Read the book: «Gedichte der deutschen Romantik»
»Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder«
NOVALIS
Gedichte der deutschen Romantik genießen einen besonderen Stellenwert: Sie gelten als die schönsten und populärsten Texte deutschsprachiger Lyrik. Von ihrer poetischen Faszination haben sie bis heute nichts verloren.
Die blaue Blume
Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, daß in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh’.
JOSEPH FREIHERR VON EICHENDORFF
Gedichte der deutschen Romantik
Gedichte
der deutschen
Romantik
Herausgegeben und eingeleitet
von Yomb May

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Stefanie Irlbeck und Lukas Bauer
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auf Rügen, Ölgemälde von Caspar David Friedrich, 1818
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ISBN: 978-3-8438-0407-3
www.marixverlag.de
„DIE BLAUE BLUME SEHN ICH MICH ZU ERBLICKEN“
NOVALIS
INHALT
Einleitung
Editorische Notiz
Die Autoren und ihre Gedichte
Die Gedichte der deutschen Romantik
Verzeichnis der Quellen
Bibliographie
Alphabetisches Verzeichnis der Gedichte
EINLEITUNG
Kaum eine andere Epoche deutschsprachiger Lyrik fasziniert so nachhaltig wie die Romantik (etwa 1790–1830). Selten zuvor waren deutsche Gedichte, sieht man etwa vom mittelalterlichen Minnesang ab, sehnsuchtsvoller, kunstvoller und zugleich tiefgründiger als sie uns im lyrischen Œuvre der Dichtergeneration begegnen, die unmittelbar nach Goethe (zum Teil auch parallel zu ihm) mit einem völlig neuen ästhetischen Programm in Erscheinung trat. Nicht umsonst gilt die Romantik als eine lyrische Epoche, die bis heute eine unbestrittene Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literaturgeschichte hat.
Zahlreiche Gedichte von Tieck, Novalis, Schlegel, Arnim, Brentano, Eichendorff und Heine – um nur einige prominente Vertreter zu nennen – genießen nachgerade einen einzigartigen Stellenwert. Nicht nur ragen sie in Gehalt und Kunstfertigkeit aus der deutschen Literaturgeschichte heraus, sondern zeichnen sich auch in vielfacher Hinsicht durch einen kaum überbietbaren Grad an ästhetischer Innovation und Selbstständigkeit aus. Viele von ihnen haben weltliterarische Bedeutung gewonnen.
Auch dank zahlreicher genialer Vertonungen durch Komponisten wie Schubert, Schumann, Mahler und Brahms sind unzählige Gedichte oder Gedichtzeilen der deutschen Romantik einem breiten Publikum bis in unsere Gegenwart bekannt. Als Melodie haben solche Gedichte gerade auch in Form von populären Volksliedern weit über die Grenzen der Literatur hinaus Verbreitung gefunden. Sie erfreuen sich nach wie vor international anhaltender musikalischer Rezeption.
Freilich ist die zeitlose Popularität der romantischen Lyrik von einzelnen bzw. isolierten Aspekten her schwer erklärbar. Gleichwohl besticht neben dem nahezu unüberschaubaren Textbestand und dem vielfältigen Repertoire an Formen, Themen und Motiven vor allem die außergewöhnliche sprachliche Schönheit, in der viele Gedichte der Romantik verfasst sind. Die hohe Musikalität romantischer Verse und die meist in einem schlichten, volksliedhaften Ton gehaltene Diktion strahlen hinein in einen vielfältig differenzierten Fundus an Sprachbildern und bildhaften Assoziationen. Diese besondere Ausformung poetischer Fantasie bildet einen einzigartigen ästhetischen Höhepunkt deutschsprachiger Lyrik.
Mit Recht wird der romantischen Lyrik ein herausragender Beitrag „zum Reichtum und zur Schönheit der deutschen Literatursprache“1 bescheinigt. Das zeigt sich beispielsweise an dem Gedicht Mondnacht von Eichendorff:
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müßt’,
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Dieses schlicht wirkende Gedicht zieht den Leser bereits durch den außergewöhnlichen Wortklang in seinen Bann. Verzaubert wird der Leser aber auch von dem unfassbaren dunklen Sinn des innigen Einklangs von Himmel und Erde. Hierbei entfaltet sich in der einfachen Darstellung der Landschaft in Verbindung mit der Schönheit der lyrischen Sprache ein besonderer ästhetischer Reiz. Nicht umsonst hat Oskar Seidlin die These aufgestellt, dass Eichendorffs Mondnacht zu den „zehn vollendeten Wundern deutscher Sprache“2 gehört. Bedeutenden Anteil an dieser Wahrnehmung haben nicht zuletzt die entfesselte schöpferische Fantasie, von der die romantischen Verse getragen sind, und die künstlerische Raffinesse ihrer Machart.
Gewiss nimmt Eichendorff eine exponierte Stellung als Lyriker der Romantik ein, tatsächlich aber sind jene Gedichte der deutschen Romantik, auf die diese in der fiktionalen Literatur einzigartigen Qualitätsmerkmale zutreffen, zahlreich. Die aus der poetischen Innovations- und Gestaltungskraft ausgehende ästhetische Wirkung bleibt unerschöpflich. Sie lässt Gedichte der Romantik immer wieder aufs Neue zu einem wahren Lesegenuss werden, sprechen sie doch Herz, Sinne und Verstand gleichermaßen an.
Der virtuose Kunstgriff, mit dem die von Friedrich Schlegel programmatisch geforderte ganzheitliche Poetisierung der Welt gedanklich und sprachkünstlerisch in der Lyrik der Romantik umgesetzt wird, hat einen einmaligen schöpferischen Anspruch. Diesem Konzept entspricht das vielberufene „Zauberwort“ Eichendorffs, das nicht nur dem Kunstverständnis der Romantik, sondern auch dem Gedicht als romantischem Wortkunstwerk ästhetische Anziehungskraft und Aktualitätswert verliehen hat. Anschauliche Bestätigung dafür liefern beispielsweise die Verse von Novalis berühmtem Gedicht:
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
[…]
Dann fliegt von einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Gerade in einer Zeit, in der Zahlen und Figuren den Lauf und das Verständnis der Welt zu bestimmen scheinen, rufen uns diese Zeilen in Erinnerung, dass das technisch-rationale Weltbild einer poetischen Ergänzung bedarf, um dem Menschen das verloren gegangene Gleichgewicht zurückzugeben. Schon dadurch wird die Aktualität des romantischen Weltverständnisses sichtbar – dies umso mehr, als die Sehnsucht nach der Heilung jenes Bruchs, der in der Zeit der Aufklärung zwischen Mensch und Natur aufgetreten ist, nach wie vor den Reiz der romantischen Gedichte ausmacht.
Auch der Zauber der romantischen Lyrik, so scheint es, ist heute noch wirksam. Zahlreiche Gedichte jener Zeit vermögen es nach wie vor, „seelische Saiten in uns“ anzurühren3, weil sie den Leser immer wieder auffordern, die eigenen Bilder und Fantasien zu entfalten. Johann Wolfgang Goethe, der ansonsten der romantischen Bewegung kritisch bis ablehnend gegenüberstand, wird man bis heute darin zustimmen dürfen, dass das künstlerische Schaffen der romantischen Dichter einen „unglaublichen Reiz“4 besitzt.
Ein Lesebuch, das die besten Gedichte der deutschen Romantik vorzustellen beabsichtigt, sieht sich vor die besondere Herausforderung gestellt, aus der Vielzahl von Gedichten weltberühmter Lyriker eine begrenzte Auswahl zu treffen. Eine solche Auswahl, wie gewissenhaft sie auch vorzugehen vermag, verkürzt. Denn mit jeder Entscheidung für ein bestimmtes Gedicht wird immer auch eine Entscheidung gegen andere Gedichte getroffen. Daher erscheint es geboten, dem Leser an dieser Stelle kurze Rechenschaft darüber abzulegen, welche editorischen Grundsätze und Besonderheiten die vorliegende Gedichtauswahl auszeichnen.
Die vorliegende Anthologie ist als eine Leseausgabe konzipiert. Sie vermittelt fundierten Einblick in die lyrische Produktion der gesamten Epoche der deutschen Romantik. Die aufgenommenen Gedichte stammen überwiegend aus der Feder von großen Lyrikern, die zu den Klassikern der Poesie der Romantik zählen. Doch die Anthologie enthält auch mit bisher weniger bekannten Gedichten von Karoline von Günderrode, Julius Kerner, Ludwig Uhland u.a.m. einige Entdeckungen, die zu echten Überraschungen zählen dürfen. Damit ist eine der wesentlichen Absichten der vorliegenden Anthologie erfüllt: dem Leser mehr von der Vielfalt der romantischen Lyrik zu bieten als nur die bekannten Texte.
Neu an dieser Anthologie ist der Versuch, den Leser der hier versammelten Gedichte an die Motiv- und Themenvielfalt, die zahlreichen Ausdrucksmöglichkeiten sowie die individuellen Schreib- und Verfahrensweisen der Autoren heranzuführen. Rasch wird der Leser einsehen, dass die permanente Überschreitung aller räumlichen und zeitlichen Grenzen, das ständige Aufbrechen zu neuen Ufern, auch in ästhetischer Hinsicht zum Grundkonzept der literarischen Romantik zählte. Die Lyrik der Romantik, so wie sie in dieser Anthologie präsentiert wird, ist auch als Ergebnis eines besonderen poetischen Universums zu verstehen, dessen Umrisse sich „in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen“ (Schlegel). Dies rechtfertigt die Aufnahme der Gedichte von Autoren wie Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist, die allenfalls unter Vorbehalt einer wie auch immer verstandenen Romantik zugerechnet werden.
