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Literaturwissenschaften in der Krise
Zur Rolle und Relevanz literarischer Praktiken in globalen Krisenzeiten
Anya Heise-von der Lippe / Russell West-Pavlov
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0078-6

Inhalt
Danke
Literaturwissenschaften in der Krise. EinleitungKrise? Welche Krise?Krise als Chance(?)Geisteswissenschaften in der KriseLiteratur
I Bestandsaufnahmen1 »Nach der Krise ist vor der Krise«Literatur2 Literatur, Wahrheit, Menschsein3 Literatur(-Wissenschaft) in der gravierenden KriseKrise und LiteraturLiteratur und LiteraturwissenschaftLiteratur(-Wissenschaft) und Krise4 Literaturgeschichte und KonstruktivismusWahrheit und WahrheitenLiteraturgeschichte als KulturgeschichteMittelbare Wahrheiten5 Von Fakes, ›fun facts‹ und anderen AlternativenLiterarisches Management an der Grenze von Fakt und Fiktion
II Lektüren6 Alternative Fakten und postfaktische Politik als NarrativPolitische Tweets und andere ErzählungenDie Menschlichkeit des ErzählensPostfaktische Erzählungen I: Typenmodelle und mediale StrukturenPostfaktische Erzählungen II: Mythos, Linearität, KomplexitätZusammenfassung und Ausblick7 Erzählungen vom ›wahren‹ VolkHinführung: die Worte der PopulistenVoraussetzungen: die drei Akteure in populistischen ErzählungenDas Volk als affektiver ErzähleinsatzDie Rede des FeindesDas Zusammenspiel Erzähler – Volk als lustvolle BefreiungAndere Geschichten erzählenPlädoyer: Narratologische Instrumente zur Analyse gesellschaftlicher Erzählungen8 Globalisierungsangst in der GegenwartsliteraturGlobalisierungsangstRoman Ehrlich: Die fürchterlichen Tage des schrecklichen GrauensSimon Strauss: Sieben Nächte9 Wie wollen wir in Zukunft leben?Literatur
III Anwendungen10 Kafka zur Flüchtlingskrise und Beitrag an die KlimawandelforschungIm Anfang war die KriseDie Krise als konstitutives Merkmal der Literatur(-wissenschaft)Der Beitrag der Literaturwissenschaft an die KlimawandelforschungKafka als ›Kommentator‹ der aktuellen FlüchtlingskriseSchluss11 »Ich konsumiere, also bin ich?!«Der Diskurs des Ökonomischen im Gegenwartsdrama und -theater – ein ÜberblickLiteratur, Ökonomie, Deutschdidaktik und -unterricht – fachdidaktischer ForschungsstandPlädoyer für eine ›ökonomie-sensible‹ Lektüre- und Theaterpraxis im UnterrichtFazit und Ausblick12 Broadcast PhilologyLiteratur13 Die Rolle der Literatur und Literaturwissenschaften in globalen und innergesellschaftlichen Krisenzeiten am Beispiel von Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen (2015)Transnationalismus und transnationale Literatur – Produktive Kategorien oder Modebegriffe?Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen (2015) – Der Roman zur Flüchtlingskrise?Die Rolle der Literatur und Literaturwissenschaft in Krisenzeiten – Reprise
IV Interventionen14 Globale Flucht und die LiteraturwissenschaftenFluchtpunkteDie Ästhetik der KriseRepräsentation und die Krise des eingeschränkten BlickesFlucht sehen, Flucht lesenCoda/Yallah15 Make complexity great againDas Feste und das FlüssigeDie Wut des Verstehens – das Verstehen der WutEmpört euch!16 Dem konformistischen Text widerstehenAfter Hölderlin’s Pindar Extravaganza When He Was Supposedly Past It: ›Vom Dolphin‹After Hölderlin’s ›Der Sommer‹ – ›Wenn dann vorbei‹After Hölderlin’s ›Der Winkel von Hahrdt‹Literatur17 Literaturwissenschaften in der KriseWorin die Krise bestehtLiteraturwissenschaften in der Krise: Was wir tun könnenLiteraturwissenschaften in der Krise: Was wir auch noch tun könntenManifest für eine extrovertierte LiteraturwissenschaftLiteratur
Beiträger*innen
Danke
Anya Heise-von der Lippe möchte sich bei ihren krisenfesten Eltern Burghard und Elke Heise bedanken und ihnen dieses Buch widmen.
Russell West-Pavlov möchte sich bei Tatjana Pavlov-West und bei Joshua, Iva und Niklas bedanken.
Unser gemeinsamer Dank gilt den Beiträger*innen dieses Bandes für ihre vielen spannenden Ideen sowie Valeska Lembke und Vanessa Weihgold vom Narr Verlag für ihre Geduld und ihre Unterstützung bei der Manuskripterstellung und – last but not least – Lukas Müsel für seine Übersetzungen und seine unermüdliche Arbeit am Manuskript.
Literaturwissenschaften in der Krise
Einleitung
Anya Heise-von der Lippe / Russell West-Pavlov
Krise? Welche Krise?
Krisen sind allgegenwärtig. Zwischen Eurokrise, Griechenlandkrise, Bildungskrise, Flüchtlingskrise, Finanzkrise und Klimakrise stellt sich leicht der Eindruck einer begrifflichen Überstrapazierung ein. Rainer Leschke attestiert der Krise in diesem Sinne eine »hohe Affinität zu narrativen Formen« (Leschke 2013: 10). Selbst wenn Ereignisse als problematisch, gefährlich oder tragisch wahrgenommen werden, ist die Bezeichnung »Krise« eine Art narrative Zuspitzung, die häufig erst durch ihre Medialisierung erfolgt. Durch die Verwandlung in ein Narrativ rückt die Krise damit paradoxerweise in einen Interpretationszusammenhang, der es minder betroffenen Zuschauer*innen oder Leser*innen ermöglicht, die Krise komplett zu ignorieren. Diese Distanz ist jedoch, mehr noch als die Krise selbst, ein Narrativ, das lediglich von bestimmten privilegierten Positionen aus aufrechterhalten werden kann. Nur wer nicht unmittelbar von ihren Auswirkungen betroffen ist, kann die Krise ignorieren. Dies ist jedoch ein rückwärtsgewandtes Spiel auf Zeit. Längst schon leben wir in einem von menschlichem Handeln beeinflussten Erdzeitalter, dem Anthropozän, dessen Auswirkungen und Anzeichen immer deutlicher werden.
Während wir diese Einleitung schreiben, hat Hurrikan Harvey, allen US-amerikanischen Klimawandelleugnern zum Trotz, gerade die Großstadt Houston, Texas, mit noch nie dagewesenen Wassermengen überflutet (und damit die Auswirkungen des katastrophalen Hurrikan Katrina bereits um ein Vielfaches übertroffen), während eine ähnlich gravierende Flutkatastrophe auf dem indischen Subkontinent bereits über 1000 Todesopfer gefordert hat und in Ostafrika weiterhin die schlimmste Dürrekatastrophe seit 50 Jahren wütet. Die mediale Aufmerksamkeit für diese krisenhaften Ereignisse könnte unterschiedlicher nicht sein, bleibt unsere Aufmerksamkeit doch weitgehend auf den globalen Norden konzentriert. Die Stärke und Häufung dieser Klimaereignisse verdeutlichen jedoch eines: Die größte Bedrohung des 21. Jahrhunderts ist die Klimakrise, deren Anzeichen (extreme Wetterphänomene, Dürreperioden, Wasserknappheit, Hungersnöte und der aufgrund des Abschmelzens der Polkappen steigende Meeresspiegel) in den letzten Jahren so massiv zugenommen haben, dass sie nun auch für Laien erkennbar sind (Friedrich et al. 2016; Lenton et al. 2008; Scheffers et al. 2016). Zum Teil mag dies am gewachsenen Medieninteresse zu diesem Thema liegen. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die erhöhte Wahrnehmbarkeit dieser Phänomene auch mit der rasanten Entwicklung des Klimawandels zusammenhängt, die durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren noch beschleunigt wird (Friedman 2016). Während Klimaforscherinnen die Wechselwirkungen und Reversibilität klimatischer ›Kipp-Punkte‹ (›Tipping Points‹) in verschiedenen Bereichen des Klimawandels (CO2-Ausstoß, Abschmelzen von Gletschern und Eiskappen, Ansteigen der Meeresspiegel, Rückgang borealer Wälder und Absterben von Korallenriffen etc.) durchaus kontrovers diskutieren, besteht dennoch ein weitgehender Konsens, dass wir es, wenn wir nicht schnell etwas ändern, sehr bald mit nicht-reversiblen Veränderungen zu tun haben werden.
Als unmittelbare Auswirkung der Klimakrise wird sich in den nächsten Jahren die aktuelle Flüchtlingskrise noch verschlimmern. Bereits jetzt sind auf der ganzen Welt 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 40 Millionen im eigenen Land und 3 Millionen als Asylsuchende (UNHCR 2016). Dabei liegen die größten Migrationskorridore im globalen Süden (UNDESA 2013: 7) und Migrationsbewegungen vom Süden in den Süden kommen etwa gleich häufig vor wie Süd-Nord Bewegungen. Sie machen etwa ein Drittel des globalen Migrationsvolumens aus. Tatsächlich fand im Zeitraum von 1990 bis 2013 der größte Teil der weltweiten Migrationsbewegungen vom Süden in den Süden statt (Wickramasekera 2011: 79; UNDESA 2013: 2). Bei diesen Werten handelt es sich um eher konservative Schätzungen, die eine Dunkelziffer an nicht dokumentierten Migrationsbewegungen außer Acht lassen und die Dramatik der Situation wahrscheinlich unterschätzen. Dies wird umso deutlicher, zieht man in Betracht, dass der Klimawandel und seine Folgen (Landverluste durch steigende Meeresspiegel, Ernteausfälle aufgrund steigender Temperaturen, Wasserknappheit und Dürren) bis zum Ende des 21. Jahrhunderts nach aller Voraussicht ein Viertel der Weltbevölkerung aus ihren jetzigen Gebieten vertreiben wird (Nealon 2016: 121; Wennersten und Robinson 2017).
Ein zusätzlicher Grund für weltweit zunehmende Migrationsbewegungen ist die weiter aufklaffende Schere zwischen arm und reich – und zwar immer weniger zwischen reichen und armen Ländern, sondern zunehmend zwischen Reichen und Armen in allen Ländern (Piketty 2014; Milanovic 2016). Der wachsende Abstand zwischen reich und arm erzeugt eine weltweit zunehmende Verdrängung, die sich in reicheren Ländern im Zuge der globalen Finanzkrise von 2008 entwickelte und sich in ärmeren Gegenden in Form von (illegaler) Landnahme (›Land Grabbing‹) und Zwangsräumungen fortgesetzt hat (Sassen 2014). Diese führen zu einem Zusammenbruch sozialstaatlicher Unterstützungssysteme und einer Zunahme des Prekariats (Streeck 2017). Globale Veränderungen von Arbeitsmärkten und ‑Bedingungen beschleunigen diese Veränderungen (Avent 2017; Cameron 2017; Frey und Osborne 2013); viele Menschen werden nie eine formale Anstellung finden, sondern dauerhaft in äußerst prekären Situationen leben (Mbembe 2012b). Schon jetzt arbeiten mehr Menschen unter Sklavenbedingungen als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Weltgeschichte (Bales 2012). Der Abstand zwischen Reichen und Armen wird sich aller Voraussicht nach in der nächsten weltweiten Finanzkrise, die zahlreiche Experten für die nähere Zukunft voraussagen, nur noch vergrößern (Richards 2017).
Unter diesen Bedingungen steigt weltweit die Bedrohung durch Kriege. Die Website »Wars in the World« (http://www.warsintheworld.com) listet zum gegenwärtigen Zeitpunkt 230 Kriegsparteien in 29 afrikanischen Ländern, 170 Kriegsparteien in 16 Ländern Asiens und 81 Kriegsparteien in 10 europäischen Ländern sowie 253 Kriegsparteien in 7 Ländern des Mittleren Ostens und 27 Kriegsparteien in 6 Ländern auf dem amerikanischen Kontinent. Ein atomarer Konflikt zwischen Nordkorea und den USA oder Indien und Pakistan würde signifikante Klimakonsequenzen für den gesamten Planeten nach sich ziehen (Toon, Robock und Turco 2008). Hunger wird schon jetzt zunehmend als Waffe eingesetzt (Waal 2017) und es ist generell wahrscheinlich, dass Kriege um Ressourcen – vor allem Wasser – in den nächsten Jahren weiter zunehmen werden.
Global ist ein dramatischer Rückgang demokratischer Strukturen festzustellen (Kurlantzick 2013). Selbst im demokratischen Kerngebiet des alten Westens wird die Demokratie zunehmend durch finanzielle Institutionen ausgehöhlt (Streeck 2014); autoritäre Politik und politisch rechtsstehende Bewegungen nehmen zu. In einer wachsenden Anzahl an Ländern ist die ›Rule of Law‹ (das angelsächsische Äquivalent zur Rechtsstaatlichkeit) z.B. durch Notfallgesetzgebung außer Kraft gesetzt, darunter auch traditionell demokratische Staaten wie die USA und Frankreich (Alford 2017; Fassin 2016). Diese Mittel werden häufig, wenn auch häufig grundlos, als Antwort auf Terrorismus gerechtfertigt; sehr zum Nutzen von Terroristen, da sie den Terror weiter schüren und verstärken. Folter und Missachtung von Menschenrechten haben Hochkonjunktur rund um den Globus (Amnesty 2017).
Zu diesen Kernpunkten der Krise(n) ließen sich weitere hinzufügen: die zunehmende Digitalisierung der Menschheit, die wachsende Kontrolle über biologische Ressourcen (einschließlich der bio- oder nekropolitischen Instrumentalisierung menschlicher Ressourcen in Kriegen, z.B. in Palästina, oder der biopolitischen Ausbeutung von Körpern im internationalen Organhandel), die sowohl aus ökonomischen wie aus militärisch-industriellen Gründen zunehmend engmaschiger werdende weltweite Überwachung, die florierende Militär- und Waffenindustrie und so weiter und so fort (Mbembe 2012a; Mbembe 2016).
Unser notorisches kollektives Nichthandeln im Angesicht dieser Zusammenhänge, so argumentiert Claire Colebrook, liegt in unserer Akzeptanz der »catastrophe of human existence as natural and irredeemable« begründet (Colebrook 2014: 11). Im Angesicht komplexer Krisenszenarien wie des globalen Klimawandels fühlen wir uns, so Colebrook, überfordert und reagieren mit Trägheit und Nichtstun – und zwar so regelmäßig, dass unser Leugnen einen wesentlichen Bestandteil der Krise ausmacht, wie z.B. auch Jeffrey Mantz im Zusammenhang der katastrophalen Produktions- und entfremdenden Konsumprozesse digitaler Kommunikationsgeräte argumentiert (Mantz 2013). Im medien-überschwemmten 21. Jahrhundert steht unser Nichtstun, so scheint es, in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu unserer Überinformation. Mehr noch, die Angst vor radikalen Umwälzungen scheint vielerorts zu panikartigen Klammerreaktionen und einem Wiedererstarken autoritärer politischer Strukturen zu führen.
Krise als Chance(?)
Was tun wir also, in Zeiten der Krise? Nichts, argumentiert Jonas Lüscher in seiner als »Abrechnung mit dem Neoliberalismus« gefeierten Novelle Frühling der Barbaren (2013). Lüschers Protagonist, der Schweizer Fabrikerbe Preising, ist ein Mensch, der keine Entscheidungen trifft, und sein Nichthandeln hat im Laufe der Zeit eine Reihe problematischer Konsequenzen – für andere. Dies zeigt sich vor allem in seiner Haltung gegenüber Hilfsbedürftigen und Abhängigen, die im Kontext der Novelle nicht ohne argumentativen Grund alle im Globalen Süden angesiedelt sind. So deutet der Titel der Novelle zwar auf den »arabischen Frühling« hin, die titelgebenden »Barbaren« sind jedoch die von einer imaginären Finanzkrise überraschten Europäer in einem Ferienresort in der tunesischen Wüste. Die Hotelanlage fungiert dabei als eine Art Foucault’sche Heterotopie der Krise – ein Ort außerhalb der normalen Raum-Zeit, an dem Handlungen scheinbar ohne Konsequenzen für das ›reale‹ Leben der Charaktere in Europa bleiben. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt der Text anhand der wirtschaftlichen Verbindungen und Verstrickungen von Europa und Nordafrika. Preising reist zum Ausbau seiner Geschäftsbeziehungen mit nordafrikanischen Zulieferbetrieben nach Tunesien, fürchtet jedoch jegliches Handeln seinerseits könnte dort als »unangemessene Einmischung« (Lüscher 2015: 27) empfunden werden. Die moralische Schieflage dieser Ansicht wird nicht nur durch Preisings Reichtum unterstrichen – sein Tagesverdienst an den Firmenanteilen entspricht der »Existenz einer ganzen Familie« (Lüscher 2015: 26) –, sondern wird vor allem durch die Weigerung seines Prokuristen deutlich, »auch nur einen Franken nach Afrika fließen zu lassen«, mit der Begründung, »[d]ieser Kontinent ertrinkt in unserer Fürsorge. Afrika ist wie gelähmt durch die Hilfsgelder. Dieser Kontinent muss sich an seinen eigenen Stiefelhacken aus dem Sumpf ziehen.« (Lüscher 2015: 27) Dass diese Weigerung und Preisings Untätigkeit keine neutrale Haltung, sondern ganz im Gegenteil ein grundlegender Faktor der Krise sind, wird im Zusammenhang der Kinderarbeit in einer Zulieferfabrik seines Unternehmens deutlich. Preising begründet seine Nichteinmischung mit der mehrfach wiederholten Überlegung, »wie schwierig das mit der Kinderarbeit sei« (Lüscher 2015: 12–13). Die Aussage bleibt jedoch unbegründet und wird nicht nur durch ihre Wiederholung, sondern auch durch Preisings Quelle in ihrer Aussagekraft in Frage gestellt, handelt es sich doch um ein Mitglied eines »liberale[n] Unternehmerclub[s]« (Lüscher 2015:12), einen »Jungunternehmer, der [ihm] einstmals bei Zürcher Geschnetzeltem und Rösti wortreich erklärt hatte, dass, mit etwas gesundem Abstand betrachtet, die Sache mit der Kinderarbeit nicht so einfach sei.« (Lüscher 2015: 123) Direkt mit den gebeugten Kinderrücken und »blutverkrusteten Fingernägeln« (Lüscher 2015: 122) der afrikanischen Kinder konfrontiert, die unverkennbar seine Produkte fertigen, zieht Preising sich auf diese geografisch im globalen Norden verortbare Position des »Abstands« zurück, die vom Fabrikleiter, der Preising aufgrund seines Schweigens für »einen ganz harten Hund« (Lüscher 2015: 124) hält, als Aufforderung zu neuen Preisverhandlungen interpretiert wird. Preisings Untätigkeit hält somit nicht nur der sprichwörtlich neutralen Schweiz, sondern gleich einer ganzen neoliberal-finanzkräftigen Schicht des globalen Nordens den Spiegel vor:
Preising war natürlich nicht bereit, sich allzu viele Gedanken über das Größere und Höhere zu machen, zumindest war er nicht bereit, die damit verbundene Verantwortung auf sich zu nehmen und unterlief die an ihn gestellten Erwartungen damit, dass er sich einfach damit begnügte, reich zu sein, ich vermute sogar stinkend reich, und ansonsten das Leben eines Durchschnittsbürgers führte, mit Ausnahme der Haushälterin, die er sich leistete, weil sie ihm viele Entscheidungen des Alltags abnahm. (Lüscher 2015: 66)
Den Reichtum Preisings, seines Prokuristen und der »Masse seiner Mitleistungsträger, Großentscheider und Vielverdiener« (Lüscher 2015: 67) identifiziert der Erzähler als wesentlichen Faktor der Krise, indem er ihre Argumente in einem moralisierenden Kommentar als fadenscheinige Ausreden entlarvt:
Geld sei ja nur Mittel zum Zweck, es würde Möglichkeiten eröffnen, Möglichkeiten Großes zu tun, wobei sich dann die Größe der Taten meistens doch in Quadratmetern Wohnfläche in Cap Ferrat oder Rumpflängen in St. Barth manifestierte oder bestenfalls im Zukauf noch einer BH-Bügelfabrik in Bangladesch, die noch mehr Geld abwarf, mit dem man ›Dinge in Bewegung setzen konnte‹, wie sie sich gerne ausdrückten. Dass Geld nicht für sich selbst steht, lag in der Natur der Sache, das war die Idee dahinter. Warum nur versuchen sie, uns das als ihre eigene Entdeckung zu verkaufen, und warum glaubten sie, würde das irgendetwas besser machen? (Lüscher 2015: 67)
In diesen Überlegungen zeigt sich die Funktion des namenlosen extradiegetischen Erzählers, der sowohl als Adressat für Preisings Narrativ als auch als moralischer Kommentator der von Preising beschriebenen Ereignisse fungiert. Dabei stellt der Erzähler nicht nur Preisings Untätigkeit an den Pranger, sondern hinterfragt exemplarisch gleich das gesamt globale kapitalistische Wirtschaftssystem. Dies wird vor allem durch Preisings die Novelle gleichsam umrahmende Kritik deutlich: Der Erzähler, so argumentiert der Fabrikerbe, »stell[e] die falschen Fragen« (Lüscher 2015: 7).
