Read the book: «Gottes Sehnsucht in der Stadt»
Philipp Elhaus
Christian Hennecke
Herausgeber
Gottes
Sehnsucht
in der Stadt
Auf der Suche
nach Gemeinden
für Morgen
Philipp Elhaus
Christian Hennecke
Herausgeber
Gottes
Sehnsucht
in der Stadt
Auf der Suche
nach Gemeinden
für Morgen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
© 2011 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de Umschlag: Peter Hellmund Umschlagbild: KNA-Bild, Bonn Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de) Druck und Bindung: CPI books GmbH ISBN 978-3-429-03440-5 (Print) ISBN 978-3-429-04618-7 (PDF) ISBN 978-3-429-06016-9 (Epub)
Inhalt
Vorwort
I.
Fresh expressions: Die ökumenische Frage nach einer neueren Kirchengestalt
Philipp Elhaus – Christian Hennecke: Gottes Sehnsucht in der Stadt. Auf der ökumenischen Suche nach Gemeinden für morgen
Michael Herbst: Dem „Englischen Patienten“ geht es besser. Was können wir von der Anglikanischen Kirche lernen?
II.
Eine weltkirchliche Lerngemeinschaft: Deutschland – England
Dirk Stelter: Die anglikanische Kirche Reformatorisch und katholisch zugleich
John Finney: Fresh Expressions. Anglikanische Antworten in postmodernen Kirchensituationen
Philipp Elhaus: Ich bin ganz viele. Eine evangelische Perspektive zur Zukunft der Gemeinde
Gerhard Wegner: Potentiale provozieren. Über die Selbstwirksamkeit des Glaubens und seine Verkleisterung
Volker Roschke: Fresh expressions of church. Ein neues Betriebssystem für eine Kirche von morgen
Medard Kehl: „Mach ein leichtes Zelt daraus“ – zur Architektur der Kirche von morgen
Matthias Sellmann: „Der Stadtaffe muss die Stadt im Blut haben“. Selbstbilder der Citypastoral in pastoraltheologischer Perspektive
III.
Aufbrechende Kirchenlandschaften: ein neuer Blick auf eine Kirche, die im Kommen ist
Christian Hennecke: Mind the gap. Ein Erfahrungsbericht
Volker Roschke: Kirche zukunftsfähig aufstellen. Erfahrungen mit church planting in Deutschland
Christina Brudereck: Gottes Sehnen in der Stadt
Matthias Paul: Wo kommen wir denn dahin? Nach London
Annette Reus: Kirche mit „Beginnern“. Oder: „Gemeinde auf Zeit“ mit jenen, die als Einsteiger oder nur sporadisch mit Kirche zu tun haben
Christian Schröder: „Meine Kirche ist Open Source“
G. Burkhard Wagner: „nebenan“ in der Platte
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Vorwort
Ebenso lustvoll wie spannend war es, als wir im September 2009 mit einer ökumenischen Reisegruppe nach London aufbrachen, um Beispiele für eine missionarisch ausgerichtete Kirche und für fresh expressions of church kennen zu lernen. Wir waren ordentlich vorbereitet, hatten viel gehört über „unchurched“ und „dechurched“, über Säkularisierung und Entkirchlichung wie über die missionarische Neuausrichtung in der anglikanischen Kirche. „Gott spricht mit uns in einer Sprache, die wir verstehen“, hatte Bischof Finney bei der Vorbereitung gesagt, „der Sprache des Geldes“. So waren wir neugierig. „Dem englischen Patienten geht es besser“, hatten wir ja gelesen (s. S. 39 ff).
Die erste Begegnung hatten wir in der St. Johns Church beim Hyde Park. Ein Grundlagengespräch mit Kerry Thorpe, bei dem man sofort merkte: Von dieser konsequent auf Außenstehende gerichteten missionarischen Perspektive können wir viel lernen. Da geht es nicht mehr um die altbackene Alternative von Komm-Struktur und Geh-Struktur. Nicht: ‚Geh, damit die anderen kommen‘, sondern: ‚Geh, um bei den Menschen zu leben‘. Das erfordert eine Pluralität von kirchlichen Lebensformen, die in England auf regionaler Ebene entstehen, die aber auch der Bischof von sich aus auf den Weg bringen kann.
Schon vor dem Gespräch entdeckten wir im Eingang der Kirche eine Preisliste. Ein Trauergottesdienst kostet hier 125 Pfund, eine Trauung 254 Pfund. Für Kirchennutzung sowie Tätigkeiten des Pfarrers und des Music Director sind saftige dreistellige Beträge festgesetzt. (Schön übrigens: Die Taufe kostet ganze 12 Pfund. Ein Missionssakrament ist sie – dort wie hier.) Die Liste macht schnell deutlich: So vertraut vieles erscheint, die kirchlichen Strukturen sind doch auch sehr unterschiedlich. Unser Kirchensteuersystem ist dort fremd. Damit treten die Folgen von religiöser Pluralisierung und Säkularisierung offenkundig viel schärfer zu Tage als bei uns. Unser System ist vergleichsweise stabiler. Es ermöglicht damit vieles an guter Arbeit. Aber es birgt die Gefahr, sich über die geistliche Erosion der Volkskirche hinwegzutäuschen. Die anglikanische Kirche schaut manchen Realitäten, die wir zwar benennen, aber noch nicht wirklich spüren (bis 2030 30% weniger Kirchenglieder, die 50% weniger Geld, so das EKD-Papier „Kirche der Freiheit“) deutlich schärfer ins Angesicht. Schon damit ist sie ein spannendes Lernfeld.
In den nächsten Tagen erfuhren wir vieles über den missionarischen Aufbruch in der anglikanischen Kirche als Mission shaped church. Hoch interessante Zielgruppengemeinden erlebten wir. Legacy XS – eine Kirche für junge Leute, Skater und BMX-Fahrer, mit einem ausgewachsenen Skatingcenter und auch noch einer angelagerten Art Jugendkommunität. Oder Church on the corner, eine Kirche in der früheren Kneipe – eine Gemeinde, für junge Berufstätige zwischen 20 und 30 – ausschließlich.
Die Messychurch, die es in England inzwischen an bald 200 Orten gibt, erlebten wir, eine Art von Familienkirche, ein niederschwelliges Angebot für Eltern und Kinder mit Essen, Spiel, Begegnung und Gottesdienst. Sie wirkt einem Kindernachmittag o.ä. bei uns ähnlich, versteht sich aber – und das ist die Differenz – als eigenständige Form gemeindlichen Lebens, nicht nur als „Veranstaltung“ im Gemeindeleben. Dieses Projekt ist nach meiner Kenntnis das einzige, das einen aus unserer Reisegruppe unmittelbar zur Nachahmung inspirierte, weil es auch innerhalb einer Gemeinde ohne große Anpassungsprobleme umsetzbar ist (s. den Bericht von Matthias Paul. S. 257).
Auch church-planting-Projekte in engeren Sinn (konkret im „Ableger“-Modus) sahen wir (St. Stephen‘s in Twickenham; All Souls in St. Margarets). Sie sind eindrucksvoll. Mit Zustimmung des Bischofs hat etwa eine lebendige Gemeinde ein Team entsandt, das eine Kirche mit neuem Leben füllt, in die vorher nur noch wenige alte Leute kamen und die sonst vor der Schließung gestanden hätte. Der Bischof übernahm auch die Personalkosten für den Pastor. Dabei, so hören wir, muss das Team von Haupt- und Ehrenamtlichen schon immer so groß sein, dass eine kritische Mindestgröße überschritten wird, damit ein einladender Gottesdienst gefeiert werden kann. Heute sind in der neu belebten Gemeinde am Sonntag 120 Erwachsene und 120 Kinder, ein zweiter Gottesdienst musste ins Programm.
So gibt es ein ganzes Netz von neu gegründeten Gemeinden in London. Das alles ist faszinierend, etliche Gemeinden mit einer kräftigen missionarischen „Körpersprache“. Da wüsste ich auch manche Kirche bei uns, für die ich mir so etwas wünschen würde. Gleichwohl ließ mich das Londoner Modell auch etwas ratlos zurück. Die Gemeinden, die wir trafen, haben alle einen bestimmten Frömmigkeitsstil, den sie selbst im Spektrum der anglikanischen Kirche als den „charismatisch-evangelikalen“ Typ bezeichnen. Die Gottesdienste sind alternativ wie bei uns im durch Willow Creek inspirierten „zweiten Programm“. In London steht die Gemeinde Holy Trinity Brompton im Hintergrund, eine Mega-Church, in der der Alpha-Kurs entwickelt wurde. Es war großartig, sie kennen zu lernen. Nur: das alles scheint mir auf deutsche volkskirchliche Verhältnisse kaum übertragbar. Die Gemeinde, die in diesem Stil mit 300 Personen Gottesdienst feiert und nun ein Gründungsteam an einen anderen Ort senden könnte – sie kenne ich eigentlich nicht. Ein Erneuerungskonzept für die Breite unserer Kirche kann ich hier im Moment nicht recht erkennen. Ich weiß, dass es auch in England verschiedene church-planting-Modelle gibt. Nach dem, was wir erleben konnten, habe ich an dieser Stelle aber nach London mehr offene Fragen als vorher.
Es konnte nun wahrlich nicht überraschen, dass offenkundig das Meiste nicht ohne Weiteres auf deutsche Verhältnis zu übertragen ist. Wir hatten ja auch das liebevoll bösartige Diktum von irgendjemandem gehört, die Deutschen sollten endlich ihre eigenen missionarischen Hausaufgaben machen und aufhören, die englischen Gemeinden mit ständigen Besuchsreisen von der Arbeit abzuhalten.
Was aber habe ich in England gelernt?
Am Wichtigsten scheint mir die generelle Ausrichtung auf den missionarischen Auftrag der Kirche, „a strong mission focus“ – die Einsicht, dass es eine gesamtkirchliche Aufgabe ist, mit dem Evangelium neu auf bisher nicht erreichte Menschen und Milieus zuzugehen. Das ist zuerst keine Strukturfrage, sondern eine geistliche und theologische Herausforderung an die Menschen in der Kirche. Viele Papiere unserer deutschen Kirchen postulieren diesen Neuaufbruch seit Jahren, die Wirklichkeit ist noch längst nicht immer soweit. In England aber wird vieles davon erfahrbar, und zwar so, dass es ansteckt und einlädt. Vielleicht macht es die etwas gebrochene Wahrnehmung des Eigenen im Fremden leichter. So jedenfalls ging es unserer Reisegruppe. Ich glaube, dass war der Hauptertrag unserer Englandreise: Eine kräftige Ermutigung, sich auf eine missionarische Ausrichtung der kirchlichen Arbeit kreativ und auch mutig einzulassen. Diesem Geist konnte sich – so unterschiedlich die kirchlichen Vorprägungen waren – eigentlich keiner in unserer Gruppe entziehen. Das war bemerkenswert.
Die Sozialformen, mit denen das in England geschieht, sind bei uns noch relativ wenig in Erscheinung getreten. Sehr eingeleuchtet aber hat mir das Plädoyer für eine mixed economy, eine Pluralität an bewährten und neuen Gemeindeformen und Gemeindeprofilen. Mixed economy – das dürfte für unsere Volkskirche vor allem heißen: Unsere Mission muss plural sein in ihren Formen und auch in ihren Frömmigkeitsstilen. Und unsere Volkskirche muss in all ihrer Pluralität missionarisch sein.
Natürlich brauchen wir eine mixed economy in den Gemeindeformen und haben sie in Teilen schon. Ich bin inzwischen Landessuperintendent für einen Sprengel in der hannoverschen Landeskirche mit gut 200, meist ländlichen Kirchengemeinden. Nicht wenige sind strukturell relativ gesund und zukunftsfähig. Zu meiner Freude gibt es viele Kirchengemeinden mit einer beachtlichen missionarischen Ausstrahlungskraft. Noch weniger als früher halte ich jetzt etwas davon, unsere Kirchengemeinden klein – oder gar kaputt zu reden. Das stimmt geistlich nicht, und es stimmt – bei allen Problemen – oft auch empirisch nicht. Und vor allem: Das Allermeiste, was ich an gelingender missionarischer Arbeit in unserer Kirche kenne, läuft in und mit den Gemeinden.
Deshalb bin ich mir bei allem entschlossenen Ja zu einem missionarischen Neuaufbruch der Kirche auch nicht sicher, wie groß die historischen Metaphern sind, die man bemühen sollte. Die Antwort hängt sicher davon ab, wie stark man jeweils die Krise wahrnimmt, das variiert konfessionell und regional. Aber ob es sich wirklich um eine „kopernikanische Wende“ – so die Einleitung S. 19 – handelt oder doch eher um den stets nötigen Prozess der reformatio der ecclesia semper reformanda, darüber lasst uns in 30 Jahren noch einmal reden.
Mixed ecnonomy: Das muss besonders für die unterschiedliche Profilierung von Gemeinden gelten, ganz besonders im städtischen Bereich. Hier sind unterschiedliche Stile, Gottesdienstformen, Zielgruppen, Schwerpunkte hoch notwendig. Da ist noch einiges zu tun. Das war auch eines der Ergebnisse der Diskussion um das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“, das für 2030 nur noch 50% Parochialgemeinden im Blick hatte und 50% Profil- und Passantengemeinden. Nicht um die Relativierung der Gemeinde könne es primär gehen, so wurde in der Diskussion immer wieder gesagt, sondern um deren Profilierung. Das leuchtet mir für den Bereich, den ich überschaue, sehr ein. In den schwach besiedelten und entkirchlichten Gebieten Ostdeutschlands mag das noch einmal anders aussehen, in ausgeprägter Diasporasituation ebenfalls – da stellen sich ganz andere strukturelle Frage nach Gemeindeformen. Auch das ist dann mixed economy: Auf unterschiedliche Situationen unterschiedlich reagieren.
Dazu kommen die zwingend notwendigen Ergänzungen zur Parochialgemeinde: Die Menschen, die sich um Bildungszentren sammeln oder um Klöster und Kommunitäten, in der Schule oder auf Freizeiten (unsere Jugendarbeit läuft ja selten nur noch im klassischen Modell der Parochie). Auch um missionarische „Leuchttürme“ wie etwa den Expo-Wal in Hannover. An der Küste erlebe ich die unerhörten missionarischen Chancen der kirchlichen Arbeit unter Urlaubern. Es gibt schon manche fresh expressions – aber es können noch viel mehr werden.
An dieser Stelle sehe ich auch strukturelle Probleme und Hausaufgaben: Das System der Geldverteilung in unserer Kirche führt leicht zu einem Verteilungswettbewerb zwischen Gemeinden und anderen Formen kirchlicher Vergemeinschaftung. Dabei ziehen neue und innovative Formen (aus verständlichen Gründen) zu oft den Kürzeren, denn über die Verteilung entscheiden Gemeindevertreter. Und nachdenklich gemacht hat mich in England: Kommunikativ und missionarisch begabte Leute – und allermeist sind wir solchen in den besuchten Projekten begegnet – gibt es dort wiehier, Gott sei Dank. Die anglikanische Kirche aber ist weiter darin, solchen Personen durch spezielle Aufträge Freiräume zu verschaffen, ihre Gabe für eine missionarisch frische Kirche einzusetzen. Bei uns besteht die Gefahr, dass die Routineaufgaben in Kirchengemeinde und Kirchenkreis viel Energie absorbieren. Hier könnten wir im Blick auf missionarisch-strategischen „Unternehmergeist“ (entrepreneurial spirit) – das Wort fiel in England einmal – einiges lernen, denke ich.
Übrigens: Rechtlich gibt es in unserer Kirche jede Menge Möglichkeiten, neue Gemeindeformen zu etablieren. Die hannoversche Kirchenverfassung etwa sieht eine ganze Reihe von Gemeindemodellen vor. Ich befürchte hier auch keinen kirchenleitenden Strukturkonservativismus. Auch finanziell bekommt man für eine gute Idee aus irgendeinem Fördertopf oft eine Anschub-finanzierung. Schützen muss man frische Ideen in unseren evangelischen Strukturen allerdings wohl vor Bedenkenträgern und vor der Fülle der zu beteiligenden Gremien, die mürbe machen können. Nötig sind vor allem aber Menschen, die mit geistlichem Elan neue Ideen entwickeln und anpacken. Ich würde mich sehr freuen, in den kommenden Jahren die eine oder andere fresh expression in meinem Sprengel mit fördern zu können.
