Read the book: «Loslassen»

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort von Michael Draksal

Keller und eine Zimmerpflanze

Céline Zimmer

Ich hätte es wissen müssen

Michael Thode

Ich, dein Körper

Elifcan Ünal

Wie ein Vogel im Wind

Jennifer Böhm

Der Mensch, der keiner war

Kimberly Heinke

Liebes Ich

Marina Kryuchkova

Auf ewig mein

Sandra Wiedemann

Wach auf! Bevor es zu spät ist!

Christina Leoni

Lass dich treiben

Dominique Walker

Schildkrötentränen

Jenny Mohr

Die Autoren

Impressum

«Wenn Dein Pferd tot ist, steig ab.»

– Indianisches Sprichwort –

Was sammelst Du?

Briefmarken, Erfahrungen, Fahrpläne der Deutschen Bahn … Egal wie schräg Deine Leidenschaft auch sein mag, alles ist gut, solange es nicht zu Zwangshandlungen führt. Wer nicht mehr loslassen kann, bekommt schnell Probleme. Der Messie ist unfähig, sich zu trennen, selbst von Abfall. Oder nehmen wir Beziehungen, die längst beendet sind und die wir dennoch nicht loslassen können oder wollen. Welches Leid würde uns erspart bleiben, wenn wir nur loslassen würden.

Die gute Nachricht ist: Jeder kann lernen loszulassen! Als ultimative Methode hierfür sehe ich das „Leben im Hier und Jetzt“, also achtsam und bewusst in der Gegenwart anzukommen und eben nicht zwanghaft in der Vergangenheit zu verweilen.

Wie geht das?

Meditiere, führe ein Dankbarkeitsjournal, sei nicht so streng zu Dir und zu anderen – „Lächle sie weg, die Arschlöcher, lächle sie weg“ und komm in den Flow!

Als ich durch einen Umzug gezwungen war, auszumisten, stand ich vor einem Problem: Die neue Wohnung hat keinen Keller, deshalb mussten rund 15 Umzugskartons entsorgt werden. Sie waren voll mit Erinnerungen aus den letzten 25 Jahren: mein erster Handy-Vertrag, Hörspiel-Kassetten (ja, wirklich), alte Tagebücher (die waren am schwersten zu entsorgen).

Wie habe ich es geschafft, loszulassen?

Ich habe mir alle Gegenstände nacheinander angeschaut und jeweils entschieden, ob ich sie a) auf eBay verkaufen oder b) wegwerfen kann. Wenn etwas in die Kategorie b) fiel, war die Anschlussfrage, ob a) direkt in den Müll oder b) erst abfotografieren und dann in den Müll.

Die Fotos dienen als Erinnerungshilfe und machen es leicht, sich tatsächlich zu trennen. Hat für mich prima funktioniert. Man fühlt sich so befreit, das ist unbeschreiblich! Und falls ich doch mal in Erinnerungen schwelgen möchte, habe ich ja die Bilder, eigentlich ganze Alben, die ein paar emotionale Stunden geben, aber alles sehr versöhnlich und „gesund“, als bewusste Entscheidung: Schätze die Erfahrungen Deines Lebens wert, sie haben Dich zu dem Menschen gemacht, der Du heute bist. Übrigens kamen bei dem eBay-Verkauf unglaubliche 1400 Euro zusammen. Damit waren die Umzugskosten komplett finanziert. Wahnsinn, wie viel Geld in Kartons versteckt ist!

Herzlich willkommen zu diesem zweiten Sammelband aus der Edition Schreibrausch, diesmal zum Thema „Loslassen“! Wie schon im letzten Jahr haben wir wieder einen Kurzgeschichten-Wettbewerb ausgelobt und die besten Kurzgeschichten hier veröffentlicht. Folge den wunderbaren Autorinnen und Autoren auf ihren Instagram-Kanälen, einige haben bereits Bücher geschrieben, andere sind mitten drin im Schreibprozess:


Céline Zimmer www.instagram.com/_dazwischen
Dominique Walker www.instagram.com/dolli.walker.schreibt
Jenny Mohr www.instagram.com/jennymohr_autor
Elifcan Ünal www.instagram.com/elifjane
Sandra Wiedemann www.instagram.com/wiedemann.sandra.autorin
Christina Leoni www.instagram.com/cl_colourfullife
Marina Kryuchkova www.instagram.com/mkryuchkova
Jennifer Böhm www.instagram.com/jenniferboehm.author
Michael Thode www.instagram.com/michael_thode_autor
Kimberly Heinke www.instagram.com/kimiii_h

Viel Spaß mit den Kurzgeschichten rund um das Thema „Loslassen“ wünscht:


Michael DraksalHerausgeber der Edition Schreibrauschwww.Edition-Schreibrausch.de

Keller und eine Zimmerpflanze
von Céline Zimmer


Während mein Kaffee neben mir langsam kalt wird, sehe ich mich in diesem Auto sitzen, in dem Lisa und ich sonst immer die Musik so laut aufdrehten, dass es fast in den Ohren schmerzte. In dem wir gesungen hatten, geraucht, ich mich auf dem Beifahrersitz geschminkt hatte, in diesem kleinen klebrig aussehenden Spiegel, der immer im Handschuhfach gelegen hat. Jetzt war von all dem nichts mehr übrig. Eine Zimmerpflanze stand auf meinem Schoß. Grün, die Erde noch feucht, vier große Blätter hatten sich bereits gebildet. Die Abendsonne spielte Schattenhaschen durch die Laubbäume der Landstraße. Es war ganz still. Und ich war es auch.

Als ich Leon kennengelernt habe, hatte mir das Leben wohl etwas Gutes tun wollen. Wie wir dort saßen, auf dieser Bank, mit dem Blick über die Genfer Altstadt, eine Flasche Rotwein stand zwischen uns. Aufgeregt waren wir wohl beide, ein bisschen zumindest. Erste Dates halt. Er war etwas schüchtern, lieb sah er aus, sehr lieb sogar. Wir redeten über die klassischen Dinge; unsere Einstellung zu linker Politik und den absolut übertriebenen Gendersternchenschreiber*innen, wo wir herkamen, was für uns Zuhause bedeutet, was wir gerne trinken, was wir gerne sehen, was wir gerne tun. Gelacht haben wir viel, wir hatten immer schon den gleichen Humor. Ein gutes Zeichen. Alles lief natürlich ab, schön war es, ein wenig unaufgeregt, diese innere Ruhe, von der mein Therapeut immer sprach, die fühlte ich tief in mir. Ich ließ mich fallen, in diese Ruhe. Wie ein wundervoller See inmitten der schwedischen Natur kam er mir vor. So ganz anders als das wütende Meer, welches mir sonst so bekannt war, ein friedvoller Ort, ein friedvoller Gegner, der sich bereits an unserem ersten Abend als etwas entpuppte, das man wohl eher einen Partner als einen Gegner nennen konnte. Wie von selbst sind wir, als es uns so langsam kalt wurde in dieser frühsommerlichen Nacht, zu ihm gefahren. Gefallen hat mir da schon ziemlich alles an ihm, merke ich gerade.

„Soll ich dir mein Bett überlassen?”, hatte er mich gefragt, als ich in seinem Zimmer stand, weil ich zu müde war, um drei Uhr nachts – welch eine unchristliche Zeit an einem Sonntagabend für einen Bayer und eine Schweizerin, die am darauffolgenden Tag beide arbeiten mussten – noch nach Hause zu fahren. Ich lächelte. „Nein, natürlich nicht!“, sagte ich leise. Natürlich dürfte er sich mit mir das Bett teilen. Ja, wir hatten uns noch nicht geküsst. Komisch, dachte ich damals, während mir klar wurde, dass wir die letzten sieben Stunden unseres Abends nur mit Reden verbracht hatten. Er legte sich neben mich ins Bett. Wie schön er aussah, mit seinen weichen Wangen und seinen wundervoll blauen Augen.

