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Oberhausen
Eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet
Studienausgabe
Herausgegeben von Magnus Dellwig und Peter Langer
unter Mitarbeit von Otto Dickau, Klaus Oberschewen und Burkhard Zeppenfeld
Band 3: Oberhausen in Krieg, Demokratie und Diktatur
Verlag Karl Maria Laufen
Die Herausgeber und der Verlag bedanken sich bei den Sponsoren für die großzügige Unterstützung. Nur so konnte die Studienausgabe der Oberhausener Stadtgeschichte realisiert werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Verlag Karl Maria Laufen
Oberhausen 2014
Alle Rechte vorbehalten
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
Autoren und Herausgeber haben sich bemüht, alle Bildrechte zu klären. Sollte dies im Einzelfall nicht oder nicht zutreffend gelungen sein, wird um Nachricht an den Verlag gebeten.
Bildredaktion: Ingo Dämgen
Register: Saskia Eßer
ISBN 978-3-87468-324-1
ISBN des Gesamtwerkes: 978-3-87468-316-6
Überblick über das Gesamtwerk
Band 1: Oberhausen in vorindustrieller Zeit
Band 2: Oberhausen im Industriezeitalter
Band 3: Oberhausen in Krieg, Demokratie und Diktatur
Band 4: Oberhausen in Wirtschaftswunder und Strukturwandel
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Überblick über das Gesamtwerk
Grußwort
Vorwort der Herausgeber
■ PETER LANGER
Oberhausen im Ersten Weltkrieg
Streiflichter aus der Kriegszeit 1914 bis 1918
■ PETER LANGER
Oberhausen in der Zeit der Weimarer Republik
Von der Novemberrevolution bis zum Ende der Demokratie
1. Revolution 1918
2. Die großen Streiks im Frühjahr 1919
3. Der Kapp-Putsch, die Rote Armee und der Einmarsch der Reichswehr
4. Eine gespaltene Gesellschaft
5. Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld während der Ruhr-Besetzung 1923
6. Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Oberhausen
7. Der Anfang vom Ende: der Ruhreisenstreit, das Volksbegehren gegen den Young-Plan und der Aufstieg der Nazis
8. Die Zerstörung der Demokratie
■ PETER LANGER
Die Nationalsozialistische Herrschaft
Oberhausen zwischen 1933 und 1939
1. Die Nazis an der Macht
2. Die völlige Gleichschaltung des öffentlichen Lebens
3. Die Ausrichtung der Stadtverwaltung auf einen strammen Nazi-Kurs
4. Das Schicksal der Juden in Oberhausen
Verzeichnis der ehemaligen jüdischen Bürger in Oberhausen
5. Die „Arbeitsschlacht“ vor Ort
6. „Volksgemeinschaft“
7. Die Reichspogromnacht in Oberhausen am 9./10. November 1938
8. Widerstand in Oberhausen
Verzeichnis der Oberhausener Widerstandskämpfer
A. Politisch Verfolgte
B. Aus religiösen Gründen Verfolgte
■ SASCHA CONCAS
Oberhausen im Zweiten Weltkrieg
Radikalisierung der Verfolgung, Bombennächte und Zwangsarbeit in den Jahren 1939 bis 1945
Zeittafel zur Geschichte Oberhausens 1929 bis 1945
Danksagung
Abkürzungen
Begriffserläuterungen
Anmerkungen
Register
Autoren
Abbildungsnachweis
Klappentext
Grußwort
2012 wurde Oberhausen 150 Jahre alt. Das war und ist ein guter Grund sich zu erinnern. Immer wieder haben mich im Laufe der Jahre Oberhausenerinnen und Oberhausener angesprochen, ob es nicht mal wieder Zeit würde für ein neues Oberhausen-Geschichtsbuch.
Immerhin ist das letzte 1965 erschienen, das ist fast ein halbes Jahrhundert her. Den Anstoß, von der Idee zur konkreten Umsetzung zu kommen, gab die Verabschiedung von Dr. Peter Langer als Leiter der Heinrich-Böll-Gesamtschule Mitte 2009. Damals habe ich ihn, den Vorsitzenden der Historischen Gesellschaft Oberhausen (HGO), gebeten, in seiner hinzugewonnenen Freizeit sich um ein neues Stadtgeschichtsbuch für Oberhausen zu kümmern.
Er hat die Aufgabe angenommen und sie gemeinsam mit seinem Mitherausgeber Dr. Magnus Dellwig sowie den Autorinnen und Autoren, dem Redaktions- und dem Herausgeberteam zum Erfolg geführt.
Pünktlich zum Jubiläumsjahr 2012 lag ein neues und umfassendes Werk über die Stadtgeschichte vor. Es gliedert sich in vier Bände:
■ Band 1 beschreibt die vorindustrielle Zeit bis zum 19. Jahrhundert. Er stellt die Stadtteile in den Mittelpunkt für eine Zeit, zu der es Oberhausen noch nicht gab.
■ Band 2 setzt 1758 an. Er schildert die Industrialisierung und die Stadtbildung von der Gründung der St. Antony-Hütte bis ins frühe 20. Jahrhundert.
■ Band 3 befasst sich mit dem Zeitraum von 1914 bis 1945 und stellt dabei die politische Geschichte in den Mittelpunkt.
■ Band 4 ist zeitlich gesehen der aktuellste Band. Er behandelt die Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei macht ihn die Vielseitigkeit der thematischen Zugänge zur Stadtgeschichte besonders lesenswert.
Beeindruckende 35 Autorinnen, Autoren und Interviewpartner haben die Stadthistorie aufgearbeitet und auf mehr als 1.800 Seiten dargestellt. Das ist bislang einmalig in der Geschichte der Städte im Ruhrgebiet. S. ist ein überaus spannendes Bild von der Entwicklung Oberhausens entstanden, das eine große Verbreitung und Leserschaft verdient.
Mein ganz besonderer Dank gilt den zahlreichen Autorinnen und Autoren, die in ihrer Freizeit mit großem Zeitaufwand und noch größerem Enthusiasmus dieses umfassende Oberhausener Geschichtsbuch geplant, geschrieben und herausgegeben haben.
Die Erstveröffentlichung im September 2012 fand bei der geschichtsinteressierten Bürgerschaft derart großes Interesse, dass die neue Stadtgeschichte schon zu Weihnachten 2012 vergriffen war.
Den Herausgebern ist es daraufhin gelungen, finanzielle Förderer und den Oberhausener Verlag Karl Maria Laufen für eine Neuveröffentlichung als Studienausgabe zu gewinnen. Diese verfolgt den hohen Anspruch, allen Interessierten in Stadt und Wissenschaft das Werk zu attraktiven Konditionen erneut zugänglich zu machen. Ebenfalls ist beabsichtigt, Folgebände zu Themen von gesamtstädtischer Bedeutung zu veröffentlichen. Dafür danke ich allen Beteiligten im Namen der Stadt Oberhausen, ihrer Bürgerinnen und Bürger ausdrücklich.
Glück auf und viel stadtgeschichtliches Lesevergnügen!
Klaus Wehling
Oberbürgermeister
Vorwort der Herausgeber
Dieser Band der Stadtgeschichte von Oberhausen nimmt die drei Jahrzehnte von 1914 bis 1945 in den Blick, die heute gelegentlich als der „Zweite Dreißigjährige Krieg“ bezeichnet werden. Diese Kennzeichnung bringt zum Ausdruck, was die Menschen in diesen Jahren durchmachen mussten. Mehr als in anderen Epochen bekamen die einfachen Menschen zu spüren, wie sehr ihr Leben von der Politik bestimmt wurde. Die Stadtgeschichte der Zeit von 1914 bis 1945 muss deshalb als politische Geschichte geschrieben werden: Es muss gezeigt werden, welche Kräfte die Kommunalpolitik bestimmten und wie die so genannte „große Politik“ auf das Leben der „kleinen Leute“ einwirkte.
Dabei stößt der Historiker auf die – für manche vielleicht überraschende – Tatsache, dass die große Mehrheit der Männer und Frauen in Oberhausen nach 1918 keineswegs „ihren alten Kaiser Wilhelm“ wieder haben wollten. Sie wussten, wie Demokratie funktioniert, und wählten bis 1930 mit großer Mehrheit die demokratischen Parteien. Es waren die so genannten „Eliten“, die vom „Geist von 1914“ träumten und sich in die Kaiserzeit zurücksehnten. Erst in den dreißiger Jahren, im Elend der Weltwirtschaftskrise, gelang es den Feinden der Demokratie auch in Oberhausen, die Weimarer Republik zu zerstören.
Im Unterschied zu anderen deutschen Großstädten hat Oberhausen schon vor fünfzig Jahren eine Gedenkhalle für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet. In Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkhalle die Geschichte des Nationalsozialismus in Oberhausen vorbildlich aufgearbeitet. Nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter, ihre Helfer und die im Hintergrund wirksamen Strukturen waren Gegenstand der Forschungsarbeit. Wenn wir im vorliegenden Band den Versuch machen, die Stadtgeschichte von Oberhausen in den Jahren 1914 bis 1945 im Überblick darzustellen, so wissen wir wohl, dass dies ohne die in der Gedenkhalle geleisteten, diversen Vorarbeiten schwer möglich gewesen wäre. Dafür schulden wir den gegenwärtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch ihren Vorgängern Dank und Anerkennung.
Ausdrücklich bedanken möchten wir uns auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Stadtarchivs Oberhausen. Sie haben uns in den vergangenen Jahren Zugang verschafft zu allen Materialien, die wir brauchten, und uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
Gerade für diesen Band waren die Bestände des ehemaligen GHH-Archivs (jetzt RWWA Bestand 130) besonders wichtig. Sie werden vom Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv zu Köln bestens gepflegt und sind durch die Online-Findbücher für den Benutzer bequem zugänglich. Für die jederzeit freundliche Hilfe und Beratung im RWWA in Köln, namentlich durch Herrn Dr. Weise und Herrn Greitens, möchten wir uns an dieser Stelle ganz besonders bedanken.
Als Herausgeber möchten wir noch auf Folgendes hinweisen: Am Ende der vier Bände finden Sie jeweils eine Reihe von Begriffserläuterungen. Auf die dargestellten Begriffe wird im Text mit einem grauen Dreieck (▶) aufmerksam gemacht. Sodann möchten wir darauf hinweisen, dass die Autorinnen und Autoren für die mitunter wertenden Aussagen in ihren Beiträgen allein verantwortlich sind.
Die schriftliche Darstellung historischer Prozesse wird nie den Geschmack aller treffen. Es wird stets andere Meinungen geben. Das ist gut und notwendig, wenn neue Sehweisen vorgestellt und diskutiert werden. Die hier versammelten Autorinnen und Autoren wünschen sich eine sachliche und offene Auseinandersetzung, denn sie haben nach Zeit und Umständen das Möglichste geleistet.
Konstruktive Kritik ist immer erwünscht und wird unter stadtarchiv@oberhausen.de entgegengenommen. Anonym verfasste Kommentare werden allerdings nicht beantwortet. Die Mitglieder der Redaktion und alle Autorinnen/Autoren wünschen den Leserinnen und Lesern eine interessante und erkenntnisreiche Lektüre.
Oberhausen, November 2014
Magnus Dellwig
Peter Langer
Peter Langer
Oberhausen im Ersten Weltkrieg
Streiflichter aus der Kriegszeit 1914 bis 1918
Die Begeisterung der ersten Augusttage 1914 erfasste auch in Oberhausen weite Kreise der Bevölkerung. Die bürgerliche Presse berichtete ausführlich darüber. Die realistischere Sicht vor allem in der Arbeiterschaft fand in der Lokalpresse keinen Ausdruck. Aber Indizien, die nicht in das vorherrschende Bild passten, gab es durchaus – dazu unten mehr.
Große Menschenmassen versammelten sich seit dem 28. Juli, dem Tag der österreichischen Kriegserklärung an Serbien, täglich auf dem Altmarkt, wo sich die Redaktion des „Generalanzeigers“ befand. Dort wurden die neuesten Meldungen per Aushang bekanntgegeben. Die Verkündung der „drohenden Kriegsgefahr“ am 31. Juli und der Mobilmachung am 1. August wurde auf dem Altmarkt jeweils mit großen patriotischen Kundgebungen gefeiert. Der Vorsitzende des Oberhausener Kreiskriegerverbandes, Fabrikbesitzer Hauptmann d. R. Becker, putschte die Stimmung in einer Ansprache auf. Zum Abschluss sangen alle das Lied von der „Wacht am Rhein“ und die Nationalhymne, damals noch „Heil Dir im Siegerkranz, Retter des Vaterlands“.
Tausende Oberhausener erhielten den Stellungsbefehl. Die Freiwilligen konnten anfangs gar nicht alle in die Armee aufgenommen werden. Die einberufenen Männer marschierten durch fahnengeschmückte Straßen, teils hinter Musikkapellen, zum militärisch abgesperrten Oberhausener Bahnhof. Die meisten Oberhausener fuhren aber zunächst nicht weit, nur nach Mülheim in die dortigen Garnisonen. Ihre Illusionen schrieben sie, wie Tausende ihrer Kameraden, mit Kreide außen auf die Waggons: „Zum Schützenfest nach Paris“ oder „Die Kaiserparade ist in Moskau“.
Oberbürgermeister Havenstein wurde beim Infanterieregiment 55 in Wesel einberufen. Am 3. August 1914 erschien er im Ratssaal „feldmarschmäßig in der Uniform eines Hauptmanns“. Am Schluss seiner Abschiedsrede brachte er ein „Hoch auf Deutschland, den Kaiser und die Armee“ aus. „Der oberste Repräsentant der Stadt produzierte sich [damit] öffentlich als derjenige Kriegertypus, den die Kriegervereine auf ihren Festen produziert und kultiviert hatten.“1 Der Generaldirektor der GHH und Stadtverordnete Paul Reusch hielt auch eine patriotische Rede, die er allerdings wohltuend un-kriegerisch mit dem Bergmannsgruß „Glück auf“ schloss.2 Havensteins Amtsgeschäfte übernahm der Beigeordnete Körnicke.
Der Friedensfahrplan war auf dem Eisenbahnknotenpunkt Oberhausen vom ersten Kriegstag an außer Kraft gesetzt. Angeblich im Minutentakt rollten Truppen- und Waffentransporte durch. Das Rote Kreuz hatte eine große Verpflegungsstation auf dem Bahnhof eingerichtet, damit die jungen Männer auf dem Weg zur Front nicht hungern mussten. Nur wenige Tage später musste das Oberhausener Rote Kreuz sich um 272 Verwundete kümmern, die mit dem ersten Verwundeten-Transport auf dem Bahnhof ankamen. In den Oberhausener Krankenhäusern wurden in aller Eile 700 Betten für die Verwundeten bereitgestellt. Sie waren schon im September alle belegt. In den folgenden Monaten wurde es für Oberhausen immer schwerer, die große Zahl von Verwundeten zu versorgen. Die schon bald nach Kriegsbeginn spürbare Lebensmittelknappheit im Revier wurde durch die große Zahl der Verwundeten in den Krankenhäusern noch verschärft. Der Chef der GHH nahm dies 1916 sogar zum Anlass, die Reichswehrführung darum zu bitten, keine weiteren Verwundeten mehr ins Ruhrgebiet zu bringen und die Rekonvaleszenten in andere Gebiete Deutschlands zu verlegen.3

Abb. 1: Soldaten auf dem Oberhausener Bahnhof 1914, GA vom 29. Juli 1934
Die ersten belgischen Gefangenen, die schon am 9. August auf dem Oberhausener Bahnhof durchfuhren, wurden nicht vom Roten Kreuz versorgt. Sie waren bei den Kämpfen um Lüttich in Gefangenschaft geraten, man transportiert sie jetzt nach Münster. Dass sie die Opfer des deutschen Überfalls auf das neutrale Belgien waren, schrieb der „Generalanzeiger“ nicht.
Es gibt aber auch Indizien, dass nicht nur Jubel herrschte in diesen ersten Kriegswochen: Ängstliche Sparer bestürmten die Geschäftsstellen der Sparkasse, um sich ihre Einlagen auszahlen zu lassen – angeblich überwiegend Polen, die in Oberhausen lebten und arbeiteten. Viele Lebensmittelgeschäfte wurden durch Hamsterkäufe geleert.4
Diese Indizien weisen darauf hin, dass es auch in Oberhausen in erster Linie das Großbürgertum war, das in Kriegsbegeisterung schwelgte. Heute wissen wir, dass bei der großen Mehrheit der Bevölkerung, vor allem in der Arbeiterschaft, die Stimmung gedrückt war: „Offensichtlich ist die große Mehrheit der städtischen und ländlichen Bevölkerung im Sommer 1914 von Angst, Ernst und Fatalismus erfasst worden. Insofern reagierte sie auf die Schreckensnachrichten eher rational als mit emotionaler Kriegslust.“5 Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Arbeiterstadt Oberhausen anders gewesen sein soll.
Auswirkungen auf die Schwerindustrie
Sofort in den ersten Kriegstagen Anfang August wurden 5.879 Arbeiter der GHH und 374 „Beamte“ eingezogen – bei einer Gesamtbelegschaft von 30.000. Dies führte zu spürbaren Einschränkungen der Stahlproduktion. Von sieben Hochöfen konnten drei nur noch „gedämpft“ betrieben werden.6 Als Ersatz für die fehlenden Arbeiter kamen kurzfristig nur zwei Gruppen in Frage: Vor allem Frauen und in geringerem Umfang Jugendliche. Erst ab 1915 wurden auf den Werken der GHH Kriegsgefangene und Fremd- bzw. Zwangsarbeiter vor allem aus Belgien eingesetzt.
Die Arbeitsbedingungen der Frauen bei der GHH waren nicht weniger hart als die der Männer. Der Vorstand des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller (VdESI), in dem GHH-Chef Reusch eine wichtige Rolle spielte, lehnte die Verkürzung der Nachtschicht für Frauen auf acht Stunden ganz entschieden ab.7 Als der Regierungspräsident Düsseldorf trotzdem die Acht-Stunden-Schicht ab dem 1. Januar 1916 anordnete, blieb Reusch hart und drohte, die Produktion in der Geschossfabrik Sterkrade auf die Hälfte zu drosseln. „Einführen werde ich die Achtstundenschicht nicht. […] Wir werden dann ja sehen, was die Herren weiter machen.“8 Auch die Bezahlung der Frauen wurde im Vorstand des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller diskutiert. Reusch vertrat in dieser Sache ebenfalls einen besonders harten Standpunkt. Er wollte den Frauen keinesfalls den gleichen Akkordsatz zubilligen wie den Männern: „Das tun wir im Westen nicht.“9
Im Bergbau und auf den Walzwerken in Oberhausen wurden allerdings nur ganz wenig Frauen eingesetzt. In der Geschossfabrik in Sterkrade dagegen stieg die Zahl der Arbeiterinnen im letzten Kriegsjahr auf fast 3.000.10
Schon vor Kriegsausbruch hatten sich die Unternehmer der Schwerindustrie Gedanken über den Einsatz von Jugendlichen gemacht. Sie sahen eine Chance, Schutzvorschriften für jugendliche Arbeiter wieder zu beseitigen. Bei einer Besprechung von „Arbeitnordwest“, des Arbeitgeberverbandes im Bereich der Nordwestlichen Gruppe des VdESI, am 14. Juli 1914 in Düsseldorf erhielten die Vertreter der Firmen Tipps, wie die Anträge für die Genehmigung von Nachtarbeit Jugendlicher mit Aussicht auf Erfolg zu stellen waren.
„Unbedingt erforderlich […] ist, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Arbeitsstellen der jugendlichen Arbeiter nur der Ausbildung dieser Arbeiter dienen und die Nachtarbeit keine erhöhte Gefahr für Leben und Gesundheit bringt.“11
Um den Anträgen bei der Gewerbeaufsicht mehr Durchschlagskraft zu verleihen, sollten die Väter vorgeschickt werden.
Abb. 2: „Warnung“
„Das eine oder andere Werk kann auch einen Hinweis auf die immer mehr von Regierungsseite gewünschte und geförderte Jugendpflege in den Genehmigungsantrag aufnehmen und dabei ausführen, dass ein unbedingtes Erfordernis einer richtigen Jugendpflege die rechtzeitige Erziehung zur Arbeit ist. Schließlich empfiehlt es sich auch zu bemerken, dass durch die Beschränkung der Verdienstmöglichkeit der Jugendlichen die soziale Lage der Älteren verschlechtert wird, was zweifellos auch einen Einfluss auf die Geburtenzahl ausüben wird.“12
Also: Die schwere Nachtarbeit von Jugendlichen in den großen Werken diente der Jugendpflege, wurde von den Arbeiterfamilien gewünscht und erhöhte die Geburtenzahl! GHH-Chef Reusch zeichnete das Schriftstück ab, er hatte gegen diese Sicht der Dinge nichts einzuwenden.
Einen Monat später – die deutschen Truppen marschierten jetzt an beiden Fronten – konnte die Nordwestliche Gruppe des Arbeitgeberverbandes VdES. den Betrieben die Genehmigung aller Anträge betreffend die Nachtarbeit Jugendlicher und die Verkürzung der Pausenzeiten in Aussicht stellen.13 Wieviele Jugendliche dann tatsächlich nachts in den Fabrikhallen arbeiten mussten, wissen wir nicht.
Seit 1915 setzte die Schwerindustrie französische Kriegsgefangene ein. Im Gefangenenlager der GHH wurden sie in einem französischsprachigen Aushang über ihre Pflichten informiert:
„Die Verrichtung aller Arbeiten, zu denen die Kriegsgefangenen herangezogen werden, wird im Bedarfsfalle durch Anwendung von Gewalt von ihnen gefordert werden, selbst, wenn die Gefangenen der Ansicht sein könnten, dass die Arbeiten sich auf Kriegslieferungen beziehen. Gefangene können sich nicht auf die Verordnungen und Gesetze ihres Landes berufen, denn während der Kriegsdauer unterstehen sie allein den deutschen Verordnungen und Militärgesetzen. […] Im Falle der Weigerung wird man die Arbeit durch Strafen erzwingen. Es liegt umso weniger Grund vor zur Rücksichtnahme, da im Auslande die deutschen Gefangenen mit den größten Gewalttätigkeiten mit allen möglichen Arbeiten beschäftigt werden.“14
Reusch bat die Geschäftsstelle des VdESI, diesen Aushang den deutschen Behörden nicht zur Kenntnis zu geben, „da wir Wert darauf legen, dass vorläufig an den bestehenden Zuständen nichts geändert wird.“15
Die deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter wurden durch Aushang vor den Kriegsgefangenen „gewarnt“. Sie hatten „gegenüber den gefangenen Feinden die einem Deutschen geziemende Haltung [zu] beobachten“. „Vertraulichkeit“ war ebenso zu vermeiden wie „Verhöhnung und Beleidigung“. „Jeder Verkehr, der nicht streng dienstlich ist, ist zu vermeiden.“16
Auf dem Walzwerk Oberhausen arbeitete im letzten Kriegsjahr 1917/18 „ein wahres Völkergemisch“. Die Gesamtbelegschaft von 1960 Personen setzte sich, wie folgt, zusammen: 950 deutsche Arbeiter, 180 deutsche Arbeiterinnen, 413 belgische Arbeiter, 32 belgische Arbeiterinnen, 25 Griechen, 360 Kriegsgefangene (davon 142 Franzosen, 21 Ukrainer, 102 Russen, 41 Engländer, neun Belgier, 13 Italiener, 32 Portugiesen).17 Auch die Belegschaften im Bergbau und in den Sterkrader Betrieben wurden mit jedem Kriegsjahr internationaler.

Tabelle 1: Beschäftigte im Kohlenbergbau der GHH 1913 bis 1918 18

Tabelle 2: Beschäftigte in den Sterkrader Betrieben der GHH 1913 bis 1918 19
Insgesamt waren die Belegschaften des GHH-Konzerns im Krieg von rund 30.000 im Jahr 1914 auf 42.842 im Jahr 1918 angeschwollen. Wie die deutsche Bevölkerung so hungerten auch die Zwangsarbeiter:
„Als die Beschaffung von Lebensmitteln immer schwieriger wurde und die Klagen der Gefangenen über zu schmale Kost sich häuften, übernahm die Hütte am 1. März 1917 die Verpflegung der Kriegsgefangenen und bald darauf auch der freien Belgier in eigene Regie. Die Grundlage der Verpflegung bildeten für die Kriegsgefangenen die Lebensmittellieferungen des Verpflegungsamtes Hiltrup i. W., für die freien Arbeiter (Belgier und Griechen) die der Gemeinden. Diese Lieferungen aber waren zu knapp, um die Leute arbeitsfähig zu erhalten. Die Bemühungen um offizielle Erhöhung der Rationen waren vergeblich, so dass man auf die spärlichen und leider oft trüben Quellen des freien Handels angewiesen war, um nur ein Mindestmaß der Ernährung für die meist schwere Arbeit der Gefangenen zu sichern.“20
Soweit die Festschrift der GHH von 1935. Der Autor der Festschrift, ehemals Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“, 1933 zeitweise in Haft, dann lange arbeitslos, schließlich von Paul Reusch für die Festschrift engagiert, hat die Not der Zwangsarbeiter als seriöser Journalist wohl kaum übertrieben.
Kriegshilfen
Manchen Familienvater an der Front quälte die Not von Frau und Kindern in der Heimat mehr als die ständige Lebensgefahr in den Schützengräben. Die Werksleitungen der GHH erreichte eine große Zahl von Bittbriefen. Nur ein Beispiel sei ausgewählt: Ende 1915 erkundigte sich ein Unteroffizier, vor dem Krieg Maschinist im Werk Neu-Oberhausen, voller Sorge nach dem Schicksal seiner vier Kinder, das älteste davon neun Jahre. Die Versorgung der Zivilbevölkerung war anscheinend schon zu Beginn des zweiten Kriegswinters so schlecht, dass die Frau ihrem Mann einen verzweifelten Brief geschrieben hatte. Die Werksleitung stellte nach eingehender Prüfung des Falles fest, dass Neu-Oberhausen der Frau eine Krieger-Unterstützung von monatlich 23 Mark zahle, ferner einen Mietzuschuss von acht Mark. Zweimal habe sie eine zusätzliche Unterstützung von 20 Mark erhalten. „Auch haben wir Weihnachten eines ihrer Kinder beschert.“ Die Frau habe sich mehreren Unterleibsoperationen unterziehen müssen. Die Kosten für die erste Operation in Höhe von 26 Mark habe ihr der Arzt bis nach dem Krieg gestundet, die Rechnungen für die weiteren Operationen habe die Armenverwaltung übernommen. Für die Kleidung ihrer Kinder habe sie 43 Mark Schulden gemacht, diese werde das Werk begleichen.
„Die Frau macht einen ordentlichen Eindruck, sie scheint aber etwas hysterisch veranlagt zu sein, denn es liegt kein Grund vor, dass die Frau verzweifelt, da ihre Verhältnisse geordnete sind. […] Gleichzeitig haben wir sie gebeten, ihrem Mann solche Klagebriefe nicht mehr zu schreiben und ihn nicht ganz unnötigerweise aufzuregen.“21
Eine Abschrift dieses Schreibens erhielt der Vorgesetzte des besorgten Unteroffiziers an der Front. Für die Familie würde ausreichend gesorgt, „wie es überhaupt Gepflogenheit der Gutehoffnungshütte ist, überall dort helfend einzuspringen, wo eine besondere Notlage Hülfe notwendig macht.“ Für den Unteroffizier liege also kein Anlass vor, „über das Schicksal seiner Familie beunruhigt zu sein“.22
Sofort mit Kriegsbeginn hatte die GHH der Belegschaft bekannt gegeben, dass die zum Kriegsdienst Eingezogenen sich keine Sorgen über ihre Familien machen sollten. Witwen- und Waisengeld würde für die Hinterbliebenen der Gefallenen genauso bezahlt wie bei Arbeitsunfällen. Die Familien dürften in den Werkswohnungen bleiben, und zwar mietfrei. Die Familien der einberufenen Arbeiter erhielten auch ab 1. September 1914 eine monatliche Unterstützung – Höchstgrenze 46 Mark monatlich bei zehn Kindern. Die Familien der einberufenen „Beamten“, in heutiger Ausdrucksweise also der Angestellten, erhielten drei Monate lang das volle Gehalt, dann zwischen 40 und 80 Prozent je nach Kinderzahl.

Abb. 3: Speisezettel der Kriegsgefangenen 1917
| Geschäftsjahr | Mietbeihilfe | Kriegsunterstützung |
| 1914/15 | 183.402 | 710.892 |
| 1915/16 | 334.782 | 1.078.144 |
| 1916/17 | 305.213 | 928.133 |
| 1917/18 | 179.581 | 541.145 |
Tabelle 3: Gesamtaufwendungen für die Kriegsunterstützung der Familien von einberufenen Arbeitern bei der GHH 1914 bis 191823
Warum in den letzten beiden Kriegsjahren, als die Not am größten war, die Zahlungen zurück gingen, bleibt eine offene Frage. Zum Vergleich die Handlungsspielräume des Spitzenmanagements: Im November 1916 kaufte Paul Reusch, der Vorstandsvorsitzende der GHH, das Schloss Katharinenhof bei Backnang in Nord-Württemberg mit dem großen umgebenden Park für 215.000 Mark.24
Hunger
Schon im Januar 1915, als alle Illusionen eines kurzen siegreichen Feldzuges zerplatzt waren, hungerten die Menschen in Oberhausen. Die Stadtverordneten mussten eine ganze Sitzung nur dem Mangel an Nahrungsmitteln widmen. Die staatlichen Behörden hatten inzwischen bemerkt, dass Deutschland vor 1914 einen erheblichen Teil seiner Nahrungsmittel hatte einführen müssen. Jetzt stellte der amtierende Oberhausener Verwaltungschef Dr. Koernicke fest, „dass sich der Krieg durch die Blockade Englands anders entwickelt habe als früher. Das Aushungern werde und solle nicht geschehen.“ Die Vorräte reichten angeblich bis zur nächsten Ernte. Dafür müssten die Frauen aber „haushälterisch“ mit den Vorräten umgehen, „um nicht des Hungers wegen Frieden schließen zu müssen“.
„Die Mütter hätten auf ihre Kinder einzuwirken, nicht das Brot zu vergeuden. Jeder könne sparsam sein, ohne dass man Not leide. Man sei durch die langen Friedensjahre verwöhnt und könne viel einfacher leben. Man fände in den Schulklassen zuviel weggeworfenes Brot. Das Frühstück würde in der Pause nicht mehr aufgegessen, manchmal erst auf dem Nachhausewege.“
Der erstaunte Leser fragt sich, woher Dr. Koernicke so genau wusste, wann die Schulkinder ihr Frühstücksbrot aßen und wie oft sie es wegwarfen. Auch „mit dem übergroßen Angebot an Schweinefleisch sei haushälterisch zu verfahren“. Es müsse in „Schnellräuchereien“ zu „Dauerware“ verarbeitet werden – warum dann bei dem angeblich „übergroßen Angebot“ vor allem der Mangel an Fleisch und Fett bei den Schwerarbeiterin frühzeitig zu Unruhen führte, bleibt ein Rätsel. Der Stadtverordnete Funke-Kaiser, Besitzer einer Brotfabrik, ärgerte sich über die Stimmungsmache der Journalisten: „Das Publikum sei durch die Zeitungsschreiber ängstlich geworden. Diese Angst hätte die Hausfrauen zum Mehlaufspeichern gebracht.“ Weil die Hausfrauen Mehl horteten – so der Brotfabrikbesitzer –, stieg die Nachfrage und damit unweigerlich auch der Preis. Den Bäckern sei es verboten, Weißbrot zu backen; dann dürften aber auch „die Hausfrauen ihre Stuten nicht mehr im eigenen Herd backen“. Schwarzbrot sei viel gesünder.25
1916 war das Jahr nach dem ersten Hungerwinter, gefolgt von einer Ernährungskatastrophe im Frühjahr und Sommer. „Im Grunde war der Krieg im Frühjahr 1916 ernährungswirtschaftlich verloren.“26 Die landwirtschaftliche Produktion ging im Krieg, gemessen am Jahr 1913, um ein Drittel zurück. Die staatliche Bürokratie erwies sich bei der Verteilung der äußerst knappen Nahrungsmittel vielfach als überfordert. Gegen Kriegsende standen einem Schwerarbeiter nur 57 bis 70 Prozent des tatsächlichen Kalorienbedarfs zur Verfügung, dem durchschnittlichen Arbeiter lediglich noch 47 bis 54 Prozent.27 Bei der GHH betrug die Brotration für unter Tage Arbeitende 250 Gramm, also 1.750 Gramm pro Woche. Für Schwerarbeiter gab es pro Woche 1.000 Gramm zusätzlich, also insgesamt 2.750 Gramm Brot. Für je vier Überstunden erhielten die Bergarbeiter 250 Gramm hinzu.28 Diese kärglichen Brotrationen schienen jedoch weniger Anlass zu Klagen zu geben als der Mangel an Fett und Kartoffeln und generell die steigenden Preise. Hinzu kam die Kritik von den Gewerkschaften, dass nach der Einführung einer Kinderzulage prompt die Löhne gesenkt worden seien und dass in den Betrieben Lebensmittel bevorzugt an die Mitglieder der „gelben“, also wirtschaftsfriedlichen Gewerkschaften verkauft würden. Als diese Klagen über die Bevorzugung der Mitglieder der gelben Gewerkschaften nicht verstummen wollten, dementierte Reusch energisch.29
Die Not der städtischen Bevölkerung, vor allem der Arbeiter und ihrer Familien, nahm 1916 solche Ausmaße an, dass im Mai in Berlin das „Kriegsernährungsamt“ (KEA) geschaffen und mit besonderen Vollmachten ausgestattet wurde. Im Vorstand dieser neuen Institution waren alle maßgeblichen Interessenverbände des Reiches vertreten. Für die Arbeitgeber der Schwerindustrie wurde der Vorstandsvorsitzende der GHH Paul Reusch vom Reichskanzler in den Vorstand berufen.
Sofort nach seiner Berufung empfahl Reusch allen Industriebetrieben eine kurz zuvor bei der GHH durchgeführte Aktion als nachahmenswert: In der letzten Maiwoche wurden 120 Ferkel an Arbeiter verteilt; wenn diese vor dem 1. Oktober geschlachtet wurden, waren 30 Mark zu bezahlen; wenn die Schweine an diesem Stichtag noch lebten, brauchten die Arbeiter sie nicht zu bezahlen. Die Ferkel-Aktion sollte in den folgenden Wochen noch erheblich ausgeweitet werden.30 Die erzieherische Absicht war unverkennbar: Den Arbeitern sollte klar gemacht werden, dass die Ernährungsprobleme zu bewältigen waren, wenn nur jeder sorgsam und vorausschauend mit den vorhandenen Ressourcen umging. Die Herren im Kriegsernährungsamt, also auch Reusch, wussten, dass die Frauen oft mehrere Stunden in der Schlange stehen mussten und am Ende doch keine Nahrungsmittel bekamen. Die täglichen „Polonaisen“ – so Reuschs Bezeichnung für die Lebensmittelschlangen vor den Geschäften – waren die Hauptursache der wachsenden Unzufriedenheit und störten überdies den Straßenverkehr. Die Ausgabe der Kartoffeln wollte Reusch deshalb auf die Schulhöfe verlegen.31 Der Oberbürgermeister reagierte mit dem trockenen Hinweis, dass die Kartoffelverteilung bisher immer gut funktioniert habe.32
Rüstungsproduktion
Bis zum Ende des Jahres 1914 stellte die GHH den Stahl- und Walzwerkbetrieb auf den unmittelbaren Kriegsbedarf um. Im Dezember 1914 begannen die Oberhausener Walzwerke der GHH mit dem Walzen von Granatstahl. Sieben Tage in der Woche wurde rund um die Uhr für die Rüstung produziert.

