Read the book: «2022 – Unser Land»
Rainer Hampel
2022 – UNSER LAND
Kriminalroman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Covergestaltung: Tino Hemmann unter Verwendung der Zeichnung
„Euro Monument“ © Gernot Krautberger (Fotolia)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
11. KAPITEL
12. KAPITEL
13. KAPITEL
14. KAPITEL
15. KAPITEL
16. KAPITEL
17. KAPITEL
18. KAPITEL
EPILOG
1. KAPITEL
Die Jungs bogen von der Südstraße in die RMA ab. Es war Sonnabendvormittag und sie kamen von einer Party, auf der sie früh um sieben das letzte Bier getrunken hatten. Als RMA bezeichneten die Bewohner der Südvorstadt die Richard-Mayer-Allee – die Abkürzung hatte sich in den 2010-er Jahren eingebürgert. Das Trio war nicht vollständig betrunken, aber für ihr Alter waren sie ziemlich großkotzig unterwegs. Paul war mit knapp 15 der Älteste und machte den Anführer; Max und Dominik stellten mäßige Mitläufer dar. Eine echte Freundschaft verband die drei nicht, aber ihre Zeit brachten sie meist gemeinsam mit kleinkriminellen Unternehmungen durch.
Paul war Jahrgang 2004 und ging seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule. Seine Eltern bemühten sich halbwegs um ihn, aber seit Beginn der Pubertät entglitt ihnen die Kontrolle über den bereits vorbestraften Sohn zusehends. Das war bei den beiden Mitläufern ähnlich, außer dass sie noch nicht mit dem Gesetz Bekanntschaft gemacht hatten. Sie bewunderten Paul für seinen bereits verbüßten Gefängnisaufenthalt von einem halben Jahr, mit dem seine zunehmende Gewalttätigkeit gegenüber seinen ehemaligen Mitschülern bestraft wurde.
„Junger Mann“, hatte der Jugendrichter zu ihm in der Urteilsverkündung gesagt, „solche niederen Elemente wie du zerstören seit Jahren unseren sozialen Frieden. Ihr habt vor nichts und niemandem Respekt und wütet mit Brutalität durch unsere Gesellschaft. Ich sehne mir die Prügel- und die Todesstrafe wieder herbei, um Typen wie dich in den Griff zu bekommen. Das halbe Jahr Knast macht dir wenig aus – ich weiß es und glaube, dass wir uns künftig regelmäßig sehen. Der Bürgerwehr werde ich nach deiner Entlassung einen direkten Auftrag für dich geben. Ich verurteile dich wegen mehrfacher grober Körperverletzungen, Beleidigungen, Geldbetrug und Verletzung der Schulpflicht zu einem halben Jahr Jugendgefängnis. Bessere dich!“
Der Richter wusste, wie sinnlos sein Vorgehen war. Die Delikte, die Paul vorgeworfen wurden, stellten eine Normalität unter Zehn- bis 25-Jährigen dar. Pro Woche standen ihm in dieser Weise bis zu hundert Jugendliche gegenüber, über die er mit der ihm möglichen Härte zu urteilen hatte. Pauls Erwiderung auf die Verurteilung war kurz und knapp: „Du kannst mich mal.“
An diesem Sonnabend war er seit einer Woche wieder draußen und hielt seitdem Kurs auf die vom Jugendrichter angekündigte Deliktkarriere. Seit den landesweiten brutalen Teenagerunruhen von 2017 war das die Normalität. 265 Jugendliche und 40 Polizeibeamte waren dabei ums Leben gekommen. Damals war Paul elf Jahre alt gewesen und hatte tatsächlich seine ersten Pflastersteine am Bannewitzer Kreuz auf Polizisten geworfen.
Die Jungen waren inzwischen an der Ecke Zahlstraße angekommen. Die junge Frau aus der Nummer 9b trat gerade aus der Haustür und registrierte die Gruppe eine Sekunde zu spät. Hätte sie die Jungen einen Moment früher bemerkt, wäre sie zurück in den Flur gegangen und hätte gewartet, bis sie außer Sichtweite sind. Seit Jahren konnten Rotzjungen wie Paul und seine Kumpane wild marodierend durch die Straßen ziehen. Über Sachbeschädigungen, Beleidigungen, tätliche Angriffe mit Raub oder Erpressung – oder beidem – regte sich in dieser Republik niemand mehr auf. Zu massiv waren die Gesetzesübertretungen nahezu jeder Bevölkerungs- und Altersschicht. Alte, Frauen und auch männliche „Opfertypen“ waren ihrer Habe und ihrer Gesundheit nicht mehr sicher, wenn sie alleine unterwegs waren. Zu groß war die Chance, Jungen wie Paul oder Jugendbanden in die Hände zu fallen, zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden. Das war die rohe soziale Realität in der siebzig Jahre zuvor gegründeten Republik. Die junge Frau erfasste ihren nicht rückgängig zu machenden Fehler und richtete sich auf äußerste Schwierigkeiten – vielleicht einen Wendepunkt in ihrem Leben – ein.
Die Frau hieß mit Spitznamen Jacky, war 21 Jahre alt und auf dem Weg zu ihrem Zweitjob in einer Pflegestation. Sie tat so, als würde es ihr nichts ausmachen, ein Stück ihres Weges vor den Jungen zu laufen. Schnellen Schrittes schlug sie ihren Weg Richtung Westen ein. Die drei sahen sich an und unterbrachen ihre Unterhaltung. Paul knuffte seinen Ellenbogen in Max’ Seite und sah ihn schräg an. Er hatte ein dreckiges Grinsen im Gesicht und kniff ein Auge kurz zu.
Dominik, der am meisten Zurückgebliebene unter seinesgleichen, pfiff durch die Zahnlücke seiner Schneidezähne aus. Die junge Frau beschleunigte ihren Gang und versuchte krampfhaft, sich nicht umzudrehen. Sie war den einzelnen Jungen körperlich überlegen, zu dritt hatten die drei jedoch eindeutig die Oberhand und trauten sich einiges zu. Paul zischte leise: „Los, die Alte hat jetzt Spaß mit uns. Schon mal gevögelt, Dominik? Brauchst nichts sagen, wir werden mal sehen, was geht. Max, wenn sie vorne am Ende des letzten Grundstückes ist, machen wir sie nieder. Gleich rechts dort ins Gebüsch. Seid ihr dabei?“
Dominik antwortete zuerst: „Na klar, Alter, ich warte schon zwölf Jahre drauf. Mach du’s zuerst.“
Auch Max war mit dem Vorhaben einverstanden und so beschleunigten auch sie ihren Lauf. Jacky ahnte mehr und mehr, was auf sie zukam, und sah sich nun doch um. Die Jungen waren nur noch wenige Meter hinter ihr und bemühten sich, den Abstand beizubehalten. Noch ein paar Schritte und sie gelangte in den unbewohnten Teil der Straße, in dem es rechts und links nur noch verwahrloste und ausgebrannte Grundstücke gab – ein idealer Ort, um einer Frau Gewalt anzutun. Sie öffnete im Gehen ihre Gürteltasche und zog ein schweres Taschenmesser heraus. Vor ihrem Körper und so, dass es die Jungen nicht sehen konnten, öffnete sie die Klinge und ließ sie in die Arretierung einrasten. ‚Den Wichsern zeig ich’s‘, dachte sie und bog nach rechts ab.
Nur zwei Sekunden später rannten ihr Paul und seine Kumpane hinterher. Max, sonst eher der Unentschlossene, schien bei der Aktion eine aktive Rolle übernehmen zu wollen, erreichte sie als Erster und griff ihr an den Hals. Zu spät sah er, dass sie mit aller Kraft mit dem Messer nach ihm hieb. Die Klinge traf ihn am Oberarm und drang in seinen Muskel. Er schrie laut auf und brach den Angriff ab. Vor Schmerz nicht in der Lage, weiter aufrecht zu stehen, ging er in die Knie und hielt sich mit der Hand die verletzte Stelle.
Paul hatte einen Moment gezögert und wollte Max den Vorrang lassen. Nachdem die heftige Abwehr der Frau ihn erschrocken hatte, schlug er umso entschlossener und kräftiger auf sie ein. Innerhalb von Sekunden musste Jacky mehrere heftige Fausthiebe ins Gesicht und in die Magengrube einstecken. Ihre anfängliche Gegenwehr erstarb unter der Einwirkung dieser rohen Gewalt. Auch Dominik setzte ihr mit kräftigen Tritten mächtig zu.
Max hatte sich in der kurzen Verschnaufpause seine Verletzung angesehen und bemerkt, dass sie im Grunde unerheblich war. Er blutete nur wenig und der erste Schreck verwandelte sich rasch in gewaltige Wut. Er schrie sie an: „Alte, jetzt bist du dran. Du musst sterben!“
Max hob das Messer auf und setzte tatsächlich zu einem Hieb damit an, den sie blitzschnell parierte und sich zur Seite drehte. In ihrer Todesangst entwickelte Jacky ungeahnte Kräfte.
„Hilfe, hört mich denn niemand? Ich brauche Hilfe, ich werde umgebracht!“, schrie sie aus Leibeskräften.
Und sah nicht, wie ein älteres Ehepaar am Fenster eines nicht weit entfernten Hauses zusah und sich nach ihrem dringenden Hilferuf kalt abwandte, das Fenster und die Gardinen schloss. Die Hilfsbereitschaft der Bewohner der einst erfolgreichen Messestadt war auf einem Tief-, ihre Angst vor den terrorisierenden Jugendbanden zugleich auf einem Höhepunkt angekommen. Niemand war in solchen Momenten mehr zu Zivilcourage bereit oder schritt beherzt und helfend ein. Es gab nur das stille, aber grausame Wegsehen.
Dominik lachte und spuckte nach ihr. Die Jungen hatten nicht mit dieser massiven Gegenwehr gerechnet, hielten kurz inne und schwankten zwischen Rückzug und totaler Eskalation. Max war inzwischen derart außer sich, dass ihm alles egal wurde. Obwohl er in seinem Elternhaus überwiegend ohne Gewalt erzogen worden war, entwickelte er auf der Straße in solchen Situationen einen übergroßen Drang nach äußerster Brutalität – auch, um sich unter seinesgleichen Respekt zu verschaffen. Paul, eigentlich der Anführer der drei, sah zu, wie sich die Situation verschärfte.
Zwar war er mit Straftaten groß geworden – die Szene hier war jedoch auch für ihn etwas Ungewohntes. Er spürte, dass sie diesmal zu weit gegangen waren und dass er, weil er keine Schwäche zeigen wollte, diese Auseinandersetzung nur mit einem kapitalen Abschluss beenden konnte.
Max kam schnell wieder auf die Beine – auch er war auf die Endstufe der Gewaltspirale eingestellt und ließ die folgenden Dinge einfach geschehen. Seine minimalen restlichen menschlichen Reflexe schaltete er für das vor ihm Liegende aus. Dominik begriff den tödlichen Ernst der Lage nicht; er war mit zwölf Jahren schlicht zu jung, um den Angriff der drei auf ein wehrloses Opfer richtig einzuschätzen. Später wünschte er sich, dass er in diesem Moment einfach weggerannt wäre und den beiden anderen den grausamen Ausgang überlassen hätte.
In der kurzen Bedenkzeit während des Messerkampfes zwischen der jungen Frau und Max beschloss Paul, dass sie diesen Sonnabendvormittag nicht lebend überstehen durfte. Max nahm erneut das Messer und stürzte sich auf die immer noch am Boden Liegende. Nun trat auch Paul mehrmals hart in ihr Gesicht und in den Unterleib. Völlig außer sich brüllte er: „Alte, du weißt gar nicht, was dir blüht. Tickst du noch ganz richtig? Wir machen dich kalt – oder du gibst endlich Ruhe.“
Sie lag auf dem Rücken, Max saß auf ihr und Paul rammte ihr die Faust in den Magen. Den harten Untergrund unter sich, musste Jacky die fürchterliche Härte dieses Schlages eines Vierzehnjährigen ertragen. Es war grauenhaft und in ihr kam der Gedanke auf, dass sie dem Tode sehr nahe war.
Paul hatte inzwischen seine Hose aufgeknöpft.
„Halt sie fest Max! Dominik, tritt ihr in die Fresse, wenn sie nicht ruhig wird!“
Max hatte inzwischen ihr Arme fest im Griff und die Gegenwehr von ihr ließ nach. Ergab sie sich nun in ihr Schicksal?
Max musste trotz nachlassender Aktivität seines Opfers ständig dessen Arme neu packen, sein Gewicht wieder auf sie verlagern oder auf Dominiks Hilfe durch gezielte Fausthiebe in Jackys Gesicht hoffen, damit er halbwegs die Gewalt über sie behielt.
Pauls Manipulationen an sich selbst waren erfolglos. Die Szenerie war einfach zu unmenschlich, zu abgefahren und zu gewalttätig, als dass er in diesem Moment auf sexuelle Reize angesprungen wäre. Auch, dass Max inzwischen die Kleidung vom Oberkörper gerissen und die Brust der jungen Frau offen gelegt hatte, trug nichts zu dem von ihm gewünschten Erfolg bei. Was würden bloß seine Kumpel von ihm denken, wenn er so unmännlich dastand? Die Antwort auf diese Frage war nur eine: absolute, Menschen verachtende und in der Konsequenz brutale Gewalt – er wollte die Frau töten.
***
Sie rannten in Richtung RMA. Dominik konnte nicht Schritt halten und fiel etwas zurück. Dadurch, dass er allein vor sich hin rannte und als Letzter um die Ecke zur RMA bog, konnte er durch eine letzte Kopfwendung noch einen Blick auf ihren Tatort erhaschen: Unmittelbar nach ihrem Überfall und der Flucht, kam das ältere Ehepaar, das Zeuge des Geschehens gewesen war, doch aus seinem Haus und eilte zu der leblos am Boden liegenden Jacky. Dominik war geringfügig erleichtert, verspürte aber große Angst, vor dem, was vor ihm lag.
Jacky überlebte trotz mehrerer Messerstiche in ihren Bauch die Attacke der drei Jungen.
2. KAPITEL
Die Straßen der nördlichen Großstadt mit dem ehemals anerkannten und bedeutenden Seehafen an einem Strom glänzten nass, als der alte 2012-er Mercedes CLS in die Steinstraße einbog. In diesem Viertel der „Pfeffersäcke“ ließ es sich im Vergleich zu anderen Großstädten der heruntergekommenen Republik noch erträglich leben. Man war unter sich: ehemals sehr Wohlhabende, die ihre einstigen Besitzstände durch Investition in ihren Wohnsitz „gerettet“ hatten. Beim Einbiegen in das Viertel musste er seine Fahrt verlangsamen, weil der Mitarbeiter des von den Bewohnern beauftragten Wachschutzunternehmens ihn kontrollierte. Der Mann erkannte den Insassen und winkte ihn durch. Fremde konnten zwar die Straße befahren, wurden jedoch von Angehörigen des Sicherheitsdienstes umgehend begleitet und beobachtet. Beim geringsten Anzeichen von anormalem Verhalten war der Wachschutz angehalten, die betreffenden Personen zur Rede zu stellen, einzuschreiten und im äußersten Falle auch festzunehmen. In diesem Viertel herrschte seit geraumer Zeit wieder etwas mehr Ruhe und die Klasse war „sortenrein“ untergebracht.