Kaum konzentrieren kann ich mich beim Versuch, mich an diesen Moment zu erinnern und an das Gefühl. Es vermischt sich alles. Wie Keller sich plötzlich zu mir umdrehte und mich endlich küsste. Und wie er mich packte, mit seinen starken, großen Händen – im Eifer des Gefechts hätte er mich fast die Mauer runtergestoßen, auf der ich saß, die Füße einen halben Meter über dem Boden baumelnd, damit wir uns in die Augen sehen konnten. Aber er hielt meine Taille fest und zog mich wieder an sich heran, während mein ganzer Körper ihn begehrte. Jede einzelne Faser sehnte sich nach ihm, nach seinen Lippen, nach seiner starken Brust und seiner rauen Haut. Er packte mit seiner großen Hand an meinen Hals und zog mich an sich. Seine Finger streiften meinen Nacken hoch, leicht und zart, und griffen dann mit voller Bestimmung in meine Haare. In mir machte sich ein Gefühl des Schwindels breit, der Ohnmacht. Und genau das war ich auch in dem Moment; ohnmächtig und völlig erlegen. Der ältere Herr am Tisch neben mir hebt den Kopf, während ein Windzug die Seiten seiner Zeitung ärgert. Er versucht sie glattzustreichen. Sieht – aus meiner Perspektive – ziemlich erfolglos aus. Ich muss an Leon denken und an das Gefühl, dass ich bei ihm sagen konnte, was auch immer mir durch den Kopf ging, er würde es nicht merkwürdig finden. Mehr noch, wie sich nach einer Zeit herausstellte, er verstand mich sogar. Ein Seelenverwandter, könnte man sagen. Vertraut. Sicher, irgendwie. Ich sehe Bilder vor mir, auf denen wir beide in einem Café in Metz sitzen, den gleichen Kaffee trinken, jeder liest ein Buch, ich eines, das er mir ausgeliehen hat, er eines, das ich ihm ausgeliehen habe. Fast zeitgleich griffen wir in regelmäßigen Abständen zu unseren Zigarettenpäckchen. Als es uns auffiel, dass wir sogar beim Rauchen den gleichen Takt hatten, den gleichen Rhythmus, das Gleiche zur gleichen Zeit dachten, sahen wir uns an und mussten lächeln.

Das Café war an einer Brücke über der Mosel. Die Architektur der gegenüberliegenden Straße, die Luft, die Palmen, die merkwürdigerweise so ziemlich überall in Frankreich standen – es erinnerte mich alles ein wenig an Paris. Am Nebentisch saßen zwei ältere, wohl befreundete Damen, ich merkte, wie sie zu uns rübersahen und tuschelten, wahrscheinlich über unser jeune amour1. Ich habe das immer schon gemocht, wenn ältere Menschen sich jüngere Pärchen ansehen und voller Nostalgie an ihre eigenen Liebschaften erinnert werden. Und mit Leon muss es wohl sehr danach ausgesehen haben, dass wir uns liebten, wahrscheinlich auch schon ewig und für immer. Wie ein eingespieltes Team liefen wir immer in die gleichen Gassen, hatten immer auf dasselbe Lust, mochten das gleiche Essen, die gleiche Musik. Leon war – für einen Außenstehenden – vielleicht gar nicht so besonders. Mit seinem langweiligen Job als Consulter, der bei Tag Anzug trug, abends dann Birkenstocks, der in seinem Zimmer weder einen Plattenspieler stehen hatte noch ein volles Bücherregal, es dennoch verstand, dass ich unsinnigerweise immer noch der Ansicht war, dass ich irgendwann mal Schriftstellerin werden würde. Leon mochte bescheuerte Youtube-Videos von alten Pseudorealityshows und wollte gleichzeitig unbedingt bei ARTE arbeiten. Leon reparierte ein altes Fahrrad und ging danach mit seinen Arbeitskollegen zum Tennistraining. Leon war einer der klügsten Menschen, die ich kannte, doch wenn er sich zu einem Thema noch nicht informiert hatte, meinte er einfach: „Dazu habe ich keine Meinung.“ Nichts Besonderes von außen betrachtet. Für mich, für mich jedoch, war er mehr als besonders. Vor allem aber zeigte er mir durch seine Besonderheit, dass auch ich besonders war. Ich, die sich früher nie ganz einer Gruppe zugehörig gefühlt hatte, nie ganz nur einem Thema, einem Stil, einem Interesse, einer Einstellung zuordnen konnte und irgendwie, in meinem tiefsten Inneren, immer das Gefühl hatte, genau diese Unentschlossenheit würde mich ein wenig belanglos, gar uninteressant, normal machen. Leon zeigte mir – und ich glaube, es war ihm gar nicht bewusst – dass es genau jene Facetten sind, seien sie noch so kontrovers, die mich am Ende zu einem besonderen Menschen machen, zu einer Persönlichkeit, die ich immer schon so dringend sein wollte. Ich schätzte die Summe der unterschiedlichen Teile an ihm, und mir wurde dadurch klar, dass ich sie auch an mir schätzen sollte und konnte. Wir waren wie ein Ebenbild, und alles was ich in ihm sah, sah ich ganz plötzlich auch in mir.

„Das klingt doch perfekt, denken Sie nicht?“ Erwartungsvoll blicke ich den älteren Herrn am Nebentisch an. „Seien Sie doch mal ehrlich: Ist es nicht das, von dem alle reden? Einen Seelenverwandten finden, mit ihm alt werden, immer jemanden an seiner Seite zu haben, der Sie versteht, oder es vielleicht gar nicht muss, weil er eigentlich nur sich selber kennen muss, um auch Sie zu verstehen? Hatten Sie sowas in Ihrem Leben?“ Ich warte auf seine Antwort. Er versucht mich anzulächeln, ängstlich irgendwie, nickt einmal ganz leicht mit dem Kopf und wendet sich sofort wieder seiner Zeitung zu. Ist wohl nicht sonderlich gesprächig …

„Ich würde fast eher sagen, dass ich dich liebe, als dass ich jemals in dich verliebt war.“ Das hatte ich am Ende zu Leon gesagt. Danach hatte er die Zimmerpflanze geholt, deren Ableger er nun seit Wochen für mich gezüchtet hatte. Letzte Woche war meine Mutter bei mir zu Besuch. Wir hatten uns beide darauf gefreut, sie etwas mehr als ich, das ist wohl normal. Sie kam die Treppen zu meiner Wohnungstür hoch, ich blieb in der Tür stehen und schrie fast: „Mama, ich muss dir gleich was sagen! Ich will mich von Leon trennen!“ Gut, dass es raus war, jetzt konnte ich sie auch reinlassen. Sie war überrascht, versuchte ihre Enttäuschung mit einem aufmunternden Lächeln zu überdecken und ließ sich auf einen meiner Küchenstühle fallen. Die arme Frau, wahrscheinlich hatte sie sich darauf gefreut, dass nun endlich – endlich – auch mal ihre jüngste Tochter unter die Haube kam, hatte doch ihre älteste vor einem Monat erst geheiratet. Naja, dachte ich mir, immerhin halte ich dich auf Trab, dann wirst du auch nicht so schnell alt. Als sie mich fragte, warum denn, da begann ich meinen Satz – zugegeben, ich habe meiner Mutter nur die halbe Wahrheit erzählt – mit:

