Read the book: «Das Miami Syndikat»

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Rafael di Giorgio

Das Miami Syndikat

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Autor

Der Moment, der alles veränderte

Rico

Der Visionär

Das Syndikat I

Isabelle - die Begegnung

Das Syndikat II

Der Visionär II

Der blonde Engel & die Freunde

Das Syndikat III

Die Party

Das Syndikat IV

Rico braucht Zeit nachzudenken

Das Syndikat V

Isabelles Wahrheit

Das Syndikat VI

Der Visionär III

Ricos Geheimnis

Das Syndikat VII

Ricos Bootsparty

Das Syndikat VIII

Der Visionär

Ricos Bootsparty II

Die Havanna Party

Die Havanna Party

Das Syndikat IX

Der Visionär V

Das Ozean. Das Treiben II

Kein Weg zurück…

Das Syndikat X

Ricos Krieg

Die Erkenntnis

Copyrights

Fussnoten

Impressum neobooks

Der Autor

Das Miami Syndikat ist das Debütroman des Autors Rafael di Giorgio. Das Buch erscheint im Sommer 2015 auf Deutsch und Englisch.

Rafael di Giorgio ist ein Weltbürger - Autor, der seine Schriftsteller-Karriere angefangen hat, nachdem ihn Ausserirdische entführt und mit ihm erotische Experimente durchgeführt haben.

Der Moment, der alles veränderte

Der Frühling erweckte die Natur zum Leben. Die Sonnenstrahlen, die die durch die Feuchtigkeit weichgezeichnete Lichtung durchschmolzen, erwärmten die noch kühle Luft des Waldes. Die Frische, der Geruch des Grases, des feuchten Holzes, des Mooses füllten seine Lungen mit purer Energie. Er war zehn Jahre alt. Und die Spaziergänge mit seiner Mami waren das Schönste was er kannte. Sie hatten ein Picknick eingepackt und spazierten durch den Wald bis zum Mittag. Sie hielten sich an den Händen, lachten, sangen und suchten den perfekten Platz, um Rast zu machen. Das Gezwitscher der Vögel begleitete die zwei auf dem Weg zum Glück. Sie kamen nicht sehr schnell voran, denn sie mussten immer wieder mal nach Vögeln, mal nach Eidechsen, mal nach Blumen, mal nach Eichhörnchen schauen und suchen. Und dieses Geknutsche… immer wieder... das jedes Mal ein so kindliches, freies Lachen hervorrief. Die Wärme ihrer Hand, die Geschmeidigkeit ihrer Haut, der zarte Griff seiner Hand, ihre liebevollen Blicke, die Glück, Liebe und Hingabe verrieten, gaben ihm das Gefühl der Geborgenheit. In der kleinen Welt eines Zehnjährigen, der die Liebe wie kein anderer erfuhr. Das saftige Grün, die warmen, orangenen Sonnenstrahlen, hier und dort der Rest von einem Nebel, der farbige Muster des Lichtes enthüllte, machte das Bild idyllisch. In der perfekten, kleinen Welt eines Zehnjährigen…

Die zu Anfang leisen, dann immer lauter werdenden Schreie, störten ihn. Sie waren schrill, angsterfüllt, immer wieder von einem “nein, bitte nein!!” begleitet, in dem Angst, Panik und Todesfurcht zu hören waren. Ohne Hoffnung. Ohne Chance. Sie rissen ihn schlagartig aus seinem idyllischen Waldbild, weckten ihn aus seinem tiefen Schlaf. Immer wieder diese Stimme, die schrie und bettelte…“nein”… immer und immer wieder. Bis die Stille kam. Tief, schwarz, traurig. Er machte die Augen auf. Fühlte, dass sein Pyjama durchgeschwitzt war. Sah, wie das Mondlicht durchs Fenster schien und das Zimmer bläulich schimmern liess. Die weisse Gardine flatterte im leichten Luftzug und erzeugte furchterregende Schatten an der Wand. Er stand auf, setzte seine nackten Füsse auf den Holzboden und verliess sein Zimmer. Das Holz fühlte sich warm und angenehm an. Er ging durch den Flur ins Schlafzimmer, wo nur das Bett seiner Mami und eine kleine Bibliothek standen. Die Form unter den weissen Laken liess ihn vermuten, wo seine Mami lag. Das Mondlicht schien auch hier durch die Gardinen und warf Schatten auf das Bett. Er legte sich zu ihr, umarmte sie, aber seine Umarmung blieb unerwidert. Stattdessen umarmten ihn die Schatten und sie fühlten sich klebrig und warm an. Er packte seine Mutter an der Schulter und drehte sie um. Die leblosen, grossen Augen starrten ins Leere und verrieten Hilflosigkeit. Furcht… Er schaute sie Minuten lang an und erkannte nur eine leblose Hülle, denn es fehlte die Liebe, das Lachen in ihren Augen. Alles, was er an ihr so liebte. Ihre strahlenden Augen, wie sie ihn ansprach, wie sie ihn anschaute, wie nur das Wunder der Liebe es schaffte aus einem Blick ein Liebesgedicht zu machen. Die Geborgenheit.

Er hörte draussen das Geräusch eines Feuerzeugs. Ging zum Fenster und sah durch die leichten Gardinen… ihn… einfach rauchend. Er ging auf dem warmen Holzboden zum Schrank im Flur und nahm die Schrotflinte. Ohne ein Geräusch zu machen, schob er die Patronen in den Lauf. Seine kleinen Finger schmerzten und hatten kaum die Kraft dazu. Die Kraft kam aus seinem Wunsch Gerechtigkeit walten zu lassen. Und zwar sofort. Seine Gefühle waren taub, er spürte nichts. Wie ein Roboter ging er geräuschlos die Treppe hinunter. Er legte die Waffe auf den Boden. Sie war schwer und er wusste, dass der Rückstoss gewaltig war. Vor der Eingangstür, auf dem Boden, mit dem Kolben auf die Wand fixiert, drückte er den Abzug. Die Patrone durchbrach die Tür und er hörte das Geräusch, das er nie wieder vergessen würde. Das Geräusch einer Patrone, die menschliche Knochen zerfetzte. Er öffnete die Tür und sah ihn. Aufs Gesicht gefallen, der Rücken wie ein Bogen nach oben gerichtet. Er hörte das Zischen der Luft in seinen Lungen. Und obwohl er nur zehn Jahre alt war und noch ein Kind, verspürte er Gerechtigkeit. Die Zigarette brannte noch in seinem Mund und der Kleine sah in dem Blick dieses Monsters alles was er sehen wollte. Panik, Angst und Hoffnungslosigkeit. Minuten lang schaute er ihn an, schaute wie das Leben aus ihm heraustropfte. Minuten lang…

Das leise, kurze Weinen…

Die Nachbarn fanden ihn am nächsten Tag immer noch auf der Treppe, wo er den Mörder seiner Mami anschaute. Mit kaltem, starrem Blick.

Von diesem Tag an war er gebrochen. Und seit diesem Tag träumte er nicht mehr von dem Tag im Wald mit seiner Mami. Von dem Tag, an dem er vollkommenes Glück empfand. In seiner perfekten, kleinen Welt, die jetzt nicht mehr existierte. Und er versprach sich diese Welt wieder zu erschaffen. Egal wie lange es dauern würde, egal wie steil, steinig und schmerzhaft der Weg sein mochte. Er würde ihn bestreiten. Wortlos, kompromisslos. Und er würde sie alle dorthin führen. Und die perverse, dumme Welt mit ihren eigenen Waffen besiegen. Denn die Welt war ein Spielplatz für Monster geworden.

Rico

Männer sind die fleischgewordene Intelligenz! Darüber braucht man nicht zu diskutieren oder zu streiten. Was aber die Frauen sind ist noch unklar. Jedoch steht fest, dass sie aus einer Parallelwelt eines immanenten Universums kamen. Und unwiderruflich. (Vielleicht werden wir zusammen herausfinden was sie waren und sind, weil dieses Buch ziemlich lang ist!) Es ist ein heisser Sommertag. Die Sonne scheint so gnadenlos, dass ein schlauer Imbissverkäufer eine Menge Geld machen würde wenn er gesund und fettfrei seine Würstchen auf meinem Schädel braten würde. Denn die Brattemperatur würde stimmen. An solchen Tagen denke ich oft an den Menschen, der die Klimaanlage erfunden hat und ich weiss nicht mal, wie er heisst. Nur seine Initialen: A. C. In meinem Van läuft die Klimaanlage geräuschlos. (Ob in anderen Vans nicht geräuschlos, bleibt ein Mysterium. Und das schon am Anfang des Buches!)

Wir befinden uns auf dem grossen Parkplatz vor der Uni. Ein Parkplatz, so gross wie ein Fussballstadion, nur viel grüner und mit tausend und einem Baum. An solchen Plätzen hat man nicht das Problem, dass man keinen Parkplatz findet, sondern, dass man nicht weiss auf welchem man parken soll. Die Suche dauert also genau so lange wie in einem kleinen, überfüllten Parkhaus. Das gefällt mir bei den Amis. Alles ist gross, sehr gross, enorm und ich habe das Gefühl, dass ich mich wiederhole, was die Beschreibungen betrifft. Ihr könnt es euch aber trotzdem nicht vorstellen. (Weil eure Vorstellungskraft ziemlich begrenzt ist. Woher ich das weiss? Ihr würdet doch selber Bücher schreiben und nicht meine lesen.) In der Mitte des Parkplatzes steht ein riesiger Springbrunnen. Wassertropfen treffen ahnungslose Studenten, auf irgendwelchen runtergeklappten Autositzen Liebende, in Cabrios schauende Gaffer, Passanten, Vögel, Tiere und Bäume. (Falls ich jemanden vergessen habe, Reklamationen unter 0190 und dann eine beliebige Nummer. Nette Damen werden euch helfen eueren Frust abzubauen!)

Sie ist blond, ihre glänzenden Beine machen mich unruhig. Sie sieht den Blick in meinen Augen und sagt:

«Komm Baby, hab Geduld! Ich muss zur Vorlesung aber in ein paar Stunden bin ich wieder bei dir!» Ich sehe sie an und frage mich womit ich es verdient habe der Verursacher ihres zufriedenen Blickes zu sein? Mit den kleinen, eleganten, begleitenden Augenringen. Und wenn ihr kleinen, neugierigen Leser gesehen hättet was gestern Nacht los war, würdet ihr erkennen, dass die Entdeckung des Feuers, des Rades, des Ottomotors, der Wirtschaftslehre des Kommunismus und der erste gefälschte Schritt auf dem Mond nichts im Vergleich zu meiner Leistung waren. Ich bin froh, dass die Evolution mich nicht mit solchen Kurven und solcher Haut ausgestattet hat, weil ich sonst ununterbrochen mit mir spielen würde. Falls ihr immer noch glaubt Berge in der Schweiz wären schön, habt ihr diese hier nicht gesehen, unter einem viel zu kleinen, zu engen, zu grünen und zu durchsichtigen T-Shirt, das mehr zeigt als versteckt. Ein paar Stunden würde sie weg sein! Die schöne Kreatur. Viel zu lange!

«Mach dir keine Sorgen! Ich habe noch zu tun und werde gar nicht merken, dass du weg bist!» sage ich cool und rolle mit den Augen, um die Aussage glaubwürdiger zu machen. In meiner kleinen, einfach gestrickten Welt.

«Bis dann! Und bleibe anständig!» sagt sie noch und fordert gleichzeitig das Unmögliche. Von einen Mann. Ein Widerspruch in sich. Diese zwei Worte, Mann und anständig auf der gleichen Buchseite tun schon einfach nur weh. Weil “anständig” ein Begriff ist, dessen ethischen Ursprung eine Frau ausgedacht hat.

«Immer, Baby! Und wenn ich es nicht bin, denke ich nur an dich!» Ob sie das genau in dieser Form hören wollte? Ich weiss es nicht. Aber ich versuche es zumindest.

Der Visionär

Ein Kapitel der Geschichte ging zu Ende. Langsam und schmerzhaft. Und die Politik konnte nichts dagegensetzen. Die Wirtschaft noch weniger. Die kapitalistische Markwirtschaft kollabierte. Und in dieser Welt, in der die Zusammenhänge und Abhängigkeiten der Märkte immer komplexer wurden, wurde klar, dass die Titanic der Wirtschaft, die globalisierte Welt, gross und unsinkbar, genau so enden würde wie das Schiff. Ironischerweise würden die kleinen Holzboote sich auch jetzt über Wasser halten. Einfach in der Bauweise, primitiv, leicht steuerbar. Längst vergangen waren die Zeiten als alte, bärtige, englische Gentlemen wirtschaftliche und gesellschaftliche Konzepte erstellten. Konzepte, die der Welt aus dem dunklen Feudalismus halfen und sie in eine unglaubliche, wirtschaftlichen Revolution stürzte. Alte Philosophen, die uns mit Ideen, Visionen und Konzepten hätten bereichern müssen. Nur wir waren blind, wollten das letzte Kapitel derer genialen Werke nicht lesen. Und auch nicht den Untertitel. Konsequent. Und jetzt nahm der Fluch unserer Dummheit Gestalt an und führte uns die Bedeutung des Untertitels “Kritik der politischen Ökonomie”(1) vor Augen.

