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Mord in Switzerland
MITRA DEVI & PETRA IVANOV (HRSG.)
MORD IN SWITZERLAND
18 KRIMINALGESCHICHTEN
Appenzeller Verlag
Die Herausgeberinnen danken der Fondation Jan Michalski
für die grosszügige Förderung dieses Buches

1. Auflage, 2013
© Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau
Alle Rechte der Verbreitung,
auch durch Film, Radio und Fernsehen,
fotomechanische Wiedergabe,
Tonträger, elektronische Datenträger und
auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Eliane Ottiger
Gesetzt in Janson Text und gedruckt auf
90 g/m2 FSC Mix Munken Premium Cream 1.75
ISBN Buch: 978-3-85882-653-4
ISBN eBook: 978-85882-658-9
www.appenzellerverlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
INHALT
| Liebe Leserin, lieber Leser | |
| MORD IN SWITZERLAND Erzählen als Suche und Untersuchung | Edgar Marsch |
| AARAU Wie-ein-Mensch | Milena Moser |
| GAIS Tod bei Gais | Felix Mettler |
| LUZERN Luzern – Chicago | Mitra Devi |
| SCHAFFHAUSEN Reinfall am Rheinfall | Helmut Maier |
| BASEL Tod im 36er | Philipp Probst |
| RHEINTAL Regenbogenwolken | Alice Gabathuler |
| LAUSANNE Mord in der Kathedrale | Anne Cuneo |
| STANS Helm – in Blau | Andrea Weibel |
| LOMMISWIL Dinosauriersteak | Peter Hänni |
| ZUG Die Russin | Jutta Motz |
| JURA Ferien im Jura | Sam Jaun |
| WOLLERAU/FREIENBACH Tschingg | Michael Herzig |
| BIEL Fokus | Karin Bachmann |
| RODELS Der Flachwichser | Christina Casanova |
| GLARUS Tod am Tödi | Emil Zopfi |
| KREUZLINGEN Späte Rache | Petra Ivanov |
| ZÜRCHER GOLDKÜSTE Königin der Nacht | Peter Zeindler |
| FRIBOURG Heute abend in F. | Susy Schmid |
| Autorinnen und Autoren |
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER
Die Idee zu diesem Buch entstand während einer Zugfahrt. Wir hatten eine Ausstellung über das Verbrechen in der Schweiz besucht. In Gedanken versunken, betrachteten wir die Landschaft, die an uns vorbeizog. Die Schweiz präsentierte sich an diesem Frühlingstag von ihrer friedlichsten Seite. Doch wir wussten: Vordergründiges täuscht. Und so begannen wir, unserer Phantasie freien Lauf zu lassen. Wir fragten uns, wie es im idyllischen Einfamilienhaus am Waldrand wirklich zuging. Ob die alte Dame mit dem Tulpenstrauss tatsächlich Gutes im Sinn hatte. Warum der Bauer reglos auf seinem Traktor sass und auf den Acker starrte.
Wir beschlossen, jene zu fragen, die die Schweiz von ihrer düsteren Seite kennen: einheimische Krimiautorinnen und -autoren. Wir baten sie, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und eine Geschichte zu schreiben. Über das grosse Echo freuten wir uns riesig. Schon bald trafen Krimis aus den verschiedensten Regionen, Dörfern und Städten der Schweiz ein.
Möglicherweise werden Sie nach dem Lesen dieser 18 Geschichten nicht mehr ganz so unbeschwert durch die Städte flanieren. Vielleicht werden Sie in Zukunft beim Wandern öfters mal über die Schulter schauen. Ganz sicher werden Sie die Schweiz mit anderen Augen betrachten. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen!
Mitra Devi & Petra Ivanov

ERZÄHLEN ALS SUCHE UND UNTERSUCHUNG
EDGAR MARSCH
«Mord in Switzerland» bietet einen faszinierenden Einblick in die Schweiz und ihre Kriminalliteratur. In jeder Geschichte wird eine Landschaft vorgestellt mit ihren Menschen, deren Mentalität, Problemen und Schwächen, den regionaltypischen Orts- und Eigennamen, den Sitten, den sprachlichen Eigenheiten.
Die hier von Mitra Devi und Petra Ivanov vorgelegte Sammlung zeigt – für den literarischen Werkplatz Schweiz – einen auffallend hohen Pegelstand, in Qualität wie in Zahlen. Die Produktion von Kriminalerzählungen ist vom bescheidenen Rinnsal beinahe zur Flut angeschwollen, ohne dass dieses gewaltige Wachstum der Qualität einen Abbruch getan hätte. Der neuere literarische Kriminalroman der Schweiz setzte in den 1970er-Jahren ein und gewann in den 80er-Jahren an Kraft mit Autoren wie Alexander Heimann, Sam Jaun, Ulrich Knellwolf, Werner Schmidli, Hansjörg Schneider, Martin Suter und Peter Zeindler. Die Gattung boomt heute regelrecht.
Zartbesaitete versus Hartgesottene, schichtenspezifisches Publikum und gattungsspezifische Leserinnen und Leser – solche Sortierungen gelten längst nicht mehr. Es ist bemerkenswert, dass – auch und vor allem in der Schweiz – viele Frauen als Autorinnen in die Fussstapfen von Dorothy L. Sayers und Agatha Christie getreten sind. Dabei steht längst nicht mehr ausschliesslich das Verbrechen im Mittelpunkt. Genauso wichtig sind heute die Frage nach der Gerechtigkeit und das Schicksal von Menschen, die durch Ausbeutung, Misshandlung und Unterdrückung in Bedrängnis oder sonst an den Rand der Gesellschaft geraten sind, wie beispielsweise in den Geschichten von Anne Cuneo oder Jutta Motz.
Das Vorurteil gegenüber Krimis als typisch «männliche Literatur» ist längst widerlegt worden. Genauso ist auch das mit dem einfachen Schema zusammenhängende Vorurteil minderwertiger Unterhaltungsliteratur nicht mehr aktuell, das ungefähr 100 Jahre lang, bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, in der Literaturkritik bestimmend war. Längst ist die Kriminalerzählung aus dem löchrigen Mantel eines Clochards der seichten Literatur herausgeschlüpft, hat sich unter den respektierten Gattungen Rang und Ansehen erkämpft und ist seriöser Forschungsgegenstand an den Hochschulen geworden.
Erfahrene Krimileserinnen und -leser werden in Peter Hännis «Dinosauriersteak» das klassische Modell erkennen: Ganz am Anfang ereignet sich der Mord, der Täter ist unbekannt. Ein Detektivduo nimmt die Ermittlungen auf. Die Detektive sammeln Informationen, kombinieren sie und erörtern die Ergebnisse. Leserinnen und Leser werden als Zeugen der Dialoge am Aufklärungsprozess beteiligt. In Karin Bachmanns «Fokus» stehen nicht Detektive, sondern Jugendliche im Mittelpunkt. In Philipp Probsts «Tod im 36er» wird zu Beginn ebenfalls eine Leiche gefunden. Hier ist es eine Journalistin, die Anhaltspunkte sammelt, bis die Tat geklärt ist. Probst nimmt die Geschichte als Anlass, um aktuelle Probleme in der Gesellschaft zu erörtern: Rassismus, Hooliganismus, Bankdatendiebstahl. Genauso ist in Christina Casanovas Geschichte «Der Flachwichser» nicht die Tat selbst das Kernthema; zentral sind die Konflikte, Abgründe und Untiefen im sozialen Beziehungsnetz rund um das Opfer. In Sam Jauns und Alice Gabathulers Erzählungen hingegen spielen die Familienbeziehungen eine wichtige Rolle.
Ein anderes Schema weisen die Geschichten auf, in denen die Täter als Menschen zugänglich werden. In Michael Herzigs «Tschingg» sowie Petra Ivanovs «Späte Rache» kommt die Steuerung der Leser-Sympathie fast einer Umpolung gleich: Die Täter sind nicht mehr die Bösewichte, die von den Guten eliminiert werden, damit die Welt wieder in Ordnung ist. Mitleid entkräftet das Sühnebedürfnis. Am Schluss wird das Opfer verurteilt. Auf ironische Art und Weise wird diese Tendenz zur «Entschuldung» der Täter auch in Susy Schmids «Heute abend in F.» deutlich.
Neuere Kriminalerzählungen setzen zunehmend auf die Frage, was denn Schuld eigentlich sei und wer der oder die eigentlich Schuldige. Dort, wo Täterbiographien im Erzählen berücksichtigt werden, findet eine Art «Humanisierung» der Gattung statt. Auf die «Entmenschlichung» der Täter und Täterinnen wird verzichtet und dafür ihr Schicksal beschrieben. Dabei kann sich die für den klassischen Krimi zentrale Frage «Who dunnit?» (Wer hat die Tat begangen?) völlig verflüchtigen. Emil Zopfis lyrisch-melancholische Erzählung «Tod am Tödi» setzt sogar bei einem Unglücksfall an.
Die wahrscheinlich wichtigste Abweichung gegenüber früheren Kriminalromanen stellt der veränderte Blickwinkel in vielen Geschichten dar: Parallel zur Aufklärungsgeschichte oder mit ihr verwoben findet ein sozialgeschichtlicher oder sozialpolitischer Diskurs statt. Die neueren Autoren und Autorinnen sind bei der Konzeption ihrer Geschichten nicht durch einen engen Tunnelblick bestimmt, sondern öffnen den Blickwinkel und schauen «nach links und nach rechts». Sie loten Umstände, Untiefen, gesellschaftliche Ungereimtheiten, soziale Konflikte, Ungerechtigkeiten, Ausbeutung und Missbrauch aus und befreien so die Verbrechenserzählungen aus der abgeschotteten Laborsituation. Sie stellen sie in einen greifbaren und begreifbaren gesellschaftlichen Rahmen. Die meisten Erzählungen dieser Anthologie folgen diesem neuen Trend, den übrigens Friedrich Glauser schon vorexerziert hat.
Herzigs Pankratius Föhn ist ein abschreckendes Beispiel modernen Unternehmertums. Die Figur ist bestimmt durch ein Übel, das verbreitet auftritt: Ressentiments gegenüber ausländischen Arbeitnehmern, aggressive Fremdenfeindlichkeit, ja Fremdenhass, mit einer Neigung zu sexueller Ausbeutung von Abhängigen. Andrea Weibels berührende Geschichte «Helm – in Blau» handelt von Alma aus Wien, die als Altenpflegerin in der Fremde unterwegs ist und nun in Stans arbeitet. Die ansässige Bevölkerung unterstellt der «kleinen Wienerin», dass sie zu viel trinke, alte Menschen ausnütze, beraube, beerbe und dass diese ihr dann «unter den Händen wegsterben». In Felix Mettlers «Tod bei Gais» wird ein junger Arzt psychisch unter Druck gesetzt.
Einige der Geschichten der Sammlung geben sich verschmitzt, augenzwinkernd. Das kann beim Blick in die Abgründe des Bösen befreiend und entlastend wirken. Wenn die Darstellung dessen, was in der Kriminalerzählung abstösst, ängstigt, erschreckt oder erschüttert, durch die ironische Haltung des Erzählers entkräftet wird, dann gewinnen auch die Leserinnen und Leser gegenüber dem Erzählten befreiende Distanz. Der melodramatische Racheakt, den eine Opernsängerin in Peter Zeindlers «Königin der Nacht» plant, endet ganz anders als erwartet. Auch die Pläne des Täters in Helmut Maiers «Reinfall am Rheinfall» entwickeln sich in eine andere Richtung. In Mitra Devis «Luzern – Chicago» kommt Ironie schon im Gegeneinander der beiden Schauplätze zum Ausdruck. Ironisch wirkt auch der distanziert beobachtende Erzähler. Von Anfang an weiss er alles über das Missgeschick der Hauptfigur. Die Erzählung beginnt mit den Worten: «Zwei Stunden vor dem ersten und letzten Mord, den Julia je in ihrem Leben begehen würde …» In Milena Mosers «Wie-ein-Mensch» setzt die Geschichte mit den überraschenden Worten einer Frau ein, die von ihrem Ehemann daheim in Aarau umgebracht worden sein soll. In Susy Schmids «Heute abend in F.» entlädt sich ironisches Potenzial nicht im Erzählten, sondern in der Beziehung zwischen der Erzählerin und dem Leser. Die Spannung, die in der Geschichte zum Ende hin aufgebaut wird, löst sich in einem befreienden Lachen.
Bei manchen Erzählungen wird sich die Leserin, der Leser die Frage stellen: Ist das noch eine Kriminalerzählung? Sind das noch Kriminalgeschichten? Sie sind es. Sie legen ein Zeugnis dafür ab, wie wandlungsfähig die Gattung ist. Und diese Wandlungsfähigkeit ist auch ein Garant ihrer langen Lebensdauer.

WIE-EIN-MENSCH
MILENA MOSER
Vancouver Island, heute
«Das darf doch nicht wahr sein! Der Idiot hat mich umgebracht!» Amanda liess die Zeitung sinken. Sie war über eine Woche alt. Die Meldung stand auf der Aufschlagseite des Lokalteils: «Fatales Ehedrama in Aarauer Kunstszene».
Aarau, vor über einer Woche
«Was meinst du, was die Häuser hier kosten?» Markovic schaute aus dem Fenster. Das Villenviertel lag im Dunkeln. Gisiger antwortete nicht. Er versuchte, auf dem Bildschirm des neu installierten Navigationssystems die Strasse zu finden, aus der der Notruf gekommen war.
«Meine Frau ist tot!»
Meine leider nicht, hatte Gisiger gedacht, sich aber sofort für diesen Gedanken geschämt. Wer dachte so etwas. Und noch dazu ein Polizist! Gisiger fand es in letzter Zeit immer schwieriger, seine Gedanken zu kontrollieren.
«Ich glaub, ich weiss, wo es ist», sagte Markovic jetzt. «Ich geh hier oben im Wald immer joggen.»
Die Strasse endete in einem Kehrplatz. Gisiger wendete den Wagen und fuhr langsam zurück. Joggen könnte helfen, dachte er. Den Kopf leeren beim Laufen. Manche schwören ja darauf.
«Landhausweg, wenn das kein Euphemismus ist», sagte Markovic, der jeden Tag ein neues Wort lernte. «Protzvillenweg wäre passender!»
Gisiger war nicht sicher, ob «Euphemismus» das richtige Wort dafür war. Doch er wusste auch kein besseres. Und als die Strasse nach der nächsten scharfen Kurve wieder im Nichts endete, fiel ihm dazu nur «Scheisse!» ein.
«Fahr nochmal zurück, die Strasse teilt sich da vorne.» Markovic hatte es irgendwie geschafft, das Display des Navigationssystems zu vergrössern, und fuhr mit dem Finger dem Strassenverlauf nach.
«Scheisse», sagte Gisiger noch einmal.
«Kein Stress. Die Frau ist tot, der Mann läuft nicht davon. Da vorne links, und dann zum Waldrand hoch.»
Ein -ic bei der Kantonspolizei, dachte Gisiger. Das hätte es früher auch nicht gegeben. Wieder ein Gedanke, der nicht zu ihm passte. Gisiger hielt sich für grosszügig, für tolerant. Doch in den letzten Jahren war er bitter geworden. Und er wusste nicht einmal warum.
Markovic war ausserdem der grösste Bünzli, den Gisiger je kennengelernt hatte, schweizerischer als jeder Schweizer. Fleissig, pünktlich, zuverlässig. Dauernd gab er mit seinem Fünfjahresplan an: Beförderung, Heirat, Hausbau, Kinder, in dieser Reihenfolge. Dass man sein Leben planen könnte, wäre Gisiger nie in den Sinn gekommen. Doch er zweifelte nicht daran, dass Markovic seine selbstgesteckten Ziele erreichen würde.
Gisiger war das fremd. Er war eher zufällig zur Polizei gekommen. Eines frühen Morgens nach dem Ausgang war er mit seinen Kollegen vor einem Plakat stehengeblieben, auf dem die Kantonspolizei für Anwärter warb. Die anderen hatten gegrölt: «Hey, Gisi, das wär doch was für dich!» Sie hatten ihn damals schon «Schmieri» genannt, Schmierlappen, Polizist. Er war immer der, der die letzte Runde ablehnte, zum Aufbruch drängte, der die anderen ermahnte, ruhig zu sein, sie daran erinnerte, dass die Nachbarn schon schliefen. Er hatte mit ihnen mitgelacht, aber ein paar Tage später hatte er sich zum nächsten Ausbildungsgang angemeldet. Die Polizeiarbeit gefiel ihm besser, als er erwartet hätte. Sie entsprach seinem Bewusstsein, Teil eines grösseren Ganzen zu sein, Verantwortung zu tragen. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun … Wann hatte er das verloren?
