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FABIAN VOGT (Hrsg.)

Geheimakte Luther

Auf Entdeckungsreise zum Reformator


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865067012

© 2014 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelmotiv: fotolia

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Pressemeldung

Fabian Vogt

Engelsburg

Die Zeugen

Albrecht Gralle

Conradus Overbeck

Eleonore Dehnerdt

Katharina von Bora

Fabian Vogt

Karl V.

Annekatrin Warnke

Eine Magd von der Wartburg

Eckart zur Nieden

Johann der Beständige

Martin Buchholz

Der Jude

Ingo Schütz

Hieronymus Weller

Storch

Philipp Melanchthon

Nicolas Koch

Egbert Prehm

Bodo Mario Woltiri

Lucas Cranach

Conny Ruß

Luthers Kusine

Christoph Zehendner

Die Tetzelin

Die Künstlergemeinschaft „Das Rad“

Anmerkungen

dpa

Pressemeldung

23. Mai 2014

„Luther-Akte“ entdeckt

Landesdenkmalamt bestätigt Sensationsfund

Die am Mittwoch bei Restaurierungsarbeiten im historischen Gasthaus „Zum Löwen“ (15. Jh.) in Gelnhausen entdeckte mittelalterliche Gürteltasche aus Leder enthält, wie von Fachleuten vermutet, tatsächlich wertvolle Dokumente aus der Reformationszeit. Dies bestätigte Professor Dr. Gerd Weiß, der Präsident des „Landesamtes für Denkmalpflege Hessen“, gestern bei einer Pressekonferenz in Wiesbaden.

Erste Untersuchungen der mit Bandzugfeder und Eisengallustinte geschriebenen Texte hätten ergeben, dass sie vermutlich im Jahr 1527 verfasst worden seien und sich intensiv mit dem Leben und Wirken des Reformators Martin Luther befassten. Offensichtlich wurden auf den handgeschöpften Papierbögen von verschiedenen Schreibern Zeugenaussagen festgehalten.

Gerd Weiß betonte, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch zu früh sei, Genaueres über die Hintergründe der Dokumente zu verkünden. Möglicherweise handle es sich aber um Protokolle von Gesprächen mit Zeitgenossen des großen Wittenberger Theologen. Sollte sich dies bestätigen, dann müsse hier von einem „Jahrhundertfund, ja von einem Jahrtausendfund“ gesprochen werden. Denn: „Authentische Augenzeugenberichte aus der Lutherzeit – und das so kurz vor dem Reformationsjubiläum –, so etwas kann man nur als Sternstunde der Geschichtsschreibung bezeichnen.“

Mitarbeiter eines Heizungsbaubetriebs hatten zwei Tage zuvor beim Ausstemmen einer Wand im Keller der historischen Gelnhausener Lokalität einen versiegelten Hohlraum entdeckt, in dem die Papiere wegen der trockenen Luft, so Weiß, „in erstaunlich gutem Zustand“ konserviert worden seien. Da Gelnhausen schon im Mittelalter an einer viel genutzten Handelsstraße lag, scheint es durchaus möglich, dass ein durchziehender Reisender die Tasche dort verborgen hat. Kurioserweise war das Gasthaus „Zum Löwen“ schon mehrfach Schauplatz bedeutender Ereignisse. So soll dort auch Georg Sabellicus, der als Dr. Faust berühmt wurde, mehrfach logiert haben.

Gerd Weiß kündigte auf der Pressekonferenz zugleich an, dass das Landesamt in Zusammenarbeit mit verschiedenen universitären Fachbereichen der Auswertung der gefundenen Quellen höchste Priorität einräume. Schließlich müssten die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus einer derart ungewöhnlichen Entdeckung der Öffentlichkeit möglichst bald zugänglich gemacht werden. Es könne durchaus sein, dass das Lutherbild der Forschung an manchen Stellen völlig überarbeitet werden müsse.

Vorher aber gehe es darum, die Echtheit der Papiere zu prüfen, fügte der Präsident in heiterem Tonfall hinzu. Schließlich wolle man als Historiker auf keinen Fall noch einmal ein Desaster wie damals mit den gefälschten „Hitler-Tagebüchern“ erleben. Spätestens im Herbst würden dann, wenn das umfangreiche Material wissenschaftlich verifiziert und ausgewertet sei, erste Publikationen erscheinen, im kommenden Jahr auch eine ausführliche, kommentierte Edition.

mkv.

Fabian Vogt

Engelsburg

Der Papst war unrasiert. Ein Drei- … nein, eher ein Fünftagebart umgab sein scharfes Kinn mit einem dunklen Schatten und verlieh seinem Gesicht etwas unerwartet Aufrührerisches.

Clemens VII. hatte im Zorn vor Gott und seinen Anhängern geschworen, seinen Bart wachsen zu lassen, bis die jüngst erlittene Schmach, diese unfassbare Demütigung der Heiligen Stadt, getilgt wäre.

Sebastiano schaute fasziniert auf die mit Grau durchsetzten Stoppeln am Kinn des Kirchenoberhauptes, das in einem beinah alltäglichen Gewand auf einem Holzstuhl saß und ihn anstarrte.

Lange.

Dann erst begriff der Besucher.

Er warf sich auf den Boden und murmelte: „Heiliger Vater!“

Clemens VII. deutete mit der linken Hand an, dass der Gast sich wieder erheben könne. Seine Stimme klang hoch und schrill – und sie hallte in den zugigen Mauern der Engelsburg wider.

„Was habt Ihr da an?“

Sebastiano schaute an sich herunter, obwohl er sehr wohl wusste, was er trug. Leise, mit dem Anflug eines Lächelns, antwortete er: „Das ist die raue Uniform der Condottieri, Eure Heiligkeit. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich es wage, in diesem despektierlichen Aufzug vor Euch zu treten, aber es schien mir die sicherste Möglichkeit, überhaupt zu Euch zu gelangen. Euer Rückzugsort ist von allen Seiten belagert, wie Ihr wisst, und nur im Gewand Eurer Feinde kam ich unerkannt durch die Stadt. Und Dank Eures tapferen Camerlengo, der mich an einer verborgenen Pforte in der Nähe des Tibers erwartete … “

Der Papst unterbrach ihn rüde. „Sagt mir Euren Namen.“

Der Besucher deutete eine Verbeugung an. „Ich bin immer der, den meine Auftraggeber brauchen. Der eine kennt mich als Magister Bolemius, der andere als Pater Dionigi, ein Dritter als Kaufmann Fabrizio und mancher sogar als Schwester Madelina, wenn es … nun, wenn es die Umstände erfordern. Aber nennt mich doch bitte Sebastiano, Heiliger Vater.“

Wieder flog ein Lächeln über seine scharf konturierten Lippen.

„Hört auf, so dämlich zu grinsen“, reagierte Clemens sofort. „Die Situation ist wahrlich ernst genug.“ Er richtete sich auf. „Habt Ihr auf Eurem Weg zu uns das Werk dieser Irren gesehen? Habt Ihr gesehen, was sie da draußen angerichtet haben?“ Er machte eine große Bewegung mit seinem Arm in Richtung Stadt.

Sebastiano nickte. Getroffen. „Verzeiht, Heiliger Vater, meine unziemlichen Grimassen. Tatsächlich gleicht Rom zurzeit einem einzigen Schlachtfeld, es ist ein Schreckensszenario, eine widerwärtige Brutstätte der Grausamkeiten, ein monströses Abbild des Purgatoriums.

Ja, ich habe das tausendfache Leid und das Elend vor Euren Toren gesehen. Es ist, als stöhne die ganze Stadt unter einem tiefen, beißenden Schmerz wegen des erlittenen Unheils. Und nicht nur das. Das abstoßende Treiben geht weiter. Denn noch immer rennen marodierende Massen durch die Straßen. Haltlos. Gierig. Und mörderisch.“ Er schluckte. Es sah aus, als zögen die verstörenden Bilder noch einmal vor seinem inneren Auge vorbei.

Leise sagte der Besucher: „Ich sah, wie eine Horde Männer auf offener Straße einer jungen Magd Gewalt antat. Wie Tiere.

Ich sah, wie Soldaten aus den Kirchen kostbaren Altarschmuck heraustrugen und zerschlugen, um ihn unter sich aufzuteilen.

Ich sah, wie ein Krankenhaus in Brand gesteckt wurde und die Siechen brennend durch die Gassen taumelten.