Das Model der kapitalistischen Markwirtschaft hatte ausgedient. Die Abnutzung des Konzeptes verlangte nach einer neuen Lösung. Karl Marx warnte genau vor dem Zeitpunkt, an dem sich die Welt jetzt befand. An dem Punkt an dem alles damit gemessen würde ob Geld mehr Geld generiert. Geld als absoluter Massstab. Als absolute Referenz. Die weitreichenden Wirkungen des herrschenden Wirtschaftsmodells wurden immer offensichtlicher und verlangten Opfer. Die Politik war nur noch eine Marionette einer Wirtschaft, die auf blindes, extremes Wachstum setzte. Einer Wirtschaft, die das globale Spiel der Macht bestimmen wollte und jetzt bestimmte. Einer Wirtschaft, die Kriege aus verschiedenen Gründen einfädelte, mal politische, mal religiöse, um zum einzigen wichtigen Ziel zu kommen: die Kontrolle über Rohstoffe, über Märkte, über Währungen. Wer die Kontrolle über Rohstoffe hatte, hatte die Kontrolle über Hunger. Über Armut und Reichtum. Menschenrechte wurden über Bord geworfen, internationale Abkommen wurden nicht mehr respektiert, wer Waffen hatte, hatte das Sagen. Schlimmer noch, bestimmte was richtig war. Inoffiziell natürlich. Denn offiziell war die “zivilisierte Welt”nur bemüht “Demokratie” einzuführen. Die Demokratie zeigte aber immer offensichtlicher ihre Schwächen. Demokratie war ein System, das zuliess, dass wirtschaftliche Mächte Märkte aggressiv erweiterten und kontrollierten, ohne Rücksicht auf Traditionen und Kultur. Ein System, dass nach feudalen Methoden Rohstoffe beanspruchte. Wer die Waffen, das Geld und die Mittel hatte, bestimmte für die ganze Welt was gut und was nicht gut war und konsolidierte das Monopol der Macht. Der Massstab war gesetzt. Für alle…

Die klassische Marktwirtschaft hatte keine Lösungen für die neuen Krisen und alte Lösungen funktionierten nicht mehr. Eins wurde klar: auch in der Wirtschaft, so wie in der Religion, war man in einem Dualismus gefangen. Eine halbe Welt satt und träge, auf Jahrzehnte durch den Konsum verschuldet, die andere Hälfte, hungrig und diszipliniert, auf die Übernahme wartend. Die Übernahme der Kontrolle. Reichtum konnte nicht ohne Armut existieren. Eine Hälfte der Welt konnte nicht reich sein solange die andere nicht arm war. Denn Reichtum definierte sich einfach: Mann verdiente viel mehr Geld, als man zum Überleben brauchte. Ein Zustand, der zu Kapitalanhäufungen führte. Das funktionierte nur wenn arme Länder versklavt für einen Hungerlohn Güter für die reiche Welt produzierten. Güter, die nationale oder internationale Konzerne mit extremen Gewinn weiterverkauften und welche aber immer noch im Lohn-Ausgaben Verhältnis der reichen Gesellschaften sehr billig waren. Konzerne konnten so Unmengen von Kapital anhäufen. Kapital, das Macht bedeutete. Die Versklavten produzierten diese Güter für Löhne mit denen sie kaum überleben konnten. Angenommen internationale Abkommen würden Lohnregelungen einführen, die Hungerlöhne verbieten und die Entlohnung für eine gewisse Arbeit im Verhältnis Lohn zu Lebensunterhaltskosten im jeweiligen Land überall auf der Welt angleichen würden, würden die übermässigen Gewinne internationaler Konzerne reduziert und dieses Kapital an die Arbeiter weitergegeben. Das würde aber Machtverlust bedeuten. Und genau das wollten sie nicht… diejenigen die die Macht besassen. Macht war der Rauschzustand, Gewinn die Droge.

Die Politik war immer noch offiziell die Instanz, die die Industrieländer verwaltete. Und Politik lebte von Steuereinnahmen. Steuern bezahlten Konzerne, die wiederum die Freiheit erhielten die arme Welt zu versklaven. Politik wurde die Hure der Wirtschaft. Auf der einen Seite verantwortlich für internationale Regelungen, Beziehungen, Infrastruktur und Bildung, auf der anderen machtlos und abhängig von Steuereinnahmen. Und diese gewinnhungrige, nicht mehr zu kontrollierende Wirtschaft führte zur Verschuldung der Staaten und der Menschen. Die Autos wurden immer grösser, die Häuser auch, Statussymbole spielten eine grössere Rolle als die Bildung. Die grössten Industrienationen der Welt wurden durch ihren Stolz getrieben Macht und Wirtschaftsgrösse zu zeigen, indem sie riesige Bauprojekte finanzierten oder den vermeintlichen Reichtum durch Schulden finanzierten. Inzwischen kauften die Menschen Güter mit Geld, das sie nicht besassen. Auf Jahrzehnte verschuldet mussten sie irgendwann merken, dass die Waren, die sie kauften, keinen Wert hatten. Der Wert war nur eine momentane Lüge, die sich als eine Seifenblase entpuppte. Und jetzt war der Punkt gekommen, an dem dieser Grössenwahn nicht mehr kontrollierbar war und zur massiven privaten und staatlichen Überschuldung führte. Auf der einen Seite die Banken, die diesen Grössenwahn finanzierten, auf der anderen Seite die Wirtschaft, die das Geld schluckte und von diesem Grössenwahn profitierte und durch die gewonnene Macht alles kontrollierte. In der Mitte der dumme Bürger, der alles mitmachte. Zu müde und verblödet selbst zu denken, wurde er zum Werkzeug. Alles wurde so voneinander abhängig, dass das eine nicht mehr ohne das andere funktionierte.

Auf der anderen Seite der Welt wartete ein anderes System auf die Übernahme der Macht. Ein System, das Kapital anhäufte, in dem es nur das konsumierte, was zum Überleben nötig war, obwohl ihm mehr zu Verfügung stand. Ein System, das abhängig von der Weltwirtschaft war, aber das Risiko wirtschaftliches Wachstum durch Schulden anzunehmen, ablehnte. Und jetzt mit den enormen Kapitalreserven Staatsanleihen der übermässig verschuldeten Industrienationen kaufte. Der Nationen, die durch das eigene Wirtschaftsmodell zur Erhaltung der globalen Macht erdrückt wurden und jetzt genau das taten, was sie durch dieses Modell zu vermeiden versuchten: die Macht und die Kontrolle abzugeben.

In den sogenannten demokratischen Gesellschaften hatte sich die Postdemokratie eingeschlichen. Die Menschen waren zu faul geworden noch für sich selbst zu denken. Zu überlegen. Sie hatten kein Interesse an Gerechtigkeit, waren zu träge sich mit unbequemen Themen auseinanderzusetzen. Sie waren an dem Punkt, an dem sie sein sollten: faul, verblödet und versklavt. Dadurch leicht manipulierbar. Nur es war zu spät!

Finanzmärkte brachen zusammen, das Konzept der Börse entwickelte sich durch Spekulationen in eine falsche Richtung, perverse Kriege der mächtigsten Nationen brachten nicht mehr die Lösungen der eigenen Probleme, die man sich erhofft hatte. Die ganze Industriewelt ging langsam aber sicher zu Grunde. Denn eins wollte niemand mehr wirklich: den Konsum einschränken. Umdenken. Etwas verändern. Einen Schritt zurückgehen. Dieses kapitalistische Wirtschaftsmodell besiegte sich mit den eigenen Waffen. Seit Generationen rechnete man nie langfristig, sondern nur für die Zeit einer Wahlperiode.

Und das hasste er! Dieses kurzfristige Denken. Seine Vision war eine Welt mit einem neuartigem, einzigem Wirtschaftsmodell, dessen Ziel nicht Zahlen, Zuwachs und Gewinne waren, sondern die Welt zu versorgen. Das nicht nur die Privilegierten versorgte, mit dem Preis alle anderen verhungern zu lassen. Ein System, das kein Geld kannte. Ein System, das niemanden verhungern und verdursten liess. Ein System, das Ressourcen gerechter verteilte. Auf alle Menschen. Ein System, das alle gleich behandelte. Gewiss, alle Menschen waren verschieden, und sie würden auch verschieden bleiben, daher würde jeder seine Aufgabe in einer globalen zusammengefassten Gesellschaft je nach seinen physischen und kognitiven Möglichkeiten erfüllen. Niemand würde Neid und Hass kennen. Denn jeder würde stolz sein seinen Teil dazu beizutragen die Welt zu erhalten, in der niemand hungerte, niemand verdurstete, niemand den anderen bekämpfte. Eine Welt in der alle gemeinsam, mit gleicher Verantwortung, die Gesellschaft und die menschliche Rasse weiterbrachten. Seine Augen glänzten bei dem Gedanken eine schöne, genetisch perfekte, einzige menschliche Rasse, aus allen heutigen gemischt, in einer ordentlichen, sauberen, mit Liebe gefüllten Welt zu führen. Eine Welt, die nichts Böses kannte. Keine Propheten und keine Götter. Keine Macht und keinen Einfluss. Glänzten bei dem Gedanken eine Welt für ein höheres Wesens zu erschaffen. Für einen Menschen, der durch Bildung und Fürsorge sein Bewusstsein erweiterte.

Das Syndikat I

«Sie sind da!» sagte der Koloss.

Ich befürworte auch, dass man sportlich sein muss, um die langen Nächte mit all den Mädels zu überstehen, die so wild sind, dass die Nachbarn immer die Feuerwehr anrufen, wenn die Vulkane explodieren. Aber wieso muss man übertreiben? Jeder Kleiderschrank wäre neidisch beim Anblick dieses Monsters. Die Schultern so breit, dass er nur seitlich in ein Zimmer reinkommt oder rausgeht. (Es sei denn, der Beobachtungsort des Erzählers befindet sich ausserhalb des Zimmers und dann würde es heissen: reingeht und rauskommt.)

«Und dieser Clown ist bei ihr! Soll ich mich darum kümmern?» fragte der gleiche Kollos mit einer Selbstverständlichkeit, die angesichts seines trainierten Körpers echt erschien. Was man aber bei solchen Typen nicht sieht ist ob das Gehirn auch so fit wie der Körper ist. Nur leider bräuchte man für eine Antwort eine CT (Computertomographie), um die Gehirnströme zu überprüfen, was wiederum nicht möglich wäre, weil seine Schultern nie durch die Röhre des Computertomographen passen würden. Also bliebe was in seinem Kopf vorging ein Mysterium.

«Noch nicht!» sagte der Mann am Schreibtisch mit leiser Stimme. So leise, dass man zwei Hörgeräte gebraucht hätte, um sie wirklich zu hören. «Ich habe andere Pläne.» Jeder Satz, den er aussprechen musste, bereitete ihm seelische Qualen. Denn mit diesen primitiven Idioten zu kommunizieren war schmerzlich, aber notwendig. Und war ebenso notwendig wie schmerzlich. Sie waren seine Werkzeuge, mit denen er das grosse Monument der Perfektion bauen musste. Die neue Welt! Und er war der auserwählte Projekt Assistent. Denn so klug um selbst als Projektleiter ein Konzept zu konzipieren, war er doch nicht.

Isabelle - die Begegnung

Ich mache es mir im hinteren Teil des Vans bequem. Der Laptop braucht eine Minute bis er hochfährt. Ein Van ist das Beste, das man kaufen oder ausleihen kann. Man hat Sessel, Tische, einen Kühlschrank, Gardinen und Platz ohne Ende. Wenn man allerdings eine Party schmeisst und sechs Blüten der Freude als Gäste einlädt, wird es eng. Aber “just try it” und dir fallen Lösungen und Ideen ein, was du mit allen sechs veranstalten kannst. Wo und wie. Einmal im Monat. Die restliche Zeit fährst du alleine in dem Van. In vier Tonnen Stahl durch die Strassen zu fahren, mit deinen 75 Kg, noch nicht übergewichtig, mit einem Liter Benzin pro Kilometer, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Manche würden sagen, der Dummheit. Manche nicht… Musik läuft im Hintergrund und ich schaue aus dem Fenster und frage mich wieso die Welt nicht solche Farben hat, wie ich sie durch meine rosarote Brille wahrnehme? Wenn ich alleine bin, werde ich romantisch! Oder philosophisch. Was suche ich hier? Die blonde Katze hat noch ihre Diplomarbeit zu schreiben und dann werde ich sie mit Frau Doktor ansprechen müssen, wenn meine Zunge nicht gerade mit Sachen beschäftigt ist, die die Frauen veranlassen den Namen unseres Schöpfers zu schreien. In Form eines religiösen Orgasmus.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf dem Parkplatz wo viele schwarze, weisse, gelbe und rote Schönheiten und die dazugehörigen Kombinationen hin- und herrennen. Man könnte ihre Bilder den klinisch Toten in den Krankenhäusern zeigen, um sie ohne Elektroschock wieder zum Leben zu erwecken. Denn sie sind atemberaubend schön. (Die klinisch Toten fangen an zu atmen und diejenigen, die atmen, hören damit auf. Ein paradoxer Punkt in meiner Beschreibung, aber ich vertiefe ihn nicht noch mehr…) Plötzlich klopft jemand an die Karosse.

«Yo babe, what`s up?» sage ich mit müder Stimme im besten Slang den man in zwei Minuten lernen kann und erwarte eigentlich gar keine Antwort auf so eine idiotische Frage. Und da sehe ich sie, Miss World, Mond und Mars, die mich mit unschuldigen Augen anschaut und sagt:

«Hi! Ich hab dein Auto gesehen und war mir sicher, du freust dich mich zu sehen!» Sie blinzelt schnell und unschuldig während sie spricht. Wie ein Bambi, das gerade den Jäger erspäht hat. Natürlich freue ich mich sie zu sehen. Und wenn die Mieze (die wie ein Bambi blinzelt) meine Gedanken lesen kann und noch nicht weggelaufen ist, dann sind das Vorraussetzungen aus denen Männerträume entstehen.

«Oh Baby, mir fällt gerade ein, dass ich den Flaschengeist gebeten habe dich vorbeizuschicken», sage ich überzeugt, das sei der beste Witz seit der Erfindung der Globalisierung.

«Gestern hast du mit deinen Blicken so an meinem Arsch geklebt, dass ich fast Multi-orgasmen bekommen habe! Nur von deinen animalischen Blicken… Wollte nicht primitiv sagen, denn wir wissen beide wie Männer blicken, wenn sie sich paaren wollen…» sagt sie mit ihrer göttlichen Stimme und ich nehme den Sarkasmus gar nicht wahr. Denn sie hat wunderschöne Titten. Und dieses National Geographic Zeug, das sie labert, interessiert mich nicht. Ich bin mir sicher, ihr würdet ihr auch helfen wollen bislang unerreichte Töne zu erreichen, so dass jede Opernsängerin mit einem Sopran-Solo vor Neid platzen würde, wenn sie sie in einem Opernakt der Liebe hören würde.

«Oh Baby, entschuldige! Gestern sahst du aber auch anders aus!» versuche ich die Situation zu retten. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich das alles sage oder ich es nur in meiner Fantasie so wahrnehme. Und sie eigentlich nur den Esel hört: “Ihaa, Ihaa”. Und woher zum Teufel wusste sie, dass ich es gern vor dem Spiegel treibe?

«Es war ja auch eine Party! Habe ich dir gefallen?» stellt sie unschuldig die rhetorische Frage und diese Unschuld erweckt in mir Gefühle, die ganz und gar nicht unschuldig sind. Und ich verzeihe ihr den Sarkasmus, den ich nicht wahrgenommen habe.

