Read the book: «Rafiki Beach Hotel»

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Über dieses Buch

Der Schweizer Privatdetektiv Jürg Mettler, ein moderner Taugenichts, erhält den Auftrag, der Witwe Hornacker aus Bassersdorf, die verdächtigt wird, in Lamu ihr Vermögen zu verjubeln, unauffällig nach- zuspionieren. Am Morgen, als Mettler in Lamu ankommt, wird in der Bucht hinter Lamus grösstem Hotel die Leiche einer Frau entdeckt: die der Witwe aus Bassersdorf ...


Foto Anne Buergisser

Peter Höner, geboren 1947 in Eupen, ­aufgewachsen in Belgien und der Schweiz, Schauspielstudium in Hamburg und Schauspieler u. a. in Basel, Bremen und ­Berlin. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, 1986–1990 ­Afrikaaufenthalt. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.

«Der Zürcher Schauspieler und Schriftsteller Peter Höner ist ein Schalk. Und er ist überdies ein feinsinniger Diagnostiker unserer verirrten und verwirrten Gesellschaftsformen.» Luzerner Zeitung

Petert Höner

Rafiki Beach Hotel

Limmat Verlag

Zürich

L A M U : Montag, den vierten April …

Über dem Festland und der Insel Manda hellt die Dämmerung den Himmel auf. Ein sanftes Licht breitet sich aus, und das Stahlgrau des Wassers wechselt seine Farbe. Aus dem seichten Meer steigen das Grünblau, aus den Tiefen das fast tintige Dunkelblau des Ozeans, bis die ersten Sonnenstrahlen übers Wasser funkeln, sich in den weissen Schaumkronen der Brandung brechen und das Meer vom Himmel trennen.

In der Bucht hinter Shela füllt der Eseltreiber Hamischi Kamani die Strohtaschen seiner Esel mit Korallensand. Bereits im Begriff den Rückweg nach Lamu anzutreten, entdeckt er etwas unterhalb der Marke von Blättern, Tang und Holzstückchen, die den Höchststand der letzten Flut anzeigen, den verdrehten Körper einer Frau, nackt und von Krabben aufgerissen, die sich in den toten Körper zwängen.

Sein Entsetzen überwindend, reisst er die Schaufel aus einer der sandgefüllten Taschen und läuft schreiend auf die Leiche zu, vertreibt die Krabben, rollt den Körper mit seiner Schaufel in den höher gelegenen Ufersand, deckt ihn mit Sand zu und eilt mit seinen Eseln, so schnell er kann, in die Stadt zurück.

Das zweimotorige Kleinflugzeug der «Equator Airlines» steht startklar in der flimmernden Hitze der Asphaltpiste in Mombasa. Vorne rechts klemmt sich der Privatdetektiv Jürg Mettler, ein grosser, kräftiger Mann, mit kurzgeschnittenen Haaren, kleinen, lebhaften Augen, von buschigen Brauen überschattet, auf den Sitz hinter dem Doppelsteuer neben den Piloten.

«Guten Flug und: Schöne Tage in Lamu».

Der Angestellte der «Equator Airlines» gibt dem Piloten die Flugscheine der Passagiere und drückt die Türe zu. Der Pilot lacht, kichert in die hohle Hand. Mettler schüttelt den Kopf.

«Warum lachen Sie? Steht die Insel unter Wasser?»

«Nein, nein, Entschuldigung, aber die Art wie er das sagte: Schöne Tage ...»

Misstrauisch und unfreundlich schaut Mettler den kenianischen Piloten an, der sich eine Schirmmütze in die Stirn zieht. Ein verwaschenes Mützchen mit dem bekannten Schriftzug einer Schweizer Zeitung.

«Ein Geschenk. I like it very much.»

Ein Pilot, der mit einer Werbemütze für das «Badener-Tagblatt» fliegt? Mettler, ein Aktenköfferchen auf den Knien, presst seinen schweren Körper gegen die Rückenlehne des kleinen Sitzes und zieht den Bauch ein, um nicht gegen den gabligen Steuerknüppel zu stossen. Der Pilot schaltet die Bordlautsprecher ein, spricht in sein Funkgerät, die Lautsprecher knacken und rauschen, irgendwo antwortet eine unverständliche Stimme, kauderwelscht in mehreren Sprachen – Mettler ist kurz davor, wieder auszusteigen, noch ist es Zeit – als der Pilot zwischen Steuerknüppel, Aktentasche, Mettlers Bauch und dessen krampfhaft verschränkten Armen nach der Türe greift, diese verriegelt, auch ein zweites Schloss unter dem Dach in seine Sicherheitsposition zieht und die Bremsen löst. Geschickt lenkt er das kleine Flugzeug in die Pistenmitte, jagt über Markierungen und Aufsetzpunktbefeuerung und hebt das Flugzeug in die Luft.

Wie sich der Pilot seinen Weg zwischen Himmel und Erde sucht, einem Wolkenturm ausweichend, einen anderen überfliegend, macht demjenigen Spass, der sich ohne Angst den Flugkünsten des Piloten überlassen kann, Mettler gelingt dies nicht.

