Read the book: «Sagen reloaded»

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Herausgegeben von

Thomas Ballhausen und Sophie Reyer

Unter redaktioneller Mitarbeit

von Noémi Kolbus

SAGEN RELOADED

Anthologie


Ballhausen, Thomas; Reyer, Sophie (Hg.): Sagen reloaded / Thomas

Ballhausen, Sophie Reyer (Hg.), Czernin Verlag 2020

ISBN: 978-3-7076-0705-5

© 2020 Czernin Verlags GmbH, Wien

Unter redaktioneller Mitarbeit von Noémi Kolbus

Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl

ISBN Print: 978-3-7076-0705-5

ISBN E-Book: 978-3-7076-0706-2

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

Inhalt

Vorbemerkung

Elisa Asenbaum | Der Rachen der Hexe

Thomas Ballhausen | Judy zieht in den Krieg

Xaver Bayer | Die Legende vom Basilisken

Alexandra Bernhardt | ANO KATO

Hannah Bründl | wir kennen das ende nicht, wir kennen nur das wasser

Lucas Cejpek | Die große Kurve

Daniela Chana | Die Spinnerin am Kreuz

Peter Clar | Über den See, über das Wäldchen

Michaela Debastiani | Der Zaungast

Sophie Esterer | Der Schleuserkönig: Eine sagenhafte Satire

Thomas Fröhlich | Das Zicklein und der Wolf

Michaela Frühstück | Hechten

Petra Ganglbauer | Wie Graz zu seinem Namen kam. Keine sagenhafte Reise

Walter Grond | Die Teufelsmauer zu Spitz

Marlene Hachmeister | Dämon Wind

Jack Hauser & David Ender | Wilde wilde Jagd

Elias Hirschl | Hin und weg

Sabina Holzer | Bas il isk

Udo Kawasser | Klushund reloaded

Robert Kleindienst | Schnee von gestern

Margret Kreidl | Die schwarze Frau. Augenzeugen

Michael Mastrototaro | Drei Falten ergeben Dreifaltigkeit

Hanno Millesi | Saint Vitus’ Licht (aka die Dienstbotenmadonna)

Clemens Ottawa | Der Teufel vom Krapfenwaldl

Judith Nika Pfeifer | mountainbrut

Sophie Reyer | Meermaids

Chris Saupper | HUSQVARNA UNIVERSAL. Ein Treatment

Nikolaus Scheibner | Der Basilisk

Sabrina Schmidt | Der Teufel muss ein Wiener sein. Eine verzweigte Geschichte mit verhängnisvollen Entscheidungen

Stefan Schmitzer | Drei Raben

Bernd Schuchter | Der Felsenzinken

Marion Steinfellner | Winddämonin

Christoph Szalay | Der Höllenstein oder which Violence to portray HOW?

Katharina Tiwald | Attilas Grab reloaded

Erwin Uhrmann | Der Goldwäscher, der Mönch, die reiche Familie, der arme Fährmann und die Donaunixe

Zarah Weiss | Die Kemenate

Herbert J. Wimmer | das glück in der taborstrasse

Christa Agnes Tuczay | Sage, Gerücht, Alltagsgeschichte

Über die Autorinnen und Autoren

Vorbemerkung

»and knives and questions, which, unanswered

close the covers of a book we insist on living in«

Jim Carroll: Living at the Movies

Mit der vorliegenden Anthologie haben wir uns als Herausgeberteam den Wunsch nach einer ambitionierten, vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem österreichischen Sagenschatz erfüllt – eine vorsätzlich literarische Wunscherfüllung, die, so ist zu hoffen, auch ganz im Sinne einer wohlwollenden Leserschaft geschehen ist. Die Sage, klar abzutrennen von den verwandten Textsorten Märchen oder Legende, sollte dabei, so unser schon vor Jahren in Gesprächen ausformulierter Gedanke, sowohl auf ihre Verbindungen von Geschichte, Geschichten und Geschichtsschreibung hin befragt werden als auch auf die Kontexte eines zu problematisierenden Erzählens. In der Umsetzung ist dies weit lustvoller und lebendiger als es in diesen etwas spröde anmutenden Sätzen anklingen mag, stehen im Zentrum der Sagen doch oft Fragen und Herausforderungen, die auch in unseren Tagen nichts von ihrer grundsätzlichen Bedeutung eingebüßt haben. Es sind die sprichwörtlich großen Themen, denen wir in unserer menschlichen Zerbrechlichkeit, Schönheit oder auch Schrecklichkeit weder entkommen können noch wollen.

Um diese Aktualisierungen zu gewährleisten, wollten wir unseren Autorinnen und Autoren möglichst viele Freiheiten gewähren, ohne aber auf die einfache, doch wahre Klausel zu vergessen, dass wenige, doch verbindliche Vorgaben anregender wirken können, als wenn einfach alles erlaubt ist (oder zu sein scheint). So entschieden wir uns zuletzt für zwei strukturelle Spielregeln: Einerseits sollte ein deutlicher Bezug zu einer österreichischen Sage, den darin eingelagerten Motiven und dem jeweiligen Bundesland eingelöst werden, andererseits, ganz gemäß den vorliegenden Sagensammlungen, sollte der neue literarische Text im Umfang eher knapp bemessen sein. Dass die Kürze der durch die Sagenforschung zusammengetragenen Texte wohl auch den Bedingungen des Sammelns an sich geschuldet ist, sei an dieser Stelle schon erwähnt – nachdem wir aber sonst keinerlei weitere Vorgaben machen wollten, konnte diesem Umstand von unserer Seite aus Rechnung getragen werden: Neben einer ausführlichen Nachbemerkung, die alle Aspekte der österreichischen Sagen, ihrer Geschichte, Verbreitung und Erforschung vorstellt, haben wir den biografischen Anhang um grundsätzliche Informationen zu den Sagentexten, auf die jeweils Bezug genommen wurde, ergänzen können. Ganz vorsätzlich haben wir auf einen Wiederabdruck der ursprünglichen Texte verzichtet, die ja nicht nur ohnehin leicht verfügbar sind, sondern vielleicht auch eher von den hier erstmals zusammengestellten Beiträgen abgelenkt hätten. Die gelungene Auseinandersetzung mit den Sagen zeigt sich in ihrer lustvollen kritischen Befragung und Aktualisierung, das Spektrum der literarischen Annäherungen reicht dabei von der klassischen Nacherzählung bis zum interaktiven Spiele-Text, von der lyrischen Prosa bis zum filmischen Treatment, vom Essay bis zur dramatischen Szene. Die Zusammenstellung im Band folgt, nach langer Überlegung, einer alphabetischen Ordnung gemäß den Nachnamen der Autorinnen und Autoren – so hat sich nicht nur eine wünschenswerte Durchmischung nach Bezugstexten und Bundesländern ergeben, vielmehr konnten wir so auch verhindern, das insbesondere in unserer Gegenwart so kritisch zu durchleuchtende Moment der Grenze erneut zu bestätigen oder gar zu verfestigen. Vielmehr, und das ist uns mit den hier versammelten Texten hoffentlich gelungen, war es uns ein übergeordnetes Anliegen, das Wandern von Motiven, Bildern und Fragen nachzuzeichnen und dem menschlichen Grundbedürfnis des Erzählens gemeinsam nachzuspüren.

Wir danken deshalb an erster Stelle allen Autorinnen und Autoren, die unserer Einladung so bereitwillig gefolgt sind und uns alle mit ihren Texten beschenkt haben; wir danken dem Team des Czernin Verlags, das unseren Vorschlag mit großer Begeisterung aufgenommen und in allen Phasen der Erarbeitung unterstützt hat, und last, but not least danken wir Noémi Kolbus, die unsere fordernde editorische und redaktionelle Arbeit mit humorvoller Unerschütterlichkeit und viel Elan begleitet hat.

Thomas Ballhausen & Sophie Reyer

(Wien, im Sommer 2020)

Elisa Asenbaum
Der Rachen der Hexe

Am Abend des 11. März 1936*1 ging ein junger Bursche durch das Dorf, als ihm ein Mädchen begegnete, welches seine Schürze um den Kopf geschlagen hatte. Man sah nur ihre Augen hervorblitzen, denn sie hatte die Schürze über das Haupt und seitlich bei den Ohren kreuz und quer über Mund und Nase gefaltet, das Band auf dem Hinterkopf zu einem Knoten festgezogen, schwebten die Enden flatternd im Wind.

Neugierig, wer dies sei, rief der Bursche: »He, Dirndl, nimm den Fetzen vom Birndl!«

Doch sie wollte sich ihm nicht zeigen. Er verstellte ihr den Weg und bestand, sie schickte sich an, ihn zu umgehen, da packte er sie und versuchte ihr die Schürze vom Antlitz zu reißen.

Als Antwort landete ein Milchreimer in der Fresse, die sein Gesicht gewesen war. Der Milchreimer war früher ein Milcheimer, ein Kübel mit dem man kübelt. Besser wäre es gewesen, der Bursch hätte sie nicht aufgehalten, denn sie war nicht von hier. Auch der Kübel hatte seine Geschichte und vollführte seine Bewegungen in Eigendynamik.

Der Kübel, auch Einer mit m – somit Eimer genannt, fühlte sich ziemlich gereizt, denn er war seit Jahrhunderten Gegenstand einer unabgeschlossenen Debatte. Das Mädchen hatte ein unglaubliches Schicksal, denn sie war dazu verdammt, in einem Blockuniversum zu leben. Im Blockuniversum ist das Jetzt nicht ausgezeichnet, Vergangenheit und Zukunft sind gleichermaßen vorhanden, wie ein Weltfilm von allem, von Anfang bis Ende in einem, Block in Einem gefroren, ohne Anfang und Ende. So irrte das Mädchen mit dem Eimer durch die Zeit, ohne je anzukommen. Den Eimer hatte sie im Auftrag von Newton mit Wasser zu füllen, der davon besessen war, zu beweisen, dass es einen absoluten Raum gibt. Immer wieder hängte Isaac den Eimer an eine lange verdrillte Schnur in seinem Labor, ließ ihn los und beobachtete das Wasser in ihm. Es drehten sich der Eimer und das Wasser nicht, dann drehten sich der Eimer und das Wasser mit, dann war der Eimer ausgedreht und das Wasser drehte sich weiter …, aber was ihm insbesondere bedeutungsvoll schien, war die konkave Form des Wasserspiegels, die nach einigem Rundumdrumdrumdrehen zu sehen war. Das war sein Beweis. Immer wieder schickte er sich an, dieses Eimerexperiment zu wiederholen, schickte das Mädchen abermals und abermals von Neuem, den Kübel zu füllen. Das Mädchen hatte sich erhofft, dass Newton, ein Meister der Wissenschaft, ihr das Schicksal ihres unglaublichen Seinszustandes mit dem fehlenden Moment erläutern könnte, denn sie glaubte nicht an Geister und hoffte durch Erkenntnis auf ein absehbares Ende dieses unnatürlichen Zustandes. Doch Isaac wollte das Mädchen, die ihm wie eine Magd plötzlich vor seiner Türe erschienen war, nicht zu Wort kommen lassen. Während er*2 einen Brief an Ernst Mach*3 schrieb, der an das Schuhschachtelsystem von Raum und Zeit nicht glauben wollte, und darin das Eimerexperiment als Beweis für den Absoluten Raum anführte, machte sich das Mädchen, welches den Eimer mit Wasser neu befüllen sollte, mit dem Eimer ohne Wasser aus dem Staub. Seitdem trug sie den Eimer, der Einer war, bei sich.

Unglücklicherweise wirkte sich die Begleitung des Experimentaleimers auf ihren Seinszustand schlecht aus. Ihr kurzes Verweilen in irgendeinem Jetzt wurde überhaupt nicht mehr bestimmbar, es war sprunghaft geworden. Auch wollte der Eimer nicht von ihrer Seite weichen, sie konnte ihn, den Einen, nicht abstellen, loswerden, der Henkel klebte wie verhext an ihrer Hand.

Bevor sie dem Burschen im österreichischen Burgen Lande begegnen würde, wurde sie blitzschnell zu einigen anderen Zeit-Raumpunkten katapultiert. Lichtschnell fand sie sich an weit auseinanderliegenden Zeit-Ortpunkten wieder, sodass ihr Bewusstsein mit der Geschwindigkeit des Wechsels kaum mitkam. Erinnern konnte sie sich an ein schönes warmes Land im Orient mit zauberhaftem Schloss mit runder Kuppel und vier spitzen Türmen, in das sie eintreten wollte, um diese Pracht von innen zu betrachten, als eine Horde von bewaffneten Männern auf sie stürzte und sie in einen dunklen Kerker warf. Ihr Verbrechen hatte darin bestanden, dass sie unverhüllt eine Moschee betreten wollte. Seitdem trug sie ihre Schürze im Gesicht. Danach war sie im Jahre 2002 in der USA kurz aufgepoppt, dort wurde sie alsbald als Terrorist verhaftet, da sie das Vermummungsverbot missachtet hatte. Danach fand sie sich in einer ärmlichen islamischen Familie als Braut wieder, die Schürze wieder vor dem Mund und über dem Kopf, Augenblicke später, es könnte das 21. Jahrhundert im Österlande*4 gewesen sein, wurde sie wegen geschürzter Verschleierung in einer Pause von Schulknaben als Hexe beschimpft, danach verprügelt. Da das Mädchen oft nur kurze Momente in einer Zeit und an einem Ort anwesend war, wusste sie einfach nicht, wann, wo und an welchem Ort ihres Körpers es angebracht war, diese verdammte Schürze anzubringen.

Aber in Österreich schürzte sie die Schürze wieder um ihre Taille. Doch da tat sie wieder falsch, denn ihr nächstes Jetzt war der 11. März 2020*5. Und ehe sie sich versah, lag sie in der Intensivstation und alle um sie hatten Mund und Nasenschutz als Pflicht. Das Virus war in sie eingezogen. Nur kurz, mit heftigem Gebell ihrer Lunge blickte sie in die Iris des Todes, da wurde ihr Sein wieder weggerissen in ein Jetzt des Jahres 1936. Das Mädchen schnallte ihre Schürze noch fester um ihr Gesicht, im Glauben, dass in allen Zeiten die Spuren nicht verschwinden würden, auch nicht die der Pandemie.

