Read the book: «Noch ein Mord, Mylord»

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Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Tief unterm Laub

Still und starr

… denn sterben muss David!

Kurz vor Schluss (Kriminalgeschichten)

Ein Viertelpfund Mord (Kriminalgeschichten)

Ein kaltes Haus

Nacht zusammen (Kriminalgeschichten)

Stimmen im Wald

Voll ins Schwarze (Kriminalgeschichten)

Starker Abgang (Kriminalgeschichten)

Mord und Totlach (Kriminalgeschichten)

Totholz

Schuss mit lustig (Kriminalgeschichten)

Ihr Mord, Mylord (Kriminalgeschichten)

So tot wie nie (Kriminalgeschichten)

Kurz und kopflos (Kriminalgeschichten)

Die »Herbie Feldmann«-Krimis:

Spinner

Rabenschwarz

Der neunte Tod

Malerische Morde

Hart an der Grenze

Totentänzer

Abendlied

Aus finsterem Himmel

Mord mit Eifelblick

Ein Grab für zwei

Außerdem gehören Herbie und Julius zu den Hauptdarstellern des Gemeinschafts-Romans Acht Leichen zum Dessert, der von den acht Autoren des Krimi-Camps verfasst wurde.

Ralf Kramp, geb. 1963 in Euskirchen, lebt in einem alten Bauernhaus in der Eifel. Für sein Debüt Tief unterm Laub erhielt er 1996 den Förderpreis des Eifel-Literatur-Festivals. Seither erschienen mehrere Kriminalromane und zahlreiche Kurzgeschichten. In Hillesheim in der Eifel unterhält er zusammen mit seiner Frau Monika das »Kriminalhaus« mit dem »Deutschen Krimi-Archiv« (30.000 Bände), dem »Café Sherlock«, einem Krimi-Antiquariat und der »Buchhandlung Lesezeichen«. www.ralfkramp.de · www.kriminalhaus.de

Originalausgabe

© 2021 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: info@kbv-verlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlagillustration: Ralf Kramp

Print-ISBN 978-3-95441-565-6

E-Book-ISBN 978-3-95441-574-8

Für Father Brown, Mrs Adela Beatrice Lestrange Bradley, Mr Albert Campion, Mr Gervase Fen, Dr Gideon Fell, Mr Sherlock Holmes, Miss Jane Marple, The Honourable Constance Ethel Morrison-Burke, Monsieur Hercule Poirot, Mr Nigel Strangeways, Lord Peter Wimsey und all ihre allwissenden, exzentrischen Amateurdetektiv-Kollegen und -Kolleginnen.

Dieses Buch ist ihnen allen mit aufrichtiger Hochachtung und großer Zuneigung gewidmet.

»Sir« Superspürnase

Neben zahlreichen achtbaren Militärs erlangen auch alljährlich verdiente Zivilisten für ihre Leistungen für Krone und Vaterland am Neujahrstag oder zum Geburtstag von Queen Elizabeth II. im Juni die Ritterwürde. Noch nie war es jedoch bislang einem Privatermittler vergönnt, für seine Verdienste mit einem Ritterschlag ausgezeichnet zu werden.

Anlässlich der Geburtstagsfeierlichkeiten der Queen wurde in diesem Jahr unter anderem Reginald Lord Merridew, 1. Earl of Grothbury in den Ritterorden von St. Michael and St. George aufgenommen. Er erhielt in einer feierlichen Initiationszeremonie die Ritterwürde durch die Monarchin.

Lord Merridew kniete sich standesgemäß vor der Königin hin, die ihn sodann mit einer Schwertspitze auf der rechten und dann auf der linken Schulter berührte.

Der frischgebackene »Sir«, der seit einiger Zeit nicht mehr investigativ tätig ist und den meisten Landsleuten eher durch seine TV-Werbung für eine berühmte Scotch-Marke bekannt ist, teilte im Anschluss an die Zeremonie seine Freude mit der anwesenden Presse, indem er auf die ihm übliche launige Art William Shakespeare zitierte: »Manche sind groß geboren, manche erwerben Größe und manchen wird die Größe zugeworfen!«

(Daily Mirror, 13. Juni 1982)


»Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht mit wundervollen Stimmen.« (William Shakespeare / Hamlet, 2. Akt, 2. Szene)

INHALT

Das Geheimnis um Gonzagos Tod

Das Rätsel der verschwundenen Tänzerin

Das Geheimnis des Bombay Saphirs

Das Rätsel der einsamen Leute

Das Geheimnis der dritten Schwester

DAS GEHEIMNIS UM GONZAGOS TOD
(1952)


Mit einem Schlag erlosch das Licht! Einzig die Senderanzeige des Radios schimmerte gelblich-matt durch die Finsternis, und das elektrische Kaminfeuer sandte einen schwachen rötlichen Schimmer durch den Raum. Eine beruhigende Melodie drang durch den Äther, begleitet vom leisen atmosphärischen Knistern der Radioübertragung. Unsere Augen gewöhnten sich nur zögernd an die Finsternis, und nach und nach hoben sich ein paar Konturen aus der Schwärze heraus. Ich strengte mich an, um etwas erkennen zu können und rief mir das Bild in Erinnerung, das sich uns noch bis vor wenigen Minuten geboten hatten: Der Salon von Monkswell Manor, der eingeschneiten kleinen Pension auf dem Land, das Sofa, der große Sessel, der Kaminsims, der kleine Sekretär mit dem Telefon, die Holzvertäfelung … Hinter dem großen Bleiglasfenster mit der gotischen Steineinfassung konnte man ein paar herumwirbelnde Schneeflocken erahnen.

Und dann mischte sich mit einem Mal ein melodisches Pfeifen unter das Radioprogramm. Jemand intonierte irgendwo in der Dunkelheit ein Kinderlied. Jemand, dessen Gestalt wir erst bemerkten, als er plötzlich mitten im Raum stand. Schwarz, finster, eine Schattengestalt, die auf den Sessel zuschlich. All das ahnten wir mehr, als wir es sahen. Dann schossen zwei Hände nach vorne, und ein unterdrücktes Röcheln kam aus dem Sessel.

Um uns herum gingen unterdrückte Schreie und gepeinigtes Aufstöhnen durch die Reihen der Anwesenden. Der Spuk war so rasch vorbei, wie er begonnen hatte. Die Gestalt verschwand, das Licht flammte wieder auf, und Mollie Ralston kam herein. Und als sie zum Sessel blickte und realisierte, wer dort lag, stieß sie einen schrillen Schrei aus.

Merridew saß zu meiner Rechten und stieß ein schwer zu deutendes Schnaufen aus. Als sich unter lautem Applaus der Vorhang schloss und das warme Saallicht des Ambassador Theaters anging, erhob er sich schwerfällig aus seinem Sessel. »Pause«, grunzte er. »Wurde auch langsam Zeit.«

Gemeinsam mit dem restlichen Publikum strebten wir auf einen der Ausgänge zu, um uns draußen mit einem Drink zu erfrischen.

»Und? Gefällt Ihnen das Stück?«, fragte ich im Hinausgehen.

Merridew wandte sich zu mir um und sah mich mit großen Augen an, als habe er die Frage nicht richtig verstanden. »Hm? Ach so, ja, ganz hübsch, ganz hübsch.«

Es war der 25. November, der Abend der London-Premiere des neuen Theaterstücks aus der Feder von Agatha Christie. Die Mausefalle war in den zurückliegenden beiden Monaten mit achtbarem Erfolg auf einigen Bühnen im ganzen Land aufgeführt worden, bevor das Ensemble jetzt in London angelangt war.

»Wir bleiben hier unten in der Stalls Bar«, entschied Merridew. »In der oberen Bar ist es eng, und ich habe keine Lust, mich diese langen Treppen dort hinaufzuquälen. Bis man erst mal da oben ist, ist die Pause ja fast schon vorbei.«

Die knapp fünfhundert Gäste hatten den ersten Teil des Zweiakters offenbar sehr genossen. Es herrschte blendende Stimmung. An der Bar dauerte es eine Weile, bevor ich uns zwei Gläser Champagner organisieren konnte. Als ich zu Merridew zurückkehrte, hatte dieser inzwischen einen gemütlich aussehenden Sessel okkupiert und deutete auf einen kleinen Hocker, den er für mich auserkoren hatte.

Mein Freund war ein großer Mann von enormer Körperfülle. Viele sagten im Spaß, sein Bauch habe Maß und Form eines alten Portweinfasses. Seine Stirn war hoch, sein Haar, obwohl er erst Anfang fünfzig war, ebenso ergraut wie sein Bart. Reginald Lord Merridew konnte mithilfe seiner Augen regelrecht sprechen. Unter Zuhilfenahme seiner buschigen Brauen vermochte er mit einer großen Fülle unterschiedlicher Blicke sämtliche menschlichen Gefühlsregungen bis in die feinsten Nuancen auszudrücken, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Das heißt nicht, dass er kein Mann vieler Worte war – ganz im Gegenteil. Er sprach gerne und laut, er rezitierte mit Vorliebe Shakespeare und war sich auch für beklagenswert alberne Wortspielchen nicht zu schade.

Darüber hinaus war er schon damals ganz ohne Zweifel einer der größten Detektive, die je auf unserer Insel gewirkt hatten. Und dieser Nimbus schien ihn in Verbindung mit einer Radiomeldung von heute Morgen enorm zu beschäftigen.

»Man muss sich das nur mal vorstellen: Ein amerikanischer Millionär namens Lionel Twain hat angeblich die berühmtesten Detektive der Welt auf seinen Landsitz eingeladen, um einen Mord aufklären zu lassen.« Er stieß fast beiläufig mit dem Champagner an und trank so uninspiriert, als sei es Sodawasser. »Soll ich Ihnen die Gästeliste verraten, Nigel?«

Meine Antwort wartete er nicht ab.

»Milo Perrier, Sidney Wang, Jessica Marbles, Sam Diamond und Dick und Dora Charleston! Ha! Ich frage mich, womit dieser Komiker seine Millionen gemacht hat! Mit Scherzartikeln? Das sollen die größten Detektive der Welt sein? Da muss ich aber eine ganze Menge von dieser Brause in mich hineinkippen, bevor ich darüber lachen kann!«

Mit dem nächsten Schluck war sein Glas auch schon leer.

»Ich hatte gehofft, das Stück würde Sie ein bisschen von Ihrem Ärger ablenken«, sagte ich. »Es schien mir so, als seien Sie genau deswegen mit mir hierher gegangen.«

Er rümpfte die große Adlernase. Ein wenig schief gewachsen war sie, was angeblich das Resultat einer Begegnung mit einem Cricketschläger oder einem Pferdehuf in seiner Jugend war. Es gab mehrere Varianten dieser Geschichte.

»Kennen Sie Archibald Benjamin Carruthers?«, fragte er.

Ich dachte einen Augenblick nach. Seit ein paar Jahren arbeitete ich als Anwalt in der Kanzlei Harringfield, Harringfield und Partner. Wobei ich die Hoffnung hegte, dass irgendwann einmal statt der anonymen Formulierung »Partner« mein Familienname Bates auf dem Schild stehen würde und dass der eine, sehr alte Harringfield und der andere, noch wesentlich ältere Harringfield beide nicht mehr unendlich alt werden würden.

Möglich, dass mir in einem unserer Gerichtsverfahren mal ein Carruthers begegnet war, aber ich konnte mich nicht erinnern. Ich zuckte mit den Schultern.

»Carruthers ist Professor für Englische Literatur am Merton College in Oxford.«

»Kenne ich nicht, bedaure. Was hat er mit dem Stück zu tun?«

»Seinetwegen sind wir hier.«

Um uns herum plauderten die Leute über belanglose Dinge. Sie scherzten und lachten, und sie spekulierten darüber, wie es mit dem Kriminalstück wohl weitergehen würde. Ich hatte in dieser Hinsicht keine Vermutung. Es schien mir sehr trickreich ausgetüftelt worden zu sein.

Irgendwo in einer Ecke saß Agatha Christie, die Autorin, zusammen mit ihrem Mann, der angeblich extra von irgendeiner Ausgrabung im Vorderen Orient zurückgekehrt war und dem Produzenten Peter Saunders und sah sich von tausend neugierigen Fragen bestürmt.

»Wir sind nicht wegen des Kriminalstücks hier?«, hakte ich bei Merridew nach.

Ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. Er reckte das bärtige Kinn vor. »Sie kennen mich jetzt schon etwas über ein Jahr, und wir konnten bereits ein paar vergnügliche Kriminalfälle miteinander lösen. Glauben Sie, eine von vorne bis hinten ausgedachte Mördergeschichte würde für mich eine adäquate Abendunterhaltung darstellen? Nein, im Ernst, mein alter Knabe, ich brauche keine Ablenkung. Meine Laune ist bestens, auch wenn es nicht so scheint. Die Tatsache, dass man mich nicht zu dieser Mörderhatz in Amerika eingeladen hat, sagt mir im Grunde genommen nur eines: nämlich, dass man meinen messerscharfen Verstand und mein überragendes Deduktionsvermögen so sehr fürchtet, dass man Angst hat, ich könnte den anderen allzu schnell den Spaß verderben, weil ich ihnen haushoch überlegen bin. Wenn man die zweite Riege einbestellt, wäre es doch wirklich mehr als töricht, den Besten der Besten dazu zu nehmen.«

»Das wird es sein«, sagte ich ein wenig peinlich berührt. Ich kannte sein übergroßes Ego nur zu gut. »Und weshalb sind wir nun hier, wenn nicht wegen des Stücks?«

»Aufgepasst, Nigel, alter Freund: ich werde heute Abend einen Mordfall aufklären! Und weil ich so gut in Schwung bin, sofort noch einen zweiten dazu! Und um diesen Elendswürmern jenseits des großen Teichs einen ordentlichen Schuss vor den Bug zu verpassen, werde ich sogar noch einen dritten Mord verhindern!«

»Drei Morde? Und das alles heute Abend?«

Er warf sich in die Brust und grinste selbstzufrieden. »Sogar noch vor dem zweiten Akt, mein lieber Nigel. Los, noch rasch ein Glas Champagner, bevor die Pause zu Ende ist.«

Beim zweiten Mal ging es schneller. Als ich von der Bar zurückkehrte, hatte Merridew einige Zeitungsausschnitte aus seiner Jacketttasche hervorgekramt und vor sich auf den runden Tisch gelegt.

»Ausschnitte aus einer Zeitung? Ich bin gespannt, was Sie mir erzählen wollen.«

Wir prosteten uns zu, und er begann mit seiner Erklärung, indem er mit seinem dicken rechten Zeigefinger auf einen der kleinen Papierstreifen tippte:

Gonzago an ABC 6. Oktober – Gedanken schwarz, Gift wirksam, Hände fertig.

