundt im Gespräch
Live Is Life
Das Konzertland Schweiz
Sophies Liebling hebt ab
Auf Tour mit Faber
Welscher Sonderfall?
Die Musikszene der Romandie
Rappen am Rand
Spurensuche in der Hip-Hop-Szene
London calling
Alle Wege führen nach London – bloss wie?
Treffpunkt m4music
Zahlen und Fakten
Glossar
Literatur
Biografien
Impressum
Editorial
Bestandesaufnahme zur Popmusik in der Schweiz.
Von Hedy Graber, Dominik Landwehr und Philipp Schnyder von Wartensee
Popmusik ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Sie tönt aus dem Kinderzimmer, dröhnt vom Pausenplatz und hat die Altersheime erreicht. Sie füllt Stadien, Lifte, Autos, Kopfhörer, Clubs, Wohnzimmer, Shops, Übungsräume. Wir hören Englisch, Mundart oder Bum-Tz-Bum-Tz. Wenn sie nicht schon da ist, tragen wir sie mit dem Smartphone hin. Erstaunlicherweise lieben wir sie immer noch.
Wir bewundern Beyoncé auf Youtube, hören Bob Dylan auf Vinyl und kaufen Tickets fürs Montreux Jazz Festival. Derweil heisst der Deutschschweizer Star der Gegenwart Bligg. Er ist zum Musikprofi geworden in einer Zeit, die inhaltlich wenig, aber technisch viel Neues gebracht hat. Die digitale Revolution hat in Form von MP3, illegalen Tauschbörsen wie Napster und Streamingdiensten die Popmusik als erste Kultursparte durchgeschüttelt und entmaterialisiert. So ist die Innovation der Musik treu geblieben, auch wenn keine neuen Akkorde und identitätsstiftenden Frisuren erfunden worden sind. Den Ton gibt heute nicht mehr das kritische Musikgenie, sondern das verknüpfende Internet an. Und das Netz ist noch nicht fertig gewoben.
Vor zwanzig Jahren haben wir beim Migros-Kulturprozent begonnen, das Popmusikfestival m4music auszuhecken. Es sollte ähnlich dem Internet ein Treffpunkt sein, der Grenzen überwindet, Wissen verbreitet, zum Networking einlädt und Bands eine Plattform bietet. Wir haben bei ausländischen Festivals spioniert, Brücken in die Romandie geschlagen und 1998 das erste «M for Music» in Zürich auf die Beine gestellt. Inzwischen ist m4music zum Zentrum unserer Förderaktivitäten im Bereich Pop geworden. Wichtigstes Ziel damals wie heute: die fortschreitende Professionalisierung der Schweizer Popmusikszene mit Projekten und Finanzierungsbeiträgen zu unterstützen. Einige Themen haben uns immer besonders interessiert: der Wandel, den die Musik durch das Internet erfährt, die Förderung von Strukturen bei den Indielabels oder der Zugang zu neuem Publikum dank Videoclips und dem Vermittler Swiss Music Export. Dieses Interesse spiegelt sich auch in der vorliegenden Publikation «Time Is Now», die wir nicht nur als handfestes Buch veröffentlicht haben, sondern auch als frei zugängliche Website.
Obwohl Popmusik auch in der Schweiz im Leben so vieler Menschen eine wichtige Rolle spielt, existieren zum Thema erstaunlich wenig Publikationen mit hiesigem Absender. Das hat uns motiviert, einige der führenden Popmusikjournalistinnen und -journalisten anzufragen, ausgewählte Themen zu beleuchten und dabei folgende Fragen im Hinterkopf zu behalten: Wie ist der Zustand der Schweizer Popmusikszene? Was zeichnet sie aus? Wo liegen Potenziale und Chancen? Was braucht es, damit sich diese entwickeln können und besser wahrgenommen werden?
Die Leserin oder der Leser vermisst vielleicht den einen oder anderen grossen Namen. Das hat drei Gründe. Erstens: Diese Publikation fokussiert auf die Gegenwart – Darstellungen zur Geschichte der Schweizer Popmusik existieren ja bereits einige. Zweitens: Der Förderschwerpunkt des Migros-Kulturprozent liegt auf einheimischer Musik, neuen Talenten und unabhängigen Strukturen – und damit also auf Künstlern ausserhalb des breiten Mainstreams. «Time Is Now» ist kein Verzeichnis von Schweizer Popbands, sondern eine reflexive Momentaufnahme, wobei auch Musikerinnen und Musiker so oft wie möglich selber zu Wort kommen, so in den beiden längeren Interviews mit Fabian Chiquet, Jimi James und Brandy Butler. Joy Frempong, Marcel Blatti und Tobias Jundt leben in Berlin und im Gespräch erzählen sie, was es für Vorteile hat, ausserhalb der Schweiz zu leben. Und wie erging es der Nachwuchshoffnung Faber auf seiner Tour durch Deutschland? Carole Gröflin hat den Sänger begleitet. Adrian Schräder schliesslich leuchtet in eine weitgehend unbekannte Nische des Schweizer Pops und zeigt, welche Rolle Rap bei Künstlern mit Migrationshintergrund spielt. Pop wird hier zu einem Medium der Identitätsstiftung. Dass diese Szene noch nicht auf dem Radar der Integrationsförderung aufgetaucht ist, macht sie erst recht authentisch.
Doch wie wurde Pop überhaupt allgegenwärtig in der Schweiz? Christoph Fellmann beschreibt diese Transformation der Popmusik von der Subkultur zur Volkskultur. Der Preis: Eine gewisse Gleichförmigkeit. Medien haben in der Geschichte der Musik immer eine entscheidende Rolle für die Verbreitung gespielt, angefangen von der Erfindung der Schallplatte über die 45er-Single und die CD bis zum Siegeszug des Internets. Drei Medienthemen werden in diesem Buch vertieft: Ane Hebeisen spricht die veränderte Rolle des Radios an, das auch heute noch eine wichtige Rolle für die Promotion von Pop spielt. Martina Kammermann beschreibt den Siegeszug der digitalen Musik, die angesichts der kleinen Einnahmemöglichkeiten heute vor allem die Konsumenten und Plattformbetreiber glücklich macht. Mehr denn je ist der Videoclip ein zentrales Marketinginstrument. Lena Rittmeyer zeigt in ihrem Beitrag, wie souverän Bands dies heute pflegen. Die Bedeutung von professionellen Videoclips ist auch ein Beispiel, das zeigt, wie stark die Popmusik heute Teil eines kreativen Netzwerkes ist. Zu diesem zählen neben Grafikern und Webdesigner auch die Veranstalter und Vermittler, beispielsweise Clubverantwortliche und Festivalorganisatoren. Sie kommen im Text von Renzo Wellinger zu Wort.
