Read the book: «Im Zentrum der Macht»
Residenz Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
www.residenzverlag.at
© 2007 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub:
978-3-7017-4352-0
ISBN Printausgabe:
978-3-7017-3038-4
ERKUNDUNGEN
Erste Spuren
Kontaktaufnahme
Zerlumpt, ausgehungert, mit einem Wort „Elendsgestalten“ kamen zu Tausenden und schließlich zu Hunderttausenden an die Demarkationslinie. Man schrieb das Jahr 1918. An der Grenze zwischen dem Herrschaftsgebiet der entstehenden Sowjetunion und dem Machtbereich deutscher und österreichisch-ungarischer Armeen trafen Männer ein, die sich jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft befunden hatten. Zurückkehrend aus den Weiten des Zarenreiches, das die Revolution hinweg gefegt hatte, klopften sie an die Türen des krisengeschüttelten „Vaterlandes“. Heimkehrer, wie sie Joseph Roth in seinen Romanen verewigte, symbolisierten eine Welt, die aus den Fugen geraten war. Entwurzelte und Orientierungslose sahen den Untergang der alten Ordnung. Deren Beschützer versuchten das Schlimmste zu verhindern. Das Herz Europas musste vor dem anbrandenden Bolschewismus gerettet werden. Gegen die ehemaligen Gefangenen und Zeugen von Lenins Oktoberrevolution errichtete man eine „Abwehrlinie“. Geistige Quarantäne sollte den Bazillus des Umsturzes und des Aufruhrs ausmerzen.
Architekt der ideologischen Verteidigungsbastionen war unter anderen der letzte Geheimdienstchef der Habsburgerarmee, Maximilian Ronge. Als Kriegsgefangenenforscher begegneten wir ihm erstmals, um bald festzustellen, dass er von nun an regelmäßig unsere Wege kreuzen sollte. Er koordinierte und exekutierte die Aufträge der Regierenden, war vielleicht sogar Mitgestalter der österreichischen Gesellschaft. So wurden wir im Zuge unserer Forschungen immer wieder mit Ronge konfrontiert – wenn sich auch die Hinweise auf seine Tätigkeit meist nur im Anmerkungsteil wissenschaftlicher Arbeiten fanden oder in vielen Archivalien zunächst lediglich vereinzelt Spuren seines Wirkens ausmachen ließen.
War das „Fußnoten-Gespenst“ überhaupt fassbar? Es wurde rasch klar, dass wir uns auf schwierigem Terrain bewegten. Noch dazu galten Biografien lange Zeit unter Historikern regelrecht als verpönt. Man hatte sich den langfristigen Entwicklungen, ganzen Gesellschaftsschichten und Strukturen zugewandt. Als wir uns trotzdem entschlossen, Partei für Ereignis und Individuum zu ergreifen, standen wir freilich nicht mehr alleine da. In verwandelter Form waren die kleinsten Einheiten der „großen Erzählungen“ in die Geschichtsschreibung zurückgekehrt, umgeben von langsamer Veränderung und „fast stationärer Zeit“.
An Vorbehalten fehlte es dennoch nicht. Eine Biografie schreiben, ist das eine. Das Leben eines Spionagefachmannes erforschen, das andere. Die Erkenntnis des Historikers endet mit dem Horizont seiner Dokumente. Lücken quälen alle Forscher, egal, welchen Themen sie sich zuwenden. Aber ist es nicht nahezu aussichtslos, an eine Figur heranzukommen, die von Berufs wegen im Verborgenen arbeitet, Verschwiegenheit einfordert, Akten vernichtet, Halb- und Unwahrheiten aus taktischen Gründen in Umlauf bringt? Wie also sieht es mit der notwendigen Quellenbasis aus? „Agenten“ lassen sich nicht gerne in die Karten blicken – erst recht nicht, wenn sie bis zu ihrem Ableben im Dienst bleiben. Was sie festhalten oder gar veröffentlichen – Ronge schrieb zwei Bücher –, kann eine bewusste Irreführung sein.
Wir hatten den k.u.k. Spionagechef im Visier, aber wir hielten ihn auf Distanz. Noch konnten wir nicht wissen, dass er sich uns von einer anderen Seite näherte. Gerhard Jagschitz, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, betreute unsere Diplom- und Doktorarbeiten. Er ist der Enkel von Max Ronge.
Fährtensuche
Recherchen zu unseren Doktorarbeiten sowie zu nachfolgenden Wissenschaftsprojekten führten uns nach Moskau. In russischen Zentralarchiven, betonte Gerhard Jagschitz, sei unter anderem auf Dokumente zu achten, die der österreichischen Zeitgeschichtsforschung zugänglich gemacht werden sollten. Wir gingen an die Arbeit. Im Nachhinein überrascht es kaum, dass Ronge erneut zum Vorschein kam. In Kaderakten von KP-Funktionären im Moskauer Parteiarchiv, das sich heute „Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte“ nennt, fanden sich Unterlagen, die verdeutlichen, dass der letzte Leiter des k.u.k. Militärgeheimdienstes den „Weltrevolutionären“ ein Begriff war.
Aufschlussreiche Berichte fielen uns in die Hände. Ein Spitzel, offenbar mit Lenins Gefolgsleuten in Verbindung, hatte sich bei den Habsburgern in ihrem Schweizer Exil eingeschlichen. Er erzählte von monarchistischen Geheimzirkeln in Wien. In Österreich und Ungarn plane man die Rückkehr des Kaisers und Königs. Wir reisten nach Budapest. Dort, genauer gesagt im Nationalarchiv, erhärtete sich ein Verdacht: Max Ronge war involviert. Eigentlich hatten wir uns mit der Kommunistischen Internationale, kurz Komintern, und ihren Untergrundaktivitäten zu befassen. Dass Ronge nun nicht bloß als Vertreter der Staatsmacht in der Bolschewismusbekämpfung auftauchte, sondern gegen alle „Linken“ vorzugehen schien, dass er darüber hinaus im Dunkel der Illegalität für den entthronten Habsburgerherrscher konspirierte, brachte uns endgültig auf seine Fährte. Im deutschen Bundesarchiv, in Berlin und Freiburg im Breisgau, stießen wir erneut auf ihn. Nationalsozialistische Parteistellen, Militär und Außenpolitik des „Dritten Reichs“ warfen ein Auge auf den Wiener Spionagefachmann.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dann offensichtlich die Amerikaner, die sich mit ihm beschäftigten. Das belegt unter anderem ein US-Geheimdienstbericht. Der Enkel begann sich indes für unsere Entdeckungen zu interessieren. Ganz überraschend kamen sie für Jagschitz nicht. Immer wieder wurde er beispielsweise im Zusammenhang mit dem berühmten Spion Alfred Redl auf den Großvater angesprochen. Max Ronge hatte nämlich bei dessen Entlarvung keine geringe Rolle gespielt. Untätig blieb der Geheimdienstmann aber selbst in den folgenden Jahren nicht. Er mischte mit, in der Monarchie und in der Republik, über die Epochen hinweg.
Kontinuitäten sind überdies in einer ganz anderen Hinsicht vorhanden: Heute noch leben Gerhard Jagschitz und sein Bruder Wolfgang in der Messerschmidtgasse 28 im 18. Wiener Gemeindebezirk, wo Max Ronge mehr als vier Jahrzehnte, bis zu seinem Tod 1953, wohnte. Ab dem Jahr 2000 waren wir häufig bei Jagschitz zu Gast – und damit gewissermaßen bei Großvater Ronge. Unsere Begeisterung für die Sache spornte auch den Enkel an. Zusammen wollten wir uns an die Fersen des „Meisterspions“ heften. Von nun an waren es systematische „Ermittlungen“ gegen einen berufsmäßigen Ermittler, Kundschafter und Ausspäher. Aus dem Hochschullehrer Gerhard Jagschitz wurde ein väterlicher Freund. Keinen Abend mit ihm und seinem Lebensmenschen, Gisi Kerbler, möchten wir missen. Ein wenig beschämt blicken wir auf die außerordentliche Gastfreundschaft in der Messerschmidtgasse zurück, wo wir intensiv und offen über Max Ronge diskutierten. Das Tonband lief mit. Das gemeinsame Thema, die Biografie, stand immer im Zentrum unserer Gespräche. Und der Mann, der uns zusammengeführt hatte, schien auf besondere Weise präsent zu sein. In einer Sommernacht stolperten wir, den Lichtschalter vergeblich suchend, durch die dunkle Wohnung in der Messerschmidtgasse, um schließlich mit einem Teil der Einrichtung zu Boden zu gehen. Was da klirrte und schepperte, war der in einem Schirmständer verstaute Säbel des „Meisterspions“. Wir scherzten: Drohte uns Ronge mit der blanken Waffe, weil wir selbst die dunkelsten Momente seiner Biografie ausleuchten wollten? Schonen, so viel war klar, konnten wir ihn nicht. Es sollte eine kritische Annäherung werden, keine Verehrung des „lieben Opapa“.
Gerhard Jagschitz legte Fotos, Briefe, Berichte, Konfidentenmappen, Aktenstücke und Tagebuchnotizen auf den Tisch. Wir fingen an, den in der Messerschmidtgasse verbliebenen Nachlass zu sichten, zu ordnen und mit den Beständen des Kriegsarchivs im Österreichischen Staatsarchiv in Wien-Erdberg zu vergleichen. Jahrzehntelang getrenntes Material wurde, wenigstens in Form von Kopien, wieder zusammengeführt.
Soweit es sich um die Vervielfältigung des von Jagschitz verwahrten Nachlasses handelte, half uns dabei Jürgen Kremb, kurzfristig Wiener Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Kremb verstärkte das „Ermittlungsteam“. Hinzu kam Christoph Ronge, Pressesprecher des Wiener Bürgermeisters, den unsere „Erkundungen“ aus familiengeschichtlichen Gründen interessierten. Wertvolle Hinweise gehen zudem auf Aussagen von Stefanie Lahousen von Vivremont zurück. Ihr Mann, Erwin Lahousen, war Schüler und Freund Max Ronges gewesen. Im „Dritten Reich“ führender Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes unter Admiral Wilhelm Canaris, beteiligte er sich am Widerstand, der innerdeutschen Opposition gegen Adolf Hitler. Wir verdanken Frau Lahousen, die sich zu persönlichen Unterredungen bereit erklärte, wichtige Unterlagen über die letzten Lebensjahre Ronges.
Einen bedeutenden Beitrag zur Darstellung der Dreißigerjahre leisteten wiederum österreichische Staatsarchivare. Bei unseren Untersuchungen erwiesen sie sich als ebenso hilfsbereit und aufmerksam wie der Moskauer Universitätsprofessor Alexander Vatlin während der früheren Forschungen in Russland. Vatlin, unter anderem ein Spezialist für österreichische Geschichte, lieferte aussagekräftiges Kontextmaterial, während Mitarbeiter des Archivs der Republik in Erdberg, allen voran Rudolf Jerˇábek und Heinz Placz, mitwirkten, Max Ronge, das „Hausgespenst des Bundeskanzleramtes“, dingfest zu machen.
Parallel dazu werteten wir die eingefahrene Ernte aus. Das Bild wurde komplexer. Neue Fragen tauchten auf. Wieder wurde in der Messerschmidtgasse beraten. Und wieder schienen wir schicksalhaft mit dem Thema unserer Ermittlungen verbunden. Tagebuchaufzeichnungen ließen keinen Zweifel aufkommen. Max Ronge kannte einen „Herrn Leidinger“ aus der von Thomas Bernhard literarisch verewigten „Reindlmühle“, nahe dem oberösterreichischen Gmunden. Und dieser Herr Leidinger, so viel ist sicher, war niemand anderer als der Urgroßvater von Hannes Leidinger.
Machte Ronge im Salzkammergut lediglich Urlaub? Jedenfalls traf er sich damals, während des Sommers 1923, in der Region mit Geheimdienstleuten und allerhand zwielichtigen Gestalten antimarxistischer Verschwörungen. Stellte sich ihnen „Herr Leidinger“ nur als Ortskundiger zur Verfügung? Oder war er am Ende ein Eingeweihter? – Wie zum Beispiel „Putzi-Onkel“ alias Wilhelm Preissler, der Freund der Jagschitz- und Ronge-Familie, der, so viel wussten wir schon, zwar kein Onkel, aber ein Spion war.
Wir schlossen Kompromisse. Nicht alle Fragen waren zu beantworten. Dass Puzzle fügte sich immerhin aber soweit zusammen, um Konturen zu erkennen und den „Mut zur Lücke“ zu finden. Schließlich gab es wichtigere Zusammenhänge zu berücksichtigen als das kleine Reindlmühler Tete-à-tete. Dass allerdings der Jagschitz-Großvater und der Leidinger-Urgroßvater in einer Schlucht unweit des Traunsees miteinander zu tun hatten, hielt das Biografenkollektiv dann doch für eine „Schicksalsfügung“.
„Höhere Mächte“ drängten zur Selbstvergewisserung, zur abschließenden Arbeit. Es wurde ein wenig esoterisch. Ganz unserem Wesen fremd und sehr zu unserem Missfallen. Denn mittlerweile wurden wir sogar in unseren Träumen von Max Ronge behelligt. Wir waren in ein Metier des Argwohns und der Paranoia eingedrungen. Ronge verfolgte uns, wir verfolgten ihn. Mit zunehmendem Wissen und der Anhäufung von Datenbergen schien es an der Zeit, den Spionagechef loszuwerden. Das Buch musste geschrieben werden.
Die vielen Gesichter des Maximilian Ronge oder die Suche nach dem Großvater
In der aktuellen Diskussion über die Erinnerungskultur in der Geschichte ist ein modischer Zweig die Auseinandersetzung der Söhne mit ihren nationalsozialistischen Vätern. Doch in meinem Fall ist es etwas anders. Ich suche die Bewertung meines Großvaters, also einer Person, die für eine relativ kurze Zeit einen wesentlichen Teil meiner Kindheit geprägt und darüber hinaus mein Weltbild, vielleicht auch meine charakterlichen und beruflichen Fähigkeiten beeinflusst hat, ohne es zu wissen und nur gelegentlich zu wollen. Was aber diese Suche so schwierig macht, ist der Dualismus: er ist Mitglied familiärer Intimität und gleichzeitig eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die großen Einfluss im politischen Hintergrund der österreichischen und mitunter auch mitteleuropäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausübte. Er war Teil meines persönlichen Beziehungssystems, er war gleichzeitig aber auch jemand ganz anderer. Mein Interesse ist es also, einen Menschen in seiner beruflichen und privaten Komplexität zu verstehen, den ich nur in der familiären Nähe intensiv erlebt habe. Im Gegensatz zu dem durch den Nationalsozialismus bestimmten Väter-Söhne-Konflikt gibt es in meinem Fall keine historischen Lasten und politischen Korrektheiten, keine Negativismen und öffentlich mit Wohlwollen begleiteten Distanzierungen, keine Klischees und keine Rechtfertigungen. Im Gegenteil: In einem allgemein noch nostalgisch verklärten Bild der österreichisch-ungarischen Monarchie wäre mein Großvater eine positiv besetzte Figur, ein strammer Offizier und treuer Diener seines Kaisers und später hoher Beamter im Dienste der Republik. Ich habe also keinen Akt der Befreiung zu setzen.
Und dennoch sind die Fragen ähnlich: Rechtfertigt ein System jedes Handeln oder ist ein darüber hinausgehendes persönliches Gewissen die oberste Instanz ? Wird ein System, das Diener verlangt, nicht in jedem Fall zum Zwangssystem, dem man sich nur durch eine kritische Haltung gegen die Obrigkeit entziehen kann? Sind öffentliche Personen, die sich einer dynastischen oder parteilichen Loyalität, einer Autorität oder einer Staatsräson verpflichtet fühlen und deswegen in ihrem Handeln glauben, auch Grenzen überschreiten zu müssen, noch normale Menschen mit normalen menschlichen Fundamenten, Empfindungen und Beziehungen? Kann ein einheitlicher Charakter noch bestehen, wenn die vermeintliche Erfüllung von Pflichten einen immer größer werdenden Widerspruch zu sozialen Werten und allgemeinen Grundregeln des Zusammenlebens bewirkt? Erfasst berufliches Täuschen, Verschleiern, Verstellen und Verschweigen auch die private Welt? Kann man eine Ethik der Pflicht und eine Ethik des Privaten trennen? Oder werden diese Personen zum personifizierten Zwiespalt, zu ständigen Grenzgängern zwischen zwei Parallelwelten, die in der Illusion leben, deren unüberbrückbare Gegensätze doch irgendwie vereinen zu können?
Auch um den Bereich des Nachrichtendienstes ranken sich üppig wuchernde Klischees und Vorurteile. Dem tollkühnen Agenten, der mit einer einzigen Tat den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst, steht der nüchterne Zahlen- und Faktensammler der nachrichtendienstlichen Routine gegenüber. Gelten für Mitarbeiter der „Intelligence“-Berufe eigene Maßstäbe, sind sie andere Menschen? Kann man als Historiker Nachrichtendienst überhaupt zum Gegenstand der Forschung machen oder entzieht sich dieses Thema den klassischen historiographischen Zugängen? Kann man zwischen den Aufschneidern und den großen Schweigern historische Wahrheit finden, oder ist aus Mutmaßungen, Erfindungen und Möglichkeiten, aus Mangel an traditionellen Quellen und wegen der professionellen Verschleierungen der Akteure nur pseudowissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen? Sind aber nicht, wenn man tief genug gräbt, doch noch die Fußabdrücke im Sand zu erkennen? Besteht bei den berufsmäßigen Mitarbeitern der Nachrichtendienste nicht die Gefahr, dass der ständige Umgang mit vermeintlichen und echten Geheimnissen die klare Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt aufhebt? Verleitet diese Arbeit nicht dazu, sich aus den Zwängen aller Normen zu befreien und sich aus der Macht des Wissens über den Staat und seine Grundprinzipien zu erheben? Wo in der Geschichte des Nachrichtendienstes ist der Platz meines Großvaters? Was waren die Motive seines beruflichen Interesses und wofür arbeitete er? War er vielleicht ein Vorläufer von James Bond?
Maximilian Ronge war eingebettet in ein festgefügtes und mit starren Regeln versehenes System des Generalstabs, der geschlossenen militärischen Elite der Habsburger-Monarchie. Er entzog sich nie den dadurch vorgegeben Denk- und Handlungsbahnen und war bedingungslos seiner Sache und dem Kaiser ergeben. Aber diese Haltung verlor den Boden unter den Füßen, als es keinen Kaiser mehr gab und wurde vollends fragwürdig, als er auch sein privates Leben daran orientierte. Er fühlte sich einem Eid verpflichtet, als es den Eidgeber schon längst nicht mehr gab. Wie ein Sportler durchtrainiert ist, war er „durchdiszipliniert“. Mit einer fast genialen Fähigkeit zur Systematisierung, Sammlung und Verknüpfung zu Zusammenhängen verband er ein ausgeprägtes strategisches Denken. Er war, ständig umgeben von einer Aura der Strenge, die lebende Korrektheit und verlor niemals die Kontrolle. Dennoch war in ihm eine starke zeitbedingte Spannung. Verschlungen im Alten, Traditionellen und Formalen war er ein Stockkonservativer und doch gleichzeitig ein Modernist und Inbegriff eines Technokraten, der die neuen technischen Errungenschaften privat und beruflich begierig nützte. Er war aber nicht nur ein wichtiges, anscheinend perfekt funktionierendes Rad in der Militärmaschinerie des Kaiserreiches. Er war auch – nach modernem Begriff – ein Schreibtischtäter, der im Ersten Weltkrieg zahlreiche Menschen, die er der Spionage verdächtigte, ohne Skrupel und ohne eingehende Untersuchung töten ließ, ein Scharfmacher, der überall politische Feinde witterte und sie unbarmherzig verfolgte. Wie ist das mit der Vertrautheit des Ehemanns, der Nähe des Vaters und dem Stolz des Großvaters zu verbinden? Oder war das alles Teil einer fest umrissenen Rolle eines Vertreters der damaligen Elite und bürgerliche Fassade, hinter der sich Gefühlsarmut, Unfähigkeit zu echten Beziehungen und zum Empfinden von Mitleid, verbarg? Kann man vielleicht überhaupt nur durch eine fehlende Gefühlswelt zum Pflichterfüller werden? Mir stellt sich die Frage, ob ich in der doppelten Rolle des Enkels und Historikers Antworten finde, die beiden gerecht werden.
Der Schauspieler Will Quadflieg wurde einmal gefragt, was denn von seiner Kunst bleiben würde und antwortete darauf: In erster Linie die Erinnerung und dann die Erinnerung an die Erinnerung, und am Ende wäre alles verwässert und nichts würde mehr stimmen.1 Eine ähnliche Erfahrung machte ich 1985 bei der Vorbereitung der Ausstellung „Die wilden 50er Jahre“ auf der niederösterreichischen Schallaburg. Die 50er Jahre waren die Jahre meiner Jugend, intensiv erlebt und mit wacher Neugier aufgenommen. Ich war also der Meinung, ich müsse nur meine Erlebnisse und Erfahrungen dem Ausstellungskonzept zugrunde legen und die Zeit wäre so rekonstruierbar. Doch mit fortschreitenden Recherchen verflog diese Illusion, ich merkte, dass die Erinnerung viele Lücken hatte, viele Bereiche gar nicht wahrgenommen hatte, dass Erlebtes und die Geschichte einer Zeit sogar mitunter in Widerspruch standen. Unterschiedliche Menschen erleben dasselbe ganz anders, erinnern ganz Verschiedenes und bewerten es gegensätzlich. Eigenes Erleben erfasst also nur einen kleinen Sektor, es ist nur ein Tropfen in einem großen See.
Historiker sind immer von der Gefahr bedroht, den Zugang zu einer Zeit verschlossen zu finden oder nur simulieren zu können. Die meisten geben das nicht zu, sondern erschaffen als Ersatz Kunstwelten, die sich vernebelnd vor die eigentlichen Realitäten schieben und allmählich zur historischen Wahrheit werden. Auch Personen können so, bisweilen mithilfe eines psychologisierenden Dilettantismus, zu Kunstpersonen werden, weil ihre Vielschichtigkeiten, Widersprüchlichkeiten, Charakterschwächen oder Irrationalismen in der Oberflächlichkeit oder der Banalisierung verschwinden und die tatsächlichen Motive ihres Denkens und Handelns verborgen bleiben. Auf die zusammengetragenen Fakten werden wahllose persönliche Histörchen aufgeklebt und ergeben ein allzu glattes Bild, was bis zu der gegenwärtig so beliebten Vermenschlichung von Tyrannen gehen kann. Biografien gehören ja auch zum schwierigsten Handwerk der Historiker. Doch wie muss man in meinem Fall mit persönlicher Nähe und professioneller Distanz umgehen? Ist Nähe hier nicht eine Falle, die verzerrend und beschönigend, einseitig und entschuldigend wirkt?
Das Bild des Großvaters aus dem persönlichen Erleben und den Erzählungen, im Kauderwelsch zwischen der Macht der Gene und den sozialen Prägungen, ist durchwoben von Gefühlen, Erinnerungsfetzen und Vorstellungen. Aber was fangen Historiker mit Gefühlen, den subjektivsten und unsichersten Bausteinen der Geschichte an? Das enge familiäre Beziehungsgeflecht hat dem Großvater einen festen Platz in der Familiengeschichte zugewiesen. Es ist aber die Frage, ob der persönliche, ganz subjektive Zugang – noch dazu eines Kindes – etwas zum allgemeinen Verständnis einer Person beitragen kann. Und umgekehrt, kann die Kenntnis von in Dokumenten verstreuten Informationen mein Bild des Großvaters verändern? Welche Informationen oder Interpretationen bedürfen der Nähe und sind aus der Distanz eines unbeteiligten Historikers nicht zu finden? Welche persönlichen Bezüge ergänzen und vervollständigen die aus den Akten heraussteigende Persönlichkeit zu einer ganzheitlichen Biografie? Es gibt wohl nur einen Großvater, aber viele Schichten der Persönlichkeit des Maximilian Ronge.
Als in den vielen Gesprächen mit Verena Moritz und Hannes Leidinger zunächst fast spielerisch die Person meines Großvaters auftauchte, der ihnen schon aus ihren Forschungen zur Kriegsgefangenenfrage des Ersten Weltkriegs bekannt war, hatten wir noch keine konkreten Vorstellungen für eine Bearbeitung. Doch bald begann uns die Person und die Möglichkeiten ihrer Darstellung zu faszinieren, wir entwickelten immer üppiger wuchernde Konzepte, ohne dass wir das Wagnis ignoriert hätten, das mit diesem Unternehmen verbunden war. Vor allem interessierte uns, ob wir dem professionellen Spurenverwischer auf die Schliche kommen konnten und ob die Spannung zwischen Ronge als historischer Figur und meinem persönlichen Zugang zum Großvater nicht eine reizvolle Ausgangssituation ergeben könnte.
Als wir uns dann zu einer Arbeit über Maximilan Ronge entschlossen, begann für mich ein persönliches Eintauchen in eine verwirrende Welt von Bekanntem und völlig Unbekanntem. Die Konfrontationen mit dem in meinem Besitz befindlichen Nachlassfragment und dem nach dem Tode des Großvaters von meinem Vater an das Kriegsarchiv übergebenen größeren Nachlassteil – die ich bis dahin niemals angeschaut hatte – ließen eine Fülle neuer Facetten in der Persönlichkeit meines Großvaters entstehen und erweiterten oder präzisierten meine Erinnerungen. Sie ermöglichten es, meine Erinnerungsschichten zu ordnen und eine Unterscheidung zwischen meinen persönlichen Erlebnissen vom Krieg bis zum Tod des Großvaters im Jahr 1953, den Familienerzählungen und einer unkonkreten Ebene von Stimmungen und Atmosphären vorzunehmen. So ist diese Arbeit auch ein ganz persönliches Wagnis, meine in 40 Jahren erworbene Position eines Historikers steht angesichts der Subjektivität auf dem Prüfstand. Doch das Nachdenken als Faszination und das Forschen als Abenteuer machen dieses Vorhaben leicht.
ERMITTLUNGSERGEBNISSE
Der Weg nach oben
Der Musterschüler
Es gibt viele Möglichkeiten, Assoziationen zu jenem Jahr herzustellen, in dem Maximilian Ronge geboren wurde. Einige, wie zum Beispiel die 1874 erfolgte Gründung des „Weltpostvereins“ in Bern oder die Eröffnung des Wiener Zentralfriedhofes, werden zu Recht weit hergeholt und beliebig bis absurd wirken; andere aber offenbaren, wenigstens auf den zweiten Blick, im wörtlichen Sinne merkwürdige Koinzidenzen. So gründeten im April 1874 einige Dutzend Delegierte der österreichischen Arbeiter- und Bildungsvereine in Ungarn die Sozialdemokratische Partei Österreichs. Man traf sich nämlich im damals zur ungarischen Reichshälfte gehörenden kleinen Ort Neudörfl, weil die Zusammenkunft, die ursprünglich auf österreichischem Boden hätte stattfinden sollen, verboten worden war. Da Maximilian Ronge sich im Laufe seines Lebens zu einem vehementen und aktiven Gegner der Sozialdemokratie entwickelte, erscheint es legitim, dieses historische Ereignis im Zusammenhang mit seinem Geburtsjahr anzuführen.
1874 ist aber auch jenes Jahr, in dem zwei Bundeskanzler der Ersten Republik geboren wurden: Johann Schober und Ernst Streer von Streeruwitz. Ihre Lebenswege kreuzten sich später mit jenem Maximilian Ronges. Im Falle Johann Schobers mit durchaus nachhaltigen Folgen.
Mit Ronges Geburt, genau genommen mit seiner Herkunft, kann man noch einen anderen Namen in Verbindung bringen: Wilhelm Canaris. Der spätere Chef des deutschen Militärischen Geheimdienstes erblickte nicht etwa im selben Jahr wie Maximilian Ronge das Licht der Welt. Canaris aber hatte eine Großmutter, die als Katharina Ronge geboren wurde. Diese wiederum war die Schwester des berühmten, vor allem in Deutschland wirkenden katholischen „Kirchenrebellen“ Johannes Ronge, der auch als „Luther des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde.2
Spätestens 1938, als sich Maximilian Ronge diverse Dokumente für seinen „Ariernachweis“ beschaffte, muss er – nolens volens – Interesse für seinen Stammbaum entwickelt haben. Ein Bild des aus Schlesien stammenden und 1887 in Wien verstorbenen Johannes Ronge, das sich im Nachlass Maximilian Ronges fand, könnte Indiz für Vermutungen hinsichtlich einer Verwandtschaft mit dem streitbaren „Reformator“ sein. Immerhin war es nicht nur der gleiche Nachname, der Anlass zu derartigen Spekulationen lieferte. Ebenso wie Johannes Ronge stammten nämlich Maximilians Großvater und Vater aus Schlesien. Während aber Johannes Ronge aus dem im 18. Jahrhundert als Ergebnis der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Maria Theresia und Friedrich II. preußisch gewordenen Teil Schlesiens kam, war Maximilian Ronges Familie väterlicherseits offenbar eine österreichisch-schlesische. So ist mit Odrau zumindest der Geburtsort des Liborius Ronge bekannt, und dieser befand sich im ethnisch äußerst heterogenen k.k. Schlesien, also innerhalb der Grenzen der Habsburgermonarchie. Auszuschließen ist die Verwandtschaft mit dem preußisch-schlesischen Johannes Ronge deswegen nicht. Dasselbe gilt in weiterer Konsequenz für diesbezügliche Verbindungen zwischen Wilhelm Canaris und Maximilian Ronge. So reizvoll aber die Vorstellung ist, dass der eine Geheimdienstchef mit dem anderen verwandt war, so unlauter wäre es, über Vermutungen hinauszugehen. Überdies kann nicht gesagt werden, ob sich auch nur einer von beiden der Möglichkeit gemeinsamer Wurzeln bewusst war. Im Winter 1937/38, als sich die zwei zum ersten Mal trafen, hatten sie jedenfalls kaum Zeit, um sich über Fragen der Genealogie auszutauschen.
