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Fremdsprachendidaktische Professionsforschung: Brennpunkt Lehrerbildung

Michael K. Legutke / Michael Schart

A. Francke Verlag Tübingen



© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0010-6

Inhalt

  Vorwort

 Fremdsprachliche Lehrerbildungsforschung: Bilanz und Perspektiven1 Die Ausbildung von Lehrenden: ein vernachlässigtes Forschungsfeld2 Professionelle Kompetenzen von Fremdsprachenlehrenden2.1 Tendenzen in der empirischen Kompetenzforschung2.2 Rahmenmodell2.3 Sprache, Literatur und Kultur2.4 Lehren und Lernen2.5 Identität und Rolle2.6 Kooperation und Entwicklung3 Aus- und Fortbildung als dialogischer Prozess3.1 Der erlebte Unterricht3.2 Der dokumentierte Unterricht3.3 Der beobachtete und praktizierte Unterricht3.4 Der antizipierte Unterricht3.5 Der Unterricht an der Hochschule4 Fazit und Ausblick5 Literatur

 Der Aufbau des fachspezifischen Professionswissens angehender Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer in der ersten Ausbildungsphase: Wege zur Entwicklung einer quantitativen Messung1 Das Professionswissen im Lehrerberuf und sein Aufbau im Lehramtsstudium2 Der fachspezifische Kernkompetenzbereich des Professionswissens3 Die Entwicklung eines Erhebungsinstruments zum Professionswissensstand im Lehramts-Studienfach Spanisch3.1 Inhaltliche Parameter der Studie3.2 Die methodische Ausrichtung der ZeBiG-Studie4 Zum Forschungsstand in der empirischen Professionsforschung4.1 Der Forschungsstand zur Professionsforschung in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern4.2 Der Forschungsstand zur Professionsforschung in den geisteswissenschaftlichen Fächern5 Zum forschungsmethodologischen Vorgehen im Fach Spanisch5.1 Item-Entwicklung nach vier Säulen5.2 Thematische Auswahl zur Item-Entwicklung5.3. Operationalisierung der Kompetenzbereiche für die Item-Bildung6 Ausgewählte Item-Beispiele6.1 Item-Beispiel aus dem Bereich Phonetik und Phonologie6.2 Item-Beispiel aus dem Bereich Semantik und Lexikologie7 Fazit8 Literatur

 Was sollte eine gute Englischlehrkraft wissen? Über die Auswahl von Items im FALKO-E Test zum fachspezifischen Professionswissen1 Konzeption domänenspezifischen Professionswissens in FALKO-E1.1 Gesamtkonstrukt1.2 Fachdidaktisches Professionswissen (FDW)1.3 Fachwissen (FW)2 Validierung des Testinstruments und Entwicklung des Kodiermanuals2.1 Validierung des Testinstruments2.2 Entwicklung des Kodiermanuals3 Durchführung der Vorstudie zu FALKO-E3.1 Stichprobe und Durchführung3.2 Psychometrische Gütekriterien4 Auswahl der Items für die Hauptstudie5 Ausblick auf die Hauptstudie6 Weitere PerspektivenLiteraturverzeichnis

 „Dass jedoch Emotionen einen immensen Einfluss auf den Lernerfolg haben können, war mir nicht bewusst“ –1 Einleitung und Kontext des Ausbildungsprojektes2 Der Reflexionsbegriff als theoretische Basis3 Forschungsmethodik zur Analyse der Reflexionsberichte4 Exemplarische Einzelfallanalysen5 Zusammenführung der Ergebnisse6 Fazit: Entwurf eines theoretischen Modells individueller ReflexionsverläufeLiteraturAnhangRapport réflexif individuelAnalyseraster zur Unterrichtsbeobachtung

 Effekte der Verzahnung von wissenschaftlichen und anwendungsbezogenen Ausbildungsinhalten auf die Kompetenzentwicklung von Lehramtsstudierenden der Fachdidaktik Englisch1 Einführung2 Theoretischer Rahmen und Forschungslage2.1 Kompetenzbegriff2.2 Professionswissen2.3 Forschung zum Verhältnis von Theorie und Praxis im Aufbau von professioneller Kompetenz3 Die Lehreinheit4 Curriculare Verankerung der Lehrinhalte5 Kompetenztest und Stichprobe6 Hypothesen7 Erste Ergebnisse und DiskussionLiteratur

 Lexikalisches Lernen optimieren – Ausgewählte Befunde einer Mehrfachfallstudie zur Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung von angehenden Englischlehrpersonen mit Unterrichtsvideos1 Einleitung2 Theoretische Ausgangspunkte2.1 Wissensverwendungsforschung2.2 Wie hängen Wissen und Wahrnehmung zusammen?2.3 Die Situation als Bewährungsfall für fachdidaktisches Wissen2.4 Konzeptualisierung der Domäne „Lexikalisches Lernen ermöglichen“3 Methodisches Vorgehen3.1 Zum Forschungsdesign: Design-based research3.2 Die Datenerhebung und ihre theoretischen Grundlagen3.3 Kurzbeschreibung des Unterrichtsvideos „Practicing new words“3.4 Datenauswertung4 Beispiele aus den schriftlichen Analysen der Studierenden5 Zusammenfassung und DiskussionLiteratur

 Unterrichtsvorbereitung, Kooperation und situiertes Lernen – Untersuchungsergebnisse zu Unterrichtsplanungsgesprächen angehender Englischlehrender1 Erkenntnisinteresse und Untersuchungsgegenstand2 Zugänge und theoretische Verortung2.1 Unterrichtsplanung2.2 Kooperation und kooperative Lernprozesse3 Untersuchungsdesign4 Analysen I, II und III: Vorgehen und ausgewählte Ergebnisse4.1 Inhalte der Unterrichtsplanung4.2 Der Prozess der Unterrichtsplanung4.3 Kooperatives Planen und situiertes Lernen4.4 Das gemeinsame Planen einer Unterrichtsstunde4.5 Kooperative Lernprozesse4.6 Verortung in der Praxisgemeinschaft5 Implikationen für die Lehrer/innenausbildungLiteratur