Er traut weder dem Piloten noch der Maschine, und wenn er seinen Blick dem Flugzeugflügel entlang schweifen lässt, entdeckt er laufend kleinere Mängel. Eine aufgeplatzte Blindniete. Eine lose Kreuzschlitzschraube. Abblätternde Farbe. Alles Vorboten weit gravierenderer Mängel. Wenn dann gar der Pilot mit dem Mittelfinger gegen die Gläser der Kontrollanzeigen im Cockpit klopft, um die Anzeigenadeln, die sich verklemmt haben, wieder frei zu bekommen, bricht Mettler der kalte Schweiss aus. Er glaubt, in einer fliegenden Schrottkiste zu hocken, der jederzeit irgendetwas abbrechen kann, wo Leitungen lecken, Kontakte verschmutzen, die Zündung aussetzt, oder ein Fahrgestell klemmt, eine Seitenruderflosse sich aus ihren Scharnieren löst. Nein, Fliegen hat für Mettler keinen Reiz.

Der Flug dauert nicht lange. Nach einer guten Stunde setzt der Pilot zur Landung an. In einem sanften Bogen zieht er über Lamu hinweg und steuert auf den kleinen Flughafen der gegenüberliegenden Insel zu. Aus dem Buschwerk der Mangroven taucht ein kurzes Stück rotbrauner Piste, der Pilot drosselt die Geschwindigkeit, kaum spürbar setzen die Räder auf, die Maschine ist gelandet.

«Willkommen in Lamu.»

Die Hitze ist unerträglich. Kein Wind, keine kühlende Brise über den Mangrovensümpfen, nichts, nur diese lähmend feuchte Glut. Die kleine Gruppe der Lamureisenden steht neben dem Flugzeug und wartet darauf, dass das Gepäck ausgeladen wird. Eine Schar zudringlicher Träger umringen die Touristen.

«Das erste Mal in Lamu?»

«Welches Hotel? Haben sie schon eine Unterkunft?»

«Wie lange bleiben Sie? »

«Boot?»

Mettler folgt den beiden Halbwüchsigen, die mit seiner Reisetasche losziehen, wohin weiss er nicht, doch es wird wohl alles seine Ordnung haben. Schon beginnt seine Hose im Schritt zu kleben. Die schwüle Luft verursacht ihm Atembeschwerden und der milchgraue, gleissende Himmel blendet ihn so, dass er hastig nach seiner Sonnenbrille sucht, die er sich auf die Nase klemmt. Die beiden Träger hat er längst aus den Augen verloren. Er trottet mit den soeben angekommenen Touristen, die alle wie Mettler unter ähnlichen Hitzesymptomen leiden, auf dem schmalen Pfad durch den Mangrovensumpf.

Einzig eine junge Mutter mit Kind scheint gegen den Überfall der erdrückenden Hitze gefeit zu sein und beschreibt ihrem Sohn oder der Tochter die Schönheiten der Mangroven, die in der Tat, jetzt im April, viele farbige Blätter haben, rote, gelbe, braune, was bei dem vom Baum gefallenen Laub, das zwischen den Mangrovenstrünken auf dem Wasser tanzt, an einen europäischen Buchenlaubteppich im Herbst erinnert.

Die Nachricht des Eseltreibers Hamischi Kamani, dass am Strand die Leiche einer Frau, einer Weissen liegt, löst in der Polizeistation Lamus eine Flut von Ausreden aus. Die Bereitschaftspolizei will den Fall an die Kriminalpolizei übergeben. Die Kriminalpolizei weigert sich und informiert die Hafen- und Wasserpolizei. Diese verteidigt sich. Die Tote sei am Strand gefunden worden und falle deshalb nicht mehr in ihren Kompetenzbereich. Die ganze Angelegenheit sei äusserst delikat und ein Fall für den Geheimdienst.

Erst die Order des Polizeichefs, dass sich alle Organe der Vollzugspolizei um den Fall zu kümmern haben, veranlasst den Chef der Kriminalpolizei, Mister Tetu, einen älteren Kikuyu, der von allen als Chef anerkannt wird, seinen Assistenten Mwasi und ein paar weitere Leute zu beauftragen, in die Bucht hinauszufahren und die Ertrunkene zu bergen.

Das grosse Motorboot, eine altersschwache Dieseldau, ist bereits übervoll. Doch da Mettler die beiden Burschen mit seiner Tasche im Bug des ehemaligen Segelschiffs entdeckt, klettert er über den schmalen Steg ins Boot, wo er sich auf einen kistenförmigen Aufbau in der Mitte des Schiffes hockt. Die Bretter dämpfen die Vibrationen des Dieselveteranen allerdings kaum, so dass sich Mettler schon nach wenigen Minuten mit kribbelndem Hintern ein neues Plätzchen sucht. Er quetscht sich zwischen eine Gruppe schwarz gekleideter Frauen, die ihr Kichern über den schwitzenden Mann hinter ihren Buibuis verstecken.

Auch auf dem Wasser regt sich kein Lüftchen. Die Hitze lagert wie ein Klumpen unverändert über Land und Meer. Lamu döst in der Mittagssonne, grau und flach.