«Hier ist es.» Markovic stieg aus und drückte einen in der Mauer versteckten Knopf. Ein Tor öffnete sich nach innen, es sah aus, als würde ein Efeuvorhang aufgezogen. Dornröschen, dachte Gisiger. Vielleicht ist die Frau gar nicht tot, vielleicht schläft sie nur einen hundertjährigen Schlaf.
Hundert Jahre schlafen! Das wäre Gisigers Traum. Der einzige, der ihm noch geblieben war. Beförderung? Hausbau? Kinder? Allein die Vorstellung machte ihn müde. Noch müder, als er schon war. Morgens, wenn der Wecker läutete, wünschte er sich, der Tag wäre schon vorüber und er könnte wieder ins Bett gehen.
Letzten Monat hatte er eine Informationsveranstaltung besucht: Burn-out im öffentlichen Dienst. Die Teilnahme war vorgeschrieben, sonst wäre wohl niemand hingegangen. In der Kaffeepause hatten sie noch darüber gewitzelt, doch am Ende der Veranstaltung waren alle Flyer weg gewesen. Gisiger hatte den letzten eingesteckt. Auf der Rückseite stand die Nummer des internen Beratungsdienstes. Er hatte noch nicht angerufen.
«Du bist stehen geblieben», sagte Helen, seine Frau. «Du hast dich aufgegeben.»
Gisiger liess den Wagen die kurze, geschwungene Einfahrt hinaufrollen und hielt dann vor dem Haus. In der offenen Türe stand, wie in einem Bilderrahmen, von hinten beleuchtet, die Arme ausgebreitet, der Hausherr.
«Was wetten wir, dass er es war? Hundert Franken?»
Markovic streckte die flache Hand aus. Gisiger zögerte: «Du schaust zu viel fern.»
«Es ist doch immer dasselbe: Erst töten sie ihre Frauen, dann melden sie sie vermisst, dann finden sie sie.»
«Immer dasselbe, hm? Wie oft hatten wir so einen Fall schon?» Die meisten Tötungsdelikte, die sie bearbeiteten, waren, was Markovic «no-brainer» nannte: Fälle, über die man nicht nachdenken musste. Beziehungsdelikte, Messerstechereien, eine Schlägerei mit tödlichem Ausgang – Markovic hatte recht, der Täter war fast immer ein Mann.
«Ich hab ihn gegoogelt», sagte Markovic. «Ein typischer Loser. Erfolgloser Künstler, der von seiner Frau lebt. So was geht nie lange gut. Es ist gegen die Natur.»
«Soso, gegen die Natur!» Gisiger hatte tatsächlich einmal eine Ausstellung von Jonas Murbach besucht. Video-Installationen. Sie hatten ihn nicht beeindruckt. Vielleicht hatte er sie auch einfach nicht verstanden. Grundsätzlich mochte Gisiger Kunst, die er nicht gleich verstand. Die ihn irritierte, tagelang verfolgte, über die er nachdenken musste. Das war seiner Meinung nach die Aufgabe von Kunst. Aber diese Filmchen hatten ihn nur gelangweilt. Gisiger erinnerte sich an die Kritik der Ausstellung, sie war mit süffisanten Hinweisen auf die Position der Frau des Künstlers gespickt gewesen. Amanda Murbach, die Tote, war eine der reichsten Frauen im Kanton. Erbin und Verwalterin einer grossen Kunstsammlung, Gönnerin des Kunstvereins, Sammlerin, Mäzenin. Keine einfache Konstellation, dachte Gisiger. Wobei, einen typischen Loser hatte ihn Helen neulich auch genannt. Er habe keine Visionen. Keinen Ehrgeiz. Genau das hatte ihr früher an ihm gefallen. «Ein Mann, der sich nicht ständig beweisen muss, ist sexy», hatte sie gesagt. Heute wünschte sie offenbar, er hätte auch einen Fünfjahresplan. Gisiger hatte Markovics Verlobte kennengelernt, eine ehemalige Miss-Schweiz-Kandidatin mit sehr weissen Zähnen. Sie strahlte dieselbe unerschütterliche, beinahe arrogante Zuversicht aus wie Markovic.
Wartet nur, hatte Gisiger gedacht. Wartet nur, ihr kommt auch noch auf die Welt!
Seit wann dachte er so etwas?
«Da sind Sie ja! Endlich!»
Murbachs Hemd stand offen, sein Haar war wirr, er fuhr sich mit beiden Händen über den Kopf. Der Mann musste über vierzig sein, er sah gleichzeitig älter und jünger aus. Älter machten ihn seine Augensäcke, die tiefen Falten in der groben Gesichtshaut, die, so vermutete Gisiger, der Alkohol gezeichnet hatte. Jünger wirkte seine lässige Kleidung, sein drahtiger Körper. Unwillkürlich zog Gisiger den Bauch ein.
«Mein Name ist Gisiger, Herr Murbach, das ist mein Kollege, Herr Markovic. Der Amtsarzt ist unterwegs, er sollte jeden Moment hier eintreffen.»
«Ein Arzt? Haben Sie mir nicht zugehört? Es ist zu spät! Sie ist tot! Meine Frau ist tot!»
«Was hab ich gesagt?», raunte Markovic.
Gisiger zuckte die Schultern. Er hatte tatsächlich schon bessere Aufführungen gesehen. Im Laientheater.
«Können wir hereinkommen?», fragte er freundlich. «Wir müssen auf den Amtsarzt warten, der den Tod Ihrer Frau feststellt.»
Gisiger, der Dicke, Gemütliche, würde Vertrauen aufbauen, Markovic, der Smarte, würde dieses Vertrauen dann mit gezielten Fragen durchlöchern. «Good cop, bad cop» nannte man dieses Vorgehen im Fernsehen. «Lösungsorientiertes Kommunikationsmodell» hatte es in der Weiterbildung geheissen.
Murbach führte sie durch die Eingangshalle und einen breiten Flur entlang in ein geräumiges Wohnzimmer. Markovic murmelte die ganze Zeit etwas vor sich hin, das Gisiger im ersten Moment für ein Gebet hielt. War Markovic nicht katholisch? Dann erkannte er die Markennamen: «DeSede, Eames, Corbusier», murmelte sein Kollege vor sich hin.
Die Sitzgruppe war für mindestens zwanzig Personen konzipiert. Murbach führte sie in die am weitesten von der Tür entfernte Ecke. Im Vorbeigehen hob er ein Magazin auf – ART –, nahm einen bunten Seidenschal von einer Rückenlehne.
«Setzen Sie sich.»
Sie setzten sich. Murbach drehte den Schal in seinen Händen zu einer Kordel, wickelte sie um seine Handgelenke, spannte und entspannte sie. Wusste der Mann, was er da tat? Gisiger konnte seinen Blick nicht abwenden.
«Das ist bestimmt nicht einfach für Sie», murmelte er schliesslich.
Murbach blickte auf seine Hände und liess den Schal fallen.
«Oh Gott, was hab ich getan?», stammelte er. «Oh Gott, oh Gott!» Und dann: «Dabei bin ich nicht mal religiös!»
«Hm», machte Markovic. «Warum erzählen Sie uns nicht einfach, was passiert ist? Und bitte von Anfang an!»
Vancouver Island, heute
«Nun – offensichtlich sind Sie ja nicht tot …»
«Nein …» Amanda lächelte entschuldigend. Der grosse Mann, der sich als Officer Lovechild vom Victoria Police Department vorgestellt hatte, sass ihr an dem schmalen Holztisch gegenüber. Er sah aus, wie Amanda sich als Kind einen Indianer vorgestellt hatte. Im Sitzen überragte er noch Endo Roshi, den Leiter des Zen-Centers, der hinter ihm an der Wand stand, die Hände in der Robe versteckt, die Augen mild.
Vor etwas mehr als einem Jahr hatte Amanda frühmorgens das Haus verlassen, um den drei Frauen, die zweimal pro Woche bei ihr putzten, nicht im Weg zu sein. Sie war durch die Gassen der Altstadt geschlendert und beinahe gegen den Passantenfänger gestolpert, der am Ende der Rathausgasse für die Yogaschule und das Zendo Aarau warb. Sie nahm sich einen Flyer und las, dass in zehn Minuten eine Meditationsstunde beginnen würde. Obwohl sie nicht mehr über Zen-Buddhismus wusste, als sie in einem Kriminalroman gelesen hatte, klingelte sie an der Tür. Eine freundliche Frau in einer schwarzen Robe bat sie herein. Sie erklärte nicht viel: «Setz dich auf ein Kissen, richte den Blick nach unten, zähl deine Atemzüge.»
Anfangs hatte sich Amanda äusserst unwohl gefühlt. Ihre Knie taten weh, ihre Schultern spannten, ihre Nase juckte, sie wollte sich die Haare aus dem Gesicht streichen. Sie hörte den Atem der anderen, dann ihren eigenen. Nervös schluckte sie mehrmals hintereinander. Es musste im ganzen Raum zu hören sein. Wie lange sass sie schon hier? Doch zwischendurch erinnerte sie sich immer wieder an ihren Atem: eins … zwei …
Und plötzlich war einen Moment lang Ruhe in ihrem Kopf. Einen Moment lang gab es nur noch das. Eins … zwei … Ihr Name fiel von ihr ab, ihr Erbe, ihre Funktion. Die Frage, die sie seit Jahren quälte, ob ihr Leben überhaupt einen Sinn hatte, ob sie ohne ihr Erbe, ohne ihren Namen überhaupt eine Existenzberechtigung hatte, fiel von ihr ab. Der dumpfe, quälende Schmerz der Entfremdung von ihrem Mann, der ihr diese Bestätigung jahrelang gegeben hatte, fiel von ihr ab. Es gab keine andere Berechtigung als diese: Hier sass sie und atmete. Ob Jonas sie noch liebte oder nicht, sie war da. Sie war da, und sie atmete. Das war alles. Das war genug. Überwältigt schloss sie einen Moment lang die Augen. Sechs … siebzehn … was? Ach so: eins … zwei …
Wieder zu Hause, klopfte sie ganz gegen ihre Abmachung im Park an die Tür des Pavillons, der Jonas als Atelier diente. Sie ignorierte die Irritation, mit der er von seinem Computer aufschaute.
«Jonas», sagte sie. «Jonas, ich habe etwas gefunden!» Doch je länger sie ihm zu erklären versuchte, was sie erlebt hatte, desto fader klang es in ihren Ohren. Schliesslich verstummte sie.
«Ziemlich ironisch», sagte Jonas.
«Ironisch?»
«Ja – siehst du das nicht? Du rennst am Morgen aus dem Haus, um dich irgendwo in der Stadt auf ein Kissen zu setzen, während hier ein ganzes Team von Putzfrauen deinen Dreck wegmacht.»
«Und deinen», wollte Amanda sagen. Sie verstand nicht. Was hatte sie jetzt schon wieder falsch gemacht?
Jonas schaute sie mit einem müden Blick an. Es musste anstrengend sein, immer alles dreimal zu erklären. «Wenn du wirklich irgendwas mit Buddhismus am Hut hättest, würdest du der Reinigungsfirma kündigen und dein Haus selber putzen. Achtsamkeit in jeder alltäglichen Handlung, das ist die Essenz der buddhistischen Lehre. Die kannst du nun mal nicht mit deiner Platinkarte abbuchen!»
«Aber es hat doch gar nichts gekostet!», wollte Amanda noch sagen, aber da hatte er die Kopfhörer schon wieder aufgesetzt. Seither ging sie zwei-, dreimal die Woche ins Zendo.
Irgendwann hatte ihre Lehrerin ihr vorgeschlagen, das Inselkloster in Kanada zu besuchen, in dem sie selber jahrelang gelebt und gelernt hatte.
Amanda hatte sich zu einer vierwöchigen Schweigemeditation angemeldet. Bevor sie abgereist war, hatte sie sich mit ihrem Anwalt getroffen, die Scheidung eingereicht und ihr Haus in Aarau dem Zendo überschrieben.
«Ich muss Ihr … äh … Am-Leben-Sein für die Schweizer Behörden bestätigen», sagte Officer Lovechild. «Ihre Papiere kontrollieren, ihren Flugschein sehen … Und wenn Sie mir erklären könnten, was passiert ist?»
«Möchtest du, dass ich bei dem Gespräch dabei bin?», fragte der Roshi jetzt, und Amanda nickte. Seit einer Woche hatte sie nicht gesprochen. Es war ihr überraschend leicht gefallen. Dafür hatte sie jetzt Mühe, die richtigen Worte zu finden.
Gab es überhaupt Worte für das, was passiert war?
«Wie hätte ich ahnen sollen, dass er mich gleich umbringt?»
Aarau, vor über einer Woche
«Also, was haben Sie getan?»
«Ich habe sie ins Bett gelegt!» Murbach unterdrückte ein Schluchzen. «Ich weiss, ich hätte sie nicht anfassen dürfen, aber ich konnte sie doch nicht einfach so hängen lassen …» Er schlug die Hände vors Gesicht. Gisiger meinte, ihn zwischen den Fingern hindurch blinzeln zu sehen.
«Von Anfang an», wiederholte Markovic streng.
«Ja also, ich war ein paar Tage in den Bergen, im Engadin, wir haben dort ein Haus. Und als ich zurückkam … als ich zurückkam … da sah ich sie … und …»
«Hier?»
«Nein, in der Küche – ich ging in die Küche, um mir etwas zu essen zu machen, und da …»
«Zeigen Sie es uns.»
Als sie aufstanden, knackten Gisigers Knie. Ich sollte wirklich, dachte er. Wirklich was? Wirklich etwas ändern. Etwas tun. Murbach führte sie zurück in die Eingangshalle und von da in die Küche. Ein geräumiger, gemütlicher, altmodischer Raum, der seltsam unbenutzt wirkte. Ein Stuhl lag auf dem Boden, von einem schmiedeeisernen Gitter an der Decke, an dem auch ein paar grosse Pfannen hingen, baumelte ein Stück gelbe Wäscheleine. Eine Inszenierung, dachte Gisiger. Eine schludrige dazu. Wie in seinen Filmchen.
«Und dann?»
«Ich habe – ich glaube, ich hab geschrien! Es kam einfach über mich – ich bin ein emotionaler Mensch, verstehen Sie. Dann hab ich den Stuhl aufgestellt, bin draufgestiegen und hab sie gepackt, hab sie hochgehoben, um den Zug der Wäscheleine zu lockern – aber es war zu spät. Ich fühlte es – es war kein Leben mehr in ihr.»
«Sie fühlten es? Haben Sie es ihr nicht in erster Linie angesehen?»
«Angesehen?» Murbach schien ehrlich verwirrt. «Ich hab die Leine durchgeschnitten, sie nach oben getragen … ich weiss, ich hätte das nicht tun sollen … aber ich konnte nicht klar denken, ich bin nun mal …»
« … ein emotionaler Mensch, ich weiss.» Markovics Stimme verriet nichts.
Er konnte ihr nicht ins Gesicht sehen, dachte Gisiger. Er sah es vor sich, wie eine Szene aus einem von Murbachs nicht ganz zu Ende gedachten Videofilmen. Eine Frau sitzt auf dem Sofa, mit dem Rücken zur Tür, blättert in ihrem Magazin, hört ihn nicht hereinkommen. Er packt sie von hinten, erwürgt sie mit ihrem eigenen Schal, wird dann von plötzlicher Reue übermannt. Er trägt sie ins Schlafzimmer, legt sie ins Bett, den Blick von ihrem Gesicht abgewandt, von ihren blutunterlaufenen Augen, der geschwollenen Zunge. Er deckt sie zu, als würde sie schlafen. Dann Panik – er macht eine Flasche auf, im Dusel denkt er sich diese Inszenierung aus, wählt die Nummer des Notrufs. Er muss sich für sehr viel klüger halten, als er ist – oder uns für sehr viel dümmer.
Die gerichtsmedizinische Untersuchung würde eindeutig zeigen, ob ein Seidenschal oder eine Wäscheleine die Kehle der Toten zugeschnürt hatte. Und ob der Zug waagrecht von vorn nach hinten oder schräg nach oben verlaufen war. Fehlte nur noch das Motiv. Doch das würde er ihnen bestimmt auch gleich liefern:
«Und hier, das lag auf dem Tisch!»
Murbach langte in seine Hemdtasche, zog ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus. Er hielt es erst Markovic hin, und als dieser nicht danach griff, Gisiger. Gisiger zog betont umständlich ein sauberes Taschentuch hervor, legte es über seine Finger und fasste dann das Stück Papier an einer Ecke an. Er schüttelte es ein paarmal, bis es sich öffnete. Es war kein Brief, sondern eine Seite aus einem Notizbuch, unsorgfältig herausgerissen, mit fliehenden Buchstaben bedeckt. Verzweifelte Worte, an niemanden gerichtet, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Kein Brief.