In kaum einer Kultursparte ist der Graben zwischen der deutschen und der französischen Schweiz kleiner als in der Popmusik – auch wenn die Dynamik zur Zeit vor allem in eine Richtung geht: Christophe Schenk zeigt, wie Popmusiker aus der Romandie ihren Blick nach Aussen richten müssen; Auftritte in der deutschen Schweiz stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Eine Aussenperspektive ganz anderer Art nimmt der Auslandschweizer Hanspeter Künzler ein, der seit den Siebzigerjahren als Musikjournalist in England lebt: London ist trotz der Attraktivität Berlins weiterhin das Traumziel vieler Schweizer Popmusiker. Dabei dürfte sich die eine oder andere Band aber überschätzen, denn wer jenseits des Kanals bekannt werden will, muss zu härtester Knochenarbeit bereit sein.
«Time Is Now» ist auch keine Enzyklopädie des Schweizer Pop. Die Texte im Anhang sollen das Buch dennoch zu einem kleinen Nachschlagewerk machen mit einem Glossar, das die wichtigsten Begriffe erklärt, den wichtigsten Zahlen und Fakten zum Schweizer Popmarkt, einem Literaturverzeichnis sowie kurzen Abriss des Musikfestivals m4music, dessen Geschichte zusammenfällt mit der Professionalisierung der Schweizer Popszene und ihrer Transformation durch die Digitalisierung.
Die Autorinnen und Autoren von «Time Is Now» sind alle Kenner der Schweizer Popszene. Ihre Beschreibungen und Analysen fallen meist kritisch, sicher erfrischend aus. Kritik, mitunter auch heftig vorgetragen, hat die Popmusik bis heute begleitet. Kaum ein Argument, das nicht gegen sie vorgebracht wurde. Waren es zunächst ästhetische Argumente, so wurden es später ökonomische: Hat eine Band Erfolg, so ist der Vorwurf, «kommerziell» zu sein, nicht weit. Kontroversen zeugen aber von Leben, und sie sind allemal besser als Gleichgültigkeit. Ja, wir wünschen uns manchmal gar, dass ein solch kritischer Geist die gesamte Kulturberichterstattung durchfliessen würde.
Das Migros-Kulturprozent fördert Popkultur seit Langem als wichtige Kultur- und Lebensform in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Mit dieser Publikation dokumentieren wir Haltungen, die in der heutigen Zeit massgebend und relevant sind. Als privater Kulturförderer sehen wir uns durchaus in einer Vorreiterrolle, wenn es darum geht, Themen, die das gesellschaftliche Miteinander betreffen, zu fördern und – wie die vorliegende Publikation zeigt – zu dokumentieren.
An wen richtet sich «Time Is Now»? Ganz einfach, an alle Musikinteressierten. An jene, die täglich Popmusik hören ebenso wie jene, die das nicht tun. «Time Is Now» will auch mehr sein als ein Buch zur Schweizer Popmusik: Es ist eine Momentaufnahme einer Szene, die in der heutigen Gesellschaft eine tragende Rolle spielt: vielfältig und kontrovers, leidenschaftlich und poetisch, grenzüberschreitend und vital, utopisch und zukunftsweisend. Kurz, let the music play!
Zürich im Sommer 2016
Die neue Folklore
Sechzig Jahre nach seiner Entstehung in den USA ist Pop auch bei uns zur Musik geworden, die unseren Alltag begleitet und in der wir unser Leben wiedererkennen. Die Bandprobe ist gesellschaftlich nicht weniger akzeptiert als der Jassabend. So verwandelt sich Pop – abseits der glitzernden Kulissen des Starsystems – zurück in eine folkloristische Kultur, in ein riesiges, unerforschliches Hinterland.
Von Christoph Fellmann
Eine beliebige Bushaltestelle im Schweizer Mittelland zu einem beliebigen Zeitpunkt. An der Seitenwand hängen Plakate, die für Veranstaltungen werben. Für eine klassische Soiree, ein Kindertheater, ein Musical, drei Popkonzerte und vier Partys, auf denen DJs ebenfalls Popmusik auflegen. Vor den Plakaten warten acht Personen auf den Bus, und sechs davon hören Musik. Gefragt, was das ist, was sie hören, antworten alle sechs mit Namen von Popmusikern. Es ist offensichtlich: Pop ist, sechzig Jahre nach seiner Entstehung in den USA, auch bei uns zur Musik geworden, die unseren Alltag begleitet und in der wir unser Leben wiedererkennen. Pop ist unsere Volksmusik, und ebenfalls so gut wie an den Bushaltestellen des Mittellandes erkennt man das am Programm der kommerziellen Radiosender, die eben nicht Ländler spielen oder volkstümlichen Schlager, sondern internationalen Pop.
Es heisst, die Nachfrage bestimme das Angebot, aber da wird die Sache kompliziert. Klar, das Publikum hat heute mehr Musik zur Verfügung denn je, und es war auch noch nie so einfach, ein Lied zu produzieren und zu veröffentlichen. Bei Soundcloud etwa, einem Streamingdienst mit Sitz in Berlin, gibt es über hundert Millionen Titel gratis, und jede Minute wird nach Angaben des Dienstes von den vierzig Millionen registrierten Usern zwölf Stunden neue Musik hochgeladen. Doch all diese Musik wird von kaum jemandem gehört. Eine Studie über den Onlinehandel mit Musik im Jahr 2008 unterstreicht den Befund: Damals standen rund dreizehn Millionen Songs im Internet zum Verkauf. Zehn Millionen wurden kein einziges Mal verkauft, und 0,4 Prozent der Songs sorgten für über achtzig Prozent der Einnahmen. «Das Internet hat nichts daran geändert, dass die meisten Leute das hören wollen, was alle anderen auch hören», schreibt John Seabrook in «The Song Machine», seiner Recherche über die Massenproduktion von Hits in der Musikindustrie: «Die Hits sind grösser denn je.»
So mag es eine erfreuliche Nachricht sein, dass die Musikbranche zuletzt ihren fünfzehnjährigen Niedergang stoppen konnte – dank des Streamings, aber auch dank eines enormen Booms im Konzertgeschäft. Weniger erfreulich ist, dass davon, in den virtuellen Musikshops wie auch auf der Bühne, letztlich nur ein kleiner, exklusiver Kreis von Künstlern profitiert. Und dahinter verwandelt sich Pop zurück in eine folkloristische Kultur, in ein riesiges, unerforschliches Hinterland. Weitab der glitzernden Kulissen des Starsystems dienen die Lieder hier dem Alltagsgebrauch ganz gewöhnlicher Menschen. Hier spielen die Sänger, DJs und Bands eine meist gewöhnliche, vertraute Musik; eine Musik, die ihnen mehr ein sozialer Zeitvertreib ist als eine künstlerische Ambition. Verdienen werden sie damit nie viel mehr, als ein rühriges Profil auf Bandcamp, ein schmales Konto bei der Urheberrechtsgesellschaft und die Hutkollekte hergeben. Diese Musiker führen ein Künstlerleben mehr oder weniger innerhalb der eigenen Community – zwischen den immer gleichen Clubs, Kaffeehaus- und Wohnzimmerkonzerten sowie, wenn es hochkommt, der Main Stage am lokalen Open Air.