Und ich sah, wie Landsknechte einen Priester entkleideten und ihn zwangen, die Exkremente eines Hundes zu essen und dabei zu rufen ‚Christi Leib‘.

Das alles geschah … und es geschieht zwischen den geschundenen und ausgeraubten Toten der Schlacht, die niemand bestattet und die schon jetzt bestialisch stinken.“

Clemens war aufgesprungen. Mit einem wütenden Seufzer. „Sacco di Roma – die Plünderung Roms. So nennen sie das unmenschliche Gemetzel schon jetzt. Dabei klingt diese Bezeichnung noch wie eine Verharmlosung. Niemand, nicht einmal die üblen Vandalen, haben jemals so gehaust, wie es die unzivilisierten Barbaren Karls gerade auf den Plätzen wenige hundert Meter entfernt von hier tun. Verflucht seien sie alle.“

Sebastiano hob den Kopf. „Ich glaube nicht, dass der Kaiser dieses animalische Verhalten seiner Truppen billigt.“

Der Papst lachte höhnisch auf. „Ach! Sagt mir: Was ist das für ein schwächlicher, verachtenswerter Herrscher, der seine Untertanen so wenig im Griff hat? Der offensichtlich überhaupt nichts im Griff hat. Schaut: Erst verwehrt Karl seinen Soldaten monatelang den Sold. Dieser Trottel. Aber nicht nur das: Er lässt 24.000 Mann, ja, ganze 24.000 Mann, untätig in Oberitalien warten, dahinvegetieren – und wundert sich dann, dass diese Burschen aus lauter Frustration anfangen zu plündern. Hat ihn denn niemand gelehrt, wie man ein Heer führt?“

Der Gast machte einen vorsichtigen Schritt auf Clemens zu. „Es heißt: Georg von Frundsberg, der Befehlshaber der Truppen, wollte die Aufrührer im Heer zur Ordnung rufen, doch er erlitt dabei einen Schlaganfall. Und sein Nachfolger, Charles III., der Herzog von Bourbon, wurde beim Sturm auf Rom durch den Schuss aus einer Hakenbüchse getroffen.

Das aber bedeutet: Jetzt gibt es innerhalb der Truppen keinen Mann von Rang mehr, der in der eroberten Stadt für Recht und Ordnung sorgen könnte. Die Soldaten sind ohne Führung. Quasi haltlos. Mir scheint: Durch diese Freiheit kommen die dunkelsten Seiten in den Männern hervor.“

Leise fügte er hinzu: „Gott sei gedankt, dass es Euch, Heiliger Vater, noch gelungen ist, über den Corridoio di Borgo in die Engelsburg zu fliehen. Ich wage nicht, mir vorzustellen, was sie Euch in ihrem Wahn hätten antun können … “

„Das wage ich auch nicht. Und genau deshalb habe ich Euch hierher rufen lassen.“ Clemens presste die Worte mehr hervor, als dass er sprach.

„Genau deshalb. Ihr bringt es nämlich auf den Punkt. Diese ungezügelten Rotten würden nicht einmal davor zurückschrecken, ihre dreckigen Finger gegen den Papst zu erheben. Sie haben jegliche Scham und jegliche Achtung verloren. Und warum?“

Er schaute Sebastiano fragend an. „Weil dieser infernalische Raubzug da draußen anders ist als alles, was die ehrwürdige Stadt Rom je erlebt hat. Ein Massaker. Weil die deutschen Landsknechte keine Ehrfurcht mehr kennen. Wie Ihr richtig beobachtet habt. Sie sind völlig enthemmt. Ja, sie ergötzen sich daran, die heiligsten Dinge zu entweihen. Sie haben den Respekt vor der Kirche und vor Gott verloren. Diese elenden Hunde … und wisst Ihr, wer daran schuld ist? Wer? Muss ich es Euch sagen?“

Der Papst zog die Nase hoch, als wolle er gleich ausspucken. Dann warf er den Namen voller Verachtung in den Raum: „Luther. Martin Luther. Hört Ihr? Dieser vermaledeite Mönch ist allein dafür verantwortlich, dass die Menschen das Heilige neuerdings verspotten und mit Füßen treten. Dass sie Gott und seine Vertreter auf Erden nicht mehr mit dem nötigen Respekt behandeln. Dass sie schamlos die Reliquien der Heiligen zerstören.“

Clemens trat an eine der Fensteröffnungen. Alle Muskeln angespannt. Angefüllt mit Hass. „90 Prozent der Kunstschätze Roms wurden in den letzten vier Tagen zerstört. Könnt Ihr Euch das vorstellen? 10 Millionen Dukaten zerstört, schätzt der für Finanzen zuständige Kardinal. 10 Millionen Dukaten. Aus Bosheit vernichtet. In völliger geistiger Umnebelung.

Und wisst Ihr, was die Plünderer in die Fresken Raffaels geritzt haben, in diese edelsten aller Kunstwerke? In das Fresko der Disputa in der Stanza della Segnatura haben sie zum Beispiel geschrieben: ‚Es lebe König Karl. Luther.‘

Und in der Villa von Agostino Chilli, dem Haus meines Bankiers, haben sie auf die Wand geschmiert: ‚Was soll ich schreiben und nit lachen, die Landsknechte haben den Papst laufen machen.‘“

Clemens drehte sich mit einem Ruck wieder zu seinem Gast. „Glaubt mir, kein wahrer Katholik würde sich jemals so vermaledeit verhalten, wie es die irregeleiteten Lutherischen gerade tun. Nein, kein Katholik, und sei er auch noch so empört darüber, dass ich mich mit der Liga von Congnac gegen Kaiser Karl gestellt habe. Dabei ging es nur um Politik, in diesem Kampf aber geht es um die wahre Demut Gott gegenüber.

Ich sage Euch: Was da draußen geschieht – diese Plünderungen, Vergewaltigungen und die mutwilligen Zerstörungen – das ist eine Schande für das menschliche Geschlecht und für den Glauben an Christus. Ich weiß es nur zu gut: Es sind die Lutherischen im Heer Karls, die meine kirchlichen Würdenträger öffentlich demütigen und die die geweihten und edlen Monstranzen wie einen alten Kochlöffel behandeln. Sie machen aus diesem grauenhaften Krieg eine … ja, eine Schande. Und darum … “

Er setzte sich wieder hin. Schwer atmend. „Darum habe ich entschieden, das Übel bei der Wurzel zu packen. Wir müssen diesen Luther, den ich – das gebe ich offen zu – lange unterschätzt habe, viel zu lange, in den Griff bekommen. Ihn lahmlegen. Und zwar ein für alle Mal. Er muss vernichtet werden. Versteht Ihr, was ich meine?“

Sebastiano neigte den Kopf zur Seite und räusperte sich kurz. Dann antwortete er: „Verzeiht, Heiliger Vater. Aber habt Ihr nicht schon durch die Exkommunikation dieses Mannes und durch die bei Karl erlangte Reichsacht, die ihn vogelfrei macht, alles getan, was in Eurer Macht stand?“

Der Papst ließ verächtlich seine Lippen ploppen. „Ihr unterschätzt offensichtlich die Mächte des Himmels, Sebastiano. Und die Macht des Papstes. Passt auf: Diesem Luther ist es gelungen, eine fixe, von wirren Vorstellungen durchdrungene Idee in die Köpfe der Menschen zu pflanzen. Und mit der Bannbulle und der Ächtung haben wir ihn nur zum Märtyrer gemacht. Leider.

Nein, wir müssen ihn, seine Person und damit indirekt seine Lehre, lächerlich machen. Wir müssen der ganzen Welt zeigen, dass er diese ach so theologischen Hirngespinste nur ersonnen hat, um seine allzu menschlichen Begierden zu befriedigen. Seine banalen Sehnsüchte. Seine … was weiß ich. Das sollt Ihr ja herausfinden. Findet etwas in seinem Leben, die Achillesferse des Dr. Luther … “

Seine Augen waren glasig geworden. Seine Brust hob sich vor Erregung. „Wie der vermeintliche Held Siegfried wird auch dieser deutsche Ketzer eine Stelle haben, an der man ihn verwunden kann. Eine Blöße. Und Ihr sollt sie mir offenbaren. Ich will alles über ihn wissen, einfach alles. Wann er Blähungen bekommt, wie man ihn in seiner Heimat wahrnimmt und warum er mit diesen Humanisten herumhängt. Ich will ihn endlich verstehen. Weil man seinen Gegner nur besiegen kann, wenn man ihn gut kennt. Also: Beschafft mir möglichst viele Informationen.“

Ganz sachlich fügte er hinzu: „Stimmt es, dass Ihr fließend Deutsch sprecht?“

Sebastiano nickte. „Mein Vater war Italiener, meine Mutter Deutsche. Sie lehrte mich schon in Kindertagen, ihre Sprache zu beherrschen.“

„Nun, wenn dem so ist und wenn es stimmt, was man über Eure Talente als … als Löser spezieller Probleme … berichtet, dann wird es Euch ein Leichtes sein, das Vertrauen von Luthers Gefährten zu gewinnen und sie auszuhorchen. Hakt nach, verbeißt Euch in sein Leben, zerrt die dunkelsten Gelüste dieses Mannes ans Licht! Befragt sein Gesinde, seine Freunde, seine Feinde und seine Verwandten. Wenn nötig, verstellt Euch, verkleidet Euch, bezirzt den Zeugen, oder droht ihm mit der Hölle … ganz egal … wenn es nur Ergebnisse bringt … und vor allem: Tut es schnell. In wenigen Wochen erwarte ich Euren Bericht … “

Er kniff die Augen zusammen.

„Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen. Jetzt gerade stöhnen auch viele der Herrscher, die uns nicht wohlgesonnen sind, über die unfassbaren Gräuel, die in Rom geschehen. Und das kann uns in die Hände spielen.“ Er machte eine theatralische Pause. „Lasst uns schauen, ob wir nicht den Sacco di Roma noch in einen Triumph verwandeln können. Ob nicht aus dem Horror da draußen ein Sieg für die Kirche werden kann.“

Sebastiano senkte seine Stimme. Sanft bemerkte er: „Das wird einiges kosten, Heiliger Vater. Denn ich kann eine solche Aufgabe nicht alleine vollbringen. Ich werde weitere Agenten anwerben müssen, die mir zuarbeiten und ebenfalls Befragungen anstellen. Vermutlich bedarf es darüber hinaus immer wieder kleiner und größerer Bestechungsgelder. Schnelle Pferde werde ich brauchen … und noch vieles mehr … “

Der Papst hob die Hand. „Um all das wird sich mein Camerlengo kümmern. Und glaubt mir: Dieser Auftrag wird Euer Schade nicht sein. Ich fordere von Euch schließlich nicht weniger, als die Geschichte der Welt umzuschreiben. Möglicherweise wird dieses Jahr 1527 in die Historienbücher eingehen. Nun: Das hat seinen Preis. Dessen bin ich mir wohl bewusst.

Von euch will ich jetzt und hier nur eines wissen: Seid Ihr, wenn ich Euch als Gesandten nach Wittenberg schicke, einer solchen diffizilen Aufgabe gewachsen?“

Sebastiano musste nicht nachdenken. Gelassen antwortete er: „Ja, Heiliger Vater.“

Schon zwei Wochen später hatte der neue päpstliche Gesandte nach einem Eilritt die Dübener Heide vor den Toren Wittenbergs erreicht und dort innerhalb weniger Tage eine Gruppe von Männern zusammengestellt, die er auf bestimmte Zielpersonen ansetzte. Sie alle erhielten den Auftrag, ihre Gespräche schriftlich festzuhalten und sie in einem Monat in Gelnhausen im Kinzigtal im Gasthaus „Zum Löwen“ abzuliefern.

Die Zeugen

Albrecht Gralle

Conradus Overbeck

Es hält sich zur Verfügung: Conradus Overbeck, ein Mann mittlerer Größe, Gesicht durch Pockennarben leicht gezeichnet, ein Eckzahn und ein Vorderzahn fehlen, ansonsten guter Musicus, schlägt akurat die Laute, kann sowohl den Dudelsack spielen als auch den Contrabass und die Fiedel bedienen. Hauslehrer beim Kaufmann Schwertfeger zu Wittenberg, wo er auch dessen Kinder unter anderem in der Kunst der Musik unterrichtet. Overbeck ist verlobt mit der Jungfer Adelheid, Tochter des ansässigen Bäckermeisters Brandes. Der Zeuge war des Öfteren als Musicus bei einem Essen zugegen, bei dem auch der Luther geladen war, der in guter Manier Sprüche und Meinungen zu etlichen Dingen hat zum Besten gegeben, unter anderem auch, wie man als Christenmensch heut in der Messe Musik darbieten kann, damit es Gott und dem Volk gefalle. Berichtet werden soll, wie ich … wie er, der Gesandte des Papstes, ihn traf …

Der Agent schwitzte. Die Fenster der Kutsche waren eindeutig zu klein und ließen sich auch mit großer Anstrengung nicht öffnen, da der Holzrahmen durch Feuchtigkeit verzogen war. Ein Skandal, dass man ihm, dem päpstlichen Gesandten, ein so schäbiges Gefährt in dieser wichtigen Angelegenheit zugedacht hatte.

Aber er ließ sich davon nicht wirklich berühren. Schließlich ging es darum, diesem Dr. Lutter, dem Lügner, Prahlhans und Lästerer des Papstes, das theologische Handwerk zu legen.

„Er hat es zu weit getrieben, der Lutter“, murmelte er, zog das Schweißtuch aus seinem Ärmel und wischte sich über das Gesicht.

Lutter, der die Tradition für nichts erachtete und die Bibel dafür in den Himmel hob. Was sollte das? Das brachte nur ein teuflisches Ungleichgewicht in den erhabenen Dom der Kirche auf Erden. Jeder Mensch steht nun einmal auf zwei Beinen, und es war doch sonnenklar, dass die kirchliche Lehrautorität in der Person des Papstes und die Bibel gleichwertig nebeneinanderstehen müssen, um nicht umzufallen oder zu humpeln.

Aber nicht genug damit. Jetzt verwirrte der Lutter angeblich die Geistlichkeit und das Volk obendrein noch mehr, indem er die gute, lateinische Gottesdienstordnung umstieß, um stattdessen teutsche Lieder auf seiner Laute zu klimpern, wie man hörte! Wenn das stimmte!

Der Agent sah nach draußen in die reifen Felder, die langsam vorbeizogen. Auf der Gerste lag ein Glanz wie von grüner Seide. Und wenn der Wind über die Halme glitt, bewegte sich das Feld wie ein Gewand. Aber er übersah die Schönheit. Sein Kopf war voll mit Argumenten und Gegenargumenten.

Nach Meinung Lutters sollte nun nicht mehr das Kyrie und das Gloria gesungen werden, sondern die edlen Worte sollten auf Teutsch geplärrt werden. Er konnte es kaum glauben, aber das würde er heute feststellen, wenn er seinen Zeugen befragte.

Der Bote schüttelte den Kopf. „Teutsch! Plumpe, dumpfe Bauernsprache, die sich anhört, als ob man Holz spaltet!“

Dabei wusste doch jedes Kind, dass Gott in den Tagen des Babylonischen Turmes das Latein und vielleicht noch das Griechische erwählt hatte, um die Musik zu zieren. Eine Sprache wie geschaffen dazu, Gott in würdiger Weise anzubeten.

„‚Herr, erbarme dich!‘ Wie klingt denn das auf Teutsch? Oder: ‚Ehr sei Gott in der Höhe‘? Lächerlich. Da hört sich doch Gloria in excelsis Deo ganz anders an. Und außerdem …“

Er wurde unsanft aus seinen frommen Betrachtungen gerissen, als die Kutsche sich gefährlich zur Seite neigte und der Kopf des katholischen Gesandten unsanft gegen die rechte Holzwand schlug. Die Kutsche stand. Man hörte das Wiehern eines Pferdes und die Stimme des Kutschers: „Gott sei‘s gedankt, wir sind in Wittenberg.“

Etwas langsamer und mit vielen Schaukelbewegungen fuhr das Fahrzeug über das holprige Pflaster und stand endlich vor dem behäbigen, dreistöckigen Haus des Kaufmanns Schwertfeger. Die Fenster waren weit geöffnet, um eine kühle Brise hereinzulassen.

Er quälte sich aus der Kutsche. Sein Diener reichte ihm die Hand. Die ersten Schritte machte der Gesandte noch unsicher, rieb sein Hinterteil und die Beule am Kopf und klopfte ans Tor. Über der Tür ging ein kleiner Holzladen auf, ein gerötetes Frauengesicht schaute aus dem weißen Leinengebinde wie aus einem Gemälde und blickte fragend den Mann an.

