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Peter Rosegger

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066111618

Inhaltsverzeichnis

Erster Sonntag im Jahre 1897

Zweiter Sonntag

Dritter Sonntag

An Herrn Professor Simruck

Vierter Sonntag

Fünfter Sonntag

Sechster Sonntag

Siebenter Sonntag

Achter Sonntag

Neunter Sonntag

Zehnter Sonntag

Elfter Sonntag

Zwölfter Sonntag

Dreizehnter Sonntag

Vierzehnter Sonntag

Fünfzehnter Sonntag

Sechzehnter Sonntag

Siebzehnter Sonntag

Achtzehnter Sonntag

Neunzehnter Sonntag

Zwanzigster Sonntag

Einundzwanzigster Sonntag

Zweiundzwanzigster Sonntag

Dreiundzwanzigster Sonntag

Vierundzwanzigster Sonntag

Fünfundzwanzigster Sonntag

Sechsundzwanzigster Sonntag

Am Tage Peter und Pauls

Siebenundzwanzigster Sonntag

Achtundzwanzigster Sonntag

Neunundzwanzigster Sonntag

Dreißigster Sonntag

Einunddreißigster Sonntag

Zweiunddreißigster Sonntag

Dreiunddreißigster Sonntag

Vierunddreißigster Sonntag

Fünfunddreißigster Sonntag

Sechsunddreißigster Sonntag

Siebenunddreißigster Sonntag

Achtunddreißigster Sonntag

Neununddreißigster Sonntag

Vierzigster Sonntag

Einundvierzigster Sonntag

Zweiundvierzigster Sonntag

Dreiundvierzigster Sonntag

Vierundvierzigster Sonntag

Fünfundvierzigster Sonntag

Sechsundvierzigster Sonntag

Siebenundvierzigster Sonntag

Achtundvierzigster Sonntag

Neunundvierzigster Sonntag

Fünfzigster Sonntag

Einundfünfzigster Sonntag

Zweiundfünfzigster Sonntag

Erster Sonntag im Jahre 1897

Inhaltsverzeichnis

In der Zusen, am ersten Sonntage im Jahres des Heils 1897.

Daß euch derrr Kuckuck hol’!

Sothanen Gruß zuvor, teure Freunde, und nun lachet, lachet — lachet!

Lang ist es her! sang der Alte vor unseren hofseitigen Fenstern. Ich hatte ihn nie verstanden. Zwei Ewigkeiten en miniature waren die ersten zwei Tage dieses Jahres. Der dritte hat überhaupt noch kein Ende genommen. Wenn aber das merkwürdige Jahr, das nun begonnen, jemals aufhören sollte, was nach menschlicher Berechnung doch immerhin wahrscheinlich ist, dann werde ich lachen, ihr Herren! Und mein Lachen wird euch Posaunenschall des jüngsten Gerichtes sein, falls ihr eine Ahnung habt, was damit gesagt ist.

Meine aktuelle Stimmung ist allerdings etwas weit vom Lachen abgelegen. Sechs Jahre lang hatte ich gemeinsam mit euch unter Feder und Schere emsig den Beruf verfehlt; nun ich ihn mutterseelen allein mit dem Wanderstecken suche, wird er hoffentlich bald in Sicht kommen. Und in der nächsten Sylvesternacht tauche ich eueren Augen furchtbar auf, mit Zipfelmütze und Heugabel. Keine Stunde diene ich nach, und sollte jetzt der halbe Januar vergehen, ehe ich’s bin. Bemühen? Redlich. — In der Zusen heißt das Nest, wo ich am Wirtshaustisch euch Trauernden die erste Kunde schreibe. Aus zwei Bauernhöfen bin ich gestern bereits hinausgeworfen worden. Heute ist Ruhetag — Auf meine höfliche Anfrage im ersten Hofe hieß es: „Ei schau! Im Sommer wachsen die Kirschen und im Winter die Vagabunden! Das glaub’ ich, daß die Herrschaften um Neujahr gern ein warmes Nest und eine volle Schüssel haben möchten. Nachher, wenn der Schnee weggeht, gehen sie auch weg und ist man bei der g’nötigen Feldarbeit wieder allein. Mach’ fort zu den Socialdemokraten! Bist ’leicht selber einer!“ Klapps hatte ich die Thür vor der Nase.

Das war ein stattliches Gehöft gewesen an der Landstraße. Mir that’s leid drum. Hat aber Stoff gegeben für einen brillanten Volkswirtschaftsartikel, die Zeile nicht unter zwanzig Kreuzern. Kostet mich selber so viel.

Im zweiten Bauernhof, als ich zuspreche — den Hut in der Hand — ob man keinen Knecht brauche, glotzt mich der Bauer an, so ein kleiner, feister, kecker Kerl. Dann greift er mit seinen schnodderigen Fingern nach meiner immer noch leidlich aufgerampelten Schnurrbartspitze und sagt: „Was hat Er denn da für eine saubere Gabel? Soll das eine Mistgabel sein?“ Ich sofort den Krampf in den Fingern, aber da ist’s nichts mit dem Rächen seiner Ehre; bittweise schlage ich die Fäuste aneinander, werbend um eine leibhaftige Mistgabel. Der Bauer jedoch ist kein schlechter Kenner von Gliedmaßen. Meine Hand, die von den Göttern seit Urbeginn für die Feder bestimmt, packt er an: „Sollen das auch die Werktagspratzen sein? Na, ich dank’. Für den Löffel halten sie’s!“

„Herr Vater“ sage ich und konzentriere die zehn Finger zu zwei Armeeflügeln, „es käme nur auf einen Versuch an, wofür sie es vielleicht auch sonst noch halten möchten!“ Und stelle mich zur Verfügung! Ihm gerade vor den rundlichen Corpus. Er einen Schritt zurück und frägt — um die Unterhaltung auf ein harmloseres Feld zu lenken — nach dem Dienstbotenbüchel.

Da ziehe ich meinen Militärschein aus der Tasche: „Drei Jahre Seiner Majestät dem Kaiser gedient. Gegenwärtig Reserveoffizier — möglicherweise!“

„Und ich hätt’ einen Ochsenknecht gebraucht!“ lacht der Bauer, ohne dem Reserveoffizier auch nur die geringste Reverenz zu erweisen. Sind ja Barbaren, diese Leute. Ich natürlich habe mich um die von ihm offerierte Ehrenstelle beworben. Da sagt er, ich möchte so gut sein und ihn nicht zum Narren halten. Damit war die Verhandlung abgebrochen.

Morgen hausiere ich weiter.

Der Dorfwirt, bei dem ich heute das Dasein genieße, braucht einen Fuhrmann. Pferde! Das wäre doch einigermaßen standesgemäß für einen Kavalier, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr es für die Wette gelten ließet, ihr Kanaillen! Mit Verstattung, das soll kein Schimpf sein. Der gebührende Titel, bitte! Wie freue ich mich, ihr jammervollen Tintensklaven, euch eines Tages des verwegenen Spaßes Abachseite vor die Nasen zu halten und euch in die geschniegelten Bärte zu brüllen: Eines Mannes Wort bleibt eines Mannes Wort, selbst über den Dunghaufen hinaus! Und wenn euch darob in Leibes- und Seelennöten die Augen übergehen hinter den Brillen, werde ich euch sehr lieb haben, ihr holdseligen Krähen, selbander! —

Dieses Dorfhotel wäre für ein paar Tage ganz erträglich, wenn der Wirt seinen Wein nicht in einem gar so echten Zustand schänkte. Aus diesem herben, natursauren Unterländler, den Liter zu 40 Kreuzern, wüßte ein mehr gebildeter Restaurateur bequem zwei Liter feinen Dessertweins à 1 Gulden die Bouteille herzustellen. Geradezu persönlich beleidigend wird dieses Hospizium wegen jeglichen Mangels unserer teuren „Kontinental-Post“. Hingegen liegt, um die Niedertracht voll zu machen, die Wochenausgabe des „Neuigkeits-Weltblattes“ auf. Unsere Expedition soll doch das Blatt auf einen Monat gratis schicken an den „Weißen Hirschen“ in der Zusen. Hat er’s erst gerochen, dann wird er’s auch fressen.

Am Nebentische sitzen drei Bauern und verhandeln seit rund zwei Stunden über ein trächtiges Kalb. Als angehender Standesgenosse interessiere ich mich natürlich sehr dafür, nur fehlt mir noch einigermaßen Berufsbildung. Wenn es wahr ist, was die Engländer sagen, daß Boeufsteak Intelligenz mache, dann sind diese Viehbauern die Väter unserer geistigen Kultur, und ich — als hoffentlich bald der Bruder dieser Väter — ihr Onkel. Vielleicht in einer Woche schon mehr von

Hans Spiridion Trautendorffer,

Wirtschaftlicher Redakteur der „Kontinental-Post“.

Meinen vollen Namen, den ich euch hiermit übermache, wickelt in Seidenpapier und bewahrt ihn sorgfältig auf. Übers Jahr, übers Jahr, wenn ich wiederum komm’!


Zweiter Sonntag

Inhaltsverzeichnis

Hoisendorf, am zweiten Sonntag.

Mein sehr geschätzter Herr Kollege Meyer unterm Strich!

Laß dir nicht träumen, es käme hier ein Feuilleton aus ländlichem Leben. Nicht eine Zeile! Und wenn ihr mich etwa deshalb von den Fleischtöpfen Egyptens entfernt habt, um einen ständigen externen Haderlumpen zu haben, der aus Bauernhöfen die „Kontinentale“ mit volkswirtschaftlichen Korrespondenzen versorgt, so seid ihr sehr abergläubisch. Man wird die „Hofnachrichten“ schon so einrichten, daß sie unmöglich sind.

Einstweilen sind es noch wehmütige Berichte eines abenteuernden Dienstsuchers, an denen unser Herr Chef — mit Respekt zu melden — einstweilen eine größere Freude haben dürfte, als der Absender. Einstweilen! Das Wort doppelt unterstrichen.

Am Montag und Dienstag habe ich nach tagebücherlichen Urkunden bei nicht weniger als dreizehn Bauernhöfen angefragt. Der Dreizehnte dacht ich, müsse doch so unglücklich sein, mich anzunehmen. Aber auch der hatte seinen Schutzengel. Du siehst, lieber Meyer, ich befleißige mich schon volkstümlicher Denkungsart. Scheint leider nicht viel zu nützen. Dem einen bin ich zu schlank gewachsen, dem anderen zu „herrisch“ angethan, mein Touristenanzug hat nämlich bereits ein paar getrennte Nähte. „Zerrissen ist herrisch, geflickt ist bäuerisch“, besagt eines ihrer bösartigen Sprichwörter. Der Dritte nahm mich nicht, weil ein Mensch, der sein Eigentum im Handbündel mit sich trägt, ein ausgelegter Vagabund ist. Und der Vierte entschied kurzweg: An einem Knecht, der mit weißem Hemdkragen dahingehe, wie ein windiger Schulmeister, habe er sich schon vorwegs gesättigt. Mehr wurzelseppartig! sagte ich zu mir und schon ins nächste Haus stolperte ich weitschrittig, mit gebogenen Knieen und Armen, das Haar zerriffelt, die Hände mit Waldharz und Erdstaub überkleistert: Ein fleißiger Dienstbote bäte um Einstand in einen Jahresdienst.

Der Hausvater würdevoll: „Woher geht die Reise?“

Ich: „Aus der Garnison. Mit dem Abschied. Gottlob, daß ich wieder in der Bäuerei bin. Oh, diese Stadt! Dieser Militärdienst! Man glaubt’s nicht, wer’s nicht probiert hat! Ganz krank wird der Mensch, wenn er die gewohnte Handarbeit entbehren muß. Arbeit ist das einzig Gute auf der Welt!“

Vermeinte das recht gut gemacht zu haben. Der Bauer aber wendete sich gegen ein altes Weib, das hinter ihm stand: „Hörst du das Geschwätz? Wer die Arbeit kennt, der redet ein bissel anders.“

Und die Alte: „Willst ihn denn fortschicken, jetzt spät abends?“

„Soll über den Feiertag dableiben. Nachher werden wir’s halt sehen.“

Potz Blitz! War ich Bauernknecht?

Als die Dämmerung kam, ging ich um den Hof herum, mit Kennermiene den Schauplatz künftiger Thätigkeit prüfend. Und zur heiligen Stunde, da ihr zu dreien oder mehreren im „roten Krug“ bei schäumendem Pils im Kritisieren über die lumpige Welt euch des Lebens freuet, saß ich am Leuttisch unter unsauberem Gesinde, aß mit einer breiten Blechschaufel aus der gemeinsamen Schüssel etwas, das sie „saure Topfensuppe“ nannten, und erzählte von meinem Soldatenleben. In unnachahmlicher Bescheidenheit teilte ich den lieben Hausgenossen mit, wie ich bei der bosnischen Occupation die Hauptstadt Serajewo erstürmte, bei der Schlacht von Sedan den Erzschelm Napoleon einfing, bei Königgrätz eine Kugel in die Brust bekam, die zum Glücke hinten wieder hinausflog, in der Völkerschlacht bei Leipzig einem rotbehosten Welschen die Fahne aus der Hand riß und so die deutsche Sache rettete. — Geschätzte Kollegen von der Feder, Unehre sollt ihr an mir nicht erleben! Die Heldenthaten waren denn auch nicht umsonst vollführt. Die Hausmutter erwog, daß ein Mann mit solch geschichtlicher Vergangenheit nicht in der Knechtekammer schlafen könne auf dem Strohschaub. Sie verordnete mir das Handwerkerbett, welches stets das beste des Hauses sein soll. Da sank ich tief ins knisternde Stroh, zog die feuchtkalte, mürfelnde Decke über die Nase und dachte: Dieweilen du hier schläfst, Recke, wird das Jahr wieder um eine Nacht kürzer — die Stunde zu cirka drei Kronen. Du siehst, Volkswirt bleibe ich immer.

Am nächsten Tag war Heiligdreikönigfest, kamen am hellen Morgen die drei Weisen (mit ai geschrieben) unter dem Stern und plärten gleichstimmig einen Spruch. Da wurden die morgenländischen Majestäten von der Hausmutter mit Schmalznudeln und Honig bewirtet. Nach dem Dejeuner, und nachdem der Souverain von Ätiopien auch mich einer gnädigen Ansprache um einen Heller gewürdigt hatte, haben die höchsten Herrschaften in jugendlicher Elastizität ihre Weiterreise angetreten.

Zu Mittag war ein unerhört großes Essen. Was es war, kann ich nicht beschreiben, aber viel war’s. Bei manchen Schüsseln stockte das Fett an den Rändern und klebten die geschmälzten Stubenfliegen ohnmächtig an den Klößen. Bei der Backofenhitze führen in der Bauernstube diese niedlichen Tierlein auch im Winter das wonnige Dasein der Kreatur und die Fensterscheiben sind reich geschmückt von Beweisen ihrer — Pünktlichkeiten. Mein Appetit war bald gestillt und am Nachmittag habe ich gemeinsam mit den übrigen Knechten mich ausgeruht von der — morgigen Arbeit.

Am nächsten Tage war Regenwetter. Der Hausvater (so wird der Bauer vom Gesinde genannt) befahl, ich solle in der Stube bleiben und „Span machen“. — Span machen? Da vermisse ich unsern Brockhaus. Durch die Scheunen und Ställe ging ich und suchte einen Freund, der mir sagte, was das sei, Spanmachen. Die alte Kuhmagd schaute mich höchst betroffen an. Endlich schien sie doch zu begreifen, daß der Mensch in Völkerschlachten das Span machen nicht notwendig lernen muß. Sie gab mir Unterricht: Von dem Schoppen (ach, mir ist das Wort in einem andern Sinne geläufiger) Scheiter ins Haus tragen, sie am Herdfeuer bähen und zähen, dann mit dem Schnitzger die dünnen Späne herabklieben, diese auf dem Ofen dörren, damit sie als Leuchtfunzen dienen können, abends in der Stube. — So, meine Herren von der „Kontinentalen“, die ihr die Aufklärung täglich buttenweise in das Volk gießet, nun wisset auch ihr, wie man im Bauernhause Licht macht. Aber Wissen und Können! Es ist immer die alte Geschichte. Genau hielt ich mich nach der Anweisung, allein fürs erste verkohlten mir die Scheite am Feuer, fürs zweite sprangen die abzukliebenden Späne schnöde und spröde entzwei und fürs dritte nahm der Hausvater mir den Schnitzger aus der Hand — ich könnte nichts. Es wäre schade ums Kienholz, wo die Föhrenbäume ohnehin so schütter ständen im Walde. Wie er vom Scheit nur aufs Kienholz und von diesem auf die Föhre kam, den Pinus silvestris. Was meinst du, Meyer?

Ich könnte nichts! — Meine erste Empfindung nach dieser Demütigung war: Pistolenduell! Aber als der Mann mit ruhigster Geschicklichkeit vom frischgebähten Scheite die dünnen, breiten, sich leicht reifenden Leuchtspäne schnitt, da sah ich, daß er mir über war! Bin hinausgegangen, habe, um mich sonstwie nützlich zu machen, im Werkzeugsgelaß eine Schaufel genommen, habe die restlichen Krusten des Schnees weggekraut, die unter den Dachtraufen lagen.