Das klingt und ist nicht glamourös. Wie viele Leute aber an diesem Leben trotzdem teilhaben wollen, zeigt sich auch in der Schweiz immer wieder. Für die «Demotape Clinic» etwa, einen Nachwuchswettbewerb des Migros-Kulturprozents, bewerben sich jedes Jahr rund siebenhundert Bands. Und im Rockförderverein Basel sind über fünfhundert Acts aus der Stadt und Region angeschlossen. Der Verein ist einzigartig in der Schweiz, aber in anderen grossen Agglomerationen des Landes wie in Zürich, Genf, Lausanne oder Bern dürfte die Dichte an aktiven Popmusikern genauso gross sein. Sie alle bilden eine Volkskultur auch darum, weil sie seit den Neunzigerjahren keine Subkultur mehr sind. Die Bandprobe ist gesellschaftlich nicht weniger akzeptiert als der Jassabend, und längst spielt Pop in einem politisch breit abgestützten Netzwerk von professionell oder auch ehrenamtlich geführten Bühnen. Ob nun die Schülerband im Jugendhaus vor den Peers aufspielt, oder ob fünf Mittvierziger das Stadtfest mit alten und neuen Hits von Pearl Jam bis Adele beschallen: Die meisten dieser Konzerte locken nicht eingeweihte «Fans» an, die mit einer bestimmten Band auch an einem bestimmten Lebens- oder Gesellschaftsentwurf riechen wollen. Pop fördert nicht mehr die Distinktion, sondern führt die unterschiedlichsten Leute zusammen.
Bezeichnend ist, dass die Sprache dieser neuen Volkskultur global ist. Klar, da sind lokale Dialekte vernehmbar, doch auch sie ruhen jederzeit griffbereit im grossen und ganzen Archiv der Cloud und sind damit nur noch als Tradition lokal, nicht mehr in der handlichen Anwendung per Klick. So hat, mit einigen Ausnahmen, auch der Schweizer Mundartpop aufgehört, über die Schweiz zu erzählen, und dekliniert die gleichen Befindlichkeiten durch, wie sie auch ein Justin Bieber verhandelt. Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch: Pop bringt als Volkskultur zwar sehr viele Leute zusammen, aber nicht dadurch, dass er von einem «Wir» erzählt, sondern immer wieder von einem «Ich». Aber dieses «Ich» ist wiederum eingeschrumpft auf den kleinsten globalen Nenner: Es ist nämlich gerade glücklich oder – häufiger – unglücklich verliebt und geht durch melancholische Phasen. Es will aber trotzdem nicht die Welt verändern, sondern sich selbst treu bleiben.
Aber haben das Volkslieder nicht schon immer geleistet, einfach nicht auf globaler, sondern auf lokaler Ebene? Wer sich in einem solchen Global-Ich wiedererkennt, drückt sich mit einem Lied von Justin Bieber oder Rihanna genauso aus, wie es unsere Vorfahren mit einem Volkslied wie «Stets i truure» taten. Und tatsächlich werden ja alle diese Lieder im Augenblick ihres Erscheinens zum Allgemeingut: Die einschlägigen Seiten im Internet bunkern ihre Akkordfolgen und Texte, und auf Youtube gibt es die Tutorials, in denen man lernen kann, wie man sie richtig spielt. Zum Beispiel «Hello», den Welthit von Adele vom Herbst 2015. Es gibt auf Youtube mehrere hundert Versionen des Songs, es gibt ihn auf Spanisch, auf Russisch und auf Suaheli. Es gibt «Hello» als Pianosolo und auf der ukrainischen Laute. Es gibt «Hello» als Reggae, als Metal und als Rap. Es gibt «Hello» in der geschmeidigen Soulversion eines Leroy Sanchez, die von 29 Millionen Menschen angesurft wurde, oder von Jessica Muniz, deren melodramatisch vor einer Holzbrücke eingesungene Version zum guten Glück nur 108 Mal gesehen wurde.
Das Internet gleicht hier einem virtuellen Hootenanny, an dem alle zusammenkommen, um ein paar Lieder zu singen, die jeder kennt. Und niemand hat diesen Sachverhalt so liebevoll und ironisch auf den Punkt gebracht wie der US-Songwriter Beck Hansen, als er 2012 seinen «Song Reader» veröffentlichte. Denn dieses Album gab es nicht als LP oder CD oder Download, sondern nur als Notenbuch, und die erste Single war eine vierseitige Partitur in G-Dur. Ein nostalgisches Unterfangen, gewiss, doch gab es zum sorgfältig manufakturierten Büchlein auch eine gleichnamige Website, auf der Hansen nun die Videoclips mit all den Versionen veröffentlichte, die bald aus aller Welt bei ihm eintrafen. Und was für ein wunderbarer Einblick das war in die Küchen und Stuben der weltweiten Basisgitarrendemokratie! Die neueste Single von Beck direkt vom Stubenklavier in Rümmelsheim oder aus der Einbauküche in
St. Petersburg. Der stromlose Weltpop vor der Digicam als Hausmusik der digitalen Nomaden.
All diese Direktverschaltungen einer neuen Heimeligkeit mit dem World Wide Web passen gut zum Phänomen, dass Folk seit einigen Jahren auch als musikalischer Stil boomt. Bands wie die Fleet Foxes, Bon Iver oder Mumford & Sons verkaufen ihre Lieder in millionenfacher Auflage und spielen in grossen, ausverkauften Sälen. Zu ihrem halb akustischen Hymnensound tragen sie Bart und Bauernhemd und zitieren damit jene regionale, ländliche Verwurzelung herbei, die ihr globalisierter Folkpop nicht mehr hergibt. Aber das ist natürlich kein Widerspruch, sondern ein Erfolgsrezept: Folk erreicht die Massen darum, weil er eine Gegenerzählung zur Globalisierung schreibt, die global lesbar ist. Der «Song Reader» von Beck war der perfekte Kommentar dazu: Denn der neuen Folkbasis genügt es eben nicht, zu Hause auf dem Sofa diese Lieder zu singen; die Welt soll auch sehen, wie das Sofa aussieht, und hören, wie schön das Lied nun klingt. Das also ist Pop als Volkskultur, und vice versa. Das ist Cocooning als Castingshow, ein Rückzug ins Private, der wahrgenommen und bewertet werden will. «Thanks for sharing», schreiben noch die verschupftesten der Adele-Adepten zu ihrer Version von «Hello».