„Gott zum Gruß. Ich bin … äh … Magister Bolemius und werde erwartet.“

„Heut wird keiner erwartet!“, sagte die Magd. „Die Herrschaft ist auch gar nicht da.“

„Aber ich hab Boten geschickt, die schon vor drei Tagen hätten da sein sollen.“

„Wir haben keine Boten gesehen. Es ist nur der Hauslehrer Overbeck da, aber der steckt in der Holzwanne und singt. Also, gehabt Euch wohl und …“

„Nun, eben dem Overbeck gilt ja mein Besuch!“

„Was? Dem Conrad?“ Die Magd lachte.

Der angebliche Magister Bolemius richtete sich zu seiner vollen Größe auf, setzte sein Birett zurecht und rief: „Ich bin es nicht gewohnt, so behandelt zu werden. Melde dem singenden Overbeck, dass der Gesandte des allergnädigsten Bischofs von Rom vor der Tür steht und erwartet, empfangen zu werden. Wenn nicht, wird es deinem Herrn Schwertfeger teuer zu stehen kommen und dem Overbeck erst recht.“

Der kleine Holzladen schloss sich. Schritte entfernten sich, die nach ein paar Augenblicken zurückkehrten, ein Riegel wurde zur Seite gezogen, und das große Tor öffnete sich zu einem gepflasterten Innenhof.

Der Gesandte trat würdevoll herein, nickte der Magd hoheitsvoll zu und stieß mit einem nur spärlich bekleideten Mann zusammen, der eben aus einem Raum stolperte, aus dem Wasserdampf quoll.

„Entschuldigt den seltsamen Empfang, Meister Bolemius“, stieß Overbeck hervor. „Wir hatten erst morgen mit Euch gerechnet. Setzt Euch derweil in das Zimmer. Ich komme nach. Agnes wird uns etwas Bier und eine Brotzeit hinstellen.“

Die Magd stemmte die Arme in die Hüften und holte gerade Luft, um eine gepfefferte Bemerkung herauszulassen, aber Overbeck kam ihr zuvor und sagte: „Er ist ein päpstlicher Gesandter, Agnes, dein Herr würde ihm auch etwas anbieten.“

Der Gast wandte sich zu seinem Diener und sagte: „Fahr zu unserem Quartier, bereite alles vor, und hole mich zum Sonnenuntergang ab.“ Dann folgte er der Magd, die ihm stumm die Treppe nach oben wies und ihn in ein Zimmer führte, das wohl das Esszimmer der Kaufmannsfamilie war, denn ein breiter Holztisch nahm fast den ganzen Raum ein. Von der Decke hing ein Holzrahmen, auf dem halb heruntergebrannte Kerzen mit schwarzen Dochten steckten.

Ungefähr nach zehn Vaterunser erschien Overbeck in roten Beinlingen, deren Naht an einer Stelle aufgeplatzt war, und in einem dunkelblauen Oberteil, in der Mitte gegürtet. Unter dem Arm trug er mehrere Holztafeln und ein paar Blätter, die er vorsichtig auf den Tisch legte.

Sein Besucher saß vor einem Krug Bier neben einer geöffneten Ledermappe, die Pergamente enthielt. Die weißen Handschuhe hatte er ausgezogen, und man sah einen breiten Siegelring an dem Zeigefinger der rechten Hand. Neben den Handschuhen stand ein Tintenfass. Magister Bolemius war gerade dabei, die Feder mit einem Messer zu spitzen.

Nach dem üblichen Höflichkeitsaustausch sagte der Gesandte: „Nun, Overbeck, ich hoffe, du hast wenigstens Material für mich, auch wenn ich früher gekommen bin als erwartet. Ich habe noch ein paar Besuche vor mir, also beeilen wir uns.“

Overbeck giff zu dem anderen gefüllten Krug, setzte ihn an und tat einen herzhaften Zug. Er fühlte sich in der unverhofften Rolle, einen so vornehmen Gast zu empfangen, ganz wohl.

„Oh ja, Magister Bolemius“, grinste der Hauslehrer und zeigte seine Zahnlücken, „Material hab ich gesammelt. Hab doch den Dr. Lutter des Öfteren gesehen und gesprochen, wie er an der gemeinen Tafel seine Weisheiten allen kundgetan hat. Auch wenn wir Tischmusik machten, bekommt man ja das eine oder andere mit. Hab auch alles fein säuberlich danach notieret.“

Overbeck griff nach seinen Holztafeln, auf die er mit Kreide Notizen gemacht hatte.

„Was haltet Ihr davon?“, begann er und las: „Die musica sei den teufeln zuwider und unerträglich, verschaffe sie doch ruhe und ein fröhliches gemüthe.“

„Hm“, knurrte Bolemius, der schon die Feder ergriffen hatte und sie nun sinken ließ, „das scheint mir noch keine üble Rede zu sein. Man könnte ihr sogar zustimmen.“

„Oder hier, was er zur Messe sagt, das war erst vor ein paar Monaten, im vergangenen Jahr.“ Er drehte eine Holztafel herum: „Es mus beide, text und noten, sowie accent, weise und geberde bei der hl. Messe aus rechter muttersprach und stimme kommen, sonst ist alles ein nachahmen wie die affen thun.“

Der Gesandte hieb auf den Tisch, dass das Tintenfass gefährlich schwankte. „Eine Unverschämtheit, die lateinische Liturgia als ein Affenwerk zu bezeichnen!“ Er wischte die Federspäne zur Seite, tunkte die Feder ein und sagte: „Noch einmal von vorne!“

„Es mus beide …“, diktierte Overbeck dem päpstlichen Gesandten in die Feder.

Als das Zitat schwarz auf weiß auf dem Pergament stand, sagte Overbeck: „Der Lutter fängt auch an, selber geistliche Lieder zur Laute zu singen, die er gar nicht so übel schlägt, und er fordert, man solle sie in der Messe singen.“

„So? In der Messe? Aber nach welchen Melodien?“

„Nun, nach Melodien, die das gemeine Volk zu singen pflegt: Gassenhauer und andere Stücke. Hört nur selbst, ich will euch eins vortragen.“

Overbeck stand auf, griff nach der Laute, die an der Wand hing, stimmte die Saiten, nahm ein Notenblatt und sagte: „Das Liedchen hat er erst vor ein paar Wochen ersonnen und großen Beifall bei Tisch erhalten. Hört nur zu!“ Er räusperte sich, trank noch einen Schluck Bier und fing an: „Ein feste burg ist uhunser gott, ein gute weer und waffen. Er hilft uns frey aus ahaller not, die uns itzt hat betroffen. Der alt böse feint, mit ernst er‘s itzt meint, groß macht und viel list, sein grausam rüstung ist, auf erd ist nicht seinsgleichen.“

Magister Bolemius hatte aufmerksam zugehört und starrte unentschlossen auf das Pergament. Schließlich brummte er: „Nun, nun, das Lied ist roh und feist, aber die Melodie schlägt anders ins Gemüth als die gregorianischen Gesänge. Das muss ich schon sagen, und das könnt gefährlich werden, wenn‘s überhandnimmt.“

„Ja“, nickte Overbeck, „er will es sogar in der Messe die Leut singen lassen! Stellt Euch vor, wenn das Schule macht, dann legt man nachher das Kyrie, das Gloria, das Agnus Dei und die anderen Stücke beiseite, und aus der Kirche klingen die ungehobelten Lieder von der Gasse. Ich hab ja nichts dagegen, wenn man die Liedchen beim Essen singt, aber …“

„Grauenhaft“, stöhnte der Gesandte. „Die Kirche wird zum Wirtshaus. Und die Anbetung Gottes verfault auf dem Altar!“ Er trank einen Schluck und sagte: „Hast du dafür einen Ausspruch, den man als öffentliche Anklage vorbringen könnte?“

„Oh ja, den hab ich!“ Overbeck nahm wieder seine Holztafeln, sah sie durch und fand die richtige: „Ah, hier ist es, passt auf!“ Er las: „Ihr müsset die gassenhauer, reiter- und bergliedlein christlich, moraliter und sittlich verändern, damit die bösen, ärgerlichen weisen, die unnützen und schandbaren liedlein auf den gassen, feldern und häusern und anderswo mit der zeit abgehen möchten, wenn man christliche, gute, nützliche texte und worte darunter haben könnte.“

Der Gesandte schrieb die Worte nieder, dass die Feder nur so über das Pergament kratzte. Als er fertig war, stand Overbeck auf und sagte: „Hab schon des Öfteren gesehen, wie Bettler und fahrende Leut bei dem Lutter eingegangen sind und haben ihm ihre Lieder vortragen müssen, so lang, bis der Lutter sie selber auf seiner Laute schlagen konnte. Und seine neue Frau, die entlaufene Nonne, singt kräftig mit!“

