Read the book: «Jahrbuch der Baumpflege 2021»

Herausgeber: Prof. Dr. Dirk Dujesiefken, Hamburg
Redaktionelle Betreuung: Dipl.-Ing. Agrar Martina Borowski, Braunschweig
Herausgeber-Beirat 2021:
Dipl.-Ing. Thomas Amtage, amtage Landschaftsarchitektur und Sachverständigenbüro, Berlin
Tanja Büttner, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL), Bonn
Dr. Maria Dobner, Baureferat Gartenbau der Landeshauptstadt München
Dipl.-Biol. Gerhard Doobe, Redaktion der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz, Hamburg
Prof. Dr. Rolf Kehr, HAWK Göttingen, Studiengang Arboristik
Dipl.-Biol. Thomas Kowol, Institut für Baumpflege Hamburg
Prof. Dr. Klaus Richter, Dr. Michael Risse, Holzforschung München, TU München
Dr. Markus Streckenbach, Sachverständigenbüro für urbane Vegetation, Bochum
Dipl.-Biol. Anette Vedder, Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen, Stadt Augsburg
Die Deutsche Bibliothek – CIP Einheitsaufnahme
Jahrbuch der Baumpflege … :
Yearbook of Arboriculture
Braunschweig: Haymarket Media
Erscheint jährlich – Aufnahme nach 1997
ISSN 1432–5020
ISBN 978–3–87815–274–3
Haymarket Media GmbH
Postfach 83 64, 38133 Braunschweig
Telefon: +49 531 38 00 4–0, Fax: –25
www.baumzeitung.de
Satz und Umbruch: Sigert GmbH, Braunschweig
Druck: Kunst- und Werbedruck GmbH & Co KG, Bad Oeynhausen
Die Veröffentlichungen erfolgen trotz sorgfältiger
Bearbeitung ohne Gewähr. Für Fehler und Unrichtigkeiten kann Schadenersatz nicht geleistet werden. Alle Rechte vorbehalten. Für die namentlich gekennzeichneten Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich.
Redaktionsschluss: Mai 2021
© 2021 Haymarket Media GmbH, Braunschweig
25. Jahrgang
Das „Jahrbuch der Baumpflege 2021“ ist auch als E-Book erhältlich:
ISBN 978–3–87815–275–0 im PDF-Format
ISBN 978–3–87815–276–7 im ePub-Format
ISBN 978–3–87815–277–4 im Mobi-Format
Auf www.united-kiosk.de/kiosk-haymarket/ steht das „Jahrbuch der Baumpflege 2021“ ebenfalls zum Download bereit und kann hier erworben werden.

Das Buch und alle in ihm enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine anderweitige Verwertung ohne Einwilligung des Verlages strafbar.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sie halten die Jubiläumsausgabe vom Jahrbuch der Baumpflege in den Händen: 25 Jahre gibt es nun schon dieses Nachschlagewerk und Fachbuch mit insgesamt über 750 Fachartikeln über Kontrolle, Pflege und Schutz von Bäumen in Städten und an Straßen.
Leider mussten in diesem Jahr die Deutschen Baumpflegetage ausfallen und wurden auf das Jahr 2022 verschoben. Wir haben uns aber entschieden, auch ohne Tagung in Augsburg ein Jahrbuch der Baumpflege herauszubringen, und zwar zum Baumschutz auf Baustellen.
Baumschutz ist viel mehr als ein Schutzzaun auf der Baustelle oder ein paar Bretter am Stamm. Notwendig sind umfassende Kenntnisse über den Wurzelraum und dessen Bedeutung für die Baumgesundheit. Zudem muss man die Möglichkeiten und Grenzen des Baumschutzes bei den verschiedenen Baumaßnahmen berücksichtigen. Beim Leitungsbau sind andere Anforderungen notwendig als beispielsweise beim Bau von Geh- und Radwegen oder beim Hochbau.
Im Jahrbuch der Baumpflege finden sich seit 1997 verschiedene Beiträge zum Themenkomplex „Baumschutz auf Baustellen“. Leider sind viele Ausgaben davon inzwischen vergriffen. Die Inhalte der Artikel sind aber nach wie vor hochaktuell. Lediglich bei den erwähnten Normen und Regelwerken handelt es sich unter Umständen um frühere Ausgaben. Eine Übersicht über die aktuellen Normen und Regelwerke zum Baumschutz auf Baustellen enthält die Übersicht auf der Seite 3.
Die aktuellen Normen und Richtlinien zum Baumschutz auf Baustellen in Deutschland
• DIN 18920, 2014: Vegetationstechnik im Landschaftsbau – Schutz von Bäumen, Pflanzenbeständen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen, Beuth Verlag, Berlin, 8 S.
• ESAB, 2006: Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume. Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, 12 S.
• H ArtB, 2017: Hinweise zum Artenschutz beim Bau von Straßen. Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, 56 S.
• MA-StB 92, 1992: Merkblatt Alleen. Verkehrsblatt-Verlag Borgmann GmbH & Co. KG, Dortmund, 26 S.
• Merkblatt DWA-M 162, 2013: Bäume, unterirdische Leitungen und Kanäle. Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA), Hennef, 24 S.
• RAS-LP 4, 1999: Richtlinien für die Anlage von Straßen, Teil: Landschaftspflege, Abschnitt 4: Schutz von Bäumen, Vegetationsbeständen und Tieren bei Baumaßnahmen. Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, 32 S.
• ZTV-Baumpflege, 2017: Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege, 6. Ausgabe, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL), Bonn, 82 S.
Mit dieser Jubiläumsausgabe erscheint erstmals ein umfassendes Buch zum Baumschutz auf Baustellen. Viele der vergriffenen Beiträge werden durch diesen Nachdruck wieder verfügbar. Das Jahr der Ersterscheinung wird jeweils am Anfang des Artikels erwähnt. Die Mailadressen am Ende der Beiträge wurden nach Möglichkeit aktualisiert.
Dieses Jahrbuch der Baumpflege wurde in folgende Hauptkapitel gegliedert:
- Boden, Wurzeln und Leitungsbau
- Bäume und Straßenbau
- Organisation von Baumschutzmaßnahmen.
Jedes Hauptkapitel beginnt mit einem neuen, aktuellen Artikel zu dem jeweiligen Themenschwerpunkt. Weiterhin enthält dieses Buch traditionell den Beitrag zum „Baum des Jahres “, der nunmehr seit 25 Jahren von Prof. Dr. Andreas Roloff verfasst wird. Der Baum des Jahres 2021 ist die Stechpalme. Außerdem gibt es das aktualisierte Kapitel über „Verbände und Forschungseinrichtungen“, ein „Adressverzeichnis Baumpflege“ sowie das „Gesamtregister 1997 – 2021“.
Ich hoffe, dass dieses Jahrbuch eine weite Verbreitung findet und dass viele Bäume so geschützt werden, dass sie noch lange Zeit vital und verkehrssicher erhalten bleiben können! Ein gut geplanter und durchgeführter Baumschutz trägt maßgeblich zum Baumerhalt bei. In Zeiten des Klimawandels kommt dem Baumschutz eine ganz besondere Bedeutung zu.
Danken möchte ich dem Verlag Haymarket Media, der dieses Buch möglich gemacht hat. Besonders danken möchte ich Martina Borowski, Silke Burkert und Anja Pieper für die sorgfältige Bearbeitung der verschiedenen Texte, Bilddateien und Informationen, wodurch ein hochwertiges Buch zum 25-jährigen Jubiläum entstanden ist.
Hamburg, im Mai 2021 DIRK DUJESIEFKEN
Für Ihren Terminkalender:
Die nächsten Deutschen Baumpflegetage finden statt vom 10. – 12. Mai 2022.
Kontaktanschrift: Forum Baumpflege GmbH & Co. KG, Geschäftsstelle: Brookkehre 60, 21029 Hamburg
Tel.: +49 (0)40 55 26 07 07, Fax: +49 (0)40 55 26 07 28, www.Deutsche-Baumpflegetage.de
Redaktionsschluss für das Jahrbuch der Baumpflege 2022 ist der 1. Dezember 2021.
Dear Readers,

You are holding in your hands the anniversary edition of the Yearbook of Arboriculture: 25 years of this reference book with a total of around 750 papers on the inspection, maintenance and protection of trees in cities and along roads.
Unfortunately, the German Tree Care Conference had tobe cancelled this year and was postponed until 2022. However, we have decided to publish a yearbook even without the conference in Augsburg, namely on tree protection on construction sites.
Tree protection is much more than just a protective fence on the construction site or a few boards attached to a trunk. What is needed is a comprehensive knowledge of the root zone and its importance for tree health. In addition, one must consider the possibilities and limitations of tree protection in regard to the various construction measures. Different requirements are necessary for pipeline laying than for the construction of sidewalks and bike paths or for building construction, for example.
The current standards and guidelines for tree protection on construction sites in Germany
• DIN 18920, 2014: Vegetationstechnik im Landschaftsbau – Schutz von Bäumen, Pflanzenbeständen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen (Vegetation technology in landscaping – Protection of trees, plantations and vegetation areas during construction work), Beuth Verlag, Berlin, 8 S.
• ESAB, 2006: Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume (Recommendations for protection against accidents with collisions with trees). Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, 12 S.
• H ArtB, 2017: Hinweise zum Artenschutz beim Bau von Straßen (Information on species protection during road construction). Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, 56 S.
• MA-StB 92, 1992: Merkblatt Alleen (Factsheet Alleys). Verkehrsblatt-Verlag Borgmann GmbH & Co. KG, Dortmund, 26 S.
• Merkblatt DWA-M 162, 2013: Bäume, unterirdische Leitungen und Kanäle (Trees, underground pipes and ducts). Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA), Hennef, 24 S.
• RAS-LP 4, 1999: Richtlinien für die Anlage von Straßen, Teil: Landschaftspflege, Abschnitt 4: Schutz von Bäumen, Vegetationsbeständen und Tieren bei Baumaßnahmen (Guidelines for the Construction of Roads, Part: Landscape Management, Section 4: Protection of Trees, Vegetation and Animals during Construction Work). Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, 32 S.
• ZTV-Baumpflege, 2017: Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege (Additional Technical Terms of Contract and Guidelines for Tree Care). 6. Ausgabe, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL), Bonn, 82 S.
Since 1997, the Yearbook of Arboriculture has included various articles on the subject of „tree protection on construction sites“. Unfortunately, many issues are now out of print. However, the contents of the articles are still highly relevant. In some instances the standards and regulations mentioned in earlier articles may now have changed. An overview of the current standards and regulations on tree protection on construction sites can be found on page 5.
This anniversary edition is the first comprehensive book on tree protection on construction sites. Many of the out-of-print articles are once again available through this reprint. The year of first publication is mentioned at the beginning of each article and mail addresses at the end of the articles have been updated.
This Yearbook has been organized into the following main chapters:
- Soil, Root, Line Construction
- Trees and road construction
- Organization of tree protection measures.
Each main chapter begins with an article of current news on the main topic of interest. Furthermore, this book continues the tradition of an article on the „Tree of the Year“, written for the last 25 years by Prof. Dr. Andreas Roloff. The tree of the year 2021 is the holly. There is also the updated chapter on „Associations and Research Institutions“, an „Address Register for Tree Care“ and the „Overall Index 1997–2021“.
I hope that this yearbook will be widely distributed and that many trees will be protected so that they can be kept vital and safe for a long time! Well planned and executed tree protection contributes significantly to tree retention. In times of climate change, tree protection takes on a very special importance.
I would like to thank the publisher Haymarket Media for making this book possible. I would especially like to thank Martina Borowski, Silke Burkert and Anja Pieper for their careful work on the various texts, image files and information, resulting in a highquality book to mark the 25th anniversary.
Hamburg, May 2021 DIRK DUJESIEFKEN
For your calendar:
The next German Tree Care Conference will be held May 10th–12th, 2022.
Contact address: Forum Baumpflege GmbH & Co. KG, Office: Brookkehre 60, 21029 Hamburg
Tel.: +49 (0)40 55 26 07 07, Fax: +49 (0)40 55 26 07 28, www.Deutsche-Baumpflegetage.de or www.wetree.de
The editorial deadline for the Yearbook of Arboriculture 2022 is December 1st, 2021.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Baum des Jahres 2021: die Stechpalme (Ilex aquifolium) – Ihre Eigenschaften und Besonderheiten
A. ROLOFF
1 Boden, Wurzeln und Leitungsbau
Bäume, Böden und Leitungsbau – Herausforderungen für ein notwendiges Miteinander
M . STRECKENBACH
Baubedingte alte Schäden im Boden von Parkanlagen und deren Folgen für die Parkpflege
K. BECKER
Kurz- und langfristige Auswirkungen von Baumaßnahmen auf Bäume
H. BALDER
Stadtbäume im Spannungsfeld von Evolution und technischer Infrastruktur
K. SCHRÖDER
Bäume und Leitungen – Untersuchungen zur Einwurzelung in moderne PVC- und Betonabwasserleitungen
D. RIDGERS, K. ROLF, Ö. STÅL
Gesunde Bäume trotz Leitungsbau – Handlungsempfehlungen für einen fachgerechten Baumschutz
H. STOBBE, T. KOWOL
Atemnot im Wurzelraum – Der Einfluss der Gasdurchlässigkeit des Bodens auf die Feinwurzel erschließung und die Vitalität von Bäumen
T. GAERTIG
Durch Wurzeln verursachte Schäden an Rohrleitungen und vergleichbaren Bauwerken
M. STRECKENBACH, C. BENNERSCHEIDT, T. STÜTZEL
Geht unseren Bäumen die Luft aus? Möglichkeiten und Grenzen der Diagnose von Bodenbelüftungsstörungen städtischer Baumstandorte
K. WELTECKE, T. GAERTIG
Urbane Böden – eine Lebensgrundlage für Gehölze?
M. STRECKENBACH
Baumsubstrate – Spektrum der Substrate in der Stadtgrünpraxis
P. SCHÖNFELD
2 Bäume und Straßenbau
Straßenbau und Bäume – die aktuellen Normen und Regelwerke zum Baumschutz
D. DUJESIEFKEN
Unterschiedliche Arten und Ursachen von Schäden durch Gehölzwurzeln an Verkehrswegen
T. STÜTZEL, C. BENNERSCHEIDT, M. STRECKENBACH
Zum Umgang mit Baumwurzeln unter Wegebelägen aus bau- und vegetationstechnischer Sicht
S. REICHWEIN
Möglichkeiten des unterirdischen Baumschutzes durch technische Maßnahmen
K. SCHRÖDER
Wurzelwachstum in der Tragschicht: Erfahrungen mit überbaubaren Baumsubstraten in Dänemark
O. BÜHLER, M. INGERSLEV, C. NØRGÅRD NIELSEN, I. M. THOMSEN
Wurzelraum und Baumstabilität von Straßen- und Stadtbäumen
C. NØRGÅRD NIELSEN
Straßen-Neugestaltung unter den Aspekten Alleenschutz, Verfahrensrecht und Öffentlichkeit – ein Beispiel aus Bad Doberan
P. POLZIN
Planungshinweise für klimaangepasste Städte im Umgang mit Niederschlagswasser
C. BENNERSCHEIDT
3 Organisation von Baumschutzmaßnahmen
Die baumschutzfachliche Baubegleitung: Ein Instrument zur Umsetzung des Baumschutzes auf Baustellen
T. AMTAGE, T. BÜTTNER
Fachgerechter Baumschutz auf Baustellen
R. RÜPPEL
Baumschutz und Schadensbegrenzung bei Baumaßnahmen – die neue RAS-LP 4
D. DUJESIEFKEN
Die Osnabrücker „KOST“ – ein Modell zur Koordinierung von Baumaßnahmen und Verminderung von Konflikten
J. SCHMIDT
Baumschutz in allen Planungsphasen – Das Basler Baumschutzkonzept
L. PAGANELLI
Zukunftsfähige Baumstandorte richtig planen – Neue Richtlinie in den Niederlanden verbindet Baumfachleute, Tiefbauer und Freiraumplaner
J. HILBERT
Mangelnde Standsicherheit von Bäumen nach Baumaßnahmen – Gründe für einen sinnvollen Baumschutz
M. POMMNITZ
Erhalt von Altbäumen auf Dämmen: Konflikte – Lösungen – Umsetzung am Beispiel der Stör- Wasserstraße
K. DUJESIEFKEN, F. C. HAGEN
Wurzelschutz an Straßenbäumen – Beispiele für eine konsequente Umsetzung bei Tiefbaumaßnahmen
M. STRECKENBACH, J. DREß
Baumschutz auf Baustellen vorausschauend planen, ausschreiben und überwachen
T. AMTAGE
4 Verbände und Forschungseinrichtungen
Institute, Forschung und Lehre
Verbände
Weitere Organisationen und Vereine
Pflanzenschutzdienste
5 Adressverzeichnis Baumpflege
Hinweise zur Benutzung
5.1 Baumpflegefirmen
5.2 Sachverständige
5.3 Produkte und Dienstleistungen
Inserenten-Verzeichnis
6 Gesamtregister 1997-2021
Hinweise zur Benutzung
Autorenverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Content
Tree of the year 2021: Holly (Ilex aquifolium) – Features and Characteristics
A. ROLOFF
1 Soil, Roots and Sewer Lines
Trees, soils and sewer lines – Challenges for a necessary cooperation
M . STRECKENBACH
Baubedingte alte Schäden im Boden von Parkanlagen und deren Folgen für die Parkpflege (without English title & summary)
K. BECKER
Kurz- und langfristige Auswirkungen von Baumaßnahmen auf Bäume (without English title & summary)
H. BALDER
Urban trees in the conflict between evolution and technical infrastructure
K. SCHRÖDER
Trees and pipes – Investigation in penetration of tree roots in modern PVC- and concrete sewer pipes
D. RIDGERS, K. ROLF, Ö. STÅL
Healthy trees despite trenching – recommendation for tree protection
H. STOBBE, T. KOWOL
Respiratory distress in rooting space – The impact of soil aeration deficiencies on fine root distribution and vitality of trees
T. GAERTIG
Damages to sewer lines and the like caused by tree roots
M. STRECKENBACH, C. BENNERSCHEIDT, T. STÜTZEL
Assessment of soil aeration deficiencies at urban sites – potentialities and limits
K. WELTECKE, T. GAERTIG
Urban soils – do they really suit tree plantings?
M . STRECKENBACH
Trees substrates – spectrum of substrates in the urban greenspace practice
P. SCHÖNFELD
2 Trees and Road Construction
Road construction and trees – the current standards and regulations for tree protection
D. DUJESIEFKEN
Damage to pavements caused by tree roots
T. STÜTZEL, C. BENNERSCHEIDT, M. STRECKENBACH
Dealing with tree roots below pavements
S. REICHWEIN
Options for underground protection of trees against damage by the use of technical measures
K. SCHRÖDER
Root growth in load bearing layers: Structural soils in Denmark
O. BÜHLER, M. INGERSLEV, C. NØRGÅRD NIELSEN, I. M. THOMSEN
Rooting space and anchorage of urban trees
C. NØRGÅRD NIELSEN
Reconstruction of an avenue considering the protection of tree-lined roads, procedural law and public participation – an example from North-east Germany
P. POLZIN
The Sponge City principle: Notes of planning for climate adapted cities dealing with stormwater management
C. BENNERSCHEIDT
3 Organisation of Tree protection
Tree protection supervision during construction – a management instrument
T. AMTAGE, T. BÜTTNER
Fachgerechter Baumschutz auf Baustellen (without English title & summary)
R. RÜPPEL
Baumschutz und Schadensbegrenzung bei Baumaßnahmen – die neue RAS-LP 4 (without English title & summary)
D. DUJESIEFKEN
The „KOST’-model for coordinating construction work and preventing conflicts
J. SCHMIDT
Tree protection as an element of a continuous planning process – the Basel tree protection concept
L. PAGANELLI
Integration of tree protection in the designing process – A new guideline in The Netherlands brings tree specialists, technical engineers and designers together
J. HILBERT
Tree failure after building projects – reasons for an expedient tree protection
M. POMMNITZ
Preservation of old trees on dams – Conflicts – Solutions – Implementation using the example of the Stör-waterway
K. DUJESIEFKEN, F. C. HAGEN
Tree root protection in streets – Examples for a consequent implementation at construction sites
M. STRECKENBACH, J. DREß
Proactive planning, tendering and monitoring of tree protection on construction sites
T. AMTAGE
4 Associations and Research Institutes
Institutes, research and teaching
Professional associations
Other organisations and associations
Plant protection services
5 Address register for tree care
Reference for use
5.1 Tree care companies
5.2 Experts
5.3 Products and services
Index of advertisers
6 Overall Index 1997–2021
Reference for use
Index of authors
Index of catchwords
Baum des Jahres 2021: die Stechpalme (Ilex aquifolium) – Ihre Eigenschaften und Besonderheiten
Tree of the Year 2021: Holly (Ilex aquifolium) – Features and Characteristics
von Andreas Roloff
Zusammenfassung
Die Stechpalme ist wohl eine der ungewöhnlichsten einheimischen Laubbaumarten, da sie ledrige, glänzende, auffällig gezähnte Blätter hat, die mehrere Jahre am Leben bleiben. Die kleinwüchsige Baumart ist also immergrün und sorgt daher auch im Winter für angenehmes Grün und Abwechslung. Zudem ist sie so schattentolerant, dass sie sogar im Unterstand von Buchenbeständen sogenannte Stechpalmenwälder als zweite Baumschicht bilden kann. Im Herbst und Winter sind ihre vielen leuchtend roten Früchte attraktiv und beliebt in Adventsgestecken. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt in wintermilden Gebieten, sodass zukünftig von einer weiteren Ausbreitung auszugehen ist. Wildexemplare sind so selten, dass sie als eine von wenigen Baumarten bei uns nach der Bundesartenschutzverordnung streng geschützt sind.
Summary
Common holly is one of the most remarkable indigenous broadleaved tree species, for its leathery, glossy, conspicuously dentate leaves which stay alive for several years. The small tree species is evergreen with the effect of pleasant green and variety in winter.
Furthermore it is so shade tolerant that it survives in beech forests as undergrowth tree layer, called holly woods. In autumn and winter its bright red fruits are attractive and popular for Advent twig arrangements. The centre of its native area is in winter-mild regions, so it is expected that it will extend its spread. Wild specimens are so rare that they are strictly protected by law in Germany.
1 Charakteristika und Erkennungsmerkmale
Viele Stechpalmen wachsen strauchförmig, aber man findet auch regelmäßig baumförmige Exemplare, sodass es sich eindeutig um eine Baumart handelt (Abbildung 1). Der Habitus der Krone kann kegelförmig aussehen oder ist aufrecht oval. Die Triebe bleiben bis zu 10 Jahre grün (Abbildung 2), können also neben den Blättern ebenfalls Photosynthese betreiben. Die dabei produzierte Zuckermenge ist allerdings gering im Vergleich zu den immergrünen mehrjährigen Blättern.
Abbildung 1: Beeindruckender Solitär der Stechpalme als Hausbaum auf Rügen
Abbildung 2: Grüne Triebe betreiben Photosynthese
Die graue Rinde bleibt lange glatt (Typ Glattrinde), in hohem Alter entwickelt sich bisweilen eine Schuppenborke (Abbildung 3). Die Stammumfänge können 1–2 m erreichen, das Höchstalter beträgt 200 Jahre, selten mehr. Das dickste Exemplar Deutschlands wächst in Braunfels bei Wetzlar (Lahn-Dill-Kreis, Hessen, Abbildung 3) in einem Vorgarten. Mit 2,90 m Stammumfang und einem geschätzten Alter von 270 Jahren fragt man sich, wie diese Ausmaße zustande kommen können, noch dazu ist dieser Baum vor einigen Jahren sehr stark eingekürzt oder sogar gekappt worden.
Abbildung 3: Deutschlands dickste Stechpalme mit 2,90 m Stammumfang steht in Braunfels.
Im subatlantischen Klimagebiet erreicht die Stechpalme Höhen bis 10 m, in England und Norwegen bis 15 m, während sie an der französischen Atlantikküste sowie auf den britischen Inseln im Freistand auch über 20 m hoch werden kann.
Die Stechpalme wächst nach dem Architekturmodell Massart, das durch senkrechtes Wachstum des Wipfeltriebes und waagerechte Seitenäste charakterisiert ist. Baumlaien denken meist, dies wäre die häufigste Wuchsform, nach der fast alle Bäume wachsen. Dieses Architekturmodell tritt jedoch fast nur bei Nadelbaumarten auf (z. B. bei Fichte, Tanne, Douglasie) und resultiert in einem für Laubbäume ungewöhnlichen Habitus.
Das ganz Besondere der Stechpalme sind ohne Zweifel ihre Blätter: Sie fallen vor allem im Winter auf, wenn fast alle anderen Laubbäume kahl sind. Dann glänzen sie in der Wintersonne und wirken durch ihre großen Blattrandzähne bizarr (Abbildung 2). Die glänzende Blattoberfläche kommt durch verstärkte Wachsauflagerungen zustande, welche die Blätter vor Austrocknung und Kälte schützen, denn sie sollen mehrere (bis zu 4) Sommer und Winter überleben. Vor dem Laubfall der ältesten Blätter im Spätsommer findet keine nennenswerte Blattfärbung statt.
Es gibt nur männliche oder weibliche Bäume (sog. Zweihäusigkeit), daher ist zur Fruchtbildung die Nähe beider Geschlechter notwendig: Sie sollten dann nicht weiter als 50 m voneinander entfernt stehen. Die von Insekten im Mai (bis Juni) bestäubten Blüten duften angenehm und sind grünlich- bis cremeweiß, aber durch ihre geringe Größe relativ unauffällig (Abbildung 4). Im Gegensatz dazu fallen die Steinfrüchte im Herbst und Winter durch ihre leuchtend rote Farbe zwischen den dunkelgrünen Blättern sehr auf. Das bemerken auch Vögel, die sie im Winter fressen, wenn sie bei Frost weich geworden sind.
Abbildung 4: Hübsche Blüten im Mai mit Bienen als Bestäuber
In natürlichen Beständen überwiegen vermutlich männliche Exemplare. Eine genaue Erfassung ist schwierig, da weibliche Pflanzen nicht jedes Jahr sowie erst in fortgeschrittenem Alter blühen und dann nicht als solche erkannt werden. Außerdem sind weibliche Zweige wegen ihrer attraktiven Früchte bei der Bevölkerung sehr begehrt, was zu einem Rückgang weiblicher Exemplare und in der Folge ganzer Bestände geführt hat. Die Früchte werden durch Vögel (Drosseln, Wildtauben, Feld- und Moorhühner) über größere Entfernungen transportiert und tragen so zur Ausbreitung der Stechpalme bei. Sie dienen den Vögeln allerdings meist nur in sehr harten, schneereichen Wintern als Nahrung. Deshalb verbleiben die Früchte oft noch bis zur nächsten Blüte (Mai/Juni) am Baum.
Eine natürliche Verjüngung über Samen kommt im Wald nur selten und nur an Standorten mit Altholzschirm vor. Die Vermehrung erfolgt dann vornehmlich über Wurzelaustriebe. In Gärten und Parks sieht man deutlich mehr Sämlinge. Die Samen unterliegen zunächst einer ein- bis dreijährigen Keimruhe, die auch in Versuchen unter keimungsfördernden Bedingungen (chemische Mittel, Phytohormone, mechanisches Ritzen, Temperaturwechsel) nicht zu brechen war. Grund dafür ist der zum Zeitpunkt der äußerlichen Fruchtreife noch kleine, ungenügend entwickelte Embryo.
Die Stechpalme entwickelt ein Herz- oder Senkerwurzelsystem: Horizontal verlaufende Hauptwurzeln verzweigen sich zu einem dichten Netz von Feinwurzeln in der Humusschicht, von den Hauptwurzeln dringen Senker in größere Bodentiefen vor. Die horizontale Ausdehnung des Wurzelsystems entspricht in Beständen etwa derjenigen der Krone, im Freistand kann sie auch deutlich darüber hinausgehen.
Sie gehört zur Familie der Stechpalmengewächse (Aquifoliaceae). Der Gattungsname „Ilex“ war die römische Bezeichnung der Stein-Eiche (Quercus ilex) und wurde wegen der ähnlichen Blätter auch auf die Stechpalme übertragen. Es gibt auch eine Ilexblättrige Eiche (Quercus ilicifolia). Das Art-Epitheton „aquifolium“ ist der römische Name dieser Pflanze und bezieht sich auf die stechenden Blätter (lat. acutus = scharf, spitz; lat. folium = Blatt).
2 Vorkommen und Ökologie
Die Stechpalme war im Tertiär-Zeitalter ein weitverbreitetes Gehölz, vor allem in subtropischen Wäldern. Während der Eiszeiten überdauerte sie im südlichen iberischen Raum. In der postglazialen wärmezeitlichen Massenausbreitung erreichte sie aus dem atlantisch-submediterranen Raum bereits vor 8.000 Jahren die heutige Ostgrenze der Verbreitung. In kontinentalen Bereichen ging sie sogar über ihr heutiges Areal hinaus, wie fossile Funde bei Cottbus und Weimar belegen. Außerdem stammen Fossilien aus England, dem Westrand der Lüneburger Heide (Honerdingen), der Schweiz (St. Gallen) und Oberitalien (Provinz Bergamo). Blüten zweier Ilex-Arten wurden in samländischem Bernstein gefunden, wodurch das hohe Alter der Familie und Gattung in Europa unterstrichen wird.
Die Stechpalme konnte jedoch erst mit dem Eingreifen des Menschen in der ehemals geschlossenen Waldlandschaft des atlantischen Eichenmischwaldes bessere Entwicklungsbedingungen finden. Deshalb erscheint sie erst zu Beginn neusteinzeitlicher Siedlungstätigkeit verstärkt in Pollendiagrammen, sodass ein synchrones Verhalten dieser Gehölzart mit siedlungsintensiven Phasen und Siedlungsdepressionen zu beobachten ist. Es wurde zudem eine Korrelation zwischen Buchen-Ausbreitung und stellenweiser Anreicherung von Ilex nachgewiesen, sie wird deshalb auch als Buchenbegleiterin bezeichnet. Ilex-reiche Bestände kommen aber auch in bodensauren Eichenmischwäldern vor.
Die Bodenansprüche sind indifferent. Man findet die Art deshalb auf den verschiedensten Bodenarten und sogar auf felsigem Untergrund und in Heidelandschaften (Abbildung 5). Sie kommt dabei vorwiegend auf mäßig trockenen, humusreichen Sand- und Lehmböden vor und geht bei entsprechenden lokalklimatisch günstigen, luftfeuchten und frostgeschützten Situationen auch auf kalkreiche Böden über.
Abbildung 5: Vorkommen in Heidefläche, unten stark gezähnte und oben glattrandige Blätter
Die Stechpalme ist relativ frosthart, aber empfindlich gegenüber Früh- und Spätfrösten. Keimlinge besitzen bereits im ersten Winter eine Frostresistenz bis –20 °C, wobei im Alter einige Herkünfte bis maximal –25 °C ertragen. Die Art ist aber gegen austrocknende Nord- und Ostwinde im Winter empfindlich. Frostschäden treten auch an ungeschützten Pflanzenteilen auf, die aus der Schneedecke oder aus schützender Begleitvegetation herausragen. Als (sub)atlantische Art ist die Stechpalme empfindlich gegenüber großer Trockenheit, wobei die Hitzeresistenz junger Blätter geringer ist als die älterer und eine fortlaufende Anpassung erfolgen kann. Ihre Verbreitungsgrenze ist temperaturbedingt: Sie kommt vor allem in Regionen vor, wo die mittlere Januartemperatur über –0,5 °C liegt und die Durchschnittstemperatur des wärmsten Monats 12 °C übersteigt.
Ilex aquifolium gedeiht sowohl in tiefem Schatten als auch in direktem Sonnenlicht, wobei sie in schattigen Wäldern allerdings nur geringere Wuchshöhen erreicht – optimal ist Halbschatten. In England und Irland mit dem dortigen atlantisch-milden Klima findet man auch Stechpalmenbestände, die ohne eine beschattende Baumschicht wachsen. Ehemalige Waldweiden erkennt man bisweilen an starken Vorkommen von auch hochgewachsenen Stechpalmen. Es wird vermutet, dass die Stechpalme heute in den verschieden differenzierten Forsten ein Relikt aus alter Zeit darstellt, in der in Deutschland Ilex-reiche Mischwälder vorgeherrscht haben. Die damalige Vielzahl von Stechpalmen ist auf die Hutewirtschaft zurückzuführen, sodass Ilex-reiche Wälder heute weitgehend als Relikte der ehemaligen Waldnutzung aufzufassen sind. Denn durch die Waldweide wurde die Stechpalme gefördert, da sie vom Großvieh gemieden wurde. Hinzu kamen ihre Schattentoleranz (Abbildung 6) und die Fähigkeit zur vegetativen Vermehrung, sodass oftmals ein dichter Unterwuchs entstehen konnte.
