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Humboldts Innovationen

Daniel Klink / Martin Mahn / Alexander Schug (Hg.)
Humboldts
Innovationen
Soziales, wissenschaftliches und wirtschaftliches Unternehmertum an der Humboldt-Universität zu Berlin

Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d.nb.de abrufbar.
ISBN (eBook, epub): 978-3-940621-54-2
Lektorat: Xaver Elavon
Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und Layout:
Stefan Berndt – www.fototypo.de
© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2010
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Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen,
der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe
und der Übersetzung vorbehalten.
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
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Inhalt
Vorwort
Einleitung
Ein akademisches Unternehmen: das Corpus Inscriptionum Latinarum - Theodor Mommsen
„Lassen Sie das, mit dem Gespüle ist ja doch nichts anzufangen!“ - August Wilhelm von Hofmann
„Ein Leben voller Arbeit und Mühe ist keine Last, sondern eine Wohltat.“ - Rudolf Virchow
Jenseits von Afrika - Heinrich Barth
Ein Leben für das Licht - Albrecht von Graefe
Neue Zeit zum Anfassen - Wilhelm Julius Förster
Dem Dünger auf der Spur - Adolph Frank
Die Revolution im Papier - Alexander Mitscherlich
Morphinistische Katzen an der Minibar Moralia - Louis Lewin
„Bisher nahm ich den Kampf umso eifriger auf“ - Emil von Behring
Der Ein-Frau-Betrieb - Alice Salomon
„Und im Traum, in einigen Fällen, hört er den Polarfuchs bellen.” - Alfred Wegener
Die Vorturnerin - Karin Janz
Tanz zwischen den Stühlen - Jürgen Kuttner
„Wir wollen Bedingungen schaffen, damit andere nachfolgen können“ - Andreas Heinz
Ideen und Idealismus - Conny Smolny
„Inspiration erfährt nur der vorbereitete Geist“ - Stephan Bayer
Nachwort
Autoren- und Herausgeberinfo
Anmerkungen
Abbildungsverzeichnis
Vorwort
Prof. Dr.
Michael Linscheid,
Vizepräsident für
Forschung der Humboldt-Universität zu Berlin
Muss sich Forschung durch Anwendung rechtfertigen? Ist das Geld der Steuerzahler nur dann gut angelegt, wenn eine neuartige Krebstherapie für morgen absehbar ist, wenn bessere Bremsen für Autos sofort machbar werden oder noch aussagefähigere Studien zur schulischen Kindererziehung oder zum altersbedingten Umbau der Gesellschaft damit bezahlt werden?
In seinem heute wie damals im Jahr 1997 hochaktuellen Buch „Pasteur’s Quadrant“ hat Donald E. Stokes, der ehemalige Dean der Woodrow Wilson School of Politics and Public Affairs der Princeton University, die Zusammenhänge zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung umfassend beleuchtet. Eine seiner zentralen Thesen soll hier diesem Buch vorangestellt sein: Es gibt keinen einfachen, planbaren Weg von der Grundlagenforschung zu Anwendungen, sondern beide haben ihre Berechtigung, sind auf vielfache Weise miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig.
Zur Darstellung wählte er vier Quadranten, deren Achsen der reine Erkenntnisgewinn einerseits und orthogonal dazu die Möglichkeit einer Anwendung angeordnet sind. Das führt, wie nun leicht einsehbar ist, zu den vier Feldern (1) reine Grundlagenforschung, ohne jede Anwendung im Sinn (er nannte diesen Niels Bohrs Quadrant), (2) durch Anwendung inspirierte Grundlagenforschung (das ist Pasteurs Quadrant), (3) Forschung zur Lösung spezieller Fragen ohne allgemeinen Erkenntnisgewinn und (4) Forschung, direkt gezielt auf Anwendung und technische Innovation (Edisons Quadrant).
Universitäten bewegen sich in den ersten drei Quadranten und überlassen den vierten, dies gilt zumindest in Deutschland, eher den Firmen oder spezialisierten Forschungsinstituten, die aber ebenfalls meist mit Industriepartnern zusammenarbeiten. Dies heißt aber eben nicht, dass universitäre Forschung keine Innovationen zur Folge hat – das Gegenteil ist richtig. Da die Forschung im 4. Quadranten immer auch auf Grundlagenforschung zurückgreifen muss, ist indirekt auch daran die Forschung in der Universität beteiligt; gleiches gilt natürlich auch für Forschungsinstitute, die sich der Grundlagenforschung verschrieben haben. Auch Universitäten können Innovation zeitigen, wenn es nur gewollt wird – und wenn erkannt wird, dass sich, wie oben schon gesagt, beides bedingt. Innovation, verstanden als technologischer Fortschritt mit gesellschaftlicher Relevanz, kann eben wiederum als Auslöser für Grundlagenforschung wirken und dies nicht nur in den technikaffinen Wissenschaften, sondern in allen Wissensbereichen einer Universität, in den Materialwissenschaften ebenso wie in den Sozialwissenschaften, der Jurisprudenz oder der Linguistik. Daher ist es lohnend, auch innerhalb einer Universität den Forscherinnen und Forschern Mut zu machen, nach Innovationen Ausschau zu halten.
Das Ihnen hier nun vorliegende Buch „Humboldts Innovationen“ mit seinen sehr unterschiedlichen Beispielen aus der Geschichte der Humboldt-Universität belegt dies aufs Nachdrücklichste und eben nicht nur für die Naturwissenschaften oder die Medizin. Faszinierende Geschichten von ehemaligen Studenten und Lehrenden dieser traditionsreichen Universität aus allen möglichen Wissenschaftsfeldern zeigen die verschlungenen Wege, auf denen Forschung Ergebnisse hervorgebracht hat, die schließlich zum Wohle der Gesellschaft bis heute wirken – eben wirkliche Innovationen. Die nicht geplant oder vorhergesehen waren, sondern die sich ergeben haben. Letzteres allerdings ist kein Zufall, sondern das Erkennen einer möglichen Innovation muss geübt, gefördert und – vielleicht – gefordert werden, zum Wohle der Gesellschaft, der Universität, der beteiligten Wissenschaftler und auch als Inspirationsquelle für weitere Forschung. Das Lesen der Geschichten in diesem Buch soll Lust darauf machen einmal praktisch zu denken, wenn pure Wissenschaft gemacht wird, soll anregen nach grundlegenden Fragen Ausschau zu halten, wenn eigentlich gerade Anwendungen ausgearbeitet werden und soll beweisen, dass beides geht.
Und, natürlich, das Lesen dieses Buches soll auch einfach nur Spaß machen.
Einleitung
Innovative Unternehmerpersönlichkeiten an der Humboldt-Universität und ein Alumnitreffen, das so nie stattfinden konnte
von Daniel Klink / Aexander Schug
Emil von Behring: „Mir war die Theorie nie genug. Ich wollte mehr wissen und verstehen, um da draußen zu helfen. Haben Sie einmal ein Kind sterben sehen? Als Arzt konnte ich die Hilflosigkeit nicht ertragen. So viele Kinder starben an den Folgen der Diphtherie. Vor meinen Augen. Wir mussten einfach ein Gegenmittel finden und es unter die Menschen bringen, damit dieser Sinnlosigkeit des Sterbens ein Ende gesetzt wird. Heute kann sich das ja glücklicherweise kein Mensch mehr vorstellen.“
Rudolph Virchow: „Mein lieber Behring, das ging mir ja zeitlebens ganz ähnlich. Die „soziale Frage“ brannte und wir gingen für unsere Überzeugungen auf die Barrikaden. Da braucht man durchaus auch Mut und Durchsetzungsfähigkeit. Das Risiko habe ich mit Freude getragen. Wissen Sie noch als Bismarck mich zum Duell herausforderte? Ja. Das meine ich. Aber wenn man dann sieht, dass die eigenen Ideen zum Bau der ersten kommunalen Krankenhäuser führen, weiß man doch, dass sich die Beharrlichkeit gelohnt hat.“
Theodor Mommsen: „Wem sagen Sie das? Für verrückt haben sie mich gehalten, als ich meine Idee von der Sammlung aller lateinischen Inschriften bis zum sechsten Jahrhundert in einem internationalen Großprojekt zusammenzutragen vortrug. Und was höre ich? Heute wird noch immer an meiner Sammlung gearbeitet. Das zeigt doch: Wenn Sie die richtigen Menschen für Ihre Unternehmung finden, für Ihre Idee werben, um die nötigen Mittel zusammenzubringen, und wirklich an die Umsetzung glauben, haben Sie gute Chancen, aus der Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Innovation nennen das die Leute heute.“
Wer steckt hinter der Innovation
Nicht die Idee oder Erfindung allein ist eine Innovation. Entscheidend ist ihre Durchsetzung in gesellschaftliche Realität – in neue Produkte, Dienstleistungen oder auch innovative Werte. Die Durchsetzung als das entscheidende Kriterium für eine Innovation zu sehen, bedeutet gleichsam den Personen dahinter eine besondere Rolle zuzuschreiben. Innovationen brauchen Persönlichkeiten, die in der Lage sind, Ideen Wirklichkeit werden zu lassen, Personen mit eigener Problemlösungsfähigkeit, Risikobereitschaft, Leistungsmotivation, einem starken Realitäts- und Eigensinn, Eigeninitiative, Unabhängigkeitsstreben und natürlich der Kreativität, die erst den Grundstein für die Ideen darstellt. Das schließt eine große Experimentierfreudigkeit und eine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe mit ein. Ergänzt werden diese Eigenschaften durch soziale Fähigkeiten:
Durchsetzungsvermögen, emotionale Stabilität, Einfühlungsvermögen und der Fähigkeit zur Zusammenarbeit in Netzwerken. Die Aufzählung der Eigenschaften innovativer Unternehmerinnen und Unternehmer hört sich natürlich großartig an – und man ist leicht versucht, diesen Typ Mensch zu überhöhen, wenn es nicht auch einige weitere motivationstreibende Faktoren gäbe, die das Superheroenbild wieder durchkreuzen würden. Unabhängigkeitsstreben, Eigensinn, Kreativität sind manchmal auch nur der Ausdruck sozialer Isolation und Außenseitertums. QuerdenkerInnen sind oft auch unbeliebt. Sie durchkreuzen die gängigen Denkformen, Konventionen, Glaubenssätze – all das, was uns Halt zu versprechen gibt. Innovatoren sind demgegenüber jedoch auch Umstürzler, kreative Zerstörer, die gerade durch ihre Opposition zum glatten Mainstream erst erneuernd wirken können.