Bolemius kratzte sich nachdenklich an seiner Beule und schrieb: „Bettler und fahrende leut bringen ihre gemeinen lieder dem Lutter ins Haus, auf dass sie ihren weg in die allerheiligste kirche finden …“ Er setzte die Feder ab. „Oh Christenheit“, seufzte er, „wohin geht deine Reise? Hinab in den Schlamm der Straße! Mönche brechen ihr Gelübde, heiraten Nonnen und knechten die heiligen Texte in gemeine Weisen. Wenn das so weitergeht, sitzen am End die Bauern, Spielleut und Bettler in der Messe, und die hohen Herren finden keinen Platz mehr und stehen draußen.“ Er blickte Overbeck an, der sich wieder gesetzt hatte. „Hast du noch ein Lied?“

Overbeck dachte nach. „Ja, ich hab noch eins. Ein Osterlied. Das ist schon ein paar Jahre alt. Die Weise hat er in einigen Teilen genommen nach einer Sequenz des victimae paschali laudes des Wipo von Burgund.“

Overbeck zog ein anderes Blatt hervor, schlug ein paar Akkorde an und sang: „Christ lag in todesbanden für unsre sünd gegeheben, der ist wieder erstanden und hat uns bracht dahas leben. Des wir sollen froelich seyn Gott loben uhund dankbar seyn und singen halleluhuja, halleheluja …“

Er unterbrach das Lied und sagte: „Eigentlich keine schlechte Weise, aber wisst Ihr was? Nirgendwo kommt die heilige Kirche vor oder die Tradition. In der vierten Stroph heißt es gar: Die schrift hat verkündet das, wie ein tod den andern fraß. Die Bibel hier, die Bibel da, die Schrift hat verkündet, und die Schrift sagt dieses und so fort. Als ob man die Priester und die Bischöfe und Kardinäle gar nicht mehr braucht.“

„Ja, ja“, nickte Magister Bolemius, „das hast du gut erkannt, und dein Schädel hat nicht nur Platz für Noten, sondern auch für die Theologie. Der Lutter ist ein ganz gefährlicher Bursch. Die Lieder erregen das Gemüt, dadurch schleicht er sich in die Seelen und Herzen der Menschen ein, und sie merken gar nicht, dass heimlich still und leise eine ganz andere, eine fremde Theologie gelehret wird. Das müssen wir verhindern.“

„Wie soll das gehen?“, fragte Overbeck und leerte seinen Krug. „Die Lieder sind schon in den Köpfen drin. Die kann man nit herausreißen. Und hier in Wittenberg hat der Lutter schon ein Buch drucken lassen. Er nennt es das Achtliederbuch. Und jetzt ist sogar ein neu Gesangbuch herausgekommen.“

Der Gesandte lächelte und legte den leeren Krug flach auf den Tisch.

„Agnes!“, rief Overbeck. „Schenk nach!“

Agnes erschien nach ein paar Augenblicken, nahm den leeren Krug und goss ihn voll. Ihre missmutigen Blicke streiften den Musicus. Dann wollte sie sich zurückziehen.

„Und dann kannst du Brot, Sauermilch, Gemüse und den Schinken auftragen.“

„Das werd ich alles dem Schwertfeger sagen, wie du mit seinem Schinken umgehst“, murmelte sie.

„Ja, sag‘s ihm nur“, antwortete der Musicus. „Hier werden wichtige Dinge verhandelt.“ Murrend zog sie sich zurück.

Magister Bolemius tat noch einen ehrbaren Zug aus dem vollen Krug, wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und sagte: „Wir können den Lauf der Dinge verhindern und die Evangelischen zurücktreiben, wenn wir die Idee des Lutter übernehmen. Die Musik von der Straße und die rechte Theologie hineinpacken. Die lateinische Messe beibehalten und die neuen Weisen sanft dazwischenstreuen!“

Overbeck lachte. „Schlau“, nickte er.

„Und du“, sagte Bolemius und wies mit dem Zeigefinger auf ihn, „kannst gleich damit anfangen, dann klingeln die Taler nicht nur für deine gesammelten Worte auf den Holztafeln, sondern auch für deine Musik.“

Overbeck starrte den Gesandten mit großen Augen und offenem Mund an. Vor seinem inneren Auge sah er sich schon als berühmten Liederdichter, dessen Weisen im ganzen deutschen Land gesungen wurden. Wenn die Macht der Kirche hinter ihm stand, wer konnte seine Lieder dann noch verhindern?

„Nun, was hast du noch notiert, Overbeck?“, fragte der Gast.

Der Musicus klapperte mit seinen Holztafeln und hielt eine hoch. „Hier ist noch etwas, das gefährlich werden könnt. Der Lutter will nämlich, dass seine Liedlein auch vor Fürsten und in den Schulen gesungen werden. Hört her. Er beugte sich zum Fenster, weil die Sonne unterging, und las: „Könige, fürsten und herren müssen die musica erhalten. Denn großen potentaten und regenten gebühret, ihr hand über die guten freyen künsten und gesetzen zu halten. Man muß musicam von noth wegen in schulen behalten und soll die jugend stets zu dieser kunst gewöhnen, denn sie machet fein geschickte leut.“

„Ja, ja, der Lutter ist nicht dumm“, murmelte der Gesandte, und Overbeck rief: „Agnes, mach Licht!“

„Ja, ja, ich komm schon!“, hörten sie die Magd rufen.

„Wir legen eine Pause ein, Herr Magister“, sagte Overbeck und grinste. „Ich denk, da habt Ihr von mir doch ein paar gute Worte für Euren schweren Dienst bekommen, nehme ich an.“

„Das ist wahr!“, nickte Magister Bolemius und streckte sich. „Eine gute Ausbeute.“

Die Tür ging auf, und Agnes kam mit einem Brett voller Speise herein. Ein Junge, der einen Kienspan in der Hand hielt, zündete die Kerzen auf dem Gestell an.

Magister Bolemius streute indessen Sand über die Pergamente, blies darüber und legte sie vorsichtig auf einen leeren Stuhl zum Trocknen. Dann betrachtete er wohlwollend, wie sich der Tisch mit Brot, Schinken und Gemüse füllte.

„Dem Lutter werden wir seine Lieder austreiben“, sagte er zu Overbeck.

Der nickte nur und meinte: „Ich geb den Liedlein ein paar Jahre, dann sind sie abgesungen und vergessen!“

Eleonore Dehnerdt

Katharina von Bora

Ich hatte es mir so einfach vorgestellt, Frau Luther zu befragen, denn sie nahm nicht nur Studenten bei sich auf, sondern auch Fremde. Eine warme Mahlzeit bekam jeder. Im schwarzen Kloster durften selbst Bettler, egal ob Mann oder Frau, am Tisch sitzen, und Luther hörte sich ihre Geschichten an und gab Rat. Wenn er selbst nicht da war, übernahm sein Weib die Aufgaben. Ich dachte also bei mir, dass es ein Leichtes sei, etwas über Luther zu erfahren. Ich hatte voller Bedacht die Tage gewählt, in denen Doktor Martinus nicht da war.

Ich kam jedoch gar nicht dazu, anzuklopfen! Denn als ich in aller Herrgottsfrühe um das Haus spähte, machte sich der Knecht Wolf schon daran, die Pferde anzuspannen. Er hatte mich bemerkt. „Was streunt Ihr ums Haus, wo die Türe zur anderen Seite steht?“, bellte er mich an.

„Nein, nein, ich wollte die Frau Doktor nicht wecken.“

„Die Frau Doktor war schon auf den Beinen, als Ihr noch geschnarcht habt. Kommt ein andermal wieder!“

Dann erschien jedoch Katharina selbst, um den Sitz des Pferdegeschirrs zu prüfen. Als sie mich stehen sah, fragte sie, ob ich krank sei. Ich verneinte empört. Hatte sie denn keine Augen im Kopf? Sie sagte: „Warum seid Ihr, Fremder, in der Stadt, wo doch hier die Pest wütet?“

Himmel, wie ich erschrak! „Die Pest?“

Katharina schüttelte den Kopf. „Ihr müsst wohl in der Nacht gewandert sein. Jeder anständige Wirt hätte Euch gewarnt, und die Wachen an den Toren sind auch gehalten, alle zu informieren.“

Da stand ich nun in einer Stadt, in der die Pest Einzug gehalten hatte.