Der Fahrer des Mercedes dachte zufrieden: ‚Endlich in meinem Blankeheide‘ und meinte damit sein Wohnviertel. Er konnte es jedes Mal kaum erwarten, die anderen, chaotischen, verdreckten und gewalttätigen Stadtteile hinter sich zu lassen, um in seinen zumindest restbehüteten Hort zu kommen. Hier war die Welt für ihn noch in Ordnung. Der Fahrer, Felix Dännicke war Berufspolitiker. Er gehörte dem LBD an, dem Liberalen Bund des Landes. Mit seinen 38 Jahren hatte er einen ordentlichen Posten in dieser Partei. Auch sein Äußeres entsprach dem eines echten typischen Politikers. Er war groß, hatte Übergewicht, so dass er die Konfektionsgröße alle zwei Jahre nach oben wechseln musste. Derzeit trug er die Größe 60. Sein Gesicht zeugte von seiner guten und reichlichen Ernährung – dicke Wangen, Doppelkinn. Damit seine Halbglatze nicht den gesamten Kopf eroberte, pflegte er die dunklen, restlichen Haare besonders. Stets sorgfältig nach hinten gekämmt, glänzte es von der Pflegeemulsion wie bei einem italienischen Mafioso. Mit seiner ausgesucht teuren Brille und einem auffälligen goldenen Ring an seiner Hand konnte er fast dieses äußere Klischee erfüllen.
Er steuerte den Mercedes gekonnt und flüssig vor das Tor seines Grundstücks und hielt an. Die große gusseiserne Pforte war durch seinen ID-Chip gesichert. Er musste den rechten Daumen auf den Chip drücken und den linken über einen Sensor vor dem Tor führen. Erst bei Übereinstimmung der beiden Fingerabdrücke und der Freigabe durch seinen ID-Chip öffnete sich das Tor. Sofort nach seiner Durchfahrt schloss es sich, und er musste einen Moment warten, denn um in die Tiefgarage zu kommen, waren die gleichen Handgriffe noch einmal nötig. Felix nannte den Vorgang schleusen. Sein Sicherheitsdienst hatte ihm diese Verzögerung extra einprogrammiert, damit bei versuchten Raubüberfällen ein direkter Zugang in das Wohnhaus verhindert wurde.
Nachdem er die Prozedur auch für die letzte Tür von der Garage in das Gebäude hinter sich gebracht hatte, rief er die Treppe hinauf: „Hallo ihr beiden, ich bin wieder da. Will mir keiner um den Hals fallen?“
Seine Frau kam aus dem Wohnbereich und sagte: „Hi, mein Süßer, ich habe schon auf dich gewartet. Wie war denn dein Tag?“
In diesem Moment erhielt er eine Nachricht auf seinen ID-Chip. Dieser war eigentlich kein Chip, sondern ein etwa fünf Mal zehn Zentimeter großes Touchpaneel, welches Mitte der 2010-er Jahre die damaligen, veralteten Handys abgelöst hatte. Dieses Paneel wurde von einer zentralen Behörde für jeden Eigentümer persönlich programmiert und zugeteilt. Es stellte einen hohen persönlichen Wert dar, da es außer Identifikation, Führerschein, Kreditkarte, Krankenkarte und Funktelefon auch sämtliche persönliche Behördendaten, die Krankenakte, Steuer- und Einkommensdaten und die gesamten persönlichen Computerdateien seines Besitzers beinhaltete. Über die zentral verwalteten Fingerabdrücke wurden sämtliche sicherheitsrelevanten Zugänge kontrolliert und gesteuert. Jeder Besitzer hatte sein, kurz ID genanntes Gerät stets am Körper zu tragen. Dafür gab es Halterungen, Clips, Gürtel, Bänder usw. Das ID war wasserdicht, stoßresistent und hitzebeständig. Besitzer von ID waren in dieser Republik jedoch ausschließlich Steuern zahlende Bürger. Allen Nichtsteuerzahlern wie Rentnern, Kindern, Arbeits- oder Obdachlosen wurde ein ID staatlicherseits verweigert. Dieser Personenkreis musste seit Einführung der neuen Technik auch auf das Privileg verzichten, ein Funktelefon zu nutzen, da sich die Funknetzbetreiber dem staatlichen Druck beugen und die Frequenzen für normale Funktelefone abschalten mussten.
Felix antwortete: „Ach, heute war es ganz gut. Schuster hat vielleicht eine neue Aufgabe für mich. Vielleicht ist er das ja gerade.“
Schuster war sein Vorgesetzter im LBD. Dieser noch junge parteiliche Zusammenschluss stellte ungefähr fünfzehn Prozent der Regierungsriege.
Felix checkte sein ID und bat: „Warte mein Schatz. Die Mail ist von Schuster. Vielleicht beginnt damit eine neue große Sache für mich. Ich muss kurz das Foto machen.“
Während ihres kurzen Wortwechsels waren sie in den Wohnbereich gegangen. Felix nahm aus seinem Aktenkoffer eine alte Digitalkamera und öffnete die Mail auf seinem ID. Sobald der Text sichtbar wurde, machte er ein Foto davon. Die Nachricht war mit der Option „Löschen nach Lesen“ versehen und stand dem Empfänger nur einmal zur Verfügung. Nach kurzer Zeit, gerade genug, um den Text einmal zu lesen, löschte sich der gesamte Datensatz und es war, als sei die Nachricht praktisch nie gesendet worden. Dadurch war es möglich, wichtige und nur für den Empfänger bestimmte Mitteilungen nicht mehr nachvollziehen zu können. Damit wurden auch nachträgliche belastende Konfrontationen mit brisanten Inhalten vermieden. Besonders in politischen Kreisen wurde von dieser Funktion rege Gebrauch gemacht. Dass Felix solche Nachrichten grundsätzlich fotografierte und somit wieder nachweisbar machte, war auf seine persönliche Geheimdienstparanoia zurückzuführen.
Er las laut vor: „Felix, Sie sind heute für den AK FK nominiert worden. Entscheidung bis morgen früh und mir sofort Bescheid geben. Gruß, Schuster.“
Hocherfreut fuhr er fort: „Schatz, das ist meine große Chance. Dort wollte ich rein, weil ich dort gute Ideen einbringen kann. Endlich hat er es gerafft, dass ich zu Höherem berufen und kein kleiner Parteisoldat bin. Geil. Endlich. Jetzt dreh’ ich die ganz großen Räder!“
Er fiel seiner Frau um den Hals und drückte ihr einen groben Kuss auf die Wange. Sie sah ihn verdutzt an: „Sag mir bitte mal, was das für ’n Club sein soll. AK FK? Ist das was Wichtiges? Kriegst du mehr Kohle?“
„Geld lass mal meine Sorge sein. Ich glaube, ich schaff’ genug ran und du musst dich nicht weiter kümmern. AK FK heißt: Arbeitskreis Finanzkonsolidierung. Das ist die Eintrittskarte nach ganz oben. Dorthin, wo ich immer hinwollte.“
„Ich versteh’ immer noch Bahnhof. Komm, wir gehen erst mal in die Küche und essen etwas. Hast du Hunger?“
„Ja, aber du weißt doch, wovon ich immer rede und träume? Schatz, du musst dir so was doch merken!“
Felix und sie gingen in die Küche. Er war seiner Frau gegenüber unsicher, weil sie nicht gleich zuordnen konnte, was ihm mit der Nachricht von Schuster Gutes widerfuhr. Stets redete er von seinen politischen Ambitionen und seinem Drang, es nach ganz oben schaffen zu wollen. Wenn auf jemanden das Prädikat karrieregeil zutraf, dann war es Felix Dännicke.
In der Küche stand ein vorbereitetes Abendbrot, das er, ohne Worte zu machen, anfing zu essen. Seine Frau sah ihm schweigend zu.
„Schatz“, fragte er mit vollem Mund, „bitte sag’ mir, dass du an meiner Karriere mit teilnimmst. Wir reden doch so oft zusammen darüber?“
Felix hatte insofern recht, dass seine politischen Träume sehr oft Gegenstand von Gesprächen zwischen ihnen waren. Jedoch übersah er geflissentlich, dass diese Gespräche fast immer Monologe waren und er sich in endlosen Ausführungen stets einseitig äußerte. Seitens seiner Frau kamen wenig Nachfragen oder interessante Rückäußerungen. Ihr war es schlicht nicht so wichtig; im Gegensatz zu ihrem selbstherrlichen Mann.
Sie antwortete zögerlich: „Doch, ich weiß, dass du weiterkommen willst. Und ich halte dich auch für einen fähigen Politiker mit der Aussicht, es zu etwas ganz Großem zu bringen. Flixel, ich stehe doch hinter dir.“
Mit Flixel redete sie ihn nur an, wenn sie Ärger vermeiden und ihn beschwichtigen wollte. Sie spürte, dass er enttäuscht war wegen ihrer offenkundigen Ahnungslosigkeit sein berufliches Vorankommen betreffend.
Erneut versuchte er ihr die Nachricht von Schuster zu erklären: „Also, noch mal: Schusters Mail ist eine Einladung in den Arbeitskreis, der sich mit der Finanzkonsolidierung unseres Staates befasst. Seit ein paar Monaten wird davon gemunkelt, dass etwa ein Dutzend Delegierte aus allen Parteischichten dazu zusammenkommen sollen und ein Konzept zur finanziellen Verbesserung unserer Staatsfinanzen erarbeiten sowie umsetzen sollen. Der Arbeitskreis soll eigentlich weitestgehend geheim und selbstständig sein Konzept erstellen und nach Absegnung durch die Regierung dann praktisch verwirklichen. Da ich seit Monaten inoffiziell davon weiß, habe ich mir darüber schon Gedanken gemacht, und ich könnte sofort das Endergebnis des Arbeitskreises darlegen. Ich muss mich da so einbringen, dass meine Ideen beschlossen werden. Das ist das Größte politische Vehikel, was ich bisher angehen durfte. Schuster hat mich als Einzigen des LBD delegiert.“
Der Bund war die Nachfolgeorganisation der ehemaligen Freien, der einstigen liberalen Bundespartei. Dännicke hatte es bis zum Büroleiter der Landesgruppe Nord mit ihrem Hauptsitz in der hanseatischen Elbestadt geschafft. Nach diesem Karrieresprung konnte er auch das Anwesen in Blankeheide erwerben. Das war vor drei Jahren. Sein Boss Schuster war bereits im Vorstand des LBD, saß in der Bundeshauptstadt und hatte Dännicke bisher gut protegiert.
Seine Frau – Rita – zeigte sich nun doch etwas interessierter: „Und wieso haben sie ausgerechnet dich dahin eingeladen?“
„Schuster traut mir auf dem Gebiet Staatsfinanzen einiges zu. Zumindest gibt es weit und breit keinen, der es besser kann. Ich habe mich mehrfach mit schriftlichen Vorschlägen über ihn an die Regierung gewandt, bisher aber nicht mit Erfolg. Meine jetzige Idee habe ich aber für mich behalten.“
„Um was würde es denn dabei gehen? Flixel, ich hab’ von solchen Dingen nicht so viel Ahnung. Erkläre es mir bitte.“
„Aber das kann ich in diesem Fall nicht. Es geht mir um viel. Wenn nicht sogar um alles. Wenn ich das verpatze, bekomme ich nie wieder so eine Chance. Lass mich erst mal etwas reinkommen und dann kann ich dir auch etwas mehr davon erzählen. Okay?“
„In Ordnung. Ich drücke dir die Daumen, dass du es gut hinbekommst. Wo findet das denn immer statt?“
„Das muss ich morgen erst mal sehen. Ich fahre gleich früh ins Büro und verabrede mich per Videokonferenz mit den anderen Teilnehmern. Ich denke, dass das in einer der Landeszentralen sein wird. Vielleicht muss ich ja nicht so weit fahren. Mal sehen, was sich da so entwickelt.“
Felix Dännicke hatte wirklich sehr konkrete Vorstellungen, die er in den Arbeitskreis einbringen wollte. Er wusste aus inoffizieller Quelle, dass es der Regierung um die Eindämmung des Bereiches Schwarzgeld ging. Die letzten Hochrechnungen, die er zu Gesicht bekommen hatte, endeten damit, dass seinem Staat pro Jahr zwischen 700 und 900 Milliarden DEuro Steuergelder verloren gingen, weil sämtliche Bevölkerungsschichten seit Jahren ihren eigenen Geldumlauf derart ausgebaut hatten, dass diese Unsummen von staatlichen Verlusten zusammenkamen. Kein europäisches Land hatte mehr unter dem Schwarzhandel zu leiden, der inzwischen sämtliche geschäftlichen Bereiche, unter anderem auch Juristerei, Bankwesen und Gesundheitssystem, am Leben erhielt. Felix Dännicke jedoch wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, wie er dieses Problem vollständig beseitigen konnte. Er ahnte, dass ihm wahrhaft Großes bevorstand.
Und er wollte diesen Arbeitskreis nutzen, um sich für einen weiteren, aus seiner Sicht erheblich wichtigeren Arbeitskreis in Stellung zu bringen, zu empfehlen. Dieses war sein eigentliches Ziel. Die Finanzkonsolidierung hatte er bereits lange fertig geplant. Er betrachtete die Umsetzung seines Vorhabens dazu nur noch als technisches Problem und eine Frage der Zeit. Hatte er dies erst einmal in die Realität umgesetzt, würde er sein noch länger und tiefer verinnerlichtes Projekt angehen: Die Schaffung einer perfekten und vollendeten Gesellschaftsstruktur für sein Land!
Rita wollte davon immer noch nicht allzu viel wissen. Ihr reichte es aus, wenn ihr Mann regelmäßig und genügend Geld verdiente.
3. KAPITEL
Robert Heinel fuhr an diesem Morgen mit dem Fahrrad von seiner Wohnung in der Randstraße zum Betriebshof der Städtischen Entsorgung. Die SE der ehemaligen sächsischen Messestadt war sein Arbeitgeber und er hatte es nach ein paar Jahren Betriebszugehörigkeit bis zum Teamleiter geschafft. Diesen Job erledigte er gerne und seine Chefs waren mit ihm zufrieden. Er strampelte die RMA hinauf und bog ein paar Minuten später in den Betriebshof ab. Dort begegnete ihm sein Mitarbeiter Andreas Schubert, den er sogleich fragte: „Morgen, Andreas, was ist denn gestern herausgekommen für deinen Sohn?“
„Morgen. Paul muss bis 2021 in den Knast. Wir haben für sein junges Alter fünf Jahre weniger bekommen. Ach Robert, ich habe mich immer so gut, wie’s geht, gekümmert. Und nun das. Der Staatsanwalt hat auf versuchten Mord plädiert und der Richter wollte ihn, weil er ihn schon kannte, sogar für fünfzehn Jahre verdonnern.“
Andreas Schubert war der Vater von Paul, der nach seinem brutalen Messerangriff auf die junge Frau vor das Jugendgericht gebracht worden war. Der Prozess wurde an einem halben Verhandlungstag durchgezogen. Mehr Zeit stand den Justizbehörden selbst für Kapitalverbrechen nicht zur Verfügung.