Ich sah ihn neugierig an. »Das sagt mir nichts. Aber Sie konnten sicherlich gleich etwas damit anfangen, vermute ich.«

»Sie kennen mich. Solche kryptischen Verlautbarungen machen mich neugierig. Ich muss erwähnen, dass diese Anzeige erst vor drei Wochen in der Times erschien. Ich habe sogleich Erkundigungen eingezogen und in Erfahrung gebracht, dass sie in Manchester aufgegeben wurde. Von wem ist nicht bekannt. Es wurde in bar bezahlt.«

Neugierig versuchte ich zu erkennen, was in den anderen beiden Annoncen stand. Merridew schob sie mir eine nach der anderen hin.

Gonzago an ABC 6. Oktober – Gelegne Zeit, kein Wesen gegenwärtig.

»Aufgegeben vor zwei Wochen in Newcastle.«

Und schließlich die dritte Anzeige:

Gonzago an ABC 6. Oktober – Wie? Durch falschen Feuerlärm geschreckt?

»Letzte Woche in Birmingham aufgegeben.«

»Da reist einer ganz schön durch die Lande«, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen. »Aber was sollen diese Annoncen bezwecken? Ich sehe keine Chiffre, keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme.«

»Ganz recht. Gonzago will ABC etwas mitteilen, sonst nichts. Er ist penetrant, dieser Gonzago. Er reibt es diesem ABC regelrecht unter die Nase.«

»Aber was?«

»Das, was sich am 6.10. dieses Jahres, vor wenigen Wochen also ereignet hat. Ein Mord!«

Jetzt hatte er wahrhaftig mein Interesse geweckt. Kriminalgeschichten reizen mich, und durch Lord Merridew war ich bereits in einige von ihnen leibhaftig hineingezogen worden. »Ein echter Mord?«

»Mit einem echten Toten«, sagte er mit Grabesstimme. »Ein Mann, der in einem Sessel vor dem Kamin sitzend, sein Ende fand, als sich jemand, der in seine Wohnung geschlichen war, in der Dunkelheit auf ihn stürzte und ihm die Gurgel zudrückte.«

»Wie vorhin in dem Theaterstück?«

Merridew nickte langsam und mit geschlossenen Augenlidern. »Ganz genau so. Augenscheinlich ein Raubüberfall. Ein paar belanglose Dinge wurden gemopst, nichts Auffälliges. Es stand in allen Zeitungen. Wundert mich, dass Sie sich nicht erinnern. Sein Name war Professor Phileas Ponsonby.«

Der Klang dieses Namens löste eine vage Erinnerung in mir aus. »Oh ja, doch. Da waren vor Wochen ein paar Schlagzeilen! Ein Professor … So wie der … Wie war noch mal der andere Name, den Sie vorhin nannten?«

»Archibald Benjamin Carruthers.«

»Ha!«, rief ich laut. »ABC! Die Initialen aus den drei Annoncen!«

Ein paar der umstehenden Gäste drehten die Köpfe nach uns um.

»Fein, mein lieber Nigel, fein!«

Fehlte nur noch, dass er mir zur Belohnung ein Zuckerstückchen gab.

»Waren die beiden Kollegen?«, fragte ich.

»Ponsonby war emeritiert. Ein steinaltes Gerippe, das mit seiner Frau in Oxford lebte, aber alle paar Wochen in einer kleinen Wohnung in Nottingham weilte, wenn er dort an der Uni zu Gastlesungen eingeladen war.«

»Aber wer ist dieser Gonzago?«

Merridew hielt den Kopf schief und sah mich betrübt an, so wie ein Vater sein Kind betrachtet, wenn er feststellen muss, dass er im Begriff ist, einen hoffnungslosen Dummkopf großzuziehen. »Unser großer Dichter Shakespeare hat uns so viele wunderbare Werke hinterlassen. Endlos üppig blühende Literatur, aber bei Ihnen ist diese Saat samt und sonders jämmerlich vertrocknet. Im Drama Hamlet gibt es eine Schauspieltruppe am Hofe, die ein Stück aufführt …«

»Ich weiß, ich weiß!«, rief ich, um die Scharte auszuwetzen. Fast hätte ich mit dem Finger geschnippt. »Das Stück im Stück! Die Schauspieltruppe zeigt auf der Bühne einen Mord. Einem schlafenden Mann wird Gift ins Ohr geschüttet … oder so ähnlich. Hamlet will dem König mit dem Stück vor Augen führen, dass er weiß, dass der König seinen Bruder, Hamlets Vater, getötet hat, um an dessen Frau und den Königsthron zu kommen. So war es doch, oder?«

Merridew wackelte halbwegs zufrieden mit dem Kopf. »Kann man gelten lassen. Und wie hieß der Mann im Stück, der Ehefrau und Leben verlor?«

»Äh … hm …«

»Gon… Gon… Na?«

»Gonzago!«, jubelte ich.

»Und das Stück, das die Truppe im Hamlet aufführt heißt Die Ermordung des Gonzago, aber Hamlet nennt es dem König gegenüber Die Mausefalle!«

»Was Sie nicht sagen!«

»Oh ja.« Er trank den Champagner aus und schmatzte genüsslich.

In diesem Moment schrillte irgendwo eine Klingel. Das war das Zeichen, dass in Kürze die Pause zu Ende gehen würde. Das Publikum leerte die Gläser und setzte sich langsam in Bewegung, um rechtzeitig zum zweiten Akt wieder im Saal zu sein.

»Also gut«, fasste ich zusammen. »Jemand weiß etwas über den Mörder von Professor Ponsonby und veröffentlicht wöchentlich Annoncen, in denen er sein Wissen andeutet. Ich nehme an, die Zitate stammen aus dem Hamlet?«

»Ganz recht, alles aus der Ermordung des Gonzago.«

»Aber diese Botschaften kann doch nur jemand richtig deuten, der sich mit den Werken Shakespeares auskennt. Also besser als ich jedenfalls.«

Merridew stieß ein polterndes Lachen aus. »Jedermann kennt sich besser mit Shakespeare aus als Sie, mein lieber Nigel!«

»Na, also bitte …« Ich versuchte mich zu sammeln. Das war jetzt nicht der Zeitpunkt für Empfindlichkeiten. In wenigen Minuten mussten wir wieder hinein, und dann würde ich auf die Auflösung dieses Rätsels bis nach dem Stück warten müssen. »Diese Annonce kann aber andererseits nur jemand verfassen, der sich ebenfalls mit Shakespeare auskennt … Aber halt, Sie sagten vorhin, dieser Archibald Benjamin Carruthers sei Professor für Englische Literatur am Merton College. Sagen Sie bloß, der tote … wie hieß er noch … Ponsonby! Unterrichtete er ebenfalls …«

Merridew schüttelte den Kopf, bevor ich die Frage zu Ende stellen konnte. »Physiker. Und zwar einer von der ganz staubtrockenen Sorte, wenn man den Nachrufen in den Zeitungen glauben kann.«

Ich stieß einen entmutigten Seufzer aus.

»Vorhin stellten Sie aber ein andere kluge Frage, mein Freund«, sagte Merridew mit einem aufmunternden Lächeln.

»Wirklich?«

»Ja, Sie fragten, was der Verfasser mit seinen Annoncen bezweckt.«

»Ja, genau! Das ist doch die Frage. Er verlangt kein Geld!«

»Also?«

»Er will Druck ausüben?«

»Richtig!«, rief Merridew laut. »Stellen Sie sich mal vor, Sie haben jemanden ermordet, und plötzlich prahlt ein Unbekannter ganz öffentlich damit, dass er über Sie und Ihre Untat Bescheid weiß. Wieder und wieder! Stellen Sie sich vor, was das in Ihnen auslöst!«

Ich versuchte es mir auszumalen, aber es gelang mir nur im Ansatz.

Merridew winkte mit einem lauten Brummen ab. »Sie können sich ja wahrscheinlich noch nicht mal vorstellen, einen Mord zu begehen.«

»Sie etwa?«

Er lachte laut auf. »Pausenlos! Bei Gelegenheit nenne ich Ihnen mal die endlos lange Liste meiner potenziellen Opfer! Seit heute Vormittag gehört übrigens auch ein amerikanischer Millionär dazu! Aber jetzt mal wieder zur Sache …«

Die Klingel ertönte ein zweites Mal. Der Raum um uns herum hatte sich bereits merklich geleert. Mühsam stemmte Merridew seinen schweren Körper aus dem Sessel in die Höhe. »Ich will Ihnen sagen, wer hinter den Annoncen steckt. Es ist kein Literaturwissenschaftler, sondern jemand vom Theater.«

Ich stand ebenfalls auf. Plötzlich kam mir etwas in den Sinn. »Augenblick mal, Merridew. Ich las in der Zeitung, wo Die Mausefalle in den letzten Wochen überall gastierte. Unter den Orten war auch Manchester! Und Newcastle! Und letzte Woche waren sie in Birmingham!«

»Ganz recht, Nigel, ganz recht. Überall dort, wo auch die Annoncen aufgegeben wurden. Aber vor allen Dingen fand die allererste Aufführung dieses Mausefallenstücks wo statt?«

Wo war das noch gewesen? Ich versuchte mich zu erinnern, was ich darüber gelesen hatte, und mit einem Mal fiel es mir wie Schuppen von den Augen: »In Nottingham!«

»Und zwar am 6. Oktober im Theatre Royal. Und nun will ich Ihnen auch noch verraten, dass das gesamte Ensemble in diesen Tagen im altehrwürdigen Black Boy Hotel logierte. Das beste Haus am Platze. Ein famoser alter Kasten, in dem ich auch schon ein paar Mal abgestiegen bin. Wenn man Pech hat, erwischt man allerdings eins der Zimmer, deren Fenster auf den finsteren, schmalen May Pole Yard hinausgehen. Und da hat man einen Ausblick auf die Rückseiten der Häuser an der Clumber Street. Und nun raten Sie mal, wo das Haus steht, in dem der unglückliche Professor Ponsonby sein Ende fand!«

»Etwa …?«

Er nickte mit einem Lächeln, wie es breiter nicht sein konnte.

»Sie meinen also, jemand aus dem Ensemble hat den Mord möglicherweise beobachtet?« Was mein Freund mir da berichtete, verschlug mir schier den Atem.

»So sieht es für mich aus, mein lieber Nigel. Und bevor Sie nun sagen: Aber wie kann jemand einen Mord begehen, ohne dass er sich vergewissert, dass die schützenden Vorhänge zugezogen sind, sage ich Ihnen: Solche Dinge passieren nun mal. Ich habe eine Vermutung. Denken Sie an die Botschaft in der dritten Annonce: Wie? Durch falschen Feuerlärm geschreckt? Sie kennen doch das Ärgernis mit dem zu feuchten Holz im Kamin, das erst stundenlang vor sich hinglimmt und gar nicht richtig brennen will. Und wenn es dann doch irgendwann ausreichend erhitzt und hinlänglich getrocknet ist, entzündet es sich häufig mit einem hellen Feuerschein in voller Gänze. Großes Pech für den Mörder, wenn er genau zu diesem Zeitpunkt sein Opfer in die Mangel genommen hat. Wie gesagt, es ist nur eine Möglichkeit von vielen.«

Einen Moment schwiegen wir. Außer uns war jetzt nur noch eine Handvoll Menschen im Raum. An der Bar wurden klimpernd die Gläser beiseitegeräumt. Die Pause strebte unweigerlich ihrem Ende entgegen.

»Und deshalb sind wir also hier?«, fragte ich. »Was hoffen Sie hier denn heute Abend zu erfahren?«

Er klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter. »Ich habe bereits alles erfahren, mein Junge. Versuchen Sie doch bitte einmal, sich möglichst präzise daran zu erinnern, was ich vorhin tat, bevor das Stück losging.«

Damit erwischte er mich auf dem falschen Fuß. Alles war eine einzige wilde Hetze gewesen. Ich war am frühen Abend aus der Kanzlei nach Hause gehastet, um mich rasch umzuziehen. Dann war ich in Windeseile hierher ins West End gerast, wo Merridew bereits stirnrunzelnd auf das Ziffernblatt seiner Taschenuhr guckte und verstimmt mit der Zunge schnalzte.

»Sie standen am Eingang, gleich neben der Kasse. Es sah fast so aus, als gehörten Sie zum Personal.« Ich legte nachdenklich den Zeigefinger an die Unterlippe. »Warten Sie mal, Sie sagten, Sie seien der Erste gewesen und hätten ganz schön lange auf mich warten müssen.«

Merridew grunzte zustimmend. »Man kann wirklich die Uhr nach Ihnen stellen, Nigel. Man muss nur mit einkalkulieren, dass Sie gelegentlich in einer anderen Zeitzone leben.«

»Jaja. Dann gingen wir ins Theater und gaben unsere Mäntel und Hüte ab. Sie überreichten der Garderobiere auch Ihren Gehstock. Wir waren spät dran, aber Sie bestanden darauf, unbedingt noch etwas zu trinken. Also gingen wir zur Bar, und da hat Sie dieser Mann angerempelt und Ihnen den Kaffee über den Ärmel gekippt. Dann haben wir rasch unsere zwei Scotch Soda hinuntergestürzt, und Sie sagten, Sie müssten noch kurz zur Toilette. Um den Fleck auf Ihrem Ärmel abzutupfen, erklärten Sie mir, und ich solle schon einmal hineingehen.«

»Ja, genau, und das taten Sie dann ja auch ganz brav. Als ich zu Ihnen hineinkam, öffnete sich gerade der Vorhang.«

Ich nickte bestätigend. »Sie erinnern sich an das verärgerte Flüstern und Tuscheln, als Sie sich durch die Reihe zu mir durchkämpften?«

»Soll sich nicht so anstellen, das Volk. In der ersten Viertelstunde passiert sowieso nie was Wichtiges.« Er blieb stehen und sah den letzten Leuten nach, die durch die Tür in das Theater strebten. Er lehnte sich gemächlich gegen die Wandtäfelung und faltete die Hände vor dem gewaltigen Bauch. »Ich erzähle Ihnen noch fix, was weiterhin geschah, bevor das Stück schließlich begann.«

»Aber wirklich ganz fix. Es geht gleich los.«

»Keine Drängelei, Sie Jungspund!« Er hob mahnend den Zeigefinger. »Also gut, ich war, wie gesagt, so ziemlich der erste, der ins Theater kam, und das hatte auch seinen guten Grund. Schließlich wollte ich die Leute in Augenschein nehmen, die heute besonders frühzeitig ankamen. Die Person, die ich erwartete …«

»Sprechen wir etwa von diesem ABC?«

»Unterbrechen Sie mich nicht. Immer der Reihe nach! Ich wartete auf den Mörder aus der Clumber Street in Nottingham. Und ich war der Meinung, dass dieser Mann …«

»… oder diese Frau?«

»Ach, Mumpitz, Nigel! Ein Würgemord! Auch wenn es nur ein schmächtiger, alter Physiker war, ist das nun wirklich nicht das Mittel, dessen sich Frauen bedienen! Dieser Mann …!« Er funkelte mich an, um mir jede weitere Unterbrechung zu untersagen. »… würde allein kommen, da war ich mir sicher. Und er würde so früh auftauchen wie möglich, weil er nervös war und keinen Fehler machen wollte. Nur sechs Leute kamen in der ersten halben Stunde allein. Eine vertrocknete Jungfer, ein hinkender Pfaffe, eine Matrone mit Körpergeruch … entweder zu jung oder zu alt, zu locker, zu irgendwas … keiner passte. Aber dann beobachtete ich aus nächster Nähe, wie ein Mann ohne Begleitung mit nervösen Fingern seine Brieftasche öffnete und ein Billett herausholte. Es war mit einer Büroklammer an einer Karte befestigt, auf der in der Handschrift einer Frau – gottseidank trotzdem einigermaßen klar leserlich – geschrieben stand:

Gonzago an ABC 6. Oktober – Endlich lernen wir uns kennen!