«Ist das Schicksal nicht ironisch?» sage ich leise. «Alles was man macht, hat einen Sinn!» versuche ich philosophisch, nachdenklich, ironisch, intelligent, introvertiert und extrovertiert zu wirken. All das auf einmal. «Ausser der blauen Perücke, dem ausgefallenen Make-up und der Dunkelheit ist nichts anders als gestern Nacht. Nur, dass ich dich heute von vorne sehe. Deine Schönheit raubt mir den Atem! Und atemlos werde ich poetisch!»

«Der Geruch aus deinem Van gefällt mir!» sagt sie begeistert. «Aber alleine Gras rauchen macht keinen Spass!»

«Seien Sie mein Gast und erlauben Sie mir Ihnen das Beste zu unterbreiten, Mylady!» führe ich ihre Idee fort. Sie steigt ein und lässt sich auf einem Sessel nieder. Ich hoffe, dass die Formen, die sie in den Kissen hinterlässt, mir viel Stoff zum Erzählen geben werden, um meine Enkel zu begeistern wenn ich all diese Geschichten am Weihnachtsabend während des Festessens erzähle. Bei dem mich meine zukünftigen Kinder mit bösen Blicken zum Schweigen bringen wollen und meine zukünftige Ex-Frau mit notdürftigen Erklärungen die Botschaft meiner Geschichten harmloser zu gestalten versuchen wird.

«Was darf ich dir zum Trinken anbieten? Wasser ist zum Waschen, also denk nicht einmal daran. Prosecco wäre für diesen Anlass passend!» Ich wette, dass ihr nicht erraten könnt, was sie antwortet. «Wie du willst!» Wisst ihr wie Geschichten enden, bei denen die Frauen sagen wie du willst? Wenn man den ganzen Regenwald abholzt und ihn zu Papier verarbeitet würde es nicht ausreichen, um alles niederzuschreiben. Wenn man die chinesische Mauer noch dazu nehmen würde, vielleicht. (Die Wand als Schreibfläche! Seid bitte etwas aufmerksamer, liebe Leser! Ich kann nicht immer alles zweimal erklären.)

«Während du dich um die Getränke kümmerst, drehe ich den Joint.» Oh, diese göttliche Kreatur ist umwerfend. Sie dreht den Joint! Ich hole die Flasche aber keine Gläser. Wenn man zusammen den selben Joint raucht, kann man auch aus derselben Flasche trinken. Oder nicht? Ich ändere meine Meinung, denn ich habe Stil. Ich schenke ihr das erste Glas ein und serviere es wie ein Gentleman. Wir stossen an und genial wie ich bin, sage ich:

«Auf einen neuen Anfang. Du bist faszinierend schön, schlagfertig und eine Herausforderung! Ich hätte dich gestern ansprechen und mich vorstellen sollen. Dafür gibt es keine Entschuldigung.» Und das alles sage ich bevor ich den Joint rauche. Nach dem ersten Zug fühle ich wie mein Kopf explodiert, alles schwebt, und ich fange an die Welt zu verstehen, innere Ruhe zu finden. Es gibt noch Hoffnung auf der Welt. Meine neue Flamme schaut mich mit glänzenden Augen an und fragt:

«Wie heisst du eigentlich? Ich bin Isabelle...»

«Isabelle! Das ist kein Name, das ist Poesie, das ist die Sonne, die mit ihren warmen Strahlen die kalte Natur am Morgen zum Leben erweckt. Das Wasser, das die Wüste in ein Paradies verwandelt. Der Klang deiner Stimme allein hebt mich über den Regenbogen, wo die Welt in Zeitlupe stattfindet, wo dich die Schönheit in einen Zustand der inneren Ruhe und des inneren Friedens versetzt. Im Einklang mit den Elementen. Jeder Atemzug riecht nach dir und Zitronengrass und wird von den blau-grünen Wellen begleitet, die sich an den Felsen brechen, unaufhörlich, im Takt des Herzens. Und wir schauen einfach nur endlos zu.» (Und ja, über dem Regenbogen gibt es blau-grüne Wellen, die sich and den Felsen brechen. Lasst euch in die Beschreibung, in die Atmosphäre des Moments fallen. «Ich bin Rico! Und meine Goldketten sind alle echt, so echt wie du hier bei mir!» Ich hoffe sie ist noch humorvoll dazu.

Vertieft in meinem Monolog, merke ich plötzlich, dass sie schon nackt vor mir liegt. Was mich verwirrt, denn in meiner genetischen Programmierung steht “die Beute jagen” an erster Stelle, “die Beute erwischen” an zweiter, “die Beute erobern” an dritter und dann “mich paaren”. Um die Erhaltung meines genetischen Materials zu sichern. Nur jetzt mache ich genau das, was ich immer mache, wenn ich kognitiv überfordert bin. Ziehe mich aus, trage nur noch mein nacktes Muskelkostüm und noch schneller als ihr eure Hand in die Hose stecken könnt, wenn ihr am Samstag Abend diese komischen Aufklärungsfilme aus den Siebzigern anschaut, bin ich bei ihr. Denn sie muss ja wissen was sie tut, angesichts der Tatsache, dass sie sich zuerst ausgezogen hat! Ihre Haut ist so braun, jede Schokolade würde vor Neid schmelzen. Die Beine sind soooo lang, so glatt, so makellos. Ich bin kein Fussfetischist aber wenn ich mir ihre Füsse anschaue, weiss ich, dass es sich lohnen würde einer zu sein. Leonardo da Vinci hätte weniger Zeit gebraucht, um die Mona Lisa zu malen, und die ist nicht mal so perfekt wie Isabelles lackierte Fussnägel. Die Rasur an ihrem Paradieseingang ist so perfekt, dass ich stolz wäre sie auf dem Gesicht zu tragen. Nicht wie ihr gerade gedacht habt, ihr Luder. Obwohl eigentlich auch so... Und davon bin ich nur Sekunden entfernt.

Ihr Bauch ist mit einem süssen Bauchnabel geschmückt, aus dem ich gerade Prosecco trinke. Ihre Brüste rauben mir den Atem. Mir soll keiner erzählen das Vulkane, Seen, Berge und Kunst schön wären. Oder der Mond. Nicht im Vergleich zu ihren Brüsten. Sie sind nicht zu gross aber erscheinen so überwältigend, dass ich sie gleich in meinen Händen halten muss. Wisst ihr, wie ein Herz schlägt, wenn es erwartet das Beste zu erleben, seit dieser Blödmann aus dem Paradies geworfen wurde? (Adam ihr Ahnungslosen! Ohne ihn wären wir noch alle dort und würden keine Schulen besuchen, nicht arbeiten und sonst irgendwas tun, was uns eigentlich keinen Spass macht. Wir würden nur nackt durch den Garten Eden laufen und uns mit Schönheiten beschäftigen, die wir aus unseren Rippen gebastelt hätten. Die erste dieser Schönheiten, die Gott uns gab, liess sich nicht unterwerfen, denn sie war so wie Adam aus Lehm entstanden, also ebenbürtig. Genialer Einfall von Adam noch eine zweite Frau bei Gott zu bestellen. Er bekam Eva. Aus der eigenen Rippe gebastelt, hätte mit ihr eigentlich alles stressfrei klappen sollen. Bis sie auf die Idee kam die Früchte aus dem Baum der Erkenntnis zu kosten.) Und diese Schönheit hier, in meinem Van, hat auch bestimmt etwas vor, was meine Erkenntnis betrifft, mit ihren birnenförmigen Brüsten, die so warm und kalt sind, so weich und hart, dass ich die Klimaanlage nicht mehr spüre. Ich drücke sie zusammen, küsse sie beide auf einmal. Diese Begeisterung mit Titten zu spielen ist vergleichbar mit der Freude jedes kleinen Jungen, der gerade sein erstes Feuerwehrauto bekommen hat. Oder einen Ken zur Barbie. Ihr wisst was ich meine… Ihre schwarzen Haare bedecken ihre Schultern. Ich kann sie daher nicht beschreiben. Ihre Mandelaugen schauen mich auf eine Weise an, dass ich spüre, das hier wird nicht nur ein kleines Feuerwerk, sondern die Explosion des Fujiyama.

Sie schubst mich, ich falle auf den anderen Sessel und kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Denn dann würde ich zu viel verpassen. Sie setzt sich auf meinen Schoss und ich fühle wie wir ineinander gleiten und dabei auch in Gedanken eins werden. Und obwohl wir erst seit Sekunden verschmelzen, beben unsere Herzen im Einklang. Unsere Körper sind wie für einander geschaffen. Ich versuche ihren tiefen Blick in meine Augen zu ignorieren - er könnte mich zu schnell zum Ende dieses Moments des Ineinandergleitens führen. Ich spüre jeden Millimeter ihres seidigen Körpers. Die Schweissperlen, die ihren Rücken mit einem Muster der Lust schmücken, schimmern in den Farben des Regenbogens, denn sie hatte sich kurz umgedreht, weil sie mir ja auch ihre andere Seite zeigen wollte, nachdem ich ihren tiefen Blick in meine Augen ignorierte. Ich geniesse einfach den Anblick, den Moment und ihren Körper. Aus Dankbarkeit fühle ich den Drang sie entspannen zu lassen und selbst aktiv zu werden, um sie auf meine Art und Weise zu verwöhnen. Und das obwohl sie mit einem unwahrscheinlichen Spass bei der Sache ist.

Ihre Stimme, mal leise, mal laut, ist ungeheuer sexy. Sie sagt kein Wort, aber ihr Stöhnen verrät mehr als ganze Liebesromane. Ich hebe sie, leicht wie eine Feder, und lasse mich mit ihr auf die hintere Bank des Vans fallen, die schon lange zum Bett umdisponiert wurde. Auf dem Rücken liegend quält sie mich wieder mit ihrem Blick gegen den ich kein Rezept habe. Und langsam schmelze ich in ihren Armen, die mich so zärtlich halten. Wir sind ein Team, unendlich besser als das Team, das die Fussballweltmeisterschaft gewonnen hat. Wir fliegen zum Mars und zurück, tragen zur globalen Klimaerwärmung bei, dazu, dass Komponisten noch zwei zusätzliche Oktaven brauchen, um alle Töne einer Liebessinfonie schreiben zu können. Das alles endet mit einem derartigen Flötensolo für zwei, sogar Bach würde sich fragen wie man auf zwei Flöten eine vierstimmige Melodie spielen kann. Danach spüre ich nur noch ihren phantastischen Duft. Und die seidige Haut ihres Körpers, den sie so fest an mich drückt. Und ihre Brüste… Und das Beben ihres Herzens… Ich habe meine Aufgabe erfüllt, selbstlos, geduldig, aufmerksam, liebevoll. Mit der transzendenten Zärtlichkeit eines traumhaften Liebhabers, in der ewigen Erinnerung der Liebe. Denn dadurch (durch mich und durch meine transzendente Zärtlichkeit), erfahren sie, diese unzähligen schönen, Frauen, was wichtig im Leben ist. Und fortwährend gültig! (Wenn ihr genau wissen wollt, was das ist, strickt euch eine Antwort zusammen, denn eigentlich bin ich überfordert. Ich blieb ja gedanklich bei der Erhaltung meines genetischen Materials…)

Ihr Kopf liegt auf meiner Brust, ich streichle sie zärtlich. Sie liegt da als ob sie Schutz gefunden hätte, wortlos, zufrieden. Für einen Moment, denn ich erkenne eine gewisse Traurigkeit in ihren Augen. Und das alles nur, weil das Blut langsam wieder in mein Gehirn strömt. Und so wie immer, interpretiere ich ihren traurigen Blick falsch (weil das Blut langsam in mein Gehirn strömt!), denn ich glaube, sie wäre traurig, weil sie glaubt, das Beste wäre schon vorbei. Sie kann natürlich jederzeit vorbeikommen, wann immer sie will! Ich bin ein Priester der Liebe. Immer für meine Schäfchen da.

Müdigkeit trübt meine Gedanken, meine Augen werden schwer. Ihre Brüste, eng an mich gepresst, sind das Letzte was ich wahrnehme und ich hoffe, dass ich davon auch träumen werde. Denn sie sind traumhaft schön. Bei dem Anblick ihres nackten Körpers fühle ich mich ein wenig wie Zeus. Denn ich liebte nur Göttinnen, körperlich versteht sich. Er hingegen hatte auch für Sterbliche ein Faible. Und Halbgöttinnen. Ich nicht. Und die permanente Frau an meiner Seite, mein blonder Engel, ist nicht so wie Hera (2), hinterlistig, böse, rachsüchtig. Sondern geduldig, verständnisvoll, liebevoll und sie freut sich, wenn ich mich freue. Freut sich über jede neue Liebesgeschichte. Und das macht sie eigentlich zur wahren Göttin.

Noch ein Blick auf ihre Brüste. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Ihre geschlossenen Augen, der tiefe Seufzer und ihre leichte, seidige Umarmung. Danach Dunkelheit. Die Leere. Die Ohnmacht. Kein Zeit-und Raumgefühl. Nichts. Keine Ahnung wie viel Zeit vergangen ist, aber ich stehe auf und nichts erinnert mich an das, was hier gelaufen ist. Nur der Ventilator vom Laptop schreit: “Schalt mich aus, du Blödmann, wenn du nichts Besseres zu tun hast! Ich muss mir doch nicht die Lungen mit eurem Qualm vollpumpen”.

Das Handy ist mit dem Laptop verbunden und ich sehe eine Nummer und eine Liste auf dem Display. Und das ist nicht die Liste mit Namen der Schönheiten, die ich im Laufe der Zeit verführt und denen ich zu neuen Weltanschauungen verholfen habe. Nein, das ist eine Liste mit Namen von Frauen und Männern. Ich habe viel Perversion in meinem Leben gesehen, aber das hier ist inakzeptabel. Hat sie mich etwa in eine neue, philosophische Dimension des Bewusstseins und danach in den Schlaf gebumst, nur um ihre Hausaufgaben auf meinem Computer machen zu können? Deswegen sage ich euch, liebe Leser, lasst immer die Videokamera laufen. Nach so einem Besuch weiss man nie, wann man Lust zu prüfen hat, ob das Haargel, das man benutzt, auch wirklich hält, was die Packung verspricht.

