Read the book: «Andere Länder, andere Straßen»

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Inhalt

Impressum 2

Vorwort 3

Kapitel 1 4

Kapitel 2 7

Kapitel 3 9

Kapitel 4 12

Kapitel 5 18

Kapitel 6 23

Kapitel 7 28

Kapitel 8 33

Kapitel 9 52

Kapitel 10 62

Kapitel 11 68

Kapitel 12 78

Kapitel 13 90

Kapitel 14 124

Kapitel 15 136

Kapitel 16 172

Kapitel 17 184

Kapitel 18 200

Kapitel 19 207

Kapitel 20 219

Kapitel 21 228

Kapitel 22 242

Kapitel 23 272

Kapitel 24 278

Zahlen und Fakten 282

Noch einmal 284

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-989-7

ISBN e-book: 978-3-99107-990-3

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfoto: Rad Mane; Ben Goode, Mingabr500, Michael Biehler | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Rad Mane

www.novumverlag.com

Vorwort

Liebe Leser, das nachfolgend aufs Papier Gebrachte beschreibt eine wundervolle, harte, traumhafte, extreme, lange und im Nachhinein kurzweilige, unglaubliche Reise. Alle in diesem Buch auftretenden Meinungen und Beschreibungen beruhen auf meinen Erlebnissen und darauf, wie ich die Situationen empfand. Möglicherweise ergeben sich Unterschiede zu anderen Leuten, die vielleicht etwas Ähnliches erlebt haben oder eventuell in den einzelnen von mir bereisten Ländern schon einmal im Urlaub waren. Bedenken Sie dabei, dass sehr vieles die Meinung beeinflusst, wie z. B. die Jahreszeit, die Gegend, die Religion und auch die eigene Tagesverfassung. Ich habe in diesem Buch versucht, so objektiv wie möglich zu berichten, nichts zu beschönigen, aber auch nichts Angenehmes und Unangenehmes wegzulassen. Es ist eine Geschichte, wie ich sie erlebte und überstand.

Wenn du einen außergewöhnlichen Wunsch oder Traum hast, musst du die Kraft und den Mut haben, ihn auch umzusetzen.

Diese Kraft und dieser Mut wachsen in einem starken Willen.

Wenn du diesen starken Willen nicht hast, wird es für immer ein Traum bleiben.

Kapitel 1

Wie kommt man auf die Idee, mit dem Rad einmal um unseren Planeten zu fahren?

Der Traum hat sich über viele Jahre langsam entwickelt.

Ich war jung und voller Energie, als sich aus einem kleinen Desaster ein sportlicher Ehrgeiz entwickelte. Das Desaster, das ich meine, fand an einem Sonntagmorgen nach einem langen Spiele-Abend mit meinen Brüdern statt. Es war die Zeit, als wir dem Brettspiel „Risiko“ total verfallen waren. Diese Abende waren stets begleitet von Tabak- und Alkoholkonsum, was die Kondition eines Menschen bekanntlich nicht gerade fördert. Meine Brüder Klaus und Uwe kamen auf die Idee, am Sonntagmorgen etwas zu joggen. Überzeugt von meiner sportlichen Leistungsfähigkeit verabredete ich mich mit ihnen auf Sonntagmorgen, zehn Uhr. Die beiden waren damals immer wieder mal auf der Strecke gelaufen und hatten somit einen kleinen Trainingsvorsprung. Schon gleich nach dem Start stellte sich heraus, dass ich wegen meiner Kondition nicht mithalten konnte.

Als ich die kleine Runde von fünf km hinter mich gebracht hatte, saßen meine Brüder bereits eine Weile auf dem Balkon und streckten ihre Beine über dem Balkongeländer aus. Ich war sehr deprimiert, da ich mich eigentlich den beiden gegenüber für unschlagbar gehalten hatte. Ich bot ihnen an, die Angelegenheit in zwei Wochen zu wiederholen, um meine Ehre wiederherzustellen. Ich war mir dabei absolut im Klaren, dass ich das aber nur schaffen könnte, wenn ich in diesen 14 Tagen auch etwas tun würde. So begann ich gleich am Montag mit einem leichten Lauftraining, und man glaubt es kaum, ich hörte an diesem Tag auf zu rauchen.

Leider fand der Vergleichslauf nach zwei Wochen nicht statt, aus Termingründen, auch in den nächsten Wochen und Monaten nicht. Dessen ungeachtet trainierte ich aber weiter und fand immer mehr Spaß am Laufsport, auch weil ich schon nach wenigen Wochen eine sehr große Leistungssteigerung verspürte. Da ich von Haus aus ein Typ bin, der immer ein Ziel braucht, stand ich bereits vier Monate später am Start des München-Marathons und lief ihn in drei Stunden und zehn Minuten. Dieser Erfolg beflügelte mich, weiter zu trainieren und an Wettkämpfen teilzunehmen.

In den darauf folgenden Jahren lief ich einige Marathons und sogar zweimal den Ultramarathon in der Schweiz. Irgendwann war ich dann an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr weiterkam. Meine Ziele, den Marathon unter drei Stunden und den 100-km-Lauf in Biel unter zehn Stunden zu laufen, hatte ich erreicht, und mehr war nicht drin. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich mein Ziel erreicht hatte und mir kein höheres stecken wollte.

In dieser Zeit entwickelte sich der Gedanke, irgendwann einmal um die Welt zu laufen. Doch dafür bräuchte ich Zeit. Nicht während meines Berufslebens als selbstständiger Fliesenleger, nein, das sollte ohne Druck stattfinden, ohne Druck, nach so einer Reise wieder normal arbeiten zu müssen. Ich kannte Geschichten über Menschen, die so etwas auch schon gemacht hatten, oder über Aussteiger auf Zeit, die sich hinterher sehr schwertaten, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Wenn ich das anging, dann sollte es so sein, dass ich ohne Stress und Druck losliefe, um die Zeit genießen zu können, wenngleich auch der sportliche Gedanke, die Welt zu umrunden, im Vordergrund stand. Ich nahm mir nicht vor, so viele Länder und Menschen kennenzulernen wie möglich oder gar an besonders schönen oder interessanten Orten für längere Zeit zu bleiben. Für mich war tatsächlich am wichtigsten, dass ich einmal die Erde umrunde. Was alles in dieser Zeit passieren und ich erleben würde, war für mich nur ein Teil, der unweigerlich dazugehörte, aber es sollte ein wichtiger Teil werden, wie wir in den weiteren Kapiteln erfahren werden. Dieser Traum entstand also lange vor meinem Start, um genauer zu sein, fast 30 Jahre zuvor.

Jedoch ergab sich in dieser Zeit auch eine gravierende Änderung meines Traums. Da ich berufsbedingt immer größere Schwierigkeiten mit meinen Knien bekam, zwischenzeitlich auch eine Tomographie der Kniegelenke durchlief, stellte sich heraus, dass ich an beiden Knien keinerlei Knorpel mehr hatte. Der untersuchende Arzt riet mir damals davon ab, mit diesen Symptomen zu joggen oder gar längere Wanderungen zu unternehmen. Er gab mir allerdings den Tipp, dass Radfahren und Schwimmen für mich durchaus gute Alternativen seien. Also freundete ich mich nach und nach mit dem Gedanken an, meinen Traum mit dem Fahrrad zu verwirklichen. Mit viel Arbeit und auch privaten Veränderungen zogen die Jahre an mir vorbei, und schließlich setzte ich mir wieder einmal ein Ziel in meinem Leben, nämlich das Datum, an dem es losgehen sollte. Es war der 1. 4. 2019.

Kapitel 2

Die Vorbereitung

Wie geht man so ein Vorhaben an? Diese Frage beschäftigte mich lange, doch aus meinem Berufsleben kannte ich natürlich solche Überlegungen. Da hatte ich oft Situationen, in denen ich gelernt hatte, einen Punkteplan zu erstellen und einen Punkt nach dem anderen abzuarbeiten. Bei meinem Vorhaben ergaben sich folgende: Fahrrad, Strecke, Gepäck bzw. Ausrüstung, Gesundheit, Impfungen und Informationen über die Länder, die auf meiner Strecke lagen. So begann ich ca. 1,5 Jahre vorher, mich intensiv mit meinem Traum zu beschäftigen und zu planen. Zuerst informierte ich mich über das Rad, da dies einer der wichtigsten Punkte war. Wie sich herausstellte, kann man hier viel richtig, aber auch viel falsch machen. Ich war nicht unbedingt ein großer Radfahrer und hatte auch keine Ahnung, welche Unterschiede es bei den Rädern gab.

Ich ging zu einem nahegelegenen Fahrradfachhandel und lernte Gerhard kennen, wirklich ein Mann vom Fach, der auch schon längere Touren gefahren war. Nach mehreren Überlegungen stellten wir schließlich ein Rad zusammen, das nicht nur den extremen Strapazen einer solchen Reise standhalten konnte, sondern auch einen soliden und wenig anfälligen Standard bot. So verzichtete ich bewusst auf eine Federung an Hinter- und Vorderrad, auf Scheibenbremsen und Kettenantrieb, allesamt Komponenten, die auf einer Strecke von ca. 25000 km durchaus Probleme machen könnten, und das in Ländern, wo ich unter Umständen extreme Schwierigkeiten mit der Ersatzteilbeschaffung haben würde. Am Schluss stand auf dem Bestellschein ein Trekkingrad der Firma Campus mit Nabendynamo im Vorderrad für die Stromversorgung der Beleuchtung sowie einer USB-Schnittstelle für das Laden von Handy, Tacho, iPad und Lautsprecherbox. Das Hinterrad wurde nicht mit einer Kette getrieben, ich entschied mich für einen Riemenantrieb, der natürlich nur mit einer Nabengetriebeschaltung funktioniert. Für den Riemen gab der Hersteller auf 25000 km Garantie. Er sollte diese Reise problemlos und ohne Wartung überstehen. Vorne und hinten noch stabile Gepäckträger zur Aufnahme meiner Satteltaschen, und schon stand fest, womit ich das Projekt „Weltumrundung“ angehen würde. Ich ließ mir das Fahrrad im April 2018 liefern, um noch einen Sommer lang täglich die 15 km in meinen Betrieb zu radeln und um nicht vollkommen untrainiert auf die Strecke zu gehen. Ansonsten machte ich nichts Spezielles. Ich sah meine Strecke als Training an und wollte vorher nicht zum Radprofi werden.

Nebenbei beschäftigte ich mich immer intensiver mit der Route, die ich fahren wollte, mit der Ausrüstung, Kleidung und den Packtaschen. Parallel dazu erstellte mir meine Hausärztin einen Impfplan und verabreichte mir zu gegebener Zeit die verschiedenen Spritzen gegen unterschiedlichste Fieber und Infektionskrankheiten. In meinem Betrieb richtete ich mir eine schöne Wand ein, die ich mit einer großen Weltkarte tapezierte. Darauf steckte ich nach und nach meine vorgesehene Strecke mit Nadeln und Faden ab. Ich kam auf eine ungefähre Tourenlänge von ca. 23500 km.

Im Sommer 2018 war ich dann mit den groben Vorbereitungen so weit fertig, dass es bald losgehen konnte. Meine Nervosität stieg von Tag zu Tag. Nun arbeitete ich auf den Abschluss meines Berufslebens hin, den ich mir Ende Dezember 2018, also mit 60 Jahren, gesetzt hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich deshalb nicht. Schließlich hatte ich in den letzten 45 Jahren so viel gearbeitet, dass ich mir diesen Ausflug finanziell und auch als Frühaussteiger locker leisten konnte. Familiär sah die Sache jedoch etwas anders aus, was nach und nach in den nächsten Kapiteln ersichtlich wird.

Kapitel 3

Die letzten Wochen vor dem Start

Mein Vorhaben hatte sich natürlich im Laufe der Zeit in meinem ziemlich großen Bekanntenkreis herumgesprochen. So kamen die unterschiedlichsten Feedbacks. Viele sahen darin eine sagenhafte, wenn auch schwierige Reise. Andere meinten, das Vorhaben sei nicht realisierbar, und wieder andere bezeichneten mich als verrückt. Manche aus dem engeren Bekanntenkreis prognostizierten eine totale Veränderung meiner Person und meiner Familie. Eine so lange Reise würde nicht spurlos an einem vorübergehen. Realitätsverlust, Schwierigkeiten beim Wiedereintritt ins normale Leben und Heimweh, alles wurde diskutiert und kritisiert. Es wurde sogar darüber gesprochen, dass mir meine geliebte Arbeit und mein Geschäft fehlen würden, da ich im Bekanntenkreis als Workaholic galt. Allgemein wurde die Geschichte aber so betrachtet, dass man abwarten müsse. Vielleicht waren das auch nur alles Sprüche von mir, die sich noch legen würden, und die Sache verliefe im Sand. Nur meine Frau wusste: Wenn ich etwas sage, dann meine und mache ich das auch. Sinnloses, träumerisches Geschwätz war nie mein Ding. Trotz aller Skepsis waren dann aber die Geschenke, die ich zu meinem 60. Geburtstag erhielt, also 4 Monate vor meinem Start, alle auf die Fahrradtour abgestimmt. Vom Flickzeug bis zum alten Ledersattel, der später noch eine wichtige Rolle spielen sollte, war alles dabei.

Die Zeit danach verging wie im Flug. Weihnachten, Neujahr und die „Fasnet“, die bei uns im Elztal streng gefeiert wird, gingen an mir vorbei, als hätte jemand der Zeit ein Doping verpasst. Oft dachte ich, dass ich nicht mehr alles gerichtet bekomme. Fahrradkleidung für jedes Wetter kaufen, Medikamente und Verbandszeug besorgen, Werkzeug richten, Ersatzteile zum Mitnehmen festlegen, letzte Impfungen, großer Gesundheitscheck, Camping- und Kochausstattung und ein Minimum an normaler Kleidung aussuchen, all das stand auf meiner Checkliste. Als ich alles zusammen hatte, konnte ich dann Mitte März zum ersten Mal probeweise packen. Nach häufigem Ein- und Auspacken hatte ich schließlich in einer bestimmten Reihenfolge alles so in meinen zwei vorderen, zwei hinteren Satteltaschen und einer Gepäckrolle verstaut, dass ich jeden Gegenstand mühelos finden konnte.

Da stand es dann, mein Rad, aufgesattelt und beladen mit 35 kg Gepäck. Nur mit dem Nötigsten, aber allem, was ich für die Dauer meiner Reise brauchte, machte ich am 29. 3. 2019 eine erste kurze Testfahrt, um zu sehen, wie sich mein Gefährt im bepackten Zustand fahren ließ. In meiner Euphorie, die ich zu dem Zeitpunkt verspürte, fühlte sich die Sache gut an.