Abbildung 6: Exemplar im Waldschatten: erhält nur im Winter Licht.
Das natürliche Areal der Stechpalme erstreckt sich über die Mitte, den Süden und den Nordwesten Europas. Daraus kann ein gewisser Wärmebedarf abgeleitet werden. Vor allem etwas mildere Winter sind wegen der immergrünen Blätter günstig, denn für deren Frosthärte ist ein gewisser Aufwand nötig. Die Ostgrenze des Areals verläuft von der Odermündung in südwestlicher Richtung durch Deutschland bis Rheinland-Pfalz, biegt dann scharf entlang des Nordrandes der Alpen nach Osten ab, wo sich das Verbreitungsgebiet über den Balkan, Vorderasien, Kaukasien bis zum Iran erstreckt. Die südliche Arealgrenze durchläuft Algerien und Tunesien. Im atlantischen Klimabereich mit milderen, feuchteren Wintern wie in Großbritannien und Irland tritt die Stechpalme (Holly) viel deutlicher in Erscheinung und fühlt sich dort sichtlich besonders wohl (Abbildung 7).
Abbildung 7: Wilde Stechpalme (im Englischen Holly) in Somerset, England
Aufgrund der Klimaerwärmung breitet sich die Stechpalme in den letzten Jahrzehnten bereits in Norwegen entlang der Westküste weiter nach Norden und in Dänemark weiter nach Osten aus und hat es inzwischen sogar bis nach Südschweden geschafft. Entlang der südlichen Ostseeküste wandert sie inzwischen in Polen ein, auf Bornholm kommt sie schon seit mindestens 150 Jahren vor, wie eigene Jahrringuntersuchungen gezeigt haben. Die Höhenverbreitung erstreckt sich vom Tiefland in Norwegen und England bis auf über 2.000 m im Kaukasus, in den Alpen steigt sie bis auf 1500 m.
Die Stechpalme ist eine der wenigen Baumarten, die durch die Bundesartenschutzverordnung unter besonderem Schutz stehen, weil Wildvorkommen so selten sind. Dies trifft unter unseren Gehölzen nur noch für Eiben und Buchsbaum sowie einige Kleinsträucher zu. Sie dürfen also nicht beschädigt oder gar entnommen werden.
Die Stechpalme ist bei uns die einzige einheimische immergrüne Laubbaumart (der ebenfalls immergrüne Buchsbaum ist eine Strauchart). Als immergrün bezeichnet man Baumarten, deren Blätter länger als ein Jahr am Baum hängenbleiben. Die meisten Nadelbaumarten sind immergrün (Ausnahme z. B. Lärche). Immergrüne Laubbaumarten haben Vorteile in wintermilden Regionen, besonders da, wo die Sommer so heiß und trocken sind, dass sie zeitweise nicht für Photosynthese genutzt werden können, wie im Mittelmeerraum. Winter- und immergrüne Bäume können so auch warme Perioden im Winterhalbjahr, vor allem im Frühjahr ausnutzen, die dann über das gesamte Jahr betrachtet ebenfalls wichtige Zeiträume für die Photosynthese darstellen. Solche immergrünen Laubbaumarten deuten daher auf eine teilweise oder schwerpunktmäßige Verbreitung in wärmeren oder zumindest wintermilden Gebieten hin, z. B. in Meeresnähe. Die Frosthärte ist bei diesen Arten oft geringer, denn bei regelmäßig tiefen Wintertemperaturen sind Blattfall oder nadelförmige Blätter der beste Schutz vor Frostschäden.
Beeindruckend ist die hohe Schattentoleranz, sodass die Stechpalme sogar in geschlossenen Buchenbeständen überlebt und dort sog. „Stechpalmenwälder“ im Unterstand bildet (Abbildung 8). Dadurch werden die Waldbestände im Unterwuchs dicht und stellenweise undurchdringlich, womit sich die Art bei Förstern unbeliebt macht, im Winter aber einen wichtigen Schutz für Wild und Vögel bietet. Berühmt und bedeutsam ist das „Naturwaldreservat Stechpalmenwald“ östlich der Lüneburger Heide in Niedersachsen. Es entsteht ein sehr ungewöhnliches Bestandesbild, welches durch die Ilex-Blätter etwas mediterranes Flair erhält. So wird die Baumart gelegentlich auch als „Wilder Lorbeer“ bezeichnet.
Abbildung 8: Stechpalmenwald: eine zweite Bestandesschicht unter den Altbuchen
Sehr ausgeprägt ist die Xerophyllie der Blätter, daher ist sie ein sog. Hartlaubgewächs, mit Anpassung an Hitze, intensive Bestrahlung und Trockenstress durch verdickte Zellwände und eine verstärkte Wachsschicht auf der Blattoberseite sowie die großen Stacheln am Blattrand.
Etwas Bemerkenswertes ist weiter die Verschiedenblättrigkeit der Stechpalme (Heterophyllie): An demselben Zweig kommen sowohl glattrandige ungezähnte als auch unterschiedlich gezähnte Blätter vor (Abbildung 9), die Blattgestalt ist also sehr variabel. Die Blattrandzähne stellen tatsächlich einen sehr wirksamen Verbissschutz dar.
Abbildung 9: Heterophyllie: verschiedene Blattformen an einem Trieb
Auffällig ist das Fehlen der Wellung und Randzähne der Blätter in den höheren Kronenbereichen. Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, die im Folgenden in abnehmender Plausibilität genannt werden:
1. Die Bestachelung stellt eine Anpassung als Schutz vor Wildverbiss in den unteren Kronenbereichen und bei jungen Bäumen dar. Bestachelte Blätter werden höchstens beim Austreiben vom Wild verbissen, da sie dann noch weich sind. Weidevieh verschmäht in der Regel die Blätter, da sie auch sehr bitter und schleimig sind. Bei eigenen eingehenderen Untersuchungen konnte tatsächlich festgestellt werden, dass die Blätter in den unteren Kronenbereichen stärker gezähnt sind als die im höheren Kronenbereich. Als Ursache ist anzunehmen, dass die Blätter nur in Verbisshöhe den Schutz durch Blattrandzähne benötigen und dieser in höheren Kronenbereichen überflüssig ist.
2. Die jährliche Anzahl der neugebildeten Blätter steigt progressiv an, während die leitende Stammquerschnittsfläche nicht im gleichen Maße steigt, sodass die Wasser- und Nährstoffzufuhr mit der zunehmenden Blattfläche nicht Schritt hält und die fehlende Bestachelung als Mangelsymptom gewertet werden kann. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass die Blätter der Haupttriebe die Bestachelung oft bis ins hohe Alter beibehalten und dass Blätter, die während der Zeit des stärksten Treibens gebildet werden, eine stärkere Bestachelung aufweisen als die Blätter, die zu Beginn oder zum Ende des Laubaustriebes gebildet werden.
3. Fehlende Wellung und Bestachelung und somit eine Verkleinerung der Blattspreite stellen möglicherweise einen Schutz gegen zu starke Verdunstung in den oberen Kronenbereichen dar. Gegen diese Theorie spricht, dass gezähnte/gelappte Blätter wegen ihres geringeren effektiven Schattenwurfes und ihrer besseren Kühlung bei anderen Baumarten vor allem in den oberen Kronenbereichen zu finden sind.
4. Gelegentlich werden auch eine reduzierte Entwicklung von Blattzähnen mit zunehmendem Alter festgestellt und stachellose Blätter als eine Art Altersform interpretiert, was aber im Widerspruch zu eigenen Erhebungen steht.
In den ersten Jahren gelangen nur je 1–3 Laubblätter zur Ausbildung, das Höhenwachstum beträgt dann nur ca. 1 cm jährlich (Abbildung 10). Bei optimalen Wachstumsbedingungen in der Jugend kann die Stechpalme aber bald ein jährliches Höhenwachstum von bis zu 90 cm erreichen. Im Alter sind sowohl Dickenals auch Höhenwachstum nur noch sehr gering. An alten Exemplaren werden innerhalb einer Vegetationsperiode oft Jahrestriebe mit nicht mehr als fünf Laubblättern ausgebildet.
Abbildung 10: Langsamwüchsigkeit in den ersten Lebensjahren, hier ein vierjähriger Sämling
Eigene Zuwachsuntersuchungen an Bäumen aus dem Halbschatten haben extrem schmale Jahrringe und bei 10 cm dicken Stämmchen ein Alter von bis zu 100 Jahren ergeben.
In einem Naturschutz-Projekt erforschen wir derzeit die Ursache der Langsamwüchsigkeit von Stechpalme und Eibe: Wir möchten wissen, warum sie auf bessere Lichtverhältnisse nicht mit einer Wachstumssteigerung reagieren. Unsere Vermutung ist, dass es am Wassertransport liegt, der aufgrund der Holzanatomie nicht steigerungsfähig ist. Daher müssen (halb)schattige Verhältnisse dann am günstigsten sein.
Da die Stechpalme sehr stockausschlagfreudig ist, entstehen infolge von Verbiss oder sonstiger Beschädigung strauchförmige Exemplare, die ausgedehnte Gebüsche bilden können und wiederum anderen Pflanzenarten einen Lebensraum bieten, in dem sonstige Gehölze und krautige Arten durch die Stechpalme vor Verbiss geschützt werden.
Die Stechpalme ist widerstandsfähig gegen Luftverschmutzung, mäßig SO2-tolerant und verträgt höhere Ozonbelastung.
3 Nutzung, Verwendung und Heilkunde
Das relativ schwere, helle Holz ist für feinere Tischler-, Drechsler- und Schnitzarbeiten beliebt und gilt als wertvollstes „weißes Holz“ für Einlegearbeiten, z. B. in Schachbrettern. Seine Dichte ist so hoch, dass es in frischem Zustand in Wasser untergeht. Der hohe Schwindsatz des Holzes bedingt bei zu schneller Feuchteabsenkung innere Spannungszustände und ausgedehnte radiale Schwindrisse.
Die häufigste Verwendung der Stechpalme erfolgt bei uns als Stadtbaum: Sie ist sehr beliebt als Ziergehölz für Gärten, Parks und als Hausbaum (Abbildung 11). Dabei muss man nur auf Schutz vor zu starker Sonnenstrahlung und vor kaltem Nord- und Ostwind im Winter achten. Meist werden Sorten verwendet, die besondere Blattformen, -größen, -färbung und -bestachelung, Fruchtfarbe oder einen speziellen Habitus zeigen: Es sind weit über 100 Kultivare beschrieben.
Abbildung 11: Verwendung als Ziergehölz/ Hausbaum
Die Art eignet sich auch sehr gut zur Anlage von Hecken, da sie sehr schnittverträglich ist. Solche Hecken können durch die stechenden Blätter undurchdringlich werden, weshalb die Stechpalme in England zu den beliebtesten Heckenpflanzen gehört. Hierzulande finden sich derartige Hecken vor allem in NW-Deutschland, aber viel seltener.
Wegen ihrer Immissions- und Salztoleranz ist sie für Pflanzungen im urbanen Bereich sehr gut geeignet, allerdings wegen ihrer Langsamwüchsigkeit und der immergrünen Blätter, die Streusalzgischt nicht vertragen, nicht als Straßenbaum.
Ilex-Zweige sind wegen ihres immergrünen Laubes und ihrer leuchtend roten Früchte sehr geeignet und beliebt für die Kranzbinderei, als Gräberschmuck und zur Ausschmückung bei Festlichkeiten, insbesondere gerne zu Weihnachten. Das stachelige Laub machte man sich auch zum Schutz von zum Räuchern aufgehängtem Fleisch gegen Katzen zunutze. Bereits vor über 100 Jahren wurde der Stechpalme allerdings ihre Beliebtheit für Adventskränze und Weihnachtsgestecke zum Verhängnis, da man damals Unmengen von Frucht-Zweigen schnitt und Wagenladungen per Lkw und Eisenbahn überall hin verfrachtete. In den 1920er Jahren wurden daher erste lokale Verbote und dann auch regionale Schutzverordnungen erlassen.
Vor allem im angelsächsischen Raum hat sich die Stechpalmenverehrung bis heute erhalten, man schmückt immer noch gerne Weihnachten das Haus mit „Holly“-Zweigen (Abbildung 12). Sie werden zur Zierde der Haustür und Zimmer sowie zum Schmuck von Speisen (Pudding/Fleischwaren) verwendet, wobei man sie aber nicht mitessen darf. Stechpalmenzweige sind dabei eng mit der Weihnachtszeit verbunden. Diese Tradition wird inzwischen in den USA noch ausufernder gepflegt als im britischen Mutterland: In riesigen „Holly-Farmen“ angepflanzt werden die Ilex-Plantagen zum Schutz vor Vögeln in jedem Herbst mit Netzen überspannt und im November/Dezember Zweige geschnitten.
Abbildung 12: Gesteck mit Ilex zu Weihnachten
Die als giftig eingestuften Blätter wurden früher als aufmunternder Tee getrunken – so ändern sich die Zeiten. Mate-Tee stammt übrigens von einer südamerikanischen Ilex-Art. In der Heilkunde wurden die ebenfalls giftigen Früchte gelegentlich bei Fieber, gegen Rheuma und Gicht sowie als Abführmittel und gegen Epilepsie eingesetzt, was die Patienten teilweise nicht überlebten. Aus diesem Grund ist bei Pflanzungen im Garten oder auch Dekoration und Gestecken zu beachten, dass 10 Früchte für Kinder bereits tödlich sein können. Für Vögel sind sie ungiftig und sogar ein wichtiges Winterfutter, werden aber erst durch Frost weich.
4 Mythologie, Geschichte und Literatur
Aufgrund der ungewöhnlichen Eigenschaften – immergrüne, glänzende, stachlige Blätter mit roten Früchten – hat die Stechpalme in der Mythologie schon seit langer Zeit Bedeutung. Bereits die Kelten verehrten sie: Für die Druiden sollen die roten Früchte Lebensenergie symbolisiert haben. Den Römern galt sie als zukunftsdeutender Baum. Durch ihre immergrünen Blätter gilt sie als Symbol für Unvergänglichkeit und ist daher auch auf Friedhöfen so beliebt.
Der Zauberstab Harry Potters war aus einem Stechpalmenzweig; auch für Wanderstöcke waren und sind die Zweige beliebt, so z. B. bekannt von GOETHE und LISZT.
Die Bezeichnung „Hülse“ wie auch das englische „Holly“ gehen auf althochdeutsch hulis zurück, eine Bezeichnung für stechende Sträucher, und wurde schließlich auf weitere immergrüne, stechende Gehölze wie die Stechpalme übertragen. Noch heute lassen viele Flur- und Ortsnamen mit der Silbe „Hüls-“ auf das einstige Vorkommen der Stechpalme schließen, z. B. Hülsfeld, Hülsenhain und Hülsebusch. Auch in Familiennamen wie DROSTE-HÜLSHOFF und HÜLSMANN findet man sie wieder.
Der Bezug zur Palme im Namen rührt von dem Brauch, in katholischen Gegenden am Palmsonntag Ilex-Zweige als Palmzweige in die Kirche zu bringen, die dort geweiht werden und dann in Stube und Stall gegen Heimsuchung durch böse Gewalten (z. B. Gewitter) aufgehängt oder in den Dachgiebel gesteckt werden.
Verwendete Literatur
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Autor
Prof. Dr. Andreas Roloff leitet das Institut für Forstbotanik und Forstzoologie sowie den Forstbotanischen Garten der TU Dresden in Tharandt, ist Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Fragen der Baumbiologie, Gehölzverwendung und Baumpflege. Er ist Fachreferent für Parks, Gärten und städtisches Grün im Rat der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft und Leiter des Kuratoriums Nationalerbe-Bäume.
Kontakt: roloff@forst.tu-dresden.de


1 Boden, Wurzeln und Leitungsbau
Bäume, Böden und Leitungsbau – Herausforderungen für ein notwendiges Miteinander
Trees, soils and sewer lines – Challenges for a necessary cooperation
von Markus Streckenbach
Zusammenfassung
An Standorten von Stadtbäumen kommen unterschiedliche Gewerke mit oft sehr gegensätzlichen Ansprüchen zusammen. Dies führt zu einem spannungsgeladenen Nebeneinander, das gegenseitige Rücksichtnahme erfordert. Im Wurzelraum von Straßenbäumen ergibt sich eine besondere Situation da die Bedürfnisse von Bäumen dort, wo ein allgemeiner Platzmangel herrscht, besonders hart auf jene des Leitungsbaus treffen. Um den wachsenden Anforderungen an die Leistungen des städtischen Grüns und der zugleich bestehenden Ver- und Entsorgungssicherheit gerecht werden zu können, bedarf es einer Umkehr von der bisherigen Praxis. Ein Blick auf die Entwicklung des Konfliktes zeigt, dass hierfür vor allem bestehende Prioritäten zu überdenken sind, der Wurzelraum von Bäumen eine größere Beachtung finden muss und auch beim Thema „Baumwurzeln und Leitungen“ mehr Lösungen angeboten werden müssen, um ein konfliktfreies Miteinander zum größtmöglichen Nutzen aller zu ermöglichen.
Summary
At the locations of city trees, different trades with often very contradicting requirements come together – which leads to a tense parallel existence that requires mutual consideration. A special situation arises in the root area of street trees, where there is generally a lack of space and the needs of trees strongly collide with those of pipeline construction.
A reversal of previous practice is strongly required in order to meet the growing demands on the benefits of urban greenery while also fulfilling the security for supply and disposal in cities. A look at the development of the conflict shows that above all, existing priorities have to be reconsidered. The same applies to the root area of trees, which so far has received mostly one-sided or no attention, and there is still a great need to develop and establish solutions that enable a conflict-free cooperation between tree roots and pipes to the benefit of all.
1 Einleitung
Konflikte im Zusammenhang mit Bäumen in unseren Städten bestehen, seitdem sie in einem Umfeld gepflanzt werden, das zugleich städtebaulichen Anforderungen genügen muss. Eine triviale Erkenntnis, die den Ursprung dieser Konflikte jedoch korrekt anspricht. Es sind die zum Teil krassen Gegensätze von Meinungen, Bedürfnissen und Interessen, die vor allem im Straßenraum einem konfliktfreien Miteinander von Bebauung und städtischem Grün entgegenstehen.
Besonders hitzig wird es regelmäßig bei der Diskussion über den unterirdischen Raumbedarf von Bäumen. Die Folgen dieser Kontroversen begleiten viele Baumpflanzungen von Beginn an und verschärfen sich dann oft mit zunehmendem Baumalter. Solchen tagtäglichen Erfahrungen aus der Praxis stehen bislang nur wenige Veröffentlichungen über die unerwünschten Auswirkungen dieser Konkurrenz gegenüber (z. B. KOPINGA 1992; HEIDGER & LIESECKE 1997; KOPINGA 1997; REICHWEIN 2009; STÜTZEL et al. 2009; STRECKENBACH et al. 2009; HILBERT 2014; s. S. 160, 153, 88 und 63).
Die überschaubare Anzahl von Artikeln zu diesem Thema kann so interpretiert werden, dass unerwünschte Entwicklungen lange Zeit als gegeben hingenommen wurden. Womöglich gab es einmal einen pragmatischen Umgang damit, wie auch mit den Folgen der bisherigen Praxis („so ist es nun einmal“). Straßenbäume haben in aller Regel jedoch einen eingeschränkten Wurzelraum. Allein deshalb sind Bau tätigkeiten in ihrer Nähe eine besondere Herausforderung – auch weil es hierdurch zu Wurzelverlusten und weiteren Einschränkungen kommen kann. Da es sich um ein grundsätzliches Problem handelt, und diese Konflikte großflächig bestehen, ist eine fachübergreifende Diskussion hierzu notwendig.
2 Ein historisch gewachsener Konflikt
Mit Blick auf die Stadtbegrünung hat es in den zurückliegenden Jahrzehnten bedeutsame Veränderungen gegeben. Hier sind vor allem der Klimawandel (vgl. MAIER & DEUTSCHLÄNDER 2010) und die gestiegene Anzahl von Eingriffen in den Wurzelraum von Bäumen hervorzuheben. Sie erschweren zunehmend sowohl die Etablierung als auch die Aufrechterhaltung eines vitalen, leistungsfähigen und verkehrssicheren Baumbestandes in unseren Städten (vgl. KEHR 2020).
Zugleich erhitzen sich die Gemüter unverändert an der Frage, ob das Pflanzen von Bäumen im Straßenraum tatsächlich eine Notwendigkeit darstellt. Seit Jahrzehnten wird auch kontrovers über die Sanierung von Schäden diskutiert, sobald diese nicht mehr tolerierbar sind. Einen Hauptstreitpunkt bildet dabei immer wieder der Umgang mit Bestandsbäumen (Abbildung 1). Ein ausgewogener Dialog zur Verhinderung solcher Schäden von Beginn an findet zumeist jedoch gar nicht erst statt.
Abbildung 1: Derartige Standortsituationen führen geradewegs zu berechtigter Kritik an deren Planung, die in aller Regel jedoch Baumverantwortliche trifft.
Abbildung 2: Unverständnis, Gedankenlosigkeit und Leichtsinn führen bei Bautätigkeiten regelmäßig noch immer zu heftigsten Beschädigungen und dem anschließenden Niedergang von Bäumen.
Es erscheint zudem, als flammen diese Konflikte regelmäßig neu auf. Mit jeder nachrückenden Generation von im Straßenraum Verantwortlichen sehen sich diese einer Problematik ausgesetzt, die von ihren Vorgängern bereits intensiv diskutiert wurde und eigentlich mit Zustimmung aller behoben schien. Aufseiten der „Berufsgrünen“ ist dann beispielsweise nicht nachvollziehbar, woher das Selbstverständnis der für die Ver- und Entsorgung der Städte Verantwortlichen rührt, mit ihren Belangen sehr deutlich den Vortritt vor Bäumen und allem, was im Straßenraum mit Baumpflanzungen zu tun hat, einzufordern und ihre Ansprüche konsequent durchzusetzen.
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterlag in Deutschland die Anpflanzung und Unterhaltung von Bäumen im Straßenraum ersten Regeln (z. B. VDG 1901). Trotz der steigenden Anzahl an Straßenbäumen verlor der Bereich der städtischen Grünplanung dennoch relativ früh an Einfluss. Die Zuständigkeit für Baumpflanzungen wurde bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend von den ehemals dafür zuständigen Landschaftsarchitekten an die Abteilungen der Wasserversorgung, des Kanalisationswesens und des Straßen- oder Tiefbaus übertragen.
Dies war der Beginn einer Entwicklung mit merk lichen Folgen für Bäume im Straßenraum, denn konsequenterweise stand damit auch der Schutz der technischen Anlagen zur Ver- und Entsorgung der Städte vor den Belangen des Stadtgrüns. So ist beispielsweise bekannt, dass bereits um 1900 eine Reihe von Straßenbäumen durch die Berliner Park- und Gartendeputation mit der Begründung abgelehnt wurde, eventuelle Beschädigungen der Kanalisation zu vermeiden (HENNEBO 1978). Somit ist im Laufe der Zeit fast beiläufig etwas entstanden, das bis heute weitestgehend Bestand hat.
WIEPKING (1963) verweist besonders deutlich auf die desaströse Entwicklung. Er berichtet davon, dass „[…] in den letzten Jahrzehnten ein unwürdiger Zustand eingetreten ist. Unverstand, Gedankenlosigkeit und Leichtsinn, bisweilen gar Flegelhaftigkeit und selbst die Bosheit dem hilflosen Baum gegenüber scheinen zu wachsen, je mehr die Handarbeit mit dem Gerät durch die gewaltigen Schub- und Hubkräfte im Erdbau ersetzt wird.“ (Abbildung 2)
Abbildung 3: Baumschutz und Leitungsbau schließen sich keinesfalls automatisch gegenseitig aus, wenn planvoll und kontrolliert vor gegangen wird wie in diesem Beispiel.
Baumverantwortlichen werden diese Worte wie aktuelle Aussagen erscheinen und sie sind mehr als ernüchternd. Die mittlerweile stark gehobenen Ansprüche an die Leistungen des städtischen Grüns machen einen achtsamen Umgang mit Bäumen dringend notwendig und dennoch werden solche Bemühungen von mehreren Seiten noch immer regelmäßig zunichte gemacht. Auch der gedankenlose Umgang mit dem Schutzgut Boden, der immerhin die Grundlage einer jeden Baumpflanzung bildet, wird von demselben Autor schonungslos aufgezeigt.
Besonders erschreckend daran ist, dass diese Berichte 60 Jahre alt sind und eine jahrzehntelang andauernde negative Entwicklung abbilden, die sich seitdem in weiten Teilen nicht verbessert hat. Einzig beim fachgerechten Umgang mit Bäumen bei Baumaßnahmen ist es in der jüngeren Vergangenheit lokal zu einer Umkehr von der gewohnten Praxis gekommen (Abbildung 3), sodass in einigen Großstädten mittlerweile beispielsweise Handschachtungen unter Wurzelerhalt oder der Einsatz eines Saugbaggers bei Eingriffen in den Wurzelraum zu einem Standard geworden sind (STRECKENBACH & DREß 2019; AMTAGE 2021; s. S. 301 und 225).
Über die Ausprägung von Wurzelsystemen gibt es ebenfalls unterschiedliche Auffassungen. Die Diskussion fußt dabei im Wesentlichen auf Ergebnissen, die aus Studien im Forst stammen (KÖSTLER et al. 1968). Sie trugen wesentlich dazu bei, dass Baumgattungen in der Praxis oft noch immer einzig nach Tiefwurzlern und Flachwurzlern unterteilt werden, ohne Rücksicht auf den Einfluss der Bodenbedingungen am Standort zu nehmen.
Auf städtischen Standorten ist die Entwicklung des Wurzelsystems jedoch besonders durch die Standortbedingungen geprägt (vgl. STRECKENBACH & STÜTZEL 2010, s. S. 159) und Erfahrungen zeigen, dass Bäume an urbanen (gestörten) Standorten tendenziell eher flach wurzeln. Derartigen Fehleinschätzungen sind in der Vergangenheit zahllose Bäume bei Bautätigkeiten zum Opfer gefallen – und tun dies noch heute (Abbildung 4).
Abbildung 4: Falsche Annahmen zum Wurzelsystem haben bei dieser Eiche maßgeblich zu ihrem unweigerlichen Niedergang in Folge der Umgestaltung des Standortes geführt.
3 Der Wurzelraum von Stadtbäumen
Der Wurzelraum von Stadtbäumen stellt ein Spannungsfeld aus gegensätzlichen Ansprüchen unterschiedlicher Gewerke an den Straßenraum dar. Herausforderungen ergeben sich aber nicht nur aus den Folgen der Konkurrenz zwischen Bäumen und Leitungen um denselben, meist nur begrenzt zur Verfügung stehenden Raum. Massive Beeinträchtigungen ergeben sich hinzukommend auch durch die oft extremen Standortbedingungen in der Stadt (vgl. ROLOFF et al. 2013).
Versiegelte und verdichtete Böden, die mit jenen von Naturstandorten kaum noch etwas gemein haben, bilden dort die Lebensgrundlage von Bäumen. Das ihnen zum Zeitpunkt der Pflanzung mitgegebene Volumen an „Erde“ beträgt häufig nicht mehr als 4 m3 (BENFELD 2007). Die seitens der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL) empfohlenen 12 m3 an geeignetem und dauerhaft gut durchwurzelbarem Bodenvolumen werden vielerorts noch immer nicht annähernd realisiert (Abbildung 5). Man muss in diesem Zusammenhang betonen, dass ein solcher Raum lediglich ein Mindestmaß für die Anfangsentwicklung in den ersten Standjahren ist (FLL 2010).
Abbildung 5: An einem ausgehebelten Wurzelteller eines bei einem Orkan geworfenen Silber-Ahorns zeichnet sich die Größe der ihm ursprünglich zugestandenen Pflanzgrube ab.
Wenn der Baum angewachsen ist, wurzelt er innerhalb weniger Jahre aus der Pflanzgrube in den benachbarten anstehenden Boden – wenn die Möglichkeit dazu besteht. Für die weitere Entwicklung des Baumes ist der Zustand dieser Areale daher von herausragender Bedeutung. In den an die Pflanzgrube angrenzenden Bereichen sind die Böden jedoch meist zusammengetragen und stellen Konglomerate mit zum Teil höchst unterschiedlichen Eigenschaften dar (vgl. STRECKENBACH 2012, s. S. 112). Sie sind ihrer Struktur nach oft feinkörnig und deswegen anfällig für Verdichtungen. Zugleich müssen sie hohen Druckbelastungen standhalten, wie sie beispielsweise der Straßenbau fordert.
Es ergibt sich bereits aus einfachen physikalischen, geologischen und biologischen Überlegungen heraus, dass sich dies auf das Wachstum von Bäumen negativ auswirken kann. Generell entwickeln sich Wurzeln in frischen, locker gelagerten und damit ausreichend gut durchlüfteten Böden (aktive Bodenfauna!) besonders gut. Stadtböden können solche Eigenschaften und Strukturen zwar grundsätzlich aufweisen. Sie verlieren diese in aller Regel jedoch, sobald sie maschinell bearbeitet und anschließend versiegelt werden.
In der Praxis der Baumansprache findet der Wurzelraum bisher kaum die notwendige Beachtung und eine systematische Auseinandersetzung mit dem Thema Boden findet größtenteils noch immer vor allem unter Bodenfachleuten statt. Entsprechend ist mehr als ausreichend Literatur zu Böden, deren Eigenschaften und Bewertung vorhanden (z. B. Ad-hoc-AG Boden 2005; BLUME et al. 2011; HEMKER & KUTZA 2020). Erkenntnisse sind somit grundsätzlich für jedermann zugänglich, dennoch mangelt es weiterhin an der Einbeziehung des Themas in die baumfachliche Praxis.
Einen auch für bodenkundliche Laien zugänglichen Ansatz bieten BENK et al. (2020), in dem sie die Ansprache des Wurzelraumes anhand von zumeist bereits visuell erfassbaren Merkmalen der Oberfläche darstellen (Abbildung 6). Auf diese Weise lassen sich beispielsweise schon im Rahmen der Kontrolle von Bäumen zur Verkehrssicherheit Hinweise auf womöglich vorhandene Bodendefizite erkennen, denen anschließend im Zuge der Behebung von Vitalitätseinbußen gezielt nachgegangen werden kann (vgl. WELTECKE et al. 2018, s. S. 282).
4 Baumwurzeln und Leitungen
Der Themenkomplex „Interaktionen zwischen Bäumen und Leitungen“ wurde zuletzt durch Fachkollegen in Schweden und in anschließender Kooperation mit Instituten und Hochschulen in Deutschland intensiv aufgearbeitet (z. B. ROLF & STÅL 1994; STÅL 1998; STRECKENBACH 2009; ÖSTBERG et al. 2012). Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten war die Aufklärung der Frage, warum und wie Wurzeln in Leitungen einwachsen. Lange Zeit wurde angenommen, dass diese nur durch undichte Rohrverbindungen einwachsen, weil (Ab-)Wasser aus ihnen austritt und sie Wurzeln keinen ausreichenden Widerstand mehr entgegenbringen.
Diese bis dahin ungeprüfte Hypothese wurde zu dem Zeitpunkt bereits deshalb äußerst kritisch gesehen, weil moderne Rohrverbindungen dicht (und damit nach DIN 4060 wurzelfest) sind und dennoch nachweislich Wurzeln in diese einwachsen. Allerdings nicht zugleich in jede erdverlegte Rohrverbindung, ob intakt oder nicht, was einen zwingenden Zusammenhang zwischen einer Undichtigkeit und dem Einwachsen von Wurzeln ausschließt.
Es konnte gezeigt werden, dass die Eigenschaften von Leitungsgräben und Rohrbettungen den Wuchs von Wurzeln in Richtung der Leitungen begünstigen können und dass der von den Dichtungen der Steckverbindungen ausgehende Anpressdruck von den haarfeinen und weichen jungen Wurzeln ohne Probleme überwunden werden kann. Ein Großteil der Forschungs- ergebnisse floss daraufhin in die Überarbeitung des „Merkblattes über Baumstandorte und unterirdische Ver- und Entsorgungsanlagen“ der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen ein (FGSV 1989).