Ich bin aus einem Land, in dem die Verfassung Männer gesetzlich dazu verpflichtet schönen Frauen alles zu geben, was sie zu einem ausgeglichenen Leben brauchen. Aus dem Land, aus dem Dracula kommt. (Nicht Bulgarien, ihr Analphabeten, nein! Denkt doch nach!) Aber die Verfassung erwähnt leider mit keinem Punkt, was orientierungslose Männer tun sollten wenn die Schönheiten verschwinden, ohne ihre Telefonnummer zu hinterlassen. Das bleibt ein Mysterium. Wieso hinterlassen sie die Nummer nicht wenn das, was man zusammen erlebt hatte, eigentlich richtungsweisend für ihr Leben war? Im positiven Sinne. Frauen haben echt eine eigene Logik. Aber ist Logik nicht die Lehre der vernünftigen Schlussfolgerung? Diese Wendung gefällt mir nicht… Oder ist die Nummer auf dem Display ihre? (Beachtet meinen gepflegten Schreibstil! Meine Notizen werden an den Unis vorgelesen, um Literaturstudenten gegen Philosophen zu hetzen und ihnen zu erklären, dass man Japanisch nicht wörtlich übersetzen kann!)

Ohne nachzudenken, wie meistens, wähle ich die Nummer und merke nicht, dass die Schnittstelle zum Computer noch aktiv ist. (Sie ändert sich andauernd! Als ich das Buch schrieb, war es Infrarot. Jetzt Bluetooth. Bis das Buch veröffentlicht wird, werden sonst irgendwelche Laser automatisch Schnittstellen sein… daher nur Schnittstelle… so bleibe ich aktuell…). Es piepst und plötzlich erscheint auf dem Display ein kleines Fenster mit einer langen Nummer. Mit einem Code, Leute, mit einem Code! Ich denke der Hacker, dem ich meinen Laptop abgekauft hab, hat Programme auf der Festplatte gelassen, die mir jetzt die Möglichkeit geben, die grössten Banken in Hong-Kong um ein paar Milliarden zu erleichtern. Aber es passiert nichts. Danach, nach dem Nichts, erscheint wieder die Liste, die ich sowieso schon habe. Das Gefühl ist Scheisse! Das gleiche Gefühl wie die Ex-Freundin zu ficken oder das eigene Auto von den Ärschen zurückzukaufen, die es geklaut haben und nur um die 100.000 Km damit gefahren sind. Ich schalte alles aus und bleibe traurig auf dem Sessel sitzen, nackt, gutaussehend, enttäuscht, hoffend, dass alles in Wirklichkeit passiert ist und nicht nur in meiner Fantasie, die mit mir anscheinend durchgeht.

Das Syndikat II

«Er hat sich in unser System eingehackt. Er hat die Listen!» sagte das Monster mit einer sehr tiefen Stimme. Er fühlte sein Herz so stark schlagen, dass er vor Aufregung nicht mehr klar denken konnte. Ob er es jemals getan hatte, war eine andere Frage.

«Wir werden warten, weil ich nicht weiss, zu wem er gehört! CIA, FBI, Interpol oder KGB! Es gibt nicht viele Möglichkeiten. Seid sein Schatten, seid sein Atem, hört sein Handy ab, prüft alles, alles was er isst, alles was er trinkt! Ich will alles über ihn wissen! Alles! Er darf euch nicht entdecken! Falls er es doch tut, dann verschwindet ihr, nachdem ihr seine Freunde kalt gemacht habt. Er würde dann als Krönung zuletzt dran glauben müssen.» Es brachte ihn um mit diesen Idioten zu kommunizieren. Aber er hatte keine Wahl. Sie waren seine Werkzeuge!

«Ja, Chef, es sind nur vier Organisationen. Darum kümmere ich mich!» bellte das Monster.

«Nur vier! Du genetischer Abfall, nur vier....» Durch autogenes Training fand er seine Fassung wieder.

«Aber Chef, Sie haben gesagt…»

«Halt’s Maul! Fuck you…»

Seine Fassung nahm eine neue, interessante Form an. Und die philosophischen, gesellschaftlichen, futuristischen Visionen, die er vertrat, fanden Ausdruck in einer sehr interessanten Art und Weise der Kommunikation. Denn nur das war die Sprache, die sie verstanden. Diese Monster…

Es war nicht die Stimme oder die Stimmung, nein, es war das Büro, das alles so unheimlich erscheinen liess. Um solche Büros bezahlen zu können, stilvoll, zeitlos elegant, brauchte man ein gut laufendes Unternehmen oder vierzig, (Komma) drei Lebzeiten, um das erforderliche Geld aufzubringen. Oder das Syndikat. Dicke Teppiche bedeckten den Boden und verringerten das Volumen des Raumes bei mindestens einem halben Kubikmeter. Und diese Teppiche hatten schwarze und sauerkirschrote Muster. (Rot, wie die Kommunisten oder Kapitalisten, die er in der Sonne der Sahara zwei Tage lang vergass. Ab und zu. Damit sie nachdachten! Um ihnen die Möglichkeit zu geben, Visionen zu haben. Da irrte einer vor zweitausend Jahren durch die Wüsste, durch die Hitze, und redete danach wirres Zeug. Zeug, das die Menschheit daraufhin für tausende von Jahren prägte. Aber das war eine andere Geschichte…) Möbel aus Holz, für die alte, grosse Bäume sterben mussten und hunderte von Sklaven in Fabriken mit den Händen und Schmirgelpapier schufteten bis der Designer der Meinung war alles würde perfekt passen. Seine wahr gewordene Vision.

Man kann nicht Milliarden Dollar verdienen, wenn man ehrlich arbeitet. Und wenn ihr glaubt diejenigen, die Milliarden besitzen, waren immer ehrlich und verhielten sich stets ethisch und korrekt, dann solltet ihr schnell eine Sekte gründen und auf einsamen Inseln Lieder über blaue Schmetterlinge singen.

Der Visionär II

Die Blumen der Orangenbäume, weiss, klein, filigran, wunderschön, dufteten intensiv. Ein Baum, der Früchte und Blumen gleichzeitig trug. Hoffnung und Erfüllung zugleich. Sein Lieblingsbaum. Mit jedem Atemzug spürte er die Sonne, den Duft der Blumen. Seine Lungen konnten nie genug davon bekommen die Schönheit der Natur einzuatmen. Ganz tief. So tief, dass er den Duft immer noch zu spüren hoffte, auch wenn er schon längst vergangen war. Die Sonne wärmte das Grass, die Blätter, die Oliven. Die Geruchspalette hätte jedes Herz mit Freude und Hoffnung erfüllt. Nur seins nicht. Denn die Hoffnung in seinem Herzen wurde zum schrecklichen, schmerzlichen Drang. Und zur schmerzlichen Gewissheit, dass es eine Lebensaufgabe und darüber hinaus sein würde das Ziel zu erreichen. Den paradiesischen Zustand. Denn Paradis war nur eine Metapher für den Zustand den die Menschheit nicht erreichen konnte. Noch nicht… Aus Faulheit, Bequemlichkeit, Dummheit und Impertinenz.

Er wendete seinen Blick vom Fenster und liess ihn über die Bibliothek schweifen. Tausende von Büchern, jedes Einzelne in Leder gebunden, jedes Einzelne ein Kunstwerk. Die goldene Schrift, die Autoren, verrieten alles… Platon, Aristoteles, Xenophon, Hippokrates, Nietzsche, Karl Marx, Baruch de Spinoza, Kant und noch so viele mehr. Den Wert dieser Bücher konnte man nicht mit Geld messen. Denn die Visionen, die Gedanken, die Träume dieser Visionäre waren mit materiellen Mitteln nicht zu bezahlen. Und die Genialität dieser Visionen gab ihm Kraft. Kraft um Tag für Tag aufzustehen und daran zu arbeiten, die Welt zu verbessern.

Aus dem offenen Fenster hörte man das Zwitschern der Vögel. Das Rascheln des Windes durch die Blätter der Olivenbäume. Spürte man die Wärme der Sonne. Kleine weisse Wolken wanderten am Himmel und lösten sich in den Sonnenstrahlen auf. Nichts davon konnte seinen versteinerten Blick ändern, nichts davon konnte seine Laune heben. Sein Traum war eine Lebensaufgabe und noch viel mehr, das war ihm klar. Und auch welch ein Preis dafür zu zahlen war.

Aus dem bequemen Sessel schaute er mit kaltem Blick auf den Computermonitor. Und sah auf dem geteilten Bildschirm Nachrichten-Kanäle. Die Selbstreferentialität der Welt. Die Verdorbenheit der Welt. Den Wahnsinn der Welt. Die Misere der Welt. Eine Welt, in der der Massstab Geld war. Wer Geld hatte war reich. Reich waren nicht diejenigen, die reich an Gedanken waren. An Visionen. An Wissen. Sondern die, die reich an Geld waren, der trügerischsten, Sicherheit! Er war auch reich. Reicher als alle auf dieser Welt. Nur das Geld machte ihn unglücklich. Er konnte die Menschheit mit seinem Geld nicht weiterbringen. Die Evolution hatte den Menschen so viel geschenkt. Der Mensch war die Krönung einer physischen, chemischen und biologischen Entwicklung mit einem enormen Potenzial. Und er nutzte dieses Potenzial nicht aus. Denn er konzentrierte sich nur darauf Geld zu verdienen. Weil politische, wirtschaftliche und religiöse Systeme soziale Modelle entwickelten, die die Menschen beschäftigten. Tag und Nacht. Und beschäftigte Menschen hatten keine Zeit zum Nachdenken. Zeit zu merken, dass sie Sklaven waren. Verdammt auf ewige Dummheit.

Er lebte ausschliesslich in seinen Gedanken, entfernt von der Realität, und hatte dort seine eigene Welt erschaffen. Eine gute Welt. Eine schöne Welt. Alle hielten ihn für wahnsinnig. Er bestrafte sie mit Schweigen und Gleichgültigkeit. Kein Psychologe, kein Therapeut konnte die Mauer durchbrechen, die er um sich aufgebaut hatte. Sein Wissenshunger konnte auch kein Buch, keine Universität, kein Studium stillen. Irgendwann, als er achtzehn wurde und sein Studium begann, ging es ihm gut. Er öffnete sich, liess das Leben an sich ran. Nur konnte er Wahrheiten nicht aus der Welt schaffen, indem er sie ignorierte. Und später, nach Jahren, als er ein erfolgreicher Unternehmer war und Geld in Unmengen verdiente, kam wieder die Sehnsucht. Seine alte Sehnsucht nach der idealen Welt. Die nichts mit Politik, mit Religion zu tun hatte. Sondern mit Intelligenz, emotionaler Intelligenz und Ordnung. Mit Liebe und Fürsorge. Mit Visionen Schönes zu erschaffen. Und diese Sehnsucht erwürgte ihn. Und die Dummheit und Perversion um sich herum auch. Er zog sich immer mehr zurück und vermied den Kontakt zu der Aussenwelt. Das war seine Strafe für sie. Fürs nicht Zuhören. Fürs nicht Verstehen. Geld war sein Mittel, um die Welt zu versklaven, um sie danach befreien zu können. Um sie danach retten zu können. Sie danach neu zu erschaffen. Eine Gesellschaft in der Ordnung, Respekt und Disziplin herrschte. Nicht im militärischen Sinn. Disziplin als Verantwortung gegenüber der Mitmenschen und der Natur. Das Paradoxon bestand darin, dass der Weg dorthin mit Perversion, Dummheit und Unterdrückung zu bestreiten war. Mit Absolutismus. Denn Rhetorik führte zu nichts. Rhetorik setzte ein gewisses Niveau an Intelligenz voraus. Nur dieses Niveau erreichte man in einer Gesellschaft nicht ohne sie zu zwingen. Traurig aber wahr. Um das grosse Ziel zu erreichen, die absolute Freiheit, musste man diese jetzt aktuelle, sogenannte Freiheit abschaffen. Paradox, wie gesagt, aber nur so konnte man vorankommen. Diesmal ohne Gewalt und Krieg. Sondern mit Versklavung durch Schulden.

Seit wann versagten alle wirtschaftlichen Modelle? Seit immer. Auf lange Frist gesehen. Und neue Denkschulen, wie in der Antike vorhanden, fehlten. Keine neuen Ideen, keine neuen Visionen. Die Wirtschaft war ein wildes Tier geworden, nicht zu kontrollieren und nicht zu zähmen. Sie wurde zu einem selbständigen Monster, das vom Teufel besessen war. Und der Teufel hiess Geld, dadurch Macht, dadurch Kontrolle. Diese Welt raubte ihm die Kraft zu atmen. Seine Zeit würde kommen, denn er wusste, er würde diese Welt mit ihren eigenen Waffen besiegen.

Was passierte nun als Liebe, Hass, Dummheit, Klugheit, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Perversion, Gleichgültigkeit und Chaos aufeinander trafen? Es fand das reale Leben statt! Das nicht utopische, nicht vorauszusehende, nicht erklärbare Leben.

Der blonde Engel & die Freunde

«War die Zeit unerträglich ohne mich?» fragt mein blonder Engel und schaut mir direkt in die Augen. (Was sie betrifft gibt es eine Transzendenz in meiner Beschreibung. Sie ist gleichzeitig Engel und wahre Göttin. So wie Hera: Gattin und Schwester des Zeus.) Es fällt einem schwer solche leuchtend grüne Augen zu belügen. Also sage ich nichts, weil ich spontan merke, dass ich immer noch nackt bin.

«Oh mein Gott! Ich frage mich, wie dir das andauernd passiert. Du bist fast immer bei mir und wenn nicht… Es ist wirklich schrecklich!» interpretiert sie mein Schweigen richtig. Die so schöne Erfahrung mit Isabelle mit dem Wort schrecklich zu assoziieren, finde ich aber nicht fair.

«Baby ich weiss es nicht! Es ist eine Kraft des Universums! Ich kann sie nicht kontrollieren!» sage ich scheinbar unschuldig. «Ich höre Stimmen…», versuche ich es noch mit der alten Masche, denn die Erklärung, dass die Teilchen, also meine auf Kohlenstoff basierenden Moleküle, mich zu einer Wechselwirkung (3) mit (in diesem Fall) Isabelles Molekülen zwingen (nach den Gesetzen des Universums), würde sie mir nicht mehr abnehmen.