Tabelle 4: Erzeugung und Versand von Geschossstahl der Walzwerke Oberhausen und Neu-Oberhausen 33
* Darin enthalten nicht selbst erzeugter, nur geschnittener Stahl.
Die wichtigste Waffenschmiede der GHH war jedoch das Werk Sterkrade. Dort wurde die Produktion im ersten Kriegsjahr ganz auf Geschosse, Minenwerfer und Geschütze umgestellt. In kürzester Zeit wurde der Raum in den Maschinenbau-Hallen verdoppelt. Bis zum Ende des Krieges verließen insgesamt 25 Millionen Granaten, Schrapnells und Wurfminen die Fabrik in Sterkrade.
Der Brückenbau in Sterkrade, der vor 1914 große Bauwerke in der ganzen Welt errichtet hatte, musste seine Arbeiten in London, Argentinien, Kamerun und Ostafrika abbrechen und fand Ersatzaufträge in der Herstellung von Pioniergerät (Gelenkbrücken, Luftschiffhallen u. ä.). Besonders wichtig waren auch die Aufträge für die Wiederherstellung der zerstörten Brücken in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten in Belgien, Frankreich und „Russisch-Polen“. „Die Bauschwierigkeiten in Feindesland [waren] außerordentlich. Trotzdem wurde z. B. die Maasbrücke bei Anhée in achtzehn Tagen wiederhergestellt, in dreißig Tagen die Maasbrücke bei Anseremme.“34 Eine besondere Herausforderung für die Sterkrader Ingenieure war auch die Wiederherstellung der Memelbrücke bei Kowno. Am 14. April 1916 kam Hindenburg höchstpersönlich, um die Memelbrücke einzuweihen. „Die letzte versilberte Schraube wurde von ihm eigenhändig angezogen.“35

Abb. 4: Diagramm „Gesamtzahl der gepressten Geschosse“
Krankheiten
Hunger und Not wurden ab dem Winter 1916/17 so groß, „dass in den Kranken- und Unfallziffern die Abnahme der körperlichen Kraft und Widerstandsfähigkeit des Volkes zum erschreckenden Ausdruck kam.“36 Dies hatte bei der Grippeepidemie 1918 verheerende Folgen: Die Zahl der Krankheitstage pro Mitglied der Betriebskrankenkasse verdoppelte sich gegenüber 1913.37 Diese dramatische Entwicklung dürfte bei den anderen Industriebetrieben in Oberhausen ganz ähnlich gewesen sein. Und von der Statistik nicht erfasst sind mehrere Tausend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, deren Gesundheitszustand bestimmt nicht besser war.

Abb. 5: Die zerstörte und von GHH wieder aufgebaute Brücke bei Anhée
Der Hunger wurde von der Konzernleitung teilweise auch für die Disziplinierung der Arbeiterschaft instrumentalisiert. Paul Reusch ließ ganz gezielt Speckzuteilungen zur Beruhigung und Streikvermeidung in seinen Betrieben einsetzen. Solange ihm seine Untergebenen die Lage im Revier als ruhig beschrieben, ordnete er an, den Speck zurückzuhalten. Für seine Korrespondenz benutzte er ganz stilvoll den Kopfbogen des „Russischen Hofes“ in Berlin – eines Hauses, das sich auch in diesen Steckrübenwintern seiner „anerkannt vorzüglichen Küche“ rühmte. Dann aber drängte Direktor Woltmann, Reuschs Stellvertreter im GHH-Vorstand, u. a. zuständig für die betrieblichen Wohlfahrtseinrichtungen: „Die Sonderzuteilung von Speck ist den Bergarbeitern in der vorigen Woche aufgrund unserer Besprechung zugesagt. Diese Zuteilung bildete eins der Mittel, um die Arbeiterschaft in dieser Woche ruhig zu halten. Wir müssen daher den Speck unbedingt in dieser Woche verteilen.“ Erst danach gab Paul Reusch aus Stuttgart telegraphisch grünes Licht: „Speckverteilung kann vorgenommen werden. Preisfrage ist offen zu lassen.“ In einem unmittelbar folgenden Brief machte er klar, dass der Speck „zum Höchstpreise abzugeben“ sei.38

Abb. 6: Hindenburg an der Memelbrücke bei Kowno „Die letzte versilberte Schraube wurde von ihm eigenhändig angezogen.“
Die Methode der Zurückhaltung bzw. Zuteilung von Speck wurde im April 1917 bei Unruhen auf den Zechen Osterfeld und Jacobi eingesetzt. Auf den Jacobi-Schächten fuhren am 16. April 1917 von 486 Mann 251 Bottroper nicht an. Grund war die Tatsache, dass in Bottrop, wo am 15. April eine Verringerung der Brotzuteilung in Kraft getreten war, den Bergleuten die ursprünglich zugesagten Zusatz-Lebensmittel verweigert wurden. Am 17. April schlossen sich die Osterfelder Kumpel auf Jacobi dem Streik an. Einen Tag später fuhr die ganze Be-legschaft wieder an. An diesem 18. April trat aber ein Teil der Bergleute auf der benachbarten Zeche Osterfeld in Streik. Auch hier stand die Forderung nach ausreichender Verpflegung ganz oben. In Verhandlungen mit dem ▶ Arbeiterausschuss erreichte die Zechenleitung, dass die Arbeiter den Streik am 19. April beendeten. Jetzt war der Funke auf die Zeche Sterkrade übergesprungen. Eine Belegschaftsversammlung forderte dort am 20. April 1917 eine 30-prozentige Lohnerhöhung und mehr Lebensmittel. Auf Hugo in Sterkrade wurden an diesem Tag die gleichen Forderungen gestellt.39
Im Juni und im September 1917 streikten die Arbeiter des Walzwerks Neu-Oberhausen, um „eine 100%ige Zulage für Sonntagsarbeit zu erhalten“. Die Arbeitskämpfe zogen sich lange hin. Die GHH-Direktoren, zweifellos in vollem Einvernehmen mit Paul Reusch, fuhren jetzt eine ganz harte Linie: Wer streikt, kommt an die Front. Woltmann berichtete im November 1917 vom Besuch eines Offiziers, der ihm die Überlegungen des Generalkommandos bezüglich der Einberufung streikender Arbeiter mitteilte. Die Militärs zögerten anscheinend, bevor sie eine so harte Maßnahme durchführten. Woltmann vertrat demgegenüber den „Standpunkt, […] dass eingezogen werden muss“.40
Die Stadtverordnetenversammlung 1918
Der Oberhausener Oberbürgermeister Havenstein war im August 1918 nach Ablauf seiner ersten Amtsperiode von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig wiedergewählt worden. Wie setzte sich diese bis zum März 1919 weiter amtierende Versammlung zusammen? In Oberhausen, einer Stadt mit 1911 über 90.000, 1915 rund 103.000 Einwohnern, gab es bei der letzten Vorkriegswahl 1912 folgende Einteilung der Wahlberechtigten. Der I. Klasse gehörten 289 Personen an (das waren 2,7 Prozent der Wahlberechtigten), der II. Klasse 2.285 Personen (21,7 Prozent) und der III. Klasse 7.969 Personen (75,6 Prozent).41
Jede Klasse erhielt ein Drittel der Mandate, wobei die Großfirmen nach internen Absprachen noch in der dritten Klasse regelrechte Quoten für sich beanspruchten.42 Die Werksleitungen nahmen massiv Einfluss auf das Wahlverhalten ihrer Arbeiter.
„Zum Teil wurde unmittelbar in den Betrieben gewählt; aus den Instruktionen an die Meister und Aufseher lässt sich entnehmen, dass man in der Regel den Arbeitern schon vor der Wahl die ‚richtige‘ Wahlkarte gab; wollte der Arbeiter einen anderen Kandidaten als den der ‚Hüttenpartei‘ wählen, so hatte er offen eine andere Wahlkarte zu fordern, was von einem GHH-Beamten, der direkt neben der Wahlurne platziert war, sofort festgehalten wurde.“43
Ergebnis solcher Praktiken war, dass der Oberhausener Stadtverordnetenversammlung bis 1919 keine Sozialdemokraten angehörten und insgesamt nur vier, den christlichen Gewerkschaften zuzurechnende Arbeiter – bei einer Gesamtzahl von 42 Stadtverordneten. Selbst in der dritten Klasse konnten die Großfirmen bis zum Ersten Weltkrieg Direktoren für die Stadtverordneten-Mandate durchsetzen.44 Der Verwaltungsbericht der Stadt Oberhausen listet für die III. Abteilung die folgenden Herren Stadtverordneten auf: den Fabrikbesitzer Karl Fecht, den Hüttendirektor und Kommerzienrat Dr.-Ing. Paul Reusch, den Prokuristen Karl Romeiser, den Hüttendirektor Heinrich Zillessen, den Oberingenieur Friedrich Declerck, den Hüttendirektor und Bergrat a. D. Heinrich Mehner, den Betriebsinspektor Reinhold Wagner, den Hüttendirektor Dr. phil. Arnold Woltmann, den Berginvaliden Friedrich Brandt sowie den Hüttendirektor Dr. phil. Paul Lueg.45 Wohlgemerkt: Der dritten Abteilung waren drei Viertel der wahlberechtigten Männer zugeordnet.
Bilanz
Dies war menschlich die Bilanz der GHH nach vier Jahren Krieg: Von 12.000 Belegschaftsmitgliedern, die zum Kriegsdienst eingezogen worden waren, sind 1.430 gefallen. Eine amtliche Statistik über die Gesamtzahl der Oberhausener Gefallenen und Verwundeten liegt leider nicht vor. Auch die Zahl der Kinder und Frauen, die in den Jahren 1914 bis 1918 an Mangelkrankheiten gestorben sind oder die der Grippeepidemie von 1918 zum Opfer fielen, ist nicht bekannt.
Peter Langer
Oberhausen in der Zeit der Weimarer Republik
1. Revolution 1918
Kriegselend
Als im Herbst 1918 die kaiserlichen Generäle – wohl wissend, dass Deutschland den Krieg militärisch längst verloren hatte – dazu übergingen, sich aus der Verantwortung zu stehlen, um später demokratischen Politikern die Schuld an der Niederlage zuschieben zu können, da wurde in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld immer noch patriotische Kriegspropaganda verbreitet. Alles was Rang und Namen hatte in Oberhausen, u. a. Oberbürgermeister Havenstein und GHH-Chef Paul Reusch, unterschrieb einen Aufruf zur Zeichnung von Kriegsanleihen, der mit pathetischen Durchhalteparolen getränkt war:
„Unser Volk und Land steht vor dem letzten und schwersten Gang in diesem gewaltigen Kriege. Amerika und England haben heimtückisch fast die ganze Erde in den Kampf gegen uns gezwungen. Deutschland steht vor seiner Schicksalsstunde. […] Unsere Westfront kann von unseren Gegnern trotz aller Anstürme nicht durchbrochen werden.“1
Sätze wie diese verbreiteten den Mythos vom „im Felde unbesiegten“ deutschen Heere und bereiteten auch in Oberhausen den Boden für die Giftsaat der Dolchstoßlegende, den bösen Vorwurf, dass die Niederlage durch die Revolution in der Heimat verursacht, der tapfere deutsche Soldat von hinten erdolcht worden sei.
Die Bereitschaft zur Zeichnung der Kriegsanleihen kann nicht mehr sehr groß gewesen sein. Sonst hätte es der täglichen Beteuerungen über ihre Sicherheit – auch dies z. T. in riesigen halbseitigen Anzeigen2 – nicht bedurft. Der Sterkrader Oberbürgermeister Dr. Most musste die Hausbesitzer bitten, das Kleben der Werbeplakate auf ihre Hauswände zu dulden; die Wände würden später auch wieder gründlich gereinigt. Schaufenster mochten die Kaufleute zu diesem Zweck „nicht gerne hergeben“.3
Die Ortsgruppen des Volksvereins für das katholische Deutschland hatten Ende September dem Kaiser ein Ergebenheitstelegramm geschickt. Die Antwort wurde am 3. Oktober veröffentlicht:
„Seine Majestät der Kaiser und König haben von der vaterländischen Kundgebung der dortigen Versammlungen […] mit Freuden Kenntnis genommen und danken herzlich für das Gelöbnis, im Kampfe für Deutschlands Daseinsrecht, Ehre und Freiheit fest und unerschütterlich zu Kaiser und Reich zu stehen. Auf Allerhöchsten Befehl: Geh. Kabinettsrat von Berg.“4
Die Menschen in Oberhausen hatten zu dieser Zeit andere Sorgen: Wie sollten sie den herannahenden fünften Kriegswinter überstehen, ohne zu verhungern? Die nüchternen Bekanntmachungen des Nahrungsmittelamtes lassen dies nur erahnen:
„In der Woche vom 7. bis 13. Oktober haben die […] Bezugsscheine für Lebensmittel für die nachbezeichneten Mengen folgende Gültigkeit: Kartoffeln: 7 Pfund (65 Pfg), Butter: 30 Gramm (30 Pfg), Fett: 30 Gramm Margarine (12 Pfg), Zucker: 125 Gramm, Marmelade: 100 Gramm Kunsthonig (15 Pfg). Nährmittel können in der laufenden Woche nicht zur Ausgabe gelangen, damit für die nächste fleischlose Woche eine Ausgabe von Nährmitteln stattfinden kann. Ferner werden ohne Rationierung ausgegeben: Dörrgemüse, Gerstenkaffee, Atlas-Suppenwürze, Nährhefe, Speisesalz, Viehsalz, Lakto-Eipulver. Fleisch und Fleischwaren werden in der laufenden Woche 200 Gramm […] ausgegeben. Die Rüstungsarbeiter erhalten wieder die regelmäßige Wurstzulage.“5
Und selbst diese Rationen standen z. T. bald nur noch auf dem Papier: Zwei Wochen später gab es statt Butter nur noch Margarine, und es wurde die vierte fleischlose Woche proklamiert.6 Anfang Dezember gab es statt Butter und Fett nur noch insgesamt 55 Gramm „Feintalg“.7
Die Bergleute waren am Ende ihrer Kraft. In einer von 800 Bergleuten besuchten Belegschaftsversammlung der Zeche Osterfeld Mitte Oktober wurde einstimmig die Resolution angenommen, „wonach die Belegschaft sich nur noch imstande fühlt, eine einfache Schicht zu verfahren infolge der unzureichenden Nahrungsmittelversorgung und der niedrigen Löhne, die von der Zeche Osterfeld gezahlt werden“. Dienstags und freitags wurden von den Bergleuten eineinhalb Schichten verlangt.8
Eine der schlimmsten Folgen der Mangelernährung war die Anfälligkeit für die Grippe. Ein Medizin-Professor empfahl bei einem Vortrag in Oberhausen, da es Milch und Käse nicht mehr gab, in der Apotheke 100 Gramm Kalk zu kaufen. „Man löst diesen in sechs Liter Wasser auf und nimmt zu jeder Mahlzeit zwei Esslöffel voll, kleine Kinder die Hälfte.“9 Ob diese Empfehlung wohl viele vor der Grippe bewahrt hat? In der zweiten Oktoberhälfte erkrankten immer mehr Menschen. Die Schulen wurden für zwei Wochen geschlossen. In Sterkrade mussten Lehrerinnen und Lehrer mit den gesunden Kindern in dieser Zeit Bucheckern sammeln, um damit zu Hause dann die karge Kost zu ergänzen.10 Trotzdem starben immer mehr Menschen an den Folgen der Grippe, bis zum Abebben der Epidemie im November pro Woche jeweils mehr als hundert11; die Todesanzeigen für noch recht junge Menschen („nach kurzer schwerer Krankheit“) häuften sich. Am letzten Oktobersonntag gab es in Oberhausen 30 Beerdigungen.12
Wer nicht ausschließlich auf Marken angewiesen war, musste offenbar nicht hungern. Täglich wurden in mehreren Anzeigen Schweine zum Verkauf angeboten. Viele versuchten, die karge Markenkost durch Hamsterfahrten etwas aufzubessern; das Land rund um das Ruhrgebiet würde von „Kartoffelhamsterern“ regelrecht „überschwemmt“. Diese gefährdeten angeblich die Versorgung der Gesamtbevölkerung und sogar des Heeres. Hamsterern wurden deshalb schwere Strafen angedroht; jedermann war aufgefordert, sie anzuzeigen.13

Abb. 1 „Sämtliche Magermilch wird von heute ab rationiert.“ – „Wieder ein Transport Schweine angekommen“. GA vom 8. Dezember 1918
Der Ausbruch der Revolution
Oberbürgermeister Havenstein brachte noch am 4. November, als die Revolte in den Stützpunkten der deutschen Kriegsflotte schon begonnen hatte, in der Stadtverordnetenversammlung ein dreifaches Hoch auf Kaiser Wilhelm aus, in das die Versammlung einstimmte.14
In den großen Werken rumorte es. Seitdem das „▶ Vaterländische Hilfsdienstgesetz“ in Kraft war, gab es überall gewählte ▶ Arbeiterausschüsse, mit denen die Werksleitung zumindest reden musste, bevor Entscheidungen fielen. Drei Tage nach Havensteins Treueschwur im Rathaus trat der Arbeiterausschuss des Walzwerkes Neu-Oberhausen zusammen. Dieses Werk, daran sei hier noch einmal erinnert, war im Winter 1917/18 eines der Streikzentren beim Kampf um eine humanere Gestaltung der Sonntags- und Nachtschichten gewesen. Am 7. November 1918 berieten dort elf Mitglieder der Werksleitung mit zehn Arbeitervertretern unter dem Vorsitz von Direktor Ernst Lueg zunächst über Lohnfragen. Besonders kennzeichnend für die ganz und gar nicht klassenkämpferische Einstellung der Arbeitervertreter war ein pathetischer Appell ihres wichtigsten Sprechers A. M. Oberdries an die Arbeitgeber, gemeinsam mit den Vertretern der Arbeiterschaft, das neue Deutschland aufzubauen. Betriebsleiter Lueg konnte sich direkt im Anschluss dazu kurz fassen: „Ich schließe mich dem voll und ganz an.“15
Wie überall im Rheinland – mit Ausnahme von Düsseldorf und Mülheim/Ruhr – lief die Revolution auch in Oberhausen nach dem Kölner Muster ab: Soldaten aus Köln brachten die Revolution am 9. November mit der Eisenbahn nach Oberhausen. Auf dem Bahnhof wurde ein provisorischer ▶ Arbeiter- und Soldatenrat gegründet.16 Ein Augenzeuge, der Leiter des Verpflegungsdienstes am Bahnhof, beschrieb die dramatischen Vorgänge einige Wochen später so:
„Am Freitag, den 8. November, abends gegen halb 7 Uhr, zerschlug ein Matrose einige Gewehre, andere rissen den Soldaten die Achselklappen ab. […] Die Bahnhofswache von 10 Mann unter Führung eines Sergeanten hätte die wenigen Leute ohne weiteres festnehmen können, damit war aber der Ausbruch der Revolution nur aufgeschoben und zwar für wenige Stunden. Dem Sergeanten habe ich auf dessen Frage gesagt, er solle sich mit seinen Leuten in das Wachlokal zurückziehen und den Ereignissen freien Lauf lassen, er würde sonst mit seinen Leuten totgeschlagen, aufhalten könne er die Sache nicht. Die Sache war so gut eingeleitet, dass kurz nachher schon der AS. [Arbeiter- und Soldatenrat] zusammentrat.“17
Der Sterkrader Oberbürgermeister Dr. Most berichtet in seinen Memoiren:
„Am 9. November morgens öffnete sich in meinem Dienstzimmer auf dem Rathaus, kaum dass meine neue Sekretärin eine kurze Meldung anbringen konnte, die Tür, und sieben, mir großenteils unbekannte Männer traten ein. An ihrer Spitze war ein ortsfremder von Kiel her gekommener junger Matrose, der, mit irgendwelchen ‚Vollmachten‘ ausgestattet, den Sterkradern mit dem Revolver imponiert hatte und sich dementsprechend selbstbewusst gab. Er führte sich mit der Versicherung ein, dass sie, die Revolutionäre von Kiel, den Frieden brächten und für Deutschland die Rettung, denn es sei ihm verbürgt, dass noch heute oder morgen in der englischen, französischen und amerikanischen Flotte ebenfalls Revolution ausbrechen würde zur Herbeiführung einer allgemeinen Verbrüderung. Auf mein Zweifeln sagte er wörtlich: ‚Wir wären ja Schufte, wenn wir Revolution gemacht hätten, ohne dessen ganz gewiss zu sein!‘ Man teilte mir weiter mit, dass sich der Arbeiter- und Soldatenrat für Sterkrade gebildet habe. Ob außer dem Matrosen, der nie im Kampf gewesen war, auch nur ein einziger gewesener Soldat dabei war, ist mir zweifelhaft. Der A.- und S. -Rat, so hieß es weiter, sei die höchste Autorität der Stadt, der Oberbürgermeister habe sich ihm unterzuordnen; in jede Abteilung der Verwaltung müsse ein Vertrauensmann des Rates eingesetzt werden und was der Forderungen mehr waren. Ich nahm das alles mit der äußeren Kühle gewaltsamer Selbstbeherrschung entgegen, verteilte die sieben sogleich als Vertrauensleute auf die verschiedenen Abteilungen der Verwaltung.“18
In den nächsten Tagen wurden die Ortsfremden durch gestandene Sterkrader umrahmt bzw. verdrängt – mit der erklärten Absicht, „die Bewegung in ruhige und geordnete Bahnen zu leiten“.19 Oberbürgermeister Most konnte dem Regierungspräsidenten (es musste alles seine Ordnung haben!) Ende November folgende Zusammensetzung des Sterkrader Arbeiter- und Soldatenrates melden: SPD vier, ein freier Gewerkschaftler, drei christliche Gewerkschaftler. Oberbürgermeister Most, zunächst schockiert über den Umsturz, arrangierte sich schnell mit dem Arbeiter- und Soldatenrat. Es gelang ihm, die Kontrolle über die Stadtverwaltung zu behalten, ohne dem „A.- und S. -Rat dies so recht bewusst werden zu lassen“.20 Ab Anfang Dezember galt die Absprache, dass alle Kontakte des revolutionären Rates mit der Stadtverwaltung von Sterkrade über die Person des Oberbürgermeisters laufen sollten.
In der Stadtverordnetenversammlung Ende November legte Most natürlich seine taktischen Überlegungen nicht offen. Er bescheinigte dem Arbeiter- und Soldatenrat öffentlich den ehrlichen Willen zu sachlicher Zusammenarbeit:
„Es hat mich mit tiefem Schmerz erfüllt, als ich auf dem Rathaus über meinem Amtszimmer zum ersten Mal eine andere Fahne wie die altgewohnte sehen musste. Ich will und kann das nicht verschweigen. Auch das nicht, dass es mir schmerzlich war, als der Arbeiter- und Soldatenrat zuerst in Erscheinung trat. Aber der Arbeiter- und Soldatenrat hat sein bestes eingesetzt, die Verantwortlichkeit, die er sich selbst geschaffen hat, mit Ernst zu erfüllen. Er ist auch dort, wo es ihm schwer werden musste, vor dem äußersten nicht zurückgeschreckt, um Ordnung und Ruhe zu sichern. Eine Tat, die ich ihm nie vergessen werde, die auch die Bürger nicht vergessen werden.“
Anschließend schlug Most selbst vor, die Kosten für den Arbeiter- und Soldatenrat und für dessen Sicherheitswehr zu bewilligen. Während dieses Tagesordnungspunktes waren mehrere Vertreter des Rates anwesend.21
In der Nachbarstadt Oberhausen nahm Oberbürgermeister Havenstein sofort am 9. November Gespräche mit dem auf dem Bahnhof gegründeten Arbeiter- und Soldatenrat auf. Man vereinbarte Zusammenarbeit. Ob es dabei so ganz ohne Hintergedanken war, dass der Oberbürgermeister einem Mitglied des Rates sogleich die Zuständigkeit für das schwierigste Problem übergab, nämlich die Lebensmittelversorgung? Havenstein drängte darauf, das auf dem Bahnhof gegründete Gremium durch Oberhausener Arbeitervertreter zu erweitern. Auch in öffentlichen Versammlungen wurde eine solche „Verstärkung“ des Rates gefordert.22
Diese „Verstärkung“ kam nach wenigen Tagen aus einer Gruppe Oberhausener Bürger, die – auch am 9. November – auf Veranlassung der Stadtverwaltung zur Wahl eines „Vertrauensausschusses zur Beratung der Stadtverwaltung“ im Haideblümchen zusammengetreten war. „Nach eingehender Beratung wurde beschlossen, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen, und wurden 5 Herren gewählt, welche dem Arbeiter- und Soldatenrat beitreten sollten, um darin das Interesse der Bürgerschaft nach Kräften zu wahren.“ Die fünf Gewählten, darunter der Gewerkschaftssekretär Jochmann, fuhren gegen Mitternacht auf den Bahnhof. Sie wurden in den Arbeiter- und Soldatenrat zunächst mit beratender Stimme aufgenommen. Man wollte vor einer Vollmitgliedschaft erst bei den Revolutionären in Köln nachfragen. An den folgenden Tagen drängten vor allem die christlichen Gewerkschaften darauf, dass noch mehr Oberhausener in den Arbeiter- und Soldatenrat eintreten sollten.23
Szenenwechsel zu einem weiteren Schauplatz: An diesem ereignisreichen 9. November berief der Konzernherr Paul Reusch persönlich die „Obmänner“ der ▶ Arbeiterausschüsse zu einer Besprechung mit den Direktoren in die Hauptverwaltung der GHH an der Essener Straße, ein Vorgang, der in der Vergangenheit so nicht vorstellbar gewesen wäre: Der allmächtige Konzernherr setzte sich mit Arbeitervertretern an einen Tisch.24
Die Direktoren ebenso wie auch einige Arbeitervertreter beriefen sich in den Wochen nach dem 9. November 1918 wiederholt auf Reuschs Versprechungen in der Sitzung an diesem denkwürdigen Tag, vor allem auf die feste Zusage, dass so schnell wie möglich, spätestens aber zum 1. Januar 1919, der Acht-Stunden-Tag eingeführt werden würde. Als Zeichen des guten Willens verkürzte die Konzernleitung sofort die Arbeitszeit am Samstag.25
Die Mitglieder des Oberhausener ▶ Arbeiter- und Soldatenrates stellten sich am folgenden Tag, dem 10. November, in einer Volksversammlung auf dem Altmarkt vor. Das Programm hieß „Ruhe und Ordnung“: „Jede Ausschreitung werde aufs strengste, Plünderungen mit dem Tode bestraft werden.“26 Die von Anfang an geforderte Erweiterung des Arbeiter- und Soldatenrates wurde nach wenigen Tagen Wirklichkeit. Die Soldaten vom Bahnhof hatten offenbar nichts dagegen, ihre Auftraggeber im revolutionären Rat von Köln gaben ursprüngliche Bedenken schnell auf, so dass Mitte November die Oberhausener Vertreter in einer Versammlung im evangelischen Gemeindehaus gewählt werden konnten.27 Der Oberhausener Arbeiter- und Soldatenrat bestand danach aus 60 Mitgliedern mit etwa folgenden „Fraktions“-stärken: zehn linksorientierte Vertreter der „Unabhängigen“ SPD, zehn gemäßigte Vertreter der „Mehrheits“-SPD, zehn Vertreter der freien Gewerkschaften und weitere Vertreter des städtischen Bürgertums, schließlich waren zehn Soldaten im Gremium vertreten. Dieser erweiterte Rat war als reines Beschlussfassungsgremium gedacht. Vorsitzender wurde der Sekretär des Metallarbeiterverbandes Heinrich Apenborn. Sechzehn Mitglieder sollten zum engeren Rat gehören und in zehn Abteilungen eng mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten.28
Auch in Osterfeld wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gegründet29. Wie „die Revolution“ in dieser Stadt – oder genauer: auf den beiden großen Zechen – vonstatten ging, schildern sehr anschauliche Berichte von Augenzeugen. Dabei wird besonders deutlich, wie stark die Einflüsse aus den Nachbarstädten waren. Zunächst machten sich die Revolutionäre aus dem unruhigen Bottrop auf der GHH-Zeche Jacobi bemerkbar. Am 11. November präsentierten Abgesandte des Bottroper Rates einen Beschluss mit neun Forderungen zur Arbeitszeit und zu anderen praktischen Fragen der Betriebsorganisation. Die Betriebsleitung ließ sich auf Verhandlungen ein – obwohl die Bottroper Revolutionäre für die Osterfelder Zeche Jacobi nicht „zuständig“ waren – und genehmigte am folgenden Tag die Wahl von „Schachtordnungsmännern“. Einer der gewählten Ordnungsmänner, ein Abteilungssteiger, fühlte sich so unwohl in dieser Rolle, dass er sofort seinem Chef über die Vorgänge auf der Zeche und über alle Details der Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats berichtete. Die Zechenleitung ihrerseits informierte postwendend die Konzernspitze, Paul Reusch persönlich.30
Gleichzeitig an diesem 11. November wurde auch die Zeche Osterfeld für einen Tag stillgelegt. Ein interner Bericht schildert die Vorgänge sehr anschaulich: „Als etwa vier Förderkörbe besetzt eingefahren waren, hielt ein von Mülheim kommender Straßenbahnwagen vor dem Eingang der Zeche. Diesem Wagen entstiegen etwa 50 Personen, welche sämtlich zur Belegschaft der Zeche gehörten.“ Angeführt wurden sie von einem Mülheimer Stadtrat und Mitglied des dortigen Arbeiter- und Soldatenrats. Der wiegelte die Arbeiter in der Waschkaue auf und bedrohte die Vertreter des ▶ Arbeiterausschusses, als sie die „erhitzten Gemüter“ beruhigen wollten, mit einem Revolver. Aber auch die „sofort einschreitenden Beamten der Zeche“, konnten nicht verhindern, dass die Belegschaft die Arbeit niederlegte und sich auf dem Zechenplatz versammelte. Die Direktion bat darauf den Amtmann von Osterfeld, Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates zu dieser Versammlung zu entsenden. „Der Amtmann erwiderte hierauf, dass ein Arbeiter- und Soldaten-Rat in Osterfeld noch nicht existiere und er deshalb kein Mittel habe, der Zeche behülflich zu sein.“ Die aus der Nachbarstadt Oberhausen deshalb angeforderten Vertreter des dortigen Arbeiter- und Soldatenrats erschienen aber nicht auf der pünktlich um 9.00 Uhr beginnenden Versammlung.31

Abb. 2: Lage der Zechen in Groß-Oberhausen
Die auf dem Zechenplatz versammelten Arbeiter stellten, in 13 Punkte unterteilt, die folgenden Forderungen auf: Die Acht-Stunden-Schicht einschließlich der Seilfahrt (Punkte 1 bis 3); Mindestlöhne, gestaffelt nach Schwere der Arbeit (4 und 9); ein Beschwerderecht (5 bis 8 und 11); die volle Bezahlung von „Feierschichten“ (10); die Absetzung von vier namentlich genannten Vorgesetzten (11 und 12) sowie die formelle Feststellung des „Einvernehmens“ mit dem Arbeiter- und Soldatenrat. Es fällt auf, welch großes Gewicht einerseits die Arbeitszeitfrage und andererseits der Unmut über das Verhalten bestimmter Vorgesetzter hatte.32 Der bei der Versammlung anwesende Beamte erklärte sich für nicht „befugt“, irgendwelche Zusagen zu machen, er müsse die Forderungen „der Direktion der Hütte zur Entscheidung vorlegen“. Daraufhin wurde eine Delegation, der auch Mitglieder des ▶ Arbeiterausschusses angehörten, ins „Amtshaus“ von Osterfeld entsandt, damit „ihre zu Papier gebrachten Beschlüsse mit dem Siegel des Amtsmannes versehen und alsdann auf der Zeche durch Anschlag bekannt gemacht“ werden konnten. Der Bericht schloss mit den Sätzen: „Am folgenden Morgen herrschte wieder vollkommene Ruhe auf der Zeche. Die ganze Belegschaft ist wieder angefahren. Seitdem ist die Ruhe nicht wieder gestört worden.“33
Da auf den Oberhausener ▶ Arbeiter- und Soldatenrat kein Verlass war – jedenfalls aus der Sicht der revolutionären Arbeiter –, bildete sich schleunigst auch in Osterfeld ein Arbeiter- und Soldatenrat. Sofort wurde nach einem Weg gesucht, seine Basis zu verbreitern: In einer Volksversammlung im Saale des katholischen Arbeitervereinshauses wurde einstimmig ein Beirat für den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt, und zwar mit je einem Vertreter der Grundbesitzer und Landwirte, der Beamten und der Lehrerschaft (drei Vertreter), der Kaufleute, der Akademiker (zwei Vertreter), der Metallarbeiter, der Eisenbahnarbeiter und der Steiger der Zeche.34 Es ist sicherlich auch auf den Einfluss dieses Beirats zurückzuführen, wenn der Osterfelder Arbeiter- und Soldatenrat sich peinlichst bemüht zeigte, die vorhandene Rechtsordnung möglichst überhaupt nicht anzutasten.35
Eine lange Reihe – wenig revolutionärer – Bekanntmachungen ließ die Oberhausener Öffentlichkeit erkennen, woran der Rat in den folgenden Wochen arbeitete. Es war eine ordentliche Revolution mit Stempeln, Quittungen, Ausweisen und Armbinden – und man war vor allem sehr besorgt um die Moral der heimkehrenden Soldaten, denn der Besuch der Bordelle in der Eintrachtstraße (heute Flaßhofstraße) wurde strikt verboten.36
Alle waren sich einig, dass die Heimkehrer wieder an ihrem alten Arbeitsplatz eingestellt werden sollten. Aber jenseits der Deklamationen führte dies zwangsläufig zu Konflikten in den Werken, denn die während des Krieges eingestellten auswärtigen Arbeiter mussten weichen. S. setzte das Werk Sterkrade der GHH Mitte November sofort 300 Arbeiter aus dem Kreis Wesel vor die Tür. Der Weseler Arbeiter- und Soldatenrat intervenierte dagegen ohne Erfolg.37 Das Werk Sterkrade war vom Kriegsende unmittelbarer betroffen als andere Fabriken, weil über Nacht dem Maschinenbau und den Granatenpresswerken die Aufträge fehlten. Für Einheimische wurden deshalb umfangreiche Versetzungen in Oberhausener GHH-Werke angekündigt.38
Entlassen wurden auch die unzähligen in der Rüstungsindustrie beschäftigten Frauen. Die Männer, Werksleitungen und überwiegend auch die Arbeitervertreter, sahen deren Tätigkeit in der Industrie, obwohl lebenswichtig während des Krieges, nur als vorübergehend an. An Gleichbehandlung mit den Männern war nicht zu denken: Als z. B. im Walzwerk Neu-Oberhausen Anfang November eine bescheidene Lohnerhöhung angekündigt wurde und ein einzelner Arbeitervertreter die Einbeziehung der Frauen und Lehrlinge vorschlug, nahm Direktor Ernst Lueg die Frauen ausdrücklich aus. Von Seiten der Arbeitervertreter gab es nach diesem Machtwort keinen Widerstand mehr; im GHH-Werk Sterkrade wurde sogar bedauert, dass die Frauen „immer noch nicht recht heran [wollten], die Arbeit zu verlassen.“39

