Read the book: «Gedichte der deutschen Romantik»

Font::

»Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder«

NOVALIS

Gedichte der deutschen Romantik genießen einen besonderen Stellenwert: Sie gelten als die schönsten und populärsten Texte deutschsprachiger Lyrik. Von ihrer poetischen Faszination haben sie bis heute nichts verloren.

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,

Ich suche und finde sie nie,

Mir träumt, daß in der Blume

Mein gutes Glück mir blüh’.

JOSEPH FREIHERR VON EICHENDORFF

Gedichte der deutschen Romantik

Gedichte
der deutschen
Romantik

Herausgegeben und eingeleitet

von Yomb May


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Redaktionelle Mitarbeit: Lucija Karaman,

Stefanie Irlbeck und Lukas Bauer

Covergestaltung: Katharina Staal Design, Köln

Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin/André Held, Kreidefelsen

auf Rügen, Ölgemälde von Caspar David Friedrich, 1818

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0407-3

www.marixverlag.de

„DIE BLAUE BLUME SEHN ICH MICH ZU ERBLICKEN“

NOVALIS

INHALT

Einleitung

Editorische Notiz

Die Autoren und ihre Gedichte

Die Gedichte der deutschen Romantik

Verzeichnis der Quellen

Bibliographie

Alphabetisches Verzeichnis der Gedichte

EINLEITUNG

Kaum eine andere Epoche deutschsprachiger Lyrik fasziniert so nachhaltig wie die Romantik (etwa 1790–1830). Selten zuvor waren deutsche Gedichte, sieht man etwa vom mittelalterlichen Minnesang ab, sehnsuchtsvoller, kunstvoller und zugleich tiefgründiger als sie uns im lyrischen Œuvre der Dichtergeneration begegnen, die unmittelbar nach Goethe (zum Teil auch parallel zu ihm) mit einem völlig neuen ästhetischen Programm in Erscheinung trat. Nicht umsonst gilt die Romantik als eine lyrische Epoche, die bis heute eine unbestrittene Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literaturgeschichte hat.

Zahlreiche Gedichte von Tieck, Novalis, Schlegel, Arnim, Brentano, Eichendorff und Heine – um nur einige prominente Vertreter zu nennen – genießen nachgerade einen einzigartigen Stellenwert. Nicht nur ragen sie in Gehalt und Kunstfertigkeit aus der deutschen Literaturgeschichte heraus, sondern zeichnen sich auch in vielfacher Hinsicht durch einen kaum überbietbaren Grad an ästhetischer Innovation und Selbstständigkeit aus. Viele von ihnen haben weltliterarische Bedeutung gewonnen.

Auch dank zahlreicher genialer Vertonungen durch Komponisten wie Schubert, Schumann, Mahler und Brahms sind unzählige Gedichte oder Gedichtzeilen der deutschen Romantik einem breiten Publikum bis in unsere Gegenwart bekannt. Als Melodie haben solche Gedichte gerade auch in Form von populären Volksliedern weit über die Grenzen der Literatur hinaus Verbreitung gefunden. Sie erfreuen sich nach wie vor international anhaltender musikalischer Rezeption.

Freilich ist die zeitlose Popularität der romantischen Lyrik von einzelnen bzw. isolierten Aspekten her schwer erklärbar. Gleichwohl besticht neben dem nahezu unüberschaubaren Textbestand und dem vielfältigen Repertoire an Formen, Themen und Motiven vor allem die außergewöhnliche sprachliche Schönheit, in der viele Gedichte der Romantik verfasst sind. Die hohe Musikalität romantischer Verse und die meist in einem schlichten, volksliedhaften Ton gehaltene Diktion strahlen hinein in einen vielfältig differenzierten Fundus an Sprachbildern und bildhaften Assoziationen. Diese besondere Ausformung poetischer Fantasie bildet einen einzigartigen ästhetischen Höhepunkt deutschsprachiger Lyrik.

Mit Recht wird der romantischen Lyrik ein herausragender Beitrag „zum Reichtum und zur Schönheit der deutschen Literatursprache“1 bescheinigt. Das zeigt sich beispielsweise an dem Gedicht Mondnacht von Eichendorff:

Es war, als hätt’ der Himmel

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blüten-Schimmer

Von ihm nun träumen müßt’,

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Dieses schlicht wirkende Gedicht zieht den Leser bereits durch den außergewöhnlichen Wortklang in seinen Bann. Verzaubert wird der Leser aber auch von dem unfassbaren dunklen Sinn des innigen Einklangs von Himmel und Erde. Hierbei entfaltet sich in der einfachen Darstellung der Landschaft in Verbindung mit der Schönheit der lyrischen Sprache ein besonderer ästhetischer Reiz. Nicht umsonst hat Oskar Seidlin die These aufgestellt, dass Eichendorffs Mondnacht zu den „zehn vollendeten Wundern deutscher Sprache“2 gehört. Bedeutenden Anteil an dieser Wahrnehmung haben nicht zuletzt die entfesselte schöpferische Fantasie, von der die romantischen Verse getragen sind, und die künstlerische Raffinesse ihrer Machart.

Gewiss nimmt Eichendorff eine exponierte Stellung als Lyriker der Romantik ein, tatsächlich aber sind jene Gedichte der deutschen Romantik, auf die diese in der fiktionalen Literatur einzigartigen Qualitätsmerkmale zutreffen, zahlreich. Die aus der poetischen Innovations- und Gestaltungskraft ausgehende ästhetische Wirkung bleibt unerschöpflich. Sie lässt Gedichte der Romantik immer wieder aufs Neue zu einem wahren Lesegenuss werden, sprechen sie doch Herz, Sinne und Verstand gleichermaßen an.

Der virtuose Kunstgriff, mit dem die von Friedrich Schlegel programmatisch geforderte ganzheitliche Poetisierung der Welt gedanklich und sprachkünstlerisch in der Lyrik der Romantik umgesetzt wird, hat einen einmaligen schöpferischen Anspruch. Diesem Konzept entspricht das vielberufene „Zauberwort“ Eichendorffs, das nicht nur dem Kunstverständnis der Romantik, sondern auch dem Gedicht als romantischem Wortkunstwerk ästhetische Anziehungskraft und Aktualitätswert verliehen hat. Anschauliche Bestätigung dafür liefern beispielsweise die Verse von Novalis berühmtem Gedicht:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

[…]

Dann fliegt von einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

Gerade in einer Zeit, in der Zahlen und Figuren den Lauf und das Verständnis der Welt zu bestimmen scheinen, rufen uns diese Zeilen in Erinnerung, dass das technisch-rationale Weltbild einer poetischen Ergänzung bedarf, um dem Menschen das verloren gegangene Gleichgewicht zurückzugeben. Schon dadurch wird die Aktualität des romantischen Weltverständnisses sichtbar – dies umso mehr, als die Sehnsucht nach der Heilung jenes Bruchs, der in der Zeit der Aufklärung zwischen Mensch und Natur aufgetreten ist, nach wie vor den Reiz der romantischen Gedichte ausmacht.

Auch der Zauber der romantischen Lyrik, so scheint es, ist heute noch wirksam. Zahlreiche Gedichte jener Zeit vermögen es nach wie vor, „seelische Saiten in uns“ anzurühren3, weil sie den Leser immer wieder auffordern, die eigenen Bilder und Fantasien zu entfalten. Johann Wolfgang Goethe, der ansonsten der romantischen Bewegung kritisch bis ablehnend gegenüberstand, wird man bis heute darin zustimmen dürfen, dass das künstlerische Schaffen der romantischen Dichter einen „unglaublichen Reiz“4 besitzt.

Ein Lesebuch, das die besten Gedichte der deutschen Romantik vorzustellen beabsichtigt, sieht sich vor die besondere Herausforderung gestellt, aus der Vielzahl von Gedichten weltberühmter Lyriker eine begrenzte Auswahl zu treffen. Eine solche Auswahl, wie gewissenhaft sie auch vorzugehen vermag, verkürzt. Denn mit jeder Entscheidung für ein bestimmtes Gedicht wird immer auch eine Entscheidung gegen andere Gedichte getroffen. Daher erscheint es geboten, dem Leser an dieser Stelle kurze Rechenschaft darüber abzulegen, welche editorischen Grundsätze und Besonderheiten die vorliegende Gedichtauswahl auszeichnen.

Die vorliegende Anthologie ist als eine Leseausgabe konzipiert. Sie vermittelt fundierten Einblick in die lyrische Produktion der gesamten Epoche der deutschen Romantik. Die aufgenommenen Gedichte stammen überwiegend aus der Feder von großen Lyrikern, die zu den Klassikern der Poesie der Romantik zählen. Doch die Anthologie enthält auch mit bisher weniger bekannten Gedichten von Karoline von Günderrode, Julius Kerner, Ludwig Uhland u.a.m. einige Entdeckungen, die zu echten Überraschungen zählen dürfen. Damit ist eine der wesentlichen Absichten der vorliegenden Anthologie erfüllt: dem Leser mehr von der Vielfalt der romantischen Lyrik zu bieten als nur die bekannten Texte.

Neu an dieser Anthologie ist der Versuch, den Leser der hier versammelten Gedichte an die Motiv- und Themenvielfalt, die zahlreichen Ausdrucksmöglichkeiten sowie die individuellen Schreib- und Verfahrensweisen der Autoren heranzuführen. Rasch wird der Leser einsehen, dass die permanente Überschreitung aller räumlichen und zeitlichen Grenzen, das ständige Aufbrechen zu neuen Ufern, auch in ästhetischer Hinsicht zum Grundkonzept der literarischen Romantik zählte. Die Lyrik der Romantik, so wie sie in dieser Anthologie präsentiert wird, ist auch als Ergebnis eines besonderen poetischen Universums zu verstehen, dessen Umrisse sich „in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen“ (Schlegel). Dies rechtfertigt die Aufnahme der Gedichte von Autoren wie Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist, die allenfalls unter Vorbehalt einer wie auch immer verstandenen Romantik zugerechnet werden.

