Read the book: «Manfred Maurers Reise in den Süden»
Manfred Maurers
Reise in den Süden
Texte eines Steyrer Literaturpreises
Herausgegeben von Gerhard Klausberger
ENNSTHALER VERLAG STEYR
www.ennsthaler.at
1. Auflage 2014
ISBN 978-3-7095-0034-7 (EPUB)
Manfred Maurers Reise in den Süden
Herausgeber: Gerhard Klausberger
Copyright © 2014 by Ennsthaler Verlag, Steyr
Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich
Satz & Umschlagestaltung: Thomas Traxl & Christoph Ennsthaler
Umschlagmotiv: jamdesign/fotolia
Intro
14 großteils unveröffentlichte Erzählungen werden in diesem Band präsentiert. Manfred Maurers literarisches Werk, allen voran die Erzählung »Erste Reise in den Süden«, bildete während der letzten Jahre den Schreibanlass für über 100 junge Autorinnen und Autoren, ihre Beiträge zum »Manfred Maurer-Literaturpreis« einzureichen. Diese Anthologie stellt nun die Siegertexte aus den Wettbewerben der Jahre 2008, 2010 und 2012 vor, erweitert um einige gelungene Einreichungen, die beim Preis zwar leer ausgingen, aber deutlich über bloße Talentproben hinausweisen. Manfred Maurers Erste Reise in den Süden, erstmals erschienen 1985, wird in diesem Erzählband neu aufgelegt.
Der Süden steht im Mittelpunkt der meisten in der vorliegenden Anthologie abgedruckten Erzählungen. Das zehnjährige Pflegekind Alfred in Manfred Maurers Geschichte erlebt es in den 60er Jahren als etwas völlig Exotisches, mit den Nachbarn im Auto ans Meer zu reisen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist eine solche Reise in den Süden völlig normal. Italien, Griechenland oder Kroatien gehören zum Alltag, exotisch ist vielleicht – wenn überhaupt – noch der Südpol. Die Gegenwartstexte, die hier vorgestellt werden, vermitteln das aktuelle Bild. In den Erzählungen ist der Süden vielschichtiges Symbol, das Reisen zur Metapher geworden.
Manfred Maurer wurde am 8.11.1958 in Steyr geboren, wo er auch aufwuchs und, nach der Pflichtschule in St. Anna, die Handelsakademie (HAK) besuchte. Seit 1981 lebte er als freier Schriftsteller in Wien. Er war Verfasser von Romanen, Krimis, Hörspielen, Drehbüchern, Erzählungen und Kurzprosa. Im Jahr 1983 erhielt Manfred Maurer als 24-Jähriger den Literaturpreis der Kulturinitiative »Junges Steyr«, deren Vorsitzender damals Gerhard Klausberger war. Zu Maurers erfolgreichsten Werken zählen »Sturm und Zwang«, »Land der Hämmer« und »Das wilde Schaf«. Am 11. November 1998, nur drei Tage nach seinem 40. Geburtstag verstarb Manfred Maurer an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.
Gerhard Klausberger, der Herausgeber dieser Anthologie, war in den 70-er Jahren Manfred Maurers Deutschlehrer und Klassenvorstand an der Steyrer HAK. Er hat im Jahr 2008 als Direktor der ehemaligen Schule Maurers den »Manfred Maurer-Literaturpreis« ins Leben gerufen und fungiert auch als Juryvorsitzender dieses Wettbewerbs. »Es war mir ein wichtiges Anliegen, dieses Buch herauszugeben«, sagt Klausberger, »um einerseits zeitgemäße Themen an die Leserschaft heranzutragen, anderseits für junge Autorinnen und Autoren eine Plattform herzustellen und, last but not least, um den – zu Unrecht – in der Erinnerung des Lesepublikums mancherorts nur mehr peripher vorhandenen Schriftsteller Manfred Maurer eineinhalb Jahrzehnte nach seinem tragischen Tod wieder stärker ins Zentrum der Lektüre zu rücken.«
Einstieg
manfred maurer – erste reise in den süden
manfred maurer
erste reise in den süden
die großen ferien haben längst begonnen. lumpi, der vogel, zwitschert auf der schattenseite am balkon. alfred hat heut keine lust zu essen. er fühlt sich nicht wohl, ist ein bisschen krank vielleicht.
du mußt aber etwas essen, sagt die pflegemutter, essen muß man. du schaust eh aus wie ein suppenkasperl. die leute glauben noch, sagt sie, ich geb dir nichts. die glauben, ich steck das geld für dich ein und laß dich verhungern. komm, iß was, wozu stehe ich denn sonst den ganzen vormittag in diesem dunst?
sie nimmt einen brocken vom grießbrei auf die gabel und schiebt ihn sich in den mund, zeigt alfred, wie gut er schmeckt.
aber alfred kann beim besten willen nichts hinunterkriegen. auch nicht, wenn er ihr eine freude machen wollte, wozu er sich des öfteren verpflichtet fühlt, sozusagen als dank für alles, was sie für ihn tut, und damit er kein schlechtes gewissen zu haben braucht.
ich kann nicht, sagt er, ich will nicht.
sie verzieht das gesicht und beginnt zu leiden.
so etwas stures wie dich, sagt sie, habe ich überhaupt noch nie erlebt. aber tu nur so weiter, dann wirst dich schon noch an meine worte erinnern, wenn ich einmal nicht mehr bin. du bringst mich ins grab, aber das willst du ja, schreit sie, du willst mich umbringen, sonst wärst du ganz anders. nicht einmal das eigene kind, jammert sie, aber sekkiert mich bis aufs blut, das gfrast[1]. womit habe ich das verdient? wofür muß mich der herrgott so bestrafen.
alfred schlägt die tür hinter sich zu.
will ich sie wirklich umbringen, denkt er, auf der schwarzen klobrille sitzend, bin ich wirklich so schlecht? werde ich einmal bestehen können vor dem jüngsten gericht oder ewige höllenqualen erleiden müssen?
angst befällt ihn. sie kriecht vom bauch in die brust hinauf. was soll ich tun, was soll ich bloß tun? denkt er. tränen steigen ihm in die augen.
ich will diesen verdammten grießbrei nicht, ich will ihn nicht essen, und wenn ich nicht will, dann will ich nicht, denkt er und schlägt mit der flachen hand auf die badewanne, die gleich neben der klomuschel steht.
hau da draußen nicht herum wie ein verrückter, schreit die pflegemutter in der küche.
halt den mund, flüstert alfred, du hast ja einen vogel.
die angst schlägt in haß, in wut um.
das kommt alles nur davon, weil ich keinen vater habe, denkt er, alle gehen sie los auf mich, alle beißen sie her. bei mir trauen sie sich, weil ich keinen papa habe, der mir hilft und der es ihnen zeigt.
er versucht krampfhaft das schluchzen zu unterdrücken. er will nicht, daß ihn beim weinen jemand sieht oder hört. da schämt er sich sonst zu tode, wenn alle sehen, wie arm er ist, und vielleicht auch noch mitleid mit ihm haben. er verkriecht sich immer irgendwo, wenn er weint, und kommt erst wieder hervor, wenn er sich halbwegs beruhigt hat.
ich bring mich um, denkt er, ich häng mich auf. dann werden sie schon schauen, dann werden sie diejenigen sein, die weinen.
nach einer viertelstunde verläßt er das klosett wieder.
ich geh jetzt zur tante mitzi hinauf, ruft er in die küche, wo die pflegemutter das geschirr abwäscht, wir gehen dann nach rosenegg baden.
daß du mir ja nicht ins wasser gehst, schreit sie.
alfred schlüpft in die sandalen und knallt die tür hinter sich zu. er geht die paar schritte über die grünanlage, was natürlich verboten ist.