Als der Bursche sich ihr in den Weg stellte, wollte sie ihn warnen, doch der riss grob an ihrer Schürze, der Schutz riss, ihr Mund frei schrie sie ihm ins Gesicht: »Weg vom Weg. Geh’ weg!« Mit dem Eimer wollte sie ihn wegdrängen. Doch der Eimer hatte inzwischen durch das ewige Reisen durch die Zeit immensen Schwung geladen, der eine wahnsinnige rotierende Beschleunigung seiner selbst bewirkte; der Rand des Einen war meilendick massig angeschwollen, sodass er mit Wucht gegen des Burschen Gesicht donnerte. Der Geschlagene, im Gesicht heftig blutend, suchte schreiend das Weite.

Am nächsten Morgen war der Mund des Burschen knapp an das linke Ohr gerückt, an dem Ort, wo der Mund gestern gewesen war, war eine offene Wunde bis in den Rachen zu orten. Sie blutete rund um die Uhr, er hustete und spuckte gräulich. Seine Lungen wurden schwach und sein Herz war mit Unwissenheit und Rache gefüllt. Um Mitternacht war ihm, als ob er unter freiem Himmel in einem überdimensionalen Eimer schwimmen würde. Die Fixsterne begannen sich zu drehen, bis sie sich zu rotierenden Lichtkreistreifen schlossen. Er war an dem tiefsten Punkt in der konkaven Mitte des Einen angelangt und wusste, er müsse sein junges Leben lassen, denn er sank. Als er vor seinem Tode den Heiligen Geist anrufen wollte, sang ein mehrstimmiger Chor aus seinem schräg sitzenden Mund:

»Wir sind körperlos

wir bestehen aus Strängen

Information ohne Körper

wir vermehren uns

wenn es passt

im geborgten Leben!

Wir sind reine Information

leben im geborgten Leben

wir sind Plan

Plan ohne Dienstleister

null Energieverlust

wir sind der reine Geist!

Wir besitzen keine Hülle

wir dringen ein

in das Lebendige

wir passen uns an

an das Lebendige

wir sind es, die Geister!«

1*11. März 1936, zwei Jahre vor Hitlers Einmarsch in Österreich.

2*»Wenn ein Eimer an einer sehr langen Schnur hängt und beständig im Kreis gedreht wird, bis die Schnur durch die Zusammendrehung sehr steif wird, dann mit Wasser gefüllt wird und zusammen mit diesem stillsteht, und dann durch irgend eine plötzliche Kraft in entgegengesetzte Kreisbewegung versetzt wird und, während die Schnur sich aufdreht, längere Zeit diese Bewegung beibehält, so wird die Oberfläche des Wassers am Anfang eben sein wie vor der Bewegung des Gefäßes. Aber nachdem das Gefäß durch die allmählich auf das Wasser von außen übertragene Kraft bewirkt hat, daß auch dieses Wasser merklich sich zu drehen beginnt, so wird es allmählich von der Mitte zurückweichen und an der Wand des Gefäßes emporsteigen, wobei es eine nach innen gewölbte Form annimmt (wie ich selbst festgestellt habe), und mit immer schnellerer Bewegung wird es mehr und mehr ansteigen, bis es dadurch, daß es sich im gleichen Zeittakt dreht wie das Gefäß, relativ in diesem stillsteht.«

Quelle: Newton, S. 49, Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1988, S. 4, Kapitel 2, Rückschau auf Newton und Leibniz.

3*»Der Versuch Newtons mit dem rotierenden Wassergefäß lehrt nur, daß die Relativdrehung des Wassers gegen die Gefäßwände keine merklichen Zentrifugalkräfte weckt, daß dieselben aber durch die Relativdrehung gegen die Masse der Erde und die übrigen Himmelskörper geweckt werden. Niemand kann sagen, wie der Versuch quantitativ und qualitativ verlaufen würde, wenn die Gefäßwände immer dicker und massiger, zuletzt mehrere Meilen dick würden. Es liegt nur der eine Versuch vor, und wir haben denselben mit den übrigen uns bekannten Tatsachen, nicht aber mit unseren willkürlichen Dichtungen in Einklang zu bringen.«

Quelle: Mach, S. 226, Die Mechanik in ihrer Entwicklung – historisch-kritisch dargestellt, Nachdruck der 9. Auflage von 1933, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1988, S. 8, Kapitel 3, Machs Kritik.

4*Das Verbot der Gesichtsverhüllung trat am 1. Oktober 2017 in Österreich in Kraft: https://www.bmi.gv.at/news.aspx?id=4D794D417A3630647947773D.

5*März 2020, Ausbruch der Corona-Pandemie in Österreich.

Thomas Ballhausen
Judy zieht in den Krieg

»Think of the long trip home.

Should we have stayed at home and thought of here?

Where should we be today?«

Elizabeth Bishop: Questions of Travel

Weben, nicht die Wahrheit, ist mein Geschäft.

Eingeschlagen in papierne Worte oder Bahnen aus schönen Sätzen.

Wenn der Preis passt, folgt die Textur dem jeweiligen Wunsch.

Nähte sind kaum zu sehen, das besagt die Garantie, sichert meinen Erfolg, die Wahrheit meiner Hexerei, die sich in Wirkungen zeigt.

Von weit kommen die Kunden immer noch zu mir an den südlichen Stadtrand, um meine Waren zu erwerben.

Versuchen stets, sich nicht über die Lage meiner Warte zu wundern, mein Ausharren über die Jahre hinweg.

Wir waren immer schon verwickelt.

Ich passe an, ergänze, ersetze. Ich webe, höre geduldig zu.

Eine Bühnenrolle gibt mir meinen neuen Namen, meine Funktion.

Zwischen den Befestigungsanlagen und vorgeschobenen Posten habe ich mich eingerichtet, eine permanente Ruine inmitten tödlicher Anlagen.

Dieser Ort ist ein Wrack, diese Zeit ein Schiffbruch, aber ich sage mir stets, der Ausblick von der obersten Plattform aus lohnt.

Wenn ich nicht arbeite, lese oder zum Vergnügen auf verirrte feindliche Spähdrohnen schieße, halte ich Ausschau nach Dir.

Mein Haar ist grau, ja, aber ich halte immer noch Ausschau.

I blame you for the moonlit sky and the dream that died …

Unsere Angelegenheiten sind tragikomisch, eigenartig, denn wir sind Gegenstände der Geschichte.

Die Hintergründe, was auch immer den Weg in die Schulbücher finden wird, entziehen sich zumeist.

Davor platziert: die Existenzen, so verwirrend nah am Sterben gebaut.

Also bäumt man sich auf, höflich und erzählend nach ein wenig Erkenntnis tastend.

Lies: science fiction, speculative fabulation, string figures, speculative feminism, so far.

Wie wir uns positioniert haben, mit besten Absichten und schweren Ringen, viel zu weit für unsere schmalen Finger.

Ein Gemälde in Technicolor an der Wand, unser Hochzeitsfoto als Hologramm auf meinem Tisch, eingegossen in Glas.

Ein Briefbeschwerer in einer Zeit ohne Briefe, ohne echte Nachrichten.

War mir der neueste Krieg vielleicht nicht doch ganz gelegen gekommen.

Dein Blick und der Wunsch, beruflichen Traditionen zu gehorchen: Schwertmission ist Frauenpflicht.

Irgendwo ist immer ein Konflikt, irgendwie finden sich stets die passenden Argumente.

Du sollst nicht unbedingt töten, außer: in allem gepriesen sei, der eure Hände den Kampf lehrt und eure Finger den Krieg.

Ein wenig Abstand nach dem erlittenen Verlust, vom Terror der wohlmeinenden Mitmenschen, den ungelenken Beileidsbekundungen.

Unserem Unvermögen.

Nein, das Kind war nicht aus dem Fenster geworfen worden. Dazu war es erst gar nicht gekommen.

Einmal begonnen, kann es nicht mehr gestoppt werden.

Die grundlegenden Muster der Gewalt bleiben immer dieselben, hin bis zum abgekarteten Finale.

Ein Teufel aber steckt in jeder dieser Varianten, auch wenn er manchmal nicht zu sehen ist.

That’s the way to do it.

Wir bewohnen immer noch eine Welt der Giganten und Titanen, selbst Jahrzehnte nach Deiner Abreise.

Still buchstabierte ich deployment vor mich hin, während lange Kolonnen vorbeizogen, Schwebepanzer, Luftschiffe, Spezialeinheiten, geächtete Waffen.

Unter dem Gewicht der Worte formierte sich Sicherheit ringsum als Rayon, Schanzwerk oder Mauer.

Ich kann immer noch sagen, wo die Gräben verliefen, die Türme standen.

Was alles verloren zu geben ist.

Aber ich blieb, webte Papier zu neuen Worten, versuchte mich in Sparsamkeit.

Wollte ich zumindest dieses eine Versprechen einhalten, ich vermag es nicht mehr zu sagen.

In der Gegend unserer Verabschiedung richtete ich mich ein, Stein für Stein.

Erinnernd geraten Raum und Zeit leicht durcheinander, gar zu unsichere Pfade, um der Fremdsprachigkeit der Jetztzeit beizukommen.

Bildete ich mir ein, jemand riefe auf der Straße meinen Namen, so habe ich mich in den ersten Monaten immer noch suchend umgesehen, doch ich lernte, die Stimmen zu ignorieren.

Ich konnte täglich bis zu drei Tiere hintereinander sein, vielleicht gelingt es mir immer noch.

Kann ich zumindest noch krähen, das Fliegen traue ich mir nicht mehr zu.

Es ist die Hilflosigkeit unserer Älteren, die mich hat erwachsen werden lassen.

Träume und Nachrichten wurden trotz neuer Brille schwieriger zu unterscheiden: Hat tatsächlich ein Sturm die Kühe ins Meer getragen, verwandeln sich manche Wölfe einmal im Monat in Menschen, nutzen wir Signaturen von Zerstörung, um außerirdische Zivilisationen zu entdecken.

Wie Menschen einfach aus dem Blickfeld kippen, es ist die einzig echte Art, in der sie uns verloren gehen.

Eine Ansammlung von Namen, beachtlich, ein heimliches Alphabet, dem ich ein zweites, geheimeres beistelle, alles in Gedanken.

Als wenn es etwas wie Natur ohne Geschichte je hätte geben können.

Weben gab und gibt mir den einsamen Takt vor, ich schreibe Sinn zu, denn die eigentliche Realität ist ein Skandal.

Wer schließlich aus diesem vergessenen Krieg in die mehrfach ummauerte Hauptstadt zurückkehrt, ist eine völlig andere Person.

Du bist dahingehend keine Ausnahme.

And I might stop and look upon your face, disappear in the sweet, sweet gaze …

Der Beobachter ist ebenso unsicher wie sein Blick, das habe ich mir angelernt, abgeschaut.

Hält Krieg jung und fit, kann man deshalb so lange durchhalten.

Wir fragen nicht nach den verschwendeten Generationen, nach den staubigen Schuhen oder den verbeulten Wasserflaschen.

Stattdessen fragen wir einander: Bist Du tot? Tot wie ein Stein?

Wir fragen: Lebst Du? Bist Du lebendig wie eine Pflanze?

Vielleicht sehen wir ja noch viele gute Tage, diskutieren die Unterschiede zwischen Vergeben und Verzeihen.

Unsere Namen entsprachen ohnehin niemals echten Farben, kein Elternteil buchstabiert sich so.

Schlaflos höre ich später auf die Geräusche der Nacht, das Knacken der Wirklichkeit und der Welt, die sie abwirft.

Deine Bewegung ist wahrscheinlich, sie strebt dem Gefälle, dem Unvermeidlichen zu.

Your heart wears knight armour, vorsätzlich wende ich Dir den Rücken zu.

Ich werde Deine Klingen hören, bevor ich sie spüre.

Die Luft wird von meinen Schreien erfüllt sein.

Xaver Bayer
Die Legende vom Basilisken

A beast caged in the heart of a city …

Jim Morrison

Anfangs geisterten Meldungen durchs Netz, dass an unterschiedlichen Orten in der Inneren Stadt Leute – Spaziergänger, Jogger, ein Pizzalieferant, ein Müllmann und eine Polizistin – auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen seien. Sie wiesen schwere Verbrennungen auf, ihre Lungen waren zersetzt wie von Giftgas, der Tod musste sie in Sekundenschnelle ereilt haben. Nur einer von ihnen war vor seinem Verscheiden noch für eine kleine Zeitspanne ansprechbar, und was man seinen letzten Worten entnehmen konnte, war, dass er einem Ungeheuer begegnet sei.

Im Handumdrehen entstand das Gerücht, der berüchtigte und ausgerottet geglaubte Basilisk sei wieder aufgetaucht. Sein Versteck – so verbreitete es sich viral in Berufung auf uralte Chroniken – sei im Keller eines vor Hunderten von Jahren errichteten Hauses in der Innenstadt gelegen. Wo genau, ließ sich jedoch nicht eruieren. Selbst ernannte Basiliskenjäger zogen los, das Untier zu finden und zu erlegen, aber allem Anschein nach ohne Erfolg, denn die grausamen Todesfälle setzten sich fort.

Hier nun komme ich ins Spiel, denn ich ahnte, wo der Basilisk eventuell aufzuspüren wäre. Es hatte nämlich ein verstorbener Freund meiner Eltern, ein Galeriebesitzer, diesen einst erzählt, dass es in der Gasse – einer Sackgasse übrigens –, in der er wohnte und sich auch seine Galerie befand, ein Haus gab, in dessen Eingangsflur unter einem Gitter ein Brunnenschacht sei, in dem er einmal ein merkwürdiges Wesen erblickt habe. Da wohne er, der Basilisk, hatte er damals mit Zittern in der Stimme meinen Eltern verraten, die seiner Erzählung belustigt lauschten, war es ihnen ja kein Geheimnis, dass der Freund oft und viel trank. Mir jedenfalls war diese Geschichte über Jahrzehnte im Gedächtnis geblieben.

