Read the book: «Tod einer Kassenpatientin»
Rainer Bartelt
Tod einer Kassenpatientin
Wenn die Medizin versagt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Tod einer Kassenpatientin
Hundstage
Es begann im September
Zwischen Wischmopp und Handfeger
Der erste Besuch des MDK
Der Sturz
112 hat Diskussionsbedarf
Die Klinik gibt Entwarnung
Vom Paradies in die Hölle
Auch zuhause Albtraum ohne Ende
Was tun?
Plötzlich geht alles ganz schnell
Die Klinik versucht sich erneut an Gerda
Der Brief der Klinik
Feuer und Wasser
Ein Professor bekommt Post
Eine Gutachterin, wie vom Teufel gesandt
Vorweihnachtszeit im Heim
Die Klinik zeigt sich verhandlungsbereit
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Noch einmal Aufregung vor dem Fest
Gerdas letztes Weihnachtsfest
Die Klinik ist an allem schuld
Die weihnachtliche Pechsträhne ist noch nicht zu Ende
Die Klinik wird juristisch
Machen sie sich keine Sorgen, alles wird gut!
Warten auf die Behandlung
Die zweite Blasenuntersuchung
Willkommene Ablenkung
Die Pforten der Hölle öffnen sich
Einmal hin und zurück in die Klinik
Hier ist keine Gerda!
Das Ende eines langen Tages
Die zweite Blasenentzündung
Der erste verständige Mensch in der Klinik
Der Umzug in die Psychiatrie
In einer anderen Welt
Die Klinik streitet (fast) alles ab
Hoffen und Bangen
Der Berg kreist und gebiert ein Mäuschen
Endlich: der Tag der Wahrheit
Die letzte Dienstreise
Mutti im Koma
Manic Monday – ein total verrückter Montag
Gerda zurück im Heim, Petra in der Klinik
Geisterstunde in der Klinik
Eine Nachtschwester im Stress
Willkommen in der Hölle
Gerdas Tod wird geplant
Das Ende
Nachruf: Medizin am Ende?
Impressum neobooks
Tod einer Kassenpatientin
Ein Tatsachenroman - frei nach einer wahren Begebenheit

Erst stirbt die Gesundheit, dann die Würde, dann der Mensch; die Erinnerung stirbt nie.
Dieses Buch ist gewidmet:
meiner Mutter Gerda Erika Auguste Bartelt, geborene Kühl
Frau Anja Rowarth* vom MDK, deren besonderes Engagement als Gutachterin dafür gesorgt hat, dass meine Mutter bereits in der Pflegestufe 1 verstarb
Herrn Sascha Torwald* von der juristischen Stabsstelle der Klinik, dessen Kenntnisse von der menschlichen Natur nicht ausreichten, um zu erkennen, dass auch der Sterbefall ein Notfall ist
*Namen geändert
Hundstage
„Herr Doktor, der Simulant auf Zimmer 7 ist heute Nacht gestorben.“ „Na sowas, jetzt übertreibt er aber wirklich!“
Die Luft steht still, draußen und im Haus. Das Thermometer zeigt Temperaturen über 30 Grad im Schatten an. Nur im Freibad gibt es noch Hoffnung auf Abkühlung.
Wenn ich an einem solchen Tag an meine Mutter zurückdenke, geboren 1920 und aufgewachsen als Gerda Kühl im damals deutschen, heute friedensbedingt zu Polen gehörenden Teil Pommerns, dann bin ich fast froh, dass ihr die mörderische Hitze dieses nicht enden wollenden Sommertags erspart bleibt. Vor Jahren, als es wochenlang schon einmal so heiß war, dass wir, um schlafen zu können, über unserem Bett einen Ventilator installieren mussten, hatte sie ihren ersten Zusammenbruch. Schon am Vortag – beim gemeinsamen Abendessen – war es in ihrer Dachgeschosswohnung, die für eine Person fast zu groß war, unerträglich heiß gewesen. Nach dem Essen wirkte meine Mutter auf mich ungewohnt wortkarg und unkonzentriert. Deshalb fuhr ich am nächsten Tag gleich nach der Arbeit zu ihr „um nach dem Rechten zu sehen“ und fand sie in ihrer Wohnung hilflos am Boden liegend. Die eilig herbeigerufenen Rettungssanitäter schauten sich das Trauerspiel eine Zeit lang an und stellten Fragen, deren Antworten für mich offensichtlich waren. Dann erst entschlossen sie sich, meine immer etwas zu körperlicher Fülle neigende Mutter drei steile Treppen hinunter zu tragen und in den vor dem Haus wartenden Krankenwagen zu verfrachten.
Auf meine Weisung hin fuhren sie mit ihr in die Notaufnahme der Klinik, obwohl Gerda auf keinen Fall wieder dorthin wollte. Nur einmal vorher war sie dort gewesen, aber das hatte ihr gereicht: „Ich muss mich jetzt einmal gründlich untersuchen lassen, fahr' mich bitte ins Krankenhaus!“, war damals ihre Mission gewesen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihren Wunsch wortgetreu auszuführen. Es versteht sich von selbst, dass in der Klinik niemand begeistert war über diese „eingebildete Kranke“, die zwischen Schlaganfall-Patienten und anderen schweren Erkrankungen die Aufmerksamkeit der Notärzte aus subjektiver wie auch aus objektiver Sicht vollkommen unnötig in Anspruch nahm.
Da man bei ihr medizinisch nichts Ernstes finden konnte, fing man an, ihren Geisteszustand gründlicher zu untersuchen. Und das war es, was Gerda sofort so übel nahm, dass sie auf keinen Fall mehr einen Fuß in diese Klinik setzen wollte. (Auch wenn sie anschließend jedem, der sie danach fragte, stolz erzählte, man habe ihr damals „einen für ihr Lebensalter außergewöhnlich guten Allgemeinzustand“ bescheinigt.)
So machte ich nach ihrem Hitzeschlag erst einmal ein großes Geheimnis aus der Tatsache, dass ich sie genau wieder in dieselbe von ihr geächtete Klinik hatte verfrachten lassen. Der Grund: Für mich gab es in dieser Stadt einfach keine andere medizinische Instanz. Schon als ich Anfang der siebziger Jahre aus einer kleinen in diese mittelgroße Universitätsstadt gekommen war, hatte ich von meiner Studentenbude aus den Fortschritt der Bauarbeiten beobachten können. Hatte aus der Ferne mit ansehen können, wie winzig klein erscheinende Lastkraftwagen nach und nach riesige Berge aus Sand auftürmten, die dann von anderen ebenso klein erscheinenden LKWs emsig wieder abgetragen wurden. Wie das Gebäude Stockwerk für Stockwerk Gestalt annahm und höher und höher wuchs. Später führte ich gern meine privaten und im Allgemeinen überhaupt nicht kranken Gäste voller Stolz durch diesen riesigen Klinikneubau. Konzipiert für 20.000 Patienten, ausgestattet mit zwei zehngeschossigen Bettenhäusern und Arbeitsplatz für mehr als 5000 Vollzeitbeschäftigte beeindruckt dieses Haus mich auch heute noch durch seine zukunftsweisende Architektur und schiere Größe: Schon das über mehrere Stockwerke gehende lichtdurchflutete Atrium ist einfach atemberaubend. Ebenso beeindruckend die außen liegenden hohen Flure, deren meterhohe Glasfenster einen freien Blick auf die gigantischen, Hochhäusern gleichen Bettenhäuser gewähren. Alles in allem ein Ehrfurcht einflößender Bau, gleichzeitig das Versprechen größtmöglicher medizinischer Effizienz.