Überhaupt war die staatliche Justiz zu einer ziemlich effizienten und deshalb auch brutalen Institution geworden. Zivilrechtsstreitigkeiten normaler Bürger wurden überhaupt erst dann vor Gericht zugelassen, wenn sie die den Gerichten vorgeschaltete Hürde der Schiedsstellen genommen hatten. Sinn und Zweck der Einführung der Schiedsstellen war es, die Gerichte erheblich zu entlasten und ebenso personell zu verkleinern. Die Schiedsstellen sollten die Funktion der Gerichte übernehmen. Das brachte für den Staatshaushalt den großen Vorteil einer extremen finanziellen Entlastung. Für den Bürger und die Rechtsstaatlichkeit ergaben sich jedoch nur Nachteile. Streitigkeiten mussten der Schiedsstelle vorgetragen werden – ohne Mitwirkung von Rechtsanwälten. Die Schiedsstelle fällte nach der Anhörung der Betroffenen sofort ihr rechtskräftiges und verbindliches Urteil. Berufungen waren in diesen Verfahren nicht vorgesehen. Die Prozessflut des „kleinen Mannes“ wurde unter Inkaufnahme der rechtlichen Nachteile und einer damit verbundenen Rückentwicklung des Justizwesens allerdings sehr wirkungsvoll eingedämmt. Die Streitigkeiten konnten nicht mehr wie noch bis Mitte der 2010-er Jahre vor Gericht gebracht werden, weil es den Streitenden einfach ums Prinzip ging und ohne vorher abzuwägen, ob der Aufwand den Nutzen überhaupt rechtfertigt. Es gab nur noch für wirklich unlösbare Fälle einen Rechtsweg, und die wurden dann durch die Schiedsstellen erledigt – oder von dort als so erheblich eingeschätzt, dass sie an ein ordentliches Gericht verwiesen wurden. Und selbst dann waren die Gerichte angehalten, „kurzen Prozess“ zu machen. Etwa ein Drittel der Streitigkeiten verhandelten außerdem Geheimgerichte, die keiner öffentlichen Rechenschaft unterlagen.
Insgesamt gelang es durch diese Maßnahmen, den Justizhaushalt um sage und schreibe mehr als die Hälfte und die anhängigen Verfahren sogar um bis zu 90 Prozent zu verringern. Das konnte man getrost als „Abspecken“ bezeichnen.
„Das ist schlimm für dich“, erwiderte Robert Heinel, „aber gerecht in der Sache. Nimm es mir nicht übel, wenn ich das so deutlich sage. Hat dir der LBD geholfen?“
„Ja, der hat was gebracht. Der Richter hat dem Plädoyer deines Freundes zugehört und es in das Strafmaß eingearbeitet. Danke dafür. Du hast uns damit einen großen Gefallen getan.“
Er streckte Robert die Hand entgegen und bedankte sich mit einem kräftigen Händedruck. Dass ein Vorgesetzter einem Unterstellten derart in persönlichen Dingen half, war im Jahr 2019 eher eine Seltenheit. Allgemein herrschte das Gesetzt der Härte und die meisten folgten dem Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste.
„Hab ich gerne gemacht. Ich kenne Paul und glaube, dass er irgendwann die Kurve kriegt. Aber Andreas, das muss er jetzt absitzen und daraus lernen. Danach kann er neu durchstarten. Er wird dann gerade 18 Jahre alt. Da fängt das Leben doch erst richtig an.“
Robert Heinel war davon einerseits überzeugt, andererseits begrüßte er das harte Vorgehen gegen jugendliche Gewalttäter, zu denen Paul eindeutig gehörte. Die Gesellschaft war schlecht genug – auch ohne Paul, der nun drei Jahre über seine Tat nachdenken sollte. ‚Hoffentlich tut er’s auch‘, dachte Robert.
Die offene und schonungslose Art gegenüber Andreas bei gleichzeitiger Hilfestellung für ihn machte Robert zu einem für die Gesellschaft nützlichen Menschen. Seit seiner Kindheit verfolgte er höhere soziale Ideale, als er allgemein in seiner Umgebung wahrnehmen konnte, und setzte sich mit voller Überzeugung dafür ein. Über die Jahre manifestierte sich in ihm eine Art Klassenkampfgedanke. Aus seiner Sicht vorerst tatenlos nahm er zur Kenntnis, dass die Klasse der Wohl- und Rechthabenden in diesem Staat mehr und mehr die unteren Schichten für sich ausnutzte und schon beinahe in ihrer nackten Existenz bedrohte.
In dem Prozess gegen Andreas’ Sohn Paul hatte er versucht, einen „alten Freund“, der ein mittleres politisches Amt bekleidete, als Unterstützer und Fürsprecher für Paul zu gewinnen. Was ihm auch so gut als möglich gelungen war.
„Wie geht es denn nun weiter mit mir?“, wollte Andreas von ihm wissen. „Lasst ihr mir die Arbeit oder nicht?“
„Heute Nachmittag gibt es eine kurze Aussprache dazu mit meinem Boss. Ich hab es dir versprochen, also lege ich auch alle guten Worte für dich ein. Beweis mir künftig aber, dass es das wert war. Okay?“
„Geht klar Robert. Bitte denke daran, dass ich meine Eltern und den Vater meiner Frau mit unterstützen muss. Du weißt, dass man mit viertausend DEuro Rente nicht mehr viel anfangen kann. Ich zähle auf dich. Danke.“
Mit diesen Worten ging Andreas weiter über den Hof zu den Umkleideräumen, um sich für seine Schicht umzuziehen. Vor ihm lagen vierzehn Stunden Normalschicht, in denen er kreuz und quer durch die Stadt fuhr und Mülltonnen leeren musste.
Robert sah ihm hinterher und schob sein Fahrrad vor den Gebäudekomplex, in dem er ein kleines Büro hatte. Nachdem er das Rad sorgfältig angeschlossen hatte, ging er in hinein. Unterwegs nahm er schnell einen frischen Kaffee mit, den seine ältere Kollegin für ihn jeden Morgen kochte.
In seinem Büro sah er kurz in den Ablagekorb und machte sich ein Bild von seinem Arbeitspensum für diesen Tag. Es war mittelmäßig viel und deshalb ließ er sich in seinen Bürostuhl sinken und gönnte sich erst einmal in Ruhe seinen Morgenkaffee.
Sein Blick glitt über das spärliche Inventar des Raumes: Ein Aktenschrank aus Stahl und sein Schreibtisch stellten die einzigen Möbel dar. Unter dem Fenster hatte er aus gebrauchtem Material eine Blumenbank mehr schlecht als recht zusammengezimmert, auf der seltene Grünpflanzen standen, die er in seinem Entsorgungsbereich aus dem sammelte, was andere Leute wegwarfen. Die Rückenlehne ganz nach hinten gestellt lag er fast in seinem Stuhl und kam ins Grübeln.
Was war aus diesem Land geworden? Dies stellte die zentrale Frage für Robert dar. Und was war falsch gelaufen, was hätte man besser machen können? Immer wieder bedauerte er, dass es im ehemals vielleicht fortschrittlichsten Land Europas zu Verhältnissen gekommen war, in denen einfache Menschen wenig Rechte und Chancen hatten, ein kleiner politisch etablierter Kreis Macht über Finanzen und Gesetze hatte und vor allem: Warum war es so hoffnungslos überschuldet? Wieso wurde in den siebzig Jahren seit seiner Gründung so viel mehr verbraucht, als geschaffen wurde? Robert suchte mit seinen Möglichkeiten nach einer Lösung. Stets musste er bei diesen Gedankenspielen aber einsehen, dass er als kleiner Mann nicht die geringste Aussicht darauf hatte, an diesen schlechten Verhältnissen etwas zu ändern. Der Staat schien sich immer mehr von seiner Bevölkerung zu entfernen und in der Hauptstadt wurde wirklich am Volk vorbei regiert. Diese Regierung stellte mehr oder weniger nur noch den Konkursverwalter einer einst angesehenen Nation dar.
Was wäre zu tun? Robert war der Meinung, dass die wichtigste Maßnahme die Herstellung von Recht und Ordnung sein müsste. Gerade der Fall von Paul hatte ihm verdeutlicht, dass die unteren Schichten zu weiten Teilen verroht waren, was das Land in eine tiefe Depression geführt hatte. Und die vorstellbare Weiterentwicklung dieses Zustandes ließ nichts Gutes erwarten. Gewalt erzeugte Depression und umgekehrt, so dass es zu einer unaufhaltbaren Spirale des Schlechten kommen musste. Es fehlte an riesigen Geldmengen, um einen am Bürger orientierten Staatshaushalt aufstellen zu können, in dem genug Potenzial war, soziale Programme für das eigene Volk zu bezahlen.
Gerne und oft erinnerte er sich an früher, seine Kindheit in den 1980-er Jahren. Schon damals lebten seine Eltern mit ihm in der Messestadt in der Randstraße der Südvorstadt. Sie hatten ein normales und gutes Leben. Ab 1986 bekam Roberts Familie ein Pflegekind, einen Jungen in seinem Alter. Beide wurden zusammen eingeschult und weil sich Felix bestens in die Familie eingelebt hatte, durften Roberts Eltern ihn ein Jahr später adoptieren. Seinen früh verstorbenen leiblichen Vater hatte der Adoptivsohn nie kennengelernt und seine Mutter hatte ihn in der Folge vernachlässigt und es zur Alkoholikerin geschafft. In der Pflegefamilie blühte er auf und Robert und er wurden wie Geschwister groß. Damals war eigentlich alles in Ordnung, obwohl Robert später erfahren musste, dass auch nicht alles so gewesen war, wie es den Anschein hatte. Zumindest herrschte sozialer Frieden unter den Leuten und das war der größte Unterschied zu seinem jetzigen Leben. Früher Frieden – jetzt totale Anarchie. Untereinander gab es in diesem Land nur Misstrauen, Neid, Dummheit und in dessen Folge handfeste Gewalt. Soziale Kompetenzen schienen sich komplett aufgelöst zu haben. Deshalb schlummerte in Robert der Drang nach Verbesserung und sei es nur im kleinsten Rahmen.
Er hatte seinen Kaffee ausgetrunken, stand auf und ging nach draußen über den Flur zur Toilette. Nachdem er sich die Hände abgetrocknet hatte, sah er einige Momente in den Spiegel. Er erblickte einen Mann von fast vierzig Jahren mit kurzen dunklen Haaren. Seine fast ein Meter neunzig und seine schlanke Statur verliehen im etwas Hageres. Doch seine Gesichtszüge, seine Augen und sein Kinn wirkten männlich und vermittelten Stärke, die er durchaus besaß. Robert achtete auf sein Äußeres, Frauen zog sein gutes Aussehen an.
Wieder im Büro dachte er kurz an den Fall Paul und daran, dass er durch seinen Kontakt zu dem Mann vom Liberalen Bund helfen konnte. Nun wollte er sich seinerseits dafür bei diesem bedanken. Er wählte seine Nummer und wartete.
„Moin, Robert, du bist aber zeitig auf den Beinen. Ist doch gerade halb acht. Ist alles in Ordnung?“, meldete sich der Angerufene.
„Morgen, ja, ist alles okay. Ich wollte mich für Paul bedanken. Deine Erklärung hat ihm ein paar Jahre erspart. Ich habe eben mit seinem Vater gesprochen. Danke, auch von ihm.“
„Ist gut. Vielleicht kann er mir auch mal einen Gefallen tun.“
Robert verdrehte seine Augen, als er das hörte. Politikern ging es immer nur um den Handel mit Gefälligkeiten. Anscheinend führten die auch genau Buch darüber, um zu einem gefälligen Zeitpunkt auch alles wieder einfordern zu können.
Er erwiderte: „Immer hübsch alles merken und aufschreiben. Kann auch mal jemand etwas aus Überzeugung oder Nächstenliebe machen?“
„Robert, bleib mir vom Halse mit deiner Moral. Wo lebst du eigentlich? Es geht nicht mehr wie früher, alles bullebuh und schön.“
„Ach vergiss es. Ich wollte nicht gleich wieder unser altes Thema aufwärmen. Ich weiß ja, dass du es anders siehst. Wie geht es euch denn?“
„Danke der Nachfrage, alles bestens. Wie geht’s Mutter?“
„Auch gut, du weißt doch, wie sie sind. Mit der Neuzeit kommen sie nicht mehr klar. Ich muss mich eben kümmern.“
„Wir sehen uns ja bald. Grüß sie bitte ganz lieb von mir. Und von dir hoffe ich, dass du mir zu Weihnachten eine Frau an deiner Seite vorstellst.“
Er lachte bei diesem Satz, was Robert etwas verlegen machte. Frauen waren nicht gerade seine Stärke, obwohl er gerne eine Freundin hätte.
„Ach lass mich doch in Ruhe. Kümmere du dich um ordentliche Politik. Stellt was Ordentliches auf die Beine, sonst gibt’s Krach. Dann kriegen alle richtig was auf die Fresse. Will dann auch keiner.“
Stets erinnerte Robert daran, dass die Massen, wenn es politisch weiter so bergab geht, revolutionär zurückschlagen könnten und es dann den Verantwortlichen an den Kragen ginge. Zumindest träumte er davon.
„Robert, du kleiner Revoluzzer. 1917 und ’89 sind lange her. Wieso du nicht wegkommst, von dem alten Gelaber!? Unser Land ist neoliberal aufgestellt und wir machen das Beste daraus.“
„Du Träumer, sind neun Millionen Arbeitslose das Beste? Schade, dass ich euch nicht mal richtig die Meinung geigen kann. Ihr würdet Augen mach in eurem liberalen Club. Aber lass uns nicht streiten. Ich wollte dir doch danken.
Wann hören wir uns wieder?“
„In zwei Wochen ruf ich dich an und sage dir Bescheid wegen Weihnachten.
Lass es dir gut gehen. Bis dann mal.“
Vor dem Auflegen sagte Robert: „Bis dann. Mach es gut, Felix Dännicke!“
***
Am Nachmittag ging Robert in die zweite Etage des Gebäudes zu seinem Vorgesetzten. Jedes Mal, wenn er hier war, ärgerte er sich innerlich, dass dieses Büro erheblich besser ausgestattet war als sein eigenes. Schränke, Regale, eine Schreibtischkombination und ein Besprechungstisch waren hochwertige Möbel aus dunkler Holznachbildung. Den Fußboden bedeckte ein anthrazitfarbener Teppich, was dem Büro einen noch eleganteren, aber auch schwereren Ton gab. Vor dem großen Fenster liebte sein Chef Aluminiumjalousien, die das Tageslicht nur gedämpft hereinließen.
Robert grüßte höflich: „Guten Tag, wir wollten uns wegen Andreas Schubert unterhalten. Er hat die Sache nun überstanden.“
„Hallo, setzen Sie sich und nehmen Sie sich, was Sie brauchen. Ich habe schon davon gehört.“
Robert schob ohne Umschweife den vor dem Schreibtisch stehenden Drehsessel zurecht und setzte sich seinem Chef gegenüber. Dieser hatte bereits ein Tablett hereinbringen lassen, auf dem Mineralwasser, Gläser, eine Kanne frischer Kaffee und Porzellantassen standen. Nachdem sich beide einen Kaffee eingegossen hatten, begann Robert: „Wir sollten nicht so viel Aufheben machen und die Sache praktisch sehen. Herr Schubert soll einfach weiter ordentlich arbeiten.“
Robert wusste, dass seine Vorgesetzten Anhänger von Härte und Strenge waren. Damit bezweckten sie eine strenge Disziplin in ihrer Belegschaft und vermieden firmenintern die ansonsten konfliktreiche Beziehung der Leute mit dem Gesetz. Die Gewalttätigkeiten von Familienangehörigen der Belegschaft hatten zwar keine unmittelbaren oder schlechten Auswirkungen auf den Betrieb, aber für die Chefetage war das ein willkommener Anlass, auch hier Unnachgiebigkeit zu demonstrieren. In der Städtischen Entsorgung sollte Zucht und Ordnung herrschen. Nachdem alle öffentlichen Betriebe die Tarifverträge aufgekündigt hatten, war der Einfluss der Gewerkschaft praktisch auf Null reduziert. Die Belegschaft war daraufhin nahezu vollständig aus der Gewerkschaft ausgetreten und somit ein, wie die Chefetage genüsslich formulierte, „gewerkschaftsfreier Raum“ entstanden. Allerdings waren die öffentlichen Betriebe so ziemlich die letzten, die diesen Schritt unternommen hatten. Bereits seit 2016 hatten alle größeren Konzerne damit begonnen und die Welle zog sich dann durch alle Branchen, alle Industriezweige bis hin in den öffentlichen Dienst. Beim radikalen Abbau des Justizwesens hatten die Gewerkschaften schon überhaupt kein Mitspracherecht mehr.