Es ist folgerichtig, wenn sich die Auswahl der vorliegenden Gedichte nicht an einer gewaltsamen Konstruktion des „typisch“ Romantischen orientiert, das dem lyrischen Œuvre der deutschen Romantik ein normatives Verständnis aufzwingen würde. Die Romantik ist weniger ein normativer als vielmehr umstrittener, ja unklarer Begriff. Ihr Wesen ist, wie Oscar Wilde einmal treffend formulierte, „die Ungewissheit“. Deshalb zielt die hier vorgelegte Gedichtauswahl darauf ab, dem Leser ein authentisch differenziertes Weltbild der Romantik zu vermitteln, wie es in den Gedichten Niederschlag gefunden hat.
Mit Authentizität und Vielseitigkeit sind bereits zwei entscheidende Kriterien genannt, die für die Gedichtauswahl leitend waren. Nur so dürfte es gelingen, dem Leser einen möglichst repräsentativen Querschnitt der meistbehandelten Themen und Motive sowie der wichtigsten Gedichtformen der Romantik in überschaubarer Form anzubieten. Diese Lyrik stellt aber vor allem auch ein stilgeschichtliches Phänomen dar, d.h. sie lässt sich als das Werk von Dichtern mit ausgeprägtem sprachkünstlerischem Sinn lesen. Gezielt aufgenommen wurden deshalb Gedichte von hoher rhetorischer Qualität, also solche, die die sprachästhetische Ausdrucksstärke der romantischen Lyrik hör- und sichtbar werden lassen.
Eine weitere Besonderheit dieser Anthologie betrifft die Anordnung der Gedichte. Unter den verschiedenen Gruppierungsmöglichkeiten wurde die chronologische Anordnung gewählt. Demnach sind die ausgewählten Gedichte nach den Geburtsjahren und -daten der Autoren gereiht. Dabei stehen sie möglichst in der Folge, in der sie erstmals veröffentlicht wurden. Die eingeklammerte Jahreszahl in der Schlusszeile gibt, soweit ermittelbar, das Erscheinungsdatum an. Somit spiegelt sich in dieser Anordnung nicht nur das historische Fortschreiten des geistigen Phänomens der Romantik. Es zeigen sich auch Kontinuitäten, Brüche und Wandlungen in der Schaffensweise der jeweiligen Autoren.
Ziel dieser Anordnung ist es, den Blick nicht allein auf die Gedichte selbst, sondern auch auf ihren ursprünglichen Entstehungskontext und auf die Vieldeutigkeit des Begriffs „Romantik“ zu schärfen. Dies erscheint umso notwendiger, als die romantische Lyrik häufig auf vereinfachende Klischees reduziert wird. Durch eine leichtfertige und unreflektierte Typisierung entsteht ein verzerrtes Bild der romantischen Lyrik, das nicht nur das vielgestaltige Aussagespektrum, sondern auch den Facettenreichtum und schließlich auch den Sinn dieser Lyrik vielfach verfehlt. Durch aufmerksame Lektüre ergibt sich dagegen ein ganz anderes Bild: Mit großem Gewinn lassen sich Gedichte der Romantik lesen und auch gedanklich am besten durchdringen, wenn man sie trotz allgemein-übergreifender Tendenzen ihres universalpoetischen Dogmas immer auch als unterschiedliche poetische Antworten und Reflexe auf einen bewegten und unsicheren zeitgeschichtlichen Hintergrund zu verstehen versucht.
Gerade die Verflechtung der romantischen Lyrik mit anderen literarischen Genres, aber auch mit der Kunst, der Musik und der (Zeit) Geschichte eröffnet den Blick auf jenen prekären politischen, sozialen und literarischen Umbruchkontext, in dem die damaligen Dichter lebten. Es versteht sich von selbst, dass ohne eine eingehende Vergegenwärtigung des historischen Kontextes die meisten Gedichte der deutschen Romantik unverständlich bleiben.
Wirkmächtig sind bei der Abgrenzung gegenüber der Klassik sowohl die Verklärung des Mittelalters als Projektionsfläche für die „gute alte Zeit“ als auch die Herausbildung eines nationalen Bewusstseins, das als Antwort auf die Kriege und Herrschaft Napoleons in zahlreichen patriotischen Gedichten Niederschlag gefunden hat. Die Lyrik der Romantik speist sich aus einem vielfach als krisenhaft empfundenen gesellschaftlichen Kontext. „Nirgend kann ich hier auf Erden / Jemals wieder glücklich werden“, so Novalis in seinem berühmten Gedicht Weinen muß ich, immer weinen (Vgl. S. 97 in diesem Band).
Bezieht man diese Aussage auf den historisch-politischen Kontext, dann liegt die Annahme nahe, dass der Lyrik der deutschen Romantik gerade auch dort politische und kulturtragende Bedeutung zuwächst, wo uns ihre spezifische Form der Bewältigung von Wirklichkeit auf den ersten Blick als Weltflucht erscheint.
Ausdrücklich hinzuweisen ist deshalb auf das augenfällige, als solches jedoch bisher viel zu wenig zur Kenntnis genommene Paradoxon, dass sich nicht wenige Gedichte der Romantik der landläufigen Vorstellung geradezu widersetzen, die wir uns von ihnen zu machen pflegen. Um es pointiert zu sagen: Gedichte der Romantik sind nicht immer romantisch, jedenfalls nicht nach heutigem Wortverständnis. Dieser scheinbare Widerspruch besitzt durchaus ein Irritationspotenzial, das sich jedoch leicht auflösen lässt. Das Selbst- und Weltverständnis der Romantiker – die sich selbst übrigens nicht so bezeichneten – hebt sich von den eher reizvoll-trivialen Assoziationen ab, die mit dem Stichwort „Romantik“ heutzutage verbunden werden.
Doch so unbestritten es ist, dass sich viele Gedichte der Romantik durch ein Höchstmaß an sprachlicher Kunst und einen musikalischen Rhythmus auszeichnen, die das poetische Rauschen der Wälder, das Funkeln der Sterne, das leise Fließen der Bäche und den nächtlichen Mondschein in einem außergewöhnlich schöpferischen Raum in Einklang bringen, so gewiss ist allerdings auch: Die Lyrik der Romantik evoziert gerade auch mit Hilfe solcher eingängigen Bilder, in der klaren Formgebung und im einfachen Volksliedton ebenso häufig eine scheinbare Schlichtheit, die mitunter ihre geheimnisvollen Abgründe, insbesondere das Unbehagen ihrer Autoren an der Gegenwart und damit ihren tieferen Sinn oder ihre besondere Brisanz vollständig zu verschleiern vermag.
Mit Recht weist Stefan Scherer darauf hin, dass der Eindruck von Einfachheit romantischer Gedichte künstlerisch erzeugt und daher gewollt ist. Treffend bezeichnet er diese artifizielle Einfachheit, die sich als Gestaltungsprinzip vorzugsweise an der Form und Sprache der romantischen Poesie beobachten lässt, als „künstliche Naivität“5. Charakteristisch für dieses ästhetische Verfahren ist, dass es Traum und Wirklichkeit, Kunst und Leben ineinander fließen lässt und sich dadurch vielfach dem Zugriff eingeschliffener oder vorgefertigter Lesarten entzieht.
Die Lyrik der Romantik lässt sich nicht pauschal bestimmen, aber sie strukturiert tendenziell ein gebrochenes Verhältnis der romantischen Dichter zu ihrer unmittelbaren gesellschaftlichen Gegenwart. Kompensiert wird die innere Abwendung der romantischen Dichter von den bürgerlichen Werten zum einen durch die Rückerinnerung an eine glückliche Vergangenheit und zum anderen durch das Streben nach einer poetischen Existenz, deren charakteristisches Merkmal die Ungewissheit ist. Zuhause fühlten sich die Romantiker nirgendwo. In ihren Liedern wird das Leid der Entfremdung häufig bereits durch eine melancholisch-dunkle Grundstimmung vermittelt. Dennoch bedarf es des genauen Hinhörens, um in die verborgenen Töne der romantischen Lyrik vordringen zu können.
Die Gedichte der Romantik sind meist reizvoll, oft schlicht verfasst, aber nirgends erschöpfen sie sich in frei schwebender Fantasie. Sie sind schlicht und schön, aber nicht in jedem Fall unschuldig. Das liegt zum Teil daran, dass sie immer schon jene rätselhafte Tiefe aufweisen, die zu einer stillen Reflexion über die dunklen „Lockungen der Welt“6 einlädt, denen der Mensch ausgesetzt ist. Damit strukturieren Gedichte der Romantik hinter der Maske der Naivität – allerdings in sehr unterschiedlicher Art und Weise – ein komplexes Wirklichkeitsmodell, das nicht nur, aber vor allem auch Heinrich Heine in exemplarischer Art und Weise aufgegriffen hat. Sein brillanter, bissig-ironischer und nicht selten parodistischer Umgang mit vertrauten romantischen Motiven bildet den Abgesang nicht nur auf die sentimentale Naturlyrik, sondern auf das poetische Programm der Romantik insgesamt.
Folgerichtig ist diese Anthologie darauf angelegt, Leserinnen und Lesern die Gedichte der Romantik als „Sternstunden“ der deutschen Lyrik ins Bewusstsein zu bringen. Schon recht nah kommt man dem Verständnis ihrer Eigenart, wenn man sich unvoreingenommen auf die romantischen Gedichte einlässt, die reich an poetischen Überraschungen sind. Eben in dieser Eigenschaft liegt ein wichtiges Merkmal der Originalität romantischer Ästhetik begründet. Heinrich von Ofterdingen, der Protagonist aus Novalis gleichnamigem Roman, spricht es deutlich aus: „Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt. Und was man glaubt, es sey geschehn, kann man von weitem erst kommen sehn“7.