Ich kann nicht mehr ich kann nicht mehr ich kann nicht mehr ich Du siehst mich nicht. Ich weiss nicht mehr, wer ich bin.
Es gibt mich nicht mehr
Wo bist du wo bin ich
Bitte bitte bitte
Ich muss hier raus
ich kann nicht mehr
«Sehen Sie, sie war gar nicht mehr sie selbst! Sie konnte sich nicht einmal mehr klar ausdrücken … sie war total verwirrt! Und dann ruft mich ihr Anwalt an und sagt, sie habe die Scheidung eingeleitet, das Haus verschenkt … Das hätte sie nie getan, sie war nicht bei sich … das ist doch eindeutig!»
«Ihr Anwalt hat Sie angerufen? So spät?»
«Nein, das war …»
« … bevor Sie ihre Frau ‹gefunden› haben?» Markovic zeichnete mit den Fingern Anführungsstriche in die Luft. Dann schaute er zu Gisiger hinüber und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, als zählte er Geld. Gisiger griff in seine Hosentasche und holte sein Portemonnaie heraus.
«Meine Herren?» Der Amtsarzt stand in der Tür.
«Wo ist das Schlafzimmer?», fragte Gisiger.
«Ich zeig es Ihnen.»
«Nichts da!» Markovic hielt Murbach zurück. «Wir beide warten hier!»
Murbach nickte. «Die Treppe hoch, die letzte Türe am Ende des Flurs.»
Der Arzt ging voraus, er sagte nichts, hielt den Kopf gesenkt. In Gedanken versunken. Vielleicht war er auch nur müde. Sie waren alle müde.
Vor der Schlafzimmertür blieb er stehen und liess Gisiger den Vortritt. Gisiger öffnete die Tür. Das Zimmer war so gross, dass das Bett in seiner Mitte fast klein wirkte. Es war ein Himmelbett aus dunklem, reich geschnitztem Holz, mit weissem Leinen bezogen. Auf der weissen Überdecke lag sie auf dem Rücken. In einem grün-weiss gemusterten Wickelkleid, die langen braunen Haare auf dem Kissen ausgebreitet, um den Hals ein Stück gelbe Wäscheleine, starrte sie mit offenen Augen an die Decke.
Mit offenen Augen?
Der Arzt machte einen Schritt auf das Bett zu, bückte sich, berührte ihren Hals mit zwei Fingern. Dann richtete er sich wieder auf und schaute Gisiger an. Sein Blick war schwarz.
«Wollt ihr mich verarschen?»
Vancouver Island, heute
«Es bin nicht ich, es ist ein Inukshuk», sagte Amanda. «Ein Wie-ein-Mensch.»
Officer Lovechild nickte. «Wie das Olympia-Maskottchen!» Er zog seinen Schlüsselanhänger aus der Tasche, an dem eine versilberte Version der klobigen, aus Steinblöcken zusammengesetzten, menschenähnlichen Figur baumelte.
«Genau.»
Amanda hatte einen solchen zum erstenmal in einer Ausstellung über die Kunst der Ureinwohner des amerikanischen Nordens, aus Alaska, Grönland, Kanada gesehen. Traditionelle und zeitgenössische Skulpturen und Gefässe wurden gezeigt, die sich erstaunlich ähnlich sahen. Dieselben weichen, klaren Formen, dieselbe Bearbeitung, die den harten, kalten Stein weich, warm, seidig scheinen liess. Plötzlich stand sie vor einem gehörnten, zähnefletschenden Wesen aus glänzendem grauem Stein, das sie an eine Figur aus dem Kinderbuch «Wo die wilden Kerle wohnen» erinnerte. Ein wilder Kerl? Nein, ein Inukshuk. Ein Wie-ein-Mensch. Diese Statuen, las sie, dienten als Wegweiser, wie die Steinmannli in den Schweizer Alpen. Sie wurden bei der Jagd eingesetzt und manchmal auch in leeren Behausungen zurückgelassen. Als Platzhalter. Hüter des kalten Herdes.
«Ich war hier», sagte der Wie-ein-Mensch. «Auch wenn ich jetzt weg bin: Ich war hier.» Lange hatte sie vor dem Glaskasten gestanden und sich vorgestellt, sie könnte dieses zähnefletschende Ding mit nach Hause nehmen und an ihre Stelle setzen. Es würde endlose Sitzungen und Besprechungen für sie aushalten und Jonas zuhören, wenn er sich über die lähmende Wirkung beklagte, die ihre Ehe auf seine Kreativität habe.
Die Idee liess sie nicht mehr los. Plötzlich begegnete sie ihr überall. Sie hing in der Luft.
Gespräche im Freundeskreis drehten sich um die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit der modernen Existenz, überall gleichzeitig zu sein, in allen Zeitzonen vertreten, die unterschiedlichsten Rollen gleichzeitig ausfüllend. «Wenn man sich bloss klonen könnte!» Jemand schenkte ihr ein Buch über einen Schriftsteller, der gleich sieben Doppelgänger auf Lesereise schickte. Sie zappte sich durch das Spätabendprogramm und blieb bei einer Anwaltserie hängen, in der die Beziehung eines Mannes zu einer erstaunlich lebensechten Sexpuppe legalisiert wurde, mit der er glücklicher war als mit jeder lebenden Frau. Wenig später las Amanda einen Artikel über die Firma in Japan, die diese qualitativ hochstehenden Sexpuppen herstellte. Puppen, die aus hautähnlichem Material und nach menschlichem Vorbild gestaltet wurden, auf Wunsch und gegen einen Aufpreis nach Fotos und exakten Massen: Wie-ein-Mensch.
Sechs Wochen dauerte es, bis die Puppe geliefert wurde. Sechs Wochen lang beobachtete Amanda ihren Mann. Sie sah noch einmal alles, was sie an Jonas geliebt hatte. Seine Unverschämtheit, sein schiefes Grinsen, seine schmalen Hüften. Die Art, wie er durch Menschen hindurchschaute. Wie er sich bewegte.
Wie wenn man sich zum Haareschneiden anmeldet, dachte sie etwas respektlos. Kaum hat man einen Termin, sitzen die Haare wieder perfekt. Wollte sie das Ende ihrer Ehe wirklich mit dem Kappen ihrer Haarspitzen vergleichen? Sie wartete auf ein Zeichen. Eine Annäherung. Es passierte nichts. Jonas fuhr ohne sie nach Paris und dann direkt in ihr Haus in den Bergen.
Die Puppe wurde in der versprochenen neutralen Verpackung geliefert. Sie war leicht. Viel leichter als ein Mensch. Erst recht einer aus Stein. Aber sie fühlte sich tatsächlich an wie ein Mensch, weich, trocken, warm. Amanda wickelte sie in ihr Lieblingskleid und legte ihr den bunten Seidenschal um, den Jonas ihr vor Jahren geschenkt hatte. Dann setzte sie ihre Stellvertreterin auf ihren Lieblingsplatz auf dem Sofa, legte ein ART-Magazin in ihren Schoss, strich ihre Haare zurück, fuhr ihr mit einem Finger über die Wange.
Plötzlich musste sie lachen. Jonas würde verstehen, was sie gemeint hatte. Er war vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der diese verrückte Geste nachvollziehen konnte. Er würde richtig reagieren.
Amanda stellte sich vor, wie er mit ihrer Stellvertreterin im Schlepptau nach Kanada reiste – er würde ihr selbstverständlich einen Sitzplatz reservieren und ihr einen Drink bestellen und sich über die Blicke der anderen Passagiere amüsieren. Vielleicht würde er einen Film drehen. Und er würde sie finden. Sie würden sich wieder finden.
«Stattdessen hat er mich umgebracht.»
Aarau, vor über einer Woche
Es dämmerte schon, als Gisiger nach Hause kam. In der Wohnung war es still. Ohne das Licht einzuschalten, ging er in die Küche. Vor dem Fenster der Wald. Zwischen den Bäumen floss die Aare, er konnte sie nicht sehen, aber er wusste, dass sie da war. Er schaute zu, wie sich die letzten Reste der Nacht auflösten. Nebel hing in den Ästen der Bäume. Der Tag war noch nicht so weit.
Das Licht ging an und verwandelte das vorhanglose Küchenfenster in einen wandbreiten Spiegel. Die verschlafene Landschaft verschwand, dafür sah er jetzt sich. Die hängenden Schultern, den Bauch, das Bier. Hinter ihm tauchte Helen auf. Sie trug eines seiner T-Shirts, ein weisses. Es reichte nicht ganz bis zu ihren Oberschenkeln. Gisiger zog automatisch seinen Bauch ein, aber er drehte sich nicht um.
«Siehst du mich?», fragte er. «Helen, siehst du mich?»

TOD BEI GAIS
FELIX METTLER
Schleierwolken bedeckten den Himmel, dennoch hatte Valerie eine dunkle Brille auf. Sie ging der Hauptstrasse entlang – in der rechten Hand fünf weisse Rosen. Mit der linken strich sie immer wieder ihr langes schwarzes Haar zur Seite, das ihr der Fahrtwind der vorbeibrausenden Autos ins Gesicht wehte. Das Ortsschild von Gais hatte sie vor wenigen Minuten passiert, als sie bei der gesuchten Stelle ankam. Diese war nicht zu übersehen: Zwei Laternenmasten waren geknickt, das Geländer der schmalen Brücke, die zu einem Bauernhof führte, teilweise weggerissen. Hinunterschauen zum Rotbach, wo sich der zerschellte Wagen möglicherweise immer noch befand, mochte Valerie nicht. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie ihren Strauss zu den bereits vorbeigebrachten Blumen legte. Auch zwei rote Kerzen standen da. Von wem sie wohl stammen?, fragte sich Valerie. Kennengelernt hatte sie Philipp vor zwei Jahren in Teufen bei einem morgendlichen Kaffee. Da keine Zeitung mehr verfügbar gewesen war, hatten sie sich eine geteilt. Das war der Beginn ihrer Freundschaft gewesen. Obwohl nie eine nähere Beziehung zwischen ihnen entstanden war, hatten sie vertrauensvoll auch über private Dinge gesprochen. Sie waren einfach füreinander dagewesen. Dass dies nun Vergangenheit war, wollte Valerie nicht wahrhaben.
Einem Bericht der Appenzeller Zeitung war zu entnehmen, dass man rätselte, weshalb der Wagen von der Strasse abgekommen sei. Es hatten gute Verhältnisse geherrscht, und nach der Aussage des nachfolgenden Fahrers habe es an jener Stelle keinen entgegenkommenden Verkehr gegeben. Auch soll der Mann – Philipp Angerer – nicht gerast sein, seit Bühler sei der Abstand zwischen ihnen gleich geblieben. So wurde ein technischer Defekt in Betracht gezogen, doch auch eine Fehlmanipulation des Fahrers konnte nicht ausgeschlossen werden. Für unwahrscheinlich hielt man einen Sekundenschlaf, zumal der Unfall am Morgen auf dem Arbeitsweg nach Appenzell – Angerer lebte in Teufen – geschehen war.
Er könnte einer Katze ausgewichen sein, dachte Valerie. Sie wusste um Philipps Tierliebe. Dass er, wie sie in der Zeitung gelesen hatte, nicht angeschnallt war, verwunderte sie nicht. Bei gemeinsamen Fahrten hatte sie ihn gelegentlich auf die Gurten aufmerksam gemacht.
Kurz nachdem sich Valerie auf den Rückweg nach Gais gemacht hatte, fuhr ein Polizeiwagen langsam an der Unglücksstelle vorbei. Wachtmeister Pirmin Köchli, seit zwölf Jahren im Polizeidienst, schüttelte den Kopf. «Unverständlich», murmelte er vor sich hin. Köchli war vor kurzem vierzig geworden. Er hatte einen kantigen Kopf mit kurzem, dunklem Haar und war von sportlicher Gestalt.
«Hast du ihn gekannt?», fragte sein Kollege, Gefreiter Edi Tobler, der neben ihm sass. Er war jünger, rotgesichtig, untersetzt und mit deutlichem Bauchansatz.
«Wir haben uns gelegentlich im Fitness-Center getroffen und auch mal in der Garderobe miteinander geplaudert.» Nach kurzem Schweigen fügte Köchli hinzu: «War ein feiner Kerl.» Es klang wie ein Seufzer.
«Er soll Arzt gewesen sein.»
«Ja! Er hat an der Privatklinik Schönbüchel in Appenzell gearbeitet. Vor drei Jahren ist er aus Afrika zurückgekehrt, wie er mir erzählt hat. War in Äthiopien für die Organisation ‹Ärzte ohne Grenzen› tätig. Kürzlich hat er im Lindensaal einen Vortrag über das Land und seine Arbeit dort gehalten.»
«Ein eigenartiger Unfall. Und keine Gurten. Man muss sich fragen, ob es nicht Absicht gewesen sein könnte.»
«Kann ich mir nicht vorstellen. Wenn schon, dann gäbe es doch gerade für einen Arzt andere Möglichkeiten. Oder glaubst du, er würde auf diese Art ein Leben im Rollstuhl riskieren?»
«Warum sind denn keine Spuren zu sehen? Er hat gar nicht gebremst», wandte Tobler ein.
«Wahrscheinlich ging alles zu schnell. Es braucht nur Bruchteile einer Sekunde, wenn er …»
«Kennst du die Frau, die da geht?», unterbrach ihn Tobler. «Sie scheint von der Unfallstelle zu kommen.»
«Ich hab sie schon gesehen.» Köchli runzelte die Stirn, kniff die Augen zusammen. «Genau. Im Café neben unserem Posten. Ich glaube gar, dass sie mit Doktor Angerer dort war. Eine attraktive Frau.»
«Sie muss ihn gut gekannt haben, dass sie zur Unfallstelle gekommen ist. Sollen wir sie …?»
«Nein», sagte Köchli schnell, «nicht jetzt. Warten wir mal, was die weiteren Untersuchungen der Gerichtsmedizin und der Kriminaltechnik ergeben. Zudem steht die Besichtigung von Angerers Wohnung noch aus. Man wartet auf seinen Bruder. Soll im Tessin leben.»
«Wohin geht’s nun?», fragte Tobler.
«Zurück zum Posten. Gern würde ich mich am Arbeitsplatz des Toten umsehen, um mir ein besseres Bild von ihm zu machen. Doch das müssen die Innerrhoder übernehmen. Leider. Und für ein Rechtshilfegesuch reicht die Begründung kaum.»
«Das heisst, du schliesst Fremdverschulden nicht aus?» Und auf Köchlis Schulterzucken hin: «Denkst du wirklich, es könnte eine Manipulation vorliegen?»
«Nicht eigentlich. Trotzdem würde ich gern mehr über das Umfeld des Arztes erfahren. Ich kann ja versuchen, einen Kollegen anzuspitzen. Ich denke da an einen Sportsfreund aus Appenzell.»
«Zuletzt wird man das Ganze als Selbstunfall abhaken müssen», sagte Tobler. Mit einer Handbewegung tat er kund, dass ihm das vertiefte Interesse für den Fall fehlte.
«Für jeden Unfall gibt es einen Grund.» Köchli klang bestimmt. «Auch wenn es nur eine Unaufmerksamkeit war, irgendeine. Vielleicht wegen einer Wespe im Wagen. Wer weiss das schon?»
«Und wie will man so etwas je beweisen können?»
«Da hast du recht.»
Drei Tage vergingen, ohne dass der Fall irgendwelche Klärung erfuhr. Am Wagen, einem VW Golf, wurde kein technischer Defekt festgestellt, und im Blut des Verunglückten fanden sich keine verdächtigen Spuren. Zudem meldete Tobias Kaufmann – der Innerrhoder Kollege, den Köchli um Beistand gebeten hatte –, der Verunglückte habe keine Probleme am Arbeitsplatz gehabt. Der Chefarzt der Klinik Schönbüchel habe jegliche fachliche oder persönliche Unstimmigkeit verneint.
Dann aber folgte eine Überraschung. Was ihnen Samuel Angerer übermittelte, entbehrte nicht einer gewissen Brisanz: Eine Immobilien-AG habe den Eingang eines Briefes bestätigt, worin sein Bruder die Kündigung der Wohnung eingereicht habe. Auf den nächstmöglichen Termin. In Philipps Unterlagen habe er zudem die Bestätigung der Post für einen zweiten eingeschriebenen Brief gefunden, berichtete Samuel Angerer weiter. Dieser sei gleichzeitig abgesandt worden und an einen Doktor Rudolf Hiestand in Appenzell gerichtet gewesen.