Erscheint der Altknecht: „Was treibst denn da, Mensch? Das Schneerestel irrt niemand und geht schon selber weg, wenn’s ihm zuviel regnet. Hast sonst nichts zu thun, so geh Agen reitern.“

Agen reitern! — Nun sah ich, meine Politik war gescheitert, es war Zeit, das Portefeuille zurückzulegen. Der Hausvater kam mir zuvor am selben Abende. Hieb mir die klobige Hand auf die Schulter: „Mit Ihm wird’s halt am gescheitesten sein, Er rastet sich in der heutigen Nacht noch einmal gut aus und geht morgen um ein Häusel weiter. An Willigkeit fehlt’s nit, aber Kopf hat Er keinen dazu.“

Beim Grobschmied einstmals hat’s geheißen, es wäre schade ums kluge Köpfelein, und haben mich in die Stadt geschickt. Dieser Hans Trautendorffer soll nämlich von einem alten Rittergeschlechte abstammen und möglicherweise ist sein Urahn zu Karls des Großen Zeit Schweinedieb gewesen. Kurz und gut, mein Oheim, der Bäckermeister, versuchte es, ob so ein herabgekommener Edelmann nicht wieder bergan zu bringen wäre. Nicht alle Semmelmacher denken so übermenschlich. Mir aber waren zur Zeit neugebackene Wecken lieber, als altgebackene Adelsdiplome und auf dem Gymnasium habe ich mich vor dem Odium eines ekelhaften Strebers stets reinzuhalten gewußt. So daß der Tornister mich glücklich noch als Kandidaten der Matura fand. Als ich dann nach allgemeiner Sitte anstatt auf die Universität zur Journalisterei ging, und noch viel später die „Kontinental-Post“ unter ihren Erleuchteten mich stets als den — Dämmerigsten gefeiert hat, war ich doch immer klug genug, solche Würde mit Anstand zu tragen und die Blaustiftzeichnungen des Chefs auf meinen Manuskripten als eine kindische Schwäche gelassen zu entschuldigen. Als Volkswirtschafter hab ich sogar die Börse — na, Meier, du weißt es ja. — Und jetzt soll es mir nach dem Ausspruche des biederen Landmanns an Kopf fehlen!

Übrigens kommt mir meine Vergangenheit jetzt gut zu statten. Der Grobschmied hat mich auswendig gerüppelt, der Journalist inwendig. Aus gegerbtem Leder kann man doch auch Bauernstiefel machen!

Am nächsten Tag vagabundierte ich weiter. Ins Gebirge ging’s, ins schöne. Bei Kailing rechts den Fluß entlang ins obere Rechthal und gegen den Almgai. Den eingeleisigen Weg, der gepflastert war mit einem Brei von Kot und jungem Schnee, nennen diese Schönfärber eine Straße. Ohne auf derselben liegen zu bleiben, halbverhungert von barmherzigen Wegelagerern totgeschlagen und in aller Stille unter eine Moosdecke gelegt zu werden, bin ich weiter gekommen. Ganz lebendig sprach ich bei einer einschichtigen Bauernwirtschaft vor. „Die Witwe dort braucht einen Knecht“ hatte man gesagt.

Die Witwe, ein frisches, schneidiges Weib, ließ sich nicht spotten.

Wie alt ich wäre?

„Zwanzig! Die fünfzehn Schuljahre nicht mitgerechnet, weil sie verlorne Zeit sind.“

Darauf lacht sie, setzt aber das Examen unbarmherzig fort.

Wozu ich zu brauchen wäre?

„Bäuerin, mir ist keine Arbeit zu schlecht und keine zu gut.“

Wieviel Lohn ich begehre?

„Mit allem zufrieden.“ — Bezahlt, Meier, weißt du, werde ich von einer andern Seite.

Das schien aber der Witwe höchst verdächtig vorzukommen — mit allem zufrieden. Sie mochte mit den Dienstleuten die Erfahrung gemacht haben: mit nichts zufrieden. Ich aber that mein Menschentum auseinander. Die Arme und Beine bog ich nicht mehr krumm, das Rückgrat zog ich in die Länge, den Nacken hielt ich stramm und in die Augen that ich Zündhütchen, gerade zum Losbrennen, falls sie sagte: „Du gefällst mir!“ — Verliebt hat sie sich einstweilen aber nicht in mich, hat es nur gelassen und schief über die Achsel her gesagt: „Nau, halt ja. Jeder wird es selbst am besten wissen, was er wert ist. Ich brauch jetzt niemand.“

Siehst du! Hätte ich achtzig Gulden Jahrlohn verlangt, ein ganzes Tuchgewand mit Stierlederschuhen und fünfmal Fleisch die Woche, so dürfte sie mich gekauft haben. Nur geschenkt wollte sie mich nicht. Ein verschlagener Holzknecht, mit dem ich nachher unterwegs davon sprach, hat mich darauf gebracht.

Die Gegend ist eigentlich ganz verdammt. Die Berge an beiden Seiten steil und schwarz wie umgestülpte Riesenkohlenkörbe; die Schluchten so enge, daß eine Heufuhr und ein Dickschädel nicht füreinander können. Ich weiß nicht, vor ein paar Jahren, damals auf der touristischen Querwanderung, ist mir das Ding alles viel hübscher vorgekommen. — Hoch oben bei den letzten Hütten, so wurde mir gesagt, hätten sie alleweil zu wenig Dienstleute, weil keiner bleiben wolle, der dort nicht festgewachsen ist wie Zerbenholz. Und sogar das Zerbenholz wartet sehnsüchtig auf Lawinen, um thalwärts zu kommen und dort etwa durch einen Kunsttischler zu feinpolierten Kommodeurs, Chiffonneurs und Sekretärs avancieren zu können. Unbegreiflicher Weltlauf: um emporzukommen, geht man niederwärts! — Nur bei mir scheint es umgekehrt zu sein. Doch wartet, wartet!

Gestern abends bin ich in ein winterliches Hochthal gekommen. Eine senkrecht aufsteigende Felswand hatte sich schon lange vorher in meinen Gesichtswinkel gestellt, und wie ich durch den Waldgraben dazu komme, steht an der Wand ein Dorf. Zerstreut liegende Häuser aus Rohmauern, Hütten aus Holz, auch ein paar Großhöfe, und weiterhin, wo Seitengräben ins Gebirge ziehen, Holzsägen und Kohlenweiler. Ein wenig abseits hinter der Wand auf der Böschung steht die Kirche mit dem spitzen Türmlein, daneben der Pfarrhof, unterhalb beim Bache das Schulhaus. Zwei Wirtshäuser sind natürlich auch da, mit dicken Mauern und vielen kleinen Fenstern — doch, ich verfalle in meine alte Schwäche schriftlicher Landschaftsmalerei. Unsinn! Mit Wörtern will man Bilder malen, heutzutage, und mit Farben Gedanken ausdrücken. In einem dieser Wirtshäuser kann man auch Tabak haben, in die Lotterie setzen und Herberge nehmen. Das letztere habe ich gethan. Der Ort heißt Hoisendorf und soll weitum als Mittelpunkt der Welt gelten. Es war die Rede davon, als sich auf der Ofenbank ein ruppiger Waldbär meldete. Er goß ein Gläschen Schnaps hinter den Bartfetzen und röchelte daraufhin, daß er bei den Kaiserlichen gewesen sei und daß die Wienerstadt wenigstens zehnmal größer wäre, als Hoisendorf. Worauf die Wirtin ihn einen Prahlhansen hieß. Auf dem Wandschrank lag ein Buschen Zeitungen, ich suchte mir aus Langeweile die neueste Nummer hervor. Und weißt du, wo sie jetzt sind, die guten Hoisendorfer, mit ihren Neuigkeiten? Bei der Ermordung des Präsidenten Carnot am 25. Juni 1894. Die Weltgeschichte, bis sie in Wochenblättern und Kalendern ins Hinterland dringt, ist gut abgelegen. Hingegen wird nichts mehr dementiert.

Soeben geht der Kurier ab. ’s ist der Bandelkrämer mit drei Füßen, wovon einer hölzern und zwei gichtisch sind. Das ist die Post nach Kailing, die gleichzeitig auch den Güterverkehr besorgt. Wahrlich, das ist das Majestätische an diesem Volke — es hat’s nicht eilig. Es kann warten, es steht fest. — Der Dreifuß nimmt sie mit, diese Epistel von eurem noch immer vacierenden

Bauernknecht.


Dritter Sonntag

Inhaltsverzeichnis

Adamshaus, am dritten Sonntage.

An Herrn Doktor Stein von Stein, den Herausgeber der „Kontinental-Post“!

Ich zerschmettere dich, Imperator! Ich bin Bauernknecht! Mein Aufenthaltsort im Adamshause bei Hoisendorf, Almgai — wohin auch die „Kontinentale“ zu schicken ist. Für den Nachruf in der letzten Nummer danke ich recht schön. Bis das Jahr sich kreist, wird euch der Spott vergehen. Für weiteres bin ich jetzt nicht aufgelegt.

H. T.


An Herrn Professor Simruck

Inhaltsverzeichnis

An Herrn Professor A. Simruck, Dr. phil. in M.

Adamshaus im Almgai, am 17. Januar 1897.

Lieber, alter Freund!

Dem Zeitungsschreiber war dein Neujahrsgruß vermeint gewesen, jetzt hat der Brief an zwei Wochen im Lande umhergesucht, und wo findet er deinen Hans? Ich bitte dich, denke nicht gleich an Verrücktheit oder dergleichen. Es geschieht heutzutage so viel Kluges auf der Welt, das weitaus närrischer ist, als die aufgelegteste Verrücktheit. Nach Kreuz- und Krummfahrten kam dein Brief eines Tages zu einem halbeingeschneiten Bauernhause des Gaigebirges, eine Stunde und darüber vom letzten Weiler entfernt. In diesem Einödhofe lebt dein Adressat, und zwar als Stallknecht, eingestanden für das ganze Jahr. Es ist kein Faschingsscherz, es ist leidiger Ernst. Schenke mir nur Geduld, daß ich mich dir aussprechen kann.

Jetzt erst danke ich dir, Alfred, daß du unsere Schulbankfreundschaft hochgehalten hast bis zum heutigen Tag, denn ich bin unglaublich einsam geworden. In den Wochentagen werde ich meine Arbeit haben als herben Kameraden; vor der Sonntagsruhe nur bangt mir, wenn das thörichte Herz nach einem brüderlichen Mitdenker und Mitfühler schreien wird, und es ist nichts ringsum, als ein armes einfältiges Hausgesinde, das mit seiner eigenen Lebensnot zu thun hat. Und weiter nichts, als der kalte Winter und die starren Berge. In solchen Stunden laß mich zu dir flüchten, du lieber, herzgoldener Kerl, daß ich mich schriftlich ausplaudere, ausfluche, auslache, vielleicht auch —. Nein, weinen werde ich nicht, das habe ich mir vorgenommen. Was ich dir allsonntägig zuschreiben werde, kann ich ja heute nicht wissen, was es auch sei, aufrecht will ich stehen. Mühe wird’s wohl kosten, dir es beizubringen, wie das so hat kommen müssen! Es ist ja so viel Unsinn dabei, so viel Unerhörtes — solltest du am Ende dahinter auch ein klein bißchen Tapferkeit finden? Wenn ja, so bitte ich dich, sag’ es mir ins Gesicht. Wenn nicht Einer ist, der es mir allwöchentlich hochgemut zuruft: Recht hast du! Brav bist du! Tapfer bist du! Aushalten! — so weiß ich nicht, wie das enden wird.

Fällt dir nichts auf? Als könnte der Schreiber dieser Zeilen froststeife Finger haben? Als sei das Parfüm des Briefpapieres ein ganz eigenartiges? — Nun, ich will dir erzählen. Hast du erst den Grund, dann versteht sich alles von selbst. Weil das Eine geschah, hat das Andere geschehen müssen.

Das Eine geschah in der Weinstube „zum roten Krug“, dort, wo wir bei deinem Besuch im Herbste den göttlichen Rüdesheimer getrunken haben und wo — wie du weißt — der Generalstab der „Kontinental-Post“ sein Hauptquartier hat. Die Herren sind großartig — im Krug! Da ist es nun am Tage des heiligen Leopold, daß ich nach dem dritten oder vierten Glase Jungwein den Mund etwas zuchtlos werden lasse und als Redakteur des volkswirtschaftlichen Teiles mich über eine kleine Maßregelung verbreite, die mir ein paar Tage vorher widerfahren war. „Hol’s der Kuckuck!“ sage ich. „Nicht genug, daß man gegen seine Überzeugung eine solche Geld- und Handelspolitik treiben muß! Dem braven Landwirt das Blut aussaugen, und andere Volksschichten damit mästen, dafür, daß sie Homunkeln erzeugen!“ — Der Jungwein sprach’s, verantwortlich aber wollten sie mich machen für das heillose Wort. Darob fängt’s in mir an, immer mehr zu kochen. „Ja, Homunkeln!“ und die Faust auf den Tisch. „Wer noch Menschen sehen will, aufs Land hinaus in den Bauernhof, in die Hirtenhütte!“ —

„Salomon Geßner!“ ruft einer.

„Ich bitte euch, bleibt mir jetzt mit den Hebräern vom Leibe!“

Aus dem losbrechenden Gelächter vermute ich sofort eine Blamage. Hättest du an den alten schweizerischen Süßwurzelstecher gedacht, wo sich so viele zeitgenössische Salomone deiner gütigen Erinnerung empfehlen? Also kurz, die Sache wurde weiter gekratzt und auf einmal fiel das Wort: „Der Bauernknecht ist trotz allem ein echterer Mensch, als etwa ein Bankier, dessen Beruf es ist, Geldpapierfetzen durch seine Finger gleiten zu lassen, die noch wesentlich unsauberer sind, als so ein Bauernkittel. Ist sicher auch ein sittlicherer Charakter, als zum Beispiel ein Zeitungmacher, der seinen papierenen Mantel fortwährend nach dem Winde drehen muß.“ Gesagt hatte es wieder der vermaledeite Jungwein. Der Herausgeber der „Kontinental-Post“, unser Herr Doktor Stein von Stein, ließ auf seinem glatten Komödiantengesicht ein liebliches Grinsen merken, das wir von den Honorarabzügen her so gut kennen, und sagte sanftmütig: „Den Herrn Trautendorffer wird ja nichts hindern, die korrumpierte Zeitungwindmacherei mit dem sittsamen Bauernstande zu vertauschen.“

Ich fahre auf: „Warum denn nicht? Wenn die Herren etwa glauben, daß bei mir der Mund stärker sei, als der Arm — gut!“ Sofort eine Flasche Rüdesheimer, denn für den Schwung dieser Angelegenheit war der neue Binnenlandwein zu trivial. Etliche Herren mochten eine weitere, unliebsame Steigerung befürchten und suchten den Wortwechsel ins Heitere zu ziehen. Ich fühlte mich gekränkt und ließ mich nicht beruhigen. Da schlugen sie eine Wette vor: „Der Trautendorffer soll den Gegner schlagen und sich auf eine Woche lang als Bauernknecht verdingen.“

Und ich: „Auf eine Woche lang? Auf ein Jahr!“

Draufhin trommelte Doktor Stein von Stein mit den Knäufen der Fingerringe ein bißchen auf der Tischplatte und sprach sehr feierlich: „Wenn unser Herr Hans Trautendorffer draußen auf dem Dorfe bei den Idealmenschen das kommende Jahr 1897 vom Anfang bis zum Ende als gewöhnlicher Bauernknecht zubringt, so werde ich mir am 1. Januar 1898 gestatten, ihm eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen in bar zu überreichen. Wenn unser Herr Trautendorffer den sittlichen Charakteren auch nur einen Tag früher entlaufen sollte, so würde er zwei volle Jahre lang ohne Gehalt bei der ‚Kontinental-Post‘ den Mantel nach dem Winde drehen!“

„Genagelt und gesiegelt!“ rufe ich zustimmend.

„Dann wollen wir es nur noch beim Notar aufstellen lassen.“

„Ganz überflüssig. Drei Zeugen sind gegenwärtig. Ich gebe mein Ehrenwort!“

Erschrickst du? — Ich war ja selbst erschrocken am nächsten Morgen und Kollege Doktor Wegmacher meinte, Weinlaunen-Abmachungen hätten keine Gültigkeit.

„Sie haben eine!“ fuhr ich ihn wütend an. „Das Ehrenwort laß ich nicht lumpen!“ —

Es sollen ja ein paar Tropfen Bauernbluts in mir sein, auf Umwegen. Vom dritten Glied aufwärts mütterlicherseits, will mein Oheim gewußt haben. Nun, so wollen wir sie halt versuchen, die Renaissance. Ich habe schon manches mitgemacht auf diesem Erdenhaspel. Der Schmied hat zum Glücke noch etwas Eisen in mein Blut gethan, der Soldat Kurasch und Gehorsam, der Zeitungschreiber die nötige Wurstigkeit — lauter Dinge, die dem Bauernjodel bekommen werden. Vielleicht gelingt’s, diese bereits schäbig werdende Menschenseele auszulüften, der Lohn ist auch nicht schlecht und dann thue ich mir auf etliche Jahre einen guten Tag an.

Also ist es beim trotzigen Ernste geblieben und anfangs anno dieses bin ich gegangen. Einfach großartig bin ich ausgezogen in meinem Touristenanzug und mit dem Handbündel voll irdischer Güter, die man an den Stock steckt und über die Achsel wirft. Die Herren suchten solche Schicksalswendung immer noch auf einen Ulk hinauszuspielen, ich wandte ihnen den Rücken und ging.

Aber geplagt hat’s zuerst, der Satan noch einmal! Länger als vierzehn Tage lang umherstromern — brotlos. Gar viel länger hätt’s nicht mehr gelangt, so wär’s zum blanken Betteln oder zum Stehlen. Da habe ich mir gedacht, machest einen Knoten im Sacktuch und lästerst nicht gleich, wenn ein armer Landstreicher vor dem Gendarmen daherspaziert mit dem haltbaren Armband.