Die Überfahrt von Manda nach Lamu dauert nur wenige Minuten. Mettler hockt eingekeilt zwischen den Frauen, die fröhlich schwatzen, und überlässt sich dem Schaukeln des Schiffes, das sich träge durch das scheinbar unbewegte Wasser pflügt. Langsam zeichnen sich die Umrisse der Stadt Lamu ab. Einzelne Gebäude, die langgestreckte Hafenmole, die wenigen grünen Tupfer grösserer Baumgruppen, meistens Kokospalmen. Aber, obwohl Mettler glaubte, sich an Lamu recht gut erinnern zu können, weckt die Stadtfassade keine konkreten Erinnerungen. Die schmalen, hohen Häuser, die vielen Bögen und Durchbrüche könnten genauso gut in Spanien oder Sizilien sein: Die Hafenansicht eines grösseren Fischerdorfes, wie er sie schon oft gesehen zu haben glaubt, nichts Besonderes, wenn auch immer wieder von einer pittoresken Schönheit, für die so viele seiner Zeitgenossen schwärmen, Mettler allerdings nicht, und der deswegen auch die verschämten Ausbrüche des Entzückens seiner Mitreisenden mehr belächelt als nachvollziehen kann. Vielleicht ist es aber auch nur die Hitze, die sich wie ein Schleier zwischen seine Wahrnehmungen schiebt und ihn, trotz Sonnenbrille, zwingt, die Augen zusammenzukneifen, wenn er mehr als nur gerade die groben Umrisse der Stadt erkennen will. Gequält schliesst er die Augen, schiebt die Sonnenbrille in die Stirn und reibt sich die Nasenwurzel: Kopfschmerzen wird er haben, so viel weiss er schon.

Es ist nicht schwer, den Ort zu finden, wo Hamischi die Leiche mit Sand zugeschaufelt hat. Mittlerweile versammelt sich dort eine Gruppe von Einheimischen. fast ausschliesslich junge Männer, keine Frauen. Sie haben das entstellte Gesicht der Frauenleiche frei gemacht und diskutieren darüber, wer die Ertrunkene sein könnte. Während die einen behaupten, es handle sich um eine Touristin, die seit einer Woche in Shelas einzigem Hotel «Rafiki» wohne, so vermuten andere, die Frau sei die Freundin eines «Beachboys», Lady Gertrud. Eine dritte Gruppe will die Tote noch nie gesehen haben, was die Männer, um sich wichtig zu machen, sogar beschwören wollen.

Der Polizeiassistent Mwasi hört sich in aller Ruhe die verschiedenen Versionen an. Dann beauftragt er einen seiner Leute, den Strand nach möglichen Spuren, wie zum Beispiel den Kleidern der Toten oder Badeutensilien abzusuchen, zwei weiteren befiehlt er, die Tote, sobald die Flut zurückkehrt, auf das Motorboot zu schaffen und nach Lamu zu fahren, während er selbst den Strand entlang gehen will, um sich sowohl im Hotel «Rafiki» als auch in Lady Gertruds Haus umzusehen. Seine Anweisungen sind klar und von einer derart selbstverständlichen und ruhigen Art, dass sie den immer hitziger gewordenen Diskussionen um die Identität der Toten ein Ende machen.

Auch nach der Ankunft des Bootes in Lamu geben die beiden Burschen Mettlers Gepäck nicht aus den Händen.

Die Uferstrasse längs der Kaimauer liegt verlassen in der Mittagshitze. Im Schatten der wenigen Bäume stehen ein paar Esel, in den wenigen Restaurants sitzen kaum Leute, und die Büros der Verwaltung, Polizei, der Reise- und Fluggesellschaften, aufgereiht wie auf einer Hühnerstange, sind geschlossen. Die Leute, die das Boot in Empfang nahmen, verlaufen sich schnell, verschwinden in kleineren Gruppen in den schattigen Gässchen der Stadt. Die schwüle Hitze, mit Gerüchen aller Art gesättigt, legt sich wie ein feuchtklebriger Mantel um Mettler, der nur mit Mühe seinen Trägern folgen kann. Bereits haben sie die sogenannte Hauptstrasse wieder verlassen und sind mehrmals in immer engere Gassen abgebogen, und, obwohl seine Führer immer wieder mit knappen Bewegungen auf Schilder deuten, die den Weg zum ausgewählten Gasthaus weisen, verliert Mettler jede Orientierung. Endlich bleiben sie vor einer für Lamu typischen Doppeltüre mit orientalischem Schnitzwerk stehen, dem Eingang zum «Kwaheri Guesthouse».

Der Innenhof, mit Halle, Büro und Küche ist, dank des gewässerten Rasenstücks mit dem mageren Zitronenbäumchen, angenehm kühl. Mettler setzt sich erschöpft auf einen der steifen Stühle in der Halle und überlässt seinen beiden Trägern die Verhandlungen mit einem Angestellten des Gasthauses. Nur auf die Frage, wie lange er denn zu bleiben gedenke – eine, zwei oder drei Nächte? – gibt er die Antwort, dass es bestimmt eine Woche werden dürfte, worauf sich die beiden Burschen, nachdem sie einen wohlbemessenen Trägerlohn kassierten, von Mettler verabschieden. Simon, der Hausbursche nimmt Mettlers Gepäck und geht ihm durch eines der beiden Treppenhäuser voran. Sie erreichen eine Terrasse, und gelangen über eine rechtwinklig abbiegende Galerie zu den Zimmern 8 und 9.

Simon, der Mettlers Gepäck im Zimmer 9 auf eine kleine Holzpritsche stellt, erklärt, bereits wieder unter der Türe, die Vorzüge des Zimmers Nummer 9, dem einzigen, das zur Zeit noch frei sei, das Mettler aber schon in zwei Tagen gegen ein anderes eintauschen könne, denn dann werde das Zimmer Nummer 5 frei, das wesentlich grösser sei, sogar eine eigene Terrasse habe, obwohl er persönlich immer dieses kleinere Zimmer vorziehen würde, das höher gelegen sei, darum luftiger, was besonders nachts von Vorteil sei, da es dank des Windes viel weniger Moskitos habe, obwohl jedes ihrer Zimmer über einen hervorragenden Ventilator verfüge. Doch er wolle Mettlers Entscheidung nicht vorgreifen. Nummer 5 habe allerdings ein Bett mehr, nämlich drei, doch er sei ja allein, und ein zweites Bett habe auch Zimmer Nummer 9, was ihm, so schliesst Simon augenzwinkernd seine Ausführungen, jederzeit ebenfalls zur Verfügung stehe, ganz egal, ob er das Zimmer allein oder zu zweit benutze, denn alle ihre Preise seien Zimmerpreise; und das Frühstück, das sie, allerdings als einzige Tagesmahlzeit, anbieten würden, werde in jedem Fall zusätzlich verrechnet.