Abbildung 6: Die Bodenoberfläche gibt zumeist sehr direkt Auskunft über im Wurzelraum vorhandene Störungen.
Ein wesentlicher Gedanke dieses Regelwerks war von Beginn an, die unterschiedlichen im Straßenraum tätigen Gewerke zu einer stärkeren Zusammenarbeit zu ermutigen. So enthält das ursprüngliche Merkblatt unter anderem den Vorschlag zur Einrichtung von Koordinierungsstellen. Über diese sollten alle Parteien bereits bei der Planung von Baumpflanzungen die Möglichkeit bekommen, ihre jeweiligen Belange darzulegen. Das Merkblatt fand jedoch kaum Beachtung, obwohl es zum ersten Mal Konflikte und die daran Beteiligten explizit ansprach und zugleich einvernehmliche Lösungsansätze aufzeigte.
Das aktualisierte Merkblatt erschien 2013 als Gemeinschaftsausgabe der FGSV, der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) und des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass sich darin nun drei der wichtigsten Verbände für die im unterirdischen Straßenraum tätigen Gewerke gemeinsam für die Belange von Straßenbäumen einsetzen (Abbildung 7).
Abbildung 7: Ein Bild, das es bei konsequenter Anwendung der durch den Straßen-, Tief- und Leitungsbau vorgegebenen Normen und Regelwerke nicht mehr geben sollte.
Wichtig ist auch zu erwähnen, dass der Abstand einer Leitung über 2,5 m vom Baum diese nicht vor potenziellen Beschädigungen durch Wurzeln schützt. Dieses Maß galt seit jeher vor allem als Mindestabstand, der aus Gründen des Baumschutzes eingehalten werden sollte. Daher ist ein solcher Abstand auch nicht mehr als Leitungsschutzmaßnahme aufgeführt. In einem 2016 erschienenen Beiblatt wurde jedoch erneut ein Mindestabstand als Leitungsschutzmaßnahme für Bäume definiert, die sich in der Nähe zu Gasleitungen befinden (DVGW 2016). Dies ist äußerst bedauerlich und, zumindest aus baumfachlicher Sicht, nicht nachvollziehbar.
Hingegen vollständig nachvollziehbar ist, dass Interaktionen zwischen Baumwurzeln und Gasleitungen äußerst unerwünscht sind. Die Herausgeber des Beiblattes führen aber beispielsweise an, dass in der Praxis gar keine nennenswerten Schäden durch entwurzelte Bäume an Gasleitungen bekannt sind. Daher steht dieses Beispiel anschaulich für die oben angesprochene Dynamik, nach der einmal im Konsens miteinander festgelegte Absprachen regelmäßig einseitig zurückgenommen und dann wiederholt mühevoll gemeinsam bearbeitet werden müssen.
Ungeachtet dessen besteht zu diesem Themenkomplex ein noch immer beachtlicher Forschungsbedarf, da die bislang vorliegenden Untersuchungen vor allem Fragen nach der Praxis zur effektiven Verhinderung solcher Interaktionen nicht beantworten. Dies ist insbesondere in Altbaumbeständen eine immer wiederkehrende Problematik, für die es keine allgemeingültige Lösung geben kann, für die aber in ihrer Praxistauglichkeit und Effektivität noch näher zu untersuchende Lösungsansätze bestehen (vgl. ALVEM & BENNERSCHEIDT 2009; STRECKENBACH 2013; FLL 2019).
5 Ausblick
Böden an urbanen Standorten bieten für Gehölze eine meist problematische Lebensgrundlage. Dies gilt mit Blick auf ihre unterschiedliche Verwendung, die Intensität, mit der sie genutzt werden, und auch hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Eigenschaften. Das wirkt sich naturgemäß auch auf die Entwicklung von Stadtbäumen aus, die bereits vor dem Hintergrund einer größtmöglichen Widerstandskraft ausgewählt werden. Zugleich ist festzuhalten, dass Wurzelraum und Boden an Baumstandorten noch immer zu wenig Beachtung finden.
Zusätzlich dazu stellen vor allem die Folgen von (mit Blick auf den Baumschutz unzulänglichen) Hoch-,Tief- und Straßenbautechnischen Eingriffen Baumverantwortliche noch immer vor größte Herausforderungen. Obwohl gute Lösungsansätze bestehen (z. B. bei STOBBE & KOWOL 2005; SCHRÖDER 2012; BÜHLER et al. 2014; BENNERSCHEIDT 2017, s. S. 69, 173, 185 und 215), ist noch immer viel Aufklärungsarbeit notwendig. Dies gilt für alle Phasen eines Bauvorhabens, von der Planung bis zur Bauausführung. Zur baumschutzfachlichen Baubegleitung wird aktuell ein Fachbericht von der FLL erarbeitet (vgl. AMTAGE 2021), was einen sehr wichtigen Schritt darstellt, um die Herausforderungen des notwendigen Miteinanders zukünftig besser zu meistern.
Literatur
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WIEPKING, H. F., 1963: Umgang mit Bäumen. BLV Verlagsgesellschaft, München, Basel, Wien. 346 S.
Autor
Dr. Markus Streckenbach leitet das Sachverständigenbüro für urbane Vegetation in Bochum und bearbeitet schwerpunktmäßig Fragestellungen zum unterirdischen Teil von Bäumen. Er ist u. a. Mitglied der Arbeitskreise „Baumpflanzungen“ und „Baumschutzfachliche Baubegleitung“ der FLL, hat an der Erarbeitung von „Hinweisen zu einer naturverträglichen Trassengestaltung bei Höchstspannungs-Erdkabel projekten“ des Bundesamtes für Naturschutz mitgewirkt und ist Gründungsmitglied des Arbeitskreises Baum im Boden.
Kontakt: info@urbanevegetation.de
Baubedingte alte Schäden im Boden von Parkanlagen und deren Folgen für die Parkpflege *
von Klaus Becker
Einleitung
Zunehmend sind an alten Baumbeständen von historischen Park- und Gartenanlagen am Einzelstandort, in Baumgruppen als auch in großen Parkbaumbeständen Vitalitätseinbußen und z. T. erhebliche Schäden, insbesondere in den oberen Kronenbereichen, festzustellen. Dies sind Abtrocknungen ganzer Kronenspitzenbereiche, bereichsweise seitliche Abtrocknungen bis zur Spitze, Abtrocknungen lokaler Astpartien und Abfaulungen vom Wurzelstock aus, mit nachfolgendem parasitärem Befall durch Pilze und Bakterien.
Die analytische Ursachenforschung dieser Baumschäden scheint für den Nichtfachmann vorab rein akademischer Natur zu sein. Aber für die Parkpflege haben die Ergebnisse solcher Untersuchungen in ihren Auswirkungen eine erhebliche Bedeutung, zum einen für die Entscheidungsfindung zur Erstellung von Konzepten zur Schadensbeseitigung oder -minderung, zum anderen aus Gründen der hieraus resultierenden Kosten. Abschließend stellt sich noch die Frage nach dem Sanierungserfolg und dessen Nachhaltigkeit.
Letztendlich hat die Parkpflege hieraus nicht selten mit Druck aus Politik und Öffentlichkeit die Entscheidung zu treffen:
Radikalentfernung geschädigter Bäume oder kostenaufwendige, ggf. im Erfolg fragwürdige Sanierung.
Bisherige Schadensvermutungen und Untersuchungsansätze
Teilweise abgeleitet aus der Waldschadensforschung sind als ursächliche Gründe für die Baumschäden anthropogene Umwelteinflüsse aus industrieller Abluft und Abwasser sowie Siedlungstätigkeit des Menschen angenommen worden. Diese, so nahm man bisher an, haben mit ihren Immissionsprodukten zum einen über die unmittelbare Luftexposition den oberirdischen Teil der Bäume direkt geschädigt, beispielsweise bekannt als Rauchgasschäden, zum anderen durch als über Niederschlag dem Boden zugeführte Schadstoffe aus der Luft in Folge den Boden und damit den Wurzelraum der Bäume geschädigt. Als beispielhaft hierfür sind der saure Regen sowie z. B. Tausalz und Schwermetalleintrag zu nennen.
Aus dieser Grundannahme wurden und werden die Untersuchungsmethoden zur Ursachenermittlung von Parkbaumschäden mit Zielrichtung ausschließlich chemischer Analytik auf ausschließlich Luft- und Boden schadstoffe und partiell Pflanzennährstoffe ausgerichtet, mit teilweise erheblichem Probennahmen- und Analysenaufwand.
Sowohl Untersuchungsmethodik als auch die Aussagekraft der hieraus gewonnenen Untersuchungsergebnisse sind in nicht wenigen Fällen als zweifelhaft anzusehen. Eine genaue Lokalisierung von Wurzelverläufen im Boden ist nicht möglich, so daß hier schon durch unsichere Probennahmebereiche zweifelhafte Zuordnungen von Analysenergebnissen zu nicht bekannten räumlichen Wurzelverteilungen im Boden gegeben sind.
Aus den Untersuchungsresultaten wurden bisher aber z. T. aufwendige und kostenintensive Sanierungskonzepte mit den diversesten Bodenaustausch- und Bodeninjektionsverfahren für Ionenaustauscher, Pflanzennährstoffe, Bodenhilfsmittel, Säure-Base-Regulatoren bis hin zu dubiosen geheimnisumwitterten „Geheimbodensanierungsmischungen“ abgeleitet. In wenigen Fällen hat sich ein kurzfristiger Vitaliätsschub ergeben, häufig aber ohne Langzeitdauer. In nicht wenigen Fällen hatten die Sanierungsversuche keinen langfristigen Erfolg, sondern beschleunigten den Schadensverlauf mit erkennbarem Siechtum bis hin zum kurzfristigen Totalausfall der Bäume.
Neuere Beobachtungen von Bodenverhältnissen an Parkbaumstandorten
Ausgehend von den ersten Untersuchungen im Rosensteinpark in Stuttgart, wurde in Folge an einer weiteren Anzahl von historischen Parks, Schloßpark Reinhardsbrunn bei Gotha, Schloßparke Tieffurt und Ettersburg bei Weimar, Volkspark Treptow in Berlin u. a. festgestellt, daß hier bei Neu- und Umgestaltung der Landschaft großflächige Bodenbewegungen mit Bodenabtragungen und Anschüttungen vorgenommen worden sind.
Hierbei wurde der alte Baugrund z. T. tiefgründig abgetragen und gegen andere Bodenarten ausgetauscht sowie Vertiefungen mit bisweilen erheblichen Mengen Füllboden aufgefüllt und ausgeglichen. In diese neuen Geländeflächen wurden Jungbäume teils als Forstbaumschulware ohne Ballen, teils als reguläre Baumschulware mit Ballen entsprechend gepflanzt. Schriftliche Belege hierfür gibt es zahlreich in den Archiven und, wenn aufbereitet, in den entsprechenden Parkpflegewerken (HERZOG, 1990).
Im Rahmen eigener umfangreicher bodenkundlicher Untersuchungen zur Ursachenermittlung von Baumschäden in Parks und Gartenanlagen konnten, insbesondere auf Grundlage der Erkenntnisse der Bodenschadenskunde, folgende bodenmechanische und bodengenetische Sachverhalte nachgewiesen werden. Diese sind Ursache für oberirdisch erkennbare Baumschäden und haben eine erhebliche Relevanz für die vegetationsbodenkundlichen Eigenschaften von Baumstandorten und damit für die Vitalität, Schadensanfälligkeit und das maximal unter diesen Gegebenheiten erreichbare Standalter von alten und neu zu pflanzenden Bäumen in Parks und Landschaftsgärten:
Bodenschichtenaufbau
lm Rahmen damaliger bautechnischer Möglichkeiten wurde der Boden hier untersuchter Flächen von Parkbäumen in dreischichtiger Bauweise in Abfolge von unten nach oben aufgebaut aus:
Dränschicht Grobkies-Sand- oder Schotterlage aus örtlich anstehenden Vorkommen, vermischt zum Teil mit Bauschutt aus Abrißmaterial der Vorgängerbauwerke.
Unterboden gering humoser ca. 60–90 cm Mächtigkeit, in Vertiefungen bis z. T. > 200 cm, in Abrißbereichen von Bauwerken, vermischt mit Bauschutt
Oberboden aus ca. 20–40 cm humosem altem Oberbodenmaterial, z. T. mit Humus aufgebessertes Unterbodenmaterial
Kapillarbruch durch nicht körnungsangepaßte, filterstabile Dränschicht
Die Auswertungen der Körnungslinien nach der vereinfachten Filterregel nach TERZAGHI für bindige Böden ergaben, daß die verwendeten Dränschichtmaterialien bodenmechanisch nicht körnungs- und filterstabil auf das darüberliegende Unterbodenmaterial abgestimmt sind (Abb. 1).
An der Grenzfläche zwischen diesen beiden Bodenhorizonten liegt dann ein Kapillarbruch vor, der eine dünne hydraulische Grenzschichtfläche ausbildet.
Hierdurch wird verhindert, daß Grundwasser oder Schichtenwasser in Trockenperioden kapillar in den darüberliegenden Unterboden aufsteigen und zur Wasserversorgung der Bäume beitragen können. Zum anderen erfolgt keine Einwurzelung in die unterliegende Dränschicht und auf der Grenzfläche bildet sich ein Stauhorizont aus, durch den überliegender Boden in Nässeperioden vernäßt und unter ungünstigen Bedingungen sogar bis zur Oberfläche wassergesättigt wird und zu anaeroben Verhältnissen im Boden führt.
Ausbildung von dünnen Stauschichten
Zum anderen hat sich durch den sogenannten Filterbruch auf dieser Grenzfläche häufig eine dünn Verschlämmungsschicht (Kollmationsschicht, teilweise < 1 mm dünn) ausgebildet, die als Stauschicht wirksam ist und eine Wasserableitung von oben in die unterliegenden Bodenschichten verhindert. Hierdurch kommt es in niederschlagsreichen Perioden häufig zu Staunässe in den darüberliegenden Bodenhorizonten bis u. U. an die Geländeoberfläche (Abb. 1). Dies führt zur Pseudovergleyung und bei längeranhaltender Bodendurchfeuchtung zu Sauerstoffmangel (Anaerobie) und in Folge zu Wurzelabfaulungen.
Abbildung 1: Kornverteilungskurven von Unterböden und Dränschicht an zwei Einzelstandorten von Blutbuchen im Schloßpark Tieffurt bei Weimar.
Nur im Laborbefund wird erkennbar, daß beide Unterböden und darunter anschließende Dränschicht nach der vereinfachten Filterregel nach TERZAGHI nicht filter- und kapillarstabil sind. Trotz relativ geringen Abstandes des Grundwassers sind beide Buchen nicht in der Lage, dieses kapillar zu erschließen. Dies führt in Trockenperioden zu Wassermangel. Zudem ist die Körnungskurve des Standortes B 7 im oberen Bereich nicht stetig. Dies führt in der Regel zur Kornumlagerung im Boden mit Ausbildung von Einschlämmhorizonten und in der Folge zu dünnen Stauschichten.
Historisch bauseits verursachte Bodenverdichtungen
Aus alten Korrespondenzen und Leistungsverzeichnissen vom Zeitpunkt der historischen Bodenarbeiten kann abgeleitet werden, daß, wie heute, unter dem Druck der Bauherrenschaften auch hier Bodenarbeiten bei hierfür bodenmechanisch ungünstigen Witterungsverhältnissen durchgeführt wurden (HERZOG, 1990).
Als Folge hiervon konnten in den Bodenprofilen dann im Bereich alter, bauseits verursachter Bodenverdichtungen Stauhorizonte mit Pseudovergleyung und Ausbildung von Staunässe nachgewiesen werden.
Ungleichmäßige Schichtdicken der Vegetationsbodenschicht
Bei gleichzeitig gepflanzten, benachbarten Blutbuchen im Schloßpark Tieffurt bei Weimar mit vergleichbaren Umfeldbedingungen wurde nachgewiesen, daß Vitalitätsunterschiede von Wasserdefizit durch unterschiedlich dicke Aufbauten von Vegetationsbodenschichten bis zur kapillarbrechenden Dränschicht verursacht worden sind.
Eine Buche mit guter Vitalität wies einen nutzbaren, effektiven Wurzelhorizont von 90 cm Tiefe auf, die vitalitätsreduzierte Buche hatte dagegen bei gleicher Bodenart nur eine durchwurzelbare Profilmächtigkeit von 60 cm Tiefe zur Verfügung. Zudem wies dieser Baum eine Wurzelstockabhebung von ca. 50 cm auf. Dies ist in der Regel ein deutliches Anzeichen, daß der Wurzelgrund keine Einwurzelung zuläßt, sei es auf Grund von Kapillarbruch, Verdichtungen oder anstehendem Fels.
Für die untersuchten Blutbuchen ergibt sich im Vergleich, bezogen auf eine Krontraufgrundfläche von ca. 706 m2, ein pflanzenverfügbares Wasserspeichervolumen (nutzbare Feldkapazität) von ca. 64 m3 Wasser bei einer Profiltiefe von 60 cm gegenüber von ca. 95 m3 Wasser bei einer durchwurzelbaren Profiltiefe von 90 cm. Das bedeutet bei nur 60 cm durchwurzelbarem Bodenprofilaufbau ein Wasserspeicherdefizit von 31 m3, entsprechend 32 Volumen-% weniger gegenüber dem 30 cm mächtigeren Bodenprofilaufbau. Bei längeren Trockenperioden bedeutet dies, daß der Baum mit geringem Wasservorrat schon eine um ca. 30 % verringerte Trockenheitssicherheit hat als der Nachbarbaum. Dies wird hier schon im äußeren Erscheinungsbild der Krone erkennbar durch eine schüttere Belaubung.
Tabelle 1: Krontraufenmaße und Vergleich der effektiv durchwurzelbaren Bodenvolumen bei 60 cm und 90 cm Vegetationsbodenmächtigkeit mit hierbei vorhandenen pflanzenverfügbaren Wasserreserven.
| DKT m | FKT m2 | VKT t = 60 cm m3 | VKT t = 90 cm m3 | WK t = 60 cm m3 | WK t = 90 cm m3 | Differenz m3, bzw. % |
| 10 | 78 | 47 | 70 | 7 | 11 | 3,5 32 % |
| 20 | 314 | 188 | 283 | 28 | 42 | 15, 32 % |
| 30 | 706 | 424 | 635 | 64 | 95 | 31 32 % |
| (KT = Krontraufe, DKT = Durchmesser, FKT = Fläche, VKT = Bodenvolumen, WK = Wasserspeicherkapazität, pflanzenverfügbar, t = Tiefe) | ||||||
Folgen der historisch bedingten Bodenschäden für Bäume
Die hier nachgewiesenen historisch verursachten Bodenschäden und nicht nach vegetationsbodenkundlichen Notwendigkeiten folgenden Bodenprofilaufbauweisen führen mit zunehmendem Baumstandalter zu:
1. Trockenschäden insbesondere in Trockenperioden durch fehlenden kapillaren Anschluss an die Unterböden in Folge kapillarbrechender Dränschichten. Der Wurzelstock trocknet konzentrisch von innen nach außen hin aus; Folge hiervon sind insbesondere Abtrocknung der Kronenspitzentriebe.
2. Wurzelabhebungen durch Auflagerung auf diese kapillarbrechenden und nicht durchwurzelbaren Dränschichtgrenzflächen, mit z. T. Abriß alter Wurzeln. Hier vorzugsweise Ausbildung von Zopftrockenheit.
3. Ausbildung von relativ dünnen Stauhorizonten mit Pseudovergleyung als Folge historisch verursachter Bodenverdichtung bei zu hoher Bodenfeuchtigkeit während der alten Bautätigkeit; Folge, allgemeine Trockenschäden durch Wassermangel aufgrund abgefaulter Wurzeln, zudem Nährstoff-, insbesondere Spurenelementmangel durch Nährstoffestlegung.
4. Trockenschäden durch zu geringmächtig aufgebaute effektiv durchwurzelbare Bodenschichten mit unterliegenden kapillarbrechenden Dränschichten.
Folgerungen für die moderne Parkpflege
Aus diesen Untersuchungen folgt, daß eine Vielzahl von Baumschäden in historischen Park- und Gartenanlagen keinesfalls nur umweltbedingt ist, sondern ihre Ursache in Baufehlern beim Bodenaufbau schon bei der Herstellung und Nachpflege der Parks hat.
Hiermit ergibt sich zukünftig ein wichtiger neuer Ansatzpunkt für Strategien zur Untersuchung von Baumschäden, die grundsätzlich von reinen nur umweltanalytischen Untersuchungsmethoden abweichen.
Mit relativ einfachen bodenkundlichen Methoden und sachverständiger Bodenprofilansprache lassen sich diese Bodenschäden im Gelände mit kleinen Profilschürfen und Abbohrungen mit Prückhauerbohrer sowie, wenn notwendig, mit relativ geringem Laboruntersuchungsaufwand erkennen und nachweisen.
Da diese Baumschäden infolge bodenmechanischer und vegetationsbodenkundlicher Mängel schon zum Zeitpunkt der Erstellung der Park- und Gartenanlagen verursacht worden sind oder sich infolgedessen ausgebildet haben, ist eine Sanierung in der Regel mit einfachen Methoden und Mitteln, wie Düngung, Zugabe von Bodenhilfsmitteln sowie Zusatzbewässerung, Bodenbelüftung oder -lockerung aus bodenmechanischen und vegetationsbodenkundlichen Gründen nicht erreichbar. Bei der mechanischen Bodenlockerung besteht zudem die Gefahr von irreversiblen Wurzelzerstörungen. Zugabe von chemisch wirksamen Mitteln führt häufig zu unkontrollier baren Bodenreaktionen und in Folge zu Boden- und Wuchsschäden.
Im Prinzip könnten diese bodenbürtigen Mängel nur durch Vergrößerung der effektiven Durchwurzelbarkeit des Bodenvolumens am Baumstandort vermindert werden, so daß hiermit dem Baum größere verfügbare Reserven an Wasser, Sauerstoff und notwendigen Nährstoffen erschlossen werden können.
Aus Gründen der Bodenphysik, der Bodenmechanik, der Bodenchemie und aus Gründen nicht vorhersehbarer Wurzelverteilung im Boden sind dem hier jedoch so enge Grenzen gezogen, daß in der Regel eine erfolgversprechende Sanierung von altem Bestand von Park- und Landschaftsgartenbäumen als fraglich und u. U. als fragwürdig anzusehen ist.
Für die moderne Parkpflege kann für diesen Fall nur der einzige Schluss gezogen werden, zukünftig auf Wunderheilungen und sterbebegleitende Maßnahmen für diese Parkbäume zu verzichten und die hierdurch eingesparten Kosten einer Parkerneuerung mit behutsamer Erhaltungsstrategie durch planvolle Entnahme und Ersatzpflanzung der geschädigten Parkbäume im Sinne der Parkerbauer und einer sachlichen Parkdenkmalspflege zukommen zu lassen.
Literatur
HERZOG, R. (1990): Parkpflegewerk Rosensteinwerk, Stuttgart. Finanzministerium Baden-Württemberg, Stuttgart.
Autor
Dr. Klaus Becker ist ö.b.v. Sachverständiger für Bodenkunde/Bodenschutz im Sachverständigenbüro für Schadensanalyse und Prävention in Neunkirchen-Seelscheid.
Kontakt: dr.klausbecker@t-online.de
* Nachdruck aus/Reprint from Jahrbuch der Baumpflege 1997
Kurz- und langfristige Auswirkungen von Baumaßnahmen auf Bäume *
von Hartmut Balder
Zusammenfassung
Bäume werden durch Baumaßnahmen auf unterschiedlichste Weisen geschädigt. Veränderungen ihres Standortes durch Verdichtung, Versiegelung, Überfüllung und Grundwasserabsenkung verursachen nachhaltige Wurzelschäden. Mechanische Eingriffe in Krone, Stamm und Wurzel ermöglichen das Eindringen von holzzerstörenden Pilzen. Die Folgen zeigen sich oft erst nach Jahren in Form von Kronenschäden, Entwicklung von Schaderregern und Beeinträchtigungen von Ästhetik, Gesundheit und Verkehrssicherheit der Bäume. Zur Gesunderhaltung von Bäumen müssen Möglichkeiten gezielter Eingriffe genutzt sowie unkontrollierte Schäden durch eine effiziente Kontrolle vermieden werden.
Summary
Trees get easily damaged in a different manner through construction activities. Restrictions of their stands cause persistent damages of the root systems, wounds after pruning of branches and roots allow the infection of wood destroying fungi. After years the damages become visible by crown declining, development of pathogens and restrictions of aesthetics, health and safety. In future possibilities of specific interventions are to use and uncontrolled damages are to prevent by an efficient control management.
Konflikte bei Baumaßnahmen
Fragen des Baumschutzes sind zwischen Bauherren, ausführenden Firmen und den beteiligten Behörden alltägliche Praxis (Abb. 1). Aus diesem Spannungsfeld zwischen einem gezielten Baumerhalt, einer ökonomisch geprägten Bauausführung und dem angestrebten Nutzungskonzept ergeben sich häufig zahlreiche Eingriffe in das weitere und unmittelbare Baumumfeld sowie in den Baum selbst. Seit Jahren schreiben zahlreiche Normen, Regelwerke und Verordnungen den Schutz der Bäume vor. Sie geben gleichzeitig Hinweise für Grenzen und Möglichkeiten von Schutzmaßnahmen, stetig fließen aktuelle Forschungsergebnisse u. a. der Baumbiologie und der Phytopathologie bei ihrer Überarbeitung ein (DUJESIEFKEN 2000). Vergleichende Untersuchungen von Eingriffen in das Baumumfeld und in den Baum selbst sowie von Regionen mit unterschiedlicher Bautätigkeit belegen deutlich die Notwendigkeit einer schonenderen Vorgehensweise (BALDER und KRÜGER 1992; BALDER 1998); dennoch kommt es immer wieder durch Baumaßnahmen zu kurz- und langfristigen Beeinträchtigungen von Bäumen.
Abbildung 1: Spannungsfeld des Baumschutzes bei Bauvorhaben (aus: BALDER und WÖLLNER 1998)
Eingriffe in Baum und Baumumfeld
Bei zahlreichen Baumaßnahmen wird in das Umfeld vorhandener Baumbestände eingegriffen, wobei dies in unterschiedlicher Weise von partiell bis großflächig sowie kurzzeitig bis dauerhaft erfolgt. Hierbei handelt es sich um Veränderungen der Wachstumsbedingungen der Bäume, die sich vorrangig auswirken auf die Wurzelsysteme, und zwar sowohl durch eine mangelnde Bauplanung als auch durch Vorgänge während der Bauausführung. Zu den Eingriffen im Bereich von Baustellenzufahrten, Bautrassen, Lagerplätzen, Arbeitsbereichen etc. zählen kurzfristige Beeinträchtigungen während der Bauphase, wie z. B.:
Überfahren des Wurzelbereiches
Überfüllen des Wurzelbereiches
Verdichten des Wurzelbereiches (Abb. 2)
Versiegeln des Wurzelbereiches
Eintrag von Stoffen in den Wurzelbereich (u. a. Baustoffe, Kalk, Öle)
oberirdische Freisetzung von phytotoxischen Gasen oder Hitze
Absenkung des Grundwassers
sowie auch dauerhafte Veränderungen, wie z. B.:
Versiegelung und Verdichtung des Wurzelbereiches zur Nutzung des Grundstücks
Überfüllung des Wurzelbereiches durch eine landschaftsgärtnerische Geländemodellierung
Schattierung und Abkühlung des Wurzelbereiches durch Gebäude
Veränderungen im Grundwasserhaushalt
Abbildung 2: Lagern von Baumaterialien ohne jeglichen Baumschutz für Wurzel und Stamm
Gravierender sind die mit diesen Veränderungen meist einhergehenden direkten Beeinträchtigungen der sich geschützt im Boden befindenden Wurzelsysteme. Insbesondere durch Abgrabungen, die meist nicht in Handarbeit, sondern aus ökonomischen Gründen mittels schwerer Maschinen vorgenommen werden, erfolgen vielfältige direkte Baumbeschädigungen, z. B.:
Beim Überfahren von ungeschützten Wurzeln entstehen neben Bodenverdichtungen zahlreiche Rindenverletzungen, Wurzelquetschungen, -anrisse und -abrisse.
Das maschinelle Auskoffern im Hoch-, Tief- und GaLa-Bau mit schwerem Gerät verursacht großflächige Wurzelan- und -abrisse, vor allem dann, wenn zuvor ein ungestörtes weitläufiges Wurzelwachstum möglich war (Abb. 3).
Hinzu kommen Witterungsschäden, wenn Wurzeln für einen unverträglichen Zeitraum Frost, Hitze oder Trockenheit ausgesetzt sind.
Abbildung 3: Charakteristische Wurzelschäden bei Aufgrabungen
Mechanische Wurzelschäden entstehen auch durch Eingriffe, die den Erhalt der Bäume zum Ziel haben. So zielt zwar beispielsweise die Errichtung eines Wurzelvorhanges im Vorfeld einer Baumaßnahme auf schonende Eingriffsformen ab, in der Praxis werden allerdings den Bäumen häufig zu große Wurzelverluste zugemutet. Die Großbaumverpflanzung zum Räumen des Baugrundstückes und zum Erhalt wertvoller Bäume wird heute meist mit Rundspatenmaschinen ausgeführt, die keine schonende Wurzelkappung vornehmen, sondern die Wurzeln hydraulisch abknicken, ab- und aufreißen. Häufig werden auch Wurzeln innerhalb des Ballens verletzt, so daß bei der Nachsorge ein zusätzlicher Wurzelverlust eintritt (BALDER 1998).
Als Folge eines unzureichenden Stammschutzes wird die Rinde von Bäumen häufig durch Anfahren mit Kraftfahrzeugen, Lagern oder Anlehnen von Materialien gequetscht, an- oder abgerissen (Abb. 4). Bei erheblicher Krafteinwirkung kann auch der Holzkörper im äußeren Splint betroffen sein. Der untere Stammbereich ist am Wurzelhals besonders empfindlich.
Abbildung 4: Rindenschaden am Stamm durch Baufahrzeuge
Eingriffe in die Krone werden oftmals durch Unachtsamkeit vorgenommen. Das gezielte Entfernen von Ästen erfolgt häufig zur Einpassung des Baukörpers in den vorhandenen Altbaumbestand, zum Ausgleich von gleichzeitig erfolgten Wurzelverlusten oder im Rahmen der Bautätigkeit bei Störungen (Abb. 5 und 6). Die Abschottungsmöglichkeiten der Bäume werden dabei unzureichend bedacht, da immer wieder stammparallel, zu ungünstigen Jahreszeiten und zu starke Äste geschnitten werden. Ferner werden Äste im Bereich von Fahrtrassen bei unzureichendem Lichtraumprofil durch Baufahrzeuge oder durch den Aktionsradius von Baukränen an- und abgerissen.
Abbildung 5: Kronen- und Wurzeleingriffe durch die enge Umbauung eines zu schützenden Altbaumes
Abbildung 6: Eingriffe bei Bäumen auf Baustellen (aus: BALDER und WÖLLNER 1998)
Auswirkungen auf das Baumwachstum
Die Folgen von kurzzeitigen oder dauerhaften Beeinträchtigungen der Wachstumsbedingungen der Bäume sowie Eingriffe in ihre Wurzelsysteme und Kronen sind zwangsläufig abhängig von der Stärke und der Dauer des beeinträchtigenden Faktors sowie vom Toleranz- und Abwehrvermögen des Baumes. Beeinträchtigungen des Baumumfeldes verursachen im Wurzelsystem häufig Absterbeprozesse durch Sauerstoff- und Nährstoffmangel, Wasserdefizite, phytotoxische Substanzen und Absterben essentieller Symbionten. Je großflächiger ein Wurzelsystem hiervon betroffen ist und je länger ein Belastungsfaktor wirken kann, um so irreversibler ist das Wurzelsystem geschädigt. Schnell wird eine Wirkungskette ausgelöst, die nachhaltige Vitalitäts-, Gesundheits- und Standsicherheitsprobleme mit sich bringt (BALDER et al. 1997; BALDER 1998, Abb. 7).