Als Maximilian Wilhelm August Ronge am 9. November 1874 in Wien-Gumpendorf zur Welt kam, war sein Vater, Liborius, 48 Jahre alt, seine Mutter, Maria Anna, 30. Das Paar hatte bereits zwei Kinder: den Stammhalter Adolf und seine um drei Jahre jüngere, 1871 geborene Schwester Albertine. Komplett war die Familie erst 1883, als Maria Anna Ronge zum dritten Mal einem Knaben das Leben schenkte. Der Jüngste bekam den Namen des Großvaters, Franz Ronge.
Die Ronges waren gewiss nicht vermögend, aber sie brachten es zu mehr oder weniger bescheidenem Wohlstand. Liborius Ronge war ein k.u.k. Militär-Rechnungsrat, der im Wiener Kriegsministerium arbeitete. Der Familienvater lebte – so drückten es seine Vorgesetzten aus – in finanziell geordneten Verhältnissen.3 Seine beruflichen Fähigkeiten als Mann der Zahlen konnte er offenbar auch im privaten Bereich anwenden. Immerhin war ein paar Jahre nach Geburt des dritten Kindes das Geld beisammen, um ein kleines Haus in Ober St. Veit zu erwerben. Dieser Stadtteil an der Peripherie Wiens zählte nicht zu den ansonsten vielfach proletarisch geprägten Vorstädten mit ihren Fabriken und Elendsvierteln. Heute gehört Ober St. Veit zum so genannten „Nobelbezirk“ Wien-Hietzing.
Maximilian besuchte die fünfklassige Volksschule in Ober St. Veit. Der Taferlklassler brachte ausschließlich Noten wie „sehr fleissig“, „sehr gut“ und „vollkommen entsprechend“ nach Hause. Daran änderte sich auch in den folgenden Jahren wenig. Lediglich in den Fächern „Naturlehre“ und „Gesang“ musste er sich immer mal mit einer Zwei zufrieden geben. Ein Klassenfoto zeigt den Neunjährigen als selbstbewusst wirkendes Kind, das seinen Platz, gleich neben dem Lehrer, wahrscheinlich als Ausdruck einer besonderen Auszeichnung zugewiesen bekam. Der kleine Ronge war ein Vorzugsschüler. 1886 wurde ihm ein Abschlusszeugnis „behufs seiner Meldung zum Eintritte in eine Mittelschule“ ausgefolgt. Demzufolge war sein „sittliches Betragen“ und sein „Fortgang“ im Rechnen, „in der Unterrichtssprache“ und „in der Religionslehre“ einmal mehr „vollkommen entsprechend“ beziehungsweise „sehr gut“ gewesen. Der Übertritt in die „Staats-Realschule Sechshaus bei Wien“ bereitete Maximilian keine Schwierigkeiten. Seine Leistungen wurden fast durchweg als „vorzüglich“ oder „lobenswert“ beurteilt. Das galt auch für den Turnunterricht, der sich als eine Art „vormilitärische Ausbildung“ darstellte.4 Die Schüler traten in Reih und Glied an und manche Übung war nicht weit weg vom Exerzieren am Kasernenhof. Militärisches setzte sich aber auch in anderen Unterrichtsgegenständen fest. So hatten die Hausarbeiten, die Maximilian Ronge in den Fächern „Deutsch“, „Geschichte“ und „Englisch“ verfasste, in vielen Fällen mit Schlachten und überhaupt mit kriegerischen Auseinandersetzungen aller Art zu tun. Begriffe wie „Vaterlandsliebe“ oder „Patriotismus“ ließen sich vor diesem Hintergrund gewissermaßen anschaulich vermitteln. Die Geschichte der Antike bot hierbei einen reichen Fundus an Figuren und Ereignissen. Die Aufsätze und Diktate, die Maximilian Ronge niederschrieb, handelten dementsprechend von den Kriegszügen Julius Cäsars und trugen nicht umsonst Überschriften wie „Welche Verdienste hat sich der Grieche Epaminondas um sein Vaterland erworben?“
Der Schriftsteller Stefan Zweig betonte in seinen Erinnerungen das „Kasernenhafte“ der Schule und des Unterrichts dieser Zeit. Mehr noch, er sprach von einem „Kerker“. „Man saß“, schrieb er, „paarweise wie die Sträflinge in ihrer Galeere auf niederen Holzbänken, die einem das Rückgrat krümmten“. „Es war ein stumpfes, ödes Lernen nicht um des Lebens willen, sondern um des Lernens willen, das uns die alte Pädagogik aufzwang.“5 Der Schüler Zweig litt, wie wohl viele andere, unter der Lieblosigkeit und Unpersönlichkeit des damaligen Schulsystems. Und er kritisierte als Erwachsener dessen Zweck und Ziel: „Wir sollten vor allem erzogen werden, überall das Bestehende als das Vollkommene zu respektieren, die Meinung des Lehrers als unfehlbar, das Wort des Vaters als unwidersprechlich, die Einrichtungen des Staates als die absolut und in alle Ewigkeit gültigen“ anzusehen.6
Maximilian Ronge sah im Unterschied zu Stefan Zweig niemals einen Anlass, Kritik an derlei Maximen zu üben. Im Gegenteil. Was der Literat als Behäbigkeit oder Unbeweglichkeit des Systems und als Erziehung zu blindem Gehorsam verurteilte, war in Ronges Denken Ausdruck der Bewahrung des Bewahrenswerten und Respekt gegenüber jenen, die einen höheren Platz in der Hierarchie einnahmen. Zweig erinnerte sich an junge Menschen, deren Wunsch nach radikalen Änderungen als bedenklich eingestuft, deren Vitalität und Neuerungswille unterdrückt wurden. Ronge gehörte nicht zu diesen Ungestümen. Und während sich Zweig an Schulhefte erinnerte, die übersät waren „mit den Korrekturen des Lehrers in roter Tinte“7, blieben die Hefte Maximilian Ronges nahezu „jungfräulich“. Die schriftlichen Kommentare seiner Lehrer beschränkten sich im Wesentlichen auf Bemerkungen wie „vorzüglich“.
Nicht auszuschließen, dass sich der strebsame Gymnasiast den eigenen Vater zum Vorbild nahm. In den so bezeichneten „Qualifikationslisten“ des Liborius Ronge, die Aufschluss über dessen Leistungen und Fähigkeiten im Dienst gaben, finden sich Beurteilungen wie „pflichtgemäß“, „gehorsam“ und „sehr anständig“. Er verfügte, so seine Vorgesetzten, über einen „festen Charakter“ und ein „gutes Gedächtnis“. Erwähnenswert war schließlich auch der Umstand, dass Liborius Ronge nicht nur Deutsch beherrschte, sondern auch „Böhmisch“ sprach.8
Fremdsprachen bereiteten dem Musterschüler Maximilian jedenfalls keine allzu großen Schwierigkeiten. Kleine Schwächen zeigte der Bub aber in Mathematik. Allerdings verhinderte das „befriedigend“ in diesem Fach nicht, dass er bei der Reifeprüfung brillierte. Im Juli 1893 händigte man dem fleißigen Gymnasiasten das „Maturitäts-Zeugnis“ aus. Ein neuer Lebensabschnitt begann.
„Die gute alte Zeit“
Es sind keine Unterlagen vorhanden, die uns Gewissheit darüber geben könnten, ob der junge Ronge während seiner Schulzeit Interesse für das aktuelle politische Geschehen entwickelte. Und doch wird man demzufolge, was man jetzt, an dieser Stelle, bereits über Max Ronge und seine Familie weiß oder zu wissen glaubt, eine Ahnung davon haben können, wie er die folgenden Fragen beantwortet hätte.
Registrierten die Ronges, dass der seit dem Revolutionsjahr 1848 amtierende Kaiser Franz Joseph nach den vielen Schlappen auf den Schlachtfeldern im Norden und Süden des Reiches und angesichts der Masse an ungelösten Problemen im Inneren sich zu einem Monarchen entwickelte, der den Stillstand scheinbar zum Programm machte? Und wie hat man sich Maximilians Bild von der Vergangenheit der Monarchie vorzustellen? Wurde die Niederlage gegen das preußische Heer bei Königgrätz 1866, die den Weg zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs freigemacht und die Stellung des Habsburgerreiches im europäischen Kräftefeld neu definiert hatte, im Elternhaus oder in der Schule thematisiert? Was hielt er vom so bezeichneten „Ausgleich“ 1867, der dem Habsburgerreich den Dualismus bescherte und eine k.u.k. Monarchie schuf, den Staat Österreich-Ungarn, in den er hineingeboren wurde? Gab es in der Familie Ronge Ressentiments gegenüber bestimmten Nationalitäten des Vielvölkerreiches? Pflichtete man den Tschechen oder Südslawen bei, wenn sie nach denselben Rechten riefen, wie sie die Ungarn 1867 bekommen hatten? Was hielten die Ronges von der als Folge des Ausgleichs vollzogenen Dreiteilung der Armee, die neben der k.u.k. Armee eine kaiserlich-königliche Landwehr in Österreich und das Pendant in Ungarn, die Honvéd, entstehen ließ? Wie kommentierte man die dennoch aufrecht gebliebenen Forderungen der Magyaren nach Aufstellung einer unabhängigen Armee? – eine Frage, die im Umfeld des jungen Ronge sicher diskutiert wurde. Was wusste Maximilian über das politische Credo des Deutschnationalen Georg Ritter von Schönerer, der mit seinen radikalen Parolen vor allem die Stimmung des Kleinbürgertums traf und den deutschen Monarchen als „unseren“ Kaiser bezeichnete? Interessierte er sich für die Vorgänge im Parlament, im Reichsrat? Wie reagierte der 1889 fünfzehnjährige Ronge auf die Nachricht vom Tod des Thronfolgers, des Kronprinzen Rudolf? Nahm er Notiz von den aktuellen sozialen Problemen?
In Wien jedenfalls hätte er Gelegenheit genug dazu gehabt, denn abseits der seit den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts entstandenen Prachtbauten der Ringstraße war viel Platz für Armut und Elend geblieben. Wie dachte der junge Mann über einen langsam, aber kontinuierlich lauter werdenden Protest der Unterschichten und die Forderungen der Sozialdemokratische Partei, die auf die vielfach ärmlichen und von Mangel geprägten Lebensbedingungen des „Proletariats“ hinwies? Wie erlebte er den 1. Mai 1890, als dieser zum ersten Mal als „Tag der Arbeit“ begangen wurde und sich an die 200.000 Menschen im Prater versammelten? Dieses bei den Wienerinnen und Wienern so beliebte Erholungs- und Vergnügungsareal besuchte auch Ronge häufig. Als Schüler, um dort Spaziergänge zu machen, als Offizier, um auszureiten. Doch der Prater war ebenso wie das restliche Wien gleichsam ein in unsichtbare Zonen eingeteiltes Terrain, wo ein jeder, egal welcher sozialen Gruppe er angehörte, wusste, wann er „fremdes Gebiet“ betrat. Am 1. Mai 1890 „eroberten“ die Arbeiter gleichsam die „Nobelalleen“ des Praters. Die „gute liberale Bürgerschaft“, so schildert es uns Stefan Zweig, reagierte entsetzt. Man hielt es, schreibt er, gar nicht für möglich, „dass diese rote Rotte aus der Vorstadt ihren Marsch durchführen werde, ohne Häuser anzuzünden, Läden zu plündern und alle denkbaren Gewalttaten zu begehen. Eine Art Panik griff um sich. Die Polizei der ganzen Stadt und Umgebung wurde in der Praterstraße postiert, das Militär schussbereit in Reserve gestellt.“9 Eltern hielten ihre Kinder davon ab, auf die Straße zu gehen. Doch die befürchtete Katastrophe fand nicht statt. Es blieb ruhig.
Nicht so im Jahr 1893, als Max Ronge seine Reifeprüfung ablegte. In Prag kam es zu Krawallen. Nationale Gegensätze wurden gewaltsam ausgetragen. Deutsche und Tschechen verprügelten einander. Kaiseradler, die auf öffentlichen Gebäuden angebracht waren, wurden mit Dreck beschmiert. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, eine Verhaftungswelle setzte ein. Doch allmählich beruhigte sich die Lage wieder. Die Gefahr schien gebannt. Wenigstens vorübergehend. Der Konflikt zwischen Deutschen und Tschechen war freilich keineswegs gelöst, und der Ruf nach nationaler Gleichberechtigung verstummte nicht. Schlimmer noch: Immer mehr Tschechen begannen über ein Königreich Böhmen ohne einen König namens Franz Joseph nachzudenken, der sich selbst als „deutscher Fürst“ bezeichnete. Die Vorstellung von einem selbstständigen tschechischen Staat erschien zwar immer noch utopisch, aber nicht abwegig genug, um darüber nachzudenken.
Wenn Unruhen ausbrachen, wurde die Armee zur Unterstützung der Exekutive immer wieder im Rahmen so genannter „Assistenzeinsätze“ beigezogen. Das geschah in den nichtdeutschen Ländern öfter und meist im Zusammenhang mit dem Nationalitätenproblem. In den deutschsprachigen Gebieten dienten solche Machtdemonstrationen vor allem zur Niederhaltung von politischen Parteien und ihren Anhängern. Gegen die Sozialdemokraten wurde am häufigsten vorgegangen.10 Freilich war es nicht so, dass bei den Assistenzeinsätzen das Militär dann tatsächlich immer eingreifen musste. Doch welches Ansehen hatten Streitkräfte, die die Menschen nicht gegen äußere Feinde schützten, sondern die eigenen Leute niederknüppeln sollten?
1878, als die Donaumonarchie, abgesegnet durch den Berliner Kongress, Bosnien-Herzegowina besetzte, war die k.u.k. Armee zum letzten Mal außerhalb der Grenzen des Reiches aktiv geworden. Von nun an bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 boten Manöver und so genannte „Kriegsspiele“ Ersatz für nicht stattfindende militärische Auseinandersetzungen. Nicht alle waren froh darüber.
Den Vorstellungen eines jungen Burschen, der vielleicht von eigenen „Ruhmestaten“ auf dem Schlachtfeld träumte, mag eine Armee, die entweder als Verstärkung für die Sicherheitskräfte agierte oder pompöse Paraden abhielt, wenig entsprochen haben. Max Ronge dachte aber womöglich ganz anders. Ebenso wahrscheinlich sein Vater und sein Bruder. Die Ronges könnten die Bedeutung der Armee und des Kaisers ähnlich beurteilt haben wie dies der ungarische Historiker István Deák beschrieben hat: „Zu einer Zeit, da die Bewohner der Monarchie mit jeder nur denkbaren Art der nationalistischen und sozialen Propaganda überhäuft wurden, da sich die Parlamentsabgeordneten mehr mit handgreiflichen Auseinandersetzungen denn mit der Gesetzgebung befassten, boten die Armee und ihr oberster Kriegsherr, der Kaiser, ein Bild des Friedens, der Ordnung, der Toleranz und der Kontinuität.“11 Diese Kontinuität zu gewährleisten, war eine der zentralen Aufgaben des Offizierskorps der k.u.k. Armee, dem der junge Maximilian Ronge angehören wollte.
Ein „Neustädter“
Die Existenz regelrechter „Militärdynastien“ galt in der Habsburgermonarchie als nichts Ungewöhnliches. Viele, die damals eine Karriere in der k.u.k. Armee anstrebten, waren die Söhne, Enkel und Urenkel von einfachen Soldaten oder von Offizieren. Die Ronges stellten da keine Besonderheit dar. Nicht nur Maximilians Vater war beim Militär. Auch der Großvater, Franz Ronge, hatte der Armee als Kanonier angehört. Selbst in der Verwandtschaft der Mutter, einer geborenen Zeeh, gab es Onkel und Cousins, die sich für eine militärische Laufbahn entschieden hatten. Gerade der mit solch einem familiären Hintergrund gewissermaßen vorbelastete Offiziersnachwuchs der Monarchie entwickelte ein besonders klar abgegrenztes Selbstverständnis. Die Bindung dieser von klein auf militärisch beeinflussten Männer an die zivile Gesellschaft wurde parallel dazu immer brüchiger.12 Die Bereitschaft zum Verständnis für die Lebenswelt der oft abschätzig betrachteten Zivilisten und erst recht für die von Zivilisten gemachte Politik blieb vielfach gering.
Adolf Ronge hatte sich 1893, als sein Bruder Maximilian das Gymnasium verließ, bereits für „des Kaisers Rock“ entschieden. Er wurde in weiterer Folge ebenso wie sein Vater Militär-Rechnungsrat, und auch seine Vorgesetzten waren stets voll des Lobes über die Fähigkeiten und Charaktereigenschaften des pflichtbewussten Untergebenen. Die Anlagen des ältesten der Ronge-Brüder überzeugten dermaßen, dass man ihn für immer verantwortungsvollere Positionen vorschlug. Adolf Ronge wandelte also in den Spuren des Vaters, machte aber eine Karriere, die weit über die des Liborius Ronge hinausging.13
Dass Maximilian gleichsam ohne eigene Ambitionen und lediglich der Familientradition wegen die Militärlaufbahn einschlug, kann in Anbetracht seiner späteren Haltung ausgeschlossen werden. Waren es beim schon erwähnten Ernst Ritter von Streeruwitz vor allem pragmatische Erwägungen, die ihn nach Wiener Neustadt, in die traditionsreiche und prestigeträchtige Theresianische Militärakadamie führten, dürften beim jungen Ronge doch auch früh ausgeprägte Überzeugungen beziehungsweise spezifische Interessen eine Rolle gespielt und die Weichen gestellt haben. Ähnlich vielleicht wie im Falle einiger späterer Weggefährten Ronges, die in schon vorgerücktem Alter über die Motive ihrer Berufswahl nachdachten. Sie beschrieben die Hintergründe ihrer Entscheidung für das Militär als einen Mix aus den Vorprägungen durch das Elternhaus und individuellen Neigungen. Theodor Ritter von Zeynek beispielsweise fühlte sich von der Idealisierung einer „kriegerischen Männlichkeit“ angezogen und Julius von Lustig-Prean führte diesbezüglich vor allem das „Erbe“ seines Vaters an: „fanatische Liebe zum Kaiser, zum Soldatentum, offiziersmäßiges Denken und Handeln, ausgeprägtes Interesse für die Armeegeschichte“. Max Csicserics von Bácsány, Sohn eines Offiziers, wollte unbedingt dem Beispiel des Vaters folgen, da, wie er schrieb, „ich stets in einem militärischen Milieu lebte, fast alle meine männlichen Verwandten Offiziere und die weiblichen an Offiziere verheiratet waren“.14
Als Zögling an der Militärakademie in Wiener Neustadt aufgenommen zu werden, war keine Selbstverständlichkeit. Immerhin hatten die Absolventen die besten Aufstiegschancen. Die so genannten „Neustädter“ dominierten die Offizierselite der k.u.k. Armee und übertrumpften dabei die Schüler der Technischen Militärakademie in Wien, die ebenfalls als eine Art Kaderschmiede galt. Entsprechend der Tendenz einer zunehmenden „Verbürgerlichung“ des habsburgischen Offizierskorps stammten die Schüler an den Akademien vornehmlich aus gut situierten Beamtenfamilien. Dabei waren es um die Jahrhundertwende immer noch die militärischen Staatsdiener, deren Söhne den Großteil der Akademie-Kandidaten stellten. Es schadete aber so oder so, also egal ob mit militärischem oder „nur“ zivilem Hintergrund, nicht, wenn die Familie des Zöglings über gute Beziehungen verfügte. Allerdings bekamen auch explizit Begabte, die auf keine einflussreichen Fürsprecher verweisen konnten, einen Studienplatz in Wiener Neustadt zuerkannt. Die Aufnahmeprüfung stellte jedenfalls eine durchaus ernstzunehmende Hürde dar.15
Die „zivile Matura“, so wie sie Maximilian Ronge abgelegt hatte, war keine zwingende Voraussetzung für den Eintritt in die Akademie. In gewisser Weise brachte sie sogar Nachteile, denn die Zöglinge, die ihre Ausbildung in einer Militär-Realschule erhalten hatten, durften die so genannten „Zivilknödel“ befehligen. Sie fungierten als „Rekrutenausbildner“ ihrer gleichaltrigen oder manchmal sogar älteren Kollegen. Während nämlich die Absolventen der Militärschulen bereits militärisch gedrillt waren, mussten die Gymnasiasten, wie Maximilian Ronge einer war, diesbezüglich erst unterwiesen werden. Das lief für gewöhnlich in einer für die „Zivilknödel“ demütigenden Art und Weise ab. „Überhaupt“, erinnerte sich Ernst von Streeruwitz, „waren diese aus den unteren Militärschulen in die Akademie gelangten Kameraden, die zugleich unsere militärischen Abrichter gewesen sind, anfangs etwas hart mit uns Zivilisten […]. Wenn sie uns aus Ärger über Ungeschicklichkeit das schwere Armeegewehr hochstrecken ließen, bis wir blaue Köpfe hatten, oder uns mit Hohnlachen auf längere Dauer in die tiefe Kniebeuge versetzten, so war die Wut stumm, aber grenzenlos.“ Streeruwitz, der im Übrigen ein Jahr vor Maximilian Ronge in die Akademie in Wiener Neustadt aufgenommen worden war, verstand bald, „dass Kritik beim Militär verboten ist“16. Da half auch kein Stöhnen angesichts des Übermaßes an physischer und psychischer Belastung, dem die zirka 150 neuen Zöglinge ausgesetzt wurden. „ Jede freie Stunde bis zum Abend“, hielt ein anderer ehemaliger „Neustädter“ in seinen Lebenserinnerungen fest, „mussten wir exerzieren und wurden gedrillt, manchmal bis zur Erschöpfung geschunden.“17 Hinzu kam ein enormes Lernpensum. In den drei Jahren ihrer Ausbildung an der Akademie wurden die Zöglinge in mehr als drei Dutzend allgemeinbildenden und militärfachlichen Gegenständen unterrichtet. Gewöhnungsbedürftig waren für die Gymnasiasten wahrscheinlich nicht nur Fächer wie „Heeres-Organisation“, „Befestigung und Festungskrieg“ oder „Pferdewesen“. Eine neue Erfahrung bedeutete auch das Schlafen in den großen, nur karg ausgestatteten und meist schlecht beheizbaren Sälen. 50 Betten pro Raum waren die Norm. „Mein Bett“, erinnerte sich Ernst von Streeruwitz noch viele Jahre später, „hatte die Nummer 480“.18
Den meisten Zöglingen flößte schon das Gebäude der Akademie, die alte, von den Habsburgern ausgebaute Babenbergerburg Respekt ein. In der Retrospektive der ehemaligen „Neustädter“ verband sich diese Empfindung mit einer Art „Sendungsbewusstsein“. Die Zöglinge in ihren Massenquartieren wussten jedenfalls, dass sie die Möglichkeit bekommen hatten, sich von der Masse abzuheben, aufzusteigen und in der Folge zu einer Elite zu gehören, deren „edelste Aufgabe“ darin bestehen würde, Kaiser und Vaterland zu dienen. Maximilian Ronge war von Beginn an gewillt, sein Bestes zu geben, um dieses Ziel zu erreichen. Während nicht wenige am Lehrstoff, den physischen Anforderungen oder am Klima einer strengen, ja überstrengen Anstaltszucht scheiterten – die Ausfallsquote war durchaus beachtlich – setzte der Zögling Ronge alles daran, zu glänzen. Innerhalb der Klassen kam die Leistungshierarchie nicht nur durch die Vergabe bestimmter Rangpositionen zum Ausdruck, sondern auch durch die gestaffelte Zuerkennung von Auszeichnungen, die den Schulerfolg des Zöglings an dessen Uniform ablesbar machten.19 Maximilian Ronge erhielt solche Auszeichnungen, und wahrscheinlich war ihm bewusst, dass der „Schulrang“ keineswegs bedeutungslos für seine Zukunft war. Wenn er demnach im ersten Jahr an der Akademie „Rang 2“ zuerkannt bekam und in den beiden folgenden als Klassenbester abschloss, dann ging es nicht nur darum, seine Eltern zu erfreuen.20 Der Rang beeinflusste den Berufsweg und damit auch die Karrierechancen des „Akademikers“.
Der Musterschüler fiel also nicht nur an der Realschule, sondern auch in Wiener Neustadt durch Fleiß und außerordentliche Leistungsfähigkeit auf. Ob Geografie, Waffenlehre, Taktik, Fechten, Reiten, Tanzen oder Exerzieren – Ronge war auf die Beurteilungen „vorzüglich“ und „sehr gut“ geradezu abonniert. Selbst frühere Defizite in Mathematik wurden überwunden. Talent bewies der strebsame Zögling auch im Zeichnen, genauer gesagt im „Kartographieren“ und Anfertigen verschiedener Skizzen. Um diese Fertigkeiten zu üben, fanden so genannte „Mappierungsreisen“ statt.21 Zeichnen dürfte sich jedenfalls zu einer Art Lieblingsbeschäftigung von Ronge entwickelt haben.
Die Lehrer an der Akademie schätzten überdies seine rasche Auffassungsgabe. Besonders lobenswert fanden sie, ganz der Pädagogik der Zeit verpflichtet, Maximilians nahezu fehlerfreies Reproduzieren des vorgetragenen Stoffes. Über seine „Gemüthsbeschaffenheit“ hieß es: „ernst, männlich, strebsam, ausdauernd, verlässlich“. Hinsichtlich seines „Benehmens“ war in einem der Zeugnisse Folgendes zu lesen: „sehr artig und bescheiden, lernt eifrig mit schwächeren Kameraden, nimmt guten Einfluß auf die Classe.“
Die Kameradschaft der „Neustädter“ wurde von diesen regelrecht zum Mythos stilisiert. „Wir lernten Kameradschaft im besten Sinne dieses schönen Wortes“, geriet Julius von Lustig-Prean ins Schwärmen: „Wer von uns erinnert sich, dass je ein Misston aus nationalen, konfessionellen oder Standesunterschieden entstanden wäre? Bei allem in den Ungarn wachen Chauvinismus vertrugen sie sich ebenso mit den Deutschen [wie mit] den Cechen, Polen, etc. […]“22 Man habe sich untereinander, so Lustig-Prean, stets „ritterlich“ und „offiziersmäßig“ verhalten, ungeachtet des Stammbaums seiner Kameraden.23 Ähnliches ist in den Aufzeichnungen des Ernst von Streeruwitz nachzulesen. Auch er weiß von einem Kameradschaftsgefühl zu erzählen, das ganz dem Selbstbild der supranationalen k.u.k. Armee, die das „einigende Band“ des Vielvölkerreiches verkörpern sollte, entsprach: „National- und Sprachenstreit gab es keinen. Die militärische Erziehung hat uns so fest zusammengeschmiedet, einander so eng verbunden, dass es keinen Gegensatz gab.“24
Die hier geschilderte Idylle – ein Gegenbild zu den diesbezüglichen Problemen in der „zivilen“ Welt – setzte sich dann, so kann man in vielen Offiziersmemoiren nachlesen, auch nach Ende der Ausbildung fort. Vorbehalte sind angebracht. Es ist nicht zu übersehen, dass die militärische Elite vorwiegend von den Deutschen des k.u.k. Vielvölkerreichs gestellt wurde.25 Verständnis und Toleranz gegenüber anderen zu üben, war unter diesen Bedingungen nicht ganz so schwer, bedenkt man, dass sich schon aus Gründen mangelnder Präsenz nichtdeutscher Kameraden weniger Möglichkeiten zu nationalen Konflikten ergaben.
Die „Akademiker“ verklärten später für gewöhnlich ihre Ausbildungszeit in Wiener Neustadt. Negatives wurde beiseite geschoben. Man sei eben „zur Pflicht“ erzogen worden, hieß es. Für Betätigungen außerhalb des Lehrbetriebs blieb tatsächlich nur wenig Platz. Es lässt sich allerdings nicht sagen, wie Maximilian Ronge in den beiden ersten Jahren an der Akademie den spärlichen Freiraum nutzte. Im Unterschied zu früheren Jahrgängen gestand man den damaligen Zöglingen jedenfalls zu, von Zeit zu Zeit ihre Familien zu besuchen oder von ihnen besucht zu werden. Die Erlaubnis für den sonntäglichen Ausgang erhielten die „Akademiker“ aber nur, wenn sich ihre Uniform in tadellosem Zustand befand. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass Ronge in dieser Hinsicht nie einen Rüffel einzustecken hatte. Seine Lehrer fanden die „äußere Erscheinung“ des Zöglings „vollkommen entsprechend“ und seine „Adjustierung“ beschrieben sie als „sehr rein und nett“.26
Julius von Lustig-Prean, der einige Jahre vor Ronge die Militärakademie in Wiener Neustadt besucht hatte, erinnerte sich viele Jahre später an kleine Verstöße gegen die herrschenden Anstaltsregeln. So war es verboten zu rauchen oder Karten zu spielen. Doch es stand außer Frage, so Lustig-Prean, dass junge Burschen zwischen 17 und 21 nicht immer nur nach Vorschriften leben wollten. Es konnte daher vorkommen, dass der eine oder andere erwischt wurde, wenn er sich gerade eine Zigarette ansteckte oder aber zu Lektüre griff, die nicht die Zustimmung der vornehmlich dem Offiziersstand angehörenden Lehrer fand.27 Vergehen dieser Art schlugen sich in der Regel in den Beurteilungen am Ende des Schuljahres nieder. Der Zögling Ronge erlag entweder nie der Versuchung einer verbotenen Handlung oder er ließ sich nicht dabei erwischen.