«Ja, die Stimme deines… Ach, lassen wir das! Noch eine mehr auf deiner sehr langen Liste… Du wartest eigentlich immer noch auf mich! Das finde ich süss», sagt die klügste Frau, die ich je getroffen habe. Schaut ihr jetzt eure Alte ein bisschen komisch an, liebe Leser? Oder ist das nur meine Einbildung? Die Alte, die euch gerade anschreit, dass ihr den Müll wegschaffen sollt, ist wahrscheinlich nicht so tolerant. Könnt ihr euch vorstellen wie viel Leid der Menschheit erspart bleiben würde, wenn mehr von dieser Engelsgattung existieren würden? Man sollte das Wichtigste im Leben im Auge behalten! Sie ist die Einzige bei der ich bleibe, die Einzige, der ich das Frühstück ans Bett bringe, die Einzige, der ich die Harre wasche oder an Stellen rasiere, die an öffentlichen Stränden von der Sonne versteckt bleiben. Andere Frauen sind nur ein Schliff des Diamanten. (Meine liebe Leserinnen, bitte seid jetzt nicht verwirrt und böse! Falls wir uns jemals an Lektüreabenden treffen, werdet ihr froh sein, dass ich so viel über euch weiss. Und alles, was ich von euch weiss, kann man nicht in Büchern nachlesen. Man muss dabei gewesen sein! Denn niemand ruft grundlos den Namen des Schöpfers im Moment der Ekstase. Ihr versteht, was ich meine…)

«Wie war dein erster Tag an der neuen Uni?» versuche ich die Gesprächsrichtung zu ändern.

«Irgendwie komisch. Ich hatte das Gefühl, man kümmert sich zu viel um mich. Zu viele Fragen, Vorschläge, Lösungen. Zu nett. Zu viel. Und diese Frau, die mich herumgeführt hat, war nicht zu allen so nett. Das stört mich daran!» lässt ihre weibliche Intuition Raum für Äusserungen, die zu anderen Äusserungen führen.

«Eine Frau hat dir die Uni gezeigt?» frage ich. An Frauen bin ich immer interessiert.

«Ja, eine Art Asiatin mit einer Haut wie Schokolade, schwarzem Haar und Schlafzimmeraugen. Ich hatte das Gefühl wir haben etwas gemeinsam. Ich konnte es aber nicht ordnen. Mich hat zu sehr gestört, dass mir eine fremde Person so vertraut war, so nah… Das habe ich als bedrohlich empfunden.»

«Und ihr Name war Isabelle!» sage ich überzeugt.

«Ja, woher weisst du das?» fragt sie und ihr Blick lässt die Sonne kälter scheinen. Es ist alles ein bisschen eigenartig. Isabelle rauchte Grass mit mir, machte mit mir Amore, benutzte meinen Computer, um ihre Hausaufgaben zu erledigen und danach führte sie meine Freundin durch die Uni? Allerdings nicht ganz so eigenartig, wenn das alles vorher geplant gewesen wäre und wir zusammen ein paar Nächte zu dritt verbracht hätten. Und ich denke dabei nicht an “Scrabble” oder “Mensch ärgere dich nicht” spielen. Nein, ich denke an Nächte voller Leidenschaft, voller Dynamik. Die Nationalhymne meines Landes vermittelt die unterschwellige Botschaft: einer allein ist kraftlos aber wo zwei sind, wächst die Kraft und alles klappt besser! Eine Paraphrase meiner vorherigen Idee, gewiss. Aber die Botschaft ist wichtig! Die unterschwellige. Könnt ihr euch vorstellen, was passieren würde, wenn plötzlich drei Personen das Bett teilen? Macht nicht so zufriedene Gesichter ihr Feministinnen. Ich meine immer ein Mann und zwei, drei oder eine beliebige Zahl von Frauen! Aus heutiger Sicht, eine perverse Vorstellung. Nur die heutige Sicht wurde von seelischen Sadomasochisten geprägt. In der Antike, war dieser schöne Traum Realität.

«Oh nein, Baby, sag mir sie war es nicht! Ich werde noch viel mit ihr zu tun haben und das gefällt mir gar nicht. Wenn ich sie nicht kennen würde, wäre mir alles egal, aber so werde ich leiden. Immer wenn ich sie sehen werde, werde ich an alles erinnert was dich anmacht, alles was du geküsst, alles was du geleckt hast, alles…» Die Arme tut mir leid, denn bald wird sie die ganze Welt nicht mehr anschauen können. Die weibliche Welt. Ich muss sie unterbrechen und ihr die Liebe geben, die Frauen veranlasst, von bösen Gedanken befreit, lächelnd über den Parkplatz zu laufen. Um so mehr, da ich sowieso nackt bin. Das soll euch eine Lehre sein, ihr untreuen Männer. Egal mit wem ihr gerade die Ekstase der körperlichen Liebe geniesst, seid immer für eure Frauen da und nehmt ihnen die Sorgen ab, die sie ohne euch erst gar nicht haben würden. Alles klar? Frauen sind wie Gitarren. Man kann immer das gleiche Lied spielen, aber wenn man es richtig interpretiert, klingt es nie gleich. Versteht das nicht falsch. Mein Engel ist die Frau für mich, aber als Teenager mit Prinzipien und Idealen hatte ich mir vorgenommen etwas Gutes für die Menschheit zu tun. Und mein Beitrag dazu ist alle Frauen zu lieben. Körperlich versteht sich. Und ob ihr es glaubt oder nicht, keine von den Schönheiten hat sich jemals beschwert! Wenn man in den Zwanzigern ist und noch dazu klug, muss man Ideale und Prinzipien haben. Wenn man in den Dreissigern immer noch Prinzipien und Ideale hat, ist man dumm. Die Ironie des Lebens. Und das nennt man Fortschritt.

Sie ist plötzlich ruhig, ihr Atem regelmässig. (Ihr müsst die Seite nicht noch einmal lesen, ihr habt nichts übersehen. Ich habe das Geschehen bewusst nicht beschrieben, um eure Neugier zu erhalten. Für die nächsten Seiten.)

«Weisst du, was ich so fesselnd an dir finde? Nein, sag nichts, sonst machst du alles kaputt! Du hast einen tollen Charakter! Ok, du bist das letzte Schwein, das ich je getroffen habe. Aber hinter dieser Fassade versteckt sich etwas, das ich nicht einordnen kann. Du hast ein grosses Herz und ich weiss, du würdest sogar dein Leben aufs Spiel setzen, um meins zu retten. Das fühle ich!» sagt sie leise und hat damit so recht. Denn Frauen wie sie verzeihen Männern die Seitensprünge. Wenn es darauf ankommt, würden Männer wirklich mit ihrem Leben bezahlen, um ihre Frauen zu retten. Ein Kompromiss mit dem Männer leben können. Nur wer “Seitensprünge” wissenschaftlich als Begriff definiert oder in einer Weise festgelegt hat, dass Männer, wenn sie eine Freundin haben, mit keiner anderen Frauen mehr schlafen dürfen, ist ein Mysterium, das die Wissenschaft bislang noch nicht gelüftet hat. In solchen Momenten ist es angebracht ein paar Nächte im Trio mit Isabelle vorzuschlagen. Stellt euch vor, eine mit einer Haut wie Milch und eine mit einer Haut wie Schokolade. Wenn man so was erlebt hat, braucht man nicht mehr weiterleben. Man hätte alles im Leben erreicht und sollte die Umwelt nicht mehr belasten. Ich habe den Faden verloren, aber ich bin mir sicher euer Leben wird sich jetzt zum Positiven ändern.

Die Sonne geht langsam unter und alles schimmert rot. Es ist nicht mehr so heiss aber die Klimaanlage läuft immer noch. Die Beobachtung, dass die Haut meiner Flamme sich ein bisschen zusammenzieht und ihre Titten kleiner erscheinen, führt dazu, dass ich angsterfüllt von der Idee, dass sie tatsächlich kleiner werden, zu der Lösung komme, die Klimaanlage abzuschalten.

«Weisst du was? Lass uns nach Hause gehen, uns ein wenig entspannen und dann auf eine Party gehen. Egal zu welcher», meint sie ohne zu bemerken, dass ihre Titten wieder die gewünschte Grösse annehmen.

«Egal zur welcher Party? Hier in Miami finden ungefähr tausend Partys statt. Und das nur in unserem Viertel. Es gibt welche, auf denen man die ganze Nacht Salsa tanzen kann. Es gibt welche, auf denen man tiefgehende Gespräche führen kann. Aber wer will schon diese oral masturbierenden Hohlköpfe treffen? Nicht wörtlich zu verstehen, mehr metaphorisch. Menschen, die mit sich selbst spielen, sind langweilig. Es sei denn, es sind Frauen und ich schaue ihnen zu. Bis ich es für nötig halte mitzuwirken und sie zu befreien. Denn Männer haben die Lösungen aller Probleme der Frauen in der Hose. Es gibt welche (Partys) wo man sich fesseln und peitschen lassen muss oder kann. Aber darauf bin ich nicht scharf. Also, nicht irgendwelche Partys!» Ich hoffte, mein kleiner, rhetorisch gestalteter Monolog macht ihr klar in welche Gefahr ich mich begeben würde, wenn “die Party” nicht genau definiert ist. Sie hatte sogar Zeit sich anzuziehen, während ich meiner Genialität freien Raum liess.

Ich starte den Motor. Wir fahren durch die menschenleere Stadt und wenn sie nicht leer ist, dann befinden sich die Menschen in Autos, Bussen, auf Strassen etc. (Sagt mir nicht, dass das keinen Sinn macht. Ich will das nicht hören! Ihr lest mein Buch und erzählt mir was Sinn ergibt und was nicht?) Jede Meile, die wir fahren ist für mich ein Genuss. Der Motor hat 5,6 l Hubraum und 280 PS. Für Europäer kaum zu glauben, dass man 25l Benzin verbraucht. Für 100 km, nicht für eine Woche. Es sei denn man fährt 100 km die Woche. (Oh nein, ihr seid doch nicht so bescheuert, dass ich euch alles auf diese Weise erklären muss?)

Die Strasse hat fünf Spuren. Es sind nicht viele Autos unterwegs aber ein Auto fällt mir auf. Es ist schwarz und der Fahrer sehr geduldig. Es scheint ihn nicht zu stören, dass ich eine Weile brauche, um die richtige Kreuzung zu finden an der ich abbiegen muss, dass ich nicht immer blinke, dass ich spontan die Spuren wechsle, so dass er andauernd bremsen muss, so dass mit jeder “Bremsung” die Chance den Preis für die besten Reifen nach 100.000 Meilen zu bekommen immer geringer wird, so dass sein Verstand im Vergleich dazu riesig erscheinen würde! (Der längste “so dass” Satz der klassischen Literatur)

Wir erreichen die Villa, in der wir seit einer Woche wohnen, schlafen, träumen, weggehen, zurückkommen und noch viele andere Sachen veranstalten, die bestimmt der Zensur zum Opfer fallen würden, würde ich sie aufzählen, also gebe ich mir nicht mal die Mühe. Das Haus ist gross, mit einem grossen Vorgarten und einem grossem Hintergarten. (Also, um es kürzer oder klarer zu machen: die Gartenanteile des Hauses sind gross, nur weil ich den Massstab nicht definiert habe. Daher bleibt es eurer Fantasie überlassen die Grösse einzuordnen. Eure Schlussfolgerungen werden unterschiedlich ausfallen. Ein Leser aus Brasilien, aus den Favelas, wird sich andere Dimensionen vorstellen als ein Leser aus Amerika, der fünf Mexikaner als Gärtner beschäftigt, natürlich alle mit Sozialversicherung und gültiger Steuernummer.)

Schon höre ich die Stimmen unserer Freunde. Und da sind sie! Ihn kenne ich schon seit meiner Kindheit. Sein Name ist Joe und er hat mich mehrmals in diesem Leben vor der finanziellen Pleite bewahrt. Zum Glück konnte ich ihm immer alles zurückzahlen, sonst wäre er jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr mit mir befreundet. Seine Freundin Joena, eine tolle Frau, Anwältin, bestand darauf mit uns in die Staaten zu kommen, um mit uns ein Jahr zu verbringen und nichts zu tun, anstatt nach ihrem Studium loszulegen und zu verteidigen, zu verklagen, Menschen in Gefängnisse zu stecken, aus Gefängnissen zu befreien, sich bestechen zu lassen, Unschuldige als schuldig und Schuldige als unschuldig zu verurteilen. Nichts zu tun als in der Sonne zu liegen. Als zu saufen. Als zu lieben und sich lieben zu lassen. Nichts zu machen als Grass zu rauchen. Anders gesagt, eine entspannte Zeit zu verbringen, ohne Probleme, Rechnungen, zu laute oder zu leise Nachbarn (auf jeden Fall Idioten), die Listen über deinen Lebensstil, deine sexuellen Neigungen und Wünsche und dein ungesundes Essen führen. Die zwei, Joe und Joena, sind immer gut gelaunt und für jede Schweinerei zu haben. Die Hütte ist von riesigen Bäumen umrahmt. Die roten Fliesen, die zum Haus führen, ein Pfad des Glücks, verschmelzen mit der weissen Fassade. Die Fenster sind geschlossen, um das Haus vor der Hitze des Tages zu schützen. Wir gehen durch das Wohnzimmer zum Pool. Unsere Freunde hören laute, schrille Musik, die man irgendwann, vor hundert Jahren, als Heavy-Metal bezeichnet hat. Das Wasser im Pool ist so blau und kühl, dass es uns zwingt, uns, Rico und meine Flamme, in zwei Augenzwinkern nackt reinzuspringen. Das kühle Wasser bringt die erwartete Erfrischung und es würde mich nicht wundern, wenn ich nichts mehr zu zeigen hätte. Von dem Teil, von dem Männer annehmen, dass es Frauen so fasziniert. Vor Allem die Grösse. Ich werde in meinen Gedanken unterbrochen.

«Komm raus und lasst uns eine Party aussuchen», sagen die zwei weiblichen Kreaturen des Teufels, die sich jetzt wieder zusammengeschlossen haben. Entweder haben die beiden keine Ahnung, was kaltes Wasser bei nackten Männern bewirkt oder sie sind so pervers, dass es an Zynismus grenzt und sie wollen mich blossstellen.

Ich bleibe noch im Pool, um meine Schande zu verstecken. Nach einer schnellen manuellen Prüfung habe ich nämlich herausbekommen, dass mein Schwanz tatsächlich geschrumpft ist. Ich bin bestimmt in den Bereich von 10 bis 15 cm zurückgefallen. Im schlappen Zustand versteht sich.