Wilhelm Julius Förster: „Unternehmertum und Wissenschaft schließen sich ja nicht aus. Ich war immer der Überzeugung, dass wir Wissenschaftler unser Wissen dem Volk verständlich vermitteln müssen. Warum sollten wir das nicht mit unternehmerischen Mitteln wagen? Mein Freund Werner von Siemens war mir da sicher auch Vorbild, als ich in Berlin die einzigartige Urania gründete. Die Menschen liebten sie und kamen. Sie tun es noch heute. Meine Kollegen fühlten sich da auf den Schlips getreten. Ich sei unwissenschaftlich. Das ist natürlich Unsinn. Diese selbstverliebten Starrköpfe wollen nur nicht zugeben, dass sie sich allzu gern hinter ihrer akademisch-sprachlichen Unverständlichkeit verstecken.“
Heinrich Barth: „Das ist aber jetzt reichlich übertrieben, mein lieber Kollege Förster, manchem ist diese Gabe nun einmal nicht gegeben. Das hat mit Arroganz nichts zu tun. Ich liebte meine Afrikaexpeditionen und die ausführlichen Dokumentationen waren nun einmal für die wissenschaftliche Exaktheit notwendig. Und als ich mit meinen aufregenden neuen Erfahrungen aus dem afrikanischen Kontinent in diese von sich selbst eingenommene Gesellschaft zurückkam, kämpfte ich gegen Windmühlen, als ich für die Akzeptanz und Würde der afrikanischen Völker eintrat. Manchmal kommen neue Gedanken eben auch zu früh.“
Stephan Bayer: „Ich finde das wirklich ermutigend. Das Internet ist zwar kein lebensgefährlicher Trip durch die afrikanische Wüste, aber wir betreten mit Sofatutor ja auch Neuland. Ich bin mir sicher, dass unsere Onlinelernplattform vielen Schülern aus ärmeren Schichten helfen wird, günstig ihre schulischen Leistungen zu verbessern. In Zukunft wird die Onlinenachhilfe für mehr Bildungsgerechtigkeit führen. Das ist eine soziale Innovation, wir bei Sofatutor setzen sie unternehmerisch um.“
Es geht nicht nur ums Geld: Soziale, kulturelle, wissenschaftliche Unternehmungen
Gemeinhin wird der Begriff der Unternehmerin und des Unternehmers, ebenso der „Innovation“, mit „wirtschaftlicher Schaffenskraft“ assoziiert. Aber wenn wir das Unternehmerische nicht nur auf das Wirtschaftliche und auf monetäres Gewinnstreben in unserer Gesellschaft beziehen, ergibt sich eine neue Perspektive auf das Unternehmertum. Unternehmertum kann als Haltung gegenüber der Gesellschaft verstanden werden, etwas zu wagen, zu verändern, Neuland zu betreten. Der unternehmerische Geist, den wir hier vorstellen wollen, ist getragen von grenzenloser Neugier – und die findet sich in allen Bereichen einer Gesellschaft. Es geht nicht darum, einen Konzern zu gründen, reich zu werden, Tausende von Mitarbeitern zu haben. Es geht um die Lust zu gestalten, die wir auch an der Universität, in Sozialeinrichtungen oder in Kulturbetrieben finden.
Jürgen Kuttner: „Ich habe zu DDR-Zeiten an der Humboldt-Universität studiert. In Philosophie promoviert über den ,Begriff der Masse in der ideologischen Auseinandersetzung‘. Die Zeit dort hat mich natürlich geprägt. Aber ich bin ein Selbständiger – Freigeist. An der Universität war ich dauerhaft nicht gut aufgehoben. Bei der Gründung der taz-Ost nach dem Fall der Mauer passte das dann alles sehr gut. Geschäftsführer Jürgen Kuttner‘ klang echt spießig und dann ging es los: GmbH gründen, Räume und Telefonanschlüsse besorgen. Man sagt mir nach, ich könne Menschen für Ideen begeistern. Hat ganz gut geklappt, mit zwanzig Mitarbeitern hatten wir bald eine Auflage von 45.000 Exemplaren.“
Wagniskapital – was die Universität mitgibt
Am Anfang einer Innovation steht eine Idee. Der Prozess der Ideenfindung wird in erheblichem Maße von Wissen und Bildung beeinflusst, die das wichtigste Kapital für Unternehmerinnen darstellen. Innovative Unternehmer sind vielseitig und interessieren sich dabei auch für grundverschiedene Dinge. Sie verknüpfen ihre Beobachtungen zu neuen Kombinationen. Wie eine Universität für diesen Prozess ein Katalysator sein kann, lässt sich einfach zeigen. Universitäten sind das Tor der Wissbegierigen. Sie ermöglichen Forschern neues Wissen zu schaffen (Wissenschaft), das diese dann an die Studierenden weitergeben. Die Studierenden ihrerseits geben den Forschern durch kritische Beteiligung wiederum Denkanstöße. Es ist das Humboldtsche Ideal von der Einheit von Forschung und Lehre, das sich in der ganzen Welt durchgesetzt hat (Auch eine Innovation! Eine soziale. Diesmal von Wilhelm von Humboldt!). Universitäten beeinflussen daher in zweierlei Hinsicht das Entstehen von Innovationen: Erstens sind sie die geistige Heimat für leidenschaftliche Forscher. Zweitens begleiten sie viele Menschen eine Zeit lang in ihrem meist prägenden, persönlichen Bildungsprozess – als Studierender oder Promovierender und auch als wissenschaftliche Hilfskraft oder wissenschaftlicher Mitarbeiter. Sie stellt die Grundlage für ihr künftiges schöpferisches Handeln dar und beeinflusst mittelbar auch die Innovationen, die sie außerhalb der Uni erschaffen werden.
Alfred Wegener: „Ich? Eine innovative Unternehmerpersönlichkeit? Das stimmt schon. Ich habe wohl mehr unternommen als unterlassen. Zum Schluss habe ich alles im Eis riskiert und blieb zurück. Natürlich war das etwas vollkommen Neues. Eine riesige Expedition in die Polarregion hat es so vorher nicht gegeben. Ich musste an so viele Dinge denken. Wir brauchten eine Finanzierung. Wir mussten genau planen, brauchten viele Mitarbeiter, mussten die Einheimischen für unser Vorhaben gewinnen und waren natürlich immer in großer Gefahr. Letztlich wollten wir mehr über den Einfluss der Polarregion auf das Weltklima herausfinden. Meine größte Innovation ist aber zweifelsfrei die Theorie der Kontinentalplattenverschiebung in der Welt durchgesetzt zu haben.“
August Wilhelm von Hofmann: „Anfangs haben die Meisten nur mit dem Kopf geschüttelt, als ich anfing mit Teer zu experimentieren. Ich war überzeugt davon, dass dieser Stoff Geheimnisse birgt, die es zu lüften gilt. Und ich fand meine Anilin-Base, die der Welt die Farben schenken sollte. Diese neuen Farben waren später nicht nur eine Innovation. Sie waren eine Sensation! Überzeugt von der Wichtigkeit der Erkenntnisse, habe ich gemeinsam mit der jungen chemischen Industrie die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Wirklichkeit gebracht. Wenn Sie das so nennen wollen, dann war das sicher unternehmerisch. In jedem Fall innovativ.“
Alexander Mitscherlich: „Die Chemie war auch meine Leidenschaft. Mein Bruder wollte eine Papierfabrik aufbauen und da befasste ich mich mit den Herstellungsverfahren, die ich für ineffizient hielt. Ich konnte nicht loslassen und erfand das Sulfit-Zellstoffverfahren. Gemeinsam mit der systematischen Verbesserung der Arbeitsschritte war die Produktionsweise marktkreif. Mit diesen Entdeckungen im Gepäck gründete ich meine eigene Fabrik und wurde Unternehmer. Die Probleme, die sich durch die Vermischung von Unternehmertum und Wissenschaft ergaben, kosteten mich viele Nerven. Später gab es auch noch Patentstreitigkeiten. Man bezweifelte allen Ernstes meine Erfinderschaft. Ich kämpfte hart um die Anerkennung und war erfolgreich. Mein Verfahren verbreitete sich in Deutschland und ganz Europa.“
200 Jahre quergedacht – oder: Was dieses Buch eigentlich soll …
Welche Innovationen gingen in den letzten 200 Jahren direkt und indirekt aus der Humboldt-Universität hervor? Welche Persönlichkeiten stecken hinter den Innovationen? Welche Widerstände mussten sie überwinden und welche Rolle spielte die Humboldt-Universität für ihre Leistung? Diese Fragen möchte das Buch beantworten. Es werden wirtschaftliche, soziale und wissenschaftliche Innovatorinnen und Innovatoren vorgestellt, die in ihrem Leben mit der Humboldt-Universität verbunden waren oder es noch sind. Die Uni wird dabei als Katalysator neuen Wissens, neuer Ideen und Innovationen vorgestellt. Die ausgewählten Beispiele von 17 Wagenden aus 200 Jahren Humboldt-Universität sollen vor allem Lust auf ein Denken jenseits von Konventionen machen. Sie machen auch Mut, neue Gedanken zu spinnen, neue Perspektiven auf diese Welt und unser Leben zu werfen – und vor allem Mut, Ideen auch in die Tat umzusetzen, damit sie gesellschaftlich wirksam werden können.