Das ist jetzt mal ausnahmsweise kein Shakespeare mehr. Dafür war aber zu meiner Überraschung und zu meiner Freude eine Unterschrift auf dieser Karte. Der Name, den ich dort las, lautete Mignon O’Doherty.«

Ich konnte mich nicht zurückhalten. »Aber das ist doch die Darstellerin der Mrs Boyle! Die Frau, die gerade auf der Bühne erwürgt wurde!«

Es schellte jetzt ein drittes und letztes Mal.

»So ist es!«

»Aber warum? Was soll das? Warum lädt sie ihn hierher ein? Will sie ihn erpressen? Das ist doch sehr riskant, ihm dabei Auge in Auge gegenüberzutreten!«

»Genau das ist es! Riskant! Gefährlich für diese Schauspielerin! Brandgefährlich! Und genau das war Dreh- und Angelpunkt des Plans! Der Mann, der hierhergekommen ist, ist nervös! In Panik! Er steht bis in die Haarspitzen unter Strom!«

Mein Blick wanderte zur Bar, und ich erinnerte mich plötzlich an die Szene, die sich vor einer guten Stunde dort abgespielt hatte. Ich sah plötzlich einen sehr dünnen, sehr nervösen Mann mit geröteten Wangen und flackernden Augenlidern vor mir. Er balancierte eine Tasse Kaffee und stieß meinen Freund an.

»Der Mann mit dem Kaffee? Ist er es? Der, der Sie angerempelt hat?«

»Ich habe ihn angerempelt, Nigel! Aber alle glaubten, es sei umgekehrt passiert. Er selbst glaubte das auch. Man braucht natürlich ein bisschen Geschick und ein wenig schauspielerisches Talent … Jedenfalls hat er sich wortreich bei mir entschuldigt und bat darum, für die Kosten der Reinigung aufkommen zu dürfen. Und da habe ich ihn schlicht und ergreifend nach seiner Visitenkarte gefragt. Tusch!«

Er hielt mir mit triumphierender Geste eine kleine Karte hin. Sie war recht schmucklos gehalten, mit einer einfachen Druckschrift: Prof. Archibald Benjamin Carruthers stand dort zu lesen, und darunter seine Adresse und Telefonnummer in Oxford.

»ABC! Daher wissen Sie also seinen Namen!«

Merridew nestelte am Revers seines Jacketts herum. »Ich tätigte dann drei kurze Telefonate, bevor ich endlich zu Ihnen in das Theater kam. Zuerst habe ich die Nummer auf der Karte gewählt. Als sich am anderen Ende eine Frauenstimme meldete und sorgenvoll fragte: ›Archie, bist du das? Wo um alles in der Welt steckst du?‹, war ich schon hocherfreut, denn Carruthers trug keinen Ehering an der rechten Hand, jedoch am linken Ringfinger dafür gleich zwei, was bedeutet, dass er verwitwet und noch nicht wiederverheiratet ist.«

»Verblüffend«, sagte ich ehrlich begeistert.

»Dann fragte ich ganz unverfänglich: ›Verzeihung, mit wem bin ich denn verbunden?‹, und sie erwiderte in ihrer Verwirrung: ›Geraldine Ponsonby‹.« Er breitete mit der Geste eines Zauberkünstlers die Hände aus. »Tja, und somit wäre auch das Mordmotiv aus dem Oktober geklärt! Carruthers liebte Ponsonbys Frau. Die alte Leier, man kennt das ja.«

»Alle Wetter«, hauchte ich. »Das ist ja ein unglaublicher Zufall.«

Merridews Gesicht rötete sich schlagartig. Er ballte die Hände zu Fäusten. »Zufall?«, polterte er laut. »Wo denken Sie hin? Das sind Taktik und Kalkül! So etwas fällt einem nicht mal gerade eben vor lauter Langeweile beim Fünfuhrtee ein!«

»Ist ja schon gut. Sie haben natürlich recht, das war sehr klug eingefädelt. Und der zweite Anruf?«

»Mit dem verschaffte ich mir die allerletzte Gewissheit. Ich rief im Black Boy Hotel in Nottingham an und erkundigte mich, ob ein gewisser Mr Carruthers in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober dort übernachtet hat.«

»Aber wie kamen Sie denn darauf?«

»Wenn es jemand aus der Theatertruppe war, der ihn mit dem Wissen um seine Tat unter Druck setzt, dann konnte das nicht nur aus einem einmaligen Beobachten am Tatort erwachsen. Da musste mindestens eine zweite Begegnung nebst Wiedererkennen stattgefunden haben. Warum nicht beispielsweise auf dem Hotelflur? Jedenfalls lag ich auch hier richtig! Er trug sich mit seinem echten Namen ein. Wie unglaublich einfallslos! Aber so konnte auch seine Peinigerin herausfinden, wer er war.«

»Sie meinen also, es war diese Schauspielerin Mignon O’Doherty, die ihn per Annonce gequält hat!«

»Aber nein.«

Ein junger livrierter Mann gab uns in diesem Moment ein deutlich sichtbares Zeichen, nun wieder unsere Plätze einzunehmen. Merridew forderte mit einem ruppigen Wedeln der rechten Hand einen Moment Geduld.

»Nein?«, fragte ich ungläubig. »Wieso nicht? Ihre Unterschrift stand doch auf der Einladung!«

»Falsch!« Merridew kramte ein kleines Notizblöckchen aus der Innentasche seines Jacketts und blätterte mit seinen dicken Fingern darin herum. »Das Autogrammbüchlein meines Butlers Cresswell. Er ist klammheimlich ein gefühlsduseliger alter Bursche und liest heimlich Romane von Barbara Cartland. Sein Herz schlägt für den Kintopp und das Theater, und als er erfuhr, dass ich heute Abend hierhin wollte, bat er mich, ein paar Autogramme für ihn einzusammeln. Besonders scharf ist er auf die Signatur von Sheila Sim, die er wohl vergöttert.« Dann hielt er mir das Heftchen aufgeschlagen entgegen. »Schauen Sie mal, das ist die Unterschrift von Mignon O’Doherty, die hat er bereits. Ich kann Ihnen versichern, dass das Geschreibsel auf Carruthers’ Einladung ohne jeden Zweifel eine plumpe Fälschung ist. Den Unterschied konnte ich mit großer Deutlichkeit erkennen.«

»Aber wer hat Carruthers denn dann in Wirklichkeit eingeladen? Und warum wurde er überhaupt mit der Eintrittskarte hierherbestellt?«

»Er wurde von einer Person in diese tückische Mausefalle gelockt, die der Überzeugung war, dass er jetzt endlich völlig verzweifelt und ausreichend alarmiert war, dass er nun zu allem bereit sein würde. Jemand, der ihn dazu bringen wollte, seine angebliche Peinigerin, die völlig ahnungslose Mignon O’Doherty zu ermorden!«

Ich starrte ihn an. Das, was er da vor mir ausbreitete, war schlichtweg unglaublich.

»Ich tippe auf die Zweitbesetzung, eine Schauspielerin mit Namen Marjorie Blankinsopp. Die Dame an der Kasse erzählte mir, dass sie wohl bei der Besetzung der Mrs Boyle den Kürzeren zog und jetzt Abend für Abend hinter den Kulissen herumlungern muss, in der Hoffnung, Mignon O’Doherty breche sich endlich mal die Hand, ein Bein, oder noch besser gleich das Genick. Ja, ich denke, sie wird es gewesen sein, die vom Hotelzimmer aus den Mord beobachtete, danach dem Mörder im Hotel begegnete und ihre Chance witterte! Wenn sie es war, wird ihre Handschrift auf der Einladung sie überführen. Aber andererseits ist es irgendwie auch egal, wer die anonyme Strippenzieherin war, denn sie hat ja schließlich keine echte Straftat begangen.«

Der Jurist in mir meldete sich zu Wort. »Na, na, sie hat immerhin einen Mord beobachtet und ihn nicht gemeldet.«

»Dafür ist aber letztendendes gerade durch ihre Aktivität der Mörder in die Falle gegangen.« Er trat in den Saal ein und drehte sich grinsend zu mir um. »Und durch meine natürlich.«

Der livrierte Saaldiener hatte schon den Griff der Tür in seiner Hand, um sie hinter uns zu schließen, da schoss mir mit einem Mal ein fürchterlicher Gedanke durch den Kopf: »Hören Sie, Merridew!« Ich fasste ihn am Arm. »Mignon O’Doherty starb am Ende des ersten Akts ihren Bühnentod. Das heißt doch, dass sie sich bis zum Schlussapplaus in großer Gefahr befindet! Wenn gleich irgendwann alle anderen auf der Bühne sind, kann Carruthers sie doch in aller Ruhe hinter den Kulissen zum Schweigen bringen!«, zischte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass einige Theaterbesucher verärgert zu uns herübersahen. Besonders diejenigen, an den wir uns jetzt gleich würden vorbeiquetschen müssen, hatten überaus angriffslustige Mienen aufgesetzt.

»Keine Sorge, mein Guter«, sagte Merridew und schob mich sanft auf die Stuhlreihen zu. »Sie glauben doch nicht, dass ich so etwas zugelassen hätte. Beim Schlussapplaus, das verspreche ich Ihnen, wird Mrs O’Doherty unbeschadet auf der Bühne erscheinen. Bevor das Stück begann, habe ich mir nämlich im allerletzten Moment erlaubt, diesen Carruthers in der Toilette einzusperren, nachdem ich ihn zuvor ein wenig unsanft aus dem Verkehr gezogen habe. Sie dürfen mir glauben, dass ich mit diesem Hänfling im Handumdrehen fertiggeworden bin. Dazu hätte ich noch nicht einmal meinen Gehstock gebraucht. Und dann habe ich noch rasch den dritten und letzten Anruf getätigt, mit dem ich die Polizei davon in Kenntnis gesetzt habe, dass sie hier im Ambassador Theater einen Mörder abholen kann. Das scheint wohl auch geschehen zu sein. Haben Sie mitbekommen, dass während des ersten Akts hinter den Kulissen eine Verhaftung stattgefunden hat? Sehen Sie, ich auch nicht. Die Burschen von Scotland Yard waren offenbar überaus diskret.«

Mit mühsam unterdrückten Flüchen erhoben sich die Leute in unserer Reihe aus ihren Sitzen, um uns vorbeizulassen. Wir blickten in grimmige Gesichter und ernteten hasserfüllte Blicke. Merridew verspürte offenbar nicht den Anflug von Peinlichkeit, denn er gluckste und kicherte nur allenthalben und rief immer wieder laut »Verzeihung, Teuerste« oder »Hoppla, mein Bester«. Und irgendwann saßen wir auf unseren Stühlen und atmeten tief durch.

»Glauben Sie, das Stück wird lange laufen?«, fragte ich.

Er überlegte einen Moment, bevor er antwortete: »Vermutlich nicht so lange wie das Zeug von Sophokles oder Euripides, aber jedenfalls länger als die neue Show von Frankie Howerd in Blackpool.«

Ich fand diese Antwort sehr diplomatisch.

Es wurde still um uns herum, und das Saallicht verlosch langsam.

Da kam mir noch eine letzte Sache in den Sinn: »Sie haben nun also einen Mord aufgeklärt und sogar einen zweiten Mord verhindert«, wisperte ich meinem Freund so leise es ging zu. »Aber Sie sprachen vorhin doch sogar noch von einem dritten Mord.«

Bevor es im nächsten Moment um uns herum völlig finster wurde, sah ich gerade noch Merridews Augen aufblitzen. Er beugte sich mit einem schwerfälligen Schnaufen zu mir herüber und raunte mir ins Ohr: »Ich werde Ihnen jetzt verraten, wer die einzige Person ist, die den Mord in Monkswell Manor begangen haben kann.«

Als sich der Vorhang mit einem leisen Rauschen öffnete, nannte Merridew mir den Namen, und ich wusste ganz genau, dass er auch in diesem Fall wieder einmal richtig liegen würde.

DAS RÄTSEL DER VERSCHWUNDENEN TÄNZERIN
(1956)


1


In der Tube herrschte an diesem Vormittag drangvolle Enge, so wie an jedem Arbeitstag. Berufspendler mischten sich mit Touristen aller Hautfarben. Im Sommer war London bis zum Rand gefüllt mit einem quicklebendigen Vielvölkergemisch, das es schaffte, uns steife Briten mit unseren Bowler Hats, den schwarzen Businessanzügen und dem am Arm baumelnden unentbehrlichen Schirm noch mürrischer aussehen zu lassen als sonst. Man versteckte seine griesgrämigen Gesichter hinter dem Daily Mirror, dem Guardian, der Times oder der Daily Mail, je nach politischer Gesinnung. Doch wohin ich auch blickte, in diesen Tagen schien es für sämtliche Zeitungen lediglich zwei Themen zu geben, die es wert waren, die Titelseiten zu dominieren: Die sich anbahnende Suez-Krise und der Besuch der berühmtesten Schauspielerin der Welt.

Premierminister Eden hatte sich vorgenommen, den ägyptischen Präsidenten Abdel Nasser zu stürzen, und es schien durchaus möglich, dass zu diesem Zweck schon bald Bomben auf Alexandria fallen würden. Eine Bombe der ganz anderen Art hingegen war Marilyn Monroe, die im Juli über den großen Teich gekommen war und nun schon seit zwei Monaten zu Gast in unserem Land war. Der Grund ihres Aufenthalts waren Dreharbeiten zu einem Film in den Pinewood Studios. An der Seite unseres berühmten englischen Shakespearedarstellers Sir Laurence Olivier spielte sie in einer romantischen Komödie ein Revuegirl, und seit sie ihren Fuß auf englischen Boden gesetzt hatte, war ganz England verliebt in sie.