 Professionalisierung und Kompetenzentwicklung in der 2. Phase der Fremdsprachenlehrer(innen)bildung: Akteure, Prozesse, Themen1 Einleitung2 Forschungsfeld Vorbereitungsdienst/Referendariat2.1 Struktur des Vorbereitungsdienstes2.2 Forschung zum Vorbereitungsdienst3 Akteure3.1 Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst (Referendarinnen und Referendare)3.2 Lehrende und Mentorinnen/Mentoren im Vorbereitungsdienst4 Prozesse und Themen4.1 Prozesse und Kompetenzentwicklung4.2 Themen und Problemfelder5 AusblickLiteraturverzeichnis

 Kooperatives Sprachlernen – ein Chamäleon in Fortbildung und Evaluation1 Einleitung2 Die Gestaltung von Fortbildungen für Kooperatives Sprachlernen2.1 Das Konzept und seine Methoden in der Lehrerfortbildung2.2 Ziele, Inhalte und Methoden von Lehrerfortbildungen2.3 Forschungsbasierte Inhalte und Methoden in der Lehrerfortbildung3 Die Evaluation von Fortbildungen für kooperatives Sprachlernen3.1 Evaluation – quantitativ, qualitativ oder beides?3.2 Erste Evaluation des Lehrertrainings für kooperatives SprachlernenLiteratur

  Lesen und Schreiben im Englischunterricht der Grundschule, aber wie? Gelingensbedingungen aus der Sicht von Lehrkräften 1 Einleitung 2 Professionsforschung und Lehrerfortbildungen 3 Die Lehrerfortbildung als Initiator zum Anbahnen von Lesen und Schreiben im Englischunterricht der Grundschule 4 Kontextabhängige Faktoren für Erfolg und Misserfolg der Fortbildung zum Lesen und Schreiben im Englischunterricht der Grundschule in Bremen 5 Fazit Literatur

 “It’s not as academic and impossible as it seems to be” – Aktionsforschung und berufliches Selbstvertrauen in der fremdsprachlichen Lehrerbildung1. Einleitung2 Aktionsforschung in der fremdsprachlichen Lehrerbildung2.1 E-LINGO – Didaktik des frühen Fremdsprachenlernens3 Berufliches Selbstvertrauen4 Selbstvertrauen durch Aktionsforschung?4.1 Vertrauen in sprachliche Kompetenzen4.2 Vertrauen in pädagogische Kompetenzen4.3 Vertrauen in methodische und fachdidaktische Kompetenzen4.4 Vertrauen in fachwissenschaftliche Kompetenzen5 Fazit und Ausblick6 Literatur

 Praxiserkundungsprojekte und ihre Wirksamkeit in der Lehrerfort- und Weiterbildung1 Einleitung2 Aktionsforschung als Professionalisierungs- und Entwicklungsstrategie3 Reflexion, Dialog und Evidenz: die Grundsätze alltagskompatibler AktionsforschungReflexionDialogEvidenz4 Praxiserkundungen im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen mit DLL5 Datenkorpus: Die PEP-Dokumentationen6 Drei Thesen zur Wirksamkeit von Praxiserkundungen für die Weiterqualifizierung von LehrkräftenThese 1These 2These 37 PerspektivenAnhangLiteratur

  Autorenverzeichnis

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Abbildung 2 Kompetenzmodell von COACTIV (in Anlehnung an Baumert/Kunter 2006: 482).

Es handelt sich bei dieser Aufteilung stärker um den Leitgedanken der theoretischen Separierung als um den Versuch, Strukturzusammenhänge innerhalb des Professionswissensbereichs darzustellen. Kunter/Trautwein (2013: 147) erweitern diese Ausdifferenzierungsvorschläge in einem aktuelleren Modell sogar noch auf alle anderen Aspekte der professionellen Kompetenz.

Es ist aber ein bis heute bestehendes Desiderat, als Grundlage konkreter empirischer Forschungsvorhaben auf Aspekte der Teilkompetenzen hinzuweisen, die ihrerseits Strukturzusammenhänge hervorheben. Diesem Ansatz entspricht der hier skizzierte Versuch. Während in der COACTIV-Studie noch separate Befragungsinstumentarien für die unterschiedlichen Teilwissensbereiche erhoben wurden, sind wir im ZeBiG darum bemüht, im Sinne der bislang vorgestellten Überlegungen einen Erhebungsweg und ein Messinstrument zu entwickeln, das insbesondere die Verbindung von Fachwissen und fachdidaktischem Wissen im Rahmen einer kombinierten Befragung zu ermitteln versucht. Im Anschluss an die von Shulman geprägte englischsprachige Begrifflichkeit versuchen wir also, die Schnittmenge von Content Knowledge (CK) und Pedagogical Content Knowledge (PCK) beim Aufbau des Professionswissens angehender Spanischlehrerinnen und -lehrer zu bestimmen. Dabei beziehen wir uns ausschließlich auf die erste, traditionell als fachwissenschaftlich qualifizierte Ausbildungsphase in der Lehramtsausbildung, die universitär verortet ist – was sogar auch für die Verantwortlichkeit der in diese Phase integrierten schulpraktischen Studien gilt.

4 Zum Forschungsstand in der empirischen Professionsforschung

Das ZeBiG-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, das professionelle Wissen angehender Lehrkräfte in den geisteswissenschaftlichen Fachbereichen Theologie, Germanistik und Romanistik empirisch überprüfbar zu machen. Zu diesem Zweck wird in den drei genannten Fächern jeweils ein Messinstrument entwickelt, das im Sinne der Gütekriterien Reliabilität, Objektivität und Validität den gängigen Konstruktionsparametern entspricht.