Es ist folgerichtig, wenn sich die Auswahl der vorliegenden Gedichte nicht an einer gewaltsamen Konstruktion des „typisch“ Romantischen orientiert, das dem lyrischen Œuvre der deutschen Romantik ein normatives Verständnis aufzwingen würde. Die Romantik ist weniger ein normativer als vielmehr umstrittener, ja unklarer Begriff. Ihr Wesen ist, wie Oscar Wilde einmal treffend formulierte, „die Ungewissheit“. Deshalb zielt die hier vorgelegte Gedichtauswahl darauf ab, dem Leser ein authentisch differenziertes Weltbild der Romantik zu vermitteln, wie es in den Gedichten Niederschlag gefunden hat.

Mit Authentizität und Vielseitigkeit sind bereits zwei entscheidende Kriterien genannt, die für die Gedichtauswahl leitend waren. Nur so dürfte es gelingen, dem Leser einen möglichst repräsentativen Querschnitt der meistbehandelten Themen und Motive sowie der wichtigsten Gedichtformen der Romantik in überschaubarer Form anzubieten. Diese Lyrik stellt aber vor allem auch ein stilgeschichtliches Phänomen dar, d.h. sie lässt sich als das Werk von Dichtern mit ausgeprägtem sprachkünstlerischem Sinn lesen. Gezielt aufgenommen wurden deshalb Gedichte von hoher rhetorischer Qualität, also solche, die die sprachästhetische Ausdrucksstärke der romantischen Lyrik hör- und sichtbar werden lassen.

Eine weitere Besonderheit dieser Anthologie betrifft die Anordnung der Gedichte. Unter den verschiedenen Gruppierungsmöglichkeiten wurde die chronologische Anordnung gewählt. Demnach sind die ausgewählten Gedichte nach den Geburtsjahren und -daten der Autoren gereiht. Dabei stehen sie möglichst in der Folge, in der sie erstmals veröffentlicht wurden. Die eingeklammerte Jahreszahl in der Schlusszeile gibt, soweit ermittelbar, das Erscheinungsdatum an. Somit spiegelt sich in dieser Anordnung nicht nur das historische Fortschreiten des geistigen Phänomens der Romantik. Es zeigen sich auch Kontinuitäten, Brüche und Wandlungen in der Schaffensweise der jeweiligen Autoren.

Ziel dieser Anordnung ist es, den Blick nicht allein auf die Gedichte selbst, sondern auch auf ihren ursprünglichen Entstehungskontext und auf die Vieldeutigkeit des Begriffs „Romantik“ zu schärfen. Dies erscheint umso notwendiger, als die romantische Lyrik häufig auf vereinfachende Klischees reduziert wird. Durch eine leichtfertige und unreflektierte Typisierung entsteht ein verzerrtes Bild der romantischen Lyrik, das nicht nur das vielgestaltige Aussagespektrum, sondern auch den Facettenreichtum und schließlich auch den Sinn dieser Lyrik vielfach verfehlt. Durch aufmerksame Lektüre ergibt sich dagegen ein ganz anderes Bild: Mit großem Gewinn lassen sich Gedichte der Romantik lesen und auch gedanklich am besten durchdringen, wenn man sie trotz allgemein-übergreifender Tendenzen ihres universalpoetischen Dogmas immer auch als unterschiedliche poetische Antworten und Reflexe auf einen bewegten und unsicheren zeitgeschichtlichen Hintergrund zu verstehen versucht.

Gerade die Verflechtung der romantischen Lyrik mit anderen literarischen Genres, aber auch mit der Kunst, der Musik und der (Zeit) Geschichte eröffnet den Blick auf jenen prekären politischen, sozialen und literarischen Umbruchkontext, in dem die damaligen Dichter lebten. Es versteht sich von selbst, dass ohne eine eingehende Vergegenwärtigung des historischen Kontextes die meisten Gedichte der deutschen Romantik unverständlich bleiben.

Wirkmächtig sind bei der Abgrenzung gegenüber der Klassik sowohl die Verklärung des Mittelalters als Projektionsfläche für die „gute alte Zeit“ als auch die Herausbildung eines nationalen Bewusstseins, das als Antwort auf die Kriege und Herrschaft Napoleons in zahlreichen patriotischen Gedichten Niederschlag gefunden hat. Die Lyrik der Romantik speist sich aus einem vielfach als krisenhaft empfundenen gesellschaftlichen Kontext. „Nirgend kann ich hier auf Erden / Jemals wieder glücklich werden“, so Novalis in seinem berühmten Gedicht Weinen muß ich, immer weinen (Vgl. S. 97 in diesem Band).

Bezieht man diese Aussage auf den historisch-politischen Kontext, dann liegt die Annahme nahe, dass der Lyrik der deutschen Romantik gerade auch dort politische und kulturtragende Bedeutung zuwächst, wo uns ihre spezifische Form der Bewältigung von Wirklichkeit auf den ersten Blick als Weltflucht erscheint.

Ausdrücklich hinzuweisen ist deshalb auf das augenfällige, als solches jedoch bisher viel zu wenig zur Kenntnis genommene Paradoxon, dass sich nicht wenige Gedichte der Romantik der landläufigen Vorstellung geradezu widersetzen, die wir uns von ihnen zu machen pflegen. Um es pointiert zu sagen: Gedichte der Romantik sind nicht immer romantisch, jedenfalls nicht nach heutigem Wortverständnis. Dieser scheinbare Widerspruch besitzt durchaus ein Irritationspotenzial, das sich jedoch leicht auflösen lässt. Das Selbst- und Weltverständnis der Romantiker – die sich selbst übrigens nicht so bezeichneten – hebt sich von den eher reizvoll-trivialen Assoziationen ab, die mit dem Stichwort „Romantik“ heutzutage verbunden werden.

Doch so unbestritten es ist, dass sich viele Gedichte der Romantik durch ein Höchstmaß an sprachlicher Kunst und einen musikalischen Rhythmus auszeichnen, die das poetische Rauschen der Wälder, das Funkeln der Sterne, das leise Fließen der Bäche und den nächtlichen Mondschein in einem außergewöhnlich schöpferischen Raum in Einklang bringen, so gewiss ist allerdings auch: Die Lyrik der Romantik evoziert gerade auch mit Hilfe solcher eingängigen Bilder, in der klaren Formgebung und im einfachen Volksliedton ebenso häufig eine scheinbare Schlichtheit, die mitunter ihre geheimnisvollen Abgründe, insbesondere das Unbehagen ihrer Autoren an der Gegenwart und damit ihren tieferen Sinn oder ihre besondere Brisanz vollständig zu verschleiern vermag.

Mit Recht weist Stefan Scherer darauf hin, dass der Eindruck von Einfachheit romantischer Gedichte künstlerisch erzeugt und daher gewollt ist. Treffend bezeichnet er diese artifizielle Einfachheit, die sich als Gestaltungsprinzip vorzugsweise an der Form und Sprache der romantischen Poesie beobachten lässt, als „künstliche Naivität“5. Charakteristisch für dieses ästhetische Verfahren ist, dass es Traum und Wirklichkeit, Kunst und Leben ineinander fließen lässt und sich dadurch vielfach dem Zugriff eingeschliffener oder vorgefertigter Lesarten entzieht.

Die Lyrik der Romantik lässt sich nicht pauschal bestimmen, aber sie strukturiert tendenziell ein gebrochenes Verhältnis der romantischen Dichter zu ihrer unmittelbaren gesellschaftlichen Gegenwart. Kompensiert wird die innere Abwendung der romantischen Dichter von den bürgerlichen Werten zum einen durch die Rückerinnerung an eine glückliche Vergangenheit und zum anderen durch das Streben nach einer poetischen Existenz, deren charakteristisches Merkmal die Ungewissheit ist. Zuhause fühlten sich die Romantiker nirgendwo. In ihren Liedern wird das Leid der Entfremdung häufig bereits durch eine melancholisch-dunkle Grundstimmung vermittelt. Dennoch bedarf es des genauen Hinhörens, um in die verborgenen Töne der romantischen Lyrik vordringen zu können.

Die Gedichte der Romantik sind meist reizvoll, oft schlicht verfasst, aber nirgends erschöpfen sie sich in frei schwebender Fantasie. Sie sind schlicht und schön, aber nicht in jedem Fall unschuldig. Das liegt zum Teil daran, dass sie immer schon jene rätselhafte Tiefe aufweisen, die zu einer stillen Reflexion über die dunklen „Lockungen der Welt“6 einlädt, denen der Mensch ausgesetzt ist. Damit strukturieren Gedichte der Romantik hinter der Maske der Naivität – allerdings in sehr unterschiedlicher Art und Weise – ein komplexes Wirklichkeitsmodell, das nicht nur, aber vor allem auch Heinrich Heine in exemplarischer Art und Weise aufgegriffen hat. Sein brillanter, bissig-ironischer und nicht selten parodistischer Umgang mit vertrauten romantischen Motiven bildet den Abgesang nicht nur auf die sentimentale Naturlyrik, sondern auf das poetische Programm der Romantik insgesamt.

Folgerichtig ist diese Anthologie darauf angelegt, Leserinnen und Lesern die Gedichte der Romantik als „Sternstunden“ der deutschen Lyrik ins Bewusstsein zu bringen. Schon recht nah kommt man dem Verständnis ihrer Eigenart, wenn man sich unvoreingenommen auf die romantischen Gedichte einlässt, die reich an poetischen Überraschungen sind. Eben in dieser Eigenschaft liegt ein wichtiges Merkmal der Originalität romantischer Ästhetik begründet. Heinrich von Ofterdingen, der Protagonist aus Novalis gleichnamigem Roman, spricht es deutlich aus: „Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt. Und was man glaubt, es sey geschehn, kann man von weitem erst kommen sehn“7.

Diese einmalige ästhetische Erfahrung lässt sich auch auf die Begegnung mit Gedichten der deutschen Romantik ausdehnen, insbesondere dann, wenn man sich bei ihrer Lektüre nicht auf die Oberfläche beschränkt. Doch was die Leserin oder der Leser dabei „erst von weitem kommen sehn“ mag, nimmt in jedem einzelnen Gedicht eine individuelle Gestalt an. Wohl deshalb kann man mit Hermann Hesse sagen: Jedem der hier versammelten Gedichte „wohnt ein Zauber inne“, und zwar als unendliches ästhetisches Sinnangebot, das es immer wieder neu einzulösen gilt.