Preisings Unglaubwürdigkeit wird dabei durch die meta-narrativen Überlegungen des Erzählers unterstrichen, der sich der narrativen Qualitäten von Preisings Erzählung durchaus bewusst ist: »Was mir Preising hier also präsentierte, war eine Variante der Erzählung ›Wo ich gerade war, als England den Staatsbankrott erklärte‹, ein Genre, welches die Erzählung ›Womit ich am 11. September gerade beschäftigt war‹ abgelöst hatte […]« (Lüscher 2015: 96). Diese Kontextualisierung der Krise im Alltäglichen mag auf den ersten Blick wie ein Versuch ihrer Verarbeitung erscheinen, ersetzt die notwendige Auseinandersetzung mit dem Schrecklichen und Unfassbaren aber meist nur durch die Erzählung persönlicher Banalitäten. Im Text steht hierfür bildhaft die minutiöse Kritik der »babyblauen Seidenkrawatte« des britischen Premierministers, die dem Erzähler »auch heute noch als unangemessen optimistisch und frivol in Erinnerung ist.« (Lüscher 2015: 96) Darüber hinaus wird diese Lesart der Krise als Sensationsnarrativ durch Preisings Beschreibung der medialen Reaktionen auf die Krise getragen, die sich einer für Krisensituationen typischen Sprache bedienen: »Allerorts begegnete ich aufgeregten Gesichtern. Sondermeldungen verlesenden Nachrichtensprechern, nachlässig gepuderten Kommentatoren, schwitzenden Experten. Von einem drohenden Flächenbrand, einer Epidemie war die Rede.« (Lüscher 2015: 97) Die verwendete Metaphorik (Flächenbrand / Epidemie) unterstreicht die unvorhersehbaren Auswirkungen und wahrscheinliche Ausweitung der Katastrophe und ist so dazu angetan, zusätzliche Ängste im Zuschauer zu schüren. Diese sprachliche Hysterie wird in Preisings Erzählung direkt als solche entlarvt: »Beides, wie du weißt, ist dann doch nur in weit geringerem Maße eingetroffen, als an diesem Morgen in den Fernsehstudios und auf den Sonderseiten der Weltpresse heraufbeschworen wurde.« (Lüscher 2015: 97)
Was wäre aber nun der richtige Umgang mit der Krise? Vor dem Hintergrund der zunehmenden Panik setzt die Novelle sich in diesem Zusammenhang auch mit möglichen Reaktionen verschiedener Schlüsselfiguren auseinander, die stellvertretend für eine Reihe wissenschaftlicher Disziplinen stehen. Die textbasierten Geisteswissenschaften – in diesem Szenario vertreten durch die Englischlehrerin Pippa Greyling – präsentiert sie dabei als entrückt und von den Ereignissen einigermaßen unbeeindruckt: »Pippa nahm die schlechte Nachricht resigniert zur Kenntnis und bemerkte, dass sie das habe kommen sehen. Sie war sich nicht sicher, ob sich deswegen die Welt auf eine bedeutsame Art und Weise ändern würde, ob deswegen Dinge wie zum Beispiel das Rezitieren eines Gedichtes wieder an Bedeutung gewinnen würden […]« (Lüscher 2015: 93). Der Kommentar zur Gedichtrezitation, obschon im Kontext der Novelle auf ihren misslungenen Vortrag auf der Hochzeit ihres Sohnes bezogen, unterstreicht dennoch einen aktuellen Kritikpunkt an der Distanzierung der textbasierten Geisteswissenschaften vom aktuellen Weltgeschehen, suchen sie ihre Forschungsthemen doch häufig gerade nicht in der Gegenwart, sondern in etablierten historischen Kanons. Auch die Soziologie, vertreten durch Pippas Mann, kommt in diesem Kontext nicht besser weg. Seine Vorstellungen von einem gesellschaftlichen »Neuanfang, der ohne Männer wie ihn, die ein Leben lang auf der richtigen Seite gestanden hatten und ihre besten Jahre damit verbraucht hatten, darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft eigentlich einzurichten sei, kaum zu bewerkstelligen war« (Lüscher 2015: 105), werden zugleich durch die selbsteingestandene »Lächerlichkeit« seiner spontanen Affäre mit der Trauzeugin seines Sohnes untergraben (Lüscher 2015: 105). Die Geistes- und Sozialwissenschaften, so wie sie im Text präsentiert werden, haben keine Handhabe gegen die Barbarei der Finanzwirtschaft, mehr noch, sie haben kein Interesse an ihr. Lüschers Novelle reflektiert somit, jenseits der eindeutigen Parallele von neoliberalen Finanzmärkten und Barbarei, auch eine aktuelle Kritik an der Position der Geisteswissenschaften in der Krise. Auch sie stellen, so argumentiert der Text, »die falschen Fragen« (Lüscher 2015: 7).
Lüschers Novelle ist ein Zitat von Franz Borkenau vorangestellt, das Barbarei als »schöpferische[n] Prozess« und die Krise damit als Chance interpretiert – auch wenn dieser »Barbarei« und »Jahrhunderte spiritueller und materieller Verarmung und […] schreckliche Leiden« vorangehen könnten (Borkenau in Lüscher 2017). Das Zitat spiegelt sich auch in einer umstrittenen Äußerung Slavoj Žižeks, in der er sich positiv zur Wahl Donald Trumps äußerte, die notwendig sei, um die »inertia of the status quo« (Žižek 2016) aufzubrechen. Dieser accelerationistisch geprägten Liebäugelei mit den »reinigenden« (in ihrer selektiven Bevorzugung einer finanziell und körperlich überlebensfähigen Bevölkerungsgruppe extrem problematischen) Kräften der Apokalypse steht auf der anderen Seite eine kollektive Apathie im Angesicht der Krise gegenüber, die im globalen Norden vor allem der wahrgenommenen Komplexität geschuldet zu sein scheint. Dabei würde es doch zur ureigenen Rolle der textbasierten Geisteswissenschaften gehören, Interpretationsansätze zu finden und Strategien im Umgang mit komplexen Szenarien zu entwickeln. Dazu bedarf es allerdings neuer Ansätze jenseits verängstigter Kopf-in-den-Sand Politik und apokalyptischer Begeisterung für die reinigende Wirkung von Katastrophen. Doch wie könnten solche Ansätze aussehen und befinden die Geisteswissenschaften sich nicht aktuell selbst in der Krise?
Geisteswissenschaften in der Krise
Die Krise der Geisteswissenschaften ist sicher kein neues Thema (Martus 2017). Es ist also nicht sonderlich überraschend, dass ein im Februar 2017 veröffentlichter Artikel von Spiegel-Autor Martin Doerry die aktuelle Relevanz der Germanistik als Studienfach in Frage stellt. Die Germanistik, so Doerry, sei gesellschaftlich zum Schweigen verurteilt, denn »[w]er aus der akademischen Nische heraustritt, muss um sein Ansehen fürchten.« (Doerry 2017) Die Germanist*innen Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke – Letzteren zitiert Doerry mit den Worten, »[d]as Fach habe ›keinen Biss‹ und ›keine Identität‹ mehr« (Doerry 2017) – kritisierten Doerrys Aussagen in der FAZ. Die Germanistik vermittle, so die AutorInnen, »ein spezifisches Wissen in Fragen der Form«, das »den Blick für Fiktionalisierungen und ihre strategischen Einsätze öffnen [könne], auf die wir nicht nur in der Kunst, sondern vielleicht verstärkt auch in der politischen Wirklichkeit treffen.« (Drügh, Komfort-Hein und Koschorke 2017) Und auch andere Vertreter des Fachs engagierten sich für die Relevanz der germanistischen Literaturwissenschaft (zum Beispiel Steffen Martus, ebenfalls in der FAZ, und Klaus Kastberger in der ZEIT). Die Kritik an Doerrys Artikel ist jedoch mehrheitlich darauf ausgerichtet, die Relevanz und gesellschaftliche Nützlichkeit des Fachs Germanistik zu verteidigen und übersieht damit, wie Doerrys Artikel selbst, die wesentlich weitreichendere Frage nach der Position der Geisteswissenschaften in Krisenzeiten. Hierzu müssen in der Tat nicht nur die Germanisten, wie von Doerry gefordert, »Stellung beziehen« (Doerry 2017), gerade weil sie einen wichtigen Beitrag zum Umgang mit diesen Krisen leisten können.
Die mangelnde gesellschaftliche Wirkung geisteswissenschaftlicher Forschung ist jedoch nicht allein auf das zu geringe Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaften oder die gesamtgesellschaftliche Irrelevanz ihrer Forschungsgegenstände zurückzuführen. Vielmehr handelt es sich um ein systematisches, kulturelles Problem, das Achille Mbembe im Rahmen eines Kommentars zu einem aktuellen Forschungsprogramm der südafrikanischen Regierung folgendermaßen beschreibt: »The assumption is that coupled with science and technology, market capitalism will sort out most of our problems. Not once does it mention the humanities.« (Mbembe 2012a: 8) Mbembe führt dies vor allem auf die Dominanz neoliberaler Wirtschaftsmodelle zurück, die auch die Gewichtung natur- und geisteswissenschaftlicher Forschung an Universitäten beeinflusst. Dabei bezieht er sich zwar vor allem auf Südafrika; dass es sich aber nicht um ein genuin südafrikanisches, sondern ein globales Problem handelt, wird vor allem beim Blick in die USA und nach Großbritannien deutlich, wo neoliberale Wirtschaftsüberlegungen noch mehr als im deutschsprachigen Raum die Struktur der universitären Landschaft verändert haben. Gerade hier, im industrialisierten, kapitalistischen Norden liegt ein großer Teil des Problems, wie Philipp Blom argumentiert:
Die reichen demokratischen Länder, die großen Wirtschaftsmächte, die G7 oder G8, die ehemaligen Kolonialherren und ehemaligen Industriestandorte sind in ein reaktionäres Zeitalter abgerutscht. Ihr schönstes Gefühl ist Nostalgie. Sie wollen keine Zukunft. Zukunft ist Veränderung, und Veränderung ist Verschlechterung, bedeutet millionenfache Migration, Klimawandel, kollabierende Sozialsysteme, explodierende Kosten, Bomben in Nachtklubs, Umweltgifte, ausbleichende Korallenriffe, massenhaftes Artensterben, versagende Antibiotika, Überbevölkerung, Islamisierung, Bürgerkrieg. Zukunft sollte vermieden werden. Die Menschen in der reichen Welt wollen nur, dass die Gegenwart nie endet. (Blom 2017: 16)
Gerade deshalb kann der krisengeplagte globale Süden, in dem die Menschen auf kreative Eigenlösungen angewiesen sind, einen besonderen Modellcharakter für die Lösung dieser Probleme einnehmen, wie auch Mbembe argumentiert. Jenseits euro-amerikanischer Theoriemodelle und altbekannter Narrative könnten kreative Fragestellungen eine Schlüsselrolle in der Neubewertung der Geisteswissenschaften (und Universitäten insgesamt) jenseits ihrer neoliberal-kapitalistischen Nützlichkeit einnehmen. Dies kann und muss im Anthropozän auch eine Neubewertung der Rolle des Menschen (im Englischen durch das »Human« im Begriff »Humanities« repräsentiert) und seiner Auswirkungen auf diesen Planeten beinhalten. Denn nur wenn Geistes- und Naturwissenschaften zusammenarbeiten und neue Fragestellungen und Problemlösestrategien entwickeln, werden wir der Klimakrise überhaupt etwas entgegenzuhalten haben.
Die siebzehn Kapitel des vorliegenden Bandes setzen sich in diesem Sinne kritisch mit der Rolle der Geisteswissenschaften in Krisenzeiten auseinander. In vier Teilen bieten sie Bestandsaufnahmen, Lektüren, Anwendungen und Interventionen.
Ausgehend von Rita Felskis Überlegungen zu den Aufgaben der Geisteswissenschaften – einerseits konservativ-konservatorisches »curating« bzw. »conveying«, andererseits tendenziell innovatives »criticizing« bzw. »composing« – konstatiert Dorothee Kimmich in einer ersten Bestandsaufnahme zwei Tendenzen in der Literaturwissenschaft. Die konservativ-konservatorische Richtung der Germanistik wird zwangsläufig in kommenden Jahrzehnten schrumpfen, so Kimmich. Dagegen wird (und sollte) das innovative Potential des Faches einen Zuwachs erleben. In diesem Sinne entwirft Kimmich ein Programm für solche Fächer bzw. Studiengebiete, die auf die Arbeit des Urteilens und die Erläuterung des Urteils fokussiert sind. In dieser Grauzone des impliziten Wissens, der Ambiguität, der Diffusitätskompetenz – also in Bereichen des Denkens/Handelns, die für unsere heutige Gesellschaft in Zeiten multipler Krisen höchst relevant sind – liegt der eigentliche Kernkompetenzbereich der Geisteswissenschaften. Das Urteilen zu untersuchen ist wichtig, da, so Kimmich, »Literatur- und Kulturwissenschaften gerade das kompliziert machen, was auf den ersten Blick einfach erscheint. Sie brechen das Normale auf, ändern den Kontext und machen sichtbar, was sich im ›Normalen‹ verbirgt«.
John K. Noyes etabliert im zweiten Kapitel ein konzeptuelles Dreieck aus den Eckpfeilern Philosophie, Naturwissenschaften bzw. Technologie und Literatur(wissenschaft). Da wo sich die Philosophie im Zuge ihrer zunehmend sichtbar werdenden Irrelevanz für die Welt der Technologie gänzlich von der Realität abgewandt hat, und wo die naturwissenschaftliche Fetischisierung des Fortschritts als ihre eigene Bankrotterklärung fungiert, kommt der Literatur(wissenschaft) eine wichtige Rolle zu: und zwar die des Möglichmachens einer Rückkehr zu einer scheinbar von der Technologie überholten Vergangenheit, so dass die Literatur(wissenschaft) als ein Locus der Infragestellung des Fortschrittsglaubens hervorzutreten vermag. Literatur(wissenschaft) übernimmt so eine Wächterrolle für das Unbewusste des naturwissenschaftlich modellierten Menschen. Viele Fragen der Technologie, z.B. die ihrer Gewinne und Verluste, können nicht von ihr selbst beantwortet werden, sondern müssen aus ihrem Unbewussten, d.h. aus dem Bereich der Literatur(wissenschaft) beantwortet werden – und zwar im Dialog mit einer neu konzipierten Version der Philosophie, der (kritischen) Theorie.
I-Tsun Wan stellt im dritten Kapitel aktuelle Krisennarrative in den historischen Zusammenhang der krisenhaften Welt um 1800. Seine beispielhafte Lektüre zeitgenössischer literarischer (Kleist) und philosophischer (Schlegel) Positionen zielt dabei auf die Beschreibung einer transzendentalen Geschichtsschreibung, die schließlich eine Überwindung der gravierenden – d.h. ausweglos erscheinenden – Krise ermöglicht. Im Spannungsfeld von Literatur und Wissenschaft, Kommerzialisierung und Religion argumentiert Wan für eine Rückbesinnung auf eine ethisch-religiöse Transzendentalität der Literatur.
Vor dem Hintergrund ›postfaktischer‹ politischer Diskurse (Trump et al.) und solcher Kommentare, die die Schuld für die Untergrabung objektiver Wahrheitsmaßstäbe vor allem bei den linksradikalen Theoretikern der Postmoderne suchen, stellt Christoph Reinfandt in Kapitel vier eine Typologie der gegenwärtigen Wahrheitsbegriffe auf. Anhand von Niklas Luhmanns Modellierung der modernen Gesellschaft als ein sich ausdifferenzierender Zusammenhang autopoietischer, d.h. sich selbst hervorbringender und vorantreibender Kommunikationen, schlägt Reinfandt vor, dass literatur- und kulturgeschichtliche Einsichten einen möglicherweise entscheidenden Schlüssel zum besseren Verständnis der gegenwärtigen Situation bieten können.