Abb. 3: „Dienstmädchen gesucht!“ GA vom 28. November 1918
Aus der Sicht bürgerlicher Kreise war die Entlassung der Frauen nur zu begrüßen, beseitigte sie doch mit einem Schlag die „Dienstmädchennot“; nach jahrelangen erfolglosen Anzeigen während des Krieges, löste jetzt jede Anzeige einen Ansturm von Bewerberinnen aus.40
Nach drei Wochen zog Havenstein in der ersten Stadtverordnetensitzung nach dem Umsturz eine erste Bilanz. Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates waren bei der öffentlichen Sitzung anwesend.
„Mit dem Arbeiter- und Soldatenrat arbeitet die Verwaltung auf gutem Fuß. In allen wichtigen Fragen haben wir uns verständigt und sind gut miteinander ausgekommen, und das wird auch für die Zukunft so sein. Beide sind darauf bedacht, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Hierzu ist noch eine Einrichtung nach dem Muster anderer Städte erforderlich: eine Bürgerwehr von etwa 200 Köpfen. Auch damit sind sehr erhebliche Kosten verbunden.“41
Nach dem Strickmuster des Dreiklassenwahlrechts sollten in November 1918 wieder Stadtverordnetenwahlen stattfinden.42 Großzügig sollten erstmals auch der Sozialdemokratie zwei Sitze zugeteilt werden; wohlgemerkt: das sollte schon feststehen, bevor ein einziger Wähler seine Stimme abgegeben hatte!43 Der Beigeordnete Uhlenbruck erläuterte in einer öffentlichen Versammlung, dass dieses Zugeständnis natürlich nur für die dritte Klasse gelte; jedoch solle „die erste und zweite Abteilung in ihrer jetzigen Zusammensetzung bestehen bleiben“.44 Dazu kam es aber nicht mehr; am 15. November wurde die Wahl abgesagt, offiziell mit der Begründung, dass Wahlen nach dem preußischen Drei-Klassen-Wahlrecht nicht mehr zulässig seien, in Wirklichkeit wohl eher aus Furcht vor der öffentlichen Unruhe eines Wahlkampfes und wegen der Empörung, die die Anwendung des Drei-Klassen-Wahlrechts bei der Arbeiterschaft ausgelöst hätte.
Mitte November wurde zwischen Unternehmern und Gewerkschaften das Abkommen über die ▶ „Zentralarbeitsgemeinschaft“ geschlossen, das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen. Der Konzernherr der GHH, Paul Reusch, war ein Gegner dieser Verständigung mit den Gewerkschaften, weil das Abkommen u. a. vorsah, dass die Unternehmer die Unterstützung der ▶ „gelben“ Werkvereine beendeten. Diese wirtschaftsfriedlichen, d. h. nicht streikbereiten Verbände lagen Reusch seit Jahren besonders am Herzen, sie wurden vom GHH-Konzern mit viel Geld unterstützt und waren bei den Gewerkschaften, wo die Masse der Arbeiter organisiert war, besonders verhasst. Im Stinnes-Legien-Abkommen war den Gewerkschaften ein Durchbruch gelungen. Zum ersten Mal wurden sie über alle Industriezweige hinweg als Verhandlungspartner anerkannt. Dieser Geist der Zusammenarbeit, bei latent fortbestehenden Spannungen zwischen Direktoren und Arbeitern, war im November 1918 auch an der Basis, in den Betrieben zu spüren. In den ▶ Arbeiterausschüssen aller großen Werke in Oberhausen ging es vor allem um die Einführung des Acht-Stunden-Tages, die wichtigste soziale Errungenschaft der Revolution. Das Dilemma der ▶ Obleute in den Betrieben brachte der Arbeiter Gläser bei der Sitzung im Walzwerk Oberhausen mit seinem Stoßseufzer über „andere Elemente […], die vieles verderben“, zum Ausdruck. Von der Gegenseite machte Werks-Direktor Schmidt Druck. Die paar Quertreiber“ müssten die organisierten Arbeiter doch ausschalten können.45 Nichts illustriert besser als dieser Wortwechsel, in welcher Zwickmühle sich die gemäßigten Arbeitervertreter befanden.
Stimmungen
Aus den weitaus meisten Stellungnahmen in den Tagen der in Oberhausen so gutmütig verlaufenen Revolution spricht Erleichterung und Optimismus.
Mitte November erfuhr die Oberhausener Bevölkerung, dass der Belagerungszustand aufgehoben war. Damit galten viele einschränkende Verordnungen der Kriegszeit nicht mehr: Z.B. die Genehmigungspflicht für „Lustbarkeiten ohne höheres Interesse an Kunst“, besondere Auflagen für Jugendliche in der Öffentlichkeit oder die „Einschränkung des Fahrradverkehrs“.46 Das kulturelle Leben kam wieder in Gang – wenn auch mit Anlaufschwierigkeiten: Die Operette „Wenn Männer schwindeln“ konnte im Kaak’schen Saale am Neumarkt, dem heutigen Ebertplatz, zunächst nicht aufgeführt werden, weil das Oberhausener Theater für die Musik Mitglieder der Garnisonskapelle Wesel brauchte; und die konnten nicht anreisen, weil dort der ▶ Arbeiter- und Soldatenrat Schwierigkeiten machte.47
Als besonders kennzeichnend für die erstaunlich optimistische Lagebeurteilung wenige Tage nach Ausbruch der Revolution kann ein Stimmungsbild vom Oberhausener Bahnhof in diesen Tagen gelten:
Abb. 4: Endlich wieder Operetten im Theater Oberhausen! OZ vom 15. November 1918
„Ein Bild buntester Vielgestaltigkeit, das den Beschauer mit einer sinnverwirrenden Fülle von Eindrücken bestürmt, bietet augenblicklich unser Bahnhof. Alle Bahnsteige sind von heimkehrenden Ausländern, Belgiern, Russen, Franzosen usw. belagert. In malerischen Gruppen hocken die Heimkehrenden, Männer, Frauen und Kinder mit ihren Habseligkeiten beieinander. Die meisten sind freudig erregt, nur einzelne starren teilnahmslos wie indische Fakire vor sich hin. Aber auch in sie kommt Leben und Bewegung, sobald ein Zug einläuft, den sie benutzen können. Dann beginnt ein wahrhaft chaotisches Treiben. […] Ganz besondere Behendigkeit und Zähigkeit entwickeln die Frauen. Bahnbeamte und wachhabende Soldaten bemühen sich ehrlich und mit Erfolg, Ordnung in den Knäuel zu bringen. Überall greifen sie mit freundlichem Zuspruch helfend und fördernd ein. Kein häßliches Wort fällt. Es gibt keine Feinde mehr, jeder sieht in dem anderen nur den Menschen, dem er nach Kräften helfen muss.“48
„Es gibt keine Feinde mehr“ – Oberhausener Mädchen ließen sich von dieser Stimmung anstecken und tanzten mit französischen Kriegsgefangenen auf dem Bahnsteig – was aber der patriotischen „Oberhausener Zeitung“ überhaupt nicht gefiel: „In Deutschlands furchtbarsten Schicksalsstunden, von dem unbarmherzigen Feind bald zur Verzweiflung getrieben, ist es so ziemlich das Ärgste, was man dem Vaterlande noch zufügen kann, wenn man sich nach den Klängen der Musik des gleichen Feindes munter im Takt dreht.“49
Das idyllische Bild, das der Berichterstatter des „Generalanzeiger“ gezeichnet hatte, war also doch nicht so ungetrübt. Nicht alle teilten die Freude über Verbrüderungsszenen. Aber es ist doch wert festgehalten zu werden, dass die Erleichterung über das Kriegsende und die Bereitschaft zur Versöhnung auch in bürgerlichen Kreisen verbreitet war. Der Journalist des „Generalanzeiger“ mit dem poetischen Stil fährt fort:
„Dann wieder rollt ein Zug mit heimkehrenden deutschen Kriegern aus dem Westen heran. Nicht nur die Abteile sind überfüllt, auch die Trittbretter und selbst die Dächer der Wagen sind mit Soldaten besetzt. […] Auf allen Gesichtern glänzt die Freude, dass endlich das wahnwitzige Morden zu Ende ist und dass es wieder zu den Lieben in der Heimat geht.“50
Die entspannte Stimmung überdauerte kaum den November. Anders als in den Eisenhütten und Stahlwerken war die Lage auf den Zechen explosiv. Nach der Novemberrevolution wurden auch auf den Oberhausener Zechen Forderungen zum Lohn und zur Arbeitszeit aufgestellt, die weit über das hinausgingen, was bis dahin von den Gewerkschaftsspitzen erreicht worden war. Im Zentrum der Forderungen stand die Acht-Stunden-Schicht einschließlich der Ein- und Ausfahrt. Am entschiedensten wurden die Forderungen von den Arbeitern der Thyssen-Zeche „Deutscher Kaiser“ in Hamborn, dem Zentrum „syndikalistischer“ Aktivitäten, verfochten. Als die Werksleitung dort dem Druck nachgab und die wichtigsten Forderungen der Streikenden erfüllte, griff die Streikbewegung auf viele andere Zechen des westlichen Ruhrgebiets, auch auf Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld über.
Auf den Zechen des heutigen Oberhausener Stadtgebietes begannen die Streiks am 12. Dezember 1918, und zwar zunächst auf „Hugo“ und „Sterkrade“, den beiden Sterkrader Zechen, die dem Unruheherd Hamborn am nächsten lagen. Auf „Concordia“ – dort war es bereits im November zu Krawallen gekommen – schlossen sich auch die Steiger dem Streik an, was die Direktion offenbar so schockierte, dass sie deren Forderungen sofort erfüllte. Einer weiteren Solidarisierung zwischen Steigern und Gesamtbelegschaften sollte anscheinend vorgebeugt werden. Am 13. Dezember begann der Streik auf den Zechen „Alstaden“ und „Roland“, ganz im Süden von Oberhausen. Die Arbeiter übernahmen durchweg die Forderungen der Belegschaft von „Deutscher Kaiser“ in Hamborn.51 Der Vorsitzende des Oberhausener Arbeiter- und Soldatenrates Apenborn geißelte in einer öffentlichen SPD-Versammlung das „unverantwortliche Treiben der Bergarbeiter“. „Diese Extratänze müßten im Interesse der anderen Volksgenossen aufhören, da sie die Früchte der Revolution zu vernichten drohen.“52
Tatsächlich schien eine in Essen zwischen Gewerkschaften und Zechenbesitzern ausgehandelte Tarifvereinbarung den „Extratänzen“ zunächst einen Riegel vorzuschieben: Als Gegenleistung für eine 15-prozentige Lohnerhöhung sagten die Gewerkschaftsvertreter die Mithilfe bei der Durchsetzung einer drastischen Erhöhung des Kohlepreises zu. Dieses Zugeständnis löste noch einmal große Empörung bei den Bergarbeitern aus. Außer auf „Roland“ wurde der Streik auf allen Zechen in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld zunächst fortgesetzt, flaute dann aber, wie in allen Nachbarstädten außer Hamborn, in den Tagen vor Weihnachten rasch ab. Als letzte beendeten die Bergleute auf „Jacobi“ am 20. Dezember 1918 ihren Ausstand.
Für die Bevölkerung unmittelbar spürbar wurde der Streik dadurch, dass die städtischen Betriebe zeitweise die Gaszufuhr absperrten.53 Pikanterweise bezog Oberhausen sein Gas von der Zeche „Deutscher Kaiser“ in Hamborn, der unruhigsten Zeche im ganzen Revier!54 Es waren also nicht die Oberhausener Bergleute, die den Haushalten den Gasherd absperrten und die Redakteure im Dunkeln sitzen ließen! Die aus der „Gasnot“ resultierenden Ängste wurden aber auch noch angeheizt, wenn öffentlich die „allerschlimmsten Folgen“ an die Wand gemalt wurden: Auf der Zeche Concordia verhinderten Streikposten angeblich auch „die dringlichsten Arbeiten“; es bestünde die Gefahr, „dass die Schächte versaufen“. „Kommen die Streikenden nicht noch in zwölfter Stunde zur Einsicht, so wird ein unabsehbares Elend wohl unvermeidlich sein.“55
In Wirklichkeit konnte die Produktion auf allen Zechen noch vor Weihnachten wieder reibungslos anlaufen. Die Oberhausener Bergleute hatten sich bei der Tarifauseinandersetzung im Dezember 1918 insgesamt durchaus diszipliniert verhalten. Von den GHH-Zechen waren nur „Sterkrade“ und „Hugo“ mit je fünf Streiktagen sowie „Jacobi“ mit sieben Streiktagen betroffen.56
Kann es vor diesem Hintergrund verwundern, dass viele Bergleute mit größter Empörung reagierten, als sie erfuhren, dass die Vorbereitung für ein militärisches Eingreifen zugunsten der Unternehmer bereits auf vollen Touren liefen, während die Zechenbesitzer noch mit den Gewerkschaften verhandelten? Wie in Berlin und anderen deutschen Großstädten sollte sich der Ruf nach dem Militär auch in Oberhausen als verhängnisvoll erweisen. Dass auch einzelne Belegschaften „militärischen Schutz“ forderten, trug keineswegs zur Beruhigung bei.
Das Demonstrationsspektakel, das die Hamborner ▶ Syndikalisten am Heiligen Abend inszenierten, verlief noch einigermaßen friedlich. Als die Streiks auf allen GHH-Zechen gerade beendet waren, erschien am 24. Dezember ein riesiger Demonstrationszug aus Hamborn und legte erst die Zeche Sterkrade, dann die Zeche Hugo und schließlich auch die Zeche Osterfeld still. Auch ein so wohlwollender Historiker wie Erhard Lucas berichtet, dass ein Teil der Demonstranten bewaffnet war und die Wachmannschaften der Sterkrader Volkswehr zwang, ihre Waffen abzugeben. Danach marschierte ein Demonstrationszug zum Sterkrader Rathaus, um dort mit Oberbürgermeister Most zu sprechen. Der Oberbürgermeister war wohl nicht in seinem Büro – es war ja schließlich Heiligabend! Danach löste sich die Demonstration ohne ernstere Zwischenfälle auf.
Drei Tage später lief die Sache nicht so glimpflich ab. Am 27. Dezember traf ein Demonstrantenzug aus Hamborn mit etwa tausend Teilnehmern, wieder mit Musik und roten Fahnen, auf der Zeche Concordia ein. Auf allen Schächten dieser Zeche wurde die Arbeit niedergelegt.57 Kaum anzunehmen, dass die Hamborner Demonstranten, anders als am 24. Dezember, diesmal nicht bewaffnet waren. Dass sie aber „bis auf die Zähne bewaffnet“ waren, wie von der Concordia-Direktion später behauptet, wurde von Oberhausener Bergleuten bestritten. Von den Concordia-Schächten im Westen wälzte sich der Demonstrationszug, sicherlich durch Oberhausener Bergleute von „Concordia“ verstärkt, in den Oberhausener Osten. Ziel war die GHH-Zeche Oberhausen, zu der der Schacht Königsberg gehörte. Als die Spitze des Zuges dort ankam, schossen die Soldaten des ▶ Freikorps Heuck offenbar ohne Warnung mit Maschinengewehren in die Menge.58 Es gab drei Tote: die Bergleute Lott von „Neumühl“ und Meyer von „Concordia“ sowie ein weiterer Oberhausener und mehrere Schwerverletzte.
Die Erregung in der Arbeiterschaft nach diesem Blutbad war gewaltig. Die Hamborner Volkswehr schickte sofort zwei LKWs mit vier Maschinengewehren nach Oberhausen zur Unterstützung der Demonstranten. Aber auch das Freikorps auf der anderen Seite hatte inzwischen Verstärkung aus Essen erhalten. Es entwickelte sich ein regelrechtes Gefecht, das auf beiden Seiten weitere Todesopfer forderte; schließlich wurden die Hamborner von den Berufssoldaten überwältigt, 14 Mann von ihnen wurden gefangen genommen.59
Durch die Stationierung von Freikorps-Soldaten war eine verhängnisvolle Eskalation in Gang gesetzt worden. Wer die Anordnung zur Stationierung gab und welche Befehle für die Soldaten galten, ist nirgends dokumentarisch belegt. Es ist aber völlig ausgeschlossen, dass ein Werksleiter oder auch ein Vorstandsmitglied Entscheidungen von dieser Tragweite getroffen hätte, ohne sich die Rückendeckung vom Generaldirektor zu holen. Dass Paul Reusch von der Regierung „rücksichtsloses Durchgreifen“ erwartete, daran hatte er nie einen Zweifel gelassen.
Auf der einen Seite rohe Landsknechtstypen, auf der anderen Seite friedlich demonstrierende Arbeiter – diese Sicht der Dinge würde jedoch die Verhältnisse allzu sehr vereinfachen. Es kann nicht geleugnet werden, dass es im Verlauf der revolutionären Unruhen verschiedentlich zu Ausschreitungen und Plünderungen kam. Vor allem die Ereignisse in Hamborn, dem Zentrum linksradikaler, z. T. anarchistischer („syndikalistischer“) Agitation, über die Weihnachtsfeiertage müssen die Zechenbesitzer und die Lokalpolitiker auch der Nachbarstädte sehr schockiert haben. Demonstranten hatten den Polizeidirektor von Hamborn schwer misshandelt; ein Kaufhaus und das Rathaus in Hamborn waren geplündert worden. Am 26. Dezember „verhaftete“ die Hamborner Streikleitung mehrere Bergwerksdirektoren, die zunächst nach Mülheim verschleppt, dann aber nach kurzer Zeit wieder freigelassen wurden. Diese Vorfälle und die – teilweise sehr dramatisierende – Berichterstattung darüber trugen dazu bei, dass die Reichsregierung die Vorbereitung militärischer Gegenmaßnahmen gegen die Streikbewegung beschleunigte. Wie sehr Ausschreitungen der Demonstranten und rhetorische Eskalation auf der Gegenseite die Brände immer neu entfachten, illustrierte ein Telegramm der Zechenleitung von „Concordia“ an Friedrich Ebert. Ganz unverhohlen wurden darin „durchgreifende Maßnahmen“ gegen die „bewaffneten Banden“ verlangt.60
Von Berlin aus war es sicherlich schwer, ein realistisches Bild von den Vorgängen im Ruhrgebiet zu bekommen. Diese Schwierigkeit erklärt vielleicht zum Teil die verhängnisvollen Fehlentscheidungen der sozialdemokratisch geführten Regierung der „Volksbeauftragten“ in den ersten Wochen und Monaten der Weimarer Republik. Die Verantwortlichen vor Ort waren aber nicht auf schriftliche Berichte angewiesen. Bürgermeister und Verwaltungsbeamte, Stadtverordnete und Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates, Gewerkschaftsführer und Unternehmer vor Ort mussten wissen, dass die Darstellung der Ereignisse in dem Concordia-Telegramm die Lage allzu sehr dramatisierte. Dem preußischen Minister Ströbel (USPD) gelang es dann in den letzten Dezembertagen, die große Erregung wegen des Blutbades in Oberhausen zu dämpfen und für die Thyssen-Zechen in Hamborn, Neumühl und Lohberg und einen Tag später auch für Concordia in Oberhausen eine Vereinbarung zwischen Direktion und Streikkommissionen zustande zu bringen.61 Das Freikorps Heuck wurde aus Oberhausen abgezogen.
Natürlich forderten die Bergleute der GHH für sich die gleichen Bedingungen, wie sie ihre Kollegen bei Thyssen und Concordia durchgesetzt hatten. Die Zechen „Oberhausen“, „Hugo“ und „Sterkrade“, etwas später auch „Alstaden“, „Roland“ und sogar „Osterfeld“ wurden an Silvester 1918 bestreikt. Demonstranten versammelten sich am 31. Dezember vor dem Verwaltungsgebäude der GHH. Die Direktion musste mit den Streikenden verhandeln und schließlich erhebliche Zugeständnisse machen.62 Dies bewirkte sehr schnell eine Beruhigung der Situation. Vor dem GHH-Verwaltungsgebäude spielte die Kapelle der streikenden Bergleute „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“, nicht gerade ein klassenkämpferisches Lied! Drei Tage später waren die Streiks auf allen Oberhausener Zechen beendet.63
Zum Jahreswechsel gab es – trotz der Gewaltausbrüche und mehrerer Todesopfer – noch Grund zum Optimismus. Für Oberhausen und das Industrierevier an Rhein und Ruhr lässt sich bilanzieren, dass
■ bei der großen Mehrheit der Bergleute eine latente Streikbereitschaft vorhanden war, falls es nicht spürbare Verbesserungen ihrer Arbeits- und Lohnbedingungen geben sollte;
■ auswärtige Streik-Agitatoren nur im Ausnahmefall auf Belegschaften trafen, die nicht streikbereit waren;
■ die Belegschaften sich im Dezember 1918 in den meisten Fällen noch durchaus diszipliniert verhielten und nach Erfüllung einiger Forderungen an die Arbeit zurückkehrten;
■ die Arbeitgeber jedoch allzu zögerlich Zugeständnisse machten, die geeignet gewesen wären, die Position der gemäßigten Arbeiterführer in den Betrieben und überbetrieblich in den großen Gewerkschaften zu stärken;
■ die Arbeitgeber überdies durch eine unnötig dramatisierende Rhetorik und durch die Stationierung von Militär in einigen Betrieben Öl ins Feuer gossen; und Gewerkschaftsführer, in der Regel Sozialdemokraten, resultierte.
■ die nach der Jahreswende bei den Arbeitern verstärkt einsetzende Radikalisierung nicht unwesentlich aus der tiefen Enttäuschung über das Verhalten der eigenen politischen Vertreter
Der Schulstreit um die „Hoffmann-Erlasse“
Die bitteren Arbeitskämpfe in der Industrie, vor allem auf den Zechen, wurden von Anfang an überlagert von einem teilweise bizarren Streit über die Bekenntnisschulen. Schon sehr früh, ab Mitte November 1918, gab der neue preußische Kultusminister Hoffmann (USPD) einige Erlasse heraus, die auf eine deutlichere Trennung von Staat und Kirche im Schulwesen abzielten. Es ging um die Befreiung vom Religionsunterricht, das Schulgebet, den Besuch von Schulgottesdiensten und um die Verpflichtung der Lehrer, statt der Priester, zur Erteilung von Religionsunterricht.64 Beide Seiten, die Agnostiker auf der Linken ebenso wie die kirchentreuen Kreise im Bürgertum und in der katholischen Arbeiterschaft, nahmen den Streit bitter ernst. Auch in Oberhausen war die Erregung über die ▶ „Hoffmann-Erlasse“ nicht geringer als über die Parolen und Aktionen der Hamborner Revolutionäre.
Der Kampf gegen Hoffmanns Schulreform begann in Oberhausen am 2. Dezember 1918: Die rechtslastige und evangelisch orientierte „Oberhausener Zeitung“ platzierte einen bissigen Kommentar auf ihre Titelseite. Danach rissen die Protestversammlungen bürgerlicher Parteien und Verbände gegen die „Entchristlichung der Volkserziehung“65 bis zum Jahresende nicht mehr ab. Die Erregung trieb teilweise eigenartige Blüten. Der Chefredakteur des Generalanzeigers Ernst Kasch hatte in einem langen Kommentar über das Modernitätsdefizit der damaligen Schule u. a. geschrieben: „Was in aller Welt kann es den jungen Leuten bei ihrem späteren Fortkommen nützen, wenn sie den Katechismus von vorn und von hinten auswendig hersagen oder ellenlange Gesangbuchlieder im Gedächtnis herumschleppen? nichts, rein gar nichts.“66 Dagegen legten die katholischen Pfarrer der Stadt Oberhausen in einer gemeinsamen öffentlichen Erklärung „energischen Protest“ ein.67
Geistliche traten auch regelmäßig bei den politischen Versammlungen auf, z. B. beim Zentrum im Haus Union kurz vor Weihnachten. Die dort beschlossene Resolution kennzeichnet die Stimmung am besten:
„1500 Angehörige der Zentrumspartei, Männer und Frauen in der Union in Oberhausen versammelt, rufen den jetzigen Machthabern im Reiche und in Preußen zu: Nieder mit dem Bolschewismus! Kein Zaudern, kein Schwanken mehr! […] Schleunigst her mit der Nationalversammlung! Friede und Brot wollen wir haben! Eine wahre Volksregierung wollen wir haben, keine Klassenherrschaft, keine Parteidiktatur. Hinweg mit der Demagogen-Wirtschaft eines Adolf Hoffmann! Wir verbitten uns ganz entschieden seine brutalen Eingriffe in unser Heiligstes! […] Wir fordern nachhaltig die christliche und zwar die konfessionelle Volksschule. Wir lehnen ab jeden gewaltsamen Eingriff in das Verhältnis von Kirche und Staat.“68

Abb. 5: Der Glaubenskrieg um die Konfessionschule, GA vom 20. November 1918
Der Proteststurm ist nicht zu trennen von dem beginnenden Wahlkampf für die Nationalversammlung am 19. Januar 1919. Wohl auch deshalb gab die preußische SPD-Regierung Ende Dezember dem Druck nach und hob die strittigen Erlasse auf. Kultusminister Hoffmann trat zurück.
Die Polarisierung im Schulstreit hat sicher wesentlich dazu beigetragen, die Zusammenarbeit zwischen sozialistischen und bürgerlichen Kräften im – sehr gemäßigt ausgerichteten – Oberhausener ▶ Arbeiter- und Soldatenrat zu erschweren. Auch die bürgerlichen Mitglieder gerieten zunehmend unter Druck – und zwar von rechts! Die „Oberhausener Zeitung“ unter ihrem Schriftleiter Staymann machte sich zum Sprachrohr der Kritiker. Hatte noch Anfang Dezember Oberbürgermeister Havenstein, ein aus rechts-bürgerlicher Sicht gewiss unverdächtiger Zeuge, die gute Zusammenarbeit gepriesen, so wurden zwei Wochen später die bürgerlichen Mitglieder des Rates als „Arsolnullen“ diffamiert.
„Deshalb ist es unbedingt nötig, dass diese Männer, wollen sie weiterhin als bürgerliche Mitglieder der Oberhausener Bevölkerung angesehen werden, diese baldigst darüber aufklären, wie sie dazu kamen und was sie bewog, in den sozialistischen Arsolrat einzutreten. […] Entweder man ist bürgerlich und betätigt sich in bürgerlichen Versammlungen oder man ist sozialistisch und geht in die Versammlungen dieser Partei. Die Zeit ist nicht mehr dazu angetan, in Halbheiten aufzugehen. Entweder man ist gut national oder man ist international.“69
Diese Polemik gehörte natürlich auch schon zum Wahlkampf für die anstehende Wahl zur Nationalversammlung. Die Rechtskreise versprachen sich Stimmengewinne durch die Polarisierung. Dies wurde zehn Tage später ganz unverblümt ausgesprochen, als einer der Angesprochenen, der Geschäftsführer des Roten Kreuzes und Leiter des Verpflegungsdienstes am Oberhausener Bahnhof, ausführlich und sehr sachlich zu den Vorwürfen Stellung nahm. Er führte viele Gründe an, warum „die Tätigkeit der Herren“ im ▶ Arbeiter- und Soldatenrat „zweifellos bisher segensreich für die Bürgerschaft gewesen [sei], jedenfalls haben die Herren erreicht, dass bisher Ruhe und Ordnung in Oberhausen herrschen konnte.“70 Diese Zeilen wurden wohl geschrieben, bevor es am Schacht Königsberg Tote gab. Ob sie aber in der aufgeheizten Atmosphäre in den bürgerlichen Kreisen, an die sie sich richteten, noch irgendetwas bewirkten, mag bezweifelt werden.
Es ist wichtig festzuhalten, dass das Scheitern des Oberhausener Arbeiter- und Soldatenrats auch von rechts betrieben wurde. Der Vorstoß nationaler und konservativer Kräfte erwies sich aber wenige Tage später als überflüssig. Linksradikale Gruppen ergriffen die Initiative und nutzten die Empörung über das Blutbad auf Schacht Königsberg, um den breit angelegten Rat in Oberhausen zu sprengen.
Auflösung des ersten und Einsetzung eines neuen Arbeiter- und Soldatenrats
Es gab im Verlauf der Revolution in Oberhausen viele filmreife Szenen – die Verbrüderungsszenen auf dem Hauptbahnhof, als Oberhausener Mädchen mit den belgischen Fremdarbeitern tanzten, die schrill spielenden Musikkapellen und roten Fahnen an der Spitze der Demonstrationszüge aus Hamborn, die mit der Straßenbahn anreisenden Revolutionäre aus Mülheim auf der Zeche Osterfeld, der Wortwechsel zwischen dem „nie im Feld gewesenen“ Matrosen und Oberbürgermeister Most im Sterkrader Rathaus – eine neue Szene dieser Art kam durch den Auftritt von Pfarrer Löbbel von der Herz-Jesu-Kirche am Neujahrstag hinzu.
Mit theatralischem Gehabe bot der Pfarrer der Revolution die Stirn und erhob am folgenden Tag (auf der Titelseite der „Oberhausener Zeitung“!) „flammenden Protest gegen […] Willkür und Rechtsverletzung“. Folgendes war, nach Darstellung des Pfarrers, vorgefallen:
„Als heute morgen 11 1/4 Uhr auf der Herz-Jesu-Kirche zur letzten hl. Messe geläutet wurde, erschienen 5 Revolutionsmänner von der Altmarkt-Versammlung in der Kirche und forderten sofortige Einstellung des Läutens. Der anwesende Messdiener, ein Schulkind, ließ sich einschüchtern und stellte das Läuten ein. Als ich einige Minuten später in der Sakristei erschien und den Sachverhalt erfuhr, befahl ich sofort Fortsetzung des Läutens. Prompt erschienen wieder die Abgeordneten, drangen in die Sakristei ein und forderten, ohne sich vorzustellen oder zu legitimieren, abermals in brüskem Ton die Einstellung des Läutens. Ich erwiderte ihnen, dass ich vorläufig in der Kirche ganz allein zu sagen habe und niemand anders, und dass geläutet werde genau so lange, als ich wolle, und wies ihnen die Tür.“71
Pfarrer Löbbel beendete seinen Leserbrief mit folgendem Aufruf: „Deutsches christliches Volk, erhebe dich und mache Front gegen die neue Schreckensherrschaft! Erhebe dich und gib Antwort auf diese Gewalttätigkeit durch deinen Stimmzettel bei der Wahl zur Nationalversammlung!“
Dass es auf dem Altmarkt um die Toten vom Schacht Königsberg ging, interessierte den katholischen Pfarrer überhaupt nicht. Dass ein Redner von der Stadt als Geste des Beileids forderte, bei der Beisetzung des Bergmanns Meyer die Flaggen auf halbmast zu setzen72, wurde wohl durch die Glocken der Herz-Jesu-Kirche übertönt. Der Streit darüber, wer letztlich die Verantwortung trug für die Verlegung der ▶ Freikorps-Truppe auf den Schacht Königsberg, hatte das Klima in der Oberhausener Öffentlichkeit nachhaltig vergiftet.

Abb. 6: Glaubenskrieg im Lager der Arbeiterparteien, OZ vom 3. Januar 1919
Dass in der aufgeheizten Stimmung der Jahreswende eine Zusammenarbeit zwischen Arbeitervertretern und bürgerlichen Kräften im ▶ Arbeiter- und Soldatenrat nicht mehr möglich war, kann nicht überraschen. Scharfmacher in beiden Lagern wollten diesen Rat nicht mehr. Den Todesstoß versetzte ihm die radikale Linke. In einer Arbeiterkundgebung auf dem Altmarkt am 2. Januar 1919 wurde der erste, sehr breit in der Oberhausener Bevölkerung verankerte Arbeiter- und Soldaten-Rat für abgesetzt erklärt und ein neuer proklamiert, dessen „Anerkennung“ Demonstranten noch am gleichen Tag von der Stadtverwaltung erzwangen. Der neue – linksradikal orientierte – Arbeiter- und Soldatenrat, aus insgesamt etwa zehn Spartakus- bzw. USPD-Mitgliedern zusammengesetzt, repräsentierte nur eine Minderheit der Oberhausener Arbeiterschaft, geschweige denn der Oberhausener Bevölkerung.
Die Auflösung des alten und die Einsetzung des neuen Arbeiter- und Soldatenrats löste sofort heftige Protestkundgebungen von seiten der Mehrheits-Sozialisten aus. Die MSPD rief in großen Anzeigen zu einer Versammlung „Gegen Bolschewismus und Spartakusse!“73 am 5. Januar auf. Hauptredner auf dem Altmarkt war Hermann Albertz, Vorsitzender der Mehrheits-Sozialdemokraten in Oberhausen. „In scharfen Worten geißelte er das Vorgehen des sich selbst, unter Missbrauch der Mülheimer Sicherheitswehr, eingesetzten neuen Rates. Die im alten Rat vertretene Spartakusrichtung hatte, die Bergarbeiterbewegung ausnutzend, stets versucht, die Bergarbeiter gegen ihre in langjähriger Tätigkeit bewährten Führer aufzuhetzen.“74 Auch wenn aus heutiger Sicht der polemische Ton etwas befremdlich anmutet (weil wir wissen, wie verhängnisvoll sich die Spaltung der Arbeiterbewegung bald auswirken sollte) – in der Sache hatte Hermann Albertz mit seiner Kritik an der putschistischen Einsetzung des neuen Rates recht. Innerhalb der Arbeiterschaft war die Stimmung seit längerem nicht weniger gereizt als bei den Konflikten zwischen den Vertretern der Arbeiterparteien und des Bürgertums. In den Akten des GHH-Archivs findet sich ein Flugblatt, das offensichtlich von seiten der Mehrheitssozialisten in diesen Tagen verteilt worden war:

Abb. 7: „Flammender Protest“ der bürgerlichen Parteien, GA vom 11. Januar 1919
„Arbeiter! Seid auf der Hut! Der Bolschewismus droht! Er umschleicht Euch stündlich! Lichtscheues Gesindel schleudert verbrecherische Flugschriften ins Land, raunt Euch unsinnige Gerüchte ins Ohr! Was wollen diese Verbrecher am deutschen Volke! Ein wüstes Durcheinander, Aufhebung jeder Ordnung, Zerstörung der Arbeitsstätten! Deutschland soll ein Trümmerfeld werden, in dem Verzweiflung, Kummer und Elend herrschen.“75
Eine auf der Altmarkt-Kundgebung der Mehrheits-SPD am 5. Januar gefasste Resolution, die später Oberbürgermeister Havenstein übergeben wurde, verweigerte dem neuen Arbeiter- und Soldatenrat die Anerkennung, forderte die Wiedereinsetzung des alten Rates „unter Ausschluss der Spartakusse“ und die Durchführung der Wahlen zur Nationalversammlung.76 Diese letzte Forderung war in Oberhausen, wie sich bald herausstellen sollte, überflüssig. Denn trotz der linkslastigen Zusammensetzung unternahm der Oberhausener Rat als Ganzes nichts, was die Durchführung der Wahl hätte behindern können. Die Befürchtungen der Mehrheits-Sozialdemokraten waren trotzdem nicht ganz unbegründet, denn die soeben neu gegründete KPD wollte die Einberufung der Nationalversammlung verhindern – notfalls durch Gewalt, wie sich im Spartakusaufstand in Berlin und der Besetzung des „Vorwärts“-Gebäudes zeigte.
Am 12. Januar 1919 demonstrierten die Deutsche Demokratische Partei (DDP), die Deutsche Volkspartei (DVP), die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), das katholische Zentrum und die christlichen Gewerkschaften gegen den neuen, linksradikalen Arbeiter- und Soldatenrat. In riesigen Anzeigen wurde zur Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen: „Es soll flammender Protest erhoben werden gegen Terrorismus und Vergewaltigung der bürgerlichen Freiheit.“77 Im Zusammenhang mit der bürgerlichen Demonstration am 12. Januar kam es in der Lothringer Straße am Moltkeplatz zu einer Schießerei, bei der vier Menschen starben und weitere Personen – z. T. schwer – verletzt wurden. Die rechtskonservative „Oberhausener Zeitung“ nannte die Namen der Todesopfer. Sie lastete die Verantwortung für das Blutbad der Sicherheitswehr des neuen ▶ Arbeiter- und Soldatenrates an.