Im Einzelnen will die Professionalisierungsstudie des ZeBiG den folgenden Fragen nachgehen: Wie ist das Professionswissen angehender Lehrkräfte strukturiert? Entspricht das an den Universitäten vermittelte Wissen, also der Ist-Zustand, dem Soll-Zustand? Wann und unter welchen Bedingungen wird das Professionswissen im Verlauf des Studiums erworben? Inwieweit sind das Fachwissen und das fachdidaktische Wissen zwei voneinander getrennte Wissensbereiche oder kann man von einer Verknüpfung beider Bereiche ausgehen?

Der sich anschließende Abschnitt soll die einzelnen Schritte und die damit verbundenen Herausforderungen in Bezug auf die Konstruktion des Messinstruments im Fach Spanisch veranschaulichen. Im Zentrum der Untersuchungen stehen zunächst die Spanischlehrkräfte, wobei in einigen ausgewählten Teilbereichen eine Übertragung auf die Erforschung des Professionswissens anderer angehender Fremdsprachenlehrkräfte, insbesondere auch derjenigen weiterer romanischer Sprachen, denkbar ist.

4.1 Der Forschungsstand zur Professionsforschung in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern

Nachdem sich die empirische Bildungsforschung in ihren Anfängen vordergründig mit der Messung von Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern auseinandergesetzt hat, rückten in den letzten Jahren nach und nach die Kompetenzen der Lehrkräfte in den Fokus. Man hat sich vermehrt die Frage gestellt, über welche Kompetenzen die Lehrerinnen und Lehrer im Schulsystem verfügen sollten, um die Schülerkompetenzen angemessen zu diagnostizieren und die Schülerinnen und Schüler möglichst effektiv zu fördern. Bisher wurde jedoch insbesondere das Fachwissen und das fachdidaktische Wissen (künftiger) Lehrkräfte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in den Blick genommen. Mit Hilfe empirischer Messverfahren wurde das Professionswissen Studierender der Mathematik bzw. der Naturwissenschaften in einigen größeren Studien erhoben. Zwei dieser Studien sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden, da diese einer ähnlichen theoretischen Grundlage und einer vergleichbaren methodischen Vorgehensweise folgen wie die Studie des ZeBiG. Es handelt sich dabei zum einen um die COACTIV-Studie, deren Fokus auf dem Fach Mathematik lag. Das zweite hier kurz vorzustellende Forschungsprojekt nennt sich KiL (http://www.ipn.uni-kiel.de/de/forschung/projekte/kil), welches nicht nur Messinstrumente für das Fach Mathematik, sondern in Erweiterung auch für die naturwissenschaftlichen Fächer Biologie und Chemie entwickelt hat.

Das Forschungsprogramm COACTIV untersucht seinem Selbstverständnis nach das Professionswissen von Lehrkräften im Rahmen eines kognitiv aktivierenden Mathematikunterrichts mit dem Ziel der Entwicklung mathematischer Kompetenz bei den Schülern. Dabei ist die Analyse der Genese, Struktur und Handlungsrelevanz professioneller Kompetenz von Lehrkräften als zentrale Aufgabe definiert. Die theoretische Grundlage der Studie ist das von den Verantwortlichen des Programms selbst entwickelte Kompetenzmodell, welches das Professionswissen von Mathematiklehrkräften auf der Grundlage der von Shulman entwickelten Taxonomie des Lehrerwissens und ihrer Erweiterung durch Rainer Bromme in Abhängigkeit von den professionellen Kompetenzen Motivation, Selbstregulation und Überzeugungen darstellt (vgl. hierzu Frey 2014: 716f. u. 719–721). COACTIV hat das fachabhängige Professionswissen von Mathematiklehrkräften in zwei unterschiedlichen Hauptstudien und diversen Ergänzungsstudien gemessen. In der ersten Hauptstudie in den Jahren 2003 und 2004 wurden in Ergänzung zur PISA-Studie bereits ausgebildete und in unterschiedlichen Schulformen berufstätige Mathematiklehrkräfte der von PISA getesteten Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I befragt. In den Jahren 2007 bis 2009 wurde in einer zweiten Hauptstudie das Professionswissen der Lehramtsanwärterinnen und -anwärter getestet (“COACTIV-Referendariat”), nachdem im Jahr 2008 in der Ergänzungsstudie “COACTIV-Studierende” das Testinstrumentarium an Mathematikstudierenden erprobt wurde. Die zentralen Fragestellungen der Studie sind: Lassen sich die theoretisch erfassten Aspekte des Professionswissens empirisch identifizieren? Welche Kompetenzaspekte beeinflussen das unterrichtliche Handeln einer Lehrkraft? Welche direkten und indirekten Einflüsse hat die Kompetenz einer Lehrkraft auf die Lernerfolge ihrer Schülerinnen und Schüler? Demnach hat die COACTIV-Studie alle Facetten der professionellen Kompetenzen und das Wissen von Lehrkräften mit den Kernvariablen des guten Unterrichts in Beziehung zueinander zu setzen versucht, um sodann die Auswirkungen auf Lernerfolg und die Lernmotivation zu analysieren.

Die zweite wichtige Studie im Bereich der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer ist im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) an der Universität Kiel entstanden. Die Abkürzung KiL steht für „Messung professioneller Kompetenzen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Lehramtsstudiengängen“. In Zusammenarbeit mit Vertretern der Erziehungswissenschaften und der pädagogischen Psychologie gehen Fachdidaktiker der naturwissenschaftlichen Fächer u.a. der Frage nach, unter welchen Bedingungen Lehramtsstudierende im Laufe des Studiums Professionswissen erwerben und wie dieses strukturiert ist. Die KiL-Studie entwickelte innerhalb von drei Projektjahren (2011–2013) Testinstrumente für die Bereiche Fachwissen, fachdidaktisches Wissen und pädagogisches Wissen. Als Orientierungsrahmen für die Entwicklung der Items hat man die KMK-Standards für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung herangezogen. Nach einer Pilotierungsphase in den Jahren 2011 und 2012 konnte im Jahr 2013 eine abschließende bundesweite Erhebung mit 1085 angehenden Lehrkräften durchgeführt werden (vgl. Kleickmann/Großschedl et al. 2014: 281f).