Robert bedauerte diese Zustände und sehnte sich nach einer, wie er es nannte, Entkapitalisation. Vorerst fühlte er sich zurückversetzt in den von Karl Marx beschriebenen Imperialismus, als höchster Stufe des faulenden, absterbenden Kapitalismus.
„Heinel, Sie wissen, wie wir darüber denken. Wir haben hier für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Was draußen passiert, geht uns nichts an, aber hier drin ist es eine Art Existenzsicherung, unser Prinzip auch mit Härte durchzusetzen. Haben Sie Ersatz für ihn?“
„Nein. Bitte ziehen Sie in Betracht, wie gut es sich auf die Arbeitseinstellung auswirken würde, wenn wir Schubert nicht entlassen. Wir hätten einen Mitarbeiter mehr, der dem Betrieb zu hoher Dankbarkeit verpflichtet wäre und hoch motiviert weiter seine Arbeit macht. Außerdem gebietet mir das mein soziales Gewissen.“
Sein Chef lachte unsensibel und erwiderte: „Heinel, machen Sie mal ‘nen Punkt. Wir haben diesen Laden unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen. Sie gehören übrigens auch mit dazu. Sie wissen, dass Sie mir mit dem Sozialgedöns gestohlen bleiben können. Gehen wir mal praktisch an die Sache. Wie können wir die Situation für uns nutzen?“
Sein Chef war durchaus geneigt, von einer Kündigung abzusehen, wenn er irgendeinen Nutzen aus der misslichen Lage des Mitarbeiters ziehen konnte.
Er fuhr fort: „Ich stelle mir Folgendes vor: Sie verklickern ihm, dass er sechs Monate in Folge eine Woche umsonst arbeiten muss. Wenn er damit einverstanden ist, rufen Sie Ihr Team zusammen und teilen ihm diese arbeitnehmerfreundliche Lösung durch die Geschäftsleitung mit. Einverstanden?“
Roberts Chef hatte eigentlich einen ziemlich rabiaten Arbeitsstil gegenüber seinen Mitarbeitern, nur bei Robert verhielt er sich etwas weniger aggressiv, weil er von ihm eine hohe Meinung hatte. Allerdings erwähnte er das ihm gegenüber niemals. Auch musste sein Chef anerkennen, dass ihm ein außergewöhnlich starker Charakter gegenüber saß, der im Sinne der SE gute Arbeit leistete. Das wollte er auch künftig nutzen, und so nahm er sich Robert gegenüber immer etwas zurück – auch wenn es ihm schwer fiel.
Obwohl Robert damit schon gerechnet hatte, weil es einfach in Mode gekommen war, jeden möglichen Anlass zur Gehalts- oder Lohnkürzung zu nutzen, tat er erstaunt und geschockt: „Aber das sind insgesamt eineinhalb Monatslöhne, die wir ihm streichen. Das ist zu viel. Er hat keinen Cent übrig im Monat.“
„Kommen Sie, Sie bringen ihm das rüber. Es ist auf ein halbes Jahr verteilt. Er wird es verkraften. Und wir haben einen vernünftigen ökonomischen Aspekt in die Sache gebracht.“
Sein Chef war ein Schwein. Das war Robert klar. Wie weit würde das führen, wenn die Arbeitgeber dermaßen in die Privatbelange der Menschen eingriffen?
Robert sah ein, dass er in der Sache zustimmen musste. Wenigstens hatte er Schuberts Job erhalten. Das war auch etwas wert.
Er wollte das Gespräch nun schnell beenden und sagte: „Sie können sich denken, was ich davon halte. Also gut, ich regele das so. Aber eines Tages kommt das alles auf uns zurück. Ich bin mir sicher.“
„Heinel, Sie sind keiner von den alten Philosophen, die uns das Kapital erklären müssen. Bleiben Sie einfach weiter ordentlich bei der Stange und wir kommen gut miteinander aus. Nehmen Sie es doch nicht so persönlich!“
Robert stand auf und verabschiedete sich ordentlich. Sein Chef hatte seinen Willen durchgesetzt, aber deswegen war er ja auch in dieser Position.
In seinem eigenen kargen Büro ließ sich Robert in den Stuhl sinken, drehte sich zum Schreibtisch und stützte den Kopf in seine Hände. Er stöhnte leise und sagte vor sich hin: „Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden?“
In Gedanken schweifte er zurück in seine Kindheitserinnerungen. Felix und er hatten wie echte Brüder zusammen eine schöne Kindheit erlebt. Seitdem war in Roberts Leben und seinem Heimatland viel passiert. Die Systeme wechselten, die Menschen veränderten sich; das Leben allgemein hatte mit dem früheren nichts mehr gemeinsam. Seit einigen Jahren galt das Prinzip: Alle dürfen alles! Es hing ihm zum Halse heraus, dass sich nichts und niemand mehr um soziale Grundwerte scherte, sondern alle nur auf Kosten der Allgemeinheit ihren persönlichen Vorteil suchten und der Grundgedanke der meisten Leute lautete: ‚und nach mir die Sintflut‘. Mit diesen aus Roberts Sicht niederen gesellschaftlichen Grundideen ließe sich „kein Staat“ mehr machen. Kein Politiker und keine politische Vereinigung, keine Organisation und auch kein Einzelner vermochte es mehr, auf andere Mitmenschen positiv einzuwirken und mit eigenem Engagement etwas Positives für das Allgemeinwohl zu erreichen. Das wollte augenscheinlich niemand mehr. Die individuellen Probleme der Menschen gestalteten sich zunehmend und für eine immer größer werdende Bevölkerungsschicht Existenz bedrohender, als es in den 2010-er Jahren überhaupt vorstellbar war. Die wenigsten verfügten über finanzielle Rücklagen, seitdem der Euro gescheitert und die Nachfolgewährung DEuro eingeführt wurde. Dieser einschneidende Schritt hatte für die meisten bedeutet, dass sich das reale Einkommen um mehr als zwei Drittel verringerte. Die neuen Löhne und Gehälter wurden derart niedrig festgelegt, dass die sich herausbildende Preisstruktur einen brutalen Kaufkraftverlust zur Folge hatte. Noch 2014 dachte niemand, dass es möglich wäre, die Monatseinkommen auf ein Drittel zu reduzieren – bei gleichbleibendem Preisniveau. Die Einführung des DEuro und die damit verbundene erhebliche Aufwertung der neuen Währung jedoch brachte das damals schon nicht unproblematische soziale Gleichgewicht vollends ins Wanken. Die Einkommen verringerten sich im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten dramatisch.
Und in der Folge verschlechterte sich auch der soziale Status des ganzen Landes drastisch. Früher geltende Werte und Normen wurden über Nacht auf den Kopf gestellt und über Bord geworfen. Die Jeder-gegen-jeden-Mentalität wurde zur neuen gesellschaftlichen Grundlage – praktisch zur Präambel des neuen Systems.
Damit konnte und wollte sich Robert nicht abfinden. In seinem Lebensumfeld versuchte er dieser Entwicklung entgegenzuwirken, das Leben auf kleinem Level wieder etwas lebenswerter zu gestalten. Als Rückschlag empfand er dabei die brutale Körperverletzung, die Paul und seine Kumpane der jungen Frau zugefügt hatten. Wenigstens wurden sie dafür halbwegs gerecht bestraft.
4. KAPITEL
Felix Dännicke war an diesem Morgen beim Verlassen seines Grundstückes in Blankeheide aufgeregt, aber in froher Erwartung auf seinen ersten spannenden Tag im Arbeitskreis Finanzkonsolidierung. Er konnte es kaum erwarten, seine Ideen darin einzubringen und dafür zu kämpfen, dass seine – und nur seine – Vorschläge in die Tat umgesetzt wurden. Seinen Boss Schuster hatte er bereits auf seiner Seite. Die übrigen Mitglieder des AK wollte er erst einmal in Ruhe kennenlernen, um sich dann auf eine bestimmte Strategie festzulegen, die ihn seinem Ziel näher brachte. Heute war in der nördlichen Elbestadt das erste Treffen angesetzt. Die Einladungen zu dieser Zusammenkunft wurden den Teilnehmern über ihre jeweiligen Parteien zugestellt – und waren geheim. Davon, dass Einzelne als Delegierte ausgewählt wurden, hatten nur die Vorstandsmitglieder der Parteien Kenntnis, da diese im Parlamentarischen Kontrollausschuss mit der Regierung die Zusammenstellung des AK beschlossen hatten. War der Arbeitskreis erst einmal gebildet und arbeitsfähig, agierte er absolut autark und losgelöst von den Parteien, dem Parlament und der Bundesregierung. Die Befugnisse der AK waren enorm, konnten sie doch ohne Weiteres Gesetze formulieren und auf dem kleinen Dienstweg der Regierung zum Beschluss vorlegen. Die meisten der seit 2017 beschlossenen Gesetze waren auf diesem schnellen, geheimen und undemokratischen Weg in Kraft getreten.
So sollte es auch diesmal werden!
Felix kannte die Aufgabenstellung bereits ziemlich genau, dafür hatte Schuster gesorgt. Diesem lag viel daran, dass sein Schützling besonders erfolgreich in dem AK auftreten konnte, ja vielleicht sein Vorschlag zum Gesetzentwurf wurde.
Als Felix die einspurige Behelfsbrücke überquert hatte, die die einst stolze Köhlbrandbrücke ersetzen musste, nachdem sie im vierzigsten Jahr ihres Bestehens mangels Wartungs- und Sanierungsmöglichkeiten gesperrt worden war, bog er in die Seitenstraße ein, in der Schuster wohnte und dieser vor seinem Haus auf Felix wartete.
„Moin, Schuster“, sagte Dännicke nach dem Öffnen der Autotür.
Die Anrede mit dem Nachnamen war nichts Ungewöhnliches und tat ihrem ansonsten guten Verhältnis keinen Abbruch. Sie wechselten je nach Stimmung zwischen dem Vor- und Nachnamen hin und her.
„Moin, Dännicke, Sie sind pünktlich da, das ist gut. Kennen Sie den Weg zu unserem Termin?“
Er war während der Begrüßung in das Auto eingestiegen und Felix Dännicke hatte den Wagen sogleich wieder in Bewegung versetzt.
„Ja, ich weiß, wohin wir müssen, musste schon mal Ihren Vorgänger hinbringen. Sonst haben wir da bisher keinen Zutritt gehabt.“
Er meinte eine Wohnung, die im Besitz der Bundesregierung stand und für geheime Zwecke konspirativ zur Verfügung gestellt wurde. Da der Arbeitskreis auf Betreiben der Regierung entstehen sollte, stellte die Wohnung kein Problem dar. Die eigentlich geplante Videokonferenz hatte Schuster spät abends abgesagt und stattdessen das Treffen im Stadtteil Schönefeld übermittelt. Auch die anderen Teilnehmer hatten diese Planänderung von ihren Parteien erhalten.
Sie fuhren weiter Richtung Schönefeld. Sie hatten nun noch ungefähr eine viertel Stunde zu fahren, als sich Schuster fragend an Felix wandte: „Dännicke, haben Sie eine Vorstellung von dem, was Sie da heute erwartet? Ich bin nur zur Einführung und Verifizierung dabei. Dann bin ich in anderer Sache unterwegs.“
„Ja. Ich habe etwas mitbekommen, als Sie die Aufgabenstellung einmal online hatten. Sorry, wollte nicht zu neugierig sein. Es geht um die Finanzkonsolidierung unseres Landes. Ich habe das ganze Memo gelesen. Ich hatte damals den Eindruck, dass Sie es zu diesem Zweck geöffnet hatten.“
„Stimmt. Ich wollte, dass Sie bereits frühzeitig mit dem Thema konfrontiert werden, weil ich Sie auf diesem Gebiet für kompetent halte. Sie wissen das. Konnten Sie mit der Hilfestellung etwas anfangen? Ich hoffe, ja. Dännicke, ich zähl’ auf Sie. Auch ich habe noch Karrieresprünge vor mir und ich brauche Vertraute um mich herum. Den allgemeinen Parteimob möchte ich nicht überall haben.“
„Danke. Weiß schon, dass ich da große Vorschusslorbeeren bekommen habe. Ich habe seit dem Lesen des Memos an fast nichts anderes mehr gedacht und brenne nun darauf, meinen Vorschlag einzubringen. Wie viele Mitglieder wird denn der AK haben?“
„Außer Ihnen sind noch elf andere bestellt. Am besten, Sie lassen es ruhig angehen. Verschießen Sie nicht zu früh Ihr ganzes Pulver. Immer schön taktisch denken und handeln. Halten Sie die anderen einfach für impulsive Trottel.“
„Leicht gesagt. Ich gebe mir Mühe und halte Sie auf dem Laufenden. In zwei Minuten sind wir da.“
Sie bogen in eine kleine Nebenstraße der Friedrich-Ebert-Allee und hielten in der Nähe der Hausnummer 19 f.
„Hier müssten wir richtig sein“, sagte Dännicke zu seinem Boss und dieser nickte kurz. Schuster wirkte auf einmal etwas wortkarg und verschlossen. Wahrscheinlich lag das an der Örtlichkeit, dachte sein Schützling und nahm es so hin. Sie gingen die letzten Schritte zu dem unauffällig gesicherten Eingangstor. Schuster nahm sein ID und sendete einen Code, den er zusammen mit der Nachricht zum Versammlungsort erhalten hatte, an den Bildschirm, der neben der gewöhnlichen Klingel in das Mauerwerk eingelassen war. Die Tür öffnete sich und beide betraten das Grundstück. Dännicke sah sich kurz um und stellte fest, dass es sich um ein verwahrlostes altes Gelass mit einer großen, ehemals sehr schönen Villa handelte. An vielen Stellen war Sicherungstechnik zu sehen. Er dachte: ‚Gar nicht so schlecht. Hier kann ich loslegen.‘
Schuster sendete an der Haustür erneut den Code und sie erhielten den Zugang in das Haus. Aus den Räumen hörten sie leises Stimmengewirr. Aus einem Zimmer kam ihnen eine junge Frau entgegen, die sie gleich persönlich ansprach: „Guten Tag, Herr Schuster und Herr Dännicke. Wir haben Sie bereits erwartet. Die übrigen Mitglieder sind bereits geprüft und warten. Bitte kommen Sie mit mir zum Administrator und erledigen Sie die Formalitäten.“
Sie folgten ihr und händigten dem Administrator ihre ID aus. Dieser prüfte mit seinem eigenen ID die Richtigkeit und nickte der jungen Frau kurz zu.
„Alles okay“, sagte er knapp.
Mit dem Abgleich der ID wurden notwendige Formalitäten im Vergleich zu früher deutlich vereinfacht. Es brauchten keinerlei Dokumente vorgelegt, ausgetauscht oder geprüft werden.