Abbildung 7: Folgen von Eingriffen in Baum und Baumumfeld
Die Folgen von Wurzelschäden (Wurzelverlust, Wurzeltod) werden früher oder später am Kronenbild sichtbar, selbst wenn die gezielten Eingriffe den Schutz des Baumes bezwecken sollen (Abb. 8 und 9). Durch die Schädigung eines Teiles des Wurzelsystemes wird die Relation zwischen Wurzelmasse und Blattmasse gestört, da der transpirierenden Blattfläche eine geringere wasseraufnehmende Wurzeloberfläche gegenübersteht. Bei starkem Wurzelverlust innerhalb der Vegetationsperiode kann daher eine schnelle Welke des Baumes folgen, ansonsten kann der Austrieb im Folgejahr kleinblättrig und mitunter auch chlorotisch sein.
Darüber hinaus ist die Nährstoffaufnahme des Baumes eingeschränkt und die Mykorrhiza-Aktivität vermindert. Einige Baumarten geben aktiv einen Teil ihres Feinastwerkes auf, z. B. erfolgen bei der Eiche sogenannte Zweigabsprünge. Bei stärkeren Wurzelbeeinträchtigungen sterben ganze Astpartien ab, Zopftrocknis ist die deutlich sichtbare Folge. Letztlich wird auch der Wuchsstoffhaushalt des Baumes verändert, so daß bei einigen Baumarten eine deutliche Wasserreiserbildung einsetzt (Abb. 8).
Abbildung 8: Kronenschäden nach Wurzelverletzungen
Abbildung 9: Kronenbeeinträchtigungen in Abhängigkeit von den Eingriffen auf Baustellen (aus: BALDER und WÖLLNER 1998)
Die einhergehende Vitalitätsabnahme erhöht die Anfälligkeit für Schaderreger, vorrangig für Schwächeparasiten. Zahlreiche rinden- und holzbrütende Schadinsekten befallen daher Grob- und Starkäste und verursachen so ein weiteres Aststerben. Bei entsprechender Vitalitätsabnahme des Baumes können u. a. Bock-, Pracht- und Splintkäfer auch den Stamm attackieren und durch die Fraßtätigkeit der Larven innerhalb kurzer Zeit den Baum zum Absterben bringen. Gleichzeitig dringen holzzerstörende Pilze sowohl in den geschädigten Wurzeln als auch im Astwerk vor und parasitieren als Holzzerstörer Rinde, Bast, Splint- und Kernholz.
Bei direkten Eingriffen in Krone, Stamm und Wurzel werden mechanische Verletzungen hervorgerufen. Bei mangelndem Abschottungsvermögen dringen zahlreiche Schaderreger in das Bauminnere vor, mit der Folge von Fäulnis und Beeinträchtigung der Bruch- und Standsicherheit der Bäume (Abb. 7).
Zur Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit müssen in dieser Situation befallene Äste sowie Totäste entfernt werden. Bei diesen Schnittarbeiten werden den Bäumen weitere Wunden zugefügt, die je nach Abschottungsfähigkeit weitere zusätzliche Eintrittspforten für holzzerstörende Pilze bilden. In Abhängigkeit vom Wurzel- und Kronenverlust, dem Regenerationsvermögen des betroffenen Baumes und der Effizienz der Kompartimentierung erfolgt eine Gesundung oder eine weitere Schädigung.
Ausblick
Folgenschwere Beeinträchtigungen der Vitalität, Gesundheit, Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen sind bei Bauvorhaben alltägliche Praxis. Einerseits werden im Bemühen um den Baumerhalt meist nach langwierigen Abstimmungsprozessen zwischen Bauherren, Planern und Interessenvertretern Veränderungen des Vorhabens, Eingriffe in das Baumumfeld und Schnittmaßnahmen an Krone und Wurzel der Bäume vorgenommen, denen häufig deutliche Beeinträchtigungen in Ästhetik, Gesundheit und Verkehrssicherheit der Bäume folgen. Grenzen der Eingriffe werden wenig beachtet und Möglichkeiten der Optimierung selten erkannt und durchgesetzt. Andererseits werden durch Unwissenheit und mangelnde Kontrolle häufig Beeinträchtigungen der Wachstumsbedingungen im Baumfeld sowie unverträgliche Eingriffe in den Baumbestand leichtfertig hingenommen. Aufgrund der meist sehr langsamen Reaktionsweise von Bäumen auf Beeinträchtigungen werden oftmals erst nach Jahren die tatsächlichen Folgen von Eingriffen in Baum und Baumfeld sichtbar.
Im Sinne eines vorbeugenden Pflanzenschutzes müssen durch eine verbesserte Bauplanung Eingriffe in Altbaumbestände entweder vermieden oder auf ein baumverträgliches Maß reduziert werden. In der Ausführungsphase muß eine weitsichtige Bauleitung zusätzliche Schäden verhindern (RÜPPEL 2000). Der erweiterte Kenntnisstand um Ursachen und Folgen von Schäden an Bäumen durch Baumaßnahmen muß durch novellierte Empfehlungen und Richtlinien publik werden, wie es gerade mit der Herausgabe der RAS-LP 4, den Richtlinien für die Anlage von Straßen, Teil: Landschaftsgestaltung, Abschnitt 4: Schutz von Bäumen, Vegetationsbeständen und Tieren bei Baumaßnahmen, erfolgt ist (DUJESIEFKEN 2000). Nur so können Konflikte versachlicht und ein wirkungsvoller Baumschutz erzielt werden.
Literatur
BALDER, H.; KRÜGER, G., 1992: Vitalität des Öffentlichen Grüns – ein Ost/West-Vergleich. Gesunde Pflanzen 44, 291–295.
BALDER, H., 1998: Die Wurzeln der Stadtbäume. P. Parey Buchverlag, Berlin, 180 S.
BALDER, H.; EHLEBRACHT, K.; MAHLER, E., 1997: Straßenbäume – Planen, Pflanzen, Pflegen – am Beispiel Berlin. Patzer Verlag, Berlin, 240 S.
BALDER, H.; WÖLLNER, F., 1998: Untersuchungen zur Handhabung der Baumerhaltung bei Bauvorhaben. Gesunde Pflanzen 50, 7–11.
DUJESIEFKEN, D., 2000: Baumschutz und Schadensbegrenzungen bei Baumaßnahmen – die neue RAS-LP 4. In: DUJESIEFKEN, D; KOCKERBECK, P. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2000. Thalacker Medien, Braunschweig, 76–85.
RÜPPEL, R., 2000: Fachgerechter Baumschutz auf Baustellen. In: DUJESIEFKEN, D; KOCKERBECK, P. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2000. Thalacker Medien, Braunschweig, 73–75.
Autor
PD Dr. habil. Hartmut Balder war im Jahr 2000 Mitarbeiter im Pflanzenschutzamt Berlin.
Kontakt: balder@beuth-hochschule.de
* Nachdruck aus/Reprint from Jahrbuch der Baumpflege 2000
Stadtbäume im Spannungsfeld von Evolution und technischer Infrastruktur *
Urban trees in the conflict between evolution and technical infrastructure
von Klaus Schröder
Zusammenfassung
Stadtbäume beeinflussen mit ihren Wohlfahrtswirkungen das Stadtklima positiv und sind daher für das Leben und die Gesundheit der Menschen unverzichtbar. Um zu überleben, haben Bäume gelernt, sich mit ungünstigen Standortbedingungen zu arrangieren, ihre „intelligenten Tricks“ wenden sie daher auch in der Stadt an. In Straßen herrscht oft eine drangvolle Enge von unterirdisch verlegten Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Konflikte zwischen den Wurzeln der Straßen bäume, die hier auch wachsen müssen und den technischen Einrichtungen sind nicht immer zu vermeiden. Die Pflanzung von Straßenbäumen steht als Aufgabe gleichwertig neben der Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Energie und der Entsorgung von Abwässern. Konflikte, die sich aus der Nachbarschaft von Bäumen und Leitungen ergeben, lassen sich am ehesten durch eine interdisziplinäre Betrachtungsweise aufarbeiten und gegebenenfalls lösen. In Osnabrück und anderen deutschen Städten, aber auch auf internationaler Ebene, z. B. im Rahmen der COST Action C15, wird dies praktiziert.
Summary
Trees have a positive influence on the city climate and are essential for the health and life of humans. In order to survive, trees have learnt to pit themselves against adverse conditions. They try to apply their “clever tricks” to extreme city locations too.
On streets, there is very often a distinct lack of space underground and a maze of subterranean supply and waste management pipelines.
Conflicts between the roots of street trees, which must also grow here, and the technical equipment are not always avoidable. Conflicts stemming from the vicinity of trees and utilities are best treated and amended through an interdisciplinary approach. In Osnabrück and other German cities, but also on an international level, within the framework of the COST Action C15, specialists are working together towards solutions.
1 Einführung
1.1 Städte heute
Viele Städte und Metropolen unserer Welt wachsen rasant. Ob in Asien, in Lateinamerika oder in Europa, immer mehr Menschen leben in diesen Gebilden aus Beton, Stein und Asphalt. In Deutschland trifft das inzwischen für mehr als 70 % der Bevölkerung zu. Etwa 48 % der Menschen leben in Klein- und Mittelstädten (10.000 bis 200.000 Einwohner) und 24 % aller Deutschen leben in Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern. Hier finden sie das, was ihnen „draußen“ nicht geboten wird: Vielfältige kulturelle Angebote, die Möglichkeit, sportliche Aktivitäten fast jeder Art auszuüben und Unterhaltung vielfältigster Couleur. Aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen viele unserer Mitmenschen in Städten oder in deren direkter Nachbarschaft.

Abbildung 1: R. KREKELAAR
Die meisten von uns haben sich daran gewöhnt, dass öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung stehen, wir in das Auto steigen oder den City-Roller aus der Garage holen, um die zu überbrückenden Entfernungen bequem zu bewältigen. Sicher, es gibt auch Fußgänger und Fahrradfahrer, doch ein Blick in die Stadtzentren zeigt, insbesondere in der Zeit der morgendlichen und abendlichen Rushhour, ein ziemlich „buntes Treiben“ mit motorisierten Verkehrsmitteln aller Art. In ihren Motoren verbrennen Benzin- und Dieselkraftstoff und erzeugen Kohlendioxyd sowie ein ganzes Arsenal anderer gesundheits- und umweltbelastender Gase. Brems- und Kupplungsbeläge werden verbraucht, Reifen und allerlei sonstiges Material wird verschlissen, zerrieben und zerfällt schließlich zu Staub. Hinzu kommen die, auch bei Einhaltung aller Umweltauflagen nicht vermeidbaren Emissionen in Form von Stäuben und Gasen aus Gewerbe, Handwerk und Industrie.
Die nahezu unsichtbare Materie verteilt sich durch Luftbewegungen auf Straßen und Plätzen, bis hinein in unsere Wohnungen und an unsere Arbeitsplätze. Mit jedem Atemzug inhalieren wir feinste Staubpartikel. Zu denen, die aus Abrieb und Verbrennung entstanden sind, gesellen sich die natürlichen Stäube. Mal ist es Staub aus der Sahara und mal der vom Acker vor den Stadttoren, der sich wie ein Schleier über alles legt, und es sind Sporen und Pollen von Pilzen, Farnen und Blütenpflanzen um uns herum.
Dieses Gemenge kann Menschen belasten, krank machen oder indirekt sogar zu ihrem Tode führen. Stäube dienen oft als Vehikel für andere Stoffe, die sich an die Kerne anlagern und so in den menschlichen Organismus gelangen, als Beispiel hierfür gelten insbesondere die Schwermetalle. Die Zunahme von Allergien wird u. a. auf die zunehmende Luftverschmutzung zurückgeführt. Auch Bronchialerkrankungen, insbesondere bei Kindern und Menschen mit schwachen Abwehrreaktionen, bis hin zur Entstehung von Krebserkrankungen gehen nach Überzeugung von Medizinern auf das Konto des gefährlichen lungengängigen Feinstaubes. Das menschliche Leid in Folge derartiger Erkrankungen und der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden sind immens.
„Vielen Städten drohen Klagen wegen schmutziger Luft“ titelt „Die Welt“ (13. 10. 04) in einem Bericht über eine von der Europäischen Union erlassene und im Jahre 2002 in nationales Recht umgesetzte Richtlinie zur Luftreinhaltung. Diese EU-Richtlinie lässt das Ausmaß des Problems erahnen. Da die Politik oft erst bei bereits eingetretenen Schäden reagiert, anstatt vorbeugend tätig zu werden, kann wohl von einer massiven Bedrohung der Gesundheit der Bevölkerung ausgegangen werden.
Wie auch immer, die Verantwortlichen auch in unserem Lande sind aufgefordert, das lebenswichtige Gut „Luft“ ausreichend sauber zu bewahren oder es sauberer zu „machen“. Bis 2005 müssen die Kommunen die Anforderungen der EU-Richtlinie erfüllen. Ob das allen gelingen wird? „Erst einige Großstädte, wie München, Augsburg, Stuttgart, Düsseldorf und Duisburg haben die vom Gesetzgeber geforderten Luftreinhaltungspläne vorgelegt“ („Die Welt“ 13.10.2004).
Selbstverständlich ist es am wirkungsvollsten, die Entstehung von Immissionen, so auch z. B. die von Stäuben an ihrer Quelle, zu vermeiden oder zu minimieren, anstatt sie später mit großem Aufwand zu bekämpfen. Die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs, der Ausbau des ÖPNV und die konsequente Verwendung von Rußpartikelfiltern bei Dieselmotoren u. a. könnten für eine Entlastung des Stadtklimas sorgen. Aber bei allen Anstrengungen, die wir unternehmen: Durch das, was wir „Zivilisation“ nennen, erfolgt eine Verschmutzung unserer Luft in gigantischem Ausmaß. Smogglocken über unseren Städten sind bei bestimmen Wetterlagen nicht zu übersehen und diejenigen, die in diesem fragwürdigen Aerosol leben, spüren das Problem bei jedem Atemzug. Gewiss, Zustände wie in mancher außereuropäischen Metropole, wo die Menschen, wenn sie das Haus verlassen, Staubschutzmasken tragen, gibt es bei uns nicht. Wir sollten auch alles daran setzen, dass es hierzu nicht kommt. Ein wichtiger Faktor hierbei sind die Bäume in unseren Städten.
1.2 Die Wohlfahrtswirkungen von Bäumen
Die grünen Riesen begannen vor mehr als 300 Millionen Jahren sich zu entwickeln und gehören heute zu den ältesten Lebensformen auf unserem Planeten. Sie begleiteten die Entstehung der Menschheit und versorgten uns von Anbeginn mit dem Wichtigsten, was wir für unsere Existenz benötigten. Das ist bis heute so geblieben. Ihr Holz begleitet uns von der Wiege bis zum Sarg und ist Bestandteil unserer Häuser. Ihre Früchte tragen zu unserer Ernährung bei und ihr Laub ist für die Fruchtbarkeit unserer Böden von großer Bedeutung.
Wie oft übersehen „moderne Menschen“ dieses und ärgern sich über die Blätter, die im Herbst vor ihre Haustür fallen, und die sie beseitigen müssen. Lieber gehen sie nach einem Arbeitstag am Schreibtisch in ein Fitness-Studio, um sich zu bewegen. Wir sollten dankbar sein für die Schönheit der Bäume und uns erinnern, dass sie uns mit diesen Organen, die sie nun abwerfen, während der vorausgegangenen Monate gedient haben, indem Kohlendioxid aufgenommen und Sauerstoff produziert wurde, durch die Verdunstung von Wasser die Luftfeuchtigkeit erhöht und die Temperatur im Schatten der Bäume verringert wurde. Und, und, und …
In Umfragen zur Einschätzung der Qualität der umgebenden Stadtstruktur und zu den diesbezüglichen Veränderungswünschen äußern viele Menschen regelmäßig, dass ihnen das „Grün“ sehr wichtig ist und dass sie sich mehr davon wünschen. Mütter und Väter spüren, was lebenswichtig ist, für ihre Kinder und für sie selbst.
In einer bundesweiten Bürgerbefragung, die im Sommer 2004 in Zusammenarbeit zwischen der GALK (Gartenamtsleiter-Konferenz beim Deutschen Städtetag) und der KGST (Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung) durchgeführt wurde, haben sich für die Stadt Osnabrück, von deren Stadtgebiet immerhin ca. 31 % als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen und zu etwa 30 % im „Naturpark TERRA.vita Nördlicher Teutoburger Wald/Wiehengebirge“ gelegen ist, die meisten teilnehmenden Personen für eine noch stärkere Durchgrünung ihrer Stadt ausgesprochen.
Die Menschen wollen eine grüne Umgebung, wollen große, alte Bäume in ihrer Nähe, weil sie deren wohltuende Wirkung für ihr seelisches und körperliches Befinden spüren. Die Schaffung von Grünanlagen sowie die Pflanzung und Pflege von Bäumen sind Maßnahmen der Daseinsvorsorge par excellence. Alle für die Umwelt Verantwortlichen, Politiker und administrativ Tätige, sollten diese Tatsache bedenken und in ihr tägliches Handeln übertragen, auch im Interesse der Wirtschaftskraft ihrer Städte. Als „weicher Standortfaktor“ hat die Durchgrünung einer Stadt einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Bereitschaft zur Ansiedlung neuer Unternehmungen.
Es sei gestattet, in diesem Kontext den großen Naturwissenschaftler ALEXANDER VON HUMBOLDT zu zitieren, der eine Betrachtung über Menschen und Bäume mit den Worten beginnt: „Habt Ehrfurcht vor dem Baum, er ist ein einziges großes Wunder und Euren Vorfahren war er heilig …“. Und der Maler und Architekt FRIEDENS REICH HUNDERTWASSER hat seinen Mitmenschen in’s Stammbuch geschrieben: „Nur wenn du den Baum liebst wie dich selbst, wirst du überleben.“
In einem Klassiker der Baumpflegeliteratur, dem Buch „Baum und Mensch“ von A. BERNATZKY (1973), werden neben vielen anderen interessanten Informationen über die Einflüsse der Bäume auf die Menschheit Angaben über deren Wohlfahrtswirkung publiziert. Unglaublich, welche Mengen von Schadstoffen, seien sie gasförmig oder als Staubpartikel vorliegend, von Bäumen und den Gehölzen in Grünanlagen aus der Luft „herausgefiltert“ werden! Messungen in Frankfurt/M. ergaben, dass Gebiete mit Grünflächen und mit Bäumen bestandene Straßen z. T. nur mit einem Sechstel der Stäube belastet waren, die Stadtbereiche ohne Grünflächen oder baumfreie Straßen aufwiesen.
Da die Messungen viele Jahre zurückliegen, können die Angaben nicht unmittelbar auf die heutigen Verhältnisse übertragen werden. Natürlich haben die vielfältigen Auflagen zum Umweltschutz, die inzwischen realisiert wurden, zur Verringerung von Immissionen beigetragen. Andererseits wissen wir aber auch, dass dort, wo in den Nachkriegsjahren nur wenige Autos fuhren, heute im weiten Umkreis kein freier Parkplatz mehr zu finden ist.... Inzwischen wissen wir, dass die Luftschadstoffe sogar zu einem Problem für die Gesundheit der Bäume werden können.
1.3 Die Wurzeln der Bäume
Die Lebensvorgänge der Bäume wurden in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend erforscht. So haben wir viel gelernt, z. B. über die Steuerung des Triebwachstums, die Einlagerung und Mobilisierung von Reservestoffen im Holz oder die aktive Reaktion der Bäume auf Verletzungen und wiederkehrende mechanische Belastungen.
Zu dem erworbenen Wissen „rund um den Baum“ gehören auch Kenntnisse über die Grundlagen des Wurzelwachstums. Diese unterirdischen Organe entziehen sich in der Regel unseren Blicken und so verwundert es nicht, dass sie hin und wieder regelrecht in Vergessenheit geraten. Doch von ihrem Zustand, ihrer Gesundheit und Funktionsfähigkeit hängt die Existenz des ganzen Baumes ab. Bäume benötigen nicht nur gesunde Wurzeln, auch das Volumen dieser unterirdischen Versorgungsorgane muss in einem ausgewogenen Verhältnis zum Volumen der in den Kronen vorhandenen oberirdischen Versorgungsorgane, den Blättern (oder Nadeln) stehen. Nur dann sind Bäume im „Gleichgewicht“, und können ihre vielfältigen Wohlfahrtswirkungen uneingeschränkt erbringen.

Abbildung 2: Z. ERDELJAC und F. DÄUBLE
So unterschiedlich das äußere Erscheinungsbild der verschiedenen Baumarten auch sein mag, so unterschiedlich ihr natürliches Wurzelwachstum auch sei, so sehr ihre Ansprüche an den Standort auch differieren, eines ist allen Baumarten gemeinsam: ihre Wurzeln wachsen bevorzugt dort, wo sie ein gutes Angebot an Sauerstoff (und Feuchtigkeit) vorfinden. Denn Wurzeln müssen atmen und benötigen daher dasselbe Medium, das auch uns am Leben erhält. So lange der Sauerstoffgehalt im Gasgemisch des Bodens bei 15 % oder darüber liegt, können sich die Wurzeln artgemäß entwickeln. Sinkt der Partialdruck des Sauerstoffs im Gasgemisch des Bodens, geht das Wurzelwachstum zurück. Bei 11 % und darunter, kommt es zum Erliegen, die Wurzeln sterben ab und nachfolgend auch der „oberirdische Baum“.
Selbstverständlich sind auch die chemischen und biologischen Eigenschaften eines Bodens für das Wurzelwachstum von großer Bedeutung. Doch die bodenphysikalischen Gegebenheiten überlagern diese, sowie die genetische Ausstattung der Bäume, bei der Ausprägung der Wurzeln viel stärker, als früher angenommen. In zahlreichen Untersuchungen wurden diese Sachverhalte nachgewiesen und fanden Einzug in die gärtnerische Praxis. Die Entwicklung von Pflanzsubstraten in europäischen Ländern und in den USA sowie die Anwendung neuer vegetations- und bautechnischer Verfahren sind Beispiele für die Umsetzung dieser Erkenntnisse.
Bei der Erforschung des Wurzelwachstums ist auch deutlich geworden, dass es möglich ist, die Wurzeln zu „lenken“ (HEIDGER 2002). Indem man ihnen ein gut durchlüftetes, an Grobporen reiches Medium anbietet, das sie unmittelbar erkennen und bevorzugt durchwurzeln, kann man sie aus anderen Bereichen, in die sie nicht hineinwurzeln sollen, „heraushalten“, wenn man die Eigenschaften des Substrates dort „wurzelunfreundlich“ gestaltet. Diese Erkenntnis wird bei innerstädtischen Baumpflanzungen auch im Zusammenhang mit Leitungsschutzmaßnahmen an Bedeutung gewinnen.
Wenn auf natürlichen Standorten keine optimalen Voraussetzungen für die Ausbreitung der Wurzeln herrschen, reagieren Bäume mit „intelligenten Tricks“, um damit ihr unaufhörliches Wurzelwachstum, dessen Ende ihren Tod bedeuten würde, sicherzustellen. Können sie nicht in die Tiefe wachsen, bilden sie flachere Wurzelteller aus, die dafür aber viel weiter über die Kronentraufe hinausreichen, als üblich. Oder sie wurzeln in tiefen Felsspalten, um das hinein gespülte mineralische und organische Feinmaterial für sich zu erschließen. Sie suchen mit ihren Wurzeln Halt an Felsbrocken, die sie umwachsen und in ihr „Wurzelfundament“ integrieren. Wenn es sein muss, durchqueren sie auch Hohlräume, auf ihrer ständigen Suche nach Wasser und Nährstoffen. So können sie sich mit dem Lebensnotwendigen versorgen und den Kräften von Wind und Wetter widerstehen.
Auch auf innerstädtischen Standorten versuchen Bäume das, was sie im Laufe der Evolution „gelernt“ haben, umzusetzen und für ihr Überleben zu nutzen. Dann kann es allerdings zu Konflikten kommen, denn sie können nicht unterscheiden zwischen einer Felsspalte und einem Kanalrohr, zwischen einem Felsbrocken und einer Gasleitung…
2 Bäume und Leitungen
2.1 Technische Infrastruktur
Die Menschen unserer Zeit benötigen nicht nur Parks und viele Bäume in ihrer direkten Nachbarschaft. Sie erwarten auch ein warmes, helles Zuhause und dass Radio und Fernseher funktionieren. Ebenso soll die Toilette spülen und die Dusche warmes Wasser spenden, kurzum, die Ver- und Entsorgung soll sicher gestellt sein.
All diese Segnungen unserer modernen Zivilisation werden bei uns überwiegend unterirdisch an Wohnungen und Arbeitsplätze heran- und herausgeführt, über die so genannten Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Sie befinden sich bevorzugt in Straßen oder sonstigen öffentlichen Flächen, genau dort, wo auch die Straßenbäume mit ihren Wurzeln zu Hause sind.
In ihrer Addition ergeben die Ver- und Entsorgungseinrichtungen oft ein Vielfaches der gesamten Straßenlänge einer Kommune. Da der unterirdische Raum kostbar (weil begrenzt) ist und sich nicht jede Leitung mit jeder beliebigen Nachbarin verträgt, wurden für die Platzierung der verschiedenen Kabel und Rohrleitungen Regelwerke entwickelt. Diese sollen für eine prinzipielle Ordnung in der „Unterwelt“ sorgen.
So ist beispielsweise geregelt, dass zwischen einer Gasleitung und einem Hochspannungskabel ein bestimmter Sicherheitsabstand einzuhalten ist oder eben dieses Hochspannungskabel nicht in einen Kabelkanal eingezogen werden darf, weil es den direkten Kontakt mit Erdreich zur Kühlung benötigt. Der unterirdische Straßenraum ist sowohl horizontal aufgeteilt, als auch bezüglich der Tiefe, in der die Anlagen zu installieren sind.
Da der Bereich unter den Fahrbahnen aus verschiedenen Gründen möglichst nicht für das Verlegen von Versorgungseinrichtung genutzt werden soll, drängen sich die Rohre, Kabel und Leitungen unter den Gehwegen, Radwegen und Parkstreifen. Genau hier sind aber auch die Bereiche, die am ehesten für die Pflanzung von Straßenbäumen in Frage kommen.
2.2 Der Konflikt
Natürlich wäre es wünschenswert, so „problematische Nachbarn“, wie technische Einrichtungen und Bäume, vor allem deren Wurzeln, möglichst weit voneinander entfernt zu wissen. Doch unsere Städte sind eng, die Grundstückspreise hoch und kaum ein Stadtplaner hat es in den letzten Jahren oder Jahrzehnten gewagt, Baumstreifen in ausreichender Breite und frei von Ver- und Entsorgungseinrichtungen vorzuschlagen. So kam es zu den bekannten Problemen, auf die die betroffenen Dienststellen – respektive die beteiligten Personen – sehr unterschiedlich reagierten.
Da waren „auf der einen Seite“ die „Techniker“, die die Priorität eindeutig bei der „Versorgungssicherheit“, der Unversehrtheit ihrer Einrichtungen sahen und auf unkalkulierbare Haftungsfragen z. B. bei undicht gewordenen Gasleitungen verwiesen. Die mit Argusaugen bei jeder Aufgrabung auf Baumwurzeln achteten und sie als Beweisstücke sicherstellten, auch wenn diese nur um „ein dünnes Kabel“ herum gewachsen waren. Sie wurden wie Trophäen präsentiert, wenn mit den „Baumleuten“ wieder einmal über die Pflanzung von Straßenbäumen gesprochen werden musste.
„Auf der anderen Seite“ standen die „Baumleute“, die Bilder von abgerissenen Baumwurzeln und verletzten Bäumen aus ihren Taschen zogen und dadurch entstehende Fäulen und Beeinträchtigungen der Verkehrssicherheit ins Feld führten. Sie forderten Platz für ihre Baumpflanzungen und behaupteten, damit „dem Auftrag von Rat und Verwaltung“ zu folgen. Hin und wieder maßten sie sich an, darauf hinzuweisen, dass sie nur von ihrem Recht Gebrauch machen wollten, denn die Straße sei schließlich Eigentum der Kommune.
2.3 Ansätze zur Konfliktlösung
In Osnabrück gibt es seit Anfang der 1970iger Jahre regelmäßige Gespräche zwischen den Vertretern der Stadtwerke, des früheren Tiefbauamtes (Fachdienst Straßenbau) und des ehemaligen Grünflächenamtes (Fachdienst Grünflächen). Zunächst bezogen sich diese vorrangig auf die Festlegung neuer Baumstandorte in bestehenden Straßen.
Sehr schnell stellte sich heraus, dass dieses Gremium, bei Bedarf nahmen auch Vertreter anderer Verwaltungsdienststellen teil, sachorientiert arbeitete und bei gemeinsamen Ortsbegehungen das Ziel der vermehrten Durchgrünung der Osnabrücker Straßen eigentlich immer erreicht wurde. Wenn in Ausnahmefällen, trotz intensiver Vorplanung seitens des Grünflächenamtes, keine Baumstandorte zu finden waren, gab es für das „Nein“ nachvollziehbare Gründe. Ich hatte den Eindruck, dass alle Beteiligten nach einer solchen „Vor – Ort – Runde“ mit einem guten Gefühl in ihre Büros zurückkehrten.
Aber nicht nur die Neupflanzung von Bäumen in bestehenden Straßen, auch die Begrünung der Straßen neuer Baugebiete wurde und wird abgestimmt. Hierbei hat sich die später gegründete KOST, die Koordinierungsstelle beim Fachdienst Straßenbau, sehr bewährt.
Natürlich war und ist die Pflanzung von Bäumen nur eine Facette der interdisziplinären Zusammenarbeit. Aus unserer Sicht ist die Einbeziehung unserer Fachleute bei der Planung und Realisierung neuer Leitungs- und Kabeltrassen sowie bei den ständig stattfindenden Erneuerungs- und Reparaturarbeiten an Ver- und Entsorgungseinrichtungen, im Nahbereich von Bäumen und öffentlichen Grünflächen genau so wichtig.
Sofern nicht in der KOST thematisiert, wird der Fachdienst Grünflächen, wie andere Fachdienststellen auch, in einem Umlaufverfahren über die Planungen der Leitungsverwaltungen informiert. Hier werden die Belange des Baumschutzes eingebracht und in der Regel seitens der Leitungsverwaltungen in deren Leistungsverzeichnisse übernommen.
Ob sich die ausführenden Firmen auch an diese Vorgaben halten, ist ein anderes Thema. Grundlage unserer Forderungen oder Hinweise sind die Regelungen der gültigen Baumschutznormen, insbesondere die der DIN 18920 und der RAS-LP 4. Womit wir bei den Regelwerken und Normen wären …
2.4 Atmosphärische Störungen
Als 1989 die „Technischen Mitteilungen Baumpflanzungen im Bereich unterirdischer Versorgungsanlagen“ von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen herausgebracht und vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches übernommen wurden, veränderte sich das Klima zwischen den „Technikern“ und den „Baumleuten“ merklich. Auch wenn dieses Regelwerk auf den ersten Blick einen Interessenausgleich zwischen den „Parteien“ zu suchen scheint, kann es das Ziel seiner überwiegend aus dem technischen Sektor stammenden „Väter“, der technischen Infrastruktur gegenüber den Bäumen eine Vorrangstellung einzuräumen, nicht leugnen. Deutlich werden die Wertigkeiten der Aufgaben, unterschieden in die
„gesetzlich geforderte Ver- und Entsorgungssicherheit“ und in den
„öffentlichen Auftrag zur Begrünung“.
Zwar wird für Baumpflanzungen anerkannt, dass die Abstände von Bäumen zu Ver- und Entsorgungseinrichtungen nicht immer entsprechend den hierfür gültigen Regelwerken eingehalten werden können. Aber gleichzeitig werden so viele Risiken aufgeführt, die von Bäumen für die Ver- und Entsorgungseinrichtungen ausgehen sollen, dass mancher Kollege der Versorgungsunternehmen hierdurch nachhaltig verunsichert wurde. Wer gibt schon seine Zustimmung zur Pflanzung von Bäumen in der Stadt, wenn das Regelwerk z. B. die „Erhöhung der Blitzgefahr für unterirdische Versorgungsanlagen durch die Ableitefunktion der Bäume“ problematisiert?
Allerdings: Wenn es im Untergrund mal wirklich ganz eng wird, ist es durchaus möglich, dass eine Leitung direkt unter einem alten Baum „durchgeschossen“ werden soll. Das Schutzrohr wird’s schon richten und grundsätzliche Bedenken werden „weggewogen“. Wollen die „Baumleute“ hin und wieder einen Baum direkt auf eine Leitung pflanzen, gilt dies immer noch als Sakrileg. Obwohl es durchaus Argumente für eine solche Platzierung gibt und auch hier ein Schutzrohr dem Baum nicht schaden würde …
Technische Fragestellungen im Zusammenhang von Bäumen und Leitungen können nur mit bautechnischen oder vegetationstechnischen Mitteln gelöst werden, der Verzicht auf Bäume ist grundsätzlich keine Alternative.