Gerda war schon drei volle Tage in diesem kleinstadtgleichen Krankenhauskomplex, als sie endlich zu fragen wagte: „Sag' mal mein Jung‘, wo bin ich hier eigentlich? Ich bin doch nicht etwa wieder in der Klinik?“ Naturgemäß zögerte ich zuerst etwas mit der Antwort. Dann aber nahm sie meine wahrheitsgemäße Aussage zu meiner großen Erleichterung besser auf als erwartet: Im Gegensatz zu ihrem ersten Besuch in der Klinik war meine Mutter dieses Mal ein ernst zu nehmender medizinischer Fall. Also war sie auch entsprechend behandelt worden und niemand hatte dieses Mal Ihren Geisteszustand in Frage gestellt. Sie war sogar erleichtert, dass ich ihren Verdacht, sie sei wieder in der Klinik und nicht in irgendeinem anderen Krankenhaus gelandet, positiv bestätigen konnte. Denn das gab ihr die Gelegenheit, mit den Ärzten, Helfern und Helferinnen in der Klinik ihren Frieden zu schließen. Als sie nach einer Woche bei deutlich kühlerer Witterung geheilt in ihre Wohnung entlassen wurde, gab es Blumen für die Schwestern und eine großzügige Spende in die Kaffeekasse. „Alle waren hier so nett zu mir!“, sagte sie zum Abschied.
Es begann im September
Spätsommer 2012: Im Gegensatz zur heutigen Affenhitze war der Tag, an dem die Schwierigkeiten für uns begannen, angenehm warm und sonnig. Der Herbst war noch in weiter Ferne. Wir, meine Frau Petra und ich, waren gerade von unserem Ostseeurlaub zurückgekehrt, hatten Gerda unsere Urlaubsbilder gezeigt und waren auf dem besten Wege, wieder vollkommen der üblichen Alltagsroutine zu verfallen. Nach der Arbeit war ich wie auch zuvor mindestens einmal in der Woche bei meiner Mutter zum Abendessen eingeladen. Gerda kochte gern und freute sich ebenso sehr auf meine Gesellschaft wie auf das gemeinsame Essen. Heute gab es mein Leibgericht: panierte und in Butter gebratene Hähnchenteile, so frisch und lecker, wie sie kein anderer Mensch als meine Mutter zubereiten konnte. Dass dieses Mal Vorsuppe und Nachspeise fehlten, was bei meiner Mutter sonst nie vorgekommen war, fiel mir zunächst gar nicht auf. Ich freute mich zu sehr über das gute Hauptgericht.
Dann passierte es. Gerda senkte den Kopf und schaute auf ihren Teller. Angesichts ihrer ehrfürchtigen Haltung erwartete ich ein Tischgebet. Stattdessen sagte sie plötzlich – nicht sehr laut, dafür aber umso bestimmter: „Das ist jetzt die Henkersmahlzeit!“ Ich ließ vom Essen ab und schaute sie verblüfft an. Petra und mir war es bisher immer so vorgekommen, als ob Gerda zu denjenigen vom Glück begünstigten Menschen fortgeschrittenen Alters zählte, an denen der Tod kein besonderes Interesse zu haben schien. Die vielleicht sogar ihre eigenen Kinder überleben würden. Zwar klagte sie seit einiger Zeit, dass sie zunehmend schlechter schlief, nach mancher Nacht auch mal über Übelkeit und Erbrechen. Doch ihre über siebzig Quadratmeter große Wohnung versorgte sie fast vollkommen allein mit nur wenig Hilfe von unserer Seite. Ihre Lebensmittel bestellte meine Mutter von ihrem eigenen Telefax-Gerät aus bei einem großen Lebensmittelhändler, sodass wir ihr außer unserer regelmäßigen Gesellschaft beim Essen und beim Bauernrommé wenig zu bieten hatten. Es war ihr wichtig und sie war stolz darauf, es bis ins 93-zigste Lebensjahr geschafft zu haben, ohne „den Kindern“, sollte heißen: ohne Petra, meiner ohnehin weit entfernt lebenden Schwester Eva und mir „zur Last zu fallen“.
An dem besagten Septembertag bestand allerdings kein Zweifel mehr, dass sie ihre Aussage absolut ernst gemeint hatte. Denn sie legte noch nach: Nachdem sie schon einmal kurz den Gedanken geäußert hatte, ins Pflegeheim zu wollen, dann aber wieder davon abließ, meinte sie nun, jetzt wäre es wohl wirklich an der Zeit, diesen für sie sicher nicht einfachen Schritt aus der Selbstständigkeit in eine fast vollständige Abhängigkeit von Anderen in die Tat umzusetzen. Schade nur, dass sie selbst ebenso wie wir überhaupt keinen Plan hatte, was nun konkret zu tun war. Denn weder Petra noch mir war klar, wie wir den Wunsch meiner Mutter realisieren sollten und konnten. Da unsere Ehe kinderlos geblieben war, verfügten wir über keinerlei praktische Erfahrung, wie es war, für nahe Angehörige zu sorgen. Denn auch um Petras Eltern und um meinen schon vor vielen Jahren verstorbenen Vater hatten sich andere gekümmert: Meinen Vater hatte meine Mutter bis zum Ende selbst versorgt, und auch Petras Eltern waren nicht in unserer Obhut gestorben.
Wir waren also erst einmal vollkommen ohne Orientierung und ziemlich ratlos. Das einzige, was ich meiner Mutter sofort geben konnte, war eine Informationsbroschüre des örtlichen Sozialamts mit einschlägigen Telefonnummern. Ich bat Gerda, sich dort einen Termin für ein persönliches Beratungsgespräch in ihren eigenen vier Wänden geben zu lassen. Aber entweder war meine Mutter, das Amt oder beide gemeinsam überfordert, jedenfalls kam es nie zu diesem Gespräch.