Diese einmalige ästhetische Erfahrung lässt sich auch auf die Begegnung mit Gedichten der deutschen Romantik ausdehnen, insbesondere dann, wenn man sich bei ihrer Lektüre nicht auf die Oberfläche beschränkt. Doch was die Leserin oder der Leser dabei „erst von weitem kommen sehn“ mag, nimmt in jedem einzelnen Gedicht eine individuelle Gestalt an. Wohl deshalb kann man mit Hermann Hesse sagen: Jedem der hier versammelten Gedichte „wohnt ein Zauber inne“, und zwar als unendliches ästhetisches Sinnangebot, das es immer wieder neu einzulösen gilt.
Die hier vorgelegten Gedichte gehören, gemessen an ihrem Gehalt und ihrer künstlerischen Raffinesse, allesamt zu den großen dichterischen Leistungen der Romantik. Sie stehen nicht so sehr für das Typische, sondern vielmehr für das Wesentliche der romantischen Lyrik. Als Meisterwerke sind sie unverzichtbar für jeden, der die bis heute ungebrochene Attraktivität und Faszination deutscher Gedichte der Romantik neu oder wieder entdecken will. Dank ihrer überdauernden Strahlkraft ziehen die Gedichte der deutschen Romantik den Leser nach wie vor in ihren Bann und werden auch in der Zukunft einen bleibenden Stellenwert bewahren.
Herausgeber und Verlag wünschen eine ebenso anregende wie spannende Lektüre.
München, im Juli 2013
Y.M.
_________________
1 Wolfgang Frühwald (Hrsg): Gedichte der Romantik. Stuttgart 1984, S. 35.
2 Oskar Seidlin: Versuche über Eichendorff. Göttingen 1965, S. 47.
3 Wolfgang Nehring: Spätromantiker. Eichendorff und E.T.A Hoffmann. Göttingen 1997, S. 76.
4 Goethe: Rezension von Achim von Arnim und Clemens Brentano Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. In: Jenaische allgemeine Literaturzeitung, Nr. 18-19, 21-22. Januar 1806, S. 282.
5 Stefan Scherer: Künstliche Naivität. Lyrik der Romantik. In: Der Deutschunterricht 3 (2005), S. 44-54.
6 Wolfgang Frühwald, a.a.O., S. 33.
7 Novalis: Heinrich von Ofterdingen, Aus: Novalis Schriften. Herausgegeben von L. Tieck und Friedrich Schlegel. Wien 1827, S. 201
EDITORISCHE NOTIZ
Die vorliegende Anthologie enthält rund 255 Gedichte, darunter alle Bekannten und Beliebten. Die aufgenommenen Gedichte stammen überwiegend aus der Feder von „großen“ Lyrikern, die zu den Klassikern der Poesie der Romantik zählen. Doch die Anthologie bietet auch einige Entdeckungen, die als echte Überraschungen betrachtet werden dürfen. Aufgenommen sind Gedichte von randständigen oder inzwischen zu Unrecht fast in Vergessenheit geratenen Autoren, deren Texte jedoch im Lichte der neueren Romantik-Forschung ebenfalls als einschlägig für jene Epoche betrachtet werden können.
Als Textgrundlage dient die jeweils im Quellenverzeichnis ausgewiesene historisch-kritische Ausgabe. Für alle Gedichte, die noch nicht in einer editorisch-kritischen Ausgabe erschienen sind, wurde eine zuverlässige, wissenschaftlich anerkannte Referenzausgabe herangezogen. Die Wiedergabe der Gedichte folgt aus Gründen der Texttreue und der editorischen Standards in Orthografie, Interpunktion und Textgestalt den jeweiligen Vorlagen.
Lucija Karaman, Stephanie Irlbeck und Lukas Bauer, Danny Plank und Xaver Zimmermann haben entscheidenden Anteil an der Realisierung der vorliegenden Anthologie. Ihnen gilt der besondere Dank des Herausgebers für ihre Mitarbeit.
DIE AUTOREN UND IHRE GEDICHTE
Geordnet nach Geburtsjahr des Autors
JOHANN PETER HEBEL (1760–1826)
Sonntagsfrühe (Hochdeutsch)
JENS PETER BAGGESEN (1764–1826)
An Lilia
An Romantica
DOROTHEA SCHLEGEL (1764–1839)
Draußen so heller Sonnenschein
Mein Lied, was kann es Neues euch verkünden
AUGUST WILHELM SCHLEGEL (1767–1845)
Die Sylbenmaaße
Todten-Opfer
Variationen
ZACHARIAS WERNER (1768–1823)
Zwei Sonette
1. An mein Ideal
2. An die Teutschen
ERNST MORITZ ARNDT (1769–1860)
Abendlied
Klage um den kleinen Jakob
FRIEDRICH HÖLDERLIN (1770–1843)
Abendphantasie
Der Zeitgeist
Menschenbeifall
Heidelberg
Hälfte des Lebens
An die Hofnung
Blödigkeit
Dankgedicht an die Lehrer
Des Morgens
Die Heimath
Die Nacht
Lebensalter
Sonnenuntergang
Stimme des Volks
SOPHIE MEREAU (1770–1806)
Abschied an Dornburg
Durch Wälder und Felder, dem Tale entlang oh weh
In Tränen geh ich nun allein
FRIEDRICH SCHLEGEL (1772–1829)
An die Deutschen
Die Weltseele
Diana, heil’ge, wo sind deine Brüste?
Als die Sonne nun versunken
Das Ideal
Fantasie
Anruf
Bild des Lebens
Das Gedicht der Liebe
Der Dichter [Der schwarze Mantel will sich dichter falten]
Der Dichter [Was wünschen und was streben alle Sinnen?–]
Rückkehr zum Licht
Spruch
FRIEDRICH VON HARDENBERG (NOVALIS, 1772–1801)
Fern in Osten wird es helle
Weinen muss ich, immer weinen
Ich sehe dich in tausend Bildern
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Hymnen an die Nacht
LUDWIG TIECK (1773–1853)
Der Arme und die Liebe
Melankolie
Waldeinsamkeit
Antwort
Mondscheinlied
Die Phantasie
An einen jüngeren Dichter
An Novalis
Einsamkeit
Der Dichter
Wunder der Liebe
Glosse
Auf der Reise
Heimweh
Erster Anblick von Rom
WILHELM HEINRICH WACKENRODER (1773–1798)
Das Meer
Siehe wie ich trostlos weine
Arion
Süße Ahndungsschauer gleiten
Wenn die Ankerstricke brechen
CASIMIR ULRICH BOEHLENDORFF (1775–1825)
Auf dem See
Der Wechsel
Einsamkeit
Elegie
Er sieht die Sonne schwinden
FRIEDRICH WILHELM JOSEPH VON SCHELLING (1775–1854)
Lied
HEINRICH VON KLEIST (1777–1811)
Germania an ihre Kinder
FRIEDRICH BARON DE LA MOTTE FOUQUÉ (1777–1843)
Frühlingsblüthe, Mayenwind
Liebe Geige, bist zertrümmert
Mutter geht durch ihre Kammern
CLEMENS BRENTANO (1778–1842)
Abschied
Sprich aus der Ferne
Abendständchen
Hörst du wie die Brunnen rauschen
Du Herrlicher! Den kaum die Zeit erkannt
Ich träumte hinab in das dunkle Tal
In dir ringelt die Träne
Schwanenlied
An den Engel in der Wüste
Der Spinnerin Nachtlied
Die Gottesmauer
O Stunde, da der Schiffende bang lauert
Ach alles geht vorbei
Wie so leis die Blätter wehn
Was reif in diesen Zeilen steht
Auf dem Rhein
Wie wird mir? Wer wollte wohl weinen
Laß rauschen, Lieb, laß rauschen
Lureley
Wenn ich ein Vöglein wär
Wiegenlied
FRIEDRICH GOTTLOB WETZEL (1779–1819)
Das Sonnett
Philosophische Poesie
KAROLINE VON GÜNDERRODE (1780–1806)
Liebe
Der Adept
Der Kuß im Traume
Die eine Klage
Überall Liebe
Zueignung
ACHIM VON ARNIM (1781–1831)
Wie die Stunden rennen
Mir ist zu licht zum Schlafen
Getrennte Liebe
Ahndungen
Dichterlohn
Lehrgedicht an die Jugend
Liebeszweifel
Ritt im Mondenschein
ADELBERT VON CHAMISSO (1781–1838)
Tragische Geschichte
Das Schloß Boncourt
Der Invalid im Irrenhaus
Die zwei Grenadiere
Geh du nur hin!
Lied
Sehnsucht
Was soll ich sagen?
HELMINA VON CHÉZY (1783–1856)
Ach, wie wär’s möglich dann
Ich bin so reich in deinem Angedenken
MAX VON SCHENKENDORF (1783–1817)
Freiheit
Der Dom zu Köln
Weihnachtslied
BETTINA VON ARNIM (1785–1859)
Seelied
Wer sich der Einsamkeit ergibt
OTTO HEINRICH GRAF VON LOEBEN (1786–1825)
An Novalis
Loreley
Sprache der Poesie
Variazion
Welt und Herz
Wird die Plage nimmer enden
WILHELM FREIHERR VON EICHENDORFF (1786–1849)
Schwermuth und Entschluß
Die zauberische Venus
An meinen Bruder Josef
Ein Zauberwald
Wiedergenesung des Dichters
JUSTINUS KERNER (1786–1862)
Wanderlied
Der Wanderer in der Sägmühle
Der Zopf im Kopfe
Abschied
Alphorn
Icarus
Wo zu finden?
LUDWIG UHLAND (1787–1862)
An den Tod
Das Schloß am Meere
Schäfers Sonntagslied
Der Traum
Des Knaben Berglied
Dem Künstler
Die Sonette
Der gute Kamerad
Der Rezensent
Der Wirtin Töchterlein
Frühlingsglaube
Vorwärts!