Zwei Dinge vor allem sind es, die ich an diesem Buch und der dahinter stehenden Bewegung hervorragend finde: Einmal die leidenschaftliche Suche nach neuen Wegen, missionarisch ausstrahlungsfähige Volkskirche zu sein. Ich nehme in all unserem Nachdenken – auch in diesem Buch – ein Suchen wahr nach neuen Wegen. Den missionarischen Königsweg kennt ja offensichtlich im Moment niemand. Es sind viele kleine Schritte, die erprobt werden. Aber diese missionarische Pfadfinderarbeit ist nötig – im Vertrauen auf Gottes Auftrag und auf seine Verheißung.
Und dann den ökumenischen Charakter. Und der ist ja doppelt. Einmal das Lernen bei den anglikanischen Geschwistern. Und dann das gemeinsame Lernen durch evangelische und katholische Christen. Beides habe ich im konkreten Vollzug als außerordentlich bereichernd erlebt.
Besonders bemerkenswert finde ich die gar nicht alltägliche evangelisch-katholische Zusammenarbeit. Sie ist noch einmal etwas anderes als der offizielle ökumenische Dialog über Apostolizität, Amt und Eucharistie einerseits und die Basisökumene auf Gemeindeebene. Offizielle Vertreter und Multiplikatoren in Bistum und Landeskirche stellen sich gemeinsam den Herausforderungen des Kircheseins von morgen. Das finde ich zukunftsweisend, auch für die Ökumene. Dass das in kollegialer Inspiration und großer Geschwisterlichkeit möglich ist, dafür bin ich besonders dankbar.
Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy, Stade
I.
Philipp Elhaus – Christian Hennecke
Gottes Sehnsucht in der Stadt
Auf der ökumenischen Suche nach Gemeinden für morgen
Dieses gemeinsame Buch, unsere ökumenische Spurensuche, hat eine lange Geschichte. Gemeinsam steht am Anfang eine Wahrnehmung: Unsere Kirchen sind im Übergang, in einem tiefgreifenden Umbruchsprozess. Was inzwischen zu einem Gemeinplatz geworden zu sein scheint, ist aber vielfach ausdeutbar: auf der einen Seite stehen diejenigen, die die vergangenen Jahrzehnte als vielfache Abbruchs- oder Dekadenzgeschichte der Kultur und/oder der Kirchen sehen und zumeist schnell Schuldige und Ursachen für den diagnostizierten Glaubensschwund ausmachen können. Je nach hermeneutischer Färbung kommt man dann auf je andere Denkschriften.
Die gemeinsame Wahrnehmung, die uns in unserer ökumenischen Zusammenarbeit von Anfang an geprägt hat, war aber eine andere: Es ist ja Gott, der seine Kirche führt und leitet – und sein Geist ist es, der immer wieder und zu jeder Zeit Neues schafft und hervorbringt. Umarmt uns so Gott mit der Wirklichkeit dieser Zeit – was zeigt er uns da an Chancen, an Herausforderungen, an „Zeichen der Zeit“, auf die wir aus der Kraft des Evangeliums antworten können?
Die Großwetterlage: mitten in der Wandlung
Wer aus dieser Perspektive schaut, könnte einen eucharistischen Grundansatz wählen: wir stehen im Prozess der Wandlung. Noch theologisch abgründiger und begründbarer: wir sind in einem Prozess des Pascha, des Leidens und Sterbens und Auferstehens. Eine milieuhaft geprägte Kirchengestalt, in der wir gewissermaßen ins Christsein hineingeboren wurden, geht unwiderruflich zu Ende. Mit allen Nebenwirkungen. Denn es zeigt sich, dass die inneren Bilder und die pastorale Praxis, ja, das gesamte kirchliche Gefüge auf dieser Grundlage basierten. Wer denkt, dass deswegen einige Korrekturmaßnahmen den Ursprungszustand wiederherstellen können, der täuscht sich sehr. Strukturmaßnahmen der Kirchen, die zu größeren pastoralen Räumen und Regionen führen, Fusionen und ähnliches sind zunächst notwendige Renovierungsarbeiten, aber keine Erneuerung. Sie sind Versuche des Erhalts eines für die katholische Kirche notwendigen sakramentalen Gestaltgefüges bzw. Anpassungsleistungen eines auf dem Gegenüber von Pfarramt und Gemeinde basierenden kirchlichen Versorgungssystems der evangelischen Kirchen.
Auch die Dauerbaustelle christlicher Initiation kann nicht erfolgreich bearbeitet werden, wenn nicht grundlegend bedacht wird, dass das Christwerden heute eine Frage persönlicher Wahl oder – theologisch gesprochen – Berufung ist und deswegen nicht einfach durch neue Wege des Konfirmationsunterrichts oder der Kommunion- und Firmvorbereitung gelöst werden kann. Nein, wir befinden uns in einem evangelisierenden und katechumenalen Umfeld – und das führt auch zu einem grundlegenden Neubedenken der Christwerdungsprozesse.
Die kopernikanische Wende der Ekklesiopraxis
Die Pointe dieser Veränderungen aber heißt auch: die Sozialgestalten, die kirchlichen Orte, werden sich transformieren, sie tun es schon. Noch mehr: schon seit Jahren ist ein Prozess im Gange, der gewissermaßen zu einer kopernikanischen Wende der Ekklesiopraxis führt: war in einer (noch) gemeindekirchlichen Perspektive die klassische Gemeinde „Kern und Stern“, ja, geheime Mitte kirchlicher Gestalt und Existenz, um die herum auch noch andere kirchliche „Planeten“ kreisten, so rückt nun die gelebte und erfahrene Christuswirklichkeit – die „Sonne“ – in die Mitte, und es bildet sich ein „Planetensystem“ kirchlicher Orte, gewissermaßen ein Netzwerk, in dem unterschiedliche Zentren kirchlicher Existenz ein Gesamtgefüge vielfältiger Einheit abbilden. Diese Perspektive reicht weiter als die vielerorts fomulierte notwendige Ergänzung der Ortsgemeinde durch plurale gemeindliche Formen. Sie wagt es, Kirche aus christologischer und soziologischer Sicht als Ensemble unterschiedlicher Räume zu denken, die erst in ihrer Vielfalt sowohl die Phantasie des Heiligen Geistes als auch die Facetten unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten spiegeln können.
Wie bei der astronomischen Entdeckung des Kopernikus führt dies zu gründlichen Neubestimmungen und zu nicht geringen Irritationen und Regressionen: aus dem Mittelpunkt gerückt muss die klassische örtliche „Territorialgemeinde“ in der katholischen Kirche auch angesichts der prekären Begleitung durch Priester und Hauptberufliche ihr Profil entwickeln als lebensräumlich und wohnraumnah verortete Gemeinde im Sinne der basiskirchlichen Ansätze, die weltkirchlich ausgereift sind und in den vergangenen Jahren im deutschen Sprachraum in experimentalen Entwicklungsprozessen wachsen.1 Seitens der evangelischen Kirche steht dieser Perspektivenwechsel vielerorts noch bevor. Doch der Trend zu Regionalisierungsprozessen und Fusionen weist in die gleiche Richtung, wenn man ihn nicht nur pragmatisch als Optimierung bestehender Arbeit angesichts schwindender Ressourcen fasst, sondern mit der theologischen Frage nach dem Auftrag im konkreten lokalen Kontext verbindet.
Zugleich wächst die Einsicht, dass seit mindestens einem Jahrzehnt Familienbildungsstätten, Kindergärten, Altenheime, Schulen und andere Einrichtungen, Verbände und Kirchliche Bewegungen zu unterschiedlich intensiven kirchlichen Existenzräumen werden. Es stellt sich die Frage neu, wie diese „Schaufenster“ des Evangeliums und der Kirche, die im übrigen gesellschaftlich mehr wahrgenommen und geschätzt werden als innerkirchlich, als Orte des Kircheseins entwickelt werden können und wie phänomenologisch und induktiv ihre implizite Ekklesiologie gehoben werden kann. Denn hier begegnet vielen Menschen Kirche authentisch, mit Bezug zur alltäglichen Lebenswelt und wird entsprechend als „unsere Kirche“ wahrgenommen.
Ebenfalls neu in den Blick rückt aber die Perspektive, dass Gemeinden gegründet werden könnten: eben weil Menschen heute in anderer Weise zum Christsein kommen und ihr Christsein bezeugen und leben wollen, entstehen neue Gemeindeformen, entstehen neue Initiativen – eigentlich überall. Und hierbei geht es nicht um schrille Sonderfälle, sondern um eine genuine Bewegung leidenschaftlicher Christen – in allen Konfessionen.
Das betrifft also beide Konfessionen gleichermaßen – und das macht unseren Prozess so spannend, und die Frage lautet: Was ist gemeint, wenn wir von Kirche sprechen, wie geht Kirche heute und morgen – wie „kirchen“ wir, um diese Dynamik einmal in einem Neologismus zu beschreiben? Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind Legion – und sie sind brisant, angefangen von der Grundproblematik, wie denn die klassisch geprägten Gemeinden zu den neuen Sozialgestalten stehen.
Vielleicht hat niemand dies so tief und so bewegend formuliert wie Dietrich Bonhoeffer, der 1944 voraussah, dass die gesellschaftlichen und kulturellen Transformationen zu einer veritablen Neugeburt kirchlicher Wirklichkeit führen müssen. Die paschatheologische Relevanz der „ecclesia semper reformanda“ wird bei ihm in aller Deutlichkeit formuliert:
„Du wirst heute zum Christen getauft. All die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an dir vollzogen, ohne dass du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen frühere Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur aus zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bist du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen –, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert …“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 435).
Wir stehen nicht – wie er – vor diesem Prozess. Wir sind mitten drin in diesem reinigenden, läuternden und kreativen Wandlungsgeschehen. Und genau das hat uns auf den Weg gebracht, gemeinsam nach neuen Gemeinden für morgen zu suchen
Katholische Anfänge: den Blick weiten
Die Anfänge unseres Projektes sind ökumenisch. Auf einem Kongress der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste (AMD) in Leipzig begegnet uns Katholiken Stephen Cottrell – ein anglikanischer Bischof, der uns den Emmauskurs vorstellt. Und schon damals wird deutlich, dass es hier gar nicht nur um einen weiteren unter den vielen guten neuen Glaubenskursen geht. Nein, hier wurde weitergedacht: ein Glaubenskurs zum Evangelisieren, ein Glaubenskurs im Blick auf die Menschen, die „frisch“ zum Glauben kommen, provoziert die Frage nach einer neuen Kirchengestalt. Denn eines ist klar, so hören wir aus England: Glaubenskurse eignen sich nicht dafür, Menschen in bisherige Sozialgestalten des Kircheseins zu integrieren. Denn jede Sozialgestalt – und auch die klassische Gemeinde gehört dazu – hat ihren eigenen ekklesiogenen Code: so wie jemand sein Christsein entdeckt, so wird er auch sein Kirchesein entfalten. Eigentlich ganz logisch, aber provozierend: denn es verlangt eine Umkehr von einer lang erlebten Wirklichkeit, war doch Integration in das Bestehende und eine nachhaltige Kontinuitätsfiktion das prägende innere Bild vergangener gemeindetheologischer Jahrzehnte (und beeinflusst bis heute Kritik und Gegenkritik sowohl Progressiver wie Konservativer – wenn es die überhaupt so noch gibt).
Die Anfänge sind ökumenisch. Mit Bischof John Finney trafen wir zusammen, weil das Interesse am Emmauskurs und seinen ekklesiogenen Implikationen uns neugierig machte. Wir trafen auf ein Team, und Felicity Lawson und John Finney lebten deutlich vor, dass das Miteinander gestalten von Kirchenaufbruchsprozessen sich schon abbildet im Zueinander der Protagonisten. Humor, Spiritualität, Vielfältigkeit und Einheit – und faszinierende Inspiration, das kennzeichnet viele Protagonisten dieses Aufbruchs. Das macht nicht nur sprachlos, sondern weckt die Neugierde auf mehr. So durften wir Finney auch in unserem katholischen Kontext einführen – denn hinter dem Glaubenskurs und seinem partizipativen Ansatz steht auch eine Kultur des Kircheseins und Kirchewerdens, die in uns die Leidenschaft für die Ekklesiologie des II. Vatikanischen Konzils weckte. Und: der Weg nach England öffnete sich. Hatten die Anglikaner durch ihre evangelisierende Pastoral und ihre erfolgreichen Glaubenskurse den Weg zu neuen Formen der Gemeindebildung gefunden, könnten wir doch von ihnen lernen. Denn die Auflösungserscheinungen milieuhafter Volkskirche fordern den Mut, nach „fresh expressions of church“ Ausschau zu halten …
Die Anfänge sind noch weiter ökumenisch. Schon vor fast 10 Jahren fanden wir – aus dem Fachbereich Verkündigung – uns bei Leitungskongressen der freikirchlichen Willow Creek Association. Trotz aller Warnungen vor Sektengefahr erlebten wir hier etwas, was uns bleibend prägte. Eine tiefe gemeinsame biblische Spiritualität, die gepaart war mit einer Achtung für die jeweilige eigene kirchliche Tradition; eine missionarische Leidenschaft für die Menschen, die Christus noch nicht entdeckt haben, und einen Mut, sich auf diese Menschen einzulassen und mit ihnen gemeinsam das Evangelium zu entdecken und zu leben; eine Kreativität und experimentellen Mut, Kirche dort wachsen zu lassen, wo sie bisher nicht vermutet wird – und in Formen, die zunächst einmal merkwürdig anmuten. Die angloamerikanische Mischung von Pragmatismus, Christusverbundenheit und experimenteller Christusnachfolge sind einfach inspirierend.
Rückkehr nach Deutschland
Das Risiko solcher weltkirchlichen Ökumene ist das Ausbremsen solcher Impulse und das Verglühen des Idealismus an institutioneller Skepsis und Bestandswahrung: „das geht hier nicht, das passt nicht – und wir sind sowieso anders …“, das sind hilfreiche immunisierende Wendungen im Blick auf die Sehnsucht nach Selbsterhalt.
Aber dann wurden wir wieder überrascht: an der evangelischen Fakultät von Greifswald kamen wir mit Professor Michael Herbst in Kontakt. Eine Freundschaft und Gemeinschaft im Geiste entwickelte sich schnell, denn die Anliegen und die spirituelle Verwurzelung verbanden uns. Und so entdeckten wir, dass sich gerade im Blick auf die Frage nach Evangelisierung und Missionarische Pastoral und ihre Konsequenzen eine ökumenische Konsonanz ergibt, die ohne Konkurrenz, sondern in gegenseitiger Achtung und geistlicher Verbundenheit ein gemeinsames Suchen nach neuen Wegen ermöglicht. Uns ging immer mehr auf: Ökumene ist gerade im Bereich der missionarischen und evangelisierenden Bemühungen kein Kann, kein Darf, sondern ein Muss: wir beschenken uns wechselseitig, wir inspirieren einander, wir evaluieren miteinander – wir lernen miteinander in dem gemeinsamen Anliegen, dem Evangelium, Jesus Christus einen Raum zu öffnen.
Und dies gilt besonders für unsere Zusammenarbeit mit dem Haus Kirchlicher Dienste der Landeskirche Hannover. Im Laufe der vergangenen Jahre verdichteten sich die Kontakte und schufen eine erstaunliche, frohmachende und fruchtbare missionarische Ökumene, deren schriftliche Erstfrucht hier vorliegt.
Mit Kollegen wie Burkhard Merhof, Philipp Elhaus, Martin Römer, Hans Christian Brandy, Dirk Stelter und Andreas Risse verbindet uns die gemeinsame Sehnsucht nach einer missionarischen Kirche. Was ganz einfach anfing mit regelmäßigen Treffen zum Thema Hauskreise und Kleiner Christlicher Gemeinschaften, mit gemeinsamem Nachdenken über Glaubenskurse, mündete ein in gemeinsame Fahrten nach England – und zu Projekten gemeinsamer Kongresse zum Thema einer Kirche, die kommt. Wenn im Februar 2013 der geplante Großkongress „Kirche 2.0“ in Hannover stattfinden wird, dann ist das nicht eine punktuelle Aktion, sondern das Ergebnis ökumenischer Konvivenz und Konvergenz, spiritueller Suche und visionärer Gemeinschaft.
Es begann auf unserer Seite mit dem Projekt „Kirche für Suchende – Evangelisation auf katholisch“: Minikundschafterfahrten nach Braunschweig zur Friedenskirche, zur Freien Evangelischen Gemeinde in Hildesheim und zum Expowal nach Hannover mündeten ein in einen Studientag mit Michael Herbst.
So entstand in den Gesprächen mit unseren evangelischen Brüdern und Kollegen die Idee einer gemeinsamen ökumenischen Reise nach London, um „fresh expressions of church“ zu studieren.