Also fasste ich mir eines Tages, als in den Medien erneut von einem bestialisch zugerichteten Opfer des Eidechsenkönigs berichtet wurde, ein Herz und machte mich auf den Weg aus meinem Randbezirk in die Innere Stadt, zur nämlichen Sackgasse, wo ich den Basilisken vermutete. Ich erkannte die Gegend, die ich seit rund zwanzig Jahren nicht betreten hatte, kaum wieder – wo früher kleine Läden gewesen waren, es eine urige Weinausschank und die Werkstatt eines Geigenbauers gegeben hatte, reihten sich nun Luxusboutique an Gourmettempel an Supermarktfiliale, und wo sich damals die Galerie des Freundes meiner Eltern befunden hatte, hatte ein auf High-End-Virtual-Reality-Equipment spezialisierter Store mit dem Namen Doors of Perception seine Pforten geöffnet. Doch das Haus war noch dasselbe. Ich zog meinen Schlüsselbund mit der freigeschalteten Begehkarte aus der Hosentasche, hielt sie vor den Sensor der Gegensprechanlage, ein Summen, schon war das Tor offen, und ich trat ein.

Sogleich erkannte ich den Hausflur wieder, und mein Blick fiel auf das schmiedeeiserne Gitter rechts am Boden, in einer Maueraussparung. Ich schaltete die Lampe meines Smartphones an und leuchtete damit durch das Gitter in die Tiefe, da hörte ich ein Rascheln, und tatsächlich sah ich, dass sich da unten etwas bewegte.

»Hab ich dich!«, rief ich und war nicht wenig verwundert, als ich eine Stimme aus dem Schacht hörte, die wie ein fragendes Echo »Hab ich dich?« sagte. Sie klang irgendwie müde und einigermaßen sanft, also ganz und gar nicht, wie man sich die Stimme eines mordenden Monsters vorstellt. Ich überlegte ein paar Atemzüge lang, wie ich der Bestie den Garaus machen sollte, um die Stadt und ihre Bewohner ein für allemal von ihr zu erlösen, dann schien mir klar, was zu tun war. Ich aktivierte die Spiegelfunktion der Kamera meines Smartphones, klappte das Schachtgitter hoch, kniete mich an den Rand und hielt das Telefon hinein, sodass das Ungetüm beim ersten Blick in die Höhe unweigerlich auf das Display schauen und beim Ansichtigwerden seines Spiegelbildes ob seiner eigenen Abscheulichkeit auf der Stelle verenden würde – so lautete schließlich die über Jahrhunderte überlieferte Anweisung zum Töten eines Basilisken.

»Schau!«, rief ich über den Schachtrand in die Tiefe, »schau mal kurz her!«

Doch anstatt des erwarteten Todesschreis hörte ich den Basilisken klagen:

»Ich kann nichts sehen!«

»Schau genau!«, lockte ich ihn.

»Ich kann nicht«, klagte er erneut.

»Konzentrier dich! Schau einfach auf mein Smartphone, du wirst dich wundern, was ich dir da zeige!«

»Es ist mir nicht möglich«, seufzte er.

»Aber wieso nicht?«

»Ich will ja schauen, aber ich habe Angst! Ich fürchte mich allein. Komm herunter, wir machen ein Selfie zusammen!« »Ich weiß nicht«, antwortete ich ausweichend, da ich eine Falle witterte, beugte mich aber tiefer über den Schachtrand. Es roch metallisch und wie nach Kabelbrand, und ich konnte einen Schemen erblicken, aber weiter hinunter traute ich mich nicht.

»Komm zu mir, nur für ein Selfie!«, flehte der Basilisk.

»Komm du doch rauf!«, entgegnete ich barsch, aber als Antwort vernahm ich bloß ein Winseln.

Bis zum Bauch hatte ich mich bereits in den Brunnenschacht gebeugt und hielt mein Smartphone mit der aktivierten Spiegelfunktion, so weit mein Arm reichte, in die Tiefe, in der Hoffnung, dass das Untier doch einmal einen Blick riskieren und dann zerplatzen würde.

Doch weil nichts dergleichen passierte, beschloss ich, meinen Plan zu ändern. Ich aktivierte die Filmfunktion, hielt das Handy in den Schacht und drückte auf Aufnahme. Als ich mir gleich darauf den kurzen Film ansah, war da nur so etwas wie eine dunkle, amorph-wabernde Masse in einer Art Nest aus Kehricht zu erkennen, dabei flackerte es aber so eigenartig, als wäre es ein altmodisches Hologramm mit Störeffekten.

Ich änderte nun meine Strategie und versuchte es auf die psychologische Tour:

»Wieso bringst du denn all die Menschen um?«, fragte ich den Basilisken, und nach einer Weile des Schweigens entgegnete er in einem eigenartig einnehmenden, weil vornehm zurückhaltenden Tonfall:

»Weil ich die Menschen so liebe! Sie sind so schön! Ich liebe sie alle! Auch dich liebe ich! Du bist so schön!«

Mein prompter Einwand, dass er mich ja gar nicht kenne und mich deshalb doch gar nicht lieben könne, schien ihn nicht zu beeindrucken, und er fuhr fort:

»Glaube mir! Ich würde alles für dich tun. Ich würde lügen für dich. Ich würde stehlen und töten für dich. Ich würde verwüsten, vergiften, brandschatzen, plündern für dich. Ich würde die Erde zum Beben bringen, Vulkane Feuer speien und brennenden Hagel vom Himmel fallen lassen. Ich würde alle Tiere und Pflanzen sterben lassen. Ich würde Luft und Boden vergiften. Ich würde ganze Länder verheeren und in Flammen aufgehen lassen. Ich würde unterjochen, versklaven, foltern und vergewaltigen für dich. Ich würde die Erde mit Bomben übersäen. Ich würde die Menschen das ABC der modernen Waffentechnik lehren. Ich würde Viren und Bakterien erschaffen und sie unter die Leute säen. Ich würde in ihre Genetik eindringen und sie zu Unmenschen machen. Ich würde alles tun, was in meiner Macht steht, und meine Macht würde wachsen. Und das alles würde ich tun, denn ich kann es tun, und all das würde ich für die Menschen tun, denn ich liebe sie, und ich würde es auch für dich tun, denn ich liebe dich!«

Der Basilisk hörte zu sprechen auf, es ertönten nur noch ein paar zufriedene Schmatzgeräusche, ein Geraschel, als würde er sich in seinem Nest zusammenrollen, und dann fing er verhalten an zu schnarchen.

Und ich, ich kniete immer noch da, kopfüber in den Schacht gebeugt, und überlegte, was ich denn jetzt tun sollte, als ich plötzlich hinter mir eine Frauenstimme vernahm, so unerwartet und nah, dass ich vor Schreck mein Smartphone in den Schacht fallen ließ:

»Mit wem sprechen Sie denn da?«

Ich schwieg und rührte mich nicht.

»Hallo«, fragte die Frau nochmals, »mit wem sprechen Sie da?«

Und abermals traute ich mich nicht zu antworten, da kam sogleich ein drittes Mal die Frage, diesmal in forschem Ton:

»Mit wem sprechen Sie da?!«

Und so entschloss ich mich, Rede und Antwort zu stehen, hob meinen Kopf aus dem Schacht, klappte das gusseiserne Gitter wieder herunter, und während ich sehr langsam aufstand, mich umdrehte und dabei die Gewissheit fühlte, diesem Schacht in diesem Haus in dieser Sackgasse ein für allemal den Rücken zu kehren, hörte ich eine Stimme, die wie meine eigene klang, sagen:

»Mit wem ich da spreche? Mit mir!«

Alexandra Bernhardt
ANO KATO

ΟΔΟΣΑΝΩΚΑΤΩΜΙΑΚΑΙΩΥΤΗ

Der Weg hinauf und hinab ist ein und derselbe.

Heraklit von Ephesos zugeschrieben

[Im Vertrauen]

… die nicht mehr auffindbare MALFATA ist eine Angelegenheit, die du dir nicht zu Herzen gehen lassen solltest. Unten ist nicht oben, wie du weißt, und Obrigkeit nicht Untrigkeit. Außerdem – und gleichwohl, möchte ich sagen – ist sich darum bereits gekümmert worden. Ein Untriger ist damit betraut worden; wir und insbesondere die haute iolée haben damit also nichts mehr zu schaffen. Und es ist noch immer für jedermann gesorgt worden …

kolcrom No 6079 // notat exkursion // Direktive K1138 // AV 101521-JOU

bin weisungsgemäß hinuntergestiegen (katadyomenos) · habe die route gegen nordost genommen (ich schöpfe, ich schöpfe) · bin den runen gefolgt (naudiz mannaz laguz) · bei der kreuzung frumentienmarkt=diagonale die abzweigung K35 genommen (westlicher richtung) · geruch unauffällig, dezibelbefund negativ (ich schöpfe, ich schöpfe) · habe hydronautik weisungsgemäß deaktiviert · auf höhe des museals erneut runen () · dezibelbefund positiv · abhörtest ergab klopfgeräusch in unterem normbereich (leitungen) · weiter hinab (K84) und tiefer gestiegen (ich schöpfe, ich schöpfe) · im bereich der stelen (unterhalb simulacra) grottenartige gewächse stalagmitengleich : weisungsgemäß übergangen · fortgeschritten, weiter hinab · dezibelbefund wie oben · innenperspektive unauffällig (ich schöpfe, ich schöpfe) · weisungsgemäß weiter dem versorgungstunnel gefolgt · K89, K91, K93 · fürder hinab leitende stollen (ohne auszeichnung) · dezibelbefund wie oben (ich schöpfe, ich schöpfe) · geruch nicht länger neutral, aber undefinierbar (troglodyomenos) · unterhalb kreuzung nordwestliches museal=spectaculum/rubrum erstmals wieder runen (not mann wasser) · keine kennung sonst, kein weiterer befund (dezibel null komma null) · geruch brackig, hygrometerausschlag im oberen normbereich · innenperspektive weisungsgemäß (ich schöpfe, ich schöpfe) · K101 vertikal klopfgeräusche : geruch diametral verschieden zu vorherigem befund (zersetzung) : hygrometerausschlag versus obere anomalie · optischer befund erneut runen () · innenperspektive schwebend bis entkoppelt · weisungsgemäß abbruch und rückzug (anadyomenos)

[Weisung]

… daß du nicht mehr hinausgehen sollest, des Abends, daß du nicht mehr Wäsche waschen sollest, am Kanal, am Marmorgrund, an der Magdalenen, daß du nicht hören sollest auf das Rufen und Singen und Raunen, nicht nachrennen sollest irgendwelchen Grillen und daß du nicht tragen sollest dein Haar offen, sondern verborgen unter einer Kappen rot …

[Brief an die Kommandatura]

Allgutem Herrn und oberstem Adlaten Giselher Ni

zugeeignet von seinem untertänigsten Diener

Abelardus Wong

Vindobona im wachsenden Paenultimum CCCXV T.N. In gutem Gewissen und zu strengem Gedeih: so ich gestrigen Tages mit meinem Cooperator parlierte, dazu doch allzu wenig Vernünftiges bei den neuen Unternehmungen der Gilde herausgesprungen, beeile ich mich heute, hochwertem allgutem Herrn kundzumachen, was sich abseits besagter Cooperatio kürzlichst zugetragen und berichtet sein muß. So hat dero hochwertem Herren strengstens geheim beauftragtes Subject Numero 6079 die in Frage stehende Mission unternommen, bewältigt und zum Abschlusse gebracht. Wie allguter Herr vermutet, ist infamerweise gestreuten Gerüchten und Unterstellungen recte et fortiter nicht zu trauen gewesen. Der Untergrund ist intakt, sämtliche Simulacra gründen wie je unkompromittiert, alle Befunde sind unauffällig soweit vermutet und gewünscht. Darüber hinausgehende Parameter bleiben auf dero höchstwertem Herren Wunsch unberücksichtigt und unbeschrieben. Von Nemesis oder gar Fluch kann somit nicht die Rede sein – und wenn allguter Herr mir erlauben zu sagen: 6079 hat sich eine gratificazione redlichst verdient.

In allzeit bescheidener Zier und hochwertestem Herrn

beständig tunlich wie untertänigst zugetan

Abelardus Wong

[Zur guten Nacht]

… Wie oben so unten, sagen sie, und du weißt, was sie damit meinen. Die sie aus den Simulacra holen, haben jedenfalls nichts zu lachen mehr und nichts zu erzählen. Ich habe ihre Gesichter gesehen, wie in Stein gehauen, weiß und hohl, die Augen unergründlich …

[Anschreiben, den vorliegenden Dokumenten und Notizen beigefügt]

Geschätzter Schwager!

In der Anlage übermittle ich Dir also die besagten Dokumente – oder vielmehr Fragmente – in photomechanischer Reproduktion, die ich im Nachlaß meiner Großtante aufgefunden habe. Vielleicht kannst Du mehr damit anfangen als ich. Frappiert hat mich neben dem kruden, ja obskuren Inhalt vor allem der materielle Zustand der Papiere, sind sie doch allesamt vom Zahn der Zeit gezeichnet, angegriffen, vergilbt und teils nur mehr schwer leserlich. Daß es authentische historische Notate sind, scheint mir allerdings ihr Inhalt zu widerlegen. Möglicherweise liegt uns hier das Werk eines – wenn auch zweifellos schöpferischen – Wahnsinnigen vor. Nur was Tante Hedwig damit gewollt haben könnte, vermag ich nicht zu erraten.