alfred wohnt mit seinen pflegeeltern und deren jüngster tochter, die fünfundzwanzig ist, in einer stadtrandsiedlung. vierstöckige, gemeindeeigene mietskasernen mit zwei- und dreizimmerwohnungen, waschküchen, trockenräumen, abstellräumen, dachböden. grünanlagen, mit birken und ziersträuchern und parkplätzen vor den häusern, teppichklopfstangen, zwei sandkisten mit bänken rundherum hinter den häusern.
andauernd kreuzt der gemeindeeigene aufseher in seinem dreiradler auf und sieht nach, ob auch nicht ball gespielt wird, ob auch keiner in die wiese steigt oder mit dem rad fährt, wo es nicht gestattet ist. vor ihm haben alle panische angst. was er sagt, das gilt. man darf ihm nicht widersprechen, sagt die pflegemutter immer, sonst bekommt man schwierigkeiten und wird delogiert. alfred drückt auf den klingelknopf. franz, der cousin, öffnet die tür.
komm herein, sagt er.
grüß dich, sagt alfred zu tante mitzi, die in der küche hantiert.
grüß dich, sagt sie, setz dich, wir sind gleich fertig.
alfred setzt sich in einen der weinroten fauteuils und starrt vor sich hin. sein schweigen ist ihm unangenehm. er hat das verlangen, etwas zu sagen, das ihnen spaß macht oder freude bereitet, weil sie sich um ihn kümmern und ihn an ihrem leben teilhaben lassen.
er bringt aber nichts heraus, und auch die beiden anderen sagen nichts. das ist alfred recht, denn er hat angst davor, angeschaut, angesprochen zu werden, nichts entgegnen zu können, rot, belächelt und bemitleidet zu werden.
an der wand hängt ein großes, gerahmtes bild, das eine hochalpine landschaft zeigt mit hütte und bach, saftigen grünen wiesen und grauen deckweißbergen. das hat herr maier gemalt, weil onkel karl ihm beim bau einer garage geholfen hat.
das ist mindestens dreitausend schilling wert, sagte onkel karl einmal und freute sich.
in der ecke steht die leselampe mit dem weißen schirm, die onkel karl selbst gebastelt hat. er ist ja so geschickt, er kann einfach alles. ganz anders alfred, der ist ungeschickt, ein tolpatsch, er kann überhaupt nichts. man sagte es ihm so lange, bis er es glaubte, und jetzt ist er es wirklich. er bringt einfach nichts fertig, hat keine geduld, wegen jedem handgriff muß er zu einem anderen gehen und ihn bitten.
auch franz, der cousin, ist ganz anders. er hilft seiner mutter, wo er nur kann. er trocknet das geschirr ab, hilft ihr beim kochen, wäscht die wäsche, hängt sie auf und nimmt sie ab, bügelt. und alfred tut keinen handgriff, er ist faul und »fliegt« den ganzen tag auf der straße herum.
so, franz, sagt tante mizzi, räumst mir noch das geschirr ein?
ja, mutti.
ich gieße noch die blumen, sagt tante mitzi, dann können wir gehen.
wie im fernsehen beim onkel bill, denkt alfred, nicht so wie bei uns, wo immer nur gestritten und nichts – nicht einmal das essen – gemeinsam geschieht. jeder hat seine aufgaben, jeder weiß, was er zu tun hat. der vater, »die starke hand«, befiehlt. aufmucken, das gibt es nicht, das traut sich der franz gar nicht.
alfred schaut auf die uhr, die am sekretär steht. ein uhr vorbei schon.
die sollen gefälligst weitertun, denkt er, draußen ist es so schön, und ich sitze hier herum, wegen denen.
franz räumt gemächlich das strahlende geschirr in die selbstgebaute einbauküche. er zerbricht nie etwas. alfred darf man nichts in die hand geben, sagt die pflegemutter immer und gibt ihm auch nichts.
tante mitzi gießt sorgfältig die blumenstöcke. kein tropfen geht daneben, alles wasser sickert in die braune blumenerde, wie es sich gehört.
fertig, gehen wir, sagt sie dann endlich.
franz muß noch aufs klo.
alfred steht in dem kleinen vorzimmer mit dem selbstgebauten eschenen einbauschrank und weiß nicht, wo er hinschauen und was er mit tante mitzi reden soll.
baden heißt für ihn heute: im schatten sitzen und zuschauen, wie die anderen plantschen, spritzen, schwimmen, tauchen, sich von den felsen hinunterstürzen. das verbot der pflegemutter sitzt zu fest im kopf. alfred traut sich nicht, er hat angst, daß er sich zur strafe für seine unfolgsamkeit eine lungenentzündung holt und sterben muß.
rosenegg heißt rosenegg, weil das schloß auf der anhöhe schloß rosenegg heißt. es gibt viel wald in dieser gegend, auen entlang des flusses. die landschaft erinnert ihn immer an das bild, das er in einem buch über kanada gesehen hat. dann kommt die verwitterte wehranlage: eine stufe aus morschem holz. das wasser schießt hinunter, taucht hinein, überschlägt sich, sprudelt in die höhe. zwei meter hohe wellen, schneeweiße wellenkämme, grüne tiefe, luftmatratzen, haarschöpfe.
DAS BADEN IM WEHRBEREICH IST VERBOTEN! BETRETEN DER WEHRANLAGE NUR AUF EIGENE GEFAHR!
danach nimmt die wucht des auf wasser aufschlagenden wassers ab mit jedem meter. die wellen werden kleiner und kleiner, das wasser seichter, der fluß beruhigt sich und fließt dann zügig. am wasser entlang befindet sich eine schotterbank, auf der sich hunderte von badegästen tummeln. alfred sitzt mit tante mitzi und frau burgfrau im schatten eines alten baumes. franz treibt sich mit seinen taucherbrillen im wasser herum. der fluß hat in diesem sommer zwanzig grad celsius.
und du gehst nicht ins wasser? fragt frau burgfrau alfred.
nein, er ist ein bißchen krank, sagt tante mitzi, er darf nicht, weil wir ja am sonntag nach jugoslawien fahren, und da muß er schauen, daß er wieder ganz gesund wird, sonst muß er zu hause bleiben, und das wäre ja ein blödsinn.
ah, ihr fahrt nach jugoslawien am sonntag und nehmt ihn auch mit, sagt frau burgfrau und zeigt mit dem finger auf alfred.
bei tante mitzis badeanzug schauen zwischen den beinen etwa sieben sehr lange haare heraus. alfred ist scharf darauf, etwas von der schambehaarung der frauen zu sehen. er freut sich schon sehr auf den augenblick, wenn sich bei ihm selbst die ersten härchen zeigen.
jetzt ist er eh schon zehn jahre alt und war noch nirgends, sagt frau burgfrau.
doch, in deutschland war er schon, sagt tante mitzi, da nimmt ihn die frau hausmann immer mit, wenn sie zu ihrer schwester fährt.
ah so, sagt frau burgfrau, ah ja, stimmt schon.
alfred wirft mit einer blechbüchse und muß an seine mutter denken, die oft sagt: jetzt bin ich dreißig vorbei und war noch nirgends, außer in die fabrik komme ich nirgends hin.
die luftveränderung wird ihm guttun, sagt tante mitzi, er schaut eh so schlecht aus und ist immer krank.
ja wirklich, sagt frau burgfrau, schlecht schaut er aus, so weiß im gesicht, gar keine farb hat er.
das kommt nur, weil er kein obst und kein gemüse ißt, sagt tante mitzi.
was, kein obst und kein gemüse? aber das ist doch das wichtigste, frau burgfrau kann es gar nicht glauben.