Wenige Monate vor Abschluss seiner Ausbildung an der Theresianischen Militärakademie und der damit verbundenen Ausmusterung als Leutnant tat Maximilian Ronge etwas, was die Aufgabe seiner Biografen einerseits erleichtert und andererseits nicht leichter macht: er begann, ein „Tagebuch“ zu schreiben. Meist beschränkte er sich auf stichwortartige, nicht immer zu entschlüsselnde Notizen, die er, dem Schreibfluss nach zu schließen, offenbar am Ende jedes Jahres von seinem Kalender in ein liniertes Heft übertrug. Diese Angewohnheit behielt er bis zu seinem Tod bei.
Man kann nur spekulieren, warum er ausgerechnet 1896 damit begann, festzuhalten, was er tat, wohin er fuhr oder mit wem er sich traf. Motiv könnte die bevorstehende große Zäsur, das Ende der Akademiezeit und die Zuerkennung der Leutnantscharge, gewesen sein. Oder war er, der Klassenbeste mit dem Rang Nummer 1, überzeugt, zu Großem befähigt zu sein und ein berühmter Mann zu werden, dessen künftige Biografen er schon in zartem Alter von 22 vorsorglich mit ein paar Informationen aus erster Hand versorgt wissen wollte? Wohl kaum. Nur spekulieren kann man darüber, warum er sein Tagebuch so führte, wie er es führte: da ein Name, dort ein Ort und nur selten ganze Sätze. Wählte er diese knappe Form aus Zeitgründen? Oder schrieb er so, weil er niemals daran einen Gedanken verschwendete, jemand anderer außer ihm selbst würde diese Aufzeichnungen jemals lesen? Nicht nachvollziehbar wäre es jedenfalls, in ihm schon damals den späteren Geheimdienstler sehen zu wollen – einen Mann, der quasi von Berufs wegen nur die allernotwendigsten Informationen preisgab und daher seine Kalendernotizen beziehungsweise sein Tagebuch aus Gründen der Vor- und Umsicht im Telegrammstil führte, um unerwünschten Lesern womöglich Rätsel aufzugeben. Maximilian Ronge hatte zu dieser Zeit mit Sicherheit noch keine Ahnung, dass er einst in das für den militärischen Geheimdienst zuständige Evidenzbüro des Generalstabs berufen würde. Wenn er sich für diese knappe Form seiner Aufzeichnungen entschied, hat das nichts mit seiner späteren Profession zu tun. Eher damit, dass der Kalender, den er benützte, nicht Platz genug bot, um ausführlichere Notizen zu hinterlassen.
„Treu bis in den Tod!“
Von Mai bis Juli 1896 legte Maximilian Ronge die Abschlussprüfungen an der Akademie in Wiener Neustadt ab. Julius von Lustig-Prean weiß in seinen Erinnerungen von einer unbändigen Vorfreude der Zöglinge des letzten Jahrgangs zu berichten: „Immer näher kam der heissersehnte Tag, an dem wir flügge werden, an dem wir den Leutnantsstern erhalten und das goldene Offiziers-Portepee anlegen sollten. Jahre hindurch hatten wir uns für diesen Tag vorbereitet und konnten ihn kaum mehr erwarten.“28 Am 18. August dann, traditionsgemäß an Kaisers Geburtstag, fand auch für Maximilian Ronge die Abschlussfeier in Wiener Neustadt statt. Dem Festakt wohnten seine Eltern, seine Schwester Albertine, sein Bruder Franz und Freunde der Familie bei.
Ernst von Streeruwitz, der ein Jahr vor Ronge „flügge“ geworden war, erzählt über den Hergang des Festaktes für die Absolventen: „Eine Feldmesse gab es dann, die Ansprache des Jahrgangsersten am Maria-Theresien-Denkmal, die Eidesablegung mit dem gezückten Säbel, die stramme Defilierung der beiden jüngeren Jahrgänge unter den Klängen des ,Radetzkymarsches‘ und ein gemeinsames Mittagessen.“29 Ob Maximilian Ronge an diesem 18. August 1896 im Akademiepark eine Rede gehalten hat, wie Streeruwitz sie erwähnt, ist nicht bekannt. Der Klassenerste Ronge war zwar auch Jahrgangserster, musste sich diesen Platz aber mit Moritz Fischer von Ledenice teilen. Die beiden rangierten ex aequo an erster Stelle.30
Die Leutnants zogen nach der Ablegung des Eides auf den Kaiser ihre Säbel und kreuzten sie mit dem Wahlspruch „Treu bis in den Tod“.31 Den Zusehern muss sich eine bunte Menge verschiedenster Uniformen dargeboten haben, denn jeder Leutnant hatte eine andere an. Ronge etwa trug die Uniform eines Leutnants des 2. Regiments der Tiroler Kaiserjäger. Die Zöglinge konnten sich nämlich wünschen, in welchem Regiment sie nach Ende ihrer Ausbildungszeit an der Akademie dienen wollten. Reelle Chancen darauf, dass dieser Wunsch dann auch erfüllt wurde, hatten aber nur die leistungsstärksten Absolventen, die so wie Ronge ganz vorne gereiht waren. Im Regelfall aber war zusätzlich dazu noch eine gehörige Portion Protektion notwendig.32 Den „Kaiserjägern“ zugeteilt zu werden, war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Ein „Kaiserjäger“ zu sein, hieß in einem prestigereichen Elite-Regiment zu dienen. Dass sich dort keineswegs eine besonders kaisertreue Schar von Soldaten konzentrierte, stellte ein enttäuschter Ronge spätestens 1909 fest, als er das erste Mal als militärischer Sachverständiger in einem Spionageprozess auftrat: Der Angeklagte und sein Verteidiger waren beide „Kaiserjäger“ gewesen.33
1896 aber war die Freude über seine Zukunft als Leutnant des angesehenen Traditionsregiments ungetrübt. Noch dazu konnte Ronge zunächst in Wien bleiben, während andere Kameraden Truppenteilen zugeteilt wurden, die sich im hintersten Zipfel Galiziens befanden. Dort waren die weiteren Aufstiegschancen eher gering. Wien hingegen galt als guter Stationierungsort, um Karriere zu machen. Hier hatte man die Möglichkeit, nützliche Verbindungen zu knüpfen und den einen oder anderen Abend in Gesellschaft einflussreicher Vorgesetzter zu verbringen. Ronge machte auch in dieser Hinsicht alles richtig. Seine Tagebuchnotizen zeugen von einem regen Kontakt mit ranghöheren Offizieren.
Leutnant Ronge
Bevor er begann, seinen neuen Pflichten als Leutnant nachzukommen, gönnte er sich ein paar Tage Freizeit und belohnte sich mit einem Besuch des Vergnügungsparks „Venedig in Wien“. Diese ganz neue, erst im Mai 1896 im Wiener Prater eröffnete Attraktion vermittelte auf einer 8.000 Quadratmeter großen Wasserfläche die Atmosphäre der Lagunenstadt – mit singenden Gondolieri und anderen Darbietungen. Das künstliche Venedig war freilich ein bescheidener Ersatz für die 1866 verlorengegangene Stadt, die der militärisch stets erfolglose Kaiser an den südlichen Nachbarn hatte abtreten müssen. 1900 kostete der Eintritt in das virtuelle Venedig 30 Kronen. Anzunehmen, dass Ronge 1896 nicht sehr viel billiger davonkam. Bedenkt man, dass er nach eigenen Angaben 120 Kronen Monatsgage bekam, dann war der „Ausflug nach Venedig“ kein billiges Vergnügen. Leisten konnte er ihn sich wohl nur, weil er anlässlich der Ausmusterung von seinem Vater und von Dr. Kopetzky, einem engen Freund der Familie, einen höheren Geldbetrag geschenkt bekommen hatte.
Überhaupt gewinnt man den Eindruck, als hätte die Lebensführung des jungen Offiziers in diesen Jahren einiges an Geld verschlungen. So ließ er keinen der großen Wiener Bälle aus und verbrachte fast jeden Abend auswärts. Die so genannte „Gage“, also sein Monatslohn, war angesichts der mannigfaltigen Fixausgaben eines jungen Offiziers, sei es für die Menage oder die Instandhaltung der Uniform, nicht gerade fürstlich. Ausgaben, die über das Notwendigste hinausgingen, bedeuteten für jene, die keine zahlungskräftige und -willige Verwandtschaft im Hintergrund hatten, einen nur mit dem Gewinn aus Glücksspielen finanzierbaren Luxus.
In diesem Zusammenhang sei auf Ronges Zeitgenossen, den Literaten Arthur Schnitzler verwiesen, der in seinem Werk die Lebenswelt des damaligen k.u.k. Offizierskorps zu einem zentralen Thema machte und dabei immer wieder die chronische Geldnot der Offiziere aufgriff. Die sprichwörtlichen Schulden eines Generalstabsoffiziers machte oft genug schon der einfache Leutnant. Tatsächlich waren die Offiziere der österreichisch-ungarischen Armee verglichen mit ihren Kollegen in anderen Ländern äußerst schlecht bezahlt.
Ronge aber scheint es trotz einer, sagen wir, intensiven, Freizeitgestaltung geschafft zu haben, seine Ausgaben zu kontrollieren. Sparen konnte er sicher dadurch, dass er zumindest in den ersten Monaten nach seiner Ausmusterung noch bei den Eltern in Ober St. Veit wohnte. Auffallend ist schließlich, dass er anders als etliche seiner Kollegen eher selten in diversen einschlägigen Cafés verkehrte, wo für gewöhnlich Billard oder Karten gespielt wurde. Auch sonst übte er Zurückhaltung. „Beim Leidinger“, einem Speiserestaurant für gehobenere Ansprüche, das sich im Stadtzentrum, in der Kärntnerstraße, befand, war er seinen Aufzeichnungen zufolge in all den Jahren seiner Leutnantszeit nur ein einziges Mal. Maßvoll gerierte er sich auch in anderer Hinsicht. In der bei vielen Offizieren so beliebten „Gartenbau“, einem „Vergnügungsetablissement“, verbrachte er nur wenige Abende. Mehr Anziehungskraft übten scheinbar die Oper und das Theater aus.
Ronge legte in bereits fortgeschrittenem Alter Listen über die Häufigkeit seiner Theater-, Opern- und Kinobesuche an. Diesen Notizen zufolge ging er schon als Siebzehnjähriger regelmäßig ins Hofoperntheater. Damals noch offen für alles, was der Spielplan zu bieten hatte, bevorzugte er mit den Jahren mehr und mehr die „leichte Muse“. Es begann sich bereits in seiner Zeit als Leutnant eine lebenslange Leidenschaft für die oft genug von den Liebesabenteuern und -nöten junger Offiziere handelnde Operette abzuzeichnen. Doch Ronge dachte im Zusammenhang mit seiner Abendgestaltung vor allem praktisch. Da Offiziere das Privileg auf ermäßigte Eintrittskarten für das Hofoperntheater ebenso wie das Burgtheater hatten34, machte der Leutnant oft von dieser Vergünstigung Gebrauch. So konnte er Geld sparen und gleichzeitig sein Bedürfnis nach gesellschaftlicher Präsenz befriedigen. Ganz nach dem Motto: „Sehen und gesehen werden“.
Bezeichnenderweise notierte der frisch gebackene Leutnant, der eben erst dem Kaiser ewige Treue geschworen hatte, im Tagebuch nicht nur den Titel des „konsumierten“ Musik- oder Theaterstückes, sondern fand es auch erwähnenswert, wenn der jeweiligen Vorstellung ein Mitglied des Kaiserlichen Hauses beiwohnte. Die Gelegenheit, den Monarchen oder einen der Erzherzöge in den prunkvollen Logen zu erspähen, bot sich für Ronge verhältnismäßig häufig im Burgtheater, das er im Tagebuch mit „Burg“ abkürzte. Im November 1896 sahen solche Eintragungen dann zum Beispiel folgendermaßen aus: „9. Burg ,Die Athenerin‘ in Gegenwart S. M.“, also „Seiner Majestät des Kaisers“. Und am 18.: „Burg ,Judith‘ (Erz. Eugen)“, womit natürlich Erzherzog Eugen gemeint war.
Gelegenheit, den Kaiser zu sehen, hatte Ronge aber auch, wenn er, was immer wieder vorkam, der Wache in Schloss Schönbrunn oder der Burghauptwache zugeteilt war und im Areal der Hofburg seinen Dienst versah. Dann hielt er beispielsweise fest, dass „Seine Majestät“ in der Kutsche vorbeigefahren war. „Vorbei ritt S. M.“, notierte er auch im September 1897 während des damals abgehaltenen „Kaiser-Manövers“. Ronge war aber nicht der Einzige, den so etwas wie Ergriffenheit überkam, wenn er einen Blick auf den Monarchen werfen durfte. Auch Ernst von Streeruwitz befand es einer Erwähnung würdig, dass es ihm während seiner Leutnantszeit „vergönnt“ gewesen war, „unseren lieben alten Kaiser in seinem wundervollen Galopp über das Manöverfeld reiten zu sehen“.35 Julius von Lustig-Prean hatte noch mehr Grund zur Freude. Ihm war, hob er in seinen Erinnerungen hervor, gleich dreimal „das Glück hold“ gewesen, dem Kaiser zu begegnen und obendrein von „diesem ersten Soldaten des alten Österreich’s angesprochen zu werden“.36
Auch die Besuche ausländischer Majestäten vermerkte Maximilian Ronge. Allerdings nur dann, wenn er in irgendeiner Weise persönlich involviert war; wie zum Beispiel im Sommer 1896, als er Spalier für den russischen Zaren Nikolaus II. und seine Frau Alexandra Fjodorowna stand. Tausende Menschen waren damals auf den Beinen, um den Einzug des Herrscherpaares in die Wiener Innenstadt mitzuerleben. Die Ringstraße war aus gegebenem Anlass aufwendig geschmückt worden, und am Schwarzenbergplatz standen sogar zwei speziell errichtete Triumphbögen mit den für die russische Architektur typischen Zwiebeltürmen. Die Beziehungen zwischen der Donaumonarchie und dem Russischen Reich waren schon seit geraumer Zeit als gespannt zu bezeichnen. Dem hohen Besuch aus dem Nachbarland im Osten begegneten nicht wenige mit Skepsis, andere gar mit unverhohlener Abneigung. Und so verwundert es nicht, wenn die Wiener sich damals über den betriebenen Aufwand lustig machten, von einem „russischen G’schnas“ sprachen und die erwähnten Triumphbögen abschätzig als „Moskauer Krempel“ bezeichneten. Manche wollten einen Wink des Schicksals darin erkennen, dass am Tag vor dem Eintreffen von Zar und Zarin ein Unwetter über die Stadt hinweggefegt war und den Großteil der Dekoration arg in Mitleidenschaft gezogen hatte. In der Tat besserten sich die Beziehungen zu Russland kaum. Das lag jedoch nicht daran, dass Wien in diesen Tagen kein Kaiserwetter zu bieten hatte, sondern an einer politischen Großwetterlage, die sich vor allem mit Blick auf den Balkan zusehends verdüsterte.
Davon abgesehen interessierten sich die Zeitungen in diesen Augusttagen des Jahres 1896 speziell für die Kaiserin Elisabeth. Diese nämlich war, selten genug, wieder einmal in Wien zu sehen. Elisabeth erschien höchstpersönlich am Wiener Nordbahnhof, um Nikolaus und Alexandra Fjodorowna zu empfangen.37 „Es war dies“, hieß es in der Berichterstattung der „Neuen Freien Presse“, „für die Wiener ein freudiges Ereigniß; da die Kaiserin trotz des kühlen Wetters keinen Schleier trug und auch den Fächer nicht benützte, um das Gesicht gegen den Luftzug beim Fahren zu schützen, so hatte man diesmal die günstige Gelegenheit, wahrzunehmen, wie wohl und gesund die hohe Frau aussieht.“38
Im Tagebuch Maximilian Ronges wird die Kaiserin „Sisi“ nur ein einziges Mal erwähnt: im September 1898. Damals wurde sie in Genf Opfer eines Attentates, und Ronge nahm, wie er schreibt, am 17. September an der „Leichenfeier für Ihre Majestät“ teil.
Die „zivile“ Welt
Tagebucheintragungen, die über Privates und Berufliches hinausgehen, sind verhältnismäßig rar. Ronge beobachtete zwar vor dem Hintergrund seiner späteren Geheimdiensttätigkeit innen- wie außenpolitische Entwicklungen mit allergrößter Aufmerksamkeit, seine persönlichen Notizen aber enthalten nur vereinzelt Hinweise auf das aktuelle Geschehen. Umso interessanter, wenn Ronge dieses Muster durchbrach und gleichsam „äußere Ereignisse“ zum Gegenstand seiner Notizen machte. 1897 tat er dies ungewöhnlich oft. Beispielsweise in Zusammenhang mit der Ernennung des überaus populären und nicht minder populistischen christlichsozialen Politikers Karl Lueger zum Wiener Bürgermeister. Dreimal schon war jener entgegen dem Votum der Wähler daran gehindert worden, dieses Amt auszuüben. Franz Joseph persönlich hatte dafür gesorgt, dass sich Lueger, der – so schien es – das Programm der Christlichsozialen mehr „sozial“ als „christlich“ auslegte, 1896 noch mit der Funktion des Vizebürgermeisters begnügen musste. Ein Verdammungsurteil aus Rom, das den auch in klerikalen Kreisen umstrittenen Politiker stoppen sollte und das der Prager Erzbischof Schönborn so gerne von seinen Reisen zum Papst mit nach Hause genommen hätte, wollte der Vatikan aber nicht aussprechen. Die Vorbehalte blieben. Suspekt erschien Lueger indes nicht nur den Konservativen und Klerikalen. Auch die Ungarn blickten argwöhnisch in die kaiserliche Residenzstadt. Lueger hatte die seit dem Ausgleich manifestierte Sonderstellung der Magyaren angegriffen und deren kaum maßvoller gewordenen Forderungen scharf kritisiert. Grund zur Sorge rief bei manchen aber noch etwas Anderes hervor: Luegers Antisemitismus. Dass der gefeierte „Modernisierer“ und „Reformer“ andererseits durchaus freundschaftlichen Umgang mit Juden pflegte und dies mit dem Ausspruch „Wer ein Jud’ ist, bestimm’ ich“ gewissermaßen bestätigte, änderte und ändert nichts an der Widerwärtigkeit der antisemitischen Hetzrhetorik des Christlichsozialen. „Es gab und gibt Leute, die es ihm als Vorzug anrechnen, dass er auch in seiner stärksten Antisemitenzeit persönlich für viele Juden eine gewisse Vorliebe beibehalten und daraus gar kein Hehl gemacht hatte: Mir galt“, schrieb Arthur Schnitzler, „gerade das immer als der stärkste Beweis seiner moralischen Fragwürdigkeit.“39 Die gesellschaftliche Akzeptanz eines nicht nur verbalen, sondern im Alltag auf unterschiedlichen Ebenen auch gelebten Antisemitismus ließ sich allein mit dem Hinweis auf die religiöse Toleranz des katholischen Kaisers nicht wegleugnen. Der „habituelle“ Antisemitismus, so wie ihn Arthur Schnitzler problematisierte, wurde verharmlost. Und das bis heute.
Ob Ronge ein Anhänger Luegers war, lässt sich aufgrund der vorhandenen Dokumente weder bejahen noch verneinen. Dass er im März 1910 den Tod des „Stadtvaters“ im Tagebuch notierte, reicht kaum aus, um hier eindeutige Aussagen zu treffen. Als ein dem Kaiser bedingungslos ergebener Offizier hätte er wohl eher Franz Josephs Abneigung gegenüber Lueger teilen müssen. Andererseits ist Max Ronge wohl zu jenen „habituellen“ oder „Salonantisemiten“ zu zählen, über die ein Arthur Schnitzler schrieb. Das legen die Aufzeichnungen und Korrespondenzen des späteren Geheimdienstchefs während und nach dem Ersten Weltkrieg ebenso nahe wie die Aussagen seines Enkels Gerhard Jagschitz. Gewissermaßen außer Kraft gesetzt wurden diese Ressentiments, wenn es sich ergab, wenn es nützlich erschien oder sonst irgendwie vereinbar war mit Ronges Erwartungen an die Gesinnung des jeweils anderen. Diesbezügliche Widersprüche in seiner Haltung können freilich nicht immer schlüssig aufgelöst werden.
Noch ein Ereignis des Jahres 1897 wurde in Maximilian Ronges Tagebuch berücksichtigt: Die Einführung der V. Kurie unter dem k.k. Ministerpräsidenten Kasimir Graf Badeni. Dieser setzte damit eine neue, „allgemeine Wählerklasse“ durch, in der alle männlichen Staatsbürger ab dem 24. Lebensjahr, ohne Rücksicht auf ihre Steuerleistung, stimmberechtigt waren. Doch während fünfeinhalb Millionen Wähler der V. Kurie nur 72 Abgeordnete in den Reichsrat schicken konnten, durfte eine vergleichsweise bescheidene Zahl von Großgrundbesitzern 85 Mandatare ins Parlament entsenden. Dennoch zogen als Folge der Wahlrechtsänderung das erste Mal auch sozialdemokratische Politiker in den Reichsrat ein.
Dass Ronge die Reform des Jahres 1897 in sein Tagebuch aufnahm, ist insofern erstaunlich, als sie ihn persönlich nicht tangierte. Offizieren im aktiven Dienst war das aktive und passive Wahlrecht verwehrt. Außerdem mussten sie einen Revers unterschreiben, dass sie keiner geheimen Verbindung angehörten.40 Die Politisierung der Offiziere, die den Zusammenhalt und den Korpsgeist unterminiert hätte, sollte verhindert werden. Da die Politik von der Nationalitätenfrage nicht zu trennen war, erwies sich die Notwendigkeit einer solchen Position als umso zwingender. Ganz ausschalten ließ sich der Einfluss der Politik auf die Militärelite freilich nicht. Noch viel weniger zu verwirklichen war eine Kontrolle des politischen Denkens der Offiziere, ihrer Sympathien für oder Abneigungen gegen bestimmte Gruppierungen. Schon deshalb, weil die Armee gleichsam als der verlängerte Arm des Monarchen gesehen wurde, war sie zudem der öffentlichen Kritik ausgesetzt. Und damit einher ging als logische Konsequenz die Abwehrhaltung gegenüber solchen, die besonders viel an den herrschenden Verhältnissen auszusetzen hatten.
Zu diesen gehörten vor allem die Tschechen. Sie wollte Ministerpräsident Badeni mit seinen 1897 vorgelegten Sprachenverordnungen befrieden. Nach Meinung der Deutschen in der Monarchie auf ihre Kosten. So sollte die zweisprachige Amtsführung aller Zivilbehörden Böhmens durchgesetzt werden. Zu diesem Zwecke musste von den betreffenden Beamten die jeweils andere Sprache innerhalb einer Frist von drei Jahren erlernt werden. Da die meisten tschechischen Beamten Deutsch konnten, umgekehrt die deutschen aber kein Tschechisch, war absehbar, dass Badenis Pläne keineswegs auf ungeteilte Zustimmung treffen würden. Die Deutschen im Habsburgerreich schrieen auf. Nicht nur in Böhmen. Der Protest, der nun, im Frühjahr 1897 losbrach, übertraf die schlimmsten Befürchtungen. Der Obstruktion, der bewussten Lahmlegung der parlamentarischen Arbeit, die eingesetzt wurde, um die Badenischen Verordnungen zu Fall zu bringen, folgte eine Auflehnung, die das politische System der österreichischen Reichshälfte nachhaltig erschütterte. In den kommenden Monaten eskalierte die Lage dermaßen, dass manch einer das Land schon am Rande einer Revolution sah. Das Verhalten der Abgeordneten im Parlament hatte schon in den vorangegangenen Jahren immer wieder Anlass zu Diskussionen über die „Würde des Hauses“ gegeben. Nun aber brachen sämtliche Dämme. Im Sitzungssaal des Reichsrates lieferten sich die Volksvertreter wüste Prügeleien. Die Gewalt setzte sich auf der Straße fort. Militär musste eingesetzt werden. Im November befand sich Wien in Aufruhr. Als Badeni angesichts der Tumulte in weiten Teilen Österreichs, blutiger Exzesse und der neuerlichen Zuspitzungen im Parlament demissionierte, legte sich der Sturm nur langsam. Am 2. Dezember 1897 sah Maximilian Ronges Tagebucheintragung so aus: „Marsch-Bereitschaft für Prag (Revolte).“41
Badenis Nachfolger, Baron Gautsch von Frankenthurn, regierte in der Folge mit Hilfe des Notverordnungsrechtes der Verfassung, mit dem berühmten Paragraphen 14. Der Rechtsgelehrte und Parlamentarier Joseph Redlich, Chronist der letzten Periode der Donaumonarchie, sprach von einem „Absolutismus der bürokratischen Ministerien“, der sich nun durchsetzte.42 Franz Joseph profitierte paradoxerweise von der Badeni-Krise: In Anbetracht der innenpolitischen Paralysierung und eines Parlaments, das durch den nationalen Konflikt gelähmt war, wurde er umso mehr als Integrationsfigur gesehen, als letzter „Hort der Ordnung“.43
Ehrenmänner und Duellanten
Der Kaiser diente gleich mehreren Offiziersgenerationen als Vorbild. Sein „Pflichtbewusstsein“ fand in diesem Zusammenhang ebenso Bewunderung wie sein ausgeprägtes „Ehrgefühl“. In der Tat kam der „Ehre“ im Denken Franz Josephs ein größerer Stellenwert zu als dies für politische Entscheidungen sinnvoll erschien. Doch der Monarch erwies sich immer wieder eher als Soldat denn als Politiker. Ehre war freilich jene Tugend, die zu den Grundfesten des Standesbewusstseins der habsburgischen Militärelite gehörte. „Uns’re Seele Gott, unser Leben dem Kaiser, die Ehre für uns.“44 Dieser Leitspruch definierte die weltanschauliche Basis des Offizierskorps.
Was „Ehre“ bedeutete, legte die Armee fest. Auch wie sie „geschützt“ werden konnte. Zum Beispiel mit dem Recht auf so genannte „Ehrennotwehr“ oder aber mittels Austragung von Duellen. Außerhalb des Offizierskorps stießen diese mit Gewaltanwendung verbundenen „Verteidigungsmaßnahmen“ aber auf zunehmende Ablehnung. Andererseits griffen militärische Verhaltensnormen gerade auch auf die zivile Welt über. Duellgegner, welche die Problematik im Rahmen einer öffentlichen Debatte behandelt wissen wollten, hatten es mit ihren Argumenten gegen den als unzeitgemäß empfundenen Zweikampf nicht leicht, wenn ausgerechnet die Spitzen der Gesellschaft ihre Differenzen mit der Waffe in der Hand austrugen. 1897 beispielsweise gerieten vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um die Sprachenverordnungen im Reichsrat der Ministerpräsident höchstpersönlich und ein tschechischer Abgeordneter aneinander. Letzterer sprach von „Schufterei“, und Badeni forderte Satisfaktion. Er wurde während des Duells leicht verletzt.45
Besonders gerne zum Säbel griffen deutschnationale Studenten, die im Übrigen ihrerseits Juden Satisfaktion verwehrten. Und zwar mit folgender Begründung: „ Jeder Sohn einer jüdischen Mutter […] ist von Geburt an ehrlos […]. Einen Juden kann man nicht beleidigen, ein Jude kann daher keine Genugtuung für erlittene Beleidigungen verlangen.“46 Betroffen von dieser Haltung waren freilich auch jüdische Berufs- und Reserveoffiziere. Sie wurde als massiver Angriff auf die Standesehre des gesamten Offizierskorps gewertet. Mit einer Stellungnahme gegen den Antisemitismus der Deutschnationalen hatte es daher wenig zu tun, wenn nun rigorose Maßnahmen des Militärs zur Anwendung kamen: Deutschnationale Studenten, die zumeist der Reserve angehörten, wurden abgestraft, wenn sie einem jüdischen Kollegen die Genugtuung verweigerten. Die k.u.k. Armee erwies sich hier als „übernational“, wenngleich das Duell als solches einen fragwürdigen Hintergrund für die so zum Ausdruck gebrachte Absage an die Diskriminierung jüdischer Kameraden bot.
Soziale Dünkel aber blieben unangetastet. Wenn der Kontrahent eines „ehrenrührig“ behandelten Offiziers sozialen Klassen angehörte, die von vornherein als satisfaktionsunfähig galten, schied das Duell als „Genugtuung“ aus. Dann wurde „Ehrennotwehr“ geübt. Der – auf welche Weise auch immer – „beleidigte“ Offizier musste in diesem Fall umgehend von seinem Säbel Gebrauch machen, um die Schmach zu tilgen. Es reichte, den „Beleidiger“ wenigstens „sichtbar“ zu verletzen. Unterließ dies der Offizier – so wie in Arthur Schnitzlers berühmter Novelle „Leutnant Gustl“ – drohte ihm ein Verfahren vor dem so genannten „Ehrengericht“. Dieses konnte dem Angeklagten die Charge aberkennen, was gleichbedeutend mit dem Ende der militärischen Laufbahn des betreffenden Offiziers war.
Die „moralische Anständigkeit“ der Offiziere sah indessen unter anderem Erzherzog Friedrich in Gefahr. Er brachte den „Verfall der Ehrbegriffe“ mit der seiner Meinung nach niedrigen Herkunft vieler Offiziere in Verbindung. Ein „minderwertiges Offizierskorps“ sei, so der Habsburger, „ein sehr bedenkliches Prognostikon für den Ernstfall“. Erzherzog Friedrich versah diesen Satz mit mehreren Rufzeichen und sprach damit wohl auch dem Thronfolger Franz Ferdinand aus der Seele, der sich genauso wie sein Verwandter mehr Adelige in der Armee wünschte.47 Dass ein Mehr an blauem Blut sich positiv auf die Verfassung des Offizierskorps ausgewirkt hätte, wäre von Schnitzler sicher zurückgewiesen worden. Im Übrigen war zumindest ein Mehr an Habsburgern in der Armee nicht erforderlich. Viele Führungspositionen hatten Erzherzöge inne48, und deren Eignung, sei es hinsichtlich ihrer Qualifikationen oder sonstiger Voraussetzungen, galt immerhin als umstritten.