Abb. 8: „Frauen und Jungfrauen, Männer und Jünglinge, schreitet restlos zur Wahl!“ GA vom 18. Januar 1919
„Die Leute, die an der Lothringer Straße (Moltkeplatz) die Schüsse abgaben, durch welche leider hiesige Personen verletzt wurden, hatten, nach der Angabe des Arbeiterrates, den Auftrag, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, und werden die Folgen ihrer Tat, die wir natürlich schwerstens verurteilen müssen, zu tragen haben.“78
Ein Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats wies diesen Vorwurf entschieden zurück. Wer die Schüsse wirklich abgegeben hatte, konnte nie geklärt werden.
Die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919
Die Wahl zur Nationalversammlung fand am 19. Januar 1919 in Oberhausen ohne Störungen statt. Entgegen anderslautenden Vorwürfen setzte sich der Arbeiter- und Soldatenrat für eine ordnungsgemäße Durchführung ein, obwohl die in ihm vertretenen Parteien USPD und KPD diese Wahl boykottierten. Der Rat dementierte in einer öffentlichen Erklärung die Gerüchte, er beabsichtige, die
„Wahlen zur deutschen Nationalversammlung und preußischen Landesversammlung zu stören. […] Der Arbeiter- und Soldatenrat wird sich jeder Beeinflussung der Wahlhandlung enthalten und hat seine Organe entsprechend angewiesen. Um Missdeutungen zu vermeiden, wird der A.S.R. weder vor noch in den Wahllokalen bezw. Wirtschaftsräumen Sicherheitsmannschaften aufstellen.“
Diese Erklärung wurde in einer riesigen Wahlanzeige von den bürgerlichen Parteien als Ergebnis einer Besprechung mit den Führern des Arbeiter- und Soldatenrates veröffentlicht79 – ein eigenartiger Vorgang, der die Vermutung nahelegt, dass der Rat sich zu diesem Zeitpunkt gegenüber den bürgerlichen Kräften bereits in der Defensive befand!

Tabelle 1: Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld80
Otto Most, der Oberbürgermeister von Sterkrade wurde über die Liste der DVP in die Nationalversammlung gewählt. Die Wahlbeteiligung von 73 Prozent erscheint aus heutiger Sicht durchaus normal. Eine überwältigende Mehrheit der Oberhausener Bevölkerung unterstützte durch ihre Stimmabgabe die parlamentarische Demokratie. Bei den eine Woche später folgenden Wahlen zur preußischen Landesversammlung war das Ergebnis in Oberhausen ganz ähnlich.
Verglichen mit den Reichstagswahlen in Oberhausen vor dem Krieg konnten die bürgerlichen Parteien ihren Stimmenanteil in etwa halten, die SPD gewann etwa zehn Prozent hinzu – ein phantastischer Vertrauensvorschuss, der ganz schnell wieder verloren gehen sollte. Das gute Ergebnis der Wahlen vom Januar 1919 hätte für die Vertreter der bürgerlichen Parteien und der SPD Anlass sein können, etwas gelassener mit den Forderungen der Bergarbeiter umzugehen als in den Wochen und Monaten zuvor.
2. Die großen Streiks im Frühjahr 1919
Das unterkühlte Amtsdeutsch der Bekanntmachungen vermittelt auch heute noch ein eindrucksvolles Bild von der desolaten Ernährungssituation, die sich seit Kriegsende kaum verbessert hatte:
„Milchversorgung. Wie zu erwarten war, ist die der Stadt auf der rechten Rheinseite verbliebene Vollmilchmenge erheblich zurückgegangen, so dass es vorläufig nicht mehr möglich ist, die im Umlauf befindlichen Milchkarten mit Vollmilch versorgen zu können. Auf C- und B-Karten wird statt ¾ Liter nur noch ½ Liter Vollmilch verausgabt. Personen über 70 Jahren erhalten statt Vollmilch Magermilch.“81
„Lebensmittel der Woche. […] Jeder einzelne Bezugsschein für: Kartoffeleinkellerungskarte: 5 Pfund, Butter: 25 Gramm Margarine, Fett: 20 Gr. Margarine, Graupen: 125 Gramm Nudeln, Marmelade: 250 Gramm […]. Die Herabsetzung der Kartoffelwochenmenge von 7 auf 5 Pfd. beruht auf Anordnung der Reichskartoffelstelle und gilt für das ganze Reich. […] Fleisch und Fleischwaren dürfen nur auf die Abschnitte der Reichsfleischkarte abgegeben und entnommen werden. […] Die Wochenkopfmenge an Fleisch ist von 200 auf 300 Gramm erhöht worden.“82
Die miserable Versorgung mit Lebensmitteln löste auch in Oberhausen Ende Januar/Anfang Februar mehrfach spontane Hungerunruhen aus. Die schwersten Zwischenfälle ereigneten sich auf der Zeche Concordia. An mehreren Tagen plünderten dort Belegschaftsmitglieder die Lebensmittellager.83
Der Hunger und die Kälte reichten allein schon aus, um die Empörung der Arbeiter, vor allem der Bergleute, anzustacheln. Politische Gründe kamen hinzu, als die Sozialisierungsverhandlungen der Zechenbesitzer mit den Gewerkschaftsführern keine greifbaren Ergebnisse brachten. Wie in den anderen Städten des Ruhrgebiets waren in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld ab Montag, dem 17. Februar, die Bergleute auf allen Zechen im Streik; Straßenbahnen verkehrten nicht, Schulen blieben geschlossen. Die Redakteure der „Oberhausener Zeitung“ befürchteten Schlimmes: „Möge ein gütiges Geschick noch in letzter Stunde das Ruhrrevier vor der völligen Zerrüttung bewahren.“84
Die blutigen Kämpfe in Dorsten und anderen Städten des nördlichen Reviers lösten auch in Oberhausen Gewaltaktionen linker Gruppen aus, die aber, verglichen mit dem ▶ Freikorps-Terror eher harmlos blieben. Hermann Albertz wurde „verhaftet“ und mehrere Stunden festgehalten, weil er angeblich den „Zug der Spartakisten nach Münster“ verraten hatte. Die städtische Polizei wurde durch „Spartakisten“ entwaffnet.85
Aber gleichzeitig wurde im ersten Nachkriegs-Februar Karneval gefeiert! Der Musikverein kündigte einen Beethoven-Abend an, die Humoristengesellschaft Edelweiß „humoristische Vorträge, anschließend Tanzkränzchen“. Die Straßen waren von „feiernden Arbeitern“ bevölkert.86 Derartige Berichte klingen nicht nach „Schreckensherrschaft“, die die Spartakisten angeblich ausübten.
Die Haltung der Arbeiterschaft war keineswegs einheitlich: Die großen Bergarbeiter-Gewerkschaften veröffentlichten auch in Oberhausener Zeitungen große Anzeigen gegen eine Beteiligung am Streik, für dessen Beginn „unverantwortliche spartakistische Elemente“ verantwortlich gemacht wurden. Die Reichsregierung wurde aufgefordert, „im Auftrage des überwiegend größten Teils der Belegschaften […] unverzüglich die geeigneten Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu treffen und dafür zu sorgen, dass die Bergarbeiter ungestört ihrer Arbeit nachgehen können.“87 Dies war eine eindeutige Aufforderung zur militärischen Intervention – wie anders hätte es verstanden werden können?

Abb. 9: Aufruf der Bergarbeiter gegen den Generalstreik, GA vom 18. Februar 1919
In den großen Werken in Oberhausen spielten sich während der Generalstreiks-Woche überall ähnliche Szenen ab: Kleine Gruppen von bewaffneten Arbeitern oder größere Demonstrationszüge, unter denen sich immer auch bewaffnete Gruppen befanden, drangen in die Betriebe ein und verlangten die Einstellung der Arbeit. Die ▶ Obleute der Arbeiter in den Betrieben solidarisierten sich nicht mit den Eindringlingen, die von ihren Anführern nicht immer unter Kontrolle gehalten werden konnten. Es gab Warnschüsse, die aber nirgendwo Schaden anrichteten, und in einigen Fällen Prügeleien und Misshandlungen. Die GHH-Berichte nennen zwei Verletzte, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Wegen dieser massiven Einschüchterungen ruhte in den großen Eisen- und Stahl-Werken der GHH in Oberhausen und Sterkrade jeweils für einzelne Tage die Arbeit.88
Im benachbarten Sterkrade spitzte sich die Situation Mitte Februar ebenfalls zu. Schon Mitte Januar hatte eine kommunistische Gruppe vom Arbeiter- und Soldatenrat eine härtere Gangart gegenüber der Stadtverwaltung gefordert. Auf dem Sterkrader Rathaus wehte die rote Fahne. Oberbürgermeister Most erinnert sich, wie
„ein Haufen Spartakisten vor mein Rathaus zog, alles andere mit wenigen Ausnahmen fluchtartig von der Straße, nicht zuletzt auch aus dem Rathaus verschwand und eine bei mir eindringende Abordnung mich erst aufforderte, dann mit Brachialgewalt dazu bringen wollte, zum Gaudium der unten tobenden Menge persönlich die rote Fahne auf dem Dach des Rathauses zu hissen. Wer weiß, welchen Ausgang die Szene genommen hätte, wenn nicht meine beherzte Sekretärin […] sich währenddessen der draußen abgestellten Fahne bemächtigt und kurzerhand getan hätte, was mir zu tun unmöglich gewesen wäre.“89
Nicht weit vom Sterkrader Rathaus entfernt lief am 10. Februar – dem Tag, als General Watters Truppen in Hervest-Dorsten einmarschierten – im Werk Sterkrade eine stürmische Sitzung des ▶ Arbeiterausschusses ab. Werksdirektor Wedemeyer sah sich plötzlich mit einem stark vergrößerten Teilnehmerkreis konfrontiert, da Mitglieder des Arbeiterrates aus Oberhausen und Sterkrade anwesend waren.90
Die turbulente Sitzung im Werk Sterkrade war die Ouvertüre zu den revolutionären Ereignissen der Wochenmitte, als die „öffentliche Gewalt in die Hände der Spartakisten“ überging. Bewaffnete Trupps, „welche von auswärts kamen“, besetzten am Donnerstag (13. Februar) alle wichtigen Gebäude der Stadt; sie durchsuchten auf dem Bahnhof alle Züge nach Regierungstruppen. Der aus Weimar von der Sitzung der Nationalversammlung sofort zurückgekehrte Oberbürgermeister Most wurde mit einer Protestdemonstration gegen General Watters Vormarsch am Sterkrader Rathaus gegrüßt.
Die „Spartakisten“ übernahmen die Sicherheitswehr und erklärten den Sterkrader Arbeiterrat für abgesetzt. Offener Widerstand gegen diese putschistischen Aktionen kam von der Beamtenschaft, die in einer Versammlung forderte, die Wachposten von den öffentlichen Gebäuden abzuziehen. Im Rathaus richtete der Kommunist Thiele eine Filiale der zentralen Streikleitung ein – auf dem gleichen Flur wie Oberbürgermeister Most! „Größere Massen von Spartakisten zogen sich nun aus der Umgebung in Sterkrade zusammen und griffen von hier aus das benachbarte Bottrop mehrfach […] an.“91
Obwohl erheblich unter Druck, fühlte sich Most offenbar stark genug, an den folgenden Tagen ein „Ersuchen“ der Revolutionäre nach Zahlungen aus der Stadtkasse (zur Besoldung der revolutionären Sicherheitswehr) zunächst mit einem „ablehnenden Bescheid“ zu beantworten, zahlte aber nach einem „heftigen Auftritt“ 18.000 Mark „aus eigenen Mitteln“ an die „Fordernden“ und erklärte daraufhin seinen Rücktritt.92 Bereits einen Tag später konnte jedoch gemeldet werden, dass er im Amt bleibe, „da sich die Verhältnisse auch in Sterkrade wieder in geordneten Bahnen bewegen“.93 Ob die Berichte der sozialdemokratischen „Volksstimme“ in allen Einzelheiten zutreffend waren, kann heute niemand mehr klären. Zweifellos bringen sie jedoch zum Ausdruck, wie die revolutionären Ereignisse im ehrwürdigen Rathaus von Sterkrade von der Bürgerschaft gesehen und empfunden wurden.
Nach dem Einmarsch in Bottrop, wo es blutige Kämpfe gab, standen Watters Truppen am 23. Februar in Königshardt. Die dann folgenden Ereignisse werden von Otto Most anschaulich und mit leicht ironischem Unterton geschildert:
„Am darauffolgenden Montag in aller Frühe stießen etwa 20 Mann von den Regierungstruppen über die Demarkationslinie vor, umstellten das neben dem Rathaus befindliche Clubhaus, wo das Hauptquartier der Spartakisten war, beseitigten mit der Waffe in der Hand jeglichen Widerstand und nahmen etwa 50 Spartakisten samt dem Führer Thiele, dem eine sich rasch ansammelnde Menge in aller Eile übel mitspielte, gefangen mit sich. Die Sache ging so rasch vor sich, dass, als ich, durch die Schüsse gerufen, aus meiner Wohnung heraneilte, nur noch die rasch hinwegrollenden Wagen und ein toter Spartakist im Vorgarten des Clubhauses zu sehen waren.“
Durch diesen „Handstreich […] irgendeines tatendurstigen Unterführers“ geriet Most in eine sehr schwierige Lage, denn Sterkrade musste mit einer gewalttätigen Reaktion aus dem revolutionären Hamborn rechnen, ohne auf die Unterstützung der Regierungstruppen hoffen zu können. Deshalb formierten einige Weltkriegsoffiziere in aller Eile eine Bürgerwehr.
„An Waffen war noch viel vorhanden; gerade in den Tagen zuvor war eine neue Aufforderung zur Abgabe bei der Kriminalpolizei erlassen worden, und ein kleines Lager hatte sich dort angesammelt. Das Oberkommando musste ich, der ich von militärischen Dingen so gut wie keine Ahnung hatte, selbst übernehmen. […] Es kam zu einem regelrechten Kleinkrieg zwischen Sterkrade und Hamborn, der in seinen Einzelheiten an manche mittelalterliche Fehde erinnerte und uns bei allem Ernst der Lage doch nicht selten lächeln ließ. Mit ungeheurem Ernst wurden beiderseits Patrouillen ausgesandt, Grenzsicherungen vorgenommen, Rapporte über die militärischen Bewegungen des Gegners erstattet, auch zweimal Schüsse gewechselt. Zu Schaden kam dabei aber niemand, obwohl das Spiel drei Tage dauerte. […] In der vierten Nacht schien alles gegen jeden Angriff bestmöglich gesichert zu sein, und ich hoffte, das an Schlaf Versäumte nachholen zu können. Aber kaum hatte ich mich hingelegt, da begann der Fernsprecher zu läuten, und mein ‚Adjutant‘, ein Weltkriegsoberleutnant, berichtete in großer Aufregung, dass nach Meldungen der weitest vorgeschobenen Posten Hamborner mit Reiterei anrückten. Einige Minuten später hieß es, auch schwere Artillerie sei im Anzug, ich möchte sofort zum Rathaus kommen und die notwendigen Befehle erteilen. Noch war ich beim raschen Anziehen, da schellte es wieder. Ich nahm den Hörer auf: ‚Hier Oberst Katendiek! Melde, dass ich soeben das Rathaus in Hamborn ohne Kampf besetzt habe.‘“94
Die Straftaten, die man ein Jahr später Thiele und den anderen Sterkrader Revolutionären im Duisburger Schwurgericht zur Last legte, waren Lappalien: Sachschäden und die angebliche Misshandlung des Sterkrader Försters. Trotzdem wurde Thiele wegen Nötigung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.95
Der Abbruch des Generalstreiks brachte auch das Ende des USPD/KPD-Rates in Oberhausen: Drei Mitglieder, die wohl den linken Flügel dieses Gremiums bildeten, die Brüder Goppelt und Leo de Longueville, setzten sich aus Oberhausen ab. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten die Lohngelder der Sicherheitswehr für mehrere Tage mitgenommen, ein Gerücht, das die sozialdemokratische „Volksstimme“ zum Anlass nahm für die hämische Schlagzeile: „Stiften gegangen“.96 Die „Volksstimme“ benannte die verschwundenen Personen zunächst nicht mit Namen. Einige Tage später ist von „Oberhausener Spartakistenführern“ die Rede, über die „die tollsten Gerüchte unsere Stadt“ durchschwirrten. Angeblich hätten sie „Hunderttausende“ mitgenommen.97 Eines der „tollen Gerüchte“ über Leo de Longueville – der 1933 von der S. ermordet wurde – malt das Bild, wie er auf einem Schimmel, der aus Paul Reuschs Pferdestall im Lipperfeld entwendet war, durch die Stadt ritt. Doch gehört die Episode mit dem Schimmelreiter vielleicht auch in die Zeit der Herrschaft der „Roten Armee“ ein Jahr später – da sind sich die Erzähler nicht so ganz sicher.
Franz Goppelt und Leo de Longueville wehrten sich wenige Tage später in einem Leserbrief im „Generalanzeiger“ gegen den Vorwurf, sich widerrechtlich größere Geldsummen angeeignet zu haben und schilderten die Vorgänge so: „In einer Sitzung des engeren A.- und S. -Rates Oberhausen wurde beschlossen, bei der Reichsbank Geld zu beschlagnahmen, um die Löhnungsgelder sicher zu stellen und verschiedene Genossen zu sichern.“98 Die Verfasser des Briefes seien beauftragt worden, das Geld abzuholen, doch habe der Bankangestellte erst nachgefragt, ob dies wirklich im Auftrag des ▶ Arbeiter- und Soldatenrates geschehe. Dies sei vom „Genossen Hasberg“ verneint worden, worauf die Bank sich weigerte, Geld auszuzahlen.99
Wie auch immer dieser eigenartige Vorgang wirklich abgelaufen sein mag – die geflohenen Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats offenbarten in ihrem Leserbrief unbeabsichtigt zweierlei: Das Finanzgebaren des Arbeiter- und Soldatenrates war reichlich dubios; und der Rat war zumindest in seinen letzten Tagen heillos zerstritten, obwohl ihm nur noch Mitglieder der USPD und der KPD angehörten. Es ist sicherlich nicht zu gewagt, diese innere Zerrissenheit als eine wesentliche Ursache seines Scheiterns anzusehen – neben dem Fehlen einer politischen Massenbasis in der Stadt.
Am 6. März marschierte die Brigade Gerstenberg, aus Hamborn kommend, in Oberhausen ein. Die Truppe bestand aus „mehreren Kompanien Infanterie, Artillerie, Pionieren und einer Minenwerfer-Abteilung“ und hatte „außer Maschinengewehren usw. schwere Geschütze“. Es gab angeblich nur einen Auftrag für die Soldaten: „Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung“, worunter auch verstanden wurde, „den Arbeitswilligen die Arbeitsmöglichkeit zu erhalten oder zu verschaffen“.100 Brauchte es dazu Minenwerfer und schwere Geschütze?
Der Verfasser des Artikels im „Generalanzeiger“ begrüßte die Soldaten mit geradezu hymnischen Tönen:
„Eine Freude ist es, diese Kerntruppe zu beobachten. Da waltet noch der alte Geist der deutschen Kampftruppen, die den Feind 4 harte Jahre hindurch von den deutschen Gauen in Ost und West und Süd fernhielten. Die Bürgerschaft, die in den vergangenen Wochen so manche schwere Stunde der Sorge durchlebt hat, kann mit vollem Vertrauen in die Tüchtigkeit und Verlässlichkeit dieser ausgezeichneten Soldaten in die Zukunft blicken.“101
Die Truppe begann sofort mit Hausdurchsuchungen und der Beschlagnahmung von Waffen. Diese Suche scheint nicht sehr ergiebig gewesen zu sein, denn größere Waffenfunde wären von der lokalen Presse sicher in entsprechender Aufmachung gemeldet worden. Auch die in den folgenden Tagen vor allem in den Nachbarstädten mehrmals wiederholten Anzeigen mit der Aufforderung zur Waffenablieferung lassen vermuten, dass erheblich weniger Waffen beschlagnahmt werden konnten, als die Militärs erwartet hatten.102 Wurden hier bereits die versteckten Arsenale angelegt, die dann ein Jahr später beim Kampf der „Roten Armee“ zum Einsatz kamen?
In Oberhausen blieb es nach dem Generalstreik und der darauf folgenden Auflösung des radikalen Arbeiter- und Soldatenrats zunächst vergleichsweise ruhig. Die Stadtverordnetenwahlen lösten am 2. März 1919 endlich die noch aus der Kaiserzeit stammende, nach dem preußischen Drei-Klassen-Wahlrecht gewählte, Versammlung ab.

Tabelle 2: Stadtverordnetenwahlen 2.März 1919 in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld 103
Der „Generalanzeiger“ wunderte sich über das „vollkommen veränderte Gesicht“ der neuen Versammlung. Die „Hüttenpartei“, d. h. die Fraktion der von der GHH abhängigen bürgerlichen Stadtverordneten, war nicht mehr die dominierende Gruppierung.104 Stärkste Partei war das Zentrum, und das sollte im Oberhausener Rathaus bis 1933 so bleiben. Die Verluste der Sozialdemokraten im Vergleich zu den Wahlen zur Nationalversammlung kündigten schon die katastrophalen Einbrüche der SPD bei späteren Wahlen an.
Als „Besonderheit“ wurde auch vermerkt, dass erstmals „vier Frauen ins Rathaus einmarschieren“105: Für die SPD Leonore Albertz und Anna Schleisick, jeweils mit der Berufsbezeichnung „Ehefrau“ aufgelistet, und für das Zentrum die Lehrerin Maria Kleine-Hülsewische und die Hausfrau Henriette Büssem. Für die gemeinsame Liste der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen saß weiterhin GHH-Chef Paul Reusch in der Stadtverordnetenversammlung.106
Im April rollte noch einmal eine große Streikwelle über das Industrierevier. Linksradikale Gruppen proklamierten sehr weitgehende Forderungen von der Einführung der Sechsstundenschicht für Untertagearbeiter bei vollem Lohnausgleich bis zur Anerkennung des Rätesystems durch die Regierung, von der Auflösung der ▶ Freikorps bis zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetrepublik.107 Die großen Bergarbeiterverbände distanzierten sich denn auch von dem Aufruf zum Generalstreik.
Vielleicht deshalb begannen die Streiks auf den Oberhausener Zechen erst mit Verzögerung: am 2. April zunächst auf den Zechen Jacobi und Sterkrade und bei Concordia auf Schacht II und III. Einen Tag später waren alle GHH-Zechen im Ausstand. Die Regierung verhängte den Belagerungszustand; General Watter gab dies in großen Zeitungsanzeigen bekannt.108 Der Zechenverband platzierte ebenfalls riesige Anzeigen in die Zeitungen, um die Bevölkerung mit apokalyptischen „Warnungen“ in seinem Sinne „aufzuklären“.109 Der Belagerungszustand und der öffentliche Druck schien die Bergarbeiter in Oberhausen wenig zu beeindrucken: Am 11. April waren alle Oberhausener Zechen – als letzte hatten sich die Bergarbeiter auf Roland dem Streik angeschlossen – im Ausstand.110 Damit war aber der Höhepunkt erreicht; es wurde geschätzt, dass 75 Prozent aller Bergarbeiter des Ruhrgebiets um die Monatsmitte streikten; in der zweiten Aprilhälfte flaute die Streikwelle überall ab. Für die Oberhausener Zechen wurde am 22. April gemeldet, dass alle Bergleute wieder angefahren seien.111
Welche Bilanz kann für Oberhausen und die nördlichen Nachbarstädte nach der zweiten Phase der Revolution gezogen werden?
■ Zwar hatte es vor allem während der Streikwoche im Februar in den Betrieben Einschüchterungen mit Waffen gegeben, vereinzelte Fälle kurzer Freiheitsberaubung und leichter Körperverletzung sowie verschiedentlich disziplinloses Verhalten der linken Sicherheitswehr, aber keine einzige schwere Gewalttat gegen Menschen (Körperverletzung oder Mord) kann den revolutionären Arbeitern zur Last gelegt werden.
■ Zwar war die Pressefreiheit kurzfristig eingeschränkt, aber nur was die lokale Berichterstattung anging; die überregionale Berichterstattung blieb frei, und keineswegs alle kritischen Blätter wurden von der „Zensur“ erfasst.
■ Zwar gab es beim Arbeiter- und Soldatenrat einen reichlich dubiosen Umgang mit Geld, aber größere Summen standen ihm in Oberhausen gar nicht zur Verfügung.
■ Zwar fielen einzelne „Revolutionäre“ verschiedentlich durch eine radikale Rhetorik auf, aber insgesamt war der Rat um „Ruhe und Ordnung“ bemüht.
Es folgten zehn Monate, die Wehler als eine „Latenzphase“ bezeichnet, „in welcher der Vulkan der Revolution meist nur unterirdisch aktiv war“.112 Die wirklich schweren Kämpfe im Ruhrgebiet standen noch bevor. Ursache dafür war die „maßlose Erbitterung“113 bei vielen Arbeitern nach dem abgebrochenen Generalstreik vom Februar 1919 und dem Scheitern der versprochenen Sozialisierung des Bergbaus.
3. Der Kapp-Putsch, die Rote Armee und der Einmarsch der Reichswehr
Der Kapp-Putsch in Berlin und die spontanen Reaktionen in Oberhausen
Am 13. März 1920 putschte die Brigade Ehrhardt in Berlin und zwang die sozialdemokratisch geführte Regierung Bauer zur Flucht nach Stuttgart. Noch am gleichen Tag, einem Samstag kamen Stadtverordnete aller Parteien im Rathaus zusammen und verfassten unter Vorsitz von Oberbürgermeister Havenstein eine Resolution gegen den Rechts-Putsch. Sie riefen gleichzeitig zu „Ruhe und Besonnenheit“ auf.114
Diese Erklärung war der kleinste gemeinsame Nenner, der auf so breiter Basis zu erreichen war. Vorbehaltlos gegen den Rechtsputsch und für die verfassungsmäßige Regierung waren eigentlich nur die Vertreter der SPD. DDP und Zentrum verurteilten den Putsch zwar, widersetzten sich aber einem Generalstreik als Abwehr-Aktion gegen die Putschisten. Die Vertreter von USPD/KPD waren zwar auch gegen den Putsch, lehnten aber jede Aktion zur Unterstützung der „alten“ Regierung ab. Die Vertreter der Rechtsparteien schlugen sich ganz unverblümt auf die Seite der Putschisten. Der Redakteur der „Oberhausener Zeitung“ Staymann (Fraktion der Kriegsbeschädigten) gab seine Sympathien „mit den Herren in Berlin“ offen zu, aber nur, soweit es sich „um verfassungsmäßige Vorgänge [gehandelt habe], aber nicht mit einem Putsch mit Waffen“.115
Am Tag nach dem Putsch in Berlin, am Sonntag (14. März), veröffentlichten die Bergarbeiterverbände zusammen mit der entschiedenen Ablehnung des Kapp-Putsches einen Aufruf an die Bergarbeiter, „sich vertrauensvoll hinter die Organisationen zu stellen und weitere Weisungen abzuwarten“.116 Nach einem ruhigen Sonntag begann am Montag auch in Oberhausen der Generalstreik. Dieser Streik vereinte die Arbeiterbewegung noch einmal für einen kurzen Zeitraum. Alle Gewerkschaften und die Arbeiterparteien riefen dazu auf, und der Aufruf traf in den meisten Betrieben auf einmütige Streikbereitschaft.117 Ein Druckerstreik verhinderte das Erscheinen der örtlichen Zeitungen am Montag (15. März). Die Stadtverwaltung arbeitete weiter; Post, Telefon und Eisenbahn funktionierten ungestört.118
Am Montagnachmittag und -abend versammelten sich große Menschenmassen in der Innenstadt; in einer spontanen Kundgebung auf dem Neumarkt119 wurde zur Fortsetzung der Streiks aufgerufen. Erst am Abend gelang es der Polizei, die Versammlungen aufzulösen.
Die Empörung der Massen wurde sicherlich geschürt durch Nachrichten von den blutig niedergeschlagenen Unruhen in Duisburg am gleichen Tage und durch die abwartenden oder zumindest missverständlichen Verlautbarungen des Generals von Watter und des Düsseldorfer Regierungspräsidenten – beide mit der Unterschrift von Oberbürgermeister Havenstein in der örtlichen Presse verbreitet.120 Keiner der beiden hohen Herren verurteilte den Putsch oder stellte sich eindeutig hinter die verfassungsmäßige Regierung; beide schienen stattdessen neutral abzuwarten, ob sich die „alte“ oder die „neue“ Regierung durchsetzen würde. General Watter gab den ihm unterstellten Truppen keinen klaren Befehl, der sie auf die selbstverständliche Gehorsamspflicht gegenüber der Regierung Bauer verwiesen hätte. Der Regierungspräsident gab sogar den Forderungen der Putschisten größeren Raum als der legitimen Regierung, von der nur eine angebliche Erklärung gegen den Generalstreik wiedergegeben wurde. Diese Verlautbarung war den Demonstranten auf dem Neumarkt offenbar bekannt, sie wurde als „Berliner Bluff“ kritisiert.121
Der folgende Tag – Dienstag, der 16. März 1920 – brachte blutige Unruhen auch in Oberhausen. Nachdem sich schon am Vormittag große Menschenmassen im Zentrum versammelt hatten, wurde eine Kundgebung für zwei Uhr nachmittags auf dem Neumarkt angekündigt. Veranstalter war ein „Aktionsausschuss“ aus „verschiedensten“ Gewerkschaftsmitgliedern, dem „die Streikleitung zugefallen“ war. Hauptredner bei der Versammlung war der Stadtverordnete Huschke (SPD), er forderte die Arbeiter zur Einigkeit auf: Die Beschlüsse einer Vertreterversammlung in Essen sollten abgewartet werden. Auch der USPD-Vertreter Spaniol mahnte zu „Einigkeit, Ruhe und Besonnenheit“. Aber es gab auch andere Stimmen: ein namentlich nicht genannter Redner forderte demagogisch die „Arbeiter-Diktatur“.
Wieweit die Redner, vor einem Laternenmast stehend, in der aufgeregten Menge stimmlich überhaupt durchdrangen, blieb unklar; vielleicht wurde der letzte Redner des „Aktionsausschusses“ gar nicht mehr gehört, als er die Versammlung beendete und die Teilnehmer aufforderte, in Ruhe nach Hause zu gehen.
Eine Gruppe von 500 bis 600 Personen zog danach über die Nohlstraße Richtung Marktstraße – angeblich überwiegend „Halbwüchsige“ unter lautem „Schreien und Johlen“ mit eindeutiger Plünderungsabsicht. Es sollen dabei auch anti-jüdische Parolen laut geworden sein.122 An der Ecke Marktstraße/Nohlstraße wurde ihnen von einem starken Aufgebot an Polizei und Sicherheitswehr der Weg versperrt. In die sich ergebende sehr angespannte Situation hinein fielen Schüsse, angeblich zuerst aus der Menge, worauf die Polizei das Feuer erwiderte. „Nun endlich flüchteten die Leute, und es gelang, das innere Stadtviertel vollständig zu säubern.“ Die Polizei errichtete Straßensperren. An einem solchen Posten an der Ecke Moltke123/ Lothringerstraße kam es zu einer zweiten schweren Schießerei, der eine Frau zum Opfer fiel. Am späten Nachmittag erschienen Reichswehrtruppen aus Mülheim, die dann während der ganzen Nacht in den Straßen patrouillierten. Das waren wohl dieselben Soldaten des ▶ Freikorps Schultz, die sich sofort nach dem Putsch für Kapp erklärt und an ihrer Mülheimer Kaserne schwarz-weiß-rote Fahnen hochgezogen hatten!124