In diesem Kontext sollen auch Ausführungen des Bundes verwaltungsgerichtes bezüglich der Bedeutung von DIN-Normen nicht verschwiegen werden. In seinem Urteil führt das Gericht u. a. aus:
„Zwar kann den DIN-Normen einerseits Sachverstand und Verantwortlichkeit für das allgemeine Wohl nicht abgesprochen werden. Andererseits darf aber nicht verkannt werden, dass es sich dabei zumindest auch um Vereinbarungen interessierter Kreise handelt, die einen bestimmten Einfluss auf das Marktgeschehen bezwecken. Den Anforderungen, die etwa an die Neutralität und Unvoreingenommenheit gerichtlicher Sachverständiger zu stellen sind, genügen sie deswegen nicht.“ (BRELOER 2004).
Die ungewöhnlich ausführlich erscheinende, aber in Wirklichkeit doch nur stichpunktartige Abhandlung der vorstehenden Kapitel verdeutlicht, dass
die Versorgung der Bevölkerung mit Energie und Wasser sowie die Entsorgung von Abwässern durch den Betrieb entsprechender Einrichtungen
sowie
die Versorgung der Bevölkerung mit Frischluft und die Entsorgung von Luftschadstoffen durch die Pflanzung und Erhaltung von Bäumen und Grünanlagen
gleichwertige Rechtsgüter sind.
Da Baumwurzeln wahrscheinlich den Bereich von Ver- und Entsorgungseinrichtungen meiden würden, wenn für deren Ummantelung ein sehr dichtes, grobporenarmes Material verwendet würde, sollten die Voraussetzungen für entsprechende Erprobungen geschaffen werden. Wahrscheinlich ist es gar nicht so schwierig, Wurzeln so zu dirigieren, wie es die Gegebenheiten in unseren Straßen nahe legen (HEIDGER 2002). Vielleicht liegt ein weiterer Lösungsansatz auch in der optimierten Verdichtung des die Leitungen ummantelnden Bodengemisches.
Beispiele aus Aufgrabungen belegen, dass weniger als einen Meter von den Stämmen alter Platanen entfernt, unter einer Fahrbahn aus Großsteinpflaster, nicht eine nennenswerte Wurzel gefunden wurde. In anderen Fällen waren sie, 15 m oder weiter vom Stamm entfernt, noch armdick.
Zur Minimierung der Probleme können die „Baumleute“ dadurch beitragen, dass sie in der Nähe von Ver- und Entsorgungseinrichtung auf die Verwendung von Baumarten, die bekanntermaßen über eine hohe Wurzelenergie verfügen, verzichten. Für Pappeln, Weiden und Platanen können trotz des im vorstehenden Absatz erstgenannten Beispiels bestimmt andere Standorte gefunden werden, als ausgerechnet neben einer sensiblen Versorgungseinrichtung.
3 Der Nutzen von Vereinbarungen
3.1 Zusammenarbeit ersetzt Konfrontation
Wir wären unseren dienstlichen Verpflichtungen und unserer beruflichen Verantwortung nicht gerecht geworden, wenn wir wegen der „Störfaktoren“ resigniert und uns von einem wichtigen Thema wegen „Unlösbarkeit“ abgewandt hätten. So war es selbstverständlich, dass die Zusammenarbeit zwischen den „Technikern“ und den „Baumleuten“ weitergeführt und im Laufe der Zeit noch intensiviert wurde.
Die auf Initiative des Tiefbauamtes erfolgte Einrichtung der Arbeitsgruppe „Bäume und Leitungen“ brachte die verschiedenen Interessen wieder an einen Tisch. Vertreter der involvierten Geschäftsbereiche der Stadtwerke Osnabrück AG, des Tiefbauamtes und des Grünflächenamtes arbeiteten die aktuellen Fragestellungen systematisch auf.
Das Ziel war, eine Vereinbarung zu treffen, in der die in der Praxis auftretenden Fragestellungen grundsätzlich geregelt werden sollten.
Ein erster, aber wichtiger Schritt war, dass man wieder begann, die Sorgen der jeweils anderen Seite ernst zu nehmen und der entsprechenden Sichtweise mit Respekt zu begegnen. Das bedeutete nicht, dass Sachargumente und Tatsachen tabuisiert worden wären, weil sich sonst jemand hätte provoziert fühlen können.
Wir „Baumleute“ haben uns bemüht, den technischen Kollegen zu vermitteln, dass die Bäume nur das umsetzen, was sie im Laufe der Evolution „gelernt“ haben, dass sie ihre Grenzen haben und, dass es trotz aller Regelwerke nicht die Schuld der Bäume ist, wenn sich Probleme zwischen Bäumen, Ver- und Entsorgungseinrichtungen und sonstiger technischer Infrastruktur ergeben.
Aber auch wir haben einiges gelernt, über Materialeigenschaften unterschiedlicher Ver- und Entsorgungseinrichtungen, Unterhaltungsprobleme, Beschädigungen und Sorgen bezüglich persönlicher Haftung bei Unfällen, insbesondere nach dem tragischen „Gasunfall von Viersen“. Unglücklicherweise explodierte etwa zur gleichen Zeit auch in Osnabrück eine Gasleitung, bei der ein Mensch schwer verletzt wurde und hoher Sachschaden entstand. In diesem Falle stand aber kein Baum in der Nähe!
Aus verschiedenen Gründen, die durchaus nachvollziehbar vorgetragen wurden, konnten die Kollegen der Stadtwerke an der angestrebten schriftlichen Fixierung unserer Vereinbarungen nur auf der Basis des oben erwähnten Merkblattes mitwirken. Wir haben uns zwischenzeitlich damit arrangiert und festgestellt, dass die Zusammenarbeit auf beiden Seiten aufgrund der Absprachen problemloser vonstatten geht als je zuvor. Auch die Frage der Kostenübernahme für die Installation von Schutzeinrichtungen für Leitungen ist akzeptabel nach dem „Verursacherprinzip“ geregelt.
3.2 Internationale Zusammenarbeit
So wie die Bäume in fast allen Städten der Welt mehr oder weniger eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten besitzen, sind auch die Probleme, die sich aus der Nachbarschaft von Bäumen und Ver- und Entsorgungseinrichtungen ergeben können, zumindest innerhalb Europas ähnlich.
Auf EU-Ebene wurde diese Situation erkannt und war Anlass für die Einrichtung einer Arbeitsgruppe bei der damaligen COST Action C3 (COST = Europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichen und technischen Forschung). Aufgrund der von dieser Arbeitsgruppe dargestellten Perspektiven wurde im Jahre 2001 eine neue COST Action vereinbart, sie trägt die Bezeichnung C15.
Ihr Titel ist Programm: „Technical infrastructure and vegetation – improving relations and preventing conflicts by an interdisciplinary approach”, zu deutsch: „Technische Infrastruktur und Vegetation – Verbesserung der Beziehungen und Verhinderung von Konflikten durch eine interdisziplinäre Betrachtungsweise“.
COST Action C15 gliedert sich in die Arbeitsgruppen: A – „Utilities and urban vegetation“ (Versorgungseinrichtungen und Stadtvegetation) B – „Transport infrastructure and vegetation“ (Verkehrsinfrastruktur und Vegetation) C – „Buildings and urban vegetation“ (Gebäude und Stadtvegetation)
Allen Arbeitsgruppen gehören neben Experten aus Wissenschaft und Praxis der betroffenen technisch-stadtplanerischen Fachgebiete Fachleute aus der „Grünen Branche“ aus etlichen europäischen Ländern an.
In der Arbeit der COST Action C15 spiegelt sich eine Erfahrungen wieder, die in der Osnabrücker Arbeitsgruppe „Bäume und Leitungen“ bereits gemacht wurden: Je intensiver man über die Problemstellung anderer Disziplinen informiert ist und sie versteht, um so eher können Lösungsansätze gefunden werden und sei es auch nur der, zu erkennen, dass weiterer Forschungsbedarf gegeben ist.
Wie schnell sicher geglaubte Thesen durch neue Erkenntnisse in Frage gestellt werden müssen, zeigte sich erst jüngst: Bisher ging man davon aus, dass Baumwurzeln in Leitungen aus PVC, Steinzeug oder Beton, also solche mit Steckverbindungen, nur dann eindringen können, wenn deren Muffen defekt sind oder die Rohre selbst einen Schaden aufweisen. Sogar der Bundes gerichtshof hat sich in einem Urteil zum Einwachsen von Wurzeln in Leitungen diese Annahme zu Eigen gemacht (BRELOER 2001).
Nun belehren uns Forschungsergebnisse der Universitäten Bochum (STÜTZEL & BOSSELER 2003) und Alnarp, Schweden, eines Besseren (STÅL & RIDGERS 2004). Anscheinend sind die Muffendichtungen solcher Leitungen wohl geeignet, die in den Rohren fließenden Abwässer nicht austreten zu lassen. Für die Wurzeln von Bäumen sind sie auf Dauer offenbar kein ernst zu nehmendes Hindernis.
Ich gehe davon aus, dass uns diese neuen Erkenntnisse in Zukunft mehr beschäftigen werden, als heute noch absehbar. Für die Sondersitzung der Arbeitsgruppe A, die im Februar 2005 unter Hinzuziehung von Experten, die sonst nicht an der COST Action C15 beteiligt sind, stattfand, stand die Thematik bereits auf der Tagesordnung.
Literatur
BERNATZKY, A., 1973: Baum und Mensch. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main.
BRELOER, H., 2001: Fach- und Rechtsfragen zu Bäumen. Tagungsband Osnabrücker Baumpflegetage.
BRELOER, H., 2004: Von der Haftung des Baumkontrolleurs und Baumeigentümers bis zu den Möglichkeiten und Grenzen einer Haftungsbeschränkung. Tagungsband Osnabrücker Baumpflegetage.
DIN 18 920, 2002: Vegetationstechnik im Landschaftsbau. Schutz von Bäumen, Pflanzenbeständen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen. Beuth Verlag GmbH, Berlin.
FORSCHUNGSGESELLSCHAFT FÜR STRAßEN- UND VERKEHRSWESEN, 1989: Technische Mitteilungen Baumpflanzungen im Bereich unterirdischer Versorgungsanlagen, Köln.
HEIDGER, C., 2002: Wurzeln sind lenkbar! Optimierungsmöglichkeiten im Wurzelraum von Straßenbäumen. Tagungsband Osnabrücker Baumpflegetage.
RAS-LP 4, 1999: Richtlinie für die Anlage von Straßen, Teil: Landschaftspflege, 4: Schutz von Bäumen, Vegetationsbeständen und Tieren bei Baumaßnahmen. Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, Köln.
STÅL, Ö.; RIDGERS, D., 2004: Management and planning solutions to modern PVC- and concrete sewer Pipes’ lack of resistance to root penetration. Tagungsband Osnabrücker Baumpflegetage.
STÜTZEL, T.; BOSSELER, B., 2003: Kanal voll: Wenn Bäume in Rohren Wurzeln schlagen. www.boga.ruhr-uni-bochum.de/spezbot/publikationen.htm
Autor
Dipl.-Ing. Klaus Schröder war von 1972 bis 2007 bei der Stadt Osnabrück angestellt, zuerst als Bauleiter im Grünflächenamt, dann übernahm er die Verantwortung für die Planung, den Bau und die Unterhaltung von Grünanlagen, Kinderspielplätzen sowie für das Straßengrün und die Bäume. Zuletzt war er Werksleiter des städtischen Eigenbetriebs Grünflächen und Friedhöfe. Von 1993 bis 1999 war er Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Osnabrück für das Studienfach „Baumpflege“.
* Nachdruck aus /Reprint from Jahrbuch der Baumpflege 2005
Bäume und Leitungen – Untersuchungen zur Einwurzelung in moderne PVC- und Betonabwasserleitungen *
Trees and pipes – Investigation in penetration of tree roots in modern PVC- and concrete sewer pipes
von Don Ridgers, Kaj Rolf und Örjan Stål
Zusammenfassung
Funktionsfähige Abwassersysteme und ästhetische Baumumwelt sind beide wesentliche Elemente des modernen städtischen Aufbaus. Um Schäden durch das Eindringen von Wurzeln in das Kanalsystem effektiver vermeiden zu können, müssen heutzutage die Verantwortlichen in der Stadtplanung und im Städtebau ein höheres Bewusstsein und einen besseren Kenntnisstand entwickeln.
Besonders wichtig sind die Ausgestaltung des Baumstandorts, Unterschiede zwischen Baumarten in Bezug auf ihre Penetrationskraft, kritische Punkte im Abwassersystem, Bedeutung der Baumplatzierung in Relation zu Material, zur Tiefe und zur Verlegungstechnik von Rohrleitungen.
Summary
Functional sewage systems and aesthetic tree environments are both essential elements of modern urban construction. However, during the greater part of the 20th Century, urban environments were designed without regard to how trees and sewage pipes were positioned in relation to each other. The penetration of tree roots into sewage pipes has therefore become a problem that is creating an everincreasing financial burden for urban society.
Tobe more effective at preventing root intrusion into sewage systems, today’s planners and constructors of urban environments must improve their knowledge, be aware of and have an understanding of growing site conditions and their significance, of variations between tree species in their demands on growing site, of vulnerable points in the sewage system, of variations between tree species in their capacity to penetrate vulnerable points of sewage pipelines and of significance of tree placement in relation to the type, depth and placement of pipelines.
1 Einleitung
Sowohl die Funktionalität von Abwassersystemen als auch die Ästhetik städtischer Grünanlagen sind wesentliche Elemente des modernen Städtebaus. Während des weitaus größten Teils des 20. Jahrhunderts wurde jedoch in der Stadtplanung nicht berücksichtigt, in welcher Konstellation zueinander Stadtbäume und Abwasserleitungen positioniert werden sollten. Der Wurzeleinwuchs in Abwasserleitungen ist infolgedessen zu einem Problem geworden, das größere finanzielle Belastungen nach sich zieht. Generell ist das Bewusstsein für die Problematik des Wurzeleinwuchses in Abwassersysteme sowohl bei den Planern im Kanalbau als auch bei den Grünflächenplanern gering. Häufig mangelt es an Wissen um die begrenzte Widerstandsfähigkeit von Rohrleitungen gegenüber Wurzeleinwuchs, kombiniert mit einer unzureichenden Kenntnis der Besonderheiten des Baum- und Wurzelwachstums im urbanen Bereich.
Ältere Arten von Beton- oder Tonröhren sind häufig anfälliger für Wurzeleinwuchs als moderne Leitungen, weil ältere Rohrverbindungen nicht völlig dicht sind. Untersuchungen über den Wurzeleinwuchs in moderne Steinzeug- oder PVC-Leitungen haben jedoch gezeigt, dass auch diese Materialien nicht gänzlich wurzelfest sind. Die Gründe hierfür sind noch nicht völlig geklärt.
Um Schäden durch das Eindringen von Wurzeln in das Kanalsystem effektiver vermeiden zu können, müssen heutzutage die Verantwortlichen in der Stadtplanung und im Städtebau ein höheres Bewusstsein und einen besseren Kenntnisstand insbesondere auf folgenden Gebieten entwickeln:
Wachstumsbedingungen am Baumstandort (bzw. am Pflanzstandort) und deren Bedeutung – Spezifische Anforderungen der einzelnen Spezies an ihren Standort.
Anfällige Stellen für Wurzeleinwuchs im Kanalsystem.
Artspezifische Unterschiede der Bäume in Bezug auf ihre Penetrationskraft von anfälligen Stellen im Kanalsystem.
Artspezifische Unterschiede der Bäume in Bezug auf das Wurzelwachstum im urbanen Raum.
Bedeutung des Baumstandorts in Relation zur Art, zur Tiefe und zur Verlegung von Rohrleitungen.
Gute Standortbedingungen für die Bäume verringern das Risiko des Wurzeleinwuchses in die Kanalisation. Wenn gefährdete Bereiche – wie Einstiegsschächte, Rohrverbindungen, Muffen, Materialübergänge und Übergänge zwischen Haupt- und Zuleitungen – geschützt werden und wenn bei der Verlegung der Leitungen besondere Sorgfalt angewandt wird, kann das Risiko noch weiter reduziert werden.
Ziel dieses Beitrags ist es, effektive Lösungen auf zuzeigen und das Verständnis für die Konfliktsituation, in der sich Baumwurzeln und Abwasserleitungen befinden, zu vertiefen.
Das Ziel der aktuellen Planungen ist es, das Problem des Wurzeleinwuchses soweit zu steuern, dass die Abwasser leitungen ihre technische Nutzungsdauer erreichen, d. h. ca. 100 Jahre. Ein gestiegenes Engagement für die Problematik sowie die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kanalbau und Grünflächenplanung haben zu effektiven Lösungen im Konflikt zwischen Leitungen und Bäumen geführt. Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem neuen Bericht, der im Rahmen der COST1 Aktion C15 unter dem Titel „Verbesserung der Beziehungen zwischen technischer Infrastruktur und Vegetation“, veröffentlicht wurde, einer Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Fachbereich Landschaftspflege und Garten bau der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU), der Thames Water UK, der Stadt Malmö und dem Schwedischen Wasser- und Abwasserverband.
2 Der Konflikt zwischen Baumwurzeln und Rohrleitungen
2.1 Bäume am Stadtstandort
Bäume und Kanalisationsleitungen konkurrieren um den begrenzten Raum, der ihnen im urbanen Bereich zur Verfügung steht – eine Situation, die zu kostenintensiven Konflikten führt. Im täglichen Sprachgebrauch wird jeder Baum im städtischen Umfeld als „Straßenbaum“ bezeichnet. Doch auch ein Straßenbaum ist ein Baum und er stellt dieselben Anforderungen an seinen Wuchsstandort, wie er dies in der freien Natur tun würde. Dieser Umstand wird häufig übersehen bei der Planung von Straßenbäumen. Die Wachstumsbedingungen im urbanen Umfeld unterscheiden sich jedoch erheblich von denen im natürlichen Habitat des Baumes.
Für einen Baum im urbanen Umfeld sind heutzutage die folgenden Wachstumsbedingungen typisch:
Beschränkte Größe der vorhandenen Baumscheibe bzw. der Pflanzgrube.
Versiegelte Oberflächen, die zu Sauerstoffunterversorgung und Kohlendioxidvergiftungen im Wurzelbereich führen.
Reduzierte Oberflächendurchlässigkeit, was zu mangelnder Wasserversorgung führt.
Fehlen der kontinuierlichen Zufuhr von organischem Material, was zu Nährstoffmangel und einer begrenzten Durchsetzung mit Mikroorganismen und Bakterien im Boden führt.
Technische Arbeiten, wie Grabungen oder Boden - verdichtungsmaßnahmen im Wurzelraum ziehen direkte Verletzungen nach sich, haben aber auch indirekte Auswirkungen auf den Baum.
Die Folgen solcher Standortbedingungen können sein:
Ältere Großbäume, bei denen das Baumumfeld verändert oder der Wurzelraum beschnitten wurde, stellen ihr Wachstum ein und sterben langsam ab; oder es kommt durch Verletzungen zu Infektionen mit holzzerstörenden Pilzen im Wurzelbereich mit der Folge, dass die Bäume nicht mehr standsicher sind.
Neu gepflanzte Bäume haben Probleme beim Anwachsen, sie entwickeln sich schlecht oder sterben ab.
Der Baum wächst an, hat aber eine reduzierte Lebensdauer.
Der Baum wächst an und expandiert zum Nachteil der umliegenden unterirdischen Infrastruktur (Wurzeleinwuchs in Abwasserleitungen, etc.).
Im Inneren der Rohrleitungen findet der Baum ein reiches Vorkommen an sonst begrenzten Ressourcen, wie Sauerstoff, Wasser und Nährstoffe; daher werden die Wurzeln, die in die Rohre hinein gewachsen sind, zunächst ein vermehrtes Wachstum zeigen. Durch die Tendenz von Baumwurzeln, sich verstärkt dort zu entwickeln, wo günstige Bedingungen herrschen, haben sie die besondere Fähigkeit, den Weg in die Leitungsgräben zu finden, die oftmals lockeres und gut belüftetes Füllmaterial enthalten. Dort angelangt folgt die Wurzel der Kondensationsfeuchte auf der Rohroberfläche, bis sie auf eine Schwachstelle im Rohrsystem trifft – dies können Risse, Rohrverbindungen oder Spalten an Anschlüssen sein – an denen sie in die Leitung hinein wächst. Sind sie in die Leitung eingedrungen, wachsen die Wurzeln sehr schnell und verursachen Verstopfungen oder Rohrbrüche im Abwassersystem, die durch Rückstau zu Überflutungen von Kellern und Straßen führen können. Dann wird der Konflikt zwischen Rohrleitungen und Baumwurzeln zur Realität (ORVESTEN et al. 2003).
Langfristig kann es durch den Fließwiderstand innerhalb der Rohrleitung zu anaeroben Bedingungen kommen (Abbildung 1), insbesondere in den sich ansammelnden Sedimenten. Dadurch entstehen weniger günstige Bedingungen für das Wurzelwachstum, die dann meist langsam absterben.
Abbildung 1: Durch Sedimente am Boden der Rohrleitung können sich anaerobe Bedingungen entwickeln
Die Kommunikation zwischen den Betreibern der Kanalisationssysteme (z. B. Abwasserverbände) und den Eigentümern der Bäume (z. B. Grünflächen- oder Umweltämter) ist in vielen Bereichen noch immer sehr dürftig (STÅL 1996; STÅL 1998). Es werden nur sehr wenige Mittel bereitgestellt, um Lösungen für diese Konfliktsituationen zwischen Baumwurzeln und Abwasserleitungen zu finden. Bei Abwasserverbänden und Grünflächenämtern ist das gegenseitige Verständnis häufig nur begrenzt und es ist nicht selten, dass sie im Gegenteil viel Mühe darauf verwenden, der jeweils anderen Seite die Schuld zuzuschieben. Diese Situation ist auf die Dauer sehr unbefriedigend und teuer, und es sind die Bürger der entsprechenden Kommune oder Stadt, die die Rechnung für dieses Kommunikationsproblem zahlen müssen.
2.2 Ursachen des Wurzeleinwuchses
Die Erfahrung hat gezeigt, dass die artspezifischen Anforderungen und Charakteristika verschiedener Baumarten in Bezug auf ihren Wuchsstandort von hoher Bedeutung für das Problem der Wurzelschäden an Rohrleitungen sind. In diesem Zusammenhang ist der tatsächliche Standort eines Baumes entscheidend für den Zeitpunkt, zu dem seine Wurzeln mit der umgebenden Infrastruktur in Konflikt geraten, d. h., ob und wann die Baumwurzeln in das Leitungssystem eindringen.
Wenn der Wuchsstandort nicht den artspezifischen Anforderungen des Baumes entspricht, wird diese Zeitspanne verkürzt. Seine Wurzeln werden sich allmählich ihren Weg in die Leitungsgräben bahnen, in denen die Rohrleitungen verlaufen. Das lockere Füllmaterial ist leicht zu durchwurzeln und schließlich wird das Wurzelsystem jede Eintrittsmöglichkeit in die Rohrleitung „gefunden“ haben. Häufig beschleunigt die schlechte Bodenbeschaffenheit am Pflanzstandort den Wurzeleinwuchs. So haben Erfahrungen aus Schweden gezeigt, dass der Pflanzstandort von hoher Bedeutung dafür ist, wie schnell sich Baumwurzeln entwickeln und in eine Leitung vorgedringen. Bei schlechten Standortbedingungen finden die Wurzeln ihren Weg in die Rohrleitungen relativ schnell, bei guten Wachstumsbedingungen am Pflanzstandort geht dieser Prozess hingegen beträchtlich langsamer vonstatten.
2.3 Wie wird das Wurzeleinwuchsrisiko eingeschätzt
Einige Eigenschaften von Bäumen, wie artspezifische Wachstumsrate, Wurzelenergie und Wasserbedarf sind von entscheidender Bedeutung für die Einschätzung des Wurzeleinwuchsrisikos in die umgebende Infrastruktur (ORVESTEN et al. 2003).
Für den Städteplaner ist es daher wichtig, sowohl die Eigenschaften der verschiedenen Baumarten zu kennen als auch die Wachstumsbedingungen am geplanten Pflanzstandort. Bei Baumarten, die feuchte Standorte bevorzugen und eine hohe Wachstumsrate haben, kann man also davon ausgehen, dass diese eine verstärkte Tendenz zum Eindringen in Rohrleitungssysteme zeigen. Es muss allerdings betont werden, dass grundsätzlich alle Baumarten fähig sind, mit ihren Wurzeln in Leitungssysteme einzudringen; es geht hier allein um die Frage des Ausmaßes und des Zeitpunktes, wann dies geschieht. Im Allgemeinen zeigen erwachsene Bäume mit einem großen Kronendurchmesser und entsprechend hohem Wasserbedarf während der Wachstumsperiode das höchste Schadensrisiko durch Wurzeleinwuchs.
2.4 Schwachstellen im Rohrsystem
Ein Kanalisationssystem besteht aus vielen miteinander verbundenen Rohrleitungen. Diese Verbindungen oder Anschlussstellen sind für das Eindringen von Wurzeln besonders anfällig. Es gibt derzeit kein komplettes Rohrleitungssystem, dass garantiert wurzelfest ist. Baumwurzeln sind in der Lage, alle derzeit auf dem Markt erhältlichen Rohrtypen zu durchdringen (STÅL 1995). Durchgehende Grundleitungen halten zwar die Baumwurzeln für die jeweilige Rohrlänge ab, aber sie können trotzdem durch Einstiegsschächte o. ä. in die Leitung eindringen. Es hat sich erwiesen, dass gerade Hausanschlusskanäle oder Einstiegsschächte das Eindringen von Wurzeln in das Kanalsystem begünstigen. Die Übergänge zwischen Rohrleitungen aus verschiedenen Materialien, wie PVC und Beton, sind ebenfalls sehr anfällige Bereiche im Kanalsystem und häufig Eintrittsstellen für Baumwurzeln (ORVESTEN et al. 2003).
Baumwurzeln haben eine bemerkenswerte Fähigkeit, in die kleinsten Zwischenräume vorzudringen und sie zeigen auch eine hohe Sensibilität für potenzielle Nährstoff- und Wasserquellen. Die Wurzeln „testen aus“, wo das Kanalsystem seine Schwachstellen hat und die Wurzelspitzen wachsen dann in undichte Muffenverbindungen, Risse im Rohrmaterial oder in Übergangsbereiche hinein. Mit Übergangsbereich sind sowohl Übergänge zwischen Abwasserleitung und Einstiegsschacht als auch zwischen Hausanschluss- leitung und Grundleitung gemeint.
Baumwurzeln dringen auf unterschiedliche Weise ein, je nachdem, ob die Rohrleitung Schmutzwasser oder Regenwasser führt.
Durch Schmutzwasserkanäle fließt permanent Wasser mit hohem Nährstoffgehalt; gleiches gilt auch für die mancherorts noch vorhandenen Mischwasserleitungen. Dies macht solche Kanäle für Pflanzen besonders anziehend und deshalb befindet sich in Abwasserleitungen häufig auch ein von oben herunter hängender Vorhang von Wurzeln. Wenn an einer Abwasserleitung darüber hinaus an einem Leck Schmutzwasser austritt, bildet sich unterhalb des Lecks ein anaerober Bereich (Abbildung 2), in dem keine Wurzeln wachsen, was aber zu einem vermehrten Eindringen von der Seite und von oben in das Rohr führt, ausgehend von Substrat, das wahrscheinlich entweder feucht oder gesättigt, aber aerob ist. Mit dem Schmutzwasser können ebenfalls Phosphate oder andere Nährstoffe exfiltrieren, die das Wurzelwachstum stimulieren.
Abbildung 2: Im anaeroben Milieu unterhalb des Lecks ist kein Wurzelwachstum möglich
Reine Regenwasserleitungen führen nicht ständig Wasser und können in Perioden mit geringem Niederschlag komplett austrocknen. Daher dringen die Wurzeln häufig von der Unterseite in die Regenwasserleitung ein, da hier die Wachstumsbedingungen für die Wurzeln durch die Restfeuchtigkeit besonders günstig sind.
2.5 Alte und neue Rohrleitungen
Ältere Steinzeugrohre scheinen stärker von Wurzelwachstum befallen zu sein als neuere Rohrtypen. Es ist aber schwierig, den Einfluss der Materialermüdung bzw. des Alters von dem Einfluss der unterschiedlichen Dichtungstechnik in den früher verlegten Rohrverbindungen zu unterscheiden. Umfangreiche Kanalkontrollen mittels Kanal-TV, die bis 1999 in Großbritannien durchgeführt worden sind, haben ergeben, dass 12,5 % aller in Lehmböden verlegten Abwasser rohre und 15,1 % aller in sandigen Böden verlegten Abwasserrohre Wurzeleinwuchs aufwiesen. In fast allen Fällen waren die Wurzeln durch die Rohrverbindungen eingedrungen. Die Rohre wiesen ein durchschnittliches Alter von 80 Jahren auf, wobei einige neu und andere 120 Jahre alt waren.
Sowohl die Dauer der Beanspruchung als auch der Zeitpunkt der Verlegung beeinflussen den Wurzeleinwuchs. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die Entwicklung der städtebaulichen Stile (Baumstandorte), auf die verwendeten Rohrverbindungen und auf die Fachkenntnisse der Monteure vor Ort.
Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war das vorherrschende Verfahren der Rohrverbindung das Abdichten mit Mörtel und Teerstrick (Abbildung 3).
Abbildung 3: Muffe mit Mörtel und Teerstrickdichtung
In den 60er und 70er Jahren ging man zu Elastomerdichtungen über, anfangs mit natürlichem Gummi in Form von Kautschuk-Elastomer-Ringen (Abbildung 4). Aufgrund der begrenzten Haltbarkeit von natürlichem Kautschuk verwendete man später EPDM-Dichtungen, die leichter vor Ort zu verarbeiten waren. Üblicherweise verwendete man Lippendichtringe oder Gleitringdichtungen (Abbildung 5).
Abbildung 4: Muffe mit Gummidichtung
Abbildung 5: Gleitringdichtung bzw. Lippendichtring
Die Hauptkriterien bei der Entwicklung der Dichtungstechnik waren:
Einfache Handhabung auf der Baustelle
Dichtigkeit
Biologische/Chemische Beständigkeit.
Untersuchungen über den Wurzeleinwuchs in moderne Kanalrohre aus Beton oder PVC, wie sie zuletzt in Schweden, in Großbritannien und in Deutschland durchgeführt wurden, haben nahe gelegt, dass auch diese neuen Rohrtypen nicht völlig wurzelfest sind. Diese Vermutung beruht vor allem auf den Forschungsergebnissen aus Schweden (STÅL & ROSENLÖF 1995) und Deutschland (BOERESCH 1996; BENNER-SCHEIDT & SCHMIEDENER 2004) und Dänemark (RANDRUP 2000; RANDRUP et al. 2001). Hierbei wurden Untersuchungen an neuen Kanalrohren durchgeführt, die Wurzeleinwuchs aufwiesen. Diese Ergebnisse, die das ganze Ausmaß des Problems des Wurzeleinwuchses deutlich machen, haben Zweifel daran aufkommen lassen, dass moderne Rohrleitungstypen einen effektiven Schutz gegen Baumwurzeln bieten.
3 Bewertung und Prüfung von Beton- und PVC-Rohren
3.1 Bisherige Prüfverfahren
Früher ging es den Herstellern von Rohrverbindungen darum, wasserdichte Muffen zu produzieren, um Infiltrationen und Exfiltrationen zu verhindern; über das Wachstum von Baumwurzeln oder deren Durchwuchskraft hatten sie keinerlei Erkenntnisse. Einige Hersteller haben zwar in begrenztem Umfang ihre Produkte auf Wurzeldichtheit geprüft, aber diese Tests liefen häufig nur über kurze Perioden (meist 1 Jahr), und die verwendeten Pflanzenarten verhielten sich nicht so wie die Spezies, die in der Praxis die Probleme verursachen. So wurde sehr wahrscheinlich mit Grassorten und Lupinen getestet, während die meisten Wurzelschäden auf Weiden und Pappeln zurück zu führen sind.