4.2 Der Forschungsstand zur Professionsforschung in den geisteswissenschaftlichen Fächern

Im Bereich der Fremdsprachendidaktik hat die empirische Forschung eine eher kürzere Tradition (vgl. Trautmann 2010; Doff 2012). Insbesondere zum Unterrichtsfach Englisch sind seit den 1990er Jahren eine Reihe von Studien qualitativer Art entstanden, welche sich mit ausgewählten Aspekten der Professionalisierung sowohl bereits ausgebildeter Lehrer, als auch angehender Lehrkräfte beschäftigen (vgl. u.a. Gabel 1997; Schocker-v. Ditfurth 2001). In diesen Studien werden einzelne Aspekte untersucht, die dem Professionswissen angehender Lehrkräfte zuzuordnen sind bzw. die zu seiner Entwicklung unterstützend beitragen, wie z.B. das forschende Lernen im Rahmen des Lehramtsstudiums der Fremdsprachen.

Darüber hinaus ist eine gößer angelegte quantitative Studie entstanden, die u.a. einen umfassenderen Blick auf das Professionswissen der Englischlehrkräfte wirft: die sog. TEDS-LT-Studie, aufgeschlüsselt “Teacher Education and Development Study: Learning to Teach”. Das Ziel dieser Studie ist „die Beschreibung des professionellen Wissenserwerbs und der Lerngelegenheiten von Lehramtsstudieren“ (Buchholtz/Doll [et al.] 2011: 25f) der Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik. Hier wurde in einer Längsschnittuntersuchung das professionelle Wissen von Studierenden für das Lehramt der Sekundarstufe I an acht unterschiedlichen Universitäten zu zwei verschiedenen Messzeitpunkten am Ende des Bachelorstudiums (erster Messzeitpunkt) und am Ende des Masterstudiums (zweiter Messzeitpunkt) getestet.

Da im Hinblick auf unser eigenes Projekt insbesondere der Studienteil für ein Fach der schulischen Fremdsprachenlehre interessant ist, soll hier kurz auf das methodologische Vorgehen der TEDS-LT-Studie bei der Untersuchung des Fachs Englisch eingegangen werden. Wie später auch in der KiL-Studie orientierte man sich bei der Entwicklung der Testaufgaben bereits explizit an den inhaltlichen Vorgaben der KMK-Standards für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung (KMK 2008). Darüber hinaus wurden curriculare Analysen sowie Expertengespräche durchgeführt, die jedoch nicht alle öffentlich dokumentiert worden sind. Als Ergebnis dieser Analysen konnte eine inhaltliche Struktur des Testinstruments für den ersten Messzeitpunkt vorgenommen werden, welche in zwei fachspezifische Grobbereiche untergliedert ist: Britische und US-amerikanische Literaturwissenschaft mit insgesamt vier Unterthemen und Linguistik mit sieben Unterthemen. Den umfangreichsten Teil des Testinstruments nimmt der Bereich Fachdidaktik mit insgesamt acht Unterthemen ein (Nold/Roters 2011: 83). Zum zweiten Messzeitpunkt wurde dem letztgenannten Bereich noch mehr Bedeutung beigemessen, da sich die Probanden bereits im Masterstudium befanden, welches sich in der Regel durch eine stärkere Konzentration auf die fachdidaktischen Inhalte auszeichnet.

5 Zum forschungsmethodologischen Vorgehen im Fach Spanisch

Bei der Konstruktion unseres eigenen Kompetenztests, der den Aufbau des Professionswissens angehender Lehrkräfte innerhalb ihrer ersten Ausbildungsphase erfassen soll, sind wir zunächst der Frage nachgegangen, welche Studieninhalte denn tatsächlich zum späteren professionellen Wissen der Lehrkräfte für das Fach Spanisch beitragen. Wir beziehen uns dabei weiterhin grundsätzlich auf das Kompetenzmodell von Jürgen Baumert und Mareike Kunter (2011), das im Rahmen der COACTIV-Studie entstanden ist, modifizieren es aber, wie bereits ausführlich begründet, in Richtung der in diesem Beitrag anfänglich vorgeschlagenen Differenzierung in zwei für den Lehrerberuf pragmatisch unterscheidbare Kompetenzprofilbereiche. Nach Baumert und Kunter ist das professionelle Wissen von (angehenden) Lehrkräften in die folgenden Wissensbereiche strukturiert: Fachwissen, fachdidaktisches Wissen, pädagogisches Wissen und Beratungs- und Organisationswissen. Nach diesem Modell läge der Fokus in unserem Forschungsprojekt einerseits auf dem Fachwissen, andererseits aber auch auf dem fachdidaktischen Wissen. Konsequenterweise gilt es nun zu ermitteln, welche Inhalte das Professionswissen angehender Lehrkräfte genau in der Schnittstelle der fachwissenschaftlichen Perspektive einerseits und der fachdidaktischen Perspektive andererseits bestimmen. Dies soll mit Hilfe eines eigens dafür entwickelten Paper-and-Pencil-Tests versucht werden, der eben diesen (Prä-)Professionswissensstand angehender Spanischlehrkräfte am Ende des Masterstudiums empirisch erfassen soll. Da das Modell von Baumert und Kunter wie dargelegt eben keine Verbindungslinien der Kompetenzbereiche ‚Fachwissen‘ und ‘fachdidaktisches Wissen‘ aufzeigt, erscheint es uns hilfreich, die von uns anfänglich vorgeschlagene theoretische Differenzierung zum Maßstab des Untersuchungsaufbaus zu machen und dabei ausschließlich auf den zweiten Kompetenzbereich zu fokussieren. Zur Erinnerung sei seine Formulierung hier noch einmal wiederholt. Es handelt sich um die folgende praxisrelevante Abstraktion aus dem gesamten Professionswissensspektrum der in Ausbildung befindlichen Lehrkräfte, nämlich: Das spezifische Fachwissen und fachdidaktische Wissen der (angehenden) Lehrkraft in der Form korrelierender Wissensbereiche als Grundlage für den curricular basierten erfolgreichen Aufbau von fachbezogenen Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern.