In Kapitel fünf geht es Thomas Kater um die Ausdifferenzierung aktueller Krisenzusammenhänge für die Literaturwissenschaft, die sich – möglicherweise zu Recht – genötigt sieht ihre Relevanz in Krisenzeiten zu rechtfertigen. Kater attestiert der Literaturwissenschaft weniger ein Relevanz- denn ein Kommunikationsproblem, lägen ihre Kernkompetenzen doch gerade im schmalen operativen Bereich an der Grenze von Fakt und Fiktion, also im »Modalitätsmanagement« von Texten, das er konkret am Beispiel postfaktischer Auseinandersetzungen in den Social Media (zwischen dem AfD Landtagsabgeordneten Björn Höcke und dem ARD faktenfinder der Tagesschau) aufzeigt. Statt einer Krise attestiert Kater der Literaturwissenschaft die »Notwendigkeit zur Selbstreflexion im Hinblick auf ihre eigene Relevanz« – sind ihre Kompetenzen doch heute gefragt wie selten zuvor.
Raphael Zähringers Kapitel sechs beginnt die Reihe der Lektüren mit einem Plädoyer für die narratologische Auseinandersetzung mit postfaktischer Politik, die, genau wie Literatur, als »fiktionale Projektionsfläche von Wirklichkeit« gelesen werden kann. Ausgehend von Monika Fluderniks Typenmodell mündlicher Erzählformen und Juri Lotmans Plot-Typologie setzt sich Zähringer mit der »Literaturhaftigkeit« postfaktischer Medientechniken auseinander und kommt zu dem Schluss, dass sich die multimedialen Strukturen postfaktischer Politik mittels literaturtheoretischer Werkzeuge nicht nur beschreiben lassen, sondern dass dies eine sonst kaum führbare Debatte über solche Narrative erst ermöglicht.
In Kapitel sieben setzen sich Robert Leucht und Carl Niekerk anhand konkreter Redebeispiele mit den narrativen Strategien populistischer Politiker (Trump, Blocher, Wilders) auseinander – darunter die Etablierung simplifizierender narrativer Konzepte, z.B. eines »wir«-Gefühls über die Evozierung eines »Volksbegriffs«, dem eine Gruppe von »Feinden« gegenübergestellt wird, oder die Erzeugung von Feindbildern über das Umdefinieren der »Rede des Feindes« für die eigenen Zwecke. Leucht und Niekerk entwickeln so eine Narratologie populistischer Rhetorik, die neue Fragen für die Auseinandersetzung mit derartigen politischen Strategien aufwirft und auch die unausweichliche Frage stellt, was wir als Gesellschaft – und ganz konkret auch die Literaturwissenschaften – diesen Narrativen entgegensetzen können.
Eine ganze Reihe aktueller literarischer Krisennarrative steht im Zentrum von Sascha Seilers Kapitel acht, das sich konkret mit der Frage nach der Darstellung und Untersuchung von Grenzüberschreitungen in der Literatur und durch die Literaturwissenschaft auseinandersetzt. Lähmende Globalisierungsangst steht, so Seiler, im Zentrum des 2017 erschienenen Romans Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens von Roman Ehrlich, ebenso wie in Simon Strauss’ ebenfalls in diesem Jahr veröffentlichtem Roman Sieben Nächte. Beide Texte können damit exemplarisch für die literarische Darstellung aktueller Ängste gelesen werden.
In Kapitel neun setzt sich Nele Guinand anhand einer Lektüre von Friedrich von Borries Klimakapseln mit der Frage auseinander, wie das Leben im reichen Globalen Norden in Zukunft aussehen könnte, und zeigt dabei die vielfältigen ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verstrickungen von arm und reich, globalem Norden und globalem Süden, willkommenem, anerkanntem Bürger und illegalem, aus der Gesellschaft ausgestoßenem Migranten auf. Von Borries Text, so argumentiert Guinand, präsentiert ein paradoxes Zukunftssystem, dass sich gleichzeitig als literarische Intervention zu aktuellen wirtschafts- und klimapolitischen Zusammenhängen lesen lässt.
Stefan Hofer-Krucker Valderrama eröffnet die Reihe der Anwendungen mit konkreten Überlegungen zur didaktischen Aufbereitung des genuin zur Literatur (und damit auch zur Literaturwissenschaft) gehörenden Krisenbewusstseins im Literaturunterricht. Dabei geht es ihm sowohl um literaturwissenschaftliche Klimawandelforschung, die untrennbar mit der Rolle menschlichen Handelns im Anthropozän verknüpft ist und deren Aufgabe es sein sollte, das von der Literatur generierte ›hybride Wissen‹ gesellschaftlich verfügbar zu machen, als auch um das konkrete Anwendungsbeispiel einer in die Diskussion der aktuellen ›Flüchtlingskrise‹ eingebetteten Kafka-Lektüre im Rahmen des gymnasialen Literaturunterrichts. Das Kapitel beschreibt sowohl die didaktische Umsetzung als auch Reaktionen und Verstehensarbeit der Schüler und kommt zu dem Schluss, dass die von vielfältigen Formen von Krisenhaftigkeit geprägte Literatur(wissenschaft) es vermag, den Menschen in seiner Selbstzufriedenheit aufzurütteln und zum Nachdenken über sich selbst anzuregen.
In Kapitel elf setzt sich Jens F. Heiderich mit den Möglichkeiten dramatischer Texte und Praktiken zur Ausprägung eines ökonomischen Bewusstseins im Deutschunterricht auseinander. Anhand des Begriffs der ›literarischen Ökonomik‹ (der Verzahnung von Literatur- und Wirtschaftswissenschaft) analysiert Heiderich verschiedene, vor allem zeitgenössische Theaterstücke im Hinblick auf ihre Darstellung der Finanzwelt, von Arbeit, Geld und Börsenhandel und stellt Überlegungen zur bisher eher zögerlichen didaktischen Auseinandersetzung und Aufbereitung solcher Diskurse für die Anwendung im Literaturunterricht an. Das Kapitel schließt mit einem Plädoyer für eine ›ökonomie-sensible‹ Lektüre- und Theaterpraxis im Unterricht, die Schüler*innen für die vielfältigen wirtschaftlichen Diskurse, in die sie in ihrem alltäglichen und zukünftigen Leben eingebunden sind und sein werden, sensibilisieren (und auch wappnen) könnte.
In Kapitel zwölf setzen sich Julian Ingelmann und Christian Dinger kritisch mit der Frage auseinander, warum die Literaturwissenschaft scheinbar in einer Sinnkrise bezüglich der allgemeinkulturellen Vermittelbarkeit ihrer eigenen Relevanz zu stecken scheint, und zeigen Parallelen und Anknüpfungspunkte der Literaturwissenschaft zu den Vermittlungsformen neuer Medien – vor allem zum auf Youtube verbreiteten Format des Videoessays – auf. Der Erfolg dieser neuen Medien, gerade wenn sie sich mit literatur- und sprachwissenschaftlichen Kernthemen auseinandersetzen (wie hier am Beispiel des Videoessays How Donald Trump answers a question gezeigt wird), spricht, so Dinger und Ingelmann, für ein breites öffentliches Interesse an Themen aus dem Bereich der Sprache und Literatur, das durch eine Öffnung der Literaturwissenschaft gegenüber diesen neuen Formen der Literaturvermittlung als Argument für die Aktualität literaturwissenschaftlicher Themen und Methoden nutzbar gemacht werden könnte.
Daniela Roth setzt sich in Kapitel dreizehn kritisch mit der Rolle der Gegenwartsliteratur als Spiegel aktueller Themen und Diskurse (hier konkret der deutschen Flüchtlingspolitik und gesellschaftlicher Reaktionen auf diese) auseinander und argumentiert, dass sich auch die Literaturwissenschaft fragen muss, wie sich ihre Begrifflichkeiten (hier das Stichwort Transnationalismus) auf den Umgang mit solchen Problemen und Fragestellungen auswirken. Am Beispiel von Jenny Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen zeigt Roth, wie zeitgenössische Texte die Problematik transnationaler Mobilität in Kontexten diskutieren können, in denen selbstbestimmte grenzüberschreitende Bewegungen eben gerade nicht Teil der Erfahrungswelt der Geflüchteten sind, und argumentiert, dass in Erpenbecks kontrovers diskutiertem Text auch »bildungsbürgerliche und literatur- sowie geisteswissenschaftliche Ansätze und Denkmuster (selbst-)kritisch reflektiert werden.«
In Kapitel vierzehn bietet Tom Reiss eine erste kritische Intervention zum Krisenbegriff, der aktuell auf so unterschiedliche Diskussionsgegenstände wie persönliche Ausnahmezustände von Geflüchteten und die kritische Auseinandersetzung der Literaturwissenschaften mit ihrem eigenen Selbstverständnis Anwendung findet. Reiss konstatiert einen problematischen Zusammenhang zwischen beiden Anwendungsbereichen, der sich über eine ernsthafte Auseinandersetzung der Literaturwissenschaften mit Fluchtnarrativen lösen ließe. »Die Öffnung der Literaturwissenschaften für Geflüchtete ist eine Frage des Selbsterhaltes«, argumentiert Reiss, und schlägt hierfür eine Reihe von Strategien vor – eine Demokratisierung von Kanon und Diskurs, die Auseinandersetzung mit den Grundbedingungen von Narration, eine kritische Hinterfragung von Nationalphilologien und Öffnung von wissenschaftlichen Perspektiven für deren durch Kolonialismus erzeugte globale Verbindungen sowie eine kritische Auseinandersetzung der Literaturwissenschaften mit dem eigenen Selbstverständnis, um die Krise weniger als Notstand und mehr als Chance zur Nutzung der eigenen Fähigkeiten zur Auseinandersetzung mit Krisen zu begreifen.
Swen Schulte Eickholt argumentiert in Kapitel fünfzehn ebenfalls für eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen kulturellen und politischen Diskursen, die oft einfache Lösungen und griffige Slogans über die notwendige Auseinandersetzung mit komplexen Problemlagen stellen und so Populisten, die scheinbar einfache Lösungen anbieten, Tür und Tor öffnen. Dagegen setzt Schulte Eickholt eine Argumentation für einen dynamischen Begriff des Interkulturellen, für eine Neubewertung des Verstehensbegriffs und für eine engagierte und standortbestimmte Literaturwissenschaft, die sich »der Komplexität einer Welt aus den Fugen« stellt und sich gegen ihre Vereinfachung einsetzt.
John Kinsellas didaktische, poetische und kulturkritische Auseinandersetzung mit Hölderlins Werk in Kapitel sechzehn zielt darauf ab, Literatur(wissenschaft) als Strategie des Widerstands zu etablieren – gegen konformistische Textlektüren, die Argumente, wie kritisch sie auch immer sein mögen, lediglich wiederholen, anstatt sie effektiv zu nutzen. Dagegen setzt Kinsella, gleichermaßen Poet und Literaturwissenschaftler, ein Plädoyer für einen neuen Umgang mit Texten, der das Umschreiben, das Rekontextualisieren und auf die eigene Situation Beziehen sowie das Öffnen von Leerstellen und Abwesenheiten aus dem Text in den Mittelpunkt literaturwissenschaftlicher und ‑didaktischer Arbeit stellt. Kinsella zeigt dies am Beispiel seiner eigenen poetischen Auseinandersetzung mit und »Verstörung« von Hölderlins Gedichten ebenso wie in der Frage nach der Möglichkeit, Bildung zu entschulen und Wissen stärker in den Dienst der Gemeinschaft, des Schutzes der Umwelt und einer erstrebenswerten Zukunft zu stellen.
Matthias N. Lorenz prangert im siebzehnten Kapitel Missstände im deutschen Hochschulsystem – wie etwa prekäre Beschäftigungsverhältnisse sowie feudale Hierarchien bzw. Abhängigkeitsverhältnisse von Mittelbauwissenschaftler*innen – an. Er deutet solche Missstände als lokale Symptome weitreichender globaler Krisen. Nur durch eine Überwindung der Kluft zwischen den laut geäußerten linksliberalen Theorien vieler Literaturwissenschaftler*innen und der gleichzeitig oft ausbeuterischen Praxis im akademischen Alltag durch eine vielerorts bereits begonnene (jedoch leider häufig unstrukturierte und nicht zielgerichtete) Reform der hochschulinternen Strukturen können universitäre Forschung und Lehre überzeugende Antworten auf die globale Krise geben.
Mögliche Interventionen im Sinne einer extrovertierten (d.h. nicht auf ihre eigene Krise, sondern nach außen gerichteten) Literaturwissenschaft stehen auch im Zentrum des Schlussworts dieses Bandes, mit dem wir einen Beitrag zu einer Neuinterpretation der Rolle der Literaturwissenschaften (und Geisteswissenschaften) in globalen Krisenzeiten leisten möchten.
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I Bestandsaufnahmen
1 »Nach der Krise ist vor der Krise«
Vom Überleben in, mit und durch die Krise
Dorothee Kimmich
Eine Krise der Geisteswissenschaften an den Universitäten aber auch außerhalb von ihnen zu konstatieren, ist notorisch und verheißt im Prinzip nichts Neues. Seit Jahren und ganz abgelöst vom wie auch immer beklagenswert sich darbietenden Realzustand der humanities stößt solches Lamento auf gleichsam rhetorische, durchwegs habituelle Zustimmung. […] Es scheint, als leiden die Geisteswissenschaften und die mit ihnen epistemisch verwandten heuristisch orientierten Gesellschaftswissenschaften unter einem kaum korrigierbaren und sich praktisch auswirkenden beständigen Legitimationsdefizit. (Diner 2003: 70)
Der Historiker, Publizist und Wissenschaftsmanager Dan Diner hat diese Sätze vor mehr als zehn Jahren formuliert – und es ist keineswegs der erste Kommentar zur Lage der Humanities. Schon vor ihrer eigentlichen Existenz gab es Kritik: Leonardo Bruni Aretino, Humanist und Staatskanzler im Florenz des frühen 15. Jahrhunderts, bemerkt verächtlich gegenüber Philosophie-Professoren, dass er ihnen lieber beim »Schnarchen als beim Reden zuhören« würde (Bruni Aretino 1984: 93). In eine ähnliche Richtung zielt das immer wieder gern bediente Bild des »faulen Professors« (Enders und Schimank 2001: 159–178), der die Autonomie von Forschung und Lehre dazu nutzt, sich ein schönes und vor allem geruhsames Leben zu machen. Um die ganze Sache rund zu machen, gehört dazu noch eine Studentenbeschimpfung, wie sie unlängst wieder im Spiegel nachzulesen war: Germanistikstudenten – noch mehr offenbar Studentinnen – haben keine Ahnung vom Lesen, noch weniger von Literatur und schon gar nicht von Goethe, den sie nur noch als »so nen Toten« kennen (Doerry 2017: 105–109).
Im Spiegel geht es nicht um eine Abrechnung mit den Humanities im Allgemeinen, sondern mit dem größten Fach innerhalb der Literaturwissenschaften, mit der Germanistik: Sie sei riesig, aber marginal. Sie bringe weder gute Lehrende noch gute Kritiker*innen hervor, anders als dies (früher? zu Zeiten von Walter Jens?) einmal war. Berufsfelder wie das Feuilleton und der viel beschworene Lektoratsjob verschwinden, weil Zeitungen und Verlage keine Literaturwissenschaftler*innen brauchen. Diese dagegen landen, wie uns Doerry Houllebecq zitierend belehrt, bei Hermès im Verkauf. Im Vergleich zu anderen Studienfächern scheinen die Literaturwissenschaften und dabei insbesondere die Germanistik – für die man nicht einmal Englisch können muss, geschweige denn so etwas Kompliziertes wie Rechnen – schlechte Studierende anzuziehen und aus motivierten Lehrenden frustrierte akademische Verwaltungsangestellte zu machen.
Diese Kritikpunkte lassen sich noch ergänzen durch die Kritik an der Institution Universität insgesamt, die – je nach nationaler Bildungspolitik – entweder vollkommen unterfinanziert ist, wie in Italien und Deutschland, oder große interne Qualitätsunterschiede aufweist wie etwa in Frankreich und den USA. Drittmittelpolitik in unterschiedlicher Form, der dauernde Druck, Geld einzuwerben, die deutsche Exzellenzinitiative mit ihren Tausenden von Anträgen, die zigtausende von Arbeitsstunden verschlingen, werden ebenso getadelt wie neue Besoldungsrichtlinien für Wissenschaftler*innen, die offenbar die Vertreter der Naturwissenschaften bevorzugen. Die nicht abreißende Debatte um die Relevanz philologischer Kompetenzen gehört ebenso zum Kanon der Einwände wie die Kritik an den Schulen und dem Niveau, mit dem sie Schüler*innen an die Universität entlassen (Lehrlinge bzw. Azubis allerdings können auch nichts mehr!).
Mit dem Verschwinden des Bildungsbürgertums und seiner Wertvorstellungen, seinem Bildungskanon und seinen Ausbildungspraktiken verschwanden auch die Sicherheit und Selbstverständlichkeit der zu vermittelnden Inhalte in Literatur, Kunst und Musik (vgl. Erhart 2003a: 108–125). Die damit verbundene Warnung vor dem Untergang der Bildung im Internetzeitalter ist zum Gemeinplatz geworden: Das »Ende der Gutenberg-Galaxis« (Bolz 1995) war erst nur ein schönes Bonmot – und heute haben wir dieses Ende so weit hinter uns gelassen, dass es selbst schon Geschichte geworden ist. In all dem ist nichts Positives zu erkennen; außer vielleicht der Tatsache, dass Bildung offensichtlich zu allen Zeiten wenn nicht alle, so doch viele anzugehen scheint, und dass man Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen, ja, dass man bestimmten Fächern und Disziplinen offenbar viel zutraut – oder eben auch viel zumutet.
Die Kritikpunkte sind fast alle berechtigt – und genau dies mag einen skeptisch stimmen. Sie zielen auf die Universitäten ganz allgemein, besonders aber auf die Literatur- und Kulturwissenschaften und im Speziellen häufig auf die Germanistik. Selten wird so viel Häme über die juristischen Fakultäten, die theologischen Seminare, die Archäologie oder auch die Geschichte ausgeschüttet wie über die Literaturwissenschaften. Man fragt sich manchmal, warum. So viel Kritik, und aus so unterschiedlichen Perspektiven? So viele implizite und explizite Forderungen und Erwartungen, die, würde man versuchen, sie alle zu erfüllen, sicherlich kein konsistentes Bild ergeben würden. Vielleicht muss man sich also zunächst einmal fragen, was eigentlich solche Empörung auslöst. Wie sieht der Katalog der Wünsche aus? Woher kommt die krasse Kritik?