In einem Gebirgsweiler, Hoisendorf im Almgai, habe ich mich schlechten Wetters wegen ein paar Tage aufgehalten und in dieser Gegend scheint dein Sonderling kleben zu bleiben. Dort im Wirtshause that ich mit einem jungen Manne, der mir wie ein blatternarbiger Forstgehilfe vorkam, Karten spielen. Blatternarbige Gesichter haben mir immer gefallen, sie zeugen von einem glücklich ausgefochtenen Duell mit dem Sensenmann. Nur die Augen, die wasserblauen, waren mir an diesem Forstjungen zu stadtmännisch, sie waren eingeglast. Dabei waren sie noch das Anmutigste an dem ganzen vierschrötigen Burschen, der die Worte schlechter warf als die Karten und mit seinen langen Armen und Beinen aller Augenblick irgendwo anstieß. So oft er das Spiel gewann, tröstete er mich, daß ich wohl umsomehr Glück in der Liebe haben werde. Ich und Liebe! Gnädiger Gott, wo sind die Zeiten! Das heißt!.... Die Gewinnkreuzer wollte er nicht annehmen, wir hätten ja nur aus Langeweile gekartelt, und Geldverlieren wäre noch schlimmer als Langeweile. Als ich ihm die Heiligkeit der Spielschulden darthat, die sogar jeder Lump bezahlt und sollte er so und so viel ehrliche Leute darum prellen müssen, nahm er das Sündengeld, lud mich aber dafür in sein Haus auf eine Tasse Kaffee. Warum ich dir diesen Forstjungen so gewissenhaft vorstelle? Weil es kein Forstjunge war, sondern der Schullehrer. Und warum ich dir den Schullehrer von Hoisendorf beschreibe? Weil er mein Wegzeiger ward nach dem Orte meiner Bestimmung.

Es ist ein Schullehrer ohne. Ich neckte ihn darob. Ein richtiger Dorfschullehrer müsse ein kleines Frauchen und ein halb Dutzend Buben haben. Während des Kaffeekochens sagte er mir, weshalb die verheirateten Schullehrer lauter Buben kriegen. Das komme auf die Ernährung an. In Hyrtl will er’s gelesen haben. Die Buben kommen von der Spärlichkeit, die Mädeln von der Üppigkeit — Na, was man auf der Universität in Hoisendorf alles weiß!

„Meine Familie!“ Mit diesen Worten hat mir der Schelm dann seine Bücher vorgestellt. Sie waren in einem Glaskasten wohl geordnet. Eine ehrenwerte Versammlung der Vertreter aller Richtungen, Walter Scott, Lessing, Schiller, Zola, Keller, Spielhagen, Baumbach, Bierbaum.

Wieso er als Besitzer solcher Schätze zu den Spielkarten greifen könne?

Ja, weil ich ihn gedauert hätte. Mit Büchern mache man eingeschneiten Touristen keine Freude.

„Ich bin kein Tourist. Mich müssen Sie zu den Bauern thun.“

„So, so. Dann werden auch wieder besser Spielkarten passen, als Bücher.“

„Bleiben also die Bücher Ihnen ganz allein?“

„— Das heißt. Es giebt schon auch hier Leute, die mitunter gerne ein Buch lesen...“ Hier brach er ganz plötzlich ab.

Als ich ihm nach dem Kaffee eine Cigarre reichte — mein Himmel! An der umgekehrten Seite hat er sie in Brand gesteckt und plagte sich dann redlichen Fleißes mit ihr ab, bis ich ihm den Stengel wieder aus der Hand nahm.

„Wenn Ihnen das Laster nicht Spaß macht, so lassen Sie’s bleiben.“

Darauf entgegnete er auffallend: „Wenn der Spaß, der manchmal dran hängt, das Laster noch immer entschuldigen möchte!“

„Nicht wahr, Herr Lehrer!“

Der Bursche war in eine absonderliche Verlegenheit gekommen und stieß unversehens den Kaffeetopf um, das braune Bächlein schlängelte sich über den Tisch hin.

„Jetzt fehlt die Hausfrau!“ neckte ich, „das gäbe den schlechtesten Witz, den schönsten Verdruß und am Abend natürlich die reizendste Versöhnung.“

„Wegen der paar Tropfen giebt’s bei uns keinen Verdruß.“

„Wie, Sie haben doch Eine?“

Der Lehrer — krebsrot im Gesicht.

Und hier, mein Freund, machen wir „Fortsetzung folgt“. Denn die Talgkerze meiner Stalllaterne ist herabgebrannt, ich habe mich ganz warm und lustig geschrieben. Ich kann’s nicht lassen und ich kann’s nicht lassen. Am nächsten Sonntage weiteres.

Dein Hans in den Wolken.


Vierter Sonntag

Inhaltsverzeichnis

Adamshaus, am vierten der Sonntage, die ich mit Bangen zähle und mit Leidenschaft erwarte.

Und nun, mein Freund und Professor, vollende ich das welthistorische Dokument vom Vorigen, damit du endlich erfährst, wo dein Narr eigentlich ist und wie er hierher kam.

Anstatt weiter in das Geheimnis des Lehrers von Hoisendorf zu dringen, fragte ich frischweg, ob er glaube, daß man da in den Berghäusern herum nicht irgendwo einen Knecht brauchen würde?

„Und ob!“ rief er aus. „Wenn nur einer käme! Alles was arbeiten kann, geht davon, muß vielleicht davon gehen. Oder es ist sonst ein Unglück. Niemand ist, der um Geringes dienen mag, dabei alles so unwillig. Und die großen Ansprüche der jetzigen Dienstboten können von unseren armen Bergbauern nicht befriedigt werden. Es ist ein rechtes Kreuz.“

„Ich wüßte einen billigen Knecht.“

„Billig? Dann wird er wahrscheinlich nicht viel wert sein.“

„Der gute Wille ist gewiß vorhanden, dafür kann ich bürgen. Gesund und stark ist der Kerl auch. Ein bißchen Nachsicht anfangs, die dürfte er nötig haben.“

„Da könnte ich gleich einen Platz nennen,“ sagte der Lehrer. „Aber ganz oben bei der Alm. Die letzten Häuser. Im Adamshaus heißt’s bei dem einen. Weitläufige Grundstücke und keine Leute dazu. Der Bauer ist kränklich, der älteste Sohn ist bei den Soldaten. Der jüngere ist von einem Jäger zum Krüppel geschossen worden. Der allerjüngste geht noch in die Schule. Ferner —“, er steckte klirrend die Kaffeemaschine zusammen — „ist noch eine Tochter da. — Alles soweit brave Leute. Es ist traurig jetzt.“

Am nächsten Morgen waren trotz des Schneegestöbers mehrere Kinder gekommen. Alle in dicke Lappen eingemummt, so daß nur die roten Nasenzipfchen hervorlugten, und die zumeist ganz frischen Gucker. Ein schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe hatte sogleich, als er ins Schulhaus trat, alle überflüssigen Hüllen von sich geworfen, daß der Schnee aus denselben stäubte. Dann gab er ein paar Bücher ab. Im runden Gesicht glühte er und voller Leben war er.

„Franzel, komm her!“ rief ihn der Lehrer vor. Und zu mir: „Das ist einer von der Adamshauser Familie. — Sag’ es, Junge, ist der Weg zu euch hinauf leidlich?“

„Ich bin auf dem Brett herabgerutscht,“ war der kurze Bescheid.

„Wenn du nach Hause gehst, will ich dich begleiten,“ hat darauf dein Hans zum Schulknaben gesagt.

Da blickte der Lehrer mich forschend an. Und jetzt mußte das Geständnis gemacht werden, daß ich selbst der Mann bin, der eine Dienststelle als Knecht sucht.

Nun war aber zu merken, daß der Lehrer bestürzt wurde. Dann begann er zu warnen, er hätte gemeint, ein anderer. Wenn das wirklich mein Ernst wäre — für einen Menschen wie ich, sei der Platz im Adamshause durchaus nicht geeignet. Armut und Niedergeschlagenheit, um nicht zu sagen, ein wahres Elend. Wer dort oben den rauhen Wind, die ungute Kost, das schlechte Lager und die schwere Arbeit aushalte, den stelle er sich doch anders vor. Nun, es wäre lächerlich, es wäre wahrscheinlich auch nur gefoppt. Übrigens gehe der Knabe an diesem Tage gar nicht nach Hause, der bleibe bei solchem Wetter über Nacht in Hoisendorf und ich würde dazuschauen müssen, thalwärts zu kommen, ehe der Schnee alle Wege vermauere.

Das hat mich nicht mehr irre gemacht. Habe mein Handbündel geschnürt, meine Wirtshausrechnung beglichen (für zwei Tage und zwei Nächte mitsamt Zehrung einen Gulden vierzig Kreuzer, wozu der Wirt noch bemerkte, daß es Einheimische billiger bekämen), und bin fortgegangen. Aber nicht thalab, wie der wetterwendische Wegweiser riet, sondern thalan, wie er es zuerst gemeint hatte, entlang dem Bach, der unter der Schneedecke murmelte. Das Gestöber war so dicht, daß kein Haus und kein Berg und kein Weg zu sehen war — eine weiße Nacht um mich; wo der scharfe Wind nicht kratzte, prickelten die Flocken an den heißen Wangen. Immer dem Wasser entlang, hatte mir der Wirt gesagt, bis zu einer Mühle und dann noch zu einer Mühle und bei der dritten Mühle links den Berg hinan.

Die Mühlen kamen ganz vorschriftsmäßig, aber bei der dritten war zuerst einmal kein Berg da, an den man hätte hinan können. Ich ging über den Steg, auf welchem menschliche Tritte eingedrückt waren. Diesem Pfade folgte ich bis zum Bergabhang, und quer die Lehne hinan zwischen Buschwerk und schütteren Baumbeständen, die alle ihre spitzen Schneehauben aufhatten und bisweilen eine ganze Wucht auf den Wanderer niederstäubten.

Und bei diesem mühsamen Ansteigen in der Stille des lautlos schneienden Nebels, da ist’s mir in den Sinn gekommen! Wie einsam! Wie einsam doch mancher Mensch sein muß auf dieser Welt! —

Und sehe ich auf einmal durch den Schneestaub vor mir einen Menschen. Unter einem Lärchbaum auf dem Schnee ist er gesessen. Ein Mann war’s, tief in sich zusammengeknickt, auf der Achsel hatte er ein Doppelbündel, eins hinten und eins vorn. Ein vollgepfropfter Mehlsack, allem Anschein nach wesentlich schwerer, als mein Handbündel. Der Mann schnaufte, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und schnaufte und schnaufte. Jung war er nicht mehr.

Ich trat ganz zu ihm hin: „Was meint der Vater, wenn wir Bündel tauschen thäten?“

Er atmete.

„Darf ich euch nicht helfen tragen?“

„Vergelt’s Gott. Wer was hat, der — der soll’s auch selber tragen.“

„Der Vater kann ja kaum schnaufen!“

„Ist wahr, ist wahr. Der Lungendampf.“

Da habe ich ihm den Mehlsack abgenommen. Vor mir ist das Männlein mit dem Stock und den unsicheren Beinen im flaumigen Schnee aufwärts gestiegen. Immer stehen bleiben hat er müssen, und atmen, immer atmen. — Und zu dieser Stunde, mein Alfred, hat’s in mir einen Schnapper gemacht.

Wie der arme, mühselige Mensch so vor mir ansteigt, entlastet, erleichtert, weil ich der Mühlesel bin, da trifft’s mich urplötzlich: Das ist’s! — Alles, was du bisher erlebt, erstrebt, geleistet hast, Hans, es ist nichts. Spät bist du dran, aber du bist dran. Was du jetzt thust, das ist das erste Tagewerk deines Lebens. — Und ist mir so warm geworden hinter der mageren Geldkatz’, und ist mir so helle geworden, als hätte jemand Freudenfeuer angezündet im Hirnkasten und in allen vier Kammern des bekannten Pumpwerkes zugleich. Hans! hat’s gerufen, wie die Stimme meiner seligen Mutter, wenn sie uns Kindern aus der Postille las: Hans! den Mühseligen und Beladenen hilf tragen! —

O mein Freund! Was ist in diesem Augenblick nicht alles zusammengebrochen von dem Trödel! Die „Kontinental-Post“ hat unser Doktor Stein von Stein letzthin auf anderthalb Millionen Gulden gewertet, dabei nicht einmal den „unermeßbaren moralischen Wert“ mit einbeziehend. Aber ich sage dir, es giebt Augenblicke im Leben, wo ein Mühlesel...

Doch es müßte einer sein, der auf seine Mühleselei nicht sofort hoffärtig wird.

Der Reihe nach kann ich jetzt gar nicht erzählen, so stürmisch ist’s noch in mir. Kann’s immer noch nicht begreifen, wie es möglich ist, hier in einer vom anstoßenden Ochsenstall erwärmten Kammer auf einem dreifüßigen Rundstuhl zu sitzen und auf der wurmstichigen Gewandtruhe meinem Freunde in die ferne Stadt zu schreiben, in die ferne Stadt, die wie ein Traum ist. Mit diesem selben Stifte habe ich vor wenigen Wochen doch noch so vorwitzig und aufgeblasen von Volkswirtschaft geschwatzt? Nicht? Du glaubst es nicht, Alfred, wie dumm der Stadtmensch ist, wenn er klug über ländliche Verhältnisse reden will!

Ich sage dir nur, das Herz möchte einem ausbluten. Es ist ein heiliges Elend. — Mit Frevelhaftigkeit, däucht mich jetzt, bin ich in einen Lebenskreis gesprungen, in dem vor der Größe der Sorgen und des Leidens jedes frivole Wort auf den Lippen erstarrt. Heute finde ich nimmer den Ton, den Herren der „Kontinentalen“ zu schreiben. Seit ich über die Schwelle dieses alten Patriarchenhauses getreten bin, muß ein Schlagbaum niedergefallen sein zwischen mir und jenen losen Vögeln. Weiß nicht, bin ich krank oder gesund worden. Sie würden witzeln: Er hat sein Herz entdeckt. — Ich weiß nicht, was werden soll, ob es nur eine windige Stimmung ist oder ein mannbares Aufrichten. Alfred, bleibe du jetzt neben mir stehen. Erlaub’, daß ich dir alles mitteile, was an mich prallen wird, was in mir wach wird, hilf mir über dieses Jahr hinweg. Es ist ein abenteuerliches, ein dunkles Jahr. Wache du, daß ich den Faden nicht verliere, der mich leiten und wieder hinausführen soll zum richtigen Thor. Wenn du meine Hand jetzt fassen könntest, noch hat sie nicht die lederfesten Schwielen! sie hat an der Innenseite Stellen, die sich häuten, die noch schmerzen, an meinen Schultern und Hüftknochen blaue Flecken. Und sie sagen, das, was in diesen wenigen Tagen war, sei noch gar keine eigentliche Arbeit.

Mein Vorsatz, auszuhalten, steht leidlich fest — zeitweise. Nur gestern abends, liegend im Holztrog auf dem Strohkissen, mit übelriechenden Schafhaarkotzen zugedeckt, von der Wand, von der Decke Wasser auf mich tropfend, in meinen Eingeweiden die Roggenklöße und die mit Speck geschmälzten Bohnen wühlend — da hub es an, in mir zu zagen. Wie jedoch am heutigen Frühmorgen die Sonnenscheibe heraufkam über den kahlen flachen Almrücken und wie das winterliche Gebirge in purpurner Verklärung dahingetragen stand unter dem blauen Himmel, während unten in den Gräben und draußen in den Thälern das bleigraue Geschiebe des Nebels lag — da habe ich dir jauchzen müssen. Mein Hausvater hat ein verwundertes Gesicht gemacht, daß es noch Knechte giebt, die jauchzen. Früher wäre das wohl vorgekommen, aber jetzt thäten die Leute lieber fluchen. Das hielten sie für vornehmer. — Offen gesagt, will ich mir auch das Fluchen nicht verschwören. — Wenn’s Herzerleichterung macht, warum nicht? Ein zorniges Beten, was ist es denn anders?

Du merkst, daß ich schon anfange, die bäuerlichen Laster zu verteidigen. Sollte ich mich mit der bäuerlichen Tüchtigkeit auch so leicht befreunden, dann müßte man mich bei der nächsten landwirtschaftlichen Ausstellung prämiieren lassen und in ein Raritätenkabinet stellen: Belieben hereinzuspazieren, meine Herrschaften! Hier ist das achte Weltwunder zu sehen: Ein Stadtherr, der Bauer geworden ist! — Na nu! Journalisten-Bummelwitzigkeit! Will schon fleißig mit Kuhmist desinfizieren, daß das Ungeziefer nicht wieder überhand nimmt.

Mein Hausvater hat keine Ahnung, welches Ungeheuer unter seinem Dache haust. Von diesem Hause und von diesen Leuten will ich dir das nächstemal berichten. Der Brief muß doch endlich ab.

Ich bitte dich um eins, Professor, teurer Doktor der Philosophie — verlaß mich nicht!

Dein Hans.

Fünfter Sonntag

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Adamshaus, am fünften Sonntage.

Dank, mein Freund, und ewigen Dank für dein Schreiben, für deinen Zuspruch. Weil du mich nur keinen Thoren genannt hast. Alles andere erträgt sich. An meiner Willenskraft, hoffe ich, wird’s nicht fehlen. Einmal ein Jahr lang zu unserm Herrgott in die Schule gehen! Ein besseres Wort hättest du mir nicht können sagen. Und daß mich wohl das Mitleid in dieses Haus gebracht hätt’, stimmt auch zur Not.

Wie vor ein paar Wochen einem erschöpften Mann der Mehlsack abgenommen und herauf zu seinem Hause getragen worden ist, das weißt du. Es war der Adamshauser, von dem vorher der Schullehrer gesprochen. Sein Hof, hoch an der Bergstirn, liegt unter alten Ahornen fast stattlich da. Als wir ins Haus traten, wies der Bauer mit beiden Händen auf mich und rief in kurzen Atemstößen seinem Weibe zu: „Der da! Wenn er hätt’ wollen, hätt’ er mir mit meinem Mehl zum Teuxel gehen können. Ich wär’ ihm heut’ nit nachgelaufen. Weil’s mich wieder hat. Meinen Rauch, Mutter!“

Gab das Weib zurück: „Wie ich halt sag! Weltfremde Leut’ sind immer einmal besser, als wie die lieben Nachbarn.“

Dann nahm sie eine Blechpfanne mit glühenden Kohlen, that getrocknetes Kraut hinein, hielt sie dem Manne, der in einen Lehnstuhl gesunken war, vors Gesicht. Den aufsteigenden Rauch atmete er ein. So ein paar Minuten lang, dann stemmte er die Hände seitlings an die Brust, atmete hoch auf und sagte: „Gott sei Dank, vorbei ist’s wieder!“

Nun mischte ich mich mit der Frage ein, was sie denn in der Pfanne verbrannt hätten?