Abb. 10: Das Freikorps Schultz in Mülheim unterstützt den Kapp-Putsch, GA vom 16. März 1920
Trauriges Ergebnis dieses Tages waren vier Tote und zwölf Verletzte; auf Seiten der Polizei und Sicherheitswehr gab es offenbar keine Opfer. Für die Zeitung stand außer Frage, dass die Polizei richtig gehandelt hatte. Eine Mitverantwortung für die Ereignisse wurde den „Einberufern der Neumarktversammlung“ aufgebürdet: „Haben sie wirklich nicht damit rechnen können, dass sich unter die anständigen und ruhigen Arbeiter der Mob mischt, dem es nur darauf ankommt, im Trüben zu fischen?“125 Diese rhetorische Frage mag die Stimmung bürgerlicher Kreise in Oberhausen wiedergegeben haben, aber ob die „ruhigen und anständigen Arbeiter“, die sich ja in großen Mengen für den Streik gegen Kapp entschieden hatten, das auch so sahen?
Der Militärbefehlshaber für Oberhausen gab in der Presse sofort die verschärften Bedingungen des Ausnahmezustands bekannt: Versammlungsverbot unter freiem Himmel, generelles Versammlungsverbot für alle Parteien links von der MSPD, Anmeldepflicht für Gewerkschaftsversammlungen, Verbot von Streikaufrufen für sogenannte „lebenswichtige Betriebe“, Verbot, Streikposten aufzustellen, Schließung aller „Vergnügungsstätten“, Ausgehverbot ab zehn Uhr abends. Die gleiche Ausgabe der Zeitung enthält eine Anzeige des Militärbefehlshabers für Oberhausen, in der er sich klar für die „alte“ Regierung ausspricht und Nachrichten dementiert, dass die Reichswehrtruppen im Industriegebiet sich den Putschisten angeschlossen hätten.126 Diese Mitteilung dürfte ihm nicht schwergefallen sein, denn an diesem Tag brach der Putsch in Berlin bereits zusammen.
Reichswehrtruppen und Freikorps wurden im östlichen Revier in diesen Tagen in verlustreiche Kämpfe mit bewaffneten Arbeitern verwickelt. Deshalb musste General Kabisch am 19. März den Rückzug aller Reichswehrverbände aus dem westlichen Ruhrgebiet anordnen. Bei diesem Rückzug über Hamborn und Dinslaken nach Wesel wurden die Truppen – u. a. das berüchtigte in Mülheim stationierte Freikorps Schultz – in verlustreiche Kämpfe verwickelt, vor allem in Hamborn. Am Sonntag (21. März) hatten alle Reichswehrverbände das Industriegebiet verlassen. Die bewaffneten Arbeiter rückten auf die befestigte Stadt Wesel vor; für einige Tage bildete sich eine regelrechte Front entlang der Lippe. Oberhausen blieb in dieser ersten Phase des Ruhrkrieges von Kämpfen verschont.
Die Machtübernahme durch die „Rote Armee“ in Oberhausen
Die bewaffneten Arbeiter bezeichneten ihre Verbände mittlerweile als „Rote Armee“. Diese Armee besetzte in der Nacht zum Samstag (20. März) Oberhausen. Gleichzeitig bildeten Oberhausener Kommunisten bzw. Unabhängige Sozialdemokraten aus ihren Reihen einen „Vollzugsrat der revolutionären Arbeiter“. Der führende Kopf dieses „Vollzugsrates“ war vermutlich Johann Spaniol.127 Dieser Rat arbeitete zumindest in den ersten Tagen des Ruhrkrieges Hand in Hand mit dem „Befehlshaber der roten Armee“, dem Schlosser Weidkamp aus Mülheim, der sein Büro in der Polizeidienststelle in der Göbenstraße eröffnete. Die eigentliche Macht lag in diesen Tagen Ende März 1920 wohl immer, gestützt auf die Gewehre der „Roten Armee“, bei Weidkamp und seinen direkten Befehlsempfängern.128
Der Vollzugsrat und der rote Militärbefehlshaber versuchten in den folgenden zwei Wochen bis zum Karsamstag, ihre Autorität gegenüber der Stadtverwaltung durchzusetzen. Anders als die „Räte“ 1918/19 griffen sie massiv ins öffentliche Leben der Stadt ein. In seinem Bericht an den Regierungspräsidenten Düsseldorf verurteilte der Oberbürgermeister ihr Wirken mit sehr starken Worten: Es habe sich, angeblich auch nach Meinung der „Leiter des Vollzugsrates“, um „eine militärische Diktatur“ gehandelt, „die schlimmer war, wie je eine andere Diktatur“.129 Ohne Belege behauptet Havenstein, „dass in den Reihen der militärischen Machthaber Personen typisch russisch-jüdischen Charakters beobachtet worden“ seien.130 Verbale Entgleisungen dieser Art sagen viel aus über die Einstellung des Verfassers, tragen aber in der Sache nicht gerade zur Glaubwürdigkeit des Dokuments bei.
Der „Generalanzeiger“ schilderte die „Machtübernahme“ weit weniger dramatisch. An allen öffentlichen Gebäuden seien Posten mit roten Armbinden aufgestellt worden. Die Freiwilligen, die in Oberhausen der „Roten Armee“ beitraten, mussten sich verpflichten, „sich nicht an Plünderungen zu beteiligen und etwa aufkommenden Plünderungen entgegenzutreten.“ Die Stadtverwaltung habe ungestört weiter gearbeitet. Von der Einsetzung einer Kontrolle der Verwaltungstätigkeit durch Arbeitervertreter sei nichts zu bemerken gewesen. Auf den Zechen sei die Arbeit nur kurz unterbrochen worden. Ein überall angeschlagenes Plakat des „Vollzugsrats“ habe zur Wiederaufnahme der Arbeit aufgefordert. Während sich somit der Umschwung in Oberhausen recht friedlich am Samstag vollzog, war in der Ferne der Kanonendonner von den Gefechten in Hamborn zu hören.131
Ganz oben an der Verwaltungsspitze allerdings versuchten die Revolutionäre, ihre Autorität demonstrativ durchzusetzen. Oberbürgermeister Havenstein wurde „beurlaubt“. Wie dieser Eingriff in die Stadtverwaltung ablief, kennzeichnet allerdings die Vorsicht und Zurückhaltung der Oberhausener Revolutionäre. Bereits am 20. März, dem Tag ihres „Amtsantritts“ forderten Mitglieder des „Rates“ (u. a. der oben schon erwähnte Johann Spaniol) den Beigeordneten Dr. Lerch auf, die Geschäfte des Oberbürgermeisters zu übernehmen; der lehnte ab, wie wenig später auch alle anderen Beigeordneten. Nach dieser Solidarisierung aller Beigeordneten mit dem Oberbürgermeister versprach Feldermann, „auf seine Gesinnungsgenossen einzuwirken, dass sie von der Forderung auf Absetzung des Oberbürgermeisters absehen möchten“. Vier Tage später erschienen andere Vollzugsratsmitglieder (darunter aber wieder Spaniol) erneut im Rathaus, um Havenstein die Forderung der „U.S.P.-Arbeiterschaft und des Militärbefehlshabers der roten Armee“ zu überbringen, „vorläufig von seinen Dienstgeschäften zurückzutreten“. Der Oberbürgermeister erklärte pathetisch, er werde „nur der Gewalt weichen“, ließ sich dann aber doch überreden, „in Urlaub“ zu gehen. „Die Verwaltung führte also die Geschäfte ordnungsgemäß weiter. Die Beigeordneten nahmen die Verwaltung in die Hand. Die Beamten taten treu ihren Dienst.“132 So, wie hier geschildert, handeln keine „Bolschewisten“! Der Oberbürgermeister sah die Vorgänge im März gleichwohl als Ergebnis einer von langer Hand vorbereiteten kommunistischen Verschwörung, wobei er nur sehr dünne „Belege“ anführen konnte:
„Es liegt eine Äußerung eines kommunistischen Führers und Stadtverordneten vor, wonach eine kommunistisch-bolschewistische Erhebung für eine 6 – 8 Wochen später liegende Zeit geplant war. Durch den Kapp-Putsch kam diese Bewegung verfrüht zum Ausbruch. Zwei Tage vor der bolschewistischen Bewegung war der Führer der Kommunisten, Spaniol, wegen des Verteilens kommunistischer Flugblätter vom Amtsgericht mit 400 M Geldstrafe verurteilt worden. Auch hatten schon vorher geheime Versammlungen stattgefunden, die im Februar zur Verhaftung und Bestrafung von 10 – 12 Personen geführt hatten. Ebenso muss das Vorhandensein von Waffen für den Zeitpunkt des Losschlagens angenommen werden. Mit Sicherheit kann angenommen werden, dass ein ziemlicher Teil der sehr nach links gerichteten Arbeiterschaft zu den Waffen geeilt ist. Die Zahl der Kämpfer und Waffen kann nicht angegeben werden.“133
Diese Textstelle ist vor allem deshalb zitierenswert, weil sie die irrationalen Ängste bürgerlicher Kreise treffend illustriert und weil sich die „Seriosität“ amtlicher Berichte über die Ereignisse im März 1920 darin selbst entlarvt. Die historische Forschung ist sich heute einig, dass eine groß angelegte kommunistische Verschwörung zu dieser Zeit nicht existierte – trotz wichtigtuerischer Revolutionsschwärmereien einzelner Personen.
Maßnahmen des „Vollzugsrates“ bzw. der Kommandeure der „Roten Armee“
Während der zwei Wochen der „Rats“-Herrschaft waren eine Plenums- und mehrere Ausschusssitzungen der Stadtverordneten vorgesehen. Sie wurden alle abgesagt – nicht weil der Vollzugsrat sie verboten hätte, sondern weil die Parteien es ablehnten zu tagen. „Die Mehrheitssozialisten erklärten, dass ihre Partei geschlossen an den Stadtverordnetensitzungen nicht teilnehmen werde, solange der ungesetzmäßige Zustand bestehe: es sei der Partei nicht möglich, unter dem Zwange der gegenwärtigen Macht Beschlüsse zu fassen und frei ihre Meinung zu äußern.“ Dieser Haltung schlossen sich an den folgenden Tagen Zentrum, Polenpartei, DDP und DVP an.134
Sofort spürbar wurde eine harte Pressezensur: „Zwei Korrekturfahnen sind den Zensoren des Vollzugsrates vor dem Druck vorzulegen.“ Der Verkauf von auswärtigen Zeitungen musste genehmigt werden. Dabei war wohl in erster Linie an die in Duisburg erscheinende sozialdemokratische „Volksstimme“ gedacht. „Die Bekanntmachungen des Vollzugsrates sind am Kopfe der Zeitungen zu veröffentlichen.“135 Die Zensur verbannte sofort jegliche kritischen Töne gegen den Rat aus den Spalten. Die Parteien oder der Oberbürgermeister schienen nicht mehr zu existieren. Allerdings gab es noch einige Tage eine recht genaue Berichterstattung über die überregionalen Entwicklungen. Ab Samstag, den 27. März 1920, erschienen die Oberhausener Zeitungen auf Anordnung des Vollzugsrates völlig ohne politische Berichterstattung. Nur noch die knappen Bekanntmachungen des Rates wurden auf der Titelseite der dünn gewordenen Blätter gedruckt.
„Schiebern und Wucherern“ wurde die sofortige Vermögensbeschlagnahme und Verhaftung angedroht. Wohl um die „Schieber“ ausfindig zu machen, hatten alle Einwohner „bis zum 22. März nachmittags 4 Uhr […] [ihre] Arbeitstätigkeit auf den Polizeibüros nachzuweisen. Wer dieses unterlässt, wird sofort in Haft genommen.“136 Diese alberne Vorschrift war natürlich kaum in vernünftiger Weise durchführbar. Der Andrang auf den Polizeibüros war nicht zu bewältigen. „Sie waren geradezu belagert.“137 Als dann Betriebe Namenslisten ihrer Beschäftigten einreichen wollten, wurde die Verwirrung vollständig, denn diese wohnten ja in unterschiedlichen Polizeirevieren! Der Meldetermin musste auf den 26. März verschoben werden. Danach ist nichts mehr vom Kampf gegen das Schiebertum zu lesen.
Unter den „Wucherern“ nahm sich der Rat zunächst die Bekleidungsbranche vor: Nur ein Gewinn von höchstens 25 Prozent war erlaubt. Zur Kontrolle waren dem Vollzugsrat sofort Geschäftsbücher und Inventarverzeichnisse vorzulegen. „Bei Zuwiderhandlungen werden die betreffenden Geschäfte geschlossen und die vorhandenen Waren beschlagnahmt.“138 Wie hätte diese Aktion wohl funktionieren sollen? Hatte der Rat das Personal für eine sachverständige Prüfung der eingesammelten Bücher? Offenbar blieb es bei der bedrohlich klingenden Anordnung.
Auch die Anordnung, dass Lebensmittelkarten nur noch gegen Vorlage einer Arbeitsbescheinigung oder eines Gewerbescheins ausgegeben würden, stand wohl nur auf dem Papier. Die Zeitung berichtete, dass das Personal in den Ausgabestellen „nicht genügend informiert“ war und deshalb die Karten wie bisher ausgab.139
Die Mitglieder des revolutionären Rates konnten sich eigentlich nicht ernsthaft der Illusion hingeben, innerhalb ganz weniger Tage ein funktionierendes Kontrollsystem für große Teile des Oberhausener Geschäftslebens einrichten zu können. Vielleicht war es ihr Hauptmotiv, durch verbale Kraftmeierei und Kontrollrituale gegen die verhassten „Schieber“ und „Wucherer“ Beifall in breiteren Kreisen der Bevölkerung zu bekommen.
In erster Linie auf die Wirkung beim Publikum zielte wohl auch die Schließung der Bordelle in der Eintrachtstraße – und die Umbenennung dieser Straße (sie heißt heute noch „Flaßhoffstraße“). „Zuwiderhandlungen“ stellte der Befehlshaber der roten Armee unter strenge Strafe.140 Die Rotgardisten scheinen aber auch nicht tugendhafter gewesen zu sein als andere Soldaten. Bis zum Einmarsch der Reichswehr soll in der Eintrachtstraße ein „reges Treiben“ durch Rotgardisten geherrscht haben.141
Die Oberhausener Prostituierten beschäftigten die Phantasie der Zeitgenossen erheblich – weit über die Stadtgrenzen hinaus. In der Propaganda der Reichswehr erschien mehrfach die Behauptung, nach Schließung ihres Gewerbes in der Eintrachtstraße seien die Damen als Krankenschwestern der „Roten Armee“ in Dienst gestellt worden. Die Anzüglichkeit dieser Feststellung ist nicht zu übersehen! Sichere Belege dafür gibt es nicht.
Die Anspielung der Reichswehrpropagandisten geht wohl auch auf die Tatsache zurück, dass in der Tat bei der „Roten Armee“ eine große Zahl junger Frauen zu beobachten war. Bei der Versorgung der Verwundeten und der Verpflegung arbeiteten sehr viele Frauen mit, was dazu geführt haben mag, dass sich bei den Truppen der „Roten Armee“ mehr weibliches Personal befand, als dies die Reichswehrsoldaten gewohnt waren.142 Allerdings führte dies anscheinend auch aus der Sicht der kämpfenden Arbeiter zu Belastungen. Es gibt viele Belege dafür, dass die Anwesenheit zahlreicher junger Frauen in den Kampfstellungen vor Wesel von den Kommandeuren der „Roten Armee“ als großes Problem betrachtet wurde.143
Die Stadtverwaltung konnte zunächst völlig unbehelligt weiterarbeiten, der Vollzugsrat schien sich nicht als oberstes kommunales Aufsichtsorgan zu betrachten. Auch gab es zunächst keine Eingriffe in die Zechen und industriellen Großbetriebe. Hier vertraute der Vollzugsrat wohl auf die Arbeiter in den Betrieben selbst. In der Tat wurde auf Schacht 4/5 der Zeche Concordia der alte Betriebsrat abgesetzt und ein neuer „revolutionärer“ Betriebsrat eingesetzt.144 Weitere Fälle dieser Art wurden aber nicht bekannt.145 Das öffentliche Leben schien sich in dieser Woche rasch zu normalisieren, die Streiks hörten auf, die meisten Geschäfte waren wieder geöffnet. Die Oberhausener Bevölkerung konnte für kurze Zeit hoffen, dass der Bürgerkrieg ohne weitere Kämpfe vorbeigehen würde.
Das Ende der Aufstandsbewegung
Am Mittwoch, dem 24. März 1920, einigten sich Vertreter der Reichsregierung und der Vollzugsräte des Reviers auf das „Bielefelder Abkommen“. Die Reichswehrführung war von Anfang an gegen jegliche Verhandlungen mit den Aufständischen, sie lehnte folglich auch dieses Abkommen ab. Auf der Gegenseite glaubten die Betonköpfe in der „Roten Armee“ immer noch an einen militärischen Sieg der „Revolution“.
Vertreter der Vollzugsräte des östlichen Reviers aus allen drei Arbeiterparteien (u. a. Pieck von der KPD) versuchten mehrere Tage lang fieberhaft, in Verhandlungen mit Reichskommissar Severing doch noch ein Abkommen zur Kampfeinstellung für das ganze Revier zustande zu bringen. Am 31. März wurde der „Friede von Münster“ geschlossen, der die Bedingungen des Bielefelder Abkommens bestätigte und als Termin für die Waffenabgabe den 2. April festlegte – eine sehr kurze Frist, die in der Praxis kaum einzuhalten war. Wichtig war aber die Bestimmung, dass das Standrecht dort nicht gelten sollte, wo die Waffenabgabe ordnungsgemäß erfolgt sei. Am 1. April bestätigte das Reichskabinett den Einmarschbefehl und gab der Reichswehr die „volle Freiheit des Handelns, zu tun, was die Lage gebietet“ – ein ganz verhängnisvoller Fehler, da ein Teil der Reichswehrtruppen und der ▶ Freikorps diese Formulierung als Freibrief auffassten für ihren blutigen Terror an den folgenden Tagen! Am 1. April tagte auch eine weitere Delegiertenkonferenz sozialistischer Gruppen in Essen, auf der der Kommunist Pieck für einen Abbruch der Kämpfe plädierte, um ein Blutbad zu verhindern. Die Konferenz rief zur Auflösung der „Roten Armee“ auf. Sie hatte aber keinen Einfluss mehr auf die Rotgardisten im Westen des Revier: Der Essener Zentralrat, der sich aus Delegierten der revolutionären Arbeiter zusammensetzte, wurde am 2. April von Truppen der Roten Armee zur Flucht gezwungen.146 Auch in Oberhausen wurde der Vollzugsrat an diesem Tag von Rotgardisten bedroht, konnte sich aber rechtzeitig aus seinem Büro im „Hof von Holland“ in Sicherheit bringen.147
Ganz so schlimm, wie diese Vorfälle von Nötigung mit Waffengewalt später dargestellt wurden, dürfte es aber in Oberhausen nicht gewesen sein. Zwei Beispiele sollen die Zurückhaltung der Revolutionäre auch während dieser chaotischen Endphase illustrieren:
„Am Gründonnerstag nachmittag 5 Uhr wurden wiederum mehrere Waggons mit Gütern von Leuten des Vollzugsrats und der roten Armee untersucht als plötzlich 4 Eisenbahnbeamte kamen, die dort dienstlich zu tun hatten. Ein gewisser Theka, der vom Vollzugsrat als Kriminalkommissar angestellt war, rief den Beamten ein Halt zu und schoss mit dem Revolver auf sie. Die Beamten flüchteten unter Waggons, wurden aber hervorgeholt und ins Amtsgerichtsgefängnis eingesperrt. S. hatten die Leute auf dem Bahnhof freie Hand. Die vielen Eier und die Menge Fische, die öffentlich verkauft worden sind, sind nicht Lebensmittel aus ordnungsgemäßer Beschlagnahme, sondern solche, die der Vollzugsrat widerrechtlich in Besitz nahm, um durch deren Verkauf zu Geld zu kommen und beim Publikum den Eindruck zu erwecken, als ob es nun billige Lebensmittel immer gebe.“148
Im Gegensatz zu dieser Robin-Hood-Aktion schlug ein anderer Versuch fehl:
„Am Spätnachmittag [des Karfreitag] kamen einige Kommunisten zu dem Direktor der Reichsbank Buß und forderten unter Vorlage von drei Scheinen mit dem Stempel des Vollzugsrates, aber ohne Unterschrift 100.000, 50.000 und 40.000 Mark. Mit vorgehaltenem Revolver bedrohten sie den Bankdirektor mit dem Leben. Dieser aber erklärte, ohne rechtmäßige und autorisierte Anweisung kein Geld auszahlen zu können. Diese machten sich davon, angeblich um bei der Stadtverwaltung ihr Glück zu versuchen.“149
Auch vor diesem Hintergrund sind die Vorgänge bei dem am 2. April beginnenden Einmarsch der Reichswehrtruppen zu beurteilen.
Der Einmarsch der Reichswehr
Am Karfreitag, dem 2. April 1920, begann von Wesel her der Einmarsch der Reichswehr ins westliche Ruhrgebiet. Es kam zu heftigen Kämpfen mit den bewaffneten Arbeitern der „Roten Armee“ bei Hünxe, Voerde und in Dinslaken. Die Folgen waren in Sterkrade bald zu bemerken: Eine wachsende Zahl von verwundeten Rotgardisten wurde aus dem Kampfgebiet zurückgebracht. Viele flüchteten auch vor den anrückenden Reichswehrsoldaten. Am Karfreitagabend waren Dinslaken und die Außenbezirke von Sterkrade (u. a. Holten und Schmachtendorf) in der Hand der Reichswehrtruppen, wobei die Besetzung auf Sterkrader Gebiet bis dahin ohne Kämpfe vor sich gegangen war.
Noch am gleichen Abend verhandelte der Sterkrader Beigeordnete Seipel mit Major Schultz in dessen Quartier in Holten, um Blutvergießen beim Einmarsch in Sterkrade möglichst zu verhindern. Der Freikorpsführer Schultz war bei den Arbeitern besonders verhasst, weil sich seine in Mülheim stationierte Truppe gut zwei Wochen vorher für den Kapp-Lüttwitz-Putsch ausgesprochen hatten. Die rechtsradikalen Freikorps-Soldaten hatten in ihrer Kaserne provozierend die schwarz-weiß-rote Fahne gehisst. Bei ihrem anschließenden Rückzug nach Wesel hatte die „Rote Armee“ gerade dieser Truppe schwere Verluste zugefügt.150 Jetzt nahmen die Freikorps-Soldaten dafür Rache.
Major Schultz stellte in der Verhandlung mit dem Beigeordneten Seipel die Bedingung, dass keinerlei militärischer Widerstand geleistet werden dürfe. Nach seiner Rückkehr aus Holten traf Seipel auf der Steinbrinkstraße einen Trupp Rotgardisten, die ultimativ Verpflegung verlangten. Um Plünderungen zu vermeiden, kam der Beigeordnete dieser Aufforderung nach. Im Innern von Sterkrade blieb die Nacht ruhig, aber in Buschhausen kam es zu schweren Plünderungen.
Am nächsten Morgen, Karsamstag, marschierte die Reichswehr in Sterkrade ein; Rotgardisten, die in der Nähe des Rathauses Widerstand leisteten, wurden rasch überwältigt. Sieben Rotgardisten und ein unbeteiligter Einwohner Sterkrades fanden den Tod, von Verlusten der Reichswehr wird nichts berichtet. Einige Tage später wurden 70 verhaftete Personen von Sterkrade in die Festung Wesel transportiert.151
Der Vormarsch ging weiter nach Osterfeld:
„In Osterfeld sind Samstagmorgen ebenfalls die Reichswehrtruppen eingezogen. Die neun Insassen des roten Werbebureaus, die den Kampf aufnahmen, sind sämtlich gefallen. Ein weiterer Rotgardist wurde standrechtlich erschossen, ein die Straße passierender Eisenbahnschaffner erhielt einen Zufallstreffer, der ihn so schwer verwundete, dass er dieser Verwundung erlag.“152
Einen Tag später wird der Ablauf so dargestellt: „Von Augenzeugen wird berichtet, dass der Vollzugsrat und die Mitglieder des Werbebüros, es waren dies im Ganzen neun Personen, da sie sich nicht ergeben wollten und Gegenwehr leisteten, standrechtlich erschossen wurden.“153
Ein zwei Tage später abgedruckter Augenzeugenbericht belegt eindeutig, dass die neun Menschen nicht im Kampf gefallen sind, sondern nach ihrer Gefangennahme erschossen wurden. Der Augenzeuge berichtet, dass die in dem Werbebüro Anwesenden keinerlei Widerstand leisteten; sie wollten fliehen, wussten aber nicht, wie nahe die Soldaten schon waren.
„Sämtliche Anwesenden begaben sich jetzt zu dem hinteren Ausgang, darunter auch Husemann, Blömer und ich. Während sich im Hausflur die Leute noch mit ihrem Führer Kraft darüber stritten, ob die Regierungstruppen da wären oder nicht, erscholl vom Hof schon der Ruf ‚Hände hoch!‘, und dann fielen auch schon die ersten Schüsse. Regierungssoldaten mit Handgranaten drängten nun ins Lokal und trieben alle dort noch Anwesenden auf den Hof. Als ich auf den Hof kam, sah ich dort einige Leute auf dem Boden liegen. Ich bekam auf dem Hof einen Streifschuss und fiel durch den Luftdruck zu Boden. Als ich mich wieder aufrichten wollte, wurden Gewehre auf mich gerichtet. Husemann kam hinzugesprungen und schlug ein Gewehr herunter, wobei er sagte, sie möchten mich leben lassen, ich sei ein Krüppel. Darauf sagte der Leutnant zu mir ich sollte aufstehen und ins Haus gehen. Nachher wurde ich festgenommen. Der ganze Vorgang hat sich in einem Zeitraum von etwa einer Minute abgespielt, und ich kann daher Einzelheiten darüber, auf welche Weise die übrigen Leute erschossen wurden, nicht angeben.“154
Es fand also kein Kampf statt. Aber neun Menschen fanden trotzdem den Tod. S. funktionierte das „Standrecht“!
Die Morde im Gasthof Husemann müssen die Bevölkerung stark erregt haben, sonst hätte sich der Gastwirt nicht in einer großen Anzeige gegen ihn belastende Gerüchte zur Wehr gesetzt. Er bezeichnete den zitierten Augenzeugenbericht als wahrheitsgetreu und fuhr fort: „Gegen jeden Urheber und Verbreiter anderslautender Darstellungen, welche bezwecken, uns der Mitschuld an der Erschießung zu bezichtigen, werden wir rücksichtslos gerichtlich vorgehen.“155 Von einem Gerichtsverfahren gegen die Schuldigen ist nichts bekannt.
In Eisenheim schlug eine Granate „von unbekannter Richtung“ ein und tötete vier Menschen; weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt.156 Auf dem Weg nach Oberhausen hinein folgten mehrere Scharmützel mit den Resten der „Roten Armee“, vor allem an den Brücken über die Emscher und den Rhein-Herne-Kanal und im Grafenbusch. Hier hatten sich die Rotgardisten die Waldschenke als Unterkunft ausgesucht. Letzter Widerstandspunkt der „Roten Armee“ vor der Innenstadt war der Schlackenberg am Wasserturm, den die Reichswehr aber auch mit Hilfe von Artillerie schnell stürmen konnte.157

Abb. 11: Die Wirte des Gasthofs Husemann wehren sich gegen Verleumdungen, GA vom 8. April 1920
Über die Mülheimer Straße drangen die Truppen in die Innenstadt ein. Sie wurden von den nach Süden abrückenden Rotgardisten beschossen, aber nicht ernsthaft aufgehalten. Die „Kaserne“ der „Roten Armee“, die Turnhalle an der Industriestraße158 wurde kampflos besetzt. Dort „fanden die einrückenden Sieger ein tolles Chaos“.159 Einzig am Altmarkt wurde noch einmal gekämpft:
„Besonders lebhaft tobt der Kampf um den Zentralpunkt der Stadt, den Altmarkt. Aber nicht lange dauert das Feuer um dieses Kampfobjekt. Durch die Gutenberg-, Stöckmann-, Göbenstraße und die benachbarten Stadtteile ziehen sich die revolutionären Arbeiter zurück. Schließlich artet der Rückzug in wilde Flucht aus.“160
Allzu heftig können die Kämpfe nicht gewesen sein, denn drei Tage später klingt alles schon weniger dramatisch:
„Die Eroberer von Oberhausen waren in der Hauptsache ein Stoßtrupp von einem ganzen Dutzend Reichswehrmannschaften, die sich […] zur Industriestraße bewegten und dort im Handumdrehen die ‚Kaserne‘ der roten Armee, die Turnhalle, besetzten. Sie haben auch die Maschinengewehre am Altmarkt zum Schweigen gebracht. Allerdings folgte das Gros der Truppe ihnen auf dem Fuße, aber diese brauchte kaum noch einen Schuss abzugeben. Die Einsichtigsten und Klügsten der Rotgardisten hatten sich schon vorher in Sicherheit gebracht.“161
Um die Mittagszeit waren die Kämpfe vergleichsweise glimpflich zu Ende gegangen. Danach kam es zu einer fürchterlichen Szene – unter der Überschrift „Standgericht“ in der Zeitung so beschrieben:
„Von dem befehlshabenden Major werden verschiedene Kommandos ausgeschickt, um besonders verdächtige Häuser zu durchsuchen. Ein Mann der Reichswehr war während des Kampfes an der Ecke Stöckmann-Marktstraße von revolutionären Arbeitern erschossen worden. Diese Tatsache im Verein mit dem heftigen Widerstand, den bewaffnete Zivilisten der Reichswehr leisteten, veranlasste das Militär, mit Strenge vorzugehen. Im Laufe einer halben Stunde nach der Besetzung des Altmarktes wurden nach und nach fünf Zivilisten herbeigeführt, bei denen Handgranaten und andere Waffen gefunden worden waren. Nach Feststellung der Fälle müssen sich die Leute auf dem Bürgersteig vor der Wirtschaft Fritz hinlegen. Dann werden sie erschossen.“162
Es muss kurze Zeit später gewesen sein, als der amtierende Chef der Stadtverwaltung, der Beigeordnete Henn, zusammen mit Offizieren auf dem Altmarkt erschien, „wo inzwischen die Truppen zu kurzer Rast die Gewehre zusammengestellt hatten.“163 Er kümmerte sich um ihre Unterbringung, „so dass das Regiment 61 in der mittleren Nachmittagsstunde in die Quartiere abrücken konnte“.164 Hat er die Leichen der erschossenen Arbeiter noch gesehen?
Auch an anderen Stellen der Stadt sollen „bewaffnete Zivilisten“ standrechtlich erschossen worden sein. „Fünf Rotgardisten, welche mit der Waffe in der Hand betroffen wurden, sind an der Marktstraßenecke, nachdem ein standgerichtliches Urteil gegen sie gesprochen worden, erschossen worden.“165
Offiziell wurde bekanntgegeben, dass insgesamt bei den Kämpfen in Oberhausen 22 Menschen ums Leben gekommen seien, darunter zwei Reichswehrsoldaten. Bereits am Ostersonntag wurden elf Tote auf dem Liricher Friedhof bestattet, die anderen elf einen Tag später.166 Warum wurden die Toten so schnell begraben? Gab es Spuren von Misshandlungen, die man auf diese Weise verbergen wollte? Die „Erzählungen“ von Johann Grohnke, könnten eine Erklärung dafür bieten: Nach ihm bekannten Augenzeugenberichten wurden 22 Arbeiter von der Reichswehr erschossen oder erschlagen. Vertrauensleute hätten nur einen Teil der Leichen zu sehen bekommen. Einer der Toten sei ein Verwandter von Johann Grohnke gewesen, der als Mitglied der Arbeiterwehr Ordnungsdienst gemacht hätte; seine Waffe habe er vor dem Reichswehreinmarsch ordnungsgemäß abgeliefert. Ihm sei eine Denunziation zum Verhängnis geworden, als er am Karsamstag in Oberhausen Brot für seine Familie holen wollte. Bei der Exhumierung der Leiche habe man in seiner Manteltasche noch die Brotkarten gefunden.167
Grohnke erzählt von weiteren Greueltaten des Militärs, zum Teil mit namentlicher Benennung der Augenzeugen. Selbst wenn sich bestimmte Einzelheiten davon nicht verifizieren lassen sollten, so erscheint doch plausibel, dass es in vielen Fällen reine Denunziation war, die zu den Morden (anders kann man die „standrechtlichen Erschießungen“ nicht bezeichnen!) nach Abschluss der Kämpfe führte.
Die Morde auf dem Altmarkt haben sich in die Erinnerung der Menschen in Oberhausen tief eingegraben. Hans Müller berichtet in seiner Autobiographie168 davon. Auch ein anderer Zeitzeuge Willo Niederhoff erinnert sich an eine ergreifende Szene am Rande:
„Wie ein unbegreiflicher Traum war es, als die Erwachsenen von den Erschießungen auf dem Altmarkt erzählten. Als die Reichswehr eingriff, sah ich verwundete Rotarmisten, die flüchtend sich aus den Gefechten absetzten und versuchten, ihre Angehörigen zu erreichen. Besonders einen jungen Burschen werde ich nicht vergessen. Er kam aus der Richtung Mellinghofer Straße und ging durch die Königsberger Straße auf die Knappenstraße zu. Es war Karfreitag. Ja, ich vergesse es nicht. Ich stand auf der Knappenstraße als ich ihn kommen sah. Langsam Schritt für Schritt kam er auf mich zu und ging dann doch an mir vorbei. Keiner nahm sich seiner an. Keiner wollte in die politische Auseinandersetzung hineingezogen werden, denn niemand wusste von dem Frontverlauf, wusste nicht, ob überhaupt eine Front vorhanden war. Ich ging nach Hause und sagte es meiner Mutter. Sie hat ihn nicht gesehen, denn wir wohnten ja auf der Hofseite. ‚Wir hätten ihn verbinden müssen. Wir haben doch noch Verbandszeug von Papa.‘“169
„Erzählungen“ und „Erinnerungen“ dieser Art sind wichtig als authentische Wiedergabe dessen, was viele einfache Menschen unserer Stadt beim Einmarsch der Reichswehr erlebten. Was diese Arbeiter als „weißen Terror“ empfanden, war für sie das Schlüsselerlebnis, das viele von ihnen für immer dem Weimarer Staat entfremdete.
Die verantwortungsbewusst denkenden Führer der Arbeiterschaft, auch die Kommunisten, wussten Ende März, dass der Kampf der sogenannten „Roten Armee“ gegen die Truppen der Reichswehr und der Freikorps aussichtslos war. Tausende junger Männer in diesen aussichtslosen Kampf zu schicken, war in höchstem Maße verantwortungslos. Dieser schwere Vorwurf trifft in besonderem Maße die selbst ernannten Kommandeure der „Roten Armee“ in Oberhausen, denn außer in Hamborn wurde hier der Widerstand am längsten aufrecht erhalten.170
Die Nachwirkungen des „Ruhrkrieges“ in Oberhausen
In einigen Städten im Osten und im Süden des Reviers hatten es die Verantwortlichen erreicht, ihrer Bevölkerung die Besetzung durch die Reichswehr zu ersparen. Dort ging der Ruhrkrieg unblutig zu Ende. In Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld gab es diese Möglichkeit anscheinend nicht, weil die radikalen Kommandeure im Westen des Reviers zur Kampfeinstellung nicht bereit waren. Aber hätten Oberbürgermeister Havenstein und seine Beigeordneten nicht wenigstens versuchen können, mit den Reichswehroffizieren zu verhandeln, wie das der Sterkrader Beigeordnete Seipel getan hatte, um vor allem die fürchterlichen Erschießungen zu verhindern?
Die Verhaftungen und Hausdurchsuchungen gingen nach dem Ostersamstag noch weiter. Allerdings sollte dies ab Mitte der Woche nur noch in Gegenwart eines gewählten Arbeitervertreters geschehen und die Verhafteten sollten vor Gericht gestellt werden. Zu diesem Zweck wurden in den nächsten Tagen Kriegsgerichte eingerichtet. Gleichzeitig gab es aber anscheinend weiter Standgerichte, denn die Zeitung berichtete detailliert über die dabei angeblich einzuhaltende Prozedur171, um die sich am Karsamstag auf dem Altmarkt die Henker aber wenig scherten!
Zwei Wochen später wurden alle Mitglieder des ehemaligen Vollzugsrates verhaftet und in das Militärgefängnis nach Wesel gebracht. In der Zeitung wurden Namen und Adressen veröffentlicht: Johann Spaniol; dessen Sohn; der Stadtverordnete Feldermann; Tenbergen; Burg; Hilder; Kilz; Schillings. Nur der Stadtverordnete Stankiewicz (USPD) blieb – aus welchem Grund auch immer – auf freiem Fuß. Während der „Amtszeit“ des Vollzugsrates (vom 21. März bis zum 2. April 1920) sollen sich nach einer gleichzeitig publizierten Bilanz folgende Straftaten ereignet haben: 80 „Bahnberaubungen“, 25 schwere „Raubanfälle“, 50 zwangsweise Requisitionen. Der Gesamtschaden wurde auf vier bis fünf Millionen Mark geschätzt. Etwa 1.000 bis 1.200 Einwohner Oberhausens sollen „am Wirken der Roten Armee […] teilgenommen“ haben. 60 davon wurden verhaftet. 400 von insgesamt mindestens 600 Gewehren „in Privatbesitz“ waren zwei Wochen nach dem Reichswehreinmarsch abgeliefert.172
Diese Bilanz enthält die – überwiegend wohl von Geschäftsleuten – gemeldeten Schäden. Ob davon alle einer gründlichen Überprüfung wirklich standgehalten hätten? Wieviele Delikte waren Bagatellfälle? Im amtlichen Bericht des Oberbürgermeisters an den Regierungspräsidenten werden erheblich niedrigere Zahlen bei den oben aufgezählten Delikten genannt. Besonders kennzeichnend ist dort auch der Satz: „Der Stadtverwaltung ist ein Betrag von 5.000 M abgefordert worden, der bis auf einen Betrag von 500 M zurückerstattet worden ist.“ Oder: „Die Beigeordneten verrichteten ihre Dienstgeschäfte weiter. Das Verhalten der Beamtenschaft sowohl der städtischen wie staatlichen Behörden war einwandfrei. Zu einem Proteststreik kam es nicht.“173 Aber am wichtigsten ist die Tatsache, dass kein einziger Personenschaden gemeldet wurde! Es lassen sich auch nicht einfach alle Plünderungen und Raubüberfälle summarisch dem revolutionären Vollzugsrat oder der „Roten Armee“ zur Last legen. Diese revolutionären Autoritäten hatten versucht, solche Vorfälle möglichst zu verhindern, wenn auch – vor allem in den abschließenden Tagen – mit immer weniger Erfolg. Aber in den eineinhalb Jahren davor hatten dies Polizei und Militär auch nicht immer geschafft. Lässt sich vor dem Hintergrund derartiger, „amtlicher“ Hinweise wirklich die Behauptung aufrechterhalten, dass die Männer, die wenig später vor Gericht standen, in Oberhausen eine „Terrorherrschaft“ ausübten?
Solche Überlegungen stellten aber die Kriegsgerichte wohl nicht an; sie verhängten in den folgenden Wochen und Monaten drakonische Strafen. Ein Arbeiter aus Oberhausen wurde beispielsweise mit sechs Jahren Zuchthaus bestraft allein für die Teilnahme an den Kämpfen vor Wesel vom 27. bis zum 30. März. „Zehn Jahre Zuchthaus erhielt ein Bergmann aus Osterfeld, der sich am 20. März dem revolutionären Vollzugsrat zur Verfügung gestellt und die Leitung einer Zeche erhalten hatte. Er hatte u. a. den Betriebsführer angewiesen, den an der Front verwundeten Leuten ihre volle Löhnung auszuzahlen, einer Witwe Möller Schweinefutter abgenommen und es an andere Leute verteilt und einem Barackenverwalter dessen Revolver abgenommen, obwohl dieser im Besitze eines Waffenscheines war.“174 Reichspräsident Ebert begnadigte später etwa ein Drittel der von außerordentlichen Kriegsgerichten verurteilten Ruhrkämpfer. Wie weit Oberhausener Arbeiter – vor allem die an Ostern „standrechtlich“ zum Tode verurteilten – in den Genuss der Begnadigung kamen, ist nicht bekannt.
Die Stadtverordneten Hasberg (USPD) und Weinert (DDP) appellierten in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 12. April an den Reichspräsidenten, die Vollstreckung von sechs Todesurteilen zu verhindern. Aber eine Resolution dieses Inhalts haben sie anscheinend nicht beantragt, wohl weil sie keine Hoffnung hatten, eine Mehrheit zu finden. Stattdessen brachte Dr. Blumberg (DVP/DNVP) folgenden Antrag ein: „Die Stadt Oberhausen spricht den Reichswehrtruppen für ihre Befreiung heißen Dank aus.“
Oberbürgermeister Havenstein wich der Bitte des Stadtverordneten Hasberg, bei den Militärbehörden gegen eine Vollstreckung der Todesurteile zu intervenieren, mit dem Hinweis aus, er könne „nicht den Entschließungen der staatlichen Instanzen vorgreifen“. Unmittelbar danach ging er buchstäblich zur Tagesordnung über, dem Nachtragshaushalt.175