Mettler erklärt, dass ihm das Zimmer sehr gut gefalle, und er gleich hier bleibe, duschen und ein bisschen schlafen wolle, denn die lange Reise und das ungewohnte Klima würden ihm doch stärker zusetzen als er erwartet habe.

Das Zimmer macht Mettler einen guten Eindruck, sauber und mit dem für dieses Klima nötigsten ausgerüstet, Dusche, Ventilator und Moskitonetz. Ohne sich lange mit dem Auspacken seiner Reisetasche zu beschäftigen, zieht sich Mettler aus, stellt sich unter die kalte Dusche, schaltet den Ventilator ein und legt sich nackt und nass auf eines der beiden Lamubetten, ein knarrendes Gestell mit einem Strohgeflecht, um, trotz der erfrischenden Dusche, in einen ungesunden Halbschlaf zu verfallen, dessen fiebrige Träume sich mit den Geräuschen – dem Surren des Ventilators, dem Klagegeschrei der Esel, dem Katzengejaul und den Rufen der Muezzins – zu einem Gemisch aus Gegenwart und längst Vergangenem vermengen.

Dass ihm die Hose verrutscht, wäre nicht schlimm, aber er muss das Aktenbündel festhalten, das er sich auf den Kopf gesetzt hat und aus dem ihm der Wind, der durch den Flur des Präsidiums bläst, laufend einzelne Blätter fortreisst. Den Versuch, mit einer Hand die Hose zu halten, mit der andern die Akten, muss er schnell wieder aufgeben, weil es ihm auch schon mit beiden Händen nicht gelingt, die Akten, die immer weniger werden, zusammenzuhalten. Noch nie ist ihm der Korridor des Polizeipräsidiums so lang vorgekommen. Auch an die knarrenden Türen, die sich hinter ihm öffnen und aus denen Leute ihre Köpfe strecken, kann er sich nicht erinnern. Das Gelächter, das hinter ihm her schallt, besonders das Gewieher der Vorzimmerdamen, bezieht er auf sich und seinen Aufzug, der in der Tat immer grotesker wird, ist ihm doch die Hose mittlerweile unter die Knie gerutscht, so dass er sich nur noch in winzigen, schlurfenden Schritten fortbewegen kann.

Vollends in Verwirrung stürzt ihn die Treppe, die ohne ersichtlichen Grund auf halben Weg im Flur beginnt und scheinbar endlos in unregelmässigen Stufen in höher gelegene Stockwerke führt, sich zu winden beginnt und sich, doch wieder mehr im Zickzack, denn kreisend, in die Höhe schraubt, eine Höhe, die ihn aber eher fasziniert als ihn der Korridor ängstigt, so dass er, kurz entschlossen, das Aktenbündel fahren lässt, aus der Hose steigt und in grossen Sprüngen die Treppe hinaufhastet. Die Treppe endet auf einer Brücke hoch über der Stadt, die er zu kennen glaubt, obwohl er ihren Namen nicht weiss, und in deren Gassen er sich wiederfindet, wenn auch nur verschwommen, eine verblassende Spur verwischter Eindrücke, die sich leicht und wie von selbst verliert. Vielleicht sind aber auch die mächtigen Vögel, die ihn kreischend und flügelschlagend umkreisen, schuld, dass er die Stadt vergisst. In ihren Schnäbeln halten sie all jene Papiere, die er im Korridor verloren hat. Eine Beobachtung, die ihn verwirrt, kann er sich doch nicht erklären, wie die Papiere in die Stadt gekommen sind, die er keineswegs mit dem Flur des Polizeipräsidiums in Zusammenhang bringt. Auch nach längerem Nachdenken ist er nicht in der Lage herauszufinden, warum er sich auf dieser Brücke befindet, auf die er geflohen ist, er weiss nicht warum. Die kreischenden Vögel scheinen die Absicht zu haben, ihn von der Brücke zu stürzen, vielleicht auch nur zu verscheuchen, denn offenbar halten sie ihn für einen gefährlichen Eindringling, der entweder ihren Brutplatz gefährdet oder ihnen eine Beute streitig macht. Zu seinem Unglück erkennt er, dass die Brücke nirgends hinführt, sondern im freien Himmel plötzlich abbricht, auch schrumpft, zum schmalen Seil wird. Einer der Vögel, der im Sturzflug und laut schreiend auf ihn einstürmt, bringt ihn aus dem Gleichgewicht, so dass er ins Leere tritt und fällt.

Mettler fährt hoch, schweissgebadet und mit dröhnendem Kopf. Der Luftzug des Ventilators, der sich auf seinem Sockel hin und her dreht, bläst in seinen Aktenstoss, den er sich, mehr aus Pflichtbewusstsein, denn aus Interesse, aufs Bett gelegt hat. Irgendwo in der Stadt scheinen sich Leute zu versammeln. Eine Trommel wird geschlagen. Ein Esel schreit. Vor dem Fenster lärmen ein paar Kinder.