Blieb nur noch eines zu tun. Das Richten meiner wichtigsten Tasche, der Lenkertasche, in der ich alles ganz Wichtige verstaute: mein Bordbuch, eine in Leder gebundene Mappe, die ich von meinem Sohn Bastian und seiner Frau zum Geburtstag bekommen hatte, mit Fächern für Ausweise, Bargeld, Bankkarten und einem Notizblock, in dem ich jeden Kilometer meiner Reise dokumentieren wollte, außerdem ein Taschenmesser, ein Geschenk von meinem Stammtisch zum Abschied, eine Nacht- und eine Sonnenbrille, Pfefferspray für alle Arten von Angriffen und sonstiges Kleingerödel, was man so braucht. Zur Navigation hatte ich für die erste Zeit eine große Europakarte, mein Handy und mein iPad eingepackt.

Dann war es so weit. Das letzte Wochenende brach an. Ich verabschiedete mich am Freitagabend bei meinem engsten Freundeskreis mit einem kleinen Umtrunk im Bistro meines ältesten Bruders Werner. Am Samstag und Sonntag plagten mich selbst die Gedanken und Bedenken meiner Freunde, die letzten, die einsahen, dass es mir ernst und die Reise nicht mehr zu stoppen war. Susi z. B. brachte die gefährlichen Länder ins Spiel, während mir die meisten die lange Strecke und die von mir angesetzte Zeit nicht zutrauten.

Zu Hause herrschte eine komische Stimmung, die von mir und meiner Frau jedoch unausgesprochen blieb und unterdrückt wurde. Die beiden großen Kinder meiner Frau aus erster Ehe, Denise und Robin, kamen klar mit dem Gedanken, dass ich nun eine Weile nicht da war. Denise, die selbst kurz zuvor nach dem Abi ihre Auszeit in Neuseeland, Australien und Thailand genossen hatte, sah darin natürlich in ihrer Reiselust etwas Großes. Während meine erwachsenen Söhne Bastian und Fabian schon längst mit meiner Reise einverstanden waren, machte sich mein Sohn Nico (damals 14 Jahre alt) andere Gedanken. Er wusste, dass ich seinen nächsten Geburtstag nicht mit ihm feiern konnte und auch an Weihnachten und eventuell bei seiner Schulentlassung nicht da sein würde. Auch die Möglichkeiten, dass ich nicht zurückkehren könnte oder einen geliebten Menschen nie wieder sehen würde, wurden von mir in einem hinteren Winkel des Gehirns bearbeitet.

Alles Dinge, die mir im Vorfeld klar waren, die mich aber nach und nach immer mehr belasteten, je näher ich dem 1. 4. 2019 kam. Alles war mit Sicherheit anders, als wenn ein junger Kerl, ohne Verpflichtungen und nur mit den berechtigten Sorgen seiner Mutter und seines Vaters, sich auf so eine Reise begeben würde. Aber es gab kein Zurück mehr. Die Zeit der monatelangen Vorbereitung und zahllosen Nächte, in denen ich über Strecke, Schwierigkeiten, andere Menschen und Kulturen, Heimweh und vieles mehr nachgedacht hatte, waren nun vorbei. Die Reise ging los.

Kapitel 4

Es geht los …

Der erste Tag und die Reise durchs Heimatland Deutschland

Pünktlich um 6 Uhr am Morgen des 1. 4. 2019 schlug der Wecker Alarm. Er überraschte mich aber nicht und noch weniger riss er mich aus einem Tiefschlaf. Die Nacht war alles andere als erholsam gewesen. Unruhe, Nervosität und die Tatsache, dass ich nun mein eigenes geliebtes Bett für lange Zeit nicht haben würde, dass ich ab jetzt nicht mehr selbstverständlich neben meiner Frau einschlief und aufwachte, sorgten dafür, dass es eher ein leichtes Duseln als ein Schlafen gewesen war. Also raus aus den Federn und die restlichen Dinge einpacken. Noch eine Tasse Tee, und schon war die letzte Stunde in den eigenen vier Wänden verflogen. Punkt 7 Uhr standen mein Bruder Uwe und mein Freund Bernd mit ihren Rädern hinterm Haus. Mein Bruder begleitete mich bis zur Wilhelmshöhe, was von uns aus gesehen nach 20 km die erste kleine Passhöhe war, aber auch gleichzeitig der erste Test, wie ich mit meinem Gepäck und Rad am Berg zurechtkam. Bernd, mein alter Motorradkumpel, begleitete mich bis Mittwochmorgen und hatte hierfür leichtes Gepäck aufgeschnallt.

Als ich die Wohnung verließ und mein vorgepacktes Rad aus dem Fahrradraum holte, hatte sich zu meiner Freude bereits eine kleine Versammlung aus Freunden, Nachbarn und Geschwistern gebildet. Dann ging alles sehr schnell. Ich bin nicht unbedingt ein Freund von langen Abschieden. Ich klickte meine Lenkertasche ein, begrüßte die zum Spalier Angetretenen und verabschiedete mich gleichzeitig bei ihnen. Meine Schwester Gisela machte noch ein paar Bilder und Videos. Zum Schluss kam der schwierigste Teil, auf Wiedersehen und eine letzte Umarmung für meine Kinder und meine Frau. Tschüss und ab! Es war schwer. Auf der einen Seite gab ich alles für lange Zeit auf, was mein Leben ausmachte, Familie, Freunde, Hobbys und vieles mehr. Keiner, der so etwas startet, darf glauben, dass das so spurlos an einem vorbeigeht. Auf der anderen Seite stand eine Reise mit Abenteuern und vielen ungesehenen Orten.


Der erste Berg war geschafft. Abschied von meinem Bruder links.

Mit diesen Gedanken fuhr ich die ersten Kilometer, ohne um mich herum etwas wahrzunehmen. In das Gespräch meiner beiden Begleiter Uwe und Bernd konnte ich mich nicht einklinken, da mir viel zu viel durch den Kopf ging. Doch schon bald begann im Oberprechtal die erste Steigung. Da ich noch keine besonders gute Kondition hatte, von den Muskeln in den Beinen auch keine Übermensch-Leistung zu erwarten war und meine Auflagefläche auf dem Sattel nun bald zu schmerzen begann, wurden die ersten 20 km gleich zur Prüfung. Nach zwei Stunden war der erste Berg aber Geschichte und der zweite Abschied an diesem Tag stand an. Auf der Wilhelmshöhe machten wir noch ein paar Fotos. Schweren Herzens sah ich meinen Bruder nur noch von hinten, bis er in der nächsten Kurve für lange Zeit aus meinem Blick verschwand. Ihm fiel der Abschied auch nicht gerade leicht, da er als Extremsportler selbst ein kleiner Weltenbummler ist.

Also gut, aufsitzen und weiterfahren war die Devise, weil ich mir vorgenommen hatte, am ersten Tag ein ordentliches Stück weit zu kommen. 60 km waren das Minimum, das ich mir auferlegt hatte, und das auch im Schwarzwald, wo die Strecke eher ein steiles Auf und Ab war als eine lockere Ausfahrt in einer ebenen Landschaft. Zusätzlich belasteten mein Rad auch noch die gut 40 kg Gepäck und mich meine 20 kg Übergewicht. Aber wir kamen gut voran.

Am Abend fanden wir eine Pension in einem kleinen Ort hinter Tuttlingen, in der wir nach einem guten badischen Abendessen eine erholsame Nacht mit schweren Beinen verbrachten. Auch Bernd, der gut 20 Jahre jünger und etwas fahrraderfahrener als ich war, hatte seine Probleme mit den steilen Anstiegen gehabt. Immerhin hatten wir 93 km mit 1288 Höhenmetern geschafft. Am nächsten Morgen starteten wir früh, gleich nach dem Frühstück, um 7.30 Uhr saßen wir bereits wieder auf den gepackten Rädern. Das Tagesziel hieß Memmingen, von unserem Startpunkt aus gesehen 115 km entfernt. Die Strecke durch die südschwäbische Landschaft war sehr schön, aber auch sehr hügelig. In Erwartung eines besonderen Ereignisses, das nicht eintrat, flogen die Kilometer an uns vorbei. Das Einzige, das sich bei mir einstellte, war ein Unwohlsein in meinem Magen, das ich auf den Balkanspieß, den ich am Tag zuvor an einer Imbissbude verdrückt hatte, zurückführte. Das geht ja gut los, dachte ich mir und machte mir gleich zu Beginn schon meine Gedanken über meinen eher empfindlichen Magen. Wie würde das wohl in den Ländern werden, in denen sehr scharf gekocht und auf die Sauberkeit kein großer Wert gelegt wurde?

Am Abend quartierten wir uns im Zentrum des kleinen Städtchens Memmingen ein. Wieder hatten wir einen riesigen Hunger und aßen gut. Um die „Läuse“ in meinem Bauch zu vertreiben, nahm ich ein altbewährtes Hausmittel zu mir, das eigentlich bei solchen Symptomen immer half. Es ist ein Hirsch auf der Flasche, ist braun, und man trinkt es aus kleinen Gläsern. Wenn man zu viel davon schluckt, stellen sich am nächsten Morgen leichte Nebenwirkungen wie Kopfweh und Schlafbedarf ein. Da es aber unser letzter Abend für lange Zeit sein sollte, tranken wir ungeachtet der Nebenwirkungen eine ordentliche Menge davon, auch um sicherzugehen, dass der Magen wieder zur Ruhe kam.

Es war ein schöner Abend, für eine lange Zeit der letzte, den ich mit einem Freund und einem bekannten Gesicht verbringen sollte.

Am Morgen hatten sich die Beschwerden in meinem Magen verzogen, dafür machten sich aber die beschriebenen Nebenwirkungen in meinem Kopf bemerkbar. Schlimmer waren aber die Gedanken daran, dass um 11 Uhr der Bus, mit dem Bernd zurück nach Hause fahren sollte, pünktlich am Busbahnhof stehen würde.

Nach einem kleinen Frühstück standen auch wir dort und wechselten die letzten Worte. Ich wartete nicht, bis der Bus abfuhr, um mir den Anblick zu ersparen, wie er mit meinem Kumpel um die Ecke bog. Eine letzte herzliche Umarmung, ein beherzter Schwung auf mein Rad und, schwupp, war ich mit feuchten Augen und einem mordsmäßigen Stein im Bauch unterwegs Richtung Osten.

Jetzt war es endgültig vorbei mit Bekannten und Heimat. Ab jetzt war die Reise so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Alleine, nichts Vertrautes mehr für lange Zeit, dafür aber frei. Keine geschäftlichen und privaten Verpflichtungen mehr. Nur der Himmel, die Straße, mein Fahrrad und ich. Gedanken über die lange Strecke, die vor mir lag, machte ich mir keine. Das neue Leben, das von nun an begann, galt es zu genießen und zu erleben.

Das Wetter machte es mir einfach. Es war beginnendes Frühjahr, und ich fuhr einer vom Westen her kommenden Schlechtwetterfront voraus. Während es bei mir zu Hause noch ein letztes Mal zu schneien begann, radelte ich bei angenehmer Temperatur und blauem Himmel in Richtung österreichischer Grenze durch Bayern. Eigentlich hatte ich mir für diesen Tag keine lange Strecke vorgenommen, da ich ja ziemlich spät loskam, aber das Wetter war so schön, und es lief erstaunlich gut. In der Hoffnung, gegen Spätnachmittag eine passende Unterkunft zu finden, radelte ich einfach so vor mich hin. Leider waren die Übernachtungsmöglichkeiten in der Gegend sehr dürftig. So kam es, dass es schon dunkel war, als ich ca. 5 km vor dem Ammersee im Tannenhof bei Dießen eine Unterkunft fand. Aus den geplanten 30 bis 40 km waren am Tagesende wieder 86 km geworden. Auf die Frage der Wirtin, wo ich denn mit meinem Rad hinfahre, antwortete ich nicht gerne ehrlich, da es sich nach drei Tagen unterwegs noch sehr großspurig anhörte, einmal um die Welt fahren zu wollen.

Ich hatte zwar schon ein ordentliches Stück geschafft, kam mir aber sehr blöde vor, wenn ich über mein Vorhaben reden musste. Ich war schließlich noch nicht einmal im Ausland.

Am Morgen packte ich wieder mein Fahrrad, das ich zum ersten Mal mit in mein Zimmer nehmen durfte. Dies war mir eigentlich am liebsten, da ich mir dann um mein wichtigstes Utensil keine Sorgen zu machen brauchte.

An diesem Morgen überraschte mich das Wetter mit sehr feuchtem Nebel. Die Tagesroute führte mich vorbei am Ammer- und Starnberger See, die ich aber leider wegen des Nebels nur schemenhaft zu Gesicht bekam. Insgesamt war es ein unangenehmer Tag, der sich durch Kälte und Feuchtigkeit auszeichnete. Als Tagesziel hatte ich Rosenheim vor Augen, das ich nach 113 km auch erreichte.

Läuft gut, dachte ich, und bereits nach 4 Tagen war ich fähig einzuschätzen, was ich mir pro Tag zumuten konnte. Ich hatte zu Beginn meiner Reise ja keine Ahnung gehabt, wie weit ich im bergigen Gebiet kommen würde. Mit der Komponente „Gegenwind“ hatte ich noch gar nie gerechnet, was aber im Verlauf meiner Reise ein nicht unwichtiger Faktor wurde. An diesem Tag konnte ich auch gleich einen ersten Geschwindigkeitsrekord aufstellen. Noch weit vor Rosenheim bot mir meine Straße ein Gefälle von 18 % an, was ich nach längerem Bergauffahren gerne annahm, und ich erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 75,72 km/h. Nicht ungefährlich, dachte ich mir, aber meine Angst vor Geschwindigkeit hält sich in Grenzen. Am nächsten Tag stand dann schon der erste Grenzübertritt auf dem Programm, von Rosenheim nach Salzburg, vorbei am Chiemsee, wobei ich den schneebedeckten Gipfeln der Alpen immer näher kam. Die Landschaft war herrlich. Ich lag der mir folgenden Schlechtwetterfront immer noch einen Tag voraus. Auf einer steilen Abfahrt ca. 20 km vor Salzburg erreichte ich mit meinem vollbepackten Fahrrad wieder eine Spitzengeschwindigkeit von 70,5 km/h. So kam ich bereits am frühen Nachmittag in Salzburg an. Ja, das war’s mit Deutschland. Ich befand mich in Österreich, und in mir kam langsam das Gefühl auf, dass ich nun echt unterwegs war. Tschüss, Deutschland für lange Zeit, was mir an dieser Stelle aber nicht bewusst war, genauso wenig wie die vor mir liegenden Länder und Ereignisse. Lass es auf dich zukommen, war täglich meine Parole.

Kapitel 5

Herrliches Österreich

Beim Grenzübertritt bei Salzburg gab es natürlich keine Schwierigkeiten. So nahm ich mir die Zeit, Salzburg anzusehen. Ich fuhr kreuz und quer durch die City und trank noch gemütlich in einem Straßencafé einen Cappuccino. Langsam wurde es Zeit, mir für die Nacht ein Lager zu suchen. Von meinem Vorhaben, so oft wie möglich zu zelten, war ich bereits nicht mehr so überzeugt. An den Luxus, am Abend eine Dusche zu haben und meine elektronischen Geräte an einer Steckdose zu laden, hatte ich mich sehr schnell gewöhnt. In der Stadt selbst wollte ich nicht übernachten. Deshalb fuhr ich hinaus ins schöne Salzkammergut.