Von der heilsamen Wirkung militärischer Verhaltensnormen auf Moral und Disziplin des Offizierskorps hielt Schnitzler indes so oder so wenig. Sein „Leutnant Gustl“ wird jedenfalls gerade in Zusammenhang mit den diesbezüglichen Regeln der Armee als Repräsentant eines moralisch verfaulten Offiziersstandes vorgeführt, als ein durch ein autoritäres System verformter Charakter. Gustl sehnt sich überdies nach einem Krieg, der es ihm erlauben würde, die Kontrolle über seine Affekte auszusetzen und endlich „zuzuschlagen“.49
Wie oft in Zusammenhang mit Ehrenangelegenheiten „zugeschlagen“ wurde, lässt sich nicht genau sagen. Es gibt – wenig überraschend – keine verlässlichen Zahlen betreffend die Häufigkeit von Duellen und schon gar keine nur irgendwie vollständigen Daten über Fälle von geübter oder eben nicht geübter Ehrennotwehr. In der Armee hielt man die Problematik jedenfalls für aufgebauscht, das in der Öffentlichkeit entstandene Bild von duellsüchtigen Offizieren für verzerrt. Erstaunlich ist aber, dass der Leutnant Maximilian Ronge vom Jänner bis zum März 1898 dreimal in Duelle involviert war. Einmal fungierte er, wie er selbst schreibt, als „Schiedsrichter“ und die beiden anderen Male könnte er womöglich Sekundant gewesen sein. Jedenfalls waren die Kontrahenten in allen Fällen Offiziere beziehungsweise Offiziersanwärter. Den Ausgang des Duells hielt Ronge aber nur in einem Fall fest, und zwar im April 1899, als er in seinem Tagebuch wieder von einem Zweikampf berichtete: Einer der beiden Duellanten wurde damals schwer, der andere leicht verletzt.
Nicht nur Ronge erfüllte im Zusammenhang mit dem Duell – obzwar offenbar nur als indirekt Beteiligter – gleichsam das literaturgeleitete Klischee von einem jungen Leutnant, der sich am Abend auf Bällen vergnügte und sich im Morgengrauen zu einem Kampf auf Leben und Tod aufmachte. Auch der spätere Generalstäbler Theodor Ritter von Zeynek, mit dem Ronge damals viel Kontakt hatte, sammelte in dieser Beziehung Erfahrungen. Allerdings verwehrte Zeyneks Widersacher, ein tschechischer Abgeordneter, die Satisfaktion.50 Von einer ähnlichen, vielleicht derselben Begebenheit berichtet überdies Julius von Lustig-Prean. Auch in diesem Fall verweigerte der Abgeordnete mit Verweis auf seine Immunität die Genugtuung.51 Der Parlamentarier hieß Wenzel Klofácˇ. Er gehörte der Partei der „ Jungtschechen“ an, die um weitreichende nationale Zugeständnisse kämpfte. Klofácˇ galt als besonders radikal und geriet später ins Visier des Geheimdienstmannes Maximilian Ronge.
Feindbilder
Wenn Lustig-Prean sich in seinen Lebenserinnerungen über die Weigerung des Abgeordneten, der Forderung des Offiziers zu entsprechen, empörte, dann hatte das nicht nur etwas mit Ressentiments gegenüber den Tschechen zu tun, sondern auch mit einer Abwertung von Zivilisten, die nicht wenige Heeresangehörige als Feiglinge und Schwätzer abtaten. Hinzu kam eine prinzipielle und in Armeekreisen durchaus übliche Ablehnung des Parlamentarismus. Hierfür gab es gleich mehrere Gründe. Nationale Abgeordnete, die so wie Klofácˇ mit zunehmender Offenheit einen prorussischen Kurs verfolgten, gebärdeten sich nach Meinung der Militärs mehr und mehr als „Landesverräter“. Der Reichsrat bot diesen „Unwürdigen“ also eine „Arena“, verschaffte ihnen Gehör. Außerdem brachte das Parlament kein oder wenig Verständnis für die Bedürfnisse der Armee auf. So zumindest sah es deren Führung, die dabei die Widerstände der Nationalitäten oder die antimilitaristische Haltung der Sozialdemokratie ebenso bedachte wie den ewigen Kampf ums Heeresbudget. „Eine wirklich Stütze“, so Lustig-Prean, „hatte die Heeres-Verwaltung nur in der Person des Kaisers […].“52 Maximilian Ronge hätte seinem Kameraden völlig beigepflichtet. Auch hinsichtlich dessen negativer Haltung gegenüber den Tschechen und insbesondere den „duellunwilligen“ Mandataren.
Aber nicht nur der jungtschechische Abgeordnete Klofácˇ entzog sich dem aufgenötigten Zweikampf. Auch der Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler verweigerte sich den Regeln des Offizierskorps. Die öffentlichen Beschimpfungen, die als Reaktion auf seinen „Leutnant Gustl“ auf ihn niederprasselten, überging er kommentarlos. Daraufhin wurde ihm von einem Ehrenrat seine Charge als Sanitätsoffizier der Reserve aberkannt. Der Skandal war perfekt, und Schnitzler, der sich mit seiner Kritik am Ehrenkodex in Theaterstücken wie „Freiwild“ oder „Liebelei“ bereits in den vorangegangenen Jahren keine Freunde unter den Militärs gemacht hatte, wurde endgültig als „jüdischer Besudler“ einer im Grunde „arischen“ Armee verunglimpft.53 1896, als Maximilian Ronge im Burgtheater eine Vorstellung von „Liebelei“ besuchte, war es als Offizier offenbar noch kein Problem, militärkritische Stücke anzuschauen. Ein paar Jahre später, als „Leutnant Gustl“ die Gemüter erhitzte, könnte sich das geändert haben. Jedenfalls blieb „Liebelei“ zunächst das einzige Bühnenwerk Schnitzlers, das Ronge sah. Erst Jahre später folgte „Komtesse Mizzi“, ein Stück, das der Gesellschaft ein erschreckendes Sittenbild vor Augen führte.
Ronges Kamerad, Lustig-Prean, wandte sich indes ganz anderen Problemen zu. Seinen Widerspruch rief die Frage der Eignung von angehenden Reserveoffizieren, so genannten „Einjährigen“, hervor. Die Matura war für gewöhnlich Voraussetzung, um den vorgeschriebenen Präsenzdienst zu verkürzen und als Einjährig-Freiwilliger zu dienen. Für die „Equipierung“, also die Ausrüstung, kam der Staat auf. Allerdings konnte man sich das „Einjährig-Freiwilligen-Recht“ auch im Wege „einer Befähigungsprüfung erwerben“, falls man über die Mittel verfügte, das Jahr auf eigene Kosten abzuleisten. Dass man sich dieses Privileg erkaufen konnte, verärgerte nicht nur Lustig-Prean.54 Auch Schnitzlers „Leutnant Gustl“ neidete den Einjährig-Freiwilligen ihren Status und vor allem die damit verbundene Möglichkeit, die Ausbildung als Reserveoffizier abzuschließen. Darüber hinaus waren um 1900 über 18 % der k.u.k. Reserveoffiziere, die Militärärzte der Reserve nicht mitgerechnet, „Israeliten“.55 Für den antisemitischen Leutnant Gustl taten sich damit gleich zwei Motive auf, um den Einjährig-Freiwilligen beziehungsweise Reserveoffizieren mit Ablehnung zu begegnen. Lustig-Prean, der jene Prüfungen abnahm, die es entsprechend befähigten und zahlungskräftigen Anwärtern ermöglichte, ohne Reifeprüfung, aber mit erforderlichem finanziellen Hintergrund das Einjährig-Freiwilligenjahr zu absolvieren, gesteht in seinen Aufzeichnungen: „Ich verfuhr […] mit den Freiwilligen mit der sog. ,Intelligenzprüfung‘ besonders streng, möglicherweise sogar ungerecht. Diese werden mich nicht gerade sonderlich geliebt haben, während viele andere sich mir noch lange Zeit recht anhänglich erwiesen.“56 Ronges Tagebuchnotizen ist demgegenüber nicht zu entnehmen, dass er seinen Dienst als Ausbildner in der Einjährig-Freiwilligen-Schule mit Widerwillen verrichtet hätte. 1897/98 nämlich war er dort als „Instruktionsoffizier“ im Einsatz. Seine Aufzeichnungen legen vielmehr offen, dass er mit den Einjährigen sogar außer Dienst verkehrte. Lustig-Preans Vorbehalte teilte Ronge offenbar nicht. Seine Leistungen als „Lehrer“ gingen gleichzeitig über das Pflichtmaß hinaus. Als im Jänner 1898 Erzherzog Eugen seine Truppe inspizierte, bekam der Leutnant nur lobende Worte zu hören.57
Ansonsten bot das Jahr, in dem das 50-jährige Thronjubiläum des Kaisers gefeiert wurde, jede Menge Abwechslung für den jungen Ronge. Er machte Dutzende Ausflüge in die Umgebung Wiens, besuchte Onkel und Tanten, bestritt Kegelabende mit seinen Kameraden, ging häufig in die Oper und ins Theater, lauschte den Darbietungen des Männergesangsvereins Hietzing, wohnte dem Faschingsumzug in Ober St. Veit bei und schwang bei mehreren Gelegenheiten das Tanzbein. Zum Beispiel beim Hofball, der Opernredoute, dem Concordia-Ball oder dem Margaretener Bürgerball. Den Rot-Kreuz-Ball eröffnete er mit Fräulein Josefine Ratzenhofer. Seine „Kranzeldame“ bei der Hochzeit des Bruders Adolf am 21. Juni 1898 hieß Wilhelmine Nowak. Treffen gab es außerdem immer wieder mit einer Mizzi Richter. Die Familien dieser drei Damen waren offenbar mit den Ronges bekannt, denn die Ratzenhofers, Nowaks und Richters werden oft gemeinsam mit der Schwester Albertine, den Brüdern Adolf und Franz sowie der Schwägerin Rosa angeführt.58 Ob Ronge auf Freiersfüßen wandelte, bleibt der Fantasie eines jeden überlassen.
Wenn er damals liiert gewesen ist, dann verfügten seine Angebetete und er nur über wenig Zeit, ihre Gefühle auch auszuleben. Im Herbst 1898 nämlich verließ Max Ronge Wien. Etwa ein Jahr lang diente der Kaiserjäger als „Proviantoffizier des detachierten 2. Bataillons“ sowie als „Administrator und Rationsoffizier“ in Rovereto.59 Sein Stationierungsort befand sich unweit der Grenze zu Italien, das 1881 dem bereits bestehenden Bündnis zwischen der Habsburgermonarchie und dem Deutschen Reich beigetreten war und es solcherart zum so genannten Dreibund erweitert hatte. Ronge lernte nun eine Gegend kennen, die im Zuge des Ersten Weltkriegs heiß umkämpft werden sollte. Sein Aufenthalt in Südtirol legte wahrscheinlich den Grundstein für das spätere Misstrauen gegenüber Italien. Hier erging es ihm offenbar ähnlich wie Franz Conrad von Hötzendorf. Dieser, ab 1906 Generalstabschef, hatte spätestens seit seinen Dienstjahren im Süden des Reichs Vorbehalte gegenüber den Italienern sowohl diesseits als auch jenseits der Grenzen der Monarchie. Ronges Abneigung gegenüber den Nachbarn und jenen Italienern in der Monarchie, die eine Vereinigung mit dem Königreich Italien anstrebten, hinderte ihn allerdings nicht daran, sein Italienisch aufzubessern und Venedig zu besuchen. Dieses Mal das echte und nicht die künstliche Praterversion. Die Ausgaben für die Visite in der Lagunenstadt hielt er ebenso penibel fest wie die monatlich fällige Miete für sein Quartier in Rovereto. Eine Erhöhung seiner bescheidenen Gage war nicht in Sicht. Die einzige Möglichkeit, das Einkommen zu steigern, bestand darin, Karriere zu machen und außerhalb der üblichen „Rangtour“ befördert zu werden. Genau das schwebte Leutnant Ronge vor.
In der Kaderschmiede
Wer Ambitionen hatte und in weiterer Folge zu den „Flaschengrünen“ – so wurden die Generalstäbler wegen der Farbe ihrer Uniformen genannt – gehören wollte, der meldete sich zur Kriegsschule. Den Entschluss dazu fassten viele noch während ihrer Ausbildungszeit an der Akademie. Andere entschieden sich erst angesichts eines wenig spannenden Alltags bei der Truppe zu diesem Schritt. Max Ronge hat sein Aufnahmegesuch im November 1898 verfasst.
Doch verfügten bei allem mit einer Position im Generalstab verbundenen Prestige die Flaschengrünen in der zivilen Welt nicht immer über den allerbesten Ruf. Selbst Armeeangehörige dachten mitunter schlecht von den Kollegen „ganz oben“. Ihre Machtfülle erzeugte Skepsis, ihre, so meinten Kritiker, „eingebildete gottähnliche Unfehlbarkeit“ rief den Eindruck abgehobener Selbstüberschätzung hervor.60 Ressentiments entwickelten sich nicht zuletzt aufgrund des beschleunigten „Avancements“ der Generalstäbler. Deren Wartezeiten auf Zuerkennung einer höheren Charge waren nämlich um ein Vielfaches kürzer als bei den so genannten „Troupiers“ oder Truppenoffizieren. Diese wiederum hielten die Herren vom Generalstab für praxisfremd. Daher sprachen sie ihnen auch die Fähigkeit ab, abseits des grünen Tisches den Anforderungen eines vor konkrete Aufgaben gestellten Offiziers entsprechen zu können. Die Troupiers nannten die Kappe der Generalstäbler abschätzig „Hirnprothese“61, während andere die Flaschengrünen als die Repräsentanten einer hoch und höchst qualifizierten Militärelite regelrecht verehrten.
Der junge Kaiserjäger Maximilian Ronge gehörte gewiss zu Letzteren. Er erfüllte alle Voraussetzungen, um zur Vorprüfung für die Kriegsschule zugelassen zu werden: Truppendienstleistung sowie eine günstige Beurteilung durch die Vorgesetzten. Außerdem war er noch weit von der mit 30 Jahren angesetzten Altersgrenze entfernt. Die Vorausscheidungen fanden an mehreren Orten der Monarchie statt. Im Jänner 1899 reiste Leutnant Ronge nach Innsbruck, um dort, beim 8. Infanterie-Truppen-Divisions-Kommando die mehrere Tage dauernde Prüfung abzulegen. Mit ihm traten 237 weitere Kandidaten an. Getestet wurde das Allgemeinwissen ebenso wie der Wissensstand in verschiedenen militärischen Bereichen. Fast die Hälfte der jungen Offiziere fiel durch. Die, die es geschafft hatten, bekamen, ihren Leistungen entsprechend, eine Rangnummer zugeteilt. Maximilian Ronge schnitt am besten von allen ab. Besonders überzeugen konnte er seine Prüfer in den Fächern „Waffenlehre“ sowie „Befestigung und Festungskrieg“.62 Wieder zeigte sich der Ehrgeiz eines jungen Mannes, der seine Karrierepläne mit bemerkenswerter Konsequenz vorantrieb.
Gleich nach dem Triumph bei den Vorprüfungen musste Ronge wieder nach Rovereto fahren. Dort legte er erfolgreich eine Italienischprüfung ab. Im Juli kam der eifrige Leutnant dann nach Wien, und im September 1899 trat er zur Hauptprüfung für den Eintritt in die Kriegsschule an. Er ging ins Rennen um einen von zirka 100 verfügbaren Studienplätzen. Der Leutnant schrieb Klausuren, wurde aber auch mündlich geprüft. Zum Beispiel in Geschichte, wo es um Österreich im Revolutionsjahr 1848 ging. Oder in Französisch, wo er über die Schlacht von Narwa, die 1700 von den Schweden im Kampf gegen die Truppen des russischen Zaren gewonnen worden war, zu referieren hatte.63 Nach dem Prüfungsmarathon suchte er Ablenkung in der Musik. Die „Fledermaus“ erschien ihm offenbar am geeignetesten. Diese Strauß-Operette, die mit Texten wie „Glücklich ist, wer vergisst…“ wohl bei jedem an dieser Musikgattung noch so desinteressierten Österreicher auch heute einen Aha-Effekt hervorruft, sah Max Ronge bis an sein Lebensende unzählige Male.
Glück im Vergessen suchen musste Ronge damals aber keineswegs. Er schaffte die Aufnahmeprüfung, ein Platz in einer der beiden Jahrgangsklassen der Kriegsschule war ihm sicher. Klassenkameraden Ronges waren neben dem schon erwähnten Ernst Streer von Streeruwitz auch Rudolf Kundmann, später Adjutant des Generalstabschefs Franz Conrad von Hötzendorf, und sein Neustädter Kommilitone, Moritz Fischer von Ledenice.
Kaum ein ehemaliger„Frequentant“ der Kriegsschule, der in seinen Erinnerungen nicht über diese Ausbildungsphase schreibt. In einem sind sich fast alle einig: es war keine schöne Zeit. Man musste, so August Urbanski stellvertretend für viele andere, auf „Freizeit und Zerstreuung, Vergnügen und ungezügelte Lebensfreuden freiwillig verzichten“. Die Rede ist außerdem von „Entsagungen verschiedenster Art, rücksichtsloser Aufbietung der geistigen und körperliche Kräfte“, von „materiellen Opfern und Verzicht auf die Betätigung eigener Individualität“.64
Zwei Jahre lang drückten also junge Männer zwischen 25 und 30 noch einmal die Schulbank. Folge war ein mitunter typisch schülerhaftes Verhalten, man spielte sich gegenseitig Streiche, als säße man noch in der Realschule.65 Das alles passierte überdies zu einer Zeit, wo, schreibt Stefan Zweig, ein Mann von dreißig Jahren noch als unreifer Charakter angesehen wurde und selbst der Vierzigjährige noch nicht in verantwortungsvollere Positionen gelangte.66 Mit einer Schule im herkömmlichen Sinne hatte die Ausbildung der Kriegsschüler allerdings nichts zu tun. Und das „Lausbubenhormon“, wie es Ernst von Streeruwitz ausdrückt67, wurde nicht zuletzt deswegen ausgeschüttet, um sich über die Absurdität hinwegzuretten, sich als erwachsener Mann wie ein Taferlklassler fühlen zu müssen.
Während die Qualität des Unterrichts nicht immer entsprach und es Lehrer gab, die mehr durch Starre im Denken als durch Kompetenz auffielen, wurde in puncto Strenge und Anforderungen nach Superlativen gestrebt. Dem enormen Druck hielten nicht alle Frequentanten der Kriegsschule stand: August Urbanski beispielsweise musste miterleben, dass einer seiner Jahrgangskameraden Selbstmord beging.68 Über 40 Wochenstunden Unterricht, ständige Leistungskontrollen und im Sommer anstrengende Mappierungsreisen, taktische Übungen im Freien und lange Märsche – so sah zwei Jahre hindurch auch Maximilian Ronges Alltag aus.
Erziehung zum Streber?
Oft blieb den Frequentanten nicht einmal zum Essen Zeit. Dann musste man sich mit einem Kaffee beim so genannten „Kriegsschulsperl“, heute als Café Sperl beliebt und bekannt, begnügen. Die Kriegsschule selbst befand sich ein paar Schritte entfernt in der Dreihufeisengasse, gleich hinter dem Theater an der Wien.69
Es wurde, so der Ronge-Freund Otto Wiesinger, „ein überarbeitetes, vielfach nervöses Korps junger Männer großgezüchtet, das außerordentlich fleißig, arbeitswillig war, keine Zeit, keine Grenze in der Beanspruchung kannte und dann vielfach auch von den Untergebenen Übermäßiges verlangte“.70 Andere gingen mit ihrer Kritik an der Ausbildung noch weiter: Es habe sich bei der Kriegsschule um eine reine „Prüfanstalt“ gehandelt, wo es in erster Linie um das Nachbeten des vorgetragenen Stoffes ging. Auf der Strecke blieben Eigenständigkeit, Selbstverantwortung, Praxisnähe und jegliche Art von Individualität. In der Kriegsschule begann, so stellten es die Kritiker dar, „die Erziehung zum so genannten ,Wolkenschieben‘ oder ,Traumdeuten‘. Man merkte sich nur Prinzipielles und lernte dazu ein paar Schlagworte, mit denen man jonglieren konnte.“71 Besonders vernichtend fiel das Urteil des Offiziers Hans Mailáth-Pokorny aus: „Marionetten wurden gezüchtet, die jeweilig genau wussten, was zu denken vorgeschrieben war. Daß es offiziell immer hieß, man lege auf freie Meinung Gewicht, das war eine Farce und wurde durch die Tatsachen laufend widerlegt. Wie hätte man erwarten können, dass solche Automaten unvermittelt vor eine schwere Entscheidung gestellt, befähigt erscheinen würden, selbständig zu handeln. Das war von diesen Puppenfiguren zu viel verlangt.“72
Kritiker der Kriegsschule bezogen sich aber nicht nur auf die als mangelhaft, ja kontraproduktiv empfundene Ausbildung der Frequentanten. Dass der hohe Konkurrenzdruck unter den Kriegsschülern zu charakterdeformierendem Strebertum führen konnte, wurde spätestens im Jahre 1909 öffentlich diskutiert, als der Fall des Kriegsschulabsolventen Adolf Hofrichter allgemeines Aufsehen erregte. Da nur eine begrenzte Anzahl der Frequentanten nach Ende der Ausbildung auch tatsächlich dem Generalstab zugewiesen wurde, verschickte Hofrichter, der nicht berücksichtig worden war, als Potenzmittel getarnte Zyankalipillen an seine Konkurrenten. Auf diese Weise erhoffte er sich, doch noch Zugang zum erlesenen Kreis der in Friedenszeiten weniger als 700 Generalstäbler der Monarchie zu bekommen. Einer der ahnungslosen Empfänger von Hofrichters Paketen nahm die als Werbesendung getarnten Tabletten ein und starb. Hofrichter wurde nach vielen Ermittlungspannen ausgeforscht und zu zwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt. Seinen Unschuldsbeteuerungen schenkte man keinen Glauben.73
Maximilian Ronge interessierte sich für den Skandal rund um Adolf Hofrichter noch Jahre nach dessen Verurteilung. In seiner im Nachlass verwahrten umfangreichen Sammlung von Zeitungsausschnitten sind auch einige Berichte über das Schicksal des mutmaßlichen Giftmörders vorhanden. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie war dieser begnadigt worden. In weiterer Folge fand er Anschluss an die österreichischen Nationalsozialisten der Zwischenkriegszeit.74
Dass ein Mann wie Hofrichter von der Kriegsschule mit der Note „sehr gut“ abgehen konnte, warf damals, 1909, ein schiefes Licht auf die Ausbildung der Generalstabsanwärter. Welches Zeugnis sollte man, hieß es, einer Pädagogik ausstellen, die ein Ausleseprinzip anwandte, das Verbrecher hervorbrachte? Einmal mehr geißelte man ein System, das nach Menschen suchte, die der äußeren Form nach entsprachen, ohne auf ihre tatsächlichen Befähigungen und Veranlagungen hin geprüft worden zu sein. Im Sarajewoer Tagblatt vom 28. November 1909 war vor dem Hintergrund der Hofrichter-Affäre zu lesen: „Die Frequentierung der Kriegsschule, dieser höchsten militärischen Fachschule, erfordert Leute mit ganz gesunden Nerven und vollstem moralischen Gleichgewichte. Wo diese Kardinaltugenden den zum Generalstabsoffizier bestimmten Herren fehlen, da erfolgt früher oder später immer der Zusammenbruch.“75
Max Ronge, der am 1. Mai 1900 zum Oberleutnant befördert worden war76, absolvierte die Kriegsschule mit „sehr gutem Erfolge“.77 Im Oktober 1901 hielt er sein Abschlusszeugnis in Händen. Was nun? Würde er den Aufstieg in den Generalstab schaffen? Oder war alles umsonst gewesen, all die Anstrengung vergeblich?
Aufstieg
Investiert in seine Karriere hatte Ronge nicht nur viel Zeit, sondern wahrscheinlich auch eine Menge Geld. Die Lehrbehelfe, die er benötigte, waren alles andere als billig, und seit einiger Zeit schon wohnte er nicht mehr bei seiner Familie, sondern in einer Mietwohnung, die dem Stadtzentrum näher lag als das Elternhaus in Ober St. Veit. Vierzig Kronen monatlich musste er allein hierfür seiner „Hauswirtin“ zahlen.78 Die mit seiner Beförderung zum Oberleutnant verbundene Erhöhung der Gage war gleichzeitig nicht gerade großzügig ausgefallen.79
Auch der ehemalige Kriegsschüler Julius von Lustig-Prean erinnerte sich später an die mit beträchtlichem materiellem Aufwand verbundene Ausbildungszeit. „Ich glaube“, schrieb er, „dass nicht viel mehr als 10% der Absolventen die Kriegsschule ohne Schulden verliessen.“80 In dieses Bild passt auch der ins Jahr 1907 datierende Selbstmord eines hochverschuldeten Kriegsschülers.81 Mehr Glück hatte hingegen der spätere ungarische Ministerpräsident Gyula Gömbös. Seine schon während der Ausbildung an der Kriegsschule angehäuften Schulden beglich „mit Rücksicht auf seine Brauchbarkeit im Generalstabe“ die „Militärkanzlei Seiner Majestät“.82
Es erscheint nachvollziehbar, dass nach den vielen Mühen der Kriegschuljahre, nach all den Belastungen in psychischer, physischer und auch pekuniärer Hinsicht die Enttäuschung jener, die nicht dem Generalstab zugeteilt wurden, groß gewesen sein muss. Ihnen brachte das Zeugnis der Kriegsschule wenig bis gar nichts. Nicht einmal finanzielle Vorteile hatten sie bei ihrer Rückkehr zur Truppe zu erwarten. So dienten sie meist als unwillige Troupiers und mussten zusehen, wie ihre Kollegen vom Generalstab vorzeitig befördert wurden und die Karriereleiter hinaufkletterten.83
Der Oberleutnant Maximilian Ronge entging dem Schicksal eines frustrierten Truppenoffiziers. Er wurde „für die Zuteilung zum Generalstabe sehr geeignet“ befunden. In den diesbezüglichen Unterlagen seiner Lehrer heißt es: „Ein gediegener, sehr verlässlicher Offizier“, „sehr zäh und leistungsfähig“, „klarer Kopf, denkt und handelt zielbewusst“, „gründlich arbeitend“. Außerdem, so die Beurteilung, verfüge er über eine rasche Auffassungsgabe und sei von „ruhigem, gutmütigen Temperament“. Erwähnung fanden außerdem Ronges „feine Umgangsformen“ und der Umstand, dass er offenbar ein „außerordentlich beliebter Kamerad“ gewesen war. Lobend hervorgehoben wurde auch seine Fähigkeit, selbstständig Entschlüsse zu fassen.84 Diese Würdigung widerspricht der Kritik am Ausbildungsziel der Kriegsschule, wonach unbewegliche Charaktere, die lediglich Vorgaben erfüllten, bevorzugt wurden. Sie sagt andererseits freilich nichts darüber aus, wie Selbstständigkeit überhaupt definiert wurde.
Jene Kriegsschulabsolventen, denen mit der von der Kriegsschule ausgesprochenen Eignung eine Zukunft im Generalstab winkte, wurden nun höheren Kommanden zugeteilt, meist bei Brigaden oder Generalstabsabteilungen der Divisionen. Bis zur endgültigen Übernahme in den obersten Generalstab vergingen für gewöhnlich noch ein paar Jahre. Erst mit der erfolgreichen Ablegung der so genannten „Erzengelprüfung“ war man dann ein „echter Flaschengrüner“.
Aber schon jetzt galten Ronge und all die anderen jungen Offiziere, die Kurs auf den Generalstab genommen hatten, als etwas Besonderes. „Sie behielten“, schreibt der Kriegschullehrer General Bartha, „die Uniform ihrer Stammtruppenkörper, trugen aber auf der rechten Schulter eine goldene Spange, die sogenannte ,Achselspange‘. […] Als Dienstabzeichen trugen sie eine sehr auffallende, breite, gelbe Schärpe um die rechte Schulter und linke Hüfte, an deren unterem Ende zwei seidene Quasten hingen.“85
Elsa
Zu Jahreswechsel 1901/02 trat Oberleutnant Ronge dann seinen Dienst in der Steiermark an. Dieser bestand abwechselnd aus Truppenführung und Zuteilung zur Generalstabsabteilung. In Graz, seinem Stationierungsort, war es 1897, vor dem Hintergrund der Konflikte um die Sprachenverordnungen, zu besonders heftigen Protesten der deutschen Bevölkerung und schließlich zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Armeeeinheiten, die zu Hilfe gerufen worden waren, um die Ruhe wiederherzustellen, wurden von besonders aufgebrachten Gegnern des Badenischen Programms wüst beschimpft und als „Verräter“ bezeichnet. Das passte wenig ins Bild einer ansonsten eher für ihre Beschaulichkeit bekannten Provinzstadt.