„Wenn Ihr wollt, nehme ich Euch mit aufs Land, und Ihr seid vor der Pest sicher.“ Sie verschwand, und Wolf erklärte mir mürrisch, dass Katharina zu Luthers Eltern fahren würde, um sie zur Pflege ins schwarze Kloster zu holen. Sie wollten nicht alleine bleiben, während sich die Pest weiter ausbreitete. Ich solle aus Wittenberg fort, wenn mir mein Leben lieb wäre, und gleich aufsitzen.

Nicht genug, dass Katharina selbst die Zügel führte, sie drückte mir auch noch den kleinen Hans in den Arm, damit er eine ruhigere Fahrt habe. Mir blieb nur diese eine Fahrt, um sie zu befragen. Doch dieses Weib verstand es, meine Befragung immer so zu drehen, dass sie ihre Meinung dabei kundtat. Sie hat von Aristokratie und Theologie keine Ahnung und mischt sich doch in alles ein.

„Warum wählt Ihr nicht das Haupttor, um aus der Stadt zu fahren?“, fragte ich, als sie umständlich durch die engen Gassen kutschierte, um zum Nordtor zu gelangen.

„Ich kann nicht das Haupttor wählen, da dort die Tage die Altgläubigen Wache halten.“

„Was fürchtet Ihr denn die Altgläubigen?“, rief ich ihr zu.

„Diese würden mir nachsetzen und zu verhindern wissen, dass ich wieder nach Wittenberg kommen kann.“

Ich nickte unbemerkt, denn das wäre gewiss auch in meinem Sinn so gewesen. Das kleine Tor wurde uns schon geöffnet, als wir in dessen Nähe kamen. Katharina gab den Pferden die Peitsche, und der Wagen rumpelte in voller Fahrt durch das Tor und über die Brücke.

„Haltet das Kind fest“, mahnte sie mich, als ich mich mit einer Hand am Wagen festhalten wollte. Diese Frau hatte es eilig, und die ihr die Tore öffneten, mussten Handlanger Luthers sein.

„Ich denke, Ihr habt diese Nacht ebenfalls nicht das Haupttor gewählt, sonst hättet Ihr von der Pest gewusst.“ Und ehe ich etwas erwidern konnte, redete sie weiter: „Einzig die Dirnen, die ihr Brot mit Huren verdienen, schmuggeln ihre Gäste unbemerkt in die Stadt. Und selbst wenn sie schon die Pest im Leib hätten, würden sie nicht auf den Taler verzichten!“

Mir war der Schweiß ausgebrochen, aber ich konnte nicht den Mantel öffnen, da sich der kleine Hans wie eine Wolllaus an mir festhielt.

„Wäre es nicht besser, wenn Euer Gemahl, der ja ein Mann Gottes sein will, nicht noch einem Weibe zur Last fiele und Kinder zeugen würde?“

Da lachte Katharina: „Das hat er doch lange genug gemacht! Er war ja schon ein alter Mann, als er mich zur Frau nahm.“

„Das nenne ich Lüsternheit.“

Abermals lachte dieses Weib frech und antwortete: „Es gibt einen Unterschied zwischen Lüsternheit und Lust. Das eine dient dem Tod, das andere dem Leben. Als er Mönch war, legte er sich aus Lüsternheit zu den Weibern, wie es heute noch viele Mönche halten. Buße und Ablass konnten ihn reinwaschen. Aber wer kann denn vor Gott rein sein, wenn die Frauen und gezeugten Kinder allesamt in der Hölle zu schmoren haben? Nein, nein, Ihr müsst es von einer anderen Seite sehen. Selbst als Martinus den Weibern abschwor, plagten ihn seine Gelüste so über die Maßen, dass ihm ständig davon träumte. Wer so geplagt wird – wer kann da vor Gott bestehen? Ach, wenn Ihr wüsstet, welche Qualen er deshalb litt! Selbst jetzt, wo er in mir ein liebend Weib hat und wir die Kinder in Jesu Namen erziehen, denkt er, die Fleischeslust sei lauter Sünde. Dabei steht es doch in der Bibel ganz anders. Im Ehestand segnet Gott das Paar auf so natürliche und ergötzliche Weise, wie die Vögel und Fische ihre Nachkommenschaft sichern. Wer sollte darüber Gott nicht danken?“

„Euer Martinus lobt die Ehe gleich einem Paradies und spricht von Euch als Eva. Trotzdem sagen die Leute, dass Euer Gatte die Ehe nicht als Sakrament gelten lässt und sogar einigen Paaren erlaubte, sich mit seinem Segen zu trennen. Wie erklärt Ihr das?“

„Das versteht nur, wer den Geplagten richtig zuhören kann. Auch ich verstand es zuerst nicht, und deshalb kann ich es schlecht erklären.“

„Ich will es ja nicht von Euch erklärt haben, sondern von Luther selbst.“

„Dann, werter Herr, müsst ihr Ihn auch selbst fragen!“

„Wenn er nun aber nicht da ist!“

„Dann müsst Ihr Euch mit meiner Antwort zufriedengeben, wie ich auch in stetem Einvernehmen und auch im Streite alles mit meinem werten Martinus bespreche. Entweder Ihr seid mit meinem Gespräch, das ich bei dieser Kälte auf dem Kutschbock führen muss, zufrieden oder eben nicht!“

Ich besänftigte sie und sagte, dass ich zufrieden sei.

„Dann lasst es mich erklären, mit meinen Worten, denn Martinus und ich können uns gemeinsam auch allezeit einigen und so weiterbringen, wie es einer alleine nicht vermag. Aber ich muss zuerst überlegen. Und verlangt auch keine ewig gültige Antwort, denn auch Jesus herrschte nicht über die Menschen, sondern suchte mit ihnen einen Weg zum Heil.“

Welche Frechheit dieses erstaunliche Weib an sich hatte! Als ob sie wüsste, wie Jesus war! Man sollte den Frauen das Lesen verbieten, damit sie sich nicht in Dinge einmischen, von denen sie nichts verstehen.

Dann fuhr sie fort: „Was, sagte Jesus, sei das höchste Gebot?“

„Gott den Herrn zu ehren.“

„Ja, das gilt Gott gegenüber. Das höchste Gebot dem Menschen gegenüber ist jedoch die Liebe. Somit sollen ja auch die Ehe und die Liebe zusammengehören. Manchmal jedoch hat eine Ehe wenig mit Liebe zu tun. Ebenso legen sich manche Brautpaare vor Zeugen aufs Bett, und ihnen bleiben doch die Kinder oder die Herzenszuneigung versagt. Das ist dann wie in der Geschichte mit dem Esel, der in den Brunnen fiel, und die Jünger Jesu zogen ihn heraus, obwohl es Sabbat war. Die Schriftgelehrten sagten zu Recht, dass die Jünger deshalb bestraft werden sollten, denn das Gesetz verbietet die Arbeit am Sabbat. Doch was diente dem Leben? Die Einhaltung des heiligen Gesetzes oder die Rettung eines armen Esels? Jesus antwortete darauf, dass der Sabbat für den Menschen da sei und nicht der Mensch für den Sabbat. Also soll der Sabbat Mensch und Tier zugutekommen. Das hieße auch im Falle einer Ehe, dass die Ehe für den Menschen sei und nicht der Mensch für die Ehe. Also das Heilige ist für den Menschen, wir selber jedoch können keine Heiligkeit herbeiführen. Das Richtige zu tun und heilig zu sein bedeutet also, stets zu lieben und darin Gott zu ehren.“

„Das sagt Luther?“, rief ich aus, „dass wir das Heilige tun können?“

„Regt Euch nicht über meine Worte so auf! Mein Mann redet in theologischen Worten und im Disput. Wenn Ihr mir richtig zugehört und noch mehr verstanden hättet, was ich sagte, wüsstet Ihr es anders zu deuten. Ihr braucht nicht den Teufel an die Wand zu malen, bloß weil wir etwas anders deuten können als vor tausend Jahren! Aber da seid Ihr genauso wie mein Martinus. Sobald sich etwas ändert, ob das Bier anders gebraut wird oder Gottes Liebe sich nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern täglich erweisen will – immer denkt er, die Teufel würden ihre Hände im Spiel haben und sich auf ihn stürzen.“

„Die Teufel stürzen sich auf Martin Luther?“

„Ich bitte Euch: Fangt nicht auch noch davon an!“, rief die Lutherin entsetzt.