aber was glauben sie denn, sagt tante mitzi,wie der heiklig[2] ist, der ißt ja fast überhaupt nichts. die frau hausmann ist viel zu gut mit ihm, wenn er was nicht ißt, dann kocht sie ihm eben etwas anderes. bei mir gibt es das nicht. wenn er nicht ißt, was auf den tisch kommt, dann kriegt er eben nichts, aus. der franz ißt alles.
der schaut auch anders aus, sagt frau burgfrau, aber von klein auf, von klein auf hätte man das machen müssen.
natürlich von klein auf, sagt tante mitzi, da hat die frau hausmann einen großen fehler gemacht.
alfred steht auf und geht zum wasser.
immer nörgeln sie an mir herum, denkt er. immer wissen sie besser, was ich will und was ich brauche, nichts paßt ihnen. jetzt gehen sie auch noch auf die mutti los, nur weil sie mir etwas gutes zum essen kocht. was wissen den die blöden kühe, wie sehr mir vor dem verdammten obst und dem gemüse graust, wass wissen denn die? warum muß ich mir immer alles gefallen lassen? warum hilft mir keiner? am liebsten würde ich ihnen, denkt er, einen stein auf den schädel schießen, daß das blut herausspritzt und daß sie hin sind.
vom anderen ufer weht ein leichter wind herüber und bewegt die äste der großen, starken bäume. im wasser brechen sich die sonnenstrahlen. alfred hat angst, seine eingeweide verkrampfen sich. eines tages wird die ganze welt einstürzen, denkt er, und alles wird aus sein. dann kommt das jüngste gericht, dann werden trompeten erschallen, und jesus wird die guten von den bösen trennen. er setzt sich neben das wasser auf den warmen schotter. sanfte wellen rollen heran, ohne ihn erreichen zu können. das geschrei der wasserratten verstört ihn. die angst wird stärker, wie immer, wenn er unter leuten ist, ohne einen menschen, an den er sich klammern kann.
obwohl sich alfred den ganzen nachmittag nur im schatten aufgehalten hat, brennt seine haut. weiter unten auf der schotterbank werden lagerfeuer entzündet, würstchen gebraten. tante mitzi beschließt, daß es nun zeit ist, nach hause zu gehen. die drei machen sich auf den weg durch den kühlen wald.
die haselnüsse sind noch nicht reif, sagt tante mitzi, es hat keinen sinn, sie herunterzureißen.
alfred läßt es sein.
franz weiß allerlei zu berichten von seinem badeerlebnis. er ist ein kräftiger, gesunder, anständiger bub. er geht ins gymnasium und will später einmal arzt werden, sein vater ist werkmeister in einer maschinenfabrik, hat schlosser gelernt, war dann tüchtig und fleißig, jetzt ist er wer. alfreds vater stammte von einem bergbauernhof, der zehn kinder aus zwei ehen zu ernähren hatte, ging als hilfsarbeiter in die fabrik, wo er alfreds mutter kennenlernte, und starb dann plötzlich über nacht, einige tage nach alfreds erstem geburtstag, einundzwanzigjährig.
alferds mutter, die wie tante mitzi aus einer zehnköpfigen flüchtlingsfamilie – siebenbürger, die vierundvierzig nach österreich kamen – stammt, arbeitet seit ihrem vierzehnten lebensjahr. zuerst in der landwirtschaft, dann fertigte sie billigen schmuck, wechselte schließlich in die eisenverarbeitende industrie über, wo sie wohl bis zur pensionierung bleiben wird. alfreds vormund ist das jugendamt, vor dem er panische angst hat, weil die pflegemutter immer damit droht, wenn er nicht »brav« ist, sondern wieder einmal »unausstehlich und lästig«.
kommst heut abend herauf, alfred, sagt tante mitzi, zum essen? heut gibts cevapcici, was jugoslawisches, damit du siehst, was wir in jugoslawien essen werden.
ja, sagt alfred.
sie sind inzwischen zu hause angelangt. auf der straße krabbeln kleinkinder in sandkisten herum, größere spielen zwischen den häusern unter den birken cowboy und indianer, kämpfen, raufen, führen krieg und schließen frieden. am wäscheplatz ist ein fußballmatch im gange. das spiel muß immer dann unterbrochen werden, wenn jemand vom fenster herunterschreit, der wäscheplatz sei kein spielplatz und man werde sich auf dem gemeindeamt beschweren.
oder wenn der gemeindebedienstete, den noch niemand anders als in knickerbockerhosen gesehen hat und der auch hier wohnt, den ball kassiert und mit aufs amt nimmt. andere hängen auf den teppichklopfstangen und vollführen kunststücke, was natürlich auch verboten ist. die braven mädchen spielen gummitwist: PETER ALEXANDER, HAXN AUSEINANDER, HAXN WIEDER Z’AMM, UND DU BIST DRAN!
hausfrauen und pensionisten tratschen, autobesitzer polieren, wer überhaupt nichts zu tun hat, hängt am fenster und schaut sich die welt an.
die pflegemutter trocknet das geschirr ab.
ich bin hundsmüde, sagt sie.
sie hatte heute gemeinsam mit ihrer zweitältesten tochter, die mit ihrem mann, der elektroschweißer ist, und den vier kindern gleich nebenan wohnt, großen waschtag. und sie ist ja auch nicht mehr die jüngste, sie wird bald sechzig.
willst jetzt was essen? fragt sie.
nein, sagt alfred, ich geh dann zur tante mitzi hinauf, da gibts cevapcici.
cevapcici, fragt die pflegemutter, was ist denn das?
das sind jugoslawische würstel, sagt alfred, ich kenn sie auch noch nicht.
und da haben sie dich eingeladen, sagt die pflegemutter, dir gehts aber gut, mich lädt nie jemand ein.
alfred geht hinunter und setzt sich vor die haustür, wo ein paar seiner freunde kartenspielen. er schaut zuerst zu und spielt dann mit, als einer der spieler einkaufen gehen muß.
franz ist selten auf der straße, er ist meistens drinnen bei der mutter. am nachmittag beim baden am steinkasten ist er ab und zu dabei. er kann sehr gut und sehr weit tauchen und hat auch eine luftmatratze. sie wandern viel, kennen alle berge in der näheren und weiteren umgebung. sie haben ausgezeichnete wanderschuhe, ein tourenbuch mit einem enzian vorne drauf, zwei rucksäcke, die die männer tragen, das vokabular der bergsteiger, daß alfred nur so schaut, wenn sie ihn mitnehmen auf den berg.
sieben uhr: die glocken der expositur st. anna läuten.
ich muß jetzt gehen, sagt alfred zu seinen freunden. ich muß noch wo hin heut abend, sagt er verschmitzt.
hunger hat er inzwischen und auch wieder dieses unangenehme gefühl, das er jedesmal hat, wenn er vor dieser tür, nummer drei, steht. er kommt fast immer als bittsteller: ob ihm onkel karl das fahrrad reparieren, die bindung montieren kann, die rodel ist kaputt, ob er mit in die wachau, auf den schoberstein, die grünburgerhütte fahren darf, wenn sie fahren. das sind gänge zum schafott. alfred sitzt oft stundenlang, bis er es herausbringt, zählt hundertmal bis zehn und tut es dann doch nicht. sie wissen natürlich, was los ist, lassen ihn aber zappeln. alfred schwitzt blut und würde sich am liebsten selbst ins gesicht schlagen.
zu weihnachten kommt er, um gute feiertage zu wünschen und die hundert schilling, die sie ihm in einem blauen briefkuvert überreichen, abzuholen. einmal hat er auch ein buch über die freibeuter der antarktis bekommen. am ersten jänner wünscht er ein gutes neues jahr.