Evangelische Anfänge – Gottes Sehnsucht nach den Menschen
In den letzten 20 Jahren haben sich gesellschaftliche Umbrüche zunehmend auf die Kirche ausgewirkt und unterschiedliche Spuren hinterlassen. Der christliche Glaube ist angesichts der Vielfalt von Lebensoptionen und religiösen Überzeugungen nur eine Möglichkeit unter anderen. Kirche ist in Konkurrenz geraten. Die Bindekraft der kirchlichen Institution nimmt ab. Individualisierung und Pluralisierung führen zu einer Verschiebung von kulturgestützten zu personalgestützten Formen des Christentums. Glaube wird immer weniger generativ im Rahmen geschlossener konfessioneller Milieus weitergegeben, sondern biografisch angeeignet. Die Muster der Kirchenzugehörigkeit verwandeln sich zunehmend vom Erbe zum Angebot. Die Regie im Verhalten zu Kirche und Gemeinde liegt längst bei den einzelnen Menschen und wird nur durch weiche soziale Faktoren begleitet.
Die Wiedervereinigung hat die westlichen Bundesländer mit Konfessionslosigkeit – oder besser gesagt Konfessionsfreiheit als Normalstatus und einer Minderheitssituation konfrontiert, die sich langfristig als gemeinsame kirchliche Zukunft am Horizont abzeichnet. Die Milieuforschung macht darauf aufmerksam, dass Gemeinden mit ihren Angeboten nur einen geringen Teil der unterschiedlichen Lebensstilgruppen der Gesellschaft erreichen.
Der wachsenden Unkenntnis gegenüber Glaubenswissen und dem praktischen Atheismus in der Gesellschaft steht eine neue Sehnsucht nach Spiritualität gegenüber, die sogar an Kirchentüren klopft. Offene Kirchen werden verstärkt aufgesucht, Pilgern boomt.
Diese holzschnittartigen gesellschaftlichen Umbrüche und ihre kulturellen Auswirkungen führten in evangelischer wie katholischer Kirche zu Rückfragen nach Wesen und Auftrag der Kirche. Der Begriff der Mission wurde wiederentdeckt. Fristete er in den evangelischen Kirchen bis Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eher ein Randdasein als Adjektiv im „missionarischen“ Gemeindeaufbau, so wurde er nun vom Streit- zum kirchlichen Leitbegriff. „Die evangelische Kirche setzt das Glaubensthema und den missionarischen Auftrag an die erste Stelle … Weitergabe des Glaubens und Wachstum der Gemeinden sind unsere vordringlichen Aufgaben“, heißt es in der Kundgebung der EKD-Synode Leipzig 1999. Ausgehend von der Einsicht, dass Gott selbst ein missionarischer Gott ist (missio Dei), wird Mission eine gemeinsame Zukunftsaufgabe und ein Querschnittsthema kirchlicher Arbeit. Mit „Zeit zur Aussaat“ legte die katholische Bischofskonferenz ein Jahr später eine Anregung zu einer missionarischen Pastoral vor, die eine große Schnittmenge mit evangelischen Erklärungen aufwies. Das Wort „Mission“ wurde in beiden Kirchen wieder salonfähig. Wegen des Schwundes an Kirchenmitgliedern, argwöhnten die einen. Aus geistlich-theologischer Erkenntnis, meinten die anderen: Was lebt, will wachsen. Wer liebt, will teilen und weitergeben. Dies gilt primär für den Ursprung und das Ziel von Mission: Gott hat Sehnsucht nach seinen Menschen – und diese Sehnsucht sucht die ganze Schöpfung in das Lob der Herrlichkeit Gottes einzubinden. Kirche hat nicht nur eine Mission, Kirche ist Mission. Das so verstandene Wesen der Kirche ist nicht konfessionell teilbar. Eine missionarische Kirche ist nur als ökumenische Vision zu beschreiben.
Mission als Herzschlag der Kirche
In den Strom der neuen missionarischen Bemühungen innerhalb der evangelischen Landeskirchen münden unterschiedliche Einflüsse von missionarischem Gemeindeaufbau mit Zweitgottesdiensten, Glaubenskursen und Hauskreisen, die wiederum durch Impulse aus Amerika und England bereichert wurden bis hin zu kirchlicher Reformbewegung mit Ladenkirche und Zielgruppenveranstaltungen. Ganz bei Gott und ganz bei den Menschen – so lautete das Motto. Pluralität der Formen wurde zum Programm. Dem Christus im Singular entspricht eine Mission im Plural. Rückblickend auf das vergangene Jahrzehnt sagte Altbischof Wolfgang Huber, ehemaliger Vorsitzender des Rates der EKD Ende September 2009: „Die Verbesserung der Kirche als Organisation hat ihr Gewicht. Strukturmaßnahmen und Ressourcenmanagement mögen Entlastungen und Verbesserungen bewirken; aber eine Erweckungsbewegung entsteht daraus nicht. Strategische Entscheidungen und operative Initiativen haben einen hohen Nutzen; aber sie treffen noch nicht den Kern. Ihm nähern wir uns an, wenn wir den Lebensrhythmus der Kirche von der Liebe Gottes zu den Menschen bestimmen lassen. Deshalb bildet die Hinwendung zu den Menschen, also die Mission den Herzschlag der Kirche. Dann aber hat eine Kirche, die missionsvergessen ist, Herzrhythmusstörungen – wie Eberhard Jüngel 1999 auf der Missionssynode in Leipzig gesagt hat. Auch nach zehn Jahren haben wir diese Herzrhythmusstörungen noch keineswegs überwunden. Gottes Wort ist nicht gebunden; deshalb haben wir das Unsere zu tun, damit es die Menschen erreicht.“2
Im Westen was Neues?
Auf der Suche nach inspirierenden Erfahrungen machten sich engagierte Christen aus zahlreichen evangelischen Landeskirchen auf den Weg über den Ärmelkanal. Denn dort hatte sich seit den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine missionarische Aufbruchsbewegung ereignet, die nicht nur zur Belebung ortsgemeindlichen Lebens, sondern auch zur Gründung neuer gemeindlicher Formen führte. Finanzkrise – „Money talks“, meinte John Finney dazu – und eine massive Relevanzkrise in einer säkularisierten Gesellschaft hatten diese Reaktion provoziert, die über Gemeindeneugründungen („church planting“), eine Dekade zur Evangelisierung bis hin zu den fresh expressions of church reicht, deren kirchliche Gestalt oft noch im Werden ist. Gemeinsam ist diesen vielfältigen Initiativen ein Paradigma, das die englische Programmschrift „Mission shaped church“ 2006 so formulierte: „Starte mit der Kirche, und die Mission wird verloren gehen. Starte mit der Mission – und du wirst die Kirche finden.“ Nicht kirchliche Bestandswahrung, sondern Gottes Sehnsucht nach den Menschen wurde zum Leitmotiv intensiver kirchlicher Reformbemühungen. Spirituelle Ausstrahlung, nüchterne Analyse, risikofreudige Experimente und vielfältige Formen beeindruckten die deutschen Besucherinnen und Besucher. Der Funken sprang über.
Doch so begeistert die Englandtouristen auch zurückkehrten, auf deutschem Boden wollten die Samen der neuen Gemeindeideen keine tiefen Wurzeln schlagen. Die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) sammelte Erfahrungen mit Pilotprojekten und stellte bei allen ermutigenden Erfahrungen nüchtern die Grenzen fest. Es fehlt der Humus einer missionarischen Kultur, die von geteiltem Leben und Christuszeugnis auf Augenhöhe geprägt ist. Unter dem Bodendecker der flächendeckenden Versorgung und der pfarramtliche Zuständigkeiten können sich neue Gemeindeformen mit ihrem unklaren kirchenrechtlichen und finanziellen Status nur schwer entfalten. Hauptamtliche zeichnen sich eher durch eine Siedler-, denn durch eine Pioniermentalität aus, die mutig und risikobereit Grenzen überschreitet und auch im Neuland aussät.
Mit anderen Augen sehen – eine ökumenische Vision
In dieser Situation lernten wir die Geschwister aus dem Bistum Hildesheim kennen: Christian Hennecke, Matthias Kaune, Annette Reus und Gregor Wessels – und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wo wir noch mit der Revierförstermentalität von Ortsgemeinden kämpften, dachte man dort längst in pastoralen Räumen. Wo wir die Zukunftsfähigkeit von Regionalisierungsprozessen mühsam zwischen Kröte und Märchenprinz lokalisierten, entdeckte man dort bereits die sozialräumliche Verortung von Nachbarschaftskirche neu. Wo wir mit Qualitäts- und Freiwilligenmanagement die Formen und Abläufe verbesserten, rief man dort auch die inhaltlichen Bestimmungen wie Berufung und Auftrag stärker ins Gedächtnis. Mit einem provokanten Bild gesprochen: wo wir noch einen Schritt vor dem Abgrund standen, war man dort den berühmt-berüchtigten Schritt weiter und flog bereits – zumindest manchmal, wie man uns ehrlich im Blick auf die Krisenszenarien zu verstehen gab.
Im Spiegel der konfessionell anders geprägten Perspektive entdeckten wir die eigene kirchliche Wirklichkeit neu. Wir erfuhren ein „Reframing“ der besonderen Art durch einen katholischen Rahmen, der sich offensichtlich ähnlich auch auf katholischer Seite im Spiegel unserer evangelischen Wahrnehmung vollzog. Auf diese Weise fielen noch einmal ganz neue Blicke auf die Situation des kirchlichen Wandels und formierten ein verheißungsvolles neues, ökumenisches Bild. Alte kirchliche Bilder und theologische Sprachspiele kamen in Fluss, zwischen sich scheinbar ausschließenden Alternativen taten sich neue Möglichkeiten auf, an die unterschiedliche Frömmigkeitsstile und theologische Ansätze andocken konnten. Jenseits der unterschiedlichen Begrifflichkeit und Frömmigkeitstraditionen stellte sich jener gemeinsame Herzschlag ein, der Kirche als Mission prägt. Dass wir mit der anglikanischen Kirche in England einen dritten Ort als gemeinsames Lernfeld wählten, liegt in der Konsequenz des ökumenischen Ansatzes.
Das Projekt „Soul side Linden“ in Hannover
Es ist erstaunlich. Mit dem Reifen dieser Ideen und dieser ökumenischen Visionsgemeinschaft öffnete sich ein katholischer Kairòs: es wurde möglich, in hohem Konsens mit allen Beteiligten eine Projektstelle für ein innovatives Projekt in Hannover-Linden zu schaffen. Dass das Experiment einer „Kirche für Suchende“ – so der „schräge“ Projekttitel – so viel positive Fantasie weckt, macht die Dringlichkeit für solche Aufbrüche deutlich. Evangelisierung begibt sich auf neue Wege.
Denn die vergangenen zwei Jahre lassen eine erstaunliche Wende erkennen. Wenn auf der einen Seite der Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche zum einen deutlich machte, dass der Verlust der Glaubwürdigkeit die schleichende Auflösung einer klassischen Kirchenkonfiguration immens beschleunigt, wird zugleich ein wachsendes Interesse an kirchlichen Aufbrüchen und Experimenten deutlich: was bislang eher Exoten und spirituellen Charismatikern in geduldeten Randgebieten kirchlicher Normalität vorbehalten war, rückt in den Fokus des Interesses: wie kann Kirche ohne die bisher für selbstverständlich gedachten Prämissen gegebener Volkskirchlichkeit wachsen?
Im katholischen Bereich werden an dieser Stelle die Charismen und Orden neu in den Blick rücken, wie auch die im deutschsprachigen Bereich bislang problematisch empfundenen geistlichen Gemeinschaften und kirchlichen Bewegungen. In evangelischer Perspektive gilt es, sowohl die Bewegungen und freien Werke innerhalb der Kirche als auch unterschiedliche Netzwerke wahrzunehmen, die sich um kategoriale Arbeitsbereiche wie z. B. das Frauenwerk bilden. Die Frage nach der notwendigen Erneuerung der kirchlichen Landschaft ist gewiss ein pneumatisch-charismatischer Prozess, der hoffentlich durch die Strukturmaßnahmen deutscher Bistümer ermöglicht und nicht verhindert wird. In der Tat: Nebenwirkungen der größeren pastoralen Räume könnte die Ermöglichung einer größeren Vielfalt kirchlicher Sozialgestalten sein – und eine Kultur des Kircheseins, die sowohl die katechumenale Gestalt kirchlicher Orte wie auch die Taufberufung und das mit ihr verknüpfte gemeinsame Priestertum der Gläubigen neu in den Fokus rückt. Dies ist auch eine verheißungsvolle Perspektive für evangelische Regionalisierungsprozesse, wenn sie die entsprechenden Umstrukturierungen in religionssoziologischer und theologischer Perspektive begreifen.
Soul Side Linden – das Experiment in Hannover-Linden lebt durch seine Protagonisten. Mit der Leidenschaft und Energie von Annette Reus und ihrer Mitstreiterinnen – viele Namen wären hier zu nennen – entstanden Erfahrungsräume und erste Werkstücke einer Kirchengestalt, die tatsächlich erst anfänglich sind: „Seht ich schaffe neues, schon sprosst es auf – merkt ihr es nicht“, so fragt Jahwe durch den Propheten Jesaja (vgl Jes 43,18 f). In der Tat: man muss nicht, aber man kann erkennen, wie Gemeinde sich bildet und wie Kirche ein neues Antlitz gewinnt. Eine Kirche, die präkonfessionell zu nennen ist, eine Kirche, die sich im Stadtteil inkulturiert, eine Gemeindeform, die koexistiert mit der klassischen Gemeindegestalt – viele Fragen, anstrengendes und begeisterndes Abenteuer des Geistes.
Kirche neu entdecken und denken
Nicht nur Neugier und vielerlei Fragen löst dieses kleine anfängliche Projekt in Hannover aus, sondern auch eine massive theologische Herausforderung. Der Start dieses Projektes fiel zusammen mit den intensiven Vorbereitungen zur ersten Londonreise, die wir gemeinsam mit unseren evangelischen Mitstreitern im Herbst 2009 unternehmen wollten. Diese theologischen Fragen standen im Mittelpunkt der beiden Studientage, die im Januar 2009 und im Frühjahr 2010 die Reise umrahmten. Die Beiträge von Bischof Finney, Professor Gerhard Wegner, Volker Roschke und Professor Medard Kehl versuchten, die weiße Landkarte wenigstens von ihren theologischen, soziologischen und praktischen Eckfahnen zu beschreiben – die Erfahrungen aus England kolorieren und präzisieren das unbekannte und verheißungsvolle Land der Evangelisierung.
Immer deutlicher wird aber, dass diese Aufbruchsbewegung zu einem neuen Hinschauen auf die geistvolle Kirchenentwicklung jenseits der alle Aufmerksamkeit raubenden Umstrukturierung der deutschen Kirche führt.
Denn auf einmal wird deutlich, dass wir uns schon mitten in einem massiven Umformatierungsprozess befinden, und dass die Erfahrungen mit eigenen Projekten wie Soul Side Linden und der Blick auf anglikanische Aufbrüche in London und „elsewhere“ neu sehen lässt, wie Kirche sich hierzulande entwickelt und dabei die eigene Ekklesiologie in ein neues Licht rückt. Das ist die eigentliche Pointe der eigenen Bemühungen um ein neues – deutsches – Antlitz der Kirche: vieles ist schon unbemerkt da – und Ekklesiologie wird plötzlich zu einem erregenden Abenteuer: endlich nämlich wird nicht nur theoretisch eingeholt und wiederholt, was eine vergangene Gemeindetheologie sein sollte und nicht mehr ist – schon gar nicht normativ, endlich wird gelebte Spiritualität und Ekklesiopraxis zum Ausgangspunkt einer Ekklesiologie, und endlich wird die prophetische Dimension nicht rezipierter konziliarer Ekklesiologie erfahrbar, greifbar und formulierbar sowie das Gestaltungspotential der grundlegenden evangelischen Bekenntnistexte für unterschiedliche soziale Formen von Gemeinde ausgeschöpft.