Allerdings hatte ich die Rechnung nicht mit den Bergen gemacht. Gleich nach Salzburg ging es steil bergauf, für den Spätnachmittag noch einmal eine gute Trainingseinheit, es war mir ja bewusst, dass ich mich am Rande der Voralpen befand. Wieder wurde es spät, doch ich bekam nach drei Fehlversuchen ein schönes, aber teures Zimmer im kleinen Ort in Hof bei Salzburg. Das Essen, das ich in der gemütlichen Gaststube zu mir nahm, war, wie ich es von Österreich her kannte, besonders gut. Ich saß an einem Tisch neben dem Stammtisch, der gut und gerne 20 Einheimischen Platz bot, die mich mit ihrem österreichischen Dialekt als einzigen weiteren Gast und Beobachter gut unterhielten. Nach dem Essen gesellte sich noch der Wirt zu mir an den Tisch. Natürlich hatte er mitbekommen, dass ich mit dem Rad unterwegs war und platzte fast vor Neugier. Da ich ja nun immerhin schon ein Ausländer war, konnte ich etwas entspannter über meine Reise berichten. Allmählich merkte ich auch, dass mir ein respektvollerer und weniger ungläubiger Blick entgegenkam, wenn ich davon sprach.

Dann wurde es aber auch schon wieder Zeit für mich, meine Tagesberichte zu schreiben, meine Daten vom GPS-Tacho auszulesen und in mein Bordbuch einzutragen. Schließlich wollte ich meine Reise nicht nur erleben, sondern auch dokumentieren. Außerdem hatte ich vor meiner Abfahrt eine WhatsApp-Gruppe angelegt, an die ich jede Woche am Freitag einen Reisebericht senden wollte. Anfangs waren 70 Leute Mitglied. Das steigerte sich im Laufe meiner Reise auf 145. Der erste Bericht fiel jedoch nicht so umfangreich aus, da ich anfangs noch alles auf dem Handy schrieb und auch noch nicht viel zu erzählen wusste.

Später legte ich mich zufrieden in meinem Zimmer, das viel zu groß für mich alleine war, nieder und freute mich auf den nächsten Tag, da meine Strecke an einigen bekannten Seen vorbeiführen sollte.

Der erste Blick aus meinem Fenster früh am Morgen fiel auf Weiß. Am Abend zuvor hatte sich mir noch ein herrliches Bild über die Alpenlandschaft geboten. Dichter Nebel hatte sich in der Nacht über die Wiesen und Wälder gelegt. Also packte ich mein Fahrrad bei frischen 4 Grad in der Hoffnung, dass sich der Nebel verzog. Einzelne hartnäckige Schneefelder lagen noch in Schattenlöchern und kühlten die Luft im dichten Nebel spürbar ab.

Nicht lange nach meiner Abfahrt konnte ich jedoch die Früchte meiner vorabendlichen Bergfahrt ernten, denn die Straße hinunter zum Fuschlsee war ein angenehmer Abschnitt. Zudem lichtete sich der dichte Nebel, und ein stahlblauer Himmel ließ die Landschaft erstrahlen. Meine Handschuhe verschwanden in der Lenkertasche, und hochmotiviert ging es Richtung Wolfgangsee. Es war wunderschön und auch gewissensberuhigend, durch diese Landschaft mit dem Rad Co2-neutral unterwegs zu sein. Schon bald war ich am Wolfgangsee vorbei, der zu dieser Jahreszeit noch vom Massentourismus verschont blieb. Weiter ging es talauswärts über den schönen Ort Bad Ischl, der wie eingebettet zwischen den hohen Bergen am gleichnamigen Fluss Ischl liegt. Am Ende des Tals trifft die Ischl auf die Traun, wobei ein ordentlicher Fluss entsteht. Relativ entspannt fuhr ich an ihnen entlang, da es ja immer leicht bergab ging.

Am Nachmittag kam ich dann zum Traunsee, der mir zum ersten Mal fast den Atem raubte. Ein kristallklarer Bergsee mit wunderschönen Orten, die zum Urlaubmachen einladen. Leider war es noch zu früh am Tag, um das Lager aufzuschlagen, obwohl ich mir das ruhig hätte gönnen können. Ich lag bereits zwei Tage vor meinem gesteckten Zeitplan. Am Abend fand ich dann in einem kleinen Ort Unterkunft in einem Brauereigasthof, der den schönen Namen „Bierhotel“ hatte. Wieder aß ich hervorragend und genehmigte mir zwei Glas vom brauereieigenen Gerstensaft. Überhaupt hatte ich mir mittlerweile angewöhnt, mir am Ende eines anstrengenden Tages ein Feierabendbier zu genehmigen und das als Nicht-Biertrinker, was im Laufe der Reise jedoch noch einige Schwierigkeiten mit sich bringen sollte. Am Abend ergab sich noch ein interessantes Gespräch mit dem Wirt, der ursprünglich aus der Slowakei stammte und mit seiner Frau zusammen diese Gaststätte seit vielen Jahren betrieb. Er beklagte sich über die hohe Steuerlast und die sinkende Nachfrage, das unzuverlässige Personal und die steigende Anzahl der unzufriedenen Gäste. Letzteres konnte ich gar nicht nachvollziehen, da die Gaststube ein unglaublich gemütliches Flair hatte, das Essen urtypisch und gut und die Zimmer nagelneu renoviert waren. Trotzdem kamen mir die Sorgen irgendwie vertraut vor.

Am nächsten Tag fuhr ich dann ein schönes Stück entlang der Traun, bis sie sich in der Nähe von Linz mit der Donau vereinigt, wobei ein gewaltiger Strom entsteht. Von hier an war es dann für lange Zeit vorbei mit steilen Steigungen, denn ich radelte überwiegend flussabwärts am Donauufer entlang. Der Uferweg, der ja bekanntlich bis zum Schwarzen Meer an der Donau entlangführt und oft als schön und romantisch beschrieben wird, konnte von mir lediglich die Note 3 von 6 bekommen. Lange Strecken führen über angelegte Dämme, die schnurgerade an der von Menschenhand begradigten Donau verlaufen. Nur selten kamen Waldwege oder Engstellen vor, wo sich die Wassermassen ihren Weg durch die hüglige Landschaft zum Schwarzen Meer suchen müssen. Kam aber so ein Abschnitt, dann war es ein Traum, bei angenehmen Temperaturen durch diese Gegend zu radeln, in der, wie schon die ganze Strecke bis hierher, das Frühjahr die Landschaft in einen blühenden Großgarten verwandelte. Nur wenn ich über 600 bis 700 Höhenmeter kam, bemerkte ich, dass das Jahr noch nicht sehr alt war. Die Fahrt an der Donau entlang blieb dennoch unspektakulär, da hier in der Gegend Radreisende nicht selten sind. So fuhr ich locker, ohne mich großartig anstrengen zu müssen, am Flussufer bis nach Wien. An einem Tag schaffte ich sogar einmal 142 km und hatte somit einen ersten Streckenrekord, der lange Zeit Bestand hatte. Am 9. Tag kam ich bereits am Mittag in Wien an. Die Innenstadt mit dem Rad zu erkunden, ließ ich ausfallen, da ich schon mehrere Male dort gewesen war. Zudem hatte ich immer noch einen ordentlichen Respekt, mit meinem vollbepackten Rad eine Großstadt zu durchqueren. Deshalb blieb ich am Donauufer. Leider fand ich hier nur Industrie und Lastkähne vor. Vom Wiener Charme war nicht viel zu sehen. Nach einer kleinen Mittagspause fuhr ich dann raus aus der Stadt in Richtung ungarischer Grenze. Die Landschaft war relativ flach, und ich hatte ausnahmsweise keinen starken Gegenwind. Gedankenversunken und angetan von der Weite dieser Gegend, die allerdings durch unzählige Überlandleitungen und noch mehr Windräder gestört war, bemerkte ich, dass ich an diesem Tag noch die Grenze zu Ungarn erreichen konnte. Ich legte einen Gang zu und trat, was das Zeug hielt. Selbst überrascht von meiner guten Kondition erreichte ich dann abends um 18 Uhr die Grenze zu Ungarn. Der Grenzübertritt war auch hier noch kein Problem. Es galt auch das Zahlungsmittel, das ich gewohnt war. Ganz schnell wurde mir klar, dass ich hier jedoch mit 10 Euro weiter als in Deutschland kam. Das Zimmer, das ich 5 km nach der Grenze fand, kostete 18 Euro und war in einem gepflegten Haus. Drumherum war weit und breit nichts, nur dieses Haus, und so verbrachte ich den Abend im Garten alleine, da ich der einzige Gast war. Nun lagen zwischen mir und meiner Heimat schon ein Land und 960 km.

Kapitel 6

Ungarn, klein, aber weit

Ich befand mich nun also in Ungarn. Von hier an war es vorbei mit der deutschen Sprache. Das führte allerdings nicht dazu, dass ich mir wirklich wie ein Ausländer vorkam. Die Leute waren ähnlich reserviert wie in Deutschland und Österreich, so dass es zu sehr wenigen Kontakten kam. Bis nach Budapest, mein nächstes größeres Ziel, waren es noch 185 km. Für eine Etappe zu viel, aber für eine ordentliche und eine kurze Schlussetappe gerade richtig. Ich beschloss, ziemlich weit zu radeln, um am nächsten Tag stressfrei nach Budapest zu kommen, damit ich genügend Zeit hatte, eine geeignete Unterkunft in der City zu finden. In Budapest wollte ich schließlich einen ganzen Tag Pause einlegen.

Aber zuvor stellte sich noch ein besonders nettes Ereignis ein. Ich fuhr also am Morgen des 10. 4. 2019 ohne besonderes Ziel los, nur mit dem Gedanken, so weit wie möglich an Budapest ranzukommen. Der Weg führte mich über endlose Ebenen mit nur leichten Steigungen, die ich mittlerweile annähernd schmerzfrei und entspannt fuhr. Es lief gut, und das Einzige, das es nach wie vor zu bemängeln gab, war das unschöne Bild der unzähligen Überlandleitungen und Windräder. Ich fand die gleiche Landschaft vor, wie ich sie inzwischen schon gewohnt war. Endlose, ebene Felder, und es winkten mir nicht, wie im Film Sissi, die Bäuerinnen in ihren weißen Schürzen und weißen Häubchen zu, sondern die riesigen Flügel der Windräder, die die Landschaft billigend duldete.

Es lief wieder einwandfrei. In meiner Gutgläubigkeit, noch spät ein Zimmer zu finden, fuhr und fuhr ich dahin. Ein Blick auf mein Navi zeigte mir dann an, dass nun lange nichts mehr kommen würde. Das machte mich leicht nervös. Es war mittlerweile 19.30 Uhr, als ich in einem Dorf mitten im Gelände und abseits der Hauptroute, wo es auch wieder hügelig wurde, in dem kleinen Dorf Obarok ankam. Entkräftet sprach ich zwei junge Männer am Ortseingang an, ob es hier irgendwo ein Zimmer gebe. Ich merkte gleich, dass ich hier wirklich in der Pampa war. Ich stellte mich schon aufs Zelten ein, doch die Jungs telefonierten 2 bis 3 Mal, und dann kam eine Frau. Es war die Sekretärin des Bürgermeisters, die mich mitnahm.

Nun, dieses Dorf hatte keinen Laden, keine Kirche, keine Post, gar nichts, aber ein kleines Museum, in dem ein Zimmer integriert war, für den Fall, dass einmal ein Fremder auftauchte. Dieses Zimmer gab es schon seit 2010 und seither war noch nie jemand dagewesen. Ich war der Erste, der diese Übernachtungsmöglichkeit nutzte. Die Frauen und Männer, deren Zahl mittlerweile auf 6 angestiegen war, waren sichtlich begeistert, mich aufzunehmen. Das Ganze kostete 10 Euro. Ich erfuhr noch einiges über deutsch-ungarische Dörfer in dieser Gegend. Eine kleine Museumsbesichtigung war inklusive. Als sich alle verabschiedet hatten, machte ich mich über meine Essensvorräte her und kochte mir einen ordentlichen Teller Nudeln mit brauner Soße.

Gerade wollte ich mit meinem Festmahl beginnen, da klopfte es an der Tür. Die beiden Jungs, die mir das Zimmer vermittelt hatten, standen vor der Tür. Sie brachten mir ein warmes Abendessen vorbei, Kartoffeln mit Speck in Kraut. Sie erklärten mir noch, dass dies hier ein typisches Gericht sei und verabschiedeten sich ganz freundlich. Überrascht und angetan von dieser netten Geste machte ich mich über diese Gabe her und konnte feststellen, dass es hervorragend schmeckte.

Die Nacht war dagegen nicht ganz so gut, da es sehr kalt in dem kleinen Zimmer wurde. Der Gasheizung, die hin und wieder eine Stichflamme aus dem Gebläse stieß, traute ich nicht wirklich und ließ diese lieber ungenutzt.

Morgens um 8 Uhr stand die Sekretärin wie abgemacht pünktlich zur Schlüsselübergabe vor der Tür. Das Dorf war im 18 Jahrhundert von deutschen Siedlern gegründet worden, und daher sprach die Sekretärin des Bürgermeisters, die gleichzeitig auch die Deutschlehrerin der Dorfschule war, gut Deutsch. Leider wurden die deutschstämmigen Siedler nach dem 2. Weltkrieg allesamt vertrieben, doch die deutsche Kultur und Tradition wurden hier weiter gelebt und gepflegt. Es war ein schönes Erlebnis, und ich dachte mir: So kann es weitergehen.

Also machte ich mich am Donnerstagmorgen um 8 Uhr bei leichtem Nieselregen an die letzten 50 km nach Budapest. Sie fielen mir sehr schwer. Viele Steigungen, schlechter Fahrbahnbelag und leichte Schlappheit machten mir zu schaffen. Aber ich wusste ja, dass ein Tag Auszeit vor mir lag. Das trieb mich förmlich in die ungarische Metropole, die so ganz anders war als die Welt am Abend zuvor. Das Dorf Obarok war klein und ländlich arm, während es in Budapest wieder alles gab, was das Herz begehrt. 11 Tage und bereits 1160 km lagen hinter mir. Ich war weit vor meinem Plan, denn ich hatte ja ursprünglich nur mit einem Schnitt um die 60 km pro Tag gerechnet. Meine Muskulatur machte gut mit, und an Gewicht hatte ich auch schon einiges verloren.

Ich überprüfte das aber nicht, wichtiger war mir, dass sich mein Hinterteil so langsam an den Sattel gewöhnt hatte und die ersten wunden Stellen bereits am Heilen waren. Ich fand ein schönes Zimmer, nicht weit vom Zentrum. So konnte ich die Stadt am nächsten Morgen zu Fuß erkunden. Mir war klar, dass ich möglicherweise für lange Zeit eine meiner Leibspeisen, das Gulasch, nicht mehr bekommen würde. Also gab es für mich nichts anderes, als in einem urgemütlichen ungarischen Lokal ein ungarisches Gulasch zu essen. Mmm, das war gut! Dazu ließ ich den Abend mit einem Feierabendbier ausklingen und machte mich in meinem Zimmer an die Routenplanung für den nächsten Tag.