Stattdessen fingen wir an, mit Freunden und Bekannten über Gerdas Wunsch nach Pflege und Betreuung zu diskutieren. Der entscheidende Hinweis für eine eigentlich ziemlich nahe liegende Lösung kam von Yvonne, unserer Nachbarin, die während des Urlaubs mehrmals nach Gerda geschaut hatte:
„Da gibt es doch dieses neue Pflegeheim im Gartenweg, das ist wohl ganz gut.“
Und weiter:
„Ich bin mal dagewesen und habe mir alles angeschaut, als es noch nicht vollständig eingerichtet und bezogen war. Ich kann natürlich nicht sagen, wie man dort heute so wohnt. Damals fand ich alles aber ausgesprochen freundlich und modern.“
„BINGO - das ist die ideale Lösung!“, dachte ich spontan. Das Heim, von dem Yvonne sprach, lag direkt neben meiner Arbeitsstelle. Nur eine einzige Häuserzeile trennte mein Büro von diesem Pflegeheim. Tag für Tag fuhr ich dran vorbei, wenn ich zur Arbeit wollte. Einfach genial – nur dass ich nicht von selbst auf diese einfache Lösung gekommen war, verblüffte mich: Hier würde ich Gerda ganz in meiner Nähe haben, hier würde ich mich noch besser um sie kümmern können als in ihrer jetzigen, fast am anderen Ende der Stadt gelegenen Wohnung. Nach ihrem Umzug würde ich sogar wieder häufiger auf das Auto verzichten und viel einfacher mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren können, weil ich nicht mehr durch die ganze Stadt fahren müsste, um Gerda zu besuchen.
Um meine Mutter ebenfalls für diese Idee zu gewinnen, ging ich an den PC und ins Internet, rief Google-Maps auf, wählte die Satellitenansicht und druckte eine Großaufnahme vom Heim und dem fast unmittelbar daneben liegenden Bürogebäude aus, in dem ich arbeite. Genau wie ich war Gerda von Yvonnes Vorschlag sofort überzeugt: Sie selbst im Heim gut versorgt und „mein Jung‘“ gleich um die Ecke. Diese Vorstellung gefiel ihr ausnehmend gut. Dem Umzug ins Pflegeheim stand damit unsererseits nichts mehr im Wege. Nur leider, leider: Das Heim konnte uns zwar sofort häusliche Pflege anbieten – einschließlich Reinigungsdienst und Essen auf Rädern –, es gab aber kein freies Zimmer. Stattdessen eine lange Warteliste. Auch einige Zeit später, als ich erneut nachfragte, hatte Gerda auf dieser Warteliste noch mindestens sieben weitere Interessenten vor sich. Diskret erkundigte ich mich bei der Heimleitung nach der Anzahl der Pflegebetten und der typischen Verweildauer der Bewohner: Knapp über 100 Betten geteilt durch eine im Durchschnitt nur zweijährige Aufenthaltszeit ergaben grob geschätzt vier Todesfälle oder sonstige Abgänge pro Monat! Anders als Gerda, die natürlich enttäuscht war, dass sie nicht sofort aufgenommen wurde, und auch Petra und Yvonne, die sich und mich fragten, ob man nicht noch anderswo schauen sollte, sah ich gute Chancen, in einem noch ausreichenden Zeitrahmen die Zusage für einen Heimplatz zu bekommen. Spätestens im Februar musste Gerda aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrem neuen Zuhause sein. Vor allen anderen Dingen war es mir ganz besonders wichtig, meine Mutter tagsüber möglichst nahe bei mir zu haben. Daher kam für mich kein anderes Heim in Betracht.
Zwischen Wischmopp und Handfeger
Viel Zeit zum Überlegen hatte ich ohnehin nicht, denn nun kamen vollkommen neue Aufgaben auf mich zu. Ich, der jetzt den Lebensmittelhändler ersetzen und für Gerda ab sofort auch alle anderen Dinge des täglichen Lebens besorgen musste, bekam plötzlich E-Mails folgender Art:
„Hallo Frau Bartelt, nachfolgend wie besprochen die ‚Idealliste‘ unserer Hauswirtschaftskraft.
Schrubber und Bodentuch + Eimer oder alternativ Wischmopp und Eimer
Besen, Handfeger & Kehrblech, Staubsauger (+ vorrätige Wechselbeutel)
2-fach Ausführung (wegen Waschwechsel) Mikrofasertücher in vier Farben (Küche, Möbel, Bad, Toilette)
Kleiner Putzeimer und Abzieher f. Fenster
Reiniger f. die verschiedenen Bereiche
Müllbeutel und gelbe Säcke
Leiter oder Tritt
Mit freundlichen Grüßen…“
Nun, diese „Frau Bartelt“, die alle nötigen Sachen für den zum Heim gehörenden Reinigungsservice besorgen musste, war ich selbst. Denn in erster Linie fühlte ich mich persönlich für meine Mutter verantwortlich, Petra, deren langer Arbeitstag oft bis 19 Uhr dauert, wollte ich mit Muttis Pflege nicht mehr als nötig belasten. Ich fand mich also an einem Samstagmorgen in der Putzmittel-Abteilung des nächstgelegenen Supermarktes wieder, unmittelbar nachdem ich Petra zur Arbeit gefahren hatte. „So muss sich eine Frau im Baumarkt fühlen!“, dachte ich. Ziemlich hilflos taperte ich von Regal zu Regal, bis ich endlich alles beisammen hatte, was auf der Einkaufsliste stand.
Am Ende kam ein schöner Geldbetrag zusammen, der in keinem gesunden Verhältnis zum Materialwert der im Einkaufswagen liegenden Putzwaren stand. Aber was zählte schon der schnöde Mammon, wenn es um nichts weniger als Mutters Zukunft ging? Und die 'fremde Macht' – der Pflegedienst – zufrieden gestellt werden musste? Also hieß es, nicht zu kleinlich zu sein. Gab es doch eine große Aufgabe zu bewältigen: Eine große und ziemlich zugestellte Wohnung musste wieder auf Vordermann gebracht werden, die seit Jahren in den Ecken nicht mehr richtig gefegt worden war. Zwar hatte Petra meiner Mutter immer wieder ihre Dienste angeboten, Mutti hatte aber stets mit dem Hinweis entrüstet abgelehnt, sie habe selbst gerade „gründlich“ sauber gemacht. Petra schaute einigermaßen ungläubig in die Ecken, aber Widerspruch wurde nicht geduldet. Ende der Diskussion.
Und so waren es keine „Wollmäuse“ mehr, die in den Zimmerecken ihre Jugend verbrachten, um anschließend unter und hinter den Schränken still und von Gerda unbemerkt umher zu wandern, sondern es waren „Wollkatzen“ oder in einzelnen Fällen sogar eher „Wollelefanten“, die einen traurigen Beleg für eine zunehmend verminderte Sehkraft meiner Mutter darstellten. Was mich aber am meisten verblüffte: Die vom Pflegeheim gestellte ambulante Reinigungsfachkraft fasste die in der Wohnung in reichlicher Anzahl vorhandenen Schmutznester keinesfalls als Ansporn auf, das Problem mit professioneller Energie anzugehen. Stattdessen beschwerte sie sich das eine über das andere Mal bei meiner Frau, wie dreckig doch die Wohnung sei, die sie sauber machen sollte. Das war eine Logik, die nicht so ganz in mein bisheriges intellektuelles Regelwerk passen wollte.