Eines fällt auf an all diesen halbanonymen Menschen und ihren Versionen von «Hello»: So gut wie nie verstehen sie ihr Cover als Spiel mit dem Original oder sogar als Parodie. Sieht man sich ähnliche Videos an, die Fans von Madonna, Michael Jackson oder Prince gemacht haben, den Superstars aus den Achtzigerjahren, zeigt sich ein ganz anderes Bild: Eine belustigte Distanz prägt die meisten Filmchen, die Sängerinnen und Tänzer eifern dem Star nicht einfach nach, sondern treten bewusst als Epigonen auf, die natürlich scheitern müssen. Es ist, als liessen sie die herrlichen Identitätsangebote, die ihnen die Stars machen, in die Realität zurückfallen: Wenn sich Madonna in «Hung Up» (2005) mit 47 Jahren noch einmal als belastbare Stretcherin und Turnerin profilierte, so kann man zusehen, wie sich ihre real existierenden Verkörperungen mitten in der Performance schon mal im Schritt das recht verschwitzte Trikot richten müssen. Die Performance der Stars prallt so aus einiger Fallhöhe im Alltag der Internetgemeinde auf. Doch es ist nicht so, dass der Star darum banal würde. Im Gegenteil: Der Vorgang macht beide grösser, die Banalität wie den Star. Es ist die pure Popmagie.
Bei Adele sind die wenigen Parodien schrill, sogar bösartig. Die meisten Videos zeigen aber Sängerinnen und Sänger, die sehr bemüht sind, sich selbst auszudrücken mit ausgerechnet einem der durchgenudeltsten Radiohits der letzten Jahre. Gut, man könnte sagen, in den Songs der britischen Soulsängerin gehe es gerade um den authentischen Gefühlsausdruck, während Madonna ja mit verschiedenen Identitäten gearbeitet habe. Das stimmt natürlich, aber vielleicht ist es kein Zufall, dass der grösste Popstar der Gegenwart das alte Popspiel um die Frage, wer man auch noch sein und wie man auch noch leben könnte, nicht mehr mitspielt.
Adele verkauft Echtheit, Bodenständigkeit und Identifikation. Es sind die Werte einer Volkskultur. Aufdatiert wurden sie durch und für die moderne Castinggesellschaft, in der es eben nicht um die schönsten Lebensentwürfe geht, sondern darum, das allgemein bekannte Programm möglichst als Klassenbester zu durchlaufen.
Aber natürlich gibt es die, die dabei nicht gesehen werden. Menschen wie Jessica Muniz mit ihren 108 Views. Aber da ist ein Künstler, der sich gerade für die Sperr- und Todeszonen der Aufmerksamkeitswirtschaft interessiert. Er heisst James Hinton, nennt sich The Range und sampelt für seine eleganten elektronischen Songs die Stimmen, wie sie aus dem Pophinterland zu ihm kommen. «Hier gibt es eine viel breitere Palette an Gefühlen und Geschichten als auf der Oberfläche von Youtube», hat Hinton in einem Interview erklärt, «und man bekommt es mit wirklichen und interessanten Dingen zu tun.» Der 27-jährige Amerikaner hat also in den Tiefen des Internets nach Originalen gefahndet, genau so, wie Harry Smith für seine berühmte «Anthology of American Folk Music» von 1952 im unüberblickbaren Wust der alten Folkmusik die wunderlichsten und ergreifendsten Stimmen aufspürte. Die «Anthology» wurde zu einer der einflussreichsten Liedersammlungen der Geschichte, sie beschwor eine Gegenwelt zum Alltag, das «old weird America». Und entwarf so in 84 seltsamen, betörenden Folkaufnahmen den Mythos vom Rock ’n’ Roll.
Vielleicht lässt sich davon lernen. Wenn Pop aus der Volkskultur wieder herausfinden will, muss er ihr unwegsamstes Gelände erforschen. Da fährt zwar kein Bus hin. Aber vielleicht beginnen die Appalachen ja schon auf der 28. Resultatsseite unserer nächsten Googlesuche. Wer geht mit ins new weird Web?
Musiker sein
Wie sieht der Alltag von Schweizer Popmusikern aus? Brandy Butler, Fabian Chiquet und Jimi Jules im Gespräch mit Dominik Landwehr und Philipp Schnyder von Wartensee.
Brandy Butler (*1979): Amerikanerin, die seit dreizehn Jahren in der Schweiz lebt. Musikerin, Sängerin, Schauspielerin. Verfolgt eigene Projekte unter ihrem eigenen Namen: Brandy Butler and the Brokenhearted, Chambersoul, Dee Dee Day Club, Brandy Butler and the Fonxionaires. Arbeitet auch mit Kindern (Muki-Musik).
Fabian Chiquet (*1985): Hat 2006 zusammen Elia Rediger die Band The bianca Story gegründet und diverse Alben produziert, u.a. auch im Kunstbereich. Produziert auch Musik für Theater. Sein Soloprojekt The Wedding Party Massacre war 2016 auch am m4music zu sehen.
Jimi Jules (*1987): Macht elektronische Musik seit acht Jahren. Zuvor eher Rock, aber auch Klassik und Jazz. Schwerpunkt liegt heute auf der Produktion von Musik für Dritte.
Wenn wir uns die Kurzbeschreibung Eurer musikalischen Tätigkeit ansehen, dann fällt uns eines auf: Vielfalt, jeder hat mehr als ein Standbein. Stimmt das? Und welches war Euer erfolgreichstes Projekt der letzten Jahre?
Jimi Jules: Jeder von uns hat Projekte, mit denen er Geld verdient, und andere, die er vielleicht eher als Hobby betreibt.
Brandy Butler: Ich bin selber sehr kreativ und habe extrem viele Ideen. Ich habe ein grosses Netzwerk und finde es auch sehr wichtig, in der Gemeinschaft verankert zu sein.
Jimi: Ich habe vor zwei Jahren den Song «Pushing On» produziert, der überall ausser in der Schweiz vorne in den Charts war: in England, Belgien, USA. Ich hatte gar nicht geplant, den Song rauszubringen. Zuerst war er in den Undergroundplattformen ganz vorn, also da, wo DJs ihre Musik holen.
Hast Du hier auch Geld verdient? Wenn ja, wie viel?
Jimi: Ja, da habe ich Geld verdient und konnte sogar die Schulden aus meinem Studium zurückbezahlen. Wie viel? Das sag ich nicht. Aber mit einem Song, der in England in den Top Ten ist, verdient man schon Geld. Ich konnte auch Filmlizenzen verkaufen, das war sehr toll.
Man hört oft, mit Popmusik könne man kein Geld mehr verdienen. Du hast offenbar den Traum jedes Popmusikers realisieren können …
Fabian Chiquet: Die Träume der Popmusiker sind sehr unterschiedlich, und da geht es auch nicht immer um Geld. Mein Traum ist es, alle Künste miteinander zu verbinden. Musik ist für mich immer Teil eines Gesamtkunstwerkes. Deshalb unterscheide ich auch nicht zwischen verschiedenen Bereichen. Beides ist wichtig: Musik und die Kunst der Inszenierung, und mit beidem ist es möglich, Geld zu verdienen: Mit The bianca Story habe ich auch viele Songs geschrieben, die im Radio gespielt wurden – der wohl erfolgreichste war übrigens der Remix eines deutschen DJs, der dann auch im Fernsehen benutzt wurde. Wir haben aber auch Geld verdient mit Auftragsmusik für Theaterproduktionen, wo es finanziell dank besserer Subventionen ganz anders aussieht.