Pirmin Köchli schluckte leer. So hiess der Chefarzt der Klinik, wie er von Tobias Kaufmann vernommen hatte. Da Köchli zudem von seinem Innerrhoder Kollegen erfahren hatte, dass Doktor Hiestand seit kurzem in Stein wohnte und demnach in seine Zuständigkeit fiel, fühlte er sich geradezu zur Detektivarbeit gedrängt. Was lag näher, als dass es sich auch bei jenem Brief um eine Kündigung handelte? Köchli lächelte bei dem Gedanken, wie er das Gespräch mit dem Arzt beginnen würde, ohne zu einer Lüge Zuflucht suchen zu müssen. Es bliebe diesem nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen. Und sollte Köchlis Vermutung zutreffen, hätte Hiestand auch zu erklären, weshalb er Kaufmann gegenüber Angerers Kündigung verschwiegen hatte.
Zur vereinbarten Zeit – es war früher Nachmittag – läutete Wachtmeister Köchli an der Tür des Einfamilienhauses in Stein. Offensichtlich war es gerade erst fertiggestellt worden, die Gartenarbeiten waren noch im Gang. Drinnen begann ein Hund zu bellen, und kurz darauf öffnete Frau Hiestand die Tür, begrüsste Köchli und liess ihn eintreten. Dabei hielt sie den heftig wedelnden Tibet Terrier – Köchli hielt ihn für einen Mischling – am Halsband zurück. Gewiss der Einzige, der hier Freude über mein Kommen zeigt, ging es dem Wachtmeister durch den Kopf. Einen Moment später trat der Hausherr hinzu. Doktor Hiestand, eher kleingewachsen, mit Stirnglatze und Brille – Köchli schätzte ihn auf fünfzig –, bat den Polizeibeamten ins Zimmer, aus dem er gerade gekommen war. Die Bücherwand wies es als Arbeitsraum aus.
«Bring uns doch bitte einen Kaffee», sagte er zu seiner Frau. Und zu Köchli gewandt: «Sie nehmen doch auch einen?»
«Gern.»
«Kommen wir also zur Sache», begann der Arzt, nachdem er dem Gast einen Stuhl angeboten hatte. «Wie ich Sie verstehe, geht es nochmals um den Unfall von Philipp Angerer.»
«Als wir seine Wohnung durchgesehen haben, sind wir auf ein Kündigungsschreiben gestossen.» Das betretene Schweigen seines Gegenübers bestätigte Köchli in seiner Vermutung.
«So ist es.» Nach einer weiteren Pause fügte Doktor Hiestand hinzu: «Dann wissen Sie auch, dass er in dem Brief keinen Grund für die Kündigung genannt hat.»
Köchli überlegte schnell, ob er zugeben sollte, dass er den Inhalt des Briefes nicht kannte. Er verzichtete darauf. «Sie haben doch gewiss mit ihm über den Grund seines Entschlusses gesprochen?»
«Noch nicht.»
«Das wundert mich aber. Er war schliesslich …»
Ein Klopfen an der Tür liess Köchli innehalten. Frau Hiestand brachte ein Tablett mit dem Kaffee. Sie stellte es zwischen den Männern ab. «Bitte bedienen Sie sich», sagte sie zu Köchli, «hier sind Rahm und Zucker.»
Während der Polizeibeamte etwas Rahm in seinen Kaffee goss, sagte der Chefarzt: «Natürlich hatte ich vor, mit Philipp zu sprechen, doch die Gelegenheit dazu hat sich noch nicht ergeben. Und jetzt …» Hiestand zuckte die Schultern.
… ist es zu spät, vervollständigte Köchli in Gedanken den abgebrochenen Satz. «Ist etwas Bestimmtes vorgefallen, das Doktor Angerer zur Kündigung veranlasst haben könnte?»
«Nichts, das mir bekannt ist.»
Nach einer Pause, in der beide ihre Tassen zum Mund führten, sagte Köchli: «Mich erstaunt nur, dass Sie meinem Kollegen Kaufmann gegenüber diese Kündigung nicht erwähnt haben.»
«Ich kann mir keinen Zusammenhang mit dem Unfall vorstellen», entgegnete Doktor Hiestand kopfschüttelnd.
«So kennen wir also weder den Grund für seine Kündigung noch den für seinen Unfall.» Köchli sprach dies leise vor sich hin, so, als wäre es nur ein ausgesprochener Gedanke.
«Philipp Angerer soll kürzlich gesagt haben, er wäre wohl besser in Afrika geblieben. Ich musste demnach in Betracht ziehen, dass er vorhatte, dorthin zurückzukehren.»
«Den Grund für diese Bemerkung kennen Sie nicht.»
«Nein!»
«Ich verstehe, und Sie verstehen gewiss, dass ich jeder Spur nachgehe. Und dass Doktor Angerer bei dem Unfall einem Tier ausgewichen ist, wie auch schon vermutet wurde, ziehe ich erst in Betracht, wenn alle andern möglichen Ursachen ausgeschlossen sind.»
Auf der Rückfahrt machte sich Köchli Gedanken über das, was er von Doktor Hiestand erfahren hatte. Dass dieser nach der Kündigung nicht gleich mit seinem Mitarbeiter gesprochen hatte, machte ihn stutzig. Und die Vermutung, dieser könnte nach Afrika zurückkehren wollen, klang für ihn doch zu sehr nach Ausrede. Beim Posten in Teufen angekommen, erhielt Köchli den Bescheid, Kollege Kaufmann aus Appenzell habe ihn gesucht und um Rückruf gebeten.
Gleich nach der Begrüssung kam Kaufmann zur Sache. «Es dürfte dich interessieren, was ich gerade von meiner Nichte erfahren habe. Pia macht eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und arbeitet zurzeit in der Klinik Schönbüchel.»
«Oh! Insiderwissen kann immer nützlich sein.» Köchlis Interesse war nicht zu überhören.
«Sie hat mich angerufen, nachdem sie, zufällig, wie sie sagt, von meinem Besuch gehört hat. Und nach einer Bemerkung der Chefsekretärin wusste sie auch, in welcher Angelegenheit ich dort war.»
«Ich höre.»
«Pia hat mir mitgeteilt, es gebe seit kurzem ein Gerücht, das Doktor Angerer betrifft. Er soll sich der Krankengymnastin gegenüber ungebührlich verhalten haben. Nach Pia sind die beiden zuvor freundschaftlich miteinander umgegangen, auch privat. Sie selbst habe sie einmal zusammen in einem asiatischen Lokal in St. Gallen gesehen, wo sie sich offensichtlich sehr gut unterhalten hätten.»
«Weisst du, wie diese Frau heisst?»
«Moment», sagte Kaufmann. «Ich habe mir den Namen notiert.» Und nach einigen Augenblicken: «Da. Ich hab’s: Anina Wagner.»
Köchli wiederholte den Namen leise, während er ihn notierte.
«Sie soll zwei Wochen in der Toskana zugebracht haben. Auf Einladung eines reichen Patienten, wie gemunkelt wird, der dort eine Villa besitzt. Nach ihrer Rückkehr sei sie Doktor Angerer ausgewichen, ja, sie habe ihn kaum mehr gegrüsst. Und daraufhin sei das erwähnte Gerücht aufgekommen.»
«Ein Gerücht nennt es Pia. Das heisst, sie selbst zweifelt an der Anschuldigung?»
«So ist es. Sie schliesst ein solches Verhalten des Arztes aus, und dabei sei sie nicht die einzige. Doktor Angerer habe sich jedem gegenüber stets zuvorkommend gezeigt. Die Art dieser Frau Wagner dagegen sei von überschwenglicher Freundlichkeit, wobei, wie Pia es sieht, viel Schauspielerei dabei sein muss, denn hintenherum töne es oft anders. Ihre Unterstellung habe den Doktor ernst werden lassen. Seine üblichen lustigen Bemerkungen seien danach ausgeblieben.»
«Das heisst nichts anderes, als dass die Atmosphäre im Haus vergiftet war», warf Köchli ein.
«Kann man wohl sagen. Auf meine Frage, ob Doktor Hiestand diese Verstimmung mitbekommen habe, meinte Pia, dass sie das annehme. Zumal er kürzlich bei der Klinikfeier keinen Grund für Angerers Abwesenheit angegeben habe. Sie fand das sonderbar.»
«Passt irgendwie ins Bild. Denn nicht nur das hat der Chefarzt verschwiegen. Seit einer Stunde weiss ich, dass er dir gegenüber auch Angerers Kündigung unerwähnt liess.»
«Was!» Erstaunen lag in Kaufmanns Ausruf. «Aha, so ist das!»
«Ja, so ist das. Er hat wohl geglaubt, dass diese Angelegenheit mit dem Tod des Kollegen vom Tisch ist.»
«Und weisst du, warum Angerer gekündigt hat?»
«Eben nicht. Doch was du gerade berichtet hast, stimmt mich nachdenklich. An der ganzen Geschichte scheint etwas faul zu sein. Warum in aller Welt verheimlicht dieser Doktor Hiestand solch klare Fakten?»
«Könnte das mit dieser Anina Wagner zu tun haben? Übrigens hat Pia gesagt, sie könne mir ein Foto von der Frau geben, falls ich es wünsche.»
«Könnte nützlich sein», meinte Köchli. «Wer weiss?»
«Du kriegst das Bild in den nächsten Tagen zugesandt. Es ist deine Sache.»
«Gewiss. Du weisst, der Todesfall bei Gais wurde inzwischen als Unfall mit unbekannter Ursache klassiert. Und es gehört nicht zu meinen Pflichten herauszufinden, was genau dahintersteckt. Doch es interessiert mich nun mal persönlich, da ich den Mann gekannt habe. Für deine Information bin ich dir jedenfalls dankbar. Ich habe keine Ahnung, ob ich der Sache damit auf die Spur komme. Sollte sich aber etwas ergeben, was über eine Vermutung hinausgeht, werde ich dich informieren. Ich würde es übrigens schätzen, wenn du unser Gespräch vertraulich behandeltest.»
«Aber klar. Übrigens, beim nächsten Fussballturnier stehe ich wieder auf der Gegenseite.»
Lächelnd ob dieser Bemerkung legte Pirmin Köchli den Hörer auf. Und während er sich einige Notizen machte, fragte er sich, ob er Kollege Tobler in die neuesten Entwicklungen einweihen sollte. Da er Zweifel an dessen Verschwiegenheit hegte, liess er es. Er wollte nicht, dass seine Ermittlungen in dieser Sache bekannt wurden.
Es war eine schlichte Feier auf dem Friedhof von Teufen. Viel mehr als zwei Dutzend Leute hatten sich nicht eingefunden. Wohl weil der Verstorbene noch nicht lange in der Gemeinde ansässig war, legte sich Köchli zurecht, der in sicherem Abstand die Menschen am Grab beobachtete. Er wollte das Aufkommen eines weiteren Gerüchts vermeiden. Der Bruder des Verstorbenen hielt gerade eine Ansprache. Einige Anwesende mochten Mitarbeitende der Privatklinik sein – er sah das Ehepaar Hiestand –, Anina Wagner befand sich, wie erwartet, nicht unter ihnen. Sie wäre Köchli aufgefallen. Er hatte inzwischen jene Aufnahme erhalten, die sie an Angerers Seite zeigte. Vermutlich aufgenommen bei einer früheren Klinikfeier, zu einer Zeit, in der sie sich sichtlich gut verstanden hatten: Die blauäugige Blondine suchte auf dem Bild unübersehbar die Nähe des Arztes.
Unter den Trauernden war auch jene Frau, die sich vor Tagen von der Unfallstelle entfernt hatte. Köchli erhoffte sich von einem Gespräch mit ihr, mehr über Philipp Angerers Wesen zu erfahren. Ein zweites Mal mit Doktor Hiestand zu sprechen, hielt er trotz dessen fragwürdigem Verhalten für zwecklos. Offensichtlich war es dem Chefarzt entgegengekommen, dass sein Kollege beabsichtigt hatte, die Klinik zu verlassen. Dieses Wissen genügte Köchli vorerst.
Am Samstagnachmittag der folgenden Woche kam es in einem Modegeschäft in der St. Galler Altstadt zu einer überraschenden Begegnung. Jene Frau, die Pirmin Köchli gern gesprochen hätte, deren Namen er aber nicht kannte, kam auf ihn zu, um nach seinem Wunsch zu fragen. Er hatte den Laden betreten, um sich nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Frau umzuschauen. Während ihn Frau Heller – wie er auf ihrem Namensschild las – freundlich bediente und ihm nach einigen Fragen zu einem seidenen Halstuch riet, überlegte sich Köchli, wie er ihr nach dem Kauf auf zurückhaltende Weise sein Anliegen unterbreiten könnte.
«Darf ich Sie noch etwas Persönliches fragen, Frau Heller», versuchte es Köchli, als sie das Geschenk einpackte, für das er etwas mehr ausgelegt hatte als geplant.
«Wie Sie möchten», sagte Valerie Heller mit einem fragenden Lächeln.
«Sie haben Doktor Angerer gut gekannt, nicht wahr?» Köchli sah, wie die Fröhlichkeit augenblicklich aus ihrem Gesicht wich. «Ich habe Sie an der Unfallstelle gesehen.»
«Ja», sagte sie leise, «ziemlich gut.»
Pirmin Köchli tat es leid, mit seiner Frage Traurigkeit in ihre dunklen Augen gebracht zu haben. «Köchli ist mein Name. Ich bin Polizeibeamter in Teufen und hatte mit dem Unfall zu tun. Eigentlich habe ich es noch immer. Daher möchte ich gern mit Ihnen über Philipp Angerer sprechen.»
«Aber nicht hier.» Sie nahm ein weisses Taschentuch hervor – eines mit Spitzen, wie Köchli auffiel –, um die feucht gewordenen Augen abzutupfen.
«Nein, natürlich nicht. Entschuldigen Sie bitte meine direkte Frage.»
«Schon gut. Sie können mich anrufen. Ich wohne in Gais.»
«Ich danke Ihnen.» Köchli streckte ihr zum Abschied die Hand hin.
Mein Abstecher in die Stadt hat sich gelohnt, sagte sich der Polizeibeamte auf der Rückfahrt nach Teufen, und zwar in jeglicher Hinsicht. Und zum Bild, das man sich zwangsläufig von einem Menschen macht, kam die Erkenntnis, dass sich Doktor Angerer offensichtlich gern mit gutaussehenden Frauen abgegeben hatte.
Am folgenden Donnerstagmorgen traf sich Köchli mit Valerie Heller zur vereinbarten Zeit im Café beim Gaiser Bahnhof. Sie setzten sich an einen Ecktisch, um ausser Hörweite der anderen Gäste zu sein.
«Ich danke Ihnen, dass Sie bereit sind, mir Auskunft zu geben», begann Köchli das Gespräch.
«Gern, wenn ich Ihnen damit behilflich sein kann.»
Die junge Frau schien ihm gefasst. «Sie sind meine letzte Hoffnung, etwas Licht in diese unglückselige Angelegenheit zu bringen.»
«Was möchten Sie denn wissen?»
«Können Sie mir sagen, ob sich das Verhalten von Doktor Angerer in letzter Zeit verändert hat?»
«Das kann man wohl so ausdrücken. Er litt sichtlich unter dem, was sich um ihn herum abspielte.»
«Sie meinen die üble Nachrede, die, wie ich vernommen habe, von einer Klinik-Mitarbeiterin ausgegangen ist.» Auf ihr Nicken hin fragte Köchli: «Kennen Sie diese Frau Wagner?»
«Nein, nicht wirklich. Ich habe sie mal kurz mit Philipp getroffen, als sie zusammen im ‹Falken› beim Essen waren.»
«War sie seine Freundin?»
«Nicht eigentlich. Sie hätten sich einfach gut verstanden, hat mir Philipp gesagt. Sie hätten die gleichen Interessen und deshalb gelegentlich etwas zusammen unternommen. Ich weiss von Theaterbesuchen. Weiter aber ging die Freundschaft nicht. Und wie ich Philipp verstand, war es beiden recht so.»
«Konnte er sich erklären, was die Frau veranlasst hatte, plötzlich schlecht über ihn zu sprechen?»
«Nein. Philipp meinte, sie müsse ein riesengrosses Problem mit sich herumtragen. Ein Problem mit sich selbst. Und nun könnte etwas vorgefallen sein, das sie nicht mehr habe verkraften können. Weil es aber nicht ihre Art sei, je die Schuld bei sich selbst zu suchen, sagte Philipp, müsse er wohl als Sündenbock herhalten. Dafür sprechen auch Unterstellungen, die offenbar weit zurückreichen, in eine Zeit, in der alles noch in Ordnung schien.»
«Könnte das mit jenem Mann zu tun haben, der sie in die Toskana eingeladen hat?»
«Das wissen Sie also auch schon. Es war Philipps Vermutung. Genaueres aber wollte er gar nicht wissen.»