So oder so verbleibe ich gespannt auf Deine Expertise

mit gutem Gruß Dein Notker

gez. Nueva Ciudad, 8. III. 1921

Hannah Bründl
wir kennen das ende nicht, wir kennen nur das wasser

//

//

»An dem zu verschiedenen Zeiten so wilden

Teufelsbach«

//

//

das erzählende

- der franzose

das chorische

//

//

davor:

SPRICH

SPRICH

HYDRO UND SCHATTEN

MITTELALTERLICHEN

UND

ZEITEN VERWACHSEN

ES SPÜLT DARÜBER

SPRICH VON FRÜHER

VON GABELUNG UND REITENDEN

PFADEN DER WÜSTUNG

NORDEN UND MEER UND MOOR

SCHELLEN AM ROCK

SCHÄTZEN VON KIEMEN

UND

VOM BEGINN DER GESCHICHTEN

ZEIGE DIE LEERSTELLEN

ABER SPRICH

//

//

es fließt

- das wird mich noch den hals kosten

es fließt ungeraten und höckern

es fließt, sage ich

es stolpert eher

es entgleist

es torkelt mehr als es fließt

- sie verfolgen mich, sie haben äxte

der lauf runzelt sich den baumknollen entlang

an der masse land

an den waldgräben

sucht auswege

über wurzeln und fels

was lagert am ende davon?

- so helft mir doch!

wir wissen es nicht

wir wissen nichts vom ende

wir waren noch nie am ende, das ist ein non sequitur

- ich bin am ende

wir waren noch nie

nie dort

wir kennen das ende nicht, wir kennen nur das wasser

- seid still! hier können sie nicht herein, hier bin ich sicher

wer sagt, dass es ein ende gibt?

- um gottes willen, hört auf zu sprechen!

//

//

- ich bin’s

- gestatten

- ich bin’s

- 1809 kam ich an diesen ort

- 1809 im gefolge des marschalls

- der in aspern tödlich verwundet wurde

- dem zuvor noch sein bein abgebunden wurde, so sagt man

- und der napoleon zum freund geworden war

- in seinem gefolge ritten wir über die donau

- im januar zuvor noch in saragossa

- im april in eggmühl

- kannten wir keine niederlage

- der frühling war mild und zähflüssig rann die nacht

- unsere bajonette hoch, die kompanie wie überschwang

- tagsüber zogen wir

- im corps des duc de montebello

- abends brandschatzten wir die dörfer

- man rieche es noch

- an welchem ort genau ich mich nun befinde

- das kann ich nicht sagen

- daran erinnere ich mich nicht

- darauf habe ich mich nicht konzentriert

- und so haben wir geplündert

- nur einen beutel dukaten habe ich mir erpresst

- nur einen beutel erspartes in einem bauernhaus

- aus dem backofen zog er ihn

- aus dem backofen, seinem letzten hort

- als wäre er dort geschützt

- als wäre er dort verborgen

- ich fühle mich heruntergekommen

- ich habe angst

- war so siegessicher

- mein gewehr

- meine uniform

- aber sie sind in der überzahl

- es sind nur einfache bauernsöhne, aber sie sind in der überzahl- und

sie sind blind vor rachlust

//

//

unterirdisch zieht das wasser die zuflüsse mit sich

schluckt

pfeiler und ecken

schluckt störungen

windet sich

wirbelt

es ist ein schmaler bach

- ich sehe sie nicht mehr, aber ich fühle mich hier nicht wohl. ich brauche ein versteck. muss mich bemerkbar machen! ich brauche doch hilfe, die werden mich totschlagen, wenn sie mich finden.

ein so schmaler bach, ein so zerdrückter

ein bach

- hilfe! hilfe, zu hilfe! helft mir doch!

ein bach, der niemanden groß interessiert hat

ein bach, der niemandem groß genutzt hat

er beherbergt keine moosigen ufer voll farnkraut keine wassermänner keinen nebel

der bietet keine verwunschenen überhänge der nährt nichts

- hilfe! hört ihr mich denn nicht? ich brauche einen unterschlupf zwischen menschen.

der bach ist schlammig

er ist braun vor dreck

er starrt unsicher aus dem wald

kümmerlich, möchte man sagen

banal

anspruchslos

quasi ein tümpel

- hallo, helft mir! sie sind hinter mir her!

- versteckt ihr mich?

- helft ihr mir?

es ist ein unscheinbarer bach

landläufig voll schleimiger kiesel es ist ein bach

//

//

der bach war nicht immer so. ich erinnere mich noch der bach wurde umgeleitet ich erinnere mich noch er speiste einen teich der bach wurde umgeleitet, deshalb ist er jetzt so besatz war damals reichlich mit karpfen, hecht, stör, amur und schleie im schatten die forellen der untergegangene bach »umgeleitet« amputiert wurde er

zur zeit der schneeschmelze schäumte der bach durch den waldgraben

hallo, und wie!

hallo!

der bach war wild, aber glasklar

hat das tal ausgegraben

hat sich seine bahn geschaffen

er hatte seinen namen verdient

er hatte leben in sich vereint

früher war hier mal widerspenstigkeit

jetzt nur noch morast

der bach wurde ja umgeleitet, um weniger schroff zu sein weniger eigensinnig

er wurde umgeleitet, um zur neuen stadt zu passen!

so sprechen wir

er sollte bloß zur stadt passen

dem bach war noch gar nicht aufgefallen, dass da jetzt

eine stadt war

das war so neu plötzlich

das war so

neu, das kannte er noch nicht

das war so

neu, das erschreckte ihn zuerst das war so

halt! ihr dürft hier nicht sentimental werden! halt, es ging ja immerhin um potamologie!

was soll das denn sein?

kann uns das jemand erklären?

es ging um wasserkreisläufe

um fließgewässer und gewässerpflege

aber diesen bach hier haben sie doch nicht gepflegt

den haben sie doch verkümmern lassen, den!

um raumschaffung, landgewinnung also

nutzbarmachung für wohnraum

profitgier?

das wohnen ist eines der grundbedürfnisse der menschen

es ging um verlandung mit spatenstich

bachläufe sind bald mal geändert, wie vokale im lautwan

del der sprache

der bach wie ein vokal

wofür würdet ihr neuen raum nutzen, wenn es welchen gäbe?

früher beinahe schon ein fluss

//

//

das verschattete wasser dröhnt herunter

- es scheint still, ich habe mich hier eingehöhlt

von süden herunter

es muss oberhalb entsprungen sein

einer quelle oberhalb entronnen sein

also muss das land abwärts führen also ist es das land, das schief hängt

- sind sie verschwunden? haben sie aufgegeben? ich traue mich nicht, die augen zu öffnen

das land hängt

bergab in den angeln

bergab

- oh gott, ich höre sie

- ich höre sie in der ferne

unmittelbar gegenüber nun das schloss teufelseck

das schloss engelseck

das schloss heißt jetzt engelseck

das schloss teufelseckengelseck also

das schloss wurde umbenannt

- sie finden mich nicht, wenn ich bete, wenn ich harre

das schloss wird begrenzt vom wasserkörper

wird enggeführt

der wasserkörper spreizt sich über das bachbett neben

dem schloss

er windet sich nicht mehr er ziert sich vor dem abgrund er ziert sich vor der brücke

die statue des heiligen nepomuk wacht darüber

nepomuk, den der könig von der karlsbrücke treten ließ

nepomuk, der ertrank

- ich kann nicht …

neben dem schloss steht die statue des heiligen nepomuk unterhalb stürzt sich der wasserkörper in die schlucht

- sie sind da

und er mündet

er mündet

er mündet im untergrund

//

//

danach:

IM PINETUM

FAST IM HINTERGEBIRGE

HINTER DEN SIEBEN BERGEN

DORT ENTSPRINGT ETWAS

AM GEMÄUER

AN DER SCHLUCHT ENTLANG

EINEM ORT, DER

URSPRÜNGLICH BLOSS LICHTUNG WAR

WILDBANN DER HERRSCHAFT STEYR

ETWAS ENTSPRINGT UND QUILLT

ÜBER DEN BODEN

DEN STAUB

VOM STADTBAU

VOM KRIEG

BEHERBERGT SCHLAMM

UND SPRICHT

VON FRÜHER

Lucas Cejpek
Die große Kurve

Das steinerne Untier mit einer Krone und einem Schweif aus Eisen sitzt in einer Nische hoch oben in der Fassade des Hauses Schönlaterngasse 7 und erinnert an das statistische Ungeheuer, das seit März 2020 auf unseren Bildschirmen erscheint. – Allein schon der Atem des Eidechsenkönigs ist tödlich, warnte der Weltweise, der 1212 von der Wiener Stadtregierung um Rat gebeten wurde. – Nach 808 Jahren ist das im Hausbrunnen verschüttete Mischwesen aus Schlange, Kröte und Hahn als gelber Kranich zu neuem Leben erwacht. Cui Hao schrieb im 8. Jahrhundert, dass die Kranichpagode von Wuhan das Einzige sei, was an den Vogel erinnere: Der gelbe Kranich ging und kehrt nicht wieder, / Weiße Wolken ziehen langsam über tausend Jahre. – Um 77 nach unserer Zeitrechnung hat Plinius der Ältere in seiner 37-bändigen Naturgeschichte zum ersten Mal den König der Schlangen beschrieben, mit einem weißen Fleck auf dem Kopf, der an eine Krone erinnert. – In mittelalterlichen Tierbeschreibungen schlüpft der Basilisk aus einem Ei, das ein Hahn gelegt und eine Schlange oder eine Kröte ausgebrütet hat. Sein Atem ist giftig, und wer in seine Augen schaut, wird zu Stein. Wenn man ihm einen Spiegel vorhält, zerplatzt das Untier vor lauter Wut in tausend Stücke. – Wie verhält sich eine Kurve zu einem Spiegel? Ein Verkehrsspiegel kann die Sichtverhältnisse verbessern, aber auch zur Entstehung von toten Winkeln führen. – Der Verlauf der roten Kurve muss abgeflacht werden, damit die nationalen Gesundheitssysteme nicht überfordert werden. Bis dahin müssen alle Gesichtsmasken tragen. – 2004 hat Georg Hofer das rotglühende Auge des Basilisken in einem Spiegel fotografiert und das Foto ins Netz gestellt. – Historische Ungeheuer wurden in vielen Naturaliensammlungen gezeigt, Kombinationen von Körperteilen unterschiedlicher Tiere. Der Basilisk hatte eine große blaue Nase und drei Hörner auf dem Kopf und Stacheln am Hinterkopf, am Hals und am Rücken. Sein Leib war mit Schuppen bedeckt wie der Leib des Pangolin, das als Überträger des Virus auf den Menschen gilt. Auf dem Wildtiermarkt von Wuhan werden neben dem Schuppentier Stachelschweine, Schleichkatzen, Waschbären, Schlangen und Fledermäuse verkauft. – Der Basilisk war in einem feuchten Keller aus dem Ei geschlüpft und hatte sich im Brunnen des Hauses Schönlaterngasse 7 eingerichtet, wo er von einer Magd entdeckt wurde. In einer Mauernische im Parterre des Nachbarhauses kauert sie neben dem Untier am Boden, das weiße Kleid wirft Falten, wie die weiße Haube des Mannes, der sich über den Brunnenrand beugt, einen Spiegel in der Hand: Der Rahmen des Spiegels ist so rot wie die Lippen der Frau. – Der Chefberater des österreichischen Gesundheitsministers trägt die Uniform des Roten Kreuzes. – Das Basiliskenhaus wurde in den Kriegsjahren 1939–45 beschädigt und 1952–53 wiederhergestellt, steht auf einer Tafel neben dem Eingangstor, die Tafel darunter erinnert an Erwin Abeles, Sissel Berkowicz, Pauline Ekstein, Rudolf Ekstein und Alois Löwy, die bis zu ihrer Deportation 1939–42 hier gewohnt haben. Eine historische Tafel wirbt für das Schreibbüro E. Petrovsky, das Geschäft Treasures & More hat Gemälde, Gläser und Porzellan in der Auslage, und in den Auslagen von Georg Fritschs Antiquariat & Buchhandel sind aufgrund des Ausnahmezustands VER SACRUM- und Die Gesellschaft-Hefte, hrsg. v. Martin Buber, liegen geblieben, in der Mitte Jörg Schlicks Plattencover KEINER HILFT KEINEM. – 2001 hat mir Jörg seinen Ausstellungskatalog mit dem Titel GLEICH SCHEUEN HIRSCHEN IN WÄLDERN VERSTECKT ZU LEBEN mit K.H.K. signiert. – H. C. Artmanns Proklamation des poetischen Actes von 1953 hängt in den Fenstern des Antiquariats, im Original und in englischer Übersetzung: Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift. – Der Basilisk machte sich durch einen infernalischen Gestank bemerkbar, der aus dem Brunnen aufstieg. Die Magd des Bäckers konnte kein Wasser schöpfen und rief um Hilfe, worauf sich der Geselle an einem Seil in den Schacht hinabließ, der Wien an der Donau mit Wuhan am Zusammenfluss von Jangtsekiang und Han-Fluss verbindet. Dort hat Hans der Gelbhaar gelernt, wie man Garnelenknödel macht: Weizen- und Maniokmehl mischen, kochendes Wasser unterrühren und Öl hinzufügen und kneten, bis der Teig glatt und glänzend ist – einen Teelöffel davon nehmen und zum Ball rollen und mit dem Messer flachdrücken – einen gehäuften Teelöffel gehackte Garnelen in die Mitte geben und den Teig mit Daumen und Zeigefinger über der Füllung falten: Ein Har Gow sollte mindestens zehn Falten haben.

Daniela Chana
Die Spinnerin am Kreuz

Zuerst dachte ich, es wäre nur dieses typisch matte Gefühl, das einen oft befällt, wenn endlich etwas eintritt, auf das man lange gewartet hat, und man feststellen muss, dass man sich über die wirklich großen Dinge im Leben nie so richtig freut. Am Tag nach der bestandenen Matura oder der Führerscheinprüfung oder der Hochzeit steht man doch wieder ganz normal auf, macht sich sein Brot mit Käse und Gurkerl, findet eine verschrumpelte Zitrone im Kühlschrank und staunt darüber, dass sich nicht alles überwältigend schön anfühlt. Stattdessen hat man auf einmal lauter neue Probleme.