Ronge lebte sich schnell ein und setzte – was die Freizeitgestaltung anbelangte – gewissermaßen sein Wiener Leben hier fort. Er besuchte häufig das Stadttheater, wohnte Wohltätigkeits-Kränzchen bei, bestritt „Fecht-Abende“ und soupierte oder dinierte mit Kameraden. Nach etwa einem Jahr in Graz ergab sich jedoch ein weiterer Wechsel seines Dienstortes: er übersiedelte nach Laibach. Allerdings schaffte er es zwischendurch, immer mal nach Wien zu kommen. Seine beruflichen Verpflichtungen beanspruchten ihn offenbar nicht sonderlich. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass Offiziere bei der Truppe nur halbtags beschäftigt waren.86 Außerdem gewährte die Armee großzügigen Urlaub. Wer es sich leisten konnte, also finanziell abgesichert war, so der Historiker István Deák, verbrachte mehr Zeit fern von seiner Einheit als bei ihr. „Letztlich war die Frage der Erträglichkeit oder Unerträglichkeit“ des Dienstes „eine Frage des Geldes“.87
Nicht nur nach Wien verschlug es den jungen Oberleutnant Ronge in regelmäßigen Abständen. Auch in Graz ließ er sich immer wieder blicken. Er hatte dort offenkundig einen außerordentlich positiven Eindruck hinterlassen. Seine Vorgesetzten schlugen ihn für eine Beförderung „außer der Rangtour“ vor. Wieder war von einem hervorragenden Offizier die Rede, wieder bejubelte man seine Fähigkeiten.88 Es sei an dieser Stelle aber auch erwähnt, dass nach Meinung Deáks positive bis überschwängliche Beurteilungen seitens der Vorgesetzten in der k.u.k. Armee geradezu inflationär verteilt wurden.89
Seinen früheren Stationierungsort besuchte Ronge aber nicht nur wegen der guten Erinnerung an seinen Dienst. In Graz bot nämlich schon zu Jahresanfang der Offiziersball willkommene Abwechslung. Maximilian Ronge verband mit ihm von nun an eine besondere Begebenheit: Auf dem Ball hatte er, am 24. Jänner 1903, zum ersten Mal, wie er in seinem Tagebuch notierte, „Elsa gesprochen“. Aufgefallen war ihm die damals 23 Jahre junge Dame wahrscheinlich schon früher. Jedenfalls verlief das eigentliche Kennenlernen von Ronge und seiner späteren Frau geradezu klischeehaft: Junger Offizier trifft Mädchen aus besseren Kreisen auf einem Ball …
Max Ronge erwies sich nicht als zaudernder Verehrer. Im Gegenteil. Schon am darauffolgenden Tag, am 25. Jänner, wurde er bei Elsas Familie vorstellig. Am 28. schrieb er, auch das ist im Tagebuch verzeichnet, Elsa einen Brief. Ihr Vater war ein hoher Offizier, der bereits über 70 Jahre alte Generalmajor Anton Ritter Rischanek von Kosnadol.90 Er war bereits aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und hatte sich – auch ein Klischee – zumindest für bestimmte Zeiten im Jahr in einer Stadt niedergelassen, die bekannt war dafür, dass hier besonders viele Rentner residierten. Graz wurde nicht umsonst „Pensionopolis“ genannt. Die Familie des Generalmajors und späteren Feldmarschallleutnants stammte aus Böhmen, aus Mähren die seiner Frau Hermine, Tochter des Brünner Zuckerfabrikanten Strakosch.91 Elsa oder genauer gesagt Elisabeth Caroline Josefine Maria Antoinette Rischanek von Kosnadol war eine aus gehobenen Verhältnissen stammende junge Frau.
Dieser Umstand war insofern nicht unbedeutend, als die Heiratsvorschriften der k.u.k. Armee vorsahen, dass bei Eheschließung von Offizieren eine Kaution zu hinterlegen war. Diese Regelung war getroffen worden, um beim Ableben des Mannes die Versorgung der Witwe sicherzustellen. Außerdem sollte auf diese Weise eine standesgemäße Lebensführung des Offiziers und seiner Gattin gewährleistet und ein das Ansehen der Armee schädigendes Abrutschen des Paars in ein sozial tieferstehendes Milieu verhindert werden. Die Kaution war für einen Leutnant prohibitiv hoch angesetzt, belief sich auf bis zu zehn Jahresgagen und wurde mit steigender Charge entsprechend niedriger veranschlagt. Erst ab einem bestimmten Rang entfiel sie völlig. Bis 1907 wurde maximal einem Viertel, danach der Hälfte der Offiziere eines Regiments die Heiratserlaubnis gegeben.92
István Deák nähert sich dem Thema Offiziersheiraten recht nüchtern und berichtet von verschuldeten Offizieren, die in Anbetracht ihrer finanziellen Not „cautionsfähige“ Bräute sogar per Zeitungsannonce suchten.93 Junge Offiziere, mit oder ohne Schulden, so Deák, „hielten stets Ausschau nach einer geeigneten Partie, deren Familie reich und nicht abgeneigt war, sich von einer beträchtlichen Summe zu trennen, um ihre Tochter einem Nomaden anzuvertrauen, der oft einer anderen Nationalität angehörte und neben einem bescheidenen Einkommen noch die Aussicht auf einen frühen Tod hatte. Auch bestand die Möglichkeit, dass er seinen Posten verlor, wenn die Monarchie einmal wirklich zusammenbrach, wie dies so oft drohte.“94
Elsas Vater dürfte allerdings kaum so pessimistisch über das Schicksal des Habsburgerreiches gedacht haben. Das galt sicher auch für den Werdegang seines künftigen Schwiegersohns. Mit Ronge hatte er schließlich nicht irgendeinen Oberleutnant vor sich. Der junge Mann, der die Kriegsschule mit so aussichtsreichen Aufstiegschancen abgeschlossen hatte und kurz vor seiner Beförderung zum Hauptmann 2. Klasse stand, hatte – das ließ sich sagen – wenn nicht eine glänzende, dann zumindest eine solide Karriere vor sich. Und bei aller auch in der Öffentlichkeit artikulierten Kritik an der Armee oder an Vertretern des Offiziersstandes verknüpfte man mit dem Status eines Offiziers dennoch ein enormes gesellschaftliches Prestige. Die Tochter an einen Offizier zu verheiraten, war so gesehen nicht so abwegig wie man aufgrund Deáks Aussagen glauben könnte. Schon gar nicht, wenn der Brautvater selbst der Armee angehörte.
Ob Ronge seinerseits womöglich nur aus Karrieregründen eine junge Dame von Stand erwählte, deren Vater praktischerweise ein hochrangiger Offizier mit besten Verbindungen war, deren Familie Vermögen besaß und sicher über hervorragende gesellschaftliche Beziehungen verfügte, muss dahingestellt bleiben. Wenn aber, so Deák, ausgerechnet die Tiroler Kaiserjäger von der Verpflichtung, eine Heiratskaution beizubringen, ausgenommen waren, dann ist der Kaiserjäger Ronge wahrscheinlich kein „Kautionsjäger“ gewesen.95
Fest steht, dass der auf Freiersfüßen wandelnde Ronge auch in den kommenden Monaten nicht locker ließ und die Familie Rischanek des Öfteren in Graz sowie in Brünn aufsuchte. Auch in Wien ergaben sich Gelegenheiten, Elsa zu sehen. In den kommenden Monaten aber schienen sich diesbezüglich weniger Möglichkeiten aufzutun. Gleichzeitig mit seiner Beförderung zum Hauptmann wurde Maximilian Ronge als Kommandant der 1. Feldkompanie des Feldjägerbataillons Nr. 4 mit 1. November 1903 nämlich nach Nisko in Galizien versetzt.
Galizien
Ronge musste sich nach den Dienstjahren in Graz und Laibach nun auf eine ganz andere Umgebung einstellen. In Galizien befanden sich aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zum Zarenreich zahlreiche Truppenkontingente der k.u.k. Armee. Nichtsdestoweniger galt dieser abgelegene Winkel der Monarchie vielen als der Inbegriff der Tristesse, der Rückständigkeit, des Elends und der deprimierenden Langeweile, als „Vacuum der Begriffe“.96 Julius von Lustig-Prean war jedenfalls heilfroh, als er nach Abschluss der Wiener Neustädter Militärakademie nicht zu einem Truppenteil in Galizien ausgemustert worden war. Er hatte nämlich, wie er schreibt, keine Ahnung von den dort üblichen Sprachen, dem Ruthenischen und dem Polnischen, fand, dass ein Stationierungsort 24 Eilzugsstunden von Wien entfernt schier unerträglich weit weg war und versäumte auch nicht auf den offenbar als unangenehm empfundenen hohen Anteil der jüdischen Bevölkerung hinzuweisen.97 „Galizien“, so István Deák, „war eine Gegend, um sich zu betrinken und betrunken zu bleiben, die Nächte in schäbigen Cafés zu verbringen, zu spielen und zu huren, sich nach der Zivilisation zu sehnen und zu den Eisenbahnstationen zu pilgern, um dem vorbeifahrenden Expreß Lemberg-Krakau-Wien wenigstens nachzublicken.“98
Denkt man überdies an Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“, an die tragische Hauptfigur, den in Galizien stationierten jungen Leutnant Trotta und seinen Alltag zwischen „Hochprozentigem“ und ödem Dienst in einer im Morast versinkenden Gegend, will einem der eifrige und pflichtbewusste Maximilian Ronge nicht einfallen.
Langeweile wollte der junge Hauptmann jedenfalls gar nicht erst aufkommen lassen. Schon in den ersten Tagen nach seiner Ankunft erkundete er das Terrain rund um Nisko und fuhr an die russische Grenze. Außerdem begann er Russisch und Polnisch zu lernen, und er nützte die Zeit außerhalb des Diensts für militärwissenschaftliche Studien. Ronge wandte sich damals aber nicht nur Fragen der Manöverführung zu. Es nahm noch etwas Anderes, von nun an regelmäßig, seine Aufmerksamkeit in Anspruch: sein Gewicht. Am 12. Jänner 1904 wog er 55 ½ Kilo. Mit zirka 160 cm Körpergröße kein Hüne, war Ronge außerdem ein Leichtgewicht. Konstitutionsbedingte Schwächen versuchte er mit Disziplin wettzumachen. Ausdauer und Zähigkeit bewies er, wie sich zeigte, beim Büffeln für ein Examen ebenso wie auf dem Rücken eines Pferdes. Er bestritt regelmäßig kraftraubende Distanzritte, um sich fit zu halten. Der junge Offizier war in vielem ein „ Jünger“ des in Militärkreisen über seinen Tod hinaus beinahe kultisch verehrten Generals Franz Conrad von Hötzendorf. Vorbild war dieser offenbar auch in puncto „Krafttraining“ und Abhärtung. Conrads Ansichten vom „Recht des Stärkeren“ fielen nicht zuletzt unter jungen Offizieren, die der schwächelnden Armee wieder zu Ansehen verhelfen wollten, auf fruchtbarem Boden. Den eigenen Körper zu „stählen“, passte zu diesem Denken. Ronge aber gehörte ohnehin nicht zu jenen, denen es an „Drahtigkeit“ mangelte. Eher schon an entsprechendem Appetit. Im Dezember 1905 stellte der Asket fest: „54, 3 kg Max mit Reitstiefel.“ Später begann ihn selbst das Gewicht von Familienmitgliedern und Freunden zu interessieren. Er entwickelte allerdings auch abseits der regelmäßigen Notizen über Kilos ein ausgesprochenes Faible für Zahlen und Statistiken – überhaupt für alles, was in Listen und Tabellen zu erfassen ist. Bisweilen wirkt diese ausgeprägte Vorliebe für Aufzählungen regelrecht obsessiv. Immerhin besteht sein Nachlass zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus einem riesigen Konvolut an für solche Zwecke beschriftetem Papier. Der Offizier Ronge war wohl nicht zuletzt der Bürokrat Ronge.
Das aufgeheizte politische Klima zwischen Polen und Ruthenen – so wurden die österreichischen Ukrainer genannt – verleitete indes eher dazu, die Flucht zu ergreifen. Noch dazu fiel ihm die Trennung von Elsa nicht leicht. Ronge nützte jede Gelegenheit, um nach Brünn, Graz oder Wien zu fahren, wo er die Verlobte treffen konnte. In Nisko selbst warteten demgegenüber oft keine wirklich „fesselnden“ Aufgaben: „Felddienst, Übungsschießen, Distanzeinschätzen, Exerzieren“99 – das war es, was er den Soldaten beibringen sollte. Der junge Hauptmann musste allerdings feststellen, dass er sich aufgrund sprachlicher Barrieren mehr recht als schlecht mit seinen Subalternoffizieren und noch weniger mit seinen Soldaten verständigen konnte, wobei der Kontakt mit Mannschaftsangehörigen ohnehin keine Rolle spielte. Die Kluft zwischen Offizier und einfachem Soldaten war tief. Ein Offizier befehligte die Soldaten, gab sich aber nicht mit ihnen ab. Bezeichnenderweise kommen diese in den Memoiren ehemaliger Offiziere so gut wie nie vor, höchstens vielleicht in Gestalt eines Offiziersburschen oder „Pferdewärters“. Ronge war hier keine Ausnahme.
Im Dienst konnte man freilich den Kontakt nicht völlig vermeiden. Da kaum einer der Untergebenen in Nisko seiner Meinung nach ausreichend Deutsch beherrschte, ließ er sich etwas einfallen. Ronges Notizen, die er über seine Tätigkeit in Galizien anfertigte, ist zu entnehmen, dass er Deutschkurse einrichtete, um die Kommunikation innerhalb seiner Einheit zu verbessern.100 Was Verständigungsprobleme anbelangte, war der Kommandeur Ronge kein Einzelfall. Den meisten Offizieren der vielsprachigen k.u.k. Armee erging es ähnlich. Deutsch war die Kommandosprache, doch wurden nur etwa 80 grundlegende Befehle wie „Rechts“, „Links“, „Halt“, „Rührt Euch“ oder „Feuer“ in dieser Sprache erteilt, alle übrigen in den jeweiligen „Regimentssprachen“.101 Das konnte dazu führen, dass der ausgegebene Befehl in gleich mehrere Sprachen übersetzt werden musste. Diese Regelungen waren Angelpunkt, um gegen den „deutschen Charakter“ der Armee zu protestieren und die Diskriminierung von Soldaten mit nicht-deutscher Muttersprache zu thematisieren.102 Der Ende 1899 vom Zaun gebrochene so genannte „Zde-Streit“, bei dem tschechische Rekruten aus nationalen Gründen anstatt „hier!“ das tschechische „zde!“ schrieen, war symptomatisch für die Verhärtung der Standpunkte.
Der Großteil der Offiziere konnte sich tatsächlich nur radebrechend mit seinen Unteroffizieren und Soldaten verständigen. Ihre als Folge von vorgeschriebenen Prüfungen für „den Dienstgebrauch ausreichend“ befundenen Kenntnisse des Italienischen oder Tschechischen oder irgendeiner anderen in der Monarchie geläufigen Sprache blieben oft nur auf das Notwendigste beschränkt. Was den Hauptmann Ronge betraf, dürfte diese Einschätzung zumindest hinsichtlich seiner Polnischkenntnisse zutreffend gewesen sein. Am 16. August trug er in sein Tagebuch ein: „Prüf[un]g aus poln. Spr.: notdürftig.“ 103
Drei Monate später, am 16. November 1904, fand die Hochzeit von Elsa Rischanek von Kosnadol und Maximilian Ronge statt. Obwohl nicht erforderlich, da Ronge als Kaiserjäger keine Heiratskaution vorweisen musste, ging Elsa mit einer größtenteils aus Wertpapieren zusammengesetzten Kaution in der Höhe von umgerechnet mehr als 250.000 Euro in die Ehe.104 Schon im kommenden Jahr stellte sich Kindersegen ein. Die kleine Erika wurde im November 1905 in Galizien geboren.
Während aber der stolze Vater nicht zuletzt Tagebuchnotizen über das Gewicht der Tochter machte, erlebte Russland, das nur wenige Kilometer von Nisko entfernt war, seine erste blutige Revolution. Die Untertanen des Zaren begehrten auf, und angesichts dieser Lage musste Nikolaus II. Zugeständnisse machen, die seine Macht beschnitten: die Duma, das russische Parlament, wurde 1906 aus der Taufe gehoben. Die 1907 erfolgte Einführung des allgemeinen, Frauen allerdings immer noch ausschließenden, gleichen und direkten Wahlrechts in Österreich ist nicht völlig isoliert von den Vorgängen im Romanowimperium zu betrachten.
Man darf annehmen, dass Ronge die Ereignisse jenseits der Grenze mit großem Interesse verfolgte. Immerhin stand Russland seit 1904 noch dazu im Krieg mit Japan. Der jähe Beginn des Konfliktes führte nun auch der k.u.k. Armee die Gefahr einer Überrumpelung vor Augen. Für sie bot sich andererseits eine günstige Gelegenheit, Kenntnisse über die Schlagkraft der zarischen Truppen zu sammeln und abseits vermeintlich wirklichkeitsnaher Manöversituationen den „echten Krieg“ zu studieren. Auch Ronge wollte einen Beitrag dazu leisten. Er wandte sich der Frage der Waffenwirkung zu und beschäftigte sich mit den diesbezüglichen technischen Neuerungen, die unter anderem im Krieg zwischen Japan und Russland eine Rolle spielten. Ronge setzte sich mit der Verwendung von „Maschinengewehren und Haubitzen“ auseinander. Er war einer der wenigen, die dem Einsatz moderner Waffentechnik, wie überhaupt den damaligen technologischen Entwicklungen, größere Bedeutung einräumten.105 Das galt auch für nachrichten- und kommunikationstechnische Neuerungen. Dennoch unterschätzte auch er den Anteil, den das Maschinengewehr am Verlauf des Kampfgeschehens haben sollte. Mit dieser Haltung befand er sich sozusagen in guter Gesellschaft. Die Generalität löste sich trotz der Erkenntnisse, die der russisch-japanische Krieg gebracht hatte, gar nicht oder viel zu schwerfällig von traditionsgeprägten Vorstellungen über „das Wesen“ des Kampfes. Schneidigkeit und Mut, so glaubte man, würden sich in jedem Fall als entscheidend erweisen, etwaige Defizite bei der Bewaffnung auf diese Weise wettgemacht werden. Die Kavallerie wurde überdies immer noch als das „Herzstück“ der Armee betrachtet. General Brudermann beispielsweise meinte trotz der Erfolge von Maschinengewehrabteilungen, die auch im Rahmen von Manövern unübersehbar geworden waren: Die Kavallerie werde zwar „Haare lassen“, aber man werde die Gegner am Ende „doch niederreiten!“106 Dass Franz Joseph mit den Errungenschaften der Technik auf Kriegsfuß stand, ist bekannt. So sprach er sich beispielsweise gegen die Verwendung von Panzerwägen aus, weil sie die Pferde scheu machen würden.107
Der Krieg in Ostasien war aber nicht nur aus kriegswissenschaftlichem Blickwinkel für Max Ronge von Interesse. Er führte ihm zudem vor Augen, dass es verschiedene Methoden gab, einen Krieg zu führen. Die Instrumentalisierung der „inneren Feinde“ des gegnerischen Staates war eine davon. Sie schien sich erst recht anzubieten, wenn es gar keiner Überredungskünste mehr bedurfte, um Regimegegner oder Abtrünnige zu mobilisieren.
Ronge kam zu dieser Zeit sicherlich in Kontakt mit Überläufern der Zarenarmee. Damals nämlich flüchteten viele russische Deserteure nach Galizien. Manche boten jetzt den Österreichern ihre Dienste an, vor allem jene aus Russisch-Polen, denen das Zarenregime die längste Zeit schon verhasst war.108 Andere aber nützten die Lage, um nun auf dem Territorium der Habsburgermonarchie Spionage für St. Petersburg zu betreiben. Galizien war, so urteilten Ronges spätere Geheimdienstkollegen und schließlich auch er selbst, „verseucht“ mit Spionen.109
Unruhige Zeiten erlebte aber nicht nur der russische Nachbar. In der Donaumonarchie standen wieder einmal die Zeichen auf Sturm. Dieses Mal waren es die Ungarn, die den Zusammenhalt des Reiches auf eine Zerreißprobe stellten. Den Hintergrund für den Konflikt lieferte die Armee. Der ungarische Reichstag verweigerte die Erhöhung des Truppenkontingents. Die gemeinsamen Streitkräfte, das kaiserliche und königliche Heer, wurde einmal mehr in Frage gestellt. Die Wogen gingen hoch. Im galizischen Manöverort Chlopy hatte Franz Joseph schon im September 1903 bekräftigt: „Gemeinsam und einheitlich wie es ist, soll mein Heer bleiben.“110 Der Preis, der dafür gezahlt werden musste, war hoch: Reformstillstand in Transleithanien. Eine Wahlrechtsreform, welche die bestehenden Machtverhältnisse in Ungarn zu Gunsten einer kompromissbereiteren Politik gegenüber der österreichischen Reichshälfte ändern sollte, wurde nicht durchgesetzt. Der Kaiser arrangierte sich am Ende mit den „Scharfmachern“ in Budapest, um den drohenden Bruch zu verhindern, und die Pläne für den „Kriegsfall U“, für die militärische Auseinandersetzung mit dem ungarischen Reichsteil, blieben in den Schubladen des Generalstabs in Wien.111
Neue Aufgaben
Der Kaiserstadt und damit einem beruflichen Aufstieg näher kam indes Maximilian Ronge mit seiner abermaligen Versetzung nach Graz im November 1906. Mittlerweile zum Hauptmann 1. Klasse befördert, diente er jetzt als Kommandant der 1. Feldkompanie im Generalstabskorps bei der Generalstabsabteilung der 6. Infanterietruppendivision. In privater Hinsicht verlief das Jahresende turbulent: Ronges Vater starb, etwa drei Wochen bevor das zweite Kind, die Tochter Elsa, auf die Welt kam. Die Entwicklung seiner Töchter hielt Ronge im Tagebuch fest. Zum Beispiel mit Eintragungen wie: „Erika beginnt Daumenlutschen“ oder „Elsa beginnt zu lachen“. Bizarr mag dann diese Notiz vom Dezember 1907 wirken: „Erika 88 cm, Wadeln 18–19 cm.“ Psychologisierende Interpretationen stellen für den Biografen eine große Versuchung dar. Erliegt er ihr, könnte in diesem Fall die Deutung so ausschauen: Ronge war nicht fähig, selbst im Privaten den Offizier abzulegen. Beweis: Er schrieb über die Tochter, als wollte er die Körpermaße eines Rekruten bei der Stellung festhalten.
Zu dieser Zeit nahm der Vollblutoffizier seine militärwissenschaftlichen Studien wieder auf. Seit Jahren schon an diversen großen Manövern beteiligt, interessierte er sich nun unter anderem dafür, wie die Rolle, die dem „Schiedsrichter“ im Zuge von Truppenübungen übertragen wurde, zu perfektionieren wäre. Diese Offiziere waren dazu da, die in Anbetracht des weitgehenden Fehlens der Waffenwirkung nötigen Schiedssprüche zu fällen und zu entscheiden, welche Einheit im „Kriegsspiel“ gesiegt hatte. „Aller unserer Tätigkeit im Frieden“, meinte Ronge, „soll das Streben zu grunde liegen, das Kriegsgemäße in die vorderste Linie zu stellen.“112 Hier sprach einer, der ganz den Kurs des neuen Generalstabschefs, Franz Conrad von Hötzendorf, vertrat. Mit ihm war bereits im vorangegangenen Jahr ein Hoffnungsträger an die Spitze der Armee getreten, von dem sich viele dringend notwendige Reformen erwarteten.
Conrad beerbte den betagten Friedrich Freiherr Beck-Rzikowsky, der 1881 zum Chef des Generalstabs ernannt worden war. Beck war ein enger Vertrauter des Kaisers. Während die politische Dauerkrise Österreichs einen Premier und einen Minister nach dem anderen verbrauchte, war der bereits über zwei Jahrzehnte im Amt befindliche Beck so etwas wie ein Symbol für Kontinuität. Was wunder, dass der Kaiser, der Veränderungen eher skeptisch gegenüberstand, an Beck festhalten wollte? Seit aber der Thronfolger Franz Ferdinand immer mehr Einfluss auf die Armeeführung ausübte, begann die Position des Generalstabschefs schwächer zu werden. Franz Ferdinand, der selten einer Meinung mit dem Monarchen war, drängte auf die Ablösung des greisen Generals. Dieser, von Franz Joseph hoch geschätzt, blockierte nach Meinung in- wie ausländischer Beobachter einen längst fälligen Generationenwechsel. Dass Beck keineswegs nur im übertragenen Sinne nicht mehr fest im Sattel saß, zeigte sich im Zuge des ohnehin von Pannen überschatteten Kaisermanövers im September 1906: Der Chef des Generalstabs fiel vom Pferd. Den Zeitpunkt für einen würdigen Abgang hatte er versäumt, jetzt war er selbst für seine Unterstützer untragbar geworden.113
Sein Nachfolger stand vor einem riesigen Aufgabenberg. Schon seit geraumer Zeit erfüllte ihn die im Stillstand verharrende Politik Becks mit Sorge. Als 1899 in Den Haag eine internationale Abrüstungskonferenz stattfand, meinte Conrad von Hötzendorf in Anspielung auf die im europäischen Vergleich bescheidenen Militärausgaben der Donaumonarchie, diese müsse gar keinen Vertreter zur Konferenz schicken, da sich Österreich-Ungarn „ohnehin in einem Zustand ständiger Abrüstung befände“.114 Das Habsburgerreich, das sagten sogar solche, die der Monarchie gewogen waren, sei eigentlich gar keine Großmacht mehr.
Conrad war jedenfalls bewusst, dass es neuer Köpfe bedurfte, um Reformen durchzusetzen. Er wollte von „geraden“ und „biederen“, psychisch und physisch belastbaren Männern mit „distinguierten Umgangsformen“ umgeben sein.115 „Kriecher und Speichellecker“ sollten ausgesiebt werden.116 Nach und nach besetzte Conrad wichtige Posten mit „seinen Leuten“. Einer von ihnen war Maximilian Ronge. Im November 1907 trat er seinen Dienst im Evidenzbüro des Generalstabs, der „Zentrale“ des k.u.k. Geheimdiensts, an. Der zukünftige „Meister der Spionage“ nahm seine Tätigkeit auf.
Spione am Werk
Dienstantritt
Es waren seine Sprachkenntnisse, die ihn nach Einschätzung des damaligen Evidenzbürochefs, des Obersten Eugen Hordliczka, für den Geheimdienst qualifizierten.117 Ronge beherrschte immerhin Französisch, Tschechisch und Italienisch. Gewisse Kenntnisse hatte er auch in Polnisch, Russisch und Englisch vorzuweisen. Der Neuling selbst zweifelte aber an seiner Befähigung. Wusste er überhaupt, was auf ihn zukam? „Abenteuerliche Vorstellungen über Spionage, geheime Missionen, Verkleidungen, falsche Bärte, Gerichtssaal, Sibirien, Teufelsinsel verfolgten“ ihn, gestand er später, bis in seine Träume hinein.118
Viele waren es nicht, die Dienst im Evidenzbüro machten, dem „Webstuhl der Weltgeschichte“, wie einer von Ronges Geheimdienstkollegen voll Pathos meinte.119 Insgesamt, den Chef mitgerechnet, arbeiteten dort fünfzehn Männer. Hinzu kamen noch die Offiziere der in der ganzen Monarchie verstreuten so genannten „Kundschaftsstellen“ sowie die Militärattachés.120 Mehr „Geheimdienstler“ hatte die k.u.k. Armee nicht aufzubieten. Ronge war jetzt einer von ihnen.
Seine Tätigkeit im Evidenzbüro, das in den kleinen, winkeligen Räumen im 4. Stock des Kriegsministeriums Am Hof untergebracht war121, nahm Max Ronge am 12. November 1907 auf. Als Leiter der „Kundschaftsgruppe“. Hilfreich zur Seite stand dem neuen Abteilungschef Major Julian Dzikowski, der ihn unter anderem in den Gebrauch geheimer Schreibmittel und einfacher Chiffreschlüssel einweihte. 122 Auch von Alfred Redls Erfahrungen profitierte Ronge. Der damals stellvertretende Leiter des Evidenzbüros, der sich zuvor in der „Russischen Gruppe“ und als Chef des Kundschaftsdiensts profiliert hatte, wurde zum Mentor des jungen Hauptmanns. Und der lernte schnell. Ronge wusste bald über die gebräuchlichsten und auch weniger verwendeten Geheimtinten sowie deren „Hervorrufungsmittel“ Bescheid. Als „primitiv“, weil allgemein bekannt, galt die durch Erwärmen sichtbar zu machende Geheimschrift aus Zitronensäure oder Urin. Weit weniger üblich war da schon eine Schrift aus „gelbem Blutlaugensalz“, ein Mittel gegen Schweißfüße, das mit Hilfe von Eisenchlorid kenntlich gemacht werden konnte.123 Dalayout_ mit nicht genug, weckte „eine neue Sendung ausgehöhlter Spazierstöcke, Bürsten, Spiegel und ähnlicher Gegenstände als Verstecke schriftlicher Mitteilungen von Kundschaftern“ die Fantasie des wissbegierigen Neo-Geheimdienstlers.124
In gewisser Weise wusste der junge Hauptmann aber bald mehr als ihm lieb war. Zum Beispiel über eine Behördenpraxis im Umgang mit Spionen, die ihn regelrecht vor den Kopf stieß. Ronge, der unter anderem für Spionageabwehr zuständig war, reagierte aufgebracht, als er hörte, dass ein der „Ausspähung“ verdächtiger italienischer Offizier freigelassen worden war, obwohl ihm ganz offensichtlich sensibles Material über österreichische Militäranlagen im Grenzgebiet abgenommen werden konnte. Anfang Dezember, noch keinen Monat im Amt, setzte Max Ronge einen Brief an den Chef des Generalstabs auf, in dem er sich über die Nachlässigkeit der zuständigen Dienststellen beschwerte.125 Er rannte offene Türen ein, denn Conrads Misstrauen gegenüber Italien und den italienischsprachigen Südtirolern war kein Geheimnis.