„Wir sind uns einfach viel zu ähnlich …“ Sie unterbrach mich mit ihrem Lachen. Ich wusste, woher es rührte. Sie und mein Vater, immer noch verheiratet, sind so unglaublich unterschiedlich, dass ich bis heute nicht verstehe, wie die zwei es miteinander aushalten. „Ich weiß, Mama, man will halt immer das, was man nicht hat.“ Sie hatte ihre Hand an den Mund gelegt und lächelte, verwirrt, aber sogar vielleicht ein wenig verständnisvoll. Das, was man nicht hat … Was habe ich denn nicht? Beginnen wir vielleicht eher damit, wie unterschiedlich Dinge in der Theorie und in der Praxis aussehen können. Ich bin jetzt Mitte zwanzig, habe einen fantastischen Job, eine eigene Wohnung (Gott bewahre, wie ich diese ganzen Schulden jemals abbezahlen soll), und wie würde mein bester Freund Stefan, natürlich schwul, sagen; ich bin wohl ziemlich heteronormativ (was ziemlich beleidigend ist übrigens, aber dieses Fass will ich hier nicht aufmachen!). Ich habe in meinem Leben schon vieles erlebt, früher was Jungs angeht, heute was Männer angeht – gut, teilweise immer noch eher Jungs. Sicher waren das nicht bloß positive Erfahrungen, viele gebrochene Herzen – meistens meines –, viele vergessene Nächte und grausame Kater an darauffolgenden Morgen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich irgendetwas verpassen würde in meinem Leben oder irgendetwas noch nicht gemacht hätte. Gut, ich könnte vielleicht mal mit einer Frau schlafen, um es mal auszuprobieren. Wie heteronormativ findest du das jetzt, Stefan? Ich schweife ab. Was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre bereit für eine Beziehung. Ich hatte das Gefühl wirklich, vor allem, dachte ich, wenn der Richtige kommen würde. Und eines war Leon sicher irgendwie: der Richtige. Und auch wenn ich diese Ansicht selber vertrete, oder vielleicht gerade weil ich das tue, war er wohl nicht der Richtige für diesen Moment. Ich dachte tatsächlich, ich könnte mein altes Ich hinter mir lassen, nicht völlig, sondern nur ein bisschen, etwas ernster werden, mich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren, wie Verständnis, Partnerschaft, Vertrauen … Hier ein kleiner Spoileralarm: Ich konnte es nicht. Man will halt immer das, was man nicht hat … Oh und wie ich wollte! Er sah die ganze Zeit in den Himmel, sein starker, breiter Männerrücken war mir zugewendet. Fast ein bisschen unbeholfen, der sonst so standfeste Macker, der mir immer Konter gab. Ich musste mich manchmal fast konzentrieren, um ihm zu antworten, wie in einem Debattierclub. Eigentlich habe ich keine Ahnung, was man in einem Debattierclub macht, ich war noch nie in einem. Aber er drehte sich immer wieder zu mir um und sah mir in die Augen, diese verruchten Augen, die mir ganz kurz Einblicke in sein wirkliches Ich verschafften, seinen weichen Kern. Es machte mich wahnsinnig, wie gut mir das gefiel. Und wie gut es mir gefiel, obwohl ich wusste, dass Kerle wie er es auf jeden Fall draufhatten, Frauen das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein, indem sie so taten, als würden sie ihnen etwas anvertrauen, was sie bei anderen nicht tun würden. Ich kenne das und durchschaue es. Vor allem, weil es eine Masche ist, die ich selber gerne mal bei dem ein oder anderen Kerl angewandt habe. Nur leider konnte ich in diesem Moment rein gar nichts durchschauen. Ich konnte nicht einmal klar denken. Mein Verstand hatte sich völlig verabschiedet. Jedes Mal wenn er sich wieder zu mir drehte, dachte ich mir nur Küss mich endlich, du Idiot! Warum küsst du mich denn nicht? Ich gestehe – wenn ich jetzt so darüber nachdenke – es war nicht die romantischste Kulisse. Sonntagabends auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, zwei Schachteln Zigaretten und zwei Dosen Halbe neben uns. Das geht besser. Aber selbst dieser seelenlose Ort wurde irgendwie zu etwas Besonderem, dadurch, dass Keller sagte, es sei sein Lieblingsplatz in diesem gottverlassenen Vorort, dadurch, dass die Sonne gerade unterging und er mit einem verschmitzten Lächeln bemerkte: „Na, jetzt wird’s hier noch ganz schön romantisch zwischen uns, oder wie?“

„Ach halt die Klappe, Keller!“, antwortete ich. Aber natürlich gefiel es mir, und natürlich hatte Keller, ein Kerl, der mit Ach und Krach seinen Realschulabschluss geschafft hatte, sofort bemerkt, dass es das tat. Wie gesagt, der Unterschied zwischen intellektuell und intelligent. Und ich war in diesem Moment irgendwie keines von beidem. Als wir irgendwann auf die Uhr sahen und bemerkten, dass wir beides hatten; mehrere Anrufe in Abwesenheit und die Zeit vergessen, sind wir wieder ins Auto gestiegen, um nach Hause zu fahren. Zu den anderen. Die nichts merken durften. Ich musste das alles erstmal für mich ordnen, bevor ich das irgendjemandem erzählen konnte. Und so oder so wollte ich bestimmt nicht, dass das halbe Dorf darüber Bescheid wusste – was sie natürlich nun trotzdem tun. Es hatte mich schon auf eine gewisse Weise heißgemacht, wie Keller sich den Rücksitz in die hinterste Stufe gestellt hatte, als er eingestiegen war. Dass nun seine ewig langen, muskulösen Beine neben mir saßen, während er mir die ganze Zeit an die Brust fasste, obwohl ich am Fahren war, machte es nicht besser.

„Fahr da rein!“, sagte er. Mit diesem Befehlston, den ich hasse, aber natürlich – ich schüttele beim Gedanke daran genervt den Kopf – gleichzeitig ziemlich heiß finde. Sokrates, mein Therapeut, meinte, nachdem ich ihm alles erzählt hatte, mir würde vielleicht eine gewisse Dominanz fehlen, und dass ich meiner devoten Seite ruhig mehr Platz einräumen soll. Da das für mich alles ein wenig zu sehr nach BDSM klingt, unterlasse ich es mal, hier diese Begriffe zu verwenden. Denn ja, Stefan! Ich bin wohl etwas heteronormativ.

„Nein, was soll das?! Ich fahr doch nicht da rein! Ich fahre hier gerade, oder fährst du etwa?“ Ich konnte das nicht ganz so überzeugend rüberbringen wie gewollt, da ich kichern musste, eigentlich über meine eigene Dummheit. „Das ist ein Schleichweg, das geht schneller, du fährst jetzt da rein!“ Gut, Schleichweg also. Was die Begrifflichkeit eines Weges im Sinne von befahrbar angeht, haben Jungs vom Dorf wohl eine andere Definition als ich. Das Auto ruckelte über den steinernen Weg. Was hatte ich da gerade getan? Und warum war meine einzige Sorge nur, wann wir es wiederholen oder fortführen könnten? Was war mit Leon? Dem lieben Leon …

„Wenn wir jetzt nach Hause kommen, müssen wir uns was ausdenken, was wir den anderen erzählen können!“, sagte ich. Erst Emotionen, dann Planen – typisch für mich! Keller schaute ein wenig verwirrt – verwirrt war der wohl oft, so hohl wie der war! Ihm war wohl gerade bewusst geworden, dass wir nun nicht einfach auf mein Zimmer verschwinden und einfach weitermachen würden, als er sich zu mir umdrehte, mich ansah, und einfach so in voller Fahrt die Handbremse zog. Für meine Empörung war gar keine Zeit, er packte mich und küsste mich. Er zog mich fest an sich ran, biss mir zärtlich in die Lippe. Ein Stromschlag zuckte durch meinen ganzen Körper.

„So, jetzt ist gut, jetzt können wir gehen.“ Gerne hätte ich hier so etwas erwidert wie Was denkst du eigentlich, wer du bist, hier die Handbremse zu ziehen, während ich fahre oder Hast du sie noch alle? Entscheidest du jetzt, wann gut ist und wann wir fahren können? Nur leider brachte ich nichts weiter raus als ein Kichern. Wie eine Zwölfjährige. Lächerlich.

„Es kommt wohl ein Sturm auf!“ Der ältere Herr neben mir sieht mich nun besorgt an. Jetzt will er also reden, der Alte? Ich nicke kurz und schließe die Augen. Nach unserem ersten Kuss damals, in Leons Bett, fühlte ich mich gut. Ganz ruhig, irgendwie. Er nahm mich in den Arm und gab mir, als ich neben ihm lag, einen Kuss auf die Stirn. Du Jamais Vue2 in meinem Leben, hatte doch bisher niemals ein Typ mich beschützt. Ich war die Beschützerin, die Reglerin, die Problemlöserin gewesen. Niemals hatte ich mich einfach fallen lassen und darauf vertrauen können, dass sich jemand nun auch um mich kümmern würde. Ich konnte nicht so recht einordnen, was das bedeuten würde, nur eben, dass es sich gut anfühlte. Später an diesem Abend sagte ich ganz leise:

„Ich drehe mich jetzt weg. Ich schlafe nicht so gut bei jemandem im Arm ein.“ Darauf wartend, dass er das irgendwie komisch finden würde, war ich fröhlich über seine Antwort: „Das ist bei mir auch so. Schön, dass du das sagt. Ich drehe mich auch weg“.

Von nun an schliefen wir also so ein. Mit dem Rücken zueinander. Dafür gut und tief. Das Leben ist ja nicht nur eine Liebesgeschichte, wir haben ja immerhin alle Jobs, für die wir fit sein müssen! Ich erinnere mich daran, dass ich Keller das Gleiche gesagt hatte, dass ich mich wegdrehen wollte, als er das erste Mal bei mir übernachtete.

„Sag mal, hast du sie noch alle? Du kommst jetzt her zu mir“, schrie er fast und zog mich an sich ran. Und so bin ich eingeschlafen, in Kellers Armen.