Das Schwert
Des Sängers Fluch
Schlußsonett
Schwäbische Kunde
Unstern
Die neue Muse
Kreislauf
JOSEPH FREIHERR VON EICHENDORFF (1788–1857)
Die Zauberin im Walde
An A…
Abendständchen
Min<n>elied
An Maria
Das zerbrochene Ringlein
Abschied
Frische Fahrt
Zwielicht
Zeichen
Die blaue Blume
Die zwei Gesellen
Der verspätete Wandrer
Der Abend
Der wandernde Musikant
Denkst du des Schloßes noch auf stiller Höh?
Morgenständchen
Die Nacht
Lockung
Schöne Fremde
Sehnsucht
Der wandernde Student
Die Nachtblume
Zauberblick
Auf meines Kindes Tod
Frühlingsnacht
Mondnacht
Neue Liebe
Trennung
Ein Eiland, das die Zeiten nicht versanden
Wünschelruthe
Verloren
Nachtzauber
THEODOR KÖRNER (1791–1813)
Aufruf
Abschied vom Leben
Vor Rauchs Büste der Königin Louise
GUSTAV SCHWAB (1792–1850)
Böse Stunden
Der Feiertag
Der Gefangene
Der Reiter und der Bodensee
Heuernte
Nachruf
Rückblick
WILHELM MÜLLER (1794–1827)
Wanderschaft
Wohin?
Ungeduld
Brüderschaft
Der Liebe Zeit
Nachtwandlerin Liebe
Der Liebe Morgenröthe
Gefrorene Thränen
Erstarrung
Der Lindenbaum
Die Post
Letzte Hoffnung
Freiheit im Wein
Guter Wein, gut Latein
Das Irrlicht
Der Leiermann
Morgenlied
Der Wassermann
HEINRICH HEINE (1797–1856)
Ich wollte meine Lieder
Die Grenadiere
Belsatzar
Die Botschaf
Vergiftet sind meine Lieder
Die Linde blühte, die Nachtigall sang
Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
An deine schneeweiße Schulter
Der Mond ist aufgegangen
Die Jahre kommen und gehen
Wer zum erstenmale liebt
Wanderlied
Die Ilse
Abenddämmerung
Nachtgedanken
An A. W. v. Schlegel
Das Fräulein stand am Meere
Die Heimführung
Wenn ich in deine Augen seh’
LUISE HENSEL (1798–1876)
Nachtgebet
WILHELM HAUFF (1802–1827)
Amor der Räuber
Stille Liebe
Sehnsucht
Treue Liebe
Reiters Morgenlied
Trost
Schlägerlied
Der Kranke
Hans Huttens Ende
An Emilie
DIE GEDICHTE DER DEUTSCHEN ROMANTIK
JOHANN PETER HEBEL
Sonntagsfrühe
Hochdeutsch
Der Samstag hub zum Sonntag an:
„Jetzt ruhn sie alle, Nachbarsmann!
Sie sind vom Schaffen her und hin
Gar weidlich müd an Seel und Sinn;
Mir selbst will’s bald nicht besser gehn,
Kann kaum noch auf den Beinen stehn.“
Er spricht’s, und von der Mitternacht
Wird er nun auch ins Bett gebracht.
Der Sonntag spricht: „Jetzt ist’s an mir!“
Gar heimlich schließt er seine Tür.
Schlaftrunken noch und gar gemach
Schwankt er den Sternlein hintennach.
Doch jetzt reibt er die Augen aus
Und kommt der Sonn an Tür und Haus;
Sie schläft im stillen Kämmerlein.
Er klopft und pocht ans Fensterlein
Und ruft ihr zu: „‘s ist an der Zeit!“
Die Sonne sagt: „Bin auch bereit.“
Und leise auf den Zehen geht
Und heiter auf den Bergen steht
Der Sonntag. Und das Tal entlang
Schläft alles noch; mit stillem Gang
Tritt er ins Dorf hinein und spricht
Zum Hahne: „Du, verrat mich nicht!“
Wenn alles endlich ist erwacht,
Geschlafen hat die ganze Nacht,
So steht er da im Sonnenschein,
Guckt zu den Fenstern uns herein
Mit seinen Augen, mild und gut,
Und mit dem Sträußchen auf dem Hut.
Drum meint er’s treu, und was ich sag,
Es freut ihn, wenn man schlafen mag
Und meint, es sei noch dunkle Nacht,
Wann längst die Sonn am Himmel lacht.
Drum kam er auch so leis heran
Und sieht so lieblich jetzt uns an.
Wie glitzert rings auf Gras und Laub
Vom Morgentau der Silberstaub!
Wie weht so frische Maienluft
Voll Kirschenblüt und Schlehenduft!
Und’s Bienlein sammelt ohne Frist;
Es weiß nicht, daß es Sonntag ist.
Wie prangt nicht in dem Gartenland
Der Kirschenbaum im Maigewand!
Und blaue Veilchen, Tulipan’
Und Sternenblümchen nebendran
Und Hyazinthen, daß man traun
Meint, in das Paradies zu schaun!
Und’s ist so still und heimt uns so,
Man ist so ruhig und so froh.
Man hört im Dorf kein Hüst und Hott;
Nur Guten Tag! und Dank Euch Gott!
Und Gott sei Lob! ein schöner Tag!
Ist alles, was man hören mag.
Und’s Vöglein sagt:„Ei freilich ja!
Potztausend, ja, er ist schon da!
Er dringt mit seinem Himmelsstrahl
Durch Blüt und Laub in Berg und Tal!“
Und’s Distelfinkchen vornean
Hat’s Sonntagsröckchen angetan.
Wie? Läuten sie nicht da schon ein?
Der Pfarrer muß heut eilig sein.
Geh, brich ein paar Aurikeln ab;
Doch wisch mir ja den Staub nicht ab;
Und prangst Du, Gundel, in dem Staat,
Halt ich ein Sträußchen dir parat!
JENS PETER BAGGESEN
An Lilia
Was ich Göttliches fand
In hellen begeisterten Stunden –
Was schön ich gedacht, und empfunden,
Mit sorgsamer Hand
Erlas ich; und pflanzt’ es, mit heiligem Streben
Nach himmlischen Blumen, in’s endliche Leben.
Und es hub sich empor,
Wie Blümchen umher auf der Heiden,
Von tönenden Freuden und Leiden
Ein lieblicher Flor.
Da trat aus der Fern’ ein geharnischter Riese
Mit blutigem Fuß auf die singende Wiese.
Und der Rohe zertrat
(Ich fühle mit zuckenden Schmerzen
Der Lieder Ermordung im Herzen)
Die keimende Saat.
Ach! alle die Blumen im holden Entstehen,
Ich sah sie für immer, so wähnt’ ich, vergehen.
Eine Lilie stand
Dicht neben mir, ohne zu beben –
Wie starrte mein innerstes Leben,
Als diese verschwand!
Es welkte der Flor, es verstummten die Lieder –
Ich sank in der Mitte der Sterbenden nieder.
Doch es schwebte herab
Vom Himmel ein goldener Knabe,
Und nahte mit silbernem Stabe
Dem blumigen Grab;
Und blickte mit Seufzen, und blickte mit Weinen
Auf alle die Stengel der sterbenden Kleinen.
Und es rührte sich leis’
In jedem bethräneten Stengel –
Da schlug um sie alle der Engel
Den segnenden Kreis;
Und blickte mit Lächeln voll himmlischer Güte
Auf jede nun wieder sich hebende Blüthe.
Und es regte sich tief
Im Busen der Kleinen so wonnig,
So selig, so süß, und so sonnig,
Die Seele, die schlief;
Und hold in der Kelch’ und der Stengelchen Beben
Erwachte der Duftenden tönendes Leben.
Mit dem Lilienstab
Berührte sie leise der Engel –
Da lösten vom zitternden Stengel
Die Blumen sich ab;
Und flogen hinauf in ätherische Lüfte,
Darbringend dem holden Erlöser die Düfte.
Wer den Riesen gekannt,
Der jegliche Blüthe zerstöret,
Dem jetzo die Heide gehöret,
Dem ist er genannt.
Das goldene Kind mit dem silbernen Stengel,
Du, himmlische Lilia, du warst der Engel!
An Romantica
Sonett
Es flossen Blitz’ aus jedem Edelsteine;
Mondstrahlen träufelten aus allem Golde;
Es weinte Liebesfunken jede Holde;
Rings dampften alle Berge Glut vom Weine;
Die Fluten alle loderten – nicht eine
Der Flammen, die da stehn in Lichtes Solde,
Vom Glanz der Sterne, bis zum Schein der Dolde,
Blieb übrig – jede Blüthe ward die deine.
Geathmet all’ in einem einz’gen Kusse,
Sich selbst in neuer Strahlung zu gebähren,
Verschlang sie dein jungfräulich keusches Dunkel.
So that dein Schoos, durchbohrt vom Himmel, Buße;
Und die Empfängniß selig zu bewähren,
Gebahrst du den schwarzleuchtenden Karfunkel.
DOROTHEA SCHLEGEL
»Draußen so heller Sonnenschein,
Alter Mann, laß mich hinaus!
Ich kann jetzt nicht geduldig sein,
Lernen und bleiben zu Haus.
Mit lustigem Trompetenklang
Ziehet die Reuterschar dort,
Mir ist im Zimmer hier so bang,
Alter Mann, laß mich doch fort!«
Er bleibt ungerührt,
Er hört mich nicht:
»Erlaubt wird, was dir gebührt,
Tust du erst deine Pflicht!«
Pflicht ist des Alten streng Gebot;
Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,
Du fühlst nur ungerechte Not,
Und Tränen netzen dein Gesicht.
Wenn es dann längst vorüber ist,
Wonach du trugst Verlangen,
Dann gönnt man dir zu spät die Frist,
Wenn Klang und Schein vergangen!
Was du gewähnt,
Wonach dich gesehnt,
Das findest du nicht:
Doch bleibt betränt
Noch lang dein Gesicht.