5.1 Item-Entwicklung nach vier Säulen

Da das Projekt sich zum Ziel gesetzt hat, einen „objektiven“, d.h. übertragbaren Test zu entwickeln, der an allen Universitäten bundesweit Anwendung finden kann, ist es erforderlich, für die inhaltliche Ausgestaltung einen gemeinsamen Nenner zu ermitteln. Dies dient dazu sicherzustellen, dass alle Items von Probanden an unterschiedlichen Universitätsstandorten bearbeitet werden können und aussagekräftig sind. Innerhalb der ZeBiG-Forschergruppe haben wir uns auf vier inhaltliche „Säulen“ geeinigt, welche für die Item-Entwicklung in den jeweiligen Fächern als Orientierungsrahmen Anwendung finden sollen.

Abbildung 3

Orientierungrahmen für Item-Entwicklung

Die folgenden Darstellungen beziehen sich ausschließlich auf die erste und zweite Säule. Um ein differenziertes Bild davon zu erhalten, welche Inhalte an den Universitäten vorwiegend gelehrt werden, wurde je Fach eine Modulhandbuchanalyse durchgeführt, bei der die Vorgaben der Ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung der KMK (Säule 1) mit den Modulhandbüchern (Säule 2) von insgesamt 16 Universitäten abgeglichen wurden. Modulhandbücher eignen sich im besonderen Maße für diese inhaltliche Erhebung, weil sie die universitären Curricula stabil wiedergeben. Es wäre nicht möglich gewesen, diese notwendigen Informationen aus den wechselnden Veranstaltungsverzeichnissen zu entnehmen. Aus der Analyse resultiert ein Themenspektrum, das die an allen untersuchten Universitäten weitgehend übereinstimmend gelehrten Fachinhalte widerspiegelt. Diese Schnittmenge an Lehrinhalten diente uns als Grundlage für die Item-Entwicklung.

Betrachtet man in diesem Zusammenhang beispielhaft den Bereich Sprachwissenschaft, so würde aus der vergleichenden Modulhandbuchanalyse als ein Ergebnis resultieren, dass Themen wie „Spracherwerb“ oder „Mehrsprachigkeit“ nicht mit in den Leistungstest aufgenommen werden könnten, da diese Themenbereiche gemäß der geltenden Modulhandbücher nicht fester Bestandteil der untersuchten Fachcurricula an den deutschen Universitäten sind. Dieses Ergebnis wirft grundsätzliche Fragen auf, denn gerade diese Themen erscheinen für einen Test, der das relevante Professionswissen angehender Fremdsprachenlehrkräfte messen soll, von besonderer Relevanz. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch für die Teildisziplinen Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft. Eine Beschränkung auf den bundesweit kleinsten gemeinsamen Nenner kann demnach nicht der Weg zum Ziel sein, professionelles Wissen angehender Fremdsprachenlehrkräfte zu erheben. Das Ziel muss vielmehr sein, alle in den KMK Standards für die Lehrerbildung erwähnten Themen angemessen zu berücksichtigen.

In Bezug auf die Item-Entwicklung ergibt sich nun aber folgendes Problem: Die hohe Anzahl an Teilbereichen in den einzelnen Fachdisziplinen, die innerhalb der Ausbildung relevant sind, und die geringe Spezifizierung bei der Themenvorgabe würden die Entwicklung eines repräsentativen Tests erheblich erschweren. Untersucht man beispielhaft die Rahmenvorgaben für den Bereich „Sprachwissenschaft“ (KMK 2008: 40), so ist festzustellen, dass den einzelnen Stichpunkten diverse Unterthemen zuzuordnen sind. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass aufgrund zeitlicher Einschränkungen bei der Testdurchführung nicht genügend Items pro zuzuordnendem Inhaltsbereich gestellt werden können, weshalb in jedem Fall eine repräsentative Auswahl getroffen werden muss.

5.2 Thematische Auswahl zur Item-Entwicklung

In Anerkennung der dargelegten praktischen Probleme bei der Testkonstruktion ist die Projektgruppe darin übereingekommen, jeweils nur einen der in den KMK Standards für die Lehrerbildung genannten Teilbereiche zu operationalisieren. Für das Fach Romanistik fiel die Entscheidung auf den Bereich Sprachwissenschaft. Allerdings wirft diese Einschränkung bei aller Notwendigkeit auch Fragen auf: Inwiefern ist es gerechtfertigt, einen reinen „Linguistiktest“ als Kompetenztest für angehende Lehrkräfte auszugeben? Würde in diesem Fall wirklich das Professionswissen angehender Lehrkräfte gemessen werden, wenn in einem Item beispielsweise geprüft wird, worin der Unterschied zwischen einem Phonem und einem Phon liegt, oder sollten das nicht auch diejenigen Studierenden wissen, die nicht das Lehramtsprofil gewählt haben? Welche weiteren Parameter sind bei dieser Messung notwenig, um die Spezifika bei der Ausbildung von Lehramtsstudierenden zu ermitteln?