„Glauben Sie, dass es regnen wird?“, frage ich in die Richtung des älteren Herrn. Er blickt in den Himmel – er soll besser aufpassen, dass ihm seine Schiebermütze nicht vom Kopf fliegt – und zuckt kurz mit den Schultern. Was für ein zähes Gespräch, denke ich mir und wende mich wieder Wichtigerem zu. Die Spannung, die eine intelligente Frau wie ich – ich betitele mich jetzt mal selbst als intelligent, und wohl irgendwie auch als Frau – empfinden kann, wenn ein minderbemittelter Kerl (und ich rede hier nicht von finanziellen Mitteln) ihr schreibt Du wirst heute noch rangenommen, ist schon eines der Dinge, die ich äußerst erstaunlich und interessant finde. Was soll das denn darstellen? Du wirst heute noch rangenommen. Du hast das Glück, dass ich heute noch meinen Schwanz dazu erbarme, in dich einzudringen? Gott, ich hoffe der Alte am Nebentisch kann meine Gedanken nicht hören! Wer sind wir nur als Frauen – ach, lassen wir die Genderdebatte – als Menschen geworden, wenn das reicht, um uns ein aufgeregtes Gefühl zu verschaffen? Oder ist es eben genau diese Bestimmtheit, gepaart mit dem Wissen, das wir über diese Person haben, dass sie nun mal nicht immer so ist, was uns dieses Gefühl der Leidenschaft vermittelt? Zugegeben, an dieser Stelle von Leidenschaft zu reden, während ich über einen solch stupiden Satz nachdenke, ist selbst für mich sehr gewagt.

Bei mir streut sich eine Erinnerung ein von dem ersten Mal, als ich Leon oral befriedigt habe. Er hatte mir dabei ganz sanft den Kopf gestreichelt und als ich wieder hochkam, um ihn zu küssen, hatte er leicht geseufzt: „Danke.“ Im Anschluss habe ich Stefan gefragt, ob ihm das schon mal wiederfahren wäre; ein Typ der sich nach einem Fellatio bedankt.

„Ähhh nein, halt den gut fest, den Leon!“, hatte Stefan geantwortet. Stelle ich nun ein Du wirst heute noch rangenommen mit einem Danke in einen Vergleich, muss ich erneut über meine eigenen Triebe, anscheinend völlig befreit von jeglicher Vernunft, schmunzeln. Der ältere Herr scheint mein Schmunzeln bemerkt zu haben, zumindest schielt er jetzt wieder etwas verwirrt zu mir rüber. Er soll mich doch jetzt bitte mal mit meinen jungen Gedanken alleine lassen! Als ich meiner Schwester alles erzählen wollte, hatte ich vor allem eines im Sinn. Ich will dich nicht enttäuschen. Ich will nicht, dass du schlecht von mir denkst. Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Ich will, dass du mich verstehst.

Natürlich verstand sie zu Beginn nicht. Wer hätte das auch verstanden? Aus heiterem Himmel wollte ich mich also plötzlich von Leon trennen. Ein Beziehung, in der es keinerlei Probleme gab, und das nach so einigen Beziehungen, die eigentlich immer nur aus einem Problem bestanden. Es war das einzige Mal, dass ich geweint habe in dieser ganzen Geschichte, so viel Angst hatte ich vor ihrer Reaktion. Meine Erleichterung trat somit schlagartig ein, als sie anfing zu lachen.

„Mensch, Emilia.“ Sie lachte laut. Herrlich. Es entsprach ja auch der Wahrheit. Eine gewisse Komik umgab die ganze Situation, fernab von gebrochenen Herzen und Vertrauen, ja nun wirklich auch. Ich erzählte ihr von der Leidenschaft, der Reibung, die zwischen mir und Keller entstanden war, und wie sie meinen kompletten Gedanken (auch meinen emanzipierten) einen Aussetzer verpasste. Ich zünde mir eine Zigarette an und sehe dem ausgeblasenen Rauch beim Verschwinden zu. Ganz schön gerissen, wie er sich einfach zwischen den Laubbäumen verflüchtigt. Der Alte räuspert sich leicht. Der soll sich mal nicht so haben, zu seiner Zeit haben doch noch alle in Flugzeugen geraucht! Mein Blick schweift über die Umgebung.

Ich bin in Hamburg, der mit Abstand schönsten Stadt der Welt, in meinem zweiten Zuhause, meinem Refugium, in dem ich immer sein kann, wer ich will. Die klapprigen Terrassenstühle halten ihre Balance auf dem schiefen Asphalt, eine rauchende Punkerin zieht an einer telefonierenden Anwältin vorbei, die Sonne scheint durch die dichten Blätter der Linden, der Kaffee schmeckt auch kalt. Hamburg halt. Die Idee von Keller ist irgendwie verblasst, vielleicht durch den räumlichen Abstand, vielleicht weil er ihn nicht mal hochgekriegt hat, vielleicht weil er letztens den Spiegel aufgeschlagen hat und gemeint hat „Boah Alter, da versteh ich kein Wort“ und das selbst mir zu viel des Guten war, vielleicht weil er auf der Couch zu dem Lied Candy Shop eingeschlafen ist, vielleicht weil er meinte, in unserem Wohnzimmer sehe es aus wie in einem Wartezimmer beim Arzt, weil wir keinen Fernseher haben. Vielleicht weil er mich nicht mehr küsst, wie er mich geküsst hatte.

Leon hat mir gestern geschrieben. Viel Spaß in Hamburg, Emilia. Es fällt mir echt schwer, nicht an dich zu denken. Schöne Worte, die mich ein wenig traurig gemacht haben. Nur nicht traurig genug, um etwas zu bereuen. Ein Typ geht an mir vorbei und zwinkert mir zu. Einen Tänzer habe ich kennengelernt, und danach die Entscheidung getroffen, dass ich ab jetzt wohl nur noch mit durchtrainierten Tänzern schlafen will. Meine alte Flamme hat mich besucht, mit zwei Bier in der Hand. Die Luft streift mir sanft durchs Haar, was die fünfunddreißig Grad in Hamburg immer schon erträglich gemacht hat. Ich fahre mit meinem Roller, ein Geschenk meiner Eltern zu meinem achtzehnten Geburtstag, meine Lieblingsstrecke an der Alster entlang und komme aus dem Lächeln nicht mehr raus. Das Leben ist so schön. Ich sitze hier auf dieser Terrasse in St. Pauli und schreibe diese Geschichte zu Ende und frage mich, während der alte Mann neben mir immer noch ein und dieselbe Zeitung liest, wo ich jetzt wohl stehe. Der Wind legt sich langsam auf den Dächern der Häuser nieder. Mein Zigarettenrauch verschwindet langsamer. Die vibrierende Oberfläche meines Kaffees beruhigt sich. Der alte Mann sieht mich nun wieder an.

„Es wird wohl nicht regnen“, sagt er, nun in den Himmel blickend und legt seine Mütze ab. „Gut so.“

Regen. Da fällt mir ein, ich hoffe, Lisa hat nicht vergessen die Zimmerpflanze zu gießen.

1 Französisch: junge Liebe

2 Französisch: etwas noch nie Dagewesenes

Ich hätte es wissen müssen
von Michael Thode


Leipzig, Titelseite der Leipziger Volkszeitung

"Fünfzehnjähriges Mädchen vermisst – Polizei bittet Bevölkerung um Mithilfe."

Leipzig (MT). Die Kriminalpolizeiinspektion Leipzig bittet um Mithilfe bei der Suche nach der vermissten Leonie S. Die Fünfzehnjährige verließ am vergangenen Freitag gegen 07:00 Uhr die elterliche Wohnung in der Limburger Straße. Nach bisherigen Ermittlungen fuhr das Mädchen von ihrem Zuhause mit dem Fahrrad zum Robert-Schumann-Gymnasium.

Wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, unterbrach sie ihren Schulweg zwischen 07:10 Uhr und 07:18 Uhr für einen Besuch des „REWE“-Supermarktes in der Zschocherschen Straße. Danach verliert sich ihre Spur.

Trotz umfangreicher polizeilicher Maßnahmen, wie beispielsweise die Überprüfung möglicher Kontaktpersonen der Vermissten, ist der derzeitige Aufenthaltsort von Leonie S. nicht bekannt. Die Fünfzehnjährige ist ca. 165 cm groß und hat lange, dunkelbraune Haare. Sie ist bekleidet mit einer schwarzen, langen Sporthose, einem roten „Adidas“-Pullover und weißen Turnschuhen der Marke „NIKE“. Weiterhin hat sie einen schwarzen Rucksack der Marke „EASTPAK“ bei sich.