Die hier vorgelegten Gedichte gehören, gemessen an ihrem Gehalt und ihrer künstlerischen Raffinesse, allesamt zu den großen dichterischen Leistungen der Romantik. Sie stehen nicht so sehr für das Typische, sondern vielmehr für das Wesentliche der romantischen Lyrik. Als Meisterwerke sind sie unverzichtbar für jeden, der die bis heute ungebrochene Attraktivität und Faszination deutscher Gedichte der Romantik neu oder wieder entdecken will. Dank ihrer überdauernden Strahlkraft ziehen die Gedichte der deutschen Romantik den Leser nach wie vor in ihren Bann und werden auch in der Zukunft einen bleibenden Stellenwert bewahren.

Herausgeber und Verlag wünschen eine ebenso anregende wie spannende Lektüre.

München, im Juli 2013

Y.M.

_________________

1 Wolfgang Frühwald (Hrsg): Gedichte der Romantik. Stuttgart 1984, S. 35.

2 Oskar Seidlin: Versuche über Eichendorff. Göttingen 1965, S. 47.

3 Wolfgang Nehring: Spätromantiker. Eichendorff und E.T.A Hoffmann. Göttingen 1997, S. 76.

4 Goethe: Rezension von Achim von Arnim und Clemens Brentano Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. In: Jenaische allgemeine Literaturzeitung, Nr. 18-19, 21-22. Januar 1806, S. 282.

5 Stefan Scherer: Künstliche Naivität. Lyrik der Romantik. In: Der Deutschunterricht 3 (2005), S. 44-54.

6 Wolfgang Frühwald, a.a.O., S. 33.

7 Novalis: Heinrich von Ofterdingen, Aus: Novalis Schriften. Herausgegeben von L. Tieck und Friedrich Schlegel. Wien 1827, S. 201

EDITORISCHE NOTIZ

Die vorliegende Anthologie enthält rund 255 Gedichte, darunter alle Bekannten und Beliebten. Die aufgenommenen Gedichte stammen überwiegend aus der Feder von „großen“ Lyrikern, die zu den Klassikern der Poesie der Romantik zählen. Doch die Anthologie bietet auch einige Entdeckungen, die als echte Überraschungen betrachtet werden dürfen. Aufgenommen sind Gedichte von randständigen oder inzwischen zu Unrecht fast in Vergessenheit geratenen Autoren, deren Texte jedoch im Lichte der neueren Romantik-Forschung ebenfalls als einschlägig für jene Epoche betrachtet werden können.

Als Textgrundlage dient die jeweils im Quellenverzeichnis ausgewiesene historisch-kritische Ausgabe. Für alle Gedichte, die noch nicht in einer editorisch-kritischen Ausgabe erschienen sind, wurde eine zuverlässige, wissenschaftlich anerkannte Referenzausgabe herangezogen. Die Wiedergabe der Gedichte folgt aus Gründen der Texttreue und der editorischen Standards in Orthografie, Interpunktion und Textgestalt den jeweiligen Vorlagen.

Lucija Karaman, Stephanie Irlbeck und Lukas Bauer, Danny Plank und Xaver Zimmermann haben entscheidenden Anteil an der Realisierung der vorliegenden Anthologie. Ihnen gilt der besondere Dank des Herausgebers für ihre Mitarbeit.

DIE AUTOREN UND IHRE GEDICHTE

Geordnet nach Geburtsjahr des Autors

JOHANN PETER HEBEL (1760–1826)

Sonntagsfrühe (Hochdeutsch)

JENS PETER BAGGESEN (1764–1826)

An Lilia

An Romantica

DOROTHEA SCHLEGEL (1764–1839)

Draußen so heller Sonnenschein

Mein Lied, was kann es Neues euch verkünden

AUGUST WILHELM SCHLEGEL (1767–1845)

Die Sylbenmaaße

Todten-Opfer

Variationen

ZACHARIAS WERNER (1768–1823)

Zwei Sonette

1. An mein Ideal

2. An die Teutschen

ERNST MORITZ ARNDT (1769–1860)

Abendlied

Klage um den kleinen Jakob

FRIEDRICH HÖLDERLIN (1770–1843)

Abendphantasie

Der Zeitgeist

Menschenbeifall

Heidelberg

Hälfte des Lebens

An die Hofnung

Blödigkeit

Dankgedicht an die Lehrer

Des Morgens

Die Heimath

Die Nacht

Lebensalter

Sonnenuntergang

Stimme des Volks

SOPHIE MEREAU (1770–1806)

Abschied an Dornburg

Durch Wälder und Felder, dem Tale entlang oh weh

In Tränen geh ich nun allein

FRIEDRICH SCHLEGEL (1772–1829)

An die Deutschen

Die Weltseele

Diana, heil’ge, wo sind deine Brüste?

Als die Sonne nun versunken

Das Ideal

Fantasie

Anruf

Bild des Lebens

Das Gedicht der Liebe

Der Dichter [Der schwarze Mantel will sich dichter falten]

Der Dichter [Was wünschen und was streben alle Sinnen?–]

Rückkehr zum Licht

Spruch

FRIEDRICH VON HARDENBERG (NOVALIS, 1772–1801)

Fern in Osten wird es helle

Weinen muss ich, immer weinen

Ich sehe dich in tausend Bildern

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Hymnen an die Nacht

LUDWIG TIECK (1773–1853)

Der Arme und die Liebe

Melankolie

Waldeinsamkeit

Antwort

Mondscheinlied

Die Phantasie

An einen jüngeren Dichter

An Novalis

Einsamkeit

Der Dichter

Wunder der Liebe

Glosse

Auf der Reise

Heimweh

Erster Anblick von Rom

WILHELM HEINRICH WACKENRODER (1773–1798)

Das Meer

Siehe wie ich trostlos weine

Arion

Süße Ahndungsschauer gleiten

Wenn die Ankerstricke brechen

CASIMIR ULRICH BOEHLENDORFF (1775–1825)

Auf dem See

Der Wechsel

Einsamkeit

Elegie

Er sieht die Sonne schwinden

FRIEDRICH WILHELM JOSEPH VON SCHELLING (1775–1854)

Lied

HEINRICH VON KLEIST (1777–1811)

Germania an ihre Kinder

FRIEDRICH BARON DE LA MOTTE FOUQUÉ (1777–1843)

Frühlingsblüthe, Mayenwind

Liebe Geige, bist zertrümmert

Mutter geht durch ihre Kammern

CLEMENS BRENTANO (1778–1842)

Abschied

Sprich aus der Ferne

Abendständchen

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Du Herrlicher! Den kaum die Zeit erkannt

Ich träumte hinab in das dunkle Tal

In dir ringelt die Träne

Schwanenlied

An den Engel in der Wüste

Der Spinnerin Nachtlied

Die Gottesmauer

O Stunde, da der Schiffende bang lauert

Ach alles geht vorbei

Wie so leis die Blätter wehn

Was reif in diesen Zeilen steht

Auf dem Rhein

Wie wird mir? Wer wollte wohl weinen

Laß rauschen, Lieb, laß rauschen

Lureley

Wenn ich ein Vöglein wär

Wiegenlied

FRIEDRICH GOTTLOB WETZEL (1779–1819)

Das Sonnett

Philosophische Poesie

KAROLINE VON GÜNDERRODE (1780–1806)

Liebe

Der Adept

Der Kuß im Traume

Die eine Klage

Überall Liebe

Zueignung

ACHIM VON ARNIM (1781–1831)

Wie die Stunden rennen

Mir ist zu licht zum Schlafen

Getrennte Liebe

Ahndungen

Dichterlohn

Lehrgedicht an die Jugend

Liebeszweifel

Ritt im Mondenschein

ADELBERT VON CHAMISSO (1781–1838)

Tragische Geschichte

Das Schloß Boncourt

Der Invalid im Irrenhaus

Die zwei Grenadiere

Geh du nur hin!

Lied

Sehnsucht

Was soll ich sagen?

HELMINA VON CHÉZY (1783–1856)

Ach, wie wär’s möglich dann

Ich bin so reich in deinem Angedenken

MAX VON SCHENKENDORF (1783–1817)

Freiheit

Der Dom zu Köln

Weihnachtslied

BETTINA VON ARNIM (1785–1859)

Seelied

Wer sich der Einsamkeit ergibt

OTTO HEINRICH GRAF VON LOEBEN (1786–1825)

An Novalis

Loreley

Sprache der Poesie

Variazion

Welt und Herz

Wird die Plage nimmer enden

WILHELM FREIHERR VON EICHENDORFF (1786–1849)

Schwermuth und Entschluß

Die zauberische Venus

An meinen Bruder Josef

Ein Zauberwald

Wiedergenesung des Dichters

JUSTINUS KERNER (1786–1862)

Wanderlied

Der Wanderer in der Sägmühle

Der Zopf im Kopfe

Abschied

Alphorn

Icarus

Wo zu finden?

LUDWIG UHLAND (1787–1862)

An den Tod

Das Schloß am Meere

Schäfers Sonntagslied

Der Traum

Des Knaben Berglied

Dem Künstler

Die Sonette

Der gute Kamerad

Der Rezensent

Der Wirtin Töchterlein

Frühlingsglaube

Vorwärts!

Das Schwert

Des Sängers Fluch

Schlußsonett

Schwäbische Kunde

Unstern

Die neue Muse

Kreislauf

JOSEPH FREIHERR VON EICHENDORFF (1788–1857)

Die Zauberin im Walde

An A…

Abendständchen

Min<n>elied

An Maria

Das zerbrochene Ringlein

Abschied

Frische Fahrt

Zwielicht

Zeichen

Die blaue Blume

Die zwei Gesellen

Der verspätete Wandrer

Der Abend

Der wandernde Musikant

Denkst du des Schloßes noch auf stiller Höh?