Noch ein weiterer Grund führte dazu, dass der externe Reinigungsservice nicht sofort die gewünschte Wirkung entfaltete: Gerda fand es nämlich höchst spannend, was jetzt in ihrer Wohnung abging. Sie platzierte sich mit ihrem mit Rollen ausgestatteten Serviertischchen, das ihr als provisorische Gehhilfe diente, mitten am Ort des Geschehens und versuchte, den Arbeitseifer der vom Heim geschickten Reinigungskraft zu dirigieren und anzuspornen. Was auch umgehend Wirkung zeigte, wenn auch nicht die gewünschte: Sehr schnell wurden aus einer Reinigungskraft viele verschiedene Reinigungskräfte! Mit einem Mal kamen jede Woche immer wieder andere Frauen, die sich anschickten, die Wohnungsreinigung voranzutreiben. Bis schließlich eine gefunden wurde, deren Fell anscheinend dick genug war, um a) meine Mutter und b) die ganze Aufgabe nicht allzu ernst zu nehmen, dauerte es einige Zeit. Zu guter Letzt wurde en détail dann aber doch noch einiges auf den Pfad der Sauberkeit gebracht. Für mich, der später Gerdas leere Wohnung besenrein an den Nachmieter übergeben musste, blieb trotz alledem noch genug zu wischen übrig.
Der erste Besuch des MDK
Selbstverständlich war das Einkaufen der Reinigungshilfsmittel und aller anderen Dinge des täglichen Bedarfs, wie unter anderem Drogerieartikel, Getränke und Lebensmittel für Frühstück und Abendessen, nur ein Beispiel für die vielen anderen anfallenden Aufgaben, die mit Gerdas Pflege jetzt neu und zusätzlich auf Petra und mich zu kamen: Damit das Heim für Mittagessen und Sauberkeit sorgen konnte, mussten Vorgespräche geführt, Angebote geprüft, Verträge gemacht und Rechnungen bezahlt werden. Auch als kurz danach der ambulante Pflegedienst zum Einsatz kam und Gerda bei der Körperpflege, beim Anziehen und beim Essen half, gab es noch genug für uns zu tun: Neben dem Einkaufen auch das Besorgen und Beantworten der Post, das Erledigen der Bankgeschäfte, Terminabsprachen mit dem Hausarzt, Beschaffen von Medikamenten, sauberer Kleidung und vieles andere mehr.
Nachdem sich einige Mitarbeiter vor Ort in Gerdas Wohnung ein Bild von der allgemeinen Lage gemacht hatten, war das Pflegeheim sehr daran interessiert, meiner Mutter außer dem Essen auf Rädern und der wöchentlichen Wohnungsreinigung auch andere Hilfeleistungen anbieten zu können. Daher sorgte die Heimverwaltung selbst dafür, dass Gerda von den Medizinischen Diensten der Krankenkassen (MDK) ein Gutachtertermin angeboten wurde. Wir waren natürlich auch sehr daran interessiert, dass dieser Termin schnell zustande kam. Also widersprachen wir dem vorgeschlagenen Besuchstermin nicht, obwohl Petra am besagten Tag verhindert und ich selbst auf Dienstreise war, wir beide also Gerdas erster Begutachtung durch den MDK nicht beiwohnen konnten. Stattdessen wurde vereinbart, dass außer Gerda und dem Gutachter noch eine enge Freundin unserer Familie und eine erfahrene Mitarbeiterin der Heimverwaltung anwesend sein sollten.
Im Auftrag der Medizinischen Dienste rief ein „netter Herr“ kurz vor dem Termin bei Mutti an und meinte, er würde sich wohl etwas verspäten. Die entsprechend informierte Mitarbeiterin des Pflegeheims kam daraufhin natürlich auch etwas später zu Gerda, der Gutachter vom MDK war aber doch pünktlich da gewesen und inzwischen schon wieder weg. Was für den besagten netten Herrn den Vorteil hatte, dass – anders als vorgesehen – niemand vom Pflegeheim bei dem Gutachtertermin anwesend war. Mit dem MDK hatten also nur Gerda und unsere Freundin Nina am schön gedeckten Kaffeetisch gesessen und sich unterhalten.
Passend zu dieser gemütlichen Runde fiel das Gutachten von Kleinigkeiten abgesehen ausgesprochen positiv für meine Mutter aus: Zwar wurden „körperliche Schwäche, Urininkontinenz, arterieller Hypertonus (Bluthochdruck), deg. WS-Syndrom (Probleme mit der Wirbelsäule), Rundrücken“ festgestellt. Aber: „Es liegt keine demenzbedingte Fähigkeitsstörung, geistige Behinderung oder psychische Erkrankung vor… Versicherte ist zu allen Qualitäten orientiert und kann sich selbstständig beschäftigen… Tremor in den Händen (zittrige Hände), keine Paresen (Lähmungserscheinungen).“ Und weiter an verschiedenen Stellen des Gutachtens: „Appetit erhalten… Stuhlgang regelmäßig und täglich… Aus den festgestellten Auffälligkeiten resultiert kein regelmäßiger bzw. dauerhafter Beaufsichtigung- und Betreuungsbedarf… Begutachtungsergebnis: Pflegestufe 1.“
Ausdrücklich erwähnt wurde in dem Gutachten, dass der gutachterlich festgestellte Hilfebedarf „mit den Angaben der Pflegeperson“ übereinstimme. Und genau da lag der Hund begraben: Für meine Mutter war der Besuch des Gutachters ein besonderes gesellschaftliches Event, bei dem sie noch einmal alle ihre Qualitäten als Gastgeberin ausspielen konnte – ein allerletztes Mal, wie sich dann leider herausstellen sollte. Obwohl meine Eltern nie ein eigenes Haus besessen hatten, sondern ihr ganzes Leben über in verschiedenen Wohnungen zur Miete gewohnt hatten, waren ihre Einladungen und Gesellschaften immer ein Ausdruck purer Lebensfreude gewesen. Bei solchen Gelegenheiten waren Gerda und mein Vater Fritz Wilhelm Ernst Bartelt stets perfekt gekleidet, der Tisch äußerst geschmackvoll und opulent gedeckt und die ganze Wohnung auf Hochglanz gebracht. Kurz und gut, von den Speisen und Getränken bis hin zum äußeren Anschein: Kein Gast vermisste irgendetwas, kein Gast ging unzufrieden nach Hause. Es wurde gelacht und diskutiert, gelegentlich auch gesungen und getanzt, und selbst wenn ich mich als Kind früh auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, fand ich ruhigen und erholsamen Schlaf meist erst viel später, als mir lieb war.