Joe und ich kommen aus der gleichen Stadt, aus dem gleichen Land, das ein bisschen kommunistisch hätte werden sollen und in dem vor hunderten von Jahren Graf Dracula seinen Miezen das Blut ausgesaugt hat. (Höre ich Polen? Kein Wunder, dass deine Frau mit deinem Nachbar rummacht! Nein, es ist nicht Polen!) Es ist ein Land in dem Kindern klar gemacht wurde, dass der Feind des Kommunismus die Amerikaner wären. (Wer denn sonst? Andersrum betrachtet, waren die Amerikaner auch die Feinde der Kommunisten… damals. Jetzt ist es irgendwie die ganze Welt.) Deswegen wurden wir mit Bussen zu Schiessplätzen gefahren, um mit Luftgewehren auf Vögel zu schiessen. Um den Ernstfall zu üben. Falls die Amerikaner kämen und uns bedrohten. Mit Fastfood, Talkshows und Massenverblödung. Darauf wurde verzichtet als unser Lehrer umgefallen war, ohnmächtig wurde und ein wenig später in seiner Ohnmacht weinte als ihm klar wurde, dass es gefährlich war seinen Schwanz an einem Schiessplatz aus der Hose zu holen und gedankenlos zu urinieren. Eine Kugel verirrte sich… und traf den Feind. Es blieb unklar wer geschossen hatte, aber ich vermute, dass eine unaufgeklärte Kollegin den Unterschied nicht gesehen oder eingesehen hatte. Den Unterschied zwischen dem Feind, in Form des Kapitalismus, und dem Schwanz, im übertragenen Sinne versteht sich. Aber Frauen reagieren immer instinktiv. Meistens richtig. Danach brauchten wir keine amerikanische, Kommunismus-feindliche Fantasietruppen mehr angreifen. Mit Luftgewehren. Und wenn man so etwas zusammen erlebt hat, verpflichtet es ein Leben lang zur Freundschaft. So wie Adel, ein Leben lang verpflichtet. Zu Blödheit und Inzest. Das sind wir, Joe und ich: Freunde.

Männer brauchen genau hundert Sekunden, um sich für eine Party fertigzumachen. Frauen hundert Minuten. Aber wenn die Frauen endlich fertig sind, dann kann man von ihre Schönheit erblinden. Wie auch vom Masturbieren. Meine Flamme trägt ein blaues, eng anliegendes Kleid, das mir die Sprache und den Atem verschlägt. So eine blaue Farbe hilft mir bestimmt nie wieder Depressionen zu bekommen. Und der Inhalt des Kleides macht mich für eine lange Zeit glücklich. Stöckelschuhe, die ausser der Sohle nur zwei kleine Riemen haben, die (ihr werdet es nicht erraten!) nicht blau sondern silbrig glänzen. Joena trägt ein enges Irgendetwas, das von oben bis unten ihren Körper umhüllt und Hose, Bluse, BH und sonst alles, was eine Frau braucht. In so einem Anzug ist eine schnelle Nummer nicht möglich. Hat aber auch Vorteile. Für Joe! Sie trägt Stiefel aus Krokodilleder und ich sage euch, es ist egal, dass das Krokodil für die Stiefel mit seinem Leben bezahlen musste. Es hat sich gelohnt! Ich bin immer noch im Pool und Joe sitzt am Rand. Ich bin nackt und Joe trägt die Badehose seines Großvaters. Wir sind bei weitem noch nicht fertig!

«Wir gehen schon mal vor», sagen die Damen mit göttlichen Stimmen.

«So geht ihr nicht mal alleine bis zum Briefkasten! Ohne uns ist die Öffentlichkeit für euch verboten. So wie ihr angezogen seid, seid ihr vor keinem Mann sicher. Das ist eine Einladung!» Meine Empörung ist eindeutig zu hören. Unmissverständlich. Und steht im Konflikt mit meiner früheren These, was die Freiheit des Bumsens betrifft. Aber es ging ja um die Freiheit der Männer… jetzt ist wieder alles klar, oder?

«Wer sagt euch, dass wir sicher sein wollen? Lass die Jungs nur kommen!» piepsen die zwei. «Ihr habt zwanzig Minuten um euch umzuziehen. So lange wir einen Kaffe trinken. Wenn ihr dann nicht fertig seid, habt ihr Pech gehabt und wir sind weg!»

Ich weiss nicht was das soll, aber ich habe das Gefühl, die Frauen wollen testen wie cool wir sind. Und wenn wir den Test nicht bestehen, werden sie auch all das machen wollen, was für uns selbstverständlich ist. Ausgehen, anmachen, abschleppen und… Manche sind der Ansicht, dass Frauen in die Küche gehören. Ich bin der Meinung man hätte sie erst gar nicht vom Bett entfesseln sollen. Metaphorisch, sadomasochistisch gesehen. Aber bei nüchterner Überlegung konnte nicht mal der debile Adam, der direkten Kontakt zu Gott hatte, diese Kreaturen unter Kontrolle halten. Nicht die erste, Lilith. Und auch nicht die zweite, Eva. Was können wir also von der Situation erhoffen? Wir einfachen Männer… Nun ja, jetzt ist es zu spät das Mysterium zu lichten und wir haben nur noch zwanzig Minuten Zeit.

Männer brauchen für eine Party zwei Sachen: ein weisses Hemd, giftgrüne Jeans und ein teueres Aftershave, das mindestens hundert Dollar kosten sollte. (Waren das mehr als zwei? Und das mit der giftgrünen Jeans muss ich mir noch mal überlegen.) Sonst haben wir keine Chance. Wenn Frauen etwas gut können, dann ist das riechen. Wir brauchen zehn Minuten, um den Frauen zu beweisen, dass wir die stärksten, die besten und die schnellsten sind. Nur ist mir nicht ganz klar worauf sich mein Vergleich bezieht. Schneller, besser, stärker als unsere Frauen, oder schneller, besser, stärker als andere Männer, um so die Entscheidung unserer Frauen uns auszuwählen auf Richtigkeit zu bestätigen? Schöne Gedanken, eines Mannes, der die Welt zu verstehen beginnt. Ich frage mich ob die brennende Hitze auf meiner ungeschützten Kopfhaut meine Gedanken beeinflusst.

Wenn man dunkle Haare hat, wie ich, und eine gebräunte Haut, dann ist es Pflicht ein weisses Hemd zu tragen. Die oberen drei Knöpfe offen, so dass man die goldenen Ketten gut sehen kann. Bläulich schimmernde, schwarze Satinhose. Geile Brille. Sonnenbrille. Mitten in der Nacht. Denn das lässt dich introvertiert erscheinen. Und dann braucht man nur noch viel, viel Energie, um ein Charisma auszustrahlen, dass die Frauen wahnsinnig macht und sie dazu bringt von dir zu träumen. Obwohl es ganz einfach für sie wäre. Wenn sie ihren Brust-, danach Taillen- und danach Arschumfang messen würden und sie auf ein Ergebnis von 90/60/ab 90 (Zentimeter nicht Meter…) kommen würden und sich sofort bei mir melden würden, würde ich für sie jeden Traum Wirklichkeit werden lassen. Im ersten Gebüsch, Auto, Zimmer, Platz, der, die, das frei zur Verfügung stehen würde. Nur sie gehen natürlich den komplizierteren Weg. Charme, Komplimente, Unterhaltungen machen die Sache so kompliziert. Es könnte alles so einfach sein… Und wer versucht Männer davon zu überzeugen, dass Frauen weniger auf Äusserlichkeiten stehen und die Erregung mehr auf intellektueller Ebene entwickeln, liegt total falsch.

«Wir haben etwas gefunden. Eine Party an der 16th Street. Etwas supercooles, aber wir sagen euch nicht, was es ist!» Wir gehen zum Van, der inzwischen bis zur Strasse gerollt ist, weil ich immer vergesse die Handbremse zu ziehen. Aber die Tatsache, dass die Türen weit offen sind wirft Fragen auf, die Antworten suchen.

«Ich glaube, sie haben mir die Volksmusik CDs geklaut. Wenn wir die Müllcontainer durchsuchen, werden wir sie wiederfinden», singe ich.

«Du hast aber gar keine CDs mit Volksmusik!» singen sie die zweite Stimme.

«Fuck! Das ist schade. Dann haben sie etwas anderes geklaut. Es fehlt aber nichts. Mein Handy ist da, mein Laptop ist da, nur die Listen sind nicht mehr da. Ha, ha, ha… Ich habe sie im Computer gespeichert», lache ich geheimnisvoll.

«Was für Listen?» fragen sie dreistimmig.

«Keine Ahnung. Sie enthalten eine Menge Namen und ich will ein paar für die Kinder aussuchen, die ich noch zeugen werde. Man muss sich rechtzeitig darauf vorbereiten!» antworte ich unisono.

Wenn man viel labert, merkt man nicht, was eigentlich in so einer Situation wichtig wäre. Und wichtig wäre das schwarze Auto mit schwarzen Scheiben gewesen, das gerade um die Ecke biegt. Langsam, unauffällig, erneut mysteriös. Ihr solltet nie etwas alkoholisches in dieser Hitze trinken, sonst werden eure Gedanken auch so unklar wie meine. Obwohl ich seit Isabelles Besuch nichts mehr getrunken habe… hmm! Und ich dachte es liegt am Alkohol.

Wir erreichen die Party und sind froh endlich all das machen zu können, was uns zwingen wird am Ende der Veranstaltung ein Taxi zu nehmen, wenn wir unsere Führerscheine behalten und uns eine Nacht im örtlichen Gefängnis ersparen wollen, in dem ich den dicken Mexikaner heiraten würde, der nur mit dir bumst wenn er auch mit dir verheiratet ist. Und wie ich sein Gewicht einschätze (abgeleitet aus meiner Fantasie, die auf Erfahrungen mit der Polizei in Amerika basiert, die besoffene Autofahrer erwischt, sie ins Gefängnis steckt und sie dadurch zu Bräuten der dicken Mexikaner macht), wird er mich über die Türschwelle tragen, denn ich werde mit Sicherheit seine Braut sein. Ich Rico. Er wird mich aber Rica nennen.

Die Salsa Band gibt ihr Bestes, damit wir den Abend in Erinnerung behalten. Musik voller Rhythmus, Leidenschaft, Liebe und Schmerz. Schon bewegen wir uns eng umschlungen, ich und die unbekannte Lady, und das nur, weil ich meine Flamme nicht finden kann und ich unbedingt das Bild des dicken Mexikaners aus dem Kopf bekommen muss. Sie ist ein wenig schüchtern und sehr still. Kein Wunder, denn ihr würdet auch nicht reden können, wenn eure Zunge mir den Hals ablecken würde. Auf eine Art und Weise, die mich dazu bringt den dicken Mexikaner für einen Moment zu vergessen. Ich bedanke mich für den Tanz, gebe ihr einen Kuss und gehe weg. Es gab Zeiten, da wären wir irgendwo im Gebüsch gelandet und ich hätte für ihren Proteinvorrat gesorgt. Nachdem ich ihr alle erotischen Träume erfüllt hätte. Alle. Denn das ist eigentlich meine Bestimmung auf diesem Planeten. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn ich mit meinem Baby ausgehe, sind andere Frauen für mich fast tabu. (Ich würde euch raten mir noch keine Statue aus Marmor zu meisseln und euch noch ein bisschen zu gedulden. Es könnte sein, dass die Zungensport betreibende junge Frau todkrank ist und unbedingt ihren letzten Wunsch mit mir erfüllen will. Und das wäre nicht Händchen halten!)

«What´s up?» höre ich hinter mir. Eine Frage, die nichts sagt, und kein Interesse äussert, und nur eine Antwort hervorruft: “Fuck you!” Denn wenn man nichts zu sagen hat, sollte man die Umwelt nicht mit Lärm belasten. Aber dann erkenne ich die schöne Stimme einer Frau, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Und die mich sehr schnell wieder beruhigt.

«Hier finden tausend Partys statt und das nur in dieser Strasse, und wir treffen uns so zufällig hier? Das ist Schicksal, Prinzessin!» spule ich mein philosophisch, romantisches Programm ab.

«Ich muss mit dir reden», stöhnt sie leise.

«Wenn das Gespräch die gleiche Form wie heute im Van annehmen soll, muss ich dich enttäuschen. Ich bin nicht alleine hier», versuche ich stark zu sein, mir Prinzipien einzureden und mich in Demut zu üben.

«Es ist wichtig! Nicht nur für dich oder mich, sonder auch für deine Freundin!» sagt sie und ich spüre ein komisches Kribbeln im Bauch.

«Nein Babe, mach das nicht! What happens in the van of love, stays in the van of love!» antworte ich verwirrt über mich selbst, denn die Geschichten aus dem Van sind legendär. Und die Welt hat ein Recht darauf sie zu erfahren. Sonst ist das als ob man Sporttrophäen im Keller verstecken würde… oder Geld in der Matratze. Man tut bestimmte Sachen im Leben nicht nur für sich selbst, sondern auch um die anderen eifersüchtig und stinkig zu machen. Denn es heisst: geteilte Freude, doppelte Freude!

«Darum geht es nicht. Und wir sind nicht im Kindergarten! Ausserdem geht es mich nichts an, was du machst und vor allem mit wem. Ich hoffe nur, du wirst es wieder mit mir tun. Ich will euch helfen, dann könnt ihr mir helfen.» Aus diesen vielen verwirrenden Infos höre ich nur eins heraus: “Ausserdem geht es mich nichts an, was du machst und vor allem mit wem. Ich hoffe nur, du wirst es wieder mit mir tun…” Denn Männer haben die fantastische Eigenschaft Aussagen zu filtern und nur das zu hören, was für sie wichtig ist. Dass das Rätsel immer rätselhafter wird entgeht mir natürlich. Sie springt zur Seite, versteckt sich hinter mir und sagt:

«Ich werde dich anrufen, aber sei vorsichtig. Ich mag dich, mehr als du glaubst!» Und mit diesem einfachen Satz, der einen Haupt und einen Nebensatz enthielt, ohne stilistische Mittel, ohne komparative Metaphern und metaphorische Semantik, bringt sie mich dazu mich mindestes fünf bis sieben Zentimeter besser zu fühlen. Ihre Lippen berühren meine, ich fühle ihren Atem, ihre Wärme… Die Spitze ihrer Zunge findet meine für einen kurzen Augenblick, der Erinnerungen in mir erweckt. Vor meinen Augen spielen sich Szenen mit ihren Lippen ab, die auch ganz andere Teile meines Körpers geküsst haben und mich viel näher an die immanente, absolute, fortwährende Wahrheit brachten. Dann verschwindet sie. Es ist so gerammelt voll, dass ich nicht merke, ob jemand gekommen oder weggegangen ist. Sobald ich über all das, was, passiert, war, nachdenke, (die neue Regel der Schreibreform: nach jedem Verb kommt ein Komma - es scheint etwas futuristisch, aber die Zeit vergeht und morgen wird sie Realität...) scheint mir die Häufigkeit der Geschehnisse, die nicht zu einem normalen Tagesablauf gehören, gross zu sein. Zu gross! Draussen auf der Terrasse drehe ich mir einen Joint und versuche Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Aber mitten in einem Wirbelsturm ist das schwierig. Und mein Blut befindet sich an anderen Stellen, nur nicht im Gehirn, was das Denken auch nicht gerade erleichtert.