Die Empfangsdame bat erneut, ihr zu folgen, und sie betraten den eigentlichen Versammlungsraum, das ehemalige Wohnzimmer des Hauses. Es hatte eine stattliche Größe. Bis auf einen großen Konferenztisch mit zwölf Bürosesseln war es leer. Vor jedem Sessel lag ein großes Tableau, eine Weiterentwicklung der früher verwendeten Tablets. Mit diesen waren sämtliche Bürovorgänge zu erledigen: Präsentationen, Schriftstücke verarbeiten, Nachrichtenverkehr aller Art, Speicherung und anderes. Mit dem Einsatz dieser Hardware gab es kein einziges Stück Papier mehr.
Felix Dännicke war zufrieden und stellte sich vor: „Guten Morgen, meine Herren. Ich bin Felix Dännicke vom LBD. Das hier ist mein Boss Herbert Schuster.“
Der Erwähnte sah Dännicke von der Seite etwas unverständlich an, war er doch der Vorgesetzte und wollte die Einführung selbst übernehmen. Doch Dännicke fuhr unbeirrt fort: „Ich bin – genau wie Sie – in den AK berufen worden. Ich hoffe auf gute Zusammenarbeit und erwarte schon heute erste Ergebnisse.“
Seine forsche Art kam bei den übrigen Mitgliedern überhaupt nicht an.
Der bis zu diesem Zeitpunkt Wortführende antwortete ihm: „Guten Tag, Herr Dännicke. Mein Name ist Ostermann. Ich bin Delegierter der SDW.“
Die SDW – die Sozialdemokratische Wählervereinigung – stellte die Nachfolgeorganisation der Mitte der 2010-er Jahre aufgelösten Partei der Sozialdemokraten dar.
Nacheinander stellten sich nun auch alle anderen Anwesenden vor. Es waren insgesamt drei Mitglieder der christlich orientierten Partei, vier der PDZ – der Partei der Zuwanderer – und drei der SDW versammelt. Felix Dännicke sollte gemeinsam mit ihnen sowie mit der einzigen Frau in der Runde, die der Linksgrünen Partei angehörte, den Arbeitskreis zur Finanzkonsolidierung bilden. Alle Delegierten waren jung, hatten einen sehr guten Bildungsgrad und hohen innerparteilichen Rückhalt. Jede Partei hatte ihre hoffnungsvollsten Nachwuchskader gesandt. Es war dies der ausdrückliche Wille der Bundesregierung und sollte sicherstellen, dass nur die besten und fähigsten politischen Köpfe mit der Aufgabe betraut wurden.
Nachdem Schuster und auch die anderen Begleiter der Delegierten, die junge Angestellte und der Administrator das Haus verlassen hatten, befand sich der Arbeitskreis endlich unter sich. Es gab keine Tages- oder Rangordnung, die das weitere Vorgehen bestimmen könnte.
Dännicke erhob als Erster das Wort: „Also, ich glaube, wir sollten uns erst einmal auf ein grobes Konzept für unsere Vorgehensweise verständigen. Wahrscheinlich hat niemand von uns jemals in einem AK gearbeitet. Ich habe mir vorsorglich erste Gedanken gemacht und wir könnten uns darüber austauschen. Wer hat dazu Einwände?“
Ostermann, der Sozialdemokrat antwortete: „Nein, da gibt es sicher nichts einzuwenden. Jedoch sollte sich zusätzlich auch eine gewisse Struktur in unserem AK bilden. Einfach drauflos zu philosophieren halte ich nicht für zielführend.“
Er hatte die Gabe, sich äußerst korrekt und gewählt auszudrücken. In seinen Sätzen kamen niemals ein „Äh“, ein „Mhm“ oder andere Füllwörter vor, die auf Unsicherheit schließen ließen. Sprachlich war er top und Dännicke schon mit den ersten Sätzen überlegen.
Dieser erwiderte: „Okay. Wir sollten dafür nacheinander unsere Vorstellungen äußern, vielleicht Wahlvorschläge machen und daraus einen Vorsitz wählen. Ich selbst würde diese Funktion gerne übernehmen. Da ich mich nicht selber vorschlagen will, möchte ich Herrn Ostermann dafür nominieren. Keiner von uns sollte sich selbst zur Wahl vorschlagen.“
Die Eigendarstellung von Dännicke stieß bei den meisten der Anwesenden auf Verwirrung; ging es ihnen doch hauptsächlich um die Sache selbst. Natürlich war das auch bei Dännicke so, doch er wollte zusätzlich, dass seine Arbeit das größtmögliche Gewicht in der Runde bekam. Wer nahm schon irgendeinen Hinterbänkler für voll. Seine Devise war: Sofort in die Vollen. Nach außen mochte er etwas Sachlichkeit und Zurückhaltung vortäuschen, in Wirklichkeit wollte er jedoch der absolute Streber und „Klassenbeste“ sein.
Die übrigen Mitglieder des AK nahmen trotz ihrer Vorbehalte die Diskussion in der vorgeschlagenen Art und Weise auf. Stets war es Dännicke, der das Wort übernahm, Sichtweisen anderer interpretierte und sich langsam, aber sicher als dominierender Teilnehmer hervortat. Richtigerweise lenkte er den Dialog erst darauf, eine Hierarchie in die Gruppe zu bringen. Dabei ließ er jedoch unbedingt als oberste Priorität festhalten, dass alle Stimmen gleichberechtigt waren, die Rangordnung lediglich der organisatorischen Handhabe wegen notwendig war. Nachdem dieser Gesprächsteil zu seiner Zufriedenheit Fortschritte machte, steuerte er auf das Kernthema des AK hin. In einer gesicherten Datei auf den Tableaus der Regierung fanden die Teilnehmer eine genau ausformulierte Aufgabenstellung. Es wurden Eckpunkte definiert, Zeitrahmen abgesteckt und die in etwa zu erfüllenden Erwartungen definiert. Zusätzlich war darin festgelegt, in welcher Form der endgültige Vorschlag für die Gesetzgebung zu erfolgen hatte und wie die finanziellen Auswirkungen dieses Vorschlages darzustellen waren. Abschließend gab es vertragliche Regelungen für eine Prämierung der erfolgreichen Gesetzgebung, die abhängig vom finanziellen Ergebnis war.
Der gesamte Vormittag wurde angestrengt mit Gesprächen verbracht. Nach einer einstündigen Mittagspause war bereits die vierte Stunde des Nachmittags angebrochen, als Ostermann und Dännicke gemeinsam beziehungsweise abwechselnd die Zusammenfassung des Tages vortrugen.
Dännicke begann: „Zuallererst möchte ich mich für das mir entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Ich werde versuchen, mit dem mir übertragenen Vorsitz und meinem Stellvertreter, Herrn Ostermann, die Arbeit unseres AK ordnungsgemäß voranzubringen und ein gutes Endergebnis an unsere Auftraggeber, die Bundesregierung, zu übergeben. Die Aufgabenstellung wird in komprimierter Form von Herrn Ostermann noch einmal zusammengefasst. Bitte, Herr Ostermann.“
Der Angesprochene stand auf und ging an das Kopfende des Beratungstisches, an dem auch Dännicke saß. Er nahm die Gesprächsaufforderung an.
„Auch ich möchte mich für den uns entgegengebrachten Vertrauensvorschuss bedanken und mich denselben Zielen verpflichten, die Herr Dännicke prioritär vorgetragen hat. Unsere Aufgabenstellung in Kurzform: Die Bundesregierung hat einen Sachstandsbericht über die finanziellen Auswirkungen von Schwarzarbeit und Steuerschuld in unserem Land vorangestellt. Diesem ist zu entnehmen – bitte sehr vertraulich mit diesen Daten umgehen, sie sind nicht öffentlich zugänglich –, dass jährlich bis zu eintausendvierhundert Milliarden DEuro Steuergelder dadurch verloren gehen. Die bisher publizierten Größenordnungen gingen noch von siebenhundert bis neunhundert Milliarden aus. Diese Größenordnung ist für unser Sozial- und Gesellschaftssystem nicht mehr tragbar. Es gilt zu verhindern, dass Geldströme eines solchen Ausmaßes unserem Finanzsystem Jahr für Jahr verloren gehen, und sicherzustellen, dass wieder deutlich mehr Steuerehrlichkeit entsteht. Ob unsere Wählerinnen und Wähler dies erzwungen oder freiwillig vornehmen, ist dabei egal und sekundär. Das betone ich ausdrücklich!“
Bei diesen Worten sah er jedem Einzelnen in der Runde in die Augen und verlieh seiner Auffassung noch mehr Nachdruck.
Er fuhr fort: „Wir haben also die Aufgabe, ein Instrument zu erfinden oder zu schaffen, das kostengünstig den Bereich Schwarzarbeit, Schwarzgeldverkehr, Bestechung und Korruption sowie damit einhergehende Steuerhinterziehung eindämmt, bestenfalls sogar komplett vermeidet. Ich weiß, es haben vor uns schon mehrere Politikergenerationen versucht, diesen Missstand zu verbessern und Schwarzgeldgeschäfte auszutrocknen. Auch die haben es nicht geschafft. Umso mehr sind wir gefragt.“
Ostermann nickte zum Zeichen dafür, dass er seine Rede beendet hatte.
Ein Teilnehmer, er war Mitglied der PDZ warf nun ein: „Wir sollten uns heute noch austauschen, wann und wie oft wir uns hier treffen. Welche Ergebnisse oder Teilergebnisse erwarten wir das nächste Mal, wer führt diese zusammen, gibt es interne Gruppen, die einen gemeinsamen Weg beschreiten möchten? Und wann werden wir unser Endergebnis der Regierung präsentieren?“
Nun ergriff Felix Dännicke erneut das Wort und antwortete: „Sie haben natürlich recht mit Ihren Fragen. Zunächst sollten wir uns zweimal im Monat hier einfinden und den jeweiligen Stand auswerten. Wir haben dafür auch Zwischenberichte zu verfassen, was Herr Ostermann und ich übernehmen werden. Für unsere nächste Zusammenkunft würde ich bitten, dass jeder Einzelne oder eventuell gebildete Gruppen bereits den endgültigen Vorschlag vorstellen. In den Folgeterminen sollten diese dann im AK genau geprüft, verfeinert oder verworfen werden. Sämtliche Folgetermine sollten nur dazu dienen. Es gilt also, beim nächsten Mal bereits ganze Arbeit geleistet zu haben. Das wird sicher etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen als einen Tag. Deshalb sollten wir uns zwei volle Tage dafür einplanen. Über die Gruppen stimmen wir noch ab. Gemäß unserer Aufgabenstellung haben wir als Endtermin den 31. Januar nächsten Jahres einzuhalten. Bis dahin kommen wir also auf sieben Termine. Das sollte zu schaffen sein.“
Er sah Ostermann erwartungsvoll an. Dieser hatte zwar keine weiteren Ergänzungen, fragte die Runde aber mehrfach, ob sie bezüglich der Bildung von Gruppen Wünsche hätte. Man einigte sich darauf, dass sechs Mitglieder einen gemeinsamen und die restlichen fünf jeweils einen Einzelvorschlag einbringen sollten. Nun entbrannte eine hitzige Diskussion darüber, wie die Stimmenverteilung dazu erfolgen konnte. Die Mitglieder mit Einzelvorschlägen bestanden darauf, dass die Gruppe nur eine Stimme hatte. Ansonsten wäre die Chancengleichheit von Beginn an nicht existent; die Sechsergruppe würde alle anderen überstimmen.
Das mussten nach eineinhalbstündigem heftigem Schlagabtausch auch diese Gruppenmitglieder anerkennen, und es wurde abschließend festgelegt, dass jeder Vorschlag eine Stimme hatte und dabei für den eigenen nicht selbst gestimmt werden durfte. Das war das größtmögliche Maß für eine gleichberechtigte und faire Stimmabgabe. Ostermann und Dännicke wollten natürlich jeder einen eigenen Vorschlag abgeben.
Gegen Ende des Abends schrieb Dännicke eine Kurzfassung des Gesprächsverlaufes in sein Tableau und legte es für alle zugänglich ab. Nach außen konnten die Daten nicht gelangen. Der Administrator hatte ein eigenes geschlossenes Netzwerk angelegt, das nur dem AK selbst und den Mitgliedern des Parlamentarischen Kontrollausschusses zugänglich war. Geheimer konnte dieser Arbeitskreis nicht arbeiten. Immerhin durften die Mitglieder die Tableaus mit nach Hause nehmen. Allerdings mussten sie dafür auf ihrem ID eine persönliche Haftungserklärung bestätigen. Sollten Daten nach außen gelangen oder die Geheimhaltungspflicht verletzt werden, sah diese drastische Strafen vor.“
Felix Dännicke war zufrieden, als er auf seinem Weg nach Hause war. Er hatte es vorerst geschafft, im AK eine führende Stellung zu beziehen, und er konnte seine Konkurrenten auf nur fünf Gegenvorschläge reduzieren. Den ganzen Tag über hatte er unbemerkt seine Beobachtungen der anderen Teilnehmer notiert, etwa auffallende Eigenschaften, Schwächen, Vorlieben oder die vermutete Herkunft und persönliche Eigenarten. Er wusste nicht konkret, wie er diese Informationen zu seinem Vorteil nutzen konnte, nahm sich aber vor, Mittel und Wege zu finden, seine Konkurrenten genauer unter die Lupe zu nehmen und ein möglichst großes Detailwissen über sie zusammenzutragen.
Seit der Einführung der ID war es nicht mehr möglich, mit dem eigenen Mobiltelefon, also im Internet mit Hilfe der früher üblichen Suchmaschinen Namen, Anschriften und andere persönliche Informationen über Personen herauszufinden. Die Suchmaschinen wurden im Zuge der Internetrestriktion ab dem Jahr 2015 gesperrt – waren damit nicht mehr existent. Überhaupt wurde das Internet ab diesem Zeitpunkt dermaßen streng überwacht und eingeschränkt, dass es inzwischen unmöglich war, einfach einen Namen zu scoogeln, wie es früher gang und gäbe war. Die Mitglieder des AK kannten sich faktisch nicht und hatten auch keine Möglichkeit, jeweils gegenseitig tiefgründigere Daten zu erhalten.
Felix Dännicke jedoch würde es trotzdem versuchen.
5. KAPITEL
Am 22. Dezember freute sich Robert, dass es doch noch zu der kleinen Familienzusammenkunft kommen würde, die durch einen Streit zwischen ihm und seinem Adoptivbruder Felix fast unmöglich geworden wäre. Felix wollte wissen, in welchem Gefängnis Paul einsaß. Robert sollte dazu seinen Arbeitskollegen Schubert, Pauls Vater, fragen. Und er wollte die Erlaubnis, Paul dort einen Besuch abstatten zu dürfen. Nach Roberts Ansicht stand zu erwarten, dass Felix diesen armen Kerl für sich und seine Ziele gewinnen und dies als Gegenleistung für seine Fürsprache in dem Gerichtsverfahren verstehen würde. Dieses Einfordern des Gefallens von Felix war für Robert höchst bedenklich, geradezu unmoralisch. Er ahnte, dass die Kontaktaufnahme zwischen den beiden nur zu Pauls Nachteil ausfallen konnte.
Sie hatten sich am Ende darauf geeinigt, dass der Besuch stattfinden und Felix darüber genau Bericht erstatten sollte. Robert erhoffte sich damit eine Chance auf etwas Kontrolle und Einflussnahme auf den weiteren Verlauf dieser „Freundschaft“.