Lehramtsstudierende der Fächer Spanisch und Französisch und vermutlich weiterer Fremdsprachen lernen in ihrem Studium, so die Curricula, die Strukturen der Sprache kennen, können sprachliche Varietäten erkennen und beschreiben und werden mit sprachwissenschaftlichen Modellen vertraut. Bei zahlreichen informellen Gesprächen mit Studierenden stellt man allerdings fest, dass auf den ersten Blick für viele nicht klar zu sein scheint, wofür sie dieses Fachwissen als Lehrkraft später benötigen, da sie davon ausgehen, dass sie eine wissenschaftliche Disziplin wie z.B. die Linguistik in der Schule gar nicht unterrichten müssen. Als wichtigen Professionalisierungsbereich für ihre später im Lehrerberuf erforderliche Kompetenz begreifen viele Studierende die Linguistik erst spät im Verlauf des Studiums – manche wohl auch gar nicht. Insbesondere erscheint vielen Lehramtsstudierenden die Diskrepanz zwischen ihren eigenen Studieninhalten und den bei den Schülerinnen und Schülern zu fördernden Kompetenzen, recht groß zu sein, eine wohl nicht nur in den fremdsprachlichen Fächer, sondern auch darüber hinaus sehr verbreitete Kritik. Aus unserem Blickwinkel verweisen wir hierzu auf den am Anfang dieses Beitrags diskutierten ersten Teil eines lehramtsbezogenen Kompetenzprofils, in dem die fachliche Breite und Tiefe eine wesentliche Rolle spielen. Wir müssen aber zugleich einräumen, dass die Einschränkung unserer eigenen Untersuchung auf den Kompetenzprofilbereich zwei dieser verbreiteten Kritik in gewissem Maße Rechnung trägt.

In jedem Fall führten uns die hier angerissenen Problematisierungen und die daraus resultierenden Erkenntnise zu dem Vorsatz, das linguistische Wissen ausdrücklich zu der späteren Tätigkeit als Lehrkraft in Bezug zu setzen und diese Verbindung in den Items fest zu verankern. Für die inhaltliche Ausgestaltung des Tests war es somit erforderlich, genau diejenigen Wissensbereiche zu ermitteln, welche die Lehrkräfte in Ausübung ihres Berufs zur Förderung der fremdsprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler benötigen.

5.3. Operationalisierung der Kompetenzbereiche für die Item-Bildung

Die Schülerkompetenzen werden in den KMK-Bildungsstandards für die erste und die fortgeführte Fremdsprache definiert (KMK 2003 und KMK 2012). Demnach sollen die Schülerinnen und Schüler die folgenden funktional-kommunikativen Fertigkeiten erwerben: Hörverstehen, Leseverstehen, Schreiben, Sprachmittlung und Sprechen. Dazu werden bei den Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (KMK 2003: 8) die sprachlichen Mittel Grammatik, Wortschatz, Orthographie und Aussprache/Intonation aufgeführt, bei denen für die fortgeführte Sprache wird lediglich auf das Verfügen über sprachliche Mittel und kommunikative Strategien hingewiesen (KMK 2012: 12).

Eine Lehrkraft soll selbstverständlich nicht nur selbst über diese Fertigkeiten verfügen, sondern sie soll vor allem dazu in der Lage sein, diese auch bei den Schülerinnen und Schülern zu fördern, wozu sie allerdings selbst umfassende Strukturkenntnisse der zu unterrichtenden Sprache benötigt. Im Unterricht einer modernen Fremdsprache ist die zu vermittelnde Sprechfertigkeit als besonders wichtige kommunikative Fertigkeit anzusehen, was im Allgemeinen auch der besonderen Erwartungshaltung der Schülerinnen und Schüler im Fremdsprachenunterricht entspricht. Es ist gerade der Kompetenzaufbau im aktiven Gebrauch der Fremdsprache, der in erheblichem Maße zu der Motivation der Lernenden beiträgt. Auch stets wiederkehrende kritische Haltungen zum Unterricht lassen sich daraus bisweilen ableiten:

[…] in einschlägigen empirischen Untersuchungen wurde übereinstimmend eine aus Schülersicht beklagte Überbetonung formalsprachlicher Vermittlung im Französischunterricht sowie eine Vernachlässigung des Trainings mündlicher Kommunikationsfähigkeit konstatiert. Eine Fremdsprache „können“ heißt für viele Schüler in erster Linie einmal sie sprechen zu können (Tesch/Grotjahn 2010: 202).

Genau auf diese Teilkompetenz des Sprechens soll das Augenmerk in unserer Teilstudie zum Fach Spanisch gelegt werden. Im Hinblick auf die Testkonstruktion ergibt sich somit die Aufgabe, all diejenigen linguistischen Inhalte herauszufiltern, welche für die Förderung der Sprechkompetenz im Fremdsprachenunterricht relevant sind. Zu diesem Zweck wurden die Bildungsstandards für die erste und die fortgeführte Fremdsprache analysiert. Da die kommunikative Kompetenz zu dialogischem und monologischem Sprechen nicht als isolierte Fertigkeit gilt, sondern nur mit Hilfe des aktiven Gebrauchs sprachlicher Mittel realisiert werden kann, wird diese in die Untersuchung mit einbezogen. Für die Sprechkompetenz sind aber insbesondere die Grammatik, der Wortschatz und die Aussprache bedeutsam. In den entsprechenden Ausführungen zu den einzelnen Kompetenzbereichen in den Standards für die Schülerinnen und Schüler lassen sich Hinweise auf notwendige linguistische Ressourcen entdecken. Anhand des folgenden Beispiels zur Aussprache und Intonation kann dies verdeutlicht werden:

“Aussprache und Intonation

Die Schülerinnen und Schüler

 können verschiedenartige Aussprachevarianten der Zielsprache verstehen,

 beherrschen die Aussprache in der Weise, dass diese i.d.R. weder auf der Wort- noch auf der Satzebene zu Missverständnissen führt,

 können die Zeichen der Lautschrift sprachlich umsetzen.” (KMK 2003: 15).