„So schlimm ist es?“

„Eben nicht! Ihr Männer seht in allem die Teufel. Ich jedoch kann ihn nicht erkennen!“

„Ihr glaubt also nicht an den Teufel?“, fragte ich nach.

„Ich glaube an Christus, den Allmächtigen, der die Macht des Bösen längst bezwungen hat. Und ich sehe nur den Unsinn, der entsteht, wenn die Menschen meinen, die Teufel würden unter uns wohnen und ihr Unwesen treiben. Was habe ich denn davon, wenn Martinus meint, die Teufel würden sich in seiner Schreibstube sammeln? Wenn er das Tintenfass nach ihnen wirft, habe ich die Flecken wegzuwaschen! Wenn er des Nächtens von den Teufeln geplagt wird, muss ich ihn halten und trösten, und wir haben beide zu wenig Schlaf. Wenn er denkt, sie wohnen in Juden, Wiedertäufern oder gar dem Papst selbst – so verlieren wir doch die Menschen aus den Augen, für die Christus sein Leben gegeben hat. Will er nicht alle zu sich ziehen, an sein liebend Herz?“

„So sehr wütet also der Teufel im Leben des Martinus?“, fragte ich erneut.

„Ihr könnt nicht richtig zuhören“, beschwerte sich Katharina. „Jedenfalls nicht mir. Martinus denkt, es wären die Teufel. Ich weiß jedoch, dass es keine Teufel sind.“

„Was ist es dann?“

„Hirngespinste. Und daran gingen schon mehrere Tintenfässer zu Bruch. Tinte, teure, schöne Tinte, die die Ängste vertreiben soll. Schreiben soll er damit, das teure Wort Gottes schreiben, damit alle von der Hilfe Christi in Deutsch lesen können. Schreiben und nicht an die Wand werfen! Die Tinte ist die schärfste Waffe meines werten Martinus. Die Teufel, die ihn treiben, sind nichts anderes als Angst: Die Angst vor seinen Verfolgern, die Angst, nicht genug Zeit für die Übersetzungen zu haben, und dann sind da noch die vielen Ängste, wenn ihn sein schwacher Körper martert. Wo er in allem und jedem die Teufel sieht, sehe ich schlichte Menschenkinder: Juden, Heiden, Christen – allesamt sind das Werk des einen Gottes.“

„Und das sagt Ihr ihm etwa auch so?“

„Ja, das sage ich ihm so, und manchmal wird er darüber ruhiger. Aber nur allzu oft plappert er doch immer noch seine alten Litaneien daher, grade als ob er noch ein Mönch sei und nicht die Liebe Gottes erlebt habe. Es braucht seine Zeit, bis ein Christenmensch wirklich zur Freude und zum Frieden findet. Auch mein Martinus traut dem allmächtigen Gott manchmal sehr wenig zu.“ Dann überlegte sie und ergänzte: „Doch mir fällt eine Wunderwaffe ein, eine Zeit, in der alle Ängste und Teufel weichen müssen.“

„Und, welche Waffe ist es?“

Da lachte die Frau glücklich und wohlgemut: „Singen. Wenn wir von Gottes Kraft und Liebe singen und unsere Ängste und Bitten Gott nicht verschweigen, dann ist Gott unter uns und vertreibt alle Angst und Not. Ein Lied ist ein Gebet, das gesungen zur Medizin und Seligmachung dient. Mein Martinus versteht es auch in Nöten und Anfechtung, solche Wunder zu vollbringen.“ Und als ob das nicht genug sei, begann sie zu singen, und der kleine Hans stimmte begeistert ein. Der Knabe auf meinem Schoß klatschte sogar mit den Händen und sang in seinem kindlichen Kauderwelsch mit.

Einen Vers nach dem andern sangen sie, obwohl ich sie nicht darum gebeten hatte. Der Knabe verlangte gar ein Lied ums andere, und obwohl die Zeit noch nicht auf Weihnachten zuging, sangen sie vom Kripplein und Jesuskind: „Er ist auf Erden kommen arm, dass er sich unser erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich. Kyrieleis. Das hat er alles für uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit und dank im des in Ewigkeit. Kyrieleis.“

Ich war überrascht, dass der Knabe so laut mitsingen konnte. „Wie kommt es, dass der Junge, der so lange nichts gesagt hat, plötzlich singen kann?“, fragte ich erstaunt.

„Wir haben Hans beigebracht, dass er nur sprechen darf, wenn wir ihn etwas fragen, denn sonst plappert er ständig in die Gespräche hinein. Aber wenn wir singen, dann weiß er, dass sich Gott über jeden Lobpreis freut, selbst wenn das Lob aus Kindermund kommt. Ja, Gott freut sich über den undeutlichen Gesang der Kinder“, beendete sie zufrieden das Gespräch.

Das Kind hatte die Rede der Mutter gehört und schaute zu mir hinauf, was ich dazu zu sagen hätte. Darauf war ich nicht gefasst, aber ich erkundigte mich, wie alt denn der Junge sei.

„Ihr wollt nachrechnen, ob wir schon vor der Hochzeit das Bett miteinander teilten?“, bemerkte die Lutherin. „Falls ihr wie Erasmus von Rotterdam meint, da wäre der Teufel mit im Spiel gewesen und Hans wäre in Sünde gezeugt und geboren worden, muss ich Euch enttäuschen. Unser lieber Hans ist nun ein und ein halbes Jahr alt. Und so Gott will, wird er über wenige Wochen ein Geschwisterchen bekommen. Viele haben davon geredet, unsere Kinder würden mit Pferdefuß und Hörnern auf die Welt kommen und wären von Schwielen übersät, da ein Mönch und eine Nonne miteinander gehurt hätten. Aber wie Ihr seht, ist bei Hans alles an seinem Platz: Die blanken Augen, die reinen Ohren, seine flinken Beine und die lieben Händchen.“ Voller Stolz rief sie zu Hans: „Hans, bist du nicht unser größter Schatz auf Erden?“

Und der Knabe antwortete brav: „Hans, großer Satz.“ Als Zeichen reckte er beide Arme weit über seinen Kopf hinaus, dass ich ihn gut festhalten musste.

„Warum bringt Ihr dieses Kind in Gefahr, indem Ihr es heute mit auf die Reise nehmt?“, fragte ich die Lutherin.

„Mir ist nichts Besseres eingefallen. Ihr müsst wissen, dass die Mutter Luthers nicht nur alt und gebrechlich ist. Ihre Seele hat sich verfinstert über all den Ängsten, die sie erlitten hat. Sie will nicht mehr ihr Haus verlassen und auf einer Straße gehen oder fahren. So dachte ich bei mir, dass es nur unser Hänschen vermag, seine Großmutter zu uns nach Wittenberg zu locken. Ich werde ihr sagen, dass sie den Jungen hüten soll und ich sie für das nächste Kind ebenso brauche. Ich werde sie auf der Fahrt hinten in den Planwagen legen, und Hänschen wird sich zu ihr legen. Darüber, ich bin mir sicher, wird sie ihre Angst vergessen. Denn wer könnte sich je um sich selbst ängstigen, wenn man ein Kind zu hüten hat?“

Ich sah auf den Jungen hinab und merkte, dass er eingeschlafen war. So plötzlich, wie er zu singen begonnen hatte, so unvermutet war sein Köpfchen vornübergesunken. Ich knöpfte mir vorsichtig meinen weiten Mantel auf, hob ihn über den Buben und knöpfte ihn über uns beiden wieder zusammen. So war er warm, und da ich die oberen Knöpfe nicht geschlossen hatte, konnte er gut atmen.

„Danke“, sagte Katharina: „Gott selbst hat Euch heute gleich einem Engel zu uns geschickt.“ Das sagte sie aufrichtig, obwohl sie offenbar genau wusste, dass ich nicht als Freund der Familie gekommen war. Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, rief sie: „Auch Judas war wichtig im Heilsplane Gottes. Doch besser wäre es ihm hernach gegangen, wenn er von Saulus zu Paulus geworden wäre. Gott freut sich über jeden Sünder, der umkehrt und an seinem Reich baut.“

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu schweigen. Und selbst dabei hatte ich genug zu tun, denn die Lutherin trieb die Pferde ohne Unterlass über die aufgeweichten Landstraßen. Wenn ihr ein Fahrzeug entgegenkam, suchte sie keine Ausweichstelle, sondern fuhr ungezügelt an der Kutsche vorbei, dass sich der Wagen dabei mehrmals so stark nach rechts neigte, dass ich befürchtete, vom Bock zu fallen. Dabei war ich kein ängstlicher Mann.