Morgenständchen

Die Nacht

Lockung

Schöne Fremde

Sehnsucht

Der wandernde Student

Die Nachtblume

Zauberblick

Auf meines Kindes Tod

Frühlingsnacht

Mondnacht

Neue Liebe

Trennung

Ein Eiland, das die Zeiten nicht versanden

Wünschelruthe

Verloren

Nachtzauber

THEODOR KÖRNER (1791–1813)

Aufruf

Abschied vom Leben

Vor Rauchs Büste der Königin Louise

GUSTAV SCHWAB (1792–1850)

Böse Stunden

Der Feiertag

Der Gefangene

Der Reiter und der Bodensee

Heuernte

Nachruf

Rückblick

WILHELM MÜLLER (1794–1827)

Wanderschaft

Wohin?

Ungeduld

Brüderschaft

Der Liebe Zeit

Nachtwandlerin Liebe

Der Liebe Morgenröthe

Gefrorene Thränen

Erstarrung

Der Lindenbaum

Die Post

Letzte Hoffnung

Freiheit im Wein

Guter Wein, gut Latein

Das Irrlicht

Der Leiermann

Morgenlied

Der Wassermann

HEINRICH HEINE (1797–1856)

Ich wollte meine Lieder

Die Grenadiere

Belsatzar

Die Botschaf

Vergiftet sind meine Lieder

Die Linde blühte, die Nachtigall sang

Ein Jüngling liebt ein Mädchen

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

An deine schneeweiße Schulter

Der Mond ist aufgegangen

Die Jahre kommen und gehen

Wer zum erstenmale liebt

Wanderlied

Die Ilse

Abenddämmerung

Nachtgedanken

An A. W. v. Schlegel

Das Fräulein stand am Meere

Die Heimführung

Wenn ich in deine Augen seh’

LUISE HENSEL (1798–1876)

Nachtgebet

WILHELM HAUFF (1802–1827)

Amor der Räuber

Stille Liebe

Sehnsucht

Treue Liebe

Reiters Morgenlied

Trost

Schlägerlied

Der Kranke

Hans Huttens Ende

An Emilie

DIE GEDICHTE DER DEUTSCHEN ROMANTIK
JOHANN PETER HEBEL
Sonntagsfrühe

Hochdeutsch

Der Samstag hub zum Sonntag an:

„Jetzt ruhn sie alle, Nachbarsmann!

Sie sind vom Schaffen her und hin

Gar weidlich müd an Seel und Sinn;

Mir selbst will’s bald nicht besser gehn,

Kann kaum noch auf den Beinen stehn.“

Er spricht’s, und von der Mitternacht

Wird er nun auch ins Bett gebracht.

Der Sonntag spricht: „Jetzt ist’s an mir!“

Gar heimlich schließt er seine Tür.

Schlaftrunken noch und gar gemach

Schwankt er den Sternlein hintennach.

Doch jetzt reibt er die Augen aus

Und kommt der Sonn an Tür und Haus;

Sie schläft im stillen Kämmerlein.

Er klopft und pocht ans Fensterlein

Und ruft ihr zu: „‘s ist an der Zeit!“

Die Sonne sagt: „Bin auch bereit.“

Und leise auf den Zehen geht

Und heiter auf den Bergen steht

Der Sonntag. Und das Tal entlang

Schläft alles noch; mit stillem Gang

Tritt er ins Dorf hinein und spricht

Zum Hahne: „Du, verrat mich nicht!“

Wenn alles endlich ist erwacht,

Geschlafen hat die ganze Nacht,

So steht er da im Sonnenschein,

Guckt zu den Fenstern uns herein

Mit seinen Augen, mild und gut,

Und mit dem Sträußchen auf dem Hut.

Drum meint er’s treu, und was ich sag,

Es freut ihn, wenn man schlafen mag

Und meint, es sei noch dunkle Nacht,

Wann längst die Sonn am Himmel lacht.

Drum kam er auch so leis heran

Und sieht so lieblich jetzt uns an.

Wie glitzert rings auf Gras und Laub

Vom Morgentau der Silberstaub!

Wie weht so frische Maienluft

Voll Kirschenblüt und Schlehenduft!

Und’s Bienlein sammelt ohne Frist;

Es weiß nicht, daß es Sonntag ist.

Wie prangt nicht in dem Gartenland

Der Kirschenbaum im Maigewand!

Und blaue Veilchen, Tulipan’

Und Sternenblümchen nebendran

Und Hyazinthen, daß man traun

Meint, in das Paradies zu schaun!

Und’s ist so still und heimt uns so,

Man ist so ruhig und so froh.

Man hört im Dorf kein Hüst und Hott;

Nur Guten Tag! und Dank Euch Gott!

Und Gott sei Lob! ein schöner Tag!

Ist alles, was man hören mag.

Und’s Vöglein sagt:„Ei freilich ja!

Potztausend, ja, er ist schon da!

Er dringt mit seinem Himmelsstrahl

Durch Blüt und Laub in Berg und Tal!“

Und’s Distelfinkchen vornean

Hat’s Sonntagsröckchen angetan.

Wie? Läuten sie nicht da schon ein?

Der Pfarrer muß heut eilig sein.

Geh, brich ein paar Aurikeln ab;

Doch wisch mir ja den Staub nicht ab;

Und prangst Du, Gundel, in dem Staat,

Halt ich ein Sträußchen dir parat!

JENS PETER BAGGESEN
An Lilia

Was ich Göttliches fand

In hellen begeisterten Stunden –

Was schön ich gedacht, und empfunden,

Mit sorgsamer Hand

Erlas ich; und pflanzt’ es, mit heiligem Streben

Nach himmlischen Blumen, in’s endliche Leben.

Und es hub sich empor,

Wie Blümchen umher auf der Heiden,

Von tönenden Freuden und Leiden

Ein lieblicher Flor.

Da trat aus der Fern’ ein geharnischter Riese

Mit blutigem Fuß auf die singende Wiese.

Und der Rohe zertrat

(Ich fühle mit zuckenden Schmerzen

Der Lieder Ermordung im Herzen)

Die keimende Saat.

Ach! alle die Blumen im holden Entstehen,

Ich sah sie für immer, so wähnt’ ich, vergehen.

Eine Lilie stand

Dicht neben mir, ohne zu beben –

Wie starrte mein innerstes Leben,

Als diese verschwand!

Es welkte der Flor, es verstummten die Lieder –

Ich sank in der Mitte der Sterbenden nieder.

Doch es schwebte herab

Vom Himmel ein goldener Knabe,

Und nahte mit silbernem Stabe

Dem blumigen Grab;

Und blickte mit Seufzen, und blickte mit Weinen

Auf alle die Stengel der sterbenden Kleinen.

Und es rührte sich leis’

In jedem bethräneten Stengel –

Da schlug um sie alle der Engel

Den segnenden Kreis;

Und blickte mit Lächeln voll himmlischer Güte

Auf jede nun wieder sich hebende Blüthe.

Und es regte sich tief

Im Busen der Kleinen so wonnig,

So selig, so süß, und so sonnig,

Die Seele, die schlief;

Und hold in der Kelch’ und der Stengelchen Beben

Erwachte der Duftenden tönendes Leben.

Mit dem Lilienstab

Berührte sie leise der Engel –

Da lösten vom zitternden Stengel

Die Blumen sich ab;

Und flogen hinauf in ätherische Lüfte,

Darbringend dem holden Erlöser die Düfte.

Wer den Riesen gekannt,

Der jegliche Blüthe zerstöret,

Dem jetzo die Heide gehöret,

Dem ist er genannt.

Das goldene Kind mit dem silbernen Stengel,

Du, himmlische Lilia, du warst der Engel!

An Romantica

Sonett

Es flossen Blitz’ aus jedem Edelsteine;

Mondstrahlen träufelten aus allem Golde;

Es weinte Liebesfunken jede Holde;

Rings dampften alle Berge Glut vom Weine;

Die Fluten alle loderten – nicht eine

Der Flammen, die da stehn in Lichtes Solde,

Vom Glanz der Sterne, bis zum Schein der Dolde,

Blieb übrig – jede Blüthe ward die deine.

Geathmet all’ in einem einz’gen Kusse,

Sich selbst in neuer Strahlung zu gebähren,

Verschlang sie dein jungfräulich keusches Dunkel.

So that dein Schoos, durchbohrt vom Himmel, Buße;

Und die Empfängniß selig zu bewähren,

Gebahrst du den schwarzleuchtenden Karfunkel.

DOROTHEA SCHLEGEL

»Draußen so heller Sonnenschein,

Alter Mann, laß mich hinaus!

Ich kann jetzt nicht geduldig sein,

Lernen und bleiben zu Haus.

Mit lustigem Trompetenklang

Ziehet die Reuterschar dort,

Mir ist im Zimmer hier so bang,

Alter Mann, laß mich doch fort!«

Er bleibt ungerührt,

Er hört mich nicht:

»Erlaubt wird, was dir gebührt,

Tust du erst deine Pflicht!«

Pflicht ist des Alten streng Gebot;

Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,

Du fühlst nur ungerechte Not,

Und Tränen netzen dein Gesicht.

Wenn es dann längst vorüber ist,

Wonach du trugst Verlangen,

Dann gönnt man dir zu spät die Frist,

Wenn Klang und Schein vergangen!

Was du gewähnt,

Wonach dich gesehnt,

Das findest du nicht:

Doch bleibt betränt

Noch lang dein Gesicht.

[1802]

Mein Lied, was kann es Neues euch verkünden?

Und welche Weisheit, Freunde, fordert ihr?

Der Hohen meine Jugend zu verbünden,

Dies, wie ihr wißt, gelang noch niemals mir.

Noch Neu, noch Alt wußt’ ich je zu ergründen;

Das Schicksal gönn’ im Alter Weisheit mir.

Wir irren alle, denn wir müssen irren,

Gelassen mag die Zeit den Knäul entwirren.

Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund,

Gar schroffe Klippen führen drüber hin,

Die furchtbar hängen über’m finstern Schlund;

Wer strauchelt, dem ist sichrer Tod Gewinn!