„Hexenkraut!“ antwortete das Weib.

„Ist nit so schlimm wie der Name,“ setzte der Mann bei, „für den Lungendampf gar kein besseres Mittel. Jetzt sollt Ihr wohl Euren Rock austhun und rasten. Und die Stiefel abklopfen, sonst thun sie so viel nassen. Endlich ist er doch da, der Winter. Das Jahr hat man schon gemeint, es kommt keiner.“

„Wenn Ihr an Asthma leidet, solltet Ihr Euch doch schonen und einen Knecht in die Mühle schicken?“ So ich.

„Einen Knecht? Hab’s eh gethan? Hab’s eh gethan.“

„Das ist gewiß,“ gab das Weib bei, „weil er selber sein Knecht ist. Und sein bester auch noch.“

Das grauende Haar strich er mit flacher Hand über die Stirn herab und fast munter guckte er drein über den Spaß, daß er selber sein bester Knecht sei. Bald habe ich allerlei erfahren. Der älteste Sohn ist in Laibach Soldat. Der andere liegt im Nebenstübel und wimmert.

„Auf den ist so viel geschossen worden!“ sagte das Weib.

„Auf den Soldaten?“

„Aber nein, auf den andern. Es geht nit recht her auf der Welt.“

„Laß es gut sein, Mutter,“ wies der Mann zurecht. „Mir ist es lieber, wie es ist. Es kunnt ganz anders sein. Im Kotter kunnt er sitzen, anstatt da drinnen liegen. Er hätt’ sich abscheulich vergessen können. Wenn einer so vor dem Jäger steht. Auf ja und nein kann ihn Gott verlassen!“

„Was hätt’s denn gemacht?“ rief das Weib erregt und mit den krummgebogenen Armen zitternd, „wenn sie den einen Buben beim Militari zum Leutderschießen einlernen, so wird der andere sich wohl auch um sein Leben wehren dürfen!“

„Mutter,“ beschwichtigte er, „mußt nit wieder sper werden. Wenn sie eh so bös brennt, die Wunden, wenn sie eh so bös brennt! Mußt nit auch noch alleweil Scheidewasser draufgießen. Ein Lackerl Milch, wenn du ihm kochen wolltest. Dem da. Fürs Mehltragen, daß er so gut ist gewesen. Und ich muß jetzt zum Vieh.“

„Ihr habt wohl eine große Wirtschaft?“ So meine Frage.

„Zum Prahlen wär’ sie zu klein und zum Dermachen ist sie zu groß.“

„Dann solltet Ihr doch einen Knecht nehmen.“

„Nehmen!“ kreischte sie lachend auf. „Das ist leicht gesagt.“

„Es ist halt keiner zu kriegen,“ setzte er bei.

Sagte darauf ich: „Manchmal gäbe es ihrer vielleicht doch.“

„Und keiner zu bezahlen!“ so er.

„Und keiner zu köstigen und zu gewanden!“ so sie.

„Thun ja hell brandschatzen, die Dienstboten, heutzutag,“ so er.

Und sie: „Zu schlecht ist ihnen schon alles. Haben im vorigen Sommer zum Heuen so eine Gnad’ gehabt, eine zweifüßige. Eh von der Nachbarschaft einer. Ein ausgedienter Soldat. Beim Militari, von Obristen abschanden lassen wie ein Mistbub, aber daheim vom Hausvater kein ungeschaffen Wörtel annehmen. Solche Dienstleut! Da arbeit’ ich lieber Tag und Nacht selber. Ist ja wahr auch! In der Kasern, ja, da lassen sie sich das Hungerleiden schön gefallen, aber nachher auf der Bäuerei stoßen sie die Erdäpfelschüssel mit der Faust über den Tisch hin: Das wär’ ein Fressen für die Säue! Mein Lebtag hat mir noch keiner mein Essen verschmäht, als wie der. Aber dem kommt’s heim. Dem kommt’s noch heim. Denkt’s, daß ich’s gesagt hab!“

„Thu dich nit anzünden, Mutter,“ beschwichtigte wieder der Bauer. „Ist eh arm dran, so ein Mensch, wenn sein schwacher Magen nit einmal mehr ein Erdäpfelsterzel verkochen kann. Nit einmal ein Erdäpfelsterzel!“

Jetzt habe ich mir einen Anrand genommen. „Bauersleute,“ sage ich, „wenn euch mit mir geholfen wäre. Ich habe schon allerhand probiert auf der Welt, Hartes mehr wie Leichtes, so wird mich das Bauerndienen auch nicht umbringen. Wenn ich auch kein Geborner bin. Was man nicht kann, das lernt man und was einem etwa nicht taugt, das gewöhnt man. Um Kost und Schlafstatt werde ich nicht greinen, und Jahrlohn, was ihr leicht mögt. Nicht etwa, daß mir just ums Winterdach zu thun wäre, will auch im Sommer bei euch bleiben und wegen keiner schweren Arbeit verzagen. In allem Ernst, Leutlein, wenn’s euch recht ist, so bleib’ ich da.“

So, mein Freund, habe ich mich hinwerfen müssen, ist das nicht tapfer gewesen? Und habe dabei gar nicht einmal auf mein Ehrenwort gedacht, als vielmehr, daß mich die armen Hascher erbarmen. — Bin doch ein schrecklich edler Mensch! Wie also das gesprochen war, sind sie vor mir alle zwei dagesessen, haben sich angeschaut und nichts als angeschaut. Er hält über den Magen die Hände gefaltet und endlich ist er doch so weit, zu sagen: „Da weiß der Mensch gar nit, wie ihm geschieht.“

Sie hingegen hat ein schlagenderes Wort. „Richtig wahr,“ sagt sie, „mehr kunnt ein Spitzbub auch nit versprechen.“

Aber er: „Ungeschickt, ungeschickt, Mutter! Wenn’s ein schlechter Mensch thät’ sein, wär’ er mir mit dem Mehlsack davon, unten auf der Brandlahn. Weißt, wie sie voriges Jahr dem Gleimer-Stindl die Kasbutten weggenommen haben. Unser Herrgott ist hoch oben und der Schandarm weit weg.“

Ein förmliches Gericht war’s, das ich über mich habe ergehen lassen müssen. Nachdem sich das Paar noch um mancherlei erkundigt hatte, nicht zuletzt nach meiner Religion, kam es endlich dahin überein, dieser weltfremde Mensch müsse rein von der heiligen Nothburga geschickt worden sein, zu der sie, wie ich nun weiß, jeden Abend beten um Beistand.

„Machen wir’s halt so,“ sagte der Adamshauser endlich, „wenn’s schon dein freier Willen ist — jetzt sag’ ich halt gleich: du. Aber fürs ganze Jahr festbinden, das nit. Heut taugt’s dir in der warmen Stuben, morgen kunnt schön Wetter sein und deine Füß’ hübsch ausgerastet. Und bleiben wir beisammen, so hat man halt sonst vierzig Gulden Jahrlohn gegeben und das Gewand. Ist freilich nit viel. Bleibst halt so lang du magst.“ —

So, alter Freund, jetzt hast du sie gesehen und gehört, meine neuen Hausherrenleute.

Willst du auch den Hof sehen? Auf der Höhe eines Bergausläufers liegt er gar behäbig da mit seinen braunen Holzwänden und den weit vorspringenden Bretterdächern. Vor dem Hause senkt sich die Feld- und Wiesenlehne bis ins Engthal hinab zum Bache. Neben dem Hause kahle Laubbäume, die im Sommer wahrscheinlich grünen werden. Hinter demselben, gegen die Almen hinan, kümmerlicher Nadelwald. Seitlings hin ein mit Buschwerk bewachsener Rain, bis zur Schlucht, wo unter einer Altfichte ein zweites Haus ist, das zum Hof gehörige Ausgedingegütel; jetzt steht es leer. — Die Hausthüren sind so eingerichtet, daß jeder Eintretende sich tief verneigen muß vor den Inwohnern, sonst stößt er sich den Schädel entzwei. Aber auch den Ausblick in die weite Welt gestatten die niedrigen, mit gekreuzten Eisenspangen vergitterten Fensterchen nur in Stellung der Demut. Auf dem Drambaum in der Stube des Adamshauses steht die Jahreszahl 1650. Das ist gar nicht lumpig! Die große Stube ist Küche, Eßzimmer und Wohnraum für alle, auch für die Hühner, deren Käfig unterhalb des Herdes in der Mauernische sich befindet. Außerdem hat das Haus noch etliche Kammern für Schlafstellen und Vorräte. An der Außenwand ein paar Bienenstöcke, die leer sind. Die Ställe und Scheunen sind weitläufig und deuten auf eine große Wirtschaft in früherer Zeit. — So, nun kennst du auch meine jetzige Heimstätte.

Mir ist eine Kammer neben dem Ochsenstall angewiesen worden, „dem Valentl seine“. Kommt er auf Urlaub heim, so heißt’s umsiedeln. Das Innere der Apartements will ich dir später einmal beschreiben, jetzt heißt’s Berufsinteressen voran. Der Hausvater hat mir schon am zweiten Tage all’ seine Schätze gezeigt: Heu, Stroh, Getreide, Hafer, Flachs, Hanf und mit besonderem Stolz den großen Dunghaufen im Hofe. Mühe wird’s schon kosten. Augenblicklich ist mir der Unterschied zwischen Roggen und Gerste, zwischen Flachs und Hanf nicht klar. Beim Vieh wird’s einigermaßen leichter gehen, obschon mir heute noch unbegreiflich ist, wie man zwei schwarze Lämmer oder zwei scheckige Kalben von gleicher Größe soll unterscheiden können. Meine Hausgenossen haben das auf den ersten Blick los und es scheint, daß die Tiere für ein geübtes Auge ganz die individuelle Physiognomie haben, als die Menschen. Ein Hirte soll aus hunderten von Schafen jedes für sich erkennen.

Meine erste Obliegenheit wurde das Abfüttern der Ochsen, Kalben und Schafe. Das ist aber nicht etwa, als ob man ihnen Heu oder Gehacktes nur gleich so hinwerfen dürfte, wie in einer schlampigen Menagerie. Die Haustiere haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Pflichten und Rechte und sind nicht gesonnen, sich wie wilde Tiere behandeln zu lassen. Da giebt’s des Tages bestimmte Mahlzeiten und eine genaue Zubereitung von Heu, Rüben, getrocknetem Laub mit Aufguß, Heublumenmehl, Salz u. s. w., was für den Neuling um so schwerer zu treffen ist, als weder geschriebene Rezepte noch Kochbücher dafür vorhanden sind.

Und nun sage ich dir, Philosoph, daß solcherlei noch gar nichts ist, nicht einmal der Anfang. Aus den flüchtigen Andeutungen, die mein Hausvater mir bisher gemacht hat, merke ich, daß die Kenntnis des Bauernwesens eine ganz respektable Wissenschaft bildet — in allem Ernste. Und eine Kunst noch dazu, denn das muß nicht bloß verstanden, es muß auch ausgeführt werden. Das wird plagen. Wenn der „Volkswirt“ im Zeitungsblatt einen Stiefel sagt, so rührt sich darüber keine Katze und der Schreiber ist ein gelehrter Mann. Wenn aber der Bauer einen Unsinn macht, so fault das Heu in der Scheune, schimmelt das Korn im Sack, verreckt das Rind im Stall. Ja, Bauer, das ist was anderes!

Nun möchte ich dir aber vom ersten Tage noch etwas erzählen. Da war mir gar so eigentümlich zumute. Als die Hausmutter das Herdfeuer anzündete setzten wir uns auf Bank und Block um den Herd, weil des Aufrechtstehenden Haupt zu hoch in das graue Gewölk des Rauches hineingeragt hätte. Dieser Rauch fließt nur langsam durch einen Wandschuber ab, ins Vorhaus, wo er durch einen Holzschlauch übers Dach hinaus geführt wird. Der Hausvater fettete ein paar derbgebaute Schuhe mit Schweinsschmiere ein. Die Hausmutter schmorte in der Pfanne Kartoffeln und mir war die Aufgabe zugefallen, von einem großen Schwarzbrot Suppenbrocken abzuschnitzeln für das bevorstehende Nachtmahl. Plaudersam waren wir gerade nicht. Mich schützte vor Langeweile nur die Mühe meines Brotbrechens. Die Hausmutter merkte meine Unbeholfenheit und sprach: „Du — du! Wie heißt du denn?“

„Hans, wenn’s recht wär’.“

„Du, Hansel, ich sag’ dir was. Deine Brocken werden zu dick! Du kannst es nit recht.“

Na, gute Nacht, Knecht! Wenn du das Brot nicht einmal aufschneiden kannst, wie wirst es erst verdienen können!

Rief in der Nebenkammer plötzlich jemand nach der Mutter. Sie ging hinein. Durch die offene Thür sah ich, daß es da drin ganz feierlich war, wie in einer Kapelle. Ein weißgedeckter Tisch, auf dem ein Wasserglas mit brennendem Öllichtlein stand. An der Wandecke Heiligenbilder, kleine bunte böhmische Glasmalereien. Daneben ein hochgeschichtetes Bett, in demselben ein junger Mensch, an dem Kissen lehnend. Auf der blauen Decke hatte er seine rechte Hand liegen. Die war mit Lappen umwunden. Das Gesicht glatt, fein und weiß wie eine italienische Marmorarbeit; aber große, dunkle Augen, an der Oberlippe einen Bartschatten. Zwischen den zuckenden Lippen schimmerten Zähne, das braune Haar üppig, verworren, es wühlte die linke Hand drin. Wie man manchmal schon alles so auf einmal sieht. Ein bildschöner Mensch.

Der hatte nach der Mutter gerufen. „Ist die Barbel nit da?“ fragte er.

„Was willst ihr denn, Rocherl?“

„So viel weh thut’s wieder.“

„Sei getröstet, Kind,“ sagte die Mutter. „Ich will dir frisches Schusterpech auflegen und nachher wieder gut einbinden.“

„Dank Euch Gott, Mutter. Aber die Barbel — die, die soll’s thun. Bei der Barbel thut’s nit so weh.“

„Sie thut halt noch haarkampen draußen in der Hinterstuben.“

Am Ende, mein Professor, weißt du jetzt nicht, was haarkampen heißt: Gebrochenen Flachs durch die Hechel ziehen, um die Agen abzustreifen. — Endlich weiß ich einmal mehr als du. Das thut wohl!

Ich bin dann hineingegangen und habe mir die Schußwunde zeigen lassen. Knapp hinter dem Gelenke ein rundes Loch, mit gestocktem Blute verstopft, die Haut ringsum gerötet. Eben war das Pflaster, eine schwarze, zähklebrige Masse, losgelöst worden. Auf meine Frage, ob die Kugel schon entfernt sei, hieß es, das Schusterpech werde sie schon herausziehen.

Nun kam das Mädel herein. Auch die muß sich an der Thür bücken, so groß ist sie. Aber sie bückt sich nicht oben, sondern unten — ein Knixlein und durch ist sie. Wie Leute nur so schlank und so gerade wachsen mögen, wenn sie sich jeden Tag unzähligemale einschnappen müssen! Im Arm hatte sie Flachsstrehne, die legte sie sorgfältig über eine Stuhllehne; auf dem Kopfe hatte sie einen alten schwammigen Filzhut, den hing sie flink an den Wandnagel.

„Bist schon brav, Barbel, daß du auf meinen Bräutigamhut schön acht giebst!“ lobte der Hausvater. „Wohl, wohl, in dem Hut hab’ ich deine Mutter in die Kirchen geführt. Selben hat ein sauberer Buschen drauf gesteckt und heut’ sind die Schaben dran. Herentgegen ein frisch Gesichtel darunter, das macht auch einen schäbigen Hut schön. Na halt ja, einen Spaß muß man auch haben.“

Dieser gemütliche Stolz auf seinen Bräutigamhut und auf seine Tochter stand dem Alten entzückend. Schon deswegen müßte man ihn gern haben. Jetzt besah ich mir aber auch die Barbel.

Himmelkreuzstern, Doktor, das ist ein Mädel! —

Hans.

Sechster Sonntag

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Adamshaus, am sechsten Sonntage.

Beim Mädel, nicht wahr, bin ich stehen geblieben, das vorige Mal.

In deinem Speisezimmer hängt ein Bild von ihr. Du nennst sie die „Sixtinische“. Wahrlich, nichts fehlt unserer Barbel dazu, als das Kind. Bei euch drin in der Stadt wäre ein solches Wesen unmöglich. Unmöglich, sage ich dir! Die begehrenden Männeraugen hätten diesen Hauch versengt. Es ist noch der Reif der Traube an ihr. Sie hätten den Schmelz dieser Augen ausgesogen, diese Lippenknospen versehrt, sie hätten diese reine, herbe Seele längst zu einem koketten Damengeistlein gemacht. Obschon das gar nicht möglich zu sein scheint. Ich gönne das Mädel keiner Stadt und keinem Palaste, ich gönne es niemandem, auch dir nicht — auch mir nicht. Ich stehe abseits und betrachte es voller Ehrfurcht, das dumme Ding, das seit drei Wochen kaum dreißig Worte zu mir gesprochen hat. So ernsthaft und verschlossen sein, wenn man so lachend aufgeblüht ist! Nur mit dem Rocherl scherzt und herzt sie, mit dem durchschossenen Bruder. Wenn das Mädel bei ihm ist, thut ihm kein Blei weh in der Hand, da lacht er und schalkt und schaut ihr so treuherzig ins Madonnengesicht, daß ich alle Wand- und Thürfugen preise, obschon manchmal ganz niederträchtig der Wind durchzieht. Ich für meinen Geschmack wüßte keinen feineren Guckkasten.