Louis Lewin: „Das ist doch erbauend, liebe Kollegen. Wir sind in hier in einer Art schriftlichen Ruhmeshalle. Die Ehre ist umso größer als sich unsere Nachfolger mit uns beschäftigen. Uns nicht vergessen. Selbst noch so jung, schreiben Sie in diesem Buch für ein breites Publikum verständlich über unsere Geschichte und innovativen Errungenschaften. Ich habe selbst Bestseller geschrieben. Mir lag es sehr am Herzen meine Forschung der Toxikologie der gesamten Bevölkerung näher zu bringen. „Die Gifte in der Weltgeschichte“ verkauften sich zum Beispiel sehr gut und ich konnte mit dem finanziellen Ertrag meiner Forscherleidenschaft an der Humboldt-Universität weiter nachgehen.“
Albrecht von Graefe: „Es ist doch wirklich eine schöne Würdigung. Man hat uns fast schon vergessen. Meine Pionierleistungen im Bereich der Augenheilkunde habe ich mit unternehmerischem Geschick über meine Privatkliniken finanziert. Um wirkliche Neuerungen durchzusetzen, musste ich mit meiner Leistung überzeugen und ungewöhnliche Mittel ergreifen. Zum Schluss stand der Erfolg, die Augenheilkunde von der Chirurgie emanzipiert zu haben. Unsere so verschiedenen innovativen Leistungen waren doch alle unternehmerisch. Mal wissenschaftlich, wie beim Kollegen Mommsen, mal sozial, wie beim verehrten Herrn Virchow aber auch kulturell, wie bei Herrn Kuttner.“
Adolph Frank: „Im Blick hatten wir dabei immer das Ganze: Die Wissenschaft, die Gesellschaft und die unternehmerische Umsetzung unseres neuen Wissens. Ich selbst gründete gleich mehrere chemische Fabriken. Ich bin viel gereist. Immer zwischen Forschung und Wirtschaft. Auch gedanklich natürlich. Für einen freien Geist, sind die Verknüpfungen zwischen der theoretischen Wissenschaft und der praktischen Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft kein Gegensatz, sondern ein aufregendes Spielfeld. Liebe Kollegen, lassen Sie uns demütig Vorbild sein für die Studierenden und Forscher der Humboldt-Universität, die künftig mutig ihre Ideen zu Innovationen werden lassen!“1
Ein akademisches Unternehmen: das Corpus Inscriptionum Latinarum
Theodor Mommsen (1817–1903)
von Simon Dewes
Lange bevor Theodor Mommsen das „Römische Staatsrecht“ veröffentlichen, sich als Wissenschaftsorganisator einen Namen machen und als erster Deutscher für seine „Römische Geschichte“ den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte – kurz gesagt: Lange bevor Mommsen der bedeutendste Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts geworden war, gingen im Königreich Neapel seltsame Dinge vor sich. Immer wieder scharten sich in den Straßen des Königreichs wildfremde Passanten um einen vielversprechenden ehemaligen Studenten der Jurisprudenz aus Schleswig-Holstein, um diesem neugierig dabei über die Schulter zu schauen, wie er selbst in den kleinsten Dörfern von Gebäuden, Brücken und anderen Bauten römische Inschriften in einen Notizblock übertrug. Der junge Mommsen hatte einen Plan.
Sämtliche erhaltenen lateinischen Inschriften bis zum 6. nachchristlichen Jahrhundert zu begutachten und zusammenzutragen, dafür war es hohe Zeit! Und „sämtliche“ hieß tatsächlich „sämtliche“. Alle. Ausnahmslos. Nun gut, mit Ausnahme der antiken christlichen Inschriften, aber die passten Mommsen thematisch nicht. Die Dimensionen dieses Unternehmens waren so gewaltig wie die Ausdehnung des Römischen Reiches. Von Marokko bis Rumänien, von England bis Syrien: Die Römer waren fast überall in den Grenzen der ihnen bekannten Welt gewesen, und überall hatten sie ihre Inschriften hinterlassen, in den Stein gemeißelt und gehauen: Inschriften zur Repräsentation römischer Macht, zur Demonstration römischer Größe, Inschriften über die Gesetzeslage, beschriftete Grabsteine oder auch nur Alltäglichkeiten. Die Funde mussten in die Hunderttausende gehen. Alles zusammen ein Panoptikum römischen Lebens. Ein gewaltiger historischer Schatz, den Mommsen systematisch heben wollte.
Die Idee, sämtliche Inschriften des Römischen Reiches zu sammeln, ging auf den dänischen Forscher Kellermann zurück, der 1837 gestorben war und seine Vorarbeiten dem Deutschen Archäologischen Institut in Rom hinterlassen hatte. Ausgestattet mit einem zweijährigen Reisestipendium der dänischen Regierung traf Mommsen dort 1846 ein. Ursprünglich hatte er geplant, eine Neuauflage römischer Gesetzesurkunden anzufertigen; eine Idee, für die er mit Savigny und Boeckh auch Unterstützer in der Berliner Akademie der Wissenschaften gefunden hatte. Als er nun aber im Deutschen Archäologischen Institut in Kontakt mit dem mittlerweile brachliegenden Unternehmen Kellermanns kam, erkannte er dessen Bedeutung und beschloss, es fortzuführen.2
Das grundstürzend Neue dieser Inschriftensammlung war deren Methode. Schon zuvor hatten Altertumsforscher Inschriften gesammelt und publiziert. Allerdings hatte man bei den bislang erschienenen Editionen meist auf ältere Quelleneditionen zurückgegriffen. Diese wurden zerschnitten, neu zusammengestellt und umfangreich annotiert. Neues Wissen konnte bei dieser Manier schwerlich entstehen. Demgegenüber setzte Mommsen es sich nun zum Ziel, die Inschriften planmäßig und vollständig zu erfassen, indem er diese persönlich vor Ort aufsuchte und abschrieb. Darüber hinaus sollte Mommsens Edition auch die nur noch in Handschriften erhaltenen Inschriften umfassen. Nur durch diese systematische Herangehensweise war es theoretisch möglich, neue Erkenntnisse zu erlangen und einen vollständigen Grundstock an Quellen anzulegen.
Mit dem Entschluss war es allerdings nicht getan. Nun fingen die Probleme für Mommsen erst an. Tatsächlich türmte sich gleich ein ganzer Berg von Problemen vor ihm auf: Wie sollte ein einzelner Mensch dazu in der Lage sein, alle Inschriften des römischen Weltreiches zu sammeln? Es lag auf der Hand, dass dies nur in einem groß angelegten, im besten Falle auch internationalen Wissenschaftsunternehmen möglich war, das jahrzehntelang tätig sein würde. Wer aber sollte das bezahlen? Die Berliner Akademie der Wissenschaften war hierfür zwar der natürliche Ansprechpartner, aber dort saß Mommsens Förderer Boeckh und war von dem Projekt ganz und gar nicht begeistert, war doch seine eigene, auf traditionelle Weise erstellte griechische Inschriftensammlung gerade im Erscheinen begriffen. Hätte diese nun durch den Plan eines Jungakademikers das Signet wissenschaftlicher Unbrauchbarkeit aufgedrückt bekommen sollen, weil es ihr an Systematik fehlte?
Man kann Mommsen nicht vorwerfen, dass er für sein Projekt nicht gekämpft hätte. Um die Vorzüge seiner Methode praktisch aufzuzeigen, entschloss er sich, die Inschriften einer Region selbst zusammenzutragen. Bartolomeo Borghesi, der Doyen der Epigrafik (Inschriftenkunde), legte ihm das Königreich Neapel ans Herz, und so brachten Mommsens öffentliche Abschreibestunden Amüsement und Gesprächsstoff in diese Region. Allein, es erwies sich als vergebens. Boeckhs Einfluss an der Akademie war noch zu stark. Eine Mehrheit für Mommsens Unternehmen lag in weiter Ferne. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sein Inschriftenprojekt einstweilen mit seinem Stipendiengeld alleine fortzuführen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Dies war ihm auch das Risiko wert, sein Stipendium für eine Tätigkeit zu verschwenden, die womöglich niemals Früchte tragen sollte. Die restliche Zeit seines Italienaufenthalts verbrachte er daher damit, auf eigene Faust die Inschriftensammlung zu ergänzen. Abwechslungsreicher Zeitvertreib war das kaum. Stattdessen bedurfte es unermüdlicher Disziplin, um über der Eintönigkeit dieser Tätigkeit nicht den Mut zu verlieren – zumal vor dem Hintergrund einer fehlenden Finanzierungszusage für das Gesamtprojekt. Gleichwohl ließ Mommsen sich nicht beirren, wusste er doch, dass zumindest das Deutsche Archäologische Institut auf seiner Seite stand und auch Borghesi die Inschriftensammlung für gut befunden hatte. Es war also vielleicht noch nicht aller Tage Abend.
Immerhin erhielt er nach seiner Rückkehr aus Italien eine Professur für Rechtswissenschaften in Leipzig. Seinen Lehrstuhl verlor er aber alsbald wieder, nachdem er im Jahre 1849 angesichts des drohenden Scheiterns der 1848er-Revolution mit zwei Kollegen zusammen durch die Straßen gezogen war. Mit dem Ruf „Bürger heraus!“ hatte er eine Volksversammlung einberufen und zum bewaffneten Kampf übergehen wollen. Friedrich Wilhelms IV. Ablehnung der ihm angetragenen Kaiserkrone war dem liberalen, kleindeutsch-erbkaiserlich orientierten Mommsen unerträglich. Obgleich er vor dem Hintergrund eines bevorstehenden Truppeneinsatzes schon am nächsten Tag von diesem Aufruf Abstand genommen hatte, wurde er daraufhin strafrechtlich und politisch verfolgt. Die strafrechtlichen Vorwürfe wurden zwar in der Berufungsinstanz fallengelassen, aber das Ministerium entließ die an dem Aufruf beteiligten Professoren 1851 aus dem Universitätsdienst.
Inschriftencorpus, 1848er-Revolution: Duplizität der Ereignisse in Mommsens Vita. Hier wie dort zeigte er keine Scheu, gegen eine etablierte Mehrheit anzurennen und für seine Überzeugungen auch Hand anzulegen. In beiden Fällen blieb das persönliche Engagement allerdings fruchtlos, weil der Reformwille der Machthaber ausblieb. Vor allem aber weigerte Mommsen sich jeweils, gleich nach der ersten Niederlage die Flinte ins Korn zu werfen. Denn während andere liberale Professoren nach dem endgültigen Scheitern der 1848er-Revolution den Weg in die „innere Emigration“ des Wissenschaftlers gingen und ihre politischen Ambitionen aufgaben, blieb Mommsen seinem Selbstverständnis nach ein politischer Professor. Und was Wissenschaft und Inschriftensammlung anbelangte, so hatte er diese nach der Ablehnung seiner Pläne ja lange Zeit als Ein-Mann-Unternehmen in Italien fortgesetzt, ohne sichere Gewähr dafür zu haben, dass sich der Wind einmal drehen würde.