Bei der Durchsicht der Beschreibungen zu den übrigen Bereichen (Grammatik, Wortschatz, zusammenhängendes und dialogisches Sprechen) sind wir in vergleichbarer Weise verfahren. Im Ergebnis ist festzustellen, dass die KMK vorwiegend Hinweise auf sprachbeschreibende Disziplinen gibt. Man kann daher beispielsweise dem Bereich der Aussprache und Intonation als Schwerpunkte die sprachbeschreibenden Disziplinen Phonetik und Phonologie zuordnen. Analysiert man die Beschreibungen zum Bereich Grammatik, so stehen die Disziplinen Syntax und Flexionsmorphologie im Vordergrund. Zur Förderung des Wortschatzes wird auf Kenntnisse in den Gebieten Semantik und Lexikologie hingewiesen. Für das zusammenhängende und dialogische Sprechen als funktionale-kommunikative Fertigkeit ist es darüber hinaus hilfreich, sich mit pragmatischen und textlinguistischen Inhalten auszukennen. (vgl. KMK 2003: 14f.)

In dem Textabschnitt zur Aussprache und Intonation (s.o) werden im ersten Punkt die Aussprachevarianten genannt. Dies deutet darauf hin, dass neben dem Thema der Sprachbeschreibung auch weitere linguistische Disziplinen sekundär relevant sind. Im genannten Beispiel handelt es sich um den Bereich der Varietätenlinguistik. Ebenso kann man die grundlegenden sprachwissenschaftlichen Theorien bei der Item-Entwicklung nicht außer Acht lassen. So stellt sich an dieser Stelle erneut die Frage nach der inhaltlichen Schwerpunktsetzung innerhalb des Kompetenztests: Beschränkt man sich auf die aus der Analyse der Bildungsstandards herausgearbeiteten Hauptthemen Phonetik/Phonologie, Syntax, Morphologie und Pragmatik, oder sollte man nicht auch ebenfalls die sekundär relevanten Themen in der Erhebung berücksichtigen? Unsere Entscheidung fiel zugunsten der erweiterten Einbeziehung fachwissenschaftlicher Aspekte. Eine mögliche Lösung zum Problem der Integration aller Teilbereiche bei einer gleichzeitig schwerpunktmäßigen Ausrichtung auf die sprachbeschreibenden Disziplinen wird im folgenden Modell dargestellt:

Abbildung 4

Modell für die Item-Entwicklung

Der entwickelte Test ist demnach in vier Hauptbereiche gegliedert, die bei der Itementwicklung vordergründig zu berücksichtigen sind. In diese Items fließen aber die für die Sprechkompetenz zusätzlich relevanten Bereiche mit ein. Innerhalb der Studie ist es aus den weiter oben genannten Gründen darüber hinaus wichtig, den erwähnten Praxisbezug auch in den Items sichtbar werden zu lassen. Dies soll dadurch erreicht werden, dass im Item-Stamm eine möglichst authentische Unterrichtssituation evoziert wird, die ein Item in drei Schritten veranschaulichen soll: Eine erste Teilfunktion des Items besteht darin, die Unterrichtssituation transparent zu machen. In einem weiteren Schritt ist es die Aufgabe der Probanden, das dysfunktionale Element aus linguistischer Sicht zu begründen, um abschließend Konsequenzen oder Lösungsansätze für den Fremdsprachenunterricht zu benennen.

6 Ausgewählte Item-Beispiele

Die konzipierten Items sollen vor der grundsätzlich geplanten bundesweiten Durchführung der Studie eine Experten-Validierung erfahren und in einer Pilotstudie auf ihre Tauglichkeit hin untersucht werden. Die gesamte Item-Batterie hier vorzustellen würde den vorgegebenen Rahmen sprengen und wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch verfrüht, da die definitive Item-Auswahl noch nicht abschließend feststeht. Die hier beispielhaft vorgestellten Items aber sollen die Konzeptualisierung illustrieren und zu einer ersten kritischen Diskussion hinführen.

6.1 Item-Beispiel aus dem Bereich Phonetik und Phonologie

Dieses Item ist dem Bereich Phonetik und Phonologie zugeordnet. Im Vordergrund steht der Umgang mit Aussprachevarietäten im Spanischunterricht, was aufgrund sprachlicher Unterschiede zwischen Spanien und den hispanophonen Ländern Süd- und Mittelamerikas von besonderer Bedeutung ist. Eine Spanischlehrkraft ist dazu angehalten, nicht nur die Existenz und die nennenswerten Charakteristika der verschiedenen Varietäten zu kennen, sondern dieses Themenfeld auch in ihren Unterricht zu integrieren. Dabei geht es sowohl darum, besondere Eigenschaften zu thematisieren, als auch das Bewusstsein darüber bei den Lernenden zu schärfen. Damit befinden wir uns mit diesem Item an einer Übergangsstelle zu angrenzenden Bereichen wir z.B. dem der interkulturellen kommunikativen Kompetenz. Im hier dargestellten Beispiel wird der Proband dazu angehalten, eine sprachliche Varietät im Unterricht zu behandeln:

Stellen Sie sich folgende Situation in der Schule vor:

Sie üben mit Ihrer Klasse die Aussprache des folgenden Lautes: <ll> [ʎ]. Dabei beziehen Sie sich auf das castellano estándar. Ein Schüler/Eine Schülerin erzählt, er/sie habe einen Freund/eine Freundin in Argentinien, der/die diesen Laut eher wie einen Zischlaut aussprechen würde.

 a. Geben Sie Ihrem Schüler/Ihrer Schülerin eine kurze linguistisch-basierte Erklärung!

 b. Stellen Sie die Lautentwicklung mit Hilfe des API dar!

 c. Nennen Sie ein weiteres Beispiel aus einer weiteren Varietät und erläutern Sie Ihren Schülern, warum die spanische Sprache in so vielen Varietäten vorkommt.