[1802]
Mein Lied, was kann es Neues euch verkünden?
Und welche Weisheit, Freunde, fordert ihr?
Der Hohen meine Jugend zu verbünden,
Dies, wie ihr wißt, gelang noch niemals mir.
Noch Neu, noch Alt wußt’ ich je zu ergründen;
Das Schicksal gönn’ im Alter Weisheit mir.
Wir irren alle, denn wir müssen irren,
Gelassen mag die Zeit den Knäul entwirren.
Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund,
Gar schroffe Klippen führen drüber hin,
Die furchtbar hängen über’m finstern Schlund;
Wer strauchelt, dem ist sichrer Tod Gewinn!
Ein Müder wankt an Geist und Gliedern wund
Daher, schaut bang hinab, kalt graust der Sinn:
Am Felsen spielt ein Kind, sorglos bemühet
Ein Blümchen pflückend, das am Abgrund blühet.
Oft mühten sinnreich Dichter sich und Weise,
Das Leben mit dem Leben zu vergleichen.
Am glücklichsten geschah’s im Bild der Reise!
Ein Tor eröffnet Armen sich, wie Reichen;
Früh ausgewandert auf gewohntem Gleise
Sieht er die Dämmrung kaum dem Licht entweichen,
So treibt der Wahn, ihm dürf’s allein gelingen,
Rastlos in nie erreichte Fern’ zu dringen.
Es türmen Felsen sich in seinen Wegen,
Des Mittags Strahlen glühn auf seinem Haupt,
In Wüsten Sands muß sich der Fuß bewegen,
Ein Ungewitter naht, der Sturmwind schnaubt,
Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen?
Es seufzt nach Ruh’, wem stolzer Mut geraubt;
In später Nacht, doch tausendfält’ger Not
Kömmt er ans Ziel – und dieses ist – der Tod!
Der Jüngling tritt, von Ahndung fortgezogen,
Zur Schwelle hin, die in das Leben führt.
An seiner Schulter tönt der goldne Bogen
Der Göttin, so die Welt ihm hold verziert,
Der Phantasie, die ihn auf kühnen Wogen
Sanft fortreißt, ihn mit bunten Bildern rührt.
Wenn er dann so nach schönen Träumen hascht,
Wird unbewußt vom Glück er überrascht.
Gebt acht, gebt acht, Gelegenheit ist flüchtig,
Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen.
Obgleich zu nützen sie ein jeder tüchtig,
Dem’s klug gelang, sie nicht entfliehn zu lassen,
So ist dem Würdigen sie nie so wichtig,
Daß er von ihr sich mag bestimmen lassen.
Doch was hilft Mut, was mächtiges Bestreben
Dem Schiff, das tollen Stürmen preisgegeben?
So mancher hat gefunden, was zu suchen
Er gleichwohl nicht verstand, was zu gewinnen
Vergebens er, und mühvoll wird versuchen;
Mißlingen droht dem treulichsten Beginnen.
Wie viele hört man dann ihr Los verfluchen
Und klagen: »Glück! o mußtest du zerrinnen?«
Was traut ihr müßig auf des Glückes Gunst?
Natur sei Vorbild, Leben eine Kunst!
Wer hebt des Künstlers Mut in Kampf und Leiden
Als ferne Ahndung hoher heil’ger Liebe?
Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden
Als eignes Glück der süßen zarten Liebe?
Wo ist ein Port für Hohn und böses Neiden,
Als in den Armen frommer, treuer Liebe?
Und wird des Helden Stirn in Myrtenkränzen
Der Nachwelt schöner nicht, als Lorbeer glänzen?
[1802]
AUGUST WILHELM SCHLEGEL
Die Sylbenmaaße
1. Der Hexameter
Gleichwie sich dem, der die See durchschifft, auf offener
Meerhöh
Rings Horizont ausdehnt, und der Ausblick nirgend
umschränkt ist,
Daß der umwölbende Himmel die Schaar zahlloser
Gestirne,
Bei still athmender Luft, abspiegelt in blaulicher Tiefe:
So auch trägt das Gemüth der Hexameter; ruhig
umfassend
Nimmt er des Epos Olymp, das gewaltige Bild, in den
Schooß auf
Rhythmischer Fluth, urväterlich so den Geschlechten der
Rhythmen,
Wie vom Okeanos quellend, dem weit hinströmenden
Herrscher,
Alle Gewässer auf Erden entrieseln oder entbrausen.
Wie oft Seefahrt kaum vorrückt, mühvolleres Rudern
Fortarbeitet das Schiff, dann plötzlich der Wog’
Abgründe
Sturm aufwühlt, und den Kiel in den Wallungen schaukelnd
dahinreißt.
So kann ernst bald ruhn, bald flüchtiger wieder enteilen,
Bald, o wie kühn in dem Schwung! der Hexameter, immer
sich selbst gleich,
Ob er zum Kampf des heroischen Lieds unermüdlich sich
gürtet,
Oder, der Weisheit voll, Lehrsprüche den Hörenden
einprägt,
Oder geselliger Hirten Idyllien lieblich umflüstert.
Heil dir, Pfleger Homers! ehrwürdiger Mund der Orakel!
Dein will ferner gedenken ich noch, und andern
Gesanges.
2. Die Elegie
Als der Hexameter einst in unendlichen Räumen des Epos
Ernst hinwandelnd, umsonst innigen Liebesverein
Suchte, da schuf aus eignem Geblüt ihm ein weibliches
Abbild
Pentametrea, und ward selber, Apoll, Paranymph
Ihres unsterblichen Bundes. Ihr sanft anschmiegend
Umarmen
Brachte dem Heldengemahl, spielender Genienschaar
Ähnlich, so manch anmuthiges Kind, elegeische Lieder.
Er sah lächelnd darin sein Maeonidengeschlecht.
So, freiwillig beschränkt, nachläßigen Gangs, in der
Rhythmen
Wellenverschlingungen, voll lieblicher Disharmonie,
Welche, sich halb auflösend, von neuem das Ohr dann
fesselnd,
Sinnigen Zwist ausgleicht, bildeten dich, Elegie,
Viel der Hellenischen Männer und mancher in Latium,
jedes
Liebebewegten Gemüths linde Bewältigerin.
3. Der Jambe
Wie rasche Pfeile sandte mich Archilochos
Vermischt mit fremden Versen, doch im reinsten Maaß,
Im Rhythmenwechsel meldend seines Muthes Sturm.
Hoch trat und fest auf, dein Kothurngang, Aeschylos;
Großart’gen Nachdruck schafften Doppellängen mir,
Samt angeschwellten Wörterpomps Erhöhungen.
Fröhlicheren Festtanz lehrte drauf Aristophanes,
Labyrinthischeren: die verlarvte Schaar anführend ihm,
Hingaukl’ ich zierlich in der beflügelten Füßchen Eil.
4. Der Choliambe oder Skazon
Der Choliambe scheint ein Vers für Kunstrichter,
Die immerfort mit sprechen, ob’s gleich schlecht fort will,
Und eins nur wissen sollten, daß sie nichts wissen:
Wo die Kritik hinkt, muß ja auch der Vers lahm seyn.
Wer sein Gemüth labt am Gesang der Nachteulen,
Und wenn die Nachtigall beginnt, das Ohr zustopft,
Dem sollte man’s mit scharfer Dissonanz abhaun.
Todten-Opfer
I. Sinnesänderung
Was plötzlich abgebrochen,
War dennoch ausgesprochen
Dem ordnenden Gefühl:
Ein Lied war mir die Jugend,
Der Fall der Heldentugend
Ein göttlich Trauerspiel.
Doch bald ist mir zerronnen
Der Muth, so dies begonnen,
Die G’nügsamkeit in Dunst.
Gefesselt vom Verhängniß
Im irdischen Gefängniß:
Was hilft mir weise Kunst?
Die Rose, kaum entfaltet,
Doch süßer mir gestaltet
Als aller Schmuck der Welt,
Die hat ein Wurm gestochen,
Die hat der Tod gebrochen,
Die hat der Sturm gefällt.
Nun schau’ ich zu den Sternen,
Zu jenen ew’gen Fernen,
Wie tief aus öder Kluft;
Und, ihre blauen Augen
Dem Himmel zu entsaugen,
Küss’ ich die leere Luft.
O, werde mein Orakel,
Du, die du ohne Makel
Der falschen Welt entflohst!
Sieh mich in meiner Demuth
Und hauch’ in meine Wehmuth
Der zarten Liebe Trost.
Wenn dort die Ros’ erblühte,
So sey die heil’ge Güte
Endlos gebenedeyt.
Zwar sehnlich werd’ ich schmachten,
Doch nicht vermessen trachten
Aus dieser Sterblichkeit.
Wo ich mich wiederfinde
Bey meinem süßen Kinde,
Muß Heil seyn, Wonn’ und Licht.
Sie wird, wenn meiner Zungen
Der Klage Laut verklungen,
Mein himmlisches Gedicht.
Den strahlenden Karfunkel
Nahm ich in grausem Dunkel
Der Schlange Tod vom Haupt.
Ich will ihn bey mir tragen,
In allen Lebenstagen
Wird er mir nie geraubt.
II. Auf der Reise
Von ferne kommt zu mir die trübe Kunde.
Es trennt mich ein Gebirg mit Wald und Klüften,
Blau dämmernd in des Horizontes Düften,
Von dort, wo ich erlitt die Todeswunde.
Da mach’ ich auf die Wandrung mich zur Stunde:
Wo Bäche stürzend rauschen in den Schlüften,
Wo Felsen sich gewölbt zu dunkeln Grüften,
Da ist der Pfad mit meinem Sinn im Bunde.
Hier reiste jüngst hindurch, die ich betraure,
Nicht achtend auf des schroffen Wegs Beschwerde;
Zur heitern Landschaft südlich hingezogen.