1852 kamen für den Wissenschaftler Mommsen endlich bessere Zeiten. Die „Lateinischen Inschriften des Königreichs Neapel“ gingen in Druck. Nachdem die Berliner Akademie ob ihrer Differenzen mit Mommsen noch einmal gegen ihn nachgetreten und den Druckkostenzuschuss verringert hatte, war das Erscheinen nur wegen der Risikobereitschaft des Verlegers möglich. Zeit seines Lebens wusste Mommsen, wem er für die Veröffentlichung Dank schuldete: dem „tapferen und gemeinnützigen Buchhändler“.3 Die Veröffentlichung der neapolitanischen Inschriften war indes die entscheidende Wende. „Sie zeigten auch dem blödesten Auge“, schrieb der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack, „wie das Inschriftenwerk auszuführen sei“.4
Mit dem Erscheinen der Inschriften war die Zeit reif, einen neuen Versuch für die Initialisierung des Inschriftenunternehmens zu starten. Einfach war dies beileibe nicht. Mommsen Widerstreiter Boeckh ließ sich von den neapolitanischen Inschriften nicht irritieren und leistete weiterhin hinhaltenden Widerstand. Gleichwohl bröckelte Boeckhs Mehrheit. Zu überzeugend waren die Ergebnisse der neapolitanischen Sammlung. Zu bestechend die neue Herangehensweise. Die neapolitanischen Inschriften führten Innovationskraft und Schaffenspotential von Mommsens Idee in einer Nussschale vor. Zu welchen Ergebnissen würde es dann erst führen, wenn man die Kräfte im Großen vereinigte – in einem wissenschaftlichen Unternehmen? Dessen Dimensionen würden den Rahmen des bislang Bekannten sprengen, versprachen aber genau aus diesem Grund wissenschaftlichen Fortschritt. Diesen Perspektiven konnte sich eine Mehrheit in der Akademie nicht auf Dauer verschließen. Geschickt koordinierten Mommsen und seine Fürsprecher sich inner- wie außerhalb der Akademie und wiesen permanent auf die Innovationskraft des Inschriftenunternehmens hin. Ihre Gegner gerieten unter immer stärkeren Rechtfertigungsdruck. Zudem meldeten sich aus Italien die ersten Mitstreiter, die nur zu gerne an der in den Startlöchern stehenden Edition teilnehmen wollten. Schließlich trug die zweijährige Kärrnerarbeit in Neapel endlich Früchte: Mommsen wurde in einer heißumstrittenen Akademiesitzung mit der Edition beauftragt. Das Einzelschaffen war vorüber. Das Unternehmen Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) konnte beginnen.5
Friedrich Wilhelm IV. hatte 1854 auf sechs Jahre zunächst 2.000 Taler jährlich bewilligt. Zu wenig für das CIL. Mommsen ging davon aus, bis zu zwanzig Jahre mit dem Inschriftencorpus beschäftigt zu sein. Tatsächlich wird die Arbeit an dem Corpus bis zum heutigen Tag kontinuierlich fortgesetzt, da es zu einer Vielzahl neuer Inschriftenfunde kam. Dabei gilt weiterhin die Parole, die Inschriften – sofern noch möglich – vor Ort zu untersuchen, um eine hinreichende Quellenkritik zu gewährleisten.6 Weniger Wert legte Mommsen hingegen auf eine umfangreiche Annotierung der Inschriften. Hier ließ er es bei einigen grundlegenden Angaben bewenden. Wichtig war ihm, einen systematisch geordneten Inschriftenfundus aufzubauen, aus dem man im Folgenden schöpfen konnte.
Bis zu Mommsens Tod 1903 wurden 130.000 Inschriften in 15 Bänden publiziert. Diese Erfolge waren nur möglich, weil Mommsen mit dem CIL die akademische Großforschung initialisierte. Es verwundert nicht, dass es dabei zu einer Vielzahl organisatorischer, materieller und wissenschaftlicher Schwierigkeiten kommen musste. „Nur dadurch konnten sie überwunden werden und wurden überwunden, dass es eben kein Privat-, sondern ein akademisches Unternehmen war“7 , sagte Mommsen selbst. Um die Inschriftensammlung organisatorisch zu bewältigen, war er nicht mehr reiner Wissenschaftler, sondern gleichfalls Betriebschef. Zu seinen Aufgaben gehörten nun auch Geldbeschaffung, Einstellung geeigneter Mitarbeiter sowie Koordination von deren Arbeit.
1855 forderte die Akademie in einem Rundschreiben interessierte Wissenschaftler zur Teilnahme an dem CIL auf. Als fähiger Organisator legte Mommsen größten Wert auf die Integration ausländischer Wissenschaftler, um deren Kenntnisse und Verbindungen vor Ort für seine Edition nutzbar zu machen. Für das Gelingen des Unternehmens war dessen Internationalisierung elementar. So weitumfassend wie das römische Reich, so international musste auch das Mitarbeiternetzwerk sein. Mommsen guter Name kam ihm zu Hilfe. Er rief, und alle kamen – so bedeutend war sein Name schon. Aus Italien, Frankreich, Spanien, England und vielen anderen Ländern fanden sich Wissenschaftler zur Teilnahme bereit.8
Für die Geldbeschaffung mussten neue Strategien entwickelt werden, da nicht einmal die Berliner Akademie ein Projekt dieses Ausmaßes stemmen konnte. Bei den notwendigen Verhandlungen mit dem preußischen Staat half es Mommsen, dass er 1857 zunächst auf eine Forschungsprofessur an der Berliner Akademie und 1861 dann auf eine ordentliche Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität berufen worden war, neben Bonn die renommierteste Universität Preußens. Sein Stern als Historiker stieg und stieg, nicht zuletzt wegen seiner 1854-1856 verfassten „Römischen Geschichte“: Im Fokus des Werkes, das sich an ein allgemeines Publikum richtete, steht die späte Republik. Cäsar, das Genie, dient dem Fortschritt, weil er erkennt, dass die Zeit für eine Ablösung der überkommenen Senatsherrschaft reif ist.9 Das Scheitern der 1848er-Revolution wird durch die Glorifizierung Cäsars literarisch kompensiert. Dies alles legte Mommsen dem staunenden Publikum nicht in drögen wissenschaftlichen Reflektionen dar, sondern in einem lebhaften, ja geradezu journalistischen Schreibstil. Das Buch wurde ein großer Publikumserfolg und begründete den Ruhm des Autors. Ausdruck fand dies in der Verleihung des Literaturnobelpreises 1902.
Das so gewonnene Prestige bei erfolgreichen Verhandlungen mit dem Staat einzusetzen, scheute Mommsen sich nicht. Mittlerweile konnte er es sich sogar leisten, mit einem Weggang zu drohen. Mehr als einmal kam es zu derlei Bleibeverhandlungen, die einzig dem Zweck dienten, die finanzielle Situation des Unternehmens zu verbessern. Neben der direkten finanziellen Unterstützung durch den Staat sorgte Mommsen für weitere Finanzspritzen. Dies galt erst recht, als die Effektivität der Großorganisation offenbar wurde und Mommsen weitere Unternehmungen nach der gleichen Machart aufzog. Zu den neuen Methoden der Geldbeschaffung zählte es beispielsweise, die Reichsadministration zur kompletten Übernahme dieser Wissenschaftsunternehmen zu bewegen. Weiterhin führte aber auch eine deutlich gesteigerte Kooperation in- und ausländischer Akademien zu verbesserter Ressourcenallokation. Unnötige Mehrfacharbeit konnte dadurch effizienter als bislang bekämpft werden.10 Bei Organisation und Geldbeschaffung half es Mommsen, dass er gute Kontakte in das zuständige Ministerium besaß. Zudem war er aber auch Mitglied in unzähligen wissenschaftlichen Kommissionen aller Art und so stets bestens informiert.
Der erste Band des CIL erschien 1863. Das Inschriftenunternehmen hielt sein Versprechen: Es verbesserte die Kenntnisse der römischen Geschichte in vielerlei Hinsicht. Dieser Wissenszuwachs betraf alle Aspekte des römischen Lebens: politische, militärische, soziale, wirtschaftliche etc. Nichts entging Mommsen und seinen Mitstreitern. Nichts war uninteressant. Alles konnte von Bedeutung sein. Die Bedeutung erwuchs dabei nicht nur der einzelnen Inschrift als solcher, denn auf die Detailforschung aufbauend ließen sich im Vergleich übergeordnete Zusammenhänge erschließen.11 Die Methode hatte sich bestens bewährt. Das Unternehmen leistete ganze Arbeit.
Mit dem CIL revolutionierte Mommsen die Altertumswissenschaft aber auch noch in einer anderen Hinsicht. Wissenschaft war nun nicht mehr das Werk eines Einzelnen, sondern das arbeitsteilige Werk eines Unternehmens. Diese Neuerung war Mommsen bewusst: „Wir dürfen hier das Verdienst in Anspruch nehmen, dass wir nicht auf den Lorbeeren einer älteren Generation ruhen, sondern in frischem Schaffen fortfahren, auch wenn wir dabei unser altes Haus selber einreißen müssen.“12 Gleichwohl war die neue Arbeitsweise nicht immer freudvoll: „Die Wissenschaft […] schreitet unaufhaltsam und gewaltig vorwärts; aber dem emporsteigenden Riesenbau gegenüber erscheint der Arbeiter immer kleiner und geringer.“13 Durch die Arbeitsteilung konnte dem einzelnen „Wissenschaftsarbeiter“ rasch der Blick auf das „große Ganze“ entgehen. Auch wegen der Langfristigkeit der Unternehmung schwand die Bedeutung des Einzelnen. Man arbeitete einige Zeit für Mommsen, trat irgendwann aus seinen Diensten und wurde durch einen Nachfolger abgelöst. Gerade das hatte Mommsen aber gewollt: „Die Organisierung der Arbeit, sei es durch Sammlung der Materialien oder der Resultate, sei es durch Schulung der hinzutretenden Arbeitsgenossen, nimmt immer weiteren Umfang an und fordert vor allem jene Stabilität der Einrichtungen, die über die Lebensdauer des einzelnen Mannes hinaus den Fortgang der Arbeit verbürgen.“14
Und sollte man die nunmehr erprobte wissenschaftliche Großorganisation nicht auch für andere Projekte fruchtbar machen können? Der Erkenntniszuwachs war so durchschlagend, dass es geradezu auf der Hand lag, dem Referenzmodell CIL weitere Unternehmen folgen zu lassen, so z.B. die Prosopographie der römischen Kaiserzeit, die Kommission für Numismatik, die Erforschung des Obergermanisch-Raetischen Limes oder ein Wörterbuch der römischen Rechtsgeschichte.15 Auch dort folgte Mommsen dem für die Altertumswissenschaft neuen Totalitätsideal, nach dem sich die Wissenschaft nicht mehr allein auf die textlichen Überlieferungen zu beschränken, sondern alle Hinterlassenschaften der Antike in den Blick zu nehmen hatte, um antikes Leben umfassend zu erforschen. Ziel war die vollständige Historisierung des Altertums.