Der Sommer war so regnerisch gewesen wie schon lange nicht mehr, aber der September schien nachholen zu wollen, was nachzuholen ging. Es war heiß. Und in der Tube war es schier unerträglich. Ich war froh, an der Station Baker Street endlich wieder aussteigen und mich von der Rolltreppe ans Tageslicht hinaufbefördern lassen zu können.

Ich hatte eine Verabredung mit meinem Freund Reginald Lord Merridew, der mich ohne Angabe von Gründen mit einer knappen Notiz hierher beordert hatte, wie das so seine Art war. Auf der anderen Seite der mehrspurigen Marylebone Road sah ich ihn bereits stehen und mir mit seinem Gehstock zuwinken. Ich schlängelte mich mutig durch den unablässig fließenden Verkehr und begrüßte ihn schon wenige Minuten später. Mein helles Sommerjackett hatte ich mir über die Schulter gehängt. Merridew steckte in einem sandfarbenen Anzug mit maisgelber Weste und weinroter Fliege.

»Mein lieber Junge«, rief er fröhlich. »Was für ein wunderbarer Tag, da werden Sie mir doch zustimmen, oder?«

Ich wackelte vage mit dem Kopf. »Für September ist es ziemlich heiß. Aber Sie blühen doch sonst erst im Nieselregen so richtig auf. Was macht Sie so fröhlich, Merridew? Die Freude quillt Ihnen ja aus allen Knopflöchern.«

»Hatten Sie nicht vorgestern Geburtstag?«

»Ja, allerdings. Ein paar Freunde haben mich zum Dinner ins Bianchi’s in der Frith Street entführt, und hinterher sind wir im Gargoyle Club gelandet, einem Tanzschuppen in Soho.«

»Haben Sie sich davon erholt?«

»Gerade so. Wo gehen wir hin?«

Er fasste mich am Arm und lenkte mich mit sanfter Gewalt in die Richtung eines großen Gebäudes, das wohl jeder nur allzu gut kennen dürfte, und vor dessen Eingangstür eine große Menschenschlange geduldig darauf wartete, hineingelassen zu werden.

»Jetzt kommt mein Geburtstagsgeschenk für Sie, mein alter Knabe.«

»Madame Tussauds?«, fragte ich ungläubig. »Sie haben doch nicht etwa vor, mich in dieses Wachsfigurenkabinett zu schleppen?«

Er lachte kollernd. »Das überrascht Sie, was? Nein, nein, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es soll ja ein Vergnügen für Sie werden.«

»Ich kann mir wirklich etwas Unterhaltsameres vorstellen, als mir all diese versteinerten Gesichter mit den starren Augen und dem gequälten Lächeln anzugucken.«

»Ich weiß, ich weiß. Und ich teile Ihre Aversion durchaus, aber heute gibt es für Sie etwas ganz Besonderes!« Er ließ mich nicht los und streckte die Hand mit dem Gehstock nach vorne, den er hin und her schwingen ließ als sei er eine Machete, der Bürgersteig der afrikanische Dschungel und die Passanten gefährliche Schlingpflanzen.

Zu meiner Überraschung ließen wir die Warteschlange rechts liegen, und er dirigierte mich links in den Allsop Place. Dann ging es rechter Hand in die York Terrace, und nach ein paar Metern passierten wir eine Toreinfahrt und fanden uns in einem großen Hinterhof wieder, auf dem ein paar Autos und Lieferfahrzeuge parkten. Wir befanden uns auf der Rückseite des weltberühmten Wachsfigurenkabinetts.

»Kein roter Teppich, kein Empfangschef in Livrée, aber dennoch ist es nicht immer ein Abstieg, wenn man den Hintereingang nimmt«, plauderte Merridew fröhlich, während er sich von den zahlreichen Nebeneingängen und Türen eine auswählte, die ihm die richtige zu sein schien. Er öffnete sie, und vor uns führte eine Treppe hinauf.

»Lord Merridew!«, rief eine junge Frau im weißen Kittel erfreut. »Wie schön, dass Sie es heute einrichten konnten!« Sie hatte ihr malzbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, der keck auf und ab tanzte, als sie uns auf der Treppe entgegenkam.

Sie musterte mich und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.

»Mein Freund Nigel Bates hatte jüngst Geburtstag, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als bei unserer kleinen Unternehmung Mäuschen spielen zu dürfen.«

»Dann gratuliere ich noch nachträglich.« Sie reichte mir ihre Hand. »Mein Name ist Cathy Markham. Selbstverständlich darf er zuschauen. Wir wollen ihm doch seinen sehnlichsten Wunsch nicht abschlagen.« Ihr Lachen war bezaubernd wie überhaupt ihre ganze Erscheinung, und ich konnte nicht umhin, mir ihre schlanke Figur unter dem unförmigen Kittel vorzustellen, als sie vor uns die Treppenstufen hinaufstieg. Ich wurde immer begieriger, herauszufinden, welches denn wohl mein großer Geburtstagswunsch war. Eine Ahnung, worum es sich dabei handeln konnte, hatte ich immer noch nicht.

Wir folgten einigen Gängen, bogen ein paar Mal rechts und links ab, bis wir schließlich in einen Raum eintraten, in dem es chemisch roch. In zahlreichen Regalen stapelten sich Kisten, Körbe, Pakete aus braunem Packpapier, Dosen und Kartons unterschiedlicher Größe. Es gab künstliche Hände, Schachteln voller Glasaugen, Perücken, und auf zwei von mehreren großen Tischen lagen künstliche Körper ohne Köpfe. Wir waren augenscheinlich in der Werkstatt des Wachsfigurenkabinetts gelandet.

»Mr Anselm kommt gleich«, sagte Cathy und bot uns Sitzplätze an. Zwei ziemlich alte, zerschlissene Sofas waren mit Überwürfen aus geblümtem Vorhangstoff halbwegs einladend hergerichtet worden.

»Möchten Sie einen Tee?«

Oh ja, den mochten wir. Und als sie entschwand, um uns diesen Wunsch zu erfüllen, wäre sie in der Tür beinahe mit einem bärtigen Mann im schlabbrigen, gestreiften Pullover zusammengestoßen. Seine Brille hatte er hinaufgeschoben, sodass sie beinahe in seinem lockigen, grau melierten Haar verschwand.

»Frederick Anselm«, stellte er sich uns mit Handschlag vor. »Schön, dass Sie herkommen konnten. Ich verspreche Ihnen, dass es auch gar nicht wehtut.« Er machte den Eindruck eines zerstreuten Professors. Mit ausgestrecktem Arm dirigierte er Merridew auf einen drehbaren Hocker ohne Lehne. »Es ist wichtig, dass Sie aufrecht sitzen. Das kommt der späteren stehenden Position am nächsten. Hat Cathy Ihnen die Skizzen gezeigt?«

Merridew verneinte, und Anselm holte einen flachen Karton aus einem der Regale, dem er mehrere Fotografien und ein paar Zeichnungen entnahm, die er auf dem Tisch vor Merridew ausbreitete. »Nun, was sagen Sie?«

Die Fotos zeigten allesamt meinen Freund in unterschiedlichen Posen. Es waren Pressefotos, die bei verschiedenen Anlässen aufgenommen worden waren. An einige der Ereignisse konnte ich mich sogar erinnern.

»Hm, man könnte denken, Sie hätten mit Absicht die unvorteilhaftesten Bilder ausgewählt«, sagte Merridew mit einem angedeuteten Naserümpfen. Er sah mich an. »Was meinen Sie, Nigel?«

Nun, da ich endlich begriffen hatte, worum es bei unserem Besuch ging, lachte ich ihn frech an. Er tat so, als sei es das größte nur denkbare Vergnügen, anwesend zu sein, wenn eine Wachspuppe dieses aufgeblasenen Aristokraten angefertigt wurde. Ich deutete auf eine Bleistiftzeichnung, die den großen, massigen Körper meines Freundes darstellte. Es waren nur die Gliedmaßen und der grob skizzierte Kopf. Er sah aus wie eine aufgeblähte, unbekleidete Schaufensterpuppe. »Das sind Sie, wie Sie leiben und leben. Vor allen Dingen, wie Sie leiben. Dieser Bauch, das Doppelkinn … Das sind Sie, Merridew.«

Cathy kam mit dem Tee.

»Für mich zwei Stück Zucker«, sagte ich.

Merridew wehrte ab. »Ich muss ein bisschen auf mein Gewicht achten.« Das konnte nur ein soeben spontan gefasster Vorsatz sein. Dergleichen hatte ich noch nie von ihm gehört.

»Kürzlich saß noch Marlon Brando auf diesem Platz«, erklärte Cathy mit einem gewissen schwärmerischen Ton in der Stimme.

Merridew grunzte verächtlich. »Sie sind ja nicht gerade wählerisch.«

Dann machten sich Anselm und seine Assistentin ans Werk und begannen, meinen Freund minutiös zu vermessen. Ich unterdrückte ein Gähnen. Es gab durchaus spannendere Darbietungen.

Maßbänder wurden um die Unterschenkel und Oberarme geschlungen, Zahlen wurden notiert, mit einem großen Feldzirkel wurden die Abstände zwischen Scheitel und Kinn, zwischen den Mundwinkeln und den Pupillen erfasst.

Irgendwann kam eine andere junge Frau im Kittel und rief Cathy zur Tür. Dann tuschelten sie miteinander, und Cathy verließ wortlos den Raum, ohne sich zu uns umzusehen.

»Ich übernehme für einen Moment«, sagte die Frau zu Mr Anselm gewandt und lächelte uns freundlich zu.

»Kommen etwa alle Aspiranten persönlich hierher, um sich vermessen zu lassen?«, fragte ich.

»Nein, eher wenige«, sagte Anselm beiläufig und kritzelte sehr konzentriert etwas auf seinen Block.

Ich tippte auf eine herumliegende Zeitung. »Was ist mit Marilyn Monroe?«

»Oh ja, ist in Vorbereitung. Kommt aber auch nicht persönlich. Wir mussten zu ihr. Wie gesagt, die Wenigsten besuchen uns hier. Umso schöner, dass Lord Merridew uns die außerordentliche Ehre zuteilwerden lässt.«

Während die Assistentin mit einer Schieblehre Merridews Ohren vermaß, begann Anselm Detailskizzen des Kopfes anzufertigen.

Mit meiner Teetasse schlenderte ich an den Regalen entlang und musterte die Gliedmaßen und Köpfe. Einige kamen mir bekannt vor. Mit anderen konnte ich nichts anfangen. Die starren Blicke der Glasaugen waren mir unheimlich. Schließlich gelangte ich zur breiten Fensterfront und blickte in den Hof hinunter.

Dort unten sah ich Cathy Markham, die die Hände tief in den Taschen ihres weißen Kittels vergraben hatte und mit gesenktem Kopf den Hof überquerte.

Zwischen den geparkten Autos trat in diesem Moment ein Mann in einem dunkelblau karierten Jackett und Hut hervor. Ich konnte ihn nicht genau erkennen, dazu war die Entfernung zu groß. Ich sah eine runde Hornbrille und einen kleinen, zwei Finger breiten Schnurrbart. So steif, wie er dort stand, erinnerte er mich an eine Wachspuppe.

Cathy blieb vor ihm stehen und hielt den Kopf in einer Art Büßerhaltung gesenkt. Offenbar wurden nicht viele Worte gewechselt. Irgendwann streckte der Mann seine rechte Hand aus und fasste nach dem Kinn der jungen Frau. Er zwang sie, ihren Kopf zu heben, um ihm in die Augen zu sehen. Kurz darauf wandte sie sich wieder um und ging mit weit ausholenden Schritten zurück zum Gebäude. Der Mann mit dem Hut verschwand im gleichen Moment auf dieselbe unauffällige Art und Weise, auf die er zuvor erschienen war.

»Ist es wieder dieser Kerl?«, knurrte Anselm der jungen Frau an seiner Seite halblaut zu, während er die Bleistiftspitze über das Papier huschen ließ.

Seine Assistentin bejahte. »Es sei sehr dringend, hat er gesagt.«

»Ich werde Cathy darauf hinweisen müssen, dass sie kostbare Arbeitszeit vergeudet.«

»Darf ich atmen?« Merridews Blick traf den meinen, und er sah sogleich, dass ich gerade eine interessante Beobachtung gemacht haben musste. Ich zuckte bedeutsam mit den Augenbrauen, um ihm zu verdeutlichen, dass ich ihm später Bericht erstatten würde.

»Aber warum nicht. Atmen Sie ruhig, Mylord«, sagte Anselm. »Wir wollen doch, dass Sie gesund und munter bleiben. Für die Besucher unseres Hauses ist es ein umso größerer Spaß, dass es sich bei den ausgestellten Personen um quicklebendige Prominente handelt, denen man sich sonst nur schwerlich nähern kann.«

»Diese Menschen werden mich doch wohl nicht … anfassen?«

»Es gibt Absperrungen. Bei Alan Ladd mussten wir den Abstand vergrößern. Die jungen Frauen sind immer drübergeklettert, um sich mit ihm fotografieren zu lassen.«

»Schauderhafte Vorstellung.« Merridew verzog angewidert den Mund.

Im Folgenden wurden noch ein paar Fotografien angefertigt, und dann war die Vorstellung auch schon beendet.

Als wir nach unserer Verabschiedung wieder die Treppe hinuntergingen, kamen wir an einer halb offen stehenden Tür vorbei.

Die tränenerstickte Stimme, die wir ganz unerwartet dahinter vernahmen, war allem Anschein nach die von Cathy Markham.

»Er tut es, er tut es! Wenn ich es dir doch sage!«, schluchzte die Person hinter der Tür. Es handelte sich offenbar um ein Telefonat, denn eine Erwiderung war nicht zu hören. »Du kennst ihn, er schreckt vor nichts zurück.« Wieder folgte eine Pause. »Ja, aber sicher, man muss es beim Namen nennen: Mord!«

Mord? Merridew weitete alarmiert den Blick und legte den Finger auf die Lippen.

»Am Bootshafen in Datchet«, sagte die junge Frau und schniefte. »Um halb zwei. Oh Gott, ich kann es immer noch nicht glauben!«

Ein Wort des Abschieds war nicht zu hören, wohl aber das Klacken eines Telefonhörers auf der Gabel.

»Mord.« Merridew wisperte ganz leise in mein Ohr. Es folgte eines seiner unvermeidlichen Shakespeare-Zitate: »Wie fällt doch ein Geheimnis den Weibern schwer! Kommen Sie Nigel, wir gehen rasch raus, und Sie erzählen mir, was Sie vorhin am Fenster gesehen haben.«

Wir gingen schnell die letzten Stufen hinunter, verließen das Gebäude durch die Tür, durch die wir hineingekommen waren, und auf dem Hof beschrieb ich ihm die kleine stumme Szene, deren Zeuge ich vorhin unfreiwillig geworden war.