Mai wars, nun heißt es Sommer, und ich schaure
Von kaltem Sturm; ihr ward zum Grab die Erde:
Der Lenz hat Allen, Jugend ihr gelogen.
III. Der Gesundbrunnen
Der Himmel lacht, es wehen warme Lüfte,
Die Gauen blühn ringsum mit Wein und Korne.
Hier schirmen Hügel vor des Nordwinds Zorne
Ein kleines Thal voll frischer Wiesendüfte.
Und es ergießt der Schooß der kühlen Klüfte
Heilsamen Trank in ewig regem Borne.
Da fällt mich die unheimliche, verworrne
Vorahndung an: hier sind auch Todtengrüfte.
Kannst du dich so, Natur, mit Mord besudeln?
Wie, oder war dir jede Kraft und Tugend
Vom unerbittlichsten Gestirn gebunden?
Ja, hier, wo selbst die Quellen Leben sprudeln,
Hat, in der Rosenfülle froher Jugend,
Mein süßes Leben seinen Tod gefunden.
IV. Der erste Besuch am Grabe
Schon Wochen sind es, seit sie hier versenket
Den süßen Leib, von aller Huld umflossen,
Der das geliebte Wesen eingeschlossen,
Zu dem umsonst mein Sehnen nun sich lenket.
Welk ist der Kranz, dem Grabe frisch geschenket,
Und nicht ein Halm dem Hügel noch entsprossen;
Die Sonne zielt mit glühenden Geschossen,
Noch Thau noch Regen hat den Staub getränket.
Auch werd’ ich dazu nicht des Himmels brauchen.
Kehr dich nur weg, fühlloses Weltenauge!
Ihr Wolken mögt euch anderswo ergießen.
Nur meine Thränen, heil’ger Boden, sauge!
Bei warmem Liebesblick und kühlem Hauchen
Der Seufzer sollen Wunderblumen sprießen.
V. Geliebte Spuren
Dich sollt’ ich hassen, und ich muß dich lieben,
Ort! der mein Kleinod geizig wollte haben,
Nicht um sich sein zu freun, es zu vergraben;
Selbst reicher nicht, indeß ich arm geblieben.
Hier sind noch ihre Spuren eingeschrieben:
Auf diesen Wiesen saß sie; Schatten gaben
Ihr Busch und Baum, und Früchte, sie zu laben;
Die Blumenlust ließ Au und Feld sie üben.
Hier sang sie noch dem Echo muntre Lieder;
Jungfräulich wandelnd im Cyanenkranze
Ließ sie das goldne Haar anmuthig flattern.
Bald aber sank sie, ach! entseelt danieder,
Wie den Gespielen weggerafft im Tanze
Eurydice vom Stiche falscher Nattern.
VI. Das Schwanenlied
Oft, wenn sich ihre reine Stimm’ erschwungen,
Schüchtern und kühn, und Saiten drein gerauschet,
Hab’ ich das unbewußte Herz belauschet,
Das aus der Brust melodisch vorgedrungen.
Vom Becher, den die Wellen eingeschlungen,
Als aus dem Pfand, das Lieb’ und Treu getauschet,
Der alte König sterbend sich berauschet,
Das war das letzte Lied, so sie gesungen.
Wohl ziemt sichs, daß der Lebensmüde Zecher,
Wenn dunkle Fluten still sein Ufer küssen,
In ihren Schooß dahingiebt all sein Sehnen.
Uns ward aus liebevoller Hand gerissen,
Schlank, golden, süßgefüllt, bekränzt, der Becher;
Und uns zu Füßen braust ein Meer von Thränen.
VII. Die himmlische Mutter
Der Himmel, sagt man, kann Gewalt erleiden.
O drängen meiner Blicke Liebespfeile
Die Wolken durch, daß ich an deinem Heile,
Geliebtes Kind, mein Herz doch möchte weiden!
Du mußtest von der treuen Mutter scheiden:
Ward eine Mutter droben dir zu Theile?
Wer sagt dir Tröstung, die dein Mitleid heile,
Wenn du so fern herabschaust auf uns beyden?
Ein heil’ges Wort hat Botschaft ja gesendet,
Dort walt’ ein weiblich Bild der Muttertriebe,
Das Herz der Welt, in ewigem Umarmen.
O, wenn von ernster Glorie Strahl geblendet,
Die zarte Seele flieht zum Schooß der Liebe:
Birg du, Maria, sie in deinen Armen!
VIII. An Novalis
Ich klage nicht vor dir: du kennst die Trauer;
Du weißt wie an des Scheiterhaufens Flammen
Die Liebe glüh’nder ihre Fackel zündet.
Der Freuden Tempel stürzt’ auch dir zusammen,
Es hauchten kalt herein des Todes Schauer,
Wo Reiz und Huld ein Brautgemach gegründet.
Drum sey mit mir verbündet,
Geliebter Freund, das Himmlische zu suchen,
Auf daß ich lerne, durch Gebet und Glauben
Dem Tod sein Opfer rauben,
Und nicht dem tauben Schicksal möge fluchen,
Deß Zorn den Kelch des Lebens mir verbittert,
Daß mein Gebein vor solchem Tranke zittert.
Du schienest, losgerissen von der Erde,
Mit leichten Geistertritten schon zu wandeln,
Und ohne Tod der Sterblichkeit genesen.
Du riefst hervor in dir durch geistig Handeln,
Wie Zauberer durch Zeichen und Geberde,
Zum Herzvereine das entschwundne Wesen.
Laß mich denn jetzo lesen,
Was deiner Brust die Himmel anvertrauen;
Das heil’ge Drüben zwar entweihen Worte,
Ließ’ auch die ew’ge Pforte
Noch wen zurück, er schwiege: laß nur schauen
Mein Aug’ in deinem, wenn ich bang erbleiche,
Den Wiederschein der sel’gen Geisterreiche.
Es ruft uns mit lebendigem Geräusche
Des Tages Licht zu irdischen Geschäften,
Ihr leiblich Theil verleihend den Naturen.
Die Sonne will auf sich den Blick nur heften,
Und duldet, daß sie allgebietend täusche,
Kein Jenseits an den himmlischen Azuren.
Doch wenn die stillen Fluren
Scheinbar die Nacht mit ihrer Hüll’ umdunkelt,
Dann öffnet sich der Räum’ und Zeiten Ferne;
Da winken so die Sterne,
Daß unserm Geist ein innres Licht entfunkelt.
Bey Nacht ward die Unsterblichkeit ersonnen,
Denn sehend blind sind wir im Licht der Sonnen.
Bey Nacht auch überschreiten kühne Träume
Die Kluft, die von den Abgeschiednen trennet,
Und führen sie herbey, mit uns zu kosen:
Wir staunen nicht, wenn ihre Stimm’ uns nennet,
Sie ruhn mit uns im Schatten grüner Bäume,
Derweil sich ihre Grüfte schon bemoosen.
Ach die erblichnen Rosen
Auf dem jungfräulich zarten Angesichte,
Das selbst der Tod, gleich nach der That versöhnet,
Entstellt nicht, nein, verschönet,
Erblühn mir oft im nächtlichen Gesichte,
Daß meine Brust ganz an dem Bilde hänget,
Wovon des Tags Gewühl sie weggedränget.
So ist mir jüngst das theure Kind erschienen,
Wie auferstanden aus der Ohnmacht Schlummer,
Eh noch das dumpfe Grab sie überkommen.
Uns Traurenden verscheuchte sie den Kummer,
Und waltete mit ihren süßen Mienen,
Als wäre sie der Heimath nie entnommen.
Doch heimlich und beklommen
Schlich sich der Zweifel ein in unsre Seelen:
Ob sie, uns angehörig, wahrhaft lebte?
Ob sie als Geist nur schwebte,
Den herben Tod uns freundlich zu verhehlen?
Und keiner wagte sie darum zu fragen,
Um nicht den holden Schatten zu verjagen.
Mir hat sich Traum und Wachen so verworren,
Und Grab und Jugend, daß ich schwankend zaudre
Nach irgend einem Lebensgut zu greifen.
Vor allen Blüthen steh’ ich fern und schaudre,
Als würden sie von einem Hauch verdorren,
Und nie zu labungsvollen Früchten reifen.
So muß ich unstät schweifen,
Aus meiner Liebe Paradies vertrieben,
Bis ich gelernt vom Ird’schen mich entkleiden,
Und an dem Troste weiden,
Daß diese Ding’ in leeren Schein zerstieben;
Und nur die drinnen wohnenden Gedanken
Sich ewiglich entfalten, ohne Wanken.
Geh hin, o Lied! und sage:
Du jugendlicher Himmelspäher, labe
Mit deiner Weihe den, der mich gesungen,
Daß er, emporgeschwungen
Zum Ziel des Sehnens, nicht versink’ am Grabe.
Ich bring’ ein Opfer für zwey theure Schatten,
Laß uns denn Lieb’ und Leid und Klage gatten.
IX. An denselben
Du Theurer, dem ich dieses Lied gesendet,
Muß ich dich selbst schon suchen bey den Todten?
Zur Todtenfeyer hab’ ich dich entboten:
Nun werd’ ein Todtenopfer dir gespendet.
Wer sich zu ferner Lieben Heimath wendet,
Dem wird gar mancher zarte Gruß geboten;
So find’ in dir mein Sehnen einen Boten,
Wenn je mein Herz dir liebend sich verpfändet.
Sag’ ihr: – doch in der Sprache jener Sphären
Verstummt der Laut des Schmerzes, den ich meyne,
Und diese Trauer läßt sich dort nicht nennen.
O könntest du den Perlenschmuck der Zähren
Ihr bringen, die ich ihr und dir nun weine!
Für wen sie fließen, weiß ich nicht zu trennen.