«Du bist so ruhig und traurig, ich hätte dich fast nicht erkannt, bis ich dein weisses Hemd gesehen hab», sagt mein blonder Engel. Sie hält zwei Gläser Wein und gibt mir eins davon. «Sag mir, was dich beschäftigt und ich nehme dir die Sorgen ab!»

Ich muss wohl ziemlich blass sein, wenn sie in dieser Dunkelheit meine traurige Miene wahrnimmt.

«Ich fühlte mich sicher hier. Bis ich angefangen habe, nur noch ein Drittel von dem was hier passiert zu verstehen. Das macht mich unruhig», muss ich leider zugeben.

«Morgen sind alle deine Sorgen verschwunden», summt sie verständnisvoll. «Sorgen, die du nicht hättest, könntest du dich zurückhalten und nicht alles flachlegen, was sich so anbietet!» Sie kann es einfach nicht lassen. Denn Frauen sind generell klüger, weil sie zuerst von der Frucht der Erkenntnis gekostet hatten. Und obwohl sie danach den nackten Adam sahen und die Erkenntnis verstanden, hatten sie keine andere Wahl und sie behielten ihn.

«Ich glaube, du hast recht», versuche ich zu lachen. «Meine Lebensphilosophie war immer: “Liebe lieber alle, und bereue es danach, als zu bereuen, dass du sie nicht alle geliebt hast!” Also, let´s dance!» Sie rollt mit den Augen, denn diesen Bullshit versteht sie nicht.

Ihr wisst hoffentlich, dass der Verstand eines Mannes in der Regel nicht höher als sein Hosenschlitz ist. Der Grund: man braucht ihn nicht ununterbrochen. Oder kennt ihr Frauen, die es mit der Intelligenz treiben wollen? Nein? Ich auch nicht! Sicher, das Qualifikationsspiel bei den Frauen basiert auf einer kognitiven Ebene, danach muss aber alles stimmen. (Vielleicht steht das im Gegensatz zu meinen früheren Aussagen, aber es sind ein paar Stunden vergangen und meine geistige Entwicklung findet statt. Ego cogito, ergo sum. “Ich denke, also bin ich!” (4) Die Grösse, die Dauer, jede ins Ohr geflüsterte Liebkosung, jeder tief in die Augen gezielte Blick, einfach alles. Es ist die Kunst zu wissen, wann man die Nippel küsst und wann man sie beisst. Es ist die Kunst sie so zu lieben, dass sie auf dem Weg nachhause, im Taxi, immer noch lächeln. Denn sie, die Frauen, sind viel komplexere Wesen als wir Männer. Wir sind aber lernfähig und geben uns Mühe, weil wir sie zufrieden lachen sehen wollen. Dann kommt der Zeitpunkt wenn der Mann die Intelligenz wieder braucht. Sie wird wieder hochgefahren, wie ein Notebook. Dessen Betriebssystem nicht Windows ist, denn das würde öfters abstürzen. Glaubt ihr nicht? Das macht nichts, ich bin euch nicht böse. Denkt nur daran, wie viel Blut dem Gehirn fehlt, wenn wir selbstlos, sie, die Frauen glücklich machen.

Wir haben noch viele Seiten vor uns! Ihr werdet euch entschuldigen müssen, nachdem ihr das ganze Buch gelesen habt. Denn ihr werdet nicht nur eine andere Weltanschauung haben, ihr werdet andere Menschen sein. Auf jeden Fall nicht bessere…

Das Syndikat III

«Sie ist mir zu wertvoll. Ich will nicht auf sie verzichten. Ich brauche sie! Ich will sie! Wir gehen nach unserer Liste vor und all diese Menschen werden Teil unserer Vision sein. Mit ihrer Intelligenz, mit ihrer Gabe, die sie zu einem bestimmten Zweck bekommen haben!» sagte der Böseste von allen, mit einer Stimme, auf die sogar der Pate neidisch wäre. Und vergass prompt, dass er in seinem Monolog zu Menschen sprach, die die Botschaft nicht verstanden. Denn er sagte nichts von “Schlagt sie tot!” oder “Bringt sie alle um!” Und etwas anderes verstanden sie nicht, diese muskulösen Ballerinas, die ihre Tränen und zarte Seelen hinter einer unvorstellbaren Aggression versteckten.

«Ich will sie! Wenn sie dabei ist, sind die Russen auch dabei! Sie müssen alle dabei sein! Sie ist dafür bestimmt.» Der zum Horizont gerichtete Blick verstärkte diese fast sehnsuchtsvolle Aussage. (Den Horizont muss man sich vorstellen, denn er befand sich immer noch in seinem Büro.)

«Wir brauchen einen guten Plan! Wieso fragen wir sie nicht einfach, ob sie mitmachen will? Wieso müssen wir sie alle erst kompromittieren, um sie danach zu erpressen?» versuchte eines der Monster von seiner Stimme Gebrauch zu machen und merkte nicht, dass er gerade einen genial Einfall gehabt hatte.

«Der Mann muss verschwinden. Nur ich weiss nicht, was er macht, was er will, was er verfolgt. Und wenn er mit anderen Organisationen gegen uns spielt, dann haben wir ein Problem. Dann sind wir entdeckt worden! Für solche Fälle bin ich nicht vorbereitet und ich will und kann keine Zeit damit vergeuden. Ich muss wissen, wer meine Gegner sind. Wir haben einen langen Weg vor uns.»

Obwohl er bis jetzt sehr sicher gewirkt hatte, verriet seine Stimme nun Sorgen. Und den genialen Einfall des Monsters überhörte er. Wenn er anfangen würde die Gedanken dieser Idioten erst zu nehmen, sich die Zeit zu nehmen zuzuhören, würde er Selbstmord begehen, dachte er. Sofort. Denn es war ein Alptraum für ihn sich mit diesen Idioten zusammenzuschliessen. Nur wer sollte die dreckige Arbeit machen, wenn alle Visionäre wären? Er musste sich zurückziehen, um wieder mal in Ruhe nachdenken zu können. An einem Ort wo niemand ihn störte. Niemand ihn ansprach. Niemand ihn zurück auf den harten Boden der Tatsachen holte. Die Zeit war eigentlich sein grösster Feind. Die Zeit, die ihm davonlief.

Er, der Big Boss, stellte die Verbindung her, zwischen dem Visionär, dem klügsten Mann, denn er je getroffen hatte und der ihn faszinierte, und der Realität, die er zu ändern versuchte. Mit Hilfe von diesen Kreaturen, die es nicht verdienten Menschen genannt zu werden. Und das war falsch, denn sein Mentor setzte, in seiner Vision, ganz klare Linien über Respekt in der Gesellschaft. Kompromisslos. Sie waren keine Idioten, sie waren nur zur falschen Zeit an der falschen Stelle. Eine perfekt organisierte Gesellschaft findet für jeden eine Aufgabe, die ihn erfüllt. Ziemlich utopisch, aber er folgte dieser Vision. Und versuchte jeden Tag aufs Neue, sich daran zu orientieren und zu halten.

Die Party

In einer Ecke sehe ich Joe mit einer Flasche in der Hand und ich kann euch versichern, dass das keine Mineralwasserflasche ist. Seine Joena, auf der Terrasse kämpft (Habt ihr das Gefühl, dass die Reihenfolge der Satzkomponenten nicht stimmt? Poetisch ist es allemal.) mit einem Joint, der so gross wie der Eiffelturm ist. Ihr Blick wirkt ein bisschen glasig und ich entdecke die Wildheit in ihren Augen, die gerade gesetzte legale Grenzen überschreitet. Joe wird heute zu kämpfen haben, die Naturgewalt zu beruhigen und wir werden Kopfhörer brauchen, um das ganze nicht mitzubekommen.

Es ist vier Uhr morgens und ich trommele unsere Versammlung zusammen. Die Stimmung ist noch explosiv aber euch ist bekannt, was ich heute alles durchgemacht habe… Ich bin ausgepowert. Wir gehen durch den Vorgarten zum Parkplatz und ich frage mich wieso man Lichter auf die Bäume richtet. Es ist Nacht und es soll dunkel sein. Ich und meine Geliebte gehen ohne etwas zu sagen, Hand in Hand und nähern uns dem Van. Wir finden ihn zugeparkt aber mit einem kräftigen Gasgeben, schiebe ich die nächsten Autos weg und mache Platz, um aus der Lücke herauszufahren. Wenn sich ein bisschen Blech dabei anders verformt als vom Besitzer erwünscht ist, kein Problem. Ich habe ja harte Stossstangen. So what? (Ihr merkt, es ist supercool, wenn man Sprachen vermischt und coole Sprüche einflechtet! Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob diese Sprüche noch cool sein werden wenn das Buch publiziert ist.)

Wir fahren durch die Nacht und die Nacht in Miami ist sehr farbig. Gebäude, Brücken, Strassen sind derart beleuchtet, dass ich mir sehr viel Mühe gebe eine Farbe zu finden, die die Amis in einem 18 Pixel Farbschema vergessen haben. Die die Strasse in die Unendlichkeit begleitenden Palmen bewegen sich im Takt des Windes, der die von den Salsa Rhythmen Zuflucht suchenden Menschen auf den Strassen etwas abkühlt. Geblendet von so viel Schönheit (Farbschönheit) verpassen wir alle Ausfahrten oder Einfahrten, die wir hätten nehmen müssen, um die kleinste Chance zu haben heute Nacht noch nach Hause zu kommen. Und es ist spät! Zu spät in der Nacht, zu spät den richtigen Weg zu finden, aber nicht zu spät, um zu merken, dass ein Auto parallel zu uns fährt, der Beifahrer die Scheibe elektrisch runterkurbelt, ein Maschinengewehr so gross wie die Freiheitsstatue aus dem Fenster schwenkt und die Absicht hat uns ein Lied über den Jordan und Garten Edens zu spielen. Denn ich nehme an, wenn ich tot bin, lande ich im Paradis. Nur, wie in Amerika üblich, braucht man nicht zu blinken, die Ampel darf bei rot überquert werden (wie auch in Italien üblich) und schon befinden wir uns in einer Seitenstrasse, die genau so sicher ist wie das Schlachtfeld zweier konkurrierenden Banden.

Die PS-Zahl des Vans macht sich bemerkbar, nachdem ich etwas mehr als sonst auf die Tube drücke. Mehr als wenn mich eine Schönheit während der Fahrt verwöhnt... Aber lassen wir das. Schliesslich werden wir ja mit Waffen verfolgt und sollten uns darauf konzentrieren! Also beschleunige ich noch mehr. Mir sind die Geschwindigkeitsbegrenzungen egal. Ich beschleunige weiter soviel der Motor hergibt (und ich versichere euch, er gibt einiges!) und schon bin ich ausserhalb der Gefahrenzone. Stolz erwarte ich Beifall von meinen Passagieren aber es herrscht Stille. Na ja, sie haben Angst und sind geschockt. Klar! Ich werfe meinen heroischen Blick nach hinten. Meine grosse Liebe schläft und meine Freunde sind intensiv miteinander beschäftigt. Ich werde meine Blumen später bekommen. Vielleicht habe ich unsere Leben gerettet und sie haben keine Ahnung davon.

«Ihr glaubt nicht was passiert ist!» sage ich voller Hoffnung auf Anerkennung.

«Oh doch!» sagt das Pärchen.

«Deine Beschleunigungen und die Art wie du die Kurven schneidest hat uns Höhepunkte der Lust verschafft, die wir in dieser Form noch nicht erlebt haben», beschreibt Joe sein Erlebnis blumig, wie eine Frau es tun würde.

«Aber die Waffe…» versuche ich.

«Oh ja, die Waffe hat immer wieder das Ziel getroffen!» sagt Joena sachlich.

Ist das etwa Dankbarkeit? Nein, ist es nicht! Man nimmt mich nicht ernst. Sie glauben, es wäre ein Spiel. Gut, dass ich so wachsam bin. Ich entschliesse mich die Augen zu öffnen (metaphorisch, versteht sich) und aufzupassen, was sich in der Gegend so abspielt. Ich sage ja zur Verantwortung, ja zur Wachsamkeit, ja zur… auf jeden Fall werde ich mehr aufpassen. Ich nehme meine Aufgabe ernst und fahre uns schnell und sicher nach Hause während ich mehrmals prüfe, ob uns jemand verfolgt. Scheinbar nicht. Endlich… Ich fahre den Van in die Garage und mache das Garagentor zu. Kein Auto fährt vorbei, nicht mit Scheinwerfern, nicht mit ohne Scheinwerfern, nicht mit Beifahrer mit Waffe, nicht mit Beifahrer ohne Waffe.

30 Minuten später bin ich mir langsam sicher, dass wir sicher sind und gehe in Richtung Schlafbereich, Liebesnest, Altar der Lüste, Kampffeld, Siegerpodest… Ich höre Töne der Lust; meine Geliebte wird sich mit kuscheln zufrieden geben müssen. Ich fühle mich so heldenhaft, dass ich mich nicht entspannen kann. Auf dem Rücken liegend, spüre ich wie mein Ego etwas wächst. Es geht mir besser. Dann immer besser. Dann gut. Schatten verschleiern meine Augen, Lichter werden blasser, Geräusche leiser. Die Dunkelheit gewinnt endlich den Kampf, meine Augen werden kleiner und müder. Ich versinke in den Schlaf und träume, dass die Welt gut ist und alle Frauen mich wollen. Mehr noch als sie James Bond in seinen Filmen wollen. Drei Schwestern schwimmen nackt im Pool und erzählen mir, dass die Preisrichter sich umgebracht haben, weil sie nicht wussten wen von ihnen sie als Miss World wählen sollten. “Du kannst uns entweder alle auf einmal lieben oder einzeln! Wir werden geduldig warten…” “Ich will euch alle, ja, alle, gleichzeitig!“ Ich nähere mich den Geschöpfen Gottes als ich ein Schulterklopfen wahrnehme. Sie sagten mir, sie hätten Geduld und jetzt wollen sie sich vordrängen. “Was? Was?”

«Aufstehen! Komm schon, steh auf!» Wie aufstehen? Was soll das? Ich will mich mit den Schnecken hinlegen und jetzt soll ich aufstehen. So kann ich nicht arbeiten. Ich habe hier einen Ruf zu verteidigen. Das geht nicht!