Brandy: Für mich ist Erfolg etwas, was mich berührt hat. Ich habe für grosse Künstler im Background singen können und habe mich sehr über ihren Erfolg gefreut. Für mich ist zum Beispiel mein Kinderprojekt sehr wichtig und auch meine stabilste Einkommensquelle. Das ist sehr bereichernd für mich. Es ist für mich sehr wichtig, mit Menschen zusammen zu sein und die Liebe zur Musik weitergeben zu können.
Von den Erfolgen der Vergangenheit zu den Herausforderungen der Gegenwart: Was ist für Euch im Moment die grösste Herausforderung?
Jimi: Ich mache alle paar Monate EPs. Mitte Juni kommt eine Auskoppelung aus meinem Album. Im August mein Projekt mit Kalabrese. Im September das Album und danach eine Tour … das braucht Nerven und Energie auch am Wochenende und in der Nacht. Das Reisen ist sehr anstrengend. Als DJ ist man oft zwanzig Stunden unterwegs, um dann zwei Stunden Musik zu machen. Das Geld kriegt man für die Reise, und der Rest ist Spass.
Fabian: Ich produziere im Moment vor allem im Studio und komponiere neue Werke. Das braucht zwar viele Nerven, dafür kann man sehr unabhängig entscheiden, wann man arbeiten will.
Brandy: Ich arbeite im Moment an einem Soloalbum und war gerade mit Eurovision als Backgroundsängerin unterwegs. Dann habe ich eine Tournee mit Erika Stucky gemacht. Ich mache etwas weniger für andere und bin zum ersten Mal im Sommer nicht unterwegs. Ich habe ein Projekt mit dem Pianisten Bojan Z aus Paris, das fast fertig ist, und bin mit Duck Duck Grey aus Genf am Arbeiten, das gibt das erste Popprojekt. Ich habe auch ein neues feministisches Musikprojekt am Start.
Wie ist bei Euch das Verhältnis zwischen administrativer und kreativer Arbeit?
Brandy: Früher habe ich alles allein gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass ich gar nicht überall gleich gut bin. Deshalb arbeite ich nun mit einem Produzenten, einem Booker.
Jimi: Bei uns machen sehr wenige das Booking selber. Wir müssen mit Agenturen arbeiten. Auch habe ich einen persönlichen Manager, der mir hilft, die Zeit einzuteilen.
Fabian: Unterschiedlich, aber das Kreative überwiegt. Es ist immer alles eine Frage des Fokus. Es ist schwierig, mit den vielen Wünschen und Träumen umzugehen. Man muss sich entscheiden und dann etwas durchziehen, sonst verzettelt man sich. Es ist oft besser, weniger zu machen und das dafür richtig gut. Qualität braucht Zeit.
Ihr habt eine grosse Freiheit. Gibts manchmal auch Momente, in denen ihr lieber einen geregelten Job hättet?
Fabian: Ja, die gibt es. Grundsätzlich würde ich meinen Job aber als ziemlich geregelt bezeichnen, es ist ja meine Entscheidung, wie ich ihn ausfüllen möchte. Was ich mir eher wünschen würde, wäre besser abschalten zu können. Das ginge vielleicht einfacher in einem Job, wo man nicht so existenziell vom Erfolg seiner Projekte abhängig ist.
Jimi: Ich habe auch eine Familie. Früher war ich Tag und Nacht unterwegs. Heute ist das nicht mehr so. Seitdem ich ein Kind habe, mache ich oft am Vormittag die anspruchsvollen Sachen und nicht mehr in der Nacht.
Brandy: Ich hab in den USA als Primarlehrerin gearbeitet und fand das extrem anstrengend. Ich geniesse mein Leben heute, es ist viel einfacher. Ich habe ein Kind, aber arbeite nicht nach einem fixen Plan.
Den Popmusikern haftet ja das Klischee vom wilden Leben an. Davon ist bei Euch nichts mehr zu spüren.
Brandy: Wir leben in einer anderen Zeit. Die Leute gehen nicht mehr so gerne aus. Man macht vieles zuhause, schaut Netflix … Die Szene ist viel ruhiger geworden. Früher ist man mit allen seinen Freunden zum Konzert gegangen, heute ist das nicht mehr so.
Jimi: Die Popwelt ist anständiger geworden. Das Business ist wichtiger. Früher hat niemand die elektronische Clubmusik ernst genommen. Heute ist alles viel sauberer geworden. Alles ist geordnet. Es gibt keine Möglichkeit mehr, irgendwie in ein Konzert reinzuschleichen. Ich war als Kind oft mit der Mutter in der Berner Reithalle. Es gab überall Türen, wo man hineinkommen konnte. Am Gurtenfestival hab ich nie Eintritt bezahlt. Heute geht das nicht mehr. Es ist alles geordnet, und man darf nicht einmal mehr Getränke selber zum Festival mitnehmen.
Fabian: Mich interessiert das Klischee von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll viel weniger als das Finden eines Gemeinschaftsgefühls. Man findet das heute eher in den Nischen, und die sind zum Teil gross. Ich denke zum Beispiel an die Black-Metal-Szene. In diesen Nischen und Szenen gibt es sehr wohl noch ein Gemeinschaftsgefühl wie in der Hippiezeit. Ich war letztes Wochenende auf einer Party, die via SMS organisiert wurde – und da waren am Schluss tausend Leute und haben um ein paar Lautsprecher herum herumgetanzt.
Von der Szene nun zur Musik: Was hat sich beim Musikmachen in den letzten zehn Jahren geändert?
Fabian: Früher war es wichtig, dass man nahe beieinander gewohnt hat. Heute kann man viel mehr am Computer machen, und es spielt nicht mehr so eine Rolle, wo man lebt. Man entwickelt die ersten Ideen zuhause am Computer, tauscht sich international aus und trifft sich zu einem viel späteren Zeitpunkt.
Das gilt ja nicht nur für das Songwriting, es gilt auch für die Produktion und die Distribution: Heute passiert alles am Computer. Der einzelne hat jetzt plötzlich wahnsinnig viele Möglichkeiten.
Jimi: Dank des Computers hat man die Möglichkeit, alles total anders zu machen. Dafür entwickelt man nicht mehr so viel zusammen.
Brandy: Ich bin schon fast dreissig Jahre als Musikerin unterwegs. Mir scheint, die Qualität ist heute viel besser als noch vor zwanzig oder dreissig Jahren. Ein Song muss von Anfang an gut sein. Und du musst als Künstler nicht nur gute Musik machen, du musst auch ein guter Entertainer sein, ein gute Lightshow haben. Für mich kommt das Menschliche heute fast etwas zu kurz.
Jimi: Du kannst heute alles sofort hören. Aber am Schluss zählt immer noch die Qualität der Musik. Das hat sich nicht geändert. Es braucht auch heute eine Message.
Musikmachen in der Schweiz: Wie ist das für Euch? Und was sind Vorteile und Nachteile?