Aus der theologischen Perspektive konziliarer Ekklesiologie gilt ja: wenn Lumen Gentium 1 davon spricht, dass die Kirche in Christus „gleichsam Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug der Einheit Gottes mit der Menschheit und der Menschen untereinander ist“, dann ist im Blick auf eine existenzielle Wendung dieser Ekklesiologie zu sagen, dass Kirche dann erfahrungsorientiert und praktisch überall dort erfahrbar wird, wo dies geschieht. Aus evangelischer Sicht ist hinzuzufügen: Da die Confessio Augustana das Wesen und die Identität der Kirche an den grundlegenden Vollzügen von Evangeliumsverkündigung und Sakramentsverwaltung festmacht (CA 7), bietet dieses weite ökumenische Kirchenverständnis einen entsprechenden hermeneutischen Rahmen für unterschiedliche soziale und liturgische Formate, in denen sich Kirche ereignet. Den ekklesiologischen Status solcher Kirchenwirklichkeiten tiefer zu durchdenken – das ist das Thema einer erfahrungssatten Lehre von der Kirche der Zukunft.
Die sakramentale Mitte der Kirche steht hier nicht in Frage – die Eucharistie ist Mitte, Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens. Dies gilt in gleicher Weise für die protestantischen Alleinstellungsmerkmale von Wort und Sakrament, die ihrerseits Ausdruck der verborgenen Christuswirklichkeit sind. Wohl aber ist angesichts der evangelisierenden und katechumenalen Gestalt vieler dieser neuen und schon bewährten Kirchenbildungen zu fragen, wie die Mitte des Kircheseins und die sakramentale Fülle des Kircheseins nicht auf Kosten ihrer katechumenalen und evangelisierenden Dynamik zu denken ist: es geht um die klassisch gewordene Hierarchisierung, die vom vermeintlichen Mittelpunkt der klassischen Kirchengemeinde ausging und diese faktisch identifizierte mit dem Ganzen des Kircheseins, wie es sich in der Feier der Eucharistie bzw. in Wort und Sakrament zuhöchst darstellt. Dies aber ist eine Verwechselung: auch die Gemeindebildungen klassisch geprägter Christen sind eine, aber lediglich eine der vielen Sozialgestalten, die zusammen mit anderen Formen und Gestalten der Kirche die eine Kirche in der Vielfalt darstellen.
Aufbruch zu einer neuen Kultur des Kircheseins
Aber je tiefer wir gemeinsam den neuen Formen und fresh expressions nachforschten, desto deutlicher wurde auch, dass es gemeinsame Wasserzeichen dieser Kirchenbildungen gibt. Sie beinhalten eine Umkehrvision der Kirchenentwicklung und sind doch zugleich Konkretisierungen und Rezeption jener prophetischen Intuitionen des II. Vatikanums und einem kerygmatischen Kirchenverständnis, das davon ausgeht, dass Gott durch das Wort Glauben wirkt wo und wann er will. Gemeinsam ist allen Neuaufbrüchen, dass sie nicht „geplant“ sind: sie sind charismatischer Aufbruch und sie entstammen alle den Visionen von Christen, die selbst aus einer tiefen Spiritualität leben. Die zeigt sich dort besonders, wo Christen gemeinsam das Wort Gottes hören, und wo sie ihre Glaubenserfahrungen teilen: wo Christen gemeinsam aus diesen Quellen schöpfen, da wächst Kirche. Damit ist auch ein zweiter Akzent mitbenannt: in allen Aufbrüchen lässt sich eine Neuentdeckung des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen konstatieren. Die eigene Berufung zum Christsein, die Sensibilität für das eigene Charisma: das ist einer der großen Reichtümer der neuen geistlichen Bewegungen und kirchlichen Aufbrüche weltweit: Christsein ist heute nicht mehr gegebenes Erbe, sondern jeder und jede, die sich auf das Christsein einlassen, lebt aus einer Berufung, einer Begabung, einem Charisma. Christsein leben ist heute eine existenzielle Entscheidung, eine Antwort auf einen persönlichen Ruf und eine Sendung mit einer persönlichen Gabe. Diese biblische Wahrheit neu zu entdecken, dazu werden wir heute vom Geist geführt.
Zu dieser neuen Kultur gehört zweifellos auch der Mut zu Experimenten. Und das impliziert ein starkes Vertrauen in Gott und seinen Geist. Und mit hohem Mut, hoher Risikobereitschaft lassen sich Gemeinschaften von Christen auf die Menschen, mit denen sie leben, ein. Vielleicht ist das eine der beeindruckendsten Erfahrungen in den Begegnungen und Gesprächen und Besuchen: Neue Aufbrüche des Kircheseins realisieren sich dort, wo Menschen aus der Leidenschaft für Christus und das Evangelium sich auf die Lebenswelt einlassen, die sie mit ihren Zeitgenossen teilen. Diese Weise der Evangelisierung nimmt Maß an Paulus: „allen bin ich alles geworden“ (1 Kor 9). Um es einprägsam mit einem anglikanischen Pionier der „fresh expressions“- Bewegung zu sagen: „Früher haben wir immer gedacht, die Leute müssten zu unserer Kirche kommen. Als sie das nicht mehr taten, da haben wir gesagt: wir gehen zu ihnen hin, holen sie dort ab, wo sie stehen, damit sie dann zur Kirche kommen. Und auch das funktionierte nicht. Da haben wir verstanden: es geht darum, zu den Menschen zu gehen und mit ihnen dort, wo sie sind, Kirche zu sein …“
Gottes Sehnsucht in der Stadt
Nachdem durch die Studientage im Kontext der Exposurereise nach England zu den „fresh expressions of church“ deutlich wurde, dass das Interesse sich weitet und im katholischen Bereich kein Ort gemeinsamen Nachdenkens über dieses Thema existiert, nachdem wir dann im ökumenischen Miteinander in Soul Side Linden mit hoher Resonanz das spirituelle Projekt „Zeit des Meisters“ durchgeführt hatten, wuchs der Wunsch, den Suchenden hier wie dort mit dem Kongress „Gottes Sehnsucht in der Stadt“ eine Plattform zu geben. Die Erfahrungen dieses Kongresses, die vorgestellten Projekte und die theologischen Reflexionen sind in diesem Buch dokumentiert.
Aber damit wird kein Schlusspunkt gesetzt, sondern ein Meilenstein der Vernetzung. Die ökumenische Weggemeinschaft beginnt erst, fruchtbar zu werden: Netzwerke wachsen, Projekte werden weiterentwickelt – und vor allem geht es darum, die Entdeckung eines weiteren Kirchenverständnisses weiter zu reflektieren und ins Spiel der kirchlichen Reformprozesse zu geben.
Dabei spielt die Kirchenentwicklung in der Stadt eine (mindestens) hermeneutische Schlüsselrolle: schon ein kurzer Blick auf die kirchliche Situation in der Stadt macht deutlich, dass sich die beschriebenen Prozesse schon abspielen und zeigen: Neben den gemeindlichen Formen der Kirche bilden sich neue Gestalten kirchlicher Wirklichkeiten: Orte unterschiedlicher liturgischer Prägung, Chöre und Selbsthilfegruppen, Jugendkirchen und muttersprachliche Kirchorte, Familienbildungsstätten und Studentengemeinden finden sich in engster Nähe – und es entstehen neue Formen, wie sie exemplarisch deutlich werden in Kirchbildungen wie Soul Side Linden, dem Motoki-Kollektiv, E/motion oder aber Jugendgemeinden wie „kafarna:um“ in Aachen. Diesen neuen und geistgewirkten Erfahrungen nachzugehen, dazu soll mit diesem Buch eingeladen werden.
Kreativität und Abenteuerlust zu weiteren Experimenten und Erfahrungen wachsen weiter. Und es ist klar, dass dies nur in der ökumenischen und geistlichen Tiefe gelingen wird. Und deswegen ist der Dank groß an die Brüder und Schwestern auf diesem Weg – und die Sehnsucht, auf diesem Weg gemeinsam weiterzugehen. Ein weites Feld liegt vor uns, offene Fragen und Baustellen, theologisch wie praktisch: wie entwickelt sich Kirche auf dem Land? Wie können wir das Wachsen und Blühen neuer kirchlicher Formen fördern? Wie lassen sich diese Aufbrüche theologisch und praktisch einbinden?
Mit den Worten aus dem Projektbericht einer charmanten deutschen „fresh expressions of church“ lässt sich unser zukünftiger und abenteuerlicher Suchweg gut skizzieren: „Die Gestalt einer Gemeinde, die in erster Linie Gemeinde für konfessionslose und konfessionsvergessene Menschen sein will, ist daher nicht einfach die bekannte und bereits verfasste Kirche, sondern eine Kirche, die ihre Form erst bei den Menschen entdeckt, eine Kirche, deren konkrete Form als Akt der immer neuen Inkarnation unseres Gottes entsteht. … Diese Kirche ist zärtlich und manchmal ängstlich und einsam, aber sie hat die Erfahrung des Evangeliums nicht nur geschichtlich hinter sich, sondern immer neu auch als reale Erfahrung auf ihrem Weg vor sich.“3
1. Vgl. dazu etwa: C. Hennecke (Hg.), Kleine Christliche Gemeinschaften verstehen, Würzburg 22009. C. Hennecke/M. Samson Ohlendorf, Die Rückkehr der Verantwortung, Würzburg 2011.
2. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Rede zur Eröffnung der EKD-Zukunftswerkstatt, epd-Dokumentation 46/2009, Hannover 2009, 10.
3. Johannes Weth, Gemeinde pflanzen für konfessionslose und konfessionsvergessene Menschen. Das Sommerhotel Habicht in Düsseldorf, in: Ulrich Laepple, Volker Roschke (Hg.), Die so genannten Konfessionslosen und die Mission der Kirche, Neukirchen 2007, 230.
Michael Herbst
Dem „Englischen Patienten“ geht es besser1
Was können wir von der Anglikanischen Kirche lernen?
1. Fremd und nah: Eine alte Volkskirche in der Krise
Wer eine „Good-Practice-Orientierung“ anstrebt, tut gut daran, nicht nur in Deutschland zu suchen, sondern auch in anderen kirchlichen Landschaften nach positiven Beispielen zu forschen, wie sich christliche Gemeinden in kritischen Situationen neu aufstellen konnten. Das Reizvolle an der „Church of England“ ist dabei das Fremde und zugleich Nahe dieser Kirche: Natürlich ist vieles anders, bedingt durch die konfessionellen Besonderheiten des Anglikanismus und die kulturellen Differenzen eines anderen Landes. Zugleich ist vieles aber auch ähnlich: Die „Church of England“ ist wie die evangelischen Landeskirchen in Deutschland eine sehr alte, parochial organisierte Mehrheitskirche, die sich in den letzten Jahrzehnten vor einen erheblichen krisenbedingten Anpassungsdruck gestellt sah. Ähnliches ließe sich auch von den kleineren Kirchen in England zeigen.2
Callum Brown geht in der Diagnose dieser Krise vielleicht am weitesten: Er spricht von „The Death of Christian Britain“.3 Seine Zustandsanalyse des Christentums in England beruft sich zunächst auf den Rückgang im Gottesdienstbesuch, auf die schwächere Inanspruchnahme von Amtshandlungen und auf den Mitgliederverlust. Die Engländer haben weithin aufgehört, ihr Leben christlich zu gestalten: „We in Britain are in midst of secularization.“4 Vor allem aber thematisiert Brown den Abbruch in der Weitergabe des Glaubens von einer Generation zur nächsten: „The cycle of inter-generational renewal of Christian affiliation, a cycle which for so many centuries had tied the people however closely or loosely to the churches and to Christian moral benchmarks, was permanently disrupted in the ‚swinging sixties‘. Since then, a formerly religious people have entirely forsaken organised Christianity in a sudden plunge into a truly secular condition.“5 Callum Browns Schlussfolgerung am Ende seines Buchs ist so ernüchternd wie nur denkbar: „Britain is showing the world how religion as we have known it can die.“6
In der Tat zeigen auch andere religionssoziologische Studien ein alles andere als rosarotes Bild der Anglikanischen Kirche: Nach dem Census von 2001 bezeichnen sich zwar 71,6% der Bevölkerung als christlich, nur 5,2% zählen sich zu einer anderen Religion und 15,5% nennen sich selbst „religionslos“ (7,3% ohne Angabe).7 Aufschlussreich ist dabei eine Besonderheit, nämlich das differenzierte Mitgliedschaftsrecht der Anglikanischen Kirche, das sich sehr von unserem deutschen Mitgliedschaftsrecht unterscheidet. Zur „Anglican community“, also zur anglikanisch getauften Population gehören zwar 28,3 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich (= 67,5% aller christlichen Denominationen), aber nur knapp 1,7 Millionen getaufte Anglikaner sind auch konfirmierte und eingetragene „Church Members“ – damit ist die Anglikanische Kirche zahlenmäßig schwächer als die römisch-katholische Kirche im Vereinigten Königreich!8
Philip Richter und Leslie Francis9 zeigen noch deutlicher, wie sich die Engländer zu ihrer Volkskirche verhalten. Kriterien dieser Untersuchung aus dem Jahr 1996 waren der Gottesdienstbesuch, das Engagement für die Gemeinde und die Art der Verbundenheit mit der „Church of England“10: Nur etwa 20% der Engländer besuchen demnach in relativer Regelmäßigkeit den Gottesdienst, wobei Wochen-, Monats- und Jahreszyklus addiert werden. 80% der Engländer können getrost als kirchendistanziert bezeichnet werden, wobei die Unterschiede gewichtig sind: Je 20% sind „open de-churched“ und „closed de-churched“. Dabei geht es um Menschen mit einer kirchlichen Sozialisation, mit einer wie auch immer gearteten Gemeindebiographie. Freilich sind die einen erreichbar, die anderen hingegen reserviert. Ist den ersteren der Kontakt zur Gemeinde einfach nur abhanden gekommen, so sehen letztere auf Grund ihrer Erfahrungen zu wenige Gründe, um den Kontakt zur Gemeinde zu erneuern. Noch schwieriger aber dürfte die Kontaktaufnahme zu den letzten 40% werden: Sie werden als „non-churched“ bezeichnet, sind also nicht kirchendistanziert, sondern unkirchlich. Ihnen fehlt überhaupt eine relevante Begegnung mit der christlichen Gemeinde im Laufe ihrer Biographie.

In diesen Kontext gehören auch die besorgniserregenden Zahlen der Arbeit mit Kindern in der Anglikanischen Kirche: Nur noch ein Bruchteil der Kinder wird von den kirchlichen Angeboten (z. B. der Sonntagsschule) erreicht. Waren es 1970 noch 14%, so waren es 2000 gerade noch 4% der Kinder.11 Nicht zuletzt wirkte sich der Niedergang auch finanziell massiv aus (auch wenn die Gemeinden erstaunlich erfolgreich waren, die Defizite kreativ durch „fund raising“ und eifriges Spenden zu kompensieren).12 Der finanzielle Druck beschleunigte das Reformtempo erheblich, so dass Bischof John Finney es so ausdrücken konnte: „Money talks!“13
Natürlich gibt es auch in England Tendenzen zu einer Re-Spiritualisierung. In den urbanen Milieus Englands ist Religion durchaus wieder im Trend, aber eben nicht als christliche, kirchlich organisierte Religion. „Religion ist giving way to spirituality“, meinen etwa Paul Heelas und Linda Woodhead in ihrer Studie „The Spiritual Revolution“.14 Das religionssoziologische Projekt in der englischen Kleinstadt Kendal (Cumbria, 2000–2002) zeigte, wie sich der „subjective turn“ (Charles Taylor) im Umgang mit dem Heiligen auswirkt: „The key value for the mode of subjective life is authentic connection with the inner depths of one’s unique life-in-relation.“15 Übersetzt auf den religiösen Sektor bedeutet das: „Religion“ (verstanden als organisierte Einordnung des einzelnen in ein System des Glaubens und Handelns mit dem Anspruch auf eine externe Wahrheit und moralische Autorität) schwindet, während „Spiritualität“ boomt (hier sehr spezifisch verstanden16 als eine Sakralisierung des subjektiven Lebens, eine Bestärkung der Suche nach Quellen heiligen Lebens im eigenen Selbst, vor allem in so genannten„ holistischen Milieus“). Kirchengemeinden sind aber bei aller Verschiedenheit im Einzelnen insgesamt eher Vertreter von „Religion“ als von „Spiritualität“.17 Fragt man also nach Gewinnern und Verlierern auf dem gegenwärtigen spirituellen Marktplatz, so sind die Kirchengemeinden in der Regel die Verlierer und die „holistischen Milieus“ die Gewinner. „We can say that we have found robust evidence of a pattern: a correlation between subjective-life spirituality and growth on the one hand, and between life-as religion18 and decline on the other.“ Warum aber sind die Vertreter von „Spiritualität“ so erfolgreich? „They succeed because they ‚bring the sacred to life‘, enabling participants to remain true to themselves and their most significant relationships, and making little or no distinction between personal and spiritual growth.“19
Als Zwischenergebnis können wir festhalten: Auch England ist demnach nicht das Paradies für Kirchengemeinden! Wer dabei seine Hoffnung auf ein „believing without belonging“20 (Grace Davie) setzt, also sagt, dass die Menschen ja immer noch glauben, verkennt, wie weit sich diese „Spiritualität“ tatsächlich von christlichen Vorstellungen entfernt hat. „Meanwhile the reality of traditional church decline in the West is perhaps the judgement we need in order to discover what is lacking, to redirect our thinking and resources, and to engage in some bold experimentation.“21
So reagierte die Anglikanische Kirche mit Unterstützung durch ihre Bischöfe (freilich auch bei einigem Widerstand), z. B. durch die Dekade der Evangelisation 1991–2000 oder durch die evangelistischen Initiativen der beiden Erzbischöfe wie z. B. „Springboard“. Wer nach England schaut, sieht: Dem „Englischen Patienten“ geht es gewiss nicht sehr gut, aber doch deutlich besser.22
Das Spannende am Beispiel der Church of England ist eine sehr viel breiter als bei uns verankerte Bereitschaft, die nüchterne Analyse der kirchlichen Lage (Kapitel 2) mit einer neuen Wahrnehmung des missionarischen Auftrags (Kapitel 3) und einer hohen Bereitschaft zum Wagnis hinsichtlich kirchlicher Organisationsformen (Kapitel 4) zu verbinden. Das ist meine These und mein Versuch, auf die mir gestellte Frage zu antworten: „Was können wir von der Anglikanischen Kirche lernen?“