Die Kriminalpolizeiinspektion Leipzig bittet um Hinweise zum Aufenthalt der Vermissten. Personen, die Leonie S. seit Freitagmorgen gesehen haben oder Angaben über ihren derzeitigen Aufenthaltsort machen können, werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizeiinspektion in Leipzig oder bei jeder anderen Polizeidienststelle zu melden.

Leipzig, Dimitroffstraße Kriminalpolizeiinspektion Dienstag, 11:00 Uhr

Das Dienstgebäude der Kriminalpolizeiinspektion war so konzipiert, dass sich keine abgeschlossenen Büros an dunkle, lange Flure angliederten. Stattdessen waren die Büros mit raumhohen Glaswänden ausgestattet und um eine sogenannte Kombizone herum gebaut. Diese Anordnung hatte nicht nur den Vorteil, dass die Räume lichtdurchflutet waren, sondern sie förderte ebenso die Transparenz der Arbeitsabläufe wie die Kommunikation zwischen den Kollegen.

Im Kommissariat 11, das sich mit Straftaten gegen Leben und Gesundheit beschäftigte, war die Kombizone als Besprechungs- und Konferenzbereich eingerichtet. Hier fanden nicht nur die regelmäßigen Dienstbesprechungen statt, sondern bei Bedarf tagten hier auch die Mord- und Sonderkommissionen. An einer der Stirnseiten war ein Smartboard angebracht, mit dessen Hilfe wichtige Ermittlungsergebnisse, Tatortaufnahmen und andere relevante Dokumente für alle Anwesenden sichtbar gemacht werden konnten.

In den vergangenen zehn Minuten hatten sich hier zwei Dutzend Beamtinnen und Beamte eingefunden. Sie gehörten zur Sonderkommission „Leonie“.

Um Punkt 08:00 Uhr fehlte nur noch der Leiter der Sonderkommission, Kriminalhauptkommissar Bernd Alme. Einige der Beamten drehten den Kopf immer wieder und schauten durch das Glas in Almes Büro, doch sein Ledersessel war leer.

Als Hauptkommissar Alme endlich erschien, verstummten die Gespräche schlagartig. Alme trat an den Kopf des Konferenztisches, legte einen prall gefüllten Aktenordner vor sich hin und klopfte verheißungsvoll auf den Pappdeckel. „Ich bin heute Nacht einen riesigen Schritt vorangekommen. Erinnern Sie sich an den Namen Frank Schüssler?“

Die Kommissarin Finja Kröger konnte kaum glauben, was sie gerade gehört hatte. „Frank Schüssler?“, schoss es aus ihr heraus. „Was soll Schüssler mit dem verschwundenen Mädchen zu tun haben?“

Berlin, 9 Jahre zuvor

„Wir dürfen keine Zeit verlieren!“, ermahnte Kommissarin Finja Kröger ihre Kollegen und klopfte energisch an die Tür.

„Ich verstehe nicht, warum so etwas ausgerechnet in meiner Schicht passieren muss!“, hörte sie jemanden hinter sich murmeln. Ein Weiterer raunte: „Wir hätten heute Nachmittag schon nach Leipzig fahren sollen!“

„Das Landeskriminalamt hat die Freigabe für den Ortswechsel erst jetzt erteilt“, erwiderte Finja Kröger knapp und stieß die Tür auf. Dann betraten die Polizeibeamten den Raum, in dem sie Frank Schüssler einige Tage zuvor provisorisch untergebracht hatten. Auf dem Linoleumboden lag eine Matratze, links waren an der Wand mehrere Umzugskartons abgestellt, rechts zeugten ein Campingtisch und eine Kühltasche davon, dass der Aufenthalt nicht von Dauer sein sollte.

In der Mitte des Raumes saß Frank Schüssler auf einem Klappstuhl. Er hatte den Rücken zur Tür gewandt und hielt den Controller einer Playstation in den Händen. Er hatte Kopfhörer aufgesetzt und bewegte seinen Oberkörper ruckartig hin und her. Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie mehrere Soldaten eine zerstörte Stadt im Laufschritt durchkämmten. Sie feuerten fortwährend mit ihren Waffen. Jeder Treffer wurde mit großen Mengen Blut quittiert.

Finja Kröger verteilte die Aufgaben: „Klaus, Du nimmst einen der Pappkartons und verstaust die Playstation samt Kabeln. Tim, Du nimmst den Campingtisch und den Klappstuhl. Ich trage die Kühltasche. Den Bildschirm kann Schüssler selbst zu den Autos schleppen. Der Rest bleibt erst einmal hier. Die Kollegen können das Zeugs später nach Leipzig bringen.“

„Und was soll ich machen?“, fragte Polizeimeister Kai Wessling. Er war der jüngste Beamte im Team.

„Du sprichst mit Schüssler. Du kommst am besten mit ihm klar.“

Wessling nickte, durchquerte den Raum und baute sich so vor Schüssler auf, dass dieser nicht mehr auf den Bildschirm sehen konnte. „Herr Schüssler?“

„Verpiss dich!“, brüllte Schüssler. „Noch zehn Minuten, dann habe ich den Prestige-Rang!“

„Wir müssen jetzt leider Ihre Sachen packen! Die Zeit drängt!“ Ohne Schüsslers Reaktion abzuwarten, ging Wessling zum Bildschirm und trennte die Verbindung zur Playstation.

„Du blödes Bullenschwein!“, schrie Schüssler und sprang auf. Er riss sich die Kopfhörer von den Ohren und schmetterte sie gegen die Wand. „Verdammtes Dreckspack!“

Daraufhin nickte Wessling seinen Kollegen zu: „Wir wären dann soweit.“

Leipzig, Dimitroffstraße Kriminalpolizeiinspektion Dienstag, 11:05 Uhr

„Wie kommen Sie ausgerechnet auf Frank Schüssler?“, wollte Kommissarin Finja Kröger wissen. Ihre Verblüffung war nicht zu überhören.

Hauptkommissar Bernd Alme setzte sich, schaltete seinen Laptop an und rief eine Powerpoint-Präsentation auf. Nur wenige Augenblicke später erschienen die Bilder zweier junger Frauen auf dem Smartboard.

„Links sehen Sie eine Aufnahme von Susann Meissner. Sie war Frank Schüsslers erstes Opfer. Im Jahr 1985 wurde er wegen Vergewaltigung und Totschlags zu 13 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Rechts sehen Sie die vermisste Leonie Schenk.“

Ein Raunen ging durch den Besprechungsraum.

Finja Kröger war die einzige, die vehement den Kopf schüttelte. „Die Ähnlichkeit der beiden ist zwar verblüffend, trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Frank Schüssler etwas mit Leonies Verschwinden zu tun hat.“

Autobahn A 9 zwischen Berlin und Leipzig, 9 Jahre zuvor

„Ich mag Leipzig sehr“, sagte Kommissarin Finja Kröger, während sie den Dienstwagen über die Autobahn lenkte. Mit einem Lächeln blickte sie hinüber zu Polizeimeister Kai Wessling und zeigte dabei auf ein Verkehrsschild, das gerade an ihnen vorbeizog: Herzlich willkommen in Sachsen.

„Ich auch“, erwiderte Wessling. „Aber unter diesen Umständen hätte ich gut auf einen Besuch verzichten können. Wir wechseln unseren Aufenthaltsort mittlerweile zum fünften Mal innerhalb kürzester Zeit.“

Finja Kröger nickte. „Die Presse ist uns ständig auf den Fersen. Je länger das Versteckspiel dauert, desto schwieriger wird es.“

Wessling seufzte und drehte sich um. Er blickte Frank Schüssler an, der auf der Rückbank saß. „Waren Sie schon einmal in Leipzig?“

Keine Reaktion.

„Kennen Sie das Völkerschlachtdenkmal?“

Wiederum keine Reaktion.

„Von der Aussichtsplattform hat man einen großartigen Blick auf die Stadt und das Umland.“

Schüssler blickte Wessling für einen kurzen Moment an: „Nur zehn Minuten. Dann hätte ich den Prestige-Rang erreicht.“

„Und im Café Kandler gibt es ein sensationelles Kuchenbuffet“,

ergänzte Finja Kröger.

„Meine Kopfhörer sind kaputt“, erwiderte Schüssler.