Als der Polizeiassistent Mwasi nach fast zwei Stunden über die Dünen an den Badestrand zurückkehrt, weiss er mehr. Das Haus Lady Gertruds fand er verschlossen, als ob die Weisse abgereist wäre, obwohl niemand etwas von einer Abreise gewusst zu haben schien. Nicht weit vom Fundort der Ertrunkenen findet er in einem Palmengebüsch ein Badetuch mit den Initialen G.H. und eine Sisaltasche, die ausser einem farbigen Baumwolltuch, einer Kanga, und einer angebrochenen Packung Zigaretten leer ist. Die Badeutensilien der Ertrunkenen?

Unten, in der Gasse, braucht Mettler nur dem rasch wachsenden Menschenstrom zu folgen, der dem Lärm entgegen drängt und ihn, der es durchaus nicht eilig hat, mit sich zieht, so dass er, viel schneller als erwartet, auf dem Plätzchen ankommt, wo sich die Leute zu einer Art Kundgebung versammeln. Bereits drängen sich über hundert Menschen, vor allem Frauen, die Mettler in ihren schwarzen Buibuis an Vögel erinnern, um einen tanzenden Kreis junger Männer, der sich in der Mitte des Platzes um einen Mann in einer Sänfte gebildet hat. Zu den Schlägen einer grossen Trommel, sich gegenseitig mit einander über die Schultern gelegten Armen haltend, stampfen die Burschen den Trommelrhythmus in den Sand. Viele Frauen rauchen, ziehen ungeschickt an offensichtlich grosszügig verteilten Gratiszigaretten oder feuern die halbnackten Tänzer zu immer wilderen und geradezu obszönen Bewegungen an.

Einige Leute strecken ein Plakat mit dem Portrait des Mannes in die Luft, der in der Sänfte sitzt, woraus Mettler schliesst, dass es sich bei der Kundgebung um eine Wahlveranstaltung handelt, oder bereits um den Wahlsieg, denn es ist offensichtlich, dass sich der Mann in der Sänfte feiern lässt. Unter den Transparenten fällt ihm die symbolische Erschiessung eines weissen Elefanten auf, der einmal im Wasser steht und, nach seinem Exitus durch eine Frau mit einem Kindergewehr, auf dem Rücken liegt. Ein Protest gegen die reichen Weissen, die sich in Lamu einquartieren? Vielleicht ist es aber auch nur die simple Bitte, die Elefanten, die durchs flache Meer auf die Nachbarinsel waten, zu vertreiben.

Mettler, der sich an eine Hauswand lehnt, schaut dem Geschehen neugierig zu. Er geniesst das Aufblitzen der Augen aus den Schlitzen der Buibuis, das ihm gilt, wenn auch nicht dem Mann, so doch dem Fremden, und das in gewisser Weise mit ein Grund dafür war, weshalb er den Lamu-Auftrag angenommen hat.

Mit Lamu, das er als Jugendlicher besuchte, damals sowohl einem Hippiekult verfallen, den er mittlerweile über Bord geworfen hat, als auch die Privilegien geniessend, die ihm seine Herkunft aus einer begüterten Familie boten, verbindet ihn nicht nur das sorglose halbe Jahr, das er hier mehr oder weniger vertrödelte, sondern auch eine erste grosse Liebe, von der er später nie wieder etwas gehört hat, an die er sich aber sehr wohl und gern erinnert.

Das Tanzen, Klatschen, Schreien, Singen nähert sich immer mehr einem ekstatischen Höhepunkt. Staub wirbelt in die Luft, eine sonnendurchflutete Glocke über den schweissglänzenden Menschen. Plötzlich, ohne dass jemand der Menge ein Zeichen gegeben hätte, beginnt sich diese, stadteinwärts zu drängen und zieht gleich einem Spuk an Mettler vorbei, der versucht, dem Druck der erhitzten Körper, den trampelnden Füssen auszuweichen, indem er sich an die Hauswand presst. Teils erheitert, teils sich vor dem stechenden Schweissgeruch ekelnd, lässt er den schwarzen Umzug der Vogelfrauen vorübergleiten, der einem nächsten Platz entgegeneilt, von wo bereits wieder das Krächzen der Trompete und der mächtige Trommelschlag herüberdringen, bis er allein auf dem Plätzchen übrigbleibt und sich verwundert seine Augen reibt.

Zu seiner Freude entdeckt er ein Gartenrestaurant mit dem etwas dümmlichen Namen «Coconut Inn». Mit seinen Palmen, Bananenstauden und Bougainvillien ohne Zweifel für Touristen gebaut, lädt es dazu ein, hier, bevor sich die Hauptgasse in der Enge der niederen Häuser verliert und das Flanieren weisser Gäste als Provokation verstanden werden könnte, einen Saft zu trinken, um nachher, in der Meinung, Lamu sei mit diesem Lokal zu Ende, wieder umzukehren.

Im Büro des Chefs der Kriminalpolizei liefert Mwasi seine Fundgegenstände ab und berichtet, was er in der kurzen Zeit herausgefunden hat:

«Bei der Toten, die ertrunken ist, handelt es sich um eine Schweizerin, eine reiche Witwe, Gertrud Hornacker, was die Initialen ...»

wichtig zieht er das Badetuch aus der Sisaltasche,

«… hier: G.H. des gefundenen Tuchs beweisen. Auch haben verschiedene Leute in der Toten eben diese Frau erkannt. Dies musste schliesslich auch eine zweite Gruppe von Männern bestätigen, die anfänglich einen Gast des Hotels ‹Rafiki› in der Toten vermutete. Ein hinfälliger Verdacht. Die betreffende Frau hat sehr lebendig auf der Terrasse des Hotels gesessen.»