Langsam freundete ich mich mit meiner Navi-App an, die viel mehr zu bieten hatte, als nur die Straßen anzuzeigen. Ich lernte jeden Tag dazu und fühlte mich nicht mehr so als Fahrrad-Greenhorn. Am 13. 4. 2019 fuhr ich also weiter in Richtung Osten, von wo auch der Wind wehte. Eigentlich konnte man nicht von Wind sprechen, da es bei schönem Wetter den ganzen Tag sturmartig blies.

Des Öfteren schrie ich gegen den Himmel und fragte unseren Schöpfer, warum er mir das antat. Oft musste ich im ersten Gang fahren oder gar absteigen und einige Meter schieben, da ich nicht gegen den Wind ankam.

Ich kämpfte mich so weiter über Hatvan nach Miskolc in Richtung slowakischer Grenze bei Kosice. Wider besseres Wissens hoffte ich, dass, auch wenn ich nichts mehr kannte, im Hinterland von Ungarn vielleicht doch noch was Interessantes käme. Dem war nicht so. Die Landschaft war weit und endlos zu überblicken. Highlights, Fehlanzeige. Die Felder waren gut und frisch bestellt, die Dörfer ärmlich und klein und die Leute desinteressiert bis unfreundlich. Wer sich allerdings an riesigen Feldern, aufgeteilt in Mais, Raps und Weizen, erfreuen kann, der sollte eine Reise nach Ungarn einplanen. Einziges „Highlight“ in Ungarn war, dass ich gleich von Samstag auf Sonntag keine Herberge fand, um zu übernachten.

Also musste in freier Wildbahn mein Zelt zum ersten Mal herhalten. Ich stellte es etwas abseits der Strecke hinter Hecken auf. Es war sehr kalt in dieser Nacht. Deshalb stand ich um 6 Uhr auf, kochte mir mit meinem letzten Wasser einen Tee und packte zusammen. So saß ich am Sonntag bereits um 6.55 Uhr wieder auf meinem Rad und fuhr. Dann nahm der Wind erneut zu, natürlich von vorne. Wie wild ging ich gegen den kalten Nordostwind an. Am späten Abend saß ich in einer Ortschaft an einer Bushaltestelle und machte mir Gedanken, wo ich übernachten sollte, da wieder weit und breit nichts in Sicht war. Ich beschloss, noch ein paar Kilometer zu fahren, bis es richtig dunkel wurde, um mich dann mit meinem Schlafsack unter irgendein Dächlein zu legen. Zum Zeltaufbauen hatte ich echt keinen Bock mehr.

Nach wenigen Metern um die nächste Kurve jedoch leuchtete so ein Blinkwerbeschild, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt, rot in die Nacht: „Hotel“. Tatsächlich kam ich unter. Lustig an diesem Hotel war, dass der recht junge Besitzer erst in seinem Buchungsbuch nachschauen musste, ob noch ein Zimmer frei war. Ein Blick von mir über die Theke in sein Buch reichte, um zu erkennen, dass keine Zimmer belegt waren. Auch hingen alle Schlüssel im Schlüsselschrank. Er wollte sich ein bisschen wichtigmachen, und ich spielte das Spiel natürlich dankbar mit.

Am nächsten Morgen ging es weiter in Richtung slowakischer Grenze, wo die Grenzstadt Kostice liegt. So wie mich der Wind schon gestern den ganzen Tag bestraft hatte, so bestrafte ich ihn heute mit Missachtung und trat meist nur im 3. Gang meiner 14-Gangschaltung in die Pedale. Ich kämpfte mich Richtung Kostice. Um ca. 13 Uhr fuhr ich über die Grenze. So langweilig wie mich Ungarn entließ, so langweilig empfing mich die Slowakei. Ein weiterer Abschnitt war geschafft, und ich befand mich im 4. Land meiner Reise.

Kapitel 7

Kurzer Auftritt in der Slowakei

Mein Kurzbesuch in der Slowakei dauerte nur zwei Tage mit einer einzigen Übernachtung. Da ich recht früh am Tag die Grenze passierte, kam ich noch ein ordentliches Stück weit. Die Landschaft war eben, so wie ich es von Ungarn her kannte. Bis zur Stadt Kosice hatte ich noch starken Gegenwind, dem ich aber nach Kosice meine linke Seite zeigte. Ich fuhr nämlich nach rechts Richtung Osten. Allerdings ging es dann in die Berge, aber ohne Gegenwind war das fast kein Problem. Eine ordentliche Steigung schlängelte sich durch eine schöne Wald-und Wiesenlandschaft, die mich bis zum Abend begleitete. Auf dem Gipfel angekommen wurde es Zeit für mich, ein Nachtlager zu suchen.

Ich hatte Glück. Gerade als ich im ordentlichen Schuss den Berg runterfuhr, tauchte auf der rechten Seite an der Straße ein Restaurant mit Übernachtungsmöglichkeit auf. Probleme mit der Währung kannte ich immer noch nicht, da auch hier mit Euro bezahlt wurde, nur die Verständigung gestaltete sich von jetzt an immer schwieriger. Mit Englisch, was auch nicht unbedingt meine Stärke ist, das sei an dieser Stelle vorab schon mal erwähnt, kam ich nicht sehr weit. Ich bilde mir aber ein, dass ich ein Verständigungsgenie mit Armen, Beinen und Mimik bin. So kam ich auch hier in der Slowakei zurecht.

Ich hatte schon fast die Hälfte meiner Strecke zur ukrainischen Grenze, die für mich mit deutschem Reisepass visumfrei war, geschafft. Am nächsten Morgen erwartete mich herrliches Wetter und zu meiner Freude eine ca. 20 km lange leichte Abfahrt. Es lief sehr gut, und ich dachte mir: Wenn das so weitergeht, komme ich heute noch ein schönes Stück in der Ukraine voran. Der Wind war mir auch wohlgesinnt und blies leicht schräg von hinten. Alles passte gut, und ich näherte mich recht früh dem Grenzübergang bei Uschhorod.

Dann kam die große Ernüchterung. Schon von weitem konnte ich eine riesige Schlange von wartenden Pkw und Lkw sehen. Als Radreisender hast du hier aber einen großen Vorteil. Dran vorbei und immer schön lächeln und grüßen. So fuhr ich vor bis zum Ersten in der Schlange und stellte mich frech dazwischen. Ein Soldat, der mich sah, kam mit finsterer Miene auf mich zu und erklärte mir mit ein paar wenigen deutschen Worten, die er kannte, dass an diesem Grenzübergang keine Fahrräder abgefertigt würden, nur Maschinen. Er meinte damit motorisierte Fahrzeuge. Ich wollte ihm noch erklären, dass ich auch so eine Art Maschine sei, ließ es aber bleiben, da er nicht besonders spaßig wirkte.

Ich fragte ihn aber noch, wo ich denn einreisen könne, und er zeigte mir auf meiner Karte den Grenzübergang bei Ubl’a. Wunderbar, dachte ich, der befand sich ca. 50 km nordöstlich von meinem Standort. Um dort hinzukommen, musste ich wieder ca. 15 km auf selber Strecke zurück und dann über einen Berg zur Grenze.

Nutzte nichts, ich fuhr los und hatte natürlich den Wind, den ich vorher im Rücken gehabt hatte, nun im Gesicht. Was so schön am Morgen begonnen hatte, entwickelte sich im Tagesverlauf wieder zu einer harten Tour. Der Berg, den ich überfahren musste, schien nicht aufzuhören. Je näher ich der Grenze kam, umso schlechter wurde das Wetter. Dicke, schwarze Wolken zogen sich am Himmel zusammen und verbreiteten in mir Unruhe. Die Grenze war noch nicht geschafft, und eine Übernachtungsmöglichkeit hatte ich auch noch nicht ausgemacht. Gegen 18 Uhr erreichte ich dann endlich den kleinen Grenzübergang bei Ubl’a, der mitten im Wald lag. Eine ordentliche Schlange von wartenden Autos überholte ich abermals und reihte mich ganz vorne ein. Eine Grenzbeamtin, die sich nach ca. 10 Minuten endlich aus ihrem Häuschen bequemte, nachdem sie mit einem Schwätzchen mit ihrem Kollegen fertig war, ging zu einem anderen Häuschen, um mir eine Nummer zu holen. Mit dieser Nummer sollte ich mich wieder in einem anderen Gebäude melden.

Als ich dort reinkam, schlief der Zivilist tief und fest. Geschützt durch eine dicke Glasscheibe hörte er auch mein vorgetäuschtes Husten nicht. Um ihn nicht zu erschrecken und ihn damit vielleicht zu erzürnen, ging ich wieder raus und machte mich bei den beiden bewaffneten Soldaten, die auf dem Parkplatz patrouillierten, bemerkbar. Einer von beiden kam auf mich zu. Ich machte mit ein paar Handzeichen verständlich, dass der Kollege da drin einen totenähnlichen Schlaf abhielt. Er ging mit mir rein und klopfte mit dem Kolben seiner Maschinenpistole ordentlich gegen die Glasscheibe. Ich dachte, dass der Mann jetzt gleich unglaublich erschrecken würde. Dieser wachte aber schön langsam, sozusagen in Zeitlupe, auf und hatte in der nächsten Sekunde seine Finger auf der Tastatur seines PCs, der mindestens aus dem vorigen Jahrhundert war. Er begann, etwas einzugeben, als hätte er nie geschlafen. Dann tippte er ein paar Daten meines Ausweises ein und schon 5 Minuten später bemerkte er, dass ich bei ihm falsch war. Prima! Am richtigen Häuschen standen dann schon drei an, und bei jedem dauerte es gut und gerne 10 Minuten. Als ich endlich dran war, musste ich eine Gebühr von 20 Euro bezahlen.

Ich bekam einen kleinen Zettel mit einer Nummer drauf, die wohl dann der geschwätzigen Grenzbeamtin anzeigte, dass ich die Einreisegebühr bezahlt hatte. Sie drückte mir mit einem unglaublich unmotivierten Gesichtsausdruck den Stempel in den Ausweis und ließ mich passieren. Das Ganze hatte ca. eine Stunde gedauert, was mich ärgerte, da der Himmel aussah, als würde er mir nun gleich auf den Kopf fallen. Andererseits war ich aber auch froh, dass ich diese erste Bammelgrenze noch an diesem Tag geschafft hatte und trat wieder in die Pedale. Nach dem Schlagbaum lernte ich dann gleich die ukrainischen Straßenverhältnisse kennen. Ein besserer Feldweg führte zum nächsten Städtchen Welykyj. Hier endete auch schon meine Geschichte über die Slowakei. Ich befand mich in der Ukraine, und da begann mein Abenteuer nun richtig.


Schöne und endlose Radwege in Ungarn.


Erste Übernachtung unter freiem Himmel in der Slowakei.

Kapitel 8

Abenteuer Ukraine

Bei der Einfahrt in das Städtchen Welykyj wurde mir sehr schnell bewusst, dass mich nun ein ordentliches Stück von meiner Heimat trennte. Nicht nur Sprache, Geld und Menschen hatten sich gravierend verändert, sondern auch das Leben. Eine lausige Straße führte mich hinein in das Zentrum der Stadt, die eine Unzahl von Kleingeschäften beherbergte, die sich mit Haushaltsartikeln und Gemüse über Wasser halten wollten. Die übrigen Häuser am Straßenrand machten den ersten Gesamteindruck nicht besser. Alt und heruntergekommen wäre der richtige Ausdruck für diese unwirkliche Welt, in die ich da eingefahren war. Dabei war ich noch nicht einmal überrascht, da ich eigentlich damit gerechnet hatte, dass die Zeit, durch eine heile Welt zu radeln, nun vorbei war.

Während ich durch die Stadt fuhr und mir die Gegebenheiten anschaute, schweifte mein Blick natürlich an den Häuserreihen entlang, in der Hoffnung, Übernachtungsmöglichkeiten auszumachen. Doch diese waren hier offensichtlich dünn gesät.

Etwas ratlos hielt ich am Straßenrand an und versuchte, auf meinem Handy etwas zu finden. Da sprach mich von hinten ein Mann an und fragte, ob ich ein Bett suche. Seine Kleidung war sagenhaft dreckig und passte sehr gut zu der vor mir liegenden Straße. Den hat mir der Himmel geschickt, dachte ich und machte ihm klar, dass ich seine Hilfe gerne annehmen würde. Schon nach ein paar wenigen Metern bog er mit mir in eine Toreinfahrt. Ich stand vor einem Hotel, das weder ein Werbeschild hatte, noch den Eindruck machte, dass es hier eine Übernachtungsmöglichkeit gab. Alleine hätte ich das nie gefunden. Überraschenderweise verbarg sich hinter der Eingangstür ein recht ordentliches Restaurant. Der Besitzer und eine Bedienung schauten mir hinter der Theke freundlich entgegen. Die Frage nach einem freien Zimmer war schnell geklärt. Mittlerweile dachte ich, dass ich der einzige Reisende auf dieser Welt sein musste, da ich bis hierher oft der einzige Gast gewesen war. Das Zimmer war recht ordentlich, was von diesem Punkt an eigentlich immer bedeutet: egal wie, Hauptsache ein Bett, Strom, Dusche und ein dichtes Dach über dem Kopf. Soll heißen, dass meine Ansprüche auf Luxus eine Nebenrolle spielten.

Am nächsten Morgen überraschte mich das Wetter nicht, da es am Abend zuvor noch wie aus Eimern gegossen hatte. Anscheinend war Petrus in der Nacht mit seiner Arbeit nicht ganz fertig geworden, er hatte für mich zum Start aber nur noch leichten Nieselregen parat. Ärgerlicher waren dafür jedoch die eh schon schlechten Straßen, die nun zu allem Übel auch noch aufgeweicht und schlammig waren. Das Schlimmste daran war, dass man die mit Wasser gefüllten Löcher in der Straße nicht einschätzen konnte. Drum Herumfahren war ein absolutes Muss, da man nie wusste, wie tief die Löcher waren. Die rund ausgefahrenen waren dabei nicht die schlimmen, sondern die mit scharfen Kanten, die meinen Felgen und Reifen doch sehr gefährlich werden konnten. Die Stadtausfahrt wurde dadurch unter den Augen zahlloser, schaulustiger und neugieriger Menschen zu einer halbgefährlichen Off-road-Slalom-Fahrt.

Das änderte sich auf den folgenden 60 km auch nicht, außer dass mir der Wind wieder böse ins Gesicht blies und die Straße langsam, aber stetig steiler wurde. Die kleinen Dörfer, die ich dabei durchfuhr, verleiteten mich zu der Vermutung, dass ich einen Zeitsprung ins Mittelalter gemacht hatte. Leben auf unterstem Niveau begleitete mich fortan in vielen Dörfern. Die Straße wurde steiler, und ich spürte die Ausläufer der Karpaten in meinen Beinen.