Kniet sie gestern vor dem Bette, streichelt seinen verbundenen Arm und sagt voller Zärtlichkeit:

„Armes Handerl, du! Geh’, sei gescheit und thu’ nit weh! Ich will dir nachher zu Lohn was Schönes schenken.“

„Wenn das Kügerl nit heraus will!“ meint der Bursche.

„So soll’s drinnen bleiben. Hat der Mensch so viele Knochen im Leib, wird er wohl auch ein bissel Blei vertragen mögen.“ So spaßet sie.

„Was halt nit hineingehört, das thut kein gut,“ sagt er traurig.

„Mußt nit verzagt sein, Rocherl,“ tröstet sie, „immer Eins hat was in sich, was nit dazu gehört. Darf nit verzagen.“

Ich weiß nicht, alle möglichen Nöte der Menschheit stellt sie ihm manchmal dar, damit er in Hinblick darauf seine eigene Not leichter trage. —

Nun will ich meine Feder auch auf anderen Feldern spazieren führen, damit dir mein Tagebuch allmählich ein Ganzes liefert. — Am Tage vor Lichtmeß war aus Hoisendorf herauf ein alter Mann gekommen, der hat an der Hausthür einen Spruch aufgesagt, den ich zur Hälfte nicht verstanden, zur andern Hälfte wieder vergessen habe. Ich glaube, von der Muttergottes und den Heiligen hat er gehandelt und die Pointe war — Geld. Der Alte ging nämlich zu den Häusern umher, um Geld zu sammeln für die Altarkerzen in der Hoisendorfer Pfarrkirche, damit dort bei allen Gottesdiensten des Jahres Lichter brennen können. Zuerst ging er also zum Hausvater und hielt ihm ein blau-angestrichenes Trühlein vor, derweilen er etwa folgenden Spruch sagte: „Unsere liebe Frau schickt mich in euere ehrengeachtete Hütten und laßt um ein frommes Lichtmeßopfer bitten!“

Der Hausvater holte von der Wandleiste ein altes Lederbeutlein herab, nestelte eine Münze heraus, küßte sie ehrerbietig und legte sie in das Trühlein. Der Sammler kläubelte es wieder heraus, beguckte es von beiden Seiten und sagte: „Adam, du hast sonst allemal ein Zwanzigerl gegeben.“

„Ist eh eins, ist eh eins,“ sagte der Bauer.

„Sein thut’s eins, aber was für eins! Sonst waren es zwanzig Kreuzer, heut’ sind’s zwanzig Heller! Hörst du, Bauer, Nickel nimmt keine Weih’ an.“

„Und Silber haben wir keins mehr,“ versetzte mein Hausvater bedächtig. „Bei den schlechten Zeiten wird wohl auch die Himmelmutter bei der Mess’ mit ein paar Kerzen weniger gern zufrieden sein.“

„Paar Kerzen weniger? Ah na, das thät’s nit, daß uns die Muttergottes ins Dustere thät kommen! — Thu’ ich mich halt zu einer christlichen Wohlthäterin wenden. Gelt, Bäuerin, ehrengeachtete, in deiner Hütten, auch dich laßt unsre liebe Frau um ein Lichtmeßopfer bitten.“

Die Hausmutter gab einen Nickelzehner, unter besonderer Bedingung, daß in der Kirche beim Schutzengelbild eine besondere Kerze gestiftet werde.

„Eine Kerze gestiftet? Für das da? Du bist spaßig, Adamshauserin!“

Nach dieser geringschätzigen Rede trat der Mann in die Kammer an den Rocherl, der auf dem Bette saß, und sagte denselben Spruch.

Der Bursche wurde rot im Gesicht, so blaß er sonst war, und schaute hilflos um sich. Denn, wie mir schien, er besaß nichts.

Da mischte sich die Barbel ein: „Wartet ein wenig, ich habe sein Geld in Verwahrung.“ Aus ihrer blumigen Gewandtruhe holte sie ein Münzlein hervor. Der Alte besah es, schnalzte mit der Zunge: „Hau, da ist ja noch eins! Adam, bei deinem sauberen Töchterl haben sie sich versteckt, die Silberschimmel! Ich glaub’s, ich thät’s auch. Sollten ihrer nit ein paar sein, im Nest? Wenn nit, nachher ist’s so auch gut. Vergelt dir’s Gott, Jungfräulein! Glück und Segen! Einen braven Mann und eine stubenvoll Kinder daneben! Für jeden Heller ein Madel, für jeden Kreuzer einen Buben, nachher wird’s schon lustig in der Stuben.“

Weil sich das Mädel jetzt rasch fortmachte, so sah der Lichtmeßsammler den Schulknaben, den Franzel. Der war, um seine weißen frischgewaschenen Hemdärmeln zu zeigen und sich an dem possierlichen Bettler zu ergötzen, so lange unvorsichtig umhergestanden, bis das Schicksal nun auch ihn antrat. Er machte aber nicht viel Umstände, griff in den Sack und gab zwei Heller. Das that er mit solcher Sicherheit, als ob der ganze Hosensack voller Schätze wäre. Es war aber das erste und letzte Geldstück gewesen, ein Botenlohn vom Schulhause, wie mich däucht erfahren zu haben. Denn der Junge trägt manchmal etliche Eier hinab und was es sonst so mitunter auszurichten giebt.

Endlich, als alle übrigen abgeschabt waren, stand der alte Kracher auch vor mir fest und brummte: „Giebt der nichts?“

Ich reichte ihm einen Zehner und muß etwas von einem Trinkgeld gesagt haben. Da habe ich angezündet!

Er hielt die Münze in der breiten, runzeligen Hand: „Ein Trinkgeld? Wieso? Glaubst du, ich geh Trinkgelder betteln wie ein Nachtwachter um Neujahr? Du Racker, du! Was bist denn für einer, daß du kein Licht brauchst, beim Herrgott! Du Duster-Mannl, du! — Heb’s weg, das Ding! Heb’s weg!“

„Na, na, so schlimm ist es ja nicht gemeint gewesen.“

„Heb’s weg, sag’ ich!“

„Soll auch von mir eine christliche Gabe der Kirche vermeint sein.“

„Wir brauchen’s nit!“ Mit diesem Schrei schleuderte er das Geldstück zu Boden, daß es ein paarmal ganz entrüstet aufhüpfte.

„Trinkgeld, wie einem Nachtwachter!“ Gleichsam hinspuckte er dieses Wort.

Jetzt hat mich der Hausvater in Schutz genommen: „Mußt nit, Schragerer, ’s ist der neue Knecht. Ein Zugereister. Weiß halt nichts vom heiligen Brauch. Beten thut er eh fleißig.“

Darauf hin hat der Mann die Münze doch aufgehoben und ins Trühlein gethan. Dann noch einen gereimten Spruch, halb sagt er ihn, halb singt er ihn, und so ist er würdig zur Thür hinausgegangen.

Als letzte Post ist es mir übrigens gar rührend vorgekommen, daß diese armen Leute Geld zusammenschießen für das Weihelicht am Altare. Und am Lichtmeßfeste, als ich mit dem Hausvater nach Hoisendorf hinabgegangen, ist die ganze schier stimmungsvolle Feierlichkeit zu sehen gewesen, wie bei vielem Lichtleuchten und Orgelklang vom Kuraten die neuen Kerzen geweiht wurden, wobei auch der Lehrer, ein Licht in der Hand und lateinische Sprüche sagend, behilflich war.

Gegen mich hat er was, der Lehrer. Was weiß ich? Als wir Blicke wechselten, ich that’s grüßend, aber aus seinem Auge kam kein heiliges Feuer.

Was nun mein Dienstgeber über das „fleißige Beten“ seines zugereisten Knechtes sagt — bedingungslos unterschreibe ich’s nicht. Ein Mensch zur Abendstunde, wo er gewohnt ist, im „Roten Krug“ bei Bier und Rostbraten zu sitzen, dann noch ins Kaffeehaus zu gehen in Gesellschaft ausgelassener Kumpane! Und soll zur selben Stunde jetzt täglich auf dem Schemel knien, die Ellbogen auf die Tischkante stützen und gemeinsam mit einer Bauernfamilie Litanei und Rosenkranzgebete murmeln! Du kannst dir’s vorstellen. Nein, nicht kannst du dir’s vorstellen, es ist fabelhaft trostlos! Der Teufel hat immer Geschmack bewiesen. Wenn er mit sonst nichts mehr zu vertreiben ist, beim Gebet, da fährt er ab. — Der häusliche Abendgottesdienst dauert an Werktagen gegen vierzig Minuten, an Feierabenden, sowie auch an Sonn- und Festtagen, nahezu eine Stunde. Mein Sack voll Stadtsünden, den ich hübsch vollgerüttelt mitgebracht — er ist sicherlich verbüßt. Durch das Beten kaum, denn das meinige dürfte beim lieben Gott nicht viel mehr gelten als beim alten Schragerer mein Silberzehner. Durch das Knieen auf dem Brette wohl auch kaum, bei dem der Kerl vierknieig dahockt. Hingegen alles sühnt das heldenmütige Ankämpfen gegen den Lachreiz. Den abscheulichen Lachreiz. Hast du es schon einmal gehört, wie Bauersleute beten? Ernsthaft betrachtet ist an diesem gottwilligen Hinmurmeln und Hindämmern einfältiger Seelen gewiß nichts Komisches enthalten; aber so ein Stadtbengel ist das Ungezogenste, Frivolste und Intoleranteste der ganzen Schöpfung. — Erst nach und nach, o Freund, habe ich das blutende Herz geahnt, womit sie unter gefalteten Händen und geschlossenen Augen beten, diese bekümmerten Menschen.

Immer einmal geschieht’s wohl auch, daß sie den geistlichen Rat „Bete, und arbeite“ zu gleicher Zeit befolgen. Thut während des Psalters der Hausvater Späne klieben, die Hausmutter kochen, die Barbel spinnen, der Rocherl und der Franzel auf dem Tisch Bohnen säubern, die wir am nächsten Tage zu essen bekommen. Und der zugereiste Knecht? Auf den Waden sitzend wie ein Türke, rodelt er mit und trachtet es zu vertuschen, daß ihm weder das Vaterunser, noch das Avemaria wörtlich bekannt ist. Auch mir hat die Mutter einmal diese Hände gefaltet, als sie noch klein gewesen: „Vaterunser, der du bist im Himmel!“ In der Lehrzeit hat sich der Katechet noch ein paarmal erkundigt nach solchen Dingen, später, bei den Kaiserlichen und bei der „Kontinentalen“ ist keine Nachfrage mehr gewesen.

Wenn die Unwissenheit ans Licht käme! Einige Rügen hat mir meine Aufführung ohnehin schon eingetragen. Die heillose Ungeschicklichkeit in der Arbeit wird mir jetzt zwar nicht schwer aufgemessen. Aber daß der „Zugereiste“ bei Tisch weder vor noch nach dem Essen ein Kreuz zieht mit dem Daumen über Stirn, Mund und Brust, daß er beim Nockenessen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führt, daß er die Einbrennsuppe (den Bauernkaffee) nicht aus der gemeinsamen Schüssel essen will, sondern sie vorerst auf den Teller herausschöpft, daß er Sonntags wie Werktags dasselbe Gewand am Leibe hat, daß er sich täglich mit Seife wäscht und sogar mit einer kleinen Bürste die Zähne scheuert, daß er seinen Bartwust stehen läßt, anstatt sich allsamsttägig säuberlich zu rasieren, und andere Unarten — solcherlei hat mir der Hausvater schon ein paarmal in aller Güte vorgehalten, die Hausmutter mit schärferen Worten verwiesen.

„Du, Hansel,“ sagte sie vor zwei Tagen, „mit deiner Hoffart wirst du uns noch die Kinder verderben! Wo die jungen Leut’ jetzund eh’ allerhand Dummheiten im Kopf haben! Das schlechte Beispiel da! Ich sag dir’s, Hansel! Sobald mir der Schulbub so ein grausliches Zahnbürstel heimbringt, nachher kannst du dir um einen anderen Platz schauen. Ich leids nit.“

Was meinst du, wäre diese unwirsche Thatsache nicht etwa bei den „Fliegenden Blättern“ anzubringen? Nein doch, ich will mir die Seelenkonflikte dieses Jahres nicht von der ganzen Welt verlachen lassen. — Und wirklich? Thut’s es nicht auch am Ende ohne? Mein Hausvater scheuert sich des Morgens den Mund mit einem Hanflappen. Das Haar strählt er sich mit den fünf Fingern aus. Als Trinkgefäß am Brunnen benutzt er die aufgebogene Hutkrempe oder die hohle Hand. Sie entbehren nichts, nach ihrer Meinung, sie haben alles. Bis so ein Bauer von Mangel spricht, ist er schon nahe am Verhungern. Und da habe ich mir gedacht, daß der Mensch zweimal bedürfnislos ist, einmal im Naturzustande, das andere Mal auf dem höchsten Grade der Bildung. Was dazwischen liegt — daß Gott erbarm! Jeder Wunsch des Weltkindes gebärt im Augenblicke der Erfüllung sieben neue, und vor lauter Wünschen kommt es zu keinem Genießen.

In voriger Woche war so Einer da. „Kramerzodl“ nannten sie ihn, aber nicht etwa im Schimpfe, sie meinen damit ganz harmlos das, was bei uns ein kleiner Agent oder ein Hausierer ist. Dieser Mann hatte zwar kein grünes Bündel bei sich, hingegen aber einen illustrierten Preiskonto für allerlei schöne Sachen. Der Hausmutter wollte er ein rotgepolstertes Sofa anbindern. Sie gab zur Antwort, auf der Bäuerei brauche man kein Lotterbett, er solle sich nur selber drauflegen. — Hierauf beklagte sich der strebsame Handelsmann über Mangel an Bildung bei diesen Leuten, kam mit mir in ein Gespräch und behauptete, Bedürfnislosigkeit sei ein Zeichen der Barbarei, je höher die Kultur, desto mehr Bedürfnisse. — Du, Doktor! Wetten möchte ich nicht, daß ein gewisser Hans Trautendorffer selbst einmal ähnliches drucken ließ. Und jetzt wäre ich am liebsten so ungebildet gewesen, den „Kramerzodl“ zur Thür hinauszujagen. Sollte es denn nicht vielmehr die höchste Kultur sein, daß der Mensch genießt, anstatt vermißt? Und er seine Wünsche gerade so einzurichten weiß, daß sie ohne unverhältnismäßigen Aufwand von Kraft und — Seelenfreiheit naturgemäß befriedigt werden können? Wer künstlich Bedürfnisse schafft wie es ein großer Teil unserer Industrie, unseres Handels thut, der schafft Unzufriedenheit. Wer sich von einem ursprünglichen harmlosen Lebensgenießen ablenken läßt und in eine Überfülle moderner Werte gerät, der ist bald ein Übersättigter und Ungesättigter zugleich. Warum dem armen Menschen tausend Fangorgane und tausend Genußherzen anzüchten wollen, wenn zwei Arme zur Arbeit und ein Herz zum Genießen bisher ausgereicht haben! Genüsse, die über den Erwerb zweier Arme oder eines Kopfes hinausgehen, müssen mit sittlichen Gütern bezahlt werden. Der vollkommene Mensch besitzt nichts und genießt alles. Wer auf jedem Holzbalken und Steinboden so gut ruht, wie auf einem Sofa, dem ist die ganze Welt voll Sofas. Wem ein Trunk Wasser an der Quelle so gut schmeckt, wie Johannisberger Auslese, dem sprudelt aus jedem Berge Rheinwein.

Und so sprichst du? höre ich dich fragen, mein Freund. Ja, so spricht ein Mensch, der nicht in der Üppigkeit sitzt, der harten Mangel leidet unter Leuten, denen in ihrer Art nichts abgeht. Grausam ächze ich manchmal unter den Vorstellungen der mir anerzogenen „Kultur“. Gestern, nach einer schrecklichen Nacht, hatte ich schon mein Bündel geschnürt, um flüchtig zu werden. Als es aber geschnürt war und nur die Schwelle überschritten zu werden brauchte, fiel es mir ein: Schau, wie leicht das geht! Gerade so gut kannst du nach einer Stunde gehen, oder morgen, oder übermorgen! Gezwungen wäre es nicht zu ertragen. Aber im Gefühle der Freiheit! — Das Bündel wurde in den Schrank zurückgeschleudert.

Unsers Herrgotts Schule! Nein, geschwänzt werden soll sie nicht. Dein

Hans.


Siebenter Sonntag

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Am siebenten Sonntage.

Lieber Freund und Philosoph!

Was treibst du um drei Uhr morgens? Ich vermute, du gehst um diese Zeit von einem Balle heim, oder stoßest in einem Kaffeehause die Billardkugeln hin und wieder. Oder liegst doch schon solide in den Federn und bereitest dich durch das Werk eines großen Denkers und eine wohl abgelegene Cigarre auf ein sanftes Einschlafen vor. — Bei mir im Adamshause macht sich diese späte Abendstunde dadurch bemerkbar, daß mein Dienstherr mit einem Holzscheit an die Kammerwand pocht: Zum Aufstehen ist’s! — Anfangs habe ich dieses Scheit furchtbar tragisch genommen und bin aus dem Stroh gesprungen, als wäre eine Feuersbrunst ausgebrochen. Jetzt lasse ich den guten Adam schon zweimal pochen, gestern sogar ein drittesmal, bis er den Ruf thut: „Hansel! Ich denk, jetzt wär’s nimmer zu früh!“

Meine Taschenuhr zeigte ein Viertel auf Vier!

Von der Kälte spricht man hier nicht viel. Das einzige Barometer, von dem man redet, ist die Gicht. Beim frostigen Aufstehen spitzt sich ein lebhaftes Verlangen nach der heißen Einbrennsuppe. Nichts da! Vorher heißt’s auf der Tenne drei Stunden Hafer dreschen. Das Kerzenlicht hängt am Wandnagel und zwinkert sozusagen beständig mit den Augen, wenn unsere Flegel durch die Luft sausen. Zu deinem Unterrichte: Die Tenne ist vollbelegt mit Hafergarben. Unser vier, der Hausvater, die Hausmutter, die Barbel und ich, jedes die Hände mit schafwollenen Fäustlingen bekleidet, hauen rhythmisch wie eine Klopstocksche Ode in Trochäen auf das Gestrohe los, damit dieses die letzten Körner hergiebt und weich wird zum Rinderfraß. Die Erlernung der Kunst, Stroh zu dreschen, hat dem alten Journalisten verhältnismäßig wenig Mühe gekostet.