Damit ein Prüfverfahren zur Produktionsnorm wird, muss es wiederholbar und einfach in der Durchführung sein. Tests auf Leckdichtigkeit sind simpel durchzuführen und können direkt gemessen werden. Tests auf biologische und chemische Beständigkeit sind schon schwieriger in der Durchführung, aber machbar. Bei Baumwurzeln allerdings gibt es einen beträchtlichen Zufallsfaktor, der eine direkte Auswertung problematisch macht (z. B. Sonnenlicht, Niederschlagsmenge, Temperatur, Stärke der Ursprungspflanze, etc.). Ein weiteres Problem ist das langsame Wachstum der Baumwurzeln.
Folglich gibt es bis heute in keiner technischen Norm für Kanalrohre einen direkten Test auf Wurzeldichtigkeit. Man verlässt sich auf Ersatzkriterien, die geeignet scheinen, um für Wurzeldichtigkeit herangezogen zu werden, hauptsächlich Dichtigkeit, Druckfestigkeit und Kontaktweite der Muffenkomponenten (Tabelle 1).
Die aktuellen technischen Anforderungen an die Druckfestigkeit von Kunststoffmuffen scheinen viel zu niedrig, um das Einwachsen von Wurzeln zu verhindern (BOERESCH 1996).
Man muss daher feststellen, dass die technische Entwicklung auch weiterhin – wie bisher – ohne hinreichende Kenntnis der biologischen Mechanismen erfolgt, die das Wurzelwachstum steuern. Im Laufe der Jahre haben mehrere Forscher nachgewiesen, dass Wurzelspitzen von Pflanzen Axialdrücke von über 2,6 MPa entwickeln können (PFEFFER 1893; TAYLOR & RATLIFF 1969; MATTHECK et al. 1996).
Tabelle 1: Druckfestigkeiten und Weiten nach verschiedenen Normen
| Norm | Ursprüngliche Druckfestigkeit der Dichtung (MPa) | Druckfestigkeit nach 50 Jahren (MPa) | Minimale Kontaktweite (mm) |
| AS 1260 1984 | 0,55 | 0,35 | 7 |
| NZS 7649 | 0,40 | 4 | |
| AS 1260 1966 | 0,4 | 4 | |
| AS 1741 | 0,55 | 0,35 | 7 |
| ASTM C425 | 0,21 | ||
| EN 1916 | 0,15 | 5 |
Wurzeln sind darüber hinaus in der Lage, ihre Form zu verändern und sich radial auszubreiten, wenn sie auf Widerstand im Boden stoßen. Sie verjüngen sich dabei zunächst, um dann wieder ihre ursprüngliche Stärke zu erreichen (HETTAIRATCHI 1990). Dieses Verhalten konnte bei Versuchen mit Geotextilien als Wurzelsperre beobachtet werden (WAGAR & BAKER 1993, STÅL 1995). In diesen Versuchen reduzierten die Wurzeln ihren Durchmesser drastisch so stark, bis sie durch die feinen Poren der Geotextilien hindurch wachsen konnten, nach dem Hindernis verdickten sich die Wurzeln wieder bis fast auf ihren ursprünglichen Durchmesser. Anzumerken ist allerdings, dass die Tests der maximalen Axialdrücke von Wurzeln im Allgemeinen fast ausschließlich an den Wurzeln von einjährigen Sämlingen durchgeführt wurden und nicht an den Wurzeln erwachsener Bäume.
Es ist also von entscheidender Bedeutung, die Kenntnisse über die Mechanismen, die den Wurzeleinwuchs in Rohrleitungen steuern, zu vertiefen. Zu diesem Zweck hat der Fachbereich Landschaftspflege und Garten bau der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften einen Großversuch angelegt, bestehend aus Beton- und PVC-Rohren und Pappeln (Populus canadaensis var. robusta), die direkt über den Rohren gepflanzt wurden.
3.2 Ziele und Versuchsaufbau
Die Ziele dieses Versuchs waren erstens die Penetrationskräfte der Baumwurzeln zu bestimmen und zweitens wissenschaftlich zu untersuchen, wie effektiv handelsübliche Kunststoffmuffen für Abwasserrohre (aus Beton und aus PVC) einen Wurzeleinwuchs verhindern können. Im Mai 2004 wurde der Versuch beendet und die Rohrleitungen wurden ausgegraben und untersucht. Diese Arbeiten wurden gemeinsam mit Vertretern von Thames Water UK ausgeführt, und zwar im Rahmen der COST Aktion C15 „Verbesserung der Beziehungen zwischen technischer Infrastruktur und Vegetation“.
Von 1994 und 1997 wurden die Abwasserkanäle der Versuchsanlage mit einer Kanalfernsehanlage überprüft und die Bilder dokumentiert. Die Ergebnisse der Untersuchungen an den Dichtungen und Verbindungen wurden in zwei Kategorien aufgeteilt: eine für Betonrohre und eine für PVC-Rohre. Die Anlage wurde im April 1993 als ein geschlossenes System von 32 m Länge eingebaut. Hierbei wurden Beton- und PVC-Rohre miteinander verbunden (12 Testverbindungen pro Material). Drei PVC- und drei Betonrohrverbindungen wurden als völlig unbeschädigte und einwandfrei verlegte Testverbindungen verlegt, andere wurden bestimmten Drücken ausgesetzt oder beschädigt verlegt, um das Material unter so unterschiedlichen Bedingungen wie möglich zu testen.
Einige Verbindungen waren mit einer weiteren externen Dichtung in Form eines selbstvulkanisierenden Tapes ausgestattet. Die verschiedenen getesteten Verbindungstypen sind in Tabelle 2 dargestellt. Die 1 m langen Rohre wurden gemäß den Schwedischen Verfahrensnormen durch erfahrene Kanalbauer des Wasserverbandes Malmö verlegt. Die Pappeln (Populus canadaensis ‘Robusta’) wurden direkt über jeder Rohrverbindung in Mutterboden gepflanzt und hatten optimale Wachstumsbedingungen (Abbildung 6). Das Wasser zirkulierte in etwa 70 cm Tiefe durch die Rohrleitungen, der Grundwasserspiegel in dem Gebiet stand bei ca. 1 m Tiefe.
Tabelle 2: Testverbindungen im Versuch
| PVC-Rohrverbindungen | Beton-Rohrverbindungen |
| A: Manipulierte Rohrverbindung: Holzkeil in Muffe eingeführt Anzahl Verbindungen Muster A = 3 | A: Manipulierte Verbindung mit Riss im Scheitelpunkt Anzahl Verbindungen Muster A = 3 |
| B: Unveränderte Verbindung Anzahl Verbindungen Muster B = 3 | B: Unveränderte Verbindung Anzahl Verbindungen Muster B = 3 |
| C: Unveränderte Verbindung mit vulkanisierendem Tape über der Dichtung Anzahl Verbindungen Muster C = 3 | C: Unveränderte Verbindung mit vulkanisierendem Tape über der Dichtung Anzahl Testverbindungen dieses Musters: C = 2 |
| D: Rohr hinter der Verbindung eingesägt und mit vulkanisierendem Tape repariert Anzahl Verbindungen Muster D = 3 | D: Rohr hinter der Verbindung eingesägt und mit vulkanisierendem Tape repariert Anzahl Verbindungen Muster D = 3 |
| Verbindung für Übergang zwischen PVC- und Betonrohr, nur 1 Testkörper | E: Kanalbett mittig unter der Verbindung um 5 cm angehoben Anzahl Testkörper Muster E = 3 |
Abbildung 6: Versuchsanlage des Fachbereichs Landschaftspflege und Gartenbau der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Alnarp
Während der ersten fünf Wachstumsperioden waren die Rohre zu einem Drittel mit Wasser gefüllt, das während der Vegetationsperiode permanent in dem Rohrsystem zirkulierte. Von 1998 bis zum Ende des Versuchs im Jahr 2004 floss das Wasser nicht mehr permanent und es bestand kein konstanter Wasserspiegel mehr. Während dieser Phase war die Versuchsanlage eher als Regenwasserabflusssystem mit variierenden Durchflussmengen und Wasserständen anzusehen.
3.3 TV-Inspektion der Rohrleitungen
Die ersten Kontrollen mittels Kanal-TV wurden nach zwei Wachstumsperioden durchgeführt. Anhand dieser Videoaufzeichnungen konnte nur an einer Stelle eindeutig Wurzeleinwuchs diagnostiziert werden, und zwar an der Übergangsverbindung zwischen Beton und PVC-Rohr. Spätere TV-Kontrollen zeigten Wurzeleinwuchs an verschiedenen Rohrverbindungen, am deutlichsten zu erkennen war dies bei den Verbindungen, die vor der Verlegung manipuliert worden waren, so dass Wurzeln leicht eindringen konnten. Es wurde jedoch auch in einwandfreien und drucklos verlegten Verbindungen Wurzeleinwuchs beobachtet. Dies konnte aber nicht mit 100prozentiger Sicherheit bestätigt werden, so dass diese Beobachtungen mit dem Kommentar „Wurzeleinwuchs vermutet“ dokumentiert wurden.
Ein Grund für die unsichere Diagnose besteht darin, dass bei Rohrreinigungsarbeiten, die vor den TV-Kontrollen im Jahr 1996 und 1997 notwendig geworden waren, sehr wahrscheinlich kleine Wurzeln in den Rohrverbindungen abgefräst und entfernt worden sind. Zu dem Zeitpunkt war das eingedrungene Wurzelwerk so dicht geworden, dass man die Rohre reinigen und die Wurzeln kappen musste, damit der Kameraschlitten die Rohre überhaupt passieren konnte.
Wegen fehlender Forschungsgelder konnten ab 1997 keine TV-Kontrollen mehr durchgeführt und das Leitungssystem konnte nicht mehr konstant mit Wasser geflutet werden. Dies hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass die Rohre anschließend bis zum Ende des Experiments für die Pappelwurzeln nicht mehr so attraktiv waren. Darüber hinaus fanden die Pappeln an ihrem Standort äußerst günstige Wachstums bedingungen mit unbegrenztem Wurzelraum und genügend Wasser und Nährstoffen vor.
3.4 Ergebnisse der Untersuchung nach Ausgrabung der Rohre
Das Ausgraben der Rohre erfolgte per Bagger, unterstützt durch Druckluft, die mittels einer Lanze in das Erdreich gepresst wurde, um die Rohrverbindungen möglichst unbeschädigt bergen zu können. Danach wurden die Rohrverbindungen numeriert und als Ganzes zur späteren Untersuchung ins Labor verbracht. Sie wurden dafür mit Schraubbolzen gesichert, damit sich die Verbindungen während des Transports nicht lösen konnten.
Alle Verbindungen, die vorher manipuliert, eingesägt oder beschädigt worden waren, zeigten Wurzeleinwuchs, was niemanden überraschte. Für die drei einwandfrei verlegten Rohrverbindungen jedes Materialtyps wurden detaillierte Protokolle angefertigt, und zwar nach der Zifferblatt-Ansicht (12.00 Uhr = oben, 6.00 Uhr = unten) aus Querschnittperspektive (Tabelle 3).
Tabelle 3: Zusammenfassung – Einwuchsstellen der Baumwurzeln
| Uhrzeit | 11 | 12 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |
| Anzahl | 0 | 2 | 1 | 0 | 2 | 1 | 1 | 0 | 5 | 1 | 2 | 2 |
| Viertel | Oben | Rechte Seite | Unten | Linke Seite | ||||||||
| Gesamt | 3 | 3 | 6 | 5 | ||||||||
Im allgemeinen hatten die Wurzeln, die in die PVC-Rohrverbindungen eingedrungen sind, nur 0,1 bis 0,3 mm im Durchmesser, während die Wurzeln in den Betonrohren meist dicker waren, bis 3 mm im Durchmesser.
Die Rohroberflächen in der Nähe der Verbindungen wurden eingehend auf Defekte, wie z. B. Risse, untersucht, denen die Wurzeln gefolgt sein könnten. In den PVC-Rohren wurden feine Haarrisse innerhalb der Rohrmuffen gefunden, meist parallel zur Rohrachse, aber an keiner dieser Stellen waren Wurzeln eingedrungen. Alle Stellen, an denen Wurzeln eingedrungen sind, waren scheinbar unbeschädigt. Die meisten Wurzeln sind anscheinend der Muffenverbindung (Falz) gefolgt, drei von den zwölf Wurzeln, die in die Rohrverbindung der PVC-Rohre eingedrungen sind, wuchsen jedoch außerhalb der Dichtung.
Die Tatsache, dass am gesamten Rohrumfang Wurzeln eingewachsen sind, zeigt, dass Exfiltration von Abwasser keinen Einfluss auf den Wurzeleinwuchs hat. Von den 17 Einwuchsstellen befanden sich nur 5 unterhalb des Wasserstandes, d. h. in zwölf Fällen sind sie von oben bzw. von den Seiten eingedrungen. Bei der TV-Kontrolle und bei der späteren Untersuchung einiger Rohrverbindungen konnte man die feinen Wurzelhaare, die sich innerhalb und außerhalb der Muffen an die Rohroberfläche angeheftet hatten, genau erkennen. Dies unterstützt die Theorie, dass Kondensationsfeuchte ein wichtiger Faktor ist. Das Auftreten von Kondensationsfeuchte dürfte mit zunehmender Entfernung zur Rohröffnung im Inneren des Rohrs und an der Außenseite immer unwahrscheinlicher werden.
Die Nummerierung der Testverbindungen entspricht im Übrigen ihrer jeweiligen Entfernung vom Rohrende in Metern.
Abbildung 7: Wurzeleinwuchs in Testverbindung B (Beton) – unveränderte Rohrverbindung

Abbildung 8: Wurzeleintritt in Testverbindung E (Beton) – Kanalbett mittig unter der Verbindung um 5 cm angehoben

Abbildung 9: Wurzeleinwuchs in Testverbindung B (PVC-Rohr) – unveränderte Rohrverbindung
4 Aspekte der Stadtplanung
Wurzelschäden an Abwasserkanälen führen zu hohen Kosten für die öffentlichen Kassen. Auch neue Abwasser rohre sind nicht wurzelfest. Es ist nicht immer möglich, Konflikte zwischen Stadtbäumen und Abwasserkanälen zu vermeiden, denn Städteplaner wollen zum einen städtebaulich attraktive Straßen mit Bäumen und viel Grün, gleichzeitig aber auch eine funktionierende Kanalisation (ORVESTEN et al. 2003).
Was ist zu tun? Müssen wir auf das eine oder andere verzichten – d. h., entweder keine Straßenbäume mehr pflanzen oder keine unterirdischen Leitungen mehr verlegen?
Auch in heutigen Bebauungsplänen für urbane Bereiche werden Bäume noch häufig nach ihrer ästhetischen Form ausgesucht und z. B. in von Pflaster umschlossene, nur 1,2 × 1,2 m große Pflanzlöcher eingesetzt, die höher liegen als die umliegenden Flächen und mit Holz- oder Metallgittern versehen werden. Gleichzeitig werden ohne Rücksicht auf bestehende oder zukünftige Vegetation unterirdische Leitungen geplant. Dieses Verhalten führt zu erschwerten Lebensbedingungen für Stadtbäume, was wiederum zu Wurzeleinwuchs und nachfolgend zu Schäden an der unterirdischen Infrastruktur führt.
Planer und Architekten sollten bei ihrer Arbeit mehr Augenmerk darauf richten, gleichermaßen gute Bedingungen für Bäume und für die technische Infrastruktur, in diesem Fall für das Abwassersystem, zu schaffen, so dass ein Konflikt erst so spät wie möglich auftritt; im Idealfall erst zum Ablauf der technischen Lebensdauer der Rohrleitungen. Die technische Lebensdauer eines Abwassersystems beträgt etwa 100 Jahre – und dies sollte auch für einen Baum gelten!
Nach heutigem Wissensstand wird der Zeitpunkt, zu dem Baumwurzeln in ein Kanalsystem eindringen, von folgenden Faktoren bestimmt:
Welche Baumspezies gibt es an dem betreffenden Standort?
Wie wird der Baumstandort vorbereitet?
Wie groß ist der Abstand zwischen Baum und Rohrleitung?
Welche Präventivmaßnahmen gegen Wurzeleinwuchs werden ergriffen?
Welcher Rohrtyp, welches Rohrmaterial, welches Verlegeverfahren wird gewählt?
Der Städteplaner bzw. Architekt kann also großen Einfluss darauf nehmen, wann das Problem Wurzeleinwuchs auftritt, indem er beispielsweise folgende Präventivmaßnahmen ergreift:
Planung von Bäumen nur an Standorten, an denen geeignete Bedingungen herrschen oder geschaffen werden können. Andernfalls Plan aufgeben!
Geeignete Baumarten nach ihren artspezifischen Anforderungen auswählen.
Die Baumscheibe bzw. die Pflanzgrube entsprechend den Anforderungen der ausgewählten Baumart gestalten.
Präventive Maßnahmen vorsehen, wie z. B. Wurzelsperren, um zusätzlich Wurzeleinwuchs zu verhindern, wobei die alleinige Verwendung von Wurzelsperren nicht ratsam ist, da es zum „Blumentopf-Effekt“ kommen kann.
Es konnte nachgewiesen werden, dass der Zeitpunkt des Auftretens von Wurzelschäden verzögert werden kann, wenn der Stadtplaner/Architekt die oben beschriebenen Präventivmaßnahmen an den anfälligsten Stellen des Abwassersystems umsetzt (ORVESTEN et al. 2003).
5 Fallbeispiel: Folgen von Wurzeleinwuchs bei unterschiedlichen Planungsvarianten von Bäumen und Abwasserleitungen (Auszug aus ORVESTEN et al. 2003)
Das folgende Fallbeispiel hat nicht zum Ziel, exakte Maße und Daten zu liefern, vielmehr soll es ein vollständigeres Bild davon geben, welche finanziellen Konsequenzen Planungsentscheidungen, wie Baumwahl oder Standortwahl haben können.
Die vorliegende Analyse der Folgekosten von Wurzeleinwuchs basiert auf einer Kostenkalkulation, die für das Gebiet Vanåsgatan in Malmö, Schweden, erstellt wurde. Wir möchten darauf hinweisen, dass den dargestellten Kurven keine wissenschaftliche Datenbasis zugrunde liegt und dass die verzögernden Wirkungen der unten aufgezeigten Präventivmaßnahmen Schätzwerte darstellen.

Abbildung 10: Der hier abgebildete Baum wurde direkt über einer Regenwasserleitung gepflanzt: Der Rohrdurchmesser ist klein und das Rohr verläuft in einer Tiefe von 2,5 m; die Distanz zwischen Boden des Pflanzbettes und Oberseite des Kanalbetts beträgt nur 1,2 m; das Kanalbett besteht aus lockerem und leicht durchwurzelbarem Substrat (nach ORVESTEN et al. 2003).
Folgende Daten wurden für das Beispiel zu Grunde gelegt:
Pflanzstandort: Horizontale Distanz zwischen Baum und Rohrleitung verändert (s. u.)
Baumumfeld: Gepflasterte Umgebung mit kleinem Pflanzgrubenvolumen (ca. 4 m3)
Baumart (Beispiel): Baumart mit geringer Wurzelenergie (z. B. Holländische Linde (Tilia × europaea)) Geschätzte Baumlebensdauer: 150 Jahre
Rohrtyp: Regenwasserleitung aus Beton, Ø 400 mm
Geschätzte technische Lebensdauer: 100 Jahre
Rohrtiefe: 2,5 m
Alternative 1: Diese Kurve zeigt die tatsächlichen Kosten für das Projekt Vanåsgatan in Malmö mit der Spezies Silberweide (Salix alba), einer Pionierart mit hoher Wurzelenergie. Diese Kurve wurde hier als Basis für die Prognoserechnung herangezogen. Sie wird durch den Effekt verschiedener Präventivmaßnahmen in der Zeit verschoben (Alternativen 2 und 3). Wurzelprobleme traten in Vanåsgatan nach etwa 40 Jahren auf (ROLF & STÅL 1994).

Abbildung 11: Hier wurden dem Baum drei verschiedene Standorte zugewiesen: Durch eine vergrößerte Distanz wird der Zeitpunkt des Wurzeleinwuchses nach hinten verschoben; wenn horizontale und vertikale Wurzelsperren verlegt werden, wird dieser Zeitpunkt noch weiter nach hinten verschoben (nach ORVESTEN et al. 2003)
Alternative 2: Der Planer hat einen Baum mit geringer Wurzelenergie (Tilia × europaea) direkt über die Rohrleitung platziert ohne jegliche Präventivmaßnahmen. Dies führt zu raschem Wurzeleinwuchs, so dass das Wurzelproblem nach etwa 45 Jahren akut wird. Kanalsanierung und Baumverpflanzung oder Neuanpflanzung müssen erfolgen. Die ursprüngliche Investition hat eine kürzere Laufzeit, also höhere Kosten pro Zeiteinheit
Alternative 3: Bei dieser Variante hat der Planer vorgesehen, den Baum mit einer horizontalen Distanz von 2 m zur Rohrleitung zu pflanzen; Präventivmaßnahmen werden ergriffen. Weiterhin entscheidet sich der Planer für eine optimierte Pflanzgrube mit überdurchschnittlich großem Volumen von mindestens 10 m3 (verfüllt mit grobem Substrat, sofern erforderlich). Der erwartete Zeitpunkt des Wurzeleinwuchses wird weiter nach hinten verschoben.
Alternative 4: Der Planer hat hier die Möglichkeit, eine noch größere Distanz von 3 m zu wählen; alle anderen Faktoren entsprechen denen der Alternative 3.
Kommentar: Die Wahl des Baumstandortes und die Anwendung von Präventivmaßnahmen haben auf die Entwicklung künftiger Kosten entscheidenden Einfluss. Durch das Einhalten einer möglichst großen kritischen Distanz können Investitions- und Unterhaltungskosten gesenkt werden.
Der geschätzte Zeitpunkt des Wurzeleindringens wird noch weiter in die Zukunft versetzt. Diese Alternative verursacht die geringsten Investitions- und Unterhaltungs kosten pro Zeiteinheit.
Zusammenfassung der Beispiele
Stadtplaner haben unter bestimmten Umständen die Möglichkeit, das Problem des Wurzeleinwuchses hinauszuzögern und damit die Unterhaltskosten zu senken. Die Planungsparameter, die direkten Einfluss auf den Zeitpunkt des Wurzeleindringens haben, sind: Wahl der Baumart, Rohrtyp, Rohrdurchmesser, Standortbedingungen, standortverbessernde Maßnahmen, Distanz zwischen Baum und Rohrleitung und Wahl der Wurzelsperre. Die Graphik aus Abbildung 12 wird in Tabelle 4 zusammengefasst.
Abbildung 12: Finanzielle Auswirkungen der Platzierung von Bäumen in die Nähe von Abwasserleitungen (alternative Standortwahl, Wurzelsperre, etc.) (nach ORVESTEN et al. 2003)
Kommentar: Kleine Rohrdurchmesser sind erheblich anfälliger für Wurzeleinwuchs, daher sind in diesen Fällen die Baumwahl, die Standortfrage und Präventivmaßnahmen besonders wichtig. Daher müssen die Auswahl der geeigneten Baumspezies, der richtige Pflanzstandort, etc. sehr viel sorgfältiger durchgeführt werden, als dies bisher meist der Fall war. Dann kann Wurzeleinwuchs verhindert oder deutlich verzögert werden. Rohre mit kleinem Durchmesser verstopfen schnell, wenn die Wurzeln einmal eingedrungen sind, und die Situation kann rasch akut werden. Wenn ein Baum in nächster Nähe zu einem dünnen Rohr steht, ist die Gefahr des Wurzeleinwuchses extrem hoch, selbst wenn Wurzelsperren verlegt wurden und die richtige Baumart ausgewählt wurde. Daher sind bei solchen Planungen die das Baumwachstum bestimmenden Parameter, wie Pflanzgrubenvolumen und andere Standortbedingungen zu berücksichtigen, um Wurzeleinwuchs zu verhindern oder zu verzögern.
Tabelle 4: Bedeutung des Rohrdurchmessers für den Wurzeleinwuchs
Die Wahl der präventiven Maßnahmen muss auch in Abhängigkeit von der jeweiligen Baumart, den Standortbedingungen und dem Rohrtyp (nach ORVESTEN et al. 2003) erfolgen
| Rohrdurchmesser | Anfälligkeit für Wurzeleinwuchs | Wichtige Planungsparameter | Sekundäre Planungsparameter |
| klein (< 300 mm) | Hoch | Baumart, Baumstandort, Standortverbesserung, Wurzelsperren | |
| groß (> 600 mm) | Niedrig | Baumart, Standortverbesserung, Wurzelsperren | Standort |
Literatur
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Autoren
Bsc. Eng. Don Ridgers arbeitete 2005 bei Thames Water, Großbritannien und verfügt über eine 30jährige Erfahrung in der Wasserindustrie; sein Hauptarbeitsgebiet ist die Kanalisation.
Agr. Lic Kaj Rolf war 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU) und hat dort den Komplex Boden und Wurzeln bearbeitet.
Dipl. Ing. Örjan Stål hat zeitweise ebenfalls als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der SLU gearbeitet und war 2005 bei der Firma SWECO VBB AB beschäftigt.
Kontakt: Orjan.stal@viosab.se
* Nachdruck aus/Reprint from Jahrbuch der Baumpflege 2005
1 COST = Coopération européenne dans le domaine de la recherche scientifique et technique = Europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichen und technischen Forschung
Gesunde Bäume trotz Leitungsbau – Handlungsempfehlungen für einen fachgerechten Baumschutz *
Healthy trees despite trenching – recommendation for tree protection
von Horst Stobbe und Thomas Kowol
Zusammenfassung
Leitungstrassen sollten möglichst außerhalb des Wurzelbereiches und falls dies nicht möglich ist, soweit wie möglich vom Stamm entfernt verlegt werden. Innerhalb des Wurzelbereiches sind Baumschutzmaßnahmen mit entsprechenden Vorgaben hinsichtlich der Durchführung der Leitungsverlegungen erforderlich. Besondere Bedeutung hat hierbei die Planung der Baumaßnahme unter Berücksichtigung des Baumbestandes. Ziel der vorliegenden Arbeit ist aufzuzeigen, wie ein Erhalt von gesunden Bäumen trotz Durchführung von Leitungsbaumaßnahmen möglich ist. Auf Basis von Normen und Regelwerken sowie Praxiserfahrungen werden Handlungsempfehlungen für den Baumschutz gegeben.
Summary
Trenching for the installation of pipes or wires should be outside the rooting area of trees or as far away as possible from the trunk of the tree. If work has tobe carried out within the rooting area of trees it is necessary to protect roots of more than 2 cm in diameter from being cut or damaged. In the planning phase trees should be described in a map (position of the tree, crown diameter respectively size of the rooting area). The aim of this paper is to show how to maintain sound and healthy trees despite trenching. On the basis of the German rules and regulations as well as on practical experiences recommendations for tree protection during construction are given.
1 Einleitung
Der Baumschutz auf Baustellen im urbanen Bereich hat seit längerem eine immer größere Bedeutung bekommen, zum einen aufgrund eines stärkeren Umwelt bewusstseins der Bevölkerung und zum anderen aufgrund des begrenzten Platzes im öffentlichen Straßenraum (BLAUERMEL 1968, 1978). Letzteres bedingt, dass bei der Verlegung neuer Leitung immer dichter an Bäume herangerückt wird und hierdurch ein zunehmendes Konfliktpotenzial entsteht (Abbildung 1). Aufgrund umfangreicher Baumschäden als Folge nicht fachgerecht und/oder nur unzureichend ausgeführter Schutzmaßnahmen wurden verschiedene Normen und Regelwerke hierzu erarbeitet (DUJESIEFKEN 2000), z. B. das Merkblatt über Baumstandorte und unterirdische Ver- und Entsorgungsleitungen (1989), die RAS-LP 4 (1999) und die DIN 18 920 (2002). Auf Basis dieser Regelwerke und der langjährigen Erfahrungen des Instituts für Baumpflege bei der Betreuung von Baumaßnahmen im Bereich von Bäumen werden Probleme und Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und anschließend Handlungsempfehlungen für einen fachgerechten Baumschutz gegeben.
Abbildung 1: Im innerstädtischen Bereich führt der Mangel an Platz zum Konflikt zwischen Baum und Leitung
2 Baumschäden auf Baustellen
Die Erfahrungen in der Praxis zeigen, dass häufig trotz entsprechender Vorschriften bzw. trotz der vorhandenen Normen und Regelwerke Baumbestände mehrere Jahre nach Hoch- und Tiefbaumaßnahmen erhebliche Schäden aufweisen oder sogar absterben (BALDER 1988, 1990; DUJESIEFKEN 1993). Ursache für die Schäden sind vor allem Beeinträchtigungen im Wurzelbereich der Bäume (Abbildung 2). Diese um fassen nicht nur mechanische Verletzungen wie Wurzelabrisse und Quetschungen, sondern auch Bodenverdichtungen und Veränderungen der Bodenzusammensetzung durch den Eintrag von Fremdstoffen. Holzbiologische Untersuchungen belegen, dass vor allem Altbäume empfindlich auf Standortveränderungen und Wurzelverletzungen reagieren und nach Bauvorhaben oftmals innerhalb weniger Jahre starke Schäden zeigen (BLAUERMEL 1978; DUJESIEFKEN 1993; WATSON & NEELY 1993, 1995; BALDER 1998; HARRIS et al. 1999; ECKSTEIN 2000).
Abbildung 2: Wurzelverletzung bei nicht fachgerechter Leitungsverlegung
Auf Baustellen kommt es häufig zu Schäden an Bäumen. Dies gilt für Hoch- und ebenso für Tiefbaumaßnahmen. Die Verlegung von Versorgungs- und Entsorgungsleitungen wird im Vergleich z. B. zum Straßenbau hinsichtlich des Schadenspotenzials häufig unterschätzt. Bei Leitungsbaumaßnahmen hat man es zudem typischerweise mit weniger offensichtlichen Schäden zu tun, anders als zum Beispiel bei Stammverletzungen sind die Beeinträchtigungen an den Wurzeln verdeckt. Beim Ausheben von Leitungsgräben mit einem Bagger werden vor allem auch Wurzeln außerhalb der Trasse beschädigt oder abgerissen. Auch durch den Einsatz so genannter Mini-Bagger, z. B. bei Neuanlage oder Reparatur von Hausanschlüssen, kann es zu starken Schäden an Bäumen kommen.
Beeinträchtigungen im Wurzelbereich führen, je nach Umfang, nach Monaten oder erst nach Jahren zu erkennbaren Schadsymptomen in der Krone: Durch Wurzelverluste kommt es zu einer Minderversorgung der Krone mit Wasser und Nährstoffen und je nach Schwere des Eingriffs auch zu sichtbaren Kronenverlichtungen. Sind stärkere Wurzeln betroffen, kann sich ein Pilzbefall von den Wunden ausgehend bis in den Wurzelstock hinein ausbreiten und nach Jahren die Verkehrssicherheit des Baumes gefährden; ein Zusammenhang mit den zuvor erfolgten Bauarbeiten ist häufig nicht mehr ohne weiteres erkennbar. Bei starken Wurzelverlusten kann auch direkt nach der Baumaßnahme die Standsicherheit des Baumes nicht mehr gewährleistet sein und dann ist die Fällung häufig unausweichlich.
Zusätzlich zu der direkten Schädigung des Wurzelwerkes durch Wurzelverletzungen und Wurzelkappungen kann es auch zu gravierenden Schädigungen durch Bodenverdichtung kommen, z. B. durch Baumaschinen. Durch die Verdichtung werden der Gasaustausch und der Sauerstoffgehalt im Boden vermindert. Da auch Wurzeln atmen und auf Sauerstoff angewiesen sind, kommt es zum Absterben von Teilen des Wurzelwerks. Hierdurch wird wiederum ein Mangel in der Wasser- und Nährstoffversorgung verursacht, und als Folgewirkung zeigen sich Schäden in der Krone. Weiterhin können auch in die hierdurch abgestorbenen Wurzeln holzzerstörende Pilze eindringen, die zu einer massiven Fäule im Wurzelstock führen können.