Merridew zog die Nase kraus und kratzte sich hinterm Ohr. »Nun, ich hoffe, der erste Teil meines Geburtstagsgeschenks hat Ihnen schon mal ein bisschen Vergnügen bereitet.«

»Der erste Teil?« Ich konnte nicht verhehlen, dass mir der Sinn nicht nach einer weiteren Demonstration von Merridews unbeschreiblicher Egozentrik stand.

»Ja, ganz recht. Wir sind noch nicht fertig. Ich denke mir, dass Sie vor Freude ganz aus dem Häuschen sein werden, wenn ich Ihnen verrate, dass Sie heute Nachmittag mit mir einen kleinen Ausflug vor die Tore der Stadt machen dürfen!«

»Lassen Sie mich raten: Der Bootshafen von Datchet?«

Er nickte mit einem gönnerhaften Lächeln.

»Oh famos, das Wetter ist prächtig. Wir könnten mit offenem Verdeck fahren!«

»Momentchen, Momentchen! So ein Spaß hat seine Grenzen! Ich zwänge mich Ihnen zuliebe zwar ausnahmsweise in Ihr unbequemes kleines Spielzeugauto, um Ihnen eine Freude zu machen, aber wir wollen es doch nicht gleich übertreiben!«

2


Der Bootshafen des kleinen Örtchens Datchet lag an der Themse, nur knapp zwei Meilen von Windsor entfernt.

Es waren etwa vierzig Boote, die unterhalb des kleinen Parkplatzes an zwei metallenen Stegen vor Anker lagen. Es handelte sich um ein paar morsche Kähne, einige Ausflugsschiffchen, aber auch ein paar größere Boote, die durchaus komfortabel und teuer aussahen.

»Hier überspannte bis vor hundert Jahren die Geteilte Brücke den Fluss«, dozierte Merridew, während er sich aus dem Wagen quälte. »Auf der gegenüberliegenden Seite hatte Berkshire mit Holz gebaut, und hier baute Buckinghamshire mit Eisen. In der Mitte des Flusses wurden die beiden Hälften irgendwie miteinander vermurkst. Muss kurios ausgesehen haben.«

Jenseits des Flusses markierte ein einzelnes Gebäude die Position des früheren Brückenkopfs. Dahinter erstreckten sich Felder und Äcker, und in der Ferne sahen wir Windsor Castle mit seinem riesigen Rundturm schläfrig in der Mittagssonne liegen.

Ich schloss mein Auto ab und wollte gerade fragen, auf was wir denn jetzt warteten, als Merridew einen Laut des Erstaunens ausstieß. »Potztausend, wenn das nicht mein alter Freund …!« Er eilte zu einem der Autos auf dem Parkplatz und klopfte übermütig auf das Wagendach. Die Scheibe wurde heruntergekurbelt, und das mürrische Gesicht eines Mannes um die sechzig kam zum Vorschein. »Merridew? Verdammt, was tun Sie denn hier?«

»Wir machen eine kleine Landpartie. Ich wollte gerade meinen Freund zu einer kleinen Bootstour überreden.«

Das war mir neu, und darüber hinaus war es eine freche Lüge, denn Merridew verabscheute Bootsfahrten.

»Kein Wort glaube ich Ihnen, Merridew«, knurrte der Mann und kletterte aus dem schwarzen Vanguard. Er zog sich den zerknitterten Schlips zurecht. »Wenn Sie auftauchen, gibt es immer Probleme.«

»Wirklich nur eine unschuldige, kleine Landpartie. Darf ich vorstellen, Nigel, das ist mein alter Freund Superintendent Roger Smith!«

»Nee, nee, ich bin raus«, sagte der Mann mit verkniffenem Gesicht. »Schon anderthalb Jahre. Ein Segen, sag ich Ihnen. Ist alles nicht mehr das, was es mal war.«

»Oho, kein Polizeidienst mehr? Und was tun Sie hier? Im Auto sitzen und aus alter Gewohnheit die Enten observieren?«

»Kleines Päuschen. Hab ja jetzt viel Zeit.« Smith ließ den Blick über die Autodächer schweifen und den Kopf langsam hin und her gehen. Weder Merridew noch mir entging, dass es hier an diesem Platz sehr wohl etwas oder jemanden zu beobachten gab.

»Sie recken ja so den Hals. Machen Sie die Schwäne nach?«, fragte Merridew mit einem Kichern.

Smith trat näher an uns heran und senkte die Stimme. »Hören Sie, Merridew, ich freue mich ja auch, Sie zu sehen. Hätte gar nichts gegen ein gelegentliches Pint im Pub, aber ich muss jetzt leider …« In diesem Moment fuhr er zusammen und riss Augen und Mund in stummem Entsetzen weit auf. Dann entfuhr ihm ein lauter Fluch: »Verdammt und zugenäht, so ein elender Mist!«

Wir alle sahen ein Auto, das aus der Reihe der parkenden Fahrzeuge zurückgesetzt hatte und jetzt mit aufheulendem Motor an uns vorüberraste. Es war ein türkisfarbener Ford Anglia. Wir alle starrten auf die Personen, die wir im Wageninneren erkennen konnten. Hinter dem Steuer saß unverkennbar der Mann, den ich noch am Vormittag auf dem Hinterhof des Wachsfigurenkabinetts gesehen hatte. Das dunkel karierte Jackett, der Hut, der Schnurrbart, die runde Brille … es gab kaum einen Zweifel.

Viel größer war jedoch die Überraschung, auf dem Beifahrersitz eine Frau zu sehen, die man hier am allerwenigsten erwartet hätte.

»Ist sie das?«, rief Merridew. »Ist sie das wirklich, Smith?«

»Ja, verdammt, es ist sie!«, rief der Ex-Polizist aufgebracht. »Aber sie sollte es nicht sein, verflucht noch mal!«

Sie war deutlich zu erkennen, da ihr Antlitz nur ein paar Handbreit an uns vorübersauste. Die Haare der jungen Frau waren platinblond, das Gesicht zierlich, mit einer feinen, spitzen Nase, leicht geröteten Wangen und einem lächelnden, halb geöffneten Mund mit kräftig geschminkten Lippen. Die blauen Augen mit den dunkel getuschten Wimpern waren geradeaus gerichtet, und die geschwungenen dunklen Brauen zeugten weder von großer Furcht noch von Wut oder großer Heiterkeit. Sie sah aus, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dass sie mit diesem Mann mitfuhr.

»Was macht Marilyn Monroe hier?«, rief ich aufgeregt.

»Wenn ich das wüsste, verflucht!«, schrie Smith. Der Mann, der so gewirkt hatte, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, ruderte aufgeregt mit den Armen. »Los, rein in mein Auto, sonst verlieren wir sie!«

Und ehe wir’s uns versahen, waren wir schon zu ihm in den schwarzen Vanguard gestiegen. Noch nie hatte ich meinen Freund Merridew so behände auf einen Beifahrersitz klettern sehen. Ich warf mich auf den Rücksitz, und noch ehe ich die Tür richtig geschlossen hatte, raste Smith auch schon los.

Der Ford war an der Ausfahrt der Parkfläche mit quietschenden Reifen rechts abgebogen und war schon nicht mehr in Sicht.

Zwei andere Autos waren nun zwischen ihm und unserem Fahrzeug.

»Die Nummer«, raunzte Smith und griff mit grimmigem Blick um das Lenkrad. »Habt ihr euch die Nummer merken können?«

»Ich muss ehrlich sagen, dass ich nur Augen für das Wageninnere hatte«, sagte ich zerknirscht.

»Ich fürchte, ich muss auch passen«, gab Merridew gequält zu. »MF irgendwas.«

»MF?« Smith schnaubte verärgert. »Nord West London … Hilft uns auch nicht viel weiter. Wir verlieren sie!«

»Warum ist sie hier?«, fragte Merridew. »Was haben Sie mit ihr zu tun?«

»Sie dreht nen Film in Iver. Mit Sir Laurence Olivier. Fragen Sie mich nicht was, interessiert mich auch nicht. Irgend so’n Kostüm-Kokolores. Die haben mich beauftragt, nach ihr zu gucken, und ich kann euch verflucht noch mal sagen, dass es leichter ist, nen Eimer voll Aale zu beaufsichtigen!«

»Reporter und Fans?«

»Das auch. Aber vor allen Dingen sie selbst! Überdreht und unberechenbar. Mal will sie hier hin und dann plötzlich da hin. Seit ihr Mann vor ein paar Tagen nach Paris abgedampft ist, läuft sie völlig aus dem Ruder.«

Ich erinnerte mich daran, gelesen zu haben, dass ihr frisch Angetrauter, der amerikanische Dramatiker Arthur Miller, der seit ihrer Ankunft im Juli an ihrer Seite war, zu einer Geschäftsreise aufgebrochen war.

»Da sind sie!«, rief Merridew, als der Ford nach der nächsten Kurve wieder in Sicht kam. Doch schon wenige Momente später war er bereits wieder verschwunden.

»Wir verlieren sie!«, wiederholte Smith, schlug wütend auf das Lenkrad und trat das Gaspedal durch. »So ne Schande!«, fluchte er. »So ne verfluchte Schande!«

»Was wollte sie denn da am Hafen?«, fragte ich.

»Keine Ahnung. Heute Mittag sagte sie, es ginge ihr nicht gut, hat sich dann von Evans, dem Chauffeur Richtung Parkside House fahren lassen, und dann musste er plötzlich anhalten und sie bei den Booten rauslassen.«

»Und er ist weitergefahren?«

»Das kam mir ja gleich komisch vor. Er fuhr weg, und sie ging runter zu den Booten. Da hab ich dann mein Auto abgestellt, und gerade, als ich sie suchen will, tauchen Sie plötzlich auf. Es ist zum Mäusemelken. Ich hab sie nur einen Moment aus den Augen gelassen, und schon is sie weg!«

»Parkside House in Englefield Green? Sie wohnt bei Lord Garrett Ponsonby Moore?«, fragte Merridew.

»Er und seine Frau sind ausgezogen und haben alles der Monroe und ihrer Ami-Mischpoke überlassen. Ich hab da auch’n Zimmerchen.«

Wir ließen die letzten Häuser von Datchet hinter uns und hatten nun eine lange Gerade vor uns, die direkt auf die Brücke über die Themse zu führte. Von dem Ford war weit und breit nichts zu sehen.

»Wir haben sie verloren!«, kam jetzt nur noch ein schwaches Keuchen von Smith. Er kaute auf der Unterlippe. Und dann glomm offenbar doch noch einmal ein Funke Hoffnung in ihm auf: »Vielleicht ist ja alles halb so wild, und sie macht nur eine ihrer Extratouren. Womöglich lässt sie sich ja von diesem Kerl nach Parkside bringen. Das ist meine einzige Chance. Sonst bin ich den Job los, und das Gespött der alten Jungs ist mir sicher.«

»Wie weit ist es denn noch?«, fragte ich.

»Knappe vier Meilen.«

»Na, dann geben Sie mal Gas«, beschwor ihn Merridew.

Wir erreichten das hölzerne Tor von Parkside House in rekordverdächtiger Bestzeit. Smith sprang aus dem Wagen und öffnete einen Flügel, sodass wir hineinfahren konnten. Auch hier gab es keine Spur des anderen Wagens. Dafür stand eine große Limousine auf dem Vorplatz, ein auf Hochglanz polierter Austin Princess mit cremefarbener Karosserie, schwarzer Motorhaube und schwarzem Dach.

Wie der geölte Blitz lief Smith zum Haus hinüber und klingelte Sturm.

»Es war der Mann vom Parkplatz bei Madame Tussauds.«

Merridew sah mich überrascht an. »Der Mann, mit dem die Assistentin sprach?«

»Ja, der Mann hinterm Steuer, das war er. Ich bin mir absolut sicher.«

»Donnerwetter, das fügt ja schon mal ein paar Sachen zusammen. Aber es ist ein bisschen wie die Geteilte Brücke. So richtig passt das alles noch nicht.«

Als Smith mit mürrisch nach unten gezogenen Mundwinkeln von der rosenumrankten Eingangstür des weißen Hauptgebäudes zurückkam, wussten wir gleich, dass er in ernsten Schwierigkeiten steckte.

»Weder sie, noch der Kerl, noch ein türkisfarbener Ford Anglia, verdammt!«, knurrte Smith, als er wieder zu uns ins Auto stieg. »Evans, der Fahrer weiß von nichts. Halten Sie mal rechts an, hat sie gesagt, und ihm dann befohlen, weiterzufahren. Das gibt’s doch nicht! Warum trifft die sich da mit fremden Männern?«

»Viel schlimmer noch: Warum verschwindet sie so einfach von der Bildfläche?«, sagte ich.

»Entführt?«, fragte Smith mit gerunzelter Stirn.

Merridew nickte nachdenklich. »Könnte man meinen.«

»Na Mahlzeit! Die berühmteste Schauspielerin der Welt, entführt! Mitten im Film! Die Katastrophe der Katastrophen! Dagegen ist die Suezkrise ein Senioren-Tanztee. Ich kann einpacken, Jungs.«

Ich konnte in diesem Moment Merridews Gesicht im Spiegel sehen. Da war dieses verräterische Flackern in seinen Augen, das ich nur zu gut kannte. Er hatte Feuer gefangen.

»Wo bleibt denn Ihr Kampfgeist, alter Knabe? Noch ist offenbar keine Lösegeldforderung eingegangen. Ja, noch weiß niemand, dass das blonde Püppchen aus Übersee überhaupt weg ist.«

»Außer uns«, warf ich ein.

Smith stöhnte. »Aber was sollen wir denn jetzt tun? Wir haben weder das Kennzeichen, noch wissen wir, wer der Knilch ist, der das Auto gefahren hat!«

»Stimmt nicht ganz, mein Guter, stimmt nicht ganz.«

Smith starrte Merridew ungläubig an. Der zwinkerte heiter zurück. »Bei einem Pint werden wir Ihnen erzählen, was wir wissen. Und dann wollen wir doch mal sehen, ob es uns nicht gelingen kann, die Entführung zu beenden, bevor sie überhaupt so richtig angefangen hat.«


Wir saßen im Schatten eines Sonnenschirms auf den hölzernen Bänken vor dem Fox and Hounds in Englefield Green, und Smith ließ sich unser Erlebnis vom Vormittag erzählen. Während ich so exakt wie möglich wiedergab, was wir bei dem ominösen Telefonat belauscht hatten, hatte Merridew in Windeseile einen üppigen Ploughman’s Lunch mit zwei Pint Bitter hinuntergespült. Smith hatte mir mit zusammengekniffenen Augen sehr aufmerksam zugehört. Er war ein gewiefter, alter Kriminaler, der sich seine Emotionen nur selten anmerken ließ. Die Wut über den verpatzten Überwachungsauftrag hatte ihn vorhin zwar übermannt, aber mittlerweile hatte er sich offenbar wieder gefangen.