Weil bei der tiefsinnigen Arbeit alles sehr schweigsam ist, so hatte ich während derselben in meinem Innern schon Gedichte gemacht — im Dreschflegeltakte. Es sind Trutzlieder auf die Barbel. Diesen Stolz könnte sie wohl endlich sein lassen. Freilich bin ich ein armer Knecht, ein zugereister; nun der würde ihr wohl doch nicht sofort eine Liebeserklärung machen, wenn sie den Namen Hans einmal über die Lippen brächte. Zwar spricht sie auch mit den anderen kaum — was nicht immer so gewesen sein muß, weil es die Mutter Wunder nimmt. Am Ende — trotz allem — wer kann’s denn wissen! Am Ende —. Des Abends beim Herde muß ich manchmal eine Geschichte erzählen. Da kam auch eine von der stummen Prinzessin. Die hat immer gelacht und immer geplaudert. Da sah sie eines Tages auf der Jagd einen Schäfer. Von diesem Tage an hat sie nicht mehr gelacht und nicht mehr gesprochen — war stumm. Alle Arzenei war vergeblich, sie zu heilen, bis einst ein Wundermann den jungen Schäfer brachte, der die Kraft besaß, Stumme sprechend zu machen. Dieser legte der Prinzessin die Hände auf die Achseln, schaute sie an und fragte: „Liebst du mich?“ — „Ja,“ hat sie geantwortet, und von diesem Augenblicke an war sie geheilt. — Meinst du, die Barbel hätte bei dieser schönen Historie auch nur mit einem Auge gezuckt? Nein.

Es muß dir schon aufgefallen sein, daß meine Feder stets nach einer gewissen Richtung hin gravitiert. Man lenkt ab — sie gleitet immer wieder gegen jenen wundersamen Nordlichtschein. — Wenn ein Roman entstünde! Doktor! Doktor!

Dummheiten! — Um sechs Uhr pfeift der Rocherl zum Frühstück. Weil er nicht dreschen kann, so besorgt er den Kaffee. Ach, schon den Namen möchte man hinabschlucken. Unterricht: Geröstetes Kornmehl mit etwas Butter und Kümmel in Wasser gekocht. Der echte ist hoffnungslos. Vor vielen Jahren soll in diesem Hause einmal eine Nähterin Kaffee gekocht haben. Wirklichen! Eine Art Zeitrechnung datiert davon. „Dazumal, wie wir den Kaffee gegessen haben!“ „Im selbigen Jahr, wie der Kaffee ist gewesen.“ — Vorlauterweise habe ich einmal bei Tisch erzählt, daß es in großen Städten eigene Kaffeehäuser giebt, wo jahraus jahrein nichts gekocht wird, als Kaffee! Darauf sagte der Hausvater — aber gutmütig dabei lächelnd, daß es nicht weh thun möchte — ich hätte doch ein Fleischhauer werden sollen, weil mir das Aufschneiden so gut von statten ginge. — Soweit, mein Freund, sind wir hier entfernt vom Kaffee!

Du denkst als halber Kneippjünger, daß frische Milch den Herrlichen ersetzen müßte! Höre: Die vorwegs von Butter gänzlich befreite Milch steht seit Wochen in großen Kellerkübeln aufbewahrt. Darüber sind ein paar Bretter gelegt, damit kein größeres Getier hineinfallen kann. Im Winter bei dürrem Futter, sollst du wissen, hat nicht jede Kuh Lust, das weiße Brünnlein quellen zu lassen. Also die vom Keller, die „säuerlt“ dann manchmal, oder sie „rauchelt“, und ist der einhändige Koch immer noch froh, wenn in der Suppe keine schlimmeren Eigenschaften auffallen. — Pfui, Kostbespöttler hinter dem Rücken! Und sagst beim Löffelabwischen doch allemal „Vergelt’s Gott!“

Nach dem Frühstück gehe ich zu meinen Ochsen, die Barbel zu ihren Kühen, der Rocherl zu den Schafen. Das Vieh wird in zwei oder, Sonntags, in drei Gängen sorgfältig gefüttert, dann zum Brunnen geführt, der zwischen Haus und Stallung auf dem freien Platze steht und von dem Hausvater vorher mit einer Hacke eisfrei gemacht werden muß. Die Hausmutter trachtet, den Schulknaben flügge zu machen. Und dann fängt wieder das Dreschen an bis zum Mittagsmahl um eilf Uhr. Menu: Brotsuppe aus obiger Milch, gespecktes Kohlkraut, Roggenklöße mit Rauchfleisch. Nahrungsmittel durchaus echt, aber die Kochkunst, die — ja so, das ist so häßlich. Da will ich lieber etwas Schönes sagen, wie bescheidentlich langsam die Leute in die gemeinsame Schüssel fahren und keiner den anderen zu übervorteilen sucht. Dieses taktvolle Essen habe ich bei den Bauern überall gefunden und könnten sich die Table d’hôte-Gäste der feinen Hotels ein Beispiel nehmen.

Nachmittags wieder Hafergarben dreschen. Müssen damit noch vor der Fastenzeit fertig werden, sagt der Adam. Als ob’s eine Tanzunterhaltung wäre. Unterricht: das Stroh kommt in die Scheune, das Gekörne in die Siebe, in die Windmühle, in die Mehlmühle, in den Ofen — ein Stück Haferbrot gefällig? Haferbrot ist gut, sagt mein Hausvater, aber Schweinfleisch ist besser — und füttert mit dem Hafermehl die Säue. Oder verkauft den Hafer im Sack, oder bewahrt ihn als Gesäme fürs nächste Jahrhundert. — Halt still, es ist das Tagewerk noch nicht aus. Um die Dämmerung geht die Barbel zu ihren Kühen und wer am Thore lauscht, der hört doch das Brünnlein in den Zuber sprühen. Am Abend Versammlung um das Herdfeuer, jedes mit kleinen Arbeiten beschäftigt. Ich bin auch bereits wer! Wenn dem Stuhl ein Fuß fehlt, oder der Leiter ein Sprossel, oder wenn das Hausmesser schartig ist, die Hacke stumpf, der Ochsenjochriemen zerrissen, die Thürklinke schadhaft — da greife ich an. Sind die anderen beschäftigt und ich weiß nichts zu thun, als die Finger in den Händen halten und ihnen vor dem Wege stehen — das ist zum Todschämen! Nirgends noch habe ich mich eigentlich geschämt auf meiner irdischen Pilgerschaft, nicht wenn der Feldwebel mich mit den schwunghaftesten Kasernenblüten besang, nicht, wenn der Chefredakteur plötzlich sagte: „Erlauben Sie, Herr Trautendorffer, da in Ihrer Arbeit finde ich eine Laus!“ und mir einen unzweideutigen Gramatikfehler vorhielt. Ich war entzückend verstockt. Hier schäme ich mich, — womit das Tagewerk geschlossen wird. Darauf kommt das Nachtmahl: Kartoffeln, Rüben oder Mehlbrei. Dann kommt das Gebet, und um acht Uhr, wenn die Stadtleute anfangen, elektrisch zu werden, kriechen wir ins Bett. — Das ist der Werktag. Am Sonntage nach der Fütterung ist Kirchgang. Ich streiche im Freien umher oder schreibe meinem Alfred.

Die Unschlittfunze (in Hoisendorf das Pfund zu 21 Kreuzern) ist noch nicht niedergebrannt, so will ich dir eins schreiben von unserem Nachbar Schlappzopf. Denn du mußt auch andere Gattungen kennen lernen. Dem Schlappzopf trug ich vor einigen Tagen, als wir Metzgerei hatten, die Schweinshaut hinüber, er kann gerben. Ich fand ihn in Unterhandlung mit einem Viehhändler aus dem vorderen Gai.

„Schlappzopf,“ sagt dieser, „wie ich höre, habt Ihr eine feile Kuh.“

Der Bauer hat mit seiner Tabakspfeife zu thun und überhört die Frage.

„Eine Kuh, Schlappzopf, nicht?“

„Eine Kuh. Weiß nit, ja.“

„Ist es eine junge? Wohl eine Melkkuh, wie?“

„Ich weiß es völlig nit. Kann eh sein,“ sagt er und schraubt das Rohr in die Pfeife.

„Wollt Ihr mir sie zeigen?“

„Anschau’n kunnten wir sie ja. ’s Anschau’n kostet nichts.“ Dann führt er den Viehhändler durch den dunstigen Stall, wo sie über mehrere Mistwälle stolpern.

„Die welche wäre es also?“

„—’s selb müßt’ ich mir selber erst ausraiten. Die Milchkuh werd’ ich halt doch nit recht dürfen hergeben. Thät’ meinem Weib leicht nit passen.“

„Also die Trächtige.“

Der Bauer stochert in der Pfeife herum, stochert ein Häufchen Asche auf die hohle Hand heraus und streut es dann bedächtig zu Boden.

„Ich nehme übrigens auch die mit dem Kalb. Wie?“ so der Händler.

Jetzt löst der Bauer das Rohr los von der Pfeife, setzt sie sachte an die Lippen und bläst hinein.

„Die mit dem Kalb?“ frägt er dann. „Ah na, die werd’ ich doch schier nit dürfen hergeben.“

„So bleibt nur noch die Mastkuh.“

„’s ist halt just so a Sachen. Weil sie nit ganz feist ist, noch. Verkaufen, freilich, verkaufen werd’ ich sie eh einmal müssen.“

„Was kostet sie?“

Der Bauer steckt die Pfeife wieder zusammen, thut sie an den Mund, pfaucht ein paarmal durch. Der Zug wäre soweit hergestellt.

„Wie viele Banknoten soll ich Euch auf die Hand legen fürs Vieh?“

„Mein Nachbar, der Kulmbock, hat vorig Wochen eine um hundertfünfzig verkauft.“

„Die war sicher zweimal so schwer, als wie Eure da!“

„Ein wengel kann’s sein, daß sie schwerer gewesen ist. Viel nit, viel.“

„Einen kugelrunden Hunderter, wenn Ihr wollt.“

Der Bauer hebt nun mit der Tabaksblase an. Langsam hat er sie vom Rücken, wo sie im Gürtel stak, hervorgezogen, hat sie zu halb umgestülpt und schiebt nun mit zwei Fingern Tabak in die Pfeife.

„Hört Ihr, Schlappzopf, hundert Gulden für das Tier. Es sollte noch etliche Wochen in der Mast stehen, aber weil ich just gut aufgelegt bin, nehm’ ich sie heut’ mit.“

Die Pfeife ist gestopft, nun hat der Bauer Zeit zu sagen: „’s selb wird’s doch nit thun.“

„Überlegt nicht lange, Bauer. Das Glück klopft nur einmal an, dann geht’s vorbei. Wenn ich hundertundfünf sag’, so bin ich leichtsinnig. Aber damit wir doch wieder einmal was handeln miteinander.“

Der Bauer wendet sein Auge nicht von der Pfeife und schüttelt fast unmerklich den Kopf. „Ich denk’, ich werd’ sie doch derweil noch behalten.“

„Also, wieviel wollt Ihr?“

Nun kommt Schwamm und Feuerstein dran. Es giebt ein paar Funken, aber das Ding will nicht glosen. Endlich macht er den Mund auf, aber nicht um den Preis auszusprechen, sondern um den Zunder anzublasen.

„Hundertfünf, und einen Leikauf fürs Weib. Aber geschwind ja sagen, Bauer, es könnt’ mich gereuen.“ Der Händler tastet an der Kuh herum, ob die Haut locker ist, ob das Fleisch federt. „Ein zähes Luder. Redet schon ab. Aber halten thu’ ich’s noch, mein Wort. Also...!“

Der Bauer raucht an. Und wie das Zeug in gutem Zug ist, sagt er, das erste Mal recht vernehmlich: „Ich mein’, ich werd’ jetzt gar keine verkaufen.“

Dieser ausführliche Handel hat drei Stadien. Im ersten weiß der Bauer nicht, welche Kuh er weggeben soll. Im zweiten weiß er nicht, welchen Preis er machen soll. Im dritten endlich kommt er drauf, daß er überhaupt keine verkauft. Und um so weit zu kommen, bedurfte es länger als eine Stunde.

Das, mein Freund, ist jener Typus der Unentschlossenheit und Gleichgültigkeit, der verhängnisvoll wird. Schon am nächsten Tage soll der Schlappzopf dem Viehhändler nachgelaufen sein und ihm die Kuh um hundert Gulden verkauft haben. Wenn ich wieder auf die Welt komme, das heißt: in euere Welt, so soll in der „Kontinentalen“ das „Dorfting“ angeregt werden. Vor jedem Gemeindehaus auf der Wand soll eine Tafel hängen, auf welcher die Bauern und die Händler Angebot und Nachfrage darthun; sachkundige Ökonomen dürften wissen, was das bedeutet. Und das Dorfting soll zwischen Erzeuger und Verbraucher die Ware vermitteln und den Zwischenhändler soll der Teufel holen.

Beim Viehhandel sind — so viel ich schon gemerkt habe — die Bauern untereinander nicht just die Gewissenhaftesten. In der produktiven Arbeit bleibt der Mensch ehrlich, beim Handeln wird er ein Strick, hier wie dort. Mein Adam hat mit dem Nansenbauer Kühe getauscht. Der Adam hat dem Nansen versichert, seine Kuh gebe drei Maß Milch, aber weislich nicht dazugesetzt, binnen welcher Zeit. Der Nansen hat dem Adam behauptet, seine Kuh sei trächtig, er hatte ihr zur Stunde nämlich ein Heubündel auf den Rücken gelegt. Sein Ehrenwort giebt der Bauer nie, aber „gut steht er“. Wenn er sagt: Ich steh gut für das oder das, dann kannst du ihm leidlich trauen. Der Adam wollte auch: „Steh mir gut, Nans, daß die Kuh trächtig ist!“ Der Nans antwortete gelassen: „Gutstehen thu ich erst, wenn das Eis schmilzt, jetzt rutscht man noch zu viel.“ In demselben Falle fand sich mein Hausvater mit seiner Milchkuh. So führen sie einander in aller Gemütlichkeit hinters Licht und das Gewissen beißt den Händler nur, wenn er sich sagen muß: du bist diesmal dümmer gewesen, als der andere.

Eine verblüffende Erfahrung mache ich. Die Gebirgsbauern älteren Schlages haben keine Ahnung vom Laufe, den die Zeit genommen hat. Aber fest drauf los politisiert wird trotzdem im Hoisendorfer Wirtshause. Zum Beispiel: Der Russe kommt. Der mag die großen Städte nicht leiden und will sie verbrennen, wie er einst seine Hauptstadt Moskau verbrannt hat. Die Juden werden erschlagen, ihr Geld an die armen Bauern verteilt. Die Chinesen sollen auch erschlagen werden, aus ihren Zöpfen will der Preußenkaiser lange Peitschen machen lassen — für die Socialdemokraten. Der heilige Vater hat den Fürsten übrigens das Kriegführen verboten. Wolle einer anfangen, so müßten alle übrigen gegen ihn zusammenhalten. — Den größten Abscheu haben sie immer noch vor dem „Erzschelm“ Napoleon; alle Hoffnung setzen sie auf Kaiser Josef den Zweiten, der in einer Berghöhle schläft und wieder aufwachen wird, wenn zu Weihnachten die Kirschbäume blühen.

Manchmal hört der Bauer, daß man jetzt deutsch sein müsse. Darüber schüttelt er den Kopf. Hatte er doch geglaubt, es gebe mit Ausnahme von ein paar Rastelbindern und Katzelmachern (Welschen) auf der ganzen Welt nichts anderes, als deutsch.

Mehr Interesse haben die Leute des Almgaies für Erfindungen und Entdeckungen. Dabei kommen auch lustige Phantasten zum Wort. Den Telegraph stellt sich mancher als einen einfachen Glockenzug vor. Wenn man in Salzburg anzieht, klingelt’s in Wien. Der Blitzableiter ist ein Magnet, er zieht den Blitz herbei und spießt ihn auf. In großen Städten werden solche von Blitzableitern gesammelte Blitze in einen Riesenbottich geleitet und aus diesem dann das elektrische Licht geholt. Es giebt Schnellzüge, die man Blitzzüge nennt und vom Blitz gezogen werden. Das sind die elektrischen Eisenbahnen. — In Amerika drüben giebt’s viel Gold, aber der Weg hinüber ist naß; man kann gar nicht zu Fuße gehen, nicht einmal mit Wasserstiefeln. Man muß sich auf ein Schiff setzen, das oft fast so groß ist, wie ein Heustadel und eine ganze Kirchen voll Leute drinnen Platz hat. Die Schiffe sind von Eisen und sinken doch nicht unter, weil sie der Dampf über dem Wasser hält. — So kraus geht’s im Kopfe zu, während die Hände das rechte thun.

Nicht den mindesten Groll habe ich hier bisher gegen reiche und vornehme Herrschaften bemerkt, obschon häufig von solchen die Rede ist. „Sie werden schon auch ihre Nussen aufzuknacken haben.“ Indes merkt der Bauer, daß sie draußen um etwas raufen. Um was, das weiß er nicht. Wird schon ein guter Brocken sein und vielleicht für ihn auch was abfallen.

Ja, mein Lieber, das sind Sachen! Die „Funzen“ aber ist alle. Ich gehe schlafen und rufe dir „Guten Morgen!“ zu.

Dein Hans.


Achter Sonntag

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Am achten Sonntage.