Der Preis für Arbeitsteilung und vollständige Historisierung war aber die „Entfremdung“ des Wissenschaftsarbeiters von der Geschichte, da jeder nur noch seinen hochspezialisierten Arbeitsbereich bearbeitete. Insofern liegt eine gewisse Paradoxie darin, dass das Totalitätsideal zwar für einen Modernisierungsschub sorgte, durch die nachfolgende Zersplitterung der Wissenschaft in verschiedene Unterdisziplinen aber wiederum der durch das Totalitätsideal angestrebte umfassende Blick auf das Leben schwand. Diese Entfremdung wurde schon von Zeitgenossen wie Burckhardt oder Nietzsche kritisiert. Auch Johann Gustav Droysen beklagte sich über die „Fabrikarbeit“, welche die an den Unternehmen Beteiligten leisten mussten. Indes, Mommsen ließ sich davon nicht beirren. Zu groß waren die Erfolge. Die Spezialisierung war für ihn schlicht der Preis, den der Wissenschaftler dafür zahlen musste. Eindrucksvoll bestätigt wurde Mommsen im Übrigen durch die Reaktion fachfremder Wissenschaftler, die sein Organisationsmodell übernahmen. Mittels internationaler wissenschaftlicher Kooperation sollten sich nicht nur im Rahmen der Altertumswissenschaften Erfolge erzielen lassen. Für sämtliche Wissenschaften bis hin zu den Naturwissenschaften wurde das Modell stilprägend.
Angesichts der schieren Stoffmenge, die es für all diese Projekte zu bewältigen galt, kann es nur verwundern, dass Mommsen noch Zeit fand, „en passant“ bahnbrechende Werke wie das „Römische Staatsrecht“ (1871-1888) zu veröffentlichen. Das „Staatsrecht“ erschien von 1871 bis 1888 und füllte über 3.000 Seiten. In diesem Werk präsentiert Mommsen die römische Verfassung über etwa 1.000 Jahre als geschlossenes juristisches System, um so zu deren Wesenskern vordringen zu können. Bis heute ist dieser kühne Wurf die Grundlage der verfassungsgeschichtlichen Forschung, der bislang durch kein anderes Werk adäquat ersetzt werden konnte.16
Selbst für politisches Engagement fand Mommsen noch Zeit. Ein Leben im Elfenbeinturm der Wissenschaft konnte er sich nicht vorstellen. Es zog ihn stattdessen in den 1860er und 1870er Jahren in den preußischen Landtag, von 1881-1884 gar in den Reichstag, wo er sich als waschechter Liberaler und „Altachtundvierziger“ präsentierte. Wie in der Wissenschaft ging Mommsen auch hier keiner Kontroverse aus dem Wege. So schimpfte er auf den „Junker- und Pfaffenstaat“, engagierte sich im „Berliner Antisemitismusstreit“ gegen seinen Kollegen Treitschke und dessen Verdikt „Die Juden sind unser Unglück!“ und verzweifelte am fehlenden Bürgersinn der Deutschen. Auch das Alter bedeutete nicht das Ende von Mommsens politischer Partizipation.17 Exemplarisch dafür steht sein Verhältnis zur Sozialdemokratie, der gegenüber er sich lange Zeit ablehnend verhielt. Noch während seines zweijährigen Italienaufenthalts hatte er für die Armut der Arbeiter keinen Blick gehabt und es vorgezogen, sich stattdessen über den schlechten Erhaltungszustand der Inschriften zu echauffieren.18 Doch kurz vor seinem Tod vollzog er öffentlich einen Paradigmenwechsel und warf sein Renommee für eine sozialliberale Koalition in die Waagschale. Um einen politischen Strauß auszufechten, musste Mommsen nicht im Parlament sitzen.
Ermöglicht wurde diese immense Produktivität durch ein schon zu seinen Lebzeiten unter Zeitgenossen legendäres Arbeitspensum. Mommsen war schlicht der „Kärrner“ – also derjenige, der die entbehrungsreiche Arbeit eines Fuhrmanns verrichtete. Im Falle Mommsen wäre es vielleicht angebrachter zu sagen: derjenige, der den Karren gleich selbst zog. Mit Mußestunden wusste Mommsen wenig anzufangen. Lieber füllte er sie damit, seinen wissenschaftlichen Forschungen oder politischen Projekten nachzuhängen. Es wundert nicht, dass unter diesen Voraussetzungen für seine 16 Kinder – zwei davon starben im Säuglingsalter – wenig Zeit blieb.
Dem CIL blieb er bis zu seinem Tod 1903 treu. Untreu wurde Mommsen hingegen seinem Ideal, auch wissenschaftliche Großunternehmen so zu konzipieren, dass sie noch zu Lebzeiten abgeschlossen werden konnten. Angesichts permanenter Neufunde von Inschriften war das ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Die Gesamtzahl römischer Inschriften wird derzeit auf rund 400.000 geschätzt.19 Im Inschriftencorpus publiziert sind davon rund 180.00020 , und es ist noch lange nicht Schluss: Die Gelder für das CIL sind bis 2053 bewilligt. Federführend tätig ist immer noch die Akademie der Wissenschaften in Berlin. So tragfähig erwiesen sich die von Mommsen begründeten Strukturen, dass sie von den Nachfolgegenerationen übernommen werden konnten. Das Unternehmen überlebte seinen Gründer und arbeitet noch immer.

„Lassen Sie das, mit dem Gespüle ist ja doch nichts anzufangen!“
August Wilhelm
von Hofmann
(1818–1892)
von Daniel Kirchhof
Pechschwarz, zähflüssig und ätzend vernebelt der Teer mit seinem Gestank die Sinne. In den großen Fabriken der zur Mitte des 19.Jahrhunderts aufkommenden chemischen Industrie fiel er in großen Mengen an. Die Schadstoffemissionen der schwarz rauchenden Fabriken lagen weit jenseits unserer heutigen von Klimawandel und Emissionsdebatten geprägten Vorstellungskraft. Unter den industriellen Abfallprodukten wie Schwefelsäure, Chlorbleiche oder Sulfitlauge präsentierte sich der harzige, klebrige Teer als besonders problematisch. Es hätte wohl kaum jemand gedacht, dass sich gerade aus dem Teer der Steinkohle etwas Brauchbares gewinnen ließe. Schillernde, prächtige Farben, ästhetische Genüsse und sogar medizinisch-pharmazeutischer Fortschritt – dazu schien Teer wohl kaum geeignet zu sein. Das biss sich wie sein Gestank – ein Irrtum.
Als der junge August Wilhelm Hofmann sich während seines Studiums für die synthetische Chemie zu interessieren begann, war an die spätere Blüte dieses Zweiges noch nicht zu denken. Gerade einmal 18-jährig, aufgeweckt aber ohne einen klaren Lebensplan21 , schrieb er sich 1836 an der Giessener Universität ein. Wissensdurstig und beseelt von forschendem Drang, begann nach einer zähen Zeit des Studierens mit juristischen Schwerpunkten seine intensive Beschäftigung mit der Chemie. Als Schüler und späterer Assistent Justus von Liebigs wurde Hofmann bei ihm bereits nach fünf Studienjahren gleich promoviert. Seinen Forschungen über die Synthese von Anilin, das reichlich im Teer der Steinkohle vorkommt, und dessen Möglichkeiten, verdankte er seinen späteren länder- und disziplinübergreifenden Ruhm.
Sein Vater, der Giessener Hofkammerrat und Provinzialbaumeister, Johann Philipp Hofmann, war ein vorbildlicher Bildungsbürger seiner Zeit: voll ernsten Strebens und beseelt von der Liebe zu allem Edlem und Guten. Er rühmte sich der engen Freundschaft zu Justus von Liebig22 – man blieb gern unter Seinesgleichen. Er liebte das Reisen durch Europa und diente in mehreren europäischen Adelshäusern, zuletzt beim Großherzog von Hessen. Er leitete die Erweiterungsbaumaßnahmen des Liebigschen Labors, das durch den großen Andrang internationaler Studierender aus den Nähten zu platzen drohte. Für den Vater und dessen Statusdenken war der Sohn jedoch noch alles andere als satisfaktionsfähig. Dieser klagte bei Liebig über die Unentschlossenheit und die mangelnde Motivation seines Sohnes bei dessen Studium.23 Er hätte es gern gesehen, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt, stattdessen interessierte dieser sich lieber für fremde Sprachen und gab sich den ästhetischen und musischen Genüssen hin, denen er auf den gemeinsamen Reisen mit dem Vater durch Italien und Frankreich begegnet war.24 Die romanischen Sprachen und die Künste übten auf ihn eine große Faszination aus, zu fremden Kulturen fand er sehr leicht Zugang.25 Nach Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn belegte der junge August Wilhelm als Kompromiss widerwillig das Fach Jura mit der Aussicht auf ein Brotstudium zum Staatsbeamten. Damit konnte er sich nur schwer anfreunden, zog es ihn doch noch immer zu den romanischen Philologien und den Künsten zurück.