Mwasis Witzchen wird mit einem Grinsen quittiert, was ihn zu einer genüsslichen Kunstpause verführt, dann fährt er fort:

«Das Haus von Lady Gertrud, wie sie in Shela allgemein genannt wird, war leer und verschlossen, so dass ich folgende Theorie aufstellte, der ich auch sofort nachging und die sich ja dann auch durch den Fund der Badeutensilien bewahrheitet hat. Lady Gertrud, über die mir erzählt wurde, dass sie es liebte, jeden Abend über die Dünen in die Bucht zu wandern, um dort zu baden, nackt, was verboten ist, allerdings immer zu einer Zeit, da der Strand von gewöhnlichen Touristen längst geräumt und verlassen ist, muss auch gestern Abend zum Strand gegangen sein. Sie wird sich im Schutz des Palmengebüschs ausgezogen haben, um von dort zum Wasser zu laufen und ins offene Meer hinauszuschwimmen. Ebenfalls eine ihrer Gewohnheiten, von der sie sich, trotz der Warnungen der Leute nicht abbringen liess. Sie muss gewusst haben, dass die Strömungen, bedingt durch die weitläufigen Meeresarme des Archipels und die grossen Unterschiede zwischen Ebbe und Flut, gefährlich sind. Immerhin liess sie sich meistens von ‹Captain Jambo›, ihrem Liebhaber, begleiten.»

Mwasi räuspert sich.

«Nicht so gestern Abend. – Ihr Freund wollte mit einer Touristengruppe mit dem Einsetzen der Ebbe, kurz vor Mitternacht, zu einem Segeltrip nach Malindi aufbrechen und war um diese Zeit schon in Lamu-Stadt. – Ich habe das überprüfen lassen und bereits mehrere Zeugen gefunden, die gestern mit ‹Jambo› zusammen gewesen sein wollen. – Was nun genau auf dem Meer geschehen ist, weiss ich nicht, es wird wohl nie in Erfahrung zu bringen sein. – Ich vermute, die Frau, die dazu neigte, sich zu überschätzen, ist ertrunken.»

Der Chef der Kriminalpolizei Tetu, seinen massigen Körper hinter seinen Schreibtisch gequetscht, als könnte er nur so das Auseinanderfliessen seines Leibes noch aufhalten, schwitzend und scheinbar ausschliesslich damit beschäftigt, einen untauglichen Tischventilator so zu regulieren, dass ein schwaches Lüftchen ihm vielleicht doch noch eine kleine Abkühlung verschafft, hört dem aufgeblähten Bericht seines Assistenten Mwasi missmutig und kommentarlos zu, denn, obwohl er auf Anhieb keine Schwachstellen in Mwasis Darstellung der Ereignisse sieht, gefällt ihm die Geschichte nicht. Die ganze Sache gefällt ihm nicht. Vor allem wenn er an den Papierkram denkt, die Schwierigkeiten, die sich kaum verhindern lassen. Die Schweizer Botschaft muss benachrichtigt werden. Angehörige werden sich einschalten. Und zu guter Letzt wird er, was er auch immer unternimmt, alles falsch gemacht haben. Wenigstens in den Augen der Weissen. Soweit er sich erinnern kann, hat er diese als Besserwisser erfahren. Lehrer, Priester, Kolonialherren, Entwicklungshelfer... Und darum sagt er auch jetzt noch nichts, nachdem Mwasi seinen Bericht abgeschlossen hat, sondern grübelt mit einem abgerissenen Streichholz den Dreck aus seinen Fingernägeln, um endlich, nach einem Blick auf die Uhr, etwas wie: «Damit lasst uns morgen weiterfahren», zu brummen, «für heute haben wir genug getan».

Natürlich gibt es kein Bier. Doch der Tamarind-Juice, ein erfrischend saurer, brauner Sud, der aus den gepressten und ausgekochten Schoten des Tamarindbaumes gewonnen wird, schmeckt Mettler besser als der Anblick der braunen Brühe vermuten liess.

Ein feines Rascheln in den Blättern der Kokospalmen kündigt das Aufkommen eines Windchens an, so dass Mettler sich zu einem Spaziergang durch die Stadt entschliesst. Mettler überlässt sich, da er ohne ein bestimmtes Ziel durch die Gassen schweift, dem Menschenstrom, in dem die wenigen Touristen, einmal von ihren weissen oder oft krebsroten Köpfen abgesehen, nicht weiter auffallen und ihn auch nicht interessieren.