Brandy: Hier ist es im Gegensatz zu den USA viel einfacher, Unterstützung für ein Projekt zu erhalten. Ich habe für mein neuestes Projekt zum Beispiel Geld vom Popkredit der Stadt Zürich und auch vom Kanton Zürich erhalten, auch vom Migros-Kulturprozent und von der Ernst Göhner Stiftung. Aber es fehlt etwas an Kampfgeist. In London oder in den USA gibts viel mehr Konkurrenz, und du musst für dein Projekt kämpfen.
Jimi: In der Schweiz ist die Ausbildung am besten, es gibt viele Möglichkeiten, zu spielen. Aber es fehlt die Begeisterung beim Publikum. Die Leute sind verwöhnt und haben alles. Der Schritt ins Ausland ist deshalb einfacher. Den Kampfgeist brauchst du schon in der Schweiz.
Fabian: Für mich ist die Mentalität in der Schweiz nicht grundsätzlich anders als anderswo. Ich halte dieses Nationalitätendenken für sehr langweilig. Ich finde, wir sind hier extrem privilegiert in Sachen Ausbildung und Unterstützung. In England zum Beispiel gibts viel weniger Förderung, und oft ist diese dann mit sehr strengen Auflagen verbunden. In der Schweiz sind die Förderer grosszügig. Deshalb wird hier viel qualitativ hochstehende Kunst und Musik produziert.
Wie sieht es mit der Exportförderung aus? Wird hier genug unternommen?
Fabian: Wir sind mit The bianca Story sehr früh ins Ausland gegangen und haben auch von der Exportförderung profitiert. Das ist extrem wichtig. Es braucht aber nicht nur Unterstützung für die Musiker, es braucht auch vernetzte Leute und tragfähige Strukturen. Dazu gehören auch Labels und Booker. Auch sie müssen sich besser vernetzen, denn hier gibt es fast die grösseren Defizite. Aber momentan tut sich viel.
Brandy: Ich war zwei Wochen für den Eurovision Song Contest als Backgroundsängerin unterwegs. Mir ist aufgefallen, wie man die Schweiz im Ausland wahrnimmt. Hier gibts schon Defizite, und vielerorts wird die Schweiz immer noch mit Schweden verwechselt. Die Szene ist in den letzten Jahren sehr gewachsen, und es gibt viele Musiker, die grosses Potenzial haben. Wir müssen ins Ausland gehen und haben auch etwas zu bieten. Es braucht deshalb Netzwerke und Plattformen.
Jimi: Es gibt auch Schweizer Musiker, die kennt man nur im Ausland und bei uns nicht, gerade in der Technoszene: Ripperton, Deetron, Luciano, Mirco, Andrea, Adriatique … Das sind Top Shots der elektronischen Szene, aber in der Schweiz kennt sie kein Mensch. Mir ist das mit meinem Song «Pushing On» so gegangen: Im Radio fand man, er ist zu sehr Underground. Britische Radiosender haben ihn in der Tagesrotation gespielt … Es bräuchte etwas mehr Selbstbewusstsein in der Schweiz …
Die Popmusik ist eine Männerwelt. Laut Suisa sind fünfzehn Prozent der Komponisten aus der Schweiz Frauen.
Brandy: Ich will eine musikalische Frauen-Community aufbauen. Mich stört es, dass ständig über meinen Körper und meine Hautfarbe geredet wird und nicht über die Musik. Wenn ich das aber sage, dann werde ich kritisiert. Auch der Jazz ist übrigens total männerdominiert, gerade in den USA, wo ich die Jazzschule gemacht habe. Ich will dafür kämpfen, dass das anders wird. Es gibt nicht genug Frauen in der Szene, und es braucht Ideen, wie man das ändern kann. Und es braucht auch Action!
Jimi: Ich glaube, kurzfristig ist das sehr schwierig zu ändern. Aber die Generation der Jungen heute, die tickt schon ganz anders.
Viele Veranstalter klagen, dass die Gagen in den letzten Jahren gestiegen sind. Gilt das auch für Eure Gagen?
Jimi: Meine Gage ist mit dem Erfolg gestiegen. Ich habe den Eindruck, dass die grossen mehr verdienen und die kleinen weniger. Viele müssen auch gratis spielen. Es ist alles viel professioneller geworden. Die Clubs und die Veranstalter haben Auflagen, und das macht die Konzerte teurer.
Fabian: Meine Gagen sind auch gestiegen. Ich bin allerdings kein Veranstalter und kann deshalb nicht sagen, ob sich dies überproportional zum Bekanntheitsgrad verhält.
Brandy: In den USA gabs keine festen Gagen, wir waren einfach an den Ticketeinnahmen beteiligt. Das Modell kommt immer mehr auch in die Schweiz. Der Veranstalter sagt: Wir sind ein Venue, du musst aber deine Fans bringen. Es gibt immer weniger Clubs mit Stammpublikum. Vor zehn Jahren habe ich pro Konzert zweihundert bis dreihundert Franken verdient. Heute genau gleich viel. Das ist sehr wenig, und davon zu leben ist schwierig. Acht bis zehn Gigs pro Monat machen zweitausend Franken pro Monat, das reicht kaum. Früher war es auch klar, ich musste jede Anfrage annehmen.
Habt Ihr eine Pensionskasse?
Brandy: Ich habe eine Pensionskasse.
Jimi: Ich zahle das Minimum. Für mich ist es wichtig, viele Songs zu machen, das ist auch eine Altersvorsorge.
Fabian: Ja. Wenn man ein Kind hat, macht man sich da mehr Gedanken.
Welche Wünsche an die Kulturförderung habt ihr?
Jimi: Ich wünsche mir mehr Musik in der Öffentlichkeit, mehr Musik und Leben in der Strasse und weniger Einschränkungen und Verbote durch die städtischen Behörden.
Fabian: Ich sehe das auch so. Ich wünsche mir aber auch mehr Frauenförderung – nicht nur in der Musik selber, auch im Hintergrund bei den Labels und Bookers. Es braucht hier unbedingt Ideen, um diesen beschämenden Prozentsatz von Frauen in der Musikindustrie zu ändern.
Brandy: Mir ist Musik im Alltag wichtig. In der Kultur der amerikanischen Schwarzen gab es früher Musik für jede Zeit. Ich finde Musikförderung an den Schulen sehr wichtig. Die Musik gehört zum Leben.
Hallo Leidenschaft!
Vor noch gar nicht so langer Zeit hatte das Radio das Zeug, den Musikliebhaber vor das Gerät zu fesseln. Heute ist Radio nur wenig mehr als Begleitmedium. Radiopersönlichkeiten verschwinden, schon heute werden die Programme von Computern gemacht. Hat das Medium Radio so überhaupt noch eine Zukunft?
Von Ane Hebeisen
Einst hatte der Chronist das Vergnügen, den Fredy aus Pieterlen kennenzulernen. Er hatte sich in den frühen Achtzigerjahren einen Namen gemacht, indem er praktisch jede Plattenverlosung der Musiksendung «Sounds!», die bis 1983 noch auf DRS 2 ausgestrahlt wurde, für sich entschied. Er war stets ein bisschen schneller als die Restschweiz, weil er ein Telefon mit Tasten und keins mit Wählscheibe besass. Und das Erstaunliche: Der Fredy aus Pieterlen ist noch heute in der Lage, aus dem Stegreif Ansagen des damaligen Moderators François Mürner – mitsamt den entsprechenden Jingles – zu rezitieren. Und er ist beileibe nicht der Einzige mit dieser merkwürdigen Fähigkeit.