Langsam verabschiedeten sich die blühenden Bäume und wurden durch kahle ersetzt, was mir aufzeigte, dass ich mich wieder in großer Höhe befand. Die einzelnen Schneeflecken, die sich am Straßenrand eisern hielten, zwangen mich dazu, meine warme Jacke mit einem dicken Sweatshirt zu unterstützen. Oben auf der Passhöhe kam ich dann zu einer stationären Militärkontrolle, die mich aber anstandslos passieren ließ. Hier musste wohl eine Art Landkreis-Grenze gewesen sein, denn nun lag eine nagelneue Straße mit steilen Steigungen und schnellen Abfahrten vor mir. Gegen Spätnachmittag näherte ich mich dem Städtchen, in dem ich eigentlich die Nacht verbringen wollte. Nass und durchgefroren machte ich mich auf die Suche nach einem Zimmer. Leider bekam ich in allen drei auf meiner App angegebenen Hotels keins. Zwei davon waren schon seit längerem geschlossen, und beim dritten war der Besitzer nicht aufzutreiben. Also fuhr ich weiter, ohne Plan, wo ich die Nacht verbringen würde.

Nach weiteren 20 km musste ich mich entscheiden, ob ich geradeaus fahren oder rechts abbiegen sollte, der Straße nach, die dem Fluss Stryi folgte. Ich entschied mich, dem Fluss zu folgen und kam dadurch wieder auf eine Straße, die nach wenigen Kilometern nicht mehr als solche bezeichnet werden konnte. Mittlerweile regnete es wieder so stark, dass ich mein Handy zum Navigieren nur noch rausholen konnte, wenn ich ein kleines Dach fand, unter dem ich kurz dem Regen entkam. Die Dunkelheit löste den schmuddligen Tag ab. Oft konnte ich nur noch zu Fuß der steinigen Straße, die wechselseitig auf der linken und rechten Seite des Flusses Stryi verlief, folgen. Dazu musste ich über einige Brücken laufen oder fahren, die in Deutschland kein Mensch mehr betreten hätte. Vereinzelt tauchten in der Dunkelheit Häuser auf, die bei weitem nicht alle von elektrischem Licht erhellt wurden. In so mancher Hütte flackerte das Licht einer Kerze, und mich beschlich der Gedanke, dass ich in einer Gegend angekommen war, die der liebe Gott schon seit längerer Zeit vergessen hatte.

Versunken in den Gedanken, dass ich wohl die Nacht durchfahren müsste, machte ich Meter um Meter in dieser unwirklichen Gegend.

Gegen 22 Uhr sah ich weit vor mir im Tal, wie sich der Himmel immer mehr erhellte, so als ob ich auf ein mit Flutlicht erhelltes Stadion zufuhr. Ich schaute noch einmal auf meinem Handy nach, aber es war weit und breit keine Stadt und kein Dorf angezeigt. Die nächste Siedlung, die aufgeführt wurde, war ca. 50 km entfernt. So weit konnte man bei dem Wetter auf keinen Fall sehen.

Gespannt und in der Hoffnung, doch noch ein trockenes Nachtlager zu finden, fuhr ich weiter und erreichte schließlich vollkommen durchnässt und kaputt das Pförtnerhäuschen einer Ferienanlage.

Ein in Armeekleidung gesteckter Pförtner kam heraus und sprach mich auf Ukrainisch an. Ich antwortete ihm mit ein paar deutschen Worten und Gesten und siehe da, ich hatte mal wieder Glück. Der Pförtner hatte Verwandte in Deutschland und konnte daher sehr gut Deutsch sprechen. Ich fragte ihn nach einem Zimmer, und er gab mir zu verstehen, dass das wohl eine Ferienanlage für wohlhabende Ukrainer sei, die man aber nur gebucht beziehen könne. Die Nacht, der Regen und mein erschöpftes Gesicht erregten bei ihm aber wohl großes Mitleid. Er sagte mir in leichtem Befehlston, dass ich warten solle. Er ging zur Rezeption hinüber und organisierte mir ein Zimmer für die Nacht. Ich war ihm unendlich dankbar und konnte auf dem Weg zum Zimmer erkennen, was ich gerade wieder für einen Dusel hatte. Selbst das wenige, das ich in der Nacht noch von dieser Anlage sah, hatte nichts mit dem zu tun, was mir in den letzten 24 Stunden unter die Augen gekommen war. Das Zimmer hatte westlichen Standard, lediglich die Heizung ging nicht, aber ich konnte meine wichtigsten Kleidungsstücke mit dem Haartrockner, den ich für mein schütteres Haar nicht brauchte, trocknen.

Am Morgen fand ich in einem gepflegten Frühstücksraum eine Mahlzeit vor, an die ich noch während der gesamten Reise durch die Ukraine dachte. Danach packte ich zusammen und wollte weiterziehen. An der Pforte winkte mir der Pförtner zu, der in der Nacht schon Dienst gehabt hatte. Natürlich hatte er noch viele Fragen, die ich aber gerne mit ihm besprach. Es konnte mir nichts Besseres passieren, als mich mit jemandem zu unterhalten, der mir etwas über Land und Leute auf Deutsch erzählen konnte. Erst um 10.30 Uhr kam ich von Nicolai, dem Wachmann, los. War mir aber egal, da ich dank der langen Tour am Vortag ja schon ein ordentliches Stück weit in der Ukraine war. Ob es auf der Straße wie am Abend zuvor so weiterging, interessierte mich mehr.

Das war allerdings zu meiner Erleichterung nicht so. Schon nach 15 km änderte sich alles wieder schlagartig. Die Straßen waren überwiegend okay, obwohl ich diesbezüglich auch schon große Abstriche gemacht hatte. Die Städtchen und Dörfer wurden wieder ansehnlicher, und man hatte den Eindruck, dass hier ein anderer Teil der Ukraine begonnen hatte. Auffallend war aber schon seit Überschreiten der Grenze, dass ich sehr viele Männer schon tagsüber betrunken durch die Gegend taumeln sah, ein Problem in dem Land, das mir auch während der letzten Etappe vor Kiew von einer Bekannten bestätigt wurde.

Nun führte mich mein Weg wieder ziemlich geradlinig in Richtung Osten, denn mein nächstes, größeres Etappenziel hieß Kiew. Mein Plan war eigentlich, am Schwarzen Meer entlang, über die Krim, nach Sotschi und dann nach Georgien zu fahren. Da die politische Lage auf der Krim zu dem Zeitpunkt aber sehr unsicher war, wollte ich zuerst nach Kiew, um mir dort auf der deutschen Botschaft Informationen zu holen, ob die Durchfahrt über die Krim überhaupt möglich war. Außerdem hatte ich eh vor, die Hauptstädte der einzelnen Länder, die ich durchfuhr, zu besuchen.

Diese Entscheidung war richtig, wie sich im Kapitel Georgien herausstellen sollte.

Nachdem ich die Karpaten, die im Norden langsam auslaufen, überquert hatte, wurde die Strecke wieder etwas ebener. Lange und breite Felder lagen vor mir, die ebenso lange, gerade Straßen durchquerten. Die riesigen Felder, die die unsrigen in Deutschland wie Kleingärten erscheinen lassen, waren alle gut bestellt. Da das Frühjahr erst begann, war die „Schwarzerde“, die als die fruchtbarste Erde der Welt bezeichnet wird, auf weiten Flächen gut zu erkennen. Landmaschinen mit riesigen Auslegern düngten und säten. Das Wetter war mir hold, und so fuhr ich durch eine herrliche Landschaft meine Tagestouren um die 100 km.

Die Übernachtungsmöglichkeiten machten mir abends öfter zu schaffen, es gab sehr wenige. Nur in größeren Städten fand ich mühelos Unterkunft. Zunehmend hatte ich jetzt auch Kontakt zu Ukrainern, da diese Gegend offensichtlich nicht unbedingt ein Touristenziel war und ich mit meinem bepackten Rad doch die Neugier der Menschen weckte. Die Verständigung war natürlich ein Problem, und ich schätzte das Bildungsniveau auf dem Land als nicht sehr hoch ein.

Hin und wieder begegnete ich aber auch Leuten, die mich überraschten. An einem Tag traf ich auf drei junge, sportlich gekleidete Ukrainer, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs in die nächste Stadt waren. Die junge Frau, die dabei war, studierte tatsächlich Deutsch und hatte sichtlich Spaß daran, es anzuwenden. Ich hatte Zeit und nahm mir diese gerne bei solchen Begegnungen. Auch abends war es nicht immer uninteressant. An einem Abend fand ich spät noch ein Zimmer, weit ab von meiner Route, in einem wirklich sehr kleinen Dorf. Eine Straße dorthin gab es nicht, nur einen sehr ausgefahrenen Feldweg, der mit Schotter, alten Dachziegeln und Backsteinen ausgebessert war. Das Dorf bestand aus ca. 15 kleineren Landwirtschaftsgebäuden und Häusern. Eines davon beherbergte einen Arzt, der eine kleine Praxis unterhielt, die er mir auch stolz präsentierte. Sein Spezialgebiet war, Menschen von Suchtproblemen aller Art zu heilen, hauptsächlich aber vom Alkohol, und er setzte dabei auf die Therapie der Darmspülung.

Ich versicherte ihm sehr schnell, dass ich null Probleme mit irgendeiner Art von Sucht habe. So kam ich um eine angebotene Anwendung herum.

Die Zimmer, die er zur Aufbesserung seines Lebensstandards vermietete, waren selbstgebastelt im Dachspitz des Hauses. Die Feuchtigkeit, die darin herrschte, war vermutlich der Grund für den modrigen Geruch, der mich auch veranlasste, einen sehr langen, ausgedehnten Spaziergang durch und um das Dorf zu machen. Dabei konnte ich einen ordentlichen Einblick in das einfache, schon fast primitive Leben der ukrainischen Landbevölkerung erlangen. Oft kopfschüttelnd und auch nachdenklich nahm ich zur Kenntnis, mit was sich diese Leute zufrieden geben und geben müssen, im Gegensatz zu unserer Welt, in der oft das Beste nicht mehr gut genug ist.

Spät abends legte ich mich in mein übel riechendes Bett und schlief ein. Mein letzter Gedanke war, was hier wohl zum Frühstück gereicht werden würde, das im Zimmerpreis von umgerechnet 8 Euro inbegriffen war.

Am Morgen machte mir die Frau des Hauses ein Frühstück, das aus einem süßlichen Brei, zwei Scheiben Brot und einer undefinierbaren, gelben Marmelade bestand. Den Doktor traf ich an dem Morgen nicht mehr, da er bereits seinen ersten Patienten versorgte. Bei dieser Zeremonie wollte ich ihn keinesfalls stören, ich schwang mich wieder auf mein Rad und strampelte in Richtung Schytomyr, wo ich bei einer Bekannten den ersten Besuch auf meiner Strecke machen wollte. Bekannte ist vielleicht etwas übertrieben, sie ist die Schwester einer Bekannten, die ich aus Deutschland kenne. Inna ist in Deutschland bei ihren ukrainischen Eltern aufgewachsen und zog, nachdem sie 18 geworden war, wieder zurück in die Ukraine. Inna ist bewundernswert, schon alleine deshalb, weil sie ein relativ sorgenfreies Leben in Deutschland aufgegeben hatte, um sich jetzt für einen sehr kleinen Lohn in einer sozialen Organisation, die von Spendengeldern lebt, um Familien zu kümmern, in denen der Vater dem Alkohol verfallen ist.

Schytomyr liegt etwa 140 km vor Kiew und ist eine beachtliche Stadt. Hier machte ich einen Treffpunkt bei einem amerikanischen Fast-Food-Restaurant mit Inna klar, weil ich dort auch WLAN hatte, sollte irgendetwas dazwischenkommen.

Ich war pünktlich am Treffpunkt, und Inna kam mit etwas Verspätung an. Nachdem sie mich in ihr Zimmer in der Mission gefahren hatte, das sie vor zwei Tagen noch selbst bewohnt hatte, machten wir uns gleich auf den Weg ins Zentrum. Die Stadt hatte einiges zu bieten, und ich war froh, eine so gute deutschsprachige Fremdenführerin zu haben. Ich erfuhr einiges über Land und Leute, über Verdienst, Miete und sonstige Kosten, die im täglichen Leben auf diese Leute zukommen, während wir zu Fuß ein Kloster, den Campus und eine Einkaufsmeile besuchten. Aus Inna sprudelte es wie aus einem Wasserfall, und ich hatte meine Mühe, so viel Input in meinem Kopf zu speichern.

Alles machte auf mich einen recht ordentlichen Eindruck, wenngleich es für mich unverständlich ist, wieso Inna dieses bescheidene Leben dem in Deutschland vorzog. Sie erklärte mir, dass sie diesem Land wie verfallen sei und ihre Arbeit als Sozialarbeiterin liebe. Das war für mich sehr beeindruckend. Das Leben in der Ukraine erschien mir alles andere als leicht, und Inna ist mit sehr viel weniger zufrieden als alle, die ich kenne.

Schließlich war es dunkel und auch Zeit zu essen. Meinem Wunsch entsprechend gingen wir in ein Restaurant, wo ausschließlich ukrainische Spezialitäten serviert wurden. Dies musste ich Inna nicht zweimal sagen, da sie natürlich so gerne ukrainisch isst, wie sie ihr Land liebt.

Die Speisen, die von Inna als Kennerin bestellt und aufgefahren wurden, kannte ich alle allesamt nicht, sie schmeckten aber hervorragend. Die Rechnung übernahm ich, für Inna viel Geld, mich dagegen brachte sie eher zum Schmunzeln. Nicht weil ich reich bin oder nicht aufs Geld schauen musste, nein, es war der kleine Betrag, den ich für erstklassiges Essen und Service bezahlen musste.

Ja und dann war es schon wieder so weit. Inna fuhr mich noch zu meinem Zimmer, und wir verabschiedeten uns. Ich hatte am nächsten Tag eine lange Strecke vor mir, da ich Kiew erreichen wollte.

Am Morgen erwartete mich herrliches Wetter mit leichtem Gegenwind. Die Strecke hatte nicht sehr viele Höhenmeter, aber dennoch lagen 140 km vor mir. Die Straße war sehr gut, glich eigentlich einer Autobahn, und auf dem breiten Seitenstreifen kam ich relativ gefahrlos gut voran. Am Spätnachmittag tauchte dann Kiew auf, das ich schon von weitem sehen konnte. Leider kam ich aber in den Feierabendverkehr, der stadtein- und stadtauswärts gleich stark war. Baustellen und Sperrungen machten die Durchfahrt zu einem kleinen Kunststück, doch die Autofahrer nahmen sehr viel Rücksicht auf mich und mein Gefährt. Meine Unterkunft, die ich gebucht hatte, lag vom Ortsschild noch ein ganz schönes Stück entfernt, und so zeigte mein Tacho 155 km, als ich die Satteltaschen abschnallte. Stolz und müde bezog ich mein Zimmer für drei Nächte in Kiew, nach mittlerweile 2364 gefahrenen Kilometern. Diese Pause konnte ich mir jetzt wirklich gönnen, da ich einen Tagesschnitt von 100 km hatte und eigentlich von 60 km ausgegangen war.