Die Frauen Lamus flattern in ihren schwarzen Buibuis in die Häuser, die Gassen gehören immer mehr den Männern, die in ihren bodenlangen, weissen Kleidern, ein gesticktes Mützchen auf dem Kopf, vor den Moscheen sitzen, miteinander plaudern oder, echte Muftis, ihre Koransuren vor sich hinplappern. Andere sind mit einer Arbeit beschäftigt. Sie schieben einen Karren durch die engen Gassen, balancieren aufgetürmte Waren durch die Menge oder gehören zu einem der vielen Läden und Handwerksbetriebe, in denen, jetzt, da die Hitze das Tages nachlässt, fleissig gearbeitet wird. Geschickte Schneider fertigen aus bunten Tüchern Hosen und Blusen an, der Duft frischer Samozas vermischt sich mit dem Seifenangebot eines Krämers, Staub und Hobelspäne einer Schreinerei fliegen auf die Strasse, in der die für Lamu typischen Betten, Stühle und Truhen hergestellt werden; vis-à-vis wird Stroh zu Körben und Matten geflochten, und bevor wieder ein Stoff-Tücher-Sisaltaschengeschäft mit Spiegeln und Neonlicht in die Tiefen seiner Räume lockt, kommt vielleicht eine Teestube, ein Buchladen oder ein Kino, von dem man nicht weiss, ob es nicht doch nur ein Coiffeur ist, der mit alten Filmplakate seinen Laden ausschmückt.

Auf dem Markt rund um die ehemalige Festung durchwühlen Esel die Abfallhaufen, wo Gemüsereste, Fischköpfe, ja ganze Tierkadaver verrotten, was aber niemanden davon abhält, hier Gemüse, Früchte, Fische und Gewürze einzukaufen und sich mit Miraa oder Betel, den beliebtesten Drogen einzudecken, die trotz des staatlichen Verbotes überall und ohne Scheu gekaut werden.

Hinter dem Markt, immer weiter der Hauptgasse entlang, beginnt das Gewirr von Läden und Werkstätten, Moscheen und Teestuben erneut und endet erst kurz vor dem Elektrizitätswerk, einer schmierigen und lärmigen Generatorstation, wo sich die Hauptstrasse in viele Gässchen gleichsam ausfranst, wie überhaupt die alte Stadt von neueren, aber durchwegs ärmeren Quartieren umgeben ist.

Die Uferstrasse ist um diese Zeit mindestens so belebt wie die Hauptstrasse. Die leichte Brise und der rege Bootsverkehr locken eine Menge Schaulustiger, Müssiggänger und Touristen an, von denen wiederum all jene angezogen werden, die, für den heutigen Abend oder den morgigen Tag, ein Geschäft einzufädeln versuchen. Mettler weicht allen Gesprächen aus und antwortet auf die entsprechenden Eintrittsfloskeln wie «Woher kommst du?», «Wie gefällt dir Lamu?» stereotyp mit «Okay», was immer als Verweigerung verstanden wird, was es auch ist.

Die einzige, ziemlich wackelige Landungsbrücke, wird von zahlreichen Motorbooten angelaufen, die zum grossen Teil vom Badestrand Shelas kommen und voller Touristen sind, die in die Stadt zurückkehren.

Auf dem Landungssteg balanciert ein Mann mit einem riesigen Sombrero, einer für Lamu aussergewöhnlichen Kopfbedeckung. Mettler hält den Burschen, der die Ankommenden wie alte Bekannte begrüsst und immer wieder versucht, ihnen etwas zu verkaufen, das er in einer grossen Kühltasche aufbewahrt, für einen Eisverkäufer, der sich, seiner Meinung nach, allerdings einen denkbar ungünstigen Platz für sein Geschäft ausgesucht hat, denn wer kauft auf einem Bootssteg ein Eis, solange er damit beschäftigt ist, das Boot zu verlassen und das sichere Ufer zu erreichen? Aber ohne dass sich Mettler erklären kann warum, empfindet er so etwas wie Sympathie, vielleicht ist es auch Mitleid, für den Burschen, so dass er «Sombrero» ans Ufer winkt und ihm, da es sich tatsächlich um einen Eisverkäufer handelt, eine Plastiktüte mit gefärbtem Zuckerwassereis abkauft. Aus purer Höflichkeit und nur um den Burschen nicht zu verletzen, der ihn ein paar Schritte begleitet und in einer Weise mustert, die ihm unangenehm und peinlich ist, lutscht er das Zuckereis, wenigstens zur Hälfte, auf.

Die Polizeibeamten, die die Leiche der ertrunken Weissen quer durch die Stadt zum alten Spital brachten, werden dort nicht gern gesehen. Der Chefarzt, der von Tetu informiert wurde, versuchte, die Annahme zu verweigern. Aus Platzgründen. Schliesslich musste er aber einsehen, dass die Tote nicht irgendwo untergebracht werden kann, dass er ebenfalls dazu verpflichtet ist, die Todesursache festzustellen und den Tod der Frau zu bescheinigen. Etwas, das er unter normalen Umständen widerstandslos getan hätte, aber, wegen der herrschenden Verhältnisse, immer dazu benutzt, auf den katastrophalen Zustand des Spitals hinzuweisen, vor allem auf die Tatsache, dass der Spitalneubau, obwohl schon lange fertig, nicht bezogen werden kann. Er lässt die Beamten mit der Leiche warten,

«Tote haben Zeit, meine Kranken nicht»,

um erst kurz vor Feierabend zu schreien: «Die ertrunkene Frau Hornacker in den Operationssaal!»

ein Zynismus, der die biederen Beamten beleidigt, sie wissen nicht warum, aber trotzdem, handelt es sich doch um «ihre» Leiche, der man nicht mit der notwendigen Hochachtung begegnet. Tatsächlich trifft es aber zu, dass der Operationssaal der einzige, freie Raum ist, der, vorübergehend, als letzte Ruhestatt für eine Leiche dienen kann.