Variationen
Thema
Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
I
Blumen, ihr seyd stille Zeichen,
Die aus grünem Boden sprießen,
Düfte in die Lüfte gießen
So das Herz zur Lieb’ erweichen.
Dennoch mögt ihr nicht erreichen
So das Herz, den Schmerz versöhnen,
Enden alles Leid und Stöhnen,
Daß ihr könntet als Gedanken
In den grünen Blättern schwanken:
Liebe denkt in süßen Tönen.
Wollt’ ich meine Liebe sprechen,
Ach! als Boten meiner Klagen
Sollte meine Hand nicht wagen
Bunte Blumen abzubrechen.
Still lass’ ich die Dornen stechen,
Wag’ die süßen Schmerzen gern,
Denn mir scheint kein günst’ger Stern,
Drum will ich nicht Worte hauchen,
Mag auch nicht Gedanken brauchen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Blumen, Worte und Gedanken.
Manche Sehnsucht mögt ihr stillen,
Manchen holden Wunsch erfüllen,
Manches Herz mag wohl euch danken.
Träume, süß, wie mich umwanken,
Denen bleibt ihr ewig fern;
Sie regiert ein andrer Stern.
Selbst der Purpurglanz der Rosen
Ist zu matt der Liebe: kosen
Nur in Tönen mag sie gern.
Hätt’ ich zarte Melodien
Sie als Boten wegzusenden,
Würde bald mein Leid sich enden,
Und mir alle Freude blühn.
Holde Liebe zu mir ziehn
Würd’ ich dann mit süßen Tönen,
Meinen Bund auf ewig krönen:
Denn mit himmlischen Gesängen
Kann Musik in goldnen Klängen
Alles, was sie will, verschönen.
[Sophie Bernhardi-Tieck]
II
Worte sind nur dumpfe Zeichen
Die Gemüter zu entziffern;
Und mit Zügen, Linien, Ziffern
Mag man Wissenschaft erreichen.
Doch aus den äther’schen Reichen
Läßt ein Bild des ew’gen Schönen
Nieder zu der Erde Söhnen
Nur in Licht und Ton sich schicken:
Liebe spricht in hellen Blicken,
Liebe denkt in süßen Tönen.
Liebe stammt vom Himmel oben,
Und so lehrte sie der Meister,
Welchen seine hohen Geister
In derselben Sprache loben,
Denn beseelt sind jene Globen.
Strahlend redet Stern mit Stern,
Und vernimmt den andern gern,
Wenn die Sphären rein erklingen.
Ihre Wonn ist Schaun und Singen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Stumme Zungen taube Ohren,
Die des Wohllauts Zauber fliehn,
Wachen auf zu Harmonien,
Wenn sie Liebe neu geboren.
Memnons Säule, von Auroren
Angeschienen leis und fern,
Haucht so aus dem starren Kern
Ihre Sehnsucht aus in Liedern,
Und der Mutter Gruß erwiedern
Nur in Tönen mag sie gern.
Musik ist die Kunst der Liebe,
In der tiefsten Seel’ empfangen
Aus entflammenden Verlangen
Mit der Demuth heil’gem Triebe.
Daß die Liebe selbst sie liebe,
Zorn und Haß sich ihr versöhnen,
Mag sie nicht in raschen Tönen
Bloß um Lust und Jugendscherzen
Sie kann Trauer, Tod und Schmerzen,
Alles, was sie will, verschönen.
III
Laß dich mit gelinden Schlägen
Rühren meine zarte Laute!
Da die Nacht hernieder thaute,
Müssen wir Gelispel pflegen.
Wie sich deine Töne regen,
Wie sie athmen, klagen stöhnen,
Wallt das Herz zu meiner Schönen,
Bringt ihr aus der Seele Tiefen
Alle Schmerzen, welche schliefen.
Liebe denkt in süßen Tönen.
Zu dem friedlichen Gemach,
Wo sie ruht in Blumendüften,
Laß noch in den kühlen Lüften
Tönen unser schmelzend Ach.
Halb entschlummert, halb noch wach
Angeblickt vom Abendstern
Liegt sie, und vernimmt wohl gern
In den leisen Harmonieen
Träume, Bilder, Phantasieen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Inn’ger, liebe Saiten, bebet!
Lockt hervor den Wiederhall!
Weckt das Lied der Nachtigall,
Und wetteifernd mit ihr strebet!
Doch wenn sie die Stimm’ erhebet,
Dann erkennet euren Herrn,
Lauscht demüthig und von fern.
Horch! schon singt der holde Mund,
Denn verrathen unsern Bund
Nur in Tönen mag sie gern.
Nun noch einmal, gute Nacht!
Und an deinem Lager säume
Nur der zärtlichste der Träume
Bis der Morgen wieder lacht.
Dann geh’ auf in stiller Pracht,
Wie der Tag den Erdensöhnen,
Meine Hoffnungen zu krönen.
Kann doch deine Blüthenjugend,
Unschuld, Anmuth, reine Tugend,
Alles, was sie will, verschönen.
IV
Hör’ ich durch die dunkeln Bäume
Nicht, wie sie sich rauschend neigen,
Wünsch’ aus treuem Busen steigen,
Die sich leise nahn, wie Träume?
Schwebt nicht durch die grünen Räume,
Was das Leben mag verschönen
Und mit aller Wonne krönen?
Fühl’ ich nicht, wie die Gedanken
Holder Liebe mich umwanken?
Liebe denkt in süßen Tönen.
Flieht, o Töne, flieht zurücke,
Wie ihr euch in Wipfeln schaukelt,
Schmeichlerisch mein Herz umgaukelt,
So ertrag’ ich nicht mein Glücke.
Trüget ihr doch meine Blicke
Wieder hin zu eurem Herrn,
Brauchtet euren Zauber gern,
Strömtet aus in süßen Klängen
Liebender Gefühle Drängen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Wie die Tön’ in Lüften schweben,
Blumen zitternd, wankend Gras,
Ach, sie alle fühlen das,
Was mich zwingt vor Lust zu beben.
Worte, euer regstes Streben
Ist mir ohne Mark und Kern;
Bleibt, o bleibt mir jetzo fern!
Was uns kann in Wonne tauchen
Weiß die Lieb’, und es verhauchen
Nur in Tönen mag sie gern.
Rührt die Zweige dann, ihr Winde!
Singet, bunte Vögelein!
Rauschet, klare Bäche, drein!
Daß ich also Bothen finde.
Denn verklungen, ach! geschwinde
Sind die Lieder, von den Tönen
Muß sich nun mein Ohr entwöhnen.
Darum spielt mit zartem Triebe,
Dient der Lieb’, es kann die Liebe
Alles, was sie will, verschönen.
[Sophie Bernhardi-Tieck]
ZACHARIAS WERNER
Zwei Sonnette
1.
An mein Ideal
Was Schönes in der Kunst und in dem Leben,
Es offenbaret sich den holden Frauen,
Entschleiert können sie die Sonne schauen,
Dieweil sie selbst in ew’ger Klarheit schweben.
Doch – welcher Gott den Liebreiz hat gegeben,
Die schafft zu Eden um die Erdenauen,
Und ihre Blicke, wo sie niederthauen,
Wol können sie den Keim zur Frucht erheben –
Durch heil’ge Schönheit will sich Gott
verkünden,
Der in der Klarheit wohnt, und in der Güte,
Dem Volke, das den reinen Sinn verloren.
Luise! du, der hohen Frauen Blüte,
Du bist zur Weihe teutscher Kraft erkoren,
Im Schmerz ein Reich der Schönheit zu begründen!
2.
An die Teutschen
Kraft, Freiheit, Glauben! – habt ihr es
vernommen?
Sie sind nicht außer euch, noch in den Dingen.
Das Herrliche, es kann euch noch gelingen,
Doch kann es euch nur aus euch selber kommen.
Seht, eure Stützen sind euch fortgeschwommen,
Vergebens mit dem Strom der Zeit zu ringen,
Das Schicksal nicht, nur euch könnt ihr bezwingen,
Das ist das Ziel des Starken und des Frommen.
Ihr saht nur Theile stets und nur das Viele,
Gesammelt wart ihr nie zum Ganzen, Einen,
Drum ist gekommen, was ihr selbst verschuldet.
Jetzt rettet euch zum einzigen Asile,
Flieht zur Idee, entflieht dem leeren Meinen,
Das Rechte thut und das Gerechte duldet.
ERNST MORITZ ARNDT
Abendlied
Der Tag ist nun vergangen,
Und dunkel schläft die Welt,
Die hellen Sterne prangen
Am blauen Himmelszelt;
Nur in den grünen Zweigen
Singt noch die Nachtigall,
Im weiten, tiefen Schweigen
Der einz’ge Lebensschall.
Ich aber, Vater, stehe
In meiner Hüttentür
Und schau hinauf zur Höhe
Und schau hinauf zu dir;
Wie gerne möcht ich klingen
Als helle Nachtigall,
Dir Preis und Dank zu bringen
Mit tiefem Schmerzenschall.
Ja, mit dem Schall der Schmerzen:
Denn geht die Nacht herauf,
So springt in meinem Herzen
Ein Quell der Tränen auf,
Der Tränen und der Klagen –
Du, Vater, weißt es best,
Was singen nicht und sagen,
Was sich nicht sprechen läßt.
Du kennest meinen Kummer,
Der auf gen Himmel blickt,
Wann für den süßen Schlummer
Die ganze Welt sich schickt,
Womit so schwer beladen
Mein Herz nach oben schaut,
Nach deinem Born der Gnaden,
Der Labsal niedertaut.
Ja, deine süße Liebe,
Die tröstet mir den Schmerz,
Ja, deine süße Liebe,
Die stillet mir das Herz,
Die löst in heißen Tränen
Das Eis des Busens auf
Und stellet Sinn und Sehnen
Zum hohen Sternenlauf.
O laß mich ewig schauen
Im stillen Kindersinn
Zu jenen güldnen Auen,
Woher ich kommen bin!