Allerdings war es bis hierher grenztechnisch noch sehr moderat abgegangen. Sorgen machte mir dagegen der nächste Grenzübergang. Ich befand mich immerhin in einem Land, in dem gerade Krieg herrschte. Dieser Gedanke begleitete mich schon einige Tage, spätestens seit dem Tag, als mich auf einer parallel zur Straße verlaufenden Bahnlinie ein sehr langer Zug, beladen mit Panzern und sonstigen Armeefahrzeugen, in Richtung Osten überholte. Ich war keine 700 km vom Krisengebiet Donezk und der Krim entfernt.

Der nächste Tag sollte etwas mehr Licht ins Dunkel bringen. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen lief ich die 5 km ins Zentrum der Stadt, um mir bei der deutschen Botschaft Informationen zu holen. Dort sprach ich mit einem deutschen Angestellten vor der Tür über mein Vorhaben, über die Krim zu reisen. Hinein durfte ich in das schwer bewachte und überwachte Gebäude nicht. Der Beamte erklärte mir nach einem Telefonat mit einem Bekannten, der in der Nähe der Krim Dienst tat, dass es sich so verhalte: Ich könne es probieren, über die Krim nach Sotschi zu fahren. Zu 50 % würde es klappen. Da die Krim aber von Russen besetzt sei, wäre es möglich, dass diese mich stoppten und nicht durchließen. Wenn ich dann zurückfahren müsse, würden die Ukrainer mir einen illegalen Ausreise- oder Einreiseversuch unterstellen. Dies würde mit Gefängnis oder Ausweisung bestraft werden.

Mit dieser Information, die sehr wachsweich war, stand ich nun da. Mach ich es, oder mach ich es nicht? Meine Entscheidung hatte noch ein paar Tage Zeit. Für mich war es aber belastend, da ich nicht gerne planlos unterwegs bin.

Sicher war, dass ich von Kiew aus noch drei Tagestouren in Richtung Odessa hatte, dann musste die Entscheidung fallen. Plan B war, geradeaus nach Odessa zu fahren, um von dort aus mit der Fähre nach Georgien überzusetzen. Also, dachte ich, genieß jetzt die zwei freien Tage und schau dir die Stadt Kiew genauer an, und das war gut.

Kiew hatte gar nichts mit dem Leben auf dem Land zu tun. Es gab schöne Plätze, Kirchen und feine Gastronomie. Am zentral gelegenen Platz der Unabhängigkeit pulsierte das Leben, wie in jeder großen Metropole in Europa. Von Entbehrung oder Angst wegen des Kriegs war hier nichts zu spüren.

Der 2. Tag galt der näheren Umgebung meiner Unterkunft, und auch hier in der Vorstadt war alles im grünen Bereich. Der Versuch, in einem Einkaufszentrum eine Sonnencreme für meine geschundene Nase zu bekommen, scheiterte jedoch kläglich. Ich vermutete aber, es lag nicht daran, dass es keine gab, sondern an meinen Sprachschwierigkeiten.

So sattelte ich also am Morgen des 29. 4. 2019 wieder mein Rad und fuhr los in Richtung Odessa. Die nächsten zwei Tage waren nicht besonders anstrengend, da ich wieder weites und relativ ebenes Ackerland vor mir hatte. Das bescherte mir bei schönem Wetter eine gute Fernsicht. Immer noch kämpfte ich mit dem Gedanken, über die Krim zu fahren. Spätestens in Uman musste ich mich dann entscheiden. Dort ging die Straße links weg in Richtung Osten. Der Abend und die Nacht in Uman brachte dann Klarheit. Am Morgen fuhr ich geradeaus Richtung Odessa, soll heißen, ich entschied mich für die sichere Variante, was sich in Georgien als richtige Entscheidung herausstellen sollte. Die andere Option wäre ein folgenschwerer Fehler gewesen, den ich im Kapitel „Georgien“ noch näher erklären werde.

Auf den letzten Etappen bis Odessa war mir das Wetter dann nicht mehr so hold. Nebel, Regen und Gewitter wechselten sich ab. Unterkünfte waren schwer zu finden, doch über eine ist es wert zu berichten.

Am Tag vor Odessa hatte ich eine lange Tour vor mir. Kräftiger, starker Gegenwind bremste mein Tempo gewaltig und forderte meine Muskulatur sehr. Gegen Abend lag vor mir erneut eine Gewitterfront. Der Himmel war so schwarz, dass er den Tag fast zur Nacht machte, als unerwartet am Straßenrand ein Hinweisschild auf eine Übernachtungsmöglichkeit stand. Allerdings ging es rechts weg in ein kleines Dorf, 5 km ab von meiner Route. Der nächste Ort, den es mir anzeigte, war 20 km entfernt, genau in der Richtung, wo die Gewitterwolken am tiefsten hingen.

Also entschied ich mich für das kleine Dorf rechts neben mir, auch wenn es ein Umweg war. Als ich dort ankam, war die aufgeführte Pension natürlich nicht zu finden. Es gab sie schon lange nicht mehr. Ich fragte trotzdem bei der angegebenen Adresse nach. Die Tochter des Hauses, die ein bisschen Englisch konnte, also genauso viel wie ich, erklärte mir, dass es die Zimmer zwar noch gebe, sie aber schon lange nicht mehr vermietet würden. An meinem enttäuschten Gesicht konnten sie und ihre Mutter aber meine Not ablesen. Sie boten mir ein halbwegs hergerichtetes Zimmer an. Mit Karte konnte ich in dieser einfachen Herberge jedoch nicht bezahlen, und das ukrainische Geld war mir ausgegangen. Die junge Frau machte mir verständlich, dass ich auch mit Euro bezahlen könne. Da mein kleinster Schein aber ein Hunderter war, hatten wir das nächste Problem. Erst als sie mir den Preis, umgerechnet in Euro, auf einen Zettel schrieb, machte sich bei mir Erleichterung breit. Das Zimmer kostete 2,50 Euro, und die hatte ich noch in klein in meiner Lenkertasche. Ich hatte zwar keine Ahnung, ob sie mit dem Kleingeld in der Ukraine jemals etwas anfangen können würde, aber sie war glücklich, und ich war es auch, denn wenig später machte Petrus seine Schleusen auf, und es begann sintflutartig zu regnen.

Am nächsten und letzten Tag vor dem Schwarzen Meer war dann wieder Kaiserwetter. Nach einem sehr steilen, langen Anstieg ging es gleichmäßig und stetig leicht den Berg runter, bis ich die Stadt Odessa erreichte. Die Landschaft war sagenhaft. Meine Blicke schweiften über saftige, grüne Wiesen und das Ufer eines Sees, der vor der Stadt lag. Ungeduldig radelte ich durch eine lange Vorstadt und durch das Zentrum, bis ich am Ufer des Schwarzen Meeres stand. Noch bevor ich eine Unterkunft hatte, wollte ich es sehen, und es enttäuschte mich nicht. Ich war so stolz auf meine Leistung, dass es mir zum ersten Mal die Tränen in die Augen drückte. Überwältigt vom Anblick des Meeres stand ich einige Minuten regungslos da und genoss den Moment, bis mich von hinten eine junge Frau ansprach und mich aus meinen Gedanken an zu Hause, aus meinen Emotionen riss.

Sie interessierte sich sehr dafür, wo ich mit meinem bepackten Rad herkam. Nachdem wir uns einige Zeit unterhalten hatten, bat ich sie, noch ein paar Bilder von mir und meinem Rad vor dem Hintergrund des Schwarzen Meers zu machen. Das tat sie gern. Als wir uns verabschiedeten, fragte sie mich, ob sie mich einmal berühren dürfe, da sie in ihrem Leben noch nie einen Menschen kennengelernt habe, der so eine Reise machte. Geschmeichelt sagte ich ja, sie legte ihre Hand auf meine Schulter, und im selben Moment spürte ich selbst, dass ich hier etwas total Verrücktes durchzog. Gleichzeitig hatte ich von nun an aber tatsächlich das Gefühl, dass ich kein Fahrradgreenhorn mehr war, sondern mir mein Reiseplan auch abgenommen wurde, nicht wie zu Beginn, als ich ständig nur ein leichtes Lächeln erntete, wenn ich darüber sprach. Dann zog ich weiter. Die Uferpromenade war perfekt. Ein riesiger Park entlang des Ufers führte mich auf einem guten Radweg schließlich zu einem Hostel, wo ich mich für die nächsten drei Tage einmietete.

Sicher war die Zahl der Übernachtungen nicht, da ich ja noch kein Ticket für die Überfahrt mit der Fähre nach Georgien hatte. Darum kümmerte ich mich gleich am nächsten Tag.

Im Internet schaute ich nach, wo ich das Ticket für die Überfahrt nach Batumi (Georgien) kaufen konnte. Das Büro der Reederei befand sich auf der anderen Seite der Stadt. So konnte ich auch gleich mit meinem Rad die Stadt erkunden. Es war das erste Mal, dass ich ohne Gepäck in einer Stadt unterwegs war, und ich musste feststellen, dass das eine Supersache war. Ich kam schnell und unkompliziert an jeden Ort, den ich sehen wollte, und es kostete mich keinen Cent.

Das Büro der Reederei fand ich sehr schnell mit Hilfe meiner Navi-App, die ich immer besser beherrschte. Problematischer stellte sich der Kauf des Tickets dar, da der Beamte als Zahlungsmittel nur die ukrainische Hrywnja anerkannte, ein Wort, das ich bis zum Tag meiner Ausreise aus der Ukraine nicht einmal fehlerfrei aussprechen konnte. Leider hatte ich nicht mehr so viel und musste zu einer Bank, um umzutauschen. 4350 Hrywnja, ungefähr 140 Euro, kostete mich das Ticket. Bei dieser Aktion hatte ich die größte Angst, dass der gute Mann vielleicht inzwischen Feierabend machen würde, denn es war Freitagmittag, und die Fähre legte am Sonntagmittag ab. Wann die nächste Fähre ging, konnte er mir nicht sagen. Als ich mit dem nötigen Cash ankam, saß er zu meiner Erleichterung noch an seinem Platz und verkaufte mir das begehrte Ticket.

Er erklärte mir das Eincheckprozedere genau und hatte dazu Bilder auf seinem PC gespeichert, von den einzelnen Häusern, wo ich mich melden sollte und die ich alle mit meinem Handy fotografieren musste. Zuerst fand ich es etwas lächerlich, es stellte sich aber am Sonntag als recht hilfreich heraus. Überglücklich, mit dem Ticket in der Hand, verließ ich das Gebäude und ging erst mal etwas Richtiges essen.

Den Nachmittag verbrachte ich in der Stadt, die zwei Gesichter hat. Zum einen ist die Altstadt mit ihren uralten und restaurierten Gebäuden wunderschön, im Zentrum befindet sich der prächtige Bahnhof mit umliegenden historischen Gebäuden, und fast an jeder Ecke gibt es groß angelegte Parks oder Grünanlagen mit tollen Abenteuerspielplätzen für Kinder. Zum anderen ist an der Uferpromenade eine Partymeile, die in mir den Verdacht weckte, ich sei am Ballermann. Los war aber um diese Jahreszeit noch nichts. Ich sah viele Männer und Frauen, die sich mit Putzen und Streichen auf die anstehende Saison vorbereiteten. In den Kneipen, die schon offen hatten, saßen vereinzelt ein paar Leute, bei denen sich die Stimmung noch in Grenzen hielt.

Den Abend ließ ich an einem Badestrand ausklingen. Ich hatte den Gedanken, Sotschi zu sehen, immer noch nicht ganz aufgegeben. Immerhin hatte ich ja ein russisches Visum in meinem Pass, das ich nur ungern verfallen lassen wollte. So verging die Zeit in der sehenswerten Stadt recht schnell. Sonntagmorgen war es so weit. Ich packte meine Sachen zusammen, die ich während meiner Zeit in Odessa gereinigt und zum Teil repariert hatte, verabschiedete mich von der Frau und dem Mann, die das Hostel leiteten, und erntete noch nebenbei von der Frau den Titel „Verrückter“.

Ich fuhr die 5 km bis zum Fährhafen gemütlich, da ich jede Menge Zeit hatte. Ich wollte es nicht stressig haben, zumal ich die Ukrainer bis dahin in ihrer Vorgehensweise als etwas kompliziert empfunden hatte. Tatsächlich kam ich vor dem Fährhafen an die Kurve, die ich zuvor fotografieren musste, und auch das erste Gebäude, wo ich mich melden musste, tauchte nach wenigen Metern auf. Hier war der erste Check des Tickets und gleichzeitig Sammelpunkt für Passagiere, die ohne motorisiertes Fahrzeug auf die Fähre gingen. Als der Kleinbus für den Transfer kam, musste ich mich erst mal ordentlich wehren, weil der Fahrer mich und mein Rad auch noch in dieses kleine Vehikel reinquetschen wollte.

Die nächsten 500 m fuhr ich gerne und kam danach zur nächsten Kontrollstelle. Ticket, Pass und Gepäckkontrolle fanden in einem Gebäude statt, das man von außen eher als Lagerschuppen eingeschätzt hätte. Mein Gepäck wurde durchleuchtet und danach von einem Schäferhund beschnuppert. Alles klar, ich konnte durch einen schmalen Gang den Schuppen wieder verlassen und stand auf einem riesigen Vorplatz, auf dem sich ein Lkw an den anderen reihte.

Noch als ich daran dachte, ob ich jetzt wohl so einfach ohne Anweisung und Aufforderung zur Fähre fahren konnte, kam ein riesiger Schaufellader mit einer noch riesigeren, alten, rostigen Schaufel dran. Der Fahrer gab mir durch Handzeichen zu verstehen, dass ich mein Rad mitsamt dem Gepäck in die Schaufel legen sollte. Normalerweise hätte ich ihm den Vogel gezeigt, was in diesem Fall natürlich nicht angebracht war.

Ich wiederum machte ihm mit Gestik klar, dass ich das auf keinen Fall machen würde. So einigten wir uns darauf, dass er vor mir herfuhr und ich ihm folgte. Er brachte mich bis kurz vors Schiff, wo ich nun zwischen den Riesen der Landstraße stand und auf ein Zeichen der Schiffsbesatzung wartete, dass ich einfahren konnte.

Es dauerte nicht lange und einer der Fährleute winkte mir hektisch zu, was wohl heißen sollte: „Gib Gas mit deinem Rad, wir haben noch andere, die aufs Schiff wollen.“ Ich schob mein Rad über die ausgefahrenen, aber stabilen Dielen, die Spalten hatten, durch die mein Fahrrad fast fallen konnte, ins Schiff. Einer wies mir einen Platz in der Nähe des Aufzugs zu und machte mir klar, dass ich mein Gefährt gut festzurren solle. Ich bezog meine Kabine, die ich als einer der Ersten auf dem Schiff noch leer vorfand.