Doch Teil der universitären Ausbildung für zukünftige Verwaltungs- und Staatsbeamte war zu dieser Zeit auch der Erwerb chemischer Grund- und Fachkenntnisse. Liebig meinte ein großes Potenzial bei dem Jungen feststellen zu können und entgegnete dessen Vater: „Gib ihn mir, ich will sehen, was sich aus ihm machen lässt, er ist ja ein guter Bursche, und dumm ist er gewiss nicht, vielleicht hat er den richtigen Weg (noch) nicht gefunden.“26 Wie ein Magnet zogen Liebigs Lehrmethoden dann den jungen Studierenden an. In Liebigs Labor wurde Hofmann in die chemische Analytik eingeführt. Die dabei aufkommende Faszination des Neuen, des erlebbaren Forschens, beflügelte den jungen Hofmann. Vergessen waren die mühevollen Studien der Rechtswissenschaften. Künste und fremdsprachige Philologien fanden nur noch zu gelegentlicher Stunde des musischen Kusses Aufmerksamkeit. Die Begeisterung für naturwissenschaftliche Bereiche, allen voran der Chemie brach in ihm aus.27
August Wilhelm studierte bis zu seiner Promotion am 9.April 1841, einen Tag nach seinem 23.Geburtstag. Sein Doktorexamen bestand er summa cum laude und erlangte gleichzeitig die venia legendi, womit er fortan nicht nur lehrfähig, sondern auch lehrbefugt war.28 Auch nach der Promotion arbeitete der junge August Wilhelm nun als Liebigs Assistent forschend weiter.
Wieder war es der Zufall, der ihm den weiteren Weg ebnete. Den Liebigschülern Ernst Sell und Conrad Zimmer war in ihrer gemeinsamen Fabrik die Destillation von Teer gelungen. Ihrem Lehrmeister schickten sie eine Probe des dabei entstandenen Steinkohleteeröls. Diese gab Liebig an Hofmann zur Untersuchung weiter.29 Über dieses lästige Nebenprodukt der Koksherstellung und Gasbereitung war bislang nur wenig bekannt. Hofmann machte sich die Erkenntnisse, die von Runge und Laurent vorlagen, zunutze. Mit der Erlaubnis von Ernst Sell bereitete August Wilhelm Hofmann in der besagten Offenbacher Fabrik selbst größere Mengen des Basengemisches zu. Wenig später kehrte Hofmann mit zwei Kilogramm des Basengemisches30 nach Gießen zurück. Im Labor Liebigs gelang ihm der Nachweis der Anilinbase sowie der Leukolbase im Steinkohleteer. 1844 gelangte er zu dem Ergebnis, dass all jene Substanzen, die die russischen Chemiker Fritzsche und Zinin aus verschiedenen Benzolen gewonnen hatten, so verschieden ihre chemische Herkunft auch ist, dieselben chemischen und physikalischen Eigenschaften haben. Er hatte sich die tiefgreifende Erforschung der Teerbasen, deren Synthese und ihrer möglichen industriellen Verwendbarkeit in den Kopf gesetzt. Daran konnten die mahnenden Worte seines Professors und Lehrmeisters, Justus von Liebig: „lassen Sie das, mit dem Gespüle ist ja doch nichts anzufangen!“31 , nichts mehr ändern. Es stellte sich später heraus, dass sich der führende Chemiker seiner Zeit damit irrte. 1843 veröffentlichte Hofmann seine erste eigenständige Forschungsarbeit, in der er seine chemischen Untersuchungen der organischen Basen im Öl des Steinkohleteers verschriftlichte.32 Damit veröffentlichte er neueste Erkenntnisse über die Anilin-Base. Anilin besitzt eine ungeahnte Verwandlungskraft und wurde durch die Arbeit Hofmanns der Ausgangspunkt der modernen Farbchemie.
Der Name des Anilins leitete sich aus der arabischen Farbsilbe „anil“ für blau ab. Hofmanns Forschen und Wirken galt fortan nur noch dem Anilin und seiner abwandelbaren Stoffe. Seine Arbeiten waren für die aufkommende chemische Industrie von maßgeblicher, Impuls gebender Bedeutung. War Hofmann bis dahin von rein theoretischen Interessen und Erkenntnisdrang getrieben, so wurde sein Forschen in den Jahren nach der Promotion zunehmend praktischer ausgerichtet. Er erreichte als erster die direkte Chlorierung des Anilins über den Weg der gechlorten Anilinderivate. Hofmann gelang es dabei auch, weitere chemische Wesensmerkmale und Eigenschaften des Anilins herauszustellen.
Bei seinen Forschungen arbeitete Hofmann eng mit der Industrie zusammen. Das Öl des Steinkohleteers enthielt nur geringe Mengen des Anilins, so dass Hofmann mit industrieller Hilfe einen Weg finden konnte, den kostbaren Stoff Anilin leichter herzustellen. Dies gelang durch den Nachweis, dass die leicht siedenden Anteile des Teeröls große Mengen Benzol enthalten, dessen nahe Beziehung zum Anilin ihm bereits bekannt war. Indem er das Benzol in Gegenwart von Schwefelsäure mit starker Salpetersäure behandelte und das so gewonnene Nitrobenzol durch naszirenden Wasserstoff in Anilin verwandelte, beschritt er zuerst den Weg, auf dem noch bis weit nach seinem Tod die für die Teerfarbstoffe erforderlichen Anilinmengen gewonnen wurden.33
Hofmanns Ansehen wuchs. 1844, im Jahr nach dem Tod seines Vaters, veröffentlichte er seine Untersuchungen über Chloranil und im Jahr darauf eine Abhandlung „über die Metamorphosen des Indigos und die Erzeugung organischer Basen, welche Chlor und Brom enthalten“.34 Für diese Arbeit erhielt er von der Société de Pharmacie de Paris eine Verdienstmedaille und ein Preisgeld über 200 Francs. Hofmann gelang es, fachübergreifende Kontakte zu knüpfen. 1845 hielt er ein kurzes Gastspiel an der Bonner Universität. Hofmanns Werk war die Voraussetzung für weitere medizinische und pharmakologische Forschungen wie sie dann Robert Koch, Ernst Schering oder Paul Ehrlich durchführten. Teer war durch die Arbeit Hofmanns zum Ausgangsmaterial der industriellen organischen Chemie geworden.
Ein weiterer Zufall sollte den Weg Hofmanns bahnen. Zu den Beethoven-Feierlichkeiten im Herbst 1845 stellte sich bei einem Besuch des englischen Königspaares in Bonn heraus, dass August Wilhelm Hofmann dieselben Zimmer bewohnte, die der Prinzgemahl seiner Zeit als Student innegehabt hatte. Bei der königlichen Visite der Zimmer begegneten sich Hofmann und der Prinzgemahl erstmals. Diese Gelegenheit nutzte er zu einer Versuchsvorführung verschiedener Experimente. Das Königspaar war beeindruckt. Den Prinzgemahl imponieren die Erscheinung und die Kompetenz Hofmanns sogar so sehr, dass er ihn ausdrücklich nach England wünschte. In London sollte ein College of Chemistry gegründet werden. Auf Empfehlung Liebigs und durch die Zimmeranekdote wurde Hofmann mit dem Vorsitz des Gründungskomitees betraut. Von 1845 an war er Lehrstuhlinhaber und Rektor des „Royal College of Chemistry“. Seine Lehre brachte in der Folgezeit zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten hervor. Eine gute Beobachtungsgabe, Freude an wissenschaftlicher Forschung, seine Didaktik und die fürsorgliche Betreuung seiner Schüler zeichneten ihn aus. Als englischer Staatsbeamter profitierte er von seinen ehemals erworbenen ausgeprägten Fremdsprachenkenntnissen. Er bereiste – wann immer es möglich war – den europäischen Kontinent, den Orient, Teile Afrikas und Nordamerikas. 1851 gelang es ihm, bei der Eröffnung der North-Pacific-Bahn anwesend zu sein. In England war seine Vertrauenswürdigkeit so hoch, dass er schließlich auch königlicher Vertrauter wurde.
Hofmann setzte in England seine früheren Untersuchungen zum Anilin fort. Er entdeckte das Umwandlungspotenzial der reaktionsfreudigen Base. Er wies die Existenz zahlreicher Derivate und Abwandlungsformen des Anilins nach und entdeckte den Anilinfarbstoff, mit dem es gelang, Textilien, Papier, Leder, Federn und andere wertvolle Stoffe mit prächtigen und schillernden Farben zu versehen. Durch seine Forschungen verhalf Hofmann der Teerfarbenindustrie zu einem ungeahnten Boom.35 Nun war Hofmann ein gemachter Mann von Wohlstand und Ansehen. Die hofmannschen Anilinfarben wurden in der Lederverarbeitung, im Papierdruck, in der Textilfärbung und schließlich auch in der Pharmakologie verwendet. Hofmann hatte daran entscheidenden Anteil. Das nach ihm benannte „Hofmann-Violette“ dominierte mehrere Jahre die Mode.36 Er hätte „Global-Player“ in England bleiben können, er wäre wohl immer gebraucht worden. Doch das Heimweh in deutschsprachige Gefilde und der späte Ruf an die Berliner Universität führten ihn in seine Heimat zurück.
Kaiser Wilhelm I. hatte Hofmann 1867 nach Berlin geholt. Hofmann entsprach mit seinem Forschergeist und unternehmerischen Gespür den Humboldtschen Idealen von Forschung, Lehre sowie umfassender Bildung bei gleichzeitiger Spezialisierung in der eigenen Disziplin. In Berlin ging es weiter wie bisher: Auch hier wurde er kaiserlicher Berater. 1867 gründete Hofmann zusammen mit Adolph von Baeyer, C.A. Martius, C. Schäbler und Ernst Schering die Deutsche Chemische Gesellschaft nach dem englischen Vorbild der ebenfalls durch Hofmann gegründeten Royal Society of Chemistry.37 Auch über die Deutsche Chemische Gesellschaft arbeitete Hofmann in enger Verknüpfung mit der Industrie. Durch die von ihm erforschten Kenntnisse des Anilins profitierten unter anderem die 1873 gegründete Aktiengesellschaft für Anilin-Farbstoffe (Agfa) und die fünf Jahre nach seinem Tode ins Leben gerufene Badische Anilin- und Soda-Fabrik (BASF).