O richte Herz und Sinne,
Mein Vater, für und für
Zu deiner süßen Minne,
Zum Himmel hin, zu dir.
So mag ich froh mich legen
Nun mit der Welt zu Ruh,
Mein Amen und mein Segen,
Mein Wächter, das bist du;
So mag in deinem Frieden
Ich fröhlich schlafen ein,
Dort oben und hienieden
Im Schlaf und Wachen dein.
Klage um den kleinen Jakob
Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder.
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!
Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Es hat ihn ein Unterirdscher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus –
Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!
Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein und denket:
Wärest du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!
So muß der kleine Jakob da wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe noch Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zuhaus!
FRIEDRICH HÖLDERLIN
Abendphantasie
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sizt
Der Pflüger; dem Genügsamen raucht sein Heerd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendgloke.
Wohl kehren jezt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts
Geschäfttger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Laid! –
Doch, wie verscheucht von thörichter Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds, und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. –
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
[1800]
Der Zeitgeist
Zu lang schon waltest über dem Haupte mir
Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es
Trümmert und wankt ja, wohin ich blike.
Ach! wie ein Knabe seh ich zu Boden oft,
Such in der Höhle Rettung von dir, und möcht’,
Ich Blöder, eine Stelle finden,
Alleserschüttrer! wo du nicht wärest.
Lass endlich, Vater! offenen Augs mich dir
Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
Mit deinem Stral aus mir gewekt? mich
Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –
Wohl keimt aus jungen Reben uns heil’ge Kraft;
In milder Luft begegnet den Sterblichen,
Und wenn sie still im Haine wandeln,
Heiternd ein Gott; doch allmächtger wekst du
Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
Wird schlimmer, dass er bälder ende,
Wenn du, Erschütterer! ihn ergreiffest.
[1800]
Menschenbeifall
Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,
Seit ich liebe? Warum achtet ihr mich mehr,
Da ich stolzer und wilder,
Wortereicher und leerer war?
Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplaz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.
[1800]
Heidelberg
Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.
Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brüke,
Die von Wagen und Menschen tönt.
Wie von Göttern gesandt, fesselt ein Zauber einst
Auf der Brüke mich an, da ich vorüber gieng,
Und herein in die Berge
Mir die reizende Ferne schien,
Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu
schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluthen der Zeit sich wirft.
Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
All ihm nach, und es bebte
Aus den Wellen ihr lieblich Bild.
Aber schwer in das Thal hieng die gigantische,
Schiksaalskundige Burg, nieder bis auf den Grund
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goss
Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Epheu; freundliche Wälder
Rauschten über die Burg herab.
Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Thal,
An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.
[1801]
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
[1805]
An die Hofnung
Zweite Fassung von Bitte
O Hofnung! holde! gütiggeschäftige!
Die du das Haus der Trauernden nicht verschmähst,
Und gerne dienend, Edle! zwischen
Sterblichen waltest und Himmelsmächten.
Wo bist du? wenig lebt’ ich. Doch athmet kalt
Mein Abend schon. Und stille, den Schatten gleich
Bin ich schon hier; und schon gesanglos
Schlummert das schaudernde Herz im Busen.
Im grünen Thale, dort, wo der frische Quell
Vom Berge täglich rauscht und die liebliche
Zeitlose mir am Herbsttag aufblüht,
Dort, in der Stille, du holde, will ich
Dich suchen, oder wenn in der Mitternacht
Das unsichtbare Leben im Haine wallt,
Und über mir die immerfrohen
Blumen, die blühenden Sterne, glänzen,
O du des Äthers Tochter! erscheine dann
Aus deines Vaters Gärten und darfst du nicht
Ein Geist der Erde, kommen, schrök’, o
Schröke mit anderem nur das Herz mir.
Blödigkeit
Dritte Fassung von Dichtermuth
Sind denn nicht dir bekannt viele Lebendigen?
Geht auf Wahrem dein Fuss nicht, wie auf Teppichen?
Drum, mein Genius! tritt nur
Baar ins Leben und sorge nicht!
Was geschiehet, es sei alles gelegen dir!
Sei zur Freude gereimt, oder was könnte denn
Dich beleidigen, Herz, was
Da begegnen, wohin du sollst?
Denn, seit Himmlischen gleich Menschen, ein einsam
Wild,
Und die Himmlischen selbst führet, der Einkehr zu,
Der Gesang und der Fürsten
Chor, nach Arten, so waren auch
Wir, die Zungen des Volks, gerne bei Lebenden,
Wo sich vieles gesellt, freudig und jedem gleich,
Jedem offen, so ist ja
Unser Vater, des Himmels Gott,
Der den denkenden Tag Armen und Reichen gönnt,
Der, zur Wende der Zeit, uns die Entschlafenden
Aufgerichtet an goldnen
Gängelbanden, wie Kinder, hält.
Gut auch sind und geschikt einem zu etwas wir,
Wenn wir kommen, mit Kunst, und von den
Himmlischen
Einen bringen. Doch selber
Bringen schikliche Hände wir.
Dankgedicht an die Lehrer
Und würdigte einst eurer Weissheit Wille,
Der Kirche Dienst auch uns zu weih’n,
Wer Brüder säumt, dass er die Schuld des Danks erfülle,
Die wir uns solcher Gnade freun?
Froh eilt der Wanderer, durch dunkle Wälder,
Durch Wüsten, die von Hitze glühn,
Erblickt er nur von fern des Lands beglükte Felder,
Wo Ruh’ und Friede blühn.
So können wir die frohe Bahn durcheilen,
Weil schon das hohe Ziel uns lacht,
Und der Bestimmung Sporn, ein Feind von trägem
Weilen.
Uns froh und emsig macht.
Ja, dieses Glück, das, grösste Mäcenaten,
Ihr schenkt, soll nie ein träger Sinn,
Bey uns verdunkeln, nein! verehren Fleis und Thaten,
Und Tugend immerhin.
Euch aber kröne Ruhm und hohe Ehre,
Die dem Verdienste stets gebührt,
Und jeder künfftge Tag erhöhe und vermehre,
Den Glanz, der euch schon ziert.
Und was ist wohl für euch die schönste Krone?
Der Kirche und des Staates Wohl,
Stets eurer Sorgen Ziel, Wohlan, der Himmel lohne
Euch stets mit ihrem Wohl.
Des Morgens
Vom Thaue glänzt der Rasen; beweglicher
Eilt schon die wache Quelle; die Birke neigt
Ihr schwankes Haupt, und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen
Gewölke streifen röthliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluthen am Gestaade woogen
Höher und höher die Wandelbaren.
Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offner fliegt, vertrauter dir mein
Auge, du Freudiger! zu, solang du
In deiner Schöne jugendlich blikst, und noch
Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist,
Du möchtest immer eilen, könnt ich,
Göttlicher Wandrer, mit dir! Doch lächelst
Des frohen Übermüthigen du, dass er
Dir gleichen möchte; seegne mir lieber denn
Mein sterblich Thun und heitre wieder,
Gütiger! heute den stillen Pfad mir!
Die Heimath
Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,
Von Inseln fernher, wenn er geerndtet hat;
So käm’ auch ich zur Heimath, hätt’ ich
Güter so viele, wie Laid, geerndtet.
Ihr theuern Ufer, die mich erzogen einst,
Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,
Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?
Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel,
Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah,
Dort bin ich bald; euch, traute Berge,
Die mich behüteten einst, der Heimath
Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus
Und liebender Geschwister Umarmungen
Begrüss’ ich bald und ihr umschliesst mich,
Dass, wie in Banden, das Herz mir heile,
Ihr treugebliebnen! aber ich weiss, ich weiss,
Der Liebe Laid, diss heilet so bald mir nicht,
Diss singt kein Wiegensang, den tröstend
Sterbliche singen, mir aus dem Busen.
Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Laid uns auch,
Drum bleibe diss. Ein Sohn der Erde
Schein’ ich; zu lieben gemacht, zu leiden.
Die Nacht
Seyd gegrüsst, ihr zufluchtsvolle Schatten,
Ihr Fluren, die ihr einsam um mich ruht;
Du stiller Mond, du hörst nicht, wie Verläumder lauren,
Mein Herz, entzükt von deinem Perlenglanz.
Aus der Welt, wo tolle Thoren spotten,
Um leere Schattenbilder sich bemühn,
Flieht der zu euch, der nicht das schimmernde Getümmel
Der eitlen Welt, nein! nur die Tugend liebt.
Nur bei dir empfindt auch hier die Seele;
Wie göttlich sie dereinst wird seyn,
Die Freude, deren falschem Schein so viel Altäre,
So viele Opfer hier gewiedmet sind.
Weit hinauf, weit über euch, ihr Sterne,
Geht sie entzükt mit heilgem Seraphsflug;
Sieht über euch herab mit göttlich heilgem Blike,
Auf ihre Erd, da wo sie schlummernd ruht …
Goldner Schlaf, nur dessen Herz zufrieden,
Wohlthätger Tugend wahre Freude kennt,
Nur der fühlt dich –. Hier stellst du dürfftig schwache
Arme
Die seine Hülfe suchen, vor ihn hin.
Schnell fühlt er des armen Bruders Leiden;
Der arme weint, er weinet auch mit ihm;
Schon Trost genug! Doch spricht er, gab Gott seine
Gaben
Nur mir? nein auch für andre lebe ich –.
Nicht von Stolz, noch Eitelkeit getrieben,
Kleidt er den nakten dann, und sättigt den,
Dem blasse Hungersnoth sein schwach Gerippe zählet;
Und himmlisch wird sein fühlend Herz entzükt.
So ruht er, allein des Lasters Sclaven
Quält des Gewissens bange Donnerstimm,
Und Todesangst wälzt sie auf ihren weichen Lagern,
Wo Wollust selber sich die Ruthe hält.
The free sample has ended.