«Warum hat er nicht Klage wegen Rufschädigung eingereicht?»
«Philipp meinte, das sei sinnlos, da Aussage gegen Aussage stände. Und wie er sie kannte, gehörte Ehrlichkeit nicht gerade zu ihren Stärken.»
«Ich verstehe. Können Sie mir mehr über Doktor Angerer erzählen, über sein Wesen?»
«Er war zuvorkommend. Zu jedermann. Immer hilfsbereit.»
Als Valerie ihr Taschentuch hervornahm, das nach Köchli so gut zu ihrer eleganten Erscheinung passte, dachte er sich, dass sich so auch Angerers Einsatz in Äthiopien erklären liess.
«Er war ein angenehmer Unterhalter», fuhr Valerie fort, nachdem sie sich eine Träne weggewischt hatte, «liebenswürdig, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, der meist geistreich war, manchmal ironisch, aber gewiss nie verletzend. Nein, es ergibt einfach keinen Sinn, dass er dieser Frau gegenüber ausfällig geworden sein soll.»
«Sie glaubten ihm vorbehaltlos?»
«Absolut. Zudem hat diese Anina seine eindringlichen Bitten, sich doch mit ihm auszusprechen, ignoriert. Philipp ging immer von einem Missverständnis aus. Ihr Verhalten sagt doch genug aus?»
«Wie ich Sie verstehe, haben diese Vorkommnisse Doktor Angerer zu schaffen gemacht.»
«Er hat es zu überspielen versucht, doch die Folgen konnte er nur schwer ertragen. Solche Wunden heilen langsam, wenn überhaupt, weil sie immer wieder aufgerissen werden. Zumal Anina …»
«Die Folgen?», fragte Köchli, als Valerie Heller innehielt. «Heisst das, dass ihn weniger das Ende der Freundschaft mitnahm, als vielmehr die Schädigung seines Rufs?»
«Ihn bedrückte, dass sich Leute wegen dieser Anwürfe von ihm abgewendet haben, selbst Leute, mit denen er zuvor freundschaftlichen Umgang pflegte. Er schloss daraus, dass ihm diese Menschen ein solch hässliches Verhalten zutrauten. Über diese Enttäuschung kam er nur schwer hinweg.»
Köchli nickte, als wollte er sagen: Das passt ins Bild.
Als Valerie auf die Uhr schaute – sie fuhr mit der Bahn zur Arbeit –, rief Köchli nach der Bedienung. «Noch etwas», sagte er, bevor sie weggingen. «Was ich von Ihnen erfahren habe, ist für mich so etwas wie eine Bestätigung. Einiges aber wird dennoch rätselhaft bleiben.» Er dachte an die Aussagen von Doktor Hiestand oder vielmehr an das, was dieser verschwiegen hatte.
«Und was für mich bleibt», sagte Valerie beim Abschied, «ist die Überzeugung, dass Philipp einer Katze ausgewichen ist.»
Köchli schaute ihr nach, wie sie leichten Schrittes zum Bahnhof ging. In dieser Vorstellung mag ein wenig Trost stecken, sagte er sich. Wahrscheinlich aber ist es eine andere Katze, der er ausgewichen ist. Eine falsche Katze! Bei diesem Gedanken hatte er das Bild vor Augen, das er aus Appenzell erhalten hatte.
Köchli war in der folgenden Woche mit seinem Kollegen Edi Tobler unterwegs, um auf der Strecke nach Haslen einen Sachschaden aufzunehmen, als vor ihnen zwei Frauen mit Walkingstöcken die Strasse überquerten.
«Aha!», entfuhr es Köchli.
«Was ist?» Tobler schaute ihn fragend an.
«Nichts weiter», wich Köchli aus. «Ich bin nur überrascht, die Damen zusammen unterwegs zu sehen.»
«Kennst du die beiden denn?»
«Ja und nein. Ich hatte vor gewisser Zeit mit ihnen zu tun», antwortete Köchli, «in einer eher banalen Angelegenheit.»
«Immer diese verdammten Baustellen», schimpfte Tobler, als sie kurz danach vor einem Rotlicht warten mussten.
Kaum von der Arbeit zurück, rief Pirmin Köchli seinen Kollegen Kaufmann an.
«Hallo, Tobias. Ich glaube, nun den Grund zu kennen, warum Doktor Hiestand seinem Kollegen Angerer in der Klinik nicht beigestanden ist und warum er dir die Vorkommnisse in der Klinik verschwiegen hat.»
«Da bin ich aber gespannt.»
«Die Frau des Chefarztes scheint mit dieser Anina Wagner befreundet zu sein. Ich habe sie zusammen beim Walking gesehen. Was meinst du dazu?»
«Was soll ich dazu sagen?»
«Für mich schliesst sich damit ein Kreis. Ich denke mir, dass sich Doktor Hiestand in einer Zwickmühle befunden hat. Er stand vor der Entscheidung, wer in dieser unseligen Angelegenheit Täter und wer Opfer ist. Das heisst, er hatte Stellung zu nehmen für die eine oder den andern. Und so, wie es jetzt aussieht, ist er bei seinem Richterspruch unter häuslichem Einfluss gestanden.»
«Glaubst du wirklich, dass dies etwas mit dem Unfall zu tun hat?», fragte Tobias Kaufmann mit hörbarer Verwunderung.
«Ich stelle mir das so vor: Angerer ist während seiner Fahrt zur Arbeit all das, was ihm widerfahren ist, hochgekommen. Auch seine Kündigungen, die ihm nun voreilig erschienen. Gemäss der Aussage einer Frau, die ihn gut gekannt hat, war Doktor Angerer ein anständiger und empfindsamer Mensch. Die Verletzung, die ihm durch das Gerücht zugefügt wurde, hatte ihm arg zugesetzt. Während der Fahrt zur Arbeit könnte er die Situation pötzlich als unlösbar empfunden haben. Und so kam es zu einer Kurzschlussreaktion.»
«Also doch Selbstmord!»
«Nein», entgegnete Pirmin Köchli bestimmt. «Einen Selbstmord hätte Angerer gewiss anders geplant. Das muss eine spontane Aktion gewesen sein. Schon zehn Sekunden später wäre es vielleicht nicht mehr dazu gekommen. Nein! Nach allen Indizien ist das für mich im wahrsten Sinn des Wortes: ein Rufmord.»

LUZERN – CHICAGO
MITRA DEVI
Zwei Stunden vor dem ersten und letzten Mord, den Julia je in ihrem Leben begehen würde, löste sich ein Minischneebrett von einem Hausdach und landete auf ihrer scharlachroten Dauerwelle. Verärgert wischte sich Julia den Schnee vom Kopf. Hunderte dickvermummter Passanten, die sich genauso gut als Landeplatz für heimtückische Stadtlawinen angeboten hätten, stapften unbehelligt die Luzerner Hertensteinstrasse entlang durch den Matsch – doch Julia kriegte die weisse Ladung ab. Wieder einmal war sie getroffen worden. Und nur sie.
Das war ja nichts Neues. Als Gott den Inhalt der Kiste «Heimsuchungen aller Art» über die Menschheit geschüttet hatte, musste ihm über Julia die Hand ausgerutscht sein. Julia hatte sich nach ihrer öden Kindheit in eine linkische Jugendliche verwandelt, die niemandem in die Augen schauen konnte, und war bei der Schulabschlussdisco von Eberhard – klein, übergewichtig und mit einer Stupsnase, die wie eine Skischanze gen Himmel ragte – zum Tanzen aufgefordert worden. Leider hatte sie zugesagt. Sie wurden zum Gespött des Abends.
Nach einer völlig unpassenden Lehre im Mode-Versandhaus «Lindemann und Föhn», deren einziger Zweck sich darin erschöpft hatte, dem Chef das optimale Schaumhäubchen auf dem Kaffee zu präsentieren, heiratete sie kurze Zeit später. Inzwischen nannte sie eine unübersichtliche Zahl Familienmitglieder ihr eigen, die aus ihrem Mann Eberhard (der sich unterdessen Hardy rufen liess) und mehreren pubertierenden Töchtern bestand sowie einem längst überfälligen Pudel, zwei Meerschweinchen mit verdächtig dicken Bäuchen – «garantiert Männchen», hatte ihre Jüngste versichert – und einer Horde Hamster, die sich schneller vermehrte als Fruchtfliegen.
Nun war Julia Ende dreissig. Ihre Ehe mit Hardy war im Eimer, die Kinder waren missraten. Zu alledem stand sie eigentlich auf Frauen, was ihr leider erst in ihrer Hochzeitsnacht klargeworden war. Gleich nach der Trauung waren sie nach Mallorca geflogen, die Nacht sollte etwas Besonderes sein. Hardy hatte die Hotelboys beauftragt, das französische Doppelbett mit Rosenblüten zu bestreuen. Als sie nach dem opulenten Viergangmenü auf ihr Zimmer kamen, war die Bettdecke mit muffig riechenden Nelkenblättern übersät, da die Boys in der Eile keine Rosen hatten auftreiben können. Ihr Frischvermählter konnte sich nicht mehr zurückhalten und erstürmte Julia sogleich. Er warf sie aufs Bett, drang in sie ein, stöhnte eine Minute, bäumte sich kurz auf und schlief danach selig wie ein Säugling an ihrem Busen ein. Julia lag auf den welken Nelken und murmelte in die Stille, die nur durch sein Schnarchen unterbrochen wurde: «Und das soll alles sein?» Doch da war es schon zu spät. Sie wurde in dieser Nacht schwanger, verdrängte ihre Sehnsüchte nach liebevollen Frauenhänden, die sie beglückten, und hoffte, sie würde sich an Hardy gewöhnen. So ein übler Kerl war er ja gar nicht, andere schlugen ihre Gattinnen oder besuchten Prostituierte. Was das anging, hatte er immerhin seine Prinzipien.
Julia hatte ausser dem Krimilesen keine Interessen. Ihr Alltag war weder interessant noch abenteuerlich, geschweige denn verwegen. Das einzig Verwegene in ihrem Leben war die scharlachrote Dauerwelle. Und ihre Mitgliedschaft bei der Al-Capone-Vereinigung natürlich. Wobei Mitgliedschaft sogar untertrieben war. Julia hatte den Verein selber gegründet und leitete ihn seit etlichen Jahren. Luzern pflegte ja mehrere Städtepartnerschaften. Unter anderem mit Olomouc und Cieszyn, wo immer sich diese Orte auch befinden mochten – und mit Chicago. Was für Julia etwas ganz Besonderes bedeutete, denn es war die Stadt des legendären Gangsters Al Capone. Schon als Kind hatte sie ihn bewundert, verkörperte er doch all das, was sie in ihrem Leben vermisste. Als Luzern 1999 die Partnerschaft mit der amerikanischen Grossstadt einging, hatte Julia zum erstenmal Initiative gezeigt und die Al-Capone-Vereinigung ins Leben gerufen. Sobald sich das 100. Mitglied anmeldete – so nahm sie sich vor –, würde sie eine Jubiläumsreise nach Chicago organisieren. Als Erstes würde sie die bekannte «Al-Capone-Bar» mit ihren Live-Jazzkonzerten in der South Michigan Avenue besuchen und sich einen Brandy hinter die Binde kippen.
Die Realität sah anders aus. Ausser ihr gab es noch ein einziges Mitglied, eine ältere Dame aus Emmen, die bei jeder Unstimmigkeit mit dem Austritt drohte. Bis jetzt warteten sie vergeblich auf Neuanmeldungen, doch Julia verschickte tapfer ihren Newsletter, aktualisierte die Webseite und plante regelmässig Veranstaltungen, die sie jeweils kurz vor dem Termin mangels Anmeldungen annullierte. Neulich hatte sie einen Imitations-Fotowettbewerb online geschaltet: Wem es gelänge, Al Capone glaubhaft darzustellen, dem winke ein gerahmtes Poster des Unterweltkönigs. Es hatte sich niemand gemeldet.
Anderthalb Stunden vor dem Mord kaufte sich Julia eine grosse Portion Marroni, da sie heute keine Lust hatte zu kochen. Sie schlenderte durch die Gassen, betrachtete die Auslagen der Läden mit all den Engeln, Schneemännern und Nikoläusen und bog dann in die Hirschmattstrasse ein. Es war wieder ein ätzender Arbeitstag gewesen. Ihr Job hatte sich in all den Jahren nicht verändert. Der Chef kriegte zwar sein Schäumchen inzwischen selbständig auf die Reihe, doch Julias Arbeit bestand aus nichts anderem als dem Entgegennehmen von Reklamationsanrufen. Sie musste vertrösten, erklären und beschwichtigen. Das beige Deux-Pièce «Abendblüte» sei zu bieder, hatte heute eine Anruferin gemeint, der anthrazitfarbene Hosenanzug «Frau von heute» hänge zu schlaff um die Taille, behauptete eine andere, und das kleine Schwarze, schimpfte ein Mann, sei nicht klein genug. Was erwarteten die Leute denn von einem Versandhaus, das mit dem Slogan warb: «Lindemann und Föhn – altbewährt ist schön»?
Ein kalter Windstoss fegte durchs Quartier. In zwei Tagen war Weihnachten. Da sie von Hardy nichts erwarten konnte, von dem er nicht selber profitierte, wie einem doppelstöckigen Dampfkochtopf mit herausnehmbarem Abtropfsieb oder einem Jahresabo der Zeitschrift «Angeln heute», betrat sie die Buchhandlung «Hirschmatt», um sich selbst zu beschenken. Sie entdeckte den neuesten Alder-Olsen-Krimi und kaufte ihn kurzerhand. Dann stapfte sie weiter, immer darauf bedacht, herabstürzenden Schneebrettern auszuweichen. Sie kam am «Big Point Tattoo Shop» vorbei, aus dem gerade eine junge Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht trat und sich die Schulter hielt. Julia fragte sich, womit die Frischtätowierte ihren Körper geschmückt hatte. Maori-Muster? Ein Einhorn? Kevin forever? Zu Beginn ihrer Ehe hatte Hardy tatsächlich ein Herz mit Julias Namen auf seinen Unterarm stechen lassen wollen. Doch Julia hatte ihn mit den Worten «und was, wenn wir uns einmal trennen?» davon abgehalten. «Wir trennen uns nie, mein Schatz», hatte er geantwortet. «Wir sind füreinander geschaffen.» Von wegen. Julia guckte sich immer wieder seufzend nach schönen Frauen um. Und Hardy auch. Peinlicherweise hatten sie den gleichen Geschmack. Beide fuhren auf grosse Dunkelhaarige ab.
Eine Stunde vor dem Mord kam Julia zu Hause an. Herkules, ihr Pudel, empfing sie mit halbherzigem Wedeln. Er war der Inbegriff von Faulheit. Wenn sie mit ihm Gassi ging, war er zu bequem, sein Bein zu heben, und bepinkelte sich regelmässig selbst. Jetzt schaute er sie unter seinen schlaffen Augenlidern an, befand sie für zu wenig unterhaltsam und trottete wieder davon. Hardy war mit seinen Kollegen beim Kegeln wie jeden Freitagabend. Die drei Töchter pflegten ihre obligate Freizeitbeschäftigung – Kiffen, Chillen und Wodka Lemon trinken im Kreise ihrer gepiercten, chattenden und twitternden Freundinnen. Nein, die Erziehung war Julia nicht geglückt.
Eine halbe Stunde vor dem Mord klingelte das Telefon. Herkules, der sich zu ihren Füssen niedergelassen hatte, hob kurz die Ohren, dann döste er wieder weg. Julia stellte ihren Tee neben den Adventskranz aufs Glastischchen und nahm den Anruf entgegen. Eine fremde Stimme meldete sich. Sie klang heiser, als wollte der Sprecher – es handelte sich um einen Mann mit unangenehm starkem Zürcher Dialekt – entweder nicht erkannt werden oder als hätte er seine letzten Abende in einer rauchgeschwängerten Bar verbracht. Sofern es solche noch gab.
«Hören Sie mir überhaupt zu?», krächzte der andere. «Ich habe Sie gefragt, ob Sie Julia Brenner sind!»
«Entschuldigen Sie», stammelte Julia. «Ich dachte gerade an rauchgeschwängerte Bars.»
«Wie bitte? Verdammt, sind Sie Julia Brenner oder nicht?»
«Ja, die bin ich. Mit wem spreche ich?» Die Unhöflichkeit des Mannes ging ihr gehörig auf den Keks.
«Sie haben etwas, das mir gehört», fuhr der andere fort.
«Ich wüsste nicht, was das sein sollte. Ich kenne Sie ja gar nicht.»
Eine Sekunde lang herrschte Stille. Dann fragte der andere: «Sind Sie allein zu Hause?»