Abb. 12: Abschied von einem Mitschüler, GA vom 7. April 1920
In der Woche nach Ostern wurden drei Reichswehrsoldaten aus Oberhausen, die bei den Kämpfen ums Leben gekommen waren, beerdigt. Keiner von ihnen war älter als 20 Jahre. In den Zeitungen erschienen große Todesanzeigen, die besser als jeder nachträgliche Kommentar vermitteln, was die Mehrheit der bürgerlichen Kreise damals empfand.176 Welch ein Kontrast zur hastigen Beisetzung der anderen Toten wenige Tage zuvor!

Abb. 13: „Oberhausener Kinder starben im jugendlichen Alter für das Vaterland“, GA vom 8. April 1920
Auch Paul Reuschs Sohn kämpfte als Zeitfreiwilliger gegen die Rote Armee. Die Sorge um seinen Sohn erklärt zum Teil die äußerst aggressiven und bitteren Kommentare des Generaldirektors der GHH zu den Vorgängen im März und April 1920. Reusch stellte die tatsächlichen Verhältnisse auf den Kopf, wenn er über die Praxis der Justiz schrieb, dass „Kapp und seine Anhänger auf das allerschärfste“ verfolgt würden, „während man Mörder, Plünderer, Räuber und all das lichtscheue Gesindel, das sich um Spartakus schart, amnestiert“ und die Soldaten, „die die Situation gerettet haben, […] mit Dreck und Kot“ bewerfe.177 Reusch hatte Anfang April in einem Telegramm an die Regierung den rücksichtslosen Einsatz des Militärs gegen die „Rote Armee“ verlangt.178
S. eindeutig die Brutalität der ▶ Freikorps- und Reichswehrtruppen verurteilt werden muss, so differenziert muss die Wertung für die Entscheidungen des Reichspräsidenten Ebert und der sozialdemokratisch geführten Regierung Bauer ausfallen. Wehler kommt zu dem Schluss, dass es eine „Alternative zum militärischen Repressionskurs“ nicht gab. Die Regierung „verteidigte verzweifelt das Monopol der physischen Gewalt und konnte der ‚Roten Ruhrarmee’ das wichtigste deutsche Industriegebiet nicht als ein gesellschafts- und verfassungspolitisches Experimentierfeld überlassen.“ Aus der Sicht der linken Arbeiter haftete den Sozialdemokraten aber danach der Makel an, „mit jenen Truppen, die soeben noch gegen den Kappschen Staatsstreich nicht kämpfen, ja ihn unterstützen wollten, paktiert und der Ruhrarbeiterschaft einen hohen Blutzoll abverlangt zu haben.“179
Die Hinterlassenschaft des Ruhrkrieges waren Misstrauen, Hass, der Abbruch jeglicher Gesprächsbereitschaft zwischen den verfeindeten Lagern. Ganz Oberhausen fieberte in dieser Zeit vor Erregung. Die Enttäuschung und Verbitterung, die sich bei den Arbeitern in eineinhalb Jahren angesammelt hatte, wurde durch immer neue Gerüchte angeheizt. Vor dem Einmarsch der „Roten Armee“ kursierten Horrormeldungen über die Zahl der bei den Kämpfen Gefallenen („Hunderte von Toten“ allein in Essen180). Die Gräueltaten der Reichswehrtruppen wurden zweifellos auch in Gerüchten aufgebauscht.181 Am Ostersamstag breitete sich im Süden der Stadt noch einmal Panik aus, als ein Gegenangriff von 3.000 (!) „Spartakisten“ befürchtet wurde. Auslöser dieser Panik war eine kleine „spartakistische Patrouille“, deren Anführer in der Styrumer Josefskirche die Einstellung des Ostergeläutes verlangt hatte.182
In einer Zeit, in der es noch keinen permanenten Geräuschpegel durch den Autoverkehr und noch keine Radios und Stereoanlagen gab, hatten Kirchenglocken eine ganz andere Bedeutung: Akustisches Signal der Hoffnung für die Einen und unerträgliche Provokation für die Anderen.183
4. Eine gespaltene Gesellschaft
Die öffentliche Meinung Anfang der 1920er Jahre
S. wichtig die Zeitungen heute für den Historiker sind, so sehr muss man bezweifeln, dass dieses einzige öffentliche Medium 1920 eine entscheidende Rolle spielte bei der Meinungsbildung der Massen. Bei den revolutionären Arbeitern dominierten wohl die mündlich vermittelten Nachrichten, was den Meinungsführern, z. B. den Kommandeuren der „Roten Armee“ ungeheure Macht gab. Das Risiko, dass Gerüchte aller Art sich ohne jedes Korrektiv verbreiten und vergröbern konnten, musste bei derartigen Kommunikationsstrukturen gefährlich anwachsen.
Die Dominanz mündlich vermittelter Informationen verweist auch auf die, verglichen mit heute, sehr viel größere Bedeutung der öffentlichen Versammlungen. Kurze Zeit nachdem die Nachrichten von dem Militär-Putsch in Berlin Oberhausen erreicht hatten, strömten Menschenmassen auf die Straßen, auf den Altmarkt oder Neumarkt, wo die letzten Informationen ausgetauscht, „gehandelt“ wurden. Dieser Austausch von Nachrichten „auf dem Markt“ war bei Versammlungen vermutlich wichtiger als die Ansprachen, von denen nur wenige Zuhörer, die in unmittelbarer Nähe des Redners standen, akustisch etwas verstehen konnten.
Öffentliche Versammlungen waren die wichtigste Informationsbörse der revolutionären Arbeiter, weshalb die jeweiligen Militärbefehlshaber der Reichswehr auch in Oberhausen während der langen Belagerungszustände regelmäßig als erste Maßnahme Versammlungsverbote erließen. Die Meinungs- und Informationsfreiheit der Arbeiter wurde dadurch 1919 und 1920 monatelang stark eingeschränkt. Die Zensur, die der Vollzugsrat zwei Wochen lang ausübte, unterbrach im Gegenzug die Informations- und Kommunikationskanäle der bürgerlichen Kreise und der Anhänger der MSPD.
Der Ruhrkrieg illustrierte die tiefe Kluft in der Gesellschaft des Wilhelminischen Deutschland, deren Struktur sich 1920 noch nicht wesentlich geändert hatte. Die sozialen Gegensätze zeigten sich in der Industriestadt Oberhausen besonders krass.184 Die Mehrheit der Arbeiter, die in Oberhausen lebten, war nicht alteingesessen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war nur jeder vierte Bewohner in Oberhausen geboren.185 Im Jahr 1913 war fast die Hälfte der Oberhausener Bevölkerung in Bewegung: 24.407 Personen wanderten zu, aber gleichzeitig zogen 23.274 weg.
„Im Ruhrgebiet lebte vor 1914, und auch noch lange danach, bis weit in die 1920er Jahre hinein, eine extrem mobile Bevölkerung. […] Den Zeitgenossen blieb dieses Massenphänomen nicht verborgen; besorgt sprachen sie von den ‚Nomaden‘, dem ‚Flugsand‘ der hochmobilen Industriebevölkerung.“186
Der Erste Weltkrieg hatte noch mehr „Nomaden“ in die Stadt gespült: Zuerst die Arbeiter, die die Soldaten ersetzen mussten, und nach der Niederlage die entlassenen und häufig entwurzelten Soldaten.
Diese proletarische Unterschicht füllte in den Betrieben die weniger qualifizierten und schlechter bezahlten Arbeitsplätze und wohnte unter teilweise erbärmlichen Bedingungen in homogenen Arbeitervierteln, sehr nahe an ihren Betrieben und deutlich getrennt von der alteingesessenen Bevölkerung. Besonders typische Viertel dieser Art waren die Essener Straße, das Brücktor-Viertel und das Concordia-Viertel. „Alle drei funktionierten als betriebsnahe, innenstadtferne (bzw. deutlich von der Innenstadt abgetrennte), hoch verdichtete Einstiegsschleusen in die Stadt, beherbergten eine extrem mobile, dominant ledige, polnische, ungelernte Arbeiterbevölkerung, die in zahlreichen Werksmenagen oder Arbeiterheimen und in überfüllten hohen Mietshausblöcken, zumeist Wuchermieten zahlend, untergebracht, der Disziplinierung durch die Werke und der Ausnutzung durch Wohnungsspekulanten ausgeliefert waren.“187
Die Vermutung drängt sich auf, dass die „Rote Armee“ in Oberhausen ihre politische Unterstützung und ihre Rekruten überwiegend aus dieser Schicht und aus diesen Vierteln erhielt. Lokalpatriotische Gefühle dürften hier eine geringe Rolle gespielt haben; deshalb störte man sich in diesen Kreisen auch wohl am wenigsten daran, dass der Militärbefehlshaber der „Roten Armee“ von auswärts, aus Mülheim kam. Aber es gab wohl auch in den Vierteln, wo die qualifizierten, alteingesessenen Arbeiter wohnten, Unterstützung für den Aufstand. Die oben geschilderte Episode aus dem Knappenviertel ist ein Indiz dafür. Daher ist gegenüber manchen noch heute gängigen Cliches Vorsicht geboten: Die „Rote Armee“ war nicht nur eine sozial entwurzelte, „bolschewistische Lumpengarde“, aber sie war auch nicht die Avantgarde im Streit für eine bessere Gesellschaftsordnung „im größten Volksaufstand in Deutschland seit dem Bauernkrieg“, wozu die Revolutionsromantik der Jahre nach 1968 sie gerne hochstilisiert hat.
Die bürgerliche Oberschicht wohnte in den „besseren“ Vierteln am Rathaus, am Altmarkt oder in der „Manager-Siedlung Grafenbusch“.188 Einem Teil der Arbeiter, vor allem der qualifizierten Facharbeiter der Bergwerke und Hütten, war es gelungen, in eine der begehrten Werkswohnungen zu ziehen; teilweise waren sie Besitzer ihrer Häuser geworden, z. B. im Knappenviertel und in Dümpten. Hier wohnten nicht die „Nomaden“ der proletarischen Unterschicht. Die Arbeiter dieser Siedlungen hatten in der Stadt Oberhausen feste Wurzeln geschlagen.
Reichstagswahlen 1920
Die Vermutung liegt nahe, dass diese Stammarbeiter nicht revolutionär gesinnt waren; sie hatten einiges mehr zu verlieren „als ihre Ketten“. Die Führer der traditionellen Gewerkschaften und der MSPD verstanden sich in erster Linie als Vertreter dieser Arbeiter, wenn sie unablässig zu „Ruhe und Ordnung“ aufriefen. Es gibt aber durchaus auch Hinweise darauf, dass der Aufstand der „Roten Armee“ bei den etablierten Arbeitern und in deren Siedlungen Unterstützung fand.189 In die gleiche Richtung deuten die katastrophalen Stimmenverluste der SPD ab 1920 gerade auch in diesen Vierteln, ihren früheren Hochburgen.190

Tabelle 3: Reichstagswahl am 6. Juni 1920 in Oberhausen 191
Die Wahl war eine Katastrophe für die SPD. Große Teile der Arbeiterschaft drückten ihre Verbitterung über das Verhalten der SPD-Führer im Revolutionswinter 1918/19, bei den großen Streiks im Frühjahr 1919 und vor allem während des „Ruhrkrieges“ im Frühjahr 1920 durch den Stimmzettel aus. Bei den bürgerlichen Parteien blieben die Verschiebungen vergleichsweise gering: Die überragende Führungsposition des katholischen Zentrums blieb unangetastet, und der Stimmenvorsprung der DVP gegenüber den Deutschnationalen war weiterhin riesig. Die bürgerlichen Parteien, vor allem das Zentrum, profitierten von der Einführung des Wahlrechts für die Frauen: In allen Oberhausener Stimmbezirken erhielt das Zentrum deutlich mehr Stimmen von Frauen als von Männern, bei den anderen bürgerlichen Parteien war das Stimmenverhältnis zwischen Männern und Frauen in etwa ausgeglichen, und bei den Linksparteien überwogen in allen Stimmbezirken klar die männlichen gegenüber den weiblichen Stimmen.192
Die Deutschnationalen traten schon bei dieser Wahl offen antisemitisch auf. Im „Generalanzeiger“ erschien am Vorabend der Wahl eine riesige Anzeige mit anti-jüdischer Hetze:
„Deutscher, denke daran, was man dir angetan! Denke an Hindenburg, wie er vor dem Untersuchungsausschuss hat stehen müssen. Hindenburg vor Cohn – Hindenburg vor Sinzheimer – Hindenburg vor Gothein – Hindenburg vor David […] Was sagte Helfferich vor dem Untersuchungsausschuss? Ich gebe einem Cohn keine Antwort! […] Gebt auch Ihr heute die deutsche Antwort und wählt Deutschnational.“193
Statt Lösung der Probleme nationalistische Rituale
Eineinhalb Jahre nach Kriegsende hatte sich an der materiellen Not der Arbeiter und ihrer Familien kaum etwas geändert, obwohl die ständig beschworene „Ruhe und Ordnung“, abgesehen von kurzen Unterbrechungen, durch Reichswehr- oder Freikorpstruppen erzwungen wurde. Fast die ganze Zeit herrschte der Belagerungszustand. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung von Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld hatte zu Beginn des Jahres 1919, auf dem Tiefpunkt des durch den Krieg verursachten Elends, für die parlamentarische Demokratie votiert und dadurch ihre politische Reife bewiesen. Es wäre Sache der Führungseliten gewesen, dieses große Vertrauen in den demokratischen Staat von Weimar durch den Nachweis ihrer „Problemlösungskompetenz“ zu stabilisieren. Dies geschah nicht.
Im Gegenteil: Die Kluft zwischen den politisch und wirtschaftlich verantwortlichen „Führern“ und der Mehrheit der Bevölkerung wurde zusätzlich vertieft durch die dubiose Haltung der Eliten gegenüber dem neuen demokratischen Staat und seiner Verfassung. Die patriotischen Empörungsrituale mussten der am Rande des Existenzminimums dahinvegetierenden Masse der Arbeiter als Ablenkungsmanöver erscheinen. Schon beim Protest gegen die Versailler Friedensbedingungen im Mai 1919 hatte Oberbürgermeister Havenstein die absurde Legende verbreitet, dass das friedliebende Deutsche Reich eingekreist und überfallen worden sei.
„Jenseits der Nordsee saß einer, […] der da wähnte, er sei allein berufen, Länder und Meere zu beherrschen. Und er arbeitete gegen uns, und er fand Widerhall in altfranzösischer Rachsucht und in russischer Ländergier. Und er zog die Maschen enger und enger und zog sie fester, bis der Schlag fiel in den Augusttagen 1914.“
Dann verstieg er sich zu der maßlosen Übertreibung, der Versailler Friedensvertrag sei „schlimmer als Krieg“, er bedeute die „völlige politische und wirtschaftliche Vernichtung, Vernichtung des ganzen Volkes“.194
In das gleiche Jahr 1919 fiel auch der bizarre Streit um die Bilder von Kaiser Wilhelm in den Oberhausener Schulen. Die Stadtverwaltung und Vertreter der bürgerlichen Parteien, wie z. B. Rektor Broermann, wollten die Relikte aus der vordemokratischen Zeit keinesfalls von den Wänden nehmen.195
Vier Wochen vor dem Kapp-Putsch in Berlin, als Oberbürgermeister Havenstein in den Anfangstagen eine durchaus zweifelhafte Haltung einnahm, ließ er es an seinem Bekenntnis zum alten Kaiserhaus an Klarheit nicht fehlen. Er legte „feierliche Verwahrung“ gegen die Auslieferung sogenannter Kriegsverbrecher ein.
„Wie in diesem Saale, so sammeln sich in diesen Tagen allerorts in deutschen Landen Männer und Frauen in heißem Schamgefühl; denn Unheil droht dem deutschen Namen, und eine Schandtat ist uns angesonnen, die uns ächten und brandmarken soll vor allen Völkern. Wir wurden in den Weltkrieg hineingerissen mit allen Höhen und Tiefen des menschlichen Erlebens, indem wir uns als das tapferste und tüchtigste und beste Volk des ganzen Erdenrundes bewährten, dann plötzlich zusammengebrochen in furchtbarstem Sturz, im grausamen Frieden belogen und betrogen durch Gaukelspiel und Lüge, erniedrigt zu Lohnsklaven der Entente, zerstückelt und abgeschnitten von den natürlichen Hilfsmitteln unserer wirtschaftlichen Existenz, so wachen wir auf. Jetzt wo wir die Glieder neu regen in ehrlichem Bemühen, dieser furchtbare Schlag. Wir sollen Männer, deutsche Männer, Blut von unserem Blute, die dem Vaterlande treu dienten in schwerster Zeit, von denen viele ihr Leben wagten in 100 Schlachten und Gefechten, Männer, die treu ihrem Soldateneid ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit in ihres Vaterlands Not gewiss in heiligster Begeisterung getan haben, die sollen wir ausliefern, an ihnen Schergendienst verrichten.“196
Der – nüchterner als diese Rede formulierten – Protestresolution stimmten alle Parteien, außer der KPD und der Polenpartei zu.
Die bittere Anklage des „Vorwärts“: „Schwerindustrieller Wucher“
Die Einigkeit über die Parteigrenzen hinweg stand auf tönernen Füßen. Die Kluft zwischen den verfeindeten gesellschaftlichen Lagern brach im Herbst 1920 wieder auf, als der sozialdemokratische „Vorwärts“ den „Schwerindustriellen Wucher“ der Gutehoffnungshütte kritisierte. Die von allen vermuteten, aber schwer zu beweisenden „Wucher“-gewinne der Rüstungskonzerne im Ersten Weltkrieg erregten die Öffentlichkeit seit Jahren. Der „Vorwärts“ schien nun im Oktober 1920 Beweise gegen das GHH-Werk Sterkrade in der Hand zu haben. Die Vorwürfe lösten monatelange, leidenschaftlich ausgetragene Konflikte in den Zeitungen ganz Deutschlands aus. Wie schon 1911 – bei dem heftigen Konflikt der GHH mit den Verbänden der technischen Angestellten – wurde „Sterkrade“ zum Synonym für rücksichtsloses, nur an der Profitmaximierung orientiertes Unternehmerhandeln. Was war geschehen?
Mitte November 1919 war in einer SPD-Versammlung im Kaiserhof in Sterkrade über „die Kriegssünden“ der GHH diskutiert worden. Ein bei dieser Versammlung anwesender Arbeiter informierte sofort Reichskommissar Severing in Münster, der eine Anzeige beim Reichsabwicklungsamt (RAA) in Berlin empfahl. Die amtliche Überprüfung wurde in den folgenden Monaten von der Konzernleitung massiv behindert und musste im August 1920 komplett eingestellt werden. Die Werksleitung der GHH Sterkrade – um deren Rüstungsproduktion ging es in erster Linie – versuchte, die Glaubwürdigkeit der beiden Angestellten, die die Sache zur Anzeige gebracht hatten, zu erschüttern. Sie seien vom RAA, das in der Tat Belohnungen ausgelobt hatte, bestochen worden.197 Die beiden Angestellten, die Ende August fristlos entlassen worden waren, verfassten im September und Oktober 1920 sehr ausführliche Berichte, in denen sie den Vorwurf der Wuchergewinne und des Betrugs aufrecht erhielten und ganz konkret aufschlüsselten.198
In diesem Stadium des Konflikts brachte der „Vorwärts“ den „Fall Sterkrade“ an die Öffentlichkeit: „Die glänzenden Gewinnziffern der rheinisch-westfälischen Montanindustrie“ hätten gezeigt, „dass das schwerindustrielle Großkapital sich nicht gescheut hat, am Mark eines zusammengebrochenen Volkes zu saugen“. Die exorbitant hohen Kriegsgewinne, vor allem aus der für die Hersteller völlig risikofreien Geschossproduktion, und die daraus gespeisten, außergewöhnlich hohen Dividendenausschüttungen hätten der GHH immer noch nicht gereicht. Vielmehr habe sie nach dem Zusammenbruch durch wucherische Machenschaften Extragewinne eingefahren. Wie alle Geschossfabrikanten habe die GHH bei Kriegsende große Mengen von Geschosshüllen auf Lager gehabt, die als unbrauchbar zurückgewiesen worden waren. Dieses auf Bestellung gefertigte Material habe die GHH sich als brauchbare Lieferung bezahlen lassen, um es wenig später als Schrott, zum entsprechend niedrigeren Schrottpreis, zurückzukaufen.199
Die GHH ging ihrerseits im Oktober sofort in die Öffentlichkeit. In einer Gegendarstellung für die Presse, in vollem Wortlaut abgedruckt in der „Rhein- und Ruhr-Zeitung“, behauptete sie, dass die „Nachprüfung durch die Beauftragten des Reichsabwicklungsamtes nichts besonderes ergeben“ hätten.200 Am 27. Oktober 1920 brachte Dr. Most, der mit Reusch in einem engen Vertrauensverhältnis stehende ehemalige Bürgermeister von Sterkrade, eine Anfrage an die Reichsregierung im Reichstag ein, die sich ausdrücklich auf den Artikel in der Rhein- und Ruhr-Zeitung berief.201
Das RAA stellte die Untersuchungen jedoch nicht ein, obwohl die Konzernleitung der GHH weiterhin die Kooperation mit den amtlichen Prüfern verweigerte.202 Der Reichsfinanzminister berief sich auf die noch von der kaiserlichen Regierung am 12. Juli 1917 verordnete Auskunftspflicht und drohte, von den Bestimmungen dieser Verordnung Gebrauch zu machen, falls die GHH sich der Prüfung weiter widersetze.203 Nach dieser Drohung lenkte Reusch, der sich der Sache persönlich angenommen hatte, ein.204
Im Februar 1921 wurde die Antwort auf die Kleine Anfrage im Reichstag veröffentlicht.205 Unter der Überschrift „Diktatur der Schwerindustrie“ nahm der „Vorwärts“ die Antwort auf die Reichstagsanfrage zum Anlass, um das Verhalten der GHH-Konzernleitung, wie folgt, zu kommentieren: „Man fasst sich an den Kopf, wenn man liest, wie diese unter einer schweren Beschuldigung stehende privatkapitalistische Firma mit einem Reichsamt umzuspringen beliebt.“206
Über die Untersuchungen der nachfolgenden Monate liegen nur fragmentarische Informationen vor. Weder lässt sich daraus klar erschließen, wer für die Untersuchungen verantwortlich war, noch wird bezüglich der materiellen Vorwürfe ein konkret aufgeschlüsseltes Ergebnis festgehalten. Klar ist nur, dass die Konzernleitung der GHH sich gegenüber den Prüfern weiterhin nicht gerade kooperativ verhielt. Die Prüfer kamen trotzdem zu dem Gesamtergebnis, „dass sich keinerlei Anhaltspunkte ergeben haben, dass die Hütte beabsichtigte, den Fiskus in irgend einer Weise zu schädigen, noch dass dies in irgend einer Weise geschehen ist.“207 Reusch bedankte sich im Juli beim Reichsfinanzminister für die Mitteilung, dass die Untersuchung der gegen die GHH „erhobenen Anschuldigungen deren Haltlosigkeit ergeben“ habe.208 Wenn dies so war, so bleibt aber unverständlich, warum der Reichsfinanzminister mit der GHH im September 1921 einen „Vergleich“ schloss, der die GHH zur Zahlung von 3.550.000,00 Mark verpflichtete.209
Der Konflikt über den Vorwurf der „Wuchergewinne“, ab Oktober 1920 auch öffentlich ausgetragen, begleitete die ebenfalls in der Öffentlichkeit mit großer Erbitterung ausgetragenen Konflikte um die feindliche Übernahme der MAN durch die GHH. Das Misstrauen vor allem in der Öffentlichkeit Süddeutschlands gegen den aggressiven Expansionskurs des GHH-Konzerns erhielt dadurch zusätzliche Nahrung. Der verbissene Konflikt mit dem Reichsabwicklungsamt verstärkte andererseits Reuschs Antipathien gegen die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung und gegen eine kritische, unabhängige Presse.
Reaktionen auf den Rathenau-Mord
Aus den dumpfen Emotionen der nationalen Rechten entstand der fanatische Hass, der 1922 die Mörder von Reichsaußenminister Rathenau antrieb. Das Attentat löste in der Arbeiterschaft ungeheure Erregung aus. Am 27. und 28. Juni 1922 ruhte in den großen Werken in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld die Arbeit. Vor allem im Walzwerk Oberhausen und im Werk Sterkrade folgten mehr als die Hälfte der Arbeiter sofort dem Streikaufruf. Die Konzernleitung wurde in teilweise aufwendig ausgeschmückten Schilderungen, auch durch Polizeispitzel, über die Vorgänge unterrichtet. Bei der Protestversammlung im Zentrum von Sterkrade habe ein Kommunist „sehr aufhetzende Reden gegen die GHH und ihre christliche Belegschaft sowie gegen die Schutzpolizei gehalten“. Die Werkspolizei der GHH beobachtete in den folgenden Wochen die Vorgänge bei Versammlungen der Gewerkschaften und der linken Parteien genau und verfasste vertrauliche Berichte an Reuschs Stellvertreter Woltmann.210 Zum Anlass der Proteststreiks, der Ermordung von Außenminister Rathenau durch rechtsradikale Fanatiker, gab die Konzernleitung keine Erklärung ab. Reusch selbst, in diesen Tagen offenbar nicht in Oberhausen anwesend, hüllte sich in Schweigen, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, wo ein klares Bekenntnis zum parlamentarischen Staat zur Entspannung hätte beitragen können. Auch die Tatsache, dass Rathenau mit ihm zusammen im Aufsichtsrat der Deutschen Werft saß, konnte ihn nicht dazu bewegen, in der Öffentlichkeit seinen Abscheu über den Mord zum Ausdruck zu bringen.211
Die Mehrheit der Arbeiter dagegen stellte durch diese Aktionen erneut ihre politische Reife unter Beweis, war doch Walter Rathenau, der ehemalige Chef der AEG, keinesfalls ein Politiker, der Arbeiterinteressen vertreten hatte. In dieser angespannten Situation musste von den politischen „Führern“ ein unmissverständliches Eintreten für die demokratische Verfassung verlangt werden. Doch die Männer in der Stadtspitze wurden diesem Anspruch nicht gerecht. Havenstein nahm zwar eindeutig gegen den Rathenau-Mord Stellung, aber weder er selbst noch sein Stellvertreter waren offenbar zu einem klaren Bekenntnis zur Weimarer Verfassung zu bewegen. Als sich der Streit darüber zuspitzte, versuchte Dr. Blumberg von der DVP von dieser Grundsatzfrage abzulenken: Man solle nicht „innerhalb des brennenden Hauses […] streiten, wo draußen der Feind stehe“212.
Ein halbes Jahr später tat die französische Regierung der deutschen Rechten den Gefallen und lieferte ihr durch die Besetzung des Ruhrgebiets den Anlass, die nationalistischen Emotionen auf ihren Höhepunkt zu treiben. Der „Ruhrkampf“ wurde zum Kristallisationspunkt aller vaterländischen Heldenmythen in den Jahren der Weimarer Republik.
5. Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld während der Ruhr-Besetzung 1923
Der „Ruhreinbruch“ im Januar 1923 und die Anfänge des organisierten Widerstandes
Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld wurden sofort am ersten Tag des „Ruhreinbruchs“, am 11. Januar 1923, von französischen Truppen besetzt. Im Mai waren 40 Offiziere, 1.200 Unteroffiziere und Mannschaften, 150 Pferde und Maulesel sowie 100 zivile Beamte und 120 Familienangehörige in Oberhausen stationiert. Damit war dann allerdings der Höhepunkt erreicht. Im September 1924, nach Inkrafttreten des Dawes-Planes, begann der Abzug; der letzte Soldat verließ am 15. August 1925 das Stadtgebiet.213
Am Tag nach dem Truppeneinmarsch wurde die feierliche Ansprache von Oberbürgermeister Havenstein und die Protestresolution der Stadtverordneten in der Lokalpresse im Wortlaut veröffentlicht. Der Einzelhandelsverband gab die Schließung aller Geschäfte für diesen Freitagvormittag bekannt. Der folgende Sonntag sollte in Oberhausen, wie in ganz Deutschland, als „nationaler Trauertag“ begangen werden. Alle öffentlichen Veranstaltungen wurden für diesen Tag abgesagt.214 Aber die einheitliche Abwehrfront existierte von Anfang an nur im Wunschdenken der Nationalisten. SPD und freie Gewerkschaften riefen an diesem Sonntag zu eigenen Kundgebungen auf; die SPD sah in der „nationalen Einheitsfront“ nur eine „leere Phrase“; die Parteiführung in Berlin riet ihren Gliederungen, auf den Kundgebungen auch weiterhin am Ziel der Völkerverständigung festzuhalten.
Die freien Gewerkschaften kündigten einen Proteststreik gegen die Besatzung für den Tag nach dem „nationalen Trauertag“ an. Am Montag (15. Januar) sollte um elf Uhr für eine halbe Stunde das gesamte öffentliche Leben ruhen. „Die Straßen sollen vollständig frei sein.“215 Die Besatzungsmacht reagierte hart auf diese Ankündigung. Die Kundgebungen wurden vom kommandierenden General sofort verboten, und das Verbot zeigte Wirkung: Zwar schlossen in Oberhausen viele Geschäfte und Gaststätten, in den Betrieben ruhte die Arbeit, aber die Straßen waren keineswegs leer, nirgendwo war halbmast geflaggt, und auch die Kirchenglocken blieben stumm.216 In Osterfeld läuteten zwar die Glocken, um zum halbstündigen Proteststreik um elf Uhr aufzurufen, aber die „am Rathaus auf Halbmast gehissten Fahnen mussten auf Befehl der Besatzung wieder eingezogen werden“.217
Die Konzernleitung der GHH entzog sich dem Zugriff der Besatzungsbehörden, so gut es ging, indem sie den Firmensitz nach Nürnberg verlegte und gleichzeitig direkt an der Grenze des besetzten Gebietes in Wesel ein Verwaltungsbüro einrichtete. Paul Reusch schlug sein Hauptquartier in den Konzernbüros in Nürnberg auf, seine private Unterkunft war dort das Hotel „Fürstenhof“. Meistens aber war er unterwegs, in einem großen Bogen um das besetzte Ruhrgebiet herum. Nur in ein paar konspirativen Stippvisiten Mitte Januar, Mitte Februar und Anfang März wagte er sich nach Oberhausen. Zum Teil benutzte er bei diesen Besuchen Privatwagen mit holländischen Kennzeichen.218 Die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Franzosen und Belgiern vor Ort blieb den nachgeordneten Betriebsleitern überlassen. S. musste Direktor Kellermann die GHH bei einem Empfang der französischen Kontrollkommission in Düsseldorf vertreten, wo er standhaft jede Kooperation mit den Besatzungsbehörden ablehnte. Er würde sich „des Landesverrats schuldig“ machen, wenn er deren Befehle ausführte.219 Am 21. Mai wurde Kellermann verhaftet, weil er sich geweigert hatte, einem Kohlelieferungsbefehl Folge zu leisten. Er blieb bis zum Dezember 1923 in Haft. Auch zwei andere GHH-Direktoren wurden wegen nichtiger Vorfälle zu Haftstrafen verurteilt.220