Fast genau so war es auch am Tag des MDK-Besuchs: Meine Mutter hielt an perfekt gedeckter Kaffeetafel Hof, und wenn unsere gute Freundin nicht dabei gewesen wäre, wären so nebensächliche Themen wie Urininkonsistenz und Gerdas angeblich guter Appetit und täglicher Stuhlgang niemals zur Sprache gekommen. Stattdessen hätte sie noch mehr von ihrer bewegten Vergangenheit mit Flucht und Vertreibung und ihren späteren Erfolgen bei ehrenamtlichen Tätigkeiten, vornehmlich für die evangelische Kirche in ihrer damals neuen Heimat Schleswig-Holstein gesprochen. Auch ihr Buch („Bilder einer Kindheit“) und meine eigenen beruflichen Erfolge wären sicherlich ausführlich zur Sprache gekommen. Auffällig, ihr hervorragendes Gedächtnis, so war es dann auch im ersten MDK-Gutachten vermerkt.
Leider entsprach die Realität nur wenig dem schönen Schein während der gemütlichen Kaffeerunde: Anders als im Gutachten vermerkt, zeigte Gerda seit Beginn ihrer Hilfsbedürftigkeit deutliche Anzeichen einer schweren Depression, hatte ihren Appetit fast vollständig verloren, trank wegen ihrer Blasenprobleme viel zu wenig, konnte sich auch nicht mehr selbst beschäftigen, weder dem Radio- noch dem Fernsehprogramm folgen, sondern saß die meiste Zeit apathisch und bewegungslos in ihrem Wohnzimmerstuhl und litt demzufolge – entgegen der eindeutig falschen Aussage das Gutachtens – unter einer schweren Verstopfung, der auch mit Abführmitteln (sie nahm regelmäßig Dulcolax-Zäpfchen) nicht mehr beizukommen war. „Wann holt mich der Herrgott endlich zu sich?“, war immer öfter die Begrüßung, wenn ich zu ihr kam. Noch heute sehe ich mich abends in ihre nur spärlich erleuchte Wohnung kommen und meine Mutter regungslos am Tisch sitzen, schweigend ins leere Dunkel blickend, im Geist ihren Herrgott und Schöpfer um Erlösung anflehend – ein Schatten ihrer selbst.
Der Sturz
Dabei hatte es schon vor dem Gutachterbesuch ein Malheur gegeben: Gerda war schwer gestürzt. Ich war nicht wenig erschrocken, als sie eines Abends nicht am Wohnzimmertisch, sondern ziemlich verstört auf ihrer Bettkante saß. Ihre Haare waren blutverschmiert, auch auf dem Fußboden war viel Blut. „Mein Gott, was ist passiert, Mutti?“ „Ich habe mir den Kopf am Bett gestoßen!“ „Wie ist das möglich?“ Ich schaute sie ungläubig an. Ihr Bett war rundherum dick gepolstert, nirgends eine scharfe Kante. Aber woher kam das viele Blut auf ihrem Kopf und dem Fußboden? Aber gestürzt war sie, daran gab es keinen Zweifel. Und verletzt war sie auch. Daher gab es nur eins: Die 112 musste angerufen werden, um Gerda schnellstmöglich ins Krankenhaus zu schaffen. Die Sanitäter kamen auch sofort und wieder fuhren wir zusammen in die Klinik, dieses Mal allerdings ohne irgendwelche Einwände und Bedenken seitens meiner Mutter. Gottseidank war für mich schon Wochenende und ich konnte so lange bei ihr bleiben, bis sie vollständig versorgt war.
Das Warten auf eine Untersuchung nahm natürlich einige Zeit in Anspruch, da sie an diesem Abend – wie immer freitagabends – beileibe nicht die einzige Patientin in der Notaufnahme war. Da sie den Urin nicht so lange halten konnte, bis ein Arzt Zeit für sie hatte, und auch die zuständige Krankenpflegerin anderweitig beschäftigt war, ergab sich mit der Zeit ein immer stärker drängendes Problem. Auf Gerdas Wunsch hin machte ich mich schließlich selbstständig auf die Suche nach einer Lösung, indem ich mich in der nicht gerade kleinen Aufnahmestation auf Wanderschaft begab. Mit dem Ergebnis, dass ich in irgendeine Situation hereinplatzte, in der es wirklich um Leben und Tod ging. Hier fand ich die gesuchte Pflegerin. Ganz klar, dass sie über mein plötzliches Auftauchen an diesem unpassenden Ort ziemlich erbost war. Also wurde ich sofort von ihr angepflaumt und musste unverrichteter Dinge zu Gerda zurückkehren. Einerseits hatte ich Verständnis für die Beschimpfungen, die ich mir anhören musste. Andererseits wusste ich aber auch, wie sehr eine volle Blase schmerzen kann, und war ärgerlich, dass meine Mutter weiter warten musste.
Am Ende war alles gut: Gerda lag tags darauf zufrieden auf irgendeiner Station der Klinik im komfortablen Krankenbett. Zufrieden auch deshalb, weil sie hier endlich den Rundum-Service genießen konnte, den sie zuhause bisher so schmerzlich vermissen musste. Und auch ich war zufrieden, denn die Ärzte hatten bei ihr nichts Ernstes festgestellt: Der Kopf war sorgfältig untersucht und kein irreparabler Schaden festgestellt worden. Das Ergebnis dieser Untersuchung wurde später im Gutachten des MDK wie folgt zitiert: „…schwerer Sturz…mit Platzwunde am Hinterkopf und Schädelhirntrauma.“
Zu unserer allgemeinen Verwunderung schien dieser schwere Sturz Gerda erstaunlich wenig ausgemacht zu haben. Weder klagte sie über Kopfschmerzen, noch machte sie nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus einen lädierteren oder irgendwie verwirrteren Eindruck als zuvor. Tatsächlich konnten weder Petra noch ich selbst irgendeine wie auch immer geartete Wunde auf Gerdas Kopf entdecken, als sie wieder zuhause war. Die ganze Angelegenheit war für uns unerklärlich. Für mich, weil das Bett so gut gepolstert war, dass sich eigentlich niemand so daran verletzen konnte, dass Blut fließen musste. Und für Petra, weil sie auch bei genauerem Hinsehen überhaupt keine Verletzung am Kopf erkennen konnte. Weder eine Platzwunde, noch einen Beule, einen Bluterguss oder etwas Ähnliches.