2. Bereitschaft zur nüchternen Analyse der kirchlichen Lage – Hope for the Church?
Ein für deutsche Beobachter auffälliger Aspekt ist die intensive empirische Forschung, die in England in Sachen Gemeindeentwicklung stattfindet. Während der Fokus deutscher Forschung an dieser Stelle eher dem religiösen Individuum gilt und seiner Haltung gegenüber Glauben und Kirche oder aber die Stabilität der Kirche insgesamt ins Auge fasst und damit eher großflächig angelegt ist, beachtet die anglikanische Religionssoziologie Themen, die die Gesundheit von Gemeinden zum Gegenstand der Forschung macht. Freilich bedeutet das nicht, dass das Individuum aus dem Blick gerät; aber auch hier ist die Fragestellung etwas verlagert – sie ist schlicht gesagt missionsorientiert: Welche Faktoren führen zu einer Verlebendigung sowohl des individuellen Glaubens als auch der Gemeinde als ganzer? Einige Beispiele für solche Forschungen sollen hier erwähnt werden:
2.1 Finding Faith Today
Während deutsche Untersuchungen sich eher darauf beschränken, den „religiösen Aggregatzustand“ festzustellen und nach der Verbundenheit mit der Kirche zu fragen, hat John Finney23 1992 eine Untersuchung vorgelegt, die danach fragt, welche Prozesse neu aufblühende Glaubensbiographien bei Erwachsenen begründen: Finding Faith Today.24 Auch aus dieser Untersuchung ergaben sich weitreichende kybernetische Folgerungen. Zunächst aber demonstriert „Finding Faith Today“ das hohe Interesse an der Empirie im Dienste einer missionarischen Neuausrichtung des kirchlichen Lebens: „Evangelization needs to be founded upon fact rather than fantasy.“25
Befragt wurden mehrere Hundert Personen über 16 Jahren aus unterschiedlichen Denominationen (40% Anglikaner), die im Laufe des vorhergehenden Jahres ein öffentliches Glaubensbekenntnis abgelegt hatten („a public confession of faith“), d. h. als Erwachsene z. B. getauft, konfirmiert oder wieder in die Kirche aufgenommen wurden.26 Dabei waren Gemeinden aus nahezu allen theologischen Traditionen vertreten.27 In unserem Zusammenhang ist nur ein kurzer Hinweis auf die Ergebnisse von Bedeutung.
Aufschlussreich war zunächst die Entdeckung, dass kleinere Gemeinden erfolgreicher als große Gemeinden die Glaubensbiographien Erwachsener fördern können. Gemeinden mit weniger als 50 Gemeindegliedern kamen auf 7,7 Konversionen (hochgerechnet auf je 100 Gemeindeglieder), Gemeinden mit 50–100 Gemeindegliedern auf 6,2, Gemeinden mit 100–200 Gemeindegliedern auf 4,7 und Gemeinden mit > 200 Gemeindegliedern nur noch auf 2,1 Konversionen.28 Ähnlich auffällig war die Verteilung auf soziale Milieus: In eher sozial schwachen Kontexten kam es zu deutlich mehr Konversionen als in wohlhabenden Gegenden.29 Hinsichtlich unterschiedlicher Gemeindetypen war auffällig, dass sich besonders viele Konversionen in Hausgemeinden ereigneten (knapp dreimal so viele wie in anglikanischen Parochien).30
Im Übrigen wurden durch die Studie viele Ergebnisse bestätigt und manche Vermutung hinsichtlich missionarischer Strategien enttäuscht:
1. Bestätigt wurde z. B. die Bedeutung der primären (familiären) Sozialisation sowie der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit. Viele der Konvertiten konnten sich an prägende religiös-kirchliche Erfahrungen in Kindheit und Jugend erinnern, an die sie anknüpfen konnten, auch wenn sie zwischenzeitlich (unter Umständen für eine lange Zeit) den Kontakt verloren hatten.31 76% der Konvertiten berichteten von kirchlichen Kontakten in Kindheit und Jugend. Umso bedrohlicher waren darum die Ergebnisse der Studie „All God’s Children?“ von 1990, die feststellte, dass 1990 nur noch 14% der Kinder in England irgendeinen Kontakt zur christlichen Kirche hatten.32
2. Andere Faktoren blieben weit hinter den Erwartungen zurück – bezogen auf die subjektiv wahrgenommene Bedeutung für die eigene spirituelle Entwicklung: Befragt nach den primären und sekundären Hauptfaktoren,33 die die Neuentdeckung des Glaubens förderten, produzierten die Teilnehmer des Projekts Enttäuschung: Veranstaltungen und Medien, evangelistische Events und kirchliche Angebote, Theater und Musik wurden eher selten genannt (zwischen 0 und 10%). Alle „Spitzenwerte“ hingegen fielen auf die „Beziehungsfaktoren“. Das bedeutet: Christliche Freunde, ehrenamtliche Mitarbeiter und Pfarrer, aber auch Ehepartner und Familienangehörige spielten in der Wahrnehmung der Konvertiten die entscheidende Rolle beim Christwerden. Die Anlässe zur Beschäftigung mit dem Glauben hingegen waren oft mit Lebenswenden und Lebenskrisen verbunden.34
3. Beziehungen scheinen in der Anglikanischen Kirche überhaupt den Ausschlag zu geben:35 Die Konvertiten beschrieben auch den neu entdeckten Glauben weniger mit propositionellen Aussagen als in Beziehungskategorien. Der christliche Glaube ist für sie weniger ein Glaube an etwas als eine gesunde und wohltuende Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und sich selbst.36 Beziehungen stehen darum auch am Anfang der geistlichen Reise: „belonging before believing“ (Robin Gill)!37
4. Mit dem Bild der Reise ist auch schon der letzte hier bedeutsame Aspekt der Studie benannt: Fast alle Teilnehmer der Befragung (96%) konnten von sich sagen, sie seien Christen. 54% konnten dabei auch ein „davor“ benennen, also eine Zeit, in der sie nicht oder nicht mehr Christen waren.38 Entscheidend für eine missionarische Gemeinde ist aber die Einsicht, dass Konversionen seltener datierbare, eher spontane Ereignisse (31%) als vielmehr längere, von hüben nach drüben führende Prozesse (69%) sind. Darauf beruht das Emmaus-Projekt (s. u.).39 Selbst in evangelikalen Gemeinden, in denen man vielleicht mehr Damaskus-Ereignisse erwartet, berichten die Konvertiten, dass ihr Weg zum Glauben eine jahrelange, begleitete spirituelle Reise gewesen sei.40
2.2 Hope for the Church
Bob Jackson41 legte diese Studie im Jahr 2002 vor.42 Sie ist in gewisser Weise die Summe des von mir porträtierten Ansatzes: Nüchtern wird der Niedergang der Anglikanischen Kirche in der Breite in Augenschein genommen: der Verlust der Kinder und Jugendlichen, der Mitgliederschwund, die finanziellen Probleme, die geringere Zahl von Pfarrern, der schwindende Gottesdienstbesuch und vieles mehr.43 Ähnlich wie im EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“44 wird prognostiziert, wie katastrophal der Niedergang bis 2030 werden kann, wenn nichts die gegenwärtigen Trends beeinflusst.45 Zugleich aber verweigert sich Jackson einer fatalistischen Haltung, die den Niedergang als etwas Naturgegebenes und Unvermeidliches ansieht. Vertrauen auf Gott und der Mut zu einer „anti-decline strategy“ werden dagegen in Anschlag gebracht. Freilich: Nach 100 Jahren Niedergang sei es gewiss nicht zu früh für eine solche Strategie, vermerkt der Autor bissig.46 Das Auffällige ist nun aber, dass Jackson sehr genau die Zeichen von Aufschwung und Wachstum ins Auge fasst. Er beschreibt die Tatsache, dass 20% der Gemeinden in den letzten 10 Jahren nicht geschrumpft, sondern gewachsen sind. Und er will wissen, warum das so ist, um Nutzen für die gesamte Kirche daraus zu ziehen. „The general finding is that decline is not uniform. It is patchy. The English Church Census data for 1989 and 1998 suggest that one in five Anglican churches grew their attendance by more than 10 per cent between those dates. One in twelve grew their attendance by over 60 per cent. The Church of England’s own attendance statistics, furthermore, show huge variations in trends between different dioceses.“47
Für unseren deutschen Kontext ist es weit weniger interessant, die einzelnen Gründe für Wachstum zur Kenntnis zu nehmen, als den Ansatz als solchen in Betracht zu ziehen: Jackson konzentriert sich auf einzelne Gemeinden (im Sinne von „best-practice“-Modellen). Er wagt die Provokation (die wir Deutsche eher scheuen), davon zu sprechen, dass einige Gemeinden offenbar besser als andere klarkommen. Das bedeutet: Wesentliche Ursachen von Niedergang oder Wachstum liegen nicht in externen, gleichsam geschichtsmächtigen Faktoren, die über die Gemeinden hereinbrechen, sondern sind hausgemacht. Sie sind auch nicht nur durch andere Faktoren bedingt, die schwer beeinflussbar sind wie etwa durch traditionelle Kirchlichkeit oder Unkirchlichkeit in bestimmten Regionen oder durch erweckliche Traditionen. Vielmehr lautet die Provokation: Es gibt bessere und darum auch schlechtere gemeindliche, pastorale Strategien: „If decline were inevitable due to a changing world then it would be fairly uniform as the whole world changes together. But it is not. Some categories of church, and churches in some denominations, areas and dioceses, are doing better than others. This means that parts of the Church are performing differently in today’s environment than are other parts. This in turn means that some churches are finding answers to the question of how to grow. Perhaps those answers can be discovered and disseminated to help the rest of the Church grow as well.“48
Hier wird Jackson durchaus prinzipiell: Er vergleicht die Situation mit einem Loch im Eimer. Man wird nicht den ganzen Eimer reparieren, sondern das Loch suchen und es schließen. Oder: Eine Warenhauskette verliert immer mehr Kunden. Was wird sie tun? Sie wird erforschen, welche Manager, Läden, Warenangebote, Verkaufs- und Werbestrategien, Servicekultur usw. mit diesem Verlust assoziiert sind und welche nicht. Und sie wird ihre Schlussfolgerungen daraus ziehen. Nur so kann auch die Kette als ganze überleben. In der Kirche aber, so vermerkt er selbstkritisch, gehen wir mit dem „Loch im Eimer“ anders um. Manche sagen: „Da ist gar kein Loch!“ Andere meinen: „Naja, es tropft ein bisschen, aber der Eimer sieht immer noch gut aus.“ Einige sagen: „Es tropft zwar, aber auf lange Sicht ist noch genug Wasser im Eimer – bis ich in Ruhestand gehe.“ Wiederum andere meinen: „Man kann einfach überhaupt nichts dagegen tun, wenn postmoderne Eimer Wasser verlieren.“ Jackson sagt: Wir müssen die großen Löcher (bestimmte Diözesen, eher die großen als die kleinen Gemeinden, Verlust der Kinder und Jugendlichen) endlich identifizieren und stopfen. Dann kann die Kirche auch wieder wachsen.49
Sagen wir es in ökonomischer Terminologie, dann geht es um den in der deutschen Kirche bisher kaum vorhandenen Mut zu einem Gemeinde-Benchmarking. Die Benennung von „best-practice“-Beispielen50 einerseits, die Erforschung von Gemeinsamkeiten wachsender Gemeinden andererseits sind dringende Desiderate deutscher Kirchen- und Religionssoziologie. Freilich bedeutet dies: Wir müssten uns verständigen, was wir unter einer gesunden bzw. wachsenden Gemeinde verstehen, und wir bräuchten den Mut zur Unruhe, die gerade in berufstheologischen Kreisen droht, wenn kirchliche Arbeit als „besser“ oder als „schlechter“ qualifiziert wird. Gerade unter Pfarrerinnen und Pfarrern gilt das Tabu, dass über unterschiedliche Qualität nicht geredet werden darf. Die Kritik am „Werk“ würde sofort als eine Bewertung der „Person“ interpretiert. Freilich darf nicht außer Acht bleiben, unter welch unterschiedlichen und oft schwierigen Bedingungen in unserer Kirche gearbeitet werden muss. Aufs Ganze gesehen ist dennoch das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ auf der richtigen Spur, wenn es die Unberührbarkeit pfarramtlichen Handelns auf die Tagesordnung setzt und Qualitätskriterien für pastorales und gemeindliches Handeln fordert.51
2.3 Healthy Churches’ Handbook
Eine ähnliche Spur verfolgte auch Robert Warren,52 der bereits 1995 eine einflussreiche Broschüre zur Gemeindeerneuerung veröffentlicht hatte,53 in seinem „Healthy Churches’ Handbook“.54 Schon der Titel verrät die Richtung: Gesunde Gemeinden stehen im Zentrum des Interesses, nicht unbedingt wachsende Gemeinden. Gemeinden sollten danach streben, gesunde Gemeinden zu werden; oftmals stellt sich Wachstum dann von selbst ein.55 Solche Gesundheit aber entsteht nicht über Nacht: „Making a long-term commitment to develop the quality and vitality of a church is the key to health.“56
Welche Gemeinden aber sind gesund? Auch Warren geht von einer empirischen Studie aus, die Janet Hodgson in der Diözese Durham zwischen 1990 und 1995 durchführte und die sich auf die Gottesdienstbesucherzahlen bezog.57 Insgesamt zeigte sich in diesen fünf Jahren ein Abfallen der Zahlen um 16% in der Diözese – und das in der Dekade der Evangelisation. Aber: Von den 260 Gemeinden in der Diözese waren im selben Zeitraum 25 Gemeinden um über 16% gewachsen. Die Ursachenforschung für dieses „Wachsen gegen den Trend“ war schwieriger als erwartet. Die 25 Gemeinden hätten kaum unterschiedlicher sein können: Es gab große und kleine Gemeinden, unterschiedlichste Pfarrerpersönlichkeiten, soziale Milieus und Frömmigkeits-typen. Die Gemeinden lagen im ländlichen und städtischen Umfeld. Eine erste interessante Einsicht war also: „No context, no size of church, no church tradition, no leadership style seemed closed to the possibility of significant growth.“58
Eine eintägige Konferenz mit 100 Mitarbeitern aus diesen 25 Gemeinden sollte Aufschluss darüber geben, was diese Gemeinden gemeinsam haben. Auffällig war sofort, dass diese Gemeinden sich vor allem bemühten, „to be the church better“, während Zahlen an sich nicht im Mittelpunkt standen.59 Am Ende des Prozesses wurden sieben Merkmale gesunder Gemeinden identifiziert. Dabei geht es nicht (wie etwa in der „Natürlichen Gemeindeentwicklung“ von Christian Schwarz60) um bestimmte Aktivitäten, sondern eher um spirituell-kulturelle Merkmale, die sich dann in sehr unterschiedlichen Aktivitäten ausdrücken können. Wiederum geht es aber um Merkmale, die dazu anleiten können, diagnostisch gesunde Gemeinden von ungesunden zu unterscheiden bzw. den Gesundheitszustand der eigenen Gemeinde zu erkunden (durch das „Church Profile Exercise“61) und „therapeutisch“ an Gesundheit interessierten Gemeinden den Weg zur Heilung zu weisen.62
Die sieben Merkmale gesunder Gemeinden,63 hinter denen letztlich „the way of Christ“64 erkannt wird, sind in der Tat nicht auf bestimmte vorbildliche Modelle, Methoden und Arbeitsformen konzentriert:
1. Gesunde Gemeinden sind vom Glauben begeistert. Im Mittelpunkt ihres Gemeindelebens steht das Bewusstsein vonder Gegenwart, Güte und Liebe Gottes. Gottesdienst und Bibellesen haben besonderes Gewicht. Das Wachstum der Einzelnen im Glauben wird gezielt gefördert. Die Energie der Gemeinde fließt aus dieser Glaubenshaltung.65
2. Gesunde Gemeinden sind eher nach außen als nach innen gerichtet. Sie sind sehr wach, wenn es um ihr soziales Umfeld geht. Sie sind leidenschaftlich mit anderen zusammen engagiert, wenn es um Gerechtigkeit und Frieden geht, und zwar lokal wie global. Und sie engagieren sich in konkreten Projekten für ihr Umfeld.66
3. Gesunde Gemeinden sind auf der Suche nach dem, was Gott von ihnen will. Wachsam betend und fragend geht es mehr um das, was Gott heute will als um das, was immer schon so geschah. Wozu ruft uns Gott? Was ist darum unsere Vision, und welche Prioritäten setzen wir aus diesem Grund?67
4. Gesunde Gemeinden sehen nüchtern auf die Kosten von Wandel und Wachstum. Sie nehmen das Risiko auf sich, neue Wege auszuprobieren. Krisen werden als Herausforderungen angenommen.68
5. Gesunde Gemeinden handeln gemeinschaftlich. Die Gemeinden leben von starken, großzügigen und ehrlichen Beziehungen. Sie verstehen sich als Familien. Die Gaben der einzelnen Christen werden geachtet und gefördert.69
6. Gesunde Gemeinden schaffen Raum für möglichst alle, die hinzukommen möchten. Sie sagen nicht nur, dass sie für alle Menschen offen sind, sondern richten ihr Gemeindeleben danach aus, dass auch Fremde, suchende Menschen und insbesondere Kinder und Jugendliche heimisch werden und sich einbringen können.70
7. Gesunde Gemeinden konzentrieren sich auf wenige Schwerpunkte; aber was sie machen, machen sie so gut wie möglich. Sie haben Spaß an dem, was sie tun – weil es ja ihrer Vision von einer gesunden Gemeinde entspricht.71
Ein Zwischenergebnis: Unter dem Strich überraschen diese Anglikanischen Studien mit ihren spezifischen Perspektiven „Was vitalisiert Gemeinden?“ und „Wie finden Erwachsene zum Glauben?“. Empirische Fragen werden konsequent mit der missionarischen Herausforderung der Kirche verknüpft. Wie das aussehen kann, soll nun an einem konkreten Beispiel aus der Diözese Southwark gezeigt werden.