Wessling drehte sich wieder nach vorne. „Wann kommen die

Kollegen, um uns abzulösen?“

„Erst einmal müssen die übrigen Einsatzkräfte von Berlin nach Leipzig verlegt werden“, antwortete Finja Kröger. „Ich denke, dass wir morgen Abend wieder in den normalen Schichtdienst zurückkehren werden.“

„Weißt du, worauf ich mich am meisten freue?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Die Leipziger Lerchen.“

Leipzig, Dimitroffstraße Kriminalpolizeiinspektion Dienstag, 11:10 Uhr

Hauptkommissar Bernd Alme zog die Augenbrauen zusammen und fixierte Finja Kröger. „Wie kommen Sie zu dieser Annahme?“

„Ein Bauchgefühl“, erwiderte sie. „Ich habe ihn nach der Entlassung mehrere Monate begleitet und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Schüssler seine Tat wiederholt.“

„Ein Bauchgefühl“, murmelte Alme und blickte noch einmal auf die Fotos. „Ich erinnere mich, dass Schüssler sich mit Händen und Füßen gegen seine Entlassung gewehrt hat. In den Akten wird er wie folgt zitiert: Ich bin schneller zurück, als ihr Bullenschweine denkt. Notfalls schlachte ich wieder jemanden ab!“

Finja Kröger runzelte die Stirn. „Die Äußerung ist darauf zurückzuführen, dass seine Impulskontrolle sehr eingeschränkt ist.“

„Soso“, kommentierte Alme, „eine eingeschränkte Impulskontrolle.“ Die Ironie, die in seiner Stimme mitschwang, war ungewohnt deutlich.

Ein verhaltenes Gelächter ging durch den Besprechungsraum.

„Also … ich meine … rein verbal“, versuchte Finja Kröger zu erklären.

„Sie werden verstehen, dass ich mich in diesem Fall nicht auf Ihr Bauchgefühl verlassen möchte.“

Sie seufzte.

„Ich denke, Sie sind am allerbesten geeignet, Verbindung mit ihm aufzunehmen“, sagte Alme.

Leipzig, Innenstadt, 9 Jahre zuvor

Frank Schüssler hatte sich in einem Elektrogeschäft neue Kopfhörer ausgesucht und drückte sie der Kassiererin wortlos in die Hand.

„Bar oder Karte?“, wollte sie von ihm wissen.

Wortlos zog er sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und nahm eine Girocard heraus. Zuerst studierte er das Kartenlesegerät ganz genau, dann führte er die Girocard umständlich in das Gerät ein.

Die Kassiererin schüttelte daraufhin den Kopf. „Magnetstreifen unten links. Dann die PIN und mit grün bestätigen.“

Schüssler trat einen Schritt zur Seite. Hilfesuchend blickte er sich zu Finja Kröger und Kai Wessling um, die jeden seiner Schritte beobachteten. Die beiden Beamten kamen zur Kasse, und Wessling zeigte auf das Kartenlesegerät: „Wenn Sie sich den Aufkleber genau ansehen, können Sie erkennen, wie die Karte eingesteckt werden muss. Bei diesem Gerät mit dem Magnetstreifen unten links. Mit der PIN meint die Dame Ihre Geheimzahl. Erinnern Sie sich an die vier Zahlen?“

„3-7-5-9“, erwiderte Schüssler und nickte. Dann führte er die Plastikkarte korrekt in das Gerät ein und bediente das Zahlenfeld.

„Jetzt müssen Sie die Eingabe mit dem grünen Knopf bestätigen.“

„Das ist alles eine neumodische Scheiße hier! Ihr Vollidioten hättet mich einfach dort lassen sollen, wo ich hingehöre!“

Leipzig, Dimitroffstraße Kriminalpolizeiinspektion Dienstag, 11:15 Uhr

Die Dienstbesprechung war beendet. Finja Kröger saß in ihrem Büro und wählte die Nummer von Frank Schüssler.

Er nahm das Gespräch sofort an.

„Herr Schüssler, können wir uns treffen?“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Wo?“

„Wie immer?“

„Ja, ist okay.“

Kurz nachdem Finja Kröger das Gespräch beendet hatte, klopfte ein Kollege an ihre Tür. Sie bat ihn herein, und er stellte sich als Beamter des Spezialeinsatzkommandos vor. Er hatte den Auftrag, sie zu begleiten und für ihre Sicherheit zu sorgen.

„Ich hätte gern ein paar Informationen, mit wem ich es zu tun habe“, sagte der SEK-Beamte, während Finja Kröger ihre Lederjacke anzog.

„Frank Schüssler ist 1985 wegen Vergewaltigung und Totschlags zu einer dreizehnjährigen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden. Während der Haft und der anschließenden Sicherheitsverwahrung hat er jede Form von Therapie verweigert. Daher ist die Sicherheitsverwahrung mehrmals unbefristet verlängert worden. Im Jahr 2011 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die unbefristete Verlängerung der Sicherungsverwahrung für rechtswidrig erklärt. Daher musste Schüssler aus der Justizvollzugsanstalt entlassen werden. Er selbst wollte gar nicht zurück in die Freiheit.“

„Man hat ihn sozusagen rausgeschmissen?“

„Er hat damals um eine Vorbereitungszeit gebeten, um sich überhaupt wieder an ein Leben in Freiheit gewöhnen zu können. Selbst das wurde abgelehnt.“

„Ich habe gehört, dass Sie noch immer eine Verbindung zu ihm haben?“

„Wir haben Frank Schüssler ein halbes Jahr lang mit zwei Dutzend Polizeibeamten jeweils in Vierer-Teams rund um die Uhr bewacht. Das Landeskriminalamt ging damals davon aus, dass er eine tickende Zeitbombe ist. Schlussendlich war er ein gebrochener Mann, und wir mussten ihn vor der Presse und der Gesellschaft schützen. Wir haben ihm geholfen, zumindest ein wenig in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Ich treffe ihn noch heute ein bis zwei Mal pro Jahr.“

„Ist er in Leipzig geblieben?“ Finja Kröger nickte. „Ja, er hat bis heute kaum soziale Kontakte. Es gibt nur einen Hund, der ihn seit vielen Jahren begleitet. Ich unterstütze ihn gelegentlich bei Behördengängen.“

„Glauben Sie, dass er mit dem aktuellen Fall zu tun hat?“ Sie schüttelte den Kopf vehement. „Nein, außerdem möchte ich allein mit ihm sprechen. Ich bin der einzige Mensch, zu dem er überhaupt Vertrauen hat. Das möchte ich nicht aufs Spiel setzen.“

Leipzig, Thomaskirchhof Café Kandler Dienstag, 11:45 Uhr

Finja Kröger betrat das Café. Sie erkannte Frank Schüssler sofort. Mit dem schütteren Haar, den eingefallenen Wangen und dem rotkarierten Holzfällerhemd sah er immer noch genauso aus wie früher.

Sein Schicksal fesselte sie bis zum heutigen Tag, und gelegentlich trafen sie sich hier auf einen Kaffee. Dieser Ort stand symbolisch für die damalige Zeit, und sie unterstützte ihn bis heute bei Herausforderungen, die er nicht allein lösen konnte. So hatte sie beispielsweise dafür gesorgt, dass er Arbeitslosengeld bezog und in einer Sozialwohnung lebte.

Finja Kröger ging zu Schüsslers Tisch, begrüßte ihn und kniete sich zu seinem Hund hinunter. „Hallo Timmy“, sagte sie zu dem Border Collie und streichelte über das warme Fell. Dann blickte sie Schüssler an. „Wie geht es Ihnen beiden?“ Sie erwartete keine ausschweifende Antwort, denn 27 Jahre Haft hatten aus Schüssler einen wortkargen Mann gemacht. Daran hatten auch die vergangenen neun Jahre in Freiheit nichts geändert.

„Okay.“

Einige Tische weiter saß der SEK-Beamte. Er hatte das Café bereits vor zehn Minuten betreten und gab sich den Anschein, er sei mit seinem Handy beschäftigt.

„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte Finja Kröger, während sie sich setzte. Schüssler nickte.

Finja Kröger hatte sich während der Autofahrt den Kopf zerbrochen, wie sie das Gespräch auf das vermisste Mädchen lenken sollte. Auf der einen Seite wollte sie das Vertrauensverhältnis zu Schüssler nicht gefährden, auf der anderen Seite wollte sie unbedingt einen Weg finden, ihn als Täter auszuschließen.