Robert war zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zum Van-Point der Stadt. Der VP war ein größerer, nachlässig mit Schotter befestigter Platz, der als eine Art Bahnhofs- und Umschlagpunkt für Kleintransporter und Vans diente. Der Bedarf danach entstand während der Energiewende in der zweiten Hälfte der 2010-er Jahre, als individuelle Einzelfahrten mit Privat-PKW unbezahlbar geworden waren. Rasch bildeten sich Fahrgemeinschaften in Kleinbussen, um die horrenden Kraftstoffpreise überhaupt noch bezahlen zu können. Dies galt im Allgemeinen für Privatfahrten, jedoch mussten auch immer mehr Betriebe, öffentliche Unternehmen, Schulen, Krankenhäuser, die Bundeswehr und auch der Politikbetrieb diesen neuen Transportweg nutzen.
Felix war es gelungen, wenigstens eine Fahrgemeinschaft unter seinesgleichen – einen parteiintern genutzten Kleinbus – zu ergattern und konnte die Fahrt von der nördlichen Elbestadt in die ehemalige Messestadt einigermaßen niveauvoll verbringen. Für die nicht privilegierten Bevölkerungsteile galt dies nicht.
Robert wiederum besaß zwar kein eigenes Fahrzeug, hatte aber von Zeit zu Zeit Zugriff auf den Bulli der SE, seinem Arbeitgeber, für dessen Nutzung er pro gefahrenen Kilometer eine halbe Arbeitsstunde leisten musste oder von seinem Lohn abgezogen wurde. Trotz dieser exorbitanten Regelung stellte diese immer noch einen Vorteil für Robert dar. Mit dem Bulli holte er Felix an diesem Morgen ab und wartete seit etwa fünf Minuten auf dem VP.
Er beobachtete einerseits resigniert, andererseits aber auch fasziniert das Treiben der An- und Abreisenden. Menschen jeglichen gesellschaftlichen Standes nutzten diese neue, wenn auch erzwungene Reisemöglichkeit. Ein nützlicher Nebeneffekt war, dass der CO2-Ausstoß erheblich sank und die Klimaziele praktisch „unverschuldet“ eingehalten wurden. Der Platz sah nicht besonders einladend aus. Der kalte, graue Wintertag tat sein Übriges. Hier und da lagen ein paar schmutzige Schneereste der letzten Tage – eigentlich ein Tag für depressive Stimmung. Robert übersah das, war er doch sehr gespannt auf Felix und dessen Bericht über seinen Besuch bei Paul.
Der LBD-Bus war nicht als solcher gekennzeichnet, sondern fuhr möglichst anonym durch die Republik. Daher konnte Robert nicht ausmachen, in welchem Bus Felix ankommen würde, und die Suche auf dem VP erwies sich an diesem Tag als anstrengend und zeitaufwändig. Zum bevorstehenden Weihnachtsfest fielen einfach noch immer zu viele Privatfahrten an, so dass der VP an diesem Tag einem fremdländischen, chaotischem Basar ähnelte.
Nach längerem Suchen gelang es Robert, Felix bei dessen orientierungslosem Überqueren des Platzes ausfindig zu machen, und er fuhr langsam auf ihn zu. Er hielt direkt neben ihm und hupte kurz, worauf Felix in das Wageninnere schaute und Robert erkannte.
Er öffnete die Beifahrertür und rief: „Hallo, Robert. Gott sei Dank. Ich laufe schon ewig hin und her und suche dich.“
„Hallo, Felix, spring rein und lass uns abdüsen. Ist heute fürchterlich hier.“
Der Bruder zog die Tür schwungvoll hinter sich zu und ließ sich in den Sitz sinken. Sein Gepäck warf er nachlässig auf die Hinterbank.
Als Robert anfuhr, blickte er nach rechts zu Felix und grinste: „Hast zugenommen. Ist euer Leben so reichlicher als unseres?“
„Ja, ja. Ich weiß. Jetzt erzählst du mir wieder was von gesunder und enthaltsamer Lebensweise. Ach, Robert, ich weiß gar nicht, woher du deine Lebensfreude nimmst, wenn du so karg lebst. Naja, gesünder bist du jedenfalls als ich. Da muss ich dir recht geben.“
Felix fühlte sich bei dem Gedanken, dass sein Bruder wieder einmal das Richtige dachte und sagte, nicht wohl. Die Kritik an seiner Person machte ihm zu schaffen. Er wollte aber nicht, dass dies so offensichtlich wurde, und bemühte sich um einen unverkrampften Umgang damit. Das gelang ihm allerdings nur dürftig.
„Sei doch nicht gleich beleidigt. Aber was wahr ist, soll auch wahr bleiben. Also im Ernst, wie geht es dir und der Familie?“
„Danke, alles in bester Ordnung. Rita hat in letzter Zeit etwas mehr Sorgen wegen unserem Bengel.“
Felix nannte seinen Sohn stets Bengel. Seine Beziehung zu ihm litt unter einem erheblichen Mangel an Bindung, Emotionen und Offenheit. Der „Bengel“ war mehr oder weniger das Projekt seiner Frau, die mehr schlecht als recht ihre Erziehungsaufgabe allein wahrnahm. Robert dachte: ‚Nicht nur als Vater bist du ein Versager.‘
Laut sagte er: „Felix, du musst ihr mehr Unterstützung geben. Mit dem Bengel kommt man nicht mehr so leicht aus, der ist jetzt fünfzehn. Wie soll er denn ohne Mitwirkung seines Vaters ordentlich ins Leben wachsen und später ein guter Bürger unseres Landes werden?“
Felix gefiel das Gespräch immer weniger. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Kritik an seiner Person, seinen Ansichten oder seinem Handeln. Robert tat genau das; er wusste es seit ihren Kindertagen: Immer war es Robert, der mit Aufrichtigkeit punktete, und immer war es Felix, der mit Verschlagenheit und Halbwahrheiten sein Ziel zu erreichen versuchte. Dass Robert ihm moralisch dermaßen überlegen war, ging ihm gewaltig gegen den Strich.
„Nun mach mal halblang! Davon verstehst du doch gar nichts. Hast kein Kind und kein Kegel und gibst schlaue Ratschläge.“
Sie waren vor dem Haus ihrer Mutter Doreen angekommen. Robert pflegte zu ihr eine gute Beziehung, die der von Felix jedoch nicht gleichzusetzen war. Doreen hatte sich Zeit ihres Lebens darum bemüht, zu beiden Kindern gleichberechtigt liebevoll zu sein, was ihr fast immer gelungen war. Jetzt, da ihre Söhne erwachsen waren, handhabte sie das nicht anders.
„Ist Mutter zu Hause?“, fragte Felix und beendete damit ihren Disput über Kindererziehung und Ernährung.
„Nein, sie ist noch auf dem Markt. Will aber zum Mittag wieder da sein. Es gibt Kammscheiben, Knödel und Sauerkraut. Weil du dir’s gewünscht hast – wie immer vor Weihnachten.“
„Ich hatte es gehofft. Schenkst du ihr was?“
Robert antwortete nicht. Sie stellten den Bulli der SE vor dem Haus ab und liefen über den Hof bis zum Hintereingang. Nachdem Robert aufgeschlossen hatte, liefen sie die vier Geschosse nach oben und betraten die Wohnung ihrer Mutter. Sie stellten fest, dass hier wie immer alles in einem sehr sauberen und ordentlichen Zustand war. Bei Doreen hatten Dreck und Unordnung keine Chance. Ihre Söhne waren da nicht so genau – eine der wenigen Gemeinsamkeiten der beiden.
Felix stellte im Wohnzimmer die Heizkörper auf die höchste Stufe und machte es sich in einem Sessel bequem. Er betrachtete das Inventar und den bereits geschmückten Weihnachtsbaum. Die Einrichtung der Wohnung war seit jeher bescheiden, einfach und immer in ordnungsgemäßem Zustand. Die Möbel waren offenkundig aus den frühen 1990-er Jahren an und das Design stieß bei Felix auf Abneigung – er wusste jedoch, dass seine Mutter nicht seinen finanziellen Rahmen für eine zeitgemäßere Einrichtung hatte.
Als sein Bruder nach ihm ins Zimmer kam und ihm ein Bier in die Hand drückte, fragte er: „Geht es ihr inzwischen wieder besser? Sie hat doch das letzte halbe Jahr nicht so rosig verbracht.“
„Ja, vor vier Wochen hatte sie die letzten Untersuchungen. Nun kann sie recht beruhigt in die Zukunft schauen. Hättest ja mal anrufen können. Also, los: Prost, ich freue mich, dass du hier bist. Kommen Rita und der Bengel morgen?“
Sie prosteten sich zu und Felix erklärte die Reiseumstände seiner Familie. Da Rita mit dem Bengel zu Besuch bei ihrer Verwandtschaft war, konnte sie erst einen Tag später anreisen, was Felix nicht besonders traurig stimmte. Es war nicht sehr weit von dort bis hierher, so konnte sie den Weg ohne größeren Aufwand selbst organisieren. Er freute sich darauf, mit seinem Bruder, seiner Mutter und Doreens Eltern einen ruhigen Abend „ganz in Familie“ zu verbringen. So sehr ihm dieses Gefühl selbst gut tat, er war nicht in der Lage, dieses auf seine eigene Familie zu übertragen oder ansatzweise in dieser Richtung Gefühle zu entwickeln. Robert war da vollkommen anders – sämtliche Fähigkeiten, die seinem Bruder auf diesem Gebiet fehlten, konnte er in besonderer Ausprägung zu seinen Stärken zählen.
Robert erzählte weiter von der überstandenen Krebserkrankung ihrer Mutter und den damit verbundenen finanziellen Problemen. Einen großen Betrag der Behandlungskosten und Medikamente musste die Familie privat aufbringen. Doreens Krankenversicherung schloss nur das einfachste Schutzpaket ein – eine teure Krebsbehandlung wurde dabei nur mit umfangreichen Eigenbeteiligungen der Versicherten vorgenommen. Das betraf allerdings drei Viertel der gesamten Bevölkerung. Die Frage nach einem Weihnachtsgeschenk ließ sich somit auch auf die einfache Art beantworten.
„Felix, ich habe im letzten halben Jahr locker drei Monatsgehälter an das Krankenhaus überwiesen. Das ist mein Geschenk.“
„Sorry, das wusste ich nicht. Wieso habt ihr denn mir nichts davon gesagt? Ich hätte auch was dazu beitragen können.“
Robert sah ihn fragend und unsicher an. Er überlegte, ob er seinem Bruder sofort die Meinung geigen oder im Interesse einer guten Stimmung darauf verzichten sollte. In Roberts Augen war das nachträgliche Angebot von Felix der blanke Hohn, obwohl er wusste, dass auch Felix einen minimalen Sinn für Familie und Nahestehende hatte. Allerdings ließ sein Engagement als Politiker dies nur sehr begrenzt zu – man könnte es auch als Aufflackern bezeichnen. Vielleicht war ja heute so ein Aufflackern zu erkennen. Robert sagte deshalb ziemlich gedämpft: „Zu spät, mein Guter. Probier’ doch mal, neben deinem Politikhype immer öfter auch was Persönliches und Privates in dein Leben zu lassen. Felix, du gehst komplett in deiner Funktion auf und veränderst dich damit.“
Es entstand eine Gesprächspause. Felix sah vor sich hin und dachte über Roberts Worte nach.
Dieser schob nach einer Weile nach: „Und nicht zu deinem Vorteil.“
„Hast ja recht. Ich merke das selber, aber das eigene Eingeständnis fällt sehr schwer. Ich mach auch nur das, wovon ich glaube, dass ich es am besten kann. Denkst du, in meinem Business ist alles nur rosarot? Robert, da geht’s zu wie auf dem Schlachtfeld. Wer zuckt hat verloren. Ich hab nur Konkurrenten und Gegner um mich herum, selbst in meiner eigenen Partei. Schuster ist mir da noch am ehesten eine Hilfe. Ich hab dir von ihm erzählt.“
„Ist schon gut, lass uns den Weihnachtsfrieden wahren. Aber ein paar kritische Anmerkungen kann jeder mal gebrauchen. Los, Mutter kommt jeden Moment, lass die Flaschen verschwinden.“
Felix nahm den Waffenstillstand der Worte an, konnte sich jedoch nicht verkneifen, noch einen Pfeil gegen Robert abzuschießen.
„Mein Bruder, der große Demokrat und Revoluzzer – und wenn die Mama kommt, müssen schnell die Biere weg. Ich denk, in euren Kreisen geht es so offen und unkompliziert zu?“
„Lass gut sein“, Robert grinste nur und sagte weiter: „Das kriegst du alles zurück, du Vertreter der Bourgeoisie!“
Nach einer Weile des stillen Wartens klingelte es an der Wohnungstür und beide standen auf, um Doreen zu begrüßen.
Felix nahm ihr die Einkaufstüten ab und ließ sich von ihr herzlich drücken. Doreen freute sich immer aufrichtig, wenn sie ihre beiden Söhne bei sich zu Hause hatte und sich um sie kümmern konnte. Sie betrachtete Felix schon seit Ewigkeiten nicht mehr als ihr Pflegekind, sondern machte, was ihre Herzlichkeit betraf, keine Unterschiede zwischen den beiden. Es war ohnehin in der zweiten Hälfte der 2010-er Jahre sehr schwer geworden, angesichts der verknappten und verteuerten Mobilität, Freunde oder Verwandte zu besuchen. Wenn sie Felix zwei Mal im Jahr sah, war das viel, und sie freute sich, dass er mit seiner privilegierten Stellung die Möglichkeiten dazu hatte. Das ging den wenigsten Familien so. Es war inzwischen die Regel, Besuche nur noch in unmittelbarer Nähe anzutreten. Sobald die Strecke zu groß wurde, machte man sie schlicht nicht mehr. Das Geld für die Treibstoffe konnte einfach kein normaler Privathaushalt mehr aufbringen. Jeder war indessen froh, wenn seine Angehörigen nicht mehr in die Ferne zogen, um zu arbeiten oder das Leben zu genießen. Da trotzdem viele der jüngeren Menschen diesen Wunsch verspürten, brach die familiäre Bande in den meisten Fällen auseinander, und es fehlte der Mehrzahl der Menschen an sozialen Bindungen – ein erheblicher Grund für die deutlich spürbare Schieflage im sozialen Gefüge der Republik. Es sehnten sich sogar viele wieder nach Verhältnissen, wie sie vierzig Jahre zuvor im Ostteil des Landes herrschten – und das in der gesamten Republik.
Doreen machte sich nach der längeren Begrüßung in der Küche zu schaffen. Als sie später zusammen saßen und sich das Mittagessen schmecken ließen, strahlte sie unmerklich. Diese Momente gaben ihr Wärme und Zufriedenheit. Jedoch dachte sie auch daran, dass ihre Söhne regelmäßig aneinander gerieten und sich im Streit heftige Wortgefechte lieferten. Sie waren einfach zu unterschiedlich. Sie jedoch wollte die nächsten Tage in Ruhe verbringen und hoffte, dass es vielleicht diesmal ohne größere Streitereien klappte.
Später, nach dem Mittagessen sprachen sie wenig. Robert hatte anklingen lassen, dass er über den Besuch bei Paul Bescheid wissen wollte, doch Felix hatte nur abweisend geantwortet, er habe wegen seiner Arbeit in einem neuen Arbeitskreis noch keine Gelegenheit dazu gehabt. Er wolle über die Feiertage versuchen, diesen Besuch zu erledigen. Dazu habe er seiner Frau klargemacht, dass die gemeinsame Rückreise diesen Umweg bedeuten würde. Der Bengel war zwar nicht begeistert, hatte aber gegenüber seinem Vater keinerlei Stimmrecht.