Schließlich war es meine Frau, die mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit das Rätsel endlich löste: Am Tag nach dem Klinik-Aufenthalt, als wir alle wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen waren, entdeckte sie bei Gerda eine dem Anschein nach von der Klinik unbeachtete und unversorgte Risswunde an ihrem linken Handgelenk. Es folgte ein kurzes Rätselraten, und dann lag die Wahrheit offen zutage: Mutti war wohl auch mit dem Kopf gegen das Bett gestoßen, sie hatte sich aber offensichtlich nicht am Kopf verletzt, sondern am Handgelenk. Das Blut, das vermeintlich aus einer Platzwunde am Kopf stammen sollte, war in Wirklichkeit aus ihrem linken Arm geflossen. Sie musste sich mehrfach mit der Hand über ihren Kopf gegangen sein, sodass das aus dem Handgelenk austretende Blut ihre Haare verschmiert hatte. Unglaublich, aber wahr: Die Ärzte in der Klinik waren allein nach dem äußeren Anschein gegangen (blutige Haare) und hatten so – trotz des größtmöglichen denkbaren technischen Aufwandes (Röntgen und Computer-Tomografie) – haarscharf an den medizinischen Tatsachen vorbei diagnostiziert. Leider sollte das kein Einzelfall bleiben…
112 hat Diskussionsbedarf
Der Ausflug in die Klinik und auch der Besuch des Gutachters waren schnell vergessen, denn meine Mutter versorgte uns jetzt von Woche zu Woche mit neuen Herausforderungen und Aufregungen. Zuerst ging ihre provisorische Gehhilfe, der Teewagen kaputt. Ein Rollator war zwar schon bestellt, aber noch nicht geliefert. Also musste schnell ein weiterer provisorischer Ersatz in Form eines kurz vor Ladenschluss im Möbelgeschäft gekauften, mit Rollen versehenen Computertischchens besorgt werden.
Als das Problem gelöst war, war plötzlich ihre „gute Armbanduhr“ verschwunden, und natürlich wurde sofort die neue Reinmachefrau verdächtigt: Wer ging denn sonst seit kurzem unbeobachtet in Gerdas Wohnung ein und aus? Man habe ja schon früher entsprechende Erfahrungen gemacht… Die von Anfang an etwas gespannte Stimmung zwischen meiner Mutter und der Raumpflegerin wurde durch diese aus Petras und meiner Sicht vollkommen unbegründeten Verdächtigungen natürlich nicht gerade besser. Es nützte auch gar nichts, dass es am Ende genau diese aus Sicht meiner Mutter höchst verdächtige Person war, die ihre heiß geliebte Uhr ein paar Tage später beim Aufräumen hinter Gerdas Bett fand, wohin meine Mutter sie wohl hatte fallen lassen. Nach kurzer Freude gab es daher von Gerdas Seite statt einer Belohnung böse Blicke für die glückliche Finderin, gepaart mit trotziger Schweigsamkeit.
Das Essen auf Rädern schmeckte meiner Mutter schon nach wenigen Tagen nicht mehr: Sie aß nur noch die Vorsuppe und probierte ein, zwei Löffel vom Hauptgericht, mehr nicht. Deswegen und wegen ihrer immer drängender werdenden Verdauungsprobleme musste ein Arzt her. Leider war sie mit ihrer bisherigen Hausärztin schon seit längerem unzufrieden, sodass nach kurzer Suche ein vollkommen neuer Arzt namens Dr. Sander die Bühne betrat. Herr Sander war eigentlich ein sehr erfahrener, angesehener und vertrauenswürdiger Allgemeinarzt. Dummerweise aber auch entsprechend nachgefragt, sodass seine Praxis oft stunden- bis tagelange telefonisch nicht zu erreichen war. Wenn man dann durch kam und um einen Besuch bat, musste er sich selbst offensichtlich mühen, ausreichend Zeit für Gerda zu finden. Meine Mutter machte daher trotz der vom fachlichen Standpunkt jetzt durchaus zufriedenstellenden hausärztlichen Versorgung gesundheitlich nur geringste bis keine Fortschritte.
Die erste wirklich ernste medizinische Krise ließ nicht lange auf sich warten. Nach einer anstrengenden Arbeitswoche klingelte mich das Telefon am letzten Oktober-Samstag um zwei Uhr früh mitten aus dem Tiefschlaf. Gerdas Stimme klang besorgniserregend, und was sie sagte, noch mehr: „Mein‘ Jung‘, du musst mir helfen. Ich habe so Bauchschmerzen, ich halt' das nicht mehr aus. Ich glaube, ich muss wieder ins Krankenhaus!“ „Soll ich die 112 rufen?“ „Ja, mein' Rainer, mach' das bitte für mich!“ Ich riet ihr daraufhin, gleich nach dem Telefonat direkt zur Wohnungstür zu gehen, um dort auf die Rettungssanitäter zu warten: „Die schlagen dir sonst noch die Tür ein, wenn du ihnen nicht schnell genug öffnen kannst!“ „Ja, mein' Jung', ich geh‘ gleich zur Tür und warte dort!“
Was dann passierte, hatte ich so zuvor noch nie erlebt und hoffe auch, es so niemals wieder erleben zu müssen: An der Notrufnummer schob eine entweder vollkommen unerfahrene oder vollkommen unfähige Lusche Dienst, ein Praktikant vielleicht, ganz nach dem Motto: „Chef nicht da, und ich weiß auch kein Bescheid!“ Fing der Mensch am anderen Ende der Telefonleitung doch tatsächlich an, mit mir darüber zu diskutieren, ob das mit den Bauchschmerzen meiner Mutter denn wohl ganz so schlimm sei und ob er wirklich die Sanitäter schicken müsse. „Wissen Sie denn überhaupt, dass es auch den Notdienst der Hausärzte gibt?“ Morgens um zwei Uhr? Ich konnte es nicht fassen. Um diese Zeit schläft auch der Hausarzt-Notdienst den Schlaf des Gerechten. Was die Nulpe am anderen Ende der Leitung aber nicht zu wissen schien.
Dann wollte er plötzlich die Telefonnummer meiner Mutter von mir, um selbst dort anzurufen. Als ich ihm aber erklärte, sie sei jetzt wohl schon an der Tür, um auf Hilfe zu warten, und würde deshalb möglicherweise nicht schnell genug zum Telefon am anderen Ende der Wohnung kommen, meinte die Intelligenzbestie doch tatsächlich, ich solle doch bitte selbst nochmal bei meiner Mutter anrufen, um die Situation abzuklären. (Was ja ein mindestens genau so wenig erfolgversprechendes Unterfangen gewesen wäre, als wenn er selbst dort angerufen hätte!)
Nach gefühlten fünf Minuten ergebnislosem Hin und Her platzte mir dann endlich der Kragen: „Einen Scheissdreck werde ich tun! Meine Mutter hat mich gebeten, einen Notruf abzusetzen, und das habe ich hiermit getan. Jetzt liegt die Verantwortung bei ihnen. Ich lege jetzt auf. Sie haben die Telefonnummer meiner Mutter und können selbst dort anrufen, wenn sie unbedingt wollen. Ich für meine Person habe gesagt, was ich weiß. Die Entscheidung, ob sie einen Krankenwagen schicken wollen oder nicht, liegt jetzt ganz allein bei ihnen!“ Bumms, mein Funktelefon knallte in die Station.