Das vorgestellte Beispiel zeigt eindeutig, worin die Komplexität der Item-Bildung besteht. Versucht man den Fokus, so wie im aktuellen fachdidaktischen Diskurs postuliert, von dem Fehler wegzuführen und sprachpragmatische Aspekte in den Unterricht zu integrieren, kann sich die Fragestellung nicht auf die bloße phonetische Ebene reduzieren lassen und muss zahlreiche Bereiche integrieren. An sich erhalten die Probanden hier die Gelegenheit, nicht nur ihr Fachwissen unter Beweis zu stellen (bei b und Anteilen von a), sondern auch die Fähigkeit zur Bewältigung einer unterrichtspraktischen Situation. Ein Risiko stellt zunächst die Tatsache dar, dass bereits in der Fragestellung Wissen vorausgesetzt wird, welches – sollte es nicht vorhanden sein – die richtige Bearbeitung derselben verhindert. Ferner kann der Proband – selbst wenn er über das linguistische Fachwissen verfügt – daran scheitern, dass er vielleicht nicht dazu in der Lage ist, auf die richtigen fachdidaktischen Strategien zu rekurrieren, um a und c überzeugend zu meistern.

Überprüft man weitere Eigenschaften dieses Items, so stellt sich die Frage, inwiefern sich dieses konstruierte Szenario für den Spanischunterricht authentisch gestaltet. Eine kritische Diskussion um diesen so relevanten Aspekt zieht sich durch die gesamte Item-Batterie. Die Validierung durch Experten und die Pilotierung durch Probanden werden daher unabdingbare Maßnahmen zur Überprüfung sein, so dass festgelegt werden kann, welche Kompromisse zugunsten der Beantwortung der Forschungsfragen in Kauf genommen werden müssen.

6.2 Item-Beispiel aus dem Bereich Semantik und Lexikologie

Lesen Sie folgende Schüleraussage und füllen Sie im Anschluss den Lückentext aus.

„Ayer busqué un libro pero no lo pude encontrar en mi regalo.“

 a. Der Fehler in diesem Satz liegt in dem Wort _____________!

 b. Aus semantischer Sicht entspricht hier das _____________ nicht dem _____________ gemäß der grundlegenden Dichotomie von Ferdinand de Saussure.

 c. Im schulalltäglichen Gebrauch kennt man dieses linguistische Phänomen auch unter dem Begriff __________.

Die hier vorgestellte Aufgabe besteht darin, einen sogenannten „falschen Freund“ zu ermitteln, welcher im oben genannten Satz dem Wort regalo entspricht. Diesem Item kann durchaus eine hohe Authentizität attestiert werden, da derartige Interferenzen bei der Lernersprache oft vorkommen und durch den Einsatz mehrsprachiger Lernstrategien auch noch begünstigt werden können. Aus linguistischer Sicht kann man das Phänomen der „falschen Freunde“ mit den Fachtermini signifiant und signifié von Ferdinand de Saussure untermauern. Sicher drängt sich die Frage auf, ob an dieser Stelle nicht eine weitere Rubrik notwendig wäre, um den Umgang mit diesem Phänomen im Unterricht zu problematisieren. Dabei ergibt sich dieser allerdings implizit aus der Auseinandersetzung mit Teil b. Inwiefern dadurch aber die “Brücke” zwischen Fachwissen und fachdidaktischer Implementierung im Spanischunterricht geschlagen werden kann, wird stets von anderen Fertigkeiten der Lehrkraft abhängen. Nicht zu leugnen ist aber, dass die erwartbare Kompetenz der Fremdsprachenlehrkräfte im Bereich des Wortschatzes eine zentrale Rolle für die Vermittlung von Semantisierungsstrategien für die Lerner spielt, so dass das hier vorliegende Item eine hohe Legitimationskraft aufweist.

7 Fazit

Anhand der beiden kommentierten Item-Beispiele konnte vor dem Hintergrund der vorangegangenen Ausführungen gezeigt werden, dass das geplante Testverfahren in der Praxis auf Grenzen stößt, die jedoch die gewünschte Messung und Beantwortung der Forschungsfragen letztlich nicht unmöglich machen. In den einführenden Kapiteln dieses Beitrags haben wir dazu Gedanken einer neuen theoretischen Basis vorgestellt und darauf aufbauend die problematische Konstruktion eines geeigneten Messinstruments zur Erfassung der sich im Fachstudium entwickelnden Professionskompetenz von Lehramtsstudierenden der Fremdsprachen diskutiert. Betrachtet man die zunehmend laut werdenden Forderungen nach Optimierung der universitären Ausbildung – gerade in Anbetracht der tendenziell kürzer werdenden zweiten Ausbildungsphase – so führt kein Weg daran vorbei, die curricularen Inhalte im Studium verstärkt mit den in der beruflichen Realität gegebenen Anforderungen abzustimmen. Dabei darf aber keineswegs der bloßen Reduktion der Studieninhalte auf die passgenauen Bedarfe im Klassenraum Tür und Tor geöffnet werden, wie es von manchen Akteuren gefordert wird. Vielmehr gilt es, den heutigen Anforderungen in der sich stets weiterentwickelnden Schullandschaft durch eine Neumodellierung der Professionskompetenz von Lehrkräften gerecht zu werden. Messinstrumente wie das von uns im Rahmen unseres Forschungsprojekts entwickelte und hier vorgestellte sind Skizzen gangbarer Wege, die zwar nur Minimalanteile innerhalb der Gesamtausbildung abdecken, aber – so hoffen wir zumindest – durchaus einen gültigen Mustercharakter für weitere Studien haben können.

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