„Hätte Euch Luther nicht lieber hinter dem Ofen, als hochschwanger auf dem Kutschbock – dazu noch mit einem fremden Mann an der Seite?“, fragte ich.

„Das würde sich mein liebster Martinus gewiss von Herzen wünschen. Doch unser beider Wunsch ist es, nun endlich seine alten Eltern zu uns zu holen. Da jedoch Martinus noch einige Tage fort ist, liegt es an mir, die Fahrt zu besorgen. Gewiss hätte ich den Auftrag auch anderen übergeben können. Aber die kleinen Kinder brauchen die Mutter und verwirrte Eltern die Tochter. Da nützen kein Gesinde und kein Geld. Ich muss mich eilen, weil ich mich gleich wieder auf den Heimweg machen muss. Ich denke, eine meiner Sauen wird wohl in der Nacht noch ferkeln. Ich muss vor dem Abend wieder in Wittenberg sein.“

„Hat Luther denn keine zuverlässigen Knechte eingestellt?“

„Die Knechte und Mägde stelle ich selbst ein, und sie sind zuverlässig; wenn jedoch Segen auf der Wirtschaft liegen soll, so will die Saat von der Herrschaft in die Felder gebracht werden, und ebenso soll der Hausherr bei den Geburten von Tieren zugegen sein.“

Selbstverständlich hatte sie von sich als „Hausherr“ gesprochen. „Mutet Ihr Euch nicht zu viel zu?“

Wieder lachte die Frau an meiner Seite: „Ja, ich mute mir viel zu. Und doch ist es nur ein geringer Teil von dem, was ich alles vollbringen will. Doch Ihr müsst wissen, nicht mein Martinus bürdet mir die Arbeit auf – ich selbst habe dieses Leben an Martinus‘ Seite gewählt.“

„Ich denke, Ihr habt gewählt, eine Nonne zu sein.“

„So hatten es die Eltern vorbestimmt, als sie mich mit sechs Jahren ins Kloster gebracht hatten. Aber ich lobe den Tag, als ich die Mauern verlassen konnte. Jeden Tag danke ich Gott dafür, denn jetzt führe ich das Leben, für das ich bestimmt wurde. Ich danke es Gott und den Freunden Luthers.“

„Wer hat Euch geholfen, wie sind deren Namen?“

„Das tut nichts zur Sache, denn ich wäre auch alleine entflohen.“

„War es so schlimm im Kloster?“

„Nein, es war nicht schlimm im Kloster, denn ich hatte es besser als jede Frau aus der Stadt. Im Kloster hielten wir zusammen und waren besser versorgt, als es in den Familien geschieht, außerdem war es mir immer eine Freude, Gott zu loben.“

„So habt Ihr im Kloster durch die Türen geschaut, Luther erblickt und ihn zum Mann haben wollen?“

Über meiner Frage begann Katharina laut zu prusten: „In diesen Mann kann sich doch keine Frau auf den ersten Blick verlieben! Er ist mürrisch und fett und grob in der Sprache.“ Sie lachte und lachte.

„Aber Ihr sagtet doch zuvor, dass Ihr ihn wolltet!“

„Langsam, langsam. Als ich noch im Kloster war, sah ich Luther überhaupt nicht. Aber wir bekamen seine übersetzten Bibelabschriften zu lesen. Als ich die Worte Gottes nicht nur auf Latein, sondern auch auf Deutsch lesen konnte, da rannen mir vor Freude die Tränen über die Wangen; und Ihr müsst wissen, ich bin keine Frau, die schnell weint! Und dann begegneten mir immer öfter Menschen, die von Gottes Liebe und Vergebung sprachen, ohne Ablass zu bezahlen, den sie auch gar nicht hätten aufbringen können. Ich ahnte, dass sich die frohe Botschaft in einer Weise ausbreiten will, wie es noch nie vernommen wurde, als ob Christus selbst wieder vom Himmel stiege. Luther sah ich das erste Mal zwei Tage nach meiner Flucht. Ich war seiner Lehre zugetan, aber ich fand ihn so hässlich wie alle anderen Mönche, die mir begegnet waren.“

„So hat er Euch gar gezwungen?“

„Nein, nein. Er wollte mich ja ständig mit einem andern verheiraten. Er wollte, dass alle entlaufenen Nonnen brave Pfarrfrauen würden.“ Katharina schwieg eine Weile und erklärte dann: „Ich liebte Hieronymus Baumgärtner von ganzem Herzen. Er studierte zu Wittenberg, und er wollte mich ehelichen. Doch seine Eltern verboten ihm, eine entlaufene Nonne als Schwiegertochter zu bringen. So ließ er mich im Stich. Nicht im Stich ließ mich jedoch Martinus, der sich weiter sorgte, welchen Mann ich denn ehelichen könnte. Aber mir gefiel keiner von denen, die er mir vorschlug. Was mir gefiel, war ein Leben an der Seite Luthers. Als er mich wieder drangsalierte zu heiraten, sagte ich es in aller Öffentlichkeit, dass ich am liebsten ihn selber heiraten wolle. Darüber hat er gespottet und es allen weitererzählt. Da drehten seine Kollegen den Spieß um und sagten: ‚Du zwingst uns zu heiraten, aber selber nimmst du dir keine Frau.‘ Er entschuldigte sich damit, dass er ja in ständiger Lebensgefahr sei und nicht ehelichen könne … Seinen Eltern erzählte er auch von mir, und die waren es, die ihm ins Gewissen redeten, weil sie mich zur Schwiegertochter wünschten.“

„So seid Ihr den Bund der Ehe eingegangen, ohne einander wirklich zu begehren?“

„Jedenfalls begehrten wir uns nicht vor der Ehe. Die Liebe wuchs jedoch von der Stunde an, als wir Ja sagten. Und um nichts auf der Welt wollten wir uns nun missen.“ Katharina machte wieder eine Pause und sprach zufrieden: „Mein Martinus muss mich nirgends hinschicken und zu keiner Arbeit oder Liebesdiensten ermuntern, denn es ist alles so, wie ich es selbst gewählt habe.“

„Verzeih, werte Lutherin, aber ich habe auch gehört, dass Luther gesagt habe, er würde Euch eine Backpfeife geben, wenn Ihr ihm noch einmal bei Tisch widersprechen würdet.“

„Ja, das hat er gesagt, und er sagte auch, dass er, wenn er noch einmal freien würde, sich ein gehorsam Weib aus Stein hauen würde.“

„So hat er also bereut, was er tat?“

Doch auch daraufhin lachte das Weib nur: „Wer bereut nicht ab und zu das, wofür er sein Leben hingibt? Und wie stünde ein Mann da, der sich nicht ab und zu seiner Frau laut überlegen zeigt?“

Wir fuhren durch ein schmales Tor in ein großes Gehöft ein. Katharina lenkte den Wagen im Innenhof einmal um den Brunnen und brachte ihn zum Stehen. Wie auf ein geheimes Zeichen wachte Hans auf und gähnte. „Wir sind da, Hans!“, rief die Lutherin.

Ich erhob mich, steif vom langen Sitzen. Ich wollte nicht Luthers Eltern begegnen. Wer weiß, ob sie mich erkannt hätten? Ich wickelte den Jungen aus meinem Mantel und hob ihn der Lutherin auf den Arm.

„Danke. Ihr habt unseren Sohn gehalten, wie ein Vater ihn halten würde.“ Sie blickte mit weichen Augen auf den kleinen Hans. Langsam regte sich Leben im Hof. „Wir wollen keine Zeit verlieren“, redete die Lutherin weiter.

„Das ist auch in meinem Sinn“, gab ich ihr zur Antwort.

„Ihr sollt Euch hier noch stärken. Ihr könnt auch gewiss über Nacht beiben, aber ich habe jetzt zu tun.“

Ich verneigte mich vor ihr, doch sie gab mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange und sagte, ich sei ihr immer ein willkommener Gast. Hans sprach es ihr nach. Ich hatte während der Fahrt einen kleinen Freund gefunden. Ohne sich umzuschauen, verschwand sie mit Hans hinter der dicken Holztür. Sie hatte mich wohl schon vergessen.

Das Gesinde sammelte sich auf dem Hof, der Gastwirt wollte auch ein gutes Geschäft mit mir machen. Und mir brannte noch der herzliche Kuss der Lutherin auf meiner Wange, weil ich ihren Sohn gehalten hatte.

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23 December 2023
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161 p. 3 illustrations
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