«Komm schon, es kann nicht so schwer sein. Du schläfst bestimmt schon 14 Stunden. Es ist schon zehn Uhr am Morgen!» sagt jemand die blond und nicht nackt ist, nicht im Pool schwimmt und keine zwei Schwestern hat. Und auch nicht das mit mir machen will, was die Schwestern mit mir vorhatten. Zumindest jetzt nicht, glaube ich. Oder es sieht nicht danach aus. Oder es sieht danach aus und ich merke es nicht. Fuck, ist das Leben hart zu mir!

«Zehn Uhr am Morgen? An welchem Tag? Was sind das für mathematische Berechnungen, die du machst? Wie kommst du auf 14 Stunden?» frage ich, denn ich halte zwei Sachen für gefährlich: Halbwissen und Unwahrheiten. Ich bin verzweifelt und sie lacht.

Die Sonne scheint wieder unverschämt; die Wärme umhüllt mich wie ein Handschuh. Das Licht ist so hell und so klar, dass ich nie wieder die Augen schliessen will. Ich krieche die Treppe hinunter und sehe sie alle am Tisch sitzen, Kaffe trinkend, irgendetwas essend, redend und ohne besonders dankbare Blicke für mich. Sie bemerken meine Anwesenheit nur nebenbei. Joenas Augen sagen mir wortlos, dass sie explosiv war. Die Nacht!

Kein Problem, ich brauche keine Dankbarkeitstänze und mir gewidmete Lieder. Das ist Sache der Kommunisten. Ich erinnere mich an meiner Kindheit. Man steckte zweitausend Schüler in ein Stadion, die Polizei sperrte die Ausgänge und man tanzte thematisch: fegen, bauen, putzen, Bauchschmerzen. Nach einer Woche hatten sie die Verfilmung des Tanzes im Kasten und der Präsident freute sich über so viel Aufmerksamkeit. Dann irgendwann organisierten dunkle Mächte so genannte Revolutionen, erschossen ihn, den kommunistischen, bösen Präsidenten und fingen mit dem Kapitalismus an. Es war genau so eine verdammte Scheisse wie der Kommunismus, nur dass sich die Politiker jetzt nicht mehr verstecken mussten, wenn sie Steuergelder klauten und verpulverten oder sich kaufen liessen. Es gab keine Kriminelle mehr, wenn man die richtigen Gesetze erfand. Korruption wurde zur Norm! Und das nannte man dann Freiheit. Man gab den Menschen das Gefühl sie wären frei, nachdem man ihnen die Intelligenz geraubt und sie materiell versklavt hatte. Wie? Mit Talkshows und Fastfood von morgens bis abends. Also, keine Dankbarkeitstänze… denn das führt zu nichts Gutem. “Niemand ist hoffnungsloser versklavt, als derjenige der fälschlich glaubt, frei zu sein.” (5)

Nach meiner Zusammenfassung der Geschichte in meinem wirren Kopf, mache ich von meiner Stimme Gebrauch.

«Was haben wir heute vor?» frage ich nachdem mein Körpers heute morgen noch zu nichts Aufregendem gebraucht wurde. Und weil ich die Frage in der ersten Person Plural gestellt habe, glauben sie wir wären uns einig was die Antwort betrifft und sie könnten für uns alle reden.

«Wir wollen die Gegend erkunden, die Sonne geniessen, schwimmen, entspannen, nachdenken.» sagen sie. Ich bin nicht gut drauf. Das wird kein guter Tag! Ich habe in den letzten Stunden nicht genug körperliche Liebe erfahren und jetzt bin ich frustriert. Die Schwestern habe ich verpasst. Die Zeit vergeht und ich nehme sie nicht wahr. Plötzlich befinden wir uns im Auto und fahren davon. Ich am Lenkrad. Mit einem gläsernen Blick. Ohne die Augen oder den Hals zu bewegen. Wie ein Roboter. Meine Blicke, die genauso unbewegt wie meine Augen sind, müssten Bände sprechen, denn die drei fragen mich nichts mehr. Und so vergehen Minuten und ich lebe in einer Parallelwelt, die kalt, grausam und traurig ist. Umgeben von Frauen, die einfach nur Freunde sein wollen. Das ist wie ein Gefängnis der Gedanken. Ohne Mauern zum Wahnsinn. Dieser Tag kann nur besser werden. Denn ich bin ganz unten auf der Gefühlsskala angekommen.

Wir fahren die Route 1 entlang. Wollen uns Key West anschauen, im grünen, klaren Wasser baden und etwas Scharfes essen. Vielleicht in einem der vielen chinesischen oder thailändischen Strassenlokalen. Wir fahren auf einen Parkplatz und ich gebe Joe eine telepathische Liste mit unserer Bestellung. Er steigt aus dem Van und richtet seine Schritte zum Lokal. Ich schaue ihm nach und versuche herauszubekommen ob er weggeht oder kommt. Manche Menschen laufen aber auch komisch.

Da fällt mir etwas auf. In dem Land aus dem ich komme, schaut man Menschen nicht so an wie diese zwei hier uns anschauen. So, als ob wir unseren letzen Atemzug atmen. Wäre ich gut gelaunt, würde ich nicht verpassen ihnen ihre blöden Fressen zu polieren. Aber ich bin schlecht gelaunt, also schaue ich einfach weg und mache auf beleidigt. Aggression ist natürlich keine Lösung aber sie wäre ein Mittel zum Zweck, um ihnen eine Lektion zu verpassen, damit sie anfangen nachzudenken. Damit sie ihre Gesichtsausdrücke im Spiegel bewerten und üben die Menschen endlich nicht arrogant und aggressiv sondern freundlich und offen anzuschauen. Und weil wir in unserer Kindheit gelernt haben, dass manchmal auch ein gezielter Faustschlag reicht, denke ich dieses “Fresse-polieren” könnte eine tiefe, philosophische Bedeutung annehmen, die ihr Leben zum Positiven ändert. Überrascht von so viel Gedanken-Schwachsinn, schreie ich:

«Joe, was ist los? Musst du die Ente selbst umbringen und ihr die Federn rupfen? Komm schon!»

«Habt Geduld, ich bin gleich wieder da!» antwortet er ohne dass wir ihn sehen. Sekunden danach kommt er mit zwei Schachteln in der Hand. Obwohl wir aber vier Personen sind! Nur unsere Frauen, so wie jede Frau in der Welt, würden nie eine ganze Portion selbst bestellen, denn das würde dick machen. Sie haben ja auch “keinen grossen Hunger”, sie wollen nur von uns kosten. Und dieses Kosten bedeutet, wir teilen mit ihnen. Am Ende sind wir Männer schlecht gelaunt, weil wir immer noch hungrig sind. Und sie haben eigentlich indirekt erreicht, dass wir nicht zuviel essen und irgendwann mit einem riesigen Bauch und in einem befleckten Unterhemd auf der Couch landen, mit einer Flasche Bier in der einen Hand und der Fernbedienung in der anderen. Und diese Aufopferung bringt ihnen dann Zellulitis, weil wir ja darauf bestanden haben, dass sie von uns kosten. Damit sie bestätigen, welch exzellenten, feinen, exquisiten Geschmack wir haben. Was eigentlich Schwachsinn ist, denn wir haben sie als Freundinnen inmitten all der Anderen ausgewählt. Also, ist unser Geschmack exquisit! Quod erat demonstrandum! Ich sollte meine “positive Energie” nicht mehr mit Gedanken verschwenden, die den Tag nicht besser machen.

Joe steigt ins Auto und reicht uns die Schachteln. Sie riechen sehr... na ja, speziell. Wir fahren weiter und in dem geschlossenen Raum des Vans wird dieser Geruch von frittierter Ente, Kokosnuss-Sauce, gekochtem Reis, Bambus, Curry und altem Frittieröl noch intensiver. Bald erreichen wir einen Strand, der nur für die Götter gedacht ist. Wir brechen das Gesetz Gottes, indem wir ihn betreten und es ist uns egal. Das ist keinesfalls eine blasphemische Bemerkung. Wenn sie aber als solche verstanden wird, werde ich mich am Tag des jüngsten Gerichts verantworten müssen! Es sei denn ich konvertiere und werde Buddhist, weil man seiner gerechten Strafe entgehen kann, wenn man den Laden wechselt. Wenn ihr, liebe fromme Leser, Vorschläge für gute Entschuldigungen habt, neuen Ideen und Lösungen entwickelt, wie man dem Teufel mit seinem ewigen Feuer entgehen kann, bitte meldet euch. Ich muss rechtzeitig beginnen mich vorzubereiten. Denn ich habe viele Äusserungen getätigt… Und ich will auf keinen Fall auf der Seite der Dunkelheit den Allmächtigen bekämpfen, der, obwohl er allmächtig ist, zugelassen hat, dass die dunkle Seite eine Armee hat, die gegen ihn kämpfen wird. Welch ein Gedankengang, der mich aber etwas irritiert, denn ich beginne die Welt immer besser zu verstehen.

Zurück zum Strand - ein Bild wie aus einem Traum: weisser Sand, das Wasser badet in Farben, die sich von grün bis dunkel blau ineinander auflösen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Wahrnehmung gestört ist, denn die Welt kann unmöglich in so einer Farbpracht existieren. Ich wüsste aber nicht wovon meine Wahrnehmung getrübt sein sollte. Ich habe nichts geraucht, nichts getrunken, nichts geschnuppert seitdem ich heute die Augen öffnete. Hunderte von Vögeln besetzten den Strand ohne sich von uns gestört zu fühlen und suchen nach Futter. Vogel-sches Futter. Körner, Würmer, Insekten etc. Der Strand ist flach und man kann 20 Meter weit ins Wasser gehen, ohne dass die Tiefe tiefer wird. Und wenn das Wasser bis zur Brust eines normal gewachsenen Europäers reicht, besteht für mich keine Gefahr zu Ertrinken.

«Man kann die Fische sehr gut sehen», sagt mein blonder Engel, der inzwischen ins Wasser gesprungen ist und mir damit klarmacht, dass das Leben unwiderruflich an mir vorbeizieht in der Zeit, in der ich nachdenke. Und ich muss zugeben, ich bin zu keinen wichtigen Erkenntnissen gekommen.

«Bringt die Tauchbrillen mit! Es ist umwerfend.» Geht sie davon aus, dass ich mit ins Wasser komme, obwohl meine Körperhaltung etwas anderes andeutet. Geben meine aneinandergepressten, von meinen Armen umschlungenen Knie und mein gesenkter, hin und her schaukelnder Kopf den Anschein ich würde kommunizieren wollen? Ihre Stimme bewirkt eine deutliche Verbesserung meiner Laune. Wie ein Wunder.

Sie rennen zum Van, holen sich die Brillen und was sie sonst noch so zum Schnorcheln brauchen. Ich muss zuerst essen. Denn der Hunger macht mich schwach. Also packe ich alles aus und will loslegen. Beide Schachteln stehen geöffnet vor mir, auf zwei Sandhügeln in einem Halbkreis um mich herum angeordnet, und warten darauf, dass die Gabel, mal in eine Schachtel mal in die andere tauchen wird. Die Gabel voller Reis nimmt den Kurs 30 ° West direkt zum Essloch. Aber versehentlich werfe ich den Reis stattdessen in Richtung der Vögel. Sie kommen laufend (das Antonym dazu ist kommen gehend, oder sie gehen kommend) und beginnen zu picken. Wie versteinert schaue ich mir diese Kreaturen an und denke, wie froh sie sein müssen, Futter zu bekommen, das in dieser Form nicht in der freien Natur erhältlich. Ich werfe den neugierigen Schwimmer einen flüchtigen Blick zu, belade die Gabel wieder mit Reis und merke dabei, dass drei der Vögel sich nicht mehr bewegen. Sie liegen am Strand, unter einem Gebüsch, ein bisschen tot, ein bisschen vergiftet, ein bisschen an unserer Stelle…

«Leute kommt schnell! Ich habe eine Überraschung für euch. Schaut euch die Vögel an! Ich habe sie mit unserem Reis gefüttert!»

«Wäre schön, wenn du unser Essen nicht versaut hättest!» meldet sich Joe mit einem wilden Hunger in den Augen.

«Was sagst du da? Der Reis war vergiftet. Sei froh, dass du ihn nicht zuerst probiert hast!» schreit die Empörung aus mir heraus.

«Komm hauen wir ab! Ich habe langsam Angst.» flennt Joena. «Wir sollten die Polizei einschalten! Etwas läuft hier schief. Scheisse!» Sie beendet die Äusserung ihrer Sorgen mit dem Wort, das mehr als tausend Gefühle darstellen kann. Positive sowohl als auch negative. Und im Laufe der Zeit, wenn man die Sprachentwicklung verfolgt, kann man die Theorie aufstellen, dass nach 500 Jahren alle Menschen nur noch “Scheisse” sagen werden. Und je nach Tonfall, Intonation, im phonetischen Sinne, und Akzent wird man 300 Bedeutungen des Worten unterscheiden. Und mehr als 300 Worte benutzt man täglich in unserer gebildeten, zivilisierten Welt seit langem nicht mehr.

Ich renne zum Van und rufe die Polizei an. Doch wegen der Aufregung kann ich mich nicht richtig konzentrieren und ohne Konzentration klingt mein Englisch eher Chinesisch. Es fehlt mir schwer zu erklären wo wir uns befinden, aber ich schaffe es. Die Jungs kommen ziemlich schnell und wir schildern ihnen was passiert ist. Sie nehmen unsere Fingerabdrücke und zwingen uns breitbeinig zu stehen, um uns zu kontrollieren. Wir könnten ja so einiges in unseren Badehosen und String--Tangas versteckt haben. Obwohl diese Leibesvisitation doch etwas an sich hat… die Gummihandschuhe, der strenge Ton, die Uniformen… Zum Glück nehmen sie ihre Arbeit nicht besonders ernst, denn ich kann nicht erkennen, dass sie Vaseline dabei hätten. Ist das der Preis, den man zu zahlen hat, wenn man so hungrig ist, dass man als erster essen will? Wir brauchen einen mexikanischen Vorkoster! Wenn er 20 Minuten nach dem Vorkosten immer noch OK ist, können wir unbesorgt selber essen. Und so könnte sein Leben einen Sinn bekommen. Denn Gärtnern und Pizzaboys gibt es genug. Man wird versuchen ihn zu retten, falls einmal mit dem Essen etwas nicht stimmen sollte, damit er weiter vorkosten kann.

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290 p. 1 illustration
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9783738033069
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