Wenn dir, teurer Freund, meine Briefe, die einem wahren Herzensbedürfnisse entspringen, wirklich Vergnügen machen, so ist das ja göttlich! Es wäre dir, sagst du, fast alles neu und alles lehrreich und inniger Anteilnahme gewiß, was ich dir schreibe und du begleitetest mich in Freude und Not dieses Jahres als treuer Kamerad. Herrlicher Freund, wie machest du mich mutig. Ein böses Siebentel ist ja schon reichlich vorüber, mit den übrigen sechsen hoffe ich fertig zu werden. Nur selten habe ich noch das Gefühl der Verbannung, aber mein Trotz gegen die Widersacher bei der „Kontinentalen“ steigert sich von Tag zu Tag. Und auch das ist eine Macht. Hast du es dir nicht auch schon gedacht, daß in der Welt mehr Tüchtiges aus Trotz und Haß geschieht, denn aus Liebe?

Je größer ich vor den Augen des Herrn Stein von Stein aufwachse, je kleiner werde ich im Adamshause. In dieser vergangenen Woche war wieder ein schlimmer Tag. Es war Holzarbeit im Walde, denn der Winter hat ums Haus herum die Brennholzstöße gelichtet. Am Freitag — ach diese Freitage! Es ist doch was dran. Der Hausvater hatte in der Mühle zu thun, so sollten die Barbel und ich hinaus in den Wald. Ob nicht der Rocherl uns begleiten könne? Ganz beklommen fragte ich es.

„Zu was ihr nur den Rocherl brauchen thätet, möcht’ ich wissen!“ rief die Mutter scharf, „ihr werdet mit den paar Bäumlein Holz doch allein fertig werden!“ — Und der Elefant ist in diesen Bergen ein unbekanntes Tier.

So gingen wir. Ich mit Axt und Keil, das Mädel mit der breiten zweigriffigen Holzsäge. Der Schnee war hoch, wir sanken bis auf die Knie ein. Ich stapfte voraus, die Barbel hinter mir her. Und sagen thaten wir uns kein Wort. Das Struppwerk kratzte an unserem Gewand, schnellte uns Schnee ins Gesicht. Auf dem Baum krächzte ein Häher.

„Wir hätten auch zu einer besseren Zeit können holzschneiden gehen,“ sage ich.

„Es ist auch heute gut,“ sagt sie. Und weiter nichts.

Plötzlich macht die Sägplatte auf ihrer Achsel ein gorgelndes Getöne; ein federnder Kiefernzweig hat ihr ins Gesicht geschlagen — heftig. Sie nimmt es schweigend, wie ganz selbstverständlich hin, daß die Bäume ausschlagen, wenn vorangehende Knechte unvorsichtig das Geäste umbiegen.

Wir kommen auf den Schlag, wo die kahlen Baumstämme stehen, die im vorigen Jahre entästet und entwipfelt worden sind, damit sie trocknen konnten. An einen solchen Baum setzen wir die Säge, ich hüben, sie drüben das Heft fassend — und jetzt stelle dir vor, Doktor, es geht nicht. Sie unterweist mich, wie die Säge zu halten, anzusehen, zu führen sei. Aber es ist ganz verdammt. Die gezähnte Stahlplatte sperrt sich. Ziehe ich an, so geht’s nicht vorwärts, schiebe ich zurück, so baucht sich das platte Ungetüm und gorgelt höhnische Laute. Ich mache zuerst ein paar gesättigte Witze, die helfen aber auch nichts. Nun erklärt mir die Barbel nochmals in aller Ruhe und Geduld, wie die Sache zu machen sei.

„Kunst ist’s wohl keine,“ sagt sie, „mit dem kleinen Franzel habe ich schon die größten Bäume gefällt. Du bist halt ein bissel ungeschickt, Hansel, aber es wird schon besser werden.“

O Freund und Professor, was ich mich da geschämt habe! Meine ganze Socialwissenschaft wollte ich in diesem Augenblicke hingegeben haben, und die Kenntnis der französischen Sprache noch dazu, wenn ich hätte Holz sägen können!

„Reizen thut’s uns,“ sagt sie, was du aber durchaus nicht mißverstehen darfst. Plagen thut’s uns, soll’s heißen.

„Ei was!“ rufe ich aus, „wir brauchen die dumme Säge überhaupt nicht. Ich fälle den Baum mit der Axt!“

Großartig, wie ein alter Germane zur Zeit der Hermannsschlacht im Teutoburgerwalde, schwinge ich das Beil und haue in den Stamm, daß die Barbel weit zurücktreten muß, um die fliegenden Späne nicht ins Gesicht zu bekommen. Sie sollte nur einmal sehen, welch’ ein Urmensch in mir steckt, der des neumodischen Zeugs, wie Säge, Keile und dergleichen, gar nicht bedarf. Eiserne Zähne mögen sich die Greise anschaffen, unsereiner hat noch Mark und Schneid’ in den Armen.

Jetzt hebt mir aber dieses Ding von einem Mädel an zu kichern. Es war nicht ohne, dieses Kichern, ich hätte es gleich in Musik setzen mögen. Die kann dir lachen, wie ein Silberglöcklein, vorausgesetzt, daß Silberglocken lachen.

„Wenn wir mit dem Ofenheizen warten müssen, bis du diesen Baum niederbringst mit der Hack, dann mags schon sein, daß in der Suppenpfann’ das Wasser friert und an der Nase die Eiszapfen wachsen.“

Diese ihre Rede kam mir ganz bösartig vor und rasch gab ich drauf: „Meinetwegen! Ich bin die Kälte schon gewohnt. Da giebt’s Leute, die mitten in den Tropen stehen mögen, will sagen, beim Ofenloch, und es fällt Reif, so oft sie einen Atemhauch thun.“

Sie schaut mich verblüfft an, als wüßt’ sie gar nicht, was aus so einer Bemerkung zu drechseln wäre. Und ich mache die Erfahrung, daß ein Fichtenbaum immer härter wird, je tiefer man hinter den Splint kommt.

Wir sollten doch noch einmal probieren mit der Säge, schlägt sie vor. Und neuerdings zeigt es sich: Holzschneiden kann ich nicht und ich kann es nicht.

„Du Hansel,“ sagt sie plötzlich, „ich denk’, ’s ist das Gescheiteste, wir hören auf und gehen heim.“

Doktor, ich bitte dich, diesen Brief zu verbrennen.

Ja so, der Hase! Vom Hasen muß ich dir noch erzählen, der uns über den Weg lief. Von rechts nach links, was immer ein Unglück bedeuten soll.

Und auf einmal, als ob sie mich in meinem Gram zerstreuen wollte, fragt die Barbel: „Weißt du, Hansel, warum der Has’ an der Schnauze die Hasenscharte hat?“

„Weißt du’s?“

„Freilich weiß ich’s. Wie der Herrgott die Welt hat erschaffen gehabt, hat ihn der Hase ausgelacht, weil sie ganz buckelig ist. Und so viel hat er gelacht, bis ihm das Schnäuzel zerrissen ist!“ — Und dabei lacht sie selber wieder so hell, daß mir ganz heiß wird.

Lange hat’s freilich nicht gedauert, und es ist die fast traurige Ernsthaftigkeit in ihr, wie immer. Gott, wenn nur mehr Hasen über den Weg liefen!

Ich war nach diesem mißlungenen Baumfällen eine Nacht und einen halben Tag lang unglücklich. Da kam der Gemeindebote, brachte einen Steuerbogen und einen Amtsbrief in Sachen der Grundablösung. Der Steuerbogen ist immer ein Hagelschlag im Bauernhof und es ist vielleicht doch gut, daß es einen Kanzleistil giebt. — Geld her! Fünfunddreißig Gulden aus dem Sack, längstens bis nächst’ Wochen, oder wir nehmen dir die Kuh weg! — Diese Deutlichkeit wäre zu schrecklich. Da macht das Amt lieber so viele Umschreibungen, Windungen und Wendungen, Einschübe und Umzüge im Stil, teils gedruckt, teils geschrieben, teils lateinisch, teils was anderes, teils in Paragraphhaken, teils in Ziffern, teils in abgekoppelten Buchstaben, teils mit der Feder, teils mit Stampilien, daß es der Empfänger schlechterdings nicht versteht. Er liest hin und liest her, zerstudiert sich, was das denn wieder sein möchte, bis ihm allmählich die Ahnung kommt: warum, wieviel und bis wann!

Nun, bei dieser Gelegenheit habe ich die Scharte vom Holzschlag leidlich ausgewetzt. Wohlgemut machte ich mich ans Studium über die beiden Amtsschriften, bis es gegen Abend zur Not ersichtlich war, was die löblichen Behörden zu Kailing meinten.

„Doch eine schöne Sach’, wenn der Mensch lesen und schreiben kann!“ Dieses Lob hat mir mein Hausvater gesagt.

Aber der Ruhm ist nicht fleckenlos. Es kam eine neue Blamage. Laß dir erzählen.

Ganz vor kurzem war’s, daß des Morgens der Hausvater in den Stall trat und den Ruf ausstieß: „Hansel, was ist denn das? Wie kommt denn das fremde Vieh in den Stall?“

„Fremdes Vieh? Wieso?“

„Da steht ein schwarzgefleckter Stier, oder was es ist. Der gehört nit her da! Jesses, und wo ist denn unser falbes Öchsel. Wo ist das Öchsel, Knecht?“

Ich trat mit dem Licht heran und sah, daß ein fremdartiges Rind, scheckig wie Pinzgauerschlag im Stall war. Es hatte über den Rücken pechschwarze Flecken.

„Das ist nicht möglich!“ beteuere ich, „die Stallthür ist verriegelt die ganze Nacht.“

„Und das falbe Öchsel ist fort! Lang bin ich schon Bauer, aber so was ist mir noch nit passiert. Wenn man sich nit einmal so weit auf dich verlassen kann, daß das Vieh aus dem Stalle gestohlen wird, nachher kannst uns —“

— auch du gestohlen werden! — Der Alte ist nicht herb genug, um solche Lapidarsätze zu vollenden. Aber ich verstehe ihm seine Wünsche bereits aus den Augen zu lesen. Zu gleicher Zeit jedoch klärt sich mir auch das Ereignis auf.

Ich pflege nämlich meine Tintenflasche, damit sie nicht einfrieren kann, im warmen Stall auf einem Wandvorsprung aufzubewahren. Da mag bei der Nacht nun die Katze oder die Maus das Zeug herabgeworfen haben auf das falbe Öchslein.

„Tinte, sagst, ist das?“ fragte der Adam, „sei nit einfältig. Wie wird in den Ochsenstall Tinte kommen!“

Nun habe ich mein heimliches Treiben wohl bekennen müssen.

„Briefschreiben thust du? Briefschreiben? Ja, hast denn wo eine alte Mutter, oder sonst wen?“

„Mein liebster Hausvater,“ sage ich, „wir wollen jetzt einmal das Öchsel abwaschen gehen.“

Mit heißer Lauge und einem Kotzenlappen haben wir den ganzen Vormittag gearbeitet, bis der Pinzgauerschlag endlich zur Not abgewaschen war.

Mein Hausvater hat nachher lange und immer wieder den Kopf geschüttelt.

Tintenfluch im Bauernhause. — Auch gegen die Druckerschwärze ist eine instinktive Abneigung vorhanden. Es heißt, in einem Bauernhofe, wo sie anheben, ihre Nasen in Bücher zu stecken, käme bald der Bettel-Feierabend.


Neunter Sonntag

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Am neunten Sonntag.

Mein Doktor!

Gestern mittags, knapp nach Tisch, hat mir die Hausmutter in einer unzweideutigen Sprache das Davonjagen in Aussicht gestellt. Aber nicht etwa, weil der Knecht nicht Baumfällen kann, oder weil unter seiner Wartung die weißen Rinder scheckig werden, sondern weil er einen so abscheulich langen Bart hat. Wenn ich mich nicht ordentlich tragen wolle, wie es einem Christenmenschen ansteht, so solle ich halt in Gottesnamen sagen, was ich glaube, daß sie mir für die etlichen Wochen auszuzahlen hätten. Jetzt sei das Frühjahr bald im Anzug, da würde ich mich wohl fortbringen.

Sogleich fiel es mir ein: Sie brauchen dich gar nicht. Sie behielten dich bislang nur aus Barmherzigkeit, damit du in der kalten Jahreszeit nicht zu Grunde gehst. — Nun, vom Auszahlen könne keine Rede sein. Wenn sie mich umsonst nicht brauchen könnten, so möchten sie halt sagen, was ich gelegentlich draufzuzahlen hätte, um im Hause bleiben zu dürfen als Knecht. — Schon that ich den Mund auf, um das zu sagen, da stieß mich etwas: Thu’s nicht! Thu’s nicht! Es müßte Mißtrauen erwecken. Es könnte alles verderben. Du mußt dich fügen wie der Sclave, der mit Haut und Haar seinem Herrn verfallen ist.

Und so hat der Knecht Hansel demütig entgegnet, er besäße keine Haarschere und kein Rasiermesser, er könne sich selber weder scheren noch rasieren. Wenn der guten Hausmutter mein langes Haar schon so zuwider sei, so müsse sie mich halt rupfen.

Darüber hat sie aufgelacht: „’s ist wahr, man kann ihm nit feindlich sein. Er weiß allemal so eine spaßige Red’. Geh’ Vater, auf den Abend, wenn du Zeit hast, nimm den Hansel zwischen die Knie und schneid’ ihm den Pelz herab. Die Schafsscher’ thut’s eh dazu.“

Hörst du, Philosoph, die Schafsscher’ thut’s eh!

Nun und am Abend da geschah es. Ich hatte noch auf den „Lungendampf“ gehofft, der den Hausvater um diese Zeit manchmal anzufallen pflegt. Aber diesmal kam er nicht. Ich mußte mich auf den niedrigen Dreifuß setzen. Mein schönes, mein zartes, mein nußbraunes Haar! Es ist dieselbe „güldgelockte Heldenmähne“, die du einst, ich glaube, in der Sekunda war’s, mit einem tadellosen Trochäus besungen hast. Sie ist dahin. Unter den Füßen des Barbaren lagen die herrlichen Fetzen umher, bis die Hausmutter dieselben mit kecklichem Griff zusammenraffte, um sie draußen unter den Dachtraufen zu begraben. Das kannst du dir bei dieser Gelegenheit auch merken, Weltweiser, du: Wer ein gutes Gedächtnis behalten will, der muß sein Haar unter Dachtraufen begraben! Gutes Gedächtnis! Sicherlich, dieses Jahr werde ich mit merken.

Dann ging’s an den Teutonenbart. Die rostige Schere biß, raufte und quiekste um Backen und Kinn, dieweilen der Kopf eingeschraubt war zwischen den spießigen Knien meines vielgeliebten Hausvaters. Der war dabei ganz munter.

„Hansel,“ sagte er plötzlich, während seine Finger die eine Schnurrbartspitze festhielten, „wirst du schön brav sein? Wirst du uns auch im Sommer bleiben, wenn’s zum Heuen und zum Ernten ist? Wirst, Hansel, wirst?“

Mein feierliches: „Ich gelobe es!“

„Gut ist’s. So will ich dir den Schnauzbart stehen lassen.“

Und jetzt weißt du, Freund, es ist bei meinem Bart geschworen.

Als wir fertig waren, machte ich eines der Stubenfenster nach innen auf, so daß hinten die schwarze Wand war. Das ist hier der Spiegel. — Alfred, ich erschrak wirklich. Es ist über alle Vorstellung! Nie hätte ich geglaubt, daß hinter diesem schönen Bart ein so häßlicher Kerl stecken könnte. Mein Jugendantlitz einstens, du mußt dich ja noch daran erinnern. Es war doch leidlich. Und jetzt —

Na, gute Nacht, dachte ich. Wenn sie mich jetzt so sieht. Das ist über den Hasen, der sich beim Gottauslachen das Schnäuzel zerrissen hat.

Die Hände hab’ ich gefaltet: „Vater, Ihr habt mich vernichtet!“ Das mußte wohl sehr kläglich gesagt sein, denn der Hausvater war starr vor Schreck. Er sah es selber, was er hier angerichtet hatte.

Der Rocherl lachte hell auf.

„Hau!“ rief die Mutter, „wenn du Leut’ auslachen kannst, Bub, da thut dir leicht die Hand nit weh? Jeder Mensch ist, wie ihn Gott erschaffen hat!“

„Thut’s warten mit dem Gespött, bis ich erst fertig bin,“ sagte der Hausvater. „Die Wildnis wär’ ausgerottet. Jetzt muß halt der Boden glatt gemacht werden. Nachher wird er schön sein, der Hansel!“

Die Sache war, daß er mich noch einmal in die Arbeit nahm. Mit grober Unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese Tünche trocknete, schliff er sein Rasiermesser am ledernen Beinkleid, und hierauf stellte er sich an mit schreckbar wilder Entschlossenheit, wie ein Scharfrichter, der das erste Mal seines Amtes waltet. Mir war, als müßte ich meine Unschuld hinausschreien in die weite Welt — da kratzte er schon. Als das Stoppelfeld glatt gemacht, stellte es sich heraus, daß die Schnurrbartspitzen ganz und gar ungleich waren, rechts stand das Schöpfchen, links stand keines. Also hinweg mit der ganzen Anlage. Und dann war die Sträflingsfrisur vollkommen. Mit einer neuen Kette war ich festgeschmiedet an den ehrwürdigen Bauernstand, denn mit dieser Visage in die Stadt zurückzukehren — ganz undenkbar. Ich traue ihm nicht, dem Adam! Es kann teuflische Absicht dabei gewesen sein.

„Jetzt schaut er halt aus wie der Pfarrer!“ meinte der Rocherl. Das etwa auch noch! Daß mit dem Haar und Bart die Maske gefallen wäre und der entlarvte Buchstabenmensch nun vor aller Augen dastünde! —

Und was war heute morgen? An Sonntagen kommt das Klopfscheit nicht. Hingegen kam heute der Hausvater selbst in die Kammer.