«Was geht Sie das an! Ich lege jetzt auf. Übrigens ist mein Mann da. Und zwei seiner Freunde. Nein, drei.»
Ein fieses Kichern erklang aus dem Hörer. «Natürlich. Warum nicht gleich ein Dutzend.»
In diesem Moment schellte die Türglocke.
Herkules zeigte kein Anzeichen von Interesse, schnarchte zufrieden vor sich hin und sabberte auf seine Pfoten.
«Hören Sie das?», flötete Julia triumphierend in den Hörer. «Es läutet. Da kommt noch ein weiterer Freund meines Mannes zu Besuch. Adieu.»
Sie legte auf und marschierte durchs Wohnzimmer. So was Seltsames! Was hatte der Typ bloss gewollt? Sollte das ein Scherz sein? Vielleicht wurde das ganze Gespräch demnächst in einer dieser Sendungen mit versteckter Kamera ausgestrahlt. Hatte sie sich lächerlich gemacht? Sie überlegte eine Sekunde, während sie zur Tür ging. Nein, sie konnte sich nichts vorwerfen. Sie war sogar aussergewöhnlich erfinderisch gewesen. Die Nation hatte keinen Grund, über sie zu lachen. Sie drehte den Schlüssel und drückte die Klinke hinunter.
Da knallte die Tür gegen ihren Kopf. Julia prallte zurück.
«He! Was soll das?», rief sie, während sie sich an der Wand abstützte.
Ein Mann drang ein. Dichter Vollbart, dunkle Brille, Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. «Hallo, Schätzchen», feixte er. «Sie haben was, das mir gehört.» Zürcher Dialekt, etwas heiser. Wie konnte sie nur so dumm sein! Das war kein billiger Kamera-Trick, das war bitterer Ernst.
Er kickte die Tür mit dem Fuss ins Schloss, sperrte ab und steckte den Schlüssel ein. Bevor sie reagieren konnte, legte er den Zeigefinger auf ihre Lippen und flüsterte: «Keinen Mucks, sonst muss ich die hier gebrauchen.» Er tippte auf die Pistole, die in seinem Gürtel steckte.
Julia erstarrte vor Schreck.
Dann entspannten sich ihre Nerven. Aber natürlich – der Mann hatte ihre Online-Ausschreibung gesehen und bewarb sich für den Al-Capone-Fotowettbewerb. Allerdings schien er die Bedingungen nicht genau gelesen zu haben. Von Einbruch war nie die Rede gewesen. Auch entsprach seine Aufmachung nicht ganz derjenigen des echten Gangsters.
«Mit diesem Outfit», sagte sie, «gewinnen Sie nie.»
Zügig durchpflügte er den Eingangsbereich, ging zum Telefon und durchtrennte das Kabel. Er stieg über Herkules, der im Tiefschlaf dümmlich vor sich hinzuckte, dann sagte er: «Her mit dem Handy!»
Offensichtlich hatte sie sich geirrt. Es ging nicht um den Wettbewerb. «Ich habe kein Handy.»
«Los, rücken Sie’s raus! Ich tu Ihnen nichts, wenn Sie die Klappe halten und mich in Ruhe arbeiten lassen.»
Widerwillig übergab sie ihm ihr Mobiltelefon.
Dann drängte er sie ins Schlafzimmer.
«Aber …!», rief sie. «Was suchen Sie überhaupt? Wir haben keine Wertsachen im Haus.»
Er schob sie zum Bett. «Es wird nicht lange dauern.»
«Ich verstehe nicht.»
«Das brauchen Sie auch nicht.» Er verschloss das Schlafzimmer und liess den Schlüssel ebenfalls in seiner Hose verschwinden. Mit einer raschen Bewegung zog er ein Paar Handschellen hervor, schnappte sich ihr rechtes Handgelenk und kettete sie schneller ans Bettgestell, als sie «Pfoten weg, Sie Unhold!» sagen konnte.
Sie rüttelte an der Handschelle und schaute ihn vorwurfsvoll an. «Lassen Sie mich sofort wieder frei!» Als er keine Anstalten machte, liess sie sich entnervt auf die Matratze fallen.
«Wenn Sie schreien», knurrte er, «blas ich Ihnen das Gehirn aus dem Kopf. Obwohl das nicht allzu gross sein dürfte. Haben Sie kapiert?»
Sie nickte beleidigt.
Dann riss der Mann die Tür des Einbauschranks auf. Hardys gebügelte Hemden kamen zum Vorschein, alle in Weiss. Daneben seine Anzüge, graue, dunkelblaue und schwarze. Besonders experimentierfreudig war er noch nie gewesen, was Farben betraf. Auch sonst nicht. Er hatte keine Hobbies – ausser Kegeln und einmal im Jahr Angeln am Ägerisee –, keine Leidenschaften, geschweige denn Charaktertiefe, die zu erkunden sich lohnte. Wenn sie ihm heute abend erzählte, was sie erlebt hatte, würde ihn womöglich eine Herzattacke dahinraffen.
Julia starrte auf den Eindringling, der die Anzüge auf der Stange zur Seite schob. «Falls Sie ein Fetischist sind», sagte sie, «meine Kleider sind nebenan. Möchten Sie lieber BHs oder Höschen?» Vielleicht konnte sie ihn mit ein paar alten Fetzen abspeisen, so dass er wieder abhaute, ohne sie weiter zu belästigen.
«Behalten Sie Ihren Kram», nuschelte er in seinen Bart, während er die hintere Wand des Schrankes abklopfte. Er nahm einen Schraubenzieher aus seiner Jackentasche und begann, die Rückwand zu lösen.
Julia wunderte sich über gar nichts mehr.
Er drehte an den Schrauben herum, fluchte, als er abrutschte, dann warf er die erste in hohem Bogen hinter sich. Die zweite und die dritte folgten, die Rückwand wurde instabil, weitere Schrauben flogen auf den Teppich. Dann war er fertig. Er packte die Schrankrückwand, zerrte sie an Hardys Kleidern vorbei und stellte sie ans Fenster.
Neugierig guckte Julia in die Öffnung. Es war kohlschwarz dahinter. Staubfusseln stoben heraus, es roch nach Gips und Mörtel.
Der Mann hustete und beugte sich ins Innere. Er zündete eine Taschenlampe an und beleuchtete den Hohlraum, der sich hinter dem Schrank aufgetan hatte.
Julia lugte über seinen Kopf, konnte aber nichts erkennen. Zu gern hätte sie gewusst, was sich dort verbarg. Doch ihre aktuelle Lage liess ihr keine Bewegungsfreiheit. Der Einbrecher ging enorm selbstbewusst ans Werk; sie zweifelte keine Sekunde daran, dass er wusste, was er tat.
«Sie haben früher in dieser Wohnung gelebt?», fragte sie möglichst unverbindlich.
«Schnauze.» Seine Stimme klang gedämpft, während er irgendwo im Schein der Lampe hantierte.
«Sie haben etwas versteckt und möchten es wieder?», machte sie weiter. «Drogen? Waffen? Plutonium?»
Es rumpelte und knarrte, weitere Fusseln segelten heraus, der Mann nieste.
«Gesundheit», sagte Julia höflich.
Ein undeutliches Brummen kam zurück. Dann hievte er einen schweren Gegenstand heraus, stöhnte, als er sich den Kopf anschlug und wuchtete das Teil auf den Boden. Es war eine hölzerne Truhe voller Staub, Mauerbrocken und Mäusekötel. Er fegte den Dreck mit der Hand auf den Teppich, was Julia ein entrüstetes Schnaufen entlockte.
Doch sie wollte es nicht verderben mit ihm. «Kann ich Ihnen helfen? Möchten Sie die Kiste öffnen?»
«Lady, Sie sind mit Handschellen gefesselt. Sie werden mir bei gar nichts helfen.»
Julia lächelte ihn zuvorkommend an. «Das muss aber nicht so bleiben.»
Er verdrehte die Augen, beugte sich nochmals in den Schrank – und verschwand komplett darin. Der Hohlraum musste grösser sein als vermutet. Nun, da Julia allein im Zimmer zurückgeblieben war, rüttelte sie kräftiger am Bettpfosten und versuchte, sich zu befreien. Als das nichts nützte, erinnerte sie sich wieder an den Streit, den sie und Hardy gehabt hatten, als sie das neue Bett kauften. Sie fand das goldene Röhrengestell von Anfang an potthässlich – er bestand darauf. Natürlich war es nicht mal echtes Gold, sondern eine kitschige Nachahmung. Sie entsann sich der beiden Gewindeteile, die man hatte zusammenfügen müssen. Als gute Hausfrau wusste sie, dass alles, was ineinandergeschraubt wurde, auch wieder auseinandergedreht werden konnte. Hastig suchte sie die Rille, wo beide Teile aufeinandertrafen. Sie drückte, ruckelte und drehte. Das Verbindungsteil lockerte sich. Sie schraubte es weiter auf, bis es sich vom Hauptteil löste. Sie fuhr mit der Handschelle daran entlang – und war frei.
Etwas purzelte zu Boden. Als sie sah, was es war, riss sie die Augen auf. Mitten auf dem Teppich – soeben aus den Innereien des Bettgestells gerutscht – lag eine lange, dünne Stichwaffe. Ein Stilett.
«Nanu?», machte Julia. «Wie ist das denn hier reingekommen?»
Sie nahm die Waffe in die Hand und wendete sie hin und her. Ein schönes Stück. Der Griff war schwarz, die Klinge scharf und silbern.
Ein Fabrikationsfehler der Bettenfirma? Ein Kinderstreich ihrer Töchter? Oder etwas Schlimmeres? Sie dachte kurz an ihren Mann, dann schüttelte sie den Kopf. «Hardy und Geheimnisse? Niemals!»
Aus dem verschlossenen Zimmer konnte sie nicht flüchten. Blieb nur noch, das Fenster zur Strasse zu öffnen und laut zu schreien. Allerdings hatte der Kerl gedroht, ihr das nicht allzu grosse Hirn aus dem Kopf zu blasen. Darum liess sie das mit dem Schreien sein und machte sich daran, den Inhalt der Truhe zu erkunden.
Der Deckel war nicht verschlossen. Sie stemmte ihn hoch – und stiess einen kleinen, spitzen Schrei aus. Dicke Geldbündel lagen darin. Tausende von Euroscheinen, Dollars und englischen Pfund. Daneben zwei Pistolen, eine Schachtel Munition und etwa zwanzig Pässe und Identitätskarten, die mit einem Gummiband zusammengehalten wurden. Julia löste es und schaute sich die Ausweise an. Es waren Pässe aus Deutschland, Grossbritannien, Italien und den USA, einer stammte aus Puerto Rico, einer aus dem Libanon. Jeder lautete auf einen anderen Namen.
Und jeder zeigte das Bild ihres Mannes.
«Hardy!», entfuhr es ihr. «Was soll das?»
Aus dem Hohlraum war ein Poltern zu hören.
Schnell warf Julia die Pässe wieder in die Kiste zurück. Sie hechtete zum Bett, grabschte nach dem Stilett und hielt es hinter ihren Rücken, als sei sie noch immer ans Gestell gekettet. Der Mann kletterte ächzend aus dem Schrank. Er schleppte eine weitere Kiste heran und grinste zufrieden.
«Sind Sie fündig geworden?», fragte sie.
«Hab lange genug auf diesen Moment gewartet», antwortete er leutselig. Ein Stück seines falschen Bartes hing von seiner Wange, das rasierte Kinn kam darunter zum Vorschein. «Ihr Mann ist nicht der, für den Sie ihn halten.»
«Tatsächlich?» Sie umklammerte eisern den Griff ihrer Waffe.
«Jetzt, da ich Gewissheit habe, dass er der Abtrünnige ist, den ich gesucht habe, muss ich ihn leider aus dem Verkehr ziehen. Und Sie auch. Das verstehen Sie sicher, nicht wahr?»
«Aber selbstverständlich», pflichtete sie ihm bei. «Sie sind vom Geheimdienst?»
Er nickte anerkennend. «Wie haben Sie das erraten?»
«Ach.» Sie winkte bescheiden ab. «Hausfrauenintuition.»
«Ich tue es nicht gern, glauben Sie mir», fuhr der Agent fort. «Aber es muss sein.» Er fuhr langsam mit der Hand zum Gürtel hinunter und wollte nach der Pistole greifen.
Das war der Moment, da Julias schlummernde Amazone zum Einsatz kam. Sie schnellte hervor, warf sich auf ihn und bohrte ihm das Stilett ins Herz. Es fuhr so leicht durch seinen Körper, als wäre er aus Butter. Der Mann erstarrte, blieb mit erstaunt aufgerissenen Augen stehen. Dann zog er die Stichwaffe zwischen seinen Rippen hervor. Ein Schwall Blut strömte aus der Wunde. Das Stilett fiel ihm aus der Hand, er röchelte, seine Beine knickten ein. Sein Kopf schlug auf dem Boden auf.
Julia wartete in sicherer Entfernung. Sie betrachtete seinen Brustkorb, der sich noch ein paarmal hob und senkte, kurz darauf hatte der Spion sein Leben ausgehaucht. Genau genommen war das kein Mord, nicht mal vorsätzliche Tötung, sondern Notwehr. Eigentlich schade. Als Mörderin wäre sie Al Capone irgendwie näher gewesen. Kurzerhand deklarierte Julia ihre Tat innerlich als kaltblütigen Mord. Das fühlte sich schon viel besser an.
Nun hatte sie viel zu tun. Als Erstes suchte sie den Schlüssel zur Handschelle, die noch immer an ihrem rechten Handgelenk baumelte, fand ihn und befreite sich von dem Teil. Schwungvoll warf sie es in den Schrank. Dann öffnete sie begierig die zweite Truhe.
Akten lagen darin, unzählige handgeschriebene Papiere, Computerausdrucke und Dokumente. Julia überflog sie. Von einem Agenten «HB71» war die Rede, und je länger sie las, desto klarer wurde ihr, dass damit Hardy gemeint war. «1998, Einsatz in Libyen», erfuhr sie, dann folgten weitere Jahreszahlen und Orte wie Mogadischu, Washington und Islamabad. In den letzten Jahren schienen die Einsätze vor allem im Inland gewesen zu sein. Deshalb hatte Hardy die falschen Pässe wohl nicht mehr gebraucht, und die Kisten waren verstaubt. Die Aufträge, die ihr Mann hatte ausführen müssen, drehten sich, soweit sie die Geheimdienst-Sprache verstand, um das Ausspionieren brisanter Technologien, die Entschlüsselung geheimer Akten und das Eliminieren einflussreicher Personen.
«Eliminieren!», murmelte sie tonlos.
Als sie die Seiten weiter überflog, erregte einer der Einträge ihre besondere Aufmerksamkeit: «Regelmässige Berichterstattung freitags in der Zentrale», stand dort. Und darunter «Tarnung: Kegelabend mit Freunden».
Julia war empört. Sie hatte all die Jahre geglaubt, er sei mit seinen Kumpels im Bowlingcenter gewesen – stattdessen hatte er Mordaufträge besprochen. Das war zu viel! Ihre Töchter hielten sie für eine langweilige alte Schachtel, ihr Pudel ignorierte sie, die Hamster quietschten erschreckt auf, wenn sie sie fütterte – und nun auch noch Hardy.
Plötzlich wusste sie, was zu tun war.
Sie stopfte die Akten zurück und stapelte die Geldscheine auf dem Teppich. Wenn sie es richtig überschlagen hatte, musste es sich um mehrere Millionen in internationalen Währungen handeln. Konnte sie gut gebrauchen. Übermorgen war Heiligabend. Sie würde sich einen langgehegten Wunsch erfüllen. Mit Elan wuchtete sie die beiden Kisten zurück in den Hohlraum.
Nun kam der schwierigere Teil. Der tote Kerl. Der musste weg.
Sie packte ihn an den Füssen und zog ihn zum Schrank. Die Pistole schepperte über den Boden. Julia hatte keine Ahnung gehabt, wie schwer und sperrig so eine Leiche war. Erlebte man ja nicht alle Tage. Mit Mühe gelang es ihr, den schlaffen Körper in den Schrank zu bugsieren, ihn in den Raum dahinter zu schieben und an die Mauer zu lehnen. Sein Kopf kippte zur Seite, sein Kiefer klappte auf.
Sie griff in die Hosentasche des Toten und fischte den Schlafzimmer- und den Wohnzimmerschlüssel heraus, die der Mann dort verstaut hatte. Dann packte sie die Schrankrückwand und schraubte sie wieder an. Sie verteilte Hardys Hemden gleichmässig auf der Stange und schloss die Schranktür. Mit ihrem super saugfähigen Kaltdampf-Staubsauger «Cool’n’clean» (Hardys letztjährigem Weihnachtsgeschenk) schaffte sie es, die Blutspuren auf dem Teppich komplett zum Verschwinden zu bringen. Als Letztes wischte sie die Fingerabdrücke vom Stilett, schob es wieder ins Bettgestell und drehte dieses zusammen. In etwa drei Tagen würde es hier anfangen zu stinken. Aber das war nicht ihr Problem.