3 Ausdehnung von Wurzeln auf urbanen Standorten
Aus der forstlichen Literatur sind drei unterschiedliche Wurzelsysteme von Bäumen bekannt (KÖSTLER et al. 1968; BRAUN 1982): Bei ungestörter Entwicklung bilden Tanne, Kiefer und Eiche ein Pfahlwurzelsystem aus, während die meisten einheimischen Baumarten eher ein Herzwurzelsystem entwickeln, so z. B. Lärche, Birke und Hainbuche. Die eher flachstreichenden Wurzeln von Fichte, Esche und Pappel werden in der forstlichen Literatur als Senkerwurzelsystem bezeichnet. Zudem haben die Bodeneigenschaften einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Wurzelsystems, so dass Bäume der gleichen Art auf z. B. Sand- oder Lehmboden unterschiedliche Wurzelsysteme aufbauen (POLOMSKI & KUHN 1998; KUTSCHERA und LICHTENEGGER 2002).
Die Größe des Wurzelbereichs von Bäumen kann somit sehr unterschiedlich sein, und zwar in Abhängigkeit von der Bodenstruktur und der Baumart. Insbesondere auf anthropogen veränderten Stadtstandorten, die im urbanen Bereich nahezu überall vorliegen, kann die Lage und Stärke der Wurzeln oftmals stark variieren. Auf den meisten Stadtstandorten können sich Wurzeln nicht ungestört entwickeln, sondern unterliegen aufgrund veränderter Bodenstrukturen, z. B. eingebrachtem Bauschutt oder sehr stark verdichteten Böden unter Fahrbahnen, z. T. erheblichen Einschränkungen. Aus diesem Grund sind häufig unmittelbar neben dem Baum nur in geringem Umfang Wurzeln zu finden, obwohl sich nach dem forstlichen Wurzelmodell hier ein umfangreiches Wurzelwerk ausgebildet haben müsste (Abbildung 3). Somit ist eine Vorhersage des Vorkommens von Wurzeln im urbanen Bereich nahezu unmöglich.
Wurzeln vermögen wasser- und nährstoffreiche Schichten des Bodens aufzusuchen und dadurch das pflanzenverfügbare Wasser und den Nährstoffvorrat des zugänglichen Bodenvolumens weitgehend auszunutzen (LYR et al. 1992). Aufgrund dieser Fähigkeit können sich die Wurzeln von Stadtbäumen gezielt in die Bodenbereiche hinein entwickeln, die ihnen ausreichend Wasser und Nährstoffe zur Verfügung stellen. Grobporige und damit sauerstoffreiche Bodenschichten wie sie beim Verfüllen von Leitungsgräben oder im Bereich von Fuß- und Radwegen verwendet werden, sind für Bäume auf eingeengten Standorten besonders interessant (LÖSKEN 1999; SCHRÖDER 2001; REICHWEIN 2002; HEIDGER 2004). Eine konzentrische Ausbildung des Wurzelwerkes in alle Richtungen ist somit auf urbanen Standorten relativ unwahrscheinlich. Werden in unmittelbarer Nähe von Bäumen Leitungen verlegt, können sich die Baumwurzeln nachfolgend stark im Bereich dieser Leitungstrassen ausbreiten und dabei z. T. erhebliche Schäden an den Leitungen verursachen (RIDGERS et al. 2004, BENNERSCHEIDT & SCHMIEDENER 2004).
Abbildung 3: Häufig finden sich unmittelbar neben dem Baum keine Wurzeln
Untersuchungen von ca. 3.000 Praxisfällen, bei denen Wurzeln von Bäumen Gebäude bzw. Leitungen beschädigt haben, zeigen auf, dass sich der überwiegende Teil der Wurzeln im unmittelbaren Wurzelbereich des Baumes befindet (CUTLER & RICHARDSON 1989). Im Extremfall können jedoch manche Baumarten mit ihren Wurzeln größere Entfernungen überwinden, um sich Wasser und Nährstoffe verfügbar zu machen. Hierbei sind besonders die Pioniergehölze Pappel und Weide zu erwähnen mit 30 bzw. 40 m maximaler Wurzellänge sowie Eiche (30 m), Ulme (25 m), Rosskastanie (23 m), Esche (21 m) und Linde (20 m). Hieraus ergibt sich, dass man mitunter auch weit außer halb des Wurzelbereiches nach DIN 18 920 einzelne starke Wurzeln oder sogar ein umfangreiches Wurzelwerk auffinden kann (Abbildung 4).
Abbildung 4: Vereinzelt kommen Starkwurzeln auch außerhalb des Kronenbereiches vor
4 Baumschutz in der Planungsphase
Um Schäden an Bäumen durch Leitungsbauarbeiten zu verhindern, sind unterschiedliche Maßnahmen möglich. Für den Baumschutz hat hierbei die fachgerechte Planung oberste Priorität. Nach Möglichkeit sollten im Wurzelbereich der Bäume keine Baumaßnahmen stattfinden. Aus diesem Grund sieht die DIN 18 920 vor, dass Gräben, Mulden und Baugruben im Wurzelbereich nicht hergestellt werden dürfen. Als Wurzelbereich gilt die Bodenfläche unter der Krone von Bäumen (Kronentraufe) zuzüglich 1,50 m, bei Säulenform zuzüglich 5 m nach allen Seiten. Daher sollten die Leitungstrassen möglichst außerhalb der Wurzelbereiche von Bäumen geführt werden. Ist dies im Einzelfall nicht möglich, sollte ein möglichst großer Abstand zum Stamm gewahrt bleiben. Der Mindestabstand gemäß RAS-LP 4 beträgt 2,50 m bzw. soll den vierfachen Stammumfang des Baumes nicht unterschreiten.
Zur Klärung der Frage, wo Wurzeln sich befinden, hat sich die Anlage von Suchgräben bewährt (Abbildung 5). In der Planungsphase von Baumaßnahmen ist eine derartige Voruntersuchung ein wertvoller Beitrag zum Baumschutz, da auf diese Weise das Bauvorhaben besser auf den Baumbestand abgestimmt werden kann. Wenn z. B. eine Leitung neben einer Baumreihe verlegt werden muss, kann es für die Bäume einen gravierenden Unterschied darstellen, auf welcher Seite der Baumreihe die Leitung verlegt wird. Oftmals befinden sich auf einer Seite viele Wurzeln, z. B. außerhalb einer Allee, auf der anderen Seite hingegen wenige. Die Anlage von Suchgräben gibt über die tatsächliche Durchwurzelung Klarheit, so dass die Planung der Baumaßnahme entsprechend darauf abgestimmt werden kann.
Bei der Planung von Leitungsbaumaßnahmen im Bereich von Bäumen ist stets darauf zu achten, dass die Bäume korrekt eingemessen und die Baumstandorte in den Plänen exakt festgehalten werden. Zudem ist es wichtig, auch die Kronendurchmesser in Plänen darzustellen, insbesondere wenn zur Durchführung der Baumaßnahme großes Gerät und eventuell Kräne zur Anwendung kommen. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass nicht nur die Baumaßnahme an sich eine Schädigung der Wurzeln der Bäume darstellt, sondern möglicherweise auch der Baustellenverkehr sowie Bodenlager. Hierbei kommt der Baustelleneinrichtung eine maßgebliche Bedeutung zu. Schon vor Baubeginn ist es wichtig, Baumschutzmaßnahmen zu ergreifen. So kann z. B. mit einen ortsfesten Zaun, der den Wurzelbereich des Baumes schützt, verhindert werden, dass es durch schwere Maschinen und Materiallager zu Bodenverdichtungen und Wurzelschäden im Wurzelbereich der Bäume kommt. Durch einen Stammschutz kann zumindest verhindert werden, dass es z. B. zu großflächigen Rindenablösungen in Folge von Anfahrschäden an den Stämmen kommt.
Abbildung 5: Suchschachtung zur Ermittlung der tatsächlichen Durchwurzelung (rechts); werden viele Wurzeln gefunden (links), muss die Trassenführung gegebenenfalls umgeplant werden
5 Grabenloses Bauen
Kann die Trasse nicht außerhalb des Wurzelbereiches verlaufen, so sollte stets geprüft werden, ob eine grabenlose Verlegung der Leitungen möglich ist (Abbildung 6), da es bei offener Bauweise, auch wenn gemäß den genannten Normen und Regelwerken gearbeitet wird, trotzdem zu Verletzungen an den Wurzeln kommen kann. Für das grabenlose Verlegen von Leitungen kommen verschiedene technische Verfahren in Frage, z. B. das Horizontal-Bohrspülverfahren und das Rohrvortriebsverfahren. Kürzere Strecken unter Bäumen hindurch können auch von Hand miniert oder mit einer Erdrakete unterpresst werden (Abbildung 7). Hierbei werden die besonders kritischen, stammnahen Wurzelbereiche in geschlossener Bauweise möglichst tief unterfahren, da sich in dem oberen halben Meter i. d. R. die meisten Wurzeln befinden.
Abbildung 6: Möglichkeiten des Erhaltes der Wurzeln durch grabenlose Verfahren oder Arbeiten in Handschachtung oder Absaugtechnik (aus: RAS-LP 4, 1999)
Abbildung 7: Mit einer ungesteuerten Erdrakete können Einzelbäume unterquert werden
Durch diese baumschonende Verlegungstechnik werden die Bäume weitestgehend geschützt, so dass Vitalitätsmängel durch Minderversorgungen mit Wasser und Nährstoffen nicht zu befürchten sind. Weiterhin wird eine Beschädigung von Wurzeln verhindert, wodurch sich keine Fäule im Wurzelstock entwickelt und nachfolgend die Verkehrssicherheit des Baumes auch nicht beeinträchtigt wird (DUJESIEFKEN & KOWOL 1997). Auch bei der Anwendung des grabenlosen Bauens sind die Wurzelbereiche der Bäume einzumessen und zu berücksichtigen. So müssen die Start- und Zielgruben möglichst außerhalb des Wurzelbereichs erstellt werden (Abbildung 8). Ist das im Einzelfall nicht möglich, müssen die Gruben in Handschachtung erstellt und verletzte Wurzeln baumpflegerisch behandelt werden. Zudem ist darauf zu achten, dass es durch die Baumaschinen nicht zu Bodenverdichtungen im Wurzelbereich von Bäumen kommt.
Abbildung 8: Beim Horizontal-Bohrspülverfahren sollten die Start- und Zielgrube möglichst außerhalb des Wurzelbereiches liegen
Von ausführenden Baufirmen werden immer wieder die recht hohen Kosten für die Verlegung von Leitungen in grabenloser Bauweise angeführt, wenn dieses Verfahren von Seiten des Baumschutzes vorgeschlagen wird. Hierzu ist anzufügen, dass im Einzelfall die grabenlose Leitungsverlegung sogar deutlich günstiger sein kann als die offene Bauweise (PETERS 1997). Dies gilt insbesondere, wenn z. B. zusätzliche Kosten für die Verkehrsführung oder Baustelleneinrichtung und -sicherung entstehen, hohe Entsorgungskosten für Straßendeckschichten aus Teer anfallen oder im Bereich von Bäumen komplett in Handschachtung gearbeitet werden muss. Häufig ist auf die gesamte Trasse gesehen eine Kombination von offener und geschlossener Bauweise am kostengünstigsten, so dass in der Planungsphase der genauen Prüfung der Örtlichkeiten eine besondere Bedeutung zukommt. Wird dann in Teilen der Trasse grabenlos gearbeitet, z. B. zur Straßenquerung, sollte hier der angrenzende Baumbestand berücksichtigt werden, da möglicherweise eine geringe Ausweitung der grabenlosen Verlegung an einigen Problembäumen vorbei, ohne nennenswerten Mehraufwand, erfolgen kann.
6 Leitungsverlegung in offener Bauweise
6.1 Grabung mit Erhalt der Wurzeln
Die Wirkungen von Abgrabungen auf Bäume sind abhängig von deren Wurzelsystem, der Stärke des Eingriffs sowie der Zeitdauer und der Jahreszeit, in der die Grube offen ist. Grundsätzlich gilt, dass flachwurzelnde Baumarten stärker gefährdet sind als tiefer wurzelnde. In verdichteten Böden wurzeln jedoch auch Pfahlwurzler z. T. sehr flach und sind somit genauso gefährdet. Weiterhin sind Aufgrabungen im Herbst und Frühjahr günstiger für die Bäume als im Sommer und Winter, wo durch Austrocknung bzw. Frost eine Schädigung der freigelegten Wurzeln ein treten kann. Vor allem, wenn im Sommer oder Winter Wurzeln mehrere Stunden oder Tage ungeschützt freiliegen, müssen Schutzmaßnahmen getroffen werden, z. B. mit einer Abdeckung durch Stroh bei Frost und einer Umwicklung mit feuchter Jute im Sommer. Eine kurze Bauzeit ist in jedem Fall weniger schädlich als eine lange.
Bei Aufgrabungen im Wurzelbereich von Bäumen werden die Wurzeln durch Bagger und andere Maschinen mechanisch geschädigt. Unterscheiden muss man in diesem Zusammenhang zwischen Löffel- und Greifschaufel eines Baggers: Während die Greifschaufel Wurzeln zumeist direkt an der Grabenwand abkneift, hebt die Löffelschaufel das Wurzelwerk an und an den Wurzeln wird gerissen. Mitunter entstehen aus diesem Grund umfangreiche Schäden in bis zu 1 m Entfernung von der Grubenwand und somit dichter am Stamm. Diese nicht sofort erkennbaren Schadstellen werden allgemein nicht bemerkt und daher auch nicht behandelt. In diesen Fällen faulen die Wurzeln. Besonders problematisch ist die Verletzung von stärkeren Wurzeln, da bei einer Beschädigung der Haltewurzeln sowie durch eine spätere Fäule in diesem Bereich die Standsicherheit des Baumes erheblich beeinträchtigt werden kann.
Gemäß DIN 18 920 muss daher im gesamten Wurzelbereich von Hand geschachtet oder mit Sauggeräten der Leitungsgraben ausgehoben werden. Wurzeln von mehr als 2 cm Durchmesser dürfen nicht abgeschnitten werden. Leitungen können unter den belassenen Wurzeln hindurch geschoben werden (Abbildung 9; siehe auch Abbildung 6).
Abbildung 9: Wird in offener Bauweise in Handschachtung oder Absaugtechnik gearbeitet, können Leitungen unter den erhaltenden Wurzeln verlegt werden
6.2 Grabung mit Verlust von Wurzeln
Beim Verlegen größerer bzw. tief liegender Leitungen, z. B. bei Kanalarbeiten, muss aus Gründen der Arbeitssicherheit gespundet werden, so dass sich Wurzelverluste zumeist nicht vermeiden lassen. Für die Regeneration der betroffenen Gehölze ist es förderlich, einen Wurzelvorhang gemäß DIN 18 920 zu installieren. Der Wurzelvorhang verhindert das Absterben der beim Aushub der Baugrube freigelegten bzw. angeschnittenen Wurzeln und fördert die Wurzelneubildung. Er ist möglichst eine Vegetationsperiode vor Baubeginn herzustellen, damit er bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend durchwurzelt ist, spätestens jedoch unmittelbar nach der Abgrabung. Die günstigsten Zeiträume für den Einbau von Wurzelvorhängen entsprechen erfahrungsgemäß den Pflanzzeiten von Bäumen im Frühjahr und Herbst.
Häufig werden Wurzelverluste erst bemerkt, wenn die Grabungsarbeiten durchgeführt werden oder bereits abgeschlossen sind. In diesem Fall ist eine Nachbehandlung der gekappten und verletzten Wurzeln dringend erforderlich. Dabei muss bis in gesunde und intakte Bereiche zurück geschnitten werden und die Kappstellen sind mit einem Wundverschlussmittel zu belegen. Die Schäden am Wurzelwerk sind in solchen Fällen meist größer als bei einer fachgerechten Wurzelbehandlung vor Beginn der Grabearbeiten. Die Wirkung von Wundverschlussmitteln wird jedoch häufig überschätzt (BALDER et al. 1995; DUJESIEFKEN 1995; BALDER 1998). Günstig wirkt sich in diesen Fällen der Einbau von durchwurzelungsfähigen Substraten im Bereich der Kappstellen aus. Leider können derartige Substrate im Straßenbereich, wo i. d. R. ein tragfähiger Unterbau hergestellt werden muss, häufig nicht eingesetzt werden.
7 Handlungsempfehlungen für einen optimalen Baumschutz
Bei der Durchführung von Leitungsbauarbeiten im Bereich von Bäumen kommt der baumgerechten Planung, speziell der Trassenführung und der Wahl der Verlegetechnik, eine maßgebliche Rolle zu. In jedem Fall ist es wichtig, dass die entsprechenden Normen und Regelwerke Bestandteil der Ausschreibungen und Verträge sind, da nur so die darin enthaltenen Vorgaben zum Schutz wertvoller Baumbestände auf der Baustelle durchgeführt werden. Weiterhin hat die Praxis gezeigt, dass es zudem ebenso wichtig ist, dass die vertraglich vereinbarten Schutzmaßnahmen hinsichtlich ihrer Durchführung kontrolliert werden.
Empfehlungen für die Vorgehensweise bei der Planung und Durchführung von Leitungsbaumaßnahmen im Bereich von Bäumen:
Korrekte Planungsunterlagen müssen erstellt werden im Hinblick auf Standort und Kronenausdehnung der betroffenen Bäume sowie auf die Trassenführung.
Die Trassen für die Leitungsverlegung sollen möglichst außerhalb der Wurzelbereiche verlaufen.
Ist dies nicht möglich, muss geprüft werden, ob die Leitungen grabenlos verlegt werden können. Hierbei wird der Wurzelbereich unterfahren und eine Schädigung des Baumbestandes somit vermieden. Weitere Vorteile der grabenlosen Verlegetechnik sind, dass z. B. Oberflächen nicht wiederherstellt werden müssen und Kosten für die Verkehrsleitung und Absperrung eingespart werden.
Ist ein grabenloses Arbeiten nicht möglich, z. B. aufgrund kreuzender Leitungen oder weil Hausanschlüsse erstellt werden müssen, muss in offener Bauweise gearbeitet werden. Zuvor sind dann Suchschachtungen an exemplarischen oder besonders kritischen Bäumen durchzuführen. Beachte: Im Wurzelbereich von Bäumen muss gemäß DIN 18920 stets in Handschachtung oder mit Absaugtechnik gearbeitet werden.
Werden Wurzeln bei der Suchschachtung gefunden, so ist zu klären, ob die geplante Baumaßnahme bei Erhalt der Wurzeln erfolgen kann. Gegebenenfalls muss die Trassenführung geändert werden. Alle Wurzeln mit Durchmessern von über 2 cm dürfen gemäß DIN 18 920 und RAS-LP4 nicht durchtrennt werden und nach der Freilegung sind die Wurzeln vor Frost und Austrocknung zu schützen.
Können die Wurzeln nicht erhalten werden, da z. B. eine Spundwand oder ein anderer Verbau der Grube notwendig ist, müssen die Wurzeln fachgerecht mit Säge oder Rosenschere glatt abgeschnitten werden (ZTV-Baumpflege 2001). Die Schnittstellen sind dann mit Wundverschlussmitteln zu behandeln. Nach Möglichkeit sollte eine Vegetationsperiode vor Baubeginn ein Wurzelvorhang erstellt werden (DIN 18 920).
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Autoren
Dr. Horst Stobbe und Dipl.-Biol. Thomas Kowol sind im Institut für Baumpflege in Hamburg tätig.
Kontakt: horst.stobbe@institut-fuer-baumpflege.de, thomas.kowol@institut-fuer-baumpflege.de
* Nachdruck aus/Reprint from Jahrbuch der Baumpflege 2005
Atemnot im Wurzelraum – Der Einfluss der Gasdurchlässigkeit des Bodens auf die Feinwurzelerschließung und die Vitalität von Bäumen *
Respiratory distress in rooting space – The impact of soil aeration deficiencies on fine root distribution and vitality of trees
von Thorsten Gaertig
Zusammenfassung
Wurzeln sind ausgesprochen atmungsaktive Pflanzenteile. Störungen der Bodenbelüftung führen aufgrund gestörter Sauerstoffversorgung bzw. Kohlendioxidentsorgung zur Abnahme der Wurzelatmung und zu Änderungen der Bodenluftzusammensetzung. Am Beispiel von 38 süddeutschen Eichenwäldern wird gezeigt, dass bei abnehmender diffusiver Gasdurchlässigkeit des Bodens die Feinwurzeldichte von Bäumen abnimmt und der Totastanteil im Kronenraum zunimmt. Auf befahrenen Böden sind Gasdurchlässigkeit und Durchwurzelung nur noch so gering, dass der Boden seine Funktion als Wurzellebensraum weitgehend verliert. Durch Bodenlockerungen können zwar Belüftungskorridore geschaffen werden, die von Feinwurzeln intensiv erschlossen werden, eine Sanierung im Sinne von Wiederherstellung der ursprünglichen Funktionenvielfalt kann jedoch nicht erreicht werden. Das bedeutet, dass der Versuch, vorhandene Strukturen zu erhalten und die Neuverformungsrate zu minimieren, immer die oberste Priorität haben muss.
Summary
Roots are particularly respiratory active parts of plants. Oxygen for root respiration must be taken from the ‘free’ atmosphere. Carbon dioxide must be disposed of in the opposite direction. With decreasing soil gas permeability we found increasing carbon dioxide concentration in the soil air and decreasing soil respiration as well as decreasing fineroot formation and reduced stress tolerance of trees. In oak stands in Southwestern Germany heavily damaged oaks have been found only at sites suffering from soil aeration deficiencies. Particularly compaction by vehicles leads to formidable disturbances in soil aeration and dieback of roots. Vice versa improvement of soil aeration status in heavily compacted soils caused a marked recovery of fine roots. However, the full functional capability of soils cannot be restored by technical improvement measures. This means that wellstructured soils must be protected wherever possible.
1 Bodenbelüftung – ein Minimumfaktor für Bäume
Ein Boden ist für Bäume ein geeigneter Wurzelraum, wenn er die Wurzeln gleichzeitig mit Wasser, Nährstoffen und Sauerstoff versorgt und ihnen darüber hinaus die Möglichkeit der Verankerung gibt. Im Gegensatz zur Wasser- und Nährstoffversorgung wird die Notwendigkeit einer ausreichenden Versorgung mit Sauerstoff allzu oft unterschätzt. Dabei ist die Sauer stoffversorgung wie beim Menschen, der wochen lang ohne Nährstoffe, tagelang ohne Wasser aber nur wenige Minuten ohne Sauerstoff überleben kann, von elementarer Bedeutung.
Allein durch die Atmung der Wurzeln werden in Wäldern 25 bis 50 % des in der Vegetationszeit gebundenen Kohlenstoffs verbraucht (QI et al. 1994). Die Voraussetzung für alle aeroben Atmungsvorgänge ist die Versorgung mit Sauerstoff und die Entsorgung von Kohlendioxid. Der von Wurzeln und Bodenorganismen benötigte Sauerstoff muss über den luftgefüllten Porenraum des Bodens aus der freien Atmosphäre nachgeliefert werden, produziertes CO2 muss analog entsorgt werden. Die luftgefüllten Bodenporen haben damit in gewisser Weise für Wurzeln die Funktion, die Bronchien für den Menschen haben. Sie sind die Straßen, auf denen die Luft zum Ort des Gasaustauschs mit dem Organismus geführt wird. Führt eine Veränderung der Bodenstruktur zu einer Verringerung des luftgefüllten Porenraumes oder werden luftleitende Poren unterbrochen, ist der Gasaustausch zwischen freier Atmosphäre und Bodenluft eingeschränkt. Dabei kommt der Struktur des obersten Bodenhorizontes aufgrund seiner Schleusenfunktion eine besondere Bedeutung zu: Die Gasdurchlässigkeit dieser Grenzschicht steuert den Gasaustausch des gesamten Wurzelraumes.
Für Bäume können Belüftungsstörungen dramatische Auswirkungen haben. Es kann angenommen werden, dass aufgrund unzureichender Sauerstoffversorgung und CO2-Entsorgung die Wurzelatmung und damit auch die Wurzelaktivität und das Wurzelwachstum zurückgeht. Das an günstigere Belüftungssituationen angepasste Wurzelwerk passt sich den geänderten Belüftungsverhältnissen an, es wird kleiner. Damit ändert sich das Wurzel-Spross-Verhältnis des Baumes. Der noch an ein größeres Wurzelsystem angepasste oberirdische Teil des Baumes kann nicht mehr optimal mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden. Im Bereich der Krone wird versucht, durch Ast- und Zweigabgliederungen wieder einen Gleichgewichts zustand herzustellen (vgl. ROLOFF und KLUGMANN 1997). Treten in dieser labilen Phase schadensverstärkende Faktoren (phytophage Insekten, Pilze, Trockenheit) auf, ist eine Regeneration der Bäume aufgrund des unzureichenden Wurzelsystems nur begrenzt oder gar nicht möglich.
2 Belüftungsstörungen diagnostizieren – aber wie?
Um die genannte Hypothese überprüfen zu können, muss die Belüftungssituation des Bodens beurteilt werden. Übliche bodenphysikalische Strukturparameter wie die Lagerungsdichte oder das Porenvolumen charakterisieren die Transportkapazität eines Bodens für Gase nur unzureichend. Dies mag das Beispiel einer auf den Boden gelegten Folie verdeutlichen: Ohne nennenswerte Änderung bodenphysikalischer Strukturparameter wird der Gastransport in den Boden unterbunden. So einen Plastikfolieneffekt finden wir häufig infolge von Verschmierungen der Bodenoberfläche oder infolge oberflächennaher Strukturstörungen.
Zur Charakterisierung der Belüftungssituation bieten sich zwei Messgrößen an:
der Gasdiffusionskoeffizient des Bodens (DS/D0) und
die Kohlendioxidkonzentration der Bodenluft.
Für den Gasaustausch zwischen der Bodenluft und der freien Atmosphäre ist die Diffusion der bedeutendste Transportprozess (GLINSKI und STEPNIEWSKI 1985). Der Gasdiffusionskoeffizient gibt Auskunft darüber, um wie viel die Geschwindigkeit der Gasdiffusion durch den Boden im Vergleich zur Diffusion durch die freie Atmosphäre verringert ist. Ein Gasdiffusionskoeffizient (DS/D0) des Bodens von beispielsweise 0,1 besagt, dass der Gasfluss durch diesen Boden bei gleichem Konzentrationsgradienten 10 % des Gasflusses in der freien Atmosphäre beträgt. Der Gasdiffusionskoeffizient wird bestimmt, indem gemessen wird, wie schnell ein Tracer gas in den Boden bzw. durch eine ungestörte Boden probe diffundiert. Damit steht ein aussagekräftiger Parameter zur Beurteilung der Belüftungssituation des Bodens zur Verfügung.
Als ein einfaches Verfahren zur Beurteilung der Belüftungssituation hat sich die Messung der CO2-Konzentration im Wurzelraum erwiesen. Obwohl hohe CO2-Konzentrationen theoretisch auch auf hohe Produktionsraten hinweisen können, konnten in zahlreichen Untersuchungen hohe Respirationsraten nur dann gemessen werden, wenn das produzierte CO2 auch entsorgt werden kann (SCHACK-KIRCHNER 1994, GAERTIG et al. 2002). QI et al. (1994), BURTON et al. (1997) sowie MCDOWELL et al. (1999) konnten sogar nachweisen, dass hohe CO2-Konzentrationen im Boden die Wurzelrespiration von Baumwurzeln hemmen.
In Abbildung 1 ist der Zusammenhang zwischen dem Gasdiffusionskoeffizienten (DS/D0) des Oberbodens und der CO2-Konzentration der Bodenluft in 5 cm Tiefe an verschiedenen Standorten in drei Vegetationszeiten dargestellt. Die CO2-Konzentration der Bodenluft wird offensichtlich maßgeblich vom Gasdiffusionskoeffizienten gesteuert. Solange sich die Gasdurchlässigkeit des Oberbodens oberhalb einer kritischen Grenze befindet, liegen die CO2-Konzentrationen der Bodenluft unter 0,6 %. Sinkt der Gasdiffusionskoeffizient des Bodens auf Werte unter 0,08 bis 0,06 steigt die CO2-Konzentration in der Bodenluft exponentiell mit der Abnahme des Gasdiffusionskoeffizienten (vgl. GAERTIG 2001).
Abbildung 1: Zusammenhang zwischen dem Gasdiffusionskoeffizienten (D S /D 0 ) und der Konzentration der Bodenluft in 5 cm Bodentiefe
3 Die Reaktion von Bäumen auf Belüftungsstörungen im Boden
3.1 Befahrung von Böden
Um die Folgen von Belüftungsstörungen abschätzen zu können, ist es sinnvoll, Bäume aufzusuchen, die in einem natürlichen Umfeld aufgewachsen sind und von denen ein Kollektiv mit Belüftungsstörungen im Oberboden konfrontiert ist. Solche Bedingungen finden wir in alten Waldbeständen, die erst seit etwa 50 Jahren mit Bodenstrukturstörungen durch Befahrungen belastet sind.
An knapp 2000 Messpunkten wurden in einem etwa 160-jährigen Eichenbestand die CO2-Konzentration in 5 cm Bodentiefe gemessen und die Feinwurzeldichte eingeschätzt. Im oberen Teil der Abbildung 2 ist die flächige Verteilung der CO2-Konzentration auf der Versuchsfläche dargestellt. Extrem hohe CO2-Konzentrationen treten im Bereich der Rückewege, sowie in befahrenen Bestandesteilen auf. Niedrige CO2-Konzentrationen sind in unbefahrenen Bereichen anzutreffen. Mit gleichem räumlichen Interpolationsgrad ist im unteren Teil der Abbildung 2 die flächige Verteilung der Feinwurzelerschließung des Oberbodens dargestellt. Das Muster der Feinwurzelverteilung ist nahezu deckungsgleich mit dem Verteilungsmuster der CO2-Konzentration. In Bereichen mit hoher CO2-Konzentration, also in intensiv befahrenen Bereichen, sind die Feinwurzeln im Oberboden völlig oder teilweise abgestorben.
Abbildung 2: Verteilungsmuster der CO2-Konzentration der Bodenluft in 5 cm Bodentiefe (oben) und der Feinwurzeldichte (unten) in einem Laubholzaltbestand
Die Tiefenwirkung verringerter Gasdurchlässigkeit auf die Durchwurzelung ist in Abbildung 3 dargestellt. Im oberen Teil der Grafik sind die Ergebnisse einzelner Gasdiffusionsmessungen eines den Rückeweg querenden Transekts (links) den Ergebnisse von 63 Gasdiffusionsmessungen in unbefahrenen Bestandesteilen (rechts) gegenübergestellt. Es wird sichtbar, dass direkt unter den Fahrspuren ein Gasaustausch zwischen Bodenluft und Atmosphäre nicht mehr möglich ist. Auch in der Fahrspurmitte und den Randbereichen der Fahrspur ist das Potenzial zum Gasaustausch gegenüber der Referenzfläche um die Hälfte reduziert. In den unteren Abbildungsteilen ist die Wurzeldichte unter der Fahrspur sowie unter einem 8 m von der Rückegasse entfernten Referenzprofil, das im unbefahrenen Bestandesteil angelegt wurde, dargestellt. Während der ungestörte Boden intensiv und gleichmäßig durchwurzelt ist, ist der Boden unter der Fahrspur nur sporadisch durchwurzelt. Besonders unterhalb der sichtbar eingetieften Fahrspuren finden sich kaum noch Feinwurzeln.
Abbildung 3: Oben: Bodengasdurchlässigkeit (D S /D 0 ) einer Fahrspur (links) und unbefahrener Böden wenige Meter von der Fahrspur entfernt (rechts). Unten: Tiefenprofil der Feinwurzelverteilung (≤ 1 mm) unter der Fahrspur (rechts) und eines unbefahrenen Bodens (links)
Es ist anzunehmen, dass überall dort, wo in Abbildung 2 im A-Horizont vermehrt abgestorbene oder kaum lebende Feinwurzeln anzutreffen sind (28 % der Messpunkte), die Tiefendurchwurzelung ähnlich ist, wie in Abbildung 3 unter der Fahrspur. Unter dieser Annahme kann der Boden auf mehr als einem Viertel der Untersuchungsfläche seine Funktion als Wurzelraum aufgrund von befahrungsbedingten Belüftungsstörungen nicht mehr erfüllen.