tante mitzi führt ihn ins wohnzimmer. onkel karl blickt von seiner zeitung, den oberösterreichischen nachrichten, auf. alfred gibt ihm die hand. vor ihm hat er die größte angst. onkel karl ist ein strenger mann, aber auch ganz lustig. alfred gefällt beides nicht. er hat es am liebsten, wenn man ihn in ruhe läßt.
na, hast schon gepackt, fragt onkel karl lachend.
nein, sagt alfred und wird knallrot im gesicht.
er versucht krampfhaft, ein lächeln zu spielen.
so einen vater, sagt die pflegemutter immer, würde auch er brauchen. ihm geht nur der vater ab, sagt sie, der ihm »die wadeln nach vorne richtet«, dann würde er sich nicht mehr erlauben, was er sich mit ihr erlaubt, dann würde er sich schon überlegen, ob er lästig ist oder nicht.
franz kommt aus der küche. er hat eine weiße schürze umgebunden.
wirds eh was? fragt onkel karl.
ich glaub schon, sagt franz und schüttelt sich vor lachen.
und dann kommen sie, tante mitzi serviert die kleinen, braunen würstchen auf jausenbrettern.
schauen gut aus, sagt onkel karl.
dann ist es ruhig, dann wird gegessen, beim essen spricht man nicht.
super, was die alles kennen, schmecken wirklich gut, denkt alfred. doch plötzlich wird seine begeisterung gedämpft. er entdeckt, daß auch zwiebeln in den knusprigen dingern sind, und zwiebeln mag er nicht, vor ihnen ekelt er sich wie vor so vielen anderen dingen auch. er versucht verbissen, kein stück davon zu erwischen. gleichzeitig muß er darauf achten, daß ihm die anderen nicht dabei zusehen, wie er fein säuberlich die zwiebelstückchen aussortiert, sonst würden sie ihn darauf ansprechen, und er würde wieder rot werden, nicht wissen, was er sagen soll.
er ist froh, daß er endlich fertig wird und der spießrutenlauf ein ende nimmt. franz war schon vor ihm fertig.
magst noch was? fragt tante mitzi, es sind noch welche da.
nein danke, sagt franz, ich hab keinen hunger mehr.
du, alfred?
nein danke, sagt er.
nach dem essen, tante mitzi und franz haben die bretter und das besteck in die küche geräumt, sitzen sie gemütlich beisammen. alfred fühlt sich nun einigermaßen wohl. tante mitzi holt das fotoalbum mit den bildern vom letzten jugoslawienaufenthalt, etwa hundert stück, die sie mit der kamera gemacht haben, die alfreds verstorbenem vater gehört hat.
da hat franz eine burg aus sand gebaut, da hat er sich eingegraben, da schwimmt er im meer, da springt er vom sprungturm herunter. das ist der onkel fritz, der onkel vom franz. der hat am abend immer so einen spaß gemacht. das ist die tante herta. da sind wir alle beisammen vor unserem zelt beim kochen. der onkel karl und der franz haben sich immer um die größten kartoffeln gestritten, das war die größte gaudi.
da bin ich und die tante herta in der kurzen hose, sagt tante mitzi, so sind wir ins hotel zündhölzer kaufen gegangen. die waren alle gerade beim abendessen, alle im schwarzen anzug und im abendkleid, die haben schön geschaut, wie wir da so hereingeschneit sind, aber wir haben uns da überhaupt nichts angetan. das ist der hafen und das große salzschiff, sagt franz, das war mehr als hundert meter lang.
sie beginnen geschichten zu erzählen. alfred hört gespannt zu. er kann es schon gar nicht mehr erwarten, alles mit eigenen augen zu sehen und selbst mittendrin zu stecken. am liebsten würde er die zeit bis dorthin durchschlafen, damit sie schneller vorbeigeht.
ich muß jetzt gehen, sagt er und steht auf.
was, zehn uhr ist es schon? sagt tante mitzi, die zeit ist aber schnell vergangen. franz, du gehst auch gleich ins bett.
ja, mutti, sagt franz.
alfred läuft durch die dunkelheit, sperrt die haustür auf und wieder zu, steigt die stufen in den ersten stock hinauf, sperrt die wohnungstür auf und wieder zu und schleicht, ohne licht zu machen, auf zehenspitzen durch das wohnzimmer, in dem maria, die tochter seiner pflegeeltern, auf der couch schläft, ins schlafzimmer, wo die pflegeeltern im ehebett schnarchen. jeder in einer anderen ecke zusammengerollt. alfred legt sich in sein bett, das an der wand steht. die drei müssen immer früh aufstehen, deshalb gehen sie auch früh zu bett. der pflegevater muß auf die baustelle, wo er als hilfsarbeiter beschäftigt ist, und maria in die schuhfabrik, wo sie als oberteilstepperin arbeitet. die pflegemutter muß das frühstück machen und die jausen herrichten und einpacken.
über das bett hat alfred einige poster mit popstars und filmschauspielern geklebt. sein sehnlichster wunsch ist ein eigenes zimmer. er hat angst davor, daß ihn jemand besucht und dann sieht, wie er wohnt. er glaubt, daß ihn jedermann, der es erfährt, ablehnt und verachtet. so setzt er alles daran, freunde und andere menschen in solchem abstand zu halten, daß sie gar nicht auf die idee kommen, ihn zu besuchen.
aber jetzt wird ja alles ganz anders. in ein paar tagen fährt er nach jugoslawien. dort wird er in einem zelt schlafen und abenteuer erleben. wenn es doch schon heute wäre, denkt er, kurz bevor er einschläft.
es ist samstagnachmittag. heute nacht also ist es soweit, heute nacht geht es auf in den süden. alfred ist außer sich, aufgeregt, ein wohliges gefühl aus freudiger erwartung und angst vor dem neuen, unbekannten. er bringt seine sachen zu onkel karl und tante mitzi hinauf, damit sie sein zeug in ihre koffer packen können. das wichtigste, was er mitnimmt, sind natürlich die beiden badehosen. aber das zweitwichtigste ist die braune windjacke mit den rot-weiß-blauen rändern, die gleiche, die heintje in einem seiner filme trug. alfred und die pflegemutter kauften sie im frühling vom anschaffungsbeitrag, den alfred zweimal jährlich von der fürsorge erhält. das sind die beiden schrecklichsten tage des ganzen jahres für ihn. schon lange vorher ist er am boden zerstört. es freut ihn nichts mehr, er hat nur wahnsinnige angst davor, daß er wieder gemeinsam mit der pflegemutter in einem der kleiderhäuser der stadt stehen wird, und sie, nachdem er hosen, hemden, jacken, mäntel, pullover probiert und das »lässigste« ausgewählt hat, den kleinen, weißen schein zückt und der kassiererin vorlegt.
sie sagt dann: ich hab da was vom jugendamt. die kassiererin setzt die brille auf, nimmt den schein zwischen die finger, betrachtet ihn lange und sagt dann: ja, ist in ordnung.