Die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität bereicherte Hofmann schließlich durch seine insgesamt 25 Jahre währende Lehre und ein kurzes Rektorat, das er 1880/81 innehatte. Trotz großer Skeptiker und Widersacher aus anderen Disziplinen bewirkte er die Gründung des ersten Chemischen Labors an der Universität zu Berlin und stockte den damals schon sehr knapp bemessenen Etat oft aus eigenen Mitteln auf – Geld, das er oft nicht wieder sah. Der Bau des Laborgebäudes in der Georgenstraße zog sich durch Mangel an Etatzuschüssen über mehrere Jahre hin, da die Baukosten möglichst gering gehalten werden sollten, weil der Chemie im Vergleich zu anderen Disziplinen keine große Bedeutung beigemessen wurde.38 Dank Hofmann, der 1888 auch noch geadelt wurde, sollte sich das über die folgenden Jahre aber noch gehörig ändern. Am 5. Mai 1892 verstarb er, der Arbeitswütige, natürlich während seiner Arbeit in Berlin.
„Ein Leben voller Arbeit und Mühe ist keine Last, sondern eine Wohltat.“
Rudolf Virchow
(1821–1902)
von Henriette Schulz
1856 gründete Gustav Langenscheidt seinen bis heute weltweit bekannten Verlag, Werner von Siemens erfand den Doppel-T-Anker für den elektrischen Dynamo und schuf so die Grundlage der industriellen Stromproduktion, Heinrich Heine starb in Paris – und Rudolph Virchow hielt in Würzburg seine letzte Vorlesung als Professor für pathologische Anatomie. Einige Monate später sollte er nach Berlin zurückkehren, in die Stadt, die ihn sieben Jahre zuvor als unliebsamen Rebellen am liebsten in der Spree versenkt hätte.
Der Hörsaal in Würzburg applaudierte und jubelte, nachdem Rudolph Virchow mit seinen Ausführungen über die pathologische Gewebelehre geendet hatte. Die Schar der Zuhörer war von Woche zu Woche gewachsen und Ernst Haeckel, Assistent des Professors, hatte arge Bedenken, dass die Beschaffenheit des Raumes den Massen an Menschen nicht mehr lange Stand halten würde. Diese Befürchtung hegte er schon, seit er Virchows Vorlesung das erste Mal 1853 besucht hatte.39 Während Haeckel die sorgsam gehüteten Materialien des Mediziners zusammensammelte und die Fragen der neugierigen Studenten abwimmelte, dachte er an das bevorstehende Abschiedsessen im „Englischen Garten“ und die Dinge, die noch zu erledigen waren. Virchow wollte fast alle seine Kollegen einladen und sein Assistent hatte alle Hände voll zu tun: Tische mussten zusätzlich organisiert werden, der Koch brauchte neue Instruktionen und weitere Räume mussten gefunden werden, falls es in den Abendstunden zu kühl sein würde, um im Freien zu speisen.
Sein „Meister“ war ein Forschertyp par excellence. Lachen sah man ihn selten. Stattdessen befasste sich sein scharfer und klarer Verstand beinahe immerzu mit neuen Forschungsfragen. Leicht gewann man den Eindruck, dass sein sturer Enthusiasmus für eine Sache beinahe schon zwanghaft war. Aber genau aus diesem Grund hatte man ihn ja an die Würzburger Universität geholt. Man wollte von seiner „Genialität an Auffassung“ und seiner „gediegenen Gelehrsamkeit“ profitieren. Dies hatte man zwar nie offen ausgesprochen, aber Haeckel kannte die Absicht der Universität. Mit einem Arzt, der bereits in der kurzen Zeit seiner Karriere so deutlich für seine Ziele eingetreten war, konnte man einen „beträchtlichen Zuwachs von Lehrkraft und Talent“40 erwarten. Haeckel erinnerte sich gut, dass Virchow diesem Ruf damals nur zu gern gefolgt war. Nicht immer war Virchow so hochgelobt worden. Seine Stellung in Berlin, wo er zuvor tätig gewesen war, wurde für ihn aufgrund politischer Querelen unhaltbar. Er hatte sich mit seinen Unternehmungen für eine soziale Reform ein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt.
Ein Sprung zurück: Nach Beendigung seines Studiums an der Berliner militärärztlichen Bildungsanstalt 1847 wurde der junge Arzt von der Preußischen Regierung beauftragt, die Ursachen einer Flecktyphusepidemie in Oberschlesien zu untersuchen. Bereits während seiner Ausbildung an der Akademie hatte er die alteingesessenen Militärärzten ein ums andere Mal gehörig vor den Kopf gestoßen. In Briefen an seinen Vater beklagte sich Virchow, da seiner Meinung nach „nichts ordentlich untersucht ist, alles muss man selbst und von vornher wieder selbst durcharbeiten, und das ist so viel, dass man manchmal wirklich den Mut verliert“.41 Haeckel erinnerte sich auch an eine Anekdote, von der ihm der Arzt immer wieder erzählt hatte. Bei der Geburtstagsfeier des Gründers des Friedrich-Wilhelms-Institut 1845 hielt Virchow eine flammende Rede „Über das Bedürfnis und die Richtigkeit einer Medicin vom mechanistischen Standpunkt“ und löste damit eine kleine Revolution aus. Es sei eine ungeheuerliche Anmaßung gewesen, dass sich ein so junger und unerfahrener Arzt gegen die vorherrschende Naturphilosophie Schellings und Hegels42 stellte. Virchow vertrat selbstbewusst seine Ansichten einer Medizin auf der Grundlage von Mechanik und Physik, was zwar eine interessante Innovation war, jedoch damals auf wenig Gegenliebe stieß. Seiner wissenschaftlichen Karriere konnte das noch keinen Schaden zufügen, auch weil Virchow sich gerade mit der Herausgabe des „Archivs für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin“ einen Namen gemacht hatte.
Nach der Beauftragung durch die preußische Regierung packte er umgehend seine Sachen, um sich auf den Weg zu machen. In Oberschlesien wurde er alsdann mit der „Sozialen Frage“ konfrontiert. Überall sah er die Folgen von Volkselend und ausbeuterischen Arbeitbedingungen in den Fabriken. Ganze Familien konnten ihre Kinder nicht ernähren, Krankheiten entwickelten sich zu Seuchen. Doch aus der Sicht Preußens gehörte dies zum normalen Lauf der Industrialisierung, den man weder aufhalten wollte noch konnte. Virchow, der sehr neugierig auf die Erfahrung in Oberschlesien gewesen war, war schockiert. Das erlebte Elend machte ihn wütend. Irgendwer musste für die Menschen dort doch eintreten. In seinem abschließenden Bericht legte er der Regierung eine „volle und unumschränkte Demokratie“ sowie „Bildung mit ihren Töchtern Freiheit und Wohlstand“ ans Herz, da dies seiner Meinung nach der einzige Ausweg aus der gesellschaftlich verschuldeten Krankheit des Volkes sei. Virchow charakterisierte die Epidemie in Oberschlesien als künstliche Seuche, geschaffen durch die gesellschaftlichen Umstände, an denen die Regierung ihre Mitschuld trage.43 Dies war eine ungeheuerliche Anschuldigung zum damaligen Zeitpunkt und dann auch noch durch einen von der Regierung beauftragten Arzt. Es war eine höchst explosive Behauptung, die Virchow da vorbrachte. Wie konnte ein Angestellter des Preußischen Staates so unverfroren in die Hand beißen, die ihn eigentlich füttern wollte? Doch wirklich ernst genommen wurden seine Schlussfolgerungen aus der Untersuchung der Epidemie nicht. Zudem konnte man auch gar nicht „angemessen“ reagieren, da in Berlin bereits ganz andere Dinge drunter und drüber gingen. Kaum war Virchow nach Berlin zurückgekehrt, wurde er sofort von den Ereignissen um die Märzrevolution aufgesogen, die bereits seit dem 6. März 1848 in Berlin brodelten.
Doch die Forderungen nach einem einheitlichen, parlamentarischen Nationalstaat als auch der Lösung der Sozialen Frage ließen Virchow gerade nach den Erlebnissen in Oberschlesien nicht unberührt. Er ging selbst auf die Barrikaden und schlug sich auf die Seite der radikalen Linken. Im Zuge dieser Verwicklungen wurde für Virchow die Forderung nach einer Lösung der sozialen Missstände und der Beginn eines „sozialen Zeitalters“ immer wichtiger. In seiner eigenen Wochenzeitschrift „Die medicinische Reform“, die er zusammen mit dem befreundeten Psychiater Rudolf Leubuscher kurze Zeit herausgab, forderte er u.a. eine einheitliche medizinische Gesetzgebung, ein Reichsministerium für die öffentliche Gesundheitspflege und eine radikale Reform des Gesundheitswesens. Sein anfänglich ausschließlich medizinisches Glaubensbekenntnis ging immer stärker in seinen politischen und sozialen Überzeugungen auf. „Wer kann sich darüber wundern, dass die Demokratie und der Sozialismus nirgend mehr Anhänger finden, als unter den Aerzten? Dass überall auf der äussersten Linken, zum Theil an der Spitze der Bewegung, Aerzte stehen? Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts, als Medicin im Grossen.“44 Virchow kämpfte für seine Ideen und er fand eine Vielzahl von Mitstreitern, die er im Laufe der Zeit immer und immer wieder motivieren konnte, sich auf seine Seite zu schlagen und seinem „sozialen Zeitalter“ anzuschließen. Trotz allem Enthusiasmus erwiesen sich seine ersten politischen Unternehmungen jedoch zunächst als Fehlschläge und Virchow, bereits unbeliebt durch seinen Oberschlesien-Report, hatte nun den Bogen gehörig überspannt. Das hauptstädtische Pflaster wurde ihm entschieden zu heiß. Man hatte ihm bereits sein Amt als Prosektor an der Charité45 entzogen und so nahm er dankbar den Ruf an die Universität in Würzburg an.