Geisteswissenschaften – oder, um den irreführenden Begriff des »Geistes« zu vermeiden, besser: Humanities – sollen historisches und zeitgenössisches Wissen bewahren, es pflegen, sie sollen es erhalten, zugänglich und brauchbar machen oder sogar oft die Zugänglichkeit erhalten, indem sie etwa die Kenntnis fast vergessener Sprachen und Schriften, Zeichensysteme und Bilder konservieren und ihre Funktionen trainieren. Die einen loben dabei, dass dies ohne Ansehen von direkter Verwertbarkeit, mit langem Atem und ohne tägliche Überprüfung von aktueller Relevanz geschehen soll und kann. Tagesaktuelle Verwertbarkeit soll und darf dann gerade kein Kriterium sein. Andere reden genau hier vom Elfenbeinturm.
Die Kritiker des Elfenbeinturms nämlich verlangen, dass zeitgenössische Debatten aufgegriffen, überalterte Themen und Thesen verworfen und dezidiert verabschiedet werden. Und nicht nur dies: Zu aktuellen Themen soll es auch noch kompetente und ethisch vertretbare Kommentare, Urteile, politisch und sozial relevante, wirksame Beiträge geben. Universitäten sollen Forschung – nicht nur in den Humanities – garantieren, die nicht von Politik und Lobbyismus beeinflusst ist (dies ist – leider zu selten betont – im Übrigen auch für die Lehre relevant!). Sie müssen mit ihren Ressourcen ökonomisch umgehen und die Ausgabenverteilung an gesellschaftlichen Bedürfnissen ausrichten. Sie sollen einerseits auf Distanz gehen zu den gesellschaftlichen Akteur*innen und Interessent*innen, andererseits nicht im Abseits stehen: Keine leichte Übung!
Universitäten sind – wie fast alle Institutionen – träge, und genau dies ist auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil von Institutionen. Anders als wirtschaftlich arbeitende Unternehmen, die auf ökonomische Veränderungen möglichst schnell und flexibel reagieren sollen und müssen, sollten das weder Bildungseinrichtungen noch Gerichte tun:
Die notwendige Autonomie, eine gewisse Freiheit von Marktimperativen und die Distanz zu unternehmerischer Kultur können sich die Geisteswissenschaften nur dann verschaffen, wenn sie bereit sind für diese (notwendige) Sonderstellung auch bestimmte Reformen nicht nur in Kauf, sondern selbst in Angriff zu nehmen. Gelingt dies nicht, leiden darunter nicht nur die Geisteswissenschaften selbst, sondern das gesamte System Universität. (Kimmich und Thumfart 2003: 30)
Die Anpassung von Universitäten an Vorbilder aus Wirtschaft und Industrie ist nicht in jeder Hinsicht unsinnig, eine Vorbildfunktion ökonomischer Strukturen für die Universität kann es aber nicht geben. Moden und Konjunkturen bestimmen nicht den Pulsschlag von Universitäten. Das mag man bedauern. Tatsächlich sammelt sich daher eine Menge Muff – auch unter den z. T. wieder eingeführten Talaren – in Bürokratien, Studienplänen, Prüfungsordnungen, Leselisten und Forschungsprojekten. Autonomie von wirtschaftlichem Effektivitätsdruck und gesellschaftlicher Relevanz führt nicht per se zu wissenschaftlichen Hochleistungen. Aber umgekehrt gilt dies eben genauso: Ständiger Effektivitätsdruck und Relevanzforderungen garantieren eben leider auch keine gute Forschung!
Erreichen lässt sich in einer Institution nur dann etwas, wenn man grundsätzlich deren Charakter, also auch denjenigen einer oft langsamen, ja eben ›bedächtigen‹ Arbeitsweise akzeptiert, ihre Vorteile anerkennt und erst dann die daraus entstehenden Nachteile korrigiert. Universitäten sind konservativ: im Wortsinn und als Funktionsbeschreibung gemeint. Es sind besonders die Humanities, die diese konservativ-konservierende Seite vertreten. Das sieht man den Vertreter*innen der Fächer an, ihrem Habitus und ihren Tätigkeiten. Ihr Denkstil ist in vieler Hinsicht auf konservative Praktiken hin ausgelegt. Allerdings sind diese Fächer damit nur zur Hälfte beschrieben.
Weder die Universität selbst noch die Humanities sind nur konservativ. Ganz im Gegenteil: Schließlich wird das Wissen von morgen in den Forschungslaboren, Universitätskrankenhäusern, aber auch an Schreibtischen und in Seminarräumen entwickelt. Dabei geht es nicht nur um technischen, technologischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Fortschritt, sondern ganz zentral auch um das Wissen, mit dem sich eine Gesellschaft selbst beschreibt und verständigt, mit dem sie Arbeitsleben und Familie, Geschlechterverhältnisse und Kindererziehung, kulturelle Vielfalt und Innovation, Tradition und Erinnerung, Gesundheit und Religiosität neu konzipiert, verwandelt, kommuniziert und kritisiert.
Insbesondere die Literaturwissenschaften zeichnen sich also durch die Spannung zwischen einer konservativen Seite ihrer Praktiken und Aufgaben und zugleich einer Seite innovativer, oft sehr experimentierfreudiger, meist theoretisch versierter Ansätze aus. Das passt nicht gut zusammen und erzeugt Konflikte. Obwohl die Kombination fast unmöglich erscheint, kann auf keine der beiden Seiten verzichtet werden: Betrachtet man eine Seite isoliert, wirkt es entweder dröge oder schrill.
Rita Felski nennt in ihren viel beachteten Publikationen vier verschiedene Praktiken, die Humanities zu kombinieren haben: »curating, conveying, critizing, composing« (Felski 2016: 216). Die ersten beiden, ›curating‹ und ›conveying‹ möchte ich zusammenfassen in dem, was ich als ›konservativ‹ bezeichne. Critizing und composing werde ich ihnen gegenüberstellen und im Sinne von Kritik und – statt ›composing‹ – Urteil also auf der Seite des Experimentellen und Innovativen verorten. Die Unterteilung in die beiden Komponenten ist vielleicht meinem besonderen Fokus auf die Germanistik geschuldet, da hier die Debatten um die Einführung von kulturwissenschaftlichen Ansätzen, Themen und Methoden bzw. auf der anderen Seite um eine »Rephilologisierung« (vgl. Erhart 2003b) des Faches besonders heftig geführt wurden, also die Polarisierung von konservativ-kurativ und kritisch-innovativ kontrovers diskutiert wurde. Interessant sind die Spannungen innerhalb der Germanistik auch, weil sie als Nationalphilologie im Rahmen der deutschen Kultur- und Wissensgeschichte – mehr noch und anders als etwa die Romanistik oder die Amerikanistik/Anglistik – gewissermaßen intrinsisch eine Art Umbau oder sogar eine Form der Selbstauflösung betreibt. Warum?
Die konservativ-konservierenden Praktiken Felskis, ›curating‹ und ›conveying‹ fallen zusammen mit dem, was man als philologische Praktiken im besten Sinne bezeichnen kann. Sie gehören zum Kernbestand der Literaturwissenschaften und ihre Berechtigung und ihr Wert sollten nicht in Zweifel gezogen werden. Allerdings: Philologen – insbesondere auf dem Gebiet der Germanistik – braucht man nicht viele und man wird in Zukunft immer weniger von ihnen brauchen. Hier ist Albrecht Koschorke zuzustimmen, der darauf hinweist, dass diese Art von Germanistik schrumpfen wird – und zu Recht (vgl. Koschorke 2015: 587–594). Die deutschsprachige Literaturgeschichte ist vergleichsweise kurz, sehr prominent und entsprechend gut erforscht. Es gibt noch viel zu forschen, aber die Menge an Dissertationen und Publikationen steht in keinem Verhältnis zum Material, das erforscht wird. Nicht selten sind es zudem Mainstream-Gebiete, die sich besonderer Beliebtheit erfreuen, Redundanzen lassen sich daher nicht vermeiden. Dazu gehören allerdings nicht nur die ›großen‹ kanonischen Autoren, sondern bedauerlicherweise auch viele theoretische Texte aus den letzten Jahrzehnten, die weit mehr Aufmerksamkeit erfahren haben, als notwendig gewesen wäre, um sie angemessen zu rezipieren. Das dient dem Renommee eines Faches nicht. Weniger Quantität und höhere Qualitätsstandards wären oft angebracht. Schließlich ist nicht jeder, der schnell lesen kann, ein guter Philologe. Dazu bedarf es spezifischer und seltener Begabungen, eines hohen sprachlichen Feingefühls, einer langen Ausbildung und komplexer Kompetenzen.
Die Lage auf der anderen Seite der Literaturwissenschaften, also auf der kritisch-innovativen, ist womöglich noch schwieriger zu beschreiben, denn sie zeichnet sich durch ein hohes Maß an Veränderungen aus, die sowohl den Bereich der zu erforschenden Gegenstände – also eigentlich Texte und Bücher – als auch Methoden und Theorien und so letztlich immer das Selbstverständnis des Faches betreffen. Die Germanistik hat sich – und das gilt in etwas anderer Weise auch für andere Nationalphilologien – mit der Geschichte der jeweiligen Nationalstaaten im Rahmen einer Globalgeschichte der letzten 200 Jahre vollkommen gewandelt. Und dies ist selbstverständlich nur zu begrüßen: Als Selbstversicherung einer nationalen, bürgerlichen Identität ist das Fach obsolet geworden, ja, es wäre eine politische Provokation.
Die entscheidenden Impulse kamen dabei aus verschiedenen Literaturwissenschaften und aus den neu entstehenden Kulturwissenschaften, die zusammen seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Herausforderungen einer sich selbst suspekt werdenden Moderne begegneten und sie auf kreative und einflussreiche Weise aufarbeiteten. Das Fach Germanistik bzw. die Literaturwissenschaften haben sich durch diese Einflüsse fundamental verändert: Manche Gebiete, die zuvor als kleine Unterabteilungen fungierten – wie die Medienwissenschaften –, haben eine spektakuläre Konjunktur erlebt und sind zu eigenen Fächern, ja Fachbereichen geworden. An anderen Stellen haben sich Querverbindungen und Vernetzungen gebildet – etwa in allen Bereichen des ›Transkulturellen‹, des ›Postkolonialen‹ –, die dafür sorgen, dass die Grenzen des Faches diffus – noch diffuser – wurden. Im Grunde sind Fächergrenzen immer diffus, das zu ignorieren, lässt ideologische Interessen vermuten.
Man könnte hier verschiedene Beispiele für die Art und Weise der Wirkung und Bedeutsamkeit kulturwissenschaftlicher Forschung anführen; ich wähle die lange und hochinteressante Debatte über ›Erinnerung‹ und Gedächtnis, die heute in vielen Sparten geläufig ist. Sie angestoßen zu haben, ist u.a. ein Verdienst von Aleida und Jan Assmann, die dafür 2017 berechtigterweise einen der höchst dotierten Wissenschaftspreise, den Balzan-Preis, erhielten. Wenn heute Begriff und Konzept des ›kulturellen Gedächtnisses‹ viel geläufiger sind als der Name der beiden ›Erfinder‹, so ist das eine ähnliche Leistung wie diejenige, das ›Unbewusste‹ entdeckt oder erfunden zu haben. Die Problematisierung von ›Erinnerung‹, die Konzeption des kulturellen Gedächtnisses und deren Theorie verhalfen gerade zur kritischen Revision nationalistischer Selbstkonstruktion, und diese Kritik diente nicht nur der Dekonstruktion nationaler Mythen, sondern eben auch der Dekomposition von Disziplinen, die ursprünglich solche nationalen Selbstfindungsfunktionen erfüllten. Solche Themenfelder weiterhin zu identifizieren und zu bearbeiten, ist heute dringender denn je. Ohne kulturwissenschaftliche Expertise wird man dem verheerenden Trend zum Vergessen nicht beikommen.
Die Geisteswissenschaften können nicht mit den gleichen Kriterien der Relevanz, der Effektivität und der Produktivität evaluiert werden wie technische oder naturwissenschaftliche Fächer. Wie wollte man den Wert der Assmannschen Forschungsleistung evaluieren, die sich über Jahrzehnte entfaltet und sich über die verschiedensten Gebiete politischer Entscheidungen, disziplinärer Forschung, internationaler Beachtung und kultureller Wirksamkeit, ja sprachlicher Veränderung und Innovation erstreckt? Ein Einfluss, der weit größer sein dürfte als derjenige, den einzelne Wissenschaftler*innen, wie die vom Spiegel apostrophierten, je gehabt haben dürften. Vermissen wir die ›großen‹ alten Männer wirklich? Können wir an ihnen den Einfluss eines Faches bemessen? Es dürfte doch vielleicht den ebenfalls viel geschmähten Gender Studies zu verdanken sein, dass wir darüber heute differenzierter urteilen können.
Im Grunde können wir festhalten, dass gerade die Literaturwissenschaften diejenigen Stimmen hervorbringen, die im richtigen Moment darauf hinweisen, dass sie sich – in bestimmter Hinsicht – überlebt haben. (Das gilt übrigens auch für den Verfasser des kritischen Spiegel-Artikels, der – natürlich – u.a. Germanistik studiert hat.) Aber was – bitteschön – will man denn sonst? Das genau ist doch die viel beschworene kritische Haltung, die man sich von Akademiker*innen wünscht.
Oft geht es um sehr komplexe und ernsthafte Auseinandersetzungen mit hoch komplizierten Entwicklungen. Wir werden z.B. zweifellos in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vollkommen neue Konzepte von Weltgeschichte und Weltliteratur brauchen. Leider wird uns Goethe – auch wenn er den Begriff populär gemacht hat – nicht viel weiterhelfen können. Allein die Daten- und Textmengen werden sich nur mit Hilfe von Digitalisierungsmethoden verwalten lassen, denn Weltliteratur ist eben nicht die Kombination von Schiller, Montaigne, Shakespeare und Cervantes, sondern umfasst Mythen und Lieder, Romane und Geschichten, Anekdoten und Märchen der ganzen Welt und aller Sprachen. Im Moment kann sich – trotz gegenteiliger Behauptungen – niemand vorstellen, wie eine Literaturwissenschaft aussehen soll, die mit solchen Mengen umgehen kann, und in der Zwischenzeit behelfen wir uns mit meist eurozentrischen Hilfskonstruktionen, die methodisch unseriös sind, da sie ungerechtfertigterweise – oft leider nur implizit – Repräsentativität postulieren. Eine ganze Reihe anderer Entwicklungen – etwa im Bereich der Digital Humanities oder der Neuroästhetik – könnte hier ebenfalls und mit gleichem Recht genannt werden.
Es mag für manche ›irrelevant‹ klingen, sich mit der Frage nach Weltliteratur zu beschäftigen, angesichts von Dieselskandal und Flüchtlingskatastrophen. Tatsächlich werden die Auswirkungen eines Umbaus literaturwissenschaftlicher Fächer und Konzepte erst in vielen Jahren wirklich zu spüren sein. Es handelt sich dabei um Entwürfe für einen Umgang von Ethnien, Nationen und Kulturen in postkolonialen Kontexten, für die es sich lohnt, lange Zeit zu investieren. Dieser Umbau von Disziplinen und Fächern wird nicht nur universitäre Forschung, sondern eben auch Lehrpläne und Kulturprogramme, die Politik und den alltäglichen Umgang miteinander prägen. Dies allerdings nur, wenn man diejenigen, die in diesen Bereichen arbeiten, auch anerkennt; und dies bedeutet: sie für ihre Arbeit entlohnt und ihnen zuhört. Hier mit Umsicht vorzugehen, wird gut sein. Man wird dabei auf alte Wissensbestände zurückzugreifen haben: Und da werden die Kritischen und die Kurator*innen im Bereich der Humanities kooperieren müssen.
Wohlfeil ist es auch, über ›Gender-Studies‹ zu spotten (vgl. Handelsblatt 2013; Emma 2017): Wer aber hätte es noch in den 80er Jahren für möglich gehalten, dass sich in unseren Gesellschaften homosexuelle und transsexuelle Lebensentwürfe innerhalb von drei Jahrzehnten durchsetzen lassen? Begriffe, Konzepte, ethische Forderungen und normative Umbesetzungen wurden in der Politik konkret, aber sie wurden erst einmal in der Theorie vorgedacht und debattiert. Wo hätten sie denn entwickelt werden sollen, wenn nicht an den Universitäten? Heute, wo das alles selbstverständlicher geworden ist, lässt sich gut spotten. Die ersten Seminare zu Gender Studies anzubieten, war eine Leistung – und sie hat sich gelohnt. Allerdings lässt sie sich eben schlecht messen. Dazu muss man schon etwas genauer hinsehen, etwas mehr Ahnung von Kulturgeschichte haben und einen etwas längeren Atem mitbringen … Alles so genannte ›soft skills‹, die man sich etwa in einem historischen oder kulturwissenschaftlichen Studium aneignen kann.
Kaum ein Artikel zur Lage der Literatur- und Kulturwissenschaften kommt ohne einen Verweis auf die besondere Bedeutung von ›Kritik‹ oder ohne das Lob des kritischen Geistes aus, den man in diesen Fächern erlernen oder erwerben kann. Felski weist darauf hin, dass viele »critique« als eine Art »guiding ethos« der Humanities verstehen (Felski 2016: 216). Das ist sicherlich nicht falsch, bleibt aber oft unkonkret. Was soll man sich genau unter dieser Kritik oder dem kritischen Geist vorstellen? Ist Kritik nicht oft auch zu wenig (vgl. Felski 2017: 344–51)? Statt nur auf die kritische Komponente der Humanities möchte ich daher hier auf einen anderen Aspekt hinweisen, der sicherlich Teil von kritischen Reflexionen ist, aber nicht darin aufgeht: Die Fähigkeit, zu urteilen.