dann muß eine verkäuferin die ausgewählten kleidungsstücke der reihe nach ansagen, und die kassiererin trägt sie schön langsam und fein säuberlich in eine liste ein. ist dies geschehen, muß die pflegemutter schein und liste unterschreiben. und alfred steht dabei und glaubt zu zerspringen, so schämt er sich. ein schweißausbruch jagt den anderen, ein schwindelgefühl erfaßt ihn, und er fühlt, wie sich die kopfhaut zusammenzieht. am liebsten möchte er davonlaufen, doch er ist wie gelähmt. er möchte laufen, laufen, laufen, alles zurücklassen: die pflegemutter, die mit zittriger hand ihre unterschrift aufs papier bringt, das geschäft mit den verkäuferinnen und den kunden, die straße, die stadt, irgendwo auf einem grasbewachsenen hügel zusammenbrechen und zu den sternen hinaufschauen. er schämt sich so. er hat so schreckliche angst, daß ihn jemand sieht, der ihn kennt und dann weiß, daß er auf kosten anderer lebt, daß er von der fürsorge eingekleidet wird, weil er ein halbwaisenkind ist. er fühlt sich schlecht und minderwertig wie ein stück dreck, daß er gar nicht mehr leben möchte. und die sekunden werden zur ewigkeit. alfred kann sich gar nicht vorstellen, daß er jemals aus dem geschäft hinauskommen könnte. irgendwie geschieht es aber doch immer wieder, und dann nimmt er das paket und läuft seiner pflegemutter davon. er will nicht mit ihr gesehen werden, alles vergessen, unerkannt nach hause hetzen und sich dort verstecken. haben sich dann die verkrampfungen gelöst, freut er sich über den kostenlosen zuwachs an kleidung. er hat es wieder einmal geschafft, ohne daß jemand hinter sein schreckliches geheimnis gekommen ist. dann atmet er erleichtert auf, ballt die hände zu fäusten und schwört sich, daß er einmal etwas besonderes werden wird, etwas großes, daß er es allen zeigen und nicht mehr abhängig sein wird, daß dann er derjenige ist, der jemanden beschenkt.
den film mit dem heintje hat er gemeinsam mit seiner mutter am 25. dezember im stadtkino gesehen und war begeistert vom heintje und der windjacke.
obwohl alfred erst zehn jahre alt ist, hat er schon viele filme gesehen. er geht jeden sonntag nach der heiligen messe mit seinem freund hari ins stadtkino in die matineevorstellung. sie sitzen immer in der zweiten reihe, das kostet sieben schilling. wenn noch geld übrigbleibt, kaufen sie sportgummi oder gebrannte aschanti. am liebsten sehen sie karl-may- und tarzanfilme. sie kennen alle anderen stammgäste, gehören einer lockeren gemeinschaft an. der wildeste unter ihnen ist der neger-willi, ein brutaler hund. alfred fürchtet sich vor ihm, doch da der hari sein freund ist, hat auch er nichts zu befürchten.
die zeiger der uhr zeigen halb zwei. alfred ist richtig gut aufgelegt. er hat keine angst, kann sogar ein bißchen sprechen, er ist beinahe übermütig. onkel karl packt gerade die koffer, denn er bringt am meisten hinein. zwei stück und eine reisetasche sind schon gepackt. sie stehen verstreut auf dem blankgeputzten parkettboden. alfred benutzt sie als slalomstangen, wedelt in gelben socken dazwischen hindurch. schon seit einer halben stunde unterhält er sich prächtig in der feindlichen wohnung.
da blickt onkel karl vom dritten koffer, den er gerade vollstopft, auf und faucht alfred an: jetzt setz dich endlich einmal nieder und hör mit dem blöden herumtanzen auf.
alfred schießt das blut in den kopf. er setzt sich beschämt nieder und ist dem weinen nah, kann es nur mühsam unterdrücken. und dabei hat alles so schön angefangen, er hat so eine freude gehabt, und jetzt ist wieder alles aus.
ich fahr nicht mit, denkt er, ich fahr nicht mit mit denen, ich bleib daheim bei der mutti.
jetzt sitzt er wieder im fauteuil und starrt vor sich hin. onkel karl wagt er nicht anzublicken und auch nicht seinen entschluß bekanntzugeben und zu gehen. er bleibt sitzen und läßt onkel karl in seiner phantasie die schrecklichsten qualen erleiden.
diese hunde werden schon sehen, denkt er, daß ich nicht mitfahr, wenn ich heut nacht nicht komm.
erst jetzt merkt er, daß tante mitzi und franz gar nicht hier sind. er hat keine ahnung, wo sie sein könnten, macht sich aber auch keine gedanken darüber. jetzt ist ihm ohnehin wieder alles egal und kann ihm gestohlen bleiben.
als es läutet, sind sie plötzlich wieder da. franz sperrt die tür auf und kommt mit der pflegemutter ins zimmer zurück.
sie ist eine einfache, sehr christliche frau. sie geht jeden tag zur frühmesse und besucht auch alle anderen kirchlichen veranstaltungen. sie glaubt, dadurch einen platz im himmel ergattern zu können.
ihre haare sind schon recht grau. sie hält ihre alte, abgegriffene geldtasche in der hand und bespricht sich mit alfreds verwandtschaft, von der sie sehr viel hält. schließlich fischt sie mit fingern, die von harter arbeit gezeichnet sind, sieben hundertschillingscheine heraus und will sie tante mitzi geben. doch diese lehnt entschieden ab. wenn sie das geld nicht sofort wieder einstecken, sagt sie, nehmen wir ihn gar nicht mit, dann muß er zu hause bleiben.
die pflegemutter macht, hilflos gegen solche entschiedenheit, keinen weiteren versuch mehr, das geld loszuwerden. sie steckt es in die geldbörse zurück und verschränkt die hände hinter dem rücken.
alfred ist froh, daß sie es nicht genommen haben. er hatte ohnehin schon ein schlechtes gewissen, weil die pflegemutter so viel geld für ihn ausgegeben hat. so viel kann sie vom jugendamt gar nicht bekommen haben.
ich werde doch mitfahren, denkt er.
onkel karl ist nun wieder die freundlichkeit in person. er spricht sehr nett über alfred zur pflegemutter und lächelt ihn von zeit zu zeit an.
er ist ja gar nicht so bös, wie ich dachte, denkt alfred, zuerst sind ihm halt die nerven durchgegangen, und ich hab ja auch meine schuld gehabt, warum bin ich nicht sitzen geblieben und hab eine ruh gegeben.
alfred versöhnt sich wieder mit onkel karl, obwohl dieser gar nichts weiß vom haß, den alfred auf ihn hatte, und von der wut und seinem entschluß, nicht mitzufahren.
gehst du gleich mit mir? fragt die pflegemutter.
ja, sagt alfred und steht auf.
die beiden verabschieden sich, die pflegemutter sagt noch etwas von einem recht schönen dank. sie gehen. alfred ist nun wieder zufrieden mit sich und seiner welt, und die angst von vornhin ist verflogen. onkel karl und franz tragen die koffer und die kisten mit den lebensmitteln ins auto hinaus.
da wäre es halt gut, wenn wir einen anhänger hätten, sagt franz.
zu hause angekommen, geht alfred gleich ins bett. jetzt ist es achtzehn uhr, um ein uhr heißt es: heraus aus den warmen federn, dann muß er ausgeschlafen sein.
obwohl die vorhänge zugezogen sind, ist es sehr hell im raum. alfred kann nicht einschlafen. er ist nervös und wird immer nervöser. er kriecht unter die steppdecke, doch dort ist es unerträglich heiß. er kriecht wieder hervor und legt sich daneben. vom wohnzimmer hört er die stimme des radiosprechers, der von studentenunruhen in der bundesrepublik deutschland berichtet. bilder aus fernen südlichen ländern gehen durch alfreds kopf. er erlebt zahlreiche wilde abenteuer.
als ihn die pflegemutter um dreivierteleins weckt, reißt sie ihn aus einem tiefen, festen schlaf. er steht auf, geht ins badezimmer, wäscht sich hände und gesicht, putzt die zähne, dann trinkt er eine tasse russischen tee, mehr bringt er nicht hinunter. er hat ein großartiges, verschlafenes gefühl.
endlich, denkt er, endlich ist es soweit.
er schlüpft in seine halbschuhe und zieht einen pullover über das leibchen. dann gibt er der pflegemutter die hand, und sie gibt ihm einen kuß auf die wange, zeichnet ihm mit weihwasser das kreuz auf die stirn und ermahnt ihn noch einmal, vorsichtig zu sein, aufzupassen.