Abb. 14: Einmarsch belgischer Besatzungstruppen in Sterkrade
Die Betriebsräte der Ruhrgebietszechen trafen sich Ende Januar 1923 in Hamm und lehnten einen Generalstreik einstimmig ab. Die Bergarbeiter würden ihre „Abwehrstellung“ gegen die Besetzung des Ruhrgebietes „im gleichen Maße beibehalten“, sprachen sich aber „gegen jeden Nationalismus“ aus und gelobten „Treue zur deutschen Republik“.221 Diese Formulierungen unterschieden sich deutlich von dem nationalistischen Pathos der in diesen Tagen üblichen Ansprachen und Entschließungen. Wenig später, als die Repressalien der Besatzungsbehörden empfindlicher spürbar wurden, verschärfte sich aber auch bei den Bergarbeiterverbänden der anti-französische Ton. In einer gemeinsamen Entschließung riefen sie „Volksgenossen“ und „Arbeitsbrüder“ zu entschiedenem Widerstand gegen den „französischen Imperialismus“ und zur Wachsamkeit gegen Spitzel auf.222 Je mehr jedoch die Belastungen, die der passive Widerstand vor allem den Arbeitern aufbürdete, vom Frühsommer an zunahmen – wegen des Wertverlustes ihrer Löhne und wegen der Betriebsstillegungen –, desto mehr distanzierten sich die Gewerkschaften vom Mythos der „nationalen Einheitsfront“ und verlangten Verhandlungen mit dem Ziel der Beendigung des passiven Widerstands.223 Doch dies greift der Entwicklung vor. Zunächst gilt es die dramatischen Ereignisse vor Ort zu schildern.
Die Verhaftung von Oberbürgermeister Havenstein
Oberhausens Personenbahnhof wurde am 23. Januar zunächst von Belgiern, später von Franzosen besetzt. Am Tag der Besetzung wurden einige Eisenbahner mehrere Stunden festgehalten. Die Eisenbahnbeamten traten darauf sofort in Streik. Reisende, die nicht weiterkamen, protestierten verärgert. Auf dem Bahnhofsvorplatz bildete sich ein großer Menschenauflauf. Belgische Soldaten, die die Stellwerke besetzten, wurden mit Steinen beworfen. Am Abend zogen spontane Demonstrationen mit schwarz-weiß-roten Fahnen durch die Stadt. Um blutige Zusammenstöße zu vermeiden, bat der belgische Kommandeur die Verantwortlichen im Bahnhof, mäßigend auf die Menschenmengen einzuwirken. Oberbürgermeister Havenstein und Polizeipräsident Weyer veröffentlichten sofort Aufrufe, „Ruhe und Ordnung“ zu bewahren, protestierten aber gleichzeitig beim belgischen Kommandeur gegen die Besetzung des Bahnhofs.224
An der Situation auf dem Oberhausener Bahnhof entzündete sich dann der spektakuläre Konflikt mit Oberbürgermeister Havenstein. Da der gesamte Zugverkehr stillgelegt war, schaltete das städtische Elektrizitätswerk in Absprache mit der Reichsbahndirektion Essen am 7. Februar dem Bahnhof den Strom ab. Der französische Ortskommandant drohte als Antwort damit, der ganzen Stadt Strom und Gas zu sperren. Havenstein warnte den französischen Major eindringlich vor den Folgen und weigerte sich gleichzeitig, das E-Werk anzuweisen, dem Bahnhof wieder Strom zu liefern. Darauf wurde er im Rathaus aus einer Sitzung heraus verhaftet, was einen Sturm der Entrüstung auslöste, wobei die Form dieser Verhaftung – dem Stadtoberhaupt wurden für kurze Zeit Handschellen angelegt – die Menschen besonders erregte. Am 16. Februar verurteilte ein französisches Kriegsgericht Havenstein wegen Sabotage zu drei Jahren Gefängnis. Das Protokoll der Gerichtsverhandlung wurde in der Oberhausener Presse in voller Länge wörtlich veröffentlicht.225
Reichspräsident Ebert, Reichskanzler Cuno und Innenminister Severing schickten Grußadressen nach Oberhausen, um ihre Solidarität mit dem Oberbürgermeister zu bekunden. Auf das Telegramm Eberts antwortete die Stadtverwaltung in Versform:
„Herr Reichspräsident!
Wie immer auch die Nöte fallen
Auf unsere Stadt hernieder,
Wenn Strafprozesse auch verhallen
Ungehört im Weltbrandfieber,
S. kann uns doch den festen Glauben
An unbeugsamen Widerstand
Nicht das brutalste Urteil rauben;
Wir bleiben deutsch, hoch deutsches Land!
Verwaltung und Bürgerschaft der Stadt Oberhausen (Rhld.)“226
Vielleicht durch dieses Telegramm inspiriert, kleideten auch die Schüler des staatlichen Realgymnasiums ihre Solidaritätsadresse an den Oberbürgermeister in Versform:
„Du bist Eisen, Not in Flamme,
und das Schicksal ist der Schmied.
Dass ein Tag des Sieges werde,
Glühe hart in dieser Qual –
Erz aus Deutschlands edler Erde
Deutsche Jugend werde Stahl!“
Die Oberstufenschüler versicherten dem Oberbürgermeister, dass ihnen „keine Macht der Erde die heiße Liebe zum Vaterlande rauben“ könne. Und sie hofften, „dass einmal der Tag kommen wird, der Deutschland wieder frei sieht, ledig der schweren Sklavenketten.“227
Havenstein kam ins Gefängnis in Düsseldorf, später nach Germersheim und Zweibrücken, wegen seines Gesundheitszustandes nach einiger Zeit aber ins Kloster Mariahilf in Neuenahr. „Hier konnte er sich in verhältnismäßig großer Freiheit bewegen, musste sich jedoch in bestimmten Zwischenräumen bei den französischen Stellen melden.“228 Am 28. Dezember 1923 wurde ihm der Rest der Strafe erlassen, er wurde aber ab dem 27. Januar 1924 aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Auf entsprechende Eingaben der Stadtverwaltung hin, erlaubte ihm der französische General Degoutte am 14. Mai 1924 die Rückkehr nach Oberhausen. Am 13. Juni 1924 konnte er seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen.229
Sein Stellvertreter, Bürgermeister Dr. Brinkmann, kam nicht so glimpflich davon. Am 26. Februar 1923 in seinem Amtszimmer verhaftet, da auch er sich weigerte, das Licht auf dem Bahnhof wieder anzuschalten, wurde er zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die er bis zum 27. August 1923 in Zweibrücken verbüßte. Er kam erst am 6. Dezember 1923 wieder nach Oberhausen zurück.230 Im Februar 1923 wurde auch der Osterfelder Oberbürgermeister Kellinghaus vor ein belgisches Kriegsgericht zitiert, ohne dass man ihm die Beschuldigung mitgeteilt hätte.231 Er wurde nach Dorsten „entführt […] und dort in das unbesetzte Gebiet ausgesetzt“.232 Die Osterfelder Stadtverordneten und alle Vereine protestierten:
„Wir erkennen ein fremdes Gericht nicht als zuständig zur Aburteilung von deutschen Männern an. […] Wir stellen uns geschlossen hinter unseren Oberbürgermeister und erklären öffentlich und feierlich, dass er als deutsches Stadtoberhaupt nur seine Pflicht getan hat. […] Als treue Westfalen und gute Deutsche fühlen wir uns nur der deutschen Regierung untertan und werden nach wie vor die Befehle einer fremden Macht nicht anerkennen.“233
Neben den spektakulären Fällen gab es in Oberhausen 81 weitere Verhaftungen, die in 27 Fällen zu Verurteilungen vor dem französischen Kriegsgericht führten, mit Freiheitsstrafen von insgesamt 22 Jahren und fünf Monaten Gefängnis.234 Rektor Conrads von der Landwehrschule indessen kam ungeschoren davon. Er musste sich vor dem Kriegsgericht verantworten, weil er ein Spottgedicht auf Poincaré „komponiert“ habe – die Öffentlichkeit ergötzte sich immer wieder über die Übersetzungsfehler der Franzosen –, was er aber bestritt. „Überhaupt liege ihm die Politik gar nicht. Seine Welt sei sein Haus, seine Schule und sein Garten.“ Und keinesfalls habe die Politik in der Schule etwas zu suchen. Der wackere Rektor wurde freigesprochen.235 Spottverse über die Franzosen und ihren Ministerpräsidenten Poincaré waren aber natürlich weit verbreitet, so hieß es in Osterfeld: „Poincaré hat die Ruhr, er kann Essen nicht vertragen.“236
Besetzung der Bahnanlagen
Die Stilllegung des Knotenpunkts Oberhausen zog sofort benachbarte Bahnhöfe in Mitleidenschaft. Auch dort legten die Eisenbahner die Arbeit nieder. In Osterfeld traten die Eisenbahner am 23. Januar, dem Tag der Besetzung des Oberhausener Hauptbahnhofs, in Streik; nur in Osterfeld-Nord wurde ein Pendelverkehr nach Rheine aufrechterhalten. Dort entwickelte sich ein äußerst reger Hamsterer-Verkehr ins unbesetzte Münsterland. Ende Januar besetzten französische und belgische Soldaten den Bahnhof Osterfeld-Süd, der zu diesem Zeitpunkt überfüllt war mit Wagons mit teilweise wertvollen Ladungen. Am 28. Januar verbot der Ortskommandant allen Deutschen den Aufenthalt im gesamten Gelände dieses riesigen Sammelbahnhofs. Bald setzten Plünderungen ein, an denen sich wahrscheinlich auch einige Besatzungssoldaten beteiligten. Ende März bot sich einem Beobachter ein Bild der Verwüstung; traurig beschrieb ein Osterfelder Lehrer die trostlose Situation auf dem blockierten Bahnhof.237
Erleichtert wurden die Plünderungen sicher dadurch, dass das gesamte Gelände nachts nicht beleuchtet war; die Stromversorgung war seit dem Tag der Besetzung gesperrt. Die Osterfelder Stadtverwaltung erklärte sich für unzuständig und verwies die Besatzer an die RWE in Wesel, was bekanntlich außerhalb des Besatzungsgebiets lag. Als Repressalie ließ darauf ein französischer Offizier den zentralen Transformator an der Hauptstraße gegenüber der Pankratiuskirche unbrauchbar machen: „Wenn wir kein Licht auf dem Bahnhof haben, soll die Stadt auch dunkel sein.“238 Ein deutscher Elektriker konnte den Schaden aber eine halbe Stunde später beheben, so dass Osterfeld wieder Strom hatte und der besetzte Bahnhof weiter im Dunkeln lag. Aber die französischen Besatzer gaben noch nicht auf. Neun Tage später, am 25. Februar, unternahm ein französischer Offizier erneut den Versuch, durch Manipulationen an dem Transformatorenkasten Strom für den Bahnhof zu bekommen. Er kam durch einen elektrischen Schlag ums Leben.239 Fast schadenfroh stellte der Osterfelder Chronist fest, dass es „den Franzosen […] gar nicht so recht gut gehen“ wolle in Osterfeld. Bei einem schweren Zugunglück auf der militarisierten Strecke Oberhausen-Osterfeld seien mehrere Franzosen ums Leben gekommen.240
Nach einigen Wochen wurde der passive Widerstand von der Eisenbahndirektion Essen und den Gewerkschaften gemeinsam organisiert. Den aus ihren Wohnungen ausgewiesenen Eisenbahnern wurde von den deutschen Behörden volle Entschädigung versprochen. „Der deutsche Eisenbahner steht jetzt in der Front. Tut eure Pflicht als Deutsche!“ Die deutsche Bevölkerung wurde gewarnt, französische Züge zu benutzen. Wer mit den Franzosen fahre, tue dies auf eigene Gefahr – dies konnte nur als Sabotageandrohung verstanden werden! „Wer trotzdem diese französischen Züge benutzt, wird festgestellt und sein Name an den Pranger gestellt werden.“241
Wie überall im Ruhrgebiet versuchte die Besatzungsmacht, diesen Widerstand dadurch zu brechen, dass sie die streikenden Eisenbahner mit ihren Familienangehörigen ins unbesetzte Gebiet auswies. 4.000 Eisenbahner waren im Ruhrgebiet insgesamt davon betroffen, 5.000 mussten ihre Wohnungen verlassen.242 In Oberhausen wurden die ausgewiesenen Eisenbahner öffentlichkeitswirksam verabschiedet:
„Eine große Menschenmenge hatte sich eingefunden. […] Der Direktor des Lyzeums war mit mehreren Lehrkräften persönlich erschienen. Um 7.30 Uhr setzte sich der aus sieben besetzten Wagen bestehende Zug in Bewegung; […] Der erste Wagen trug die Fahne des Roten Kreuzes, alle übrigen waren mit frischem Grün geschmückt.“243
Das Empörungsritual des feierlichen Auszugs aus der Stadt verfehlte sicher seine Wirkung auf die national gesinnten Kreise der Stadtbevölkerung nicht. Die ausgewiesenen Eisenbahner konnten erst ab November 1924 wieder nach Oberhausen zurückkehren.
Schon vorher, im März, mussten große Teile der Polizei die Stadt verlassen; in Oberhausen allein waren mit Angehörigen 414 Personen von der Ausweisung betroffen. Die in den Baracken im Kaisergarten kasernierte Schutzpolizei wurde im März mit allen ihren Fahrzeugen und elf Pferden (eines ertrank beim Durchschwimmen der Lippe) ins unbesetzte Gebiet abgeschoben. Ihre Familien, zunächst auch ausgewiesen, durften auf Befehl des französischen Generals in Oberhausen bleiben. Die gesamte Polizei musste ihre Waffen abgeben; nur fünf Kriminalbeamte, von insgesamt 30, durften ihre Pistolen behalten. Im Sommer 1923 legte der in Essen residierende französische Kommandant die Zahl der Polizeibeamten für Oberhausen auf 150 fest, später wurde die Zahl wegen der Unruhen auf 230 erhöht.244
Während große Teile des Eisenbahnnetzes, sei es durch den Streik der deutschen Eisenbahner, sei es durch die Besatzungsmacht selbst, stillgelegt waren, bemühten sich die Franzosen gleichzeitig fieberhaft, zumindest zwei Ost-West-Verbindungen für den Abtransport der Kohle zu militarisieren. Die Nordstrecke lief mitten durch Oberhausen: Von Lünen über Recklinghausen, Buer, Gladbeck, Bottrop, Osterfeld-Süd, Oberhausen-West nach Ruhrort.245
Die französische „Regie“ tat sich jedoch weiterhin schwer damit, die großen Bahnhöfe mit eigenen Leuten zu betreiben. Da sie die Stellwerke teilweise nicht bedienen konnten, mussten auf den Lokomotiven Soldaten mit Brechstangen mitfahren, um notfalls Weichen zu stellen.246 Als sich der Konflikt im Laufe des Frühjahrs verschärfte, legten die Besatzer viele Eisenbahnstrecken, die sie für den Abtransport der Kohle nicht zu benötigen glaubten, still; teilweise wurden die Schienen aufgerissen. Dies geschah z. B. auf den drei Kanalbrücken, die die Zechen Osterfeld und Vondern mit den Werken der GHH südlich des Kanals verbanden. Da auch ein großer Teil der Lokomotiven wegen unsachgemäßer Bedienung unbrauchbar war, gab es Ende April kaum noch Eisenbahnverkehr im Ruhrgebiet.247
Dazu hatten auch Sabotage- und Terroranschläge deutscher Widerstandsgruppen beigetragen. Schon in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar wurde der Rhein-Herne-Kanal durch Versenkung eines Kahns in der Nähe des Bottroper Hafens für den Kohle-Transport unbenutzbar gemacht. Danach wurde es allen Deutschen unter Androhung drakonischer Strafen verboten, sich dem Kanal auch nur zu nähern. Nachdem die Franzosen den versenkten Kahn weggeräumt hatten, gelang Anfang April ein Anschlag, der den Wasserweg auf lange Sicht unterbrach: Bei Henrichenburg wurde ein Seitenkanal genau an der Stelle, wo er über die Emscher führt, von einem Kommando unter Führung „eines mutigen Steigers“ gesprengt. Große Teile des Kanalsystems wurden dadurch trockengelegt.248
Die Gewerkschaften wollten mit dieser Form des Abwehrkampfes nichts zu tun haben. Der Bundesausschuss des ADGB verurteilte die „Sabotageakte überspannter nationalistischer Kreise“ in scharfer Form.249 Auf Unternehmerseite dagegen wurden die Sabotageanschläge unterstützt. Bei einer Besprechung von „führenden Persönlichkeiten des Ruhrbergbaues“ – unter ihnen GHH-Chef Paul Reusch – mit Reichskanzler Cuno und anderen Mitgliedern der Reichsregierung am 30. Mai 1923 wurde energisch der Schutz der Regierung für die Sabotagekommandos eingefordert:
„Man bat seitens der Zechenkreise mit Nachdruck um einen größeren Schutz für die tapferen Leute, die sich an den Sabotageakten beteiligten, unter Aufzählung verschiedener Fälle, in denen Gemeindeverwaltungen Kopfgelder für ‚Mörder‘ und ‚Saboteure‘ ausgesetzt hätten. Die Leute seien zum Teil von deutschen Gendarmen im Zusammenwirken mit französischen Soldaten verhaftet worden.“250
Am 2. März wurde in Osterfeld auf die Eisenbahnstrecke nach Oberhausen ein Sprengstoffanschlag verübt, der aber kaum Schaden anrichtete.251 Am 12. Mai dann, fast genau um Mitternacht, zerstörte eine gewaltige Explosion die Eisenbahnbrücke über den Rhein-Herne-Kanal; damit war die für den Kohlentransport wichtige Strecke von Osterfeld nach Oberhausen-West unterbrochen. Der Sprengstoffanschlag brachte den Betrieb auf dem von unbrauchbaren Lokomotiven und Wagons blockierten und von Diebesbanden ausgeplünderten Osterfelder Bahnhof völlig zum Erliegen.252 Einen Tag später erschütterte eine auch in Teilen Oberhausens spürbare Explosion das Ruhrstauwerk in Meiderich, ohne aber viel Schaden anzurichten. Die belgische Besatzungsmacht konnte die für den Osterfelder Anschlag verantwortlichen Täter natürlich nicht ausfindig machen, deshalb reagierte sie mit einer Reihe sinnloser Repressalien gegen die Stadt: Der Osterfelder Beigeordnete Lünenborg und zwei Polizeibeamte wurden festgenommen; französische Truppen besetzten das Osterfelder Rathaus, und alle Osterfelder Wirtschaften mussten um acht Uhr schließen. Für die gesamte Emscherzone von Sterkrade bis Buer wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Ende Mai wollte General de Longueville die Stadt Osterfeld noch zu einer Geldbuße von 100 Millionen (Inflations-) Mark verpflichten; als die Stadt diese Summe nicht aufbringen konnte, wurden kurzerhand große Teile des Mobiliars der Stadtverwaltung beschlagnahmt und abtransportiert, u. a. 52 Rohrsessel, 26 Rohrstühle, mehrere Aktenschränke und zwei Schreibmaschinen.253 Im Sommer mussten auf den Zügen der militarisierten Strecken Deutsche als „Geiseln“ mitfahren.254
Der Abtransport der Kohle
Erst nachdem die Besatzer die Eisenbahnen zumindest notdürftig betreiben konnten, war daran zu denken, von Oberhausener Zechen Kohle abzutransportieren. Es dauerte nach Beginn der Besatzung noch Monate, bis das richtig in Gang kam. Nach Einstellung des Zugverkehrs hatten die Zechen zunächst auf Halde weiterproduziert. Bis April wurde die Produktion auf den großen Werken der GHH wegen der massiven Behinderungen des Eisenbahnverkehrs Schritt für Schritt eingeschränkt. Standen zu Beginn der Besetzung im Januar sechs Hochöfen im Feuer, so waren Ende März nur noch drei Öfen in Betrieb.255 Seit der Verordnung des französischen Besatzungsgenerals Degoutte vom 15. April war jeglicher Transport von Kohle nur noch mit einem von der Besatzungsmacht beglaubigten Passierschein möglich.256
Am 20. April schnitt die Besatzungsmacht durch Sperrung der Brücken über den Rhein-Herne-Kanal die GHH-Werke auf Oberhausener Gebiet von den Zechen Osterfeld, Sterkrade, Jacobi, Vondern und Hugo ab und unterband dadurch die normale Kohle- und Kokszufuhr. Die Besatzung konnte aber nicht verhindern, dass eine unterirdische Verbindung von der Zeche Vondern zur Zeche Oberhausen hergestellt wurde, über die bis Anfang Juni täglich 4.000 bis 5.000 Tonnen Koks zur Eisenhütte gelangten. Dann zerstörten die Franzosen das Verbindungsgleis von „Oberhausen“ zur Eisenhütte.
Auf „Concordia“ wurde im Frühjahr 1923 zunächst der Hafen am Kanal besetzt, aber auf dem Wasserweg konnten Franzosen wegen der Sabotageanschläge keine Kohle transportieren. Die Besetzung von Schacht 4/5 am 16. März beantworteten die Bergleute sofort mit Niederlegung der Arbeit, stießen aber auf Widerstand der Betriebsleitung, die die Kohleförderung trotz der Besetzung nicht unterbrechen wollte. Verschärft wurden die betriebsinternen Konflikte noch durch die Forderungen der auf Concordia besonders starken kommunistischen Gruppen. Diese unternahmen auf Belegschaftsversammlungen den Versuch, den verhandlungsbereiten Betriebsrat zu entmachten. Kommunistische Redner äußerten den Verdacht, dass die Eigentümer von Concordia, die Rombacher Hüttenwerke, wegen ihrer finanziellen Abhängigkeit von einer französischen Großbank nicht zur Einstellung der Förderung bereit seien. Im Lauf des April kam die Arbeit allmählich wieder in Gang, es wurde aber nur für den Eigenbedarf der Zeche gefördert.
Ganz im Süden der Stadt wurde die Zeche Alstaden am 22. April von französischer Infanterie besetzt. Auf der Zeche Roland rückten am 15. April französische Truppen ein; die Belegschaft legte sofort die Arbeit nieder; so hatte die Besatzungsmacht nur etwa 75 Mann zur Verfügung, um die auf Halde liegenden Kohlen zu verladen; sie schafften durchschnittlich 500 Tonnen Briketts pro Tag. In Oberhausen bemerkte man, nicht ohne Schadenfreude, dass die Besatzer gar nicht wussten, welche Art von Kohle hier auf Halde lag. „Sollten sie die Magerkohle von Roland in ihre Hochöfen schütten, dann dürften sie allerlei Erfahrungen machen.“257 Ob die auf Roland lagernden Bestände bewusst unbrauchbar gemacht worden waren, wie dies nach dem Beschluss des Zechenverbandes auf fast allen Zechen ab April geschah258, ist unbekannt. Am 14. Juli wurde die Besetzung der Zeche Roland beendet.259
Als der Sommer zu Ende ging, waren die auf Halde liegenden Kohlen der Oberhausener Zechen von der Besatzungsmacht weitgehend abgeräumt. Die Versorgung der Bevölkerung mit Kohlen für den Winter machte deshalb im Herbst zunehmend Sorge. Noch Ende Mai hatten sich die Zechenbesitzer strikt geweigert, dem Vorschlag der Reichsregierung zu folgen und Kohle unentgeltlich an die Bergarbeiter zu verteilen,
„um die Bestände verschwinden zu lassen […], weil eine solche Maßnahme nichts anderes als eine Erziehung zum Diebstahl darstelle und mit einer großen Demoralisation verbunden sei; außerdem habe sie deswegen einen bedenklichen kommunistischen Einschlag, weil gerade erst eine kommunistische Unruhewelle über weitere Teile des Ruhrgebiets gegangen sei“.260
Schikanen im Alltag
Mehr noch als der „Kampf um die Kohle“261 drangen die täglichen Schikanen der Besatzung ins Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten. Jede Kleinigkeit wurde in der Lokalpresse ausgewalzt, meist in sehr aggressivem Stil und mit entsprechenden Kommentaren versehen.
Die Polemik der deutschen Presse gegen die französische Besatzungsmacht war in den ersten Wochen der Besetzung besonders heftig. Im „Generalanzeiger“ wurde im Februar in großer Aufmachung (halbseitig) ein Bild aus einer Pariser Zeitung abgedruckt, auf dem Frankreichs Marianne einen deutschen Mann erwürgt. Darüber stand in riesigen Lettern: „Was Frankreich erreichen will.“ Gemeint waren damit die angeblichen Absichten hinter den angedrohten zollpolitischen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Besatzung.262
Auch die häufigen, sehr detaillierten Berichte über die Übergriffe einzelner Besatzungssoldaten, nicht selten in Kneipen, trugen sicher nicht zur Entspannung und Besonnenheit bei, die andererseits doch ständig angemahnt wurde. Frauen, die mit Soldaten Kontakt aufnahmen, wurden in der Presse regelrecht an den Pranger gestellt. Ein junger Mann zeigte drei Frauen an, die „mit zwei belgischen Soldaten an einem Tisch saßen und sich von ihnen mit Getränken, Kognak und Bier traktieren ließen“. Die Bevölkerung habe sich „über das Verhalten der Weiber entrüstet“. Die Polizei gab das Vernehmungsprotokoll an die Presse weiter, die die Namen und vollständigen Adressen der „Frauenspersonen“ mit veröffentlichte.263 Ein Mädchen aus Osterfeld, die „ihre Würde so wenig achtete“, sich mit einem belgischen Offizier einzulassen und mit ihm im Bottroper Busch spazieren zu gehen, erhielt von ihren Mitbürgern „fürchterliche Prügel“. Für Mädchen war es offenbar schon gefährlich, mit Besatzungssoldaten nur zu sprechen; „junge Burschen aus Osterfeld“ schnitten zwei Mädchen aus Gladbeck bei ihrer Ankunft in Osterfeld-Nord die Haare ab, weil sie sich während der Bahnfahrt „mit Belgiern eingelassen“ hatten.264 Auch dass ein französischer Unteroffizier mit einigen Kameraden im städtischen Hallenbad duschte, ohne zu bezahlen, löste Empörung und administrative Verwicklungen aus.265 Als sich französische Posten in der Nähe des Altmarkts einen Spaß daraus machten, Passanten erst mit Steinen zu bewerfen und dann angeblich auch zu beschießen, wurde die Empörung so groß, dass der französische Ortskommandant als Disziplinierungsmaßnahme für seine Soldaten eine Ausgangssperre nach acht Uhr abends verhängte.266 Ein Oberhausener Polizist musste vors Kriegsgericht in Bredeney, weil er sich geweigert hatte, einen französischen Offizier zu grüßen.267 In Osterfeld wurde ein Bergmann, als er trotz der nächtlichen Ausgangssperre nach Hause ging, verhaftet und von belgischen Soldaten auf der Wache misshandelt. Es kam zum Gerichtsverfahren gegen den verantwortlichen Unteroffizier, der aber alles abstritt. „Da [der Bergmann] K. weder ein Wort Französisch verstand, noch der deutschen Sprache mächtig war, wurde er wenig gefragt.“ Er erhielt aber vier belgische Francs als Entschädigung.268
Derartige Bagatell-Zwischenfälle, die die Zeitgenossen aber keineswegs als Bagatellen empfanden, füllten fast täglich die Spalten der Lokalzeitungen. Aber die Presse berichtete auch von ernsten Zwischenfällen mit Toten und Verletzten. Am 21. Februar wurde ein „Schupobeamter“ auf dem Bahnhofsvorplatz von französischen Soldaten tödlich verletzt. Bei seiner Beerdigung brachte eine riesige Menschenmenge ihre Empörung zum Ausdruck.269 Ein Kellner wurde im Juli 1923 nachts bei der Rückkehr von der Arbeit von einer französischen Patrouille in der Nähe der seit langem besetzten Zeche Roland schwer misshandelt und getötet. Der französische Unteroffizier erhielt später dafür zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung. Zur Nervosität der französischen Wachsoldaten mag es beigetragen haben, dass sich die Bevölkerung oft nachts auf den Halden mit Hausbrand versorgte, weil sie schon lange keine Deputatkohle mehr erhalten hatten.270
Trotz Zensur und kurzfristigen Erscheinungsverboten wurden in der Lokalpresse weiterhin auch kleinste Übergriffe dokumentiert. Paradoxerweise gewannen die Kommentatoren der Besatzung manchmal auch etwas Positives ab, sie freuten sich über die geschlossene Abwehrfront aller Bevölkerungskreise, einschließlich der Arbeiterschaft.
„Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass die Ruhrbevölkerung einen derart hartnäckigen Widerstand gegen fremde Mächte leisten würde. Wer hätte anzunehmen gewagt, dass fünf Jahre nach der Revolution die Arbeiterschaft eine so straffe vaterländische Disziplin halten würde, wie wir es seit dem 13. Januar täglich erleben. […] In den Gefängnissen sitzen Arbeiter und ‚Bürgerliche‘ einträchtig bei einander. Dort ist alles gleich, dort ist alles nur deutsch, nur Opfer einer und derselben Sache.“271
Anlass dieses Leitartikels waren blutige, den Kommunisten angelastete Arbeitslosenunruhen im benachbarten Mülheim a.d. Ruhr.
Hungerunruhen
Die Lage der Arbeiter hatte sich durch die beschleunigte Inflation und durch die schrittweise Stilllegung vieler Zechen und Großbetriebe sowie des ganzen Eisenbahnverkehrs so sehr verschlimmert, dass sich der Zorn in Streiks und gewalttätigen Unruhen entlud. Diese Arbeiterunruhen richteten sich ab dem Frühjahr nicht gegen die französische Besatzungsmacht, sondern gegen die Betriebsleitungen und gegen die eigenen staatlichen Behörden. Es begann im April in Mülheim a.d. Ruhr, wo es im Zusammenhang mit der gewaltsamen Besetzung des Rathauses sechs Tote und über 30 Verletzte gab. Im Mai kam es im Osten des Reviers, zunächst in Dortmund, dann in Gelsenkirchen und in Bochum zu regelrechten Aufständen, die in den Kreisen der bürgerlichen Rechten in das gedankliche Schema einer zweiten Dolchstoßlegende eingeordnet wurden: Es sei nicht zu verkennen, „dass sich hierbei neue Symptome eines Verfalls der Front gen Westen zeigten.“272
Die unverändert harten Repressionsmaßnahmen der Besatzungsmacht verschärften die sozialen Spannungen und provozierten weitere Terroraktionen. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juni zerfetzte eine Bombe einen belgischen Militärtransport auf der Hochfelder Eisenbahnbrücke in Duisburg. Der Anschlag forderte sechs Tote und über 30 Verletzte. Die Besatzungsmacht reagierte mit einer totalen Verkehrssperre für das westliche Besatzungsgebiet. Wieder mussten auf den Militärzügen, dieses Mal auf der Strecke zwischen Oberhausen Hbf und Gladbeck-West, Deutsche als Geiseln mitfahren. Sterkrade musste am 3., 5. und 6. August jeweils zehn Geiseln stellen.273 Rings um den Oberhausener Bahnhof wurden spanische Reiter aufgestellt. Besonders in Lirich und Alstaden, die schon seit 1919 zum „Brückenkopf“ des besetzten Gebietes zählten, wurde das öffentliche Leben für einige Tage fast völlig abgeschnürt.274
Im Alltag drückte die immer unerträglicher werdende Geldentwertung auf die Stimmung. Die Inflation hatte schon 1922 ein galoppierendes Tempo erreicht; täglich wurde im Lokalteil der Zeitung der Kurs des US-Dollars und des holländischen Gulden bekanntgegeben, der Dollar stand am 19. Januar bei fast 23.000 Mark. Ein Monatsabonnement des „Generalanzeigers“ kostete 1.250 Mark; Postbezieher wurden Ende des Monats aufgefordert, 550 Mark nachzuzahlen. Obwohl sie als Folge der Kriegswirtschaft lange vor der Besetzung des Ruhrgebietes begonnen hatte, wurde die Geldentwertung voll den Franzosen angelastet. Die Oberhausener Stadtverwaltung verglich jeden Monat die Lebenshaltungskosten mit dem Vormonat; ein Vergleich der Preise vom Dezember 1922 mit denen vom Februar 1923 zeigte eine Erhöhung um mindestens das Drei- bis Vierfache. „Was uns die Besatzung gebracht hat, lehrt die Zusammenstellung besser als alle gründlichen Besprechungen und Untersuchungen wirtschaftlicher Vorgänge.“275
Mitte Juli betrug das Tempo der Geldentwertung über 30 Prozent pro Woche, Anfang August 80 Prozent!276 Die Geschäfte und Warenhäuser waren seit Wochen leer; selbst die Grundnahrungsmittel waren knapp geworden, und dies trotz einer guten Ernte, denn die Bauern horteten ihre Erzeugnisse, weil sie schon bald eine neue Währung erwarteten. Wenn es überhaupt Kartoffeln gab, wurden sie den Händlern aus den Händen gerissen. Besondere Wut zogen deshalb einzelne Händler auf sich, die Nahrungsmittel ins Ausland verschoben. S. wurden aus dem Grenzgebiet große Mengen an Vieh und Fleischwaren nach Holland gegen harte Devisen verkauft. Holländische Metzger protestierten heftig gegen diese Konkurrenz.277 Wie am Kriegsende 1918 während der großen Grippe-Epidemie erhöhte der Hunger die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten; vor allem die Tuberkulose nahm in besorgniserregendem Tempo zu; das Oberhausener Gesundheitsamt zählte in der Stadt 151 Tuberkulose-Tote innerhalb eines Jahres.278
Im September mussten die Betriebe die Beschaffung der Kartoffeln für ihre Belegschaften selbst übernehmen. Die Arbeiter sollten einen Teil des Lohnes in Kartoffeln ausbezahlt erhalten. Um kleinere Betriebe bei der Geldbeschaffung zu unterstützen, wurde eigens eine „Kartoffelkreditbank“ gegründet.279 Diese Regelung funktionierte offenbar nur zum Teil. Nach einer Vereinbarung des Zechenverbandes mit den Bergarbeiterverbänden vom Juli 1923 wurde ein Preis „für einen Zentner in Höhe von ungefähr einem halben Zimmerhauerschichtlohn“ zugrunde gelegt. Dieser Lohnanteil wurde auch sofort einbehalten, die Kartoffeln konnten aber in vielen Fällen von den Betrieben nicht beschafft werden. Deshalb sollten die Arbeiter ihre „ersparten Gelder“ nachträglich nach der dann gültigen Lohnordnung ausgezahlt erhalten; das waren pro Mann 32 Milliarden Mark. „Bei dem heutigen Kartoffelpreis wären das ca. 90 Pfund Kartoffeln. Also hat der Bergmann für 90 Pfund Kartoffeln sechs Schichten gearbeitet. Ist sich der Zechenverband der Tragweite dieses Beschlusses bewusst?“280 Diese provozierende Frage stellte der Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände, Ortsverband Oberhausen, nicht gerade eine linksradikale Organisation.
Ende Juli verlangten die Belegschaften der GHH und der Zeche Concordia Lohnvorschüsse. Am 31. Juli zogen die Arbeiter von Schacht 2 und von Schacht 4/5 in einem „gewaltigen Zug“ vor das Hauptverwaltungsgebäude der Concordia, „das bald von den Streikenden ganz umzingelt war“. Sie stießen mit ihren Forderungen aber auf taube Ohren, deshalb marschierten sie zum Rathaus weiter. In mehreren Reden wurde bei der Kundgebung vor dem Rathaus vor allem der Wucher mit Lebensmitteln angegriffen. „Abends wurde dann allen Bergleuten über 20 Jahren zwei Millionen Mark, die von der Stadt vorgeschossen waren, ausgezahlt.“ Darauf kehrten die Bergleute an ihre Arbeitsplätze zurück. Polizeiposten waren glücklicherweise zurückgezogen worden. Die Arbeiter verhielten sich sehr diszipliniert; zu irgendwelchen Zwischenfällen kam es bei dieser Demonstration nicht.281
Bei der GHH versammelten sich die Belegschaften am 30. Juli ab sechs Uhr morgens in ihren Betrieben. Um 8.30 Uhr marschierten sie zur Hauptverwaltung, „öffneten hier gewaltsam das Tor und drangen in den Hof ein. Sämtliche Beamten der H. V. waren auf Anordnung der Direktion nicht zum Dienst erschienen.“ Nach Beratungen im Betriebsratsbüro wurde eine Delegation in die „Beamtenkolonie“ (Grafenbusch) geschickt, um die vereinbarten Forderungen dort vorzutragen: „1) Wirtschaftsbeihilfe (Höhe nach Vereinbarung). 2) Jeden Freitag Lohnauszahlung. 3) Auflösung der Werkspolizei. 4) Humanere Behandlung seitens der Beamten. 5) Wiedereinstellung der gesetzwidrig entlassenen Arbeiter.“ Direktor Holz lehnte alle Forderungen mit einem glatten „Nein“ ab. Er war nicht einmal bereit zu verhandeln, falls die Arbeiter in die Betriebe zurückkehrten. „Der Redner bedauerte dies lebhaft und führte weiter aus, dass die Direktion durch ihre ablehnende Haltung nur die Einigkeit der Arbeiter brechen wolle.“ Er forderte trotzdem zu „Ruhe und Ordnung“ auf – wie nach ihm mehrere Redner auch – und riet dazu, in die Betriebe zurückzugehen, um den Ausgang der weiteren Verhandlungen abzuwarten – dies obwohl doch Direktor Holz gerade jede Verhandlung brüsk abgelehnt hatte! Trotzdem kehrten die Arbeiter gegen Mittag alle in ihre Betriebe zurück. Die Redner beklagten, dass es unter den Arbeitern leider einige „Rüpels“ gebe, „die die ganze Sache mehr als politische, wie als wirtschaftliche ansehen würden“. Einige dieser „Rüpels“ waren während des Gesprächs mit Direktor Holz in den Garten von Paul Reusch eingedrungen und hatten unter anderem zwölf Stück Blumenkohl, 52 Kohlrabi sowie „aus der Waschküche des Herrn Kommerzienrat einen Fahrradmantel und zwei Päckchen Samen“ gestohlen. Die GHH-Direktion verfügte über Berichterstatter, die geradezu liebevoll auch alle Details registrierten!282
Einen Tag später beschloss die Konferenz der Betriebsleiter die Entlassung von 150 Arbeitern. Die Verwaltungsstelle der GHH in Wesel telegraphierte an Direktor Woltmann nach Hamburg: „Dieses vermutlich Ursache Mittwoch morgen eingetretener plötzlichen Verschärfung der Lage in Oberhausen.“283 Jetzt stellten die Arbeiter ein Ultimatum: Falls bis zehn Uhr ihre Forderungen nicht erfüllt seien, würde demonstriert.
Nach einer Betriebsversammlung im neuen Walzwerk formierten sich die GHH-Arbeiter zu einem riesigen Demonstrationszug auf der Essener Straße. Alles lief höchst diszipliniert ab. „Es waren Ordner zur Stelle, die für eine geregelte Aufstellung der Teilnehmer sorgten.“ Man zog am Werksgasthaus, dem Wasserturm und dem Schlackenberg vorbei Richtung Stadtmitte. „Dem Zug vorauf wurde eine weiße Fahne getragen, dann ein Schild, das dem Inhalt nach besagte: Wir beabsichtigen nichts gegen die Besatzungstruppen. Es folgten noch andere Schilder mit den Inschriften: Wir fordern unser gutes Recht! Unsere Kinder schreien nach Brot! Wir müssen hungern!“ Direkt hinter dem Schlackenberg, am Bahnübergang, sperrte eine Polizeikette die Straße. Weil angeblich eine Störung des Wochenmarktes zu befürchten gewesen wäre, wurde den Demonstranten der Zugang zur Stadt rigoros verweigert. Nach mehrmaliger erfolgloser Aufforderung, „die Straße zu räumen“, eröffneten die Polizisten das Feuer. Ein Arbeiter wurde sofort getötet, ein weiterer starb noch am gleichen Tag im Krankenhaus, ein dritter sechs Tage später; sieben Demonstranten wurden verletzt, zum Teil schwer.
Ganz im Gegensatz zum Reporter des „Generalanzeiger“ lastete der Polizeibericht die Katastrophe „linksradikalen Elementen“ an. Die Gewerkschaften hätten angeblich dazu aufgefordert, sich von der Demonstration fernzuhalten. Unter den 6.000 Demonstranten seien „außerordentlich viel Jugendliche“ gewesen, „von denen ein großer Teil sich mit Knüppeln, Latten und Spaten bewaffnet hatte“. Und man habe Äußerungen gehört, „wonach mit Gewalt Brot und Lebensmittel beschafft werden sollten“. Der Augenzeuge, auf den sich der „Generalanzeiger“ berief, hatte nichts von all dem bemerkt.284
Auch der interne Bericht der GHH-Direktion stützt den Polizeibericht nicht: Ziel des Demonstrationszuges sei es gewesen, in die Stadt zu ziehen, „um gemeinsam mit Notstandsarbeitern und Arbeitern der Konkordia [sic] in der Stadt vor dem Rathaus zu demonstrieren“. Allerdings seien die „Hetzer und Aufpeitscher“, die zum Sturm auf die Lebensmittellager drängten, „zahlreicher als gestern“ gewesen. „Die Menge drang darauf schrittweise weiter vor, die blaue Polizei, an Zahl etwa 20, machte sich schussfertig und warnte noch einmal. Die vordersten Arbeiter gingen auf die Polizei, teilweise mit entblößter Brust, zu und riefen: ‘Schießt doch ihr Bluthunde, ihr Verräter.’ Die Polizei kam in Bedrängnis und gab eine Anzahl Schüsse in die Luft ab. Der hinterste Teil des Zuges machte kehrt. Die vordersten drangen weiter vor; darauf schoss die Polizei in die Menge hinein.“285
Der Oberwachtmeister, der das Kommando an der Polizeisperre am Schlackenberg hatte, berief sich – wenig glaubhaft – auf einen Schießbefehl der Franzosen. Die Konzernleitung der GHH zog sich auf einen formalrechtlichen Standpunkt zurück; sie sei schon vor der Demonstration zu Lohnzugeständnissen bereit gewesen, habe aber die Ergebnisse der Verhandlungen auf Bezirksebene abwarten müssen. Die Organisatoren der Demonstration erklärten in einem namentlich gezeichneten Artikel ihre Motive: Sie hatten gehofft, wie tags zuvor die Arbeiter der Concordia von der Stadt eine finanzielle „Beihilfe“ zu erhalten. Es habe keine unbesonnenen Handlungen gegeben. Besonders wichtig war ihnen festzustellen,
„dass weder Spaten noch Knüppel mitgenommen wurden, sogar vor Hunger noch nicht einmal gesungen wurde; dass nicht mit Steinen geworfen worden ist, dass noch nicht ein Schimpf- oder Schmähruf den Polizeiarbeitern zugerufen worden ist, dass gleich beim zweiten, bestimmt beim dritten Schuss schon Blut floss, dass noch beim Zurückfluten in die Masse geschossen wurde, dass dann von der erregten Masse ‚Bluthunde‘ gerufen wurde, wobei noch drei Schüsse fielen und ein Opfer forderten.“
Dem stellte die Zeitung jetzt eine andere Schilderung der Vorgänge gegenüber, die im wesentlichen dem Polizeibericht entsprach, ohne aber offenzulegen, aus welcher Quelle diese Informationen stammten.286
Die öffentlichen Attacken gegen die Organisatoren der Demonstration vom 1. August wurden auf weiteren Betriebsversammlungen leidenschaftlich diskutiert. Die Betriebsleitung der GHH nahm dies zum Anlass, ihre Arbeiter in einer öffentlichen Erklärung dazu aufzurufen, umgehend an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren.287 Erst einige Tage nach dem Blutbad am Schlackenberg fanden auch die Gewerkschaften ihre Sprache wieder. Eine Versammlung des Christlichen Metallarbeiterverbandes verurteilte „aufs schärfste die Haltung der Direktion der GHH“, weil sie nicht rechtzeitig zu Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften bereit gewesen sei. Gleichzeitig distanzierte sich der Verband aber von der Hungerdemonstration. „Die Verantwortung dafür tragen nicht die berufenen Führer der Arbeiterschaft, sondern jene unverantwortlichen kommunistischen, syndikalistischen und unorganisierten Hetzer.“ Am Ende stand der Standard-Appell an die Arbeiter, künftig „nur der Parole der berufenen Führer“ zu folgen.288
Die Beerdigung der drei Todesopfer gestaltete sich zu einer gewaltigen Trauerkundgebung in den Straßen vom Josefs-Hospital zum Liricher Friedhof, „einer Demonstration von bisher in Oberhausen nicht erlebtem Umfang“. Im Trauerzug ging die gesamte Arbeiterschaft der GHH mit, ihnen voran gingen die Direktoren der verschiedenen Abteilungen, aber auch „40 Fahnendeputationen, ausschließlich Sowjetfahnen, nicht bloß von hiesigen, sondern auch von auswärtigen, namentlich Hamborner Sowjet-Vereinigungen.“289 Die Schilderung dieses Trauerzuges wirkt fast surrealistisch: GHH-Direktoren unter Sowjetfahnen!
Das Ende des passiven Widerstandes
Allen führenden Politikern, ebenso wie den Industriellen und Gewerkschaftsführern, war im Sommer 1923 klar, dass der passive Widerstand nicht weiter durchgehalten werden konnte. Dies hinderte die nationalistische Rechte nicht daran, wütend alle jene zu attackieren, die die unvermeidlichen Schritte einleiten wollten. Aus der Sicht der Rechten traf es sich gut, dass in einer Großen Koalition jetzt auch die Sozialdemokraten an der Regierung beteiligt waren. Finanzminister Hilferding eignete sich wegen seiner jüdischen Abstammung und wegen seiner Neigung zu marxistischen Thesen hervorragend als Zielscheibe für hasserfüllte Angriffe von rechts! Wie 1918 der Waffenstillstand konnte jetzt der unvermeidliche Abbruch des passiven Widerstandes am 26. September der Linken als „Verrat“ angelastet werden.290 Gleichzeitig begann im Lager der Rechten die Erhebung des „Ruhrkampfes“ zum nationalen Mythos:
„Das positive Ergebnis des Ruhrkampfes war, und das muss als wichtiger Gewinn gebucht werden: zum ersten Mal nahm in einem restlos entwaffneten Deutschland eine wehrlose Bevölkerung eine Fremdherrschaft nicht willenlos hin, sondern sie bäumte sich gegen sie auf. Es war eine Volkserhebung gewesen! […] An der Ruhr ward es zum ersten Mal aller Welt kund, hier fühlt sich ein Stück deutschen Volkstums und deutscher Wirtschaft vergewaltigt, das sich so lange wehrt, wie es sich mit seinen bescheidenen Kräften in Form eines passiven Widerstandes zu wehren vermag, auch wenn es unterliegen muss.“291
Das Oberhausener „Heimatbuch“, das 1937 zur 75-Jahr-Feier während der Nazizeit erschien, greift aus der Zeit der Weimarer Republik überhaupt nur den Heldenmythos des Ruhrkampfes als erwähnenswert auf.292
GHH-Chef Paul Reusch trat aus Protest gegen die Einstellung des Passiven Widerstandes aus Stresemanns DVP, die diese Entscheidung in der Großen Koalition mit trug, aus und legte gleichzeitig sein Stadtverordnetenmandat in Oberhausen nieder.293 Rückblickend musste aber auch die GHH 1929 zugeben, dass es im Herbst 1923 zum Abbruch des passiven Widerstandes keine vernünftige Alternative gab.294
Für kurze Zeit geisterte das Gespenst der Abspaltung des Rheinlands von Deutschland durch die Zeitungen. Die Separatisten fanden jedoch nirgendwo bei der Mehrheit der Bevölkerung Unterstützung. Wie viele andere Städte gab auch Oberhausen ein „Treuegelöbnis“ ab: „Wir bekennen uns zum ungeteilten Reich und Preußen und sind uns gewiss, dass auch die gesamte Bürgerschaft in dieser Auffassung mit uns übereinstimmt und alle Loslösungsbestrebungen verurteilt.“ Das kurze, von der Stadtverwaltung verfasste „Gelöbnis“ war von allen Parteien – auch von der KPD – und den großen Gewerkschaftsverbänden unterzeichnet.295
Plünderungen in vielen Stadtbezirken
Die Masse der Arbeiter hatte wahrscheinlich andere Sorgen. Sie hungerte weiter. Die galoppierende Inflation hatte ihre Löhne entwertet. Bei den Bergleuten lagen die Reallöhne im September 1923 bei 74,7 Prozent des Standes von 1913, sie stiegen im Oktober leicht an, sanken im November aber wieder auf 55,7 Prozent. Und diese Werte waren noch deutlich besser als bei anderen Berufsgruppen.296 Fast täglich brachen Hungerunruhen und Plünderungen aus.
Am 12. Oktober drangen 70 Ledigenheimbewohner in die GHH-Verwaltung ein und rechneten den Direktoren vor, dass ihr Lohn nach Abzug der Miete nicht einmal mehr für Frühstück und Abendessen ausreichte. „Sie beantragten einen Vorschuss in Gestalt eines Brotes und eines halben Pfundes Speck oder Margarine.“ Die GHH hatte offenbar Brot und Speck auf Lager, denn nach einstündiger Verhandlung wurde ihnen die gewünschte Ration als Vorschuss bewilligt, ein entsprechender Betrag aber an den folgenden Tagen vom Lohn abgezogen. Während des Gesprächs drückten die draußen Wartenden das Hoftor ein, verließen aber nach Aufforderung durch ihre Sprecher den Hof der Hauptverwaltung wieder. „Die Werkspolizei lag in Bereitschaft; die blaue Polizei war ebenfalls verständigt und hatte verstärkten Patrouillendienst. Aus der Mitte der Demonstranten ertönte bei dem Vorbeigehen einer Patrouille der Ruf ‚Schneidet dem Kerl doch den Hals ab.‘“297
Von den Geschäften in der Marktstraße und vom städtischen Kühlhaus wurden die Menschenmassen abgewehrt; Bäckereien und Metzgereien in den Seitenstraßen konnten aber von der Polizei nicht vollständig beschützt werden. In Sterkrade attackierten die hungrigen Massen vor allem den Wochenmarkt. Die Öffentlichkeit zeigte zunächst durchaus Verständnis für die Not der Arbeiter:
„Die Bahnarbeiter bei den Hanielschächten zogen zur Gutehoffnungshütte in der Hüttenstraße. Die Leute konnten mit ihrem Einkommen unmöglich auskommen. Wir hörten von Summen, die den Leuten ausbezahlt worden sein sollten, die so lächerlich gering waren, dass sie noch nicht einmal zum Kauf von einem Pfund Margarine und einem Brot reichten. […] Mit verstörten Gesichtern händigten die Ehemänner ihre Lohnzahlungen den Frauen aus. Die Frauen wanderten zum Händler, wo ihnen erklärt wurde, dass dieselben die Ware vorher einfach verschenkt hätten. Heute müssten die Preise dem erhöhten Kursstande angepasst werden.“298
Zwei Tage später waren plötzlich „Nichtstuer und Eckensteher“ für die Unruhen verantwortlich. In einem verbalen Rundumschlag gegen „junge Burschen“, die sich „in flegelhafter Weise täglich in der Stadtmitte zusammenrotteten“299, anstatt zu arbeiten, ging ein Kommentator souverän über die Tatsache hinweg, dass die meisten kleineren Betriebe seit Wochen stillgelegt waren und dass auch in den großen Werken der GHH pro Woche nur noch 24 Stunden gearbeitet wurde – bevor auch da am 23. Oktober fast alle Arbeiter nach Hause geschickt und auf die städtische Erwerbslosenfürsorge verwiesen wurden.300
Die Lage in vielen Teilen der Stadt war Ende Oktober explosiv; vor allem in den Außenbezirken, wo die Polizei nicht so schnell eingreifen konnte, wurde täglich geplündert:
„Rotten von 2 – 300 Mann ziehen von einem Lebensmittelgeschäft zum andern und bemächtigen sich gewaltsam der dort vorhandenen Lebensmittel. […] Soweit feststeht, sind die Täter nur junge Burschen im Alter von 17 – 20 Jahren. Die Weiber und auch Kinder nahmen die Waren in Empfang.“
An einem einzigen Tag, am 27. Oktober wurden neun Geschäfte in den Außenbezirken Opfer von Plünderungen: Dörrenberg, Falkensteinstraße; Schlingermann, Dieckerstraße; Konsum II der GHH, Knappenstraße; Böger, Essener Straße; Bilarski, Essener Straße; Konsum Selbsthilfe, Mellinghofer Straße; Büschken, Nathlandstraße; Marcziniak, Mellinghofer Straße und ein Kartoffelwagen auf der Mellinghofer Straße. Zur gleichen Zeit war die Polizei in der Innenstadt gebunden, um dort die Geschäfte vor den großen Menschenansammlungen zu schützen. Die Geschäftsinhaber wurden deshalb ganz offiziell aufgefordert, „eine Art Selbstschutz zu bilden“.301
Unruhen in Osterfeld Anfang November, die auch in diesem Stadtteil zu Plünderungen von Lebensmittelgeschäften führten, wurden von der Polizei den Kommunisten angelastet. Eine Übung der „proletarischen Hundertschaften“ auf einer stadtnahen Wiese wurde von einem Trupp belgischer Soldaten überrascht, stob auseinander und sammelte sich dann wieder in der Osterfelder Innenstadt. Angeblich begannen danach die Plünderungen.302 Die „Proletarischen Hundertschaften“ waren seit dem 16. Mai in Preußen verboten. Möglicherweise warteten die Osterfelder Kommunisten in diesen Tagen tatsächlich auf das Signal zum bewaffneten Aufstand, der nach einem Plan der Kommunistischen Internationale im Oktober – dem „Deutschen Oktober“ – von der Arbeiterregierung Sachsens ausgelöst werden sollte. Der Aufstandsplan endete in einem Fiasko für die Kommunisten.303
Unmittelbar nach dem Höhepunkt der Plünderungen Ende Oktober verhängte der kommandierende General ein Versammlungsverbot für die Städte des westlichen Ruhrgebiets.304 Abgesehen davon schien sich die Besatzungsmacht um die in allen Großstädten um sich greifenden Unruhen nicht zu kümmern. Dies hatte natürlich auch zur Folge, dass die Ablenkungsmanöver, die den Zorn auf die Franzosen richten sollten, im Herbst 1923 nicht mehr funktionierten.
Der Masse der Bevölkerung fehlte es an allem; im November wurde der skandalös angestiegene Milchpreis für die wachsende Säuglingssterblichkeit verantwortlich gemacht. Es kam zu einem langen und heftigen Schlagabtausch in der Stadtverordnetenversammlung. Die Kommunisten Stankiewitz und Feldermann machten die „kapitalistische Weltordnung“ für die Not der Kinder verantwortlich, was bei den bürgerlichen Parteien Bedauern darüber auslöste, dass „die Debatte ins politische Fahrwasser gezogen wurde“. Hermann Albertz (SPD) beklagte, „dass eine ganze Menge Säuglinge nach Lirich gebracht werden müssten“; er attackierte „das Zentrum und die Bischöfe, die Hirtenbriefe gegen den Marxismus veröffentlichten, aber keine gegen wuchernde Zentrumsbauern.“ Die Zentrumsfraktion konterte energisch, sie ließ auf ihre Bischöfe nichts kommen.305 Wenige Tage später begann die Stadt ein weiteres Notprogramm: Familien von Arbeitslosen mit Säuglingen erhielten einen halben Liter Milch pro Tag kostenlos.306 Aber selbst diese Menge stand nicht jeden Tag zur Verfügung.307
Der Vorstoß der Arbeitgeber gegen den Acht-Stunden-Tag
Vor dem Hintergrund dieser explosiven Lage musste der Vorstoß der Arbeitgeber gegen den Acht-Stunden-Tag, die wichtigste soziale Errungenschaft der Revolution von 1918, besonders provozierend wirken. Am 30. September beschlossen die Zechenbesitzer des Ruhrgebiets in Unna, ab dem 8. Oktober die tägliche Arbeitszeit unter Tage von sieben wieder auf achteinhalb Stunden zu erhöhen. Da die Arbeitszeit im Montanbereich auch gesetzlich abgesichert war, bedeutete diese Rückkehr zu den Vorkriegsschichtzeiten eine gezielte Provokation von Staat und Gewerkschaften.308
Paul Reusch wartete die Verhandlungen mit den Gewerkschaften im Reichsarbeitsministerium gar nicht erst ab, sondern verordnete den Betrieben der GHH sofort den zehnstündigen Arbeitstag und das Zweischichtensystem (Zwölfstundenschichten mit zweistündiger Pause) und drohte gleichzeitig allen Arbeitern, die nach acht Stunden den Arbeitsplatz verließen, die Entlassung an. Unter dem Druck drohender Aussperrung blieb den Arbeitern in den Oberhausener Betrieben nichts übrig, als sich dem Diktat zu beugen in der Hoffnung, die Arbeitszeitverlängerung nach einer Übergangszeit wieder rückgängig machen zu können. In diesem Sinne wurden die Arbeiter der GHH von Vertretern der Gewerkschaften informiert.309 In den letzten Novembertagen und im Dezember 1923 erhielten die Direktoren der GHH tägliche Berichte über die Zahl der Arbeiter, die die Zwölf-Stunden-Schicht verfahren hatten.310
Eine Delegation von Industriellen, die so genannte „Sechserkommission“ des Bergbaulichen Vereins unter Führung von Hugo Stinnes, führte im Herbst 1923 Gespräche mit dem französischen General Degoutte, deren Ergebnis am 23. November das sogenannte „Micum-Abkommen“ war, das die Wiederaufnahme der Kohleförderung ermöglichte, in dem sich der Bergbau aber rückwirkend zur Zahlung einer Kohlensteuer und zu weiteren Reparationslieferungen von Kohle verpflichten musste. Die Bergbauunternehmer der Ruhr konnten danach alle Kosten des Abkommens auf das Reich bzw. auf ihre Kunden abwälzen. „Eine spezifische Reparationsbelastung der Zechenbesitzer gab es also nicht.“311 Der GHH-Bericht aus den 1920er Jahren erwähnte dagegen nur die Belastungen, nicht, welche Vorteile der Ruhrbergbau aus dem von den Zechenvertretern doch intensiv angestrebten Abkommen zog. Die Auflagen aus diesem Abkommen mussten dann als Begründung für die Notwendigkeit der Verlängerung der Arbeitszeit herhalten. Da die Gewerkschaften in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit an Streik nicht denken konnten, setzten sich die Arbeitgeber im Dezember bei den Verhandlungen im Reichsarbeitsministerium mit ihren Vorstellungen auf der ganzen Linie durch. Die Gewerkschaften hielten zwar „prinzipiell“ am Acht-Stunden-Tag fest, beharrten aber nicht auf „schematischer Anwendung der achtstündigen Arbeitszeit“. Außerdem mussten die Arbeiter auf die tariflichen Zuschläge für Überstunden verzichten. In Urabstimmungen wurde dieses Abkommen zwar mit überwältigenden Mehrheiten abgelehnt. Die Reichsregierung setzte es aber trotzdem qua Verordnung in Kraft.312
Mittelbare Folge der Betriebsschließungen im Herbst war der fast völlige Ruin der städtischen Finanzen: Im November 1923 waren in Oberhausen 27.000 Männer und 800 Frauen als Empfänger von Erwerbslosenhilfe registriert, hinzu kamen über 2.000 Kurzarbeiter. Zählt man die von den Arbeitslosen abhängigen Familienangehörigen hinzu, so waren 75.000 Menschen – das waren fast drei Viertel der gesamten Oberhausener Bevölkerung von damals 108.000 – von der Erwerbslosenfürsorge abhängig. Die vom Reich überwiesenen Beträge reichten für deren Versorgung bei weitem nicht aus. Deshalb drängte die Stadt, um den finanziellen Ruin abzuwenden, auf eine rasche Wiedereröffnung der Betriebe.313
Zur Unterzeichnung des Micum-Vertrages hielt sich Reusch Ende November nach monatelanger Abwesenheit wieder einige Tage in Oberhausen auf.314 Auch zu dieser Zeit bedurfte es anscheinend noch komplizierter Arrangements, um den Besatzungsbehörden aus dem Weg zu gehen: Die leitenden Herren fuhren mit dem Zug von Wesel, dem Sitz der Konzernverwaltungsstelle, bis zum Bahnhof Sterkrade und wurden von dort mit unauffälligen Privatwagen zu ihren Terminen in der Besatzungszone gebracht.315 Eine Fahrt bis zum Bahnhof Oberhausen, wo die Franzosen das Kommando hatten, schien ihnen offenbar zu riskant. Als Reusch im Dezember mit seiner Frau und einem Diener endlich wieder sein Haus in Oberhausen betreten wollte, musste für die Fahrt im Privatwagen von Wesel nach Oberhausen eine „rosa Karte“ für den Grenzübertritt zwischen dem unbesetzten und dem besetzten Gebiet besorgt werden.316