Urteilen ist eine komplexe Praxis und beginnt bereits mit der Auswahl von Adjektiven, wenn man einen Sachverhalt beschreibt, mit dem Einsatz bestimmter Metaphern, wenn man eine Handlung, einen Gegenstand oder auch eine Person nachzeichnet. Jeder kennt das aus Bewerbungsgesprächen: Die erfolgreiche Frau ist ›ehrgeizig‹, der Mann ›durchsetzungsfähig‹. Der ›kleine Unterschied‹ kostet vielleicht den Job. Die Art und Weise, wie Eigenschaften attribuiert werden, macht Handlungen und Menschen vergleichbar mit anderen Menschen, mit anderen Erfahrungen, stellt sie jeweils in den einen oder den anderen Kontext. Diesen Verfahren liegen meist implizite Entscheidungen und – meist wenig bewusste – Urteile zugrunde. Sie basieren auf Vergleichen und Ähnlichkeitsbeziehungen und sind in den allermeisten Fällen weder messbar noch falsifizierbar oder beweisbar. Sie sind nicht transparent und schon gar nicht objektiv. Wir befinden uns auf einem Terrain, das vage, diffus, komplex und unübersichtlich ist.
Es ist das Feld, in dem Literatur- und Kulturwissenschaftler*innen zuhause sind; gewissermaßen der Urwald, in dem sie sich auskennen, hier können sie ihre Diagnosen stellen, ihre Expertise formulieren und ihre Techniken der Erkenntnis zur Anwendung bringen. Es ist das Feld der symbolischen Kommunikation, die vom Einkaufszettel bis zu Zettel’s Traum reicht. Die größte Menge an Weltwissen findet sich ja gerade nicht dort, wo Exaktheit und Klarheit herrschen, sondern dort, wo im Ambivalenten formuliert werden muss, wo Aussagen Urteile implizieren und damit Handlungen generieren (können). Man könnte so etwas die Ambiguitätstoleranz der Literaturwissenschaften nennen. Ich würde gerne weitergehen und es die Diffusitätskompetenz nennen, also die Fähigkeit, gerade nicht ›schwarz und weiß‹ zu denken, ›hüh oder hott‹ zu sagen, ›entweder oder‹ zu handeln, sondern ›sowohl als auch‹, und im Graubereich zu urteilen, abzuwägen, auszutarieren, fein abzustimmen, auszubalancieren.
Es handelt sich um die Fähigkeit, begründet zu urteilen. Die meisten – politischen, privaten oder beruflichen – Entscheidungen beruhen nicht auf objektivem Zahlenmaterial, sondern auf einem komplexen Ineinander von Erfahrung und Information. Differenziert und begründet urteilen zu können, ist eine Kunst. Oder anders: Es ist eher eine Praxis als eine Theorie, die sich durch Einübung und Lektüre erlernen lässt. Diese Praxis, die durchaus auch zur ›Kritik‹ gehört, ist eine der größten Stärken der Literaturwissenschaften. Sie zu so genannten ›exakten‹ Wissenschaften machen zu wollen – was immer das letztlich sein soll –, führt dagegen unweigerlich zu Banalitäten, redundanten Aussagen und zur Selbstabschaffung.
Literatur- und Kulturwissenschaften machen das kompliziert, was auf den ersten Blick einfach erscheint. Sie brechen das Normale auf, ändern den Kontext und machen sichtbar, was sich im ›Normalen‹ verbirgt: Manchmal eine Fratze, manchmal ein Schatz. Dem Normalen die Stirn zu bieten, heißt aber nicht notwendig immer, auf den Putz zu hauen und mit dem großen Thesenbesen einen Kehraus zu veranstalten. Manchmal sitzt man eben monate-, ja jahrelang am Schreibtisch, im Archiv oder in der Bibliothek, bis man die Stellschraube gefunden hat, die am Ende eine wacklig gewordene Konstruktion zum Einsturz bringt. Manchmal findet man diese Schraube nie.
Die ›Erfindungen‹ von Literatur- und Kulturwissenschaftler*innen werden oft gar nicht mit ihnen in Verbindung gebracht. Es sind meist keine spektakulären, aber entscheidende Veränderungen von sprachlichen Gewohnheiten, langsam sich entwickelnde Verschiebungen von normativen Vorstellungen, die nicht nur angestoßen, sondern auch formuliert und vorangetrieben werden. Es sind Konzepte von Vergangenheit und Zukunft, von fremd und eigen, die hier entworfen werden. Sie werden nicht als Innovationen verkauft, sondern finden Resonanzen, verbreiten sich und werden zum Common Sense (vgl. Rosa 2016). Wer das unterschätzt, ist schwer vom Wert des Nachdenkens zu überzeugen.
Literatur
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Bruni Aretino, Leonardo (1984). ›Dialogi ad Petrum Paulum Istrum‹, in: Stephan Otto (Hrsg.). Renaissance und frühe Neuzeit. Stuttgart: Reclam, 91–95.
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Koschorke, Albrecht (2015). ›Die Germanistik auf dem Weg zum kleinen Fach.‹ DVjs 89.4, 587–594.
2 Literatur, Wahrheit, Menschsein
John K. Noyes (übersetzt von Lukas Müsel)
Die Literatur ist ein Laboratorium, das die Idee eines gemeinsamen Menschseins entwickeln und in Beziehung zu Vielfalt und Differenz setzen soll. In beiden Fällen handelt es sich um nicht ganz klar umrissene, veränderbare Konzepte. ›Menschsein‹ ist eine Abstraktion, die auf unterschiedlichste Art und Weise erreicht werden kann (meistens dadurch, dass jegliche Vielfalt negiert wird); Vielfalt selbst ist eine scheinbar unendliche Spezifizierung bestimmter Erscheinungen. Die Dialektik von Gleichheit und Unterschiedlichkeit, die das literarische Labor antreibt, wohnt der literarischen Form strukturell inne. Die lyrische Stimme ist gänzlich erfüllt vom Reiz des Klanges, der beständig zwischen einem Bereich innerhalb der Bildlichkeit und einem Ort jenseits ihrer Grenzen hin und her pendelt. Die dramatische Aufführung funktioniert über ein Momentum der Identifikation, durch das spezifische Gesten und Äußerungen der Schauspieler erst Bedeutung erlangen. Der Roman, in seiner klassischen Form, lebt von den Spannungen zwischen verschiedenen universalen narrativen Strukturen (wie beispielsweise dem allwissenden Erzähler) und den Stimmen oder berichteten Gedanken der individuellen Figuren. All diese narratologischen und poetischen Mittel erlauben es uns, von einer ästhetischen Erscheinung zu sprechen, die sich durch die fundamentale Unsicherheit eines gemeinsamen Menschseins in der Moderne auszeichnet. Vielleicht entstand und besteht Literatur aufgrund genau dieser Ungewissheit.
Im Westen sind ›gemeinsame Menschlichkeit‹ und ›Vielfalt‹ Konzepte, die sich – wie auch immer sie verstanden werden mögen – durch die langzeitige Parallelentwicklung von säkularem Weltbürgertum und christlicher Mythologie entwickelten. Das heutige Problem von Menschlichkeit und Vielfalt entstand aus einer kürzeren (aber dennoch jahrhundertelangen) Geschichte, die zunächst von Europa und später von den Vereinigten Staaten dominiert wurde – eine Geschichte der Säkularisierung, der Technologie und der Expansion des Kapitals. Literatur wie wir sie heute verstehen – mit all ihren Wachstumsschüben, Verzögerungen; mit ihrer Selbstbezüglichkeit, ihren Kontextualisierungen und historischen Schwachpunkten – entwickelte sich parallel zu dieser langen Geschichte. Da das Konzept eines gemeinsamen Menschseins zunehmend in den Einflussbereich der Weltwirtschaft und der Finanzialisierung des Lebens rückte, gerieten Konzeptualisierungsversuche von Gleichheit und Ungleichheit in Widerstreit mit der Homogenisierung des Lebens, die dieses globale System hervorruft. Die immer wieder hart geführten Kämpfe um die Relevanz und das Fortbestehen der Literatur (und die institutionellen Strukturen, die sie unterhält) sind in sich selbst Ausdruck eines formalen Auswegs; einer Flucht vor dem, was wechselweise das verwaltete Leben, die Systematisierung des Lebens, die Instrumentalisierung des Lebens, etc. genannt worden ist. Dass die Formen einer solchen Flucht vielleicht mit einem fortwährenden Wettrennen um nicht börsenfähige Innovationen einhergehen, ist nicht überraschend; genauso wenig ist es überraschend, dass dies ein Rennen ist, dessen Sieger nur rundenweise bestimmt werden können – denn der Wettbewerb selbst kann nicht gewonnen werden.
Aus diesem Blickwinkel gesehen, verbindet die offizielle Institution der Literatur und ihre institutionalisierte Analyse eine interessante Beziehung. Während Beobachtung, Interpretation und Kommentar methodologische Grundpfeiler einer Vielzahl an Disziplinen sind (sowohl in den Geisteswissenschaften wie auch in den Naturwissenschaften), ist die sture Verweigerung, Erkenntnis als finanzfähig zu erweisen, genau das, was die ›eigentliche Literaturwissenschaft‹ bestens beschreibt. Ich sage ›eigentliche Literaturwissenschaft‹, weil es durchaus auch einige institutionelle Formen der Literaturanalyse gibt, die so hart wie möglich darum kämpfen, ihren eigenen Wert auf eben der Skala der Naturwissenschaftler zu messen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Förderwürdigkeit der ›Digital Humanities‹. Die ›eigentliche Literaturwissenschaft‹ ist, sollte sie mit den Naturwissenschaften verglichen werden, eine Art Grundlagenforschung. Sie schlägt Modelle und Methoden vor, deren Ergebnisse ungewiss, unvorhersagbar und in den meisten Fällen finanziell wertlos sind. Die institutionalisierten Modelle und Mechanismen, die der Literaturanalyse geldwirtschaftlichen oder (eher) finanziellen Wert zuweisen, werden immer ausgeklügelter – und die Lebensdauer dieser Disziplin ist immer mehr abhängig von der Ausgeklügeltheit dieser Modelle und Mechanismen. Es mag sein, dass die Anzahl an Studierenden gering ist und es gemessen daran verhältnismäßig viele Dozenten gibt. Wenn es aber irgendetwas an dieser Struktur, an dem Status oder dem Betrieb literaturwissenschaftlicher Institute gibt, was die Wahrnehmung der gesamten Institution in den Augen ihrer Geldgeber oder bezahlender Studierender verbessert, wird das natürlich den finanziellen Wert des Literaturunterrichts fundamental verändern. Wenn auf eine ähnliche Weise Verlage und Verwalter den Wert von zuvor nicht marktfähigen theoretischen und thematischen Trends sehen, verändert sich die interne Konfiguration literarischer Spezialisierung (siehe zum Beispiel das Wachstum der Postcolonial Studies); auch wenn im Vergleich zu den Naturwissenschaften – und ungeachtet der zunehmenden Verschmelzung nationaler literaturwissenschaftlicher Seminare zu literaturwissenschaftlichen Seminaren, Fakultäten für Europastudien und dergleichen mehr – die fachliche Struktur von literaturwissenschaftlichen Fakultäten bemerkenswert schwer zu ändern ist. Es lohnt sich jedoch, über die in einem solchen Prozess entstehende Dynamik der Differenzierung nachzudenken. Wie sollte Literatur im Vergleich zu anderen ›Diskursen der Wahrheit‹ platziert werden, die scheinbar mit mehr Berechtigung in Hochschulen eingebettet sind, da die Wahrheiten, mit denen sie sich beschäftigen, offenbar eine offensichtlichere, effektivere und profitablere Beziehung zur Welt als ganzer haben?
Um uns einer Antwort auf diese Frage zu nähern, müssen wir schauen, was mit der Wahrheit über die vergangenen Jahrhunderte geschehen ist. Es gab eine Zeit – und so lang ist das noch gar nicht her – zu der es schien als wäre der Streit über die Wahrheit gewonnen: als europäische Akademiker sie den Händen der Kirche entrissen – und das obwohl ihre Philosophie noch nicht die Kontrolle über die Theologie erlangt hatte. Während dieses Kampfes dachte man einige Zeit, dass die Frage ›Was ist menschlich?‹ gleichermaßen von der Philosophie und von der Theologie beantwortet werden könne. Diese Zeit ist vorbei; die Kirche verlor die erste Runde des Kampfes und die Philosophie verlor die zweite Runde. Doch für die Philosophie, so erinnert uns Adorno zu Beginn der Negativen Dialektik (1966), erwies sich der Verlust der Wahrheit als großer Gewinn, da er ihr das Überleben sicherte. Adorno vertritt die Ansicht, dass die Philosophie noch immer von großer Bedeutung ist; gerade weil sie ihren großen Versprechungen nicht nachkommen konnte, die Gesamtheit des Lebens zu begreifen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese Verteidigung die Philosophie wieder zurück zu der konstitutiven Rolle führt, die Adorno (und Kant vor ihm) gehofft hatten, ihr darin zusprechen zu können, dass sie die Welt zu einem besseren Ort macht. Stattdessen scheint die Philosophie in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, als wäre sie ›fake news‹. Jeder kann Philosophie betreiben, wenn er einen Verlag zum Publizieren findet. Und in der akademischen Welt wurde der feste Griff, mit dem sie die Wahrheit zu umklammern schien von der Technologie gelöst: von der Berechenbarkeit und Modellierbarkeit einer Welt, die nach den Modellen und Berechnungen der jeweiligen Wissenschaft überhaupt erst zustande kommen kann. Infolgedessen wendet sich die Philosophie auf sich selbst; wie ein schmollendes Kind erzählt sie sich selbst Geschichten über die Spielzeuge, mit denen sie nicht spielen darf. Was ist also der Sinn von Philosophie, die wieder und wieder die Geschichte ihres Versagens erzählt, die Gesamtheit des Lebens zu erfassen? Und was hat das mit Literatur zu tun? Diese Frage kann am besten mit zwei Behauptungen angegangen werden:
1 Es ist richtig zu sagen, dass die Welt, in der wir leben, durch die Technik, die in den letzten paar Jahrhunderten entwickelt wurde, geprägt ist. Aber es ist genauso richtig zu sagen, dass dieser Strukturierungsprozess erst durch die Geschichten über die Natur und den Menschen ermöglicht wird, die wir uns kollektiv und individuell, bewusst und unbewusst, erzählen. Literatur ist der Diskurs dessen, was man vielleicht das historische oder das politische Unbewusste des wissenschaftlich modellierten Menschen nennen könnte: die Geschichten, die versuchen den Menschen als Ganzes zu verstehen und die all die Handlungen, Erscheinungen und Gedanken erforschen, bei denen der Mensch an seine Grenzen stößt.
2 In den unterschiedlichen Disziplinen leben wir mit unterschiedlichen Vergangenheiten. Aus der Perspektive der Philosophie ist die Vergangenheit nicht auf die gleiche Weise Vergangenheit, wie sie es für die Geschichte der Naturwissenschaft oder der Technologie ist. Technologie macht vergangene Träume wahr. Sie tut dies dadurch, dass sie vergangene Einsichten in sich aufnimmt, um dadurch zu verbessern was zweckmäßig ist und um zu verwerfen, was nicht länger nützlich ist. Literatur funktioniert anders – sie hinterfragt die Idee von Fortschritt als unverkennbares Kennzeichen menschlicher Geschichte. Sie tut dies dadurch, dass sie eine im Fortschrittsdenken der Technologie nicht mehr relevante Vergangenheit neu belebt. Sie tut dies durch Strategien der Darstellung, die historische Zeit negieren, zum Beispiel dadurch, dass die Zukunft beschrieben wird, als wäre sie schon da, oder die Vergangenheit, als wäre sie noch nicht vergangen; dadurch, dass sie Stimmen hervorruft, die weder vergangen noch zukünftig sind, sondern einer ständigen Gegenwart innewohnen. Die so außer Kraft gesetzte wissenschaftliche Zeit ist ein kritisches Momentum – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne des Wortes. Es nähert sich den Naturwissenschaften mit einer gewissen Abneigung – aber es zieht den diskursiv angelegten wissenschaftlichen Wahrheitsbehauptungen gleichzeitig die Maske vom Gesicht und zeigt durch die in der Literatur aufgerufenen alternativen Realitäten, dass wissenschaftliche Zeit nicht die einzige Form von Zeitlichkeit ist.
Wenn Literatur das Unbewusste des wissenschaftlich modellierten Menschen ist, dann ist es möglich, über die Verwirklichung und Verdrängung ihrer Träume durch die Wissenschaft und die Technologie zu sprechen. Seit Ikarus hat der Mensch davon geträumt zu fliegen. Wir sind mittlerweile seit ungefähr 100 Jahren in der Lage das zu tun – und wir werden immer besser darin. Vögel können uns nicht mehr das Wasser reichen. Wir können uns selbst darin beglückwünschen und behaupten, dass wir einen beinahe vorzeitlichen Traum wahrgemacht haben. Aber damit nicht genug – inwiefern beeinflusst die Realisierung dieses Traums andere Träume? Fliegen wäre unmöglich ohne revolutionäre Erfindungen und Weiterentwicklungen von Materialien wie beispielsweise Metall und Plastik. Welche sozialen, politischen und ideellen Umstände haben diese Revolutionen ermöglicht? Was haben wir gewonnen und verloren, wenn wir die technologischen Fortschrittsträume mit den Momenten vergleichen, in denen dieser Fortschritt tatsächlich Wirklichkeit wird? Und wie befördert die Verwirklichung dieser Träume die Produktion anderer Träume, die wiederrum realisiert werden wollen? Telekommunikation ist ein weiteres Beispiel – was bedeutet die Verwirklichung des Sechzigerjahre-Traums, mit einem Abbild des Gesichts einer anderen Person auf der entgegengesetzten Seite des Globus sprechen zu können? Zwei Dinge werden offenbar, wenn wir versuchen diese Fragen zu beantworten:
Erstens erinnert die Literatur die Wissenschaften und die Technologien daran, dass wir beide nicht fragen können, wenn wir wissen wollen, ob die Erfindungen, die sie hervorgebracht haben, die Vergangenheit verbessert haben. Die Gewinne und die Verluste können nicht einfach nur in der Technologie aufgewogen werden. In der konzeptuellen Sprache der Technologie – und ich wage zu behaupten, dass das ein Axiom der Technologie ist – gibt es eine Art darwinistischer Ausgrenzung ineffektiver Veränderungen, so dass Veränderung immer positiv ist. Sobald ein Traum wahr geworden ist, kann damit abgeschlossen werden. Die Literatur dagegen wälzt sich weiterhin jede Nacht schlaflos im Bett; wollüstig in ihren feuchten Träumen oder gequält in ihren Alpträumen.