»Ich schulde Ihnen noch einen Gefallen, Smith«, sagte Merridew mit generösem Tonfall und pikte mit einem silbernen Zahnstocher zwischen seinen Zähnen herum. »Sie erinnern sich doch an den Fall Oldwicker?«

»Klar, wie könnte ich den vergessen?«

Zu mir gewandt erklärte Merridew: »Wissen Sie, Nigel, es war vor zwölf Jahren. Der Mörder von Mike Oldwicker, diesem berühmten Tiefseetaucher aus dem Örtchen Wheel in Wiltshire, hätte mich um ein Haar mit einer Harpune durchbohrt, als ich ihm und seinem perfiden Verbrechen auf die Schliche kam. Aber Superintendent Smith hat ihn im letzten Moment mit einer Sauerstoffflasche ausgeknockt.«

Auf den Lippen des Expolizisten zeigte sich der Anflug eines Lächelns, als er in sein fast leeres Bierglas blickte. »Ach was, Merridew, wir sind quitt. Sie waren immerhin derjenige, der das Rätsel um das mysteriöse Ableben Oldwickers gelöst hat!«

Merridew strahlte. »Oh ja, und was für ein überaus vergnüglicher Mord das war! Dieser tollkühne Mike Oldwicker ertrank nicht etwa zweihundert Meter tief im salzigen Indischen Ozean, sondern mitten in seinem Wohnzimmer in Wiltshire im ziemlich kalkhaltigen Leitungswasser! In sitzender Haltung auf einem geblümten Sofa!«

»Ertrunken?«, fragte ich ungläubig. »Im Wohnzimmer?«

Merridew gluckste vor Vergnügen. »Oh ja, beim Anprobieren seines neuen Taucheranzugs! Der Mörder hatte unbemerkt den Wasserschlauch an die Öffnung für die Sauerstoffzufuhr angeschlossen, und dann – Wasser Marsch!«

Ich blickte auf meine Armbanduhr. »Meine Herren, so sehr ich Ihre nostalgischen Anwandlungen auch nachvollziehen kann, wäre es nicht an der Zeit, etwas zu unternehmen?«

Smith hatte wieder sein ernstes Gesicht aufgesetzt und nickte. »Allerdings. Es wird langsam Zeit. Ich hab’s euch erzählt: Marilyn Monroe schluckt Pillen und verschläft regelmäßig den Drehbeginn. Alle am Set sind schon völlig mit den Nerven runter, weil sie manchmal einfach ein, zwei Tage gar nicht erscheint. Wenn es uns gelingt, sie zu finden, bevor überhaupt einer gemerkt hat, dass sie weg ist, ist vielleicht noch was zu retten.«

»Wenn es keine Lösegeldforderung gibt, ist das doch eigentlich auch nicht gut«, warf ich ein.

Die beiden sahen mich fragend an.

»Na, immerhin sprach die junge Frau am Telefon von Mord.«

»Mord, richtig! Oh Mann«, stöhnte Smith. »So ein verfluchter Dreck.«

»Wir fahren noch einmal zu Madame Tussauds und fühlen der jungen Dame im Kittel ein wenig auf den Zahn.«, entschied Merridew. »Und Sie, Roger, kümmern sich darum, dass wir noch heute Nachmittag Zutritt zum Studio bekommen.«

»Um Gottes Willen, die werden wissen wollen, was ihr da zu suchen habt!«, protestierte Smith.

Merridew winkte mit großer Geste ab. »Kein Mensch wird uns von echten Bewunderern der Kinematographie unterscheiden können. Wir kommen wegen des dort entstehenden Meisterwerks Der Prinz und die Tänzerin, und wegen nichts anderem!«

»Junge, Junge, wenn das mal gut geht«, knurrte Smith.

3


Wir fanden Mr Anselm im untersten Stock der Ausstellungsräume des Wachsfigurenkabinetts. Er war ausgesprochen verwundert, uns schon so rasch wiederzusehen. Seine Brille hatte er immer noch auf den Kopf geschoben, und ich fragte mich, ob er sie überhaupt benutzte, oder ob sie nicht vielmehr eine Art modisches Accessoire war.

Er erklärte uns ungefragt sein Vorhandensein im Ausstellungsraum: »Die Besucher werfen immer mit irgendwelchen Sachen nach Hitler.«

»Bisschen spät«, grunzte Merridew.

»Sehen Sie, hier. Die Nase ist schon wieder ramponiert.«

In der Tat hatte irgendein Wurfgeschoss deutliche Spuren im Gesicht des Diktators hinterlassen. Anselm war mit provisorischem Flickwerk beschäftigt, während die Besucher des Museums vorbeigingen und sich schaudernd der morbiden Atmosphäre des Horrorkabinetts hingaben.

»Und hier unten wird wohl auch mein Freund, Lord Merridew zu stehen kommen?«, fragte ich keck.

Merridew warf mir einen böse funkelnden Blick zu. »Keine blöden Witzchen, Nigel. Ich gehöre ja wohl eher zu den gekrönten Häuptern weiter oben!«

Aber Anselm gefiel der Spaß. »Ihr Freund hat irgendwie recht. Gleich neben Crippen und Christie, das wäre doch was. Ihre Klientel, oder nicht?«

»Pah! Denen hätte ich zu ihrer Zeit jedenfalls schneller das Handwerk gelegt!«

Ich beschloss, das Gespräch in die richtige Bahn zu lenken: »Wir haben eine Bitte, die Ihnen vielleicht ein wenig ungewöhnlich vorkommen mag. Wissen Sie wohl, wo sich Miss Markham zurzeit aufhalten könnte? Wir würden gerne mit ihr sprechen.«

»Miss Markham? Cathy?«

»Ganz recht«, sagte Merridew in betont unverfänglichem Tonfall. »Wir müssten ihr ein, zwei klitzekleine Fragen stellen.«

»Seltsam, dass Sie sich nach ihr erkundigen. Sie ist heute nicht aus der Mittagspause zurückgekommen.« Anselm machte ein ernstes Gesicht. »Eigentlich wäre das hier ihre Aufgabe.«

»Ist sie krank geworden?«

»So scheint es«, sagte Anselm. »Ich hoffe, es ist nichts Ernstes, denn wir haben im Moment einen kleinen personellen Engpass.«

»Eine plötzliche Übelkeit.« Die Stimme kam von der anderen Assistentin, die überraschend aus dem Dunkel trat. »Es kam wie angeflogen. Cathy wurde von einem Moment auf den nächsten sehr blass und bat darum, nach Hause gehen zu dürfen.«

Anselm wedelte mit der Hand in ihre Richtung. »Miranda Fowley haben Sie ja heute Morgen schon kennengelernt.«

Erst jetzt betrachtete ich sie genauer. Ihre Züge waren ausgesprochen hart, fast unweiblich, die Augenbrauen dunkel und streng zusammengeschoben.

Merridew konnte die Aufregung in seiner Stimme nicht verbergen, als er fragte: »Hat Miss Markham jemanden, der … Miss ist doch korrekt, oder?«

Während Anselm nur unwissend mit den Schultern zuckte, nickte die junge Frau zustimmend. »Sie ist nicht verheiratet.«

»Ist sie sonst wie liiert?«, führte ich die Frage meines Freundes fort.

»Nein, schon eine ganze Weile nicht mehr. Überhaupt gibt es da kaum Männerbekanntschaften. Vor zwei Jahren war da mal einer aus Camden Town, aber das endete in einer Katastrophe.«

»Inwiefern?« Merridew stellte seine Fragen weniger schroff und fordernd als üblich, mit nahezu sanftem Tonfall. Bei Frauen zeitigte das häufig die erhoffte Wirkung. »Was war denn so katastrophal?«

»Der Kerl hatte sich nicht unter Kontrolle. Cathy musste oft das Haar offen tragen, und mal saß der Scheitel links, mal rechts, damit die Locke über das jeweilige Auge … Sie verstehen schon …« Ihre Handbewegung machte deutlich, was vorgefallen war.

»Heute Morgen, da war ein Mann auf dem Hof«, sagte ich.

»Crippen!«, lachte Miranda Fowley auf. »Bei Gott, nein!«

»Crippen?«

Ihr Finger deutete in eine Ecke des Raumes irgendwo hinter mir. Als ich mich umwandte, sah ich das wächserne Abbild des Mörders Dr. Hawley Crippen, und ich konnte eine Ähnlichkeit mit dem Mann, den ich gesehen hatte, nicht verhehlen. Das Abbild eines verklemmten Einzelgängers. Das Gegenteil eines Mannes, der Frauen mit seinem Charme anzuziehen vermochte.

»Wir nennen den Kerl Crippen, weil Cathy uns seinen richtigen Namen nicht nennen mag. Er hat sie schon ein paar Mal hier aufgesucht, und das scheint ihr irgendwie unangenehm zu sein. Sie sagt, er sei ein entfernter Verwandter.« Miranda Fowley begann, Anselms Werkzeuge aufzulesen und in einer ledernen Tasche zu verstauen.

Anselm legte nachdenklich den Finger an die Unterlippe. »Ich habe sie einmal in Hampstead Heath gesehen. Sie saßen zu zweit auf einer Bank und blickten auf London herunter. Sah irgendwie nicht nach einem trauten Tête-à-Tête aus.«

Ich versuchte, mir noch einmal die Szene vom Vormittag ins Gedächtnis zurückzurufen. Der Mann hatte sie beim Kinn gefasst. Oder war es die Wange gewesen?

»Aber warum interessiert Sie das eigentlich alles?« Anselm lächelte unsicher. »Hat der Kerl was verbrochen?«

»Man weiß es nicht«, murmelte Merridew nachdenklich und rieb sich mit dem Zeigefinger die Spitze seiner krummen Nase. »Man weiß es nicht. Wo wohnt Miss Markham? Ich fürchte, wir haben Grund, ihr schleunigst einen Besuch abzustatten.«

Die beiden sahen uns alarmiert an.

»Denken Sie etwa, sie ist in Gefahr?«, fragte Anselm.

Statt einer Antwort deutete Merridew nun auf die Ledertasche. »Haben Sie Papier da drin?« Die einfühlsame Befragung war abrupt beendet, und er schlug wieder seinen üblichen Kommandoton an: »Zwischen ihrem ganzen Wachsklimbim werden Sie doch sicher einen Block und einen Bleistift da drin haben.«

»Sicher«, stammelte Anselm. »Stift … Block …, aber, äh …«

Seine Assistentin hatte schon mit flinken Fingern beides hervorgeholt.

»Heute Morgen haben Sie ja ein paar halbwegs akzeptable Skizzen von mir fabriziert. Und nun zeichnen Sie uns doch mal ganz flott ein brauchbares Portrait dieses Kerls mit dem Hut, wenn ich bitten darf.«


An Cathy Markhams Adresse, die Miranda Fowley in der Registratur erfragt hatte, fanden wir ganz in der Nähe der King’s Cross Station, am Ende der Frederica Street ein zweigeschossiges, freistehendes Backsteinhäuschen mit zwei großen Dacherkern. Ein Schild wies es als Pension aus. Auf unser Klingeln hin öffnete eine kleine, alte Dame mit silbernem Dutt und rosigen Bäckchen. Sie stellte sich uns als die Pensionswirtin Mrs Wilberforce vor.

»Miss Markham? Aber gewiss, die wohnt bei mir. Ich fürchte, ich kann Ihnen jedoch keinen Besuch bei ihr erlauben. Herren haben dort oben keinen Zutritt.«

Merridew blickte auf die kleine Gestalt hinab. »Aber was denken Sie denn von uns, Madam?«

»Ganz egal, wie respektabel Sie auch erscheinen mögen, meine Herren, ich mache da keine Ausnahme!« Sie führte uns in ihr Wohnzimmer, das eng und plüschig war, mit üppig grünen Pflanzen, schweren, gerafften Vorhängen, Borte und Litze überall und dicken Orientteppichen – und mit drei Papageien, die auf Stangen und in Käfigen vor sich hin plapperten und flatterten.

Mrs Wilberforce wies auf das mit rotem Samt bespannte Sofa. »Überhaupt möchte ich eigentlich nur noch ungern Herren in dieses Haus lassen. Ich habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gesammelt. Miss Markham ist da mit mir einer Meinung. Ein anständiges Kind. Setzen Sie sich hin.«

»Hinsetzen!«, befahl ein Papagei.

Trotz ihrer schildkrötenhaften Statur wirkte Mrs Wilberforce ungeheuer resolut, und wir fügten uns notgedrungen und nahmen Platz.

»Ist Miss Markham denn wohl zuhause?«, fragte Merridew.

»Sie sollte auf der Arbeit sein. Sie hat eine Anstellung auf der Marylebone Street als …«

»Wissen wir«, grunzte Merridew. »Dort ist sie aber nicht. Wir wollen wissen, ob sie in ihrem Zimmer ist.«

»Nun, sie könnte vorhin gekommen sein, als ich hinterm Haus nach den Kürbissen gesehen habe, und …«

»Würde Sie wohl bitte nachsehen, ob sie da ist?«

»Wenn Sie die Güte hätten, mir zuerst einmal zu sagen, welche Legitimation Sie überhaupt …«

»Himmelherrgott«, platzte es aus Merridew heraus. »Gehen Sie jetzt rauf, und schauen Sie nach, ob sie in ihrem Zimmer ist!«

Die alte Frau stemmte die Hände in die Seiten und schob trotzig das Kinn vor. »Sie mögen einen feinen Zwirn tragen und eine goldene Uhrkette haben, Ihre Fliege mag aus reiner Seide sein, und Ihre Schuhe sind vermutlich aus der Savile Row, aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ihre ungehobelten Manieren auf eine höchst fragwürdige Kinderstube schließen lassen, mein Herr.«

Ein Papagei flatterte mit den Flügeln und rief: »Kinderstube!«

Dann wandte sie sich um und trippelte auf die Zimmertür zu. »Sie rühren sich nicht vom Fleck, Gentlemen!«

»Nicht vom Fleck!«, schnarrte ein Papagei. Und bevor die Pensionswirtin hinausging, wandte sie sich noch einmal zu uns um. »Sind Sie musikalisch?«

Wir schüttelten beide simultan den Kopf.

»Sie spielen kein Instrument?«

Erneutes Kopfschütteln.

»Gut«, sagte sie. »Das spricht für Sie.«

»Eins ist schon mal sicher«, sagte ich, als sie verschwunden war, »hier hat der Mann mit Hut bestimmt keinen Zutritt. Kein Wunder, dass er Cathy Markham auf der Arbeit belästigt.«

»Warum flüstern Sie?«

»Wir werden belauscht«, sagte ich leise und zeigte auf unsere gefiederten Bewacher.