Deswegen war ich nicht sonderlich überrascht, als mir in den ersten Tagen nach Leonardos Rückkehr nur die negativen Dinge auffielen. Gleich nachdem er zur Tür hereingekommen war und sich ausgezogen hatte, bemerkte ich, dass er Gesundheitsschuhe mit Einlagen trug. Freilich hatte ich immer den Traum gehabt, gemeinsam alt zu werden, mit Gesundheitsschuhen und Krücken und Ähnlichem, aber ich hatte mir das völlig anders vorgestellt. In meiner Fantasie wären wir gemeinsam am Frühstückstisch gesessen und er hätte liebevoll meine Hand gestreichelt und gesagt: »Na, jetzt wird es schon langsam Zeit, dass wir uns Gesundheitsschuhe kaufen, meine Liebste, und du bist immer noch so wunderschön wie am ersten Tag.« Danach wären wir romantisch Hand in Hand zum Orthopäden gegangen. Im Wartezimmer hätte ein Kind auf uns gezeigt und laut gesagt: »Schau, Mama, so ein uraltes Ehepaar!«, und ein Teenagermädchen, das gerade per SMS von ihrem Freund verlassen worden wäre, hätte uns traurig angeschaut und gedacht: »So wie die möchte ich auch einmal sein.« Nun waren wir aber unabhängig voneinander alt geworden, und was mich fast noch mehr ärgerte, war, dass ich mir trotzdem für unser Wiedersehen den kurzen Rock und die unbequemen Korksandalen mit der goldenen Schleife angezogen hatte, weil ich ihm gefallen wollte.

Ich redete mir ein, dass es nur eine Weile dauern würde, aber die Freude hat sich bis heute nicht richtig eingestellt. Stattdessen wird mir bewusst, wie viele Aspekte des Zusammenlebens ich in den Jahren ohne ihn komplett vergessen hatte, zum Beispiel sein lautes und holpriges Schnarchen. Wenn ich nachts aufstehe, um mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, ist er verärgert, weil ich ihn geweckt habe, und er bemerkt es nicht, wenn der Träger meines Nachthemds sexy von der Schulter rutscht. In meinen Jahren des Wartens hatte ich abends auf dem Balkon gern ein Glas Wein getrunken, melancholisch in den Himmel geschaut und war mit einer Flasche gut fünf Tage ausgekommen. Jetzt ist sofort nach dem Entkorken schon die halbe Flasche leer, weil Leonardo mittrinkt, und ich gehe allmählich dazu über, billigeren Wein zu kaufen. Letzten Samstag habe ich auch günstigere Steaks genommen als sonst und bei der Pasta am Montag mit dem Parmesan gespart.

Nicht zuletzt hat seine Rückkehr meinen Jahresumsatz geschmälert. Der Artikel über meinen Laden, der kurz nach Leonardos Verschwinden in der Bezirkszeitung erschienen war, hatte dazu geführt, dass die Höhe meiner Einnahmen zum ersten Mal in meinem Leben die steuerfreie Grenze überschritten hatte. Die Journalistin hatte die »melancholische Schönheit der Brautkleider einer einsamen Schneiderin« hervorgehoben und sogar behauptet, dass »in jedem Hochzeitskleid eine Träne« stecke. Seitdem war ich permanent ausgebucht gewesen und hatte nach Anproben nicht nur sanfte Blicke zukünftiger Ehefrauen, sondern auch enorme Trinkgelder erhalten. Manchmal war ich mir vorgekommen wie eine Art Glücksbrunnen, in den die verträumten Frauen eine Münze warfen, um ein schlechtes Schicksal für ihre Ehe abzuwehren.

Später hatte ich angefangen, für gemeinnützige Zwecke zu spenden und noch mehr gute Presse erhalten. »Die einsame Wohltäterin« hieß es in der Bezirkszeitung, und manchmal war es mir ein bisschen peinlich, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Rolle doch sehr übertrieben wurde. Andere Menschen spenden auch ihr verdientes Geld und sind sicher ebenfalls manchmal einsam oder traurig. Ich rief die Journalistin an, aber sie meinte, das sei eben Marketing und wenn ich deswegen schlechtes Gewissen hätte, sei ich ja noch heiliger als sie vermutet hätte, und dann müsse sie gleich einen weiteren, viel romantischeren Artikel über mich verfassen. Ich ließ es also dabei bewenden.

Da ich selbst nach Leonardos Rückkehr etwas reserviert war, fand ich es zunächst auch nicht komisch, dass meine Katze Penelope von Anfang an den Raum verließ, wenn er hereinkam. Auch Penelope war in der Bezirkszeitung vorgekommen, und nachdem immer mehr Kundinnen nach ihr gefragt hatten, hatte ich für sie Accounts bei mehreren sozialen Netzwerken eröffnet und ihre Katzenohren und Schnurrbarthaare in das neue Logo des Ladens integriert. Manche Kundinnen zahlten sogar einen Extra-Tarif dafür, dass Penelope bei den Terminen zur Brautkleidanprobe dabei war. Die beliebtesten Modelle wurden im Katalog mit einer Katzenpfote und dem Schriftzug »Penelope’s choice« versehen. Das alles konnte sie natürlich nicht so genau wissen, aber ich bin überzeugt davon, dass sie nach Leonardos Rückkehr spürte, wie sich die Aufmerksamkeit verlagerte und ihr plötzlich jemand das Wasser abgrub. Sie merkte zwangsläufig, dass die Buchungen nachließen, weil sie seltener von verträumten Brautjungfern auf den Schoß genommen und gekrault wurde. Ich hatte den Fehler gemacht, Leonardos Ankunft sofort in Penelopes Profilen zu posten, und von heute auf morgen war das Geschäft eingebrochen. Ob Penelope sich überhaupt an Leonardo erinnerte und ihn wiedererkannte, weiß ich bis heute nicht. Sie war noch ein kleines Kätzchen gewesen, als er ging.

Erst nach und nach begriff ich, dass ich mich auch deshalb nicht so richtig freuen konnte, weil durch Leonardos Rückkehr ein Stück von mir selbst verloren ging. Das viele Weinen nachts im Bett hatte mich auf eigenartige Weise erfüllt, die mir seither schmerzhaft fehlt. Gerade in den Nächten, in denen ich besonders lang voller Verzweiflung wachgelegen war, hatte ich mich mit etwas Höherem verbunden gefühlt, als müsste ich nur die Hand ausstrecken und könnte mich geradewegs an den Gliedern einer Kette nach oben ziehen, an deren Ende die Geister von spannenden Persönlichkeiten auf mich warteten. Meine Traurigkeit und mein Schmerz hatten mir einen Platz in einer Ahnengalerie eingeräumt, in der ich eine Nachfahrin zahlloser Einsamer und Verlassener der Geschichte war. Dieses erhebende Gefühl kann ich nicht mehr haben, wenn Leonardo neben mir schnarcht und atmet oder wenn er draußen im Wohnzimmer sitzt und die Geräusche eines Action-Films zu mir hereindringen.

Auch für meinen Körper ist es schwierig, sich wieder an seine Nähe zu gewöhnen. In den Jahren des Wartens hatte ich eine Vielzahl erotischer Träume mit langen und komplizierten Plots entwickelt, die ein schwieriges Spannungsverhältnis zur Realität aufweisen. Eine Fantasie beginnt damit, dass ich von Piraten entführt werde. Der einfühlsamste Pirat, der wegen seiner traurigen Kindheit immer einen melancholischen Blick und ein Buch dabeihat, erkennt sofort, dass ich die schönste Frau bin, die ihm weltweit je begegnet ist. Nach einiger Zeit des Werbens, in der er mir seine Sprache beibringt und Gedichte vorliest, die handwerklich solide und gut komponiert sind, gebe ich seinem Drängen nach, dann gibt es ein bisschen Sex und am Ende den Heiratsantrag. Solche Träume kann man nur haben, wenn man ungestört ist. Jetzt gibt es nur noch die gleichförmige Intimität mit Leonardo, die für mich nie ein Grund gewesen wäre, mit ihm zusammen zu sein.

Der vielleicht schwerwiegendste Verlust sind jedoch die Besuche meiner Nachbarin Evelyn. Nach dem ersten Artikel in der Bezirkszeitung hatte sie mich eines Tages bei den Postkästen angesprochen. Ob ich nicht Ablenkung und ein bisschen Gesellschaft bräuchte? Sie hätte sich schon gewundert, dass sie Leonardo nicht mehr im Stiegenhaus gesehen habe.

Zuerst hatte ich nur aus Höflichkeit »Ja« gesagt und sie zu mir eingeladen, aber mit der Zeit hatte ich ihre Besuche kaum noch erwarten können. Wenn das Handy klingelte und sie schrieb, sie könne in einer halben Stunde zu mir herüberkommen, stellte ich schon mit Herzklopfen im Hals die Gläser auf das Balkontischchen, dazu Schalen mit Nüssen, Käse und Oliven, klopfte die Pölster aus und entkorkte den Wein. Penelope legte sich dann immer schnurrend auf Evelyns Platz und wartete auf sie. Wenn Evelyn da war, strich Penelope glücklich zwischen unseren Beinen herum, und wir redeten stundenlang in den Sonnenuntergang, lachten und weinten die Dämmerung herbei, manchmal die Nacht. Unser Lieblingsthema waren Träume und Fantasien, und es gelang uns dabei, die Motorengeräusche und das Hupen von der stark befahrenen Kreuzung auszublenden. Mehrmals musste ich das Handy zur Reparatur in den Shop bringen, weil ich es immer am Gerät ausließ, wenn Evelyn mir nicht schrieb oder keine Zeit hatte.

Nachdem Leonardos Rückkehr bekannt geworden war, hatte Evelyn sich nicht mehr gemeldet. Auf meine drängenden SMS hatte sie irgendwann geantwortet, dass ich ja nun wieder ausreichend Gesellschaft hätte und auch keine Ablenkung mehr bräuchte. Vielleicht war Penelope auch deswegen so sauer auf Leonardo, denn sie hatte immer glücklich gewirkt, wenn Evelyn sie zwischen den Ohren gekrault und »Mauz mauz« gesagt hatte. Um sie zu besänftigen, habe ich sie letztens in einen Katzenkorb gepackt und bin mit ihr in die Werkstatt der Künstlerin gefahren. Die Künstlerin hatte zwei Jahre zuvor in einem meiner Kleider geheiratet und danach eine Plastik von Penelope angefertigt, die bereits bei mehreren internationalen Ausstellungen gezeigt wurde und auch in Zukunft noch viele Bewunderer finden wird. Unser Traum wäre, sie dauerhaft in Wien irgendwo im öffentlichen Raum aufzustellen, zum Beispiel bei der Spinnerin am Kreuz. Penelope wirkte zufrieden, als sie ihr Ebenbild betrachtete.

Ich glaube immer noch, dass sich alles einrenken wird. Viele Paare haben nach Jahren des Zusammenlebens eine Krise, warum also nicht auch nach Jahren des Getrenntseins? Ich werde mir einen neuen USP für das Brautmodengeschäft überlegen. Und irgendwann werden wir wieder ganz andere Probleme haben.

Peter Clar
Über den See, über das Wäldchen

für Johanna Taupe

»Im 17. Jahrhundert erzählten sich die Bewohner eines Dörfchens in unmittelbarer Nähe des Faaker Sees, daß der Mittagskogel Gold berge«, liest du, in der Latschacher Pfarrkirche, dem ›Dom vom Rosental‹ (»Rož, Podjuna, Zila, nagelj, rožmarin, v sveti zemlji sniva tvoj slovenski sin« / »Rosental, Jauntal, Gailtal, Nelke, Rosmarin, in der heiligen Erde schläft dein slowenischer Sohn«), in der Kirche deiner Kindheit sitzend und blickst nach vorn, blickst auf den barocken Altar oder auf das Ovalfenster mit gelbem Glas, davor die Taube des Heiligen Geistes, oder nach links zur Kanzel, auf der du noch niemals, auch nicht vor 20, nein, 25, nein, 30 Jahren oder mehr jemanden stehen gesehen hast, wie du überhaupt noch nie jemanden auf der Kanzel einer Kirche stehen gesehen hast. In der Latschacher Pfarrkirche St. Ulrich sitzend liest du weiter (»Es gab daher viele Leute, die es zu gewinnen trachteten und bald da, bald dort Grabungen anstellten, aber immer vergebens.«), liest du von der Magd des Ischnig-Bauern und ihres plötzlichen Reichtums, liest, wie dies den Bauern und den Pfarrer Latschacher (die Sage sagt Latschacher, nicht Leitschacher) stutzig machte und sie beschlossen, dem Geldgeber (1 Dukate pro Übernachtung und Verpflegung), einem Italiener, einem »Welschen«, aufzulauern.