ja ja, sagt alfred und huscht bei der tür hinaus.
die pflegemutter kehrt ins bett zurück. vor diesem augenblick des abschiednehmens hatte sich alfred gefürchtet. nun ist auch das vorbei.
es geht eh alles vorbei, denkt er, alles kommt und geht, man muß nur geduld haben und warten können.
er läutet einmal kurz und wird von franz eingelassen. alle drei sind hellwach und gleich fertig. sie ziehen ihre schuhe an, onkel karl dreht das licht ab und versperrt die tür zweimal hinter sich. sie gehen zum auto, das vor der haustür steht. es ist saukalt und regnet. onkel karl öffnet die wagentüren, sie steigen ein, onkel karl startet und fährt los. es ist viertel nach eins, jetzt kann sie nichts mehr aufhalten. sie decken sich, bis auf onkel karl, der fährt, mit den buntgemusterten decken zu, die tante mitzi mitgenommen hat, und versuchen zu schlafen. wasser rinnt die scheiben hinunter: ein richtiges sauwetter. onkel karl schaltet die heizung ein. alfred döst vor sich hin. später, als sie nicht mehr schlafen wollen, gibt es wurstsemmeln, die im backrohr resch gemacht wurden und beim hineinbeißen kräftig knacken. als sie klagenfurt passieren, hört es zu regnen auf, onkel karl kann die heizung ausschalten. die ersten menschen wagen sich auf die straßen an diesem julimorgen. sie gehen, wie es scheint, im sonntagsgewand zur frühmesse.
heut wird ein schöner tag, sagt onkel karl.
irgendwann kommen sie über die grenze. die beamten machen sich nicht einmal die mühe, die reisepässe zu kontrollieren. alfred ist enttäuscht. wozu hat mir denn die mutti extra einen paß ausstellen lassen, denkt er, wenn sie ihn dann nicht einmal anschauen.
kurz darauf gelangen sie an einen berg. alfred kriegt angst, als sie immer höher die serpentinen hinaufkriechen. er traut sich gar nicht hinauszuschauen. franz macht es spaß. er lacht und malt sich aus, wie es wäre, wenn sie abstürzen würden. und dann plötzlich ein lauter knall, ein rumpeln, ein rattern. sie schrecken zusammen, franz hört zu lachen auf. sie sind über einen felsbrocken gefahren, der sich irgendwo da oben gelockert hat und auf die straße gerollt ist. onkel karl hält an und steigt mit franz aus. sie legen sich auf die straße und schauen nach, was passiert ist. der auspuff hat sich beim aufprall gelockert, aber es ist nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatten, sie können die fahrt fortsetzen.
onkel karl sagt, er werde den auspuff in den nächsten tagen herrichten lassen.
tante mitzi sagt: gottseidank, daß nicht mehr passiert ist.
auf der anderen seite geht es den berg wieder hinunter. sie sind in jugoslawien. die landschaft, die draußen vorbeizieht, gefällt alfred. nichts als stein, ganz selten etwas grün. die menschen haben steinwälle errichtet, um ihr bißchen erde vor dem räuberischen wind, der pausenlos weht, zu schützen. zwischen den felsen versteckt, sind bunker zu sehen.
die stammen aus dem zweiten weitkrieg, sagt onkel karl, hier wurde erbittert gekämpft, viel zerstört, auch die karl-may-filme werden hier gedreht.
alfred schaut zu den felsen hinauf und stellt sich vor, daß er winnetou ist und auf seinem schwarzen pferd mit einer bunten decke anstelle des sattels durch die wildnis reitet, um seinen blutsbruder old shatterhand zu treffen.
zu mittag halten sie an und gehen mitten in der steinwüste in ein wirtshaus essen. alfred ißt ein schweinskotelett ohne salat, trinkt coca-cola und bezahlt zum ersten mal mit dem fremden geld, das ihm die pflegemutter und die mutter mitgegeben haben. franz trinkt apfelsaft, weil coca-cola schädlich ist.
du mußt aufpassen, daß man dir immer richtig herausgibt, sagt tante mitzi zu alfred, als sie das wirtshaus verlassen.
es geht weiter. bald darauf kündigt tante mitzi das nahende meer an. alfred hat es noch nie in wirklichkeit gesehen, er ist schon sehr gespannt. und da ist es auch schon: am horizont ist unter dem blauweißen himmel ein blauer streifen zu sehen. das meer, endlich.
die heimat der fische und anderer meerestiere, denkt alfred. ziel von millionen erholungssuchenden aus allen teilen europas, wie er in der schule gehört hat.
in der letzten zeit immer mehr abwasserkloake, sagt onkel karl. als es immer näher rückt, steigen sie aus und gönnen sich den anblick. dann geht es weiter. im wagen ist es unerträglich heiß. alfred benutzt das erfrischungstuch, das ihm die pflegemutter mitgegeben hat. ein erfrischender gestank verbreitet sich im wageninneren.
in drei stunden müßten wir da sein, sagt tante mitzi.
hoffentlich, denkt alfred.
er kann schon gar nicht mehr sitzen, jeder knochen tut ihm weh. die drei stunden ziehen sich noch unendlich hin, doch schließlich sind sie da. sie sind in zadar angekommen, auf einem der beiden campingplätze der stadt, wo sie die nächsten zwei wochen verbringen werden. onkel karl bezahlt im verwaltungshäuschen für das zelt, das auto und vier personen. dann fahren sie hinein und suchen einen freien platz. das meer: schmutziggrau, zum greifen nah. nur wenige vergnügen sich in den hohen wellen. ein anlegesteg für boote, weiter draußen eine boje und ein motorboot mit einem wasserschifahrer hinten dran. alfred ist enttäuscht.
am nachmittag ist es meistens schmutzig, sagt tante mitzi, ihr müßt halt am vormittag baden gehen.
sie gehen über den gelben sandstrand zum wäldchen zurück, wo die vielen bunten zelte mit den dazugehörigen autos stehen. onkel karl hat den wagen auf einem freien platz zwischen zwei kiefern abgestellt. sie beginnen das zelt aufzustellen. alfred hilft kräftig mit, er schlägt die heringe in den weichen waldboden. nachdem das orangegelbe zelt steht, graben sie mit ästen einen graben rundherum, damit, falls es doch mal regnen sollte, kein wasser ins zeltinnere dringen kann. dann verstauen sie das mitgebrachte, schließlich gehen franz und alfred sich ein wenig umschauen. franz zeigt alfred die waschanlagen und die toiletten. er war schon einmal hier. dann werfen sie steine gegen baumstämme. zu mehr reicht es heute nicht mehr. sie sind zu müde von der anstrengenden fahrt.
um acht gehen sie schlafen. sie liegen in einem der beiden räume auf campingbetten und luftmatratzen. die erste nacht in einer fremden umgebung, in einem eigenartigen raum. alfred schläft nicht gut. er sehnt sich nach der pflegemutter und würde am liebsten neben ihr liegen und ihr schnarchen hören. er friert. die beiden decken sind nicht warm genug, auch nicht hier im süden.
am morgen beklagen sich auch die anderen über schlechten schlaf. da muß man sich erst daran gewöhnen, sagt tante mitzi.
alfred und franz stürzen sich gleich ins meer. ein herrliches gefühl, obwohl das salz auf den zungen, lippen, nasen und augen brennt.
später liegen sie im weichen sand unter der sonne, gehen dann hungrig zum frühstückstisch. es gibt frischen kaffee, frisches weißbrot, das tante mitzi irgendwo aufgetrieben hat, butter und wurst. alfred fühlt sich wohl.
sie verbringen, wie beabsichtigt, zwei wochen dort. einige male weint alfred heimlich, einmal bekommt er von onkel karl eine ohrfeige. das schöne, das er erlebt hat, wird er, wieder zu hause, erzählen, das häßliche nicht, das wird er verschweigen und vergessen. denn dafür schämt er sich.