Dass manchmal sogar beide Augen zugedrückt wurden, wenn in Südtirol ein Agent aus dem Nachbarland ins Netz ging, glaubte Ronge mit zunehmender Erfahrung dem Irredentismus in diesem Teil des Reiches zuschreiben zu müssen. Diese antiösterreichische, auf Abtrennung der italienischsprachigen Gebiete der k.u.k. Monarchie abzielende Bewegung hatte freilich auch unter Verwaltungsbeamten und anderen Staatsdienern ihre Anhänger. Der Ausdruck „Irredentismus“ wurde aber auch in Zusammenhang mit den nationalen und „staatsfeindlichen“ Strömungen in anderen Teilen der Monarchie verwendet. Ebenso verhasst wie die Italiener waren dem Hauptmann Ronge vor diesem Hintergrund die Tschechen und nicht zuletzt die russophilen, also russlandfreundlichen Ruthenen, deren Bewegung Unterstützung aus dem Zarenreich erfuhr. Die Russophilen, so Ronge angewidert, hatten dem Kaiser in Wien abgeschworen und beteten stattdessen in „meist mit russischem Geld erbauten Kirchen“ für das Wohl des Zaren.126
Die Spionageabwehr unter Ronges Führung wandte sich nicht zuletzt dem Kampf gegen die „Feinde im Innern“ zu. Dass sich nicht alle mit demselben Eifer dieser Aufgabe verschrieben und 1907 selbst das Kriegsministerium das Interesse des Evidenzbüros an innenpolitischen Vorgängen als zu weitgehend betrachtete, löste Unverständnis bei Hauptmann Ronge aus. Er ging bald dazu über, die als mangelhaft empfundene Mitarbeit oder das als unbefriedigend gescholtene Engagement militärischer und vor allem ziviler Dienststellen gebetsmühlenartig anzuprangern. Adressaten dieser Klagen waren seine Vorgesetzten ebenso wie seine Mitarbeiter, und nach 1918 die Leser und Leserinnen seiner Schriften. Die Kritik des Geheimdienstmannes ist freilich auch in Zusammenhang mit dem Bemühen zu sehen, das Ende der Monarchie als Folge von schon zu Friedenszeiten offensichtlichen Versäumnissen zu erklären. Und diese Versäumnisse waren vor allem, meinte der Geheimdienstler, in Hinblick auf die „halbherzige“ Bekämpfung der Feinde in den eigenen Reihen vorhanden gewesen. Man hätte gegenüber dem „Irredentismus“ härter durchgreifen müssen, schrieb er nach 1918. Mit diesen retrospektiven Diagnosen und Therapievorschlägen unterschied er sich wenig von diversen anderen Kollegen, die sich im Nachhinein als unverstandene und ungehörte Warner gerierten, die die Monarchie hätten retten können, wenn man sie nur gelassen hätte …
Bescheidene Mittel
Der junge Kundschaftschef, der sich einer Unzahl von inneren wie äußeren Feinden der Monarchie gegenübersah, registrierte mit Befremden, dass das Evidenzbüro sowohl personell als auch budgetär stagnierte. Schlimmer noch: Es schienen immer weniger Mittel verfügbar zu sein. Dieser Umstand hatte nicht zuletzt im überaus angespannten Verhältnis von Außen- und Kriegsministerium seine Wurzeln. Den Großteil seines Budgets bezog das Evidenzbüro nämlich vom Außenministerium. Dieses setzte auf die Nachrichtenbeschaffung im eigenen Kompetenzbereich und leitete die ihm zur Verfügung stehenden „Informationsgelder“ nur widerwillig an die Kollegen vom militärischen Geheimdienst weiter. Deren Arbeitsweise erachteten die k.u.k. Diplomaten außerdem immer wieder als tatsächliche oder potenzielle Ursache für eine Verschlechterung der Beziehungen zu anderen Staaten. Der Außenminister, Aloys Lexa von Aehrenthal, fürchtete nichts so sehr wie diplomatische Verwicklungen als Folge von „Entgleisungen“ der militärischen Spionage und Spionageabwehr.127 Hinzu kam die persönliche Feindschaft von Aehrenthal und Conrad von Hötzendorf, der die Bedeutung des militärischen Geheimdienstes für die moderne Kriegsführung durchaus würdigte. Die beiden trennte aber bei weitem nicht nur die Haltung gegenüber dem Evidenzbüro. Der Generalstabschef zweifelte am politischen Talent des Ministers. Dieser hatte die Monarchie auf eine aktive Außenpolitik eingeschworen, stemmte sich andererseits aber hartnäckig gegen jene, die den Fortbestand der Monarchie an eine militärische Machtdemonstration knüpften.
Ronge selbst hielt nicht viel von Diplomaten, deren angeblich mit mehr Fingerspitzengefühl durchgeführter „Erkundungsdienst“ seiner Meinung nach oft genug versagt hatte. Die Versuche Aehrenthals, die Tätigkeit des Evidenzbüros und damit insbesondere den Elan des Leiters des Kundschaftsdienstes einzubremsen, beeindruckten Letzteren jedoch ganz und gar nicht. Ungeachtet gegenteiliger Wünsche des Ministers sorgte Ronge dafür, dass die Spionage gegen Italien, dessen Bündnistreue in einem künftigen Konflikt von vielen angezweifelt wurde, eine Intensivierung erfuhr. Auf diese Weise, so Ronge, gelang es, wertvolle Konfidenten beziehungsweise Vertrauensleute anzuwerben.128
Brauchen konnte Ronge solche Mitarbeiter schon am Beginn seiner Tätigkeit. „Während ich“, schrieb er, „noch in dem Studium alles dessen, was mein neues Amt forderte, vertieft war – Gesetze, Polizei-, Gendarmerie-, Finanzwach- und Verwaltungsorganisation, Post-, Telegraphen-, Paß- und Meldewesen im In- und Auslande – trat schon im Jänner 1908 die erste größere Aufgabe an mich heran: die Vorbereitung eines ,verschärften‘ Kundschaftsdienstes, der mit Rücksicht auf die sich immer mehr bestärkenden Nachrichten über einen beabsichtigten Einfall der Italiener im Falle des Ablebens Seiner Majestät sofort einzusetzen hatte.“129
Der damals achtundsiebzigjährige Kaiser lebte noch weitere acht Jahre, eine Invasion der Italiener fand nicht statt. Ronge wusste jedoch ab nun, was alles im Ernstfall zu tun war. Äußerste Kraftanstrengung erwartete der Kundschaftschef nicht nur von den militärischen Stellen. Alle Behörden sollten mithelfen, wenn das Vaterland bedroht war. Beispielsweise, um für die „energische Unterdrückung jeder staatsgefährlichen Regung“ Sorge zu tragen oder um „bedenkliche Ausländer“ umgehend ausweisen zu können.
Wenn Conrad von Hötzendorf den Präventivkrieg forderte, dann forderte Ronge die präventive Militarisierung des Staates: alles natürlich nur, um das Vaterland zu schützen.
Herr Holton
So groß das Misstrauen war, das der Generalstab gegenüber dem Bündnispartner Italien an den Tag legte, so gering war die Aufmerksamkeit, die Russland entgegengebracht wurde. 1907, als Ronge ins Evidenzbüro eintrat, hatte man den Kundschaftsdienst der Donaumonarchie gegen das Zarenreich nahezu eingestellt. Hintergrund war eine 1903 zwischen den beiden Großreichen zustande gekommene Annäherung, die das Habsburgerreich offenbar zu übergroßem Vertrauen gegenüber dem traditionellen Widersacher verleitete. Ronge konnte viele Jahre später nicht umhin, seinem damaligen Chef Eugen Hordliczka die Hauptverantwortung für diese Fehlentwicklung aufzubürden. Fraglich ist aber, ob es nur auf Hordliczkas Konto ging, dass sich die einst so glänzend informierte Spionage gegen Russland nie mehr von der offenbar selbst verordneten Passivität erholte. Auch der posthum berühmt gewordene Spion Alfred Redl, der unter anderem im Auftrag Russlands agierte, hatte wohl Interesse daran, den von Ronge eingeleiteten „Genesungsprozess“ des schwer angeschlagenen Kundschaftswesens zu behindern. Hordliczka hingegen sah die Prioritäten damals anderswo. Er konzentrierte sich nämlich – aus durchaus nicht abwegigen Gründen – auf den Unruheherd Balkan und versuchte beispielsweise, von dort aus eine zuverlässige Nachrichtenübermittlung im Kriegsfall durch die Verwendung von Brieftauben sicher zu stellen.130
Während aber im Rahmen geheimer Aktionen die quasi im Dienste des Evidenzbüros stehenden Vögel ins feindliche Serbien gebracht wurden, schlief die österreichisch-ungarische Spionage gegen Russland einen langen Schlaf. Das böse Erwachen kam erst einige Monate, bevor Max Ronge seine Tätigkeit aufnahm. Es zeigte sich, dass der Geheimdienst des Zaren den Handschlag der Diplomaten keineswegs als Signal für einen „Waffenstillstand“ interpretiert hatte. Der „Kalte Krieg“ war nur von einer Seite beendet worden, und Russland die Achillesferse von Ronges Kundschaftsdienst.
Schon 1906 hatte man im Habsburgerreich einen Mann laufen lassen, der offenbar in die Rolle eines Doppelspions geschlüpft war. Seine Informationen trug er demzufolge nicht nur den Österreichern an, sondern auch dem von Warschau aus operierendem russischen Obersten Nikolaj Batjuschin, der als Schlüsselfigur des zarischen Militärgeheimdienstes zu einem der gefährlichsten und trickreichsten Gegenspieler Max Ronges wurde.131
Im darauffolgenden Jahr tauchte dann der Name des überaus aktiven russischen Offiziers im Zusammenhang mit einer anderen Geschichte auf. Sie begann mit der Zeitungsannonce eines Herrn Holton, die sowohl in österreichischen als auch deutschen Blättern erschien. Der ominöse Herr gab an, ehemalige Offiziere für die Abwickelung diverser „Kolonialgeschäfte“ zu benötigen. Die Arbeitssuchenden, die sich auf das Inserat hin meldeten, wurden zu einer Unterredung in die Schweiz gebeten, wo der angebliche Holton ihnen ohne große Umschweife eröffnete, in Wirklichkeit lediglich an militärischen Informationen interessiert zu sein. Sein eigentlicher Auftraggeber, fügte er hinzu, sitze in Warschau. An ihn, hieß es weiter, werde er die „Spionagekandidaten“ vermitteln.
Ein paar pensionierte k.u.k. Offiziere hörten sich das Angebot an und beschlossen dann, die Kollegen vom Evidenzbüro von der Begegnung mit Holton in Kenntnis zu setzen. Aufgrund der genauen Personenbeschreibung, die sie gaben, wurde bald klar, dass es sich bei diesem in Wirklichkeit um einen französischen Geheimdienstoffizier namens Lambling handelte. Auch die Identität des mysteriösen Auftraggebers in Warschau konnte festgestellt werden: es war Batjuschin. Wollte man jetzt hinter die Geheimnisse der französisch-russischen Kooperation in Sachen Spionage kommen, musste man auf Holtons Angebot zum Schein eingehen. Genau das geschah.
In der Schweiz legte sich nun Eugen Hordliczka gemeinsam mit Major Brose vom deutschen Geheimdienst auf die Lauer. Holton traf sich dort mit einigen Spionagewilligen, die freilich im Auftrag des Evidenzbürochefs und dessen Partner in Berlin agierten. Auf diese Weise gelang es, diversen Verbindungsleuten des französischen Agenten auf die Spur zu kommen. Außerdem erfuhr man dutzende Deckadressen, die unter anderem auch ins Zarenreich, ins damals russische Warschau führten.132
Diesen Erfolg des Chefs honorierte Ronge in seinen Veröffentlichungen, den nach 1918 verfassten Büchern „Kriegs- und Industrie-Spionage“ sowie „Meister der Spionage“, wenig bis gar nicht. Für ihn wogen offenbar die Versäumnisse schwerer. Manch einer, der Ronge gut kannte, würde dem Geheimdienstler hier allerdings noch ganz Anderes unterstellt haben: den Hang, sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. So sah es August Urbanski, der Hordliczka 1909 als Chef des Evidenzbüros nachfolgte, mit Ärger, dass Ronge nach Zusammenbruch der Monarchie etwa den Aufbau des Chiffrierdienstes weitgehend für sich beanspruchte. Das Enträtseln von Geheimcodes erlangte im Weltkrieg große Bedeutung. Verdienste in diesem Bereich erwarb sich vor allem der auch heute noch von Fachleuten als Koryphäe geschätzte damalige Hauptmann Andreas Figl, den Urbanski noch zu Friedenszeiten ins Evidenzbüro geholt hatte. Ronge, der sich selbst im Entschlüsseln geheimer Botschaften übte, hatte zwar die Notwendigkeit des professionellen Chiffrierens und Dechiffrierens für militärische Belange frühzeitig erkannt; der organisatorische Beitrag Urbanskis in diesem Zusammenhang war allerdings kein geringer gewesen. Das richtete Urbanski dann auch, bei aller Freundschaft, wie es hieß, dem „lieben Kollegen Ronge“ per Brief aus.133 Urbanski blieb nicht der einzige, der von Ronge in die zweite Reihe gedrängt wurde. Auch andere Geheimdienstler machten die Erfahrung, dass der ehrgeizige Generalstäbler Anerkennung mitunter dort einforderte, wo sie Berufeneren gebührte. Nicht alle jedoch ließen es auf einen Disput ankommen und sahen dem ehemaligen Vorgesetzten seine Eitelkeit nach.134
Geheimhaltung
Ronge widmete sich indessen seinen Aufgaben mit immer größer werdender Hingabe. Da machte es auch nichts aus, wenn sogar an den Wochenenden Bürodienst am Programm stand.135 Der Leiter des Kundschaftsdienstes produzierte eifrig ein Papier nach dem anderen, um das Spionagewesen besser zu organisieren. Es war Pionierarbeit, die er hier zum Teil leistete. Sie kam seinem konzeptiven Talent ebenso wie seiner bereits angesprochenen Neigung zur Bürokratie entgegen. Von den in Militärkreisen so viel gescholtenen Abläufen der zivilen Verwaltung unterschied sich diese Tätigkeit oft wenig: es wurde „präsentiert, exhibiert, indiziert, prioriert, konzipiert, revidiert, approbiert, mundiert, kollationiert, expediert und registriert“136 – genauso wie in anderen Amtsstuben auch.
Die vertraulichen und streng geheimen Schriftstücke Ronges und seiner Kollegen ebenso wie die Berichte und Akten, die von anderen Stellen einliefen, waren freilich von größerer Brisanz als die Unterlagen in einem Postamt. Geheimhaltung war daher oberstes Gebot. Clemens von Walzel, der 1907 in der „Englischen Gruppe“ des Evidenzbüros arbeitete, würdigte die Vorsichtsmaßnahmen, wenngleich seine diesbezüglichen Ausführungen Zweifel an der Effizienz des „Gesamtbetriebs“ hinterlassen: „Einer wusste nicht was der andere tat, jeder musste anklopfen, wenn er des anderen Zimmer betreten wollte. Ein eigener Inspektionsoffizier hatte täglich nach Büroschluß alle vom Generalstab benützten Räume zu visitieren und besonders darauf zu sehen, ob die Tischladen, Kästen und eisernen Schränke richtig versperrt waren und ob keine Akten und Papiere umherlagen. Völliges Dunkel umgab stets die Kundschaftsgruppe.“137
Kaum einer brachte mehr Verständnis für diese Vorsichtsmaßnahmen auf als Ronge selbst. Die Kollegen vom diplomatischen Dienst handelten da hingegen viel nachlässiger. Ihnen musste in regelmäßigen Abständen eingebläut werden, dass Korrespondenzen betreffend „Spionageangelegenheiten“ chiffriert und womöglich per Kurier nach Wien geschickt werden sollten und nicht in „Normalschrift“ und auf dem einfachen Postweg.138 Das Kopfschütteln Ronges angesichts derartiger Fahrlässigkeit wollte nicht nachlassen. Manchen aber schien die Umsicht der Geheimdienstler übertrieben. Zum Beispiel als sie die „Ansiedelung fremder Staatsangehöriger“ entlang bestimmter Bahnlinien verhindert wissen wollten.139 Auch der Umstand, dass in grenznahen Regionen ausländische Staatsbürger Grundstücke erwarben oder pachteten, war den Militärs suspekt.140 Doch erschienen verschiedene Maßnahmen, die der „Hintanhaltung von Ausspähung“ dienen sollten, als zu aufwändig und in der Praxis nur schwer durchführbar.
Spione sind überall
Wenn außerdem kaum jemand wusste, was überhaupt ein Spion war, wie konnte man dann erwarten, dass Bevölkerung und Behörden Spionageabwehr betrieben und brauchbare Informationen lieferten? In klaren Worten sollte zumindest dem einfachen Soldaten erklärt werden, was es mit den fremden Agenten auf sich hatte. Im Evidenzbüro wurde ein Informationsblatt ausgearbeitet, hervorgehoben vor allem, wofür sich Spione eigentlich interessierten. Die Liste war lang: Befestigungen, Munition, Telegrafeneinrichtungen, Radiostationen, Kartenmaterial, geheime Dienstbücher, Transportwege und und und. Wichtig erschien auch der Hinweis darauf, dass viele für gewöhnlich falsche Identitäten annahmen. Meist, klärte man die Soldaten auf, „geben sich Spione aus als: Verkäufer, Friseure, Geldverleiher, Ansichtskarten- und Medaillenhändler, Photographen, Schlachtenbummler, Touristen, Automobilisten, Arbeiter bei Befestigungs- und sonstigen Bauten, Alteisenhändler, Rastelbinder, Werkelmänner, Scherenschleifer u.s.w.“
Mit Informationsblättern wie diesem wollte man andererseits aber auch die Mannschaftsangehörigen der eigenen Armee davor warnen, womöglich der Versuchung zu erliegen, gegen Bezahlung in den Dienst einer fremden Macht zu treten. „Spione und ihre Mitschuldigen“, hieß es daher, „werden immer erwischt: früher oder später. Jeder Soldat muß mithelfen, sie ausfindig und unschädlich zu machen.“ Schließlich gab man den Lesern der Broschüre noch folgenden Rat mit auf den Weg: „Vorsicht im Umgang mit fremden Menschen! Man weiß nie, wen man vor sich hat!“141
Diese Erfahrung machte auch Maximilian Ronge. Zum Beispiel in Zusammenhang mit seinem Personal. Nachdem die Ronges im November 1907 nach Wien gekommen waren und eine repräsentative, geräumige Wohnung in der Messerschmidtgasse in Wien-Gersthof bezogen hatten, musste ein neues Dienstmädchen gefunden werden. Max Ronge bekam zudem einen neuen Offiziersburschen sowie einen neuen Pferdewärter zugeteilt. Ob man alle diese in der Messerschmidtgasse 28 ein und aus gehenden Personen einer der Position des Dienstherren entsprechenden Untersuchung unterzogen hat, bleibt offen. Dass Spione nicht nur in Gestalt von „Automobilisten“ oder „Alteisenhändlern“ auftraten, sondern sich mitunter auch als Dienstpersonal tarnten, muss Ronge bewusst gewesen sein. „Falsche“ Diener oder spionierende Stubenmädchen und Köchinnen konnten sich beispielsweise relativ einfach wichtiger Schriftstücke bemächtigen, die das Opfer im Arbeitszimmer aufbewahrte, oder Gespräche belauschen, die nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Der Leiter der Kundschaftsgruppe des Generalstabs der k.u.k. Armee dürfte eine interessante Zielperson für diese Art der feindlichen Ausspähung abgegeben haben. Immerhin bat Ronge nicht nur die Verwandtschaft zum Kaffeekränzchen. In seiner Privatwohnung fanden sich immer wieder auch Offiziere des Evidenzbüros ein, darunter die Chefs, Hordliczka und später dann Urbanski. Auch Max Ronges Vorgesetzter und Vorgänger als Leiter der Kundschaftsgruppe, Alfred Redl, gehörte zu den Gästen in der Messerschmidtgasse.142
Es kann nicht eindeutig gesagt werden, ob die Ronges von ihrem Personal ausspioniert wurden. Fest steht lediglich, dass es zu Unannehmlichkeiten kam. Diese begannen damit, dass das erste Dienstmädchen, Maria Weps, schon ein halbes Jahr nach Dienstantritt die Familie Ronge verließ.143 Die Nachfolgerin, Anna Mohelnicka, machte sich ein Jahr später Verfehlungen schuldig, die sogar die Polizei auf den Plan riefen. Von einer Bestrafung, so Ronge in seinem Tagebuch, wurde aber abgesehen.144 Kurze Zeit danach ließ er seinen Offiziersdiener verhaften.145 Was immer der Mann getan hatte, Ronge muss triftige Gründe für diesen Schritt gehabt haben.
Kriegsspiele
Die hatte auch der Chef des Evidenzbüros, als er seine Mitarbeiter vor dem Hintergrund der so genannten „Annexionskrise“ in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Gefragt war vor allem der Einsatz der „Balkangruppe“. Immerhin stieß in Serbien die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina durch das Habsburgerreich erwartungsgemäß auf Protest. Auch Russland war infolge eines diplomatischen Fauxpas seitens Österreich-Ungarns im Vorfeld der Annexion verstimmt. Die Angelegenheit zog immer weitere Kreise und hielt ganz Europa in Atem. Dass der endgültige Anschluss eines Gebietes, das bereits 1878 mit Billigung der Großmächte dem Habsburgerimperium überantwortet worden war, nun, 30 Jahre später, so viel Aufsehen erregte, ging nach Meinung von Aehrenthals Kritikern nicht zuletzt auf dessen Konto. In der Tat war viel diplomatisches Porzellan zerbrochen worden. Nicht genug allerdings, um deswegen Krieg zu führen. Conrad von Hötzendorf hingegen sah die Gelegenheit gekommen, Serbien und eventuell Italien niederzuringen. Wie in den folgenden Jahren auch musste er sich aber mit den virtuellen Schlachten der Manöver zufrieden geben. Seine Reformen hatten immerhin bewirkt, dass diese von sehr viel größerem Nutzen waren als die nach strengem Plan abgespulten Übungen von früher. Mit lieb gewordenen Traditionen wurde gebrochen, die große Kavallerieattacke und die Parade am Ende der Kaisermanöver zum Bedauern Franz Josephs einfach abgeschafft. Kein Schauspiel sollte vorgeführt werden, sondern ein möglichst wirklichkeitsnahes Training stattfinden. Doch trotz allen Bemühens stellte sich der angestrebte Realismus höchstens dann ein, wenn Soldaten ohne Rücksicht auf deren physische Belastbarkeit zu Gewaltmärschen angetrieben wurden und starben. Dennoch hielt Conrad an seinem Manöverprogramm fest, predigte Härte und Durchhaltevermögen und lebte seine „Offensivwut“ aus. Insofern war es leicht für seine Offiziere, sich Lorbeeren zu verdienen. Jeder wusste, dass der General wenig von Verteidigungsstrategien hielt. Wer Initiative zeigte, hatte die Sympathien des Generalstabschefs eher auf seiner Seite als einer, der zur Defensive riet. Taktierte so auch der ambitionierte Hauptmann Ronge? Als er 1908 im Rahmen des Kaisermanövers im ungarischen Veszprém als Schiedsrichter fungierte, hätte er die Gelegenheit dazu gehabt. Auch er musste wissen, dass der Chef des Generalstabs jenen Unparteiischen den Vorrang gab, die nichts an viel zu schnellen Angriffen auszusetzen hatten, obwohl sie auf einem realen Schlachtfeld aufgrund zu hoher Verluste sofort zusammengebrochen wären.146
Conrad erwartete von seinen Offizieren hundertprozentigen Einsatz. Risikobereit und durchtrainiert sollten sie sein, schneidig und zäh. Die Manöver, Kriegsspiele und Generalstabsreisen verlangten ihnen mehr ab als noch zu Zeiten des Generals Beck. Tagelange, beschwerliche Ritte in unwegsamem Terrain und bei schlechtem Wetter wurden üblich, bequeme Unterkünfte gegen notdürftige Unterstände ausgetauscht. Ronge vermerkte in seinem Tagebuch daher auch, dass er im Zuge der Manöver in Ungarn in einem Stall übernachten musste.147
Die ersten Sporen
Unannehmlichkeiten blieben dem aufstrebenden Offizier auch in Wien nicht erspart. Das Evidenzbüro bekam vor dem Hintergrund der Annexionskrise einmal mehr Schelte vom Außenministerium. Die Kompromittierung des k.u.k. Militärattachés in Belgrad in Zusammenhang mit der Verhaftung eines für die Monarchie tätigen Spions bereitete den Diplomaten in Wien keine Freude. „Da hatte man also wieder einmal eine der vom Ministerium so sehr gefürchteten Bloßstellungen“, schrieb Ronge Jahre später. Seiner Meinung nach konnte es sich die Monarchie nicht leisten, nobel im Abseits zu stehen, während die Geheimdienste anderer Staaten alle Register zogen, um an brisantes Material heranzukommen. Die Entrüstung des Außenministeriums wollte er ganz und gar nicht verstehen. Der Militärattaché, der dem Evidenzbüro so emsig zugearbeitet hatte, wurde trotzdem abgezogen.148
So oder so waren die Informationen über die Stärke der serbischen Armee, die während der Annexionskrise im Evidenzbüro eingingen, überaus wertvoll. Im Auge behalten musste man aber auch das, was sich im Osten des Reiches ereignete. In Galizien beispielsweise tauchten auffallend viele russische Scherenschleifer auf, die offenbar nicht nur ihrem Gewerbe nachgingen, sondern unter anderem ungewöhnliches Interesse an Geländeformen und diversen geographischen Details an den Tag legten.149 Einige dieser einschlägig interessierten „Handwerker“ wurden aufgegriffen und nach Russland abgeschoben. Solchen kleinen Erfolgen der Spionageabwehr stand aber eine eher dürftige Bilanz des offensiven Kundschaftsdiensts gegenüber. Was sich hinter der Grenze, im Zarenreich, abspielte, blieb dem österreichischen Geheimdienst verborgen. Nicht zuletzt aufgrund fehlender Kontaktmänner. Die im Zarenreich noch vorhandenen Konfidenten konnte man an den Fingern einer Hand abzählen.150
Ansonsten aber schien das Evidenzbüro die Lage unter Kontrolle zu haben. Sabotageakte ausländischer Agenten an den Rüstungsbetrieben in der Monarchie wurden durch verstärkte Überwachung der betreffenden Objekte verhindert. Außerdem brachten derlei Maßnahmen Ronge auf die Idee, sich die Methoden der Gegner zu eigen zu machen. Sabotage gehörte von nun an auch ins Repertoire des österreichischen Kundschaftsdiensts.151
Soviel Initiativgeist blieb nicht unbelohnt. Ronge hatte sich seine ersten Sporen verdient. Für seine Arbeit vor dem Hintergrund der Annexionskrise wurde er mit einem Orden ausgezeichnet. Der Generalstabschef sprach ihm seinen „wärmsten Dank“ aus.152 Wenige Monate später wurde er dann per Dekret des Kriegsministers „zum Tragen der Militärverdienstmedaille am roten Band berechtigt“.153
Dennoch blieb in Ronges Erinnerungen an diese Zeit auch Negatives zurück. Unerfreulich war seiner Meinung nach die „unpatriotische Haltung“ der Presse in Österreich und Ungarn gewesen. Dutzende Blätter hatten ausführlich über militärische Maßnahmen geschrieben, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass derartige Berichte von großem Nutzen für das feindliche Ausland sein konnten. Viele Zeitungen wurden daraufhin beschlagnahmt. „Noch peinlicher“, so Ronge, waren disziplinäre „Unbotmäßigkeiten“ von k.u.k. Soldaten in Böhmen gewesen.154 Sie verhießen nichts Gutes für den Fall, dass eines Tages Krisen in Kriege münden würden.
„…ein widerwärtiges, gefährliches Geschäft…“
Ein Heer, das den Wünschen des Generalstabschefs gemäß bald scharf schießen sollte, benötigte freilich jede Menge Informationen über den künftigen militärischen Gegner. Die Nachrichtenbeschaffung seitens des Evidenzbüros gewann daher zunehmend an Bedeutung.