Es gibt kaum einen Musikschaffenden, der in den Neunziger- oder in den Nullerjahren relevante Beiträge zur Schweizer Musik beisteuerte und nicht im Besitz von Kassetten war, auf denen sich Mitschnitte diverser «Sounds!»-Sendungen finden. Pro Sendung – sie dauerte 45 Minuten – hat man im Minimum einen Song entdeckt, für den sich der «Record»-Knopf zu drücken lohnte. Und weil sie so kurzweilig war, nahm man die Abmoderation gleich noch mit auf. Es soll Leute geben, die diese Kassettensammlung bis heute aufbewahrt haben. Sowohl hier wie in der Vorgängersendung «Musik aus London» wurden Einblicke in eine Musikwelt geboten, die nicht i das damals noch recht übersichtliche Schema von U- und E-Musik oder in die Radio-Beromünster-Welt passen wollten. Da gab es Punk zu entdecken, Vorboten der Neuen Deutschen Welle, Postpunk, erste elektronische Essays, und neben der neuesten Musik gab es Information, Inbrunst und ein bisschen Irrsinn.
«Ach, lieber Chronist», werden die Menschen der Neuzeit nun stirnrunzelnd einwenden. «Es ist ja schön, dass Sie solch nette Erinnerungen an das Medium Radio haben, doch im Hier und Heute ist nicht nur das Format der Kompaktkassette ziemlich aus der Mode gekommen, man verfügt auch schon seit einiger Zeit über etwas benutzerfreundlichere Informationsmöglichkeiten, als pünktlich um 18.05 Uhr mit einem Aufnahmegerät vor dem Radioempfänger zu sitzen. Ausserdem können die Radios von heute nichts dafür, dass die Welt nun schon seit längerer Zeit keine aufregende Jugendkultur mehr hervorgebracht hat.» Und die Menschen der Neuzeit haben natürlich recht. Die Gefahr ist beträchtlich, bei der Analyse des Mediums Radio in eine ungute Nostalgieschmacht zu verfallen. Und dennoch insistiere ich: Wer käme heute auf die Idee, einen Wortbeitrag von Mario Torriani auf einen wie auch immer gearteten Speicherträger zu bannen und diesen mitsamt dem nachfolgend gespielten Song für die Ewigkeit aufzubewahren?
Doch werden wir sachlich. Natürlich klang das DRS-Radioprogramm vor 35 Jahren keineswegs besser als heute. Natürlich werden auch die Pionierjahre des 1983 gegründeten «Störsenders» DRS 3 heute ein bisschen verklärt – vor allem wenn man sie mit dem vergleicht, was die welschen Kollegen von Couleur 3 zeitgleich unter subversivem Radiomachen begriffen. Und Tatsache ist, dass die Sendung «Sounds!» glücklicherweise ja immer noch existiert, notabene mit dem gleichen Musikredaktor (Urs Musfeld) wie damals.
Dennoch stellt sich die Frage, warum das heute meist als flüchtig wahrgenommene Medium Radio vor noch gar nicht so langer Zeit das Zeug hatte, den Musikliebhaber vor dem Empfangsgerät zu fesseln, auch wenn es nur für 45 Minuten war. Vermutlich hat es mit Leidenschaft und mit Persönlichkeiten zu tun. Beides ist – selbstredend nicht bloss in der Schweizer Radiolandschaft – vom Aussterben bedroht. Während des Verfassens dieser Zeilen hat der WDR gerade beschlossen, seinen wunderbaren Spartensender Funkhaus Europa so zusammenzusparen, dass jene Sendegefässe, die noch von musikalischen Meinungsmachern gestaltet worden sind, einem computergenerierten Musikprogramm weichen müssen. Eine Entwicklung, die bei SRF schon längst abgeschlossen ist. Die Moderatoren moderieren eine Musikauswahl an, mit der sie kaum etwas am Hut haben. Und der Computer spuckt aus, was man dem gemeinen Radiohörer glaubt, zumuten zu können: Das ist im Wesentlichen Hitparadenpop, ehemaliger Hitparadenpop und Pop, der gerne in die Hitparade kommen würde. Doch war Radio nicht immer dann am intensivsten, wenn die Menschen dahinter spürbar waren, Menschen, die sich mit aller Leidenschaft in die Materie vertieften und ihre Hörer damit anzustecken trachteten? War Radio nicht dann am denkwürdigsten, wenn Radiopersönlichkeiten den Rahmen des Gängigen etwas weiter steckten?
Diese Meinung teilt zumindest der ach so kostbare Sender BBC Radio 6 Music. Hier werden die Sendungen von Moderatoren und DJs gestaltet, die in ihren musikalischen Nischen ein vertieftes Wissen aufweisen. So hat hier beispielswiese der Sohn der Radiolegende John Peel eine eigene Sendung, in der er sein weites Klanguniversum vorstellen darf. Auch in der Schweiz gibt es noch solche Sendungen. «Radio Paradiso» des Radiojournalisten Yann Zitouni auf La Première zum Beispiel. Oder Jean-Marc Bählers «Republik Kalakuta» auf Couleur 3.
Vor einiger Zeit war der Chronist zu Besuch bei SRF 3. Der Musikverantwortliche erklärte ihm anhand des Programm-Computers das musikalische Konzept des Senders, an dem sich bis heute offenbar nichts geändert hat. Als Erstes räumte er mit einem Mythos auf: Die Moderatoren hätten nicht die Möglichkeit, selber Titel ins Programm zu streuen, wohl aber Lieder, die der Computer vorschlägt, zu tauschen. Und er veranschaulichte das anhand eines Beispiels. Anstatt Sina zu spielen, schlug der Computer als Alternative amerikanischen College-Rock von Good Charlotte oder einen Popschlager von U2 vor. Ausserdem sei der Computer dergestalt programmiert worden, dass nicht mehr als drei Songs mit Frauenstimme aufeinanderfolgen. Und – quasi der Leitgedanke der Musikauswahl – dass auf einen eher unbekannten oder neuen Song ein sogenannter Gold-Titel folgt, also einer, von dem man ausgeht, dass er dem Hörer geläufig ist.
Das klingt dann am Schluss tatsächlich nach Radio, nicht aber nach leidenschaftlichem Radio. Spricht man mit den Verantwortlichen über SRF 3, fällt einem ein sonderbar vorauseilender Gehorsam auf. So reichen zum Beispiel die musikalischen Präferenzen der verschiedenen Musikredaktoren von den Young Gods über Björk bis hin zu dEUS oder Mark Lanegan. Künstler, die im Tagesprogramm des Senders allesamt nicht stattfinden. Die Musik des Senders fusst also nicht auf dem eigenen musikalischen Ermessen der Spezialisten, sondern man mutmasst sich einen allgemeinen Hörergeschmack zusammen. Es gibt viel selbst auferlegte Vorsicht und selbst erfundene Sachzwänge. Von den 25- bis 44-Jährigen soll niemand brüskiert werden, und wenn doch, dann allerhöchstens für die Dauer eines einzelnen Stückes.