Zweitens können die Gewinne und Verluste nicht auf der Skala einer gemeinsamen Menschheit abgemessen werden, da die wissenschaftliche oder technologische Idee eines solchen universalen Menschseins davon abhängt, die Differenzen, die durch Wissenschaft oder Technologie herbeigeführt wurden, zu verwischen. Die Menschheit, die von wissenschaftlichem oder technologischem Fortschritt profitiert, ist nicht die gleiche, die von der Literatur abstrahiert werden kann. Die literarische Menschheit negiert die individuelle Stimme, die individuelle Geste, während die wissenschaftliche Menschheit die Geographie der Produktion negiert. Die Menschheit sieht für den Besitzer eines IPhones 7 bedeutend anders aus als für die Person, die in der Demokratischen Republik Kongo unter der strengen Kontrolle bewaffneter Aufseher mit nackten Händen Coltan abbaut.
Genau dieser Kampf zwischen dem wissenschaftlich geformten Menschen und dem literarischen Menschen trifft den Kern der europäischen Aufklärung. Intellektuelle Aufklärer hatten den Traum, dass alle Menschen Wohlstand und Fortschritt in einem gerechten Weltsystem teilen, in dem alle Individuen ihr gesamtes Potential frei entfalten können. Die Literatur unterstützte die Überzeugung einer solchen Gleichheit indem sie die gemeinsame Menschheit als das Fundament aller menschlichen Vielfalt zeigte. Sie meinte das wirklich ernst! Während wir die technologischen Träume der Vergangenheit überaus erfolgreich verwirklichen konnten, haben wir abgrundtief darin versagt, diesen Traum von Gleichheit zu realisieren. Warum? Es war nicht unvermeidlich, dass wir das eine schaffen und das andere nicht. Dafür gibt es, so glaube ich, drei Gründe:
1 Die Aufklärung knüpfte die Frage nach Menschlichkeit unabdingbar an die Säkularisierung der Wahrheit. Das ermöglichte der Philosophie, ihre holistischen Perspektive auf die Menschheit zu verwerfen. Die Säkularisierung der Wahrheit bedeutete, dass der Mensch zunehmend weniger durch die Augen Gottes gesehen wurde und stattdessen mehr und mehr durch Modelle, die eine solche göttliche Einsicht ersetzten. Der Blick Gottes wurde nicht nur getrübt, sondern seine Augen zerfielen in tausende kleiner Augen, wie die Facettenaugen der Insekten, aber ohne das Nervensystem, das es ihnen ermöglicht hätte, ein einheitliches Bild zu kreieren oder einen Reiz zu senden, der einheitliche Handlungen hervorruft.
2 Die Modernisierungen in den sozialen, politischen und ökonomischen Bereichen bewirkten einen solch rapiden Umbruch, dass Fragen der Gleichheit von der Unfähigkeit politischer Systeme, Änderungen in anderen Bereichen zu koordinieren, unterminiert wurden.
3 Die entstehende Weltwirtschaft zwang Philosophen dazu, jegliche Fragen bezüglich Menschheit in den Kontext kultureller Differenz zu setzen und Austauschpraktiken jeglicher Form zu homogenisieren. Die Homogenisierung des Handels verbreitete Theorien darüber, wie der Handelsverkehr kulturelle Ungleichheiten ausgleichen und damit den Menschen als das Wesen hervorbringen könnte, dessen Wünsche und Bedürfnisse überall gleich sind.
Wenn wissenschaftliche Wahrheitsdiskurse beständig in der teleologischen Produktion von den Wahrheiten gefangen sind, die sie selbst formen, und die Philosophie immer einen Schritt hinter dem zurück ist, was die Wissenschaft kreiert hat, was ist dann mit der Literatur? Bei jedem Schritt schaute die Literatur überrascht, fasziniert und bestürzt zu, wie der Versuch den Menschen zu verstehen nach und nach in den Händen zerrann. Eine Geschichte der Literatur, die diesen Prozess verfolgt und die kontinuierliche Destabilisierung des Menschen als das, was aus ihm geworden ist, festhält, muss erst noch geschrieben werden
Literatur hebt den teleologischen Pakt wissenschaftlicher Wissensdiskurse mit der Technologie auf, indem sie mit der Philosophie kommuniziert. Wenn Philosophie mit der Literatur spricht, nennt man das Theorie; den Metadiskurs über literarische Texte. Es gibt einen Grund dafür warum dieser Dialog in Deutschland Literaturwissenschaft genannt wird. Gleich der Wissenschaft legt sie ein Wahrheitsgelübde ab – aber ungleich der Wissenschaft ergeht sich dieses Gelübde nicht in technologischen Veränderungen der Welt. Stattdessen hält sie die Wahrheit auf Distanz; destabilisiert sie durch die inhärenten Spannungen zwischen der Allgemeingültigkeit ihrer einen menschlichen Stimme und der Partikularität ihrer vielen menschlichen Stimmen. Man kann sich Literatur nicht ohne diese Destabilisierung der Wahrheit vorstellen.
Bei Literatur und Literaturwissenschaft aktiviert die Frage nach einer gemeinsamen Menschlichkeit und menschlicher Vielfalt einen wechselseitigen Dialog zwischen Philosophie und Ästhetik (die Lehre der Ausdrucksform). Die philosophische Frage ›was ist menschlich?‹ kann nicht adäquat beantwortet werden – nicht nur, weil die Antwort bereits de facto in den technologischen Veränderungen des Menschen und der Welt vorliegt, sondern auch weil es sowohl eine allgemeingültige wie auch eine partikulare Antwort gibt, die sich (zumindest teilweise) gegenseitig ausschließen. Eine solche Ausschließung befördert die ästhetische Experimentierfreude mit Ausdrucksformen des Menschen und ihrem Spiel mit den Grenzen menschlicher Erscheinung – oder mit der Partikularität menschlicher Erscheinung. Dieses Spiel mit Grenzen und Partikularitäten ist jedoch noch solange nicht gänzlich entfaltet, bis es in einen analytischen Metadiskurs mündet. Ästhetische Repräsentationen von Menschlichkeit, von Unmenschlichkeit und menschlicher Differenz und Vielfalt müssen notwendig offen bleiben, damit sie analysiert werden können um so zurück auf die Theorie, auf den Metadiskurs, auf die Philosophie zu verweisen. Und so schließt sich der Kreis.
Sowohl Literatur und Metadiskurs wie auch Ästhetik und Philosophie sind eng verbunden mit Diskursen und Institutionen, die auf Verhandlung und Interpretation basieren. Diese Interaktion generiert und unterhält mein Forschungsfeld. Die Bezeichnung meines Jobs ist zwar ›Literaturprofessor‹, aber ich untersuche eben diese sich gegenseitig konstituierende Beziehung, in der die Literatur der Philosophie Bilder bereitstellt, um Licht und Form in die unklaren, schattigen Konzepte zu bringen, wenn die philosophische Sprache die Welt nicht länger erklären kann; und die Philosophie stellt der Kunst im Gegenzug eine analytische Sprache bereit, um ihre Bilder zu konzeptualisieren, um zu sagen, was die Kunst unfähig war zu äußern. Die Romantiker nannten das Poiesis. Wir mühen uns seit einiger Zeit ab, den institutionellen Raum und Rahmen zu finden, in den diese Beziehung wirklich gehört. Manchmal nennt man ihn Vergleichende Literaturwissenschaften, manchmal Literaturtheorie, Literaturwissenschaft, oder einfach nur Theorie. Bemerkenswerterweise hat dieses zentrale Forschungsfeld an Universitäten größtenteils noch immer kein Obdach gefunden.
3 Literatur(-Wissenschaft) in der gravierenden Krise
Ein Versuch
I-Tsun Wan
Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben.
Heinrich von Kleist an Rühle von Lilienstern, November 1805 (Kleist 92001: II, 761)
Krise und Literatur
Zweifelsohne befinden wir uns in einer krisenbehafteten Welt/Epoche – wenn nicht gar mitten drin in einer Krise. Gegen diese totalitäre Wir-Aussage hätte sich früher wohl einwenden lassen, dass man sie nur aus einer ***-zentralistischen Perspektive konstatiert und die Heterogenität der Welt willkürlich-wissend ignoriert. Infolge der Globalisierung hat die Welt allerdings eine gewisse Homogenität erlangt, die diese totalitäre Aussage, wenn auch nicht ermöglicht, so doch voraussetzt. Je stärker die Welt globalisiert wird, desto weniger utopische En- bzw. Exklaven bleiben als ›Nicht-Ort‹ übrig. Folglich geht es, wenn heutzutage die Welt als in einer Krise befindlich beschrieben wird, um eine totalitäre Krisensituation, sei es eine Militär-, eine Klima-, eine Infektionskrise oder eine Krise durch einen Computervirus usw. Im etymologischen Sinne bedeutet die Krise eine »entscheidung in einem zustande, in dem altes und neues, krankheit und gesundheit u.ä. mit einander streiten« (DWB, Bd. 11, Sp. 2333). Gerade in solch einem Zustand ist jede Entscheidung bzw. Orientierung fragil: Während man um Fassung ringt, bleibt man fassungslos, indem jede Fassung im nächsten Augenblick von einer neuen Situation bestritten werden kann.
Diesbezüglich dient uns das Europa um 1800, als sich die Europäer in einer ›europäisierten‹ Krise infolge von Napoleons Politik sahen, als Miniatur einer krisenhaften Welt. Im Hinblick auf Napoleons unaufhaltsamen Siegeszug schrieb Heinrich von Kleist im November 1805 an seinen Freund Rühle von Lilienstern: »Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben« (Kleist 92001: II, 760f.). Und am 12. November 1805 schrieb Johann Friedrich Cotta an Goethe: »Das HauptGewitter wäre in gegenwärtigem Augenblik gewiß beschworen, wenn aber die Besorgung mancher, daß Preußen noch gegen Frankreich sich erklären werde – welches ich der Inconsequenz des bisher consequent gehandelten Ministeriums wegen nicht glauben kann – wirklich einträffe, dann fürchtete ich eine totale Umkehrung der Welt« (Kuhn 1977: I, 131). Es scheint, als wäre niemand in der Lage gewesen, dem Gravitationsfeld dieser »totalen Umkehrung« der Welt respektive Europas zu entfliehen. In diesem Ausnahmezustand wagte auch Cotta, »Bonaparte unter den Buchhändlern« (Fehling 1925: 488), keine souveräne Entscheidung zu treffen, sondern hielt sich allenfalls an seine resignative Maxime: »Hoffen wir das Beste und seyen wir für das Schlimste gefaßt! Diß in der That darf in diesem Augenblick nicht blosser Wahlspruch für mich seyn, sondern Norm meines Handelns« (Kuhn 1977: I, 131). Es ist nicht verwunderlich, dass Kleist, der sich zeit seines Lebens wieder und wieder in einer Krise befand und sich damit abfinden musste, die »Einrichtung der Welt« in seiner Erzählung als »gebrechlich« darstellte (Kleist 92001: II, 15 u. 143), in der jede Krise zur Maßnahme und jede Maßnahme wiederum zur Krise führt – ein Teufelskreis, der Kleists literarische Welt prägt.
Insbesondere der Fall Kleist zeigt eines: So schwierig die Zeit und somit der Buchmarkt auch waren (vgl. Fischer 2014: 290), so wenig ließen sich die literarischen Praktiken beschränken. Dies lässt sich wohl auf ein fundamentales Bedürfnis des Menschen zurückführen, nämlich das Bedürfnis zum Erzählen. Man versucht die Situation durch die narrative Praktik zu begreifen, um zuerst einen Begriff und dann eine Orientierung und Konzeption zu bekommen. Ohne diesen ›Standpunkt‹ würde man sich nicht nur in der Verwirrung verlieren, sondern sich vielmehr in der Verwirrung auflösen. Den roten Faden in der Hand zu halten, ist also die Aufgabe und zugleich der Zweck der Geschichtsschreibung, und zwar der Geschichtsschreibung im doppelten Sinne.
Es geht zunächst um die Geschichtsschreibung im Sinne der Historie, die sachlichen Bericht mithilfe von (signifikanten) Zahlen und (prominenten) Namen erstattet und somit die historischen Geschehnisse zu rekonstruieren versucht. Aus diesem Versuch entsteht nicht nur eine Rekonstruktion, sondern zugleich auch die Legitimation einer Orientierung stiftenden Konzeption, einer programmierten Macht über die Verwirrung und der Macht per se. Diese Geschichte dient also vor allem demjenigen, der über die Macht verfügt. Aber alle anderen, die die historischen Geschehnisse erleben, miterleben oder überleben, werden hingegen dieser einen Geschichtsschreibung respektive der Macht unterworfen und geraten in Vergessenheit – wie namenlose Versatzstücke. Außerdem leiden Zahlen und Namen nicht, haben deshalb auch kein Mitleid. Zwar vermögen diese Daten etwas dem Anspruch dieser Geschichtsschreibung: »Zur Sache!« entsprechend darzustellen, dies ist jedoch nicht hinreichend, um eine Geschichte mit Blut und Fleisch zu schreiben. Für die leidenden anderen ist die Historie, die sich auf die objektive Zweckmäßigkeit richtet, keine befriedigende. Man muss in der Geschichte auch schreien, weinen, heulen, lachen, sich totlachen und weglachen können.
Man braucht also eine andere Geschichtsschreibung, die die historischen Geschehnisse auf intuitive Weise umgekehrt als Versatzstück benutzt, damit man in diesem Spiel der Macht auch eine autonome Rolle übernehmen kann/darf und nach der Ohnmacht wieder zu sich selbst findet. Es ist die aus der Historie ausdifferenzierte Historia, die die historischen Geschehnisse allein der subjektiven Zweckmäßigkeit gemäß behandelt und die Phantasie zulässt, um die Leerstellen zwischen den Zeilen und den Zahlen und den Namen mit Blut und Fleisch zu füllen. Nicht (nur), dass die Historia in Anlehnung an die Historie ihre Legitimation und notwendige Authentizität gewinnt, sondern (auch) dass die Historia der Historie Leben einhaucht: Sie beschwört die leidenden, vergessenen Seelen herauf und bietet eine andere, menschlichere Konzeption, die das Leiden und das Leben erkennt und anerkennt. Sie eröffnet einen utopischen Raum, einen Nicht-Ort an dem Ort, damit das menschliche Leben mehr ist als bloß ein Name und ein paar Zahlen auf dem Grabstein, nämlich eine Erzählung mit einem mit Leben bestückten Inhalt.
Indem diese Geschichtsschreibung nicht nur das Leben erzählt, sondern auch zugleich das Leben erzählend erschafft, ist sie im Wesentlichen eine Geschichtsschreibung a posteriori und zugleich eine a priori. Um uns der Worte Friedrich Schlegels zu bedienen: »Sie [die Transzendentalpoesie] beginnt als Satire mit der absoluten Verschiedenheit des Idealen und Realen, schwebt als Elegie in der Mitte, und endigt als Idylle mit der absoluten Identität beider« (Schlegel 1967: 204). Kraft ihrer Duplizität vermag sie, gegebene Phänomene aufzulösen und feste Gesetze aufzuheben. Sie enthält eine Transzendentalität, die die sinnlichen Phänomene dekonstruiert, und führt somit zur Kern-Struktur der Geschichte und führt die gegebene Geschichte bzw. die Gegebenheit zu ihrem Ur-Keim bzw. Urknall zurück. In diesem Augenblick eines erneuten Entstehens (Status Nascendi) kann/darf man etwas beliebig in die Geschichte geben. Aus dem heteronomen Geschöpf wird also ein autonomer Schöpfer. Ein literarisches Werk ist damit jeweils eine (Wieder-)Genesis, die die Geschichte erneut codiert.
Sofern ein literarisches Werk transzendental ist, vermag es die Krise zu überwinden. Denn ein Werk als solches besitzt die Kraft, mit der Krise zu spielen. Die gravierende Krise zeichnet sich dadurch aus, dass man, steckt man in ihr, keinen Ausweg finden kann und stets von ihr zerdrückt, gepresst und zermalmt wird – eine Sumpfsituation. Man wird zum Spielball der Krise. Indem man sich nun durch die Literatur über diese gravierende Krise erhebt und sich damit geistig außerhalb ihrer Gravitation befindet, ist man umgekehrt in der erhabenen Lage, mit ihr und dem leidenden Ich in ihr zu spielen. Dieses transzendentale Spiel ist also antigravitativ oder, wie Nietzsche es nennt, dionysisch: Es ist »ein Analogon zu der Empfindung, mit der der dionysisch erregte Zuschauer den Gott auf der Bühne heranschreiten sah, mit dessen Leiden er bereits eins geworden ist« (Nietzsche 1999: 64). Hierdurch wird die subjektive Zweckmäßigkeit gleichsam anerkannt und mit einer gleichsam allgemeinen Gültigkeit versehen. Hierdurch erhalten die Leiden Mitleid und man bleibt standhaft in der zerstörenden Krise. Es ist allerdings gleichgültig, ob es ein Lust-Spiel oder ein Trauer-Spiel ist, denn die Hauptsache ist, dass man in dem Spiel bzw. in dem Augenblick des Spiels seine Autonomie zurückgewinnt und sich von der Gegebenheit befreit. Eben dies ist es, was Novalis meint, wenn er schreibt: »Das Leben soll kein uns gegebener [!], sondern ein von uns gemachter Roman sein« (Novalis 1960ff: I, 563). Um es salopp zu sagen, er macht sich Luft – durch die Anti-Kraft der Literatur.
Literatur und Literaturwissenschaft
Der transzendentalen Literatur wohnt die Religiosität inne, weil es um das Transzendieren und die Erlösung geht. Und der Gott heißt nicht unbedingt Dionysus. In der spielerischen Anbetung der Poesie wird die Tagesordnung in das Chaos des Status Nascendi zurückversetzt und die alltägliche Logik wird entblößt und bleibt dahingestellt. Hieraus entsteht eine neue Ordnung, eine neue Mythologie wie ein neues Jerusalem, die zugleich eine Heimkehr bedeutet. Denn es sind »Staaten und Systeme, die künstlichsten Werke der Menschen, oft so künstlich, daß man die Weisheit des Schöpfers nicht genug darin bewundern kann« (Schlegel 1967: 370). Im Gegensatz dazu hat die neue Mythologie Vorzug: »Was sonst das Bewußtsein ewig flieht, ist hier dennoch sinnlich geistig zu schauen, und festgehalten, wie die Seele in dem umgebenden Leibe, durch den sie in unser Auge schimmert, zu unserm Ohre spricht« (Schlegel 1967: 318). Und dieser Prozess beschränkt sich in der Tat nicht nur auf die Romantik. Denn auch im Programm des Realismus steht z.B. die sogenannte »Verklärung« der Wirklichkeit (vgl. Plumpe 1996: 50–57). Obwohl sich das Programm der deutschen Romantik von dem des deutschen Realismus unterscheidet – ohne Frage –, lässt sich doch auch ein gemeinsamer Nenner finden: Eine abklärende Potenzierung der Welt. Somit eröffnet sich ein neuer Horizont, von dem her etwas Neues, etwas Ganzes scheint, das (noch) nicht von der venunftzentrischen Kultur kastriert ist. Und dieses Neue, dieses Ganze ist doch das Ursprüngliche. Hierdurch ist die Natur von ihrer Impotenz genesen. Denn »Poesie ist«, so Novalis, »die große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt« (Novalis 1960ff: I, 535). Wenn man die Potenz und die Potenzierung durch ihren etymologischen Sinn miteinander verbindet, so liegt hierin auch der Kern des Appells von Novalis: »Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung« (Novalis 1960ff.: I, 545). Die Literatur ist also ein Analogon zu dem Schamanismus im weiten Sinne oder dem Urchristen. Oder die transzendentale Literatur ist vielmehr schon eine neue Religion.