Ein Müder wankt an Geist und Gliedern wund

Daher, schaut bang hinab, kalt graust der Sinn:

Am Felsen spielt ein Kind, sorglos bemühet

Ein Blümchen pflückend, das am Abgrund blühet.

Oft mühten sinnreich Dichter sich und Weise,

Das Leben mit dem Leben zu vergleichen.

Am glücklichsten geschah’s im Bild der Reise!

Ein Tor eröffnet Armen sich, wie Reichen;

Früh ausgewandert auf gewohntem Gleise

Sieht er die Dämmrung kaum dem Licht entweichen,

So treibt der Wahn, ihm dürf’s allein gelingen,

Rastlos in nie erreichte Fern’ zu dringen.

Es türmen Felsen sich in seinen Wegen,

Des Mittags Strahlen glühn auf seinem Haupt,

In Wüsten Sands muß sich der Fuß bewegen,

Ein Ungewitter naht, der Sturmwind schnaubt,

Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen?

Es seufzt nach Ruh’, wem stolzer Mut geraubt;

In später Nacht, doch tausendfält’ger Not

Kömmt er ans Ziel – und dieses ist – der Tod!

Der Jüngling tritt, von Ahndung fortgezogen,

Zur Schwelle hin, die in das Leben führt.

An seiner Schulter tönt der goldne Bogen

Der Göttin, so die Welt ihm hold verziert,

Der Phantasie, die ihn auf kühnen Wogen

Sanft fortreißt, ihn mit bunten Bildern rührt.

Wenn er dann so nach schönen Träumen hascht,

Wird unbewußt vom Glück er überrascht.

Gebt acht, gebt acht, Gelegenheit ist flüchtig,

Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen.

Obgleich zu nützen sie ein jeder tüchtig,

Dem’s klug gelang, sie nicht entfliehn zu lassen,

So ist dem Würdigen sie nie so wichtig,

Daß er von ihr sich mag bestimmen lassen.

Doch was hilft Mut, was mächtiges Bestreben

Dem Schiff, das tollen Stürmen preisgegeben?

So mancher hat gefunden, was zu suchen

Er gleichwohl nicht verstand, was zu gewinnen

Vergebens er, und mühvoll wird versuchen;

Mißlingen droht dem treulichsten Beginnen.

Wie viele hört man dann ihr Los verfluchen

Und klagen: »Glück! o mußtest du zerrinnen?«

Was traut ihr müßig auf des Glückes Gunst?

Natur sei Vorbild, Leben eine Kunst!

Wer hebt des Künstlers Mut in Kampf und Leiden

Als ferne Ahndung hoher heil’ger Liebe?

Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden

Als eignes Glück der süßen zarten Liebe?

Wo ist ein Port für Hohn und böses Neiden,

Als in den Armen frommer, treuer Liebe?

Und wird des Helden Stirn in Myrtenkränzen

Der Nachwelt schöner nicht, als Lorbeer glänzen?

[1802]

AUGUST WILHELM SCHLEGEL
Die Sylbenmaaße
1. Der Hexameter

Gleichwie sich dem, der die See durchschifft, auf offener

Meerhöh

Rings Horizont ausdehnt, und der Ausblick nirgend

umschränkt ist,

Daß der umwölbende Himmel die Schaar zahlloser

Gestirne,

Bei still athmender Luft, abspiegelt in blaulicher Tiefe:

So auch trägt das Gemüth der Hexameter; ruhig

umfassend

Nimmt er des Epos Olymp, das gewaltige Bild, in den

Schooß auf

Rhythmischer Fluth, urväterlich so den Geschlechten der

Rhythmen,

Wie vom Okeanos quellend, dem weit hinströmenden

Herrscher,

Alle Gewässer auf Erden entrieseln oder entbrausen.

Wie oft Seefahrt kaum vorrückt, mühvolleres Rudern

Fortarbeitet das Schiff, dann plötzlich der Wog’

Abgründe

Sturm aufwühlt, und den Kiel in den Wallungen schaukelnd

dahinreißt.

So kann ernst bald ruhn, bald flüchtiger wieder enteilen,

Bald, o wie kühn in dem Schwung! der Hexameter, immer

sich selbst gleich,

Ob er zum Kampf des heroischen Lieds unermüdlich sich

gürtet,

Oder, der Weisheit voll, Lehrsprüche den Hörenden

einprägt,

Oder geselliger Hirten Idyllien lieblich umflüstert.

Heil dir, Pfleger Homers! ehrwürdiger Mund der Orakel!

Dein will ferner gedenken ich noch, und andern

Gesanges.

2. Die Elegie

Als der Hexameter einst in unendlichen Räumen des Epos

Ernst hinwandelnd, umsonst innigen Liebesverein

Suchte, da schuf aus eignem Geblüt ihm ein weibliches

Abbild

Pentametrea, und ward selber, Apoll, Paranymph

Ihres unsterblichen Bundes. Ihr sanft anschmiegend

Umarmen

Brachte dem Heldengemahl, spielender Genienschaar

Ähnlich, so manch anmuthiges Kind, elegeische Lieder.

Er sah lächelnd darin sein Maeonidengeschlecht.

So, freiwillig beschränkt, nachläßigen Gangs, in der

Rhythmen

Wellenverschlingungen, voll lieblicher Disharmonie,

Welche, sich halb auflösend, von neuem das Ohr dann

fesselnd,

Sinnigen Zwist ausgleicht, bildeten dich, Elegie,

Viel der Hellenischen Männer und mancher in Latium,

jedes

Liebebewegten Gemüths linde Bewältigerin.

3. Der Jambe

Wie rasche Pfeile sandte mich Archilochos

Vermischt mit fremden Versen, doch im reinsten Maaß,

Im Rhythmenwechsel meldend seines Muthes Sturm.

Hoch trat und fest auf, dein Kothurngang, Aeschylos;

Großart’gen Nachdruck schafften Doppellängen mir,

Samt angeschwellten Wörterpomps Erhöhungen.

Fröhlicheren Festtanz lehrte drauf Aristophanes,

Labyrinthischeren: die verlarvte Schaar anführend ihm,

Hingaukl’ ich zierlich in der beflügelten Füßchen Eil.

4. Der Choliambe oder Skazon

Der Choliambe scheint ein Vers für Kunstrichter,

Die immerfort mit sprechen, ob’s gleich schlecht fort will,

Und eins nur wissen sollten, daß sie nichts wissen:

Wo die Kritik hinkt, muß ja auch der Vers lahm seyn.

Wer sein Gemüth labt am Gesang der Nachteulen,

Und wenn die Nachtigall beginnt, das Ohr zustopft,

Dem sollte man’s mit scharfer Dissonanz abhaun.

Todten-Opfer
I. Sinnesänderung

Was plötzlich abgebrochen,

War dennoch ausgesprochen

Dem ordnenden Gefühl:

Ein Lied war mir die Jugend,

Der Fall der Heldentugend

Ein göttlich Trauerspiel.

Doch bald ist mir zerronnen

Der Muth, so dies begonnen,

Die G’nügsamkeit in Dunst.

Gefesselt vom Verhängniß

Im irdischen Gefängniß:

Was hilft mir weise Kunst?

Die Rose, kaum entfaltet,

Doch süßer mir gestaltet

Als aller Schmuck der Welt,

Die hat ein Wurm gestochen,

Die hat der Tod gebrochen,

Die hat der Sturm gefällt.

Nun schau’ ich zu den Sternen,

Zu jenen ew’gen Fernen,

Wie tief aus öder Kluft;

Und, ihre blauen Augen

Dem Himmel zu entsaugen,

Küss’ ich die leere Luft.

O, werde mein Orakel,

Du, die du ohne Makel

Der falschen Welt entflohst!

Sieh mich in meiner Demuth

Und hauch’ in meine Wehmuth

Der zarten Liebe Trost.

Wenn dort die Ros’ erblühte,

So sey die heil’ge Güte

Endlos gebenedeyt.

Zwar sehnlich werd’ ich schmachten,

Doch nicht vermessen trachten

Aus dieser Sterblichkeit.

Wo ich mich wiederfinde

Bey meinem süßen Kinde,

Muß Heil seyn, Wonn’ und Licht.

Sie wird, wenn meiner Zungen

Der Klage Laut verklungen,

Mein himmlisches Gedicht.

Den strahlenden Karfunkel

Nahm ich in grausem Dunkel

Der Schlange Tod vom Haupt.

Ich will ihn bey mir tragen,

In allen Lebenstagen

Wird er mir nie geraubt.

II. Auf der Reise

Von ferne kommt zu mir die trübe Kunde.

Es trennt mich ein Gebirg mit Wald und Klüften,

Blau dämmernd in des Horizontes Düften,

Von dort, wo ich erlitt die Todeswunde.

Da mach’ ich auf die Wandrung mich zur Stunde:

Wo Bäche stürzend rauschen in den Schlüften,

Wo Felsen sich gewölbt zu dunkeln Grüften,

Da ist der Pfad mit meinem Sinn im Bunde.

Hier reiste jüngst hindurch, die ich betraure,

Nicht achtend auf des schroffen Wegs Beschwerde;

Zur heitern Landschaft südlich hingezogen.

Mai wars, nun heißt es Sommer, und ich schaure

Von kaltem Sturm; ihr ward zum Grab die Erde:

Der Lenz hat Allen, Jugend ihr gelogen.

III. Der Gesundbrunnen

Der Himmel lacht, es wehen warme Lüfte,

Die Gauen blühn ringsum mit Wein und Korne.

Hier schirmen Hügel vor des Nordwinds Zorne

Ein kleines Thal voll frischer Wiesendüfte.

Und es ergießt der Schooß der kühlen Klüfte

Heilsamen Trank in ewig regem Borne.

Da fällt mich die unheimliche, verworrne

Vorahndung an: hier sind auch Todtengrüfte.

Kannst du dich so, Natur, mit Mord besudeln?

Wie, oder war dir jede Kraft und Tugend

Vom unerbittlichsten Gestirn gebunden?