Auch sein Beginn in Würzburg, Haeckel konnte sich nur zu gut daran erinnern, war nicht ganz so einfach, wie erwartet. Als er im November 1849 seine Arbeit am Juliusspital aufnahm, war sein Ruf ihm bereits vorausgeeilt und man beäugte den Rebellen aus Berlin äußerst kritisch. Bevor man ihn anstellte, musste er versichern, dass er „bei sich etwa ergebener Gelegenheit nicht auch Würzburg zum Tummelplatz seiner früheren kundgebenden radikalen Tendenzen“46 machen würde. Virchow gelobte keine radikalen oder revolutionären Ausbrüche, sondern versprach: „Ich habe keine Absichten, Politiker der Profession zu werden. – Bis jetzt habe ich keinen politischen Ehrgeiz“.47
In seinen „sieben fetten Jahren“ in Würzburg schuf Virchow den größten Teil seines gesamten medizinischen Vermächtnisses. Er gab 1851 die „Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte der gesammten Medicin“ heraus, sowie vier Jahre später das „Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie“, welches die Grundidee der modernen Medizin prägte, dass Krankheiten allein auf der Störung von Körperzellen basieren und Zellen somit die kleinsten autonomen Einheiten des gesunden und kranken Lebens sind. Sein medizinisches Werk war vollbracht. Die Jahre in Würzburg hatten ihn zu einem allseits anerkannten Pathologen und Professoren mit einem hoch angesehenen Kollegium gemacht. Seine Studenten verehrten ihn für seinen Forschergeist und seine modernen politischen Auffassungen, die er natürlich auch weiterhin nicht verschwieg, wenn er sie auch nicht so offen zu Schau trug, wie in Berlin. Nur hin und wieder ließ er sich noch zu kleinen politischen Spitzen hinreißen. In Haeckels Augen wurde er zum Prototyp eines objektiven, sachlichen und nüchternen Wissenschaftlers. In einem Brief an seine Eltern schrieb der Assistent: „Kann Virchow wohl je so eines entzückenden Genusses sich erfreuen wie ich ihn so oft in meiner subjektiven Naturbetrachtung, sei es einer schönen Landschaft oder eines allerliebsten Tierchens oder einer niedlichen Pflanze genießen? Sicher nicht! Auch müsste es schrecklich auf der Welt sein, wenn alle Männer so nüchtern und verständig wären […].“48 Auch an die Verbohrtheit und die stoische Gelassenheit, mit der sich Virchow der Dinge annahm, konnte sich Haeckel nur zu gut erinnern. Schließlich widersprach dieser Wesenszug des Professors seinem eigenen von Grund auf. Vermutlich wurden sie deshalb auch nie richtig warm miteinander. Dennoch hoffte Haeckel, dass eben diese Eigenschaften des Arztes irgendwann auch auf sein eigenes hitziges, unruhiges und emotionales Gemüt abfärben würden. „Alles sieht er so fabelhaft ruhig, ungerührt und objektiv passiv an, daß ich seine [Virchows] außerordentliche stoische Ruhe und Kaltblütigkeit täglich mehr bewundern lerne und bald ebenso hoch schätzen werde wie die außerordentlich klare Schärfe seines Geistes und den Überfluß seines Wissens. Wenn er meinem überschäumenden Sprudelgeist nur etwas abgeben könnte.“49 Und obwohl Haeckel Virchows Distanz und Gefühlskälte immer sehr bedauerte und in seinen Briefen auch oft kritisierte, lobte er vor jedermann die „göttliche Ruhe, seine Kälte und Konstanz mit der er [Virchow], immer gleich bleibend, alle Dinge höchst objektiv und klar auffasste.50 Gerühmt wurde er außerdem von seinen Studenten für seine Gradlinigkeit und seine Fähigkeit, Kritik an seiner Person zu respektieren.
1856 bat man ihn, an die Charité in Berlin zurückzukehren. Man wollte dem rebellischen Arzt von damals eine weitere Chance geben, nun, da er einiges an Bekanntheit erlangt hatte. Außerdem war die Revolution von 1848 jetzt eine geschlossene Akte. Die Monarchie war wieder gefestigt und man war sich sicher, dass Virchow sich seine revolutionären Hörner endlich abgestoßen hatte. Zu diesem Zweck schuf man ihm und seinen Mitarbeitern ein eigenes Pathologisches Institut an der Charité. Bereits zwei Jahre später konnte er vor den Berliner Ärzten seine Vorlesung über „Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologischer und pathologischer Gewebelehre“ halten, aus welcher noch im selben Jahr sein weltbekanntes Werk: „Die Cellularpathologie“ hervorging. Mit diesem innovativen Konzept prägte er eine vollkommen neue Krankheitslehre. Zudem war der sture Arzt ein leidenschaftlicher Sammler pathologischanatomischer Präparate. Virchow bezeichnete sie als sein „liebstes Kind“, denn für ihn waren sie eine Dokumentation des erreichten Wissensstandes seines Fachgebietes. Inspiriert durch britische Ärzte, die ebenfalls medizinische Präparate sammelten, wollte er seine Sammlung vergrößern und ausbauen, um sie später auch der Öffentlichkeit vorführen zu können. Sein aufklärerischer Gedanke hinter dieser Anhäufung von Feucht- und Trockenpräparaten war so einfach wie einleuchtend: Er wollte der breiten Bevölkerung das Wissen und Verständnis um Gesundheit und Krankheit anschaulich machen, denn dies war in seinen Augen ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Kultur. Heute ist das eine der natürlichsten Vorstellungen der Welt. Zu Virchows Zeiten war die Verbreitung von Wissen innerhalb der ungebildeten und unterprivilegierten Öffentlichkeit jedoch ein Novum. Wissen stand bis dato nur den Bevölkerungsschichten zu Verfügung, die es sich leisten konnten, Universitäten zu besuchen. Die Fabrikarbeiter aus Oberschlesien zählten nicht dazu.
Die anfängliche Sammlung der Charité bestand aus 1.500 Objekten und reichte Virchow bei weitem nicht aus. Sein erklärtes Ziel war es, jede damals bekannte Krankheit mit einem charakteristischen Präparat darzustellen. So wuchs die Sammlung innerhalb von rund 30 Jahren auf 19.000 Präparate an. Virchow, überzeugt von der Notwenigkeit dieser Sammlung, ersuchte um den Bau eines eigenen Museums für seinen Schatz und fand erstaunlich schnell Zustimmung. Bereits 1899 weihte er sein Museum an der Charité ein. Auf fünf verschiedenen Etagen drängten sich fast 21.000 Präparate dicht an dicht. Lange nach Virchows Tod und kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war die Präparatensammlung auf 26.000 Exemplare angewachsen. Durch zahlreiche Bombenschäden und einen Dachstuhlbrand in den 1950er Jahren wurde die Sammlung medizinischer Präparate jedoch so stark dezimiert, dass man heute nur noch 750 Objekte zeigen kann.
Überhaupt war Virchow ein großer Freund und Förderer von Museen. Seiner engen Freundschaft zu Schliemann ist es zu verdanken, dass dieser seine trojanische Sammlung dem Berliner Völkerkundemuseum schenkte. An dessen Gründung war Virchow 1886 zusammen mit Adolf Bastian, einem Kollegen aus der Berliner Gesellschaft für Anthropologie beteiligt. Das Museum gehört mit seinen über 500.000 Exponaten zu den weltweit bedeutendsten, größten und ältesten Völkerkundemuseen.
Auf den erworbenen Lorbeeren wollte sich Virchow jedoch nicht ausruhen, sondern nahm gleich sein nächstes Ziel in Angriff. Er hatte die „soziale Frage“, die ihn schon zu Beginn seines politischen Wirkens nicht in Ruhe gelassen hatte, nie aus den Augen verloren und gedachte nun, mit neuem Ansehen und stärkerem Rückhalt, erneut einen Vorstoß für eine medizinische Grundversorgung der Bevölkerung zu wagen. Im Juli 1859 ließ er sich in den Berliner Stadtrat wählen, um noch einmal seinen politischen Ansichten Gehör zu verleihen. Sein unermüdliches Streben galt vor allem der Einführung einer öffentlichen Gesundheitspflege. Auch im Kampf um die preußische Verfassung wirkte er entscheidend mit. So gründete er 1861 mit u.a. Theodor Mommsen, Paul Langerhans und Franz Duncker die Deutsche Fortschrittspartei und sah sich fortan als Opposition zu Otto von Bismarck. Konflikte waren in dieser Konstellation vorprogrammiert, denn der eigensinnige Arzt wollte seinen Kurs für das gesellschaftliche Gemeinwohl und für soziale Verantwortung nicht aufgeben. Schon am 2. Juni 1865 brachte ihn sein ungestümer Geist erneut in arge Bedrängnis. In einer Debatte im Preußischen Landtag verglich er Bismarcks Politik mit einem Schiff, dass von allerlei Winden in verschiedenste Richtungen gedrängt werde und zweifelte an der Wahrheitsliebe des Kanzlers.51 Das brachte das Fass für diesen zum Überlaufen. Bismarck forderte Virchow zum Duell heraus. Dank des beherzten Vermittelns durch den Kriegsminister von Roon konnte dieses jedoch mit Müh und Not verhindert werden.
Dennoch blieb Virchow weiter in seiner oppositionellen Rolle und verlieh seinen unnachgiebigen Forderungen beständig Ausdruck. Ihm ging die kriegerische Politik Bismarcks und das Bestreben ständig weitere Kolonien zu erwerben gehörig gegen den Strich. Als einer der wenigen Politiker dieser Zeit war er der Ansicht, dass man zuerst dem eigenen Volk helfen müsse und scheute auch nicht davor zurück, seine Anhänger und Bewunderer für dieses Ziel zu mobilisieren. So setze er sich für die Abrüstung des Reiches zugunsten eines Ausbaus des Verkehrsnetzes, zusätzlicher Kanalbauten und stärkerer Investitionen ins Hochschulwesen ein. 1874 verfasste er den Generalbericht über die Berliner Kanalisation mit dem Resultat, dass bereits drei Jahre später der erste Abschnitt eines neuen Kanalsystems fertig gestellt wurde. Berlin wurde, durch Virchows Beharrlichkeit, die erste europäische Großstadt mit einer Kanalisation mit Rieselfeldern. Es war ein Erfolg für Virchows politische Karriere. Dadurch beflügelt und dem Drängen seiner Freunde nachgebend, ließ sich Virchow 1880 in den Reichstag wählen, obwohl ihm diese „Scheininstitution“ gar nicht gefiel. Viel sinnvoller erschien ihm hingegen der Posten als Vorsitzender der Rechnungskommission des Preußischen Landtags, da er hier eine gewisse Kontrolle über das Parlament ausüben konnte.
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