Wie selbstverständlich hast du dich beim Eintreten in die Kirche bekreuzigt, hast du Zeige- und Mittelfinger in das aus der Wand wachsende Weihwasserbecken getaucht, das vor 20, nein, 25, nein, 30 Jahren oder mehr noch zu hoch für dich und deinen Bruder war, so dass deine Mama, so dass deine Oma euch mit ihren Daumen das Kreuz auf die Stirn malten (Geste von Mama wiederholt an deinen ersten Volksschultagen) und dir Stirn, Kinn und Brust bekreuzigten. Wie selbstverständlich hast du dich am Mittelgang – darunter das Grab des Pfarrers Leitschacher, des Erbauers der Pfarrkirche St. Ulrich – rechts gehalten, wie selbstverständlich hast du dich in die sechste oder siebte der rechten Bankreihen gesetzt, wie damals mit deinem Bruder und Opa, deine Mama aber, deine Oma aber immer links, bei den anderen Frauen. Und so sitzt du nun, im Buch Heimat am Mittagskogel und Faaker See die Sage des Pfarrers von Latschach lesend (der Welsche hat, vom Ischnig-Bauern und dem Pfarrer überrascht, diese zu jenem Ort geführt, wo Gold zu finden ist), auf ca. jener Stelle, auf der du früher gesessen, links von dir Opa oder rechts und rechts von ihm dein Bruder oder links, und blickst nach vorn (wie damals) auf den Altar oder auf die Portraits von Johannes und den anderen Evangelisten in halbförmigen Lünetten oder blickst geradeaus, auf die Wand, auf das auf der Wand hängende Bild des gefolterten Jesus, leicht in die Knie gesunken, die Hände hinter dem Rücken gebunden, den Blick leidend nach oben gerichtet (der für uns gegeißelt worden ist). Wie oft hast du gedankenverloren dieses Bild angesehen oder die Fotos und Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf der darunter angebrachten Tafel aus weißem Marmor, während links von dir oder rechts von dir dein Opa (der beste der Welt), während rechts von ihm oder links von ihm dein Bruder, während rund um dich die Kühle der Kirche, die Sonntagsvormittagsmüdigkeit, die Vorfreude auf das Spielen – wir waren unendlich …

Jedes Mal, erinnerst du dich jetzt (der Ischnig-Bauer, der Pfarrer und der Welsche haben mittlerweile eine Vereinbarung geschlossen, das Gold zu teilen), wenn der Messner oder einer der Ministranten mit dem an einer langen Stange befestigten, samtenen Klingelbeutel durch die Reihen ging, hatte dein Opa deinem Bruder und dir je eine 5-Schilling-Münze in die Hand gedrückt, damit ihr diese in den Klingelbeutel werfen konntet, und du erinnerst dich weiter, an den Weg zum Altar, dein Opa hinter dir (oder deine Mama oder deine Oma), eine Hand auf deiner Schulter, das Kreuzzeichen des Pfarrers, der Stolz, als du dann alt genug für die Hostie, und an das sehnlich erwartete ›Gehet hin in Frieden‹ und dann hinaus, in den sonnigen Sommertag, in den Nebelnovember, in den weißen Wintermorgen. Rechts neben der Tafel mit den Namen der Gefallenen, rechts neben dem Bild des gefolterten Jesus (der für uns gekreuzigt worden ist) siehst du nun das Epitaph für den unter dem Mittelgang der Kirche beerdigten Pfarrer Leitschacher, umrahmt von einem vergoldeten Bild des Pfarrers, von Getreideähren, einem Hostienkelch, einer Weinrebe, vor allem aber von einem sich plastisch abhebenden Totenschädel mit Flügeln – »Hic cubat, abreptum defle, tequaeso. Uiator / Ioannes Leitshaher Primus Parochus et / author aedificii« (»Hier ruht, beweine den Entrissenen, darum bitte ich dich, Wanderer, Johannes Leitschacher, der erste Pfarrer und Erbauer dieses Gebäudes«).

Das Geld für den Bau der Kirche, für den Bau des Pfarrhauses, für den Bau der Volksschule habe der Pfarrer sich selbst aus dem am Mittagskogel gefundenen Erz prägen lassen, so erzählt dir die Sage, während du unwillkürlich (wie damals) immer wieder auf den aus der Wand herauswachsenden, geflügelten Totenkopf schaust, auf die lateinische Inschrift schaust (»Quinque decem Numeres ac His / Super addito Quintum / ætatis Numerum Mox libi Crede dabit« / »20 Jahre leitete er die Kirche. Zähle 5 x die 10 und füge zu diesen Zahlen die fünfte, das wird Dir die Lebenszeit geben, glaube es«). Bald aber hätten ihm seine Neider vorgeworfen »daß er auf unehrliche Art reich geworden sei« und ihn vor Gericht gebracht, von dem er, da er die Quelle seines Reichtums nicht preisgeben wollte, zum Tode durch lebendiges Einmauern verurteilt wurde. Und du stehst auf und stehst nun im Mittelgang des Mittelschiffs, darunter das Grab des Pfarrers, und gehst ein paar Schritte nach vorn bis zu exakt jener Stelle, wo vor ein paar Jahren der Sarg deines Opas gestanden ist oder bildest du dir das ein, deine Erinnerungen verschwimmen, während du, das aber weißt du bestimmt, ziemlich genau auf jenem Platz gesessen bist, auf dem du als Kind neben ihm (links oder rechts du, rechts oder links dein Bruder) gesessen warst. Und nun siehst du dich selbst, wie du leer den leeren Worten des Pfarrers zuhörst (irgendetwas vom ewigen Leben), aber siehst dich auch deiner Mama zuhören und erinnerst dich an ihre Rede (unser junger, fescher Vati) und dann doch auch an Tränen (wie heute).

Und du blickst noch einmal zum Altar, an dem der Pfarrer Leitschacher kurz vor der Vollstreckung des Urteils tot zu Boden gesunken sein soll (Gnade Gottes) und drehst dich um, unter dir sein Grab, in dem sein Körper, zum Zeichen, dass er nichts Unrechtes getan hatte, 100 Jahre lang nicht verwest war, und gehst Richtung Ausgang, vorbei an der Kreuzigungsgruppe mit dem Schneeball auf der Brust des gekreuzigten Jesus (der Werfer verlor, da er seinen Treffer nicht bereute, auf der Stelle den Verstand, heißt es, und sei »[n]ach dem Pfingstfest (1613) […] elendiglich verstorben«), und trittst hinaus in die Frühlingssonne, vom Mittagskogel der Geruch nach Schnee (noch oder wieder) und gehst zweimal nach links (wie damals, als ihr dem Sarg hinterher – »Muass wohl fuat aus meiner Kammer, pfiat enk Gott, pfiat enk Gott«), links von dir nun die Kirche und rechts von dir die Friedhofsmauer mit der ehemaligen Totenkammer, dahinter die Karawanken. Oder du gehst zweimal nach rechts, vorbei am Mahnmal gegen den Krieg von Valentin Oman, das 2010 errichtet wurde und das du, so lange warst du nicht mehr hier, heute zum ersten Mal siehst (oder bildest du dir das ein oder erinnerst du dich falsch?), rechts von dir nun die Kirche und links von dir die Friedhofsmauer, dahinter der Pfarrhof. In diesem hatte die Dorfgemeinschaft Latschach vor rund 20 Jahren (damals noch ohne rechtsrechten Obmann, damals noch mit Chor, Volkstanzgruppe und Theatergruppe) zum ersten Mal Ernst Müllers Der Goldpfarrer von Latschach aufgeführt, du erinnerst dich an die Proben und an die Arbeiten an den Kulissen und daran, wie der Nadrag-Opa (den alle in eurer Großfamilie so nennen, auch wenn er der Opa deiner Cousins ist) als »Welscher« die Friedhofsmauer entlanglief, erinnerst dich an das Trauerlied des Chors anlässlich des verkündeten Todes des Goldpfarrers (»Ave, ave, ave Maris Stella«), den dunkelblauen Nachthimmel und den hell erleuchteten Kirchturm, und es kommt dir vor wie ein anderes Leben, ein anderes Sein.

Und an der Rückseite der Kirche bleibst du kurz stehen, schaust auf das große Kruzifix, darüber das Ovalfenster mit gelbem Glas, dahinter die Taube des Heiligen Geistes, und liest die Namen auf den Gedenktafeln, liest den Namen von Janko Mikula (»Rož, Podjuna, Zila«) und von Franc Treiber (»Nmav čriez jizaro, nmav čriez hmajnico, čjer je dragi dom z mojo zibelko, čjer so me zibali mamica moja in prapievlali haji, haja.« / »A bisserl über den See, a bisserl über das Wäldchen, wo mein liebes Zuhause mit meiner Wiege steht, wo mich Muttern wiegte und »haji, haja« sang«), die erst 2009 aufgehängt wurden. Und du gehst vorbei am Mikul-Grab und wunderst dich, warum dir als Kind niemand die Geschichte der drei von den Nationalsozialisten ermordeten Kärntner Slowen_innen erzählt hat (und erinnerst dich an die Aufbahrungshalle, den Sarg deines Opas und die Vorbeterin, die auch für »unseren verstorbenen Landeshauptmann Haider« gebetet hatte – und wunderst dich nicht mehr). Und du gehst weiter, gehst bis zum Grab deines Opas, dahinter der Mittagskogel (»fliagt a großer Vogel üban Mittagskogel / kennt ka Grenz, kennt ka Zeit«). Wie lange du schon nicht mehr hier warst (»amol mecht i a so a Vogel sein / fliagn wo’s ma grod gfollt«), denkst du dir, und erinnerst dich an Allerheiligen im Novembergrau, an Anoraks und Hauben und Hände in Taschen, an Atemwolken und Erwachsene mit hochgeschlagenen Mantelkrägen und an das Verstummen der Gespräche beim Nahen des gräbersegnenden Pfarrers. Und dann der Nachmittag bei Oma und Opa, bei Tee und Kuchen und Sasakabroten. Und am Abend, auf der Heimfahrt, noch einmal vorbei am Friedhof, das Licht Hunderter Kerzen verschwimmend im Grau, irgendwo bellt ein Hund (aber das kannst du nicht hören) oder fährt einsam ein Auto und dann / wieder Stille.

Und jetzt holst du ein Grablicht aus deiner Tasche, hast aber die Zündhölzer vergessen, hast dein Feuerzeug vergessen, weißt aber auch, dass deine Oma hinter dem Grabstein ein Feuerzeug platziert hat (vielleicht eines vom Spar) oder eine dünne Kerze, um an einem anderen Grablicht Feuer entzünden zu können, und du holst das Feuerzeug oder holst die Kerze und zündest das Grablicht an und gehst leicht in die Hocke, um sie aufs Grab zu stellen. Und wie damals, einige Tage (oder waren es Wochen?) nach dem Begräbnis, bleibst du kurz hocken, aber diesmal kommt dein ehemaliger Hausarzt, obwohl stramm deutschnational ein Freund deiner Familie, und du schüttelst im Heute den Kopf, nicht vorbei, bleibt nicht kurz stehen, schaut nicht zuerst aufs Grab und dann auf dich, sagt nicht, mit freundlichem Lächeln, nachdenklich »Dein lieber Opa« und du nickst nicht stumm zurück. Und du stehst auf und gehst weiter, den Gräbern entlang, die dir seltsam vertraut, liest hin und wieder einen neuen, doch selten einen unbekannten Namen, gehst bis zum Grab der Mutter deiner ersten Freundin. Und du erinnerst dich an den Moment, als du die Nachricht ihrer Krankheit bekamst, erinnerst dich an das Public Viewing bei der EM 2008 und du weinend im Rathauspark, erinnerst dich aber auch an Ivo Vastićs Elfmetertor, an »Wien-wird-Cordoba« (wurde es nicht) und an deinen Besuch im Krankenhaus, an dein Versprechen, auf ihre Tochter aufzupassen – und wie schnell du es gebrochen, wie wenig sie es gebraucht aber auch – und an das Begräbnis (»Vom Rupertiberg in die Turia«). Und du denkst zurück, an Paris ’98, an Hand-in-Hand und wild schlagendes Herz (wie in schlechten Gedichten) oder an ein halbes Jahr später, an geöffnete Fenster – ihr wart noch Kinder und seid es lange schon nicht mehr (»Hiša očəna, ljuba mamica, da bi jes našel še embart oba; o da bi videl jo, mamico svojo, pa bi spevlav spet haji, hajo.« / »S’ Vaterhaus, die liebe Mutter, könnt’ ich beide noch einmal aufsuchen, oh, sähe ich sie noch einmal, meine Mutter, dann sänge ich wieder haji, hajo«).

Da reißen dich Schritte aus deinen Gedanken und du drehst dich um, ein alter Mann geht vorbei, du kennst ihn vom Sehen, für ihn aber bist du fremd. Und trotzdem grüßt er dich stumm und du ihn und drehst dich zurück zum Grab, dahinter leuchtet der Mittagskogel golden im Abendlicht (als wäre es eine Klammer). Und du fängst ein Kreuzzeichen an, lässt es aber bleiben und gehst los, gehst Richtung Parkplatz, rechts von dir die Karawanken und links von dir der Kerzenautomat, die Mülltonnen, der Abfallhaufen, und in deinem Rücken die Kirche, das Ovalfenster mit gelbem Glas, dahinter die Taube des Heiligen Geistes, darunter das Kruzifix, daneben die Gedenktafeln für Janko Mikula und Franc Treiber (»K’ sem še mihen bil, sem bil dro vasev, sem večbarti k’tero pesem pev« / »Als ich noch klein war, war ich fröhlich, sang oftmals so manches Lied«).

Für die Übersetzung von Nmav čriez jizaro bedanke ich mich bei Dominik Srienc – Hvala za pomoč!

Michaela Debastiani
Der Zaungast

Hinter dem Fluss, still und klar, steht ein Wald. Steht da seit dem Anbeginn der Zeit und atmet die Seele der Blätter, saftig und grün. Darin sprechen Tiere, haschen Zweige Nebelfetzen und wenn der Wind durch das Unterholz pfeift, klingt das Lied der Kinder des Waldes bis ans andere Ufer.

Vor dem Fluss liegen Stämme, dicht an dicht. Liegen da, seit ein Mann sie aus dem Wald geholt hat, und vergießen ihre Nadeln, harzig und frisch. Äxte haben sich an ihren Zweigen verfangen und sie nicht mehr losgelassen, bis der Boden ihre Farben aufgesogen hat. Die Ringe der Zeit tragen die Stämme voll Stolz.

»Das Feuer ist des Teufels einziger Freund«, sagt der Mann zu seinem Sohn in der Stube, wohlig und warm. »Das sagst du nur, weil du am Zaun die Frau gesehen hast«, antwortet der Sohn. Und es ist wahr! Seit der Mann die Frau am Zaun gesehen hat mit dem Reisighaar und den dürren Fingern, sieht er sie überall.

Und seit der Teufel, gierig und heiß, das Holz aus dem anderen Land an einem anderen Fluss holt, endlos und weit, schrumpft das Feuer im Kamin des Mannes. Sein Holz verbrennt nicht zu Asche, es knausert und ächzt. Übrig bleiben drei Stück Kohle im Kamin. Sie färben die Hände des Mannes schwarz.