3. Eine neue Wahrnehmung des missionarischen Auftrags: Evangelisation der Zukunft als eine längere, begleitete geistliche Reise
William Abraham definiert Evangelisation als „that set of intentional activities which is governed by the goal of initiating people into the kingdom of God.“72 Wenn wir Paul Heelas und Linda Woodhead ernst nehmen, dann kann Evangelisation nicht an der Tatsache vorübergehen, dass die potenziellen Adressaten unserer Bemühungen, Menschen in das Reich Gottes einzuführen, mindestens partiell postmodern sozialisierte und postmodern lebende Menschen sind. Eine – auch hinsichtlich ihrer Auffassung und Praxis von Evangelisation – immer noch „modern“ denkende und agierende Kirche wird es schwer haben, postmoderne Menschen zu erreichen.73 Will Storrar hat moniert, dass die Kirche „intellectually and institutionally a declining modern organization in an increasingly post-modern society“ sei.74
Die Herausforderung besteht darin, auch dem postmodernen Menschen ein postmoderner Mensch zu werden, um etliche zu gewinnen (1 Kor 9, 16–21). Das aber schließt ein, das Evangelium in einem postmodernen Kontext neu zu hören und zum Ausdruck zu bringen. Dabei weist das Hören darauf hin, dass es um mehr geht als um eine neue „Anwendung“ einer unveränderlichen Botschaft, sondern um ein neues gehorsames Hören auf das, was die Botschaft von Jesus Christus in diesem neuen Kontext zu sagen hat, und wie sie angemessen zum Ausdruck kommen kann. Es wird im Verhältnis zur Postmoderne sowohl um Inkulturation gehen als auch um prophetische Kritik: Anknüpfung und Widerspruch sind hinsichtlich der Beziehung des Evangeliums wie zu jeder Kultur so auch zu dieser notwendig.
Genau das aber scheint in der Anglikanischen Kirche bereits eher als bei uns begriffen worden zu sein: Während wir entweder an überkommenen Evangelisationsmodellen festhalten oder immer noch über die Grundsatzfrage streiten, ob denn Evangelisation überhaupt vonnöten, legitim, sinnvoll oder zumutbar ist, fragt man in der Anglikanischen Kirche vermehrt nach „emerging evangelism“, der zukünftigen Evangelisation. Dabei setzen die Autoren nicht darauf, sich dem religiösen Trend zu verschreiben und den „subjective turn“ mit Haut und Haaren mitzuvollziehen. Sie vertrauen darauf, dass sich die empirischen Studien auch als richtungsweisend für eine dem Evangelium von Jesus Christus verpflichtete Begegnung mit dem spirituell suchenden Menschen erweisen können. Freilich müssen dazu die gegenwärtigen Kommunikationsbedingungen beachtet werden: Das reine „Kerygma-Modell“ wird nicht ausreichen, denn Menschen finden nicht mehr vorwiegend dadurch zum Glauben, dass sie in großer Zahl einem beeindruckenden Prediger ausgesetzt werden. „Finding Faith Today“ hatte in dieser Hinsicht ja sehr ernüchternde Ergebnisse zu Tage gefördert.75
Aber man hat als unbeabsichtigte Nebenwirkung der klassischen Evangelisation die „nurture group“ entdeckt. Nurture Groups sollten so etwas wie die „Nacharbeit“ der Evangelisation darstellen: Kurse, die in das Leben als Christ einführen sollten, wenn Menschen sich für den Glauben entschieden hatten. „They were not intended to lead people to Christ – but they did“76 Die Gemeinden machten also die Erfahrung, dass gerade in diesen Kursen Menschen zum Glauben fanden, und zwar Menschen mit höchst unterschiedlichen Vorerfahrungen, Nähen (und Distanzen) zum kirchlichen Leben.
So wurde in der Anglikanischen Kirche sehr viel intensiver als in Deutschland das Modell der befristeten evangelistischen Glaubenskurse propagiert und auch implementiert. Allein der ALPHA-Kurs dürfte in der Zwischenzeit etwa 2 Millionen Teilnehmer angezogen haben. Dieser „evangelistic turn“ kann kaum überschätzt werden: „In 1985 evangelism for most people still meant the big meeting, the important speaker, the exhausting (and expensive) effort by the church. By 2000 evangelism in the United Kingdom meant the small group, the ordinary member of the congregation, the continuous work of the church.“77
Die Ausgangsfrage lautete wieder einmal: Wie finden denn heute erwachsene Menschen zum Glauben? Die wesentliche Erkenntnis wird dabei häufig im Bild der österlichen Geschichte von den Emmaus-Jüngern (Lk 24, 13–35) zum Ausdruck gebracht: Sie kommen nicht plötzlich zum Glauben und finden dann auch ihren Platz in der Gemeinde. Sie kommen in der überwiegenden Zahl der Fälle zum Glauben, wenn sie das Christsein über eine längere Zeit auf einer „begleiteten geistlichen Reise“ erkunden konnten. Sie wollen eigene Erfahrungen und Entdeckungen machen und nicht nur einfach belehrt werden.
Diesen Bedürfnissen kommen die Glaubenskurse entgegen, nicht zuletzt das Emmaus-Projekt.78 Hier werden gleich mehrere evangelistische Strategien miteinander verknüpft: Die Gemeinde ist Trägerin der Evangelisation. In einem ersten Schritt („Contact“ = „Begegnen“) erkundet sie ihre Umgebung und nimmt die Menschen, zu denen sie Kontakt hat, in evangelistischer Perspektive in den Blick. Sie bietet, wenn Menschen Vertrauen gefasst haben, als zweiten Schritt („Nurture“ = „Begleiten“) einen Glaubenskurs mit bis zu 15 Abenden an. Dieser Kurs führt in das ABC des Glaubens ein, aber nicht durch lange Vorträge, sondern durch einen stetigen Wechsel von Gespräch, Kurzvortrag, Andacht, eigenem Entdecken an Hand biblischer Texte und erlebter Gemeinschaft. Die Mitarbeiter können dabei das Programm stets an die örtlichen Bedürfnisse anpassen. Dabei erleben die Teilnehmer, was sie erst lernen sollen: Was Christen glauben, wie sie ihren Glauben miteinander gestalten und wie das in ihren Alltag ausstrahlt. Der gesamte Ansatz ist beziehungs- und erfahrungsorientiert. Er bietet Möglichkeiten, die eigene Glaubensentscheidung auszudrücken, arbeitet aber ohne Druck. Er ist interaktiv und gibt Raum zum gemeinsamen Entdecken. Paten begleiten die Teilnehmer. Gottesdienste verknüpfen den Kurs von Anfang an mit dem gesamten Gemeindeleben. Und nach dem Kurs gibt es als dritten Schritt vertiefende Kursangebote für das weitere Wachstum im Glauben („Growth“ = „Bestärken“): „Conversion was no longer seen as a sudden decision by an individual who stepped from unfaith to faith in a moment but as a pilgrimage where each individual came to faith by a different journey.79“
Typisch ist auch die selbstkritische Evaluation der Ergebnisse, die im Blick auf Glaubenskurse positiv ausfällt: Viele Erwachsene werden erreicht! Und doch nutzt „nur“ ein Drittel der englischen Gemeinden Glaubenskurse als evangelistisches Instrument.80
4. Mission bringt Gemeinde in Form: Church Planting and Fresh Expressions of Church
Unter dem Titel „Mission-shaped Church“ brachte Church House Publishing81 im Jahr 2004 eine kleine Schrift auf den Markt, die sich bald (mit inzwischen über 20 000 verkauften Exemplaren) als kleiner kirchlicher Bestseller erwiesen hat. Seit 2006 liegt die deutsche Übersetzung vor.82 „Mission-shaped Church ist auf den ersten Blick ein Standardwerk zum Thema „Gemeindepflanzung in England“. In der Tat stellt das schmale Buch eine Art Summarium in Sachen „Church Planting“ dar. Die Idee des „Church Planting“ geht freilich schon auf die 1980er Jahre zurück und ist mit den Namen des emeritierten Erzbischofs von Canterbury George Carey83 und des Pfarrers Bob Hopkins84 verknüpft, der in der Londoner Gemeinde Holy Trinity Brompton wirkte.
1994 äußerte sich die Church of England erstmals zum „Church Planting“, indem sie die Studie „Breaking New Ground“85 publizierte. Darin ging es um „Gemeindepflanzung“ als missionarische Strategie, die von der „Church of England“ geduldet und behutsam gefördert wurde. „Mission-shaped Church“ geht sehr viel weiter als „Breaking New Ground“: Aus einer geduldeten und behutsam geförderten Strategie ist eine selbstverständliche Wesensäußerung einer sich missionarisch verstehenden Anglikanischen Kirche geworden. Denn es ist äußerst wichtig festzuhalten, dass „Mission-shaped church“ nicht zuerst ein Buch über neue Gemeindestrukturen ist. Davon ist zwar ausführlich die Rede, aber es ist nicht das Herzstück dieser Schrift. „Ensure that missions-questions drive the church-answers, not vice versa.“86
Es geht um mehr als um neue Strukturen: Es geht um die Besinnung auf den missionarischen Auftrag der Kirche. Mission soll die Gemeinde formen und so auch wieder in Form bringen. Der missionarische Ansatz ist theologisch weit: Mission ist „missio dei“. Mission ist Gottes Mission zur Versöhnung und Heilung seiner Schöpfung. „It is not the Church of God that has a mission in the world, but the God of mission who has a Church in the world.“87 Mission umschließt darum auch die „ganze“ Sendung der Kirche einschließlich ihrer Verkündigung, ihrer Seel- und Leibsorge, ihrer Bildungsarbeit, ihres Dienstes, ihres Einsatzes für die Armen, ihres Kampfes um Gerechtigkeit und Frieden. Und im Herzen dieser Mission geht es darum, dass Menschen die Versöhnung mit Gott in ihrem Leben ergreifen. Mission ist nicht dasselbe wie Evangelisation, aber Mission ist nie ohne Evangelisation. Die Frage nach der „missio dei“ ist der Dreh- und Angelpunkt von „Mission-shaped Church“: „Start with the Church and the mission will probably get lost. Start with mission and it is likely that the Church will be found.“88
Die Mission der Kirche geschieht aber in einem Kontext, der sich gewandelt hat und für den alte kirchliche Strukturen nicht mehr hinreichend missionstauglich sind: Viele Menschen leben nicht mehr nach den alten lokalen Mustern. Die Mobilität und die funktionale Ausdifferenzierung von Lebensbereichen führen dazu, dass das Leben sich nicht mehr vorwiegend in der Nachbarschaft der Wohnung oder des Hauses abspielt. Stärker als von Nachbarschaften sind soziale Beziehungen von Netzwerken bestimmt. Wer an einem Ort lebt, lebt nicht unbedingt zusammen, und wer zusammen lebt, lebt häufig nicht mehr am selben Ort. Die Anglikanische Kirche aber ist zutiefst nachbarschaftsorientiert, weil sie auf das parochiale System setzt: In einer Kirchengemeinde sind „wir“ zusammen, weil wir in derselben Wohngegend leben, mithin: Nachbarn sind. Verändert haben sich aber auch die zeitlichen Muster: Der Charakter des Sonntags als des wesentlichen Gottesdiensttages hat sich für viele Menschen geändert; der Sonntag ist nun ein Teil des Wochenendes und der Gottesdienst für viele nicht einmal mehr eine Option. Auch sind Menschen daran gewöhnt, dass sie sich für Angebote entscheiden, die ihnen gemäß sind und sich nicht einfach in vorgegebene Ordnungen einfügen. Sie werden die Gemeinde wählen, die ihnen gefällt, wenn sie sich überhaupt auf kirchliches Leben einlassen. Und das tun, wie wir bereits sahen, auch in England immer weniger Menschen. Viele sind „no longer our people“.89 Das Parochie-Monopol erscheint in dieser Perspektive eben als nicht hinreichend missionstauglich.
Wenn eine Volkskirche Kirche für das ganze Volk sein will, dann darf sie nicht damit zufrieden sein, dass es flächendeckend Kirchengemeinden gibt. Geographisch wäre damit das ganze Volk erreicht. Aber eben nur geographisch. Es gibt andere als geographische weiße Flecken: Eine Kirche kann etwa den Kontakt zu sozialen Schichten verlieren, oder es können ganze kulturelle Milieus unerreicht bleiben. Freilich gibt es auch viele Menschen, die von der neuen Mobilität ausgeschlossen sind, in traditionellen Zeitmustern leben und keineswegs die Freiheit der Wahl haben (wollen): Sie sind z. B. Kinder oder ältere Menschen, sie sind z. B. arm, arbeitslos oder krank. Mindestens für diese Menschen bleibt die Parochie von größter Bedeutung.