Wenn über die Radiolandschaft der Deutschschweiz diskutiert wird, dann fällt schnell der Begriff «Kulturauftrag». Niemand weiss so genau, was er bedeutet. Doch er geht einher mit der Frage, ob es nicht die Aufgabe eines staatlichen Senders sein müsste, der Schweiz darzutun, dass es irgendwo da draussen Spannenderes gibt als die Gala-Afrikanerin Angélique Kidjo, dass es tiefschürfendere Balladen gibt als jene von Ed Sheeran, dass es prickelndere Tanznummern gibt als jene von Pitbull. Und dann werden in den Diskussionen meist diverseste Vorstellungen präsentiert, wie so ein Staatssender zu klingen hätte, der sich dem Anspruch genügen kann, kulturell wertvoll zu sein, der die Möglichkeit und die Mittel hätte, Popmusik in ihrer ganzen Vielfalt und Verästelung abzubilden.
Dass diese Vorstellungen selbst unter dem SRF-Dach ganz unterschiedlich sind, lässt sich jeden Tag im Direktvergleich zwischen den Programmen von Couleur 3 und SRF 3, aber auch von La Premiere und SRF 1 nachhören. Sagen wir es so: In der Westschweiz scheint man der Überzeugung zu sein, dem Publikum etwas mehr zumuten zu können als in der Deutschschweiz. Ein Beweis für diese These lieferte eine lustige Diskussionsrunde an der Schweizer Musikmesse m4music im Jahr 2006. Das Thema des Panels war, wie man es als Schweizer Band ins Schweizer Radio schaffen könnte. Die damalige DRS-3-Musikverantwortliche wurde aufgefordert zu erklären, wie ein Lied beschaffen sein muss, das in ihrem Radio gespielt werden kann: «Der Song sollte einen schönen Refrain haben, das mögen die Leute, das wissen wir. Er sollte auch möglichst sauber gespielt sein, und er darf keine Löcher im Ablauf oder allzu lange Soli haben.» Als sich die Blicke auf den ebenfalls in der Runde sitzenden Couleur-3-Musikchef richteten, lächelte dieser verlegen und meinte, dass die Ballung all dieser Attribute ein Grund dafür wäre, dass ein Song auf Couleur 3 eher nicht gespielt würde. Die anwesenden Musiker waren merklich erleichtert.
Generell kann gesagt werden, dass es – überall auf der Welt – keine besonders gute Idee ist, sich als Musikproduzent den Geschmack des gemeinen Radio-Musikredaktors als Blaupause des eigenen Schaffens zugrunde zu legen. Und dennoch tut das natürlich so mancher Produzent irgendwie doch. Er wird beispielsweise darauf verzichten, ein dreiminütiges Saxofonsolo in seinen potenziellen Sommerhit einzuplanen, selbst wenn er dies die hübscheste Idee fände, die ihm in seinem Produzentendasein je in den Sinn gekommen ist. Die latente Hoffnung, doch irgendwo auf dieser Welt im Radio gespielt zu werden, lässt einen gewisse Radioregeln einhalten. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass ein Staatssender das musikalische Schaffen dieses Staates in wesentlicher Weise beeinflusst. So ist es vermutlich auch kein Zufall, dass im Umfeld von Couleur 3 ein eklektisches Festival wie das Paléo in Nyon gedeihen konnte. Und es ist anzunehmen, dass die Radios nicht ganz unschuldig daran sind, dass gewisse Deutschschweizer Open Airs heute klingen wie das Tagesprogramm von Radio Energy.
Dass die Radios für die Schweizer Popmusik noch immer eine wichtige Rolle spielen, ist offensichtlich. Auch das hat in den jungen «Sounds!»-Jahren seinen Anfang genommen. Die Redaktion um François Mürner hat Bands ins Radiostudio geladen, um sogenannte Cassingles (Kassetten-Singles) aufzunehmen, die dann in der Sendung «dünn und durchsichtig» gespielt wurden, wie er das nannte. Yello, Young Gods oder Stephan Eicher waren als erstes bei Mürner zu hören (obwohl er Letzterem in einem Interview noch vorwarf, ziemlich schäbiges Französisch zu singen).
Der Verantwortung, das heimische Schaffen zu ehren, sind sich die Programmverantwortlichen im ganzen Land offensichtlich bis heute bewusst. Ja, sie scheinen die Einschätzung des englischen Radiomannes John Peel zu teilen, der einst verkündet hat: «In der Schweiz, da passiert viel Gutes!» Er hat das freilich in einer Zeit verkündet, in der die Helden des Landes nicht Stress oder Bastian Baker hiessen, sondern Kleenex oder Yello. Aber egal. Zunächst haben die Sender SRF 3, Virus, Couleur3, Rete3 und Radio Rumantsch die Musikplattform Mx3 aufgeschaltet, auf welche Schweizer Musiker ihre Tonkunst laden können und aus welcher die Musikredaktoren sich dann auch tatsächlich bedienen. Ein beispielloses Projekt.
In der Charta der Schweizer Musik verpflichten sich die Sender einen gewissen Prozentsatz hiesiger Musik zu spielen, er liegt bei SRF 3 und Couleur3 etwa bei zwanzig Prozent. Das ist nicht ganz so beispiellos, Frankreich kennt eine Quote von vierzig Prozent, davon muss die Hälfte aus Newcomern bestehen. In Schweden liegt die Quote ebenfalls bei vierzig Prozent, allerdings ist sie freiwillig. «Eine Quote macht die heimische Musik nicht besser», maulen nun die Kulturpessimisten. Das ist wohl wahr, doch sie schärft den Fokus auf das heimische Schaffen. Und das leistet ausser den hiesigen Staatssendern garantiert niemand sonst. Als neueste Errungenschaft spielt die Sendung «Punkt CH» auf SRF 3 täglich von 19 bis 20 Uhr Schweizer Musik. Das ist ein schöner Zug. Das bisherige Programm der Sendung hat helvetischen Mainstreampop geboten, der sich stellenweise tatsächlich vom restlichen Tagesprogramm angenehm abzuheben vermochte. Dass diese Sendung das Medium in ein neues Zeitalter rettet, ist natürlich nicht anzunehmen.
Wenn sich das Radio in Zeiten von Streamings und Playlists nicht gänzlich überflüssig machen will, dann muss es in dieser unübersichtlich gewordenen Musikwelt Orientierung bieten, neue Welten öffnen, Horizonte erweitern. Wenn es das wiederkäut, was schon jeder Hörer kennt, dann ist seine Zukunft tatsächlich infrage gestellt. Das würde nicht nur der Fredy aus Pieterlen bedauern.
The free sample has ended.