Ja, hier, wo selbst die Quellen Leben sprudeln,

Hat, in der Rosenfülle froher Jugend,

Mein süßes Leben seinen Tod gefunden.

IV. Der erste Besuch am Grabe

Schon Wochen sind es, seit sie hier versenket

Den süßen Leib, von aller Huld umflossen,

Der das geliebte Wesen eingeschlossen,

Zu dem umsonst mein Sehnen nun sich lenket.

Welk ist der Kranz, dem Grabe frisch geschenket,

Und nicht ein Halm dem Hügel noch entsprossen;

Die Sonne zielt mit glühenden Geschossen,

Noch Thau noch Regen hat den Staub getränket.

Auch werd’ ich dazu nicht des Himmels brauchen.

Kehr dich nur weg, fühlloses Weltenauge!

Ihr Wolken mögt euch anderswo ergießen.

Nur meine Thränen, heil’ger Boden, sauge!

Bei warmem Liebesblick und kühlem Hauchen

Der Seufzer sollen Wunderblumen sprießen.

V. Geliebte Spuren

Dich sollt’ ich hassen, und ich muß dich lieben,

Ort! der mein Kleinod geizig wollte haben,

Nicht um sich sein zu freun, es zu vergraben;

Selbst reicher nicht, indeß ich arm geblieben.

Hier sind noch ihre Spuren eingeschrieben:

Auf diesen Wiesen saß sie; Schatten gaben

Ihr Busch und Baum, und Früchte, sie zu laben;

Die Blumenlust ließ Au und Feld sie üben.

Hier sang sie noch dem Echo muntre Lieder;

Jungfräulich wandelnd im Cyanenkranze

Ließ sie das goldne Haar anmuthig flattern.

Bald aber sank sie, ach! entseelt danieder,

Wie den Gespielen weggerafft im Tanze

Eurydice vom Stiche falscher Nattern.

VI. Das Schwanenlied

Oft, wenn sich ihre reine Stimm’ erschwungen,

Schüchtern und kühn, und Saiten drein gerauschet,

Hab’ ich das unbewußte Herz belauschet,

Das aus der Brust melodisch vorgedrungen.

Vom Becher, den die Wellen eingeschlungen,

Als aus dem Pfand, das Lieb’ und Treu getauschet,

Der alte König sterbend sich berauschet,

Das war das letzte Lied, so sie gesungen.

Wohl ziemt sichs, daß der Lebensmüde Zecher,

Wenn dunkle Fluten still sein Ufer küssen,

In ihren Schooß dahingiebt all sein Sehnen.

Uns ward aus liebevoller Hand gerissen,

Schlank, golden, süßgefüllt, bekränzt, der Becher;

Und uns zu Füßen braust ein Meer von Thränen.

VII. Die himmlische Mutter

Der Himmel, sagt man, kann Gewalt erleiden.

O drängen meiner Blicke Liebespfeile

Die Wolken durch, daß ich an deinem Heile,

Geliebtes Kind, mein Herz doch möchte weiden!

Du mußtest von der treuen Mutter scheiden:

Ward eine Mutter droben dir zu Theile?

Wer sagt dir Tröstung, die dein Mitleid heile,

Wenn du so fern herabschaust auf uns beyden?

Ein heil’ges Wort hat Botschaft ja gesendet,

Dort walt’ ein weiblich Bild der Muttertriebe,

Das Herz der Welt, in ewigem Umarmen.

O, wenn von ernster Glorie Strahl geblendet,

Die zarte Seele flieht zum Schooß der Liebe:

Birg du, Maria, sie in deinen Armen!

VIII. An Novalis

Ich klage nicht vor dir: du kennst die Trauer;

Du weißt wie an des Scheiterhaufens Flammen

Die Liebe glüh’nder ihre Fackel zündet.

Der Freuden Tempel stürzt’ auch dir zusammen,

Es hauchten kalt herein des Todes Schauer,

Wo Reiz und Huld ein Brautgemach gegründet.

Drum sey mit mir verbündet,

Geliebter Freund, das Himmlische zu suchen,

Auf daß ich lerne, durch Gebet und Glauben

Dem Tod sein Opfer rauben,

Und nicht dem tauben Schicksal möge fluchen,

Deß Zorn den Kelch des Lebens mir verbittert,

Daß mein Gebein vor solchem Tranke zittert.

Du schienest, losgerissen von der Erde,

Mit leichten Geistertritten schon zu wandeln,

Und ohne Tod der Sterblichkeit genesen.

Du riefst hervor in dir durch geistig Handeln,

Wie Zauberer durch Zeichen und Geberde,

Zum Herzvereine das entschwundne Wesen.

Laß mich denn jetzo lesen,

Was deiner Brust die Himmel anvertrauen;

Das heil’ge Drüben zwar entweihen Worte,

Ließ’ auch die ew’ge Pforte

Noch wen zurück, er schwiege: laß nur schauen

Mein Aug’ in deinem, wenn ich bang erbleiche,

Den Wiederschein der sel’gen Geisterreiche.

Es ruft uns mit lebendigem Geräusche

Des Tages Licht zu irdischen Geschäften,

Ihr leiblich Theil verleihend den Naturen.

Die Sonne will auf sich den Blick nur heften,

Und duldet, daß sie allgebietend täusche,

Kein Jenseits an den himmlischen Azuren.

Doch wenn die stillen Fluren

Scheinbar die Nacht mit ihrer Hüll’ umdunkelt,

Dann öffnet sich der Räum’ und Zeiten Ferne;

Da winken so die Sterne,

Daß unserm Geist ein innres Licht entfunkelt.

Bey Nacht ward die Unsterblichkeit ersonnen,

Denn sehend blind sind wir im Licht der Sonnen.

Bey Nacht auch überschreiten kühne Träume

Die Kluft, die von den Abgeschiednen trennet,

Und führen sie herbey, mit uns zu kosen:

Wir staunen nicht, wenn ihre Stimm’ uns nennet,

Sie ruhn mit uns im Schatten grüner Bäume,

Derweil sich ihre Grüfte schon bemoosen.

Ach die erblichnen Rosen

Auf dem jungfräulich zarten Angesichte,

Das selbst der Tod, gleich nach der That versöhnet,

Entstellt nicht, nein, verschönet,

Erblühn mir oft im nächtlichen Gesichte,

Daß meine Brust ganz an dem Bilde hänget,

Wovon des Tags Gewühl sie weggedränget.

So ist mir jüngst das theure Kind erschienen,

Wie auferstanden aus der Ohnmacht Schlummer,

Eh noch das dumpfe Grab sie überkommen.

Uns Traurenden verscheuchte sie den Kummer,

Und waltete mit ihren süßen Mienen,

Als wäre sie der Heimath nie entnommen.

Doch heimlich und beklommen

Schlich sich der Zweifel ein in unsre Seelen:

Ob sie, uns angehörig, wahrhaft lebte?

Ob sie als Geist nur schwebte,

Den herben Tod uns freundlich zu verhehlen?

Und keiner wagte sie darum zu fragen,

Um nicht den holden Schatten zu verjagen.

Mir hat sich Traum und Wachen so verworren,

Und Grab und Jugend, daß ich schwankend zaudre

Nach irgend einem Lebensgut zu greifen.

Vor allen Blüthen steh’ ich fern und schaudre,

Als würden sie von einem Hauch verdorren,

Und nie zu labungsvollen Früchten reifen.

So muß ich unstät schweifen,

Aus meiner Liebe Paradies vertrieben,

Bis ich gelernt vom Ird’schen mich entkleiden,

Und an dem Troste weiden,

Daß diese Ding’ in leeren Schein zerstieben;

Und nur die drinnen wohnenden Gedanken

Sich ewiglich entfalten, ohne Wanken.

Geh hin, o Lied! und sage:

Du jugendlicher Himmelspäher, labe

Mit deiner Weihe den, der mich gesungen,

Daß er, emporgeschwungen

Zum Ziel des Sehnens, nicht versink’ am Grabe.

Ich bring’ ein Opfer für zwey theure Schatten,

Laß uns denn Lieb’ und Leid und Klage gatten.

IX. An denselben

Du Theurer, dem ich dieses Lied gesendet,

Muß ich dich selbst schon suchen bey den Todten?

Zur Todtenfeyer hab’ ich dich entboten:

Nun werd’ ein Todtenopfer dir gespendet.

Wer sich zu ferner Lieben Heimath wendet,

Dem wird gar mancher zarte Gruß geboten;

So find’ in dir mein Sehnen einen Boten,

Wenn je mein Herz dir liebend sich verpfändet.

Sag’ ihr: – doch in der Sprache jener Sphären

Verstummt der Laut des Schmerzes, den ich meyne,

Und diese Trauer läßt sich dort nicht nennen.

O könntest du den Perlenschmuck der Zähren

Ihr bringen, die ich ihr und dir nun weine!

Für wen sie fließen, weiß ich nicht zu trennen.

Variationen
Thema

Liebe denkt in süßen Tönen,

Denn Gedanken stehn zu fern,

Nur in Tönen mag sie gern

Alles, was sie will, verschönen.

I

Blumen, ihr seyd stille Zeichen,

Die aus grünem Boden sprießen,

Düfte in die Lüfte gießen

So das Herz zur Lieb’ erweichen.

Dennoch mögt ihr nicht erreichen

So das Herz, den Schmerz versöhnen,

Enden alles Leid und Stöhnen,

Daß ihr könntet als Gedanken

In den grünen Blättern schwanken:

Liebe denkt in süßen Tönen.

Wollt’ ich meine Liebe sprechen,

Ach! als Boten meiner Klagen

Sollte meine Hand nicht wagen

Bunte Blumen abzubrechen.

Still lass’ ich die Dornen stechen,

Wag’ die süßen Schmerzen gern,

Denn mir scheint kein günst’ger Stern,

Drum will ich nicht Worte hauchen,

Mag auch nicht Gedanken brauchen,

Denn Gedanken stehn zu fern.

Blumen, Worte und Gedanken.

Manche Sehnsucht mögt ihr stillen,

Manchen holden Wunsch erfüllen,

Manches Herz mag wohl euch danken.