Als ich nach einer kurzen und schnellen Fahrt durch die menschenleere Stadt etwa eine Viertelstunde später bei meiner Mutter eintraf, waren die Rettungssanitäter schon wieder weg. Verglichen mit der ganzen Aufregung am Telefon hätte die Szenerie, die ich in ihrem schummrigen Schlafzimmer vorfand, nicht weniger spektakulär sein können: Gerda lag im Bett, die Bettdecke stramm hochgezogen, und auf dem Nachttisch vor ihr stand nichts weiter als ein kleines Fläschchen mit Magentropfen, daneben ein schnell ausgefülltes , gefährlich rot eingefärbtes Diagnoseformular. „Geht es dir besser?“ Sie schüttelte den Kopf. „Trink was, vielleicht hilft dir das!“ Mit etwas klarem Wasser und vielen guten Worten bekam meine Mutter dann irgendwann doch noch die Kurve in dieser Nacht. Aber mehr als eine Mütze Schlaf war es nicht, was wir beide am Ende bekamen, bevor der Morgen graute. Ihre Appetitlosigkeit, ihre Übelkeit und ihre Magenschmerzen machten Petra und mir so große Sorgen, dass wir gemeinsam mit ihrem neuen Hausarzt beschlossen: „Gerda muss wieder zu einer gründlichen Untersuchung in die Klinik!“
Die Klinik gibt Entwarnung
Da eine Überweisung vom Hausarzt vorlag und ich nicht nur nicht auf Reisen war, sondern auch die Möglichkeit hatte, ausnahmsweise früher Feierabend zu machen, konnte ich meine Mutter am darauf folgenden Freitag, dem 31. Oktober, selbst in die Klinik fahren. Vor dem Parkplatz der Notaufnahme gab es eine kurze Diskussion mit dem Parkwächter, weil kein Schwerbehinderten-Ausweis an der Windschutzscheibe meines Autos klebte. Wir durften dann aber doch dort parken. Gott sei Dank, denn die 25 Meter Luftlinie vom Auto zum Empfang der Notaufnahme erwiesen sich für Gerda zu meiner großen Verwunderung als eine schier unüberwindliche Distanz. Auf halber Strecke war ich gezwungen, mit ihr am Arm spontan scharf nach rechts in Richtung der dort an einer Wand geparkten Rollstühle abzubiegen. Nachdem wir uns davon einen zu eigen gemacht hatten, irrte ich erst einmal mit Gerda durch lange Gänge auf der Suche nach der offiziellen Patientenaufnahme, bis wir dann am Ende doch wieder in der gleich am Eingang befindlichen, uns schon vertrauten Notaufnahme landeten.
Nach einiger Wartezeit befand sich Gerda wie vor Wochen in demselben Raum der Notaufnahme und sogar wieder im gleichen Bett. Und wie bei unserem letzten Besuch war „Schwester Dragoner“, die mir schon zur Genüge bekannte resolute Pflegerin, auch dieses Mal wieder präsent. Sie schien sich sogar noch dunkel an meine Mutter zu erinnern. Gerda hatte bei ihr damit anscheinend einen Status als Stammgast erworben, denn die Dragoner-Schwester war dieses Mal nur muffelig und nicht richtiggehend unfreundlich. Zur Begrüßung brachte sie meiner Mutter sogar ein Glas Wasser, wurde dann allerdings schnell wieder unwirsch, als Gerda postwendend nach der Bettpfanne verlangte. „So schnell kann doch kein Mensch Wasser lassen!“ „Ich schon!“, sagte Gerda und trat auch gleich den Beweis an.
Nachdem Muttis Magen-Darmtrakt wieder mit dem größtmöglichen technischen Aufwand untersucht worden war, wurde sie am Sonntag auf die Wachstation der Notaufnahme verlegt. Der Dienst habende Chefarzt informierte Petra und mich am Sonntagabend, dass man bei seiner Patientin Gerda Bartelt außer einer Verstopfung keinerlei Anzeichen einer schweren Erkrankung gefunden habe. Man hätte zur Sicherheit noch eine Magen-Darm-Spiegelung machen wollen, meine Mutter habe dies aber abgelehnt. Ich konnte das nur zu gut verstehen, denn eine derartige Aktion war sicherlich ziemlich unangenehm. Und warum sollte Gerda sich unnötig quälen, wenn ihr Blutbild und alle anderen Untersuchungsergebnisse in Ordnung waren?
Ich kam deshalb ohne Umschweife auf mein zweites Anliegen zu sprechen, nämlich auf das sie fast genauso schlimm quälende Blasenproblem. Für mich war die Tatsache, dass Gerda den Urin nicht halten konnte und der Gang zur Toilette in ihrer großen Wohnung mindestens beschwerlich, wenn nicht sogar (sturz-)gefährlich war, entscheidend dafür, dass sie zu wenig trank und damit auch maßgeblich für ihre Darmprobleme. Mit Petras Unterstützung machte ich dem Arzt klar, dass wenn Gerda ohne Behandlung ihrer Blase entlassen würde, sie über kurz oder lang mit den gleichen Magenproblemen wieder in der Notaufnahme landen würde. Am Ende pflichtete er uns bei und versprach, sich um Gerdas Verlegung in die Urologie zu bemühen.
Vom Paradies in die Hölle
Erleichtert und voller Hoffnung auf Mutters baldige Genesung verließen wir die Klinik. Doch schon am darauf folgenden Tag war derselbe leitende Arzt der Notfall-Wachstation nicht wiederzuerkennen. In der Urologie sei kein Bett frei. Inkontinenzprobleme würden sowieso nur ambulant behandelt. Dass Gerda gehbehindert sei, spiele dabei keine Rolle. Am Ende fiel sogar das Argument: „Vielleicht sind die Kollegen in der Urologie ja auch der Meinung, dass bei Ihrer Mutter mit 92 Jahren eh‘ nichts mehr zu machen ist!“ Ich war geschockt. Das Einzige, was ich nach langer Diskussion erreichen konnte, war die Zusage eines Termins für eine ambulante Blasenuntersuchung etwa einen Monat später und Gerdas Verbleib in der Klinik, bis die häusliche Versorgung durch den Pflegedienst wieder gewährleistet werden konnte. Petra war genauso geschockt wie ich, als ich ihr das Ergebnis meines Klinikbesuches berichtete: „Ein ganzer Monat Wartezeit, das kann doch nicht wahr sein. Hoffentlich steht Mutti das durch!“
Aus einem wohlgeordneten Umzug von der Klinik zurück in Gerdas eigene vier Wände wurde leider auch nichts. Sie kam erst einmal auf eine normale Krankenstation, in der für uns abends leider kein Arzt für Auskünfte zu erreichen war (weil dieser Arzt selbst krank zuhause lag). Immerhin genoss Gerda auch dieses Mal ihre Zeit im gepflegten und gut betreuten Krankenzimmer, obwohl sie die fast täglich wechselnden Mitbewohnerinnen in dem kliniktypischen Zweibettzimmer doch etwas nervten. Zu laut, zu viel Besuch, zu viel Fernsehen. Trotzdem war sie guter Hoffnung: „Heute morgen war ein Professor da, der hat mich unten genau untersucht und mir versprochen, dass mir mit meiner Blase geholfen wird!“ Was war das? Hatte die Klinik doch ein Einsehen? Andere Informationen hatte ich nicht, und so kam ich zu der Annahme, dass meine Mutter doch noch während ihres Klinikaufenthaltes auf ihre malade Blase hin untersucht werden sollte. Leider entbehrte diese Annahme jeder Grundlage, wie sich später herausstellte. Aber ich versäumte auf Grund dieser Fehlinformation das Notwendigste, mich nämlich umgehend um die Wiederaufnahme von Gerdas häuslicher Versorgung zu kümmern.