Der Ansatz von „Mission-shaped Church“ liegt nun in einer pluralen Mission oder missionarischen Pluralität, die bis in das strategische Vorgehen und strukturelle Gestaltwerden der Kirche hineinreichen soll: „A variety of integrated missionary approaches is required! A mixed economy of parish churches and network churches will be necessary, in an active partnership across a wider area …“90. Dieser Gedanke einer Mischwirtschaft schließt die wichtige Einsicht ein, dass es keinen „missionarischen Generalschlüssel“ mehr gibt, sondern nur noch ein ganzes „Schlüsselbund“ unterschiedlicher missionarischer Bemühungen.91 „The task is to become church for them, among them and with them, and under the Spirit of God to lead them to become church in their own culture.“92 Es geht also nicht um eine Rückkehr-Strategie: Kommt zurück in die Art und Weise, wie wir Kirche leben. Es geht um eine Vorwärts-Strategie: mit diesen Menschen und für sie gemeinsam Kirche in ihrer Kultur bauen! Der für die anglikanische Theologie so wesentliche Aspekt der Inkarnation wird hier konsequent missionstheologisch interpretiert: Was Gemeinde in einem Kontext sein soll, steht nicht von vorneherein fest, sondern ergibt sich erst am Ort. Die, die Gemeinden für andere und mit anderen beginnen, müssen sich tief im Kontext verwurzeln und offen sein für das Modell von Kirche, das dann als „fresh expression“ erscheinen wird. Dieser Prozess kann darum auch im Bild der Auferstehungsbotschaft betrachtet werden, indem die paulinische Figur vom Leib, der gesät wird, stirbt und anders aufersteht, auch auf Gemeindepflanzungsprozesse angewandt wird (1 Kor 15, 35–49).93
Damit ist ein Monopol von Strukturen (und seien sie so ehrwürdig wie die Parochialstruktur) ebenso ausgeschlossen wie das schlichte Kopieren (oder gar Klonen) bewährter Gemeindemodelle (und seien sie so attraktiv wie etwa das der Willow Creek Community Church). Denn: „The Gospel can only be proclaimed in a culture, not at a culture.“94 Ebenso ausgeschlossen ist es, sich einer Kultur vollständig auszuliefern. In der spannungsreichen Begegnung von Evangelium und Kultur kommt es nicht nur zu inkulturierenden, sondern auch zu konterkulturierenden Prozessen, wenn spezifische Schwachstellen einer Kultur in die Perspektive des Evangeliums geraten. „Church Planting is the process by which a seed of the life and message of Jesus embodied by a community of Christians is immersed for mission reasons in a particular cultural or geographic context. The intended consequence is that it roots there, coming to life as a new indigenous body of Christian disciples well suited to continue in mission.“95
Damit aber ist noch etwas Wesentliches impliziert: Auch das klassische Church Planting ist nicht ein solcher Generalschlüssel zur Lösung der Probleme in der „Church of England“. Anders gesagt: Die notwendige Pluralisierung der Mission (verbunden mit einer selbstbewussten Festigkeit bei der Wahrung der anglikanischen Glaubenstraditionen) geschieht auch innerhalb des Konzeptes „Mission-shaped Church“. Wer hier nur neue Hinweise zur Gemeindepflanzung sucht, wird enttäuscht, denn „Mission-shaped Church“ bietet ein Fülle von Modellen, in denen „fresh expressions of church“ entdeckt werden können. Bei aller Vielfalt haben die verschiedenen Modelle, die „Mission-shaped Church“ zusammenfasst, jedoch erhebliche Gemeinsamkeiten: die evangelistische Absicht, die Bereitschaft, (ehrenamtliche) Mitarbeiter freizugeben, damit sie an anderer Stelle etwas Neues aufbauen, die Vernetzung der verschiedenen Initiativen und Gemeindetypen auf Diözesanebene, die Bedeutung von Kleingruppen für die Förderung des Lebens in der Nachfolge Christi, die klare Ausrichtung auf eine Zielgruppe und die Bereitschaft, in den Ausdrucksformen des neuen Gemeindelebens neue Wege zu gehen (etwa in der Wahl der Gottesdienstorte und -zeiten, der Musikstile etc.).96 Aber allein für die Gemeindepflanzungen gibt es dann wieder mehrere mögliche Ausformungen. Das Modell Ableger („Erdbeere“) etwa schafft relativ ähnliche Gemeinden, die relativ ähnliche Menschen in der etwas weiteren Umgebung zu erreichen suchen. Beim Modell Aussaat („Ahorn“) werden kleine (1–2), mittelgroße (3–12) oder große (13–45) Teams in unerreichte Segmente ausgesandt. Beim Modell Verpflanzung („Staudenteilung“) wird die Ausgangsgemeinde in zwei Hälften geteilt, so dass eine Hälfte an anderer Stelle neu eingepflanzt werden kann. So wird an anderer Stelle eine nahezu „fertige“ neue Gemeinde gegründet. Das heißt: Es werden z. B. 50–100 Menschen ausgesandt. Beim Modell Kreuzung („Aufpfropfen“) werden gemischte Teams gebildet z. B. aus der aussendenden Gemeinde mit Menschen aus einer anderen Gemeinde, die kulturell oder sozial der Zielgruppe entsprechen.97 Wesentlich sind darüber hinaus die drei verschiedenen Bezugsgrößen: Ist die neue Pflanzung eine Gemeinde für ein Territorium oder einen Nachbarschaftsbereich (boundary und cross-boundary) oder für ein Netzwerk von Menschen (non boundary)?
Mission-shaped Church führt nun eine lange Liste98 von praktischen Beispielen auf, die die Vielfalt der neuen Ausdrucksformen ausweist. Da finden sich neben den „traditionellen“ (!!) Gemeindepflanzungen und den Cell Churches u. a. folgende Beispiele: Jugendkirchen versuchen angesichts der kulturellen Differenz der Jugendlichen eigene Gemeinden (und nicht nur Jugendgottesdienste) zu initiieren. Diese gelten nicht nur als Übergangsphänomen. Schulkirchen nutzen die zunehmende Offenheit von Schulen, die ihr Ganztagsschulprogramm auch mit Angeboten kirchlicher Träger füllen. Sie entwickeln sich zu Gemeinden für alle, die mit einer Schule zu tun haben: Schüler, Lehrer und Eltern können erreicht werden. Kirchen in sozialen Projekten beteiligen sich am sozialen Einsatz für Menschen, bieten aber auch Gottesdienste oder z. B. Alpha-Kurse in diesem Setting an. Die Mitwirkung an der sozialen Agenda ist hier der missionarische Schlüssel. Café-Kirchen bieten neben der (hochwertigen) Bewirtung Gespräch und Seelsorge, gemeinsames Bibellesen, aber auch Gottesdienste im Café („Table liturgies“), Glaubenskurse usw. an. Gastfreundschaft ist hier der Schlüssel. Alternative Worship und Seekers’ Services: Aus Gottesdienstprojekten z. B. nach dem Vorbild der Seekers’ Services der Willow Creek Community Church oder anderer liturgischer Modelle können sich auf Dauer eigenständige Gemeinden mit eigener Leitung, Gottesdienst, Seelsorge etc. entwickeln. Midweek Churches, das sind z. B. Gemeinden, die Gottesdienste und Kleingruppen für „business people“ anbieten, die nur in der Wochenmitte vor Ort sind und Zeit haben. Multiple Churches heißen Gemeinden, in denen parallel zwei verschiedene Gemeindeprogramme in einem Gemeindezentrum existieren. Jede dieser Versammlungen ist Kirche im vollen Sinn; es gibt nicht mehr „einen Hauptgottesdienst“.
5. Ein Beispiel
Wer – wie viele deutsche Kirchenmenschen in den letzten Jahren – nach London wallfahrtet, besucht in der Regel eine der Gemeinden, die auch bei uns in aller Mund sind, z. B. die Gemeinde, von der der Alpha-Kurs ausging: Holy Trinity Brompton.99 Wer etwas mehr Zeit und Kraft investiert, wird mit der U-Bahn weiterreisen, z. B. in die Gemeinde „Church of the Ascension“ Balham Hill,100 einer Gemeinde im Wohnstadtteil Clapham Common, d. h. in eine auf den ersten Blick unscheinbare Gemeinde in einem ebenso unscheinbaren Londoner Stadtrandbezirk. Wie viele Gemeinden in dieser Gegend hat die „Himmelfahrtsgemeinde“ massive Veränderungen hinter sich. 1993 waren der Anteil der Gottesdienstbesucher wie auch das finanzielle Aufkommen der Gemeinde so gering, dass eine Schließung der 1880 gegründeten Gemeinde ins Auge gefasst werden musste. Noch etwa 50 ältere Menschen hielten sich zur Gemeinde. Alternativ ergab sich die Option einer Gemeindepflanzung nach dem Typ der „Aufpfropfung“ („graft“).101 Diese Option fand Zustimmung in der Gemeinde und in der Diözese Southwark. Praktisch bedeutete dies, dass 50 Gemeindeglieder aus der Nachbargemeinde St. Mark’s Battersea Rise102 zur „Church of the Ascension“ hinzustießen, sich fortan zu dieser Gemeinde hielten und intensiv in ihr mitarbeiteten. In St. Mark’s hatte man Erfahrung mit solchen Gemeindepflanzungsprozessen: Die Gemeinde ist selbst eine Pflanzung, die aus der Gemeinde Holy Trinity Brompton hervorgegangen war. Die „Church of the Ascension“ ist seither beständig gewachsen und hat heute etwa 200 Mitglieder. Zum Gottesdienst finden sich regelmäßig 300 Menschen ein.
Auf der Homepage der Gemeinde ist zu lesen: „We believe that the best years for the church are still ahead. We honour the traditions of the past, and the service of those who sustained the church through the generations, as well as being committed to change to meet the challenges of the 21st Century. We remain passionate about the goal of reaching the people of our community with the love of God which has been the reason for the Ascension’s existence for over a century.“ Interessant ist die Formulierung der Gemeindevision, die ein durchaus munteres Selbstbewusstsein hinsichtlich klarer Wachstumsziele zum Ausdruck bringt:103 „In the future we will be a growing church of a thousand people104 encountering God in worship; multiple congregations united by a passion to love God and love others. We will proclaim Jesus Christ and life in its fullness, displaying a vibrancy, authority and warmth that draws people to Him and transforms London eternally.“ Präziser wird die Gemeindevision hinsichtlich der ganzheitlich verstandenen Gemeindemission. The Church of the Ascension will zum einen „Licht“ in der Stadt sein („a light to this city“) und sich sozial für die Community, in der sie situiert ist, einsetzen, zugleich evangelistisch viele Menschen zum Glauben führen und sich für die Einheit christlicher Gemeinden in der Stadt einsetzen. Sie will zum anderen eine authentische Gemeinschaft („an authentic community“) von Kleingruppen sein, in der Menschen ihre Gaben (in Beruf, Gesellschaft und Kirche) entdecken und einsetzen können. Ein besonderer Akzent liegt dabei auf der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Und sie will schließlich in allem nach Gottes Willen fragen und sich nach seiner Kraft ausstrecken („allow God to lead his church his way“).
Verbindung zur Tradition und Innovation mit dem Ziel, auch im 21. Jahrhundert möglichst viele Menschen mit der Liebe Gottes zu erreichen – das prägt die „Kultur“ dieser Gemeinde im Südwesten Londons. Das wird z. B. in der Vielfalt der Gottesdienste deutlich: Sonntags beginnt es um 9:30 Uhr mit einem eher traditionellen, agendarischen Abendmahlsgottesdienst, um 11:00 Uhr folgt ein eher lockerer, auch auf Familien ausgerichteter Gottesdienst mit Band, und um 18:30 Uhr gibt es schließlich einen zeitgenössischen Anbetungsgottesdienst mit Band, der besonders von jüngeren Singles besucht wird. Da es immer „Church Coffee“ gibt, treffen sich die Gottesdienstbesucher des 9:30-Uhr-Gottesdienstes auch mit denen, die zum 11:00-Uhr-Gottesdienst kommen. Unterschiedliche liturgische Stile werden aber nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich gefördert.
In dieser Gemeinde kommen verschiedene Reformströme der „Church of England“ zusammen: „The Church of the Ascension“ ist ein Ergebnis gezielter Gemeindepflanzung. Sie ist eine Gemeinde, deren missionarische Bemühungen auf der Pflege persönlicher Beziehungen beruhen. Das Hauptinstrument der Evangelisation ist das Glaubenskurs-Modell des Alpha-Kurses.105 Und der „innere Gemeindeaufbau“ beruht im Wesentlichen auf „Cell Groups“ – was etwas anderes bedeutet als Hauskreisarbeit. „The Church of the Ascension“ setzt das Zellgruppen-Prinzip, das Phil Potter konzeptionell am klarsten beschrieben hat,106 konsequent in die Praxis um. Die Zellgruppen heißen in Balham „Growth Groups“ („Wachstumsgruppen“). Das Ziel der Gemeinde ist es, möglichst viele Gemeindeglieder in solchen Gruppen zu versammeln. Im Grunde bilden die „Growth Groups“ einen zweiten, wenn nicht gar den ersten Mittelpunkt der Gemeindearbeit (neben den Gottesdiensten, wenn nicht sogar vor den Gottesdiensten): Sie sind „the basic units of the church“.107 Sie sind zum einen der Ort intensiver Gemeinschaft (bis hin zur Seelsorge), an dem der Glaube in jeder Hinsicht wachsen kann; sie sind zum anderen der Ort, an dem Mitarbeit in der Gemeinde beginnt und Leitung eingeübt wird.
Eine „Growth Group“ umfasst 8 bis 15 Gemeindeglieder. Die „Kultur“ dieser Gruppen wird durch das von Phil Potter entwickelte fünffache „W“ geprägt: „Welcome“ („Ankommen“ – die Phase des Ankommens, des Austauschens und der kreativen Einstimmung auf das Thema), „Worship“ („Anbeten“ – die Zeit des Gotteslobs als Ausdruck unserer Liebe zu Gott), „Word“ („Anhören“ – die Zeit des Hörens auf das Wort der Bibel, immer mit der Frage, wie das Gehörte unser Leben bestimmen und verändern kann) und „Witness“ („Anwenden“ – die Frage nach dem Zeugnis unseres Glaubens in Wort und Tat).108
Auffällig ist die pyramidale Struktur der „Growth Groups“ (nicht nur) in Balham Hill: Denn jeweils 3–5 „Growth Groups“ werden zu einem so genannten „Pastorate“ zusammengefasst. Regelmäßig (z. B. monatlich) kommen diese zu einem Pastorat gehörenden Gruppen zu eigenen Versammlungen zusammen. Das Pastorat wird von einem „Pastor“ geleitet, d. h. in diesem Fall durchaus von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter, der für diese 3–5 „Growth Groups“ pastorale Verantwortung übernimmt, die Gruppen zusammenruft und auch für die Betreuung der Leiter seiner „Growth Groups“ zuständig ist. Für die Pastorate insgesamt kann bei entsprechender Größe dann auch ein (u. a. hauptamtlicher) Leiter der gesamten „Growth Group“-Arbeit zuständig sein.109
„The Church of the Ascension“ ist ein gutes Beispiel für die Veränderungen, die es in der Anglikanischen Kirche an manchen Orten gegeben hat, und die noch nicht den Trend umkehren, aber hoffnungsvolle Zeichen einer Volkskirche sind, die sich neu aufstellt und zukunftsfähig zu werden scheint.
6. Schluss: Was also können wir von der Anglikanischen Kirche lernen?
Fassen wir diese Beobachtungen aus der Anglikanischen Kirche zusammen, dann sind es besonders vier Haltungen, die auffällig sind:
Erstens: Entschlossenheit in der Führung und Leitung der Kirche, sich der missionarischen Herausforderung zu stellen. Diese Entschlossenheit ist nicht Sache einer evangelistisch interessierten Minderheit, sondern findet sich in weiten Kreisen der Kirche. Viele Bischöfe sind Träger des missionarischen Aufbruchs. Wer sich im Sinne von „Mission-Shaped Church“ auf den Weg macht, kann mit Ermutigung und Unterstützung „von oben“ rechnen. Dies kann zwar von etlichen Synoden und leitenden geistlichen Ämtern auch bei uns gesagt werden, oft aber noch nicht von den mittleren Leitungsebenen.
Zweitens: Mut zu missionarischer Vielfalt:110 Uns begegnet in England keineswegs ein missionarischer Eintopf. Wer sich mit den missionarischen Aufbrüchen befasst, begegnet einer erstaunlichen Kreativität, gepaart mit der Offenheit, in neuen Kontexten auch Neues zu wagen. Demgegenüber fehlt es uns zuweilen an missionarischer Phantasie und Originalität. Gerade im Blick auf den ländlichen Raum und noch mehr hinsichtlich der postsozialistischen Verhältnisse in Ostdeutschland haben wir unsere Hausaufgaben noch nicht gemacht.
Drittens: Anspruchsvolle Bildungsziele: Am Beispiel des Emmaus-Projektes kann man verdeutlichen, dass die anglikanische Sicht etwas weiter und tiefer geht als unsere deutschen Modelle es bisher erkennen lassen. Sie geht weiter und tiefer, indem sie nicht nur den Kontakt sucht, sondern den persönlichen Anfang im Glauben, nicht nur den Anfang im Glauben, sondern auch das Wachstum im Glauben, nicht nur das Wachstum im Glauben, sondern auch das Entdecken von Gaben, nicht nur das Entdecken von Gaben, sondern auch den persönlichen Einsatz im Dienst, im Zeugnis und in gesellschaftlicher Verantwortung. Das „will“ bei uns auch mancher, aber es fehlen systematisch aufgebaute Programme, um diese Ziele auch zu erreichen. Ohne die entsprechenden geistlich geprägten Menschen verpuffen aber alle strukturellen Veränderungen bzw. bewirken wenig.