Träume, süß, wie mich umwanken,

Denen bleibt ihr ewig fern;

Sie regiert ein andrer Stern.

Selbst der Purpurglanz der Rosen

Ist zu matt der Liebe: kosen

Nur in Tönen mag sie gern.

Hätt’ ich zarte Melodien

Sie als Boten wegzusenden,

Würde bald mein Leid sich enden,

Und mir alle Freude blühn.

Holde Liebe zu mir ziehn

Würd’ ich dann mit süßen Tönen,

Meinen Bund auf ewig krönen:

Denn mit himmlischen Gesängen

Kann Musik in goldnen Klängen

Alles, was sie will, verschönen.

[Sophie Bernhardi-Tieck]

II

Worte sind nur dumpfe Zeichen

Die Gemüter zu entziffern;

Und mit Zügen, Linien, Ziffern

Mag man Wissenschaft erreichen.

Doch aus den äther’schen Reichen

Läßt ein Bild des ew’gen Schönen

Nieder zu der Erde Söhnen

Nur in Licht und Ton sich schicken:

Liebe spricht in hellen Blicken,

Liebe denkt in süßen Tönen.

Liebe stammt vom Himmel oben,

Und so lehrte sie der Meister,

Welchen seine hohen Geister

In derselben Sprache loben,

Denn beseelt sind jene Globen.

Strahlend redet Stern mit Stern,

Und vernimmt den andern gern,

Wenn die Sphären rein erklingen.

Ihre Wonn ist Schaun und Singen,

Denn Gedanken stehn zu fern.

Stumme Zungen taube Ohren,

Die des Wohllauts Zauber fliehn,

Wachen auf zu Harmonien,

Wenn sie Liebe neu geboren.

Memnons Säule, von Auroren

Angeschienen leis und fern,

Haucht so aus dem starren Kern

Ihre Sehnsucht aus in Liedern,

Und der Mutter Gruß erwiedern

Nur in Tönen mag sie gern.

Musik ist die Kunst der Liebe,

In der tiefsten Seel’ empfangen

Aus entflammenden Verlangen

Mit der Demuth heil’gem Triebe.

Daß die Liebe selbst sie liebe,

Zorn und Haß sich ihr versöhnen,

Mag sie nicht in raschen Tönen

Bloß um Lust und Jugendscherzen

Sie kann Trauer, Tod und Schmerzen,

Alles, was sie will, verschönen.

III

Laß dich mit gelinden Schlägen

Rühren meine zarte Laute!

Da die Nacht hernieder thaute,

Müssen wir Gelispel pflegen.

Wie sich deine Töne regen,

Wie sie athmen, klagen stöhnen,

Wallt das Herz zu meiner Schönen,

Bringt ihr aus der Seele Tiefen

Alle Schmerzen, welche schliefen.

Liebe denkt in süßen Tönen.

Zu dem friedlichen Gemach,

Wo sie ruht in Blumendüften,

Laß noch in den kühlen Lüften

Tönen unser schmelzend Ach.

Halb entschlummert, halb noch wach

Angeblickt vom Abendstern

Liegt sie, und vernimmt wohl gern

In den leisen Harmonieen

Träume, Bilder, Phantasieen,

Denn Gedanken stehn zu fern.

Inn’ger, liebe Saiten, bebet!

Lockt hervor den Wiederhall!

Weckt das Lied der Nachtigall,

Und wetteifernd mit ihr strebet!

Doch wenn sie die Stimm’ erhebet,

Dann erkennet euren Herrn,

Lauscht demüthig und von fern.

Horch! schon singt der holde Mund,

Denn verrathen unsern Bund

Nur in Tönen mag sie gern.

Nun noch einmal, gute Nacht!

Und an deinem Lager säume

Nur der zärtlichste der Träume

Bis der Morgen wieder lacht.

Dann geh’ auf in stiller Pracht,

Wie der Tag den Erdensöhnen,

Meine Hoffnungen zu krönen.

Kann doch deine Blüthenjugend,

Unschuld, Anmuth, reine Tugend,

Alles, was sie will, verschönen.

IV

Hör’ ich durch die dunkeln Bäume

Nicht, wie sie sich rauschend neigen,

Wünsch’ aus treuem Busen steigen,

Die sich leise nahn, wie Träume?

Schwebt nicht durch die grünen Räume,

Was das Leben mag verschönen

Und mit aller Wonne krönen?

Fühl’ ich nicht, wie die Gedanken

Holder Liebe mich umwanken?

Liebe denkt in süßen Tönen.

Flieht, o Töne, flieht zurücke,

Wie ihr euch in Wipfeln schaukelt,

Schmeichlerisch mein Herz umgaukelt,

So ertrag’ ich nicht mein Glücke.

Trüget ihr doch meine Blicke

Wieder hin zu eurem Herrn,

Brauchtet euren Zauber gern,

Strömtet aus in süßen Klängen

Liebender Gefühle Drängen,

Denn Gedanken stehn zu fern.

Wie die Tön’ in Lüften schweben,

Blumen zitternd, wankend Gras,

Ach, sie alle fühlen das,

Was mich zwingt vor Lust zu beben.

Worte, euer regstes Streben

Ist mir ohne Mark und Kern;

Bleibt, o bleibt mir jetzo fern!

Was uns kann in Wonne tauchen

Weiß die Lieb’, und es verhauchen

Nur in Tönen mag sie gern.

Rührt die Zweige dann, ihr Winde!

Singet, bunte Vögelein!

Rauschet, klare Bäche, drein!

Daß ich also Bothen finde.

Denn verklungen, ach! geschwinde

Sind die Lieder, von den Tönen

Muß sich nun mein Ohr entwöhnen.

Darum spielt mit zartem Triebe,

Dient der Lieb’, es kann die Liebe

Alles, was sie will, verschönen.

[Sophie Bernhardi-Tieck]

ZACHARIAS WERNER
Zwei Sonnette
1.
An mein Ideal

Was Schönes in der Kunst und in dem Leben,

Es offenbaret sich den holden Frauen,

Entschleiert können sie die Sonne schauen,

Dieweil sie selbst in ew’ger Klarheit schweben.

Doch – welcher Gott den Liebreiz hat gegeben,

Die schafft zu Eden um die Erdenauen,

Und ihre Blicke, wo sie niederthauen,

Wol können sie den Keim zur Frucht erheben –

Durch heil’ge Schönheit will sich Gott

verkünden,

Der in der Klarheit wohnt, und in der Güte,

Dem Volke, das den reinen Sinn verloren.

Luise! du, der hohen Frauen Blüte,

Du bist zur Weihe teutscher Kraft erkoren,

Im Schmerz ein Reich der Schönheit zu begründen!

2.
An die Teutschen

Kraft, Freiheit, Glauben! – habt ihr es

vernommen?

Sie sind nicht außer euch, noch in den Dingen.

Das Herrliche, es kann euch noch gelingen,

Doch kann es euch nur aus euch selber kommen.

Seht, eure Stützen sind euch fortgeschwommen,

Vergebens mit dem Strom der Zeit zu ringen,

Das Schicksal nicht, nur euch könnt ihr bezwingen,

Das ist das Ziel des Starken und des Frommen.

Ihr saht nur Theile stets und nur das Viele,

Gesammelt wart ihr nie zum Ganzen, Einen,

Drum ist gekommen, was ihr selbst verschuldet.

Jetzt rettet euch zum einzigen Asile,

Flieht zur Idee, entflieht dem leeren Meinen,

Das Rechte thut und das Gerechte duldet.

ERNST MORITZ ARNDT
Abendlied

Der Tag ist nun vergangen,

Und dunkel schläft die Welt,

Die hellen Sterne prangen

Am blauen Himmelszelt;

Nur in den grünen Zweigen

Singt noch die Nachtigall,

Im weiten, tiefen Schweigen

Der einz’ge Lebensschall.

Ich aber, Vater, stehe

In meiner Hüttentür

Und schau hinauf zur Höhe

Und schau hinauf zu dir;

Wie gerne möcht ich klingen

Als helle Nachtigall,

Dir Preis und Dank zu bringen

Mit tiefem Schmerzenschall.

Ja, mit dem Schall der Schmerzen:

Denn geht die Nacht herauf,

So springt in meinem Herzen

Ein Quell der Tränen auf,

Der Tränen und der Klagen –

Du, Vater, weißt es best,

Was singen nicht und sagen,

Was sich nicht sprechen läßt.

Du kennest meinen Kummer,

Der auf gen Himmel blickt,

Wann für den süßen Schlummer

Die ganze Welt sich schickt,

Womit so schwer beladen

Mein Herz nach oben schaut,

Nach deinem Born der Gnaden,

Der Labsal niedertaut.

Ja, deine süße Liebe,

Die tröstet mir den Schmerz,

Ja, deine süße Liebe,

Die stillet mir das Herz,

Die löst in heißen Tränen

Das Eis des Busens auf

Und stellet Sinn und Sehnen

Zum hohen Sternenlauf.

O laß mich ewig schauen

Im stillen Kindersinn

Zu jenen güldnen Auen,

Woher ich kommen bin!

O richte Herz und Sinne,

Mein Vater, für und für

Zu deiner süßen Minne,

Zum Himmel hin, zu dir.

So mag ich froh mich legen

Nun mit der Welt zu Ruh,

Mein Amen und mein Segen,

Mein Wächter, das bist du;

So mag in deinem Frieden

Ich fröhlich schlafen ein,

Dort oben und hienieden

Im Schlaf und Wachen dein.

Klage um den kleinen Jakob

Wo ist der kleine Jakob geblieben?

Hatte die Kühe waldein getrieben,

Kam nimmer wieder.

Schwestern und Brüder

Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –

Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?

Es hat ihn ein Unterirdscher gefangen,

Muß unten wohnen,

Trägt goldne Kronen,

Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus –

Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!

Was macht der kleine Jakob da unten?

Streuet als Diener das Estrich mit bunten

Blumen und schenket

Wein ein und denket:

Wärest du wieder zum Wald hinaus!

Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!