Noch ahnte sie nicht, dass dieses Treffen völlig anders verlaufen sollte, als sie in diesem Moment annahm.

Leipzig, Dimitroffstraße Kriminalpolizeiinspektion Dienstag, 11:45 Uhr

Zur gleichen Zeit wurde Kriminalhauptkommissar Bernd Alme vom Klingeln des Telefons aus seinen Gedanken gerissen. Er blickte von der Akte auf, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und sah auf das Telefon.

Führungs- und Lagezentrum, las er im Display.

Das Führungs- und Lagezentrum stellte die Leitstelle der Polizeidirektion Leipzig dar. Hier liefen alle Notrufe und Informationen zusammen. Egal ob Notarzt, Rettungswagen, Feuerwehr oder Polizei – die Kollegen der Leitstelle stellten die Kommunikation zwischen allen beteiligten Einsatzkräften sicher und sorgten somit für einen reibungslosen Ablauf.

„Scheiße“, murmelte Alme. In der Regel bedeuteten diese Anrufe, dass Arbeit auf ihn wartete.

„Ja?“

„Ich rufe an wegen der vermissten Fünfzehnjährigen. Sie ist wieder da.“

Alme ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und atmete tief durch. „Sie wurde am Bahnhof in Berlin aufgegriffen. Anscheinend hat sie sich dort ein paar schöne Tage gemacht.“

Alme fiel ein Stein vom Herzen. Zuerst genoss er seine Erleichterung für ein paar Momente, dann beauftragte er einen Beamten der Sonderkommission, Verbindung mit Leonies Eltern aufzunehmen. Schließlich schickte er eine WhatsApp an die Kommissarin Finja Kröger.

Abbruch. Das Mädchen ist gefunden.

Leipzig, Thomaskirchhof Café Kandler Dienstag, 11:50 Uhr

Finja Kröger gab die Bestellung auf und bemühte sich, ein Gespräch mit Schüssler in Gang zu bringen. Wie üblich beantwortete er sämtliche Fragen lediglich mit „ja“ oder „nein“. Die Kommissarin wusste, dass sie ihn bald mit dem eigentlichen Grund dieses Treffens konfrontieren musste.

Die Kellnerin servierte gerade zwei Tassen Kaffee und die Leipziger Lerchen, als Finja Krögers Smartphone in ihrer Hosentasche vibrierte. Sie ignorierte es, denn sie selbst hätte es als unhöflich empfunden, wenn ihr Gegenüber sich während eines Gespräches mit seinem Handy beschäftigen würde.

Sie nahm einen Schluck Kaffee, setzte die Tasse ab und sagte: „Wir suchen ein Mädchen, das seit letztem Freitag vermisst wird.“

Schüssler kaute das Gebäck voller Genuss und antwortete mit vollem Mund. „Ich weiß.“

Instinktiv warf die Kommissarin dem SEK-Beamten einen Blick zu.

Schüssler bemerkte nicht nur dies, sondern er nahm auch das winzige Nicken wahr, mit dem der SEK-Beamte Finja Krögers Verbindungsaufnahme quittierte.

Prompt geriet die Situation außer Kontrolle.

Schüssler schmetterte die Kaffeetassen und die Kuchenteller vom Tisch. Er sprang auf und schrie. „Du bist genauso wie alle anderen Bullenschweine! Ich hätte es wissen müssen!“

Im nächsten Moment war der SEK-Beamte zur Stelle. Er stieß Schüssler zu Boden und fixierte ihn mit seinen Knien.

Schüssler blutete aus der Nase. „Dreckspack!“, schrie er. „Lass mich los!“

Finja Kröger zückte ihr Smartphone, um weitere Kollegen zu Hilfe zu rufen. Sie blickte aufs Display – und es traf sie wie ein Schlag.

Zunächst schien es, als sei sie zu Eis erstarrt, dann murmelte sie: „Abbruch.“

Der SEK-Beamte meinte, er hätte sich verhört. „Wie bitte?“

„Loslassen“, erwiderte sie bestürzt. „Bitte loslassen!“

Ich, dein Körper
von Elifcan Ünal


Aurelia war am Boden zerstört. Der Kampf gegen sich selbst und das Streben nach Perfektion hatten sie völlig ruiniert. Seit Jahren, ja, seit ihrer Kindheit, versuchte sie allem und jedem gerecht zu werden und perfekt zu sein.

Perfekte Leistungen in der Schule, die perfekte Tochter zu Hause und natürlich das perfekte Aussehen. Doch Letzteres wollte ihr nicht gelingen.

Als Kind war Aurelia ein wenig pummelig gewesen. Immer wenn ihre Eltern mal nicht zu Hause waren, hatte sie alles an Süßigkeiten in sich reingestopft, was ihr in die Quere kam. Irgendein Hunger in ihr wollte gestillt werden. Es war nicht der körperliche Hunger. Es war nicht ihr Magen, der knurrte, sondern etwas anderes.

Auch die Sommerurlaube in der elterlichen Heimat Sardinien hatten tiefe Narben in ihr hinterlassen. Ihre Verwandten nannten sie immer Cicciottella, was auf Italienisch so viel wie „Dickerchen“ bedeutete. Offenbar meinten sie, dass ihr das nichts ausmachen würde. Sie glaubten, dass sie das schon verkraften könnte, schließlich war es ja nur liebevoll gemeint.

Dass dieser ach-so-liebevoll gemeinte Kosename nichts daran änderte, dass sie den Körper eines jungen Mädchens obszön bewerteten und dass das Innerste des Mädchens dadurch verletzt wurde, schien niemand wahrzunehmen.

Aurelia hasste es. Sie konnte die Schönheit Sardiniens nie in vollen Zügen genießen. Wenn sie mit der gesamten Familie an den Strand fuhren und ihr Körper im Badeanzug sichtbarer war als in der Sommerkleidung, fühlte sie sich immer sehr ausgeliefert.

„Aurelia, la mia bella Cicciottella, denkst du nicht, dass es besser wäre, ein wenig abzunehmen? So wirst du, wenn du groß bist, niemals einen Mann finden, der dich heiraten will.“ Dies war der Standardsatz ihrer Großmutter Maddalena gewesen. All diese Bemerkungen hatten die kleine Aurelia so tief geprägt, dass sie heute mit 33 Jahren immer noch unter den Komplexen litt. Sie empfand sich als nicht schön genug, nicht gut genug – einfach nicht perfekt genug.

Ihr Leben lang, von klein auf, hatte sie danach gestrebt, einen Traumkörper zu bekommen. Ihr innigster Racheplan war es nach jedem Sommerurlaub, bis zum nächsten Sommer einen schlanken, durchtrainierten Körper zu haben und diesen der Familie stolz zu präsentieren. Doch nie schaffte sie es. Sie schrieb Diätpläne, nahm sich vor, mehr Sport zu machen, doch sie scheiterte bei jedem Versuch. Aurelia lehnte ihren Körper ab, nur weil dieser anders war als die der Models in den Bikini-Katalogen. Sehnsüchtig betrachtete sie bereits als Teenie all diese Bilder von perfekten, flachen Bäuchen und knackigen, runden Hintern. Je mehr sie diese Körper betrachtete, desto mehr verlor sie den Blick und auch das Gefühl für ihren eigenen Körper.

Aurelias Teeniezeit war zudem von vielen Tagebucheinträgen darüber, dass sie zu dick war und wie sie dieses Problem beheben könnte, geprägt. Ständig verglich sie sich mit anderen Mädchen in ihrem Alter und war verzweifelt. In der Schule wurde sie nicht oft gehänselt. Aber die paar Male, die sie gehänselt wurde, hatten sich tief in ihr verankert. Die Verletzungen, die sie von damals in sich trug, heilten nie. Aurelia dachte immer, dass die Heilung durch eine körperliche Transformation geschehen würde. Wenn sie eines Tages rank und schlank war, dann würde sie sich selbst endlich lieben und wäre glücklich. Das war der Plan.

Bis zum Abitur holte sie sich die Bestätigung, gut genug zu sein, durch ihre sehr guten Noten. Sie lernte viel und half ihrer Mutter im Haushalt. Nicht, weil sie viel Zeit hatte. Nein, weil sie einfach die Last ihrer Mutter verringern wollte. So nahm sie diese Last auf ihre kleinen Kinderschultern und gab stets ihr Bestes. Ihr Bestes, um anderen zu gefallen. Ihr Bestes, um es anderen recht zu machen. Ihr Bestes, um die Anerkennung anderer Menschen zu erhalten. Ihr Bestes, um perfekt zu sein eben.