Die Quittung kam prompt: Eine am Telefon eigentlich sehr nett klingende Dame von der Sozialstation der Klinik rief mich morgens bei der Arbeit an und teilte mir mit, dass man Gerdas Bett dringend benötigen würde und ob sie jetzt nicht nach Hause könne. Ich verneinte: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass ihre Blase noch behandelt werden solle.“ Das sei nicht richtig, informierte mich die Dame, es bleibe bei dem ambulanten Termin am 4. Dezember – in gut einem Monat. Eigentlich würden in der Klinik alle darauf warten, dass Gerda nach Hause käme und das Bett frei werden würde. Dafür wolle sie meine Zustimmung einholen. Für einen Moment juckte es mich, diese Zustimmung zu verweigern und abzuwarten, was dann passieren würde. „Zu Hause ist meine Mutter vollkommen unversorgt und ich bin auf dem Sprung zu einer Dienstreise, ich kann mich also nicht um sie kümmern.“ Was mit meiner Frau wäre? „Meine Frau ist ebenfalls berufstätig und tagsüber auch nicht verfügbar.“ Wie es denn mit einem Kurzaufenthalt im Pflegeheim sei? Gerda stünden in der Pflegestufe 1 achtundzwanzig Tage Kurzzeitpflege zu, dass könne man doch ausnutzen, bis sie wieder in ihre eigene Wohnung käme?
Ich war überhaupt nicht begeistert, im Gegenteil, nach der unbefriedigenden Diskussion mit dem Krankenhausarzt hatte ich jetzt schon wieder Grund, auf die Klinik sauer zu sein. Denn die Anruferin hatte ja soeben bekräftigt, dass sie meiner Mutter in der Klinik die notwendige Soforthilfe wegen ihrer Urinprobleme verweigern würden. Und nun wollten sie sie auch noch abschieben. Einfach so, von jetzt auf gleich!
Aber was gab es für mich für Alternativen? Welchen Sinn würde eine Weigerung meinerseits machen? Am Ende gab ich nach und stimmte zu, Gerda in ein mir vollkommen unbekanntes Pflegeheim zu verlegen, auch wenn ich kein gutes Gefühl dabei hatte. Der Klinikdame war das egal. Gerdas Verlegung ins Heim wurde schneller in die Tat umgesetzt, als ich auf Dienstreise gehen konnte. Nach dem morgendlichen Telefongespräch war sie schon mittags im neuen Zuhause, während ich – anstatt wie geplant zum Bahnhof zu fahren – in ihrem eigentlichen Wunsch-Pflegeheim saß und mit der Verwaltung darüber diskutierte, wie man Gerdas spätere Rückkehr in ihre eigene Wohnung am besten organisieren könne. Erst danach fuhr ich zum Bahnhof.
Abends berichtete mir Petra per Telefon von Gerdas ersten Erfahrungen mit der Kurzzeitpflege: Nicht Petra, sondern unsere Nachbarin Yvonne hatte mit ihrer Tochter meine Mutter als Erste in ihrem neuen Zimmer besucht, dabei Gerda bildlich gesprochen auf (noch) gepackten Koffern vorgefunden mit dem dringenden Wunsch, dort sofort weggeholt zu werden. Hier wolle sie auf keinen Fall auch nur eine einzige Stunde länger bleiben.
Bis heute ist mir nicht klar, denn weder Yvonne noch Petra noch Gerda selbst – mit der ich kurz danach telefonierte – konnten mir genau Aufschluss geben, was denn nun an diesem für ihre Kurzeitpflege von der Klinik ausgewählten Pflegeheim so schrecklich war, dass man es dort nicht wenigstens vorübergehend ein paar wenige Tage aushalten konnte. Sicher es war ein altes Gebäude (das ehemalige Arbeitsamt, das mir vor Jahrzehnten zu meiner jetzigen Arbeit verholfen hatte), rein optisch auch nicht besonders sorgfältig renoviert, in den Fluren roch es zudem etwas unangenehm. (Nach Urin, meinte Petra) Aber das Zimmer war ausreichend eingerichtet, das Essen war okay, es gab ein Atrium und sogar ein kleines Restaurant und eine gemütliche Sitzecke im Flur. Auf meinen beruflichen Reisen war ich nicht selten bescheidener einquartiert.
Vielleicht missfiel Gerda die Tatsache, dass sie das Badezimmer mit einer anderen Frau teilen musste, aber auch das war nicht anders als in der Klinik. Im Nachhinein erscheint mir am wahrscheinlichsten, dass die ihr unbekannten Pflegekräfte weniger freundlich oder hilfsbereit waren als erwartet und dass es gleich am Anfang ihres kurzen Aufenthaltes kontroverse Diskussionen über ihre medizinische Versorgung und anderes gegeben hatte. Aufschluss hätte ich vielleicht erhalten, wenn ich miterlebt hätte, wie sie sich vier Tage später vom Pflegepersonal verabschiedete. Als sie endlich feststellen konnte, dass es in dieser von ihr als Hölle auf Erden wahrgenommenen Unterkunft für sie persönlich nichts mehr zu befürchten gab und es jetzt endgültig zurück in ihre Wohnung ging, schrie sie ihren Frust heraus, dass die Wände wackelten. Das Personal war zutiefst erschrocken über diesen plötzlichen Wutausbruch und Petra ebenso. Ich bekam von alledem leider nichts mit, weil ich gerade Muttis Koffer und ihre anderen Utensilien im Auto verstaute. Jedenfalls trauerte Gerda diesem Pflegeheim keine Minute nach, und umgekehrt war es wohl genauso.
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