Abb. 15: Notgeld ist nichts mehr wert, Anzeige in der OZ am 29. November und 1. Dezember 1923.
Das Ende der Inflation
Welche absurden Ausmaße die Geldentwertung zu dieser Zeit erreicht hatte, machte die Verlautbarung der Oberhausener Banken und Sparkassen deutlich,
„dass sie vom Montag, 5. November 1923, Geldscheine unter zehn Millionen Mark nicht mehr annehmen könnten, ferner von diesem Tage ab nur noch Notgeldscheine annehmen, welche von der Landesbank in Düsseldorf, im Stadt- und Landkreis Essen und in Mülheim, Oberhausen und Gelsenkirchen ausgegeben sind.“
Notgeldscheine unter 500 Millionen Mark wurden ebenfalls nicht mehr angenommen.317 Unter dem „Notgeldwirrwarr“ hatten die Lohnabhängigen am meisten zu leiden, da die von den Werken und Gebietskörperschaften ausgestellten Scheine nur noch im unmittelbaren Umkreis der jeweiligen Stadt als Zahlungsmittel taugten.
Als es im Sommer immer schwerer geworden war, die ungeheueren Geldmengen von den Druckereien der umliegenden Städte an den Besatzungskontrollen vorbeizuschmuggeln und unter Tage auf der Zeche Oberhausen zu verstecken, bezahlte auch die GHH ihre Arbeiter teilweise mit „Geldgutscheinen“, ging aber ab September dazu über, diese Notgeld-Scheine wieder einzuziehen und dafür Bankschecks in großen Mengen auszustellen. Da sie vom GHH-Vorstandsmitglied Holz unterzeichnet waren, hießen sie im Volksmund „Holzrubel“.318 In der Presse warb die GHH um Vertrauen für diese Schecks. Sie seien ebenso gut wie Reichsgeld. Die GHH bat die Behörden und Geschäftsleute, „die von der Gutehoffnungshütte herausgegebenen Schecks weiter in Zahlung zu nehmen“.319 Die Oberhausener und Osterfelder Banken sicherten auch zu, dies bis zum 1. bzw. 10. Dezember zu tun.320
Die neue Währung, die Rentenmark, wurde bereits seit dem 15. November 1923 in Deutschland ausgegeben. Sie durfte aber zunächst nicht in das besetzte Gebiet eingeführt werden, so dass das Notgeld an Rhein und Ruhr noch bis zum Sommer 1924 weiter zirkulierte.321
6. Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Oberhausen
Der Erdrutsch bei den Wahlen im Mai 1924
Die Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 waren in ganz Deutschland gekennzeichnet durch einen erschreckenden Rechtsruck, durch teilweise dramatische Verluste der gemäßigten bürgerlichen Parteien – mit Ausnahme des Zentrums –, aber vor allem der SPD, und durch starke Stimmengewinne der Kommunisten. Die Katastrophe der SPD wird deutlich, wenn man bedenkt, dass es die USPD 1924 nicht mehr gab, die wiedervereinigte SPD aber trotzdem Stimmenverluste hatte, demnach wohl kaum ehemalige Wähler der Unabhängigen Sozialdemokraten hatte zu sich herüber ziehen können.
Die Doppelwahl vom Mai 1924 (Reichstag und Stadtverordneten-Versammlungen) war auch in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld eine Protestwahl, allerdings mit charakteristischen Abweichungen gegenüber den Trends im Reich (siehe Tabellen 4 und 5 auf der folgenden Seite). Bei den Reichstagswahlen waren die Zugewinne der Rechtsradikalen in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld weit geringer als im Reich. Die SPD konnte aber nur noch etwas mehr als die Hälfte der Prozentanteile gewinnen als durchschnittlich in Deutschland, ein Erdrutsch von dramatischen Ausmaßen! Die KPD erzielte doppelt so hohe Prozentanteile wie in Deutschland insgesamt; besonders stark war sie in Sterkrade. Die Gewichte innerhalb der Arbeiterbewegung hatten sich in Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld damit dramatisch verschoben. Die Mehrheit der Arbeiter wählte jetzt kommunistisch. Unerschütterlich zwischen den Fronten stand das Bollwerk des katholischen Zentrums mit deutlichen Stimmengewinnen. Wie schon bei früheren Wahlen war dies in Oberhausen vor allem auf das Wahlverhalten der Frauen zurückzuführen: In Osterfeld wurden die Stimmen von Männern und Frauen getrennt abgegeben; im Gegensatz zu allen anderen Parteien erhielt das Zentrum überall mehr Stimmen von Frauen als von Männern. Bei den Arbeiterparteien war der Überhang der Männerstimmen dagegen besonders deutlich.323 Bei den Kommunalwahlen zeigte sich durch das Auftreten vieler kleiner Wählervereinigungen im bürgerlichen Lager ein etwas anderes Bild als bei der Reichstagswahl am gleichen Tage.

Tabelle 4: Reichstagswahl 4. Mai 1924: Oberhausen, Sterkrade, Osterfeld 322

Tabelle 5: Stadtverordnetenwahlen 4. Mai 1924: Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld 324
Die städtische Öffentlichkeit registrierte erschreckt das phänomenale Anwachsen der Kommunisten, die in allen drei Stadtparlamenten hinter dem Zentrum jetzt die zweitstärkste Fraktion stellten. Die Sozialdemokraten bildeten künftig Mini-Fraktionen neben den diversen anderen Vertretern spezieller lokaler Interessengruppen. Den gestärkten Kommunisten würde – so die Hoffnung der bürgerlichen Presse – aber in Oberhausen auch ein durch die Rückendeckung der Industrie gestärkter Rechtsblock gegenüberstehen.325
Die Kommunisten, durch den überragenden Wahlerfolg besonders selbstbewusst, enttäuschten die Erwartungen ihrer Gegner nicht. Wie im Reichstag und in anderen Stadtparlamenten326 inszenierten sie auch in Oberhausen und Sterkrade bei der Eröffnungssitzung ein provozierendes Spektakel: Sie ließen die Stadtverordneten wissen, dass sie sich an die soeben durch Handschlag übernommene Verpflichtung nicht gebunden fühlten. Der Oberhausener KPD-Fraktionsvorsitzende Feldermann klärte die Versammlung auf:
„Die kommunistische Partei erblickt in jedem Parlament des bürgerlichen Staates ein Instrument zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Diktatur. Es ist nur weiße Salbe. Die Proletarier wissen aus Erfahrung, dass die Ausgebeuteten keine grundlegende Verbesserung ihrer Lage vom Parlament zu erwarten haben. Sie wissen, dass dazu notwendig ist der Sturz der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung, um eine andere Ordnung einzuführen, und das ist nur möglich unter der Diktatur des Proletariats. Unsere Fraktion ist verantwortlich nur der kommunistischen Partei.“327
Deshalb würden sich die kommunistischen Stadtverordneten zur Geheimhaltung nur dann verpflichtet sehen, wenn diese im Interesse der Arbeiterschaft liege. Danach meldete sich Feldermanns Fraktionskollege Kilz zu Wort, um über die Lage der Bergarbeiter am Ende ihres erbittert geführten Tarifkonflikts um Arbeitszeit und Lohn zu referieren. Es wurde eine lange Rede. Der Oberbürgermeister als Vorsitzender ermahnte ihn fünfmal, sich kürzer zu fassen; aber Kilz war nicht zu bremsen. Als nichts anderes mehr half, schloss der Bürgermeister die Sitzung.328
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