Friedrich Schlegel fasst die Religiosität der Literatur folgendermaßen zusammen: »Der dichtende Philosoph, der philosophierende Dichter ist ein Prophet. Das didaktische Gedicht sollte prophetisch sein, und hat auch Anlage, es zu werden« (Schlegel 1967: 207). Dementsprechend soll die Literaturwissenschaft die Rolle des gläubigen Apostels übernehmen, der die Idee der Literatur ausbreitet, als ob man auf den kategorischen Imperativ hörte: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur« (Markus 16:15). Dabei soll die Literaturwissenschaft kein naiver Gläubiger sein, weil die transzendentale Literatur auch keine naive Literatur ist, sondern sie soll den Schatz der Literatur auf tiefgründige Weise zutage fördern, so wie die Literatur die neue Mythologie »aus der tiefsten Tiefe des Geistes« (Schlegel 1967: 312) herausbildet. Also verhält sich die Literaturwissenschaft zu ihrem Gegenstand Literatur wie die Literatur zur gegebenen Geschichte.
Die Kombination der Literatur und der Wissenschaft könnte auf Schwierigkeiten stoßen, wenn die Wissenschaft die Literatur tot schreibt oder wenn die Literatur die Wissenschaft scheinbar degradiert. Auf diesen prekären Sachverhalt geht Roland Barthes ein. Er spricht weiterhin für die Literaturwissenschaft, indem er ihr ein höheres Ziel setzt: »Schreiben allein hat die Chance, die Unaufrichtigkeit aufzuheben, die jeder Sprache, die sich ihrer nicht bewußt ist, anhaftet« (Barthes 42015: 14). Die Literaturwissenschaft soll als sekundäre transzendentale Literatur dienen, die die primäre potenzierte Welt nochmals potenziert und somit eine Dimension der tiefen Struktur hervorhebt. Und die Potenzierung bedeutet manchmal auch eine Zerstörung, wie Barthes deutlich macht:
[D]as Schreiben will ein totaler Code mitsamt seinen eigenen Zerstörungskräften sein. Daraus folgt, daß nur das Schreiben das von der Wissenschaft aufgezwungene theologische Bild zertrümmern, den von der mißbräuchlichen »Wahrheit« der Inhalte und Argumentationen verbreiteten väterlichen Schrecken zurückweisen und der Forschung den vollständigen Raum der Sprache erschließen kann mitsamt seinen Subversionen der Logik, der Durchmischung seiner Codes, mit seinen Verlagerungen, seinen Dialogen, seinen Parodien (Barthes 42015: 15).
Ja, es gibt Trivialliteraturwissenschaft, wie es Trivialliteratur gibt, indem diese beiden sich bloß auf die sinnlichen Phänomene oder die buchmarktlichen bzw. akademischen Phänomene richten, ohne die Struktur zu berücksichtigen, und sich somit von der Wahrheit immer weiter entfernen, wie es Tzvetan Todorov in Hinsicht auf die literarischen Praktiken formuliert: »Wer Strukturen auf der Ebene der beobachtbaren Bilder sucht, schneidet sich eben damit von aller sicheren Erkenntnis ab« (Todorov 1972: 20). Die wahre Literaturwissenschaft soll dagegen als Apostelbrief dienen, der nicht nur die Wahrheit in den Fokus rückt, sondern sich ihr jeweils auf eigene Weise annähert oder zumindest anzunähern versucht.
Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zur Literatur kann sich die Literaturwissenschaft in der Krise auch ihre graziöse Beweglichkeit gegen die Gravitation der Krise erhalten. Deshalb ist sie ebenso in der Lage, einen höheren, makroskopischen Standpunkt zu bieten, so wie die Literatur auf einem erhabenen Standpunkt steht. Es gibt allerdings einen Unterschied: Während die Literatur sich mit der subjektiven Zweckmäßigkeit begnügt und vergnügt, muss die Literaturwissenschaft nicht nur der subjektiven, sondern auch der objektiven Zweckmäßigkeit entsprechen, weil sie, wie die apollinische Kraft bei Nietzsche, angesichts ihrer vermittelnden Rolle ein Bild, einen Begriff, eine Lehre oder eine sympathische Erregung aus der scheinbar chaotischen Literatur liefern muss:
So entreisst uns das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit und entzückt uns für die Individuen; an diese fesselt es unsre Mitleidserregung, durch diese befriedigt es den nach grossen und erhabenen Formen lechzenden Schönheitssinn; es führt an uns Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in ihnen enthaltenen Lebenskernes. Mit der ungeheuren Wucht des Bildes, des Begriffs, der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung reisst das Apollinische den Menschen aus seiner orgiastischen Selbstvernichtung empor und täuscht ihn über die Allgemeinheit des dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, dass er ein einzelnes Weltbild, z.B. Tristan und Isolde, sehe und es, durch die Musik, nur noch besser und innerlicher sehen solle (Nietzsche 1999: 137).
Die Literaturwissenschaft ist demnach eine progressive apollinische Wissenschaft, die in der chaotischen Literaturwelt eine belehrende Orientierung bietet, damit man sich auch diesseits, nämlich jenseits der Literatur, mit sich selbst als Individuum nicht nur abfinden, sondern vielmehr begnügen kann und auf das nächste dionysische Erlebnis wartet – eine Erbauung durch Ventilfunktion. So ersetzt die Literaturwissenschaft die ausweglose Dialektik im ewigen Kampf zwischen der subjektiven Zweckmäßigkeit der Phantasie und der objektiven Zweckmäßigkeit der Vernunft durch eine progressive Dialektik zwischen der Historie und der Historia resp. zwischen der Weltgeschichte und der Heilsgeschichte.
Literatur(-Wissenschaft) und Krise
Die Literaturwissenschaft gerät selbst in eine Krise, wenn sie es nicht vermag, mit der krisenhaften Welt umzugehen. Dies kann dann der Fall sein, wenn sie ihre Grazie der Seele (vis motrix) verliert. Das heißt, dass die Literaturwissenschaft über eigene Autonomie verfügen soll, die ihr selbst dient und ihr selbst eine antigravitative Beweglichkeit innerhalb der gravitativen Weltordnung gewährt. Anders gesagt: Sie muss frei sein – vor allem von Interessen. Sie ist ein ästhetischer Ausspruch, ein geistreicher Witz, ein »intellektuelles vermögen« (DWB, Bd. 30, Sp. 862), welches eben dem »wesen der dichtung« (Sp. 863) gleichkommt. Das ist die Voraussetzung für jene Literaturwissenschaft, die die Transzendentalität der Literatur mitbekommt. Daher entspricht sie nicht zuletzt dem Said’schen Postulat des Intellektuellen: »exile and marginal, as amateur, and as the author of a language that tries to speak the truth to power« (Said 1994: xvi).
Wenn man die Literaturwissenschaft zur Anwendung bringt, um einerseits Geld aus ihr zu generieren und um sie andererseits durch Geld zu retten, läuft man Gefahr, sie ihrer Autonomie zu berauben. Hierfür ist ein Zitat aus Kleists berühmtem Aufsatz aufschlussreich: »Sehen Sie den jungen F… an, wenn er, als Paris, unter den drei Göttinnen steht, und der Venus den Apfel überreicht; die Seele sitzt ihm gar (es ist ein Schrecken, es zu sehen) im Ellenbogen« (Kleist 92001: II, 342). Entscheidet sich die Literaturwissenschaft für ein äußeres Ziel, dann ent-zweit sie sich mit sich selbst, zerreißt sich und verliert ihren inneren Schwerpunkt. »Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« (Matthäus 6:24). Möge Gott verhüten, dass die Literaturwissenschaft dem Geld zum Opfer fällt (sondern umgekehrt). Eine angewandte Literaturwissenschaft, die sich das Angewandt-Sein zum Ziel setzt, ist eine herumdilettierende Wissenschaft, die sich selbst zerstört. Was Kleist in Hinsicht auf die Naturwissenschaften sagt, gilt hier ebenfalls: »Ohne Wissenschaft zittern wir vor jeder Lufterscheinung, unser Leben ist jedem Raubtier ausgesetzt, eine Giftpflanze kann uns töten – und sobald wir in das Reich des Wissens treten, sobald wir unsre Kenntnisse anwenden, uns zu sichern u. zu schützen, gleich ist der erste Schritt zu dem Luxus und mit ihm zu allen Lastern der Sinnlichkeit getan« (Kleist 92001: II, 682). Unter dem Joch der ökonomischen Nutzbarkeit darf man keine transzendentale, kritische Literaturwissenschaft schreiben, die die Sinnlichkeit in Zweifel zieht, und man bedarf auch keiner. Denn es gibt schon genug utilitaristische Gesinnungen im Umgang mit Krisen, indem jede sich praktischerweise auf eine Lösung richtet. Es ist aber fast unwiderlegbar, dass diese diesseitigen Lösungen über kurz oder lang zu einer neuen Krise führen könnten.
Was soll die Literaturwissenschaft in der Krise leisten? Die Literatur bietet eine Zuflucht, in der sich wohl nichts auflöst, doch jeder sich erlöst. Sie bietet einen Witz, eine Anekdote, ein Fastnachtsspiel im größeren Sinne, ein Sanatorium im Zauberberg. Anders gesagt: Sie eröffnet einen Vakuumraum in der ausweglosen Realität, damit man sich erholen oder vielmehr rehabilitieren kann. Dementsprechend ist die Literaturwissenschaft ein Peter Pan, The Boy Who Wouldn’t Grow Up, der den Leser vom Alltag zum literarischen Neverland und zugleich durch Abenteuer zu sich selbst führt: »Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen« (Matthäus 18:3). Aus der irdischen Perspektive seien wir Außenseiter, Sonderling, Zyniker oder weltfremde Spinner – seien es im ursprünglichen Sinne oder auch nicht – und auf das Peter-Pan-Syndrom könne auch hingewiesen sein. Aber gerade die Literaturwissenschaft, die so exzentrisch ist, dient der Welt als Instanz der Reflexion – vor allem für denjenigen, der seiner zentralistischen Überzeugung zuliebe keine Gefahr der Dissoziation verträgt und deshalb keinen Gegenstand zur Reflexion hat. So formuliert Bernhard Waldenfels in Hinsicht auf das platonische Höhlengleichnis: »Die Wende kommt nicht dadurch zustande, daß Sehende den Schauplatz wechseln, so daß sie Höheres, Geistiges zu sehen bekommen; sie besteht vielmehr darin, daß der Schauplatz selbst sich wandelt und Sehende sehend werden« (Waldenfels 2017: 85). Die Literaturwissenschaft kann auf den Wandel des Schauplatzes auswirken, indem sie dem Sehenden die Literatur als Schauspiel vermittelt, einen Gegenstand, sein verlorenes Ebenbild, obwohl das Ebenbild keineswegs auf naive Weise darzustellen ist. »Darum rede ich zu ihnen durch Gleichnisse. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht« (Matthäus 13:13). Der Satz wurde uns gegeben und wir geben ihn weiter. Literaturwissenschaftler*innen sollen sich als Adressaten des Briefes von Novalis an Julius verstehen: »Wenn irgend jemand zum Apostel in unserer Zeit sich schickt, und geboren ist, so bist du es. Du wirst der Paulus der neuen Religion seyn, die überall anbricht – einer der Erstlinge des neuen Zeitalters – des Religiösen« (Novalis 1960ff: III, 493).
Gegen die globalen Krisenzeiten vermag die Literaturwissenschaft wohl nicht unmittelbar zu wirken. Den globalen Krisenzeiten gegenüber kann sie allerdings einen universalen konstanten Standpunkt bieten, indem sie Phänomene durchleuchtet und bis zu deren Struktur gelangt. Die Idee, die nur mittelbar – z.B. durch Gleichnisse – zu erkennen ist, bringt sie mithilfe ihres transzendentalen ›Schau-Spiels‹ zur intellektuellen Anschauung und lässt ihren Leser bzw. Zuschauer selbst zur Erkenntnis kommen. Aus dieser literarischen Offenbarung kann ein ***-Mittel gegen die Krisen entstehen, das womöglich Anwendung findet. Was aber das *** ist, geht die Literaturwissenschaft bereits nichts mehr an. Dies klingt resignativ. Es ist allerdings eine progressiv-resignative Verfahrensweise. Denn jedes Sternchen ist wiederum ein Phänomen. Und trotzdem schimmert die Idee im Finstern unverändert, solange wir schreiben.
Literatur
Barthes, Roland (42015). Das Rauschen der Sprache. Übers. Dieter Hornig. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961.
Fehling, Maria (Hrsg.) (1925). Briefe an Cotta. Das Zeitalter Goethes und Napoleons 1794–1815. Stuttgart, Berlin: Cotta.
Fischer, Bernhard (2014). Johann Friedrich Cotta. Verleger – Entrepreneur – Politiker. Göttingen: Wallenstein.
Kleist, Heinrich von (92001). Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Helmut Sembdner. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Kuhn, Dorothea (Hrsg.) (1977). Goethe und Cotta. Briefwechsel 1797–1832. 3 Bde. Stuttgart: Klett-Cotta.
Nietzsche, Friedrich (1999). Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen. Kritische Studienausgabe, Bd. 1. Hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Novalis (1960ff.). Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. v. Richard Samuel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Plumpe, Gerhard (1996). ›Einleitung‹, in: Gerhard Plumpe (Hrsg.). Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit 1848–1890 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Bd. 6). München u. Wien: Carl Hanser.
Said, Edward W. (1996). Representations of the Intellectual. New York: Vintage Books.
Schlegel, Friedrich (1979). Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. 22 Bde. Hrsg. v. Ernst Behler. Paderborn, München u. Wien: Ferdinand Schöningh.
Todorov, Tzvetan (1972). Einführung in die fantastische Literatur. Übers. v. Karin Kersten, Senta Metz u. Caroline Neubaur. München: Ullstein.
Waldenfels, Bernhard (2017). Platon. Zwischen Logos und Pathos. Berlin: Suhrkamp.
4 Literaturgeschichte und Konstruktivismus
Die Wahrheiten der Postmoderne
Christoph Reinfandt
Wer ist schuld am weltweiten Aufstieg der Rechtspopulisten und dem mit ihm offenkundig werdenden ›postfaktischen Zeitalter‹? Etwas differenzierter sollte man wahrscheinlich fragen, was denn die vermutlich durchaus vielfältigen Ursachen für diese Entwicklung sind, doch im massenmedialen Betrieb des Feuilletons und des Kulturjournalismus gibt es bereits pointierte Antworten: Die Schuldigen sind allesamt auf der linken Seite des politischen Spektrums zu verorten. »Die Hippies sind schuld«, konstatiert etwa die Überschrift von Thomas Assheuers (2017) letztlich doch abgewogeneren Überlegungen im Anschluss an den amerikanischen Kulturwissenschaftler Fred Turner (2006 und 2016). Assheuer bezieht immerhin noch Rahmenbedingungen wie etwa die fortschreitende Digitalisierung mit ein und verweist auf verkomplizierende Faktoren wie die Spaltung der Linken. Wesentlich einfacher macht es sich hier der Züricher Philosoph Michael Hampe (2016). Hampe erklärt, »pubertäre Theoretiker« der »kulturwissenschaftlichen Linken« (»KWL«) hätten mit ihrem dekonstruktiven Insistieren auf der medialen, diskursiven und damit letztlich sozialen und politischen Konstruiertheit aller Dinge den Aufstieg der »lügenden grobianischen Rechten« (»LGR«) herbeigeführt. In der Beliebigkeit der Postmoderne sei nunmehr die Gültigkeit objektiver Fakten derart unterminiert, dass die Populisten freie Bahn hätten.
Obwohl der Befund eines gegenwärtig geschwächten Evidenz- und Referenzprinzips für Aussagen über die Wirklichkeit natürlich nicht von der Hand zu weisen ist, greift diese Schuldzuweisung doch zu kurz und ist damit ebenso populistisch wie der kritisierte postfaktische Diskurs. Zum einen sollte man die Wirkmächtigkeit geistes- und kulturwissenschaftlicher Seminare und Publikationen nicht überschätzen, wie etwa Bernhard Pörksen in seiner Replik (2017) hervorhebt. Zum anderen haben sich die pauschal als ›pubertär‹ verunglimpften Theoretiker ihre durchaus komplexen Theorien nicht aus einer Laune heraus ausgedacht, sondern, das sollte man ihnen zugestehen, in Fortsetzung einer langen und durchaus ehrwürdigen Tradition skeptischen und kritischen Nachdenkens und in Reaktion auf eine sich ausdifferenzierende, immer komplexer werdende moderne Wirklichkeit. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, diese Tradition und ihre jüngeren Erscheinungsformen in eine Perspektive ihrer medialen und technologischen Bedingtheit einzurücken, so dass klar wird, dass schlichte Schuldzuweisungen à la Hampe nicht zielführend sein können. Dabei wird es auch darum gehen, deutlich zu machen, was denn die Literaturwissenschaften zur Klärung dieses Sachverhalts beitragen können.