Der Mann befiehlt den Arbeitern, mehr Holz aus dem Wald zu holen. Ein Kreischen geht durchs Unterholz. Es wächst der Stapel an Brettern neben dem Fluss. In Reih und Glied liegen sie da, die Stämme, kahl geschlagene Tannen und Fichten. Sie haben ihren Stolz verloren und die Stuben bleiben kalt und traurig.

»Wir müssen schaffen, wie der Teufel!«, ruft der Vater über das Werksgelände. »Das sagst du nur, weil du die Frau am Zaun gesehen hast«, ruft der Sohn zurück. Und es ist wahr! Seit der Vater die Frau am Zaun gesehen hat, kann er an nichts anderes mehr denken. »Siehst du sie auch?« »Klar seh’ ich sie!«

Der Vater geht zur Bank und holt einen Stapel Geld. Neben dem Fluss wachsen Kräne und Mauern, silbern und grau. Es kreischen die Sägen, es poltern die Motoren, es feuert der Mann seine Arbeiter an. »Sie verlangen ihr Säckel, sonst heizen sie uns ein«, lehrt der Vater seinen Sohn im Büro, geschmackvoll und reich.

»Das sagst du nur, weil du die Frau am Zaun gesehen hast«, wendet der Sohn ein, als der Vater die Geldscheine zählt. Und es ist wahr! Der Vater zieht den Sohn am Kragen zur Fensterfront im Werkspalast und die Scheine fliegen wie Späne. »Zur Hölle, siehst du sie auch?«, fragt der Vater. »Ja, ja«, sagt der Sohn.

Es wachsen die Geldstapel, Weihnachten naht. Der Mann sieht die Frau am Zaun bei Tag und bei Nacht. Und er denkt, dass er mehr Holz aus dem Wald holen muss, dass er die Arbeiter und die Banken bezahlen muss und dass er die Lieferanten beliefern muss, dass er in den Stuben der Leute einheizen muss.

Der Wald steht hinter dem Fluss, still und klar. Rauchige Nebel umhüllen die Wipfel und die Zweige beugen sich dem Schnee, fügsam und leise. Es sprechen die Tiere und die Glocken läuten zur Weihnachtsmesse. Der Sohn und der Vater hüllen sich in Felle, doch als sie am Zaun vorbeikommen, bleibt der Vater stehen.

»Sie ist da«, flüstert der Vater. Er rauft sich die Haare und zerfurcht sein Gesicht. »Siehst du, wie sie mich anschaut?« »Ich sehe sie!«, haucht der Sohn. Der Vater droht mit dem Besen und stampft mit dem Fuß. Der Sohn zieht den Vater weiter zur Messe und wieder nach Hause. Er bettet ihn warm und sagt ihm gute Nacht.

Wind pfeift durch das Astloch und treibt den Mann aus dem Bett. Feuer knistert im Kamin. Es zieht ihn hinaus in die rauchige Nacht. Geradewegs geht er auf den Zaun zu. Dort steht die Frau, weht mit weißem Leinengewand. Wie der Mond schimmert ihr Gesicht, umsäumt von Haar, zart wie Federn und Flachs.

Die Frau verschwindet im Wald, schweigend und still. Da hört der Mann die Kinder des Waldes singen. Er ahnt, dass die Schatten des Unterholzes auf den Lichtungen tanzen. Der Mann öffnet die nebelschweren Pforten seines Zaunes. Als er den Wald betritt, wird er empfangen wie ein lange vermisster Gast.

In der Stube holt der Mann nicht Kohle, sondern Asche aus dem Kamin. Seine Hände bleiben weiß. Die Zeit hüllt die Kinder des Waldes in stattliche Farben. Die Bretterstapel wachsen und schwinden. Wann immer der Mann seinen Sohn fragt, ob er die Frau am Zaun sieht, lächelt der Sohn und antwortet: »Ja, Vater. Ich sehe sie.« Und es ist wahr.

Sophie Esterer
Der Schleuserkönig: Eine sagenhafte Satire

Ein Bauer aus der Gegend von Al-Qalamoun war in große Not geraten. Er hatte sich das ganze Jahr früh und spät in seinem kleinen Anwesen geplagt, mit großem Fleiß seine Felder bestellt, hatte gepflügt, gejätet und sich im Sommer im Schweiße seines Angesichts mit seinen Kindern um das Einbringen seiner Ernte bemüht. Doch Jahr für Jahr hatte Dürre geherrscht. Auch in diesem Jahr brannte die Sonne unerbittlich vom Himmel. Die Brunnen waren ausgetrocknet, die Pflanzen verkümmerten am Feld. Dann kam der Krieg. Kein Strom, kein Diesel, kein Saatgut, kein Dünger war zu kaufen. Der Bauer hatte Angst, aufs Feld zu gehen. Bewaffnete Kämpfer lauerten dort, nahmen Menschen gefangen. Der Bauer hatte Angst, in die Stadt zu gehen. Er wusste nicht, ob er wieder in sein Dorf zurückkehren dürfte. Als der Bauer dann nach der Ernte den Ertrag des Jahres überblickte, sah er mit Schrecken, dass er nicht genug hatte, um bis zur nächsten Ernte mit seiner Familie das Auskommen zu finden. In früheren Jahren hatte er regelmäßig einen Teil seiner Feldfrüchte auf dem Markt verkaufen können. Diesmal aber verblieb ihm kein Hälmlein und kein Körnlein, das er zu Geld machen konnte. »Das Unkraut deines eigenen Feldes schmeckt besser als der Weizen aus der Fremde«, sagte die Frau des Bauern. Doch seine Kinder hungerten. Seine Nachbarn verließen das Dorf. Seine Frau wurde still und bitter.

Kummervoll machte sich auch der Bauer eines Tages auf den Weg, um in einem entfernt gelegenen Land Hilfe und Arbeit zu suchen. Es war ein schwerer Gang, denn es kam ihm nicht leicht an, anderen Leuten seine Not zu klagen. Auch machte er sich nicht allzu viel Hoffnung auf den Erfolg, denn die Reise war lange und gefährlich.

Zu Fuß war der Bauer nun auf verborgenen Wegen unterwegs. Tag für Tag litt er Hunger, Durst, Hitze, Kälte. Er teilte den Pfad mit Tausenden, ja, gar Hunderttausenden anderen Bauern, die in fernen Ländern Geld zu verdienen suchten, wovon ihre Frauen die dringendsten Schulden bezahlen und die Felder bestellen sollten. So schritt er, seine hoffnungslose Lage überdenkend, durch eine finstere Schlucht am Rande eines großen Meeres. Müde und verzagt setzte er sich auf einen Felsblock am Weg und murmelte vor sich hin: »Ach, wenn mir doch irgendein höheres Wesen, eine gütige Frau oder ein freundlicher Mann in meiner unverschuldeten Not zu Hilfe käme!« Wehmütig sah er dem munteren Spiel der Eidechsen in seiner Nähe zu, hörte in der Ferne den heiteren Gesang der Vögel, da war es ihm, als vernähme er hinter seinem Rücken leises Stimmengewirr. Doch als er sich umdrehte, sah er niemanden. Aber bald vermeinte er wieder Stimmen zu hören und erhob sich, um durch die Zedernbäume zu spähen. Er sah zwar kein menschliches Wesen, aber die Laute waren jetzt deutlicher zu hören, und er zwängte sich in der Richtung des Schalles durch das Gebüsch. Das Geräusch verstärkte sich , und da sah er auf einer Lichtung Hunderte von Menschen, die dort standen und saßen und unter fröhlichen Gesten und Reden in ihren leeren Taschen wühlten und ihre Träume und Wünsche austauschten. Inmitten des Trubels stand ein wunderschöner, weiß und silbrig schimmernder Wagen. Im Wagen saß ein alter, ehrwürdig aussehender Mann in einem edlen weinroten Anzug. Es war der Schleuserkönig, der mit gnädigem Blick dem fröhlichen Treiben der Menschen zusah.

Der Bauer blieb regungslos in seinem Versteck stehen und beobachtete das bunte Treiben, das sich vor seinen Augen entfaltete. Eine Weile hatte er unbemerkt hinter seinem Busch gelauscht, als plötzlich ein kleiner Mann auf das Gebüsch zugelaufen kam. Mit pochendem Herzen trat der Bauer aus seinem Versteck. Sogleich kamen andere Männer herbei und führten den Bauern zum Schleuserkönig, der den fremden Eindringling auszufragen begann. Der Bauer klagte dem Schleuserkönig in bewegten Worten seine Not, und dieser schien von den offenen Worten des einfachen Mannes gerührt. Er ließ alle Menschen vor seinen Wagen treten und befahl ihnen, zu einem nahe gelegenen niederen Hügel voranzugehen; er selbst fuhr mit seinem glänzenden Wagen hinterdrein und lud den Bauern ein mitzukommen. Ein langer, von Kiefern und Zypressen gesäumter Weg führte zu einem Strand aus weißen Kieselsteinen. Da lag vor den Blicken des Bauern im strahlenden Lichterglanz des blauen Wassers ein Boot, das die Menschen über das große Meer zu bringen versprach.

Viele Tage dauerte die Überquerung des Meeres, und der Bauer litt manchmal große Angst, dass ein Sturm das Boot zum Kentern bringen würde. Auch wusste er nicht, was ihn auf der anderen Seite des Meeres erwarten würde. Der Bauer dachte oft sorgenvoll an seine Ehefrau und Kinder, die von seinem Verbleib nichts wussten.

Als das Boot nach vielen unruhigen Tagen und Nächten endlich Land erreichte, gebot der Schleuserkönig den Menschen, in einen großen, dunklen Wagen zu steigen. Der Wagen holperte über Stock und Stein, durch viele unbekannte Länder, die weder der Bauer noch seine Weggefährten je zuvor bereist hatten. Mit großer Hoffnung unterhielten sie sich über diese fremde Umgebung, die grünen Wiesen, die Felder voller Korn und die großen Maschinen.

Als die Fahrt an ihr Ende kam, stieg der Bauer aus dem Wagen. »Wo bin ich?«, fragte er den Schleuserkönig. Dieser nickte und deutete auf eine große Tafel, auf der in goldenen Lettern »Willkommen in Obernberg« geschrieben stand. Rote, blaue und grüne Häuser mit weiß verzierten Fenstern drängten sich dicht um einen Marktplatz. Ein großer gelber Kirchturm streckte sich zum Himmel. Menschen tummelten sich um Marktstände, die sich unter üppigen Waren bogen – Kartoffeln, Äpfel, Brot und Fleisch, soweit das Auge reichte. So gute Sachen hatte der Bauer noch nie gesehen, geschweige denn gegessen. Während der Bauer noch fassungslos diesen unermesslichen Reichtum bestaunte, verabschiedete sich der Schleuserkönig und wünschte dem Bauern viel Glück.

Zwei Jahre verbrachte der Bauer in seiner neuen Heimat. Er lernte die schwierige Sprache des fremden Landes, bewirtschaftete die fruchtbaren Felder der fremden Bauern und aß die köstlichen fremden Speisen, die mit fröhlichem Geplauder und Gelächter gewürzt waren. Im dritten Jahr ließ der Schleuserkönig den Bauern rufen und fragte ihn, wie es ihm hier gefalle und ob er nicht auf immer dableiben wolle. Da fielen dem Bauern voll Sorge Ehefrau und Kinder ein und alle Not, die ihn und seine Familie auf Erden erwartete, kam ihm wieder zu Bewusstsein. »Herr«, sagte er mit bebender Stimme, »in diesem Reich ist es wunderschön, hier gibt es keine Not und keine Sorgen, und ich würde wohl gern für immer dableiben; aber drüben leben meine Frau und meine Kinder in Not und Entbehrungen; sie wissen nicht, wo ich hingekommen bin, und warten gewiss mit Angst auf meine Heimkehr. Ich bitte Euch, lasst mich wieder zu den Meinen nach Hause gehen!«

Da nickte der Schleuserkönig würdevoll und sagte: »Bald sollst du wieder zu deiner Familie heimkehren. Aber vorher sollst du für einen Sack voller Geld sorgen.« Darauf arbeitete der Bauer so fleißig, wie er es sein Lebtag noch niemals getan hatte. Jahrein, jahraus schuftete und schuftete er. Er sparte jede Münze, die er nur entbehren konnte, bis sein Sack eines Tages bis an den Rand gefüllt war und er ihn kaum schleppen konnte.

Am anderen Morgen nahm er Abschied und schritt mit seinem schweren Sack bepackt aus dem Ort. Bald sah er sich wieder unter den Zedernbäumen, wo er den Schleuserkönig einst vorgefunden hatte, und machte sich auf den Heimweg zu seiner Familie, die wegen seines langen Ausbleibens schon die ärgsten Befürchtungen gehegt hatte; denn er war volle acht Jahre fort gewesen. Nun aber hatte alle Not ein Ende, und dankbar gedachte der Bauer in seinem Wohlstand der hilfsbereiten Menschen auf seiner langen Reise.

Thomas Fröhlich
Das Zicklein und der Wolf

Das Zicklein lief und der Wolf war hinter ihm her …

Mit diesen oder ähnlichen Worten könnte eine Sage beginnen, die man sich im Mostviertel erzählt und die sich in der sogenannten »Filialkirche Hl. Martin in Lanzendorf bei Böheimkirchen« zugetragen haben soll. Jene steht seit ihrem ungefähren Erbauungsjahr 1200 im Wesentlichen unverändert auf einer grünen Wiese; ihr weiß getünchter Bau wird derzeit von zwei Obstbäumen flankiert und lässt sich von den Regionalzügen der »alten Westbahnstrecke« nach wie vor bewundern. Wie aus der Zeit gefallen mutet sie an: Ein schiefer Turm, der sich schon während der Bauzeit abgesenkt hatte, dominiert das Langhaus und das leicht eingezogene Chorquadrat mit seiner niedrigen Apsis, die sich unter einem Sattel- beziehungsweise Halbkegeldach befinden. Neben dem südlich ausgerichteten Haupteingang findet sich ein »Pestloch«. Durch dieses wurde den Pestkranken mit einem langen Löffel die Kommunion gereicht. Direkt über dem Eingangstor ist eine eingemauerte Steinscheibe mit sieben Löchern in der Art einer Lichtschale angebracht.