Quelle: »Land der Hämmer«, Prosa, Europaverlag 1985
Moira Frank – Reise mit Armand rückwärts
Moira Frank
Reise mit Armand rückwärts
Es ist spät, nach vier, Armand macht an diesem Mädchen mit dem Hipsterhaarschnitt rum, ihre Lippen sind dünn und über ihrem Mund hängt statischer Rauch. Sie trägt Omastrümpfe und hochgeschnürte Stiefel und ein ausgeleitertes camelbraunes Hemd und Armand zupft ihr Flusen und kleine Knötchen von der Innenseite der Ärmel und wiegt die rotlackierten Hände. Ich lecke mir Krümel von hinter den Zähnen, drücke mit einem Finger mein linkes Nasenloch zu und ziehe durch das rechte hoch, es ist wegen irgendwas zugeschwollen. Ich sage: Lass uns nach Hause, Armand, und Armand wirft die Hände hoch und sagt: Das ist doch lächerlich. Ich sage: Du kannst mich mal, Armand. Ich sage: Ich hasse es hier, ich hasse es. Armand sagt: Schön! In diesem Ton, und zündet sich noch eine an. Er sagt: Schön, nur eine Nacht, Mo, du hasst es, okay, okay, nur noch die Nacht. Ich sage: Armand. Er sagt: Mo. Aber er sieht mich nicht an. Als wäre ich es, die undankbar ist. Fuck you, Armand, sage ich, aber ich glaube nicht, dass er mich hört. Fuck you very much.
Das Hipstermädchen lehnt jetzt an Armands Brust, winkelt ein Bein an, lässt den Fuß kreisen, bestimmt knackt er in den Schnürschuhschäften, am Knie peelen sich die Strickstrumpfhosen, sie zieht die Oberlippe hoch und zeigt glatte Zähne, die ganzen Jahre scheiß Zahnspange haben sich gelohnt, sie steckt die Zunge in die kleine Lücke zwischen den Vorderzähnen, knapp vorbei an lasziv. Als Armand ihr das Haar zurechtlegt und ihren dünnen rauchbehangenen Mund berührt, stehe ich auf, spucke alles, was ich an Krümeln und Speichel und Rotz im Mund habe, in ihr scheiß spanisches Hipsterbier und gehe nach draußen. Die Nacht ist kalt, ein paar Typen rauchen vor der Tür, ihre Gesichter verstecken sich, ich lege mich zwischen sie auf die kalten Clubstufen. Ihre Füße machen mir Platz.
Wir haben uns zwei Tage vor Studienbeginn auf dieser Party getroffen, Armand wohnt über dem Mädel, mit dem meine Mitbewohnerin zusammen ist, zumindest war sie das da, das ist ein bisschen kompliziert. Sie sind mal Ex und mal nicht, und am Freitag spielen sie Lesbenfußball und Halo. Armand hat noch keinen Bart getragen und die Augen zusammengekniffen, weil er seit Beginn der Party bekifft gewesen ist, und ich habe gesagt: Ich studiere katholische Theologie auf Grundschullehramt. Ich heiße Mo. Meine Mitbewohnerin ist eine Scheißlesbe, ich bete jede Nacht für sie.
In Armands Zimmer sind die Laken auf die Vorhänge abgestimmt. Er verreist fünfmal im Jahr und macht archäologische Ausgrabungen ohne Erlaubnis. Ich war neulich im Supermarkt und habe Käse gekauft. Über den Abenteuergehalt meines Lebens gibt es nur Supermarktanalogien.
Während ich im Bad mein Haar mache, raucht Armand seine Filterpackung auf. Du siehst aus wie eine Scheißlesbe, sagt er, als ich aus dem Bad komme. Und ein Holzfällerhemd, sagt Armand, ja klar. Hast du nichts drunter?
Hättest du auch nicht, wenn du quasi keine Brüste hättest, sage ich. Armand lacht, er trägt enge Jeans und seinen dünnen grünen Pullover. Er ist grau meliert und in den Achseln knotig vom vielen Tragen.
Ich habe mir gedacht, wir couchsurfen noch die Nacht, ein oder zwei, sagt Armand nach einer Weile, er lässt die leere Zigarettenpackung in seiner Hosentasche verschwinden. Ist doch schön. Hier bleiben, Mo. Nicht lange. Nur mal gucken. Die Stadt.
Eine Weile schweigen wir.
Das ist doch prima, sagt Armand dann, du bist asexuell und ich nicht.
Ach was, sage ich, ach was, Armand. Ich sage: Scheiße.
Sei doch nicht so empfindlich, sagt er, du bist albern, so ist es doch, oder nicht? Du rennst eben nicht rum und fickst mit Leuten.
Ich knöpfe mein Hemd neu zu, am Kragen stimmt es nicht, den zweiten Knopf von oben schließe ich mit einer Sicherheitsnadel, einer kleinen goldenen, weil ich mein Nähzeug verlegt habe und den Ersatzknopf verloren und sonst sieht man beim Vorbeugen meine Brüste.
Mach dein Haar auf, sagt Armand, nie machst du dein Haar auf. Meinst du, ich sollte eine Jacke drüberziehen? Wir bleiben sicher lang, was meinst du, soll ich lieber die Jacke mitnehmen?
Ich bin nicht deine scheiß Mutter, Armand, sage ich, bin ich nicht, Armand. Bin ich nicht.
Um acht gibt es Frühstück, sagt Armand.
Das mit Hausarbeit und so ist schwer mit Armand, der sonst Metalldetektoren in andere Länder schmuggelt und undercover irgendwelche Hipsterreportagen fürs Zeitmagazin macht. Manchmal rufe ich ihn an und frage ihn, ob er den Müll schon rausgebracht hat. Neulich habe ich ihm gezeigt, wie das mit dem Bettbeziehen einfacher ist, dabei wohnt er jetzt schon zwei Jahre allein und muss das mal so hinkriegen. Die Hostelbettlaken haben keinen Gummizug, das muss ich also für ihn machen, und die Decken, die er bezogen hat, klumpen unten drin. Armand hat sich auf den Teppich gelegt, um mir im Weg zu sein. Ich klopfe die Kissen auf, steige dreimal über Armand weg, um die Decken aufzulegen, meine Sachen auszupacken und im Zimmer zu verteilen und mir im Bad die Hände zu waschen. Wir benutzen Armands Shampoo, weil sie hier keine Seife haben, nur welche für fünfzig Cent und das gibt es aus Prinzip nicht.
Stell dir vor, wir würden an der Decke leben, sagt Armand, als ich mich zu ihm lege.
Ich ordne die Füße auf dem Teppich, bis sie exakt parallel liegen. Unsere Köpfe berühren sich, wir schwitzen beide. Draußen rauscht der Verkehr, Armand hat die Hände auf dem Bauch gefaltet. Wir würden an der Decke schlafen und um die Lampe da herumlaufen und da hinten eine Stufe ins Bad steigen.
Was machen wir, Armand, frage ich. Was machen wir noch hier.
Wir sehen uns die Decke an, sagt Armand und zieht eine zerdrückte Packung Filterzigaretten aus seiner Brusttasche. Er schlägt mit dem Kopf an meinen, als er sich ein wenig vom Teppich hochdrückt, den Rücken ins Hohlkreuz, um an ein Feuerzeug in seiner Hosentasche zu gelangen. Es knackt in seinen Nackenwirbeln, ich sage: Armand. Das knackt. Drehst du nicht mehr selbst?