»Papperlapapp«, knurrte Merridew ungeduldig. »Ich hoffe, die alte Schachtel legt einen Zahn zu, sonst mache ich ihr eine Federboa aus ihren drei Krummschnäbeln.«

»Nicht so ruppig, Merridew. Glauben Sie wirklich, Cathy Markham ist in Gefahr?«

»Vielleicht wollte sie ja diese Entführung verhindern. Wenn man nur wüsste, mit wem sie telefoniert hat.« Er knetete seine Hände, die er auf dem Knauf seines Gehstocks gefaltet hatte. »Mrs Wilberforce!«, rief er schließlich laut, sodass die alte Frau es gewiss bis in den ersten Stock gehört haben musste. Die Papageien flatterten alle drei aufgeregt mit den Flügeln.

Und fast im selben Augenblick erschien die kleine Gestalt der Pensionswirtin wieder im Türrahmen. »Bedaure, aber sie ist nicht da, Gentlemen.«

»Haben Sie geklopft?«

»Ja, das tat ich!«

»Haben Sie ins Zimmer hineingesehen?«

»Auch das habe ich gemacht!«

Merridew sprang vom Sofa auf. »Jetzt reicht’s aber! Wir müssen sofort einen Blick in das Zimmer der jungen Dame werfen!«

Jetzt war es mit der Geduld der Alten endgültig vorbei. »Das werden Sie keinesfalls tun, Gentlemen! Miss Markhams Zimmer betreten Sie nur über meine Leiche!«

»Da müssen wir ja nicht mehr lange warten«, entfuhr es meinem Freund.

Einen kurzen Moment blickten die beiden Kontrahenten einander starr in die Augen.

Ehe wir’s uns versahen, hielt Mrs Wilberforce plötzlich einen Regenschirm in der Hand und erhob zitternd die Stimme. »Zeter und Mordio werde ich schreien, hören Sie! Man kennt mich auf der hiesigen Polizeistation, und im Nu wird jemand kommen und Sie verhaften! Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus. Hören Sie, auf der Stelle!«

»Auf der Stelle!«, krähte einer der Papageien hinter uns her, während wir das Wohnzimmer verließen.

Merridew drehte sich noch einmal um und versuchte es ein letztes Mal: »Können Sie uns wenigstens sagen, wo Miss Markham sein könnte, wenn sie nicht auf der Arbeit oder in ihrem Zimmer ist?«

»Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben!« Sie hatte die Schirmspitze immer noch auf uns gerichtet. »Sie hat keine Verwandten. Vielleicht ist sie bei einer ihrer Freundinnen. Bei Miss Peabody oder Miss Menzies oder Miss Fitzwilliam womöglich.«

»Oder bei diesem Mann?« Geistesgegenwärtig hatte ich die Zeichnung hervorgeholt, die uns Mr Anselm kurz zuvor angefertigt hatte.

Sie warf nur einen flüchtigen Blick darauf. »Ich sagte bereits, dass Miss Markham keine Männerbekanntschaften pflegt!«

»Kennen Sie den Mann?«

»Nein! Macht er Musik?«

»Das wissen wir nicht. War er schon mal vor dem Haus?«

»Nein! Gehen Sie jetzt!«

»Gehen Sie jetzt!«, echote es von nebenan.

Wir gaben uns schließlich geschlagen und stolperten auf die Straße hinaus.

»So ein zähes, altes Reptil«, zischte Merridew wütend. Es geschah nur sehr selten, dass es ihm nicht gelang, verstockte Zeugen zum Reden zu bringen, aber an dieser hartleibigen Alten hatte er sich zweifellos die Zähne ausgebissen.

»Da vorne ist ein Telefon, Nigel. Kommen Sie, wir rufen Smith an. Vielleicht hat der inzwischen etwas herausgekriegt, das uns weiterbringt.« Und dann stapfte er mit so gewaltigen Schritten auf die rote Telefonzelle zu, als wollte er sie umstoßen.

4


Noch nie zuvor in meinem Leben war ich in einem Filmstudio gewesen. In der Wochenschau hatte ich schon einmal den ein oder anderen Einblick in die großen Londoner Studios bekommen. Es war aus Elstree berichtet worden, aus Twickenham, Shepperton und Ealing, aber als wir uns jetzt vor den Fachwerkgiebeln des Eingangsgebäudes der Pinewood Studios in Iver im Westen Londons wiederfanden, war ich doch etwas aufgeregt. Smith empfing uns vor der Pförtnerloge mit tief herunterhängenden Mundwinkeln und winkte unseren Wagen durch. Zur Rechten standen zahlreiche andere Autos auf einem Parkplatz, auf dem wir den Nash-Healey abstellten.

Mit großen Schritten kam Smith auf uns zu. »Ich bleibe dabei, das ist keine gute Idee«, knurrte er. »Wenn einer von euch auch nur ein einziges falsches Wort sagt, wittern die gleich was.«

Merridew lachte süffisant. »Wer trügen will, kann einen Schein wohl stehlen!«

»Kein Sterbenswort über die Entführung!«

»Machen wir doch mal eine Frage draus«, konterte Merridew. »Hat es schon ein Sterbenswort über die Entführung gegeben?«

Smith schüttelte den Kopf. »Nichts. Alle denken, sie liegt in Parkside in der Heia.« Er bedeutete uns mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.

Wir gingen eine belebte Straße entlang. Arbeiter kamen Kisten schleppend oder mit Gabelstaplern vorbei, schwatzende Personengruppen standen mit oder ohne Kostüm herum, teilweise in Zivil, teilweise als Weltkriegssoldaten ausstaffiert … es war ein buntes Durcheinander. Smith führte uns zwischen großen Gebäudekomplexen und an kleinen Parkanlagen vorbei, und vor dem Eingang zu einer großen Halle zeigte er einen Ausweis und sagte zu einem Uniformierten barsch: »Gehören zu mir«, woraufhin wir passieren konnten.

Die Decke im Inneren des gewaltigen Gebäudes war in unerreichbarer Höhe, die Seitenwände waren in weiter Ferne zu erahnen. Schwarze Vorhänge verhinderten größtenteils den Durchblick, und überall wanden sich dicke Kabelstränge auf dem Boden herum.

Bei jedem Schritt mussten wir jemandem ausweichen, der uns entgegenkam. Wenn wir irgendwo stehen blieben, standen wir unweigerlich irgendwem im Weg.

Metallisches Hämmern war zu hören und großes Stimmengewirr in der Ferne.

»Wenn es irgendwie geht, halte ich mich von diesem Chaos fern.« Roger Smith machte ein Gesicht, als müsse er sich durch einen Käfig voller Aussätziger kämpfen. »Alles Verrückte, wenn ihr mich fragt.«

Irgendwie kamen wir nicht an das eigentliche Set heran. Aktuell stellte es nach Smiths Angaben den rotvioletten Salon in der Botschaft des fiktiven Balkanstaats Karpathia dar. Ich hätte zu gern einen Blick darauf geworfen, aber ich hatte den Verdacht, dass Smith uns in konzentrischen Kreisen drum herum führte, weil er fürchtete, wir könnten jemandem begegnen, bei dem wir uns verplappern könnten.

»Sagen Sie mal, Smith, wann kommen wir denn endlich an? Ostern?«, rief mein Freund Merridew. »So finden wir ja nie einen, den wir befragen können!«

Smith fuhr herum und legte verärgert den Finger auf die Lippen. »Schschscht! Sprechen Sie nicht von befragen! Erwähnen Sie auch nicht so was wie Indizien oder Alibi! Am besten, es merkt niemand, dass Sie überhaupt hier sind!«

»Na, da brat mir doch einer nen Storch! Merridew!«, ertönte laut eine Stimme hinter uns. Wir fuhren herum und sahen uns einem großgewachsenen Mann im mittleren Alter gegenüber, der in einer über und über mit Goldlitze und Troddeln verzierten Paradeuniform steckte. Sein schmallippiger Mund war zu einem breiten Lächeln verzogen, und unter der langen, spitzen Nase hatte man ihm einen künstlichen Schnurrbart angeklebt.

Merridew riss die Arme hoch und hätte beinahe mit seinem Stock einem Requisiteur die Vase in den Händen zertrümmert. »Wattis, Donnerwetter! Sagen Sie bloß, Sie machen bei diesem Hokuspokus mit!«

Natürlich kannte ich Richard Wattis. Sein erkahlender Schulmeisterschädel mit der runden Brille tauchte irgendwann in nahezu jedem Film auf, der in unserem Land gedreht wurde. Dass er zu Merridews Bekanntenkreis gehörte, war mir allerdings neu.

Er trat näher, strich mit seinen dünnen Fingern über das Revers meines Jacketts und schnurrte süßlich: »Und eine stattliche Begleitung hast du mitgebracht, Merridew.«

Merridew stellte mich vor und erklärte, dass uns sein alter Freund Smith einen Rundgang am Set versprochen hatte.

Wattis ließ die dünnen Augenbrauen in die Höhe wandern, wandte sich an Smith, der nervös auf der Unterlippe kaute, und sagte tadelnd: »Na, na, na! Das sollte Sir Larry wohl besser nicht erfahren. Sie wissen doch, dass Olivier … na, dass wir eigentlich alle ein bisschen unter Strom stehen. Diese Dreharbeiten sind ein Desaster. Der Film dürfte eigentlich gar nicht gedreht werden. Monroe und Olivier! Du meine Güte, das sind Sonne und Mond, aber fragt mich nicht, wer wer von beiden ist. Die begegnen einander auch nie, und das hat seinen guten Grund, möchte ich meinen.« Er fasste mich beim Arm und schob mich stellvertretend für alle in Richtung Ausgang. »Kommt mit, Ihr Buben, wir gehen eine qualmen.«

Wenige Minuten später befanden wir uns wieder draußen vor der Halle. Smith blickte ununterbrochen die Studiostraße hinauf und hinunter.

Wattis hielt uns seine Zigarettenschachtel hin, aber keiner von uns griff zu. Der Schriftzug Olivier war auf die Schachtel gedruckt.

»Larrys eigene Sorte bei Benson und Hedges. Er kriegt zwei Pence pro tausend verkaufte Stück, hat alle zwanzig Wochen 500 Päckchen zur freien Verfügung und verteilt sie an uns, als wären’s Sahnebonbons. Schmecken scheußlich.« Wattis inhalierte tief, legte den Kopf in den Nacken und flatterte dramatisch mit den Wimpern. »Noch zwei Monate und der Albtraum ist vorüber.«

Plötzlich zuckte er zusammen und sah Merridew mit weit offenem Mund an. »Bist du etwa beruflich hier, Merri Mouse? Sag schon, hat jemand Marilyn ermordet?«

Smith unterdrückte ein Stöhnen und rieb sich in einer verzweifelten Geste durchs Gesicht.

Mein Freund lachte auf. »Ach was, Dickie, wo denkst du hin! Mein Freund hier wollte mal Filmluft schnuppern. Er ist ein großer Cineast, weißt du?«

Nun galt Wattis’ Aufmerksamkeit wieder ganz mir. »Oh wirklich, ist das so?«, säuselte er. »Nun, ich könnte Ihnen allerhand erzählen, mein lieber Nigel. Und auch zeigen …«

Ich räusperte mich nervös und schoss die erste Frage ab, die mir durch den Kopf ging und halbwegs sinnvoll erschien: »Gäbe es denn wohl Menschen, die Marilyn Monroe etwas antun könnten?«

»Na, ich zum Beispiel!«, rief Wattis aufgebracht. »Mir wäre es wirklich egal, wenn Marilyn morgen tot umfallen würde. Wir zwängen uns jeden Tag frühmorgens in diese abscheulichen, steifen Kostüme mit den brettharten Krägen und schwitzen uns da drinnen halb zu Tode. Und sie schläft gemütlich aus oder kommt einfach überhaupt nicht. Ihr Leben besteht aus Pillen, Sprit, Sex, noch mehr Pillen …« Er seufzte sehnsüchtig. »Mein Gott, das muss wundervoll sein.«

Merridew kicherte tonlos in sich hinein. Sein gewaltiger Bauch zitterte vor Vergnügen.

»Ist sie denn hier?«, fragte ich aufs Geratewohl.

»Ach so …« Wattis musterte mich jetzt abschätzig. »Sie kommen wohl nur wegen ihr, stimmt’s? Alle kommen immer nur wegen ihr. Die haben ja keine Ahnung.«

»Sie ist gar nicht so übel wie alle tun«, murmelte Smith in einem schwachen Versuch, die Hollywood-Diva zu verteidigen. Ich glaubte ihm. Er war ein abgebrühter Bursche mit einem Blick für das Wesentliche. Wenn er einen Funken Sympathie für seine Schutzbefohlene verspürte, kam das nicht von ungefähr.

Wattis ruderte mit einem Kopfwackeln zurück. »Na gut, mag ja sein. Aber sie ist hier einfach fehl am Platz. Frag da drinnen mal jemanden. Da gibt es keinen, der mit ihr was zu tun haben will. Außer der Maskenbildnerin, aber die ist seit zwei Tagen auch weg.«

»Weg?« Merridew hob den Kopf.

»Gefeuert. Fristlos. Hat Requisiten mitgehen lassen, um sie zu verhökern. Das muss man sich mal vorstellen.«

Auch Smith sah ihn verwundert an. »Hab ich gar nicht mitgekriegt.«

»Peabody, die kleine, pummelige mit dem schiefen Mund«, erklärte Wattis. »Man hat einen von Marilyns langen, weißen Handschuhen aus der Ballszene bei ihr im Auto gefunden. Zack – kurzer Prozess.«

»Peabody?«, fragte Merridew. Auch er hatte sich offenbar gleich an den Namen erinnert, den Mrs Wilberforce in ihrer Aufzählung von Cathy Markhams Bekanntschaften erwähnt hatte.

»Ja, Belinda Peabody aus Watford. Langweilige Person, ein richtiges Pflänzchen Rührmichnichtan. Nicht, dass ich ihr irgendwelche Avancen gemacht hätte … Wir haben ab und zu hier draußen gestanden und gepafft. Sie war so verschlossen wie eine Auster. Na, die kann froh sein, wenn sie überhaupt noch mal einen Job kriegt.«

Merridew sah mich auffordernd an. »Zeigen Sie unserem Freund Dickie doch mal die Zeichnung, mein lieber Nigel.«

Ich holte das Blatt Papier aus der Innentasche meines Jacketts und faltete es auseinander.