Als ich von einem ersten Bordrundgang zurück zur Kabine kam, hatte sich jedoch noch ein sehr dicker georgischer Trucker in der Kabine einquartiert. Er gab mir freundlich zu verstehen, dass er mit seiner Figur auf gar keinen Fall in den 2. Stock des Etagenbettes komme, was ich auch anstandslos akzeptierte. Er war ansonsten nicht sehr gesprächig, und das waren auch so ziemlich die einzigen Worte, die wir auf der zweitägigen Überfahrt miteinander redeten.

Das Schiff verfügte nicht über sehr viele Ablenkungsmöglichkeiten. So fand ich mich in der kleinen Bar wieder, die sich am Rande des Raumes lag, wo die Mahlzeiten zu genau festgelegten Zeiten eingenommen wurden.

An dieser Bar deckten sich auch die ganzen Trucker, die nach und nach eintrudelten, mit sehr viel und starkem Alkohol ein, den sie aber überwiegend in ihren Kabinen konsumierten. Unter allen Passagieren, mindestens 97 % von ihnen Lkw-Fahrer, waren aber auch ein paar Weltenbummler, die sich nach und nach ebenfalls an der Theke der Bar einfanden.

Ein guter Zeitpunkt, um sich kennenzulernen, und ich musste feststellen, dass nicht nur ich einen verrückten Traum lebte. Da war zum einen eine junge Frau, die sich irgendwo in Sibirien ein Pferd mieten oder kaufen wollte, um damit um einen großen See zu reiten, zwei junge Kerls, die schon seit Jahren ihren Urlaub damit verbrachten, in großen Städten im Osten die Fußballstadien zu besichtigen, ein älteres Ehepaar aus Kanada, das drei Monate im Jahr in der Weltgeschichte rumreiste und last, but not least ein weiteres älteres Ehepaar, das mit dem Wohnmobil wohl schon den ganzen Osten einschließlich Orient bereist hatte. Also, für Gesprächsstoff war gesorgt, und so bemerkten wir gar nicht, wie die Leinen gelöst wurden und sich das Schiff langsam vom Festland in die mittlerweile dunkle Nacht hinaus ins Schwarze Meer schob.

Ukraine ade, Georgien, ich komme …


Dorfleben in der Ukraine.


Angekommen in Kiew.


Endlos lange Straßen mit ordentlichen Steigungen.


Geschafft. Ankunft in Odessa am Schwarzen Meer.


Auffahrt zur Fähre nach Batumi (Georgien).

Kapitel 9

Wunderschönes Georgien

Das Schiff, auf dem ich das Schwarze Meer überquerte, hatte den sehr deutschen Namen „Greifswald“, was mich wunderte. Deshalb stellte ich Recherchen an.

Die Greifswald wurde in Rostock 1988 gebaut und war zunächst als Eisenbahnfähre zwischen der ehemaligen DDR und der Sowjetunion in der Ostsee eingesetzt. 1994 wurde die Fährverbindung eingestellt, da es die DDR nicht mehr gab. So wurde das Schiff umgebaut und ans Schwarze Meer verlegt, was mir zugutekam, da auf dem Schiff alles in Deutsch angeschrieben stand. Die Überfahrt war ruhig und entspannend, es gab ja mit den anderen Weltenbummlern genügend zu besprechen. An Bord ging es eher etwas militärisch zu, zumindest was die Essenszeiten betraf, die lautstark über alle Bordlautsprecher durchgegeben wurden.

Ein Zuspätkommen hatte zur Folge, dass dieses Essen an dir vorüberging, da nichts nachgereicht wurde. Das machte mir aber nichts aus, weil ich ja eh nichts anderes zu tun hatte. Meine Reiseberichte und Tageseintragungen waren auf dem Laufenden, und WLAN gab es an Bord nicht. Während der Zeit auf der Fähre hatte ich also keine Verbindung nach Hause.

Das Schiff fuhr am ersten Morgen ziemlich dicht an der Halbinsel Krim vorbei, und in mir wurden wieder die Gedanken wach, wie es wohl wäre, wenn ich jetzt über die Krim radeln würde.

Wenn, wenn wenn, ich befand mich jetzt aber auf der Fähre nach Batumi (Georgien) mit ca. 100 Lkw-Fahrern, die gerne ein Gläschen zu sich nahmen, einem Haufen Eisenbahnwaggons und 2 Händen voll Weltenbummlern. So verging der 2. Abend an Bord eigentlich auch recht schnell. Mit meinem Zimmerkollegen hatte ich ebenfalls keine Probleme, und ich schaute gespannt der Ankunft in Georgien entgegen.

Am Mittag des 2. Tages standen so ziemlich alle Reisenden an Deck und hielten Ausschau nach Delfinen, die sich von Zeit zu Zeit mit einem kräftigen Sprung aus dem Wasser zeigten. Gleichzeitig suchte aber auch jeder ungeduldig den Horizont nach den ersten Umrissen von Georgien ab. Von weitem müsste man es eigentlich sehen können, dachten wir, da rechts in Fahrtrichtung der kleine und links der große Kaukasus mit seinen über 5500 m hohen Bergen lag.

Am Spätnachmittag war es dann so weit. Nach ca. 40 Stunden auf dem Schwarzen Meer wurden die ersten Umrisse der Berge sichtbar und wenig später die ersten hohen Gebäude der Stadt Batumi. Als wir der Stadt und dem Hafen immer näher kamen, war ich doch etwas irritiert. Eine solche Skyline hatte ich hier nicht erwartet. Sehr viele Hochhäuser prägten den Anblick dieser Stadt, und wer vermutet, dass es sich um normale Wohnsilos handelte, der liegt falsch. Architektonische Leckerbissen machten unter den Augen der Erstbesucher dieser Stadt ihre Aufwartung. Erst später bekam ich mit, dass diese Stadt auch den Beinamen „Dubai des Schwarzen Meeres“ trägt. Die Einfahrt in den Hafen dauerte eine kleine Ewigkeit, oder es kam mir nur so vor. Es wurde langsam Abend, und ich hatte noch keine Unterkunft, keine Ahnung also, wo ich heute Nacht schlafen würde.

Als das Schiff endlich festgemacht hatte, begann das übliche Prozedere. Die Zollbeamten kamen an Bord und hatten in der Messe ihre Laptops aufgebaut. Die Lkw-Fahrer versuchten sich vorzudrängeln, doch der Zoll nahm zu meiner Freude zunächst alle anderen Passagiere dran. Ebenfalls zu meiner Freude gab es keine Gepäckkontrolle, ein kurzes Gespräch über Sinn und Zweck des Aufenthaltes, und schon war der Stempel von Georgien in meinem Pass, gefolgt von dem freundlichen Spruch der Grenzbeamtin: „Welcome to Georgia.“

Ich fuhr mit dem Aufzug runter zur Transportebene und erschrak erstmal. Als ich in Odessa mein Rad an eine dicke Leitung gebunden hatte, war die Ladeebene noch vollkommen leer gewesen.

Nun war der ganze Platz voll mit Eisenbahnwaggons, die nur einen minimalen Abstand zur Außenwand hatten. Fahrrad bepacken und rausfahren oder schieben, das ging nicht. Also alles einzeln vortragen. Die Laderampe war jedoch noch nicht runtergefahren, und so packte ich schon mal alles auf mein Rad und wartete, bis sich etwas bewegte. Es tat sich aber nichts, und mich und das Festland trennten ca. 80 cm Höhenunterschied und ein Schritt. Also nahm ich es selbst in die Hand, stellte mich auf die Rampe und zog mein vollbepacktes Rad alleine über dieses letzte Hindernis. Die daneben stehenden Hafenarbeiter machten nicht den Anschein, als wollten sie mir helfen. Schweißgebadet hatte ich es geschafft und fuhr immer noch etwas verunsichert aus dem Hafengelände. War es das wirklich, ganz ohne Gepäckkontrolle und ohne weitere Grenzkontrolle? Es war so und mittlerweile bereits 22 Uhr.

Ideale Zeit, um in einer großen, fremden Stadt ein Zimmer zu suchen.

Die Hafengegend stellte sich nicht gerade freundlich und einladend dar. Dunkle Gestalten standen auf der Straße herum, und an den Häusern nagte schon schwer der Zahn der Zeit. Dieses Bild passte so gar nicht zu dem Anblick der Skyline, den ich vom Schiff aus gehabt hatte. Schließlich kam ich dann aber doch an ein ordentlich aussehendes, kleines Hotel und mietete mich für die nächsten 3 Tage ein.

Der folgende Morgen warf ein besseres Bild auf diese Stadt und auf das neue Land, in dem ich mich befand. Ich zog zu Fuß los, um mir die Stadt anzusehen, die vom Schiff aus so viel versprochen hatte. Ich war angenehm davon überrascht, was ich vorfand. Schöne Gebäude, eine unwahrscheinlich lange und breite, sehr schön angelegte Uferpromenade, die jede Art von Freizeitsport möglich machte. Die Restaurants boten sehr gute, deftige, georgische Speisen an, und das Leben schien in diesem Land nicht viel von dem unseren abzuweichen. Den Plan, doch noch nach Sotschi zu kommen, hatte ich noch immer im Hinterkopf. Deshalb ging ich in eines der Tourist-Info-Büros, die es hier in reichlicher Zahl gab, und genau hier und an diesem Morgen erfuhr ich, warum meine Entscheidung in der Ukraine, nicht über die Krim zu fahren, richtig gewesen war.

Hier in Batumi gab es 3 Möglichkeiten, nach Sotschi zu kommen.

1 Ich konnte mit der Schnellfähre von Batumi nach Sotschi fahren. Das wäre auch recht günstig und schnell gewesen. Dieser Fährbetrieb war aber schon vor einiger Zeit wegen politischer Spannungen mit Russland eingestellt worden. Das Schiff liege aufgebockt im Hafen, wurde mir erklärt, was ich später noch sehen konnte.

2 Ich konnte nach Sotschi fliegen. Um darüber Infos zu bekommen, fuhr ich mit dem Rad extra raus zum Flughafen und musste erfahren, dass es keinen Direktflug gab und dass der Flug ins ca. 300 km entfernte Sotschi mich 650 Euro gekostet hätte. Dies war es mir nicht wert, und so blieb nur noch die letzte Möglichkeit.

3 Ich konnte mit dem Rad an der Küste entlangfahren.

Von hier an begann dann die große, politische Aufklärungsstunde. Die nette Dame erklärte mir, dass zwischen Batumi und Sotschi der kleine Staat Abchasien liegt, der eigentlich zu Georgien gehört, aber lieber autonom sein möchte. Völkerrechtlich wird Abchasien von nicht vielen Ländern dieser Erde als eigener Staat anerkannt. Wie auch immer, für mich war die Sache aber so, dass, wenn ich über diesen Landstreifen gefahren wäre, ob jetzt von Batumi aus oder von der Krim kommend, mir Georgien bei meiner Rückkehr die Einreise verweigert hätte. Also, alles richtig gemacht. Georgien war mir wichtig, da ich ja Ende des Monats meinen Freund Peter in Tiflis treffen wollte, und das wäre anderenfalls gründlich in die Hose gegangen.

Nun hatte ich Hausaufgaben zu erledigen. Ich war nur runde 400 km von Tiflis entfernt und hatte noch fast 4 Wochen Zeit, bis Peter kam. Das war schon lange vor meiner Abfahrt so besprochen und gebucht. Peter hatte gute Bekannte in Tiflis, die ihm versichert hatten: Wenn dein Kollege mit dem Rad nach Tiflis kommt, dann gibt es ein großes georgisches Fest. Aber was sollte ich so lange machen? Für die 400 km hätte ich trotz der Berge maximal 5 Tage gebraucht. Es musste also eine Ausweichroute her. In die benachbarte Türkei wollte ich nicht fahren, und in den im Osten liegenden großen Kaukasus zog es mich auch nicht wirklich. Also blieb nur Armenien übrig, wofür ich mich dann auch entschied. Mein neues Ziel für die nächsten drei Wochen war geboren. Von Batumi durch den kleinen Kaukasus nach Jerewan in Armenien, von dort aus an den Sevansee, der am Rande von Bergkarabach liegt, und schließlich wieder zurück nach Georgien in die Hauptstadt Tiflis. Nachdem dies feststand, verbrachte ich noch ein paar erholsame Stunden in der interessanten Stadt Batumi, in der es viel zu sehen gab.

Am Morgen des 10. 5. machte ich mich dann also bei herrlichem Wetter wieder auf den Weg, der mich durch ein stetig ansteigendes Tal in Richtung Goderdzi-Pass führte. Ich genoss die wunderschöne Landschaft, die hier schon kräftig im Frühjahrsmodus war. Die Bäume blühten herrlich, und die Wiesen waren saftiggrün. Die ländliche Gegend war erwartungsgemäß nicht ganz so fortschrittlich wie Batumi, und je näher ich dem Pass kam, desto ärmlicher wurde es.

Noch am Fuß des Passes kam ich durch ein kleines Dorf, in dem ich drei alte Männer auf der Dorfbank vor dem Rathaus antraf. Sie baten mich, bei ihnen zu rasten, und ich hatte wieder einmal Glück. Einer von ihnen hatte früher über 20 Jahre in Deutschland gearbeitet und sprach sehr gut Deutsch. Sie waren sehr freundlich und interessiert an meiner Reise. Ich unterhielt mich gut eine halbe Stunde mit den dreien, von denen einer christlichen und zwei muslimischen Glaubens waren. Mir wurde aber versichert, dass das in dieser Gegend hervorragend klappe, worin sich alle einig waren. Worin sie sich nicht einig waren, war die Entfernung zur Passhöhe. Während die Muslime meinten, dass es noch 15 km so steil den Berg hoch gehe, glaubte der Christ an 14 km.

Eine Aussage, die mich nicht glücklicher machte, da ich bis zu diesem Ort mein Fahrrad eher schob, weil die Steigung ein Fahren nicht immer möglich machte. Außerdem konnte man die Straße von nun an auch nicht mehr als Straße bezeichnen. Die harten Winter in dieser Gegend hatten den ehemals asphaltierten Belag zerfressen und aufgesprengt. Vom Asphalt war nur noch schemenhaft etwas zu sehen.

Weiter ging es nach dieser schönen Begegnung mit Einheimischen, und der Weg wurde immer steiler. Schließlich kam ich an einem Skigebiet vorbei, wo gerade für überwiegend reiche, russische Gäste ein komplett neues Dorf mit Liftanlagen und allem Drum und Dran aus dem Boden gestampft wurde. Ich erzählte dies später einem Georgier und glaubte nicht, dass reiche Russen auf dieser Straße zu dem Skigebiet fahren würden. Er erklärte mir, dass die alle mit dem Hubschrauber kämen, was natürlich wiederum Sinn machte.