„Hast recht, Hansel,“ sagte er, „laß dir’s gut geschehen im Bett. Unseres Herrgotts Rasttag. Aber nachher — muß dir’s wohl einmal sagen — nachher sollst halt in die Kirchen gehen. Ich bin verantwortlich für meine Leut’, daß sie den christlichen Glauben halten. Wir sind auf Welt bei einander und wollen auch im Himmel bei einander sein. Gelt, Hansel!“

Das hat mich geärgert. Mich bevormunden in religiösen Dingen? Einem Kavalier geht das unmittelbar gegen die Ehre. Es hat mich aber auch gefreut, obschon ich mir den Himmel doch immer etwas anders gedacht habe, als mit den guten Adamshauserleuten beisammen zu sitzen. Zwar denke ich, daß der Hausvater im Namen seiner ganzen Familie spricht, auch in dem des jüngeren weiblichen Teiles derselben. Aber das ist Bürstenabzug, der die Censur noch nicht passiert hat.

Ich bin also an diesem Morgen nicht liegen geblieben und nicht aufgestanden. Sondern aufgesessen.

Und sagt jetzt der Adam verwundert: „Was hast denn da für Papierwerk?“ Weil er unter dem Kissen mehrere Nummern der „Kontinental-Post“ entdeckt hatte. „Geh, Hansel, auf so was liegt man schlecht. Es werden doch nit Zeitungen sein?“

„Ach, beileib nicht, beileib nicht!“ leugne ich und schleudere so wie zufällig die Bettdecke über die Blätter hin.

Der Bauer jedoch reckt sich in —

Jetzt lischt mir die Funzen aus.


Zehnter Sonntag

Inhaltsverzeichnis

Am zehnten Sonntage.

Lieber Freund!

Habe ich dir das vorige Mal noch geschrieben, daß der Alte mich bei der Zeitung erwischt hat?

Es war abscheulich. „Soll’s doch wahr sein!“ sagte er und zerrte das Papierwerk hervor. „Da hat man’s. Schon lang ist’s mir nit recht vorgekommen mit dir. Nachher glaub ich’s freilich, daß in deinen Kopf kein ordentlicher Verstand hineingeht, wenn du ihn mit so Zeugs anfüllst. Das darf wohl nit sein, Hansel. — Weiters hab ich ja keine Klag’ gegen dich, kamodt bist, willig bist, genügsam bist, gleichwohl es immer einmal recht gefrettig hergeht, bei uns. Im Sommer nachher! Da wird’s dich schon gefreuen, da ist’s lustig bei uns heroben auf der Alm.“

„Ja, ja,“ sag’ ich, „freue mich auch schon drauf, wollen dann bisweilen eines jodeln miteinand. Und fleißig arbeiten, versteht sich.“

Das sollte ablenkend wirken. Er fuhr fort: „Wenn du aber mit Zeitungen umthätest! Einen Knecht, der Zeitung liest, kunnten wir wohl nit brauchen. Sei froh, daß dir der liebe Gott einen ehrengeachteten Stand gegeben hat, der mit den lumpigen Faxen nichts zu schaffen hat. Wenn du was lesen willst, so findest drin in der Stuben das Leben-Christi-Buch, die Legend’ der Heiligen und die Hausgebeter.“

Darauf der Knecht, der zugereiste, ganz bescheidentlich: „Möcht’ ich doch fragen, Vater, warum Euch die Zeitungen gar so zuwider sind?“

Der Bauer hebt jetzt an, langsam sich zu recken, ganz hoch empor, bis sein Hut unter der Holzdecke sich platt quetscht. Andere schreien, wenn sie zornig sind, mein Hausvater spricht dann noch leiser als sonst.

„Daß du aber schon gar nichts weißt, Hansel! Hast denn nie was davon gehört, daß die Zeitungschreiber Heiden sind? Oder gar Juden!“

„Wohl, wohl, Vater. Das habe ich schon gehört!“

„Und daß die Zeitungen für den Bauersmenschen Gift sind? — Hast gleich ein Beispiel beim Nansen in Hoisendorf. Der nichts thut, als alleweil Zeitung lesen. Wahr ist’s, er hat fortweg mehr gewußt, als wir andern. Er hat gewußt, wie’s in Preußen hergeht, und im Franzosenland, und was die Landboten in der Reichsstuben sich alleweil für Grobheiten sagen und so Geschichten. Aber wie er seine Bauernwirtschaft betreiben soll, das hat er bald nimmer gewußt. Allerhand neue Sachen, wie sie in den Zeitungen angelobt werden — haben hat er sie müssen. Gekauft hat er sie ums teure Geld. Gar eine Kornsäemaschin’ hat er gekauft, als ob er selber keine Händ’ hätt’ dazu. Und wie er mit der neuen Maschin’ säen gehen will, hat er kein Samenkorn im Kasten gehabt. Und zuletzt kauft er dir, der Nansen, kauft dir —“ Er hebt an zu lachen.

„Was denn, Vater?“

„Ha, ha! Mußt mich aber für keinen Schwätzer halten, Hans, es ist gewiß wahr, die andern werden dirs auch sagen. Dünger kauft der Bauer! Der Nansenbauer, der den Stall voll Vieh haben könnt’. Kunstdünger kauft er ums bare Geld.“

Weil ich mich nicht rühre, so kommt mein Adam ganz ans Bett heran, faltet die Hände: „Ich bitt’ dich, Hansel, ein Bauer, der um Bargeld Mist kauft!“

„Ja, mein Gott,“ sag ich, „Dünger kaufen, warum denn nicht? Dünger ist ja für den Bauer sehr notwendig.“

Auf diese Bemerkung antwortet der Hausvater allerdings nicht mehr. Nur daß er leise in sich hinein murmelt: „Der Nans ist fertig. Sein Gut, wenn du’s kaufen willst, es steht unter dem Hammer.“

Bei der Einbrennsuppe nachher war noch einmal davon die Rede, da sagte die Hausmutter: „Was hast denn heut mit dem Hansel, Vater? Du thust ja, als ob er erst bei der Nacht vom Himmel gefallen wär! Der stellt sich nur so!“ Und zu mir: „Ist ja wahr, Hansel, man kann dich gern haben. Aber trauen thu ich dir nit. Du hast was Heimliches in dir, das die Leut nit wissen sollen. Laß es gut sein, Hansel. Schlechtes wird’s wohl nichts sein, ich frag’ dich nit drum. So lang wir sonst nichts Ungutes an Dir wahrnehmen, bleiben wir halt beisammen. Ich weiß nit, haben wir dich nötiger oder du uns.“

So steht’s. Ein verteufelter Kerl, dieses Weib.

Ob sie mit ihren Meinungen recht haben? Einerlei, Meinungen haben sie festgründige, und das freut mich. Zwei Hände und einen Kopf dazu. Auf die herausfordernden Worte der Hausmutter habe ich bloß die Achseln gezuckt — ’s war das Beste, nicht wahr? Den Hausvater hingegen habe ich anlügen müssen. Er soll keine Zeitung mehr bei mir finden! Dem geradsinnigen Mann ist das genug. Daß man sie bloß besser verstecken muß, daß sie der Hoisendorfer Lehrer fürderhin heimlich vermitteln wird — das besorgt die Intelligenz. Auf Ehrenwort, Freund, den Alten betrüge ich!

Denn auf die Zeitung verzichten? Schon darum nicht, weil mein Abscheu vor der Welt noch zweiundvierzig Wochen lang aushalten muß. Nur ein Tag ohne Nachricht von der weiten Welt, und sie lügt sich auf zu weiß Gott was Begehrenswertem. Die Korrespondenz mit den Kollegen von der „Kontinentalen“ habe ich abgebrochen. Das schofle Gewitzel, wenn ich in Bedrängnis bin und hier den blutigen Ernst des Menschseins sehe — es behagte mir nicht mehr. Von der Zeitung aber kann ich lernen, wie gescheit man einmal war und wie ich mich jetzt Woche für Woche von ihrem Geist entferne. Man muß sich nur in acht nehmen. Je weiter von der Zeitungpresse entfernt, desto geneigter ist man, ihr zu glauben. Aufs Glauben hält sie aber selber nichts. Man muß nur zwischen den Zeilen lesen, dort steht schon das Richtige. Und je schlechter es geht da draußen, desto besser für mich. Höre, Freund, was ich dir sage: Ich hasse euere Welt. Aber es ist der Haß der Liebe.

Es ist der Haß der Liebe, Alfred!

Lassen wir das jetzt und seien wir der gehorsame Knecht, der die alten Zeitungen in den Ofen werfen will. Doch die Hausmutter wehrt ab: „Nit, Hansel, es thät stinken!“

Dann bin ich fleißig nach Hoisendorf hinabgegangen in die Kirche. Dort habe ich mich in die Bank des Adamshauses gesetzt. Es hat nämlich jeder Hof in der Kirche seine Bank, wofür vom Pfarramt jährlich ein Abonnement von neun Kreuzern eingehoben wird. Es ist kein Fauteuil. Durchaus nicht. Man ist förmlich eingezimmert zwischen Rück- und Vorwand, auf einem fünf Zoll breiten Sitzbrett und einem Kniebalken.

Die Kirche ist jetzt in Trauer, die Altäre sind mit blauen Tüchern verhüllt. Wir sind ja in der Fastenzeit. Vom Karneval ist im Adamshause keine Rede gewesen, nur daß der Adam ein Schwein geschlachtet hatte. Ich half ihm beim Metzgern. Als wir dem toten Tier die mit einer Lauge gebrühten Borsten ausrupfen, fragt er mich: „Weißt du, Hansel, weshalb die Sau ein geringeltes Schweifel hat? — Nit? Na, so sag’ ihm’s, Rocherl!“

Und der Rocherl erzählte: „Wie die Juden in Egyptenland gewesen sind, hat ihnen der Sauhirt des Königs Pharao zu heimlichem Verkauf über den Nil wollen junge Schweine zuwerfen. Aber der Nil ist breit und sie sind alle ins Wasser gefallen. Da kommt der Teufel und sagt: Sauhirt, das kannst du nicht. Siehst du, da muß man dem Schwein beim Schwanz ein Schlingel machen, daß man besser angreifen kann, siehst du? — So packt er eins, schlingt es und schwingt es und wirft es hinüber. Der Moses drüben aber sagt zu den Juden: Nein, meine lieben Leut’, ein Fleisch, das uns der Teufel zuschmeißt, essen wir nicht.“

„Und davon soll’s kommen,“ setzte der Adam bei, „daß die Säue geringelte Schweiflein haben und daß die Juden kein Schweinfleisch essen.“

„Das wird wohl wieder so eine Dummheit sein,“ meinte damals die Hausmutter, die es nicht leiden mag, wenn man sich über etwas Biblisches lustig macht. Just in den Faschingstagen scheint sie’s nicht so genau zu nehmen, da wird in der Bauernschaft halt auch ein bißchen geschweinigelt. Früher soll viel gepraßt worden sein, soll es Maskeraden gegeben haben und allerlei alte Tänze. In diesem Jahre hatte in Hoisendorf nur ein sogenannter Holzknecht- und Veteranenball stattgefunden, wobei wenig getanzt aber viel gerauft worden ist. Aha, Du meinst etwa für Gott und Vaterland. Oder gar für Weibsbilder! Nein, mein Lieber. Unter den Holzleuten, Jägern, Bauernknechten und Bergknappen, die zusammengekommen waren, hatten sich — wie der Lehrer erzählt — gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten entsponnen und hätten sie einander Leitartikel über die sociale Frage geschrieben — mit Buchenstäben und Stuhlfüßen auf die rückwärtigen Körperteile. Dieser politische Zeitungstil wird ja auch bei euch draußen wieder modern.

Nun, das ist ungebrannte Asche. Am darauffolgenden Mittwoch hatte der Hoisendorfer Kurat seinen Gemeindemitgliedern freilich ein anderes Kapitel auf die Stirne geschrieben, und zwar mit gebrannten Buchenstäben: „Du bist von Staub und Asche und wirst zu Staub und Asche!“ Kennst du diese kirchliche Sitte nicht? Ganz freimütig bekennt sie am Aschermittwoch den materialistischen Kreislauf der Natur, die allerdings nicht immer Asche, sondern manchmal auch Stecken sein will.

Das Adamshaus liegt nur um dreihundert Meter höher, als das Hoisendorfer Wirtshaus. Und hier findest du keinen Unfried mehr. In der schneidigen Hausmutter erfreuen wir uns eines festen Regimes und einer verläßlichen Exekutivgewalt. Selbst der Adam fühlt sich unter dem materiarchalischen Absolutismus behaglich.

Das vorige Mal fragtest du mich besorgt nach dem Eßgeschirr, aus dem im Adamshause gespeist würde, und nach anderen einschlägigen Dingen. Darüber kann ich dir zum Glücke nichts Besonderes sagen. Die Holzschüsseln und Holzlöffeln sind größtenteils ein überwundener Standpunkt. Auch die Beinlöffeln und Gabeln, obschon mein Hausvater deren noch etliche Paare aufbewahrt, von den Vorfahren her. Diese Hornlöffeln bedingen zwar etwas Großmäuligkeit, also für einen Journalisten durchaus nicht geeignet, sind aber sonst in ihrer perlmutterartig durchscheinenden Farbenpracht sehr schön und appetitlich. Ein alter Hüttler im Gai, der früher aus Rindshörnern solche Löffeln gemacht hat, ist heute ein Bettelmann, und muß froh sein, wenn er mit seinen Feinden, den Blechlöffeln, hie und da ein warmes Süppchen auszulöffeln kriegt.

Die Bäuerin kocht in Blechpfannen und Thontöpfen. Ihr heimlicher Wunsch geht nach einem eisernen Suppentopf, solchen Luxus erlauben aber die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht. Wenn ich meine zwanzigtausend Kronen fasse, dann, Hausmutter, gehen deine ausschweifendsten Wünsche in Erfüllung!

Jährlich ein paarmal wandert sie mit einem Buckelkorb hinaus nach Kailing zum Töpfer und Klampferer, um Häfen, Schüsseln, Milchreinen und anderes Hausgeräte einzukaufen. Wenn im Hause etwas zerbrochen wird, dann giebt’s einen kritischen Tag erster Ordnung und die Hausmutter gerät in um so größere Wut, je gelassener der Missethäter bleibt. So haben wir es uns angewöhnt, jeden zerschlagenen Topf wie ein großes Unglück zu bejammern, damit das Scherbengericht der Hausmutter ein wenig glimpflicher ausfällt.

Der Reinlichkeitssinn wird bei uns manchmal zur Hausplage. Abends, wenn wir anderen schon zur Rast gegangen sind, ist die Hausmutter noch stundenlang beschäftigt mit Waschen und Reiben und an Samstagen tritt die Scheuerwut auch tagsüber auf und macht jede Niederlassung im Hause unmöglich. Tisch, Bänke, Kästen, Zuber, Pfannen, über alles die Sündflut; nur das Eßbesteck an den Wandhänkeln wird nicht gewaschen, das hat jeder nach jedesmaligem Gebrauche selbst am Tischtuche abzuwischen, damit basta. Hemden und Betten, wenn sie einmal dran kommen, werden gebacken und gesotten und mit Holzklappen gründlich durchbläut. Solltest du den tieferen Sinn dieser Verfahrungsweise nicht vollends erfassen, so laß’ das Grübeln. —

Ihr draußen habt jetzt beim Morgenkaffee zum Dazubeißen den türkisch-griechischen Krieg. Die brennende Frage der Hoisendorfer heißt: Landtagswahlen. Und hat mein Adam heute ein Stück Wahlmanöver heimgebracht. Es scheint ganz zufällig hängen geblieben zu sein an seinem Gewand. Als er, von der Kirche kommend, den Lodenrock auszieht, sagt er so vor sich hin: „Das ist auch rar von unserem Kuraten. Geht er mich heut’ vor der Beicht an, ich sollt’ keinen Umstürzler und Lumpenkerl wählen, und weiß nit, was er noch gesagt hat. Socialdemokraten, oder was. Kannst mir nit aus dem Traum helfen, Hansel, was er gemeint haben mag?“

Der Ahnungslose! Ein seit langem mit Not und Drang zurückgestauter Leitartikel brach hervor — elementar. Die Socialdemokraten! Allgemeine Gleichheit natürlich! Ranglosigkeit, Gütergemeinschaft, Weibergemeinschaft! — So dumm sind sie nicht, das bringt ihnen nur der Feind auf. Sie meinen das gleiche Recht. Was Einer verdient, das soll er haben. Das ist doch klar. Man muß ihnen Gelegenheit geben, emporzukommen. Sie sind Blut von unserem Blut. Genug Bauern, die ihre Brüder und Söhne in den Fabriken haben. Roh mögen sie sein, aber Kraft ist in ihnen, Tüchtigkeit und Bravheit. Sie kommen von unten, haben Erdsegen in sich. Ihr Menschentum ist noch nicht verbraucht. Sie müssen das Homunkeltum zu Tode sengen. —

Ob ich wirklich so gesprochen habe! Ich weiß nur, daß meine Hausgenossen ratlos dastanden und einander anschauten.

Ich in der Hitze noch dazu: „Wählet einen Socialdemokraten, Adamshauser! Die sind lange nicht so schlimm, als sie aussehen.“

Endlich erholte sich der Bauer und sagte: „So, so.“ Denn er weiß jetzt so wenig als früher. „Mag eh sein, mag eh sein,“ sagte er, „ich versteh’s nit. Wählen thun wir halt einen Bauern.“

Na ja. Wir sind auch so ein paar, der Kurat und ich! Der eine will den Wähler dort haben, der andere da, und zerren ihn hin und her, wie Engel und Teufel eine arme Seele. Nur weiß man nicht, welcher der Engel ist. Und das nennt man, frei wählen! — Warum einer gerade bei der Wahl — nicht die Wahl haben soll, das ist auch eine jener Chinesereien, woran unser Abendland jetzt schon bald reicher ist, als das Reich der Mitte. „Muh!“ sagt mein Nachbar, der Ochs. Dieser Meinung bin schließlich auch ich.


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10 October 2024
Volume:
406 p. 45 illustrations
ISBN:
4064066111618
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