Wahrheit und Wahrheiten
Der des linken Pubertierens völlig unverdächtige Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann wies schon 1990 darauf hin, dass die »Umstellung des Wissenschaftssystems von einem ontologischen auf ein konstruktivistisches […] Selbstverständnis, wie sie in den zweihundert Jahren seit Kant zu beobachten ist, […] in sehr tiefgreifender Weise das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft [berührt]« (627). Und auch die weiter ausgreifenden, die westliche Tradition seit der Antike einbeziehenden Überlegungen des ebenfalls der postmodernen Schaumschlägerei unverdächtigen Physikers, theoretischen Biologen und Naturphilosophen Bernd-Olaf Küppers machen deutlich, dass es mit der Wahrheit nicht so einfach ist: Schließlich hat doch »die Diskussion um das Wahrheitsproblem […] im Laufe ihrer Geschichte immer wieder neue Varianten des Wahrheitsbegriffs hervorgebracht […]: [d]ie ontologische, die logische, die empirische, die kontingente oder die pragmatische Wahrheit, die zugleich die fortschreitende Differenzierung unseres Weltverständnisses widerspiegeln.« (2008: 177) Wahrheit, so zeigt sich hier, war zumindest im westlichen Kulturkreis schon immer Verhandlungssache. Die Kriterien für ihre Akzeptanz haben sich im Laufe der Jahrhunderte langsam aber unaufhaltsam von ›absolut‹ Richtung ›hypothetisch‹ bewegt. Selbst im Rahmen der auf Aristoteles zurückgehenden und von Thomas von Aquin wiederaufgenommenen Korrespondenztheorien der Wahrheit wurde zunehmend nicht nur die abbildende, sondern auch die sprachlich-symbolische Darstellungsfunktion anerkannt. Dies geschah zunächst noch abgefedert in Annahmen der Strukturgleichheit von (sprachlicher) Darstellung und Welt, dann aber mit zunehmender Akzentverschiebung hin zu Kohärenztheorien der Wahrheit, deren Angemessenheit sich in der Widerspruchsfreiheit auf der Ebene der (sprachlichen) Repräsentation insgesamt erweist und dann letztlich nur noch im Handeln an der Wirklichkeit selbst bewähren kann. Erfolgreiche Bewährung wiederum muss auch mitgeteilt werden, und so verschiebt sich der Akzent erneut, hin zu Konsens- und Diskurstheorien einer Wahrheit, die sich intersubjektiv in kommunikativen Verhandlungsprozessen bewähren muss. Diese allerdings, dies sei betont, werden stets dadurch destabilisiert, dass der modernen Wissenschaft mit ihrer auf die Produktion neuen Wissens und die Falsifikation etablierten Wissens ausgerichteten Praxis immer auch eine Dissenstheorie der Wahrheit eingeschrieben ist.
Die volle Komplexität dieses am Ende eines langen Evolutionsprozesses stehenden Zustands ist erst in jüngeren Jahren erfasst worden. Sie wird häufig unter dem bei Luhmann genannten Stichwort des Konstruktivismus verhandelt, der ganz unterschiedliche Formen annehmen kann. Im rückblickend von Richard Rorty (1967) für den Anfang des 20. Jahrhunderts angesetzten Linguistic Turn der Philosophie geht es im Kern darum, dass (und wie) die Sprache das Denken formt, und diese Grundfrage ist seither auch in anderen Disziplinen intensiv weiterverfolgt worden (vgl. Boroditzki 2012). Da Sprache zudem niemals pur auftritt, sondern stets an gesellschaftliche Praktiken und verfügbare Medientechnologien gebunden ist, schließen hier im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche weitere Cultural Turns an und verheißen Neuorientierung in den Kulturwissenschaften (Bachmann-Medick 2006). Zuvor schon war auch in der Soziologie Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit in den Mittelpunkt gestellt worden (Berger und Luckmann 1966). Erkenntnistheoretisch auf den Punkt gebracht werden die mit dieser Entwicklung verbundenen Einsichten von den sogenannten ›radikalen Konstruktivisten‹ wie etwa Ernst von Glasersfeld (vgl. etwa 1996). Im Kern geht es dabei darum, »dass vom Beobachter und seinen Methoden des Beobachtens und deren Wirkung auf den beobachteten Gegenstand nicht (!) abstrahiert werden darf, wenn Aussagen über die Welt und deren Beschaffenheit gemacht werden« (Simon 2017). Da sich die Angemessenheit derartiger Aussagen wie oben erwähnt nur noch im Handeln, d.h. im Umgang mit der Wirklichkeit bewähren kann, verschiebt sich das Kriterium geglückter Erkenntnis »[v]on der Wahrheit zur Viabilität« (Köck 2011). Man kann somit, fasst Fritz B. Simon (2017) zusammen, »aus konstruktivistischer Sicht zwar nicht sagen, welche Aussagen eine ewige Wahrheit beschreiben, aber man kann durchaus sagen, was Quatsch und unwahr ist.«
Allerdings bleibt dabei unberücksichtigt, dass es Aussagen über die Wirklichkeit gibt, deren Angemessenheit sich eben nicht (oder zumindest nicht sofort) im Handeln bewähren kann: Wie sollte sich Donald Trumps Behauptung, seine Inaugurationsfeier sei die von der Zuschauerzahl her größte der amerikanischen Geschichte gewesen, im Handeln bewähren? Zwar scheint seine Behauptung angesichts des existierenden Bildmaterials offensichtlich falsch, aber letztlich handelt es sich ja nur um Bildmaterial, das ein Ereignis nie vollständig und in allen seinen Dimensionen erfassen kann. Eine unmittelbare Handlungsoption, in der sich die auf diesem Bildmaterial beruhende gegenteilige Behauptung an der Wirklichkeit bewähren kann, steht ja leider ebenfalls nicht zur Verfügung. Simon (2017) verweist nun darauf, dass
aus konstruktivistischer Sicht die Möglichkeit der Objektvierung darin [besteht], dass unterschiedliche Beobachter sich über die Fokussierung der Aufmerksamkeit (= Selektion der Phänomene), die Selektion der Beobachtungsmethode, die Kriterien der Bewertung (z.B. Messmethoden) und die Selektion der Erklärungsansätze (= Theoriearchitektur) für die beobachteten Phänomene einigen
– aber während dies innerhalb eines normativ-prozedural gerahmten Kommunikationszusammenhangs wie der modernen Wissenschaft gelingen mag, fehlt im durch Digitalisierung zunehmend beschleunigten und dezentrierten öffentlichen Diskurs unserer Zeit doch genau dieser Rahmen. Auch andere regulative Rahmungen institutioneller oder kultureller Art sind nach Jahrhunderten der Ausdifferenzierung in Modernisierungsprozessen erodiert. Zu denken wäre hier einerseits insbesondere an die Gatekeeping-Funktionen der Welt des Buchdrucks und andererseits an die normative Dimension von Gefühlsstrukturen (vgl. Williams 1977), wie sie sich etwa in Koordinaten von Moral, Scham und Anstand manifestieren.
Vor diesem Hintergrund wird erkennbar, dass es sich bei dem Angriff auf die ›pubertären linken Konstruktivisten‹ der ›Postmoderne‹, wie er am pointiertesten in dem bei konservativ-rechten Stimmen populären Manifest des Neuen Realismus des italienischen Philosophen Maurizio Ferrari (2014) vorgetragen wird, um ein »strategische[s] misreading« handelt, das »eine Umkehrung von Vorher und Nachher, eine Vertauschung von Ursache und Wirkung« vornimmt und so die ›Postmoderne‹ als linken »Pappkamerad« aufbaut (Sasse und Zanetti 2017). In der Tat gibt es gute Gründe dafür, die Rede von der ›Postmoderne‹ angesichts des Fortbestehens vieler seit dem 18. Jahrhundert etablierter Strukturen eher als typisch modern(istisch)e Semantik zu betrachten, der es um Distinktionsgewinn durch die Behauptung von Innovation und Originalität geht. Akademisch präziser hätte man wohl besser von ›Spätmoderne‹ sprechen sollen, deren Kennzeichen wiederum in Anlehnung an die englischsprachige Diskussion als ›postmodernistisch‹ oder, wie von Hans Robert Jauss (1983) weitgehend ungehört vorgeschlagen, als ›postistisch‹ zu bezeichnen wären. Erst in jüngster Zeit mehren sich demgegenüber die Anzeichen dafür, und hier ist der spezifische Charakter des jüngsten Aufstiegs der Populisten in der Tat signifikant, dass sich die seit dem 18. Jahrhundert etablierten Strukturen der modernen Gesellschaft und die damit verbundenen Koordinaten der modernen Kultur endgültig in etwas transformieren, das dann tatsächlich als ›Postmoderne‹ bezeichnet werden könnte (vgl. dazu Beck 2016).
Literaturgeschichte als Kulturgeschichte
Was kann nun die Literaturwissenschaft zur weiteren Klärung und Plausibilisierung der bisher skizzierten Sicht der Dinge beitragen? Der entscheidende Schritt hierzu ist ein kulturwissenschaftliches Verständnis von Literaturgeschichte, das insbesondere mediengeschichtlichen Aspekten besondere Aufmerksamkeit widmet. Die moderne Literatur, so zeigt sich aus diesem Blickwinkel, konnte ihre tragende Funktion bei der Herausbildung eines modernen bürgerlichen Subjekts mit universalen Ansprüchen nur mit Hilfe der sich seit Mitte des 15. Jahrhunderts zur Verfügung stehenden neuen Medientechnologie des Buchdrucks erfüllen. Im 18. Jahrhundert war die moderne Gesellschaft dann vor dem Hintergrund sich ausbreitender Schreib- und Lesefähigkeit in der Bevölkerung derart mit Druckerzeugnissen gesättigt, dass es Sinn macht, die modernen Leitdiskurse Aufklärung und Romantik als ›events in the history of mediation‹ aufzufassen (Siskin und Warner 2010; Siskin 2016). Der Buchdruck ermöglicht dabei erstmals in großer Zahl Kommunikationsprozesse, in denen durch die abstrakte Präsenz von Wörtern auf dem Papier ohne die kontrollierende Anwesenheit eines Senders dem Autor die Autorität über die Bedeutung entzogen wird. Diese liegt nunmehr scheinbar im Text selbst, geht aber de facto auf den Leser über, wie etwa Thomas Docherty (1987) in seinen Überlegungen zu ›moderner Autorität‹ eindringlich herausarbeitet. Sowohl die Aufklärung als auch die Romantik können vor diesem Hintergrund als Diskursformationen zur Kompensation dieses kommunikativen Kontrollverlusts gelesen werden: Aufklärerische Kommunikation hält am Ideal der Transparenz des Mediums fest, um den Ursprung und Maßstab der Bedeutung eines Textes weiterhin in der Referenz verorten zu können. Romantische Kommunikation hingegen erkennt die konstitutiven Mittlerinstanzen der subjektiven Erfahrung und der Medialität (des Schreibens, des Buchdrucks) an und verortet die Bedeutung somit im Subjekt und/oder im Text. Während Erstere sich beispielsweise im sich ausdifferenzierenden modernen Wissenschaftssystem um eine weitgehende Ausblendung des Faktors Subjektivität bemüht, um zu gültigen Aussagen über die Welt zu kommen, findet Letztere ihren kulturellen Ort im modernen Literatursystem, in dem sich insbesondere die Lyrik in und nach der Romantik durch ein hohes Maß an Selbstreferentialität auszeichnet, die sich vom ›Sprecher‹-Subjekt zum ›Schreiber‹-Subjekt und schließlich auf den Akt des Schreibens und die Bedingungen des Schreibens ausweitet. Der Roman hingegen bleibt im lange vorherrschenden realistischen Paradigma der scheinbar transparenten und primär visuell orientierten Simulation von mündlichen Erzählakten verhaftet, deren unhintergehbare Subjektivität zudem hinter den Plausibilisierungsstrategien des Erzählvorgangs verschwindet. Mit der Wende hin zum nunmehr als literarisch im emphatischen Sinne anerkannten Roman des Modernismus allerdings setzt sich auch hier eine erhöhte Selbstreferentialität durch, die sich sowohl auf die Dimension der Subjektivität (Bewusstseinsstrom, innerer Monolog) als auch auf die Vermittlungsformen des Narrativen selbst bezieht.
Gerade der Roman stand dabei von Beginn an in enger Beziehung zur modernen Wahrheitsproblematik. Für eine Gattung, die sich der Darstellung einer fiktionalen Version der zeitgenössischen Wirklichkeit verschrieben hat, stellt sich die Frage nach dem Unterschied zwischen Lüge und Konstruktion mit besonderer Heftigkeit, bieten doch die neuartigen gedruckten Erzählungen, wie Elena Esposito herausarbeitet, eine »fiktive Realität, die nicht mit der realen Realität konkurriert, sondern eine alternative Beschreibung darstellt, die die verfügbare Komplexität weiter erhöht« (2007: 31). Die hier identifizierte, auf »Realitätsverdoppelung« (31) basierende neue kulturelle Funktion teilt der Roman mit der zur gleichen Zeit entstehenden Wahrscheinlichkeitsrechnung: Beide bieten »jene Orientierungsmöglichkeiten,« die nach allgemeinem Empfinden der damaligen Zeit »die ›reale Realität‹ nicht [mehr] zu bieten hat« (55), beide »stellen […] eine irreale, aber realistische Realität dar, gerade weil sie diese vereinfachen und auf eine Weise durchschaubar machen, die die reale Welt nie zulassen würde« (57). Esposito erblickt in Roman und Wahrscheinlichkeitsrechnung programmatische kulturelle Praktiken, die »die Modernität der Konstruktion« in einer »Gleichzeitigkeit von Kontingenz und […] Abwesenheit von Willkür« verankert (68). Der Roman bindet dabei kontingente, vom Leser im Modus der Beobachtung zweiter Ordnung wahrgenommene Erzähler- und Figurenperspektiven in eine sich stringent entfaltende Weltkonstruktion derart ein, dass »eine Dynamik in Gang gesetzt wird, die keineswegs notwendig ist, die sich aber dennoch nicht willkürlich entwickelt.« (70) Die Wahrscheinlichkeitsrechnung hingegen sieht vom Visuell-Lebensweltlichen ab und transformiert stattdessen kontingente Informationen aus Gegenwart und Vergangenheit in eine abstrakt-mathematische Projektion der Zukunft, die den Eindruck erweckt, sie könne »reale Realitäten integrieren und […] in die komplexe und gegliederte Ontologie der modernen Gesellschaft umwandeln.« (70)
Damit sind zwei verschiedene Formen der Fiktion markiert, die sich einerseits auf die Leitdiskurse Aufklärung (Wahrscheinlichkeitsrechnung) und Romantik (Roman) beziehen lassen und andererseits bis heute auf unterschiedliche Weise die Funktion der Realitätsverdoppelung erfüllen. Esposito verweist hier auf den
paradoxe[n] Zustand einer Gesellschaft, die die Realität der Fiktion bestreitet, die aber zugleich Umfragen und Statistiken die zweifelhafte Rolle eines ›Realitätsersatzes‹ zuweist. […] Während im Bereich der fiction das Bewußtsein für die Unwirklichkeit der fiktiven Realität […] weit verbreitet ist, scheint dieses Bewußtsein in bezug auf die Wahrscheinlichkeit viel weniger stark ausgeprägt zu sein. (70–71)
Auf der einen Seite also steht eine »eigenartige quantitative Blendung« (72), die als »funktionierende Simplifikation« bis heute Empirie und damit die exklusive Berechtigung zu Aussagen über die Wirklichkeit für sich beansprucht (73). Auf der anderen Seite steht ein erfahrungsgesättigter Weltzugang qualitativer oder hermeneutischer Art, dem aufgrund seiner subjektiven Anteile Objektivität abgesprochen wird, obwohl ihm doch im Gegensatz zur Formalisierung quantitativer Studien ein größeres Potential zur Berücksichtigung von »Wechselwirkungen, Rückbezüglichkeiten und Kontingenz« zur Verfügung steht (73). Die eingangs beschriebene Kritik am Konstruktivismus, so zeigt sich hier, beruht darauf, dass »die Vorstellung vom Sonderstatus der realen Realität nach wie vor weit verbreitet ist.« Dabei werden doch »alle theoretisch anspruchsvollen Varianten des Konstruktivismus« (71) angesichts der Komplexität der Welt nicht müde darauf hinzuweisen, dass es nötig wäre, »Kontrollformen zu denken, die auch funktionieren, wenn man nicht die Welt, sondern die Beobachter zum Bezugspunkt macht.« (73)
In anderer Worten: Was real ist, ist die Operation der Beobachtung, nicht ihr Inhalt, der immer Re-Präsentation der Wirklichkeit bleibt und niemals zur Realität selbst in Kontakt steht. Der Roman hat diese Einsicht, nicht zufällig parallel zum Linguistic Turn der Philosophie, im Modernismus in gesteigerte Selbstreferentialität linguisitischer, narrativer und diskursiver Art umgesetzt, womit sein Akzent sich von Repräsentation auf Performativität verlagerte, ohne dass deshalb die Repräsentation völlig aufgegeben wurde, was ja angesichts der Zeichenhaftigkeit von Sprache auch nur schwer zu erreichen ist. Der Roman erfüllt zudem bis heute seine im 18. Jahrhundert angelegte Funktion einer Überführung von privater individueller Erfahrung in den Bereich der Öffentlichkeit, auch wenn er angesichts der Verlagerung der gesellschaftlichen Öffentlichkeit von der Welt des Buchdrucks in eine Welt der elektronischen und digitalen Medien zunehmend marginalisiert erscheint. Er ist damit das früheste und bis zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich komplexeste Medium für den Umgang mit dem, was Fritz B. Simon ›weiche Realitäten‹ nennt, »bei denen die Beobachtung zumindest das Potential hat, den beobachteten Gegenstand zu verändern«: »Wer gesellschaftliche Verhältnisse […] in einer bestimmten Weise beschreibt, verändert sie (zumal diese Beschreibung, wenn sie kommuniziert wird, Element dessen ist, was beschrieben wird)« (Simon 2017; ›harte Realitäten‹ sind demgegenüber »Gegenstände […], die sich durch die Tatsache des Beobachtetwerdens wenig beeindrucken lassen«, wie z.B. Sonne und Sterne). Als reale Operationen sind also Konstruktionen insbesondere ›weicher Realitäten‹ »nicht nur selbst real, sondern haben auch reale Auswirkungen, sie sind […] ›performativ‹« (Sasse und Zanetti 2017). Und dasselbe gilt, womöglich in etwas geringerem Ausmaß, auch für Konstruktionen ›harter Realitäten‹, die im Kontext der Naturwissenschaften als ›Wirklichkeitserzählungen‹ kommuniziert werden (vgl. z.B. Harré 1990, Brandt 2009), so dass auch eine großangelegte Geschichte der Objektivität in ihrem letzten Kapitel letztlich eine Akzentverschiebung von der Repräsentation zur Präsentation konstatiert (Daston und Galison 2007: 385)
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