Das wahnhafte Streben nach Perfektion lief so unbewusst ab, dass sie es nie bemerkte. Sie hatte sich von ihrem Selbst entfernt und war Opfer des Perfektionismus geworden. Ihr einziger Lebenssinn war es, zu leisten und zu funktionieren.

Bis zu diesem Montagmorgen.

Aurelia kam gerade aus der Dusche und betrachtete wieder einmal kritisch ihren nackten Körper im Spiegel. Die Selbstablehnungs-Zeremonie konnte beginnen! Sie fasste sich an die Hüfte und fand, dass sie schlanker sein müsste, um perfekt zu sein. Auch der Bauch sollte eigentlich flacher und der Po runder sein. Ihre Brüste betrachtete sie nicht einmal mehr – hier konnte vermutlich nur noch ein Schönheitschirurg nachhelfen.

Aurelias Spiegelbild schaute traurig und verzweifelt. Es senkte den Kopf und schlug beide Hände vor das Gesicht, um der Konfrontation mit ihrem Körper aus dem Weg zu gehen.

Plötzlich ertönte eine leise, sanfte Stimme: „Aurelia …“ Aurelia erschrak heftig und zuckte zusammen. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen und sie stand da wie gelähmt, während ihre Gedanken hellwach waren. Was war hier los?

Sie wusste, dass sich außer ihr niemand in der Wohnung befand, und sie erwartete auch niemanden. Bei diesem Gedanken beruhigte sie sich etwas und die Anspannung ließ nach. Anscheinend hatte ihre Fantasie ihr einen Streich gespielt. Wahrscheinlich war sie einfach überarbeitet und brauchte dringend Urlaub. Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und sich anzuziehen. Da! – Da war sie schon wieder! Die Stimme gab nicht nach. Nun fragte sie sanft und leise: „Was schaust du mich so an? Gefalle ich dir etwa nicht?“

Aurelia bekam es mit der Angst zu tun. Nur Verrückte hörten doch Stimmen? Verlor sie etwa den Verstand? Ihr Spiegelbild schaute verwirrt nach links und nach rechts. Niemand da. Es schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf, als wollte es sich selbst aus dieser vermeintlichen Einbildung wachrütteln. Dann machte Aurelia die Augen wieder auf, in der Hoffnung, dass der Spuk vorüber sein möge.

Doch da hörte sie wieder dieselbe Stimme: „Was schaust du mich so an? Gefalle ich dir etwa nicht?“

Aurelia wusste sich nicht mehr zu helfen. Vielleicht bin ich ja wirklich verrückt geworden, dachte sie. Sie beschloss, es darauf ankommen zu lassen.

„Wer … wer bist du?“, stammelte Aurelia vorsichtig.

„Endlich“, antwortete die Stimme. „Endlich schenkst du mir Gehör. Ich bin dein Körper.“

Aurelia stand noch immer da wie vom Donner gerührt. Nur langsam begann sie zu begreifen, warum sie niemanden sehen konnte und dennoch diese Stimme vernahm. Es war allen Ernstes ihr Körper, der zu ihr sprach! Ihr Körper, mit dem sie nicht konfrontiert werden wollte. Doch jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen. Er hatte seine Stimme erhoben!

„Ich höre jeden Gedanken, den du denkst, Aurelia. Und einige dieser Gedanken sind ziemlich angriffslustig. Sie lehnen mich ab. Sie erkennen meinen Wert nicht an. Sie wertschätzen mich nicht. Im Gegenteil: Sie meckern über mich. Sie sagen gemeine Dinge zu mir. Ich vernehme jeden Gedanken, der in deinem Geist vorbeizieht. Und weißt du was? Diese Gedanken sind ziemlich verletzend. Sie verabscheuen mich.

Du glaubst, du hast nur mich als Körper. Aber wir sind drei. Neben mir, dem sichtbaren Körper, den du so verabscheust, sind da noch der mentale und der emotionale Körper. Und wenn der mentale Körper ständig Gedanken nachgeht, die mir nicht wohlgesinnt sind, reagiert der emotionale Körper darauf. Er erzeugt blockierende, traurige Gefühle. Und diese Gefühle widerspiegeln sich in mir, deinem physischen, sichtbaren Körper. Mein Auftrag ist es nicht, dem perfekten Ideal einer Gesellschaft zu entsprechen, sondern dir, dem Selbst, das du bist, zu ermöglichen, mit der Welt zu interagieren. Ich bin ein Wunderwerk, Aurelia und kein Kunstwerk, das in einem Museum ausgestellt wird und darauf wartet, von anderen Menschen betrachtet und bewundert zu werden.“

Wow! Damit hatte Aurelia nicht gerechnet. Dass ihr Körper zu ihr sprach. Bisher dachte sie immer, dass sie ihr Körper sei. Und vor allem aber, dass sie nur einen einzigen Körper hatte. Jetzt waren es auch noch drei! Sie hatte zwar oft darüber gelesen, dass der physische Körper ihr Tempel war und dass ihr Ich in diesem Tempel wohnte. Doch das, was gerade vor sich ging, war eine Premiere für sie.

Bisher dachte sie, dass das Bild, das sie in den Spiegel projizierte, sie – Aurelia – sei.

„Ja, ich weiß, du denkst, ich bin du“, unterbrach ihr Körper ihre Gedanken. Er hörte ja tatsächlich alles, was sie dachte!

„Weißt du, wie anstrengend das für mich ist?“, fragte ihr Körper. „Ich stehe 24 Stunden in deinem Dienst. Sieben Tage die Woche. Jeden einzelnen Tag und jede einzelne Nacht. Sogar während du schläfst und aktiv nichts mehr tun musst, arbeite ich für dich.

Durch mich siehst du die Welt. Durch mich hörst du die Welt. Durch mich kannst du sie anfassen, riechen und schmecken. Ich biete dir zwei gesunde Augen und Ohren, eine Nase, einen Mund. Ich stelle dir zwei Hände zur Verfügung, mit denen du deine Liebsten umarmen oder ein leckeres Essen zubereiten kannst. Mit meinen Beinen kannst du einen schönen Waldspaziergang machen oder aber auch Fahrrad fahren. Ich ermögliche dir, Berge zu erklimmen. Durch mich bist du fähig, dich in dieser Welt zum Ausdruck zu bringen. Dich zu zeigen. Deine inspirierenden Ideen mit der Welt zu teilen. Du bist nicht ich, Aurelia. Du hast mich. Leider spüre ich auch, du hasst mich. Und das macht mich sehr traurig.“

Aurelia bekam eine Gänsehaut. Sie war erstaunt. Und sprachlos.

„Siehst du, selbst diese Gänsehaut schenke ich dir in Momenten, in denen Worte, Bilder, Geräusche oder Berührungen tief in dir ankommen. Oder wenn dir kalt ist. Dann spreche ich zu dir. Ich sage: ‚Zieh dir was Warmes an – ich bin kalt.’

Deine wahre Schönheit liegt in deinem Inneren verborgen, Aurelia. Deine wahre Schönheit bin nicht ich. Diese in dir wohnende Schönheit kannst nur du zum Leben erwecken. Dies gelingt dir, wenn du beginnst, dich langsam aber sicher daran zu erinnern, wer du wirklich bist.

Es ist kein Zufall, dass du hier und jetzt existierst. Deine Aufgabe ist es, deine innere Schönheit und deine Einzigartigkeit wiederzuentdecken und sie durch mich zum Ausdruck zu bringen.

Wenn du beginnst, dich von innen heraus zu lieben. Wenn du beginnst, das vermeintlich Perfekte als Illusion zu erkennen. Sag's mir, Aurelia – was bitte schön ist denn perfekt? Ist perfekt nicht einfach nur eine Vorgabe der Gesellschaft, in der du lebst?“

Aurelia bekam immer noch kein einziges Wort heraus. Der Schock saß einfach viel zu tief. Auf der einen Seite konnte sie es nicht fassen, was hier gerade vor sich ging. Auf der anderen Seite erkannte sie nun, wie sie ihrem Körper jahrelang Unrecht getan hatte. Nie hatte sie ihn wertgeschätzt. Nie hatte sie ihm dafür gedankt, dass er alles für sie tat. Und das, obwohl er nur Ablehnung und Fast Food von ihr bekam.

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148 p. 31 illustrations
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9783862432547
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