Morgen, sagt Armand zwischen den Lippen, mit dem Feuerzeug hantierend. Es dauert eine Weile, er flucht, dann steigt mir der Geruch von Rauch in die Nase. Ich atme ein und aus und stelle mir vor, zu rauchen. Über uns blinkt ein Feuermelder. An der Decke bröckelt überall der Putz. Armand bläst Rauch durch Mund und Nase und legt die Hand mit der Zigarette vorsichtig wieder auf seinem Bauch ab. Sein Kopf reibt an meinen, als er die Beine übereinander schlägt und Rauchkringel über mein Gesicht zu blasen versucht. Ist schon okay, sagt er zum Feuermelder und zu meinem Kopf. Ich halte ganz still.
Ich bin mal im Zug eingeschlafen. Ich bin ganz plötzlich aufgewacht und habe dann einen Panikanfall gekriegt, dabei war es noch vor meiner Station. Wenn wir an der Straße stehen, halte ich immer hinten Armands Kapuze oder sein Hemd oder seinen Rucksack fest, er ist nämlich mal fast vor einen Opel gelaufen. Er steigt immer hinten in den Bus und setzt uns immer vor die letzte Tür hinter die Plexiglasscheibe, Schulter an Schulter. Ich lehne am Fenster. Armand schiebt mir unsere Rucksäcke auf den Schoß. Es ist warm und stickig und fremd und riecht nach anderssprachigen Leuten und abgestandener Luft unter der Busdecke. In den kleinen Kuhlen an Armands Augen und Nase bildet sich Schweiß. Armand lehnt sich zum Fenster hin, ich kann seine Haut riechen, sein Haar, sieh mal, sagt er, der Turm. Du musst von hier gucken, nein, komm her, hier. Siehst du, man kann oben raufsteigen, wollen wir das nachher machen.
Vergiss es, Armand, sage ich, vergiss es, nee, ich kann nicht, du weißt ja. Armand sieht mich aus den Augenwinkeln an. Nee, sage ich, nee, lass mal. Armand lässt meinen Arm los, und ich setze mich wieder gerade hin. Ich weiß gar nicht, was du hast, sagt Armand. Man stirbt halt, wenn man runterfällt.
Du bist ein ganz schön zynisches Arschloch, Armand, sage ich. Ach was, sagt er. Dann sind wir still. An der siebten Haltestelle steigen wir aus, Armand streckt das Gesicht in die Sonne, der Bus fährt ab, wir stehen auf einer Straßeninsel, auf der anderen Seite Pappeln und unter meinen Achseln ein klebriges Jucken von Shirt und Schweiß und winzigen Haarstoppeln, obwohl ich mich gestern rasiert habe.
Ich habe mal geträumt, dass ich in einem Land aufwache, in dem keiner meine Sprache spricht. Es gibt keine Schilder, und niemand kann mir sagen, wie ich zurück nach Hause komme.
Du musst wissen, habe ich zu Armand gesagt, du musst wissen, sie ist die einzige, die mich je richtig geküsst hat.
Armand sagt nichts. Einmal: Scheiße, Mo, du bist kein Kerl, Mo. Bist du einfach nicht.
Im dritten Semester hat Armand mich angesehen und gesagt, shit, wir sind ja schon im dritten Semester, aber er ist immer noch nicht darüber hinweg, dass ich nicht mit ihm Shisha rauche und beim Gähnen weinen muss und die Stadt nie verlasse. Ich glaube, die Sache mit dem Roadtrip ist Armands Idee gewesen, weil ich noch nie unterwegs gewesen bin und seine Aussprache korrigiere und von der Küste komme, wo alles so scheiße flach ist und überall nur Kühe sind, und das ist wahr, das stimmt ehrlich. Ich bin durch und durch zu Hause und habe nur einen theoretischen Abenteuerdrang, aber Armand, Armand musste ihn ja kurieren wollen.
Im Zug sage ich, scheiße, Armand, es sind ja überall Berge hier, Kühe auch, aber die Berge, die sind ja wirklich, sage ich, wirklich. Es ist schön.
Das sind bloß Hügel, sagt er, Mo, bloß Hügel, da ist ein signifikanter Unterschied. Er zieht an den Trageriemen seines Rucksacks, er sieht nicht aus dem Fenster. Komm schon, sagt er, seine Beine sind mir im Weg. Wir klettern ins nächste Abteil, es ist der Speisewagen, meine Waden jucken. Armand bestellt zwei Flaschen Cola, die nicht Cola heißt, er kommt quer durch die Tischreihen geschlendert, zwischen die Finger die geöffneten Flaschenhälse geklemmt. Ich sitze auf den Riemen meines Rucksacks, die Ellbogen und einen Rucksack zwischen den Knien. Wir trinken, Armand verbiegt ungeschickt die Kronkorken, ich starre nach draußen, an uns zieht unbekannte Vorstadtlandschaft vorbei. Ich denke an zu Hause, ich denke an das Meer, und mit einem Mal denke ich, scheiße, wären wir ans Meer gefahren.
Du musst aufhören, zu tun, als wäre das was Besonderes, mit den Bergen, sagt Armand nach einer Weile. Das gibt es überall. Aber das hier. Das. Er trinkt Cola und öffnet ein Stück den Mund, sodass ich das Zischen der Kohlensäure hören kann, bevor er schluckt. Das ist wirklich superalbern, Mo.
Du kannst mich, erwidere ich in meinen Flaschenhals. Ich sage: Wenn du noch einmal signifikant sagt, bring ich dich um.
Um halb sechs weckt mich einer der Typen von vorm Club, burgunderrote skinny Jeans, Schnürschuhe, schwarzes Vneck, schwarze Plugs, hat seinen scheiß Jutebeutel verlegt. Er riecht nach Rauch und Subkultur. Das gibt es überall. Ich bin zu Hause, ein wenig. Für einen Moment. Ich bin auf den Treppen eingeschlafen, unter dem Hemd bin ich nackt, die kleinen Härchen im Nacken und auf den Armen sind aufgerichtet und meine Brüste eisig. Es ist schon ziemlich hell, mir ist kalt. Ich setze mich auf, mein Hemd rutscht aus dem Gürtel. Ist schon mal wer von diesem Turmding gefallen, frage ich den Typen auf Englisch. Has someone ever fallen from that tower thing.
Die Lippen von dem Typen bewegen sich.
Von dem scheiß Turm, brülle ich. Fucking fucktower.
What, brüllt der Typ. Er bringt den Mund ganz nah an mein Ohr. Ich kann den kleinen Bartflaum in der Kinnkuhle und Gras riechen, harte Drogen und so. Half six, brüllt er, und ich wünsche mir plötzlich nichts so sehr wie zu ihnen zu gehören, zu diesem Typen mit den scheiß Plugs und den Piercings und der Burgunderjeans irgendwo woanders.
Meine Nase ist zu. Ich stehe auf, massiere meine Knie, gehe zurück in den Club, der verhangen ist von Zigarettenrauch und Schwaden aus Nebelmaschinen. Es läuft Techno. Armand und das schöne Hipstermädchen sind verschwunden, nur seine Jacke hat er über dem Stuhl vergessen. Ich ziehe sie an, vergrabe meine Hände in den Taschen und verlasse den Club. Ich schlurfe. Über den Häuserblöcken geht gerade die Sonne auf.
Fick dich, sage ich zu niemand Bestimmtem. Ich massiere meine Schläfen. Unter dem Turm ist eine Grasfläche. Ich wickle mich in Armands Jacke und lege mich auf den Rücken. Der Himmel nimmt ein dünnes Lichtblau an. Die Stadt, deren Namen ich mir keinen Moment gemerkt habe, sieht schön aus im ersten Sonnenlicht. Ich schließe die Augen.
Scheiße, denke ich.
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