Doch bei allem Respekt, den Conrad der Arbeit der Geheimdienstoffiziere zollte, war der Generalstabschef nicht frei von Vorurteilen gegenüber dem Metier der Spionage als solches. Mit ihm assoziierte man gemeinhin eine Schattenwelt, wo sich Verräter und Verbrecher, zwielichtige Gestalten in jedem Fall, tummelten. Ehre und Spionage schienen sich gegenseitig völlig auszuschließen. Für einen dem Ehrenkodex verpflichteten Offizier ergab sich daraus ein Dilemma. Umgang mit zweifelhaften Figuren pflegen zu müssen, kam so gesehen einer Bestrafung gleich. Der Spionagebetrieb aber „erforderte nicht nur Kontakte mit Menschen, die den Standesbegriffen des Militärs nicht entsprachen, sondern spielte sich überhaupt in einer Grauzone zwischen Illegalität und Patriotismus ab.“155 Conrad war zwar von der Wichtigkeit des Geheimdienstes überzeugt und stellte sich stets, so gut es ging, schützend vor die Offiziere des Evidenzbüros, wenn es Angriffe von anderer Stelle hagelte. Persönlich zu tun haben wollte er aber mit dem Metier nichts.156 Dieses beschrieb einer, der im Ersten Weltkrieg dem militärischen Nachrichtendienst der k.u.k. Monarchie als Mitarbeiter der „Chiffrengruppe“ angehörte, als „widerwärtiges, gefährliches Geschäft“, das den Charakter verderbe.157
Max Ronge war sich ungeachtet seiner Hingabe an den Beruf bewusst, wie abschätzig über seinen Tätigkeitsbereich geurteilt wurde. Das Naserümpfen mancher Kollegen wird ihm nicht entgangen sein. Er selbst konnte jedenfalls dem persönlichen Kontakt mit Spionen nicht ausweichen. Immer wieder kam es zu geheimen Treffen mit Agenten. Ronge begegnete Wichtigtuern, Schwindlern und Betrügern, solchen, die ihm „minderwertige Dinge“ andrehen wollten und anderen, die sich lediglich als „geschwätzig“ erwiesen. Mal traf er sich mit ihnen in irgendwelchen Wiener Cafés, mal in Privatwohnungen oder überhaupt weit weg von Wien, in fremden Städten oder abgelegenen Dörfern.158
Die angesprochene Geringschätzung der Geheimdienstmänner seitens ihrer Offizierskollegen wurzelte nicht zuletzt in der Annahme, diese könnten sich auf Dauer dem negativen Einfluss eines letztlich bedrü-ckenden Klimas von Verrat, Tücke und Hinterhältigkeit nicht entziehen – ganz so wie dies die zitierten Aussagen des ehemaligen Nachrichtendienstmitarbeiters zu bestätigen scheinen. Galt dies nun wirklich alles auch für Max Ronge? Traut man den Äußerungen des Generalstabsoffiziers Edmund Glaise von Horstenau, wäre die Frage zumindest teilweise zu bejahen. Allerdings sind dessen Wahrnehmungen auch im Lichte einer – vorsichtig formuliert – nicht störungsfreien Beziehung zwischen den beiden Männern zu betrachten. Glaise jedenfalls schilderte Ronge als einen infolge seiner Arbeit beschädigten Charakter, dessen berufsbedingtes Misstrauen Offenheit im zwischenmenschlichen Kontakt völlig ausschloss. Er sprach ihm deshalb auch ab, überhaupt zur Freundschaft fähig gewesen zu sein. Außerdem wollte er eine latente Unsicherheit bemerkt haben, die den Geheimdienstler zu unaufgeforderten Klarstellungen veranlasste. Max Ronge, so Glaise, fühlte sich bezeichnenderweise „bei jedem Zusammentreffen mit einem neuen Menschen schon in der zweiten Minute“ bemüßigt, seine „hohe persönliche Anständigkeit zu betonen, an der ohnehin niemand zweifelte.“159
Polnische Angelegenheiten
Der als „impulsiv“160 beschriebene k.u.k. Hauptmann Ronge hatte eine andere Auffassung von seinem Beruf als viele seiner Kollegen. Die „Evidenthaltung“ militärischer, aber auch politischer und wirtschaftlicher Informationen über fremde Staaten war alles andere als eine aufregende Arbeit. Nicht wenige von Ronges Kollegen im Evidenzbüro beschäftigten sich vor allem mit der unspektakulären Auswertung so genannter „offener Quellen“. Das bedeutete nichts anderes, als dass sie die Berichte der Militärattachés, dutzende in- und vor allem ausländische Zeitungen, militärische Fachzeitschriften sowie amtliche Verlautbarungen studierten und auf ihren für den Generalstab verwertbaren Informationsgehalt untersuchten. Zeitungsartikel über den Bau einer neuen Bahnlinie konnten ebenso von Bedeutung sein wie Nachrichten über die Rohstoff-Förderung eines bestimmten Landes, die wiederum in Zusammenhang mit der Rüstungsindustrie gebracht wurde. Jahre später lernte auch Ronge diese vor allem vom Schreibtisch aus und mit verhältnismäßig wenig Aufwand zu bewerkstelligende Form der Nachrichtenbeschaffung schätzen.161 In seinen ersten Jahren aber, als Leiter der Kundschaftsgruppe, bediente er sich bisweilen weit weniger „gemütlicher“ Methoden. Zur Anwendung kamen sie vor allem im Bereich des offensiven Kundschaftsdiensts. Spionageabwehr, also die Konzentration auf den defensiven Kundschaftsdienst alleine, erschien Ronge zu wenig. Er forderte mehr Initiative und eine Abkehr von bisher gültigen Verhaltensmustern.162 Nicht Reaktion, sondern Aktion sollte die Devise sein. Ronge machte sich dementsprechend für den offensiven Kundschaftsdienst stark. Dass er damit beim Außenministerium sowie bei anderen Ämtern anecken würde, nahm er in Kauf.
Probleme waren regelrecht vorprogrammiert, als Ronge und seine Leute in Galizien aktiv zu werden begannen. Das Kronland im Osten war ein regelrechtes Aufmarschgebiet der russischen Spionage und vom innenpolitischen Standpunkt her ein geradezu hoffnungsloses Krisengebiet. Der Konflikt zwischen Polen und Ruthenen schien unlösbar. Als im April 1908 der galizische Statthalter Andrzej Potocki, ein Pole, von einem ruthenischen Studenten ermordet wurde, zeigte sich einmal mehr, wie tief der Hass saß.163
Hass charakterisierte aber auch die Haltung der meisten Polen im Zarenreich gegenüber ihren russischen „Besatzern“. Schon 1906, als sich Russland noch kaum von den Folgen der Revolution erholt hatte, bot der spätere Staatschef Polens, Josef Pilsudski, im Namen der Kampforganisation der „polnischen-sozialistischen Partei Russlands“, der PPS, den Österreichern seine Dienste an.164 Offeriert wurden „Kundschaftsnachrichten jeder Art über Rußland“ gegen „gewisse Gegenleistungen“.165 Diese Gegenleistungen waren allerdings ziemlich konkret: Erleichterung der Waffenbeschaffung und Duldung von geheimen Waffendepots und Parteiagenten in Galizien – das waren nur zwei von mehreren Forderungen. Problematisch waren sie in jedem Fall. Das wiederum lag an den Zielen der polnischen Sozialisten.
Die PPS versuchte sich politisch und militärisch auf jenen Tag X vorzubereiten, an dem ein schwaches Russland einem „allgemeinen nationalen Aufstand in Polen zur Wiederherstellung der polnischen Unabhängigkeit“ nichts mehr entgegensetzen würde können. Andrzej Potocki war von einer Zusammenarbeit mit den „polnischen Brüdern“ in Russland keineswegs begeistert gewesen. Einerseits, weil er ein politischer Gegner der Sozialisten war, und andererseits, weil er, so behaupteten seine Widersacher, Güter in Russisch-Polen besaß und daher wenig Sympathie für eine sozialistische und antirussische Politik aufbrachte. So oder so waren die Polen in Galizien an einer Änderung des status quo nicht sonderlich interessiert. Die gemeinsame Feindschaft gegen Russland reichte auch nach Meinung des Generalstabschefs, damals noch Friedrich von Beck, nicht aus, um die PPS zu unterstützen. Man entschied, die Finger von der Angelegenheit zu lassen.166
Ganz offensichtlich aber hatte die PPS bereits geheime Waffendepots in Galizien angelegt. Darüber hinaus gab es Hinweise auf die Existenz einer „Terroristenschule“ in Krakau, wo die Partei ihre Mitglieder militärisch ausbildete und auf einen Kampf gegen die Russen vorbereitete. Ausführliche Mitteilungen über diese Entwicklungen kamen peinlicherweise vom russischen Botschafter in Wien, der die österreichischen Behörden aufforderte, der „kriminellen Aktivität“ der PPS ein Ende zu bereiten.167 Das Außenministerium in Wien ersuchte daraufhin die zuständigen Instanzen in Krakau um Aufklärung. Trotz vorhandener Anhaltspunkte stellte die Polizei vor Ort gegenüber den Wiener Zentralstellen die Existenz der Terroristenschule in Abrede. Sie handelte dabei durchaus im Interesse des Generalstabs. Nicht alles, was sich in Galizien mit quasi stillschweigendem Einverständnis militärischer Stellen abspielte, sollte gleich am Schreibtisch der Diplomaten des Habsburgerreichs landen.
Hauptmann Ronge erschien es trotz der Querschüsse aus dem Zarenreich allzu verlockend, mit der PPS zusammenzuarbeiten. Da diese Kooperation patriotischen Zwecken diente, kostete es ihn auch keine Überwindung, mit Sozialisten ins Geschäft zu kommen. Die Bedenken seiner Vorgesetzten teilte er nicht. Conrad scheute davor zurück, sich mit Pilsudski und seinen Leuten einzulassen. Doch schließlich ließ er Ronge gewähren und wartete ab, wie sich die Angelegenheit entwickeln würde. Der Geheimdienstmann konnte auf diese Weise dem Kundschaftsdienst seinen Stempel aufdrücken. Das galt auch für die „polnischen Angelegenheiten“.
Waffenlieferungen
Der ehrgeizige Hauptmann fand in Gustaw Iszkowski, Chef der Kundschaftsgruppe des 11. Korps in Lemberg, einen Verbündeten. Auch dieser hatte dazu geraten, die PPS in den Spionagedienst einzubeziehen. Ein Treffen mit Iszkowski, das im April 1909 in Wien stattfand, hatte in diesem Zusammenhang wohl Bedeutung. Ronge hob den Namen Iszkowskis in seinem Tagebuch mit mehreren dicken Strichen hervor. Zu diesem Zeitpunkt war bereits die Grundlage für die Zusammenarbeit mit der PPS geschaffen.
Schon im Februar hatte Ronge den Generalstabsoffizier Josef Rybak beauftragt, in Krakau mit der PPS Kontakt aufzunehmen, eventuell auch mit anderen auf dem Gebiet Russisch-Polens tätigen Organisationen, um dort ein Spionagenetz zu organisieren, für den Fall eines Krieges sogar „Diversion und Sabotage“.168 Rybak fuhr daraufhin nach Krakau und traf sich plangemäß mit Pilsudski und dessen Vertrauten Walery Slawek. Kollegen Rybaks bemühten sich in der Zwischenzeit ganz besonders um die paramilitärischen Einheiten der Polen, deren Legalisierung Pilsudski und Slawek als Lohn für ihre Dienste gefordert hatten. Die ganze Angelegenheit war überaus heikel, strengste Geheimhaltung geboten. Die Verbindung von Generalstab und PPS sollte unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit kommen. Dass vor allem die russische Spionage nichts von den polnisch-österreichischen Arrangements erfahren durfte, lag auf der Hand. Sollte die Aktion dennoch aufliegen, so Ronge, musste das Evidenzbüro und damit der Generalstab tunlichst aus der Sache herausgehalten werden. In diesem Fall hatte Rybak zu erklären, auf eigene Faust gehandelt zu haben.
Es kam anders. Ausgerechnet Walery Slawek wurde dem Evidenzbüro zum Verhängnis. Im Juni 1909 nämlich verhaftete ihn die Polizei in Krakau. In der Tasche, die man ihm abnahm, befanden sich eine Pistole, Dynamit und Propagandaschriften. Slawek hatte die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter erregt, da sein Name in den Papieren eines enttarnten Agenten der russischen Geheimpolizei, der Ochrana, aufgetaucht war. Krakauer Sicherheitskräfte arbeiteten zwar mit dem Evidenzbüro zusammen, wussten aber nicht, dass sie mit Slawek einen Kontaktmann Rybaks aufgegriffen hatten. Letzterer intervenierte für seinen Schützling. Jetzt konnte die Arretierung des PPS-Mannes erst recht nicht vertuscht werden. Schlimm war nicht nur, dass verschiedene zivile Behörden in Wien davon Wind bekamen, nun mischten sich auch die Russen ein. Sie verlangten die Auslieferung Slaweks. Bei diesem, so die Begründung, handle es sich um einen gesuchten Mörder. Sein angebliches Opfer war ein Ochrana-Agent gewesen, der in Rom von PPS-Männern regelrecht hingerichtet worden war. Slawek allerdings war entgegen den Vorwürfen aus dem Zarenreich keiner der „Henker“ gewesen. Aber darum ging es auch gar nicht. Und konnte es bald auch nicht mehr, denn Slawek verschwand aus dem Gefängnis. Der Pilsudski-Vertraute, der es viele Jahre später zum polnischen Premierminister brachte, hatte sich bereits Richtung Frankreich abgesetzt.
Kein Wunder, dass Russland empört reagierte. Niemand konnte ernsthaft glauben, dass Slaweks Flucht ohne Zutun der Österreicher erfolgt war. Die Beschwerden, die ans Außenministerium in Wien adressiert waren, rissen nicht mehr ab. Sie wurden überdies auch im Zusammenhang mit der Terroristenschule in Krakau immer konkreter. Als schließlich die Wiener Zentralstellen in russischen Blättern nachlesen konnten, dass die k.u.k. Militärs mit sozialistischen Untergrundorganisationen der Polen kooperierten, musste sich der Generalstab notgedrungen dazu äußern. Dass Conrad nun ausführte, man könne in einem künftigen Krieg mit dem Romanowimperium nicht auf die anti-russischen Aktivitäten der Polen verzichten, war das eine; die Folgen der Risikopolitik der Militärs für die Situation innerhalb der eigenen Grenzen das andere. Wenn nationale Unabhängigkeitsbestrebungen von Polen und anderen Nationen unter der Herrschaft des russischen Vielvölkerreiches vom Vielvölkerreich Österreich-Ungarn unterstützt wurden, dann hatte eine um den Zusammenhalt der Doppelmonarchie bemühte Nationalitätenpolitik ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nicht zuletzt dann, wenn man mit der Duldung bewaffneter Formationen den Polen etwas zugestand, was man beispielsweise den Ruthenen beziehungsweise Ukrainern in Österreich verweigerte. Darüber schienen die Militärs hinwegsehen zu können. An den dauerhaften Bestand der Grenzen, wie sie die europäische Landkarte damals verzeichnete, glaubten ohnehin schon viele nicht mehr. Die angespannte internationale Lage schien ihnen Recht zu geben. Rücksichtnahme auf die Integrität eines Staates, noch dazu wenn er ein feindlicher war, musste, so betrachtet, als Ausdruck einer Politik der Realitätsverweigerung aufgefasst werden. Außerdem unterstützte das Zarenreich russophile Strömungen in Österreich und Ungarn. Der Generalstab in Wien konnte also darauf verweisen, dass Russland seinerseits auf eine Destabilisierung des Nachbarn abzielte, indem es nationale Begehrlichkeiten unterstützte. Man tat also nur das, was andere auch taten. Da der ausgestreckte Zeigefinger für gewöhnlich reichte, um Diskussionen über die Zulässigkeit zweifelhafter Unternehmungen zu beenden, waren die Widerstände gegen die Tätigkeit des Generalstabs enden wollend.
Zu all dem kam aber noch etwas Erstaunliches hinzu: Die Russen waren in bestimmten Punkten offenbar besser unterrichtet über das, was in Galizien vor sich ging, als die österreichischen Zivilbehörden. Letztere bekamen keine Informationen oder wurden an der Nase herum geführt, weil Ronge und seine Mitarbeiter dafür sorgten. Der Leiter der Kundschaftsgruppe hatte in diesem Zusammenhang prominente Vorbilder. Evidenzbürochef Hordliczka und Generalstabschef Conrad gingen mit gutem beziehungsweise schlechtem Beispiel voran. Auch sie neigten zu Alleingängen, und auch sie konnten unter gewissen Voraussetzungen überaus einsilbig werden. Vor allem, wenn es um die Einbindung des Außenministeriums ging, stockte die Kommunikation. Selbst der Kriegsminister wurde dann und wann in die Lage versetzt, Informationen regelrecht erbitten zu müssen. Der Generalstab zog es offensichtlich vor, gewisse Dinge für sich zu behalten.169 Dieses Privileg beanspruchte erst recht der Geheimdienst und mit ihm Max Ronge.
Dass im Gegensatz zu den Behörden in Wien die Russen erstaunlich viele Detailkenntnisse über die Zusammenarbeit des österreichisch-ungarischen Generalstabs mit der PPS besaßen, konnte dem Geheimdienst aber nicht einerlei sein. Rybak beispielsweise vermutete später, dass Ronges Vorgesetzter, der berühmte „Superspion“ Alfred Redl, Material an die Ochrana weitergab. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass sich das Evidenzbüro auf einen Konfidenten verließ, der gleichzeitig auch für die Russen arbeitete. Dieser, ein galizischer Finanzbeamter, verschwand 1912 spurlos. 1914 hielt er sich Gerüchten zufolge in Kiew auf.170 Außerdem waren die Ochrana-Agenten nicht untätig geblieben. Sie hatten die Terroristenschule in Krakau mit Spitzeln unterwandert. Petersburg erhielt seine Informationen also aus erster Hand.
Trotz aller Enthüllungen, die von den Russen an die große Glocke gehängt worden waren, setzte Ronge den eingeschlagenen Kurs fort. Der Aufstand in Polen verfestigte sich zur fixen Idee. Es wurde überlegt, wie man den polnischen Kampfverbänden Waffen zukommen lassen könnte. Auch die Größenordnung einer solchen Unterstützung war zu überdenken. Zu Jahreswechsel 1912/13 fand in Ronges Büro vor diesem Hintergrund eine Konferenz aller Hauptkundschaftsstellen statt. Auch Josef Rybak erschien. Er beantragte 3.000 Karabiner, 300 Kilo Sprengstoff und 20.000 Kronen für die polnischen Einheiten. Die „Wunschliste“ wurde akzeptiert, das Material geliefert.171
In seinen nach dem Zusammenbruch der Monarchie erschienen Publikationen schwieg sich Ronge über die diesbezüglichen Unternehmungen des Evidenzbüros, die in die Zeit vor 1914 datierten, bis auf wenige Andeutungen aus. Unter anderem wohl deshalb, weil die Polen im Weltkrieg letztlich einen anderen Weg einschlugen als der Generalstab für sie vorgesehen hatte. Die Militärs hatten sich – wie in vielen anderen Dingen auch – verkalkuliert. Im Nachhinein wirkte die so kläglich gescheiterte Instrumentalisierung des Nationalismus als Verzweiflungstat eines in die Enge getriebenen Habsburgerreiches.
Agentenjagd
Das im Tagebuch Ronges erwähnte Treffen mit Iszkowski ist der einzige konkrete Hinweis auf die ungewöhnliche Partnerschaft mit den Polen, der im Privatnachlass zu finden war. „Iszkowski bei uns“, heißt es da ganz konkret. „Bei uns“, also in der Wohnung der Ronges zu Gast, waren in den Jahren 1909 und 1910 aber auch noch viele andere Kollegen vom Fach, darunter ausländische Spionagespezialisten. Mit Oberstleutnant Karl Egli vom Schweizer Geheimdienst verband Ronge bald eine innige Freundschaft, und die Zusammenarbeit funktionierte blendend. Am Wissensstand und den Informationen der Schweizer hatte aber auch die Abteilung IIIb, in gewisser Weise das deutsche Pendant zum Evidenzbüro in Wien, Interesse gezeigt. Die Schweiz war immerhin eine weidlich genützte Operationsbasis für die vor allem gegen das Hohenzollernreich gerichtete französische und russische Spionage.172 Max Ronge wiederum stand mit Major Brose von der IIIb und mit dessen Nachfolger Wilhelm Heye in regem Kontakt. Die Kooperation von schweizerischem, deutschem und österreichisch-ungarischem Geheimdienst hätte besser nicht sein können. Freilich änderte die Zusammenarbeit zwischen Wien und Berlin nichts daran, dass im Evidenzbüro neben der Russischen, Französischen oder Italienischen auch eine „Deutsche Gruppe“ existierte. Dass die Spionage beziehungsweise Spionageabwehr mit Blick auf das Hohenzollernreich eine Nebenfront war, ist nicht anzuzweifeln. Bezeichnenderweise ging man aber bei aller Freundschaft nicht so weit, die Deutsche Gruppe in Frage zu stellen.
Im Vordergrund des Verhältnisses zu Berlin stand dennoch nicht das Gegen-, sondern das Miteinander. Ronge unterstützte die deutschen Kollegen und bekam umgekehrt, wenn es sich ergab, Hilfe aus Berlin. Diese erstreckte sich etwa auch auf die Auslieferung von Agenten. So konnten von der IIIb beispielsweise zwei österreichische Staatsbürger gestellt werden, die für Batjuschin gearbeitet hatten.173 Den beiden, Miodragović und Dyrcz, wurde im Juli 1909 in Wien der Prozess gemacht.174
Wenige Monate später ging Max Ronge allerdings ein sehr viel bedeutenderer Spion ins Netz. Dem Chef des Kundschaftsbüros war ein anonymes Schreiben zugegangen, in dem von der Spionagetätigkeit eines Österreichers zu Gunsten des italienischen Generalstabs die Rede war. Der unbekannte Verfasser war überaus zuvorkommend gewesen, denn er legte dem Brief sogar ein Foto bei, auf dem zwei Männer vor dem Goethedenkmal in Rom abgebildet waren. Ronge gelang es, die Identität eines der Verdächtigen zu klären. Es handelte sich um einen Beamten im Artilleriezeugdepot in Wien. Sein Name war Adolf Kretschmar von Kienbusch.175
Ronge ließ ihn samt seiner „Konkubine“ observieren. Kretschmar blieb ahnungslos. Er traf sich mit seinen Kontaktmännern, ohne irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Und einer dieser Kontaktmänner war alles andere als ein Unbekannter. Kretschmar verkehrte nicht mit „kleinen Fischen“. „Eines Tages kam er“, so Ronge, „auf einem unbeleuchteten Wege in die Gartenanlagen hinter der Wiener Großmarkthalle mit dem russischen Militärattaché Oberst Martschenko zusammen.“176 Polizeirat Edmund von Gayer, dessen Detektive sich an Kretschmars Fersen geheftet hatten, verständigte sofort das Evidenzbüro. Ronge drängte auf die umgehende Verhaftung des Spions. Gayer aber riet ab. Zu Recht wies er darauf hin, dass die Beteiligung des Obersten Mitrofan Martschenko an der Affäre ein gelinde gesagt skandalträchtiger Umstand war. Dass dieser diplomatische Immunität besaß, machte die Sache nicht eben leichter. Conrad wollte mit der ganzen Affäre nichts zu tun haben, und die Reaktion Aehrenthals konnte Ronge erahnen. Der Außenminister war tatsächlich nur dank des klugen Vorgehens von Evidenzbürochef Urbanski dazu zu bewegen, von den Russen die Abberufung ihres allzu neugierigen Attachés zu fordern. Um das gespannte Verhältnis zwischen dem Zarenreich und der Donaumonarchie nicht noch mehr zu strapazieren, wollte Aehrenthal dem russischen Militärattaché eigentlich seine „Spioniererei“ nachsehen. Doch Ronges Vorgesetzter trickste den Außenminister aus. Er konfrontierte Aehrenthal mit einem Dokument, aus dem hervorging, dass dieser bei anderer Gelegenheit die Entfernung eines spionierenden k.u.k. Militärattachés gefordert hatte. Aehrenthal konnte nicht den eigenen Spion nach Hause schicken und den gegnerischen in Wien behalten wollen. Wenn auch widerwillig wandte der Minister sich daraufhin an die Diplomaten des Zarenreiches und schlug ihnen vor, „dass der Oberst bald einen Urlaub nehmen und von diesem nicht mehr zurückkehren möge“.177
Im Januar 1910 wurde nicht nur bei Kretschmar, sondern auch bei seinem Schwiegersohn eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Der Besuch der Polizeidetektive machte sich bezahlt. Am Abend des 15. Januar 1910 konnte sich davon auch der Geheimdienst überzeugen. „Die militärische Kommission, Hauptmann-Auditor Vorlicˇek und ich“, erinnerte sich Ronge später, „sichtete das vorgefundene Material und es war hellichter Tag, bis wir, reich bepackt, den Heimweg antraten.“178
Die Durchsicht der Unterlagen förderte Erstaunliches zu Tage. Kretschmar war Zuträger des russischen, französischen und italienischen Geheimdiensts gewiesen. Und das seit bereits zwanzig Jahren. Martschenko hatte sich also in Sachen Spionage nur des intakten Netzwerks seines Amtsvorgängers bedienen müssen, als er nach Wien kam. Seinem Nachfolger, Militärattaché Zankiewitsch, konnte Kretschmar allerdings nicht behilflich sein. Der k.u.k. Spion wanderte hinter Gitter. Als militärischer Sachverständiger beim Prozess gegen den allzu auskunftsfreudigen Beamten wurde Alfred Redl hinzugezogen.179 Er hatte sich nicht nur mit Kretschmar auseinanderzusetzen. Verhaftet worden waren nämlich auch Verwandte und Kollegen des Langzeitagenten, die sich nach Ronges Meinung durch „arge Vertrauensseligkeit“ an dem „Verrat“ des Beamten mitschuldig gemacht hatten.
Dass Kontrolle besser als Vertrauen war, davon musste man einen Maximilian Ronge nicht erst überzeugen. Vor allem, was den neuen russischen Militärattaché anging. Zankiewitsch nämlich stand Martschenko in nichts nach. Auch er hatte an Informationen Interesse, die auf offiziellem Wege schwer in Erfahrung zu bringen waren. Da aber eine polizeiliche Überwachung des Militärattachés nicht genehmigt wurde, trug die Lösung des Problems am Ende Ronges Handschrift: Er warb auf eigene Verantwortung Agenten an, die zur Beobachtung Zankiewitschs abgestellt wurden. Sie machten ihre Arbeit entweder schlecht oder der russische Attaché seine zu gut. Zankiewitsch bemerkte nämlich bald, dass er observiert wurde.
Als gewiefter Gegenspieler Ronges erwies sich aber auch Baron Alexander Murmann, der gleichfalls für Russland spionierte. Seit der ehemalige k.u.k. Kadett acht Monate abgesessen hatte, weil man ihn der Spionage überführt hatte, operierte er mit größerer Umsicht. Unterstützt wurde er dabei von seiner Mutter. Auf das Duo aufmerksam gemacht hatten Ronge bereits die Kollegen von der IIIb. Als die beiden blaublütigen „Verräter“ schließlich in der Donaumetropole auftauchten, ordnete der Geheimdienstmann eine lückenlose Überwachung an. „Nach einiger Zeit der Beobachtung“, so Ronge, „wurde die Mutter mit kurz geschnittenen Haaren und hinkendem Fuß samt dem eben in Wien anwesenden Sohn verhaftet.“180 Doch mussten sie bald darauf wieder freigelassen werden, da man ihnen nichts nachweisen konnte. Murmann arbeitete in der Folge für Batjuschin in Warschau ebenso wie für dessen Kollegen Michail Galkin, der von Kiew aus Teile der russischen Militärspionage steuerte. Da Murmann sich dem Zugriff der Behörden immer wieder erfolgreich entziehen konnte, wurde er eines Tages schließlich unvorsichtig. Im Februar 1912 kam er wieder nach Wien, und diesmal schnappte die Falle zu. Mittlerweile hatte sich genügend Beweismaterial angehäuft, um den Aristokraten der Spionage für Russland zu überführen. Ronge, der sich von Murmanns „menschlich abscheulichen“ Taten abgestoßen fühlte, trat als einer der militärischen Sachverständigen im Verfahren gegen den Spion in Erscheinung. Im Gerichtssaal erlebte der Geheimdienstmann etwas, was ihm im Zuge seiner Karriere regelmäßig widerfuhr: der Anwalt des Angeklagten lehnte ihn als Gutachter ab. Ohne Erfolg.181
Ronges Meinung als Fachmann wurde auch im Prozess gegen den ehemaligen k.u.k. Offizier Paul Bartmann eingeholt. Dieser war ebenso wie Murmann bereits wegen „Ausspähung“ verurteilt worden, aber genau wie sein „Kollege“ nach Verbüßung der Haftstrafe seinem Metier treu geblieben. Nachdem er bereits im Auftrag der Russen und Franzosen geschnüffelt hatte, wechselte Bartmann schließlich vom Spion zum Spionageschwindler und trug in unglaublicher Dreistigkeit seine Dienste dem k.u.k. Militärattaché in Rom an. Diesem wollte er dubiose Pläne ebenso dubioser Wehranlagen der Italiener verkaufen. Er flog auf. 1910 kam Bartmann vor Gericht. Den Prozess beobachtete offenbar auch Ronges Schweizer Kollege Karl Egli, der im Oktober in die österreichische Hauptstadt kam.182 Ronge gab sich vor dem aus Zürich angereisten Geheimdienstmann keine Blöße. Sein Gutachten als Sachverständiger war hieb- und stichfest. Es ließ keine Zweifel an der Schuld des Angeklagten aufkommen.
Die Verurteilung von Spionen war eine Genugtuung für den dienstbeflissenen Hauptmann. Oft genug hatte er das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Sowohl in Galizien als auch in Südtirol nahmen Spionageprozesse immer wieder einen überraschenden Ausgang. Die Urteile fielen seinem Dafürhalten nach meist viel zu milde aus. Ronge wusste warum. Die Verräter saßen, so der Geheimdienstler, auch in den Reihen der zuständigen Beamten. Ob Richter oder Beschuldigter – verdächtig waren sie ihm alle.183
Schicksalsschläge, Niederlagen
Die Probleme im Dienst stellte eine private Tragödie in den Schatten. Im April 1910 starb die kleine Tochter Elsa. Sie erkrankte, als sich Ronge gerade in Berlin aufhielt. Im Tagebuch vermerkte er damals eine Besprechung über eine Affäre, in der offenbar der Name Protivensky eine Rolle spielte.184 Leutnant Protivensky hatte für Frankreich spioniert und war von seiner Geliebten verraten worden.185 Max Ronge hatte die Reise nach Berlin auf sich genommen, um womöglich Näheres über die Angelegenheit in Erfahrung zu bringen. Außerdem beschäftigte ihn noch ein anderer Fall: die „Affäre Jeczes“.186 Letzterer, ein bereits mehrmals verurteilter Dieb, hatte in den Diensten des russischen Militärattachés Martschenko gestanden und war von Ronge entlarvt worden, als er sich gerade – nicht sehr talentiert – als Doppelspion versuchte. Der Kundschaftschef stellte Jeczes eine Falle. Er traf sich mit ihm in einem Café am Stephansplatz, im Zentrum Wiens, um Polizeibeamten, die er auch dorthin bestellt hatte, Gelegenheit zu geben, den Mann aus der Nähe zu betrachten. Wie erhofft, erkannten sie Ronges geheimnisvollen Gast und identifizierten ihn als Josef Jeczes, der wegen „Rockdiebstahls“ bereits aktenkundig war. Von seiner Karriere als Spion hatte bis zu diesem Zeitpunkt jedoch noch niemand eine Ahnung gehabt.187
Max Ronge durchlebte also beruflich eine recht aufregende Zeit, als mit dem Tod seiner jüngsten Tochter eine private Katastrophe über die Familie hereinbrach. Seine Frau kam über den Verlust nie ganz hinweg.