Ab hier gab es dann auch kein ordentliches Flussbett mehr. Das Schmelzwasser, das in Strömen den Berg runterkam, suchte sich seinen Weg selbst, und das war oft der Weg, auf dem ich mein Fahrrad schob. An zwei Stellen war es so steil, dass ich mein Gepäck abschnallen musste, hochtragen und dann das Fahrrad holen. Endlich war es geschafft. Inmitten von schnell abtauenden Schneemengen stand ich am Gipfelwegweiser und konnte lesen, dass ich mich von 0 auf 2025 m Höhe gekämpft hatte. Ein Schrei der Erleichterung, aber auch ausgelöst von anderen Emotionen, ging durch meine Kehle. Bei herrlichem Wetter und sagenhafter Weitsicht genoss ich den Blick, den ich bis zum großen Kaukasus hatte.

Dann die Abfahrt, den Lohn für den stundenlangen Anstieg abholen! Leider war die Straße auf der Seite des Berges nicht wirklich besser, und ein vorsichtiges und konzentriertes Abfahren war angesagt. Auf der anderen Seite traf ich ein Pärchen, das mit dem Motorrad von Deutschland aus hier war. Die beiden bereiteten mich auf zwei Bachüberquerungen vor. Die hatte ich mir allerdings nicht so vorgestellt, wie ich sie dann wenig später vorfand. Das Schmelzwasser kam links vom Berg runter, überquerte den Weg in einer Höhe von ca. 30 cm und stürzte neben dem Weg ins Tal. Keine Chance, diese Stellen trockenen Fußes zu überqueren. Also, Zähne zusammenbeißen, mit dem Fahrrad durchrennen und aufpassen, dass ich nicht im losen Kies stecken blieb.

Es funktionierte, auch wenn diese halbe Minute, die es dauerte, ausreichte, um meine Füße fast taub zu machen. Das Wasser war derartig kalt, dass ich die nächste Stunde meine Füße nicht mehr spürte. Bevor ich am Abend bei Leuten in einem Städtchen privat unterkam, traf ich noch einen Thailänder, der mit seinem Fahrrad unterwegs zum Nordkap war. Er konnte schon 5 Monate Reisezeit vorweisen. Schade, dass es noch zu früh war zum Übernachten. Er wollte noch mindestens hoch zum Pass, sonst hätten wir an Ort und Stelle zusammen gecampt.

Auf meiner weiteren Route sah ich dann die Schmelzwasserbäche zu einem enormen Fluss anwachsen, Wasser, auf das ich auf meiner weiteren Strecke immer wieder einmal traf, bis es als Fluss Kura ins Kaspische Meer floss. Weiter ging die Reise durch die georgischen Städte Aspindza und Ninotsminda. Das waren auch gleichzeitig die letzten vor Armenien.

Ninotsminda lag bereits wieder auf 1930 m Höhe und war mit ordentlichem Gegenwind im Hochland eine weitere sportliche Herausforderung. Oft musste ich lange nach einem halbwegs windstillen Platz suchen, um mir mein Mittagessen mit meinem Gaskocher zuzubereiten. Zudem war der Wind auch wieder etwas frischer geworden. Die Bäume wurden mittlerweile mein Höhenmesser. An ihnen konnte ich jetzt erkennen, auf was für einer ungefähren Höhe ich mich befand. Das Leben hier oben war von Armut geprägt, doch die Leute machten mit dem, was sie hatten, einen recht zufriedenen Eindruck.

Der letzte Morgen, den ich noch zum Teil in Georgien hatte, brachte mich aber dann doch auf den Gedanken, dass ich nun am Ende der Welt angelangt war. Eine Straße, wie ich sie noch nicht erlebt hatte, führte zur höchstgelegenen Grenze meiner bisherigen Reise. Auf dieser Straße, die Löcher und Mulden hatte, in denen ganze Autos verschwanden, quälten sich schwer beladene Sattelzüge, die beim Durchfahren der Löcher auseinanderzubrechen drohten. Es war unglaublich, das mit anzusehen, und meine Hoffnung bestand darin, dass es nach der Grenze wieder besser weitergehen würde. Das Grenzgebäude war in dieser Hochebene von weitem zu sehen und machte im Gegensatz zu den Häusern der Umgebung einen recht ordentlichen Eindruck. Der Grenzer blickte mich in seinem Häuschen erstaunt an, als er mich mit meinem Rad kommen sah. Nach den üblichen Fragen ließ er mich aber anstandslos passieren, da ich nach Armenien visumfrei einreisen durfte. Ich befand mich auf über 2000 m Höhe und in meinem 7. Land.


Ankunft in Batumi (Georgien).


Passhöhe Goderdzi.


Die Landschaft in Georgien ist fast unschlagbar.


Nicht weit von der Grenze zu Armenien (aber auch zur Türkei).

Kapitel 10

Armenien, klein und stolz

Armenien ist nicht besonders groß und ich denke, auch nicht besonders reich. Das machte sich gleich nach der hochgelegenen Grenzstation bemerkbar. Die Straßen waren zwar etwas besser, sie als gut zu beschreiben, wäre aber übertrieben. Mein Weg führte mich über die Stadt Gyumri nach Jerewan, die Hauptstadt von Armenien. Gyumri war die erste Stadt, die ich nach der Grenze erreichte, und ich war sehr begeistert vom Stadtkern. Schöne Plätze, Einkaufsmeilen und Kneipen luden mich ein, hier nach den anstrengenden Bergetappen einen Tag Pause zu machen. Mit der Zeit hatte ich kein Problem, ich lag meinem Zeitplan bereits wieder voraus. Das Wetter war schön, und ich fand ein gutes Bett mitten im Zentrum.

Diesen Tag genoss ich sehr, und obwohl ich eigentlich nicht unbedingt ein Museumsfan bin, schaute ich mir ein Museum über Geschichte und Brauchtum der Armenier an. Es war sehr interessant, zumal weit ab von meiner Heimat sogar eine Singer-Nähmaschine ausgestellt war.

Die Fahrt nach Jerewan war dann eigentlich eher eine Abfahrt. Ein paar kleinere Anstiege und schon ging es zügig voran in die Hauptstadt. Da es noch recht früh am Tag war, als ich mitten im Zentrum stand, gab ich mir nur eine halbe Stunde Mittagspause und fuhr danach noch einige Kilometer in Richtung Sevansee, um schon ein paar Höhenmeter hinter mir zu haben. Jerewan liegt etwa 1000 m tiefer als der Sevansee. Nach weiteren 15 km steil bergauf war die Luft raus, und ich nahm mir in einer Pension ein Zimmer. Schließlich wollte ich mir am nächsten Tag die Hauptstadt ansehen und musste das Ganze ja zurückfahren. Die Besichtigungsfahrt mit dem Rad war dann eher wieder ein Trainingstag. Zwar ging es in die Stadt nur bergab, dafür bestand das Stadtgebiet aus mehreren Schluchten und Hügeln.

Einen ebenen Fleck gab es nur im Regierungsviertel, wo man auch die schönsten Plätze und Gebäude besichtigen konnte. Auffallend war, dass die Geschäfte und die Gastronomie hier am Morgen sehr schleppend in die Gänge kamen. Es war bereits 11 Uhr, bis sich die Stadt langsam zu füllen anfing. Da war ich schon fast fertig mit meiner Besichtigung. Am Mittag traf ich dann noch eine schwäbische Reisegruppe, die mir fast nicht glauben wollte, dass ich mit dem Rad hier war.

Zurück in meiner Unterkunft verpflegte ich mich mit einem Vesper auf meinem Zimmer und verfolgte per WhatsApp, wie Bayern zum wiederholten Male Deutscher Meister wurde.

Dann ging es weiter an den Sevansee. Es hatte in der Stadt einen ersten heißen Tag mit 30 Grad gegeben, und diese Wärme spürte man immer noch.

Je höher ich aber kam, desto kühler wurde es, und das Wetter schlug um. Als ich am Mittag den Sevanseee erreichte, war es noch schön, obwohl vom Westen her dicke Wolken heranflogen.

Die Suche nach einem Zimmer verlief schnell. Die meisten Hotels am See hatten noch geschlossen, da um diese Jahreszeit noch nicht viel los war. Also musste ich nehmen, was ich bekam. Eigentlich kein Problem, aber die Unterkunft war mitten in der Pampa, und meine Vorräte waren aufgebraucht. Als ich mir etwas besorgen gehen wollte, begann es zu regnen, wie ich es lange nicht gesehen hatte. Daher war Zimmerparty angesagt, mit einem kleinen Pack Nudeln, einer kleinen Dose Soßenkonzentrat und drei Bier, die ich an der Rezeption ergattern konnte.

Nach dem Essen versorgte ich noch meine Schürfwunden, die ich mir bei einem leichten Sturz beim Überqueren einer Fahrbahn zugezogen hatte, ein blöder Sturz, den ich mir leicht hätte ersparen können. Ich wollte schnell über eine zwei- spurige, vielbefahrene Straße kommen, schob mein Rad kräftig an und wollte dann elegant aufs Rad springen. Dabei blieb ich mit meinem rechten Bein an meiner Gepäckrolle hängen und fiel nach links auf die Straße. Das muss lustig ausgesehen haben, mir tat es aber sehr weh. Die vorbeifahrenden Autos nahmen von mir wenig Notiz, als ich da, bedeckt mit meinem eigenen Rad, mitten auf der rechten Fahrbahn lag.

Nun, Gott sei Dank war nicht mehr passiert, und mit den paar Schürfwunden, die ich an Knie, Oberschenkel und Ellenbogen hatte, konnte ich gut leben.

Am nächsten Morgen war dringend Geldwechseln angesagt. Leider schüttete es immer noch wie aus Eimern, und zum ersten Mal zog ich meine komplette Regenkleidung an, um halbwegs trocken ins 5 km entfernte Städtchen Sevan zu kommen. Dort betrat ich eine Bank, in der ca. 50 Leute vor den Schaltern warteten. Als ich eintrat, war es, als ob in den Wildwest-Filmen ein Fremder einen Saloon betritt. Auf einmal war alles still, und unzählige Augen wurden auf mich gerichtet.

Wow, dachte ich, das kann ja hier eine Zeit lang dauern. Doch als sich die Leute wieder ihren Tagesgesprächen widmeten, sprach mich ein Mann an, ob ich Geld wechseln wolle. Ah, ich hatte einen kleinen Hellseher getroffen. Er erklärte mir, dass sich der Schalter zum Geldwechseln ganz hinten befinde. Das war ein hilfreicher Hinweis, und so war mein Problem mit dem Geld schnell gelöst, da ich der Einzige war, der Geld wechseln wollte.

Das Problem mit dem Regen war jedoch noch nicht gelöst. Aber ich dachte mir, dass mich so ein Regentag auf keinen Fall aus dem Gleichgewicht bringen konnte, und radelte weiter in der Hoffnung auf Wetterbesserung. Ich hatte mir vorgenommen, in drei Etappen um den See zu fahren. 220 km lagen vor mir, die geprägt von Regen, starkem Gegenwind und wenig Sonnenschein waren. Der See und die Landschaft drumherum standen unter Naturschutz, und ich vermutete ein sauberes Ufer und Umland. Leider war das nicht der Fall. Was die Armenier unter Naturschutz verstehen, bleibt für mich ein Geheimnis. Nur zu oft kam ich an Uferstellen vorbei, an denen Unmengen von Treibgut und abgeladenem Müll, bestehend aus Plastikflaschen und sonstigem Unrat, zu sehen war. Die kleinen Ortschaften rund um den See machten einen ärmlichen Eindruck. Die einzige Einnahmequelle schien hier der Tourismus zu sein, der aber, bedingt durch die hohe Lage des Sees, nur einen kurzen Zeitraum im Jahreskalender stattfinden kann.

Nach einer erstklassigen und einer furchtbaren Übernachtung kam ich am 3. Tag der Umrundung mit gemischten Gefühlen wieder in Sevan an. Es ist eigentlich ein sehr schöner See, der wirklich sehenswert ist. Jedoch könnte hier viel mehr gemacht werden, wenn man wollte. Vor allem müsste die Vermüllung unter Strafe gestellt werden, um dieses Naturschutzgebiet attraktiv zu halten.

Am Morgen des 23. 5. 2019 trat ich dann wieder in die Pedale und nahm die letzten 270 km durch die Berge des kleinen Kaukasus nach Tiflis in Angriff. Eine steinige, unbewaldete Berglandschaft war auf dieser Höhe mein Begleiter, doch alles andere als uninteressant.

Das Wetter besserte sich, und nur abends, wenn ich meine Tagesziele erreicht hatte, begann es meist zu regnen. An Wasser konnte hier kein Mangel sein. Aus allen Ritzen der Berge sprudelten Quellen und Bäche. Die Strecke war sehr schön, und die Leute waren nett. Einzige negative Erfahrung, die ich machte, waren zwei Tunnels mit einer Länge von ca. 2 km, die ich durchfahren musste. Beide Tunnels waren unbeleuchtet und hatten keinen Zentimeter Platz zwischen Fahrbahn und Tunnelwand. An der Einfahrt standen zwei Tunnelwächter, die penibel meine Beleuchtung kontrollierten. Die zwei hätte ich eigentlich nicht gebraucht, denn unbeleuchtet wäre ich niemals durch diese Tunnels gefahren. Stattdessen hätte ich so lange gewartet, bis mich ein Lkw mitgenommen hätte. Es war auch mit meiner Beleuchtung ein Himmelfahrtskommando, das ich mit Angstschweiß gottlob gut überstanden habe. Zum Glück ging es in beiden Tunnels leicht bergab, und so konnte ich den hinter mir fahrenden, uralten Lkw gut vorausfahren.

Am letzen Abend in Armenien übernachtete ich nochmals in einem kleinen Dorf unweit der Grenze zu Georgien bei einer netten Familie. Der Sohn des Hauses hatte aus sämtlichen Materialien, die es gab, zumeist Schrott, verschiedene Zimmer auf dem riesigen Grundstück, das er sein Eigen nannte, gebastelt. Ich war begeistert von seinen Ideen und seiner Kreativität, wenn auch alles noch nicht fertig war. Eigentlich war es ein Chaos, das noch sehr viel Arbeit brauchte. Zudem unterhielt er einen kleinen Streichelzoo mit unzähligen Tieren, was von den Einheimischen an den Wochenenden gerne angenommen wurde.

Der Abend war eine Bereicherung für mich, da ich den Stolz dieser Menschen auf ihr Land kennenlernen konnte. Aus nichts etwas machen, darin liegt unter anderem ihre Stärke. Ich unterhielt mich noch sehr lange mit Hovik, mit dem ich auch heute noch per WhatsApp in Kontakt stehe.

Der nächste Tag brachte mich dann wieder zurück nach Georgien. Auf einer wunderschönen, neuen Straße fuhr ich bis zur Grenze, die ich am 25. 5. 2019 gegen 11 Uhr überquerte. Mein Endziel hieß Bolnisi, die letzte Station vor Tiflis.

Danke, Armenien, für ein paar wunderbare Tage in diesem kleinen, aber schönen Land.


In der Hochebene zwischen Georgien und Armenien

bist du mit dem Pferd oft besser dran.

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338 p. 98 illustrations
ISBN:
9783991079903
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