3.2 Bodenbelüftung – Steuergröße der Feinwurzelerschließung und der Vitalität von Bäumen
Wenn Belüftungsstörungen auf befahrenen Waldböden den Boden als Wurzellebensraum zerstören, stellt sich die Frage, ob Bäume auf schlechter belüfteten Standorten weniger vital sind, als Bäume auf gut durchlüfteten Standorten. Im Rahmen von Untersuchungen zum Eichen sterben wurde in 38 zufällig ausgewählten baden -württembergischen Eichenwäldern der Zusammenhang zwischen Bodenbelüftung, Durchwurzelung und Vitalität der Eichen untersucht (GAERTIG und V. WILPERT 2005). Zur Beurteilung der Belüftungssituation wurde in allen Beständen der Gasdiffusionskoeffizient des obersten Mineralbodens anhand von jeweils 10 Stechzylinderproben bestimmt. Zur Beurteilung der Durchwurzelung wurden alle Feinwurzeln an einer 2 m langen und 1 m tiefen, radial zum Baum orientierten Profilwand im 16 cm2-Raster gezählt. Die Vitalität der Eichen eines Bestandes wurde über die Kronenansprache von 25, dem Profil am nächsten stehenden Eichen im Winter bestimmt (vgl. ROLOFF 1989). Anhand der Kronen- und Feinreisigstruktur wurde jeder Baum einer von 5 „Kronenstrukturstufen“ zugeordnet. Der Stufe 0 werden die Eichen ohne Strukturmängel mit viel Feinreisig zugeordnet. Bäume der Stufe 4 sind abgestorben. Bäume der Stufen 1 bis 3 unter scheiden sich durch zunehmende Feinreisigverluste und zunehmende Totastanteile.
Da die Feinwurzeldichte mit einer Tiefenauflösung von 4 cm aufgenommen wurde, konnte für jede 4 cm-Tiefenstufe der Zusammenhang zwischen dem Gasdiffusionskoeffizienten des oberen Mineralbodenhorizontes (0–10 cm) und der Dichte der darunter liegenden Feinwurzeln berechnet werden. Abbildung 4 zeigt diesen Zusammenhang exemplarisch für die Tiefenstufe 28–32 cm. Jeder Punkt repräsentiert den mittleren Gasdiffusionskoeffizienten im Oberboden und die mittlere Feinwurzeldichte eines Eichenbestandes in der gezeigten Tiefenstufe. Über die Steigung der Regressionsgerade kann berechnet werden, wie sich die Feinwurzeldichte mit dem Gasdiffusionskoeffizienten des Oberbodens verändert. In der betrachteten Tiefenstufe 28–32 cm geht die Feinwurzeldichte über alle Eichenbestände hinweg um ca. 50 % zurück, wenn der Gasdiffusionskoeffizient an der Bodenoberfläche von 0,1 (gut belüfteter Oberboden) auf 0,01 (schlecht belüfteter Oberboden) sinkt.
Abbildung 4: Zusammenhang zwischen dem Gasdiffusionskoeffizienten (D S /D 0 ) des Oberbodens (0–10 cm) und der Feinwurzeldichte (≤ 1 mm) in der Tiefenstufe 28–32 cm. Jeder Punkt repräsentiert die Mittelwerte eines Eichenbestandes. Die beiden vertikalen Linien befinden sich bei den Gasdiffusionskoeffizienten 0,01 (schlecht belüftet) und 0,1 (gut belüftet), die für die Berechnung des Modells in Abbildung 5 verwendet wurde
Berechnet man für alle Tiefenstufen die durchschnittliche prozentuale Veränderung der Wurzeldichte für einen derartigen Rückgang des Gasdiffusionskoeffizienten, kann man feststellen, dass die Feinwurzeldichte bis in eine Bodentiefe von 80 cm um gut die Hälfte zurückgeht, wenn sich die Belüftungsverhältnisse des Bodens im Grenzbereich zur Atmosphäre verschlechtern (Abbildung 5). Erst in tiefer liegenden Horizonten nimmt der Zusammenhang zwischen Gasdiffusionskoeffizient und Feinwurzeldichte ab. Dort ist die Sauerstoffversorgung für aerobe Organismen möglicherweise aufgrund der großen Entfernung zur Atmosphäre generell eingeschränkt.
Abbildung 5: Modellierte Veränderung der Feinwurzeldichte im Tiefenprofil. Dargestellt ist die Feinwurzeldichte (≤ 1 mm), die sich einstellt, wenn der Gasdiffusionskoeffizient der Bodenoberfläche (0–10 cm) von 0,1 auf 0,01 sinkt. Berechnungsgrundlage ist die Regressionsgleichung jeder Tiefenstufe (vgl. Abbildung 4). Bezugsgröße (100 %) ist die Feinwurzeldichte bei einem Gasdiffusionskoeffizienten von 0,1
In Abbildung 6 sind die Unterschiede in der Feinwurzel dichte zwischen den gesunden Eichenbeständen (das Viertel der untersuchten Eichenbestände mit den vitalsten Kronen) und den am stärksten geschädigten Eichenbeständen (das Viertel der Eichenbestände mit der ungünstigsten Kronenstruktur) dargestellt. Bezugsgröße ist die mittlere Feinwurzeldichte der Bäume in den gesunden Eichenbeständen. In den obersten 25 cm des Mineralbodens ist kein signifikanter Unterschied zwischen der Feinwurzeldichte und der Vitalität sichtbar. Dies ist im Unterboden völlig anders. In 25–60 cm Tiefe ist die Feinwurzeldichte der „geschädigten Bäume“ um ein Drittel geringer als die der „gesunden Bäume“. In größerer Tiefe geht die Feinwurzeldichte der geschädigten Bäume um mehr als die Hälfte zurück.
Abbildung 6: Feinwurzeldichten (≤ 1 mm) „gesunder“ und „geschädigter“ Eichen im Vergleich. Bezugsgröße (100%) ist Feinwurzeldichte der „gesunden“ Eichen
Der Zusammenhang zwischen dem Gasdiffusionskoeffizienten des obersten Mineralbodenhorizontes (0–5 cm) und dem mittleren Feinreisigverlust aller untersuchter Standorte ist in Abbildung 7 dargestellt. Die über die mittlere Kronenstrukturstufe ermittelte Vitalität der Eichen nimmt mit der Abnahme des Gasdiffusionskoeffizienten des Oberbodens ab. Stark geschädigte Eichenbestände finden sich ausschließlich dort, wo die Gasdiffusionskoeffizienten des obersten Mineralbodenhorizontes unter 0,06 sinken. Dabei ist die Eichenart von untergeordneter Bedeutung. Sowohl die Stieleichen als auch die Traubeneichen reagieren sensibel auf Belüftungsstörungen des Oberbodens.
Fazit: In den untersuchten Eichenbeständen konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Belüftungssituation des Oberbodens, der Feinwurzelerschließung und der Vitalität der Eichen festgestellt werden. Bis in Bodentiefen zwischen 70 und 80 cm (Abbildung 4) steuert der Diffusionswiderstand des Oberbodens die Feinwurzelerschließung der Eichen. Eichenbestände mit einem hohen Anteil geschädigter Bäume finden sich nur dort, wo die Messungen des Gasdiffusionskoeffizienten Belüftungsstörungen anzeigen.
Abbildung 7: Zusammenhang zwischen dem Gasdiffusionskoeffizienten des Oberbodens und der Kronenvitalität. Die schwarzen Punkte zeigen den Mittelwert, die horizontalen Radien der farbigen Ellipsen die Standardabweichung des Mittelwertes der Gasdiffusionskoeffizienten; die vertikalen Radien die Standardabweichung der mittleren Kronenstrukturstufe
3.3 Melioration durch mechanische Bodenlockerung
Wenn Belüftungsstörungen den Boden als Wurzellebensraum unbrauchbar machen können, stellt sich die Frage, inwieweit die Bodenbelüftung durch Sanierungsmaßnahmen verbessert werden kann und dadurch eine Wiederbesiedlung des Bodens durch Wurzeln ermöglicht werden kann. Im Großraum Heilbronn wurden in den achtziger Jahren Eichen- und Buchenwälder von Militäreinheiten für regelmäßige Manöver genutzt. Die Böden waren durch die militärische Befahrung derart verdichtet, dass die Bäume abstarben und die Verjüngung aufgrund des Bodenzustands nicht auflaufen konnte. In einem verdichteten 160-jährigen Buchen-Eichen-Mischbestand im Stadtwald Heilbronn wurde im Oktober 1991 versucht, die Belüftungssituation des Bodens über eine Bodenlockerung zu verbessern. Der Boden wurde bis zur Tiefe von 60 cm mit dem Verfahren der Abbruchlockerung (vgl. SCHULTE-KARRING et al. 1999) gelockert.
Ziel der Abbruchlockerung war, im Bereich der Spateneinstiche Belüftungskorridore in den Boden zu legen, wodurch sich dort die Lebensbedingungen für Wurzeln und Bodenfauna verbessern sollten. Acht Jahre nach der Abbruchlockerung wurde die Auswirkung dieser Maßnahme auf den Belüftungszustand des Bodens und die Durchwurzelung untersucht. Neben der gelockerten Fläche wurde zusätzlich ein Rückeweg, der aufgrund weiterer Befahrungen nicht von der Lockerungsmaßnahme profitieren konnte sowie eine nicht durch Befahrung und Lockerung beeinflusste Referenzfläche untersucht. Neben der Durchwurzelung wurden die Gas diffusionskoeffizienten bis in 90 cm Tiefe bestimmt.
Da die Lockerungsmaßnahme 1992 bei ausreichender Bodentrockenheit erfolgte, war noch nach 8 Jahren das durch die Abbruchlockerung entstandene Makrogrobgefüge aus außerordentlich festen Brocken sichtbar. Die Brocken selbst waren ca. 5–10 cm groß und nicht durchwurzelt, wurden aber im gesamten gelockerten Raum netzartig von Wurzeln umwachsen. In Abbildung 8 ist der Tiefenverlauf der Gasdiffusionskoeffizienten aller Varianten dargestellt. Auf der nicht gelockerten Fläche ist am Verlauf der Gasdiffusionskoeffizienten deutlich der „Plastikfolieneffekt“ sichtbar. Durch den als Diffusionsbarriere wirkenden gasundurchlässigen Oberboden ist der Wurzelraum komplett vom Gasaustausch mit der Atmosphäre abgekoppelt. Obwohl die Gasdurchlässigkeit unterhalb einer Tiefe von 10 cm um mehr als eine Zehnerpotenz steigt und sich im Unterboden nicht mehr signifikant von der Gasdurchlässigkeit des ungelockerten Referenzprofils unterscheidet, ist der Boden nahezu wurzelfrei (vgl. Abbildung 9). Im gesamten gelockerten Bodenraum hingegen übertrifft die Gasdurchlässigkeit sogar die unbeeinflusste Referenz.
Durch die mechanische Bearbeitung können Diffusionsbarrieren aufgebrochen, bzw. Belüftungskorridore geschaffen werden. Dies bedeutet, dass wieder Sauerstoff in den Boden gelangen kann bzw. CO2 aus dem Boden heraus diffundieren kann. In der Folge können die Wurzeln den gelockerten Boden bis an die Untergrenze der Lockerung besiedeln. Die Untergrenze der Lockerung verhindert als tief liegende Diffusionsbarriere die weitere Wurzelerschließung.
Fazit: Für die Sanierung stark verdichteter Oberböden ist die Abbruchlockerung eine geeignete Maßnahme, um über Belüftungskorridore die Tiefenerschließung mit Feinwurzeln zu fördern und den Boden als Lebensraum für Wurzeln wieder nutzbar zu machen. Neben diesem Bearbeitungserfolg wird gleichzeitig auch die Grenze der Bearbeitungsmaßnahme und das geringe natürliche Regenerationspotenzial verformter Böden sichtbar. Zum einen zeigt die scharfe Grenze der Wurzeldichte zwischen dem Bereich, der von den Spaten einstichen erreicht wurde, und dem Bereich, der davon nicht erreicht wurde, dass von dem bearbeiteten, gut belüfteten und gut durchwurzelten Bereich kaum Erschließungsvorstöße der Wurzeln in den nicht bearbeiteten Bereich stattfinden. Zum anderen sind auch innerhalb des bearbeiteten Bereichs solche Grenzen sichtbar. Das Innere der durch die Bearbeitung aufgebrochenen Brocken konnte in acht Jahren nicht von den Wurzeln erschlossen werden.
Abbildung 8: Tiefenprofile der Gasdiffusionskoeffizienten der Varianten „Referenz“ „nicht gelockert“ und „mechanisch gelockert“. Die Linien zeigen die Mittelwerte, die farbigen Bänder die einfache Standardabweichung der Messwerte
Abbildung 9: Feinwurzelverteilung (≤ 1 mm) unter dem mechanisch gelockerten Boden (oben) und dem nicht gelockerten Boden (unten). Der Bereich sichtbarer Spateneinstiche ist durch die gestrichelte Linie abgegrenzt
Die eingeschränkte räumliche Wirkung der Abbruchlockerung zeigt deutlich, dass das Schadensausmaß der Vorverdichtung nicht durch die anschließende Bearbeitung kompensiert werden kann. Zudem ist der Zeitraum Erfolg versprechender Bodenlockerung auf wenige Tage im Jahr mit ausreichender Bodentrockenheit beschränkt (vgl. HORN und Lebert 1992).
4 Diskussion und Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse der vorgestellten Untersuchungen zeigen, dass die Bodenbelüftung sowohl die Wurzelentwicklung wie auch die Vitalität im Kronenraum beeinflusst. So dürften Belüftungsstörungen an den Symptomen des so genannten „Eichensterbens“ einen nicht zu unterschätzenden Anteil haben.
Eine plausible Wirkungskette der beobachtbaren Schäden kann wie folgt beschrieben werden: Wenn aerobe Atmung unterhalb einer Sauerstoff-Grenzkonzentration bzw. oberhalb einer CO2-Grenzkonzentration nicht mehr möglich ist, führt eine Verengung der Sauerstoffschleuse Oberboden dazu, dass sich diese Grenze bei gleichem Sauerstoffverbrauch in höhere Bodenschichten verlagert. Besonders die stoffwechselaktiven Feinwurzeln sind gezwungen, sich auf den oberflächennahen Wurzelraum zu konzentrieren, der noch über kurze Diffusionswege an die Atmosphäre angeschlossen ist. Feinwurzeln, die nach dem vertikalen Anstieg der kritischen Sauerstoffschwelle unterhalb dieser Schwelle liegen, sterben ab oder wachsen nicht mehr nach. Das Wurzelsystem der betroffenen Bäume wird flacher. Die tieferen Horizonte können nicht mehr zur Wasser- und Nährstoffversorgung genutzt werden. In Trockenzeiten steigt die Schadensdisposition.
Wenn Belüftungsstörungen über eine verringerte Tiefen erschließung zu erhöhter Sensibilität gegenüber Trockenheit führen, ist der Befund ungünstigerer Kronen zustände bei Eichen, deren Oberböden eine verringerte Gasdurchlässigkeit haben, plausibel: Eichen haben die Fähigkeit zur aktiven Triebabgliederung (Kladoptosis). Die regulär gebildete Verzweigung kann in einem sekundären Selektivierungsprozess abgeändert werden, wenn die Umweltbedingungen dies erfordern (ROLOFF und KLUGMANN 1997). Insbesondere bei Wasserstress werden Triebe hydraulisch separiert und fallen ab. ROLOFF und KLUGMANN (1997) sehen die ökologische Bedeutung der Kladoptosis darin, dass die Stoffwechselaktivität des oberirdischen Sprosses optimiert werden kann, bzw. der durch die veränderten Umweltbedingungen veränderten Wuchspotenz der Wurzel angepasst werden kann. Die Ansprache der Vitalität über den Kronenzustand zeichnet demnach den Trockenstress nach, der auf das reduzierte Wurzelsystem zurückzuführen ist.
Jede Bodenverdichtung, sei es durch Befahrung oder durch das bloße Abstellen von schweren Maschinen, Mulden oder Containern, führt zu Bodenschäden, die zu schweren Schädigungen des Feinwurzelwerkes führen. Durch technische Sanierungsmaßnahmen lassen sich verformte Böden nicht wieder in einen auch nur annähernd natürlichen Zustand bringen, sondern allenfalls bestimmte Funktionen wieder herstellen. So kann die Durchwurzelung durch das Anlegen von Belüftungskorridoren angeregt werden.
Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass Beeinträchtigungen der Bodenbelüftung dann besonders schwerwiegend sind, wenn Bäume betroffen sind, deren Wurzeln sich an eine gute Bodenbelüftung angepasst haben. Im Siedlungsbereich wird immer wieder versucht, ältere Bäume in neu anzulegende Spielplätze, Schulhöfe, Park- oder Gartenanlagen zu übernehmen. In der Regel geht mit der Änderung der Nutzung eine Verschlechterung der Bodenbelüftung einher. Gleiches gilt für den Ausbau von Verkehrswegen. So werden beispielsweise beim Radwegebau entlang vorhandener Straßen erhebliche Flächenanteile der an die aktuelle Belüftungssituation angepassten Straßenrandbäume versiegelt und damit große Teile des Belüftungssystems der Bäume zerstört. Die beschriebene Reaktion der Bäume führt dazu, dass schon bald Baumpflegemaßnahmen notwendig sind, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.
Bei allen Eingriffen im Umfeld von Bäumen ist darauf zu achten, dass die Gasdurchlässigkeit im Bereich der Baumscheibe erhalten wird, um die Belüftungssituation für die Wurzeln nicht zu verschlechtern. Sind Störungen der Gasdurchlässigkeit unvermeidbar, muss versucht werden, die Schäden über die Anlage von Belüftungskorridoren zu kompensieren. Mögliche technische Maßnahmen zur Belüftung des Wurzelraumes und die Reaktion der Bäume sind beispielsweise bei HEIDGER 2004 zu finden.
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Autor
Prof. Dr. Thorsten Gaertig ist Professor für angewandte Bodenkunde und Stadtökologie an der HAWK, Fakultät Ressourcenmanagement.
Kontakt: gaertig@hawk-hhg.de
* Nachdruck aus/Reprint from Jahrbuch der Baumpflege 2007
Durch Wurzeln verursachte Schäden an Rohrleitungen und vergleichbaren Bauwerken *
Damages to sewer lines and the like caused by tree roots
von Markus Streckenbach, Christoph Bennerscheidt und Thomas Stützel
Zusammenfassung
Bäume sind ein wichtiger Bestandteil des anthropogen geprägten Lebensraumes. Aus der direkten Nähe von Baumwurzeln und den technischen Einrichtungen zur Ver- und Entsorgung der Städte ergeben sich zwangsläufig Konflikte. Wurzeleinwuchs stellt eine der häufigsten Schadensursachen an den Elementen unterirdischer Infrastruktur dar und die Sanierungskosten derartiger Schäden belaufen sich bundesweit auf mehrere Millionen Euro jährlich. Ungeachtet dessen wurde die (baum)biologische Komponente dieses Problems in der Vergangenheit stark vernachlässigt. Die hier vorgestellten Untersuchungen sind das Ergebnis der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Bauingenieuren und Naturwissenschaftlern, welche sich zum Ziel gesetzt haben, Lösungsansätze unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Interessen aller an dieser Problematik beteiligten Fachdisziplinen zu erarbeiten.
Summary
Trees are a fundamental component of our cities but due to the direct proximity of tree roots and the elements of underground infrastructure, conflicts can occur. One major damage to sewer lines is the intrusion of tree roots and the expenses for the reconstruction of such incidents come to several million Euros per year (throughout Germany). In spite of that, the biological component of the problem has been handled carelessly in the past.
The studies presented here are the result of the interdisciplinary collaboration between natural scientists and civil engineers. This consortium has the aim to develop approaches against root intrusion into sewer lines considering the diverse interests of all involved disciplines.
1 Einleitung
Die Ergebnisse einer im Jahre 2004 durchgeführten Umfrage zum Zustand der Kanalisation in Deutschland haben gezeigt, dass Einwurzelungen in Kanalisationssysteme zu den wesentlichen Schadensursachen zählen (BERGER & LOHAUS 2004). Ein ähnliches Bild zeigen Untersuchungen aus weiteren Ländern, bei denen sich allein aus den errechneten jährlichen Kosten für die Sanierung von durch Baumwurzeln verursachten Schäden an den Elementen urbaner Infrastruktur ein dementsprechender Handlungsbedarf ableiten lässt.
Bei einem Blick auf die Gründe, welche als Ursache für das Einwachsen von Wurzeln in Leitungssysteme angeführt werden, fällt auf, dass das Bestreben der Wurzeln, feuchte Bodenbereiche gegenüber trockeneren Bodenbereichen vorzuziehen, in Zusammenhang mit undichten Rohrverbindungen gebracht wird. Dabei wird das hydrotrophe Verhalten der Wurzeln auf die Aussage „Wurzeln suchen nach Wasser“ reduziert. Die Reduktion auf das Wesentliche sollte dennoch den tatsächlichen Sachverhalt wiedergeben. „Suchen“ und „finden“ setzen in der Regel ein Bewusstsein für diese Tätigkeiten voraus. Richtig ist, dass Wurzeln während ihres Wachstums unter anderem im Boden vorhandenen Feuchtigkeitsgradienten folgen können.
Ungeachtet dessen gibt der hohe Anteil an Kanalisationsschäden, in dessen Folge Exfiltrationen von Abwässern auftreten können, sowie das aktuelle Prüfverfahren für Rohrverbindungen auf ihre Wurzelfestigkeit (DIN 4060) der weitläufig anerkannten „Leck- Hypothese“ recht. Die Ergebnisse einer früheren Arbeit haben gezeigt, dass die Zusammensetzung der Abwässer zu einem Zerfall der pflanzlichen Gewebe und damit zu einer massiven Schädigung der Wurzeln führt (STÜTZEL et al. 2004). Es ist daher anzunehmen, dass aus Kanalisationssystemen austretendes Abwasser dem Wurzelwachstum – wenn überhaupt – nur wenig förderlich ist. Eine Ausweichmöglichkeit vorausgesetzt, wird eine mechanisch oder chemisch verletzte Wurzel versuchen, sich diesem Stimulus zu entziehen, indem sie ihr Wachstum von diesem abgewandt fortsetzt.
Das Gütesiegel „wurzelfest“ sichert in seiner aktuellen Form Rohrverbindungen, die einem von innen aufgebrachten Wasserdruck von 0,5 bar standhalten. Das dahinter stehende Prüfverfahren nimmt keine Rücksicht auf den Penetrationsvorgang durch eine Wurzel, welcher eine mechanische Belastung von außen darstellt. Die zunächst plausibel erscheinende „Leck-Hypothese“ führt zu der Annahme, dass dichte Rohrverbindungen Wurzeleinwuchs verhindern können.
Was aber passiert, wenn Rohrverbindungen technisch einwandfrei verlegt – und damit dicht – sind und trotzdem durchwurzelt werden? In diesem Fall, der an einer Vielzahl von geborgenen Schadensfällen beobachtet werden konnte, verliert die „Leck-Hypothese“ ihre Bedeutung. Diese Situation, welche auch experimentell leicht simuliert werden kann, führt zu der Frage, was Wurzeln tatsächlich zum Einwachsen in Rohrverbindungen veranlasst. Zur Beantwortung dieser Frage wurden verschiedene Versuchsreihen durchgeführt, die sowohl biologische als auch ingenieurstechnische Parameter berücksichtigen.
2 Grundlagen des Wurzelwachstums
Wurzeln treten in zwei morphologisch und anatomisch differenzierten Entwicklungsstadien auf. Primäre Entwicklungsstadien finden sich an den Wurzelspitzen (Abbildung 1). Im Zentrum der Wurzelspitze liegt ein teilungsaktives Gewebe, welches fortlaufend neue Zellen bildet. Die nach vorne, d. h. in Wachstumsrichtung gebildeten Zellen bilden die Wurzelhaube. Sie ist das Gewebe, welches zuerst mit der Umgebung in Berührung kommt und stellt das sensorische Zentrum der Wurzel dar. Trotz der enormen Anforderungen sind die Zellen der Wurzelhaube kurzlebig. Ihre äußersten Zellen liegen in einem losen Verband vor. Zusammen mit den von den Wurzeln abgegebenen Exsudaten bilden sie eine schlüpfrige Schutzschicht, welche die Wurzelspitze während ihres Wachstums vor Abnutzung schützt und den Reibungswiderstand zwischen Wurzel und umgebenden Substrat heruntersetzt.
Abbildung 1: Bau einer primären Wurzel (schematisch). Die Zone in welcher die Wurzel in die Länge wächst, ist nur wenige Millimeter kurz. Verändert nach BRAUNE et al. 2002
Die nach hinten, d. h. entgegen der Wachstumsrichtung gebildeten Zellen formen den langlebigen Wurzelkörper. Nach ihrer Abgliederung erfahren diese Zellen zunächst eine Streckung. Diese Zone ist wenige Millimeter kurz – trotzdem wachsen Wurzeln ausschließlich und nur in diesem Bereich in die Länge. Die daran anschließende Wurzelhaarzone bildet durch ihre Verankerung im Boden das für die Längenzunahme notwendige Widerlager. Mit zunehmender Entfernung zur Wurzelspitze differenzieren die Zellen weiter und formen Leit-, Stütz- und Schutzgewebe.
Obwohl für den Vortrieb hauptsächlich Kräfte in axialer Richtung aufgebracht werden müssen, spielt die radiale Expansion der Gewebe eine wichtige Rolle, die vor allem bei mechanischer Behinderung der Wurzelspitze zum Tragen kommt. Durch ihre Ausdehnung in die Dicke erweitert die Wurzel den vor ihr liegenden Spalt und erleichtert dadurch das Eindringen der Wurzelspitze in das umgebende Substrat. Das sekundäre Entwicklungsstadium ist durch die Produktion von verholzten Geweben charakterisiert.
Die Wurzel erweitert in diesem Stadium ausschließlich ihren Umfang. Hierdurch verlieren ältere Wurzelteile zunehmend die Fähigkeit, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen und übernehmen stattdessen statische Aufgaben.
2.1 Standortbedingte Modifikationen von Wurzeln und Wurzelsystemen
Die Ausbildung einer bestimmten Kronenform ist in gleichem Maße genetisch festgelegt wie die Ausbildung eines bestimmten Wurzelsystems. Diese Veranlagung wird maßgeblich durch den Einfluss verschiedener Bodenparameter überlagert. Die drei Grundtypen, d. h. Pfahl-, Herz- und Senkwurzelsysteme, können an Naturstandorten ausgebildet werden, sind jedoch an anthropogen beeinflussten, innerstädtischen Standorten kaum realisiert.
Oberflächenversiegelungen in Form von Wege- und Straßenbelägen schränken die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Bodenkörper und Atmosphäre ein und blockieren damit Boden bildende Prozesse. Der Verlust der natürlichen Bodenfunktionen führt dazu, dass sich diese Böden nicht weiter entwickeln können und somit fortwährend in entsprechenden Initialstadien verbleiben.
Die im Gegensatz zu natürlichen Standorten veränderten Bodenwasser- und Bodenluftverhältnisse führen zur Ausbildung von an diese Verhältnisse angepassten Wurzelsystemen. Luft und Wasser stellen hierbei die wichtigsten formgebenden Faktoren dar, sind nur begrenzt vorhanden und limitieren damit das Wurzelwachstum im Boden. Da es an innerstädtischen Standorten in der Regel nicht zu tiefgründigen Durchfeuchtungen des Substrates kommt, halten sich Wurzeln bevorzugt in den oberen Bodenschichten auf. Der lebens notwendige Sauerstoffeintrag ist zudem auf Grund der geringen Gasdurchlässigkeit der Beläge auf Fugenbereiche reduziert und begünstigt damit zusätzlich das oberflächennahe Wurzelwachstum.
Diese Verteilungsmuster können auch an ungestörten Standorten beobachtet werden. Generell lässt sich feststellen, dass konstante Bodentemperaturen und -feuchtigkeit eher zu horizontal ausgerichteten Wurzeln führen, wohingegen schwankende Bodenparameter vertikal ausgerichtete Wurzeln hervorbringen.
2.2 Wurzelwachstum im Boden
Wurzelwachstum richtet sich nach nur wenigen Regeln, welche in Abhängigkeit der vorherrschenden Umweltbedingungen konsequent eingehalten werden. Der Weg einer Wurzel durch den Boden wird durch dessen wechselnde Eigenschaften vorgegeben. Die Wurzel reagiert ihrerseits auf die jeweils angetroffene Situation bzw. auf die veränderten Bodenparameter. Der Einfluss der Wurzel auf den Boden ist, hinsichtlich des eingeschlagenen Pfades, sehr viel geringer und beschränkt sich auf den Bereich der Rhizosphäre.
Abgeschiedene Wurzelexsudate in Form von Zuckern, organischen Säuren und Aminosäuren unterstützen die Nährstoffaufnahme, sind auf Grund ihrer Eigenschaften aber nicht dazu geeignet, Bodenpartikel aufzulösen und damit neue Wege für die wachsende Wurzel zu erschließen.
Wurzeln sind in der Lage, während ihres Wachstums in locker verdichtete Bereiche auszuweichen. Hierzu zählen auch größere Bodenporen und zusammenhängende Porenbereiche. Diese können als Risse zwischen Bodenaggregaten, in Form von Regenwurmgängen oder abgestorbenen Wurzeln vorliegen. Diese Fähigkeit ist in den mechanischen und physiologischen Eigenschaften der Wurzelspitze begründet. Da die ersten Zentimeter der Wurzelspitze weder Festigungsgewebe noch verholzte Anteile aufweisen, ist diese dementsprechend flexibel. Diese Eigenschaft ermöglicht es der Wurzel, während ihres Wachstums den Weg des geringsten Widerstandes einzuschlagen und auf diese Weise Energie zu sparen. Darüber hinaus verfügt die Wurzel über verschiedene Möglichkeiten, auf externe Reize zu reagieren. Diese Reizreaktionen äußern sich in einem gezielten Wachstum der Reizquelle zu- oder abgewandt. Je nach Bewegungsrichtung und Art des Reizes unterscheidet man positive und negative Wachstumsbewegungen (Tropismen), von denen in diesem Zusammenhang die folgenden angesprochen werden sollen:
Der Gravi- oder Geotropismus ist in Wurzeln positiv ausgeprägt. Er ist allgegenwärtig und dominiert das Richtungswachstum. Unter bestimmten Bedingungen kann die gravitrophe Reaktion der Wurzel allerdings durch andere Wachstumsbewegungen überlagert werden.
Der Hydrotropismus ist ebenfalls eine zur Quelle gewandte Wachstumsreaktion. Sie schließt das gezielte Wachstum in Bereiche mit hoher Luftfeuchtigkeit ein.
Der Aerotropismus ist eine Wachstumsreaktion, die sich Gasen zuwendet, sich aber auch von diesen abwenden kann. Über die jeweilige Richtung entscheidet das sich auf das Wachstum positiv oder negativ auswirkende Reagenz. Hierzu zählt auch der Oxytropismus, der bei atmosphärisch freiem Sauerstoff („Luft“) eine zur Quelle gewandte Wachstumsreaktion beschreibt.
Der Chemotropismus äußert sich ebenfalls in einer von der Wirkung auf das Wachstum abhängigen Wachstumsreaktion, die im Falle einer förderlichen Substanz zu dieser gerichtet und im Falle einer schädigenden Substanz von dieser abgewandt sein kann.
Der Thigmotropismus ist der Reiz, von der Quelle (einem mechanischem Reiz) abgewandt zu wachsen, was der Wurzel hilft, den Weg des geringsten Widerstandes zu finden. Eine Ausweichmöglichkeit vorausgesetzt, kann diese Wachstumsreaktion ebenso wie der Traumatotropismus (Wachstumsreaktion nach mechanischer Beschädigung) die geotrophe Reaktion überlagern.
Die Reizschwelle für alle Tropismen ist relativ niedrig, jedoch können durch die Wurzel verschieden starke Reizungen wahrgenommen und in entsprechend angepasste Wachstumsreaktionen umgesetzt werden (HART 1990). Die Detektionsgrenzen für die Reize sind sehr gering. So sind Wurzeln beispielsweise in der Lage, einen Sauerstoffgradienten von wenigen Molekülen Unterschied zu zwei Seiten der Wurzelspitze wahrzunehmen und entsprechende Wachstumsreaktionen einzuleiten (PORTERFIELD & MUSGRAVE 1998).
Mit Ausnahme des Gravitropismus bedarf es zum Auslösen einer entsprechenden Wachstumsreaktion zwingend den direkten Kontakt der Wurzel mit der Reizquelle. Hinsichtlich der Durchwurzelungsproblematik bedeutet dies, dass das Eindringen von Wurzeln in Abwasserleitungen und -kanäle nach der „Leck-Hypothese“ an exfiltrierendes Abwasser und der hydrotrophen Wachstumsreaktion der Wurzel gebunden ist.
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