Seine Tätigkeit im AK Finanzkonsolidierung erwähnte er nicht weiter, auch aus dem gegebenen Geheimhaltungsversprechen.
***
Der unvermeidbare Familienstreit brach am Heiligabend aus. Auslöser war ein vorerst harmloses Gespräch zwischen Felix und seiner Frau Rita. Er hatte sich bei ihr erkundigt, wie die Fahrt zum VP gewesen war, und erfahren, dass sie den Mietbus selber gefahren hatte.
„Wie kannst du nur so naiv sein?!“, polterte er ziemlich heftig los. „Du weißt, was uns deine Fahrerei schon gekostet hat. Der Bus war mit meiner ID bezahlt!“
Sie erwiderte ohne große Gegenwehr: „Sei nicht so aggressiv, so schlimm fahre ich nicht. Ich habe nichts bemerkt, wenn dich das beruhigt. Die anderen wollten nicht fahren.“
„Rita, du hast wirklich keine Ahnung! Nichts bemerkt, das ist doch Quatsch. Lückenlos bist du dran – und das auf mein Konto! Ich kann es gar nicht fassen, dass du selber gefahren bist. Wie kann man nur so doof sein!“
Der Bengel wollte Rita helfen und wandte ein: „Es war wirklich nichts, Mama ist ganz ordentlich durchgefahren.“
Jetzt wurde sein Vater richtig laut und grob: „Bengel, halt dich da raus! Du hast gar nichts zu sagen. Deine Mutter hat einen Fehler gemacht und du wirst den nicht rückgängig machen. Also halt die Klappe!“
Felix hatte sich in Rage geredet. Auch die nervösen Blicke von Doreen, die den Streit mitbekam, änderten daran nichts. Felix konnte nicht wegen einer vermeintlichen friedlichen Weihnachtszeit darauf verzichten, auf dem Unrecht herumzuhacken, das ihm wahrscheinlich durch Ritas Fahren blühte. Robert hatte im Nebenzimmer in etwa mitbekommen, worüber die beiden stritten. Er versuchte sich herauszuhalten, wusste er doch, dass sein Bruder weitestgehend recht hatte.
Grund für die erhebliche Aufregung war, dass seit vergangenem Jahr die lückenlose Verkehrsüberwachung durch die Regierung beschlossen und in einer dreimonatigen Übergangszeit technisch in die Tat umgesetzt worden war. Grundelement dieser hundertprozentigen Überwachung wurde eine Blackbox, die jeder Fahrzeughalter auf eigene Kosten einbauen musste. Herstellung und Vertrieb liefen über den Staat. Zu dieser Box gehörten vier Minikameras, die nicht größer als eine Scheckkarte waren, über Funk ihre Bilder von allen Fahrzeugseiten an die Box sendeten und die einfach in die Fensterscheiben geklebt wurden. Die Box zeichnete damit jede Bewegung des Fahrzeuges optisch auf und speicherte dazu jeweils Datum, Uhrzeit, GPS-Daten und Geschwindigkeit. Die Zuordnung des Fahrers über sein persönliches ID wurde technisch noch nicht umgesetzt, war aber nur noch eine Frage von Monaten. Die Halterermittlung reichte vorerst für die Verfolgung von Verstößen vollkommen aus. Die gespeicherten Daten der Box wurden einmal im Monat über UMTS abgerufen und elektronisch ausgewertet. An zentraler Stelle liefen die Daten zusammen. Dort mussten dann lediglich noch Algorithmen die jeweiligen Geschwindigkeitsüberschreitungen oder Missachtungen von Verkehrszeichen erkennen, die jeweilige Ordnungswidrigkeit oder den Straftatbestand zuordnen und das dafür zu erhebende Strafgeld bestimmen. Das Geld wurde anschließend automatisch vom Konto des Fahrzeughalters abgebucht. Eine Überwachung der Verkehrsräume durch die Polizei wurde damit vollkommen überflüssig.
Das System arbeitete so zuverlässig, dass die Verkehrsverstöße in so hohem Maße zurückgingen, dass seitens des Staates die Strafmaße ständig erhöht werden mussten, um die kalkulierten Einnahmen sicherzustellen. Allein durch den Wegfall der Verkehrspolizei konnte die Regierung jährlich eine ganze Menge Geld einsparen. Verstöße gegen die Einbaupflicht für die Blackbox wurden mit Geldstrafen in Höhe von 30 Tagessätzen und der Stilllegung des betroffenen Fahrzeuges geahndet. Es funktionierte wirklich reibungslos und zielsicher. Ein angenehmer Nebeneffekt war, dass der Straßenverkehr erheblich an Sicherheit gewann, was andererseits auch mit dem Rückgang der Privatfahrten an sich zusammenhing. Die Republik wurde in dieser Hinsicht das sicherste Land der Welt – und das innerhalb von nur einem Jahr.
Auf Ritas Fahrweise übertragen bedeutete das für Felix, dass er die Verstöße seiner Frau über die Buchung des gemieteten Kleinbusses mittels seinem ID auch die Strafgelder verbucht bekam. Zudem hatte er zu Beginn dieses Überwachungsprogramms enormes Lehrgeld bezahlt; das verschwieg er immer häufiger. Die Abbuchungen am Monatsende waren teilweise eine krasse Belastung gewesen, waren hier doch Beträge von einem halben Monatseinkommen angefallen.
Er schloss das Thema mit den Worten ab: „Rita, das war das letzte Mal. Ich gehe nicht dafür arbeiten, damit du das Geld übers Gaspedal an den Staat zurückbuchst. Ich kürze dir dafür dein Taschengeld auf die Hälfte.“
Es war ihm egal, ob er gerade zu Heiligabend diese Maßnahme verkündete. In dieser Beziehung war er knochentrocken oder, was er lieber hörte, chemisch gereinigt.
Robert hatte inzwischen alles mit angehört und konnte nur den Kopf schütteln. Am liebsten hätte er beiden ordentlich seine Meinung gesagt und dabei mit Kritik nicht gespart. An Robert störte ihn, dass er in persönlichen Dingen diese Härte anwendete, und an Rita störte ihn, dass sie tatsächlich so dämlich Auto fuhr. Und das war so naiv, nachdem die gesamte Republik bezüglich des Fahrverhaltens einer Rosskur unterzogen worden war.
Robert beschloss, es dabei bewenden zu lassen und vielleicht später in besserer Stimmung mit seinem Bruder unter vier Augen zu reden.
Auch Doreen war wieder etwas gelöster, nachdem sich die beiden Streithähne beruhigt hatten. Während des Gesprächs hatte sie sich beflissentlich mit dem Bengel beschäftigt. Allerdings konnte sie dabei nicht auf normale Omaqualitäten bauen, dazu war das Verhältnis zwischen ihr und dem Enkel einfach zu flach und zu gelegentlich.
Am Abend fanden sich alle in Doreens Wohnzimmer ein, um den heiligen Abend zu begehen. Geschenke gab es nicht, mit Ausnahme eine selbstgestrickten Schals, den Doreen ihrem Sohn Robert schenkte; als Dankeschön für seine Unterstützung während ihrer Krankheit. Robert ging das nicht sehr nahe. Der erste und zweite Feiertag wurde in Monotonie verbracht, gutes Essen und kurze Spaziergänge in den Auwald wechselten sich ab. Die Abende widmeten stets alle gemeinsam einem langen Rommeespiel. Unterm Strich ging es bis zur Verabschiedung in den Abendstunden des zweiten Feiertages recht harmonisch zu. Leider geschah dies nur unter der Zurückhaltung der angestauten Emotionen zwischen Robert und Felix. Wenn es nur nach Felix gegangen wäre, hätte er seinen Teil des Streitpotenzials unterdrücken können; nicht aber sein Bruder Robert. Nach der Verabschiedung an der Wohnungstür begleitete Robert die drei noch bis vor die Haustür.
Kaum standen sie auf der Straße donnerte Robert schon los: „Felix, du bist aber auch ein unausstehlicher Kotzbrocken. Wie kannst du nur so herzlos mit deiner Familie umgehen? Was soll das?“
Der Angesprochene hatte mit diesem Vorwurf „in letzter Minute“ nicht mehr gerechnet und antwortete etwas unsortiert: „Robert, wie meinst du das? Hatten wir nicht zwei schöne Weihnachtstage? Mach doch nicht alles immer kaputt mit deinem engstirnigen Moralgedöns!“
Felix fühlte sich zu Unrecht angegriffen, war ihm doch solches Fehlverhalten, wie es ihm sein Bruder vorwarf, gar nicht bewusst.
Robert fluchte weiter: „Das sieht dir ähnlich. In deinem Politikclub ist so was wahrscheinlich in Ordnung. Hier geht’s aber um echte Menschen: deine Familie.“
Rita und der Bengel waren zu Beginn des Wortwechsels sofort in den Mietbus gestiegen und hatten die Türen wütend zugeschlagen. Auch ihnen ging die ewige Streiterei der beiden Brüder gewaltig gegen den Strich. Der Bengel hatte überhaupt keine Vorstellung und Ritas Oberflächlichkeit ließ ebenfalls nur wenig Selbsterkenntnis und damit Einsicht in die Perspektiven ihres Schwagers zu.
„Bruderherz“, versuchte Felix zu beschwichtigen, „was habe ich dir denn getan? Sei mal selbst nicht so krass an Weihnachten!“
„Hoffentlich, mein lieber Felix, wirst du nie eine wirklich verantwortungsvolle Funktion in unserem Land übernehmen. Davor würde mir grauen. Du bist einfach nicht fähig genug, die Ängste und Nöte deiner Mitmenschen zu analysieren, geschweige denn zu lenken und zu leiten.“
Felix war indessen richtig verärgert und bedauerte seinen Besuch in der ehemaligen Messestadt. Eigentlich verfluchte er jedes Jahr bei seiner Abreise diesen Umstand. Sollte sein Bruder doch in seinem kleinen Südvorstädtchen seine Revolution beginnen. Die Hackordnung in der Republik oder der Welt kratzte das nicht. Und Felix auch nicht. Trotzdem liebte er seinen Bruder und versuchte weiter, die Verärgerung etwas zu dämpfen.
„Robert, ich versichere dir, dass ich mich voll und ganz im Sinne unserer Bevölkerung im Rahmen meiner Möglichkeiten einsetze. Du weißt nur nicht, wie begrenzt diese Möglichkeiten sind. Glaubst du, ich kann einfach mal ’ne tolle Idee in die Tat umsetzen, als Gesetz vorschlagen? Und dann wird alles besser?“
Erneut dachte er an seine Aufgabe im Arbeitskreis, mit dem er auch am Folgetag wieder eine Zusammenkunft hatte. Eigentlich hatte er es sehr eilig, wollte er doch auch noch den Besuch im Gefängnis bei Paul bewerkstelligen.
„Ich glaube dir gar nichts. Obwohl du mein Bruder bist und wir eigentlich Vertrauen zueinander haben sollten. Los, macht euch nach Hause und grüß Paul. Aber eins sag ich dir, ich finde raus, was ihr zusammen besprochen habt. Lass bloß die Finger von ihm. Der soll seine Strafe absitzen und ein besserer Mensch werden. Hast du mich verstanden?“
Robert hatte sich wieder beruhigt, aber die Warnung bezüglich Paul wollte er noch loswerden.
Felix erwiderte: „Mach dir keine Gedanken darüber. Zumindest keine schlechten. Was denkst du eigentlich von mir? Bin ich in deinen Augen etwa nicht rechtschaffen?“
„Macht es gut und gute Heimfahrt, Felix.“
Er verabschiedete sich noch von Rita und dem Bengel und drückte zum Abschluss seinen Bruder lange.
Sie konnten nicht mit und nicht ohne einander.
6. KAPITEL
Der Alltag in der Jugendstrafanstalt Brassnitz begann um fünf Uhr. Die Gefangenen wurden von einem langen unerträglichen Alarmton geweckt. Fünf Minuten später klappten sich die Liegen automatisch an die Wände. Fünf nach halb sechs wurde das spärliche Frühstück ausgeteilt. Ab sechs Uhr durften die Gefangenen in den Hof. Dieser Freilauf wurde bis achtzehn Uhr nur vom Mittagessen unterbrochen, was praktischerweise gleich im Hof stattfand und wodurch die Anstalt ihre Kosten deutlich senken konnte. Der Bewachungsaufwand tagsüber wurde auf ein Minimum reduziert. Alle dreißig Meter waren Wachtürme errichtet, von denen beim geringsten Anlass wahlweise mit Gummigeschossen, Tränengas oder Wasserwerfern disziplinierend auf revoltierende Cliquen eingewirkt werden konnte. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichten, wurde ohne Weiteres auch scharf in die Problemzonen geschossen. Als Folge dieser drastischen Härte gab es anfänglich im Schnitt jeden Monat einen Toten. Für die Gefängnisleitung stellte dies jedoch lediglich hinsichtlich der Statistik und der damit zusammenhängenden Bürokratie ein Problem dar.
Paul gehörte zu der Gefangenengruppe, die tagsüber einer Beschäftigung nachgehen durfte. Dies stellte ein Privileg dar und wurde nur den Jugendlichen zugestanden, die einen eher leichteren Strafenkatalog aufzuweisen hatten. Das verwunderte, wenn man Pauls brutalen Übergriff auf die junge Frau in der Südvorstadt in Betracht zog. Aber angesichts der Tatsache, dass drei Viertel der Taten, wofür die Jungen hier einsaßen, Mord und Totschlag waren und das restliche Viertel sich aus schwerer Körperverletzung, Erpressung, Raub und Vergewaltigung zusammensetzte, relativierte sich das. Tatsächlich mussten die Straftatbestände dieses kleineren Anteils in der jetzigen Phase der Republik leider wirklich als die weniger aufregenden angesehen werden. Pauls Glück schien zunächst daraus zu bestehen, dass er „nur“ eine versuchte Vergewaltigung und einen versuchten Mord vorzuweisen hatte. Praktisch ein „leichter“ Fall.
Trotz Pauls erstaunlicher Gewaltbereitschaft in seinem niedrigen Teenageralter wartete im Knast auf ihn die ganz harte Schule. Die Verantwortlichen fanden das in Ordnung und es wurde ihm keinerlei Schutz oder Hilfestellung gewährt.
Er lag an diesem Morgen todmüde im Bett, als ihn der Weckton hart aus dem Schlaf riss und die Tür seiner Einzelzelle automatisch aufflog. Ihm steckte noch die Spezialbehandlung in den Gliedern, die ihm am Abend zuvor in der Dusche zuteil wurde. Er konnte sich kaum regen und rieb sich seine schmerzenden Körperteile, insbesondere das Gesäß.
Nach Ansicht seiner Mithäftlinge war Paul einfach noch nicht zäh genug, um den Alltag im Knast schadenfrei überstehen zu können. Er war ein leichtes Opfer für die zumeist sechzehn- bis zwanzigjährigen Mitinsassen. Gewissermaßen als Zeitvertreib und sogar ohne größere Aggression suchten sich diese besonders barbarisch vorgehenden Typen stets solche zarten Typen wie Paul aus.
Das wöchentliche Duschen erwartete er seit dem ersten Überfall ohnehin nur noch mit Schrecken. Da dies die einzige Möglichkeit war, ein Mindestmaß an Körperhygiene einzuhalten, ist er auch gestern trotzdem um einundzwanzig Uhr in den Duschraum gegangen. Er war in Begleitung von drei anderen Jungs, die ihm nicht feindlich gesinnt waren, auch in seinem Alter und mit den gleichen Problemen behaftet.