Viertens: Freiheit im Umgang mit Strukturen. In nahezu allen Diskussionen über die anglikanischen Strategien wird auf den Unterschied zur deutschen Debatte hingewiesen. Viele Bemühungen um Reformen (z. B. unter dem Stichwort „Regionalisierung“) und viele Spardebatten lassen eine (oft verbissene) Strategie der Verteidigung und Rettung der bestehenden, vor allem der parochialen Strukturen erkennen. Die Energie ist der Stabilisierung des Systems gewidmet, nicht der Umstellung auf neue missionarische Strategien mit der Konsequenz neuer Strukturen. Ein Teil des deutschen Widerstandes (und damit der schwachen Wirkung von Gemeindepflanzungsstrategien in unseren Kirchen) ist darauf zurückzuführen, dass der Vorschlag, „anglikanisch“ zu denken, als destabilisierende Zumutung ankommt und darum eben nicht ankommt. Das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ geht an dieser Stelle in eine richtige neue Richtung.111 Mission bringt Gemeinde in Form – wenn sie auch die Strukturen der Kirche neu formen darf und alte Strukturen nicht letztlich wichtiger sind als der missionarische Aufbruch. Dabei ist die Anglikanische Kirche nicht naiv: Sie weiß um den Wert der parochialen Struktur, erweitert diese aber tapfer und konsequent, wo es nötig ist. Dies fällt ihr etwas leichter als uns, weil sie sich immer schon stärker vom Bischofsbezirk als vom Pfarrbezirk her definierte. Der Bischof kann divergente Ansätze und Modelle verklammern und somit die kirchliche Einheit symbolisieren, aber auch stabilisieren. Das können wir nicht kopieren, wohl aber können die Protagonisten von Führung und Leitung in der Kirche sich zukünftig als Moderatoren des Wandels verstehen, die Raum schaffen für „frische Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens“, für die Vernetzung der missionarischen Bemühungen sorgen und die Verständigung unterschiedlicher Ansätze im Raum einer Kirche zu ihrer Aufgabe machen, nicht zuletzt aber auch die kirchlichen Mitarbeiter in ihrem missionarischen Tun geistlich ermutigen und anregen.
Das Spannende am Beispiel der Church of England ist eine sehr viel breiter als bei uns verankerte Bereitschaft, die nüchterne Analyse der kirchlischen Lage mit einer neuen Wahrnehmung des missionarischen Auftrags und einer hohen Bereitschaft zum Wagnis hinsichtlich kirchlicher Organisationsformen zu verbinden.
1 Der Beitrag wurde zuerst veröffentlich in: Wolfgang Nethöfel, Klaus-Dieter Grunwald (Hg.), Kirchenreform strategisch, Glashütten 2007, 463–488. Mit freundlicher Abdruckerlaubnis der C&P Verlagsgesellschaft mbH, Glashütten.
2 Vgl. Andreas Finnern: Oder man stirbt aus. Wie geht es weiter? Impressionen aus einer Gemeinde im Südwesten Englands. Zz 6 (2004), 15–17; Simon Barrow: From management to vision: Issues for British Churches negotiating decline and change. In: IRM 92 (2003), No. 364, 7–17.
3 Vgl. Callum Brown: The Death of Christian Britain. Understanding Secularization 1800–2000. London 2001. Gleich zu Beginn hält Brown seine Hauptthese fest: „This book is about the death of Christian Britain – the demise of the nation’s core religious and moral identity. (…) It took several centuries (…) to convert Britain to Christianity, but it has taken less than forty years for the country to forsake it“ (1). Den Hinweis auf Callum Brown verdanke ich meinem Kollegen Martin Reppenhagen.
4 A. a. O., 193.
5 A. a. O.
6 A. a. O., 198.
7 Vgl. Paul Weller: Time for a Change. Reconfiguring Religion, State and Society, Christianity and Contemporary Culture, London und New York 2005, 72 f.
8 Zahlen nach Peter Brierley (Hg.): UK Christian Handbook. Religious Trends No. 4, London 2003.
9 Vgl. Philip Richter und Leslie Francis: Gone but not Forgotten, London 1998.
10 Abbildung nach Daten von Philip Richter und Leslie Francis: A. a. O., xii, Abschnitt 2 und 138.
11 Vgl. Church House Publishing (Ed.): Mission-shaped Church. Church Planting and Fresh Expressions of Church in a Changing Context. Foreword by The Archbishop of Canterbury Dr. Rowan Williams, London 2004, 40 f. Zu ähnlichen Zahlen kommt auch Callum Brown.
12 Vgl. Bob Jackson: Hope for the Church. Contemporary Strategies for Growth, London 2002, 2+5.
13 Dem Verfasser mündlich mitgeteilt.
14 Paul Heelas und Linda Woodhead: The Spiritual Revolution – why religion is giving way to spirituality, Oxford 2005. Ähnlich wie Heelas/Woodhead argumentiert auch Simon Barrow (vgl. Anm. 1).
15 A. a. O., 4.
16 Es ist also wichtig, zwischen dem theologisch bestimmten Terminus Spiritualität (etwa bei Jens-Martin Sautter: Spiritualität lernen, Neukirchen-Vluyn 2005) und dieser spezifischen religionssoziologischen Verwendung des Begriffs im Sinne des „subjective turn“ zu unterscheiden.
17 Vgl. Paul Heelas und Linda Woodhead: A. a. O., 12–32.
18 „Life-as“ ist eine Abkürzung für eine „Einfügung des Einzelnen“ in eine Rolle, die ihm vorgegeben wird.
19 Vgl. a. a. O., 10.
20 Vgl. Grace Davie: Religion in Britain from 1945 to 1990: Believing without belonging, Oxford 1994.
21 Simon Barrow: From management to vision: Issues for British Churches negotiating decline and change. In: IRM 92 (2003), No. 364, 7–17, 16.
22 Vgl. auch Steven Croft: Transforming Communities, London 2002. Er spricht von „moments of change“ (17–29).
23 John Finney war verantwortlich für die Dekade der Evangelisation als „Church of England Officer“, anschließend Bischof von Pontefract. Er ist einer der Autoren des Emmaus-Projekts und inzwischen im Ruhestand.
24 John Finney: Finding Faith Today. How does it happen? British and Foreign Bible Society, London 1992. Diese Studie wurde auch in Deutschland sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen. Eine deutsche Variante dieses Projekts wird im Greifswalder Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung geplant.
25 A. a. O., 110.
26 Vgl. a. a. O., ix.
27 Vgl. a. a. O., 2 f.
28 Vgl. a. a. O., 6.
29 Vgl. a. a. O., 7.
30 Vgl. a. a. O., 8.
31 Vgl. a. a. O., 10–18.
32 Vgl. den Hinweis auf diese Studie a. a. O., 11.
33 Vgl. a. a. O., 36 f. 22% (Männer) und 5% (Frauen) benannten den Ehepartner als entscheidenden Faktor. Weiterhin wurden benannt: die eigenen Kinder (3%/9%), die Eltern (je 6%), christliche Freunde (15%/24%, als „supporting factor sogar 39%/40%), der Pfarrer (16%/17%) usw. Die einzelnen Faktoren werden a. a. O. erläutert, 36–72.
34 Vgl. a. a. O., 19–35.
35 A. a. O., 20: „Nearly all defined a christian, not so much by what he or she believed, but in terms of friendship and the effect of faith upon their own life.“
36 Vgl. a. a. O., 20.
37 Zitiert in: M. Herbst (Hg.): Emmaus – Auf dem Weg des Glaubens. Handbuch. 2. völlig neu bearbeitete Auflage, Neukirchen-Vluyn 2006, 39.
38 Vgl. John Finney: Finding Faith Today, London 1992, 21–23.
39 Vgl. auch John Finney: Emerging Evangelism, London 2004, 19 f.
40 Vgl. John Finney: Finding Faith Today, London 1992, 24.
41 Bob Jackson war nach einer Karriere als Wirtschaftsberater der Regierung 20 Jahre lang im Gemeindedienst und seither Forschungsbeauftragter für Springboard, die Evangelisationsinitiative der Erzbischöfe von Canterbury und York.
42 Bob Jackson: Hope for the Church. Contemporary Strategies for Growth,London 2002.
43 Vgl. a. a. O., 1–14: „Facing the truth“.
44 Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.): Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006, besonders 7.
45 Vgl. Bob Jackson: Hope for the Church. London 2002, 12 f.
46 Vgl. a. a. O., 13.
47 A. a. O., 15.
48 A. a. O.
49 A. a. O., 15 f.
50 Vgl. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.): Kirche der Freiheit. Hannover 2006, 27.
51 Vgl. a. a. O., 28 f., 71–75.
52 Robert Warren war langjähriger leitender Pfarrer einer der am schnellsten wachsenden Gemeinden Englands, St. Thomas Crookes in Nottingham, ab 1993 „Church of England’s National Officer for Evangelism“ (als Nachfolger von John Finney) und ab 1998 Mitarbeiter bei Springboard. Er ist inzwischen im Ruhestand.
53 Robert Warren: Building Missionary Congregations, London 1995.
54 Robert Warren: The Healthy Churches’ Handbook. A Process for Revitalizing Your Church, London 2004.
55 Vgl. a. a. O., 14.
56 A. a. O., 3.
57 Zum Folgenden vgl. a. a. O., 13–17.
58 A. a. O., 14.
59 A. a. O.
60 Christian A. Schwarz: Natürliche Gemeindeentwicklung. Emmelsbüll 1996.
61 Vgl. Robert Warren: The Healthy Churches’ Handbook. London 2004, 105– 132.
62 Vgl. a. a. O., 53–57 und öfter.
63 Vgl. die Kurzüberblicke a. a. O., vii, 16 f. und 47 f.
64 A. a. O., 57.
65 Vgl. a. a. O., 19–22.
66 Vgl. a. a. O., 22–25.
67 Vgl. a. a. O., 26–31.
68 Vgl. a. a. O., 31–35.
69 Vgl. a. a. O., 36–40.
70 Vgl. a. a. O., 40–44.
71 Vgl. a. a. O., 44–46.
72 William J. Abraham: The Logic of Evangelism, Grand Rapids 1989, 95.
73 John Finney: Emerging Evangelism, London 2004, 36–40.
74 Zitiert bei John Finney, a. a. O., 43
75 Vgl. John Finney: Finding Faith Today, London 1992, 68–72. Nur für 4% der Befragten waren Evangelisationen der ausschlaggebende Faktor (und wenn, dann vor allem die Predigten von Billy Graham und Nicky Cruz).
76 John Finney: Emerging Evangelism, London 2004, 71.
77 A. a. O., 70.
78 Zum Folgenden vgl. die englische Ausgabe von „Emmaus“, besonders: Stephen Cottrell u. a.: Emmaus – The Way of Faith. Stage I: Contact, London 1996, 22003. Und: Stephen Cottrell u. a.: Emmaus – The Way of Faith. Stage II: Nurture, London 1996, 22003. In deutscher Sprache: Michael Herbst (Hg.): Emmaus. Auf dem Weg des Glaubens. Handbuch. 2. völlig neu bearbeitete Auflage, Neukirchen-Vluyn 2006. Und: Michael Herbst (Hg.): Emmaus. Auf dem Weg des Glaubens. Kursbuch I: Basiskurs, Neukirchen-Vluyn 2002.
79 John Finney: Emerging Evangelism, London 2004, 77.
80 Vgl. a. a. O., 79–81.
81 Church House Publishing (Ed.): Mission-shaped Church. Church Planting and Fresh Expressions of Church in a Changing Context. Foreword by The Archbishop of Canterbury Dr. Rowan Williams, London 2004.
82 Michael Herbst (Hg.): Mission bringt Gemeinde in Form, Neukirchen-Vluyn 2006 (BEG-Praxis).
83 Vgl. George Carey: The Church in the Market Place. An Inspiring Story of Witness and Renewal, Eastbourne 1984.
84 Vgl. Bob Hopkins und Richard White: Praxisbuch Gemeinde pflanzen, Neukirchen-Vluyn 1999; Bob Hopkins, Gemeinde pflanzen. Church Planting als missionarisches Konzept, Neukirchen-Vluyn 1996; Bob Hopkins, Church Planting. Models for Mission in the Church of England, Nottingham 21992.
85 Church House Publishing (Ed.): Breaking New Ground. Church Planting in the Church of England, London 1994.
86 A. a. O., 116 (in der deutschen Ausgabe: 211).
87 A. a. O., 85 (in der deutschen Ausgabe: 162).
88 A. a. O., 116 (in der deutschen Ausgabe: 211).
89 A. a. O., 39 (in der deutschen Ausgabe: 92).
90 A. a. O., xi (in der deutschen Ausgabe: 30).
91 Vgl. ausführlicher: Michael Herbst und Johannes Zimmermann: Eine Perspektiveder Gemeindeentwicklung in nach-volkskirchlicher Zeit. In: Matthias Bartels und Martin Reppenhagen (Hg.): Gemeindepflanzung – ein Modell für die Kirche der Zukunft?, Neukirchen-Vluyn 2006 (BEG 4), 36–67.
92 Church House Publishing (Ed.): Mission-shaped Church, London 2004, 40 (in der deutschen Ausgabe: 93).
93 Vgl. a. a. O., 30 (in der deutschen Ausgabe: 77 f).
94 A. a. O., 87 (in der deutschen Ausgabe: 165).
95 A. a. O., 32 (in der deutschen Ausgabe: 80 f).
96 Vgl. a. a. O., 29 + 43 (in der deutschen Ausgabe: 77+97 f).
97 Vgl. a. a. O., 113–115 (in der deutschen Ausgabe: 206–211).
98 Vgl. a. a. O., 43–83 (in der deutschen Ausgabe: 97–159).
99 Nähere Informationen finden sich auf der Homepage der Gemeinde: http://www.htb.org.uk (aufgesucht am 2. 1. 2007).
100 Nähere Informationen finden sich auf der Homepage der Gemeinde: http://www.ascensionbalhamhill.org.uk (aufgesucht am 1. 1. 2007).
101 Vgl. oben Kapitel 4 zu den verschiedenen Typen des„Church planting“.
102 Nähere Informationen finden sich auf der Homepage der Gemeinde: http://www.stmarks-battersea.org.uk (aufgesucht am 2. 1. 2007).
103 Auch dieser Text findet sich auf der Homepage (vgl. Anm. 99).
104 Dieses direkte Interesse an zahlenmäßigem Wachstum unterscheidet „The Church of the Ascension“ von Robert Warrens Ansatz im „Healthy Churches’ Handbook“.
105 Vgl. Nicky Gumbel: Der Alpha-Leitfaden. Starthilfe für Alpha-Kurse, Erfahrungsberichte und Tipps, Wiesbaden 1997. Ders.: Questions of Life. A practical introduction to the Christian faith, Eastbourne 21998. Auch auf Deutsch: Fragen an das Leben. Eine praktische Einführung in den christlichen Glauben, Asslar 1999. Vgl. auch Jens-Martin Sautter: Spiritualität lernen. Glaubenskurse als Einführung in die Gestalt christlichen Glaubens, Neukirchen-Vluyn 2005 (BEG 1), 170–209.
106 Vgl. Phil Potter: The Challenge of Cell Church, Oxford 2001. Zu deutsch: Phil Potter: Zell-Gruppen. Bausteine für eine lebendige Gemeindearbeit, Neukirchen-Vluyn 2006 (BEG-Praxis).
107 So wiederum die Selbstbeschreibung auf der Homepage der „Church of the Ascension“ – vgl. Anm. 99.
108 Vgl. Phil Potter: The Challenge of Cell Church, Oxford 2001, 31–37 = Phil Potter: Zell-Gruppen, Neukirchen-Vluyn 2006 (BEG-Praxis), 33–40.
109 Vgl. a. a. O., 53–55 (in der deutschen Übersetzung: 57–60).
110 Vergleiche ausführlicher: Michael Herbst (Hg.): Mission bringt Gemeinde in Form, Neukirchen-Vluyn 2006 (BEG-Praxis), 16–19.
111 Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.): Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006, 53–57 („Zweites Leuchtfeuer“). Weitere Lernerfahrungen finden sich bei Heinzpeter Hempelmann, Michael Herbst, Markus Weimer (Hg.), Gemeinde 2.0. Frische Formen fürdie Kirche von heute, Neukirchen 2011
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