So muß der kleine Jakob da wohnen,

Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,

Schuhe noch Kleider,

Weinet sich leider –

Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.

Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!

FRIEDRICH HÖLDERLIN
Abendphantasie

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sizt

Der Pflüger; dem Genügsamen raucht sein Heerd.

Gastfreundlich tönt dem Wanderer im

Friedlichen Dorfe die Abendgloke.

Wohl kehren jezt die Schiffer zum Hafen auch,

In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts

Geschäfttger Lärm; in stiller Laube

Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen

Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh

Ist alles freudig; warum schläft denn

Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;

Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint

Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,

Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Laid! –

Doch, wie verscheucht von thörichter Bitte, flieht

Der Zauber; dunkel wirds, und einsam

Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt

Das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja,

Du ruhelose, träumerische!

Friedlich und heiter ist dann das Alter.

[1800]

Der Zeitgeist

Zu lang schon waltest über dem Haupte mir

Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!

Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es

Trümmert und wankt ja, wohin ich blike.

Ach! wie ein Knabe seh ich zu Boden oft,

Such in der Höhle Rettung von dir, und möcht’,

Ich Blöder, eine Stelle finden,

Alleserschüttrer! wo du nicht wärest.

Lass endlich, Vater! offenen Augs mich dir

Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist

Mit deinem Stral aus mir gewekt? mich

Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Wohl keimt aus jungen Reben uns heil’ge Kraft;

In milder Luft begegnet den Sterblichen,

Und wenn sie still im Haine wandeln,

Heiternd ein Gott; doch allmächtger wekst du

Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst

Die Alten weise Künste; der Schlimme nur

Wird schlimmer, dass er bälder ende,

Wenn du, Erschütterer! ihn ergreiffest.

[1800]

Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,

Seit ich liebe? Warum achtet ihr mich mehr,

Da ich stolzer und wilder,

Wortereicher und leerer war?

Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplaz taugt,

Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;

An das Göttliche glauben

Die allein, die es selber sind.

[1800]

Heidelberg

Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,

Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,

Du, der Vaterlandsstädte

Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,

Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,

Leicht und kräftig die Brüke,

Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt ein Zauber einst

Auf der Brüke mich an, da ich vorüber gieng,

Und herein in die Berge

Mir die reizende Ferne schien,

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,

Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu

schön,

Liebend unterzugehen,

In die Fluthen der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen

Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn

All ihm nach, und es bebte

Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Aber schwer in das Thal hieng die gigantische,

Schiksaalskundige Burg, nieder bis auf den Grund

Von den Wettern zerrissen;

Doch die ewige Sonne goss

Ihr verjüngendes Licht über das alternde

Riesenbild, und umher grünte lebendiger

Epheu; freundliche Wälder

Rauschten über die Burg herab.

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Thal,

An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,

Deine fröhlichen Gassen

Unter duftenden Gärten ruhn.

[1801]

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

[1805]

An die Hofnung

Zweite Fassung von Bitte

O Hofnung! holde! gütiggeschäftige!

Die du das Haus der Trauernden nicht verschmähst,

Und gerne dienend, Edle! zwischen

Sterblichen waltest und Himmelsmächten.

Wo bist du? wenig lebt’ ich. Doch athmet kalt

Mein Abend schon. Und stille, den Schatten gleich

Bin ich schon hier; und schon gesanglos

Schlummert das schaudernde Herz im Busen.

Im grünen Thale, dort, wo der frische Quell

Vom Berge täglich rauscht und die liebliche

Zeitlose mir am Herbsttag aufblüht,

Dort, in der Stille, du holde, will ich

Dich suchen, oder wenn in der Mitternacht

Das unsichtbare Leben im Haine wallt,

Und über mir die immerfrohen

Blumen, die blühenden Sterne, glänzen,

O du des Äthers Tochter! erscheine dann

Aus deines Vaters Gärten und darfst du nicht

Ein Geist der Erde, kommen, schrök’, o

Schröke mit anderem nur das Herz mir.

Blödigkeit

Dritte Fassung von Dichtermuth

Sind denn nicht dir bekannt viele Lebendigen?

Geht auf Wahrem dein Fuss nicht, wie auf Teppichen?

Drum, mein Genius! tritt nur

Baar ins Leben und sorge nicht!

Was geschiehet, es sei alles gelegen dir!

Sei zur Freude gereimt, oder was könnte denn

Dich beleidigen, Herz, was

Da begegnen, wohin du sollst?

Denn, seit Himmlischen gleich Menschen, ein einsam

Wild,

Und die Himmlischen selbst führet, der Einkehr zu,

Der Gesang und der Fürsten

Chor, nach Arten, so waren auch

Wir, die Zungen des Volks, gerne bei Lebenden,

Wo sich vieles gesellt, freudig und jedem gleich,

Jedem offen, so ist ja

Unser Vater, des Himmels Gott,

Der den denkenden Tag Armen und Reichen gönnt,

Der, zur Wende der Zeit, uns die Entschlafenden

Aufgerichtet an goldnen

Gängelbanden, wie Kinder, hält.

Gut auch sind und geschikt einem zu etwas wir,

Wenn wir kommen, mit Kunst, und von den

Himmlischen

Einen bringen. Doch selber

Bringen schikliche Hände wir.

Dankgedicht an die Lehrer

Und würdigte einst eurer Weissheit Wille,

Der Kirche Dienst auch uns zu weih’n,

Wer Brüder säumt, dass er die Schuld des Danks erfülle,

Die wir uns solcher Gnade freun?

Froh eilt der Wanderer, durch dunkle Wälder,

Durch Wüsten, die von Hitze glühn,

Erblickt er nur von fern des Lands beglükte Felder,

Wo Ruh’ und Friede blühn.

So können wir die frohe Bahn durcheilen,

Weil schon das hohe Ziel uns lacht,

Und der Bestimmung Sporn, ein Feind von trägem

Weilen.

Uns froh und emsig macht.

Ja, dieses Glück, das, grösste Mäcenaten,

Ihr schenkt, soll nie ein träger Sinn,

Bey uns verdunkeln, nein! verehren Fleis und Thaten,

Und Tugend immerhin.

Euch aber kröne Ruhm und hohe Ehre,

Die dem Verdienste stets gebührt,

Und jeder künfftge Tag erhöhe und vermehre,

Den Glanz, der euch schon ziert.

Und was ist wohl für euch die schönste Krone?

Der Kirche und des Staates Wohl,

Stets eurer Sorgen Ziel, Wohlan, der Himmel lohne

Euch stets mit ihrem Wohl.

Des Morgens

Vom Thaue glänzt der Rasen; beweglicher

Eilt schon die wache Quelle; die Birke neigt

Ihr schwankes Haupt, und im Geblätter

Rauscht es und schimmert; und um die grauen

Gewölke streifen röthliche Flammen dort,

Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;

Wie Fluthen am Gestaade woogen

Höher und höher die Wandelbaren.

Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,

Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!

Denn offner fliegt, vertrauter dir mein

Auge, du Freudiger! zu, solang du

In deiner Schöne jugendlich blikst, und noch

Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist,

Du möchtest immer eilen, könnt ich,

Göttlicher Wandrer, mit dir! Doch lächelst

Des frohen Übermüthigen du, dass er

Dir gleichen möchte; seegne mir lieber denn

Mein sterblich Thun und heitre wieder,

Gütiger! heute den stillen Pfad mir!

Die Heimath

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,

Von Inseln fernher, wenn er geerndtet hat;

So käm’ auch ich zur Heimath, hätt’ ich

Güter so viele, wie Laid, geerndtet.

Ihr theuern Ufer, die mich erzogen einst,

Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,

Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich

Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel,

Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah,

Dort bin ich bald; euch, traute Berge,

Die mich behüteten einst, der Heimath

Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus

Und liebender Geschwister Umarmungen

Begrüss’ ich bald und ihr umschliesst mich,

Dass, wie in Banden, das Herz mir heile,

Ihr treugebliebnen! aber ich weiss, ich weiss,

Der Liebe Laid, diss heilet so bald mir nicht,

Diss singt kein Wiegensang, den tröstend

Sterbliche singen, mir aus dem Busen.

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,

Die Götter schenken heiliges Laid uns auch,

Drum bleibe diss. Ein Sohn der Erde

Schein’ ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Die Nacht

Seyd gegrüsst, ihr zufluchtsvolle Schatten,

Ihr Fluren, die ihr einsam um mich ruht;

Du stiller Mond, du hörst nicht, wie Verläumder lauren,

Mein Herz, entzükt von deinem Perlenglanz.

Aus der Welt, wo tolle Thoren spotten,

Um leere Schattenbilder sich bemühn,

Flieht der zu euch, der nicht das schimmernde Getümmel

Der eitlen Welt, nein! nur die Tugend liebt.

Nur bei dir empfindt auch hier die Seele;

Wie göttlich sie dereinst wird seyn,

Die Freude, deren falschem Schein so viel Altäre,

So viele Opfer hier gewiedmet sind.

Weit hinauf, weit über euch, ihr Sterne,

Geht sie entzükt mit heilgem Seraphsflug;

Sieht über euch herab mit göttlich heilgem Blike,

Auf ihre Erd, da wo sie schlummernd ruht …

Goldner Schlaf, nur dessen Herz zufrieden,

Wohlthätger Tugend wahre Freude kennt,

Nur der fühlt dich –. Hier stellst du dürfftig schwache

Arme

Die seine Hülfe suchen, vor ihn hin.

Schnell fühlt er des armen Bruders Leiden;

Der arme weint, er weinet auch mit ihm;

Schon Trost genug! Doch spricht er, gab Gott seine

Gaben

Nur mir? nein auch für andre lebe ich –.

Nicht von Stolz, noch Eitelkeit getrieben,

Kleidt er den nakten dann, und sättigt den,

Dem blasse Hungersnoth sein schwach Gerippe zählet;

Und himmlisch wird sein fühlend Herz entzükt.

So ruht er, allein des Lasters Sclaven

Quält des Gewissens bange Donnerstimm,

Und Todesangst wälzt sie auf ihren weichen Lagern,

Wo Wollust selber sich die Ruthe hält.

The free sample has ended.