Dragon war einer der Ältesten, sein Vorstrafenregister war umfangreich und entsprechend lange würde sein Aufenthalt dauern. Seinen Spitznamen hatte er sich dadurch verdient, dass er in besonders rauen Fällen seine Opfer mit Brandwunden verschandelte. Er wurde von jedem gefürchtet und gehasst und so stellte er auch für Paul eine unüberwindliche Tatsache dar.
„Paulchen, ich habe heute Lust auf Zärtlichkeiten“, rief er selbst schon unter der Dusche stehend dem Eintretenden zu.
Paul verdrehte die Augen, wusste was ihn erwarten würde und drehte auf der Hacke um. ‚Scheiß aufs Duschen‘, dachte er noch, bevor ihn zwei andere Mithäftlinge hart anpackten. Dragon hatte für seine Attacken stets Verbündete und sich vorbereitet. Eine spontane Sache zog er nie durch. Pauls Kehle wurde von einem der beiden Helfer hart zugedrückt, so dass er keine Luft mehr bekam. Der andere verpasste ihm einen so brutalen Hieb in den Magen, dass er schlaff zusammensackte und sich auf dem Fußboden vor Schmerz krümmte. Die Jungen, die ihn eben noch begleitet hatten, standen abseits an der Wand und trauten sich keine Regung zu.
Dragon brüllte sie an: „Ihr bleibt stehen. Wir haben gerne Zuschauer und brauchen etwas Publicity. Dass ihr auch ja hübsch berichtet, was ihr gleich sehen werdet. Los Jungs, bereitet ihn vor!“
Die letzten Worte waren an seine Helfer gerichtet. Diese wussten, was sie zu tun hatten, und spulten routinemäßig ihr Sportprogramm ab. Dragon und sie waren täglich im Fitnessbereich auf dem Hof und hatten passend zu ihrer riesigen Körpergröße breite Schultern, Muskeln, wohin das Auge reichte, und konnten es mit jedem in der Anstalt locker aufnehmen. Da sie angesichts ihrer langen Strafen ohnehin nichts zu verlieren hatten, konnten sie sorglos durch die Massen prügeln. So auch an diesem Abend wieder. Einer zerrte Paul wieder vom Boden hoch und rückte ihn für seinen Kumpel zurecht. Wehrlos ließ Paul die nächsten Fausthiebe in sein Gesicht, seinen Magen und abschließend einen kräftigen Tritt in seine Weichteile über sich ergehen. Er hatte keine Chance. Die anderen gafften nur ängstlich und waren froh, nicht selbst „behandelt“ zu werden. Paul ging es mittlerweile körperlich schlecht; erneut lag er auf dem Fußboden.
Einer der Helfer ging aus dem Duschbereich zurück in den Vorraum und schleifte eine Holzbank in die Dusche. Hier kontrollierten die Wärter ganz bewusst nich, sollte doch damit der internen Disziplinierung, aber auch dem Aggressionsabbau des harten Kerns der Häftlinge freier Lauf gelassen werden.
Paul startete wimmernd einen Versuch, um Gnade zu betteln: „Dragon, bitte verschon mich heute. Es sind doch genügend andere da. Lass mich ganz.“
Der Angeflehte lachte schallend und trat praktischerweise nach ihm. Da er nackt und ohne Schuhe in der Dusche stand, konnte dieser Tritt nicht allzu viel Schaden anrichten und Paul raffte sich erneut auf: „Bitte, ich kann dir doch anders nützlich sein. Sag mir, was ich machen kann, damit du aufhörst. Bitte!“
„Am meisten gefällt mir, wie du wimmerst. Du kleiner Scheißer, die Alte habt ihr doch auch gut bedient. Das sollst du doch auch erleben dürfen. Schöne Qualen, am besten noch’n bisschen Todesangst dazu. Keine Angst, wir machen dich nicht platt, haben doch sonst kein Spielzeug mehr. Paulchen, wimmere weiter. Los! Arme Sau!“
Während des Wortwechsels hatte einer der Helfer Paul mit dem Oberkörper auf die Bank geknallt. Seine rohen Kräfte ließen ihn mit Paul umgehen wie mit einem Kleinkind. Sie hatten sichtbar Spaß mit ihm. Lachend kniete er auf dem Rücken von Paul und quetschte dessen Gesicht auf das Holz. Paul stöhnte erneut vor Schmerz. Er litt höllische Schmerzen; leider wusste er, dass es noch schlimmer werden würde. Blut aus Mund und Nase lief durch das Holz der Bank und bildete darunter eine Lache. Dragon griff nun wieder persönlich in die Aktion ein und benutzte den Holzstiel eines Schrubbers, der in der Dusche stand, um Pauls Rücken und insbesondere seine Nierengegend zu malträtieren. Paul schrie bei jedem der heftigen Schläge laut auf.
Die drei anderen Mitinsassen, die mit Paul in die Dusche gekommen waren, standen immer noch unverändert und ohne Regung an der Wand und mussten zusehen. Sie fürchteten sich davor, dass ein Seitenblick von Dragon sie traf und sie die Nächsten sein könnten.
Doch dies war nicht im Sinn der Angreifer. Sie benötigten die drei weiterhin als Zuschauer und dafür, dass die Aktion sich möglichst detailgetreu unter den Insassen verbreitete. Allerdings war das nur eine von hunderten Aktionen von Dragon und seinen Kumpanen.
Nachdem Paul mehrere dutzend harter Schläge eingesteckt hatte, sein Rücken rot und an einigen Stellen blutunterlaufen war, ließ Dragon nach und machte eine Pause. Dazu setzte er sich auf Paul und machte es sich möglichst bequem. Den Schrubberstiel gab er einem seiner Helfer und zwinkerte diesen dabei an. Dragon wusste von dessen perversen Neigungen und wollte ihm, nachdem er selbst fertig war, die Gelegenheit geben, diesen Neigungen an Paul nachzugehen.
Dragon selbst ging wieder unter die Dusche und widmete sich seiner Körperhygiene, als wäre nichts weiter vorgefallen. Die nun folgende Vergewaltigung an Paul nahm er nur aus den Augenwinkeln war; es war ihm egal, was weiter geschah. Selbst wenn sein Opfer getötet worden wäre, hätte er seinen Duschgang nicht unterbrochen. Für ihn war das alles ein normaler Tagesablauf und am späteren Abend verübte er einen weiteren Überfall auf einen anderen Häftling. Es war erbarmungslos und aus Pauls Sicht gab es keine Hoffnung auf Besserung, hatte doch dieser Abend nur eine Fortsetzung seines Martyriums im Knast dargestellt.
Nachdem er sich mühsam aus dem Bett gequält hatte, begann er seine tägliche Routine. Waschraum, Frühstück und ab sechs Uhr Fußmarsch zum anstaltseigenen Werkgelände. Dort trat er an diesem Tag etwas widerwillig seinen Job als Packer an. Sie bildeten insgesamt eine Gruppe von zwanzig Jungen und ihre Aufgabe war es, Pakete mit Gussteilen für einen Maschinenbaubetrieb zu packen. Eine leichte, aber unbezahlte Arbeit, die eine willkommene Ablenkung vom ansonsten harten Knastleben brachte.
Er schweifte mit seinen Gedanken zu dem für heute angesetzten Besuch seines Prozessunterstützers. Paul erinnerte sich nicht mehr an seinen Namen, wusste aber, dass dessen Stellungnahme ihm sicherlich fünf Jahre Strafe erspart hatte. Er hatte keine Ahnung, was dieser in seinen Augen nutzlose Politikfuzzi von ihm wollte. Eigentlich hatte er überhaupt keine Lust, sich in ein Gespräch mit ihm einzulassen, diese Welt war für ihn nicht nachvollziehbar, auch wegen seines geringen Intelligenzquotienten. Paul kannte seinen Wert, da er bei Haftantritt einen Test gemacht hatte. Mit 79 Punkten befand er sich im Durchschnitt des Gefängnisses, galt aber für das normale Leben als leicht dumm. Sein Unbehagen und seine Minderwertigkeitskomplexe wären noch größer gewesen, wenn er gewusst hätte, dass sein Gesprächspartner einen IQ von 137 besaß.
Sein Arbeitstag – Feiertage gab es in der Jugendstrafanstalt nicht – endete an diesem Tag wegen des Gesprächs etwas früher und nachdem er den kurzen Weg in die Besucherzellen geführt worden war, saß er dem Fuzzi gegenüber.
Sie hatten eine Stunde Zeit für das Gespräch und befanden sich dafür in einer der Zellen, die im Eingangsbereich für die vertraulichen Besucher vorgesehen waren. Die vertraulichen Besuche stellten eine Ausnahme dar und waren nur durch besondere Befugnisse oder Beziehungen des Besuchers einzurichten.
„Guten Tag, Paul, ich bin Felix Dännicke, du erinnerst dich wahrscheinlich an mich. Ich habe in deinem Prozess für dich Stellung genommen und dir dadurch etwa fünf bis sieben Jahre Hafterlass gebracht.“
Paul war nicht besonders gerührt, musste aber die Hilfestellung von diesem Typ anerkennen. Er nahm sich vor, nicht undankbar zu wirken und ein möglichst normales Gespräch zu ermöglichen. Den Zweck herauszufinden, war ein weiterer Punkt, etwas Disziplin an den Tag zu legen.
„Ich weiß. Danke dafür. Was wollen Sie denn hier?“
Eine vernünftige Konversation war für Paul ungewohnt und er unternahm aus seiner Sicht erhebliche Anstrengungen, zivilisiert zu reden.
„Ich wollte einfach mal sehen, wie es dir geht. Im Prozess war es ja nicht möglich, dich etwas genauer kennen zu lernen. Durch die Fürsprache von meinen Bruder habe ich zumindest die nötigsten Informationen bekommen, die ich brauchte. Ich bin an unserer Jugend interessiert, weil sie doch die Zukunft unseres Landes darstellt.“
Mit solchem, aus Pauls Sicht, Geschwafel, konnte er nicht viel anfangen. Er wusste nicht so recht, wie er eine Stunde auf dieser Ebene reden sollte. Felix nahm ihm die Sache etwas ab und fing an, über Jugendprogramme seiner Partei, über seine eigenen Bemühungen – mit Ausnahme seiner Arbeit im Arbeitskreis –, über Zukunftsaussichten der Republik und über Pauls mögliche Parteiarbeit beim LBD zu reden. Bei diesem Punkt sank Pauls Bereitschaft zu einem Gedankenaustausch auf den Tiefpunkt. Was sollte er in einer Partei? Wusste der Fuzzi überhaupt, mit wem er es zu tun hatte?
Der Fuzzi schwafelte weiter. Pauls Bereitschaft zur Zusammenarbeit vorausgesetzt, könne er sich dafür einsetzen, dass er vorzeitig entlassen werde, außerdem über seine Beziehungen ein eigenes ID und einen Praktikumsplatz erhalten könne. Allerdings würde es sich ausschließlich um Hilfsarbeiten für ihn, Felix, handeln, mit der echten Politikarbeit hätte er keine Berührungspunkte.
Paul fragte nun doch genauer nach: „Was denn für Arbeiten? Ist das überhaupt was für mich?“
„Es geht nicht darum, dass du mir Reden oder Briefe schreibst. Es sind ständig irgendwelche Botengänge, Fahrten zu Veranstaltungen, Wahlkampfhilfen oder andere praktische Hilfsarbeiten zu erledigen. Das wäre was für dich. Vielleicht nicht Vollzeit, aber eine halbe Stelle kriegen wir schon hin.“
„Und wie soll das gehen, mit der vorzeitigen Entlassung? Gute Führung und so? Sehen Sie mal in meine Fresse! Das ist dann wohl gute Führung.“
Paul streckte ihm seine besonders lädierte Gesichtshälfte hin und legte nach: „Am Arsch und noch weiter hab ich noch mehr kaputtes Fleisch. Auch mal ’n Blick riskieren?“
Er lachte gequält und wollte sein Gegenüber nicht weiter belästigen. Diesen Mindestanstand hatte er zu Hause mitbekommen. Felix wendete sich etwas ab und überwand seinen Ekel. Freundlich und unbeirrt setzte er seine Charmeoffensive fort: „Lass mal sein. Ich kenn mich auch aus. Gute Führung heißt vor allem: Lass dir nichts selber zuschulden kommen. Das macht es nur schwerer.“
Felix dachte noch: ‚ … aber nicht unmöglich‘, wollte aber von seinen Möglichkeiten nicht weiter reden.
Nach einer weiteren Viertelstunde Monolog von Felix, kam aus den Lautsprecher die Ansage, dass die Besuchszeit in fünf Minuten beendet sei und die Tür automatisch für eine Minute geöffnet werde. Das bedeutete für die Besucher, dass sie in dieser Minute zuverlässig und aus eigenem Interesse verschwinden mussten. Nachdem die Tür wieder geschlossen war, ließ sie sich nur noch manuell von einem Beamten öffnen. Und wenn es dazu kam, standen für den Besucher und den Besuchten drakonische Strafen auf dem Spiel. Daher funktionierte die automatische Regelung vortrefflich, so wie in allen anderen Bereichen auch; es mussten nur die zu erwartenden Sanktionen richtig schmerzlich sein. Seine Lektion hatte der Saat gelernt.
Felix kam zum Ende: „Also, ich biete dir an: Entlassung in einem Jahr, eigenes ID, Halbtagspraktikum mit Bezahlung. Deinen Wohnort bestimme ich. Du musst darüber nachdenken und ein Jahr friedlich bleiben. Wenn du dich dafür entscheidest, setze ich deine Treue zu mir voraus. Anderenfalls hätte ich auch Mittel und Wege, mich zu wehren. Gib mir in einem Monat Bescheid. Über deinen Vater und Robert Heinel. Direkten Kontakt gibt’s vorerst nicht zu mir! Mach’s gut!“
Diese konkrete, schnelle Art beeindruckte Paul zum ersten Mal. Das war seine Welt: kurz und knapp. Er stand auf und gab Felix die Hand.
„Ich überleg es mir. Will aber auch danach noch was davon haben. Wenn ich es mach. Ich meine erfolgreich sein und so. Tschüss.“
Mit diesen ungewöhnlichen Schlusssätzen beiderseits verließen sie den Raum. Sechs Wochen sagte er seinem Vater bei einem Besuch, er solle über Robert diesem Politfuzzi mitteilen lassen, dass er das Angebot annehmen würde. Die gute Führung gelang ihm zwar nicht. Felix’ Beziehungen waren jedoch so gut, dass er auch diesen Punkt überwinden konnte.
***
Als er den gemieteten Kleinbus wieder erreichte, in dem seine Frau und der Bengel eineinhalb Stunden gewartet hatten, setzte sich Felix nach hinten und begann zu telefonieren. Dass deshalb Rita ans Steuer musste, nahm er in Kauf.
Er rief Ostermann an: „Guten Abend, Herr Ostermann.“
Dass es am zweiten Weihnachtsfeiertag eine Zumutung für andere war, geschäftliche Telefonate führen zu müssen, war ihm egal. Felix kannte keine Privatsphäre, warum sollte er Rücksicht auf andere nehmen? Sein Vorgehen beim Arbeitskreis war da wichtiger und hatte für ihn oberste Priorität.
Ostermann antwortete mürrisch: „Herr Dännicke, guten Abend. Mit diesem Anruf habe ich nicht gerechnet. Sie wissen, dass Weihnachten ist? Ist sitze mit meiner Familie zusammen.“
The free sample has ended.