Die Legende behauptet allerdings, dass es sich bei Letzterem um den Abdruck einer Wolfspranke handelt. Und das kam so:

Als es hier nämlich noch Wölfe gab, soll eine junge Ziege auf der Flucht vor einem Wolf in die offene Kirche gelaufen sein. Die Eingangstür hatte der Küster mit einem Stab offen gehalten, um sie daran zu hindern, ins Schloss zu fallen, möglicherweise deshalb, weil die Kirche zuvor vom nahen Flüsschen wieder einmal überschwemmt worden war. Das Zicklein stürzte zum Altar, von dort zur Kanzel, gefolgt vom Wolf, sprang von der Kanzel und rannte zurück zur offenen Pforte, wobei es den »Hemmungsstab« umwarf. Die Tür fiel zu und der Wolf war nun in der Kirche gefangen – »wütend heulte er bei jeder Ritz’ heraus«.

Das Zicklein entkam also mit Gottes Hilfe und man darf annehmen, dass der Wolf seinen Kirchgang wohl nicht überlebte. Als Andenken »fügte man den Stein mit des Wolfes tiefer Fährte in die Kirchenwand ein«.

So weit die Sage, wie sie überliefert ist. Wie alle Sagen ist sie natürlich wahr. Aber möglicherweise fehlt noch etwas. Etwas, das die Ereignisse in neuem und nicht gerade beruhigendem Licht erscheinen lässt, wie wir den erst vor Kurzem aufgefundenen Aufzeichnungen des Lanzendorfer Pfarrers Augustinus Salingberger entnehmen dürfen …

Das Zicklein lief und der Wolf war hinter ihm her …

[Aus den Aufzeichnungen des Pfarrers der Kirche zum Hl. Martin, Augustinus Salingberger:]

Sonntag, 6. August 1684, nach Sonnenuntergang.

Nun ist es wieder getan. Es fällt mir immer schwerer, meiner Aufgabe nachzukommen, obgleich die Anzahl derer, die meiner bedürfen, um einiges niedriger ist als noch vor einigen Wochen. Nach der Messe habe ich den langen Löffel ins geweihte Wasser getaucht und jenen auf der anderen Seite die Kommunion gespendet. Und wenngleich das Loch, durch welches ich den Löffel durchreiche, schmal ist, breitet sich der Gestank der Erbarmungswürdigen in Windeseile auch hier im Inneren der Kirche aus. Ich weiß, ich sollte all dies in Gleichmut hinnehmen, doch es übersteigt meine Kräfte. Ich bin froh, wenn sie wieder in ihre Häuser schlurfen und mich allein zurücklassen. Ich trage in diesem Gemäuer keine Maske gegen die Pestilenz und wünsche mir oftmals, weit, weit weg zu sein. Die Sommerhitze ist unerträglich; die Luftfeuchtigkeit hier drinnen ist seit der letzten Überschwemmung kaum auszuhalten. Ich weiß nicht, ob es sich bei alldem um eine Strafe oder Prüfung Gottes handelt … oder um etwas ganz anderes. Die Gschamige Sterb* rafft uns dahin, uns, die wir uns vor Kurzem noch in der Türken Not befanden. Der Krummsäbel, den ich üblicherweise in der Sakristei, den Blicken meiner Schäfchen entzogen, aufbewahre, erinnert mich täglich daran. Besonders heute, da ich ihn wieder einmal gereinigt und geschliffen hatte. Auch hier im Gotteshaus wurde Blut vergossen – doch will ich nicht daran denken, zumal ich jener war, der dies getan hat. Ich habe große Schuld auf mich geladen, auch wenn es ausschließlich zur Verteidigung geschah – meine Feder sträubt sich, den Hergang niederzuschreiben. Ich weiß nun, dass es ein schmaler Grat ist, der einen gottesfürchtigen Menschen zum Ungeheuer werden lässt. Es schläft in jedem von uns und wartet nur auf seinen Weckruf. So leise dieser auch sein mag, er übertönt alles. Den Toten hatte ich damals in den Fluss geworfen und niemand hatte mich je verdächtigt. Die blanke Klinge, die ich in seine linke Augenhöhle getrieben hatte, vergrub ich. Keiner hatte es jemals gefunden.

Es gibt Gerüchte. Heute nach der Morgenmesse sagte man mir, dass nachts seltsame Kreaturen aus den Wäldern stapften, manche wild, die Haut von Fell überzogen und hungrig nach Fleisch, ob frisch oder verrottet. Die Toten erheben sich angeblich aus ihren Gräbern und gekalkten Gruben, mit leeren Gesichtern, in ihren Augen tanze schwarze Schlacke und sie trügen die Seuche weiter unter die Lebenden. » Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück«, meinte hierauf Alois Nigisch, mein Küster, mit vor Furcht zitternder Stimme. Ich hieß ihn ob dieser Blasphemie zwanzig Vaterunser beten, kann mich aber der schrecklichen Vorstellung nicht erwehren, dass er möglicherweise recht hat.

Ich bin müde. Ich möchte gerne schlafen, doch habe ich Angst vor meinen Träumen, die in den letzten Tagen immer schlimmer wurden. Manchmal vermeine ich, durch die Reihen der Kirche zu gehen. Ich bin allein. Fahles Mondlicht begleitet meine Schritte. Es offenbart Dinge, die falsch sind. Die Gegenstände, alles scheint mir fremd. Die Anordnung der Dinge wirkt wie auf den Kopf gestellt. Blicke ich zur Decke, ist diese verschwunden. Ich sehe ein Sternbild, das ich nicht kenne. Zyklopische Bauten mit ins Nichts führenden Treppen beginnen die Kirche zu überragen, scheinen sich zu nähern. Ein Wind, der aus den Tiefen des Alls oder der Hölle zu wehen scheint, braust heran, mit ohrenbetäubender Lautstärke … Dann erwache ich schweißgebadet. Der Traum ist vorbei. Doch weiß ich, dass ich in der nächsten Nacht weiterträumen werde. Und die Bauten werden wieder näher sein als in der Nacht und im Traum zuvor. Irgendwann werden sie mich zermalmen. Ich bete darum, rechtzeitig zu erwachen.

Heute herrscht Vollmond. Ein beinahe gespenstisches Licht hüllt die Umgebung der in gleißendes Weiß gebadeten Kirche ein. Es ist ein geradezu weihevoller Anblick, die Stille wird nur vom inzwischen wiederum friedlich in seinem Bett dahinplätschernden Flüsschen unterbrochen. Ich habe dem Küster heute Abend freigegeben. Ich öffnete nach Sonnenuntergang die Eingangstür und blickte eine Zeit lang hinaus. Es schien keine Gefahr von draußen zu bestehen, also schob ich einen Hemmstab an die Tür, um sie am Zufallen zu hindern, damit sich die drückende Feuchtigkeit herinnen ein wenig in der Nachtluft verlieren konnte. Das Einatmen der frischen Luft tat gut und vertrieb die unsinnigen Gerüchte. In Zeiten wie den unseren neigen Menschen ja zu den absonderlichsten Thesen.

Als ich mich zum Hineingehen in die Kirche anschickte, vernahm ich ein Geräusch im Gras.

Das Zicklein lief zur Kirche und der Wolf war hinter ihm her …

[Aus den Aufzeichnungen des Pfarrers der Kirche zum Hl. Martin, Augustinus Salingberger:]

Montag, 7. August 1684, nach Sonnenaufgang.

Das Zicklein lief geradewegs auf den Eingang, auf mich, zu. So, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. »Zicklein!« rief ich aus. Bauerntochter Maria Grauwieser, ob ihrer Feingliedrigkeit und Lebhaftigkeit von allen nur liebevoll »Zicklein« genannt, war in ein im Mondlicht beinahe strahlend weißes, ansonsten schmuckloses Leinenkleid gehüllt. Als sie meiner ansichtig wurde, deutete sie im Lauf mit dem Kopf hinter sich und rannte weiter. Und da erblickte ich auch ihren Verfolger, den Wolf, der sich in rasender Geschwindigkeit und mit Mordlust in den Augen näherte. Das Zicklein sprang durch den Eingang, während ich mich zur Seite warf. Bevor ich den Hemmstab wegstoßen und die Tür schließen konnte, war Wolfram Staudinger, der älteste Sohn des Schmieds, Wolf genannt, schon mit einem Fuß herinnen. Er strahlte eine unbändige Kraft aus, sein Gewand war zerfetzt und sein Körper schien gewachsen und irgendwie … vertiert. Ich kann es nicht anders beschreiben. Als er im Eingang stand, hieb er mit seiner Hand voller Wut auf die Außenmauer über der Tür. Er brüllte; und es war kein menschliches Brüllen, eher das eines tollwütigen großen Tiers. Ich versuchte ihn aufzuhalten, doch er stieß mich zur Seite. Das Zicklein floh zum Altar, wohin ihm der Wolf folgte, und rannte hierauf zur Kanzel. Der Sohn des Schmieds sprang ihr mit Riesensätzen nach. Als auch er die Kanzel erreicht hatte, hieb er mit einer seiner Pranken nach ihr (als Hände konnte man diese gar nimmer bezeichnen). Maria sprang von der Kanzel und kam auf allen Vieren auf dem Steinboden auf. Offenbar unverletzt stieß sie sich vom Boden ab und rannte zur Tür hinaus. Ich ließ diese hinter ihr krachend zufallen, sodass sich nur noch der Wolf und ich in der Kirche befanden. Er kam auf mich zu, die – viel zu großen – Zähne gebleckt und böse vor sich hin knurrend. Er wollte meinen Tod. Ich trat langsam zur Seite, beugte mich ein wenig und griff unter den der Türe am nächsten gelegenen Holzsitz. Mit einem schnellen Ruck zog ich den Krummsäbel hervor, den ich zuvor gereinigt, geschliffen und vorübergehend unter den Kirchensitz gelegt hatte, und schwang ihn mit Wucht zum Hals des Wolfs. Eine Blutfontäne ergoss sich über mich und während der Widersacher mit seinen Pranken meine Attacken abzuwehren suchte, hieb ich ihm schon den zweiten Streich durch seinen Hals. Ich ließ erst ab, als sein Kopf vom Körper abgetrennt zu meinen Füßen lag. Schwer atmend stand ich da und betrachtete mein Werk des Grauens. Seltsam – im Tod erschien der Sohn des Schmieds wieder menschlich, sogar seine Hände hatten ihre tierische Prankenhaftigkeit verloren.

Ich öffnete die Tür. Draußen stand das Zicklein, den Kopf gesenkt. »Zicklein, es ist vorbei«, sagte ich, als ich zu ihm trat: »Bist Du unverletzt?« Es schien mich lange anzusehen und kam näher. Ich ließ den Krummsäbel fallen. Maria nahm meine Hand und legte sie in die ihre. Sie hob ihren Kopf. Das Mondlicht fiel in ihre Augen und ich erwartete, dass es sich in diesen spiegeln und einen dankbaren Blick offenbaren würde. Doch waren da nur leere Augenhöhlen, in denen so etwas wie schwarze Schlacke tanzte. Da erst fiel mir auf, wie eiskalt ihre Hand war. Sie zog diese wieder zurück, neigte ihren Kopf leicht zur Seite, als blickte sie mich ein wenig abschätzend an. Hierauf verzog sie ihren Mund zu einem obszönen, lautlosen Lachen, dessen Echo gleichsam in der Schwärze ihrer Augenhöhlen nachhallte. Plötzlich schnellte sie vor und presste einen Kuss auf meine Lippen, der trotz der Eiseskälte ihrer Lippen wie Feuer brannte. Dann drehte sie sich um und ging davon. Ihr schmuckloses weißes Leinenkleid schien die Strahlen des Mondes einzufangen.

Ich blieb wie angewurzelt stehen und wartete auf den Sonnenaufgang. Hinter mir, oberhalb der Tür, leuchtete der Abdruck der Pranke im Mondschein wie ein Menetekel. Ich werde einen Steinmetz damit beauftragen, ihn für die Nachwelt als Erinnerung und Mahnung in Stein zu bewahren.

Das Zicklein schritt davon und niemand war mehr hinter ihm her …

[Aus den Aufzeichnungen des Pfarrers der Kirche zum Hl. Martin, Augustinus Salingberger:]

Sonntag, 13. August 1684, nach Sonnenuntergang.

Heute habe ich wohl zum letzten Mal die Heilige Kommunion mit dem langen Löffel an die da draußen verabreicht. Ich bleibe allein zurück.

In meinen Träumen der vergangenen Nacht waren der Ort hier und ich endgültig zermalmt und ausgelöscht worden. Die Sterne waren herabgefallen und ich, als träumender Beobachter meines eigenen Sterbens, schaute in licht- und trostlose Unermesslichkeit.

Seit heute morgen fühle ich mich krank, fiebrig, habe rasende Kopfschmerzen sowie Schmerzen beim Atmen, die einen übel stinkenden Auswurf nach sich ziehen. Auf meinen Lippen befinden sich bläulich-schwarze Flecken. Bald bin ich einer von denen auf der anderen Seite der Kirchenmauer.

Ich habe keine Erklärung mehr für all dies.

Aber welche Erklärung braucht man schon, wenn man verflucht ist?

Das Zicklein machte sich auf den Weg, mittlerweile begleitet von den Vielen …

Ihr Ziel war der Dom zu St. Stephan in der Reichshauptstadt. Sie alle lächelten und in ihren Augenhöhlen tanzte schwarze Schlacke, bei jedem Schritt.

* Gschamige Sterb: lokaler Begriff für den Schwarzen Tod, die Pest.

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252 p. 5 illustrations
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9783707607062
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