In wenigen Minuten hatte sie gepackt. Die gebündelten Geldscheine, den königsblauen Pullover, die guten Schuhe, mehr brauchte sie nicht. Dann trat sie in die kalte Winternacht.
Ein paar Tage später sass sie am Tresen der «Al Capone»-Bar in der South Michigan Avenue in Chicago. Im oberen Stock hatte sie ein Zimmer gemietet. Ein junges Quartett, bestehend aus zwei Schwarzen und zwei Weissen, spielte auf der Bühne dezente Jazzmusik. Neben dem Regal mit Dutzenden von Whisky-, Rum-, Baccardi- und anderen Flaschen hing ein Plakat von Luzern. Die Kapellbrücke war darauf zu sehen. Die klassische Ansicht, vor dem Brand. Auf dem Bild stand: «We love Lucerne – our partner city». Ein wohltuender Hauch von Wehmut erfasste Julia. Sie nippte an ihrem Brandy. Schaute sich um, lauschte der Musik. Fühlte sich rundum gut. Ja, mehr als das. Sie hatte heute die Liebe ihres Lebens gefunden.
«Tiffany», murmelte sie und schaute lächelnd auf die grosse, dunkelhaarige Schönheit, die neben ihr sass. Tiffany lächelte zurück und nannte sie «Honey». Stundenlang hatten sie sich unterhalten, über Gott und die Welt geredet, Julia in ihrem holprigen Schulenglisch, Tiffany mit einem exotischen Akzent, den Julia nicht einordnen konnte. Nun würde ihr Leben endlich die Wende nehmen, die sie sich immer erhofft hatte. Einen Moment dachte sie an die Leiche zu Hause, die wohl inzwischen vor sich hinmüffelte. Es war Zeit für ihren Anruf. Sie nahm ihr neues Prepaid-Handy und wählte die Nummer der Schweizer Polizei. Als eine Dame sich meldete, teilte sie ihr mit, man solle bitte Hardy Brenners Wandschrank unter die Lupe nehmen. Und ihn selber am besten auch. Er sei nicht ganz koscher.
Die Musiker spielten «Take five» von Dave Brubeck. Der Lärmpegel schwoll an, es roch nach Anisschnaps, irgendwo klirrte Glas. Tiffany verschwand kurz Richtung Toilette. Julia summte die Melodie mit. Sie trank einen weiteren Schluck Brandy. Er schmeckte bitter und verheissungsvoll, genau so, wie Al Capone ihn genossen hätte. Sie war erfüllt von Glück, berauscht, ja richtig schwindlig. Das Luzern-Plakat verschwamm vor ihren Augen, wurde heller, greller. Farben entstanden, rot, orange, gleissend-gelb. Plötzlich brannte die Kapellbrücke. Die Flammen züngelten ums Holz, frassen sich in die Brücke, verschlangen sie. Die Hitze bahnte sich ihren Weg in Julias Kehle. Ihr Atem stockte.
In diesem Moment ertönte ein Piepsen. Julia tappte nach dem Handy und merkte zu spät, dass es dasjenige von Tiffany war. Der Geschmack von bitteren Mandeln im Brandy breitete sich in ihrem Gaumen aus.
Auf einmal verstand sie.
Tiffanys Akzent. Er war nicht exotisch. Er war schweizerisch. Julia würgte und starrte auf das SMS. Das Letzte, was sie sah, bevor sie mit dem Kopf an die lodernde Kapellbrücke schlug und vom Feuer verzehrt wurde, waren die Worte: «Geliebte Tiff, ist sie hinüber? Bitte eiligst mit dem Geld zurückreisen, Befehl von der Zentrale. Neuer Auftrag in Jordanien steht an. Heisse Küsse, Agent HB71, dein Hardy.»

REINFALL AM RHEINFALL
HELMUT MAIER
Der Schatten wird ihn verraten. Er weiss es, seit er die Schritte hört. Langsame Schritte. Tappende Schritte. Nachtwächterschritte. Schritte, die durch den Aufgang der Burg leise zu ihm hochhallen. Begleitet vom kaum hörbaren Klimpern eines Schlüsselbundes und vom Lichtstrahl einer Taschenlampe, der über das jahrhundertealte, speckige Kopfsteinpflaster irrt und ab und zu über die Seitenwand des spiralförmigen Aufganges huscht. Vielleicht richtet sich der Strahl auch mal nach oben, an die Decke des Ganges. Hellbrauner Stein. Oder noch weiter hoch, wenn sich der Nachtwächter misstrauisch über das Steingeländer an der Innenseite der Spirale beugt und den Strahl durch die Mitte des gewundenen Aufgangs bis zum Ende der Kurven schickt. Wer unten bei der niedrigen Holztür zum erstenmal den Kopf in den Nacken legt, glaubt, in das aufgeschnittene Gehäuse einer Schnecke zu blicken. Aufgeschnitten ohne Schnecke. Also ohne Sauerei, sauber, trocken, mit klar erkennbaren Strukturen, beinahe wie ausgepinselt. Wie es sich für die Schweiz gehört.
«Reitschnecke», hat der Munotwächter noch gesagt, als sie auf der Zinne der Burg einmal mehr angestossen hatten. Nur sie zwei. Auf einem der Mäuerchen sitzend, das jede der vier Laternen umgab. Etwas verloren sassen sie da, auf dieser weiten, runden Dachfläche, die an guten Abenden auch einer Hundertschaft von Paaren genügend Platz bietet, eine Quadrille zu tanzen und sich dabei näherzukommen. Der Blick auf die Hügel des Randen ist durch eine Mauer verdeckt, die teilweise überdacht ist und sich wie ein Ring fast vollständig um die Zinne legt. Eine Trutzburg, rundum verteidigbar, weil der ganze Kanton von Deutschland umzingelt ist, auch jetzt noch, zwei Jahre nachdem der Euro abgeschafft wurde. Und wo die Deutschen nicht sind, lauern die Zürcher. Zum Glück jenseits des Rheins, aber immer noch in Reichweite der beiden altertümlichen Kanonen, für alle Fälle.
«Reitschnecke. Der Aufgang wird Reitschnecke genannt.»
Das war vor einer kurzen Ewigkeit.
Er ist nicht einmal mehr dazu gekommen, den Munotwächter nach der Bedeutung der Reitschnecke zu fragen. Pferde werden sie hier doch nicht hochgetrieben haben, damals, als die Festung noch Festung war und als Rundbau uneinnehmbar, wollte er noch sagen. Doch dann ging alles viel zu schnell. Und schon liegt da dieser verräterische Schatten. Nicht auf der Zinne, sondern darunter, in der Kasematte. In dieser riesigen Steinkuppel, die von der Zinne überdacht wird und durch die er kopflos flüchten wollte. Kasematte. Wieder so ein Wort, das die Einheimischen mit einer Selbstverständlichkeit von sich geben, als ob jeder wissen müsste, was es bedeutet. Wieder so ein Wort, das er nicht kennt und das ihm der Munotwächter nicht mehr erklären kann, weil er nur noch Schatten wirft. Ein Wort aber, das zur Burg gehört, die sie hier Festung nennen, und zu diesem gedrungenen Gewölbe unter der Zinne mit seinen Seitenarmen, durch deren Öffnungen der Wind ins Innere bläst und seinen rasenden Atem übertönt.
Die Schritte werden leiser.
Das Scheppern des Schlüsselbundes verstummt.
Das kann nicht der Nachtwächter sein.
Es gibt nur einen Wächter hier, den Munotwächter.
Doch der macht keinen Schritt mehr.
Wer kommt hier hoch?
Und warum so langsam?
So vorsichtig?
So verhalten?
Eine Pistole in der Hand?
Er zieht Bauch und Brust ein und drückt sich in eine Nische der Reitschnecke. Er spürt die Kälte der Steinquader, in deren Fugen sich Moos aus Jahrhunderten sammelt, und sucht nach einem Fluchtweg. Der Haupteingang fällt weg. Von dort hallten die Schritte in die Kasematte. Schritte, die er im letzten Moment noch hörte und die seine Bewegungen augenblicklich einfrieren liessen, bevor er sich wieder in die Reitschnecke zurückzog. Blitzschnell. Wie die Fühler einer Schnecke. Aber nicht ohne vorher den Schatten auf dem kieskalten Boden der Kasematte bemerkt zu haben. In einem der vier Kreise, die die Oberlichter durch die meterdicke Decke des Gewölbes werfen. Wie Scheinwerferkegel. Auch jetzt, nachts, weil die Laternen auf der Zinne in der Mitte der Lichtschächte angebracht sind. Gesäumt von kleinen Mäuerchen, auf denen sie soeben noch sassen und über den Gitterrost plauderten, der in Hüfthöhe unter ihnen befestigt war. Damit niemand in die Kasematte runterfalle, hatte der Munotwächter noch gelacht, dieser rothaarige Koloss. Und jetzt liegt er selbst auf dem Rost und wirft diesen Schatten. Unübersehbar, mitten in der Scheinwerferfläche des Oberlichts.
Wie ein Teil eines Puzzles. Nur viel grösser.
Zum Glück ist alles noch dran.
Ein Rumpf, zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf.
Eine Art Blutlache. Zwar nicht rot, sondern grau. Trotzdem unübersehbar. Der Kerl mit dem Schlüsselbund musste den Schatten bemerkt haben. Sonst wären seine Schritte nicht langsamer geworden, als er sich der Reitschnecke näherte, in der er selbst sich immer weiter nach oben verkriecht, von einer Nische in die nächste, mit einer Flasche in der Hand. Auch der Fluchtweg nach unten ist ihm jetzt versperrt. Vereitelt die Möglichkeit, zur kleinen Holztür zu gelangen, in der Hoffnung, dass sie noch offen wäre, dann schattenhaft über die Munotstiege durch den Rebberg in die Unterstadt zu huschen, an tausend Erkern vorbei durch Vordergasse, Oberstadt und Obertor in sein Quartier zu schleichen, wo er seit seiner Ankunft ein Zimmer bewohnt. Nicht viel grösser als seine ehemalige Zelle, doch weit komfortabler. Und ohne eingeritzte Namen in den Wänden.
Auch ohne seinen.
Pluto.
Sein Knastname.
Nicht nach dem Gott der Unterwelt, sondern nach dem Planeten Pluto, dem äussersten des Sonnensystems. Weil auch er sich immer am äussersten Rand bewegt und sich möglichst weit entfernt von jeder Arbeit aufhält. Auch weit entfernt von allen Menschen. Seit jeher. Arbeit liegt ihm nicht, auf Menschen hat er keine Lust. Beides ist seinem Wesen fremd. Nur versteht das niemand. Planet Pluto. Nicht der erste Übername, mit dem er aufgezogen wurde. Kinder hielten sich an kleine Reime. «Adrian – Baldrian!» war ihr Schlachtruf gewesen, nachdem ein Lehrer bei der Abschlussreinigung in einem Klassenlager geflucht hatte, dass Baldrian im Vergleich zu ihm ein Aufputschmittel sei. «Adrian – Baldrian!» hallt jetzt jeder Schritt leise die Kurven hoch. Die Flucht wird immer dringender.
In die Waffenkammer? Dann könnte er sich schlimmstenfalls mit einer Hellebarde oder einem Morgenstern verteidigen. Er rückt aus seiner Nische zur Holztür vor. Verschlossen.
Auf die Zinne?
Mit Blick auf die Laterne, unter der er soeben noch mit dem Munotwächter gesessen war? Beim zweiten Halbliter eines hier gezogenen Weins, eines Schaffhauser Blauburgunders, der besser schmeckte als gedacht. Nicht überragend, aber besser. Weniger sauer jedenfalls. Er hätte lieber ein heimisches Falkenbier getrunken. Aber Wein war unverfänglicher.
Vorsorglich hatte er sich nach der ersten Flasche noch zwei weitere besorgt und sich eine davon öffnen lassen, als er sah, dass der rundliche, aber kräftig wirkende Zinnenwirt die Holzläden seines Ausschankes schloss. Er hätte sich gerne an einen der langen Holztische auf der Zinne gesetzt, doch der Munotwächter winkte ab. Nie werde er sich an einen Tisch dieses Halsabschneiders setzen! Noch keine zwei Wochen sei der hier, und als Erstes habe ihm dieser Geizkragen gleich den Hausrabatt gestrichen. Ihm, dem Fredy Klingler! Ihm, dem Munotwächter! Nein, da setze er sich lieber zu den Laternen.
Pluto fügte sich. Die Mäuerchen, die jede der vier Laternen umringten, hatten immerhin die richtige Sitzhöhe. Die Steine waren noch warm vom sonnigen Herbsttag, auch wenn die Dämmerung schon eingesetzt hatte. Im Hintergrund ein letztes Knallen eines Holzladens, das Klirren eines Schlüsselbundes und dann die langsamen Schritte des Zinnenwirtes, der sich über die Reitschnecke auf den Heimweg in die Unterstadt machte.
«Wird Zeit, dass der geldgierige kleine Sack endlich geht», knurrte der Munotwächter. Es sei unglaublich, was sich dieser Zwerg alles herausnehme. Schon am ersten Tag habe er seine Öffnungszeiten bis 20 Uhr verlängert. Um 20 Uhr müsse aber er, der Munotwächter, die Eingänge schliessen, was nichts anderes bedeute, als dass er den Besuchern, die eben noch einen Kaffee oder halben Weissen geholt hätten, klarmachen müsse, dass sie das nicht mehr auf der Zinne trinken könnten. Was natürlich zu Reklamationen führe, aber nicht gegen den neuen Wirt, diesen feinen Herrn Winnenritz, sondern gegen ihn! Er habe ohnehin den Verdacht, dass dieser Winnenritz gegen ihn intrigiere, wo er nur könne, und ihn am liebsten weg hätte. Was ihm durchaus gelingen könnte, denn er selbst, der Munotwächter, sei auch erst seit vier Wochen im Amt, also noch in der Probezeit, und er müsse aufpassen, dass ihm kein Fehler unterlaufe. Dieser Lump von einem Wirt habe auch schon behauptet, er, der Munotwächter, habe die eine oder andere Flasche Schnaps aus dem Wirtskeller mitlaufen lassen und eines Abends die Eingänge verschlossen, wohl wissend, dass sich der Wirt noch in seinem Weinkeller neben der Kasematte befunden habe. Was barer Unsinn sei. Doch jetzt habe auch der Wirt einen Schlüssel zum Haupteingang, und er selbst habe seit heute keinen mehr zum Wirtskeller, weil dieser Halunke das Schloss habe auswechseln lassen. Was natürlich nicht sein dürfe, denn schliesslich sei er, der Munotwächter, zuständig für die Sicherheit in der ganzen Festung. Er könne sich das jedenfalls nicht weiter bieten lassen, das werde dieser Schurke schon noch sehen! Ihr Streit sei ja fast schon zum Stadtgespräch geworden. – Doch jetzt gehe er erst mal das Licht in der Reitschnecke löschen. Brauche ja keiner zu wissen, dass sie noch hier oben sässen.
Pluto hatte sich das alles anders vorgestellt. Er musterte den Turm, der die Zinne überragte und in dem der Munotwächter wohnte. Achteckig, wenn er richtig zählte. Mit Blick über den Weinberg, über die Ziegeldächer der Altstadt, über den Rhein, die Schifflände und die Rhybadi, über den Randen und über das ganze Umland. Auf der Turmspitze das Munotglöcklein, das der Munotwächter einmal am Tag läuten musste. Von Hand. Immer um neun Uhr abends. Für fünf Minuten. Der Munotwächter hatte ihm noch das Lederband gezeigt, das nach einem Unglück bei einem Blitzschlag das ursprüngliche Drahtseil ersetzte und mit dem er das Glöcklein in Bewegung brachte.
Ein Glöcklein läuten, einmal am Tag. Das wäre etwas für ihn, für Pluto. Das würde er als Arbeit aushalten. So würde er sich seine Bewährungszeit vorstellen. Und auch die Jahre danach. Nur gab es da dieses kleine Hindernis. Die Stelle war schon besetzt. Von diesem rothaarigen Koloss. Das musste geändert werden. Darum war er hier.