Seinen Tagebuchaufzeichnungen nach zu schließen, ließ Ronge nur wenig Zeit verstreichen, um nach dem Begräbnis die Routine des Alltags wieder aufzunehmen. Noch enger aber als in den vorangegangenen Jahren gestaltete sich der Kontakt mit dem Offizier Wilhelm Preissler, der den irreführenden Spitznamen „Putzi-Onkel“ trug. Ronge war keineswegs Preisslers Neffe und mit dessen Eintritt in das Evidenzbüro sogar sein Vorgesetzter. In regelmäßigen Abständen trafen sich die Ronges mit den „Putzis“, also mit Preissler und dessen Frau. Eintragungen wie „mit Putzis“, „bei Putzis“ oder „Putzis bei uns“ tauchen im Tagebuch noch häufiger auf als der Name „Filipek“. Bei diesem handelte sich um einen Schulkollegen Ronges, den er seit der Kindheit kannte und mit dem ihn eine Jahrzehnte dauernde, offenbar sehr enge und vitale Freundschaft verband.
Abseits der Intensivierung privater Kontakte halfen ihm vielleicht die vielen und langen Dienstreisen über den Tod der kleinen Elsa hinweg. Außerdem engagierte er sich sehr in einem „Photo-Club“, hielt dort Vorträge und beteiligte sich an diversen Aktivitäten des Vereins. Ablenkung konnte Ronge brauchen, denn im selben Jahr verlor er noch zwei weitere Menschen, die ihm sehr nahe gestanden waren. Es starben seine Großmutter und Dr. Franz Kopetzky, ein Freund der Familie, der ihm in all den Jahren seiner Ausbildungszeit auch finanziell unter die Arme gegriffen hatte.
Zeit zur Trauer blieb auch diesmal wenig. Im September 1910 nahm ihn die Vorbereitung für die so genannte „Erzengelprüfung“, die über seine Karriere als Generalstabsoffizier entschied, ganz und gar in Anspruch. Fast 30 Jahre später erinnerte er sich an diese Zeit als eine offenbar mit vielen Belastungen verbundene.188 Die mehrtägige Prüfung „zum Stabsoffiziere im Generalstabskorps“ verlief überdies nicht ganz so, wie Ronge sie sich vielleicht vorgestellt hatte.189 Conrad beurteilte seine Leistungen als „entsprechend“. Ein recht mageres Ergebnis für einen sonst so erfolgsverwöhnten Offizier wie Maximilian Ronge. Hatte er den Widerspruch des Generalstabschefs hervorgerufen? Andere, die zur Erzengelprüfung antraten, wussten, wie sie beispielsweise die Taktik-Aufgabe lösen würden, schon bevor sie die Ausgangsannahme überhaupt gelesen hatten. „Auf Angriff zu setzen, das konnte gar nicht falsch sein.“190 Hatte Ronge eine andere Wahl getroffen, defensives Vorgehen bevorzugt und sich dadurch in den Augen Conrads nicht als befehlshabender Offizier im Feld empfohlen? Die weitere Verwendung Max Ronges als Generalstabsoffizier wurde zwar nicht in Frage gestellt, das Ziel also erreicht. Doch die langersehnte Beförderung zum Major erfolgte erst im Mai 1912.
Ein schaler Nachgeschmack blieb auch in Zusammenhang mit der Verhaftung des für Italien spionierenden Bankbeamten Josef Colpi zurück. Auf die Schliche kam man diesem infolge eines ganz anderen Delikts. Nicht Colpis Aktivitäten als Spion brachten die Polizei auf seine Spur, sondern vielmehr der Einbruch just in jenes Geldinstitut, in dem er arbeitete. Colpi hatte die eigene Bank ausgeraubt. Keine sehr gute Idee, wie Ronge meinte. Noch dazu verhielt sich Colpi derart auffällig, dass er sofort in Verdacht geriet. Man nahm ihn fest. Bei der Hausdurchsuchung stellte die Polizei Material sicher, das ihn überdies als durchaus vielseitigen Spion überführte. Man fand Waffen, Sprengmittel und Fotos militärischer Objekte sowie Briefe, deren Absender Ronge nicht unbekannt waren. Es handelte sich um Deckadressen des italienischen Geheimdiensts. In Trient aber, wo der Prozess gegen Colpi stattfinden sollte, schenkte man dem Häftling so wenig Aufmerksamkeit, dass dieser von seiner Zelle aus Briefe an den italienischen Spionagechef schreiben konnte. Ronge war empört. Für ihn stand fest – die Nachlässigkeit der Behörden hatte Methode, Trient war in der Hand der Irredentisten. Der Geheimdienstler erreichte daraufhin, dass Colpi nach Wien gebracht wurde. In der ersten Dezemberhälfte 1910 beanspruchte ihn laut Tagebucheintragungen der Colpi-Prozess oft bis spät in die Nacht. Verurteilt wurde der Bankbeamte aber nur wegen „Kassenraubes“. Die Anklage wegen „Hochverrats“ wurde fallen gelassen, weil, räumte Ronge ein, von einem Misserfolg ausgegangen werden musste. Obwohl das Verfahren nun nicht in Trient, sondern in Wien stattfand, wurde auch hier in Zweifel gezogen, dass Ronges Spionagegutachten die Geschworenen für die Argumente der Ankläger eingenommen hätte – ein bitteres Eingeständnis, ja eine Niederlage für jemanden, dessen Aufgabe nicht zuletzt darin bestand, Männer wie Colpi aus dem Verkehr zu ziehen.191
Ronges Vertrauen in die Rechtssprechung war als Folge derartiger Erfahrungen mit Sicherheit schwer angeschlagen. Das galt auch für seinen Chef, August Urbanski. Die Strafen für Spione und Landesverräter seien viel zu niedrig angesetzt worden, um abschreckend zu wirken, meinte dieser. Nicht wenige waren schon nach ein paar Monaten wieder auf freiem Fuß. Ein Hinaufsetzen der Strafen „im Wege der Parlamente“ bezeichnete Urbanski aber als aussichtslos, „weil ja so mancher Abgeordneter damit sich selbst den Strick gedreht hätte“.192
„Wir hatten einen Verräter im Büro…“
Dennoch ließ Ronges Eifer nicht nach. Einfallsreich ging der Leiter der Kundschaftsgruppe vor, als er plante, einen Schlag gegen die Spionagezentrale in Kiew zu führen.
Die Gelegenheit dazu ergab sich offenbar rein zufällig. Laut Ronge hatte sich dem Evidenzbüro ein böhmischer Musiker angetragen, den Kontakt mit einem russischen Obersten namens Marinsko herzustellen. Der Musiker hatte sich bei einem Aufenthalt in Kiew damit gebrüstet, einen schwer verschuldeten Offizier des österreichischen Generalstabs zum Freund zu haben. Mit solchen Aussagen zog er sofort die Aufmerksamkeit der Kundschaftsmänner vor Ort auf sich. Diese wollten den in Geldnöten befindlichen Generalstabsoffizier kennen lernen. Er sollte zu einem lukrativen Spionagegeschäft überredet werden. Den Deal einfädeln, ließ man den Musiker wissen, wolle ein gewisser Oberst Marinsko. Die Russen brachten aber auch eine geheimnisvolle Dame mit ins Spiel, die offenbar das Vertrauen des Obersten besaß und als seine Kontaktperson im Ausland auftrat. Ronge trug nun dem böhmischen Musiker auf, dem Werben der Russen nachzugeben. Diesen signalisierte er also im Auftrag des Evidenzbüros die Bereitschaft des verschuldeten Generalstabsoffiziers, Marinsko zu treffen. Den Offizier mimte allerdings ein Mitarbeiter Ronges, Oberleutnant Milan Ulmansky. Das Treffen mit Marinsko kam nach Vermittlung zwischen dem Musiker und der geheimnisumwitterten Dame zustande. Der Oberleutnant war nicht wenig überrascht, als Marinsko sich ihm vorstellte. Ulmansky erkannte sein Gegenüber sofort. Vor ihm saß Michail Galkin, der Kiewer Spionagechef. Der schöpfte keinen Verdacht. Man traf sich noch einige Male, bis plötzlich der Kontakt abriss. Warum, wurde den österreichischen Geheimdienstlern erst viel später klar. „Wir hatten“, so Ronge, „einen Verräter im Büro, der den Russen den Hereinfall enthüllte!“193
Für Ulmansky stand fest, dass der Souschef des Evidenzbüros, Alfred Redl, der Verantwortliche gewesen war. Auch Ronge dachte nicht anders. Beide aber kamen erst Jahre nach dem Scheitern der Aktion zu diesem Schluss.
Es war wahrscheinlich der letzte Dienst, den der „Superspion“ Redl den Russen erwies, bevor er das Evidenzbüro verließ. Verdächtigt hatte man ihn, den so angesehenen Generalstabsoffizier, der 1912 zum Generalstabschef des 8. Korpskommandos in Prag avancierte, damals, als die „Operation Galkin“ durchgeführt wurde, noch keineswegs.194 Am allerwenigsten wahrscheinlich Maximilian Ronge. Redl hatte ihn, als er 1907 ins Evidenzbüro eintrat, gleichsam väterlich in die Geheimnisse des Kundschaftswesens eingeführt. Ronge vertraute seinem Lehrer, schätzte ihn und eiferte ihm nach.
Redl wiederum hielt seinen Schützling für einen hochqualifizierten, aber gleichzeitig sehr ehrgeizigen Offizier.195 Vielleicht erkannte und nützte der „Superspion“ diese Eigenschaft auch als Schwachstelle, die es ihm erlaubte, sein dreistes Spiel vor den Augen des Kundschaftsleiters zu treiben. Der nämlich brauchte trotz allen Selbstbewusstseins und aller Unabhängigkeit, die man seinem Wirkungskreis zugestand, eines gewiss: die Anerkennung seiner Vorgesetzten. 1909 wäre Redl um Haaresbreite Chef des Evidenzbüros geworden.196 Mit ihm in gutem Einvernehmen zu stehen, war der Karriere des ambitionierten Hauptmanns sicher förderlicher als womöglich durch misstrauische Fragen Spannungen herbeizuführen. Zum Beispiel über den aufwändigen Lebensstil des Vorgesetzten, den dieser aus den Zuwendungen ausländischer Geheimdienste für seine Spionagetätigkeit bestritt. Die Summen, um die es ging, konnten es immerhin mit dem Jahresbudget des Evidenzbüros aufnehmen. Ronge war gut genug mit Redl bekannt, um den Luxus, mit dem sich dieser umgab, zu bemerken.197 Später warf man Redls Umfeld vor, es hätte allzu naiv dessen Erzählungen von einer Erbschaft Glauben geschenkt. Außerdem waren durchaus Gerüchte darüber in Umlauf, dass ein k.u.k. Offizier in exponierter Stellung militärische Geheimnisse an das Zarenreich verkaufte.198 Kaum zu glauben, dass sie nicht bis ins Büro des Kundschaftsleiters drangen. Verschloss Max Ronge Augen und Ohren, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte: der Generalstabsoffizier Alfred Redl ein Verräter? Oder war es, wie er selbst vermutete, sein früherer Chef Eugen Hordliczka, der Hinweise in den Wind schlug, weil sie völlig abwegig, ja absurd erschienen? Warnungen missachtet hatte offenbar aber auch der von Ronge so verehrte Franz Conrad von Hötzendorf. Ihn wollte Max Ronge keinesfalls an den Pranger stellen.
Es mutet in jedem Fall wie purer Zynismus an, dass Redl den Hauptmann Ronge, der seinen Verrat so lange nicht bemerkte, mit Lob regelrecht überschüttete. „Ungewöhnlich gewandt“, „sehr geschickt“, „unermüdlich fleißig“ und „hervorragend befähigt“, sei er, der junge Ronge, urteilte Redl im Jahr 1908.199 Diesem unermüdlich fleißigen und hervorragend befähigten Offizier entging es, dass sein Vorgesetzter mit unglaublicher Kaltschnäuzigkeit auch den letzten brauchbaren Spion, der für Österreich arbeitete, an die Russen auslieferte. Häme ist andererseits kaum angebracht, denn Redl überbot wohl das Vorstellungsvermögen des misstrauischsten Kollegen. Um jeden Verdacht von sich abzuwenden, ließ er sich die Namen russischer Spione geben, die nach Meinung des zarischen Geheimdienstes von keinem großen Wert mehr waren. Dann „entlarvte“ er sie und trumpfte als erfolgreicher Spionejäger auf.200
Kleine Fische?
Welche Schlüsse 1911, als die so vielversprechend begonnene „Operation Galkin“ jäh scheiterte, der Kundschaftschef und seine Mitarbeiter aus der Angelegenheit zogen, bleibt uns Ronge in seinen Schriften schuldig. Keine Aufklärung gab er auch über die tatsächliche Identität des verschuldeten Generalstabsoffiziers, der angeblich zum Freundeskreis des nicht näher beschriebenen böhmischen Musikers gehörte. Kurioserweise passte die Beschreibung des Generalstäblers durchaus auf Alfred Redl, der trotz seiner finanziell lohnenden Spionagetätigkeit immer noch über seine Verhältnisse lebte. Verriet Redl den Russen Ronges Coup, weil er fürchtete, entdeckt zu werden? Spekulationen ganz anderer Art stellten offensichtlich Max Ronge und seine Kollegen vom Evidenzbüro an. Ihre Fantasie reichte aber nicht aus, um den Verräter im eigenen Haus zu suchen.
Mit Fantasie gesegnet war hingegen Hermann Hans Cords. Der „Spionagehochstapler“ und dessen Schwindeleien beschäftigten Ronge einmal mehr als Sachverständigen vor Gericht. Cords tischte dem Geheimdienst abenteuerliche Geschichten auf. Zum Beispiel behauptete er, dass der k.u.k. Offizier Adolf Hofrichter, der 1909 seinen Konkurrenten Giftpillen geschickt hatte, um den Aufstieg ins Generalstabskorps zu schaffen, für die Franzosen spioniert hatte.201 Auch der „Rockdieb“ und Spion Josef Jeczes, den Ronge bereits hinter Gitter gebracht hatte, machte von sich reden, als er gegenüber der Presse behauptete, vom Treiben Alfred Redls gewusst zu haben. Dass er damit an die Öffentlichkeit trat, nachdem der Generalstabsoffizier enttarnt worden war und die Affäre durch sämtliche Gazetten geisterte, machte diese Enthüllung nicht eben glaubwürdig. In den Augen Ronges war all das purer Unsinn.
Dennoch beanspruchten Gestalten wie Cords oder Jeczes nicht wenig von Ronges ohnehin knapp bemessener Zeit. In seinen beiden Büchern, die er nach dem Ersten Weltkrieg verfasste, präsentierte er all diese Namen samt ihren Geschichten gleichsam als Beweis für seine Erfolge als „ Jäger der Spione“. Aber hatte er nicht größtenteils „kleine Fische“ zur Strecke gebracht, zweit- und drittklassige Wichtigtuer, die vor allem den Zeitungen Stoff lieferten?
Aehrenthal und Conrad
Generalstabschef Conrad gehörte zu jenen, die sich schon berufsbedingt für die Leistungen Maximilian Ronges interessieren mussten. Dieser wiederum verfolgte die Karriere des Generals mit wachsender Sorge. Richtig eingeschätzt hat Ronge die Hintergründe für die im Dezember 1911 erfolgte Ablösung Conrads durch Blasius von Schemua dennoch nicht. Jedenfalls sprach er explizit vom Rücktritt seines Idols. Der Generalstabschef habe sich, so Ronge, des ewigen Bettelns um mehr Geld für den Kundschaftsdienst bei Außenminister Aehrenthal überdrüssig geworden, zurückgezogen.202 In Wirklichkeit lagen die Dinge anders. Conrad ging nicht freiwillig, sondern „wurde gegangen“. Die Auseinandersetzungen zwischen dem General und dem Außenminister, die bei weitem über die Frage der Dotierung des Evidenzbüros hinausging, hatten sich zugespitzt. Konkreter Anlass für die Verschärfung des Konflikts zwischen den beiden Männern war die Beurteilung des italienischtürkischen Krieges gewesen, der im September 1911 ausbrach und um Libyen ausgetragen wurde. Während Wien gerade schwere Hungerkrawalle erlebte und Ronge Truppendienst in Esztergom leistete, schlüpfte Conrad wieder einmal in die Rolle des Rufers in der Wüste. Mit ihm waren auch andere davon überzeugt, dass das militärisch in Nordafrika gebundene Italien nun leicht zu schlagen sei. Aehrenthal wollte davon nichts wissen. Die ständige Hintertreibung der Außenpolitik Österreich-Ungarns durch den Generalstab sei nicht länger hinnehmbar. Er forderte den Kopf des Generalstabschefs.
Egal, gegen wen Conrad gleichsam prophylaktisch Krieg führen wollte, ob gegen Italien oder vor allem Serbien, beim Außenministerium am Ballhausplatz stieß er auf taube Ohren. Aber auch Franz Joseph winkte ab. Für die einen ein Prophet, der im eigenen Land nichts galt, für die anderen ein Kriegstreiber, nahm Conrad den Hut, als der Kaiser ihn unmissverständlich dazu aufforderte. Das Tauziehen zwischen Außenminister und Generalstabschef hatte ein Ende, Aehrenthal sich durchgesetzt. Lange konnte er von diesem Sieg aber nicht zehren. Wenige Wochen, nachdem der charismatische Conrad durch den vergleichsweise blassen Schemua ersetzt worden war, starb der Minister an Blutkrebs. Ihm folgte Leopold Graf Berchtold nach. Wie es zu dessen Ernennung kam, skizziert der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner so: „Es sollte jemand sein, der Erfahrungen mit Russland hatte. Deren gab es mehrere. Zum anderen sollte aber gewährleistet sein, dass die Aehrenthalsche Politik fortgesetzt würde und dass der neue Minister des Äußern und des kaiserlichen Hauses, der er ja gleichzeitig zu sein hatte, in die schwierige Konstellation bei Hof und in die Machtkreise hineinpasste. Da gab es dann nur mehr wenige.“203
Komfortabel war der Ministersessel am Ballhausplatz nicht. Dass er zu keinem Schleudersitz wurde, glich fast einem Wunder. Der Graf harrte trotz umstrittener Amtsführung drei Jahre aus. Während Berchtold sich damit abmühte, die oft genug von einander abweichenden Meinungen Franz Josephs und Franz Ferdinands in Einklang zu bringen, änderte sich infolge der neuen Machtverhältnisse für Max Ronge nicht viel. Und das, was sich änderte, bewertete er durchaus positiv: Conrads Nachfolger sah keine Veranlassung, das Evidenzbüro umzugestalten und erreichte nach dem Tod Aehrenthals im Februar 1912 sogar eine Aufstockung des Budgets für Nachrichtendienst und Militärspionage.204 In seiner Notlage hatte das Evidenzbüro in der Vergangenheit Spielmaterial angefertigt und es über Mittelsmänner ins Ausland verkauft. Von nun an, hoffte man, müsse diese Art der Geldbeschaffung nicht mehr bemüht werden.205
„Generalprobe“
Angesichts der Aufgaben, die in den folgenden Monaten auf den Leiter des Kundschaftswesens und seine Mitarbeiter zukamen, war aber selbst die nunmehr auf offiziellem Wege erwirkte, dringend benötigte Finanzspritze nicht ausreichend. So stellte es zumindest Max Ronge dar. Tatsächlich verliefen die Jahre 1912 und 1913 turbulent. Zwei Kriege wiesen den Balkan einmal mehr als Krisenherd aus. Die Arbeit des Evidenzbüros verschlang mehr Mittel denn je. Wieder hieß es, mit dem Wenigen, was vorhanden war, zu jonglieren. Der Leiter der Kundschaftsgruppe hatte alle Hände voll zu tun und konnte sich keineswegs auf seinen eben erst erworbenen Lorbeeren ausruhen. Immerhin hatte, wie es in der betreffenden Urkunde hieß, sich Franz Joseph „bewogen gefunden“, ihm das „Militärverdienstkreuz huldreichst zu verleihen“, und auch aus Berlin traf Brustschmuck für die Uniform ein: man ehrte Maximilian Ronge mit dem „Roten Adlerorden dritter Klasse“.206
Die Freude über die Auszeichnungen währte nur kurz. Zu ernst war die Lage, der sich das Habsburgerreich angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan gegenübersah. Damals schon musste die Ausweitung des Konflikts zu wenigstens europäischer Dimension befürchtet werden, und auch damals schon erwies sich Russlands Eingreifen zu Gunsten der Serben als eine nicht auszuschließende Variante. Auch Deutschlands Haltung gegenüber dem österreichisch-ungarischen Bündnispartner wurde nicht erst am Vorabend des Ersten Weltkriegs als wesentliches Moment für die Entscheidungsprozesse in der Habsburgermonarchie rund um die Frage für oder wider den Krieg bewertet. In gewisser Weise wurde 1912/13 schon der Juli 1914 geprobt, als die europäische Diplomatie zwischen Eskalation und Deeskalation hin- und herschaukelte. Auch jetzt gab es Drohgebärden und Ultimaten, Unterstützungszusagen und Hinhaltetaktik. Die Ingredienzien der Julikrise 1914 hatten zwar ein explosiveres Mischungsverhältnis, aber weit weg vom Weltkrieg war man auch zu dieser Zeit nicht gewesen: Im Winter 1912/13 standen das Zarenreich und die Donaumonarchie am Rande eines bewaffneten Konflikts. Es hätte nicht viel gefehlt, und der Krieg wäre ausgebrochen. Max Ronge jedenfalls glaubte an keine diplomatische Lösung mehr, als er sich an den „emsig betriebenen Kriegsvorbereitungen“ beteiligte.207 Konfidenten meldeten Truppenverschiebungen und Mobilmachungen jenseits der Grenze. Einige Nachrichten erwiesen sich „als Produkt übersteigerter Agentenphantasie“, andere waren durchaus ernst zu nehmen.208 Doch zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit dem Zarenreich kam es dann noch nicht. Ronge reagierte vermutlich ebenso wie Conrad mit Unverständnis, als wieder einmal Entwarnung gegeben wurde. Schließlich war die abermalige Berufung Conrads auf den Posten des Generalstabschefs von vielen als Signal einer aggressiveren österreichisch-ungarischen Haltung gedeutet worden.
Die Zähne zeigte das Habsburgerreich dann kurze Zeit später den Montenegrinern. Im Mai 1913 beschloss der gemeinsame Ministerrat der österreichischen und der ungarischen Reichshälfte die Einleitung von Mobilmachungsmaßnahmen entlang der Grenze zu Montenegro. Doch das mit Serbien eng verbundene Königreich gab klein bei. Die „militant diplomacy“ der k.u.k. Monarchie reüssierte. Diejenigen aber, die an der damaligen Außenpolitik Österreich-Ungarns vor dem Hintergrund der Balkankriege Kritik übten, sahen als Ergebnis einer indifferenten, aber mit militärischen Maßnahmen drohenden Diplomatie folgendes Szenario vor Augen: man hatte sich zwischen alle Stühle gesetzt, keine Freunde gewonnen, sondern die Schar der Feinde vergrößert. Andererseits waren die k.u.k. Diplomaten ob des deprimierenden Schicksals des Osmanischen Reichs zu Recht verunsichert. Den Beutezügen der Balkanstaaten hatte das einstmals so mächtige Imperium offenbar wenig entgegenzusetzen. Würde es dem Habsburgerreich bald ähnlich ergehen? War es nicht besser, gegenüber Aggressoren rechtzeitig eine klare Sprache zu finden, bevor man am Ende von ihnen „heimgesucht“ und überrannt wurde?
Mit dem Weiterbestand der Monarchie unvereinbar schienen insbesondere die Pläne Belgrads. Serbien wollte expandieren. Auf Kosten der Türken war es schon gewachsen. Und nun? Als im Sommer 1913 der 2. Balkankrieg ausbrach, gab sich der alte neue Generalstabschef, Conrad von Hötzendorf, der nach einem Jahr wieder in Amt und Würden war, besorgter denn je. Er befürchtete, dass man „nach Versäumen der bisherigen günstigen Momente mit verschränkten Armen das Schicksal über sich hereinbrechen lassen“ werde.209 Bald, so meinte der General, würde das Habsburgerreich wohl zu schwach sein, um es mit seinen Gegnern aufnehmen zu können. Russland schien sich bis an die Zähne zu bewaffnen, der Expansionsdrang Serbiens noch lange nicht gestoppt und auch der misstrauisch beäugte Bündnispartner Italien nicht „gesättigt“. Und die Zeit, so Conrad, arbeitete gegen die Interessen der k.u.k. Monarchie.
Schwachstellen
Dass die Monarchie eine günstige Gelegenheit hatte verstreichen lassen, um sich der lästigen Serben zu entledigen, glaubte auch Max Ronge, seit 1. Mai 1912 im Rang eines Majors. Er musste allerdings zugeben, dass der Kundschaftsdienst nicht optimal auf einen Krieg vorbereitet war. Trotz der Dossiers der Militärattachés und der Berichte von Konfidenten war man vom Ausbruch des Krieges 1912 völlig überrascht gewesen. Truppenverlegungen und andere Maßnahmen, die mit der Mobilisierung eines Heeres in Zusammenhang standen, waren von all den Zuträgern, die das Evidenzbüro in Bulgarien, Serbien, Montenegro oder Griechenland sitzen hatte, nicht nach Wien gemeldet worden. Trost spendete vielleicht die Tatsache, dass auch die Geheimdienste anderer Staaten in dieser Hinsicht nicht besser bilanzierten.
Nichtsdestoweniger herrschte Hochbetrieb im Evidenzbüro. Urbanskis Mitarbeiter arbeiteten bis in die späten Nachtstunden. Der Bericht für den Monarchen hatte schon um vier Uhr morgens bereit zu sein. Der kaiserliche Frühaufsteher erwartete, dass „die militärische Berichterstattung hinter jener der Tagesblätter nicht zurückstehen werde.“210
Das war nicht immer der Fall. Die vorhandenen Defizite im Betrieb des Evidenzbüros verwiesen vor allem auf das Zarenreich. Hier machten sich, so Ronge, die Mängel des „Kundschaftsapparates sehr unangenehm fühlbar. Weder wir noch Deutschland hatten stabile Konfidenten in militärischen Kreisen. Die Anwerbung von Konfidenten und ihre Ansiedelung in Russland ging langsam vor sich und verschlang das geringe, zur Verfügung stehende Geld.“211 Außerdem waren die rekrutierten Vertrauensleute nicht ausreichend militärisch geschult und lieferten daher selten jene Informationen, die der Generalstab in Wien benötigte. So kam es auch, dass die russischen Mobilisierungsmaßnehmen entweder gar nicht erfasst oder aber nicht richtig eingeschätzt wurden. Überdies hatte man es mit sich widersprechenden Nachrichten zu tun. Das Evidenzbüro empfahl sich so gesehen damals nicht gerade als Entscheidungshilfe für Generäle, die gerade an einem Krieg bastelten.
Während aber die auf das Romanowimperium gerichteten Waffen kalt blieben, wurden sie im Innern der Monarchie abgefeuert. 1912 wieder einmal in Ungarn. In Budapest brachen Unruhen aus. Das aktuelle Geschehen im Parlament lieferte den Anlass. Sechs Demonstranten wurden getötet, 182 verwundet. Die Hemmschwelle, gewaltsame Lösungen diplomatischen Kompromissen vorzuziehen, drohte nicht zuletzt angesichts immer wieder aufflammender Tumulte innerhalb der eigenen Grenzen zu sinken.212
Unterdessen sorgten einmal mehr die Russen mit ihrer, wie Ronge meinte, „großartigen Spionageorganisation“ dafür, dass die Abwehr nicht zur Ruhe kam.
Ein heikler Fall
In den Verdacht, militärische Geheimnisse ans Ausland verraten zu haben, gerieten die Brüder Jandrić Anfang 1913. Vor allem der Kriegsschulfrequentant Oberleutnant ˇedomil Jandrić, zog die Aufmerksamkeit der Polizeidirektion Wien und der Kundschaftsgruppe im Evidenzbüro auf sich. Ermittelt wurde aber auch gegen andere Offiziere. Der Kreis der Verdächtigen wurde immer größer. Neben den Jandrić-Brüdern wurden unter anderem auch ein Polizeiagent und ein pensionierter Feldwebel arretiert. Anfang April bestand kein Zweifel mehr, dass sie alle einen Auftraggeber hatten: den russischen Militärattaché Oberst Zankiewitsch. Ronge musste den Ballhausplatz informieren. Er wurde beim Außenminister persönlich vorstellig. Der Major schilderte die Begegnung wie folgt: „Wie zur Salzsäule erstarrt, blieb Graf Berchtold stehen und lange Zeit stumm, nachdem ich meinen Bericht vollendet hatte, bis ich endlich meine Frage, was er zu tun gedenke, wiederholte.“213 Der Außenminister gewann schließlich seine Fassung wieder und forderte die Abberufung des Militärattachés. Petersburg leistete keinen Widerstand. Aufsehen sollte vermieden werden. Zankiewitsch musste gehen. In aller Stille. „Als Trophäen“, so Ronge bitter, „nahm er die Spionageberichte der beiden Jandrić“ sowie der übrigen „Verräter“ nach Russland mit.214
Spione am Werk
The free sample has ended.