»Den kenne ich!«, rief Richard Wattis aufgeregt. »Der streunt hier ab und zu rum. Die Aufseher haben ihn schon ein paar Mal rausgeworfen, aber die Peabody scheint ihn irgendwie immer wieder reingeschmuggelt zu haben! Ich weiß nicht, ob er bei ihr landen konnte. Hab sie mal mit dem Auto in Hampstead Heath rausgelassen. Da war sie, glaube ich, mit dem verabredet.« Er nahm die Skizze und blickte noch einmal genauer hin. »Ja, doch, ich bin mir ganz sicher. Das ist der Kerl. Schmieriger, kleiner Bursche, oder?« Er legte plötzlich die Stirn in Falten. »Ich glaube fast, der hat sich nur an die Peabody rangemacht, um hier reinzukommen. Und wisst Ihr auch, warum ich das glaube?«

Wir zuckten mit den Schultern.

»Wartet hier mal einen Moment!« Er huschte durch die Tür ins Innere der Filmhalle.

»Merri Mouse?«, fragte ich. »Habe ich richtig gehört? Merri Mouse?« Ich konnte ein Lachen kaum unterdrücken.

Merridew schnaufte nur und ging nicht weiter darauf ein. Er wandte sich zu Smith um und redete sehr energisch auf ihn ein. »Belinda Peabody aus Watford – aufschreiben, den Namen! Sie sollten schleunigst versuchen, etwas über diese Frau herauszukriegen!«

»Aber wie denn?«

»Ihre ehemaligen Kollegen? Da gibt es doch bestimmt jemanden, der Ihnen noch was schuldig ist!«

»Wie kommen Sie denn ausgerechnet auf diese Maskenbildnerin?«

Merridew erzählte ihm in groben Zügen, was wir bei Mrs Wilberforce in Erfahrung gebracht hatten, und als er damit fertig war, erschien auch schon wieder Richard Wattis und wedelte mit einem großen, braunen Umschlag. »Habe ich aus Larrys Garderobe.« Er sah sich rasch nach allen Seiten um, bevor er ihn öffnete und ein paar großformatige Fotografien herausholte.

Der Anblick des eng beieinanderstehenden Trios amüsierte mich: Wattis und Smith gaben sich mit hin und her gehenden Köpfen überaus geheimniskrämerisch und mein Freund Merridew stellte ganz unverhohlen seine Neugier zur Schau, indem er mit vorgereckter Adlernase die Fotos betrachtete.

»Das sind Fotos von Marilyns Ankunft im Juli«, erklärte Wattis. »Am Abend gab es eine große Pressekonferenz im Savoy in London.«

Auf den Fotos waren fast ausnahmslos Sir Laurence Olivier und Marilyn Monroe zu sehen. Auf einigen aber auch ihre Ehepartner Vivien Leigh und Arthur Miller.

»Guckt mal hier, sogar ihr hat er sein Kraut aufgedrängt.« Olivier zündete Marilyn auf einem der Bilder eine Zigarette an. Ein Foto, das scheinbar große Intimität widerspiegelte – oder sie vielmehr vortäuschte, wenn ich all das bedachte, was ich inzwischen über dieses Filmprojekt erfahren hatte.

»Hier!« Richard Wattis wedelte mit einem Foto. »Hier ist es!«

Die Aufnahme war von irgendjemandem gemacht worden, der bei der Pressekonferenz ungewöhnlicherweise hinter den beiden weltberühmten Schauspielern gestanden hatte. Man sah ihre Hinterköpfe und ihre Rückenpartien. Vor allen Dingen aber sah man vor ihnen eine ganze Meute von Journalisten, deren Köpfe hinter den Fotoapparaten verborgen waren. Sie schienen alle gleichzeitig auf den Auslöser zu drücken, weil das Motiv, das sich ihnen in diesem Augenblick bot, offenbar besonders lohnenswert war. Alle schossen dasselbe Bild.

Nur einer nicht.

Einer von ihnen hielt seine Kamera mit dem Objektiv nach unten. Er dachte nicht daran, ein Foto zu machen. Er starrte nur in Richtung der platinblonden Kino-Göttin, die gerade erst über den großen Teich nach England gekommen war. Es gab keinen Zweifel: das war der Mann, den ich am Vormittag in London gesehen hatte.

Merridew fingerte aufgeregt in seiner rechten Westentasche nach einer kleinen, ausklappbaren Lupe im Lederetui, die an einer Kette hing. Als er sich damit über das Foto beugte, gab er ein zufriedenes Brummen von sich, so wie ein Bär, der doch tatsächlich das verflixte Honigglas aufgeschraubt bekommen hat.

»Oho! Der Presseausweis an der Brust … Daily Mail!«, murmelte er. »Na bitte, wer sagt’s denn! A. Gilchrist.« Er sah zu uns auf und strahlte mit rot glänzenden Wangen. »Dickie, damit machst du uns eine große Freude.«

»Ich merke es«, sagte der Schauspieler mit zusammengekniffenen Augen. »Und ich fresse einen Besen samt knackigem jungem Straßenfeger, wenn du hier nicht doch in irgendeiner Sache ermittelst, Merri!«

Merridew senkte vertraulich seine Stimme, und ich merkte, wie Smith zur Salzsäule erstarrte. »Weil ich dich nun mal so gut leiden mag, Dickie, verrate ich es dir. Es geht …« Diesmal blickte er sich vorsichtig um. Smith biss sich auf die Fingernägel. »… um eine Bande von räuberischen Film-Devotionalien-Händlern!«

»Ha! Wusste ich’s doch!«

»Jede Menge Taschentücher, Schlipse und Manschettenknöpfe von Danny Kaye sind in Umlauf. BHs und falsche Wimpern von Diana Dors. Und ein Rasierapparat von Dirk Bogarde ist gerade für fünfhundert Pfund verhökert worden! Alles von den Filmsets gemopst!«

»Dirk Bogarde?«, hauchte Wattis ergriffen. »Der dreht gerade hier in Halle drei. Hach, da wäre ich lieber. Ein Weltkriegsdrama und nicht so ein Kostümtingeltangel!« Er zündete sich eine neue Zigarette an.

Merridew klopfte ihm auf die Schulter. »Bleibt aber unter uns.«

»Selbstredend.«

Als wir gingen, rief Wattis noch: »Ach, und Nigel … Wenn Sie doch mal Lust auf ein Ründchen durch Soho haben – Merri Mouse hat meine Nummer!«


Kurz darauf saßen wir wieder in meinem Auto und verließen das Studiogelände auf dem Weg, auf dem wir gekommen waren. Mein erster Besuch in einem Filmstudio hatte keine prägenden Eindrücke hinterlassen. Dazu hatten wir einfach nicht tief genug ins Herz des cineastischen Kreißsaals vordringen können

Smith war unterwegs zu Scotland Yard. Widerwillig zwar, doch überzeugt davon, dass es von großer Wichtigkeit war, alle Quellen anzuzapfen, derer er habhaft werden konnte.

»Schon wieder Hampstead Heath«, sagte ich. »Ist es Ihnen aufgefallen?«

»Natürlich ist mir das aufgefallen. Ein blinder Einbeiniger ohne Ohren hätte das mitgekriegt. Das Männlein mit Hut pflegt seine Damenbekanntschaften mit Vorliebe auf die Heide zu entführen.«

»Ist ja auch schön dort oben.«

»Ja, aber auch eine reichlich züchtige Angelegenheit. Ziemlich belebt ist es da doch immer. Halt, Momentchen mal!« Er griff mir fast ins Steuer, als er rief: »Fahren Sie da vorne mal rechts.«

»Was? Nicht nach London? Wir wollten doch zur Daily Mail. Ich sagte Ihnen doch, dass mein alter Kumpel Clarence Philby dort arbeitet.«

»Keine Sorge, wir besuchen Ihren Clarence schon noch, aber ich möchte zuvor noch einen kleinen Umweg machen.«

Gehorsam setzte ich den Blinker und bog rechts ab. »Etwa noch mal nach Datchet?«, fragte ich, als ich kapierte, dass wir nun den Weg nahmen, den am Mittag auch Marilyn Monroe mit ihrem Fahrer genommen haben musste.

»So ungefähr. Ich möchte bei dieser Themsebrücke einen kleinen Halt machen.«

»Und was hoffen Sie dort zu finden?«

Er wackelte mit dem Kopf und schob die Unterlippe vor. »Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur. Ich weiß noch nicht. Sachen … Dinge … irgendwas.«

Als wir wenig später auf die Brücke zufuhren, konnte ich mir nicht verkneifen, noch einmal auf das Treffen mit Wattis zurückzukommen: »Merri Mouse? Habe ich das vorhin richtig mitbekommen?«

»Das bereitet Ihnen Spaß, was? Ich versichere Ihnen, dass Dickie Wattis der einzige Mensch auf Gottes Erden ist, der mich so nennt. Gemeinhin sind meine Kosenamen deutlich passender.«

»Die da wären?«

»Mr Mystery, Murderdew oder einfach ganz bescheiden Mighty M! Da vorne! Sehen Sie die Einmündung?«

Gerade als die Brücke in Sicht kam, zweigte linker Hand zwischen dem Gestrüpp, das die Fahrbahn säumte, ein Weg ab.

»Da rein, los!«

Reflexartig bremste ich und bog links ab, was den Fahrer hinter uns zu lautem Hupen veranlasste.

Der Weg verlief ein paar Meter entlang der Straße und führte dann nach rechts unter der Brücke durch. Unter der Fahrbahn, am Brückenkopf, war ein breiter Streifen, auf dem mühelos ein Auto parken und sogar wenden konnte.

»Was denken Sie, Nigel, wäre das nicht ein famoses Plätzchen, um lästige Verfolger abzuschütteln?«

»Möglicherweise.«

»Fragen wir doch mal die Burschen da!«

Zwei Angler hockten ein paar Meter weiter auf ihren Klappstühlen am Ufer und hielten geduldig ihre Angeln ins Wasser.

Ich schaltete den Motor ab, und wir stiegen aus. Merridew ächzte und machte zur Lockerung demonstrativ ein paar rudernde Bewegungen mit den Armen. »Junge Junge, eine Schildkröte hat in ihrem Panzer ja mehr Platz!«, knurrte er und warf die Autotür mit mehr Schwung zu als nötig. »He, ho, die Herren da!« Er ging auf die beiden zu und winkte mit dem Gehstock. »Was angeln wir denn heute?«

Die zwei Männer blickten zuerst einander in die knorrigen Gesichter, bevor einer halblaut herauspresste: »Sie werden nicht drauf kommen: Fische.«

»Hohoho!« Merridews Lachen war so dröhnend, dass es die Wasseroberfläche zu kräuseln schien und sicherlich dem Erfolg dieses Angelausflugs wenig zuträglich war. »Was denn für Fische?«

Wieder suchten die beiden zuerst den Blickkontakt mit dem jeweils anderen, bevor einer sagte: »Sie wollen jetzt aber nicht die lateinischen Namen und all so was?«

»Hechte? Barben?«, fragte ich, da mein Vetter Olly mich zwei- oder dreimal im Jahr mit zum Angeln nahm.

Den beiden Männern erschien ich im Gegensatz zu meinem Freund ein akzeptabler Gesprächspartner zu sein – vielleicht auch weil ich meine Stimme etwas dämpfte. Sie deuteten auf ihre Eimer. »Paar Barben«, sagte der eine. »Und nur ein Aal.«

Der andere rümpfte die Nase. »Früher war hier mehr los. Da sprangen einem die Jungs von selber in den Eimer, wenn man da vorne um die Ecke kam.«

Der eine nickte mit grimmigem Gesicht und spuckte ins Wasser. »Ist heute zu viel Dreck im Fluss. Hier geht’s ja noch, aber ab London braucht man’s gar nicht mehr zu versuchen. Richtige Drecksbrühe ist das da.«

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich meinen Freund, der unterdessen im Schatten der Brücke den unbefestigten Boden untersuchte. Er stocherte mit dem Stock zwischen den Brennnesseln herum und fuhr mit den glänzenden Schuhspitzen durch die dürren Grasbüschel. Das Fragen überließ er mir. Vermutlich steckte ihm noch der Besuch bei Mrs Wilberforce in den Knochen.

»Kommen hier viele angeln?«, plauderte ich also weiter.

»Kann man nicht sagen.«

»Sind Sie denn regelmäßig hier?«

»So ziemlich.«

»Immer an derselben Stelle?«

»Oft«, sagte der eine.

»Meistens«, der andere.

Was der Erste wiederum mit »Manchmal nicht« quittierte.

Ich atmete tief durch. Fabelhafte Zeugen mit Aussagen von bemerkenswerter Präzision und apodiktischer Bestimmtheit. Es war die helle Freude.

»Heute Mittag, so zwischen halb zwei und zwei, waren Sie da auch hier?«

»Wir gucken nicht auf die Uhr«, meinte der eine.

»Also nach eins? Kann schon sein« der andere.

»Möglich isses«, waren sie sich einig.

»Kam da vielleicht ein Auto unter die Brücke gefahren?«

Augenblicklich grinsten sie einander breit an.

»Kommen öfters Autos hier runter«, sagte der eine und kicherte anzüglich.

»Aber nicht zum Angeln.« Das dreckige Lachen, in das sie jetzt simultan ausbrachen und das sie mit wildem Schenkelklopfen begleiteten, vertrieb mit Sicherheit auch noch die letzten Fische.

»Und heute Mittag, war da eins?«

Sie nickten beiläufig, und während der eine begann, eine Pfeife zu stopfen, schnäuzte sich der andere in ein kariertes Taschentuch.

Mit dem ersten Paffen des Tabakqualms kam endlich die erhoffte Auskunft: »So was Türkises. Ford, glaub ich.«

»Aha!«, rief ich laut und blickte zu Merridew hinüber, der gänzlich unbeteiligt tat und sich gerade tief nach etwas bückte. »Konnten Sie denn sehen, wer darin saß?«

Der Angler mit dem Taschentuch deutete mit seinem krummen Daumen schräg hinter sich. »Können Sie nicht sehen, wenn der Wagen unter der Brücke steht. Zu schattig, gucken Sie doch.«

Er hatte recht. Aber ich wusste ja, wer in dem Auto gesessen hatte. Bemerkenswert erschien mir, dass es offenbar keinen Streit oder kein Handgemenge in dem Auto gegeben hatte.

Das hätten die beiden mit Sicherheit mitbekommen.

»Also dann Petri Heil«, sagte ich und ging zu Merridew hinüber.

»Sie haben ein Auto gesehen. Es war sicher der Ford Anglia, und ich wette …«

»Ja, ja, ja!«, winkte Merridew ab. »Habe alles mit angehört. Verdammt ausgefuchste Verhörtaktik haben Sie drauf, alter Knabe. Miss Monroe war also hier. Habe ich auch so schon herausgefunden.«

»Ach, und wie?«

Statt einer Antwort hielt er mir einen Zigarettenstummel unter die Nase. Ich konnte deutlich Spuren eines blassen Lippenstifts auf dem Filter erkennen, und außerdem stand mit winzig kleinen, goldfarbenen Buchstaben der Name Olivier darauf geschrieben.

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Volume:
285 p. 10 illustrations
ISBN:
9783954415748
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