Der Plan war schon in der Zelle gereift. Wobei – in der Zelle war der Plan noch grün wie eine frisch gepflückte Banane gewesen. Reifen musste er unterwegs. Immerhin hatte sich während seiner Gitterjahre draussen einiges verändert. Auch die Tropfen, von denen Koller im Knast erzählt hatte, hatten sich weiterentwickelt. Umwerfende Wirkung, hatte Koller geflüstert, als er ihm gegen eine halbe Stange Zigaretten den Namen des Dealers verraten hatte. «Vollkommen geschmacksneutral und schon nach Stunden nicht mehr nachweisbar. Kannst du in jedes Getränk reinkippen. Danach kannst du mit jedem machen, was du willst! Und das Beste: Er kann sich nachher an nichts mehr erinnern. Nicht einmal mehr an den Drink.»
Das traf sich mit Plutos Absicht. Diese Tropfen brauchte er. Nur musste er sich damit noch in die Höhle des Löwen wagen. Nach Schaffhausen. Ausgerechnet in eine Stadt, deren Name schon nach Arbeit klang. Das würde zu allem hier passen. Ausser zum Munotglöcklein, das er in Zukunft selber scheppern lassen wollte.
Jeden Abend pünktlich um neun, für fünf Minuten.
Früher das Zeichen dafür, dass die Stadttore und die Kneipen geschlossen werden mussten, wie der Munotwächter lachend erklärte, als er zurückkam, sich wieder setzte und sich durch die roten Haare strich. Kneipenschluss um neun. Das wunderte Pluto nicht. Das schaffige Volk musste früh zu Bett, vor Jahrhunderten schon, denn am folgenden Tag wurde wieder am Munot gebaut, an diesem Bollwerk hoch über den Dächern der Stadt. In Fronarbeit. Kein Lohn, nur täglich eine halbe Mass Wein, ein Brot und etwas Brei. Fünfundzwanzig Jahre lang. Ein Vierteljahrhundert. So etwas geht in Fleisch und Blut über. Das wird man auch über Generationen nicht los. Noch heute hat er das Gefühl, dass sich die Stadt nach neun Uhr abends in ein kleines Dorf verwandle, in dem nur da und dort noch jemand anzutreffen ist. Am ehesten in der Nähe der Restaurants und Kneipen in der Unterstadt oder in der Fussgängerzone rund um die Vordergasse, den Fronwagplatz und die Vorstadt mit ihren schmucken Häusern, von denen jedes einen Namen trägt. «Zur goldenen Waage», «Zum roten Adler», «Zur blauen Lilie», «Zum Maulbeerbaum», «Zur Quittenstaude». Dazu Fassaden voller Erker und Malereien, da und dort mit verhaltenem Schalk gepaart. Ein Skelett, das in einem Erker steht. Oder eine versteckte Anspielung in einer Wandmalerei. In einer Freske glaubte er, Diogenes und sein Fass entdeckt zu haben. Ausgerechnet Diogenes, der grösste Nichtstuer vor dem Herrn, hatte es geschafft, sich unter dieses arbeitsame Volk zu mischen. So viel Selbstironie hätte er nicht erwartet, obwohl schon das Kantonswappen darauf hindeutet. Ein Schafbock, der das Schaffige von Schaffhausen verniedlichen soll. Doch Pluto lässt sich nicht täuschen. Ein Wolf im Schafspelz. Wie der Widder, der beim Museum zu Allerheiligen als dreidimensionales Stadtwappen aus dem Turm herausragt. Goldene Hörner, goldene Hufe und ein Gemächt mit einem goldenen Sack, der allen klarmacht: Wer sich mit diesem Bock einlässt, wird aus dem Vollen schöpfen. Die Häuser lassen auch keine Zweifel offen. Das war einst eine reiche Stadt. Aus dem Zufall geboren. Oder besser aus dem Rheinfall. Aus diesem natürlichen Hindernis, das von den Frachtschiffen auf dem Flussweg nicht zu passieren war. Die Waren mussten auf Karren umgeladen, der Rheinfall auf dem Landweg umgangen werden. Das sorgt für Arbeit, und wenn man dazu noch Zölle erhebt, auch für Reichtum, den man in Häuser voller Erker steckt. Nein, Pluto lässt sich nicht täuschen.
Auch nicht von den Schritten.
Jetzt nicht mehr.
Der Schlüsselbund ist der Schlüssel.
Es muss der Zinnenwirt sein.
Das gleiche Klimpern wie vor einer halben Stunde, als der Wirt sich angeblich auf den Heimweg machte und der Munotwächter ihn zu verwünschen begann, während Pluto den Turm musterte und dachte, dass er sich das alles anders vorgestellt habe. Der Munotwächter war ein leutseliger Mann, der ihm schon die halbe Schaffhauser Geschichte erzählt hatte und dem er eigentlich nichts antun wollte. Ausser den Job klauen. Doch dieser Job, das war nicht nur fünf Minuten Glöcklein läuten am Tag. Der Munotwächter sollte auch Führungen machen, manchmal drei am Tag, manchmal fünf, jede mindestens eine Stunde, und immer wieder das Munotlied vortragen. Er musste Besucher unterhalten, an zahllosen Abendveranstaltungen für Sauberkeit und Ordnung sorgen, bei Munotbällen, Konzerten und Freiluftkinos präsent sein und womöglich noch die Toiletten putzen. Nein, das hatte Pluto sich alles anders vorgestellt. Das waren ihm zu viel Arbeit und zu viele Menschen. Da würde er lieber an den Rand des Kantons ziehen, nach Bargen oder noch weiter hinaus, in das Niemandsland zwischen dem schweizerischen und dem deutschen Zoll, und von ein bisschen Kleinkriminalität leben. Irgendwelchen Kneipenbesucherinnen ein paar Tropfen in ihre Drinks mischen und ihnen dann die Handtasche klauen. So was in der Art. Aber Munotwächter werden? Das war mehr Arbeit, als er verkraftet hätte. Er hätte es wissen müssen. Schaffhausen. Das konnte nichts Arbeitsfreies bedeuten.
Ihm kamen Zweifel an seinem Plan. Im Knast hatte sich alles noch so einfach angefühlt. Den Munotwächter anfragen, ob er so etwas wie sein Bewährungshelfer werde, bei zwei, drei Treffen die Lage auskundschaften, bei ein paar Flaschen das Vertrauen des Munotwächters gewinnen, ihm bei günstiger Gelegenheit die Tropfen ins Getränk mischen, worauf der Munotwächter nach kurzem Schwindel in Tiefschlaf fiele, das Munotglöcklein an diesem Abend stumm bliebe und der Rothaarige zum Risikofaktor würde. Denn das könnte sich die Stadt nicht leisten, einen Abend ohne das vertraute Gebimmel, einen Munotwächter, der seine heiligste Pflicht verschläft. Schon wären Zweifel an seiner Zuverlässigkeit gesät. Der Rothaarige würde sich auch an nichts mehr erinnern, wie Koller im Knast mehrfach versichert hatte. Erinnerungslücken! Das würde seine Glaubwürdigkeit vollends untergraben. Und die Gelegenheit war günstiger, als Pluto sich erträumt hatte. Der neue Wirt hatte das Ansehen des Munotwächters schon ordentlich angekratzt. Mit etwas Glück würde der Posten schneller frei, als er gedacht hätte. Einmal am Tag das Munotglöcklein läuten. Das war der Plan. Die Zweifel liessen sich beseitigen. Für den Rest der Arbeit fände sich schon eine Lösung. Oder ein Student.
Plutos Blick war vom Turm zur Laterne geglitten, dem Laternenpfahl entlang zum Gitterrost, der etwa hüfthoch im Lichtschacht angebracht war und stabil genug schien, das Gewicht von zwei bis drei Männern zu tragen.
«Sag mal, du hast mich vor Tagen angefragt, ob ich für ein paar Wochen eine Art Bewährungshelfer werden wolle», wurde er aus seinen Gedanken gerissen. «Warum ausgerechnet ich?» Der Munotwächter streckte ihm sein leeres Glas entgegen. Die erste Flasche war ausgetrunken, Pluto schenkte ihm aus der zweiten ein. Er selbst war noch nicht so weit, aber er sollte aufholen, um Vertrauen zu schaffen, gerade weil er kein guter Gesprächspartner war. Wenigstens war er auf die Frage vorbereitet.
Ein Munotwächter sei in seinen Augen eine integre Person, und er, Pluto, wolle nicht in die falschen Hände geraten. Er stände jetzt am Wendepunkt seines Lebens und habe sich entschlossen, endlich den richtigen Weg einzuschlagen. Dazu gehöre auch ein Wohnortswechsel. Schaffhausen scheine ihm irgendwie noch unverdorben, heil und friedfertig, geeignet für einen Neuanfang. Seinen Bewährungshelfer könne er nicht mitnehmen. Er suche darum jemanden, der sich vor Ort vorübergehend um ihn kümmere, bis er wisse, ob er hier Fuss fassen könne. Eine integre Person. Eine Person wie den Munotwächter.
Der Rothaarige nahm einen Schluck, nickte nachdenklich, verzog dann das Gesicht, als ob der Wein sauer wäre, nahm noch einen Schluck, wandte sich plötzlich ab, führte die Hand erst an den Hals, dann an den Mund, als ob er erbrechen müsste, begann zu zucken, stiess das Glas um, beugte sich über das Mäuerchen in den Lichtschacht, begann, mit den Beinen zu zittern, dann zu zucken, versuchte, sich auf die Seite zu drehen, verlor das Gleichgewicht und glitt mit einem Plumps auf den Gitterrost. Er zuckte und zitterte weiter, während Pluto aufgesprungen war und versuchte, ihn aus dem Schacht zu holen. Der Koloss drehte sich im Zucken auf den Rücken, Pluto sah in weit aufgerissene Augen und auf einen schäumenden Mund, der ihm etwas entgegenstöhnte, das sich wie «Wiii …rrt … Wein … vgiftettt!» anhörte. Die Augen weiteten sich noch mehr, der Oberkörper bäumte sich heftig auf, ein heiseres Röcheln entrang sich der Kehle, und plötzlich fiel der Munotwächter leblos zurück auf den Rost, die Augen starr in den Nachthimmel gerichtet.
Pluto brauchte nicht den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen, welche Katastrophe sich hier anbahnte und dass er für die Polizei der Hauptverdächtige wäre. Ein Mordfall, ein Knasti, keine Zeugen. Dazu die Tropfen, die nur Illegales ahnen liessen. Koller würde nicht dichthalten, der Dealer auch nicht. Es würde nichts nützen, wenn Pluto beteuerte, die Tropfen nicht in die Flasche geschüttet zu haben. Es würde nichts nützen, wenn er die noch unversehrte Ampulle vorwiese. Sie würden ihm nicht glauben. Der Wirt würde aussagen, dass die beiden zum Schluss allein auf der Zinne gesessen seien, mit drei Flaschen Wein, eine davon leer. Es würde nichts nützen, die Fingerabdrücke auf der zweiten Flasche abzuwischen. Sie würden es als Indiz dafür werten, dass er es getan hatte, sonst wären Fingerabdrücke auf der Flasche zu finden. Entweder von ihm, vom Wirt oder vom Wächter. Aber keine Abdrücke machten nur ihn verdächtig, keinen der beiden anderen. Sie durften die Flasche nicht finden. Nicht finden würden sie sie nur, wenn er sie mitnähme.
Ohne weiteren Blick auf das Opfer packte er die Flasche, rannte Richtung Turm, hastete über vier, fünf Stufen zum Eingang der Reitschnecke und dann Kurve um Kurve hinunter zur Kasematte, wobei er sich fiebrig eine Erklärung für die Polizei zurechtlegte. Das Gespräch sei nach der ersten Flasche beendet gewesen, er habe eine der vollen Flaschen mitgenommen und die andere dem Wächter dagelassen.
Er wollte sich gerade überlegen, wie und wo er sie dem Schein nach ausgetrunken und entsorgt hätte, damit alles glaubwürdig klänge und die Flasche nicht gefunden würde, als er die tappenden Schritte aus dem Eingang der Kasematte hörte, wie eingefroren stehenblieb, sich nach kurzem Schreck wieder in die Reitschnecke zurückzog, sich Nische um Nische nach oben drückte und realisierte, dass das Klimpern, das er zu Beginn gehört hatte, vom Schlüsselbund des Wirtes stammen musste.
Einen Herzschlag später weiss er, wie er aus dem ganzen Schlamassel herauskommt. Er schleicht die letzten paar Schritte zur Zinne hoch, stellt die Flasche um die Ecke auf den Boden, dreht sich um, schreit um Hilfe, stürzt sich erneut in die Reitschnecke, schreit weiter um Hilfe und stösst in der zweiten Kurve auf den rundlichen Wirt, der wie versteinert stehenbleibt, mit der Taschenlampe in der Hand. Pluto packt ihn an den Oberarmen, schüttelt ihn, schreit ihn an, brüllt, es sei etwas Schreckliches passiert, er müsse unbedingt helfen, er zerrt und zieht den überraschten Wirt Richtung Zinne, während er ihm zuschreit, dass der Munotwächter einen Anfall erlitten habe und in den Lichtschacht gefallen sei und dass er ihn allein nicht herausholen könne und dass sie es zu zweit sicher schaffen würden und dann Ambulanz und Spital und Notaufnahme, und das würde den Wächter sicher retten.
Er zerrt den ungläubigen Wirt die letzten Treppen hoch, stösst ihn über die Zinne, schiebt den störrischen Esel Richtung Laterne, packt die noch verschlossene dritte Flasche, während sich der Wirt über das Mäuerchen beugt, sich wieder erhebt und ohne sich umzudrehen stottert, dass da nirgendwo keiner liege, was nur ein billiges Ablenkungsmanöver sein kann, doch Pluto lässt sich nicht täuschen, holt aus und weiss, dass sich alle Probleme mit einem Schlag lösen werden. Der Streit zwischen Wirt und Wächter ist schon beinahe stadtbekannt – die Befragung wird ein Kinderspiel. Der Munotwächter und er, Pluto, hätten friedlich einen Wein getrunken, als sich der Wirt dazugesellt habe. Dann seien der Wirt und der Munotwächter aneinandergeraten, es sei immer heftiger geworden, der Wächter habe nach einem kräftigen Schluck das Gesicht verzogen und den Wein des Wirts als Fusel bezeichnet, worauf es zwischen den beiden zu einem Handgemenge gekommen sei, der Wächter sei gestrauchelt, der Wirt habe das ausgenutzt und den Wächter über die Mauer in den Lichtschacht gestossen, worauf ihm, Pluto, nichts anderes übriggeblieben sei, als dem Wirt eins überzuziehen und sich durch seine Beherztheit als künftiger Munotwächter zu empfehlen. Dass der Schlag so unglücklich ausgefallen sei, dass sich der Wirt im Fallen an der zerbrochenen Flasche auch noch den Hals aufgeschlitzt habe, sei natürlich bedauerlich, und dass der Munotwächter nicht einen Genickbruch erlitten habe, sondern vergiftet worden sei – vom Wirt vergiftet –, sei zwar schrecklich, lasse aber die Tat des Wirtes noch viel verwerflicher erscheinen, und es sei nur einer glücklichen Fügung zu verdanken, dass er, Pluto, nicht auch noch von diesem Wein getrunken habe. Das wäre dann Doppelmord gewesen, denn er habe die Flasche schon in der Hand gehabt, um sich nach diesem Schrecken einen Schluck zu gönnen. Doch genau in dem Moment hätte er sich an die Worte des Munotwächters erinnert, wonach das Glöcklein auch als Alarm geläutet werden könne, also sei er in den Turm hinaufgerannt und habe das Glöcklein wie wild geläutet, damit die Stadt und die Polizei möglichst schnell heraufeilten und ihm beiständen.
Mit all diesen Gedanken im Kopf holt er aus und will mit aller Kraft zuschlagen, als sein Herzschlag aussetzt, weil tatsächlich kein Körper mehr auf dem Gitter liegt, dafür sein Unterarm von einer eisernen Faust gepackt, herumgerissen und auf den Rücken gedreht wird. Ein Schmerz fährt in seine Schulter, ein Schlag in die Nieren zwingt ihn in die Knie, die Stimme des Munotwächters zischt ihm ins Ohr:
«Bewährungsprobe nicht bestanden, mein Lieber. Ich bin zwar ein integrer Kerl, aber ab und zu muss auch ich zur Lüge greifen, um die Wahrheit herauszufinden. Was immer ich dir über den Wirt und mich erzählt habe, war frei erfunden. Wir sind alte Bekannte. Ich habe ihn gebeten, mich heute zu ignorieren und vor neun nochmal hochzukommen, ich würde ihm dann alles erklären. Ich wollte nur testen, wo deine Schwächen liegen. Ob du mir hilfst, wenn ich hilflos auf dem Gitter liege, ob du davonrennst, oder ob du die Gelegenheit nutzt, mir den Schlüssel abzunehmen und meine Wohnung auszuräumen. Aber dass du gleich den Wirt erschlagen willst, hätte ich mir nie träumen lassen.»
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