Der Eisverkäufer Ali Maiwa, von den Touristen wegen seines grossen Strohhutes «der Mexikaner» oder «Sombrero» genannt, betritt, kurz vor Dunkelheit, seine Hütte am Rand der Stadt. Er hängt seinen Hut an den dafür vorgesehenen Nagel über seiner Schlafstelle, schiebt seine Kühltasche, ohne die restlichen Eisbeutel herauszunehmen, in eine Ecke und zieht sich aus. Die aufgetauten Beutel wird er morgen in die Tiefkühltruhe eines Freundes legen und seine Tasche mit frisch gefrorenen füllen, um sie übermorgen, wenn sie wieder gefroren sind, wieder gegen aufgetaute einzutauschen. Ein Vorgehen, das nicht ausschliesst, dass immer wieder dieselben Beutel auftauen, wieder gefroren werden, auftauen, was aber dem wässrigen Inhalt kaum schaden kann. Nachdem Maiwa die wenigen Münzen und Scheine, die Tageseinnahmen, aus seinen Kleidern klaubte und, ohne sie zu zählen, in eine verbeulte Zigarrendose warf, zieht er unter seiner Matratze eine Hose und ein Hemd hervor, die ihn in einen smarten, leicht schmierigen Schönling verwandeln, dessen Eleganz an einen Aushilfskellner oder Coiffeurgesellen erinnert, ein Eindruck, der durch eine Halskette und ein Wollmützchen allerdings wieder aufgehoben wird.

Aus einem schäbigen Schränkchen, das umständlich mit einer Kette und einem Vorhängeschloss gesichert ist, nimmt Maiwa ein Päckchen Zigaretten, getrocknete Bananenschalen, ein kleines, in Aluminiumfolie geschlagenes Stück Haschisch und ein paar Betelnüsse. Er legt alles auf ein auf dem Tisch ausgebreitetes Stück einer glattgestrichenen Plastiktüte, und, nachdem er sich vergewissert hat, dass die Türe geschlossen ist, setzt er sich an den Tisch, wo er konzentriert, im schwachen Licht einer Paraffinlampe, mit einem kleinen, scharfen Messer erst einen Teil der Bananenschale in feine Streifchen schneidet, danach den Tabak zweier Zigaretten über den Bananenstreifchen zerkrümelt, ein Stückchen des gepressten Haschischs abbricht und mit dem Messerschaft zerdrückt, schliesslich eine Betelnuss zu Pulver schabt, um abschliessend die Ingredienzen seiner Rauschgifte zu mischen, zu kneten und die Masse, in die er auch mehrmals hinein gespuckt hat, zu kleinen, marmelgrossen Bällchen zu formen, die er, alle einzeln, in kleine Fetzchen Aluminiumfolie gewickelt, in den Taschen seiner Hose verschwinden lässt. Nachdem er alles, was noch auf dem Tisch liegt, wieder sorgfältig ins Schränkchen zurückgeräumt hat, das er erneut mit dem Vorhängeschloss sichert, löscht er die Lampe und verlässt seine Hütte.

Am Haus seiner Mutter vorbeischlendernd, erreicht er die abendlich belebte Hauptgasse, wo er sich unter die Leute mischt, um unauffällig nach möglichen Käufern für seine Kügelchen zu schauen. Seine Verkaufstaktik ist einfach. Nachdem er sich für einen Kunden entschieden hat, verwickelt er ihn geschickt und liebenswürdig in ein Gespräch, um ihm, hat er ihn erst einmal an der Angel, mit seinem Angebot zu überraschen, das dieser, ohne ihn zu beleidigen, kaum noch auszuschlagen wagt.

Nach ein paar missglückten Versuchen setzt sich Ali zu seinen Freunden in einer Teestube.

«Es heisst: Lady Gertrud sei ertrunken, die Sugarmama von‹Jambo›. Gestern Nacht. Der alte Kamani hat die Leiche gefunden, heute Morgen, am Strand, als er mit seinen Eseln draussen war. – Ich Maiwa, ich glaub das nicht.»

Mettler sitzt im Restaurant des Hotels «Baobab Inn» und wartet auf sein Nachtessen. Obwohl das Hotel um diese Jahreszeit nur schwach belegt ist, sind die meisten Tische im Speisesaal besetzt. Mettler, der sich in fremden Lokalen nie auf Anhieb wohl fühlt, selbst dann nicht, wenn es ihm gelingt sich einen Ecktisch zu erobern, stört sich sowohl an der kühlen, entfernt an einen Wartesaal eines Provinzbahnhofs erinnernden, Atmosphäre als auch an der Servilität der vielen Kellner, die ihn zwar nicht bedienen, das heisst, ihm weder das bestellte Essen noch das gewünschte Bier bringen, sondern ihn, der sich vorgenommen hat, ein bisschen in die Akten seines Auftrags zu schauen, belästigen, indem sie sein Gedeck verändern, die Gläser auswechseln oder umständlich eine Blumenvase gegen einen Kerzenständer austauschen.

Neben Mettler hat ein deutsches Ehepaar Platz genommen, beide um die Vierzig, schlanke Leute, die – ihr Kind zwischen sich – einander leise die Speisekarte vorlesen. Ihre Kommentare lassen Mettler vermuten, dass ihnen die fremden Gerichte nicht geheuer sind. Einerseits weil sie die phantasievollen Bezeichnungen nicht verstehen, andrerseits weil sie unter den vielen Fischgerichten kaum etwas entdecken, das ihren Essgewohnheiten, vor allem im Hinblick auf das Essen für das Kind, entspricht. In der Mitte des Raumes haben sich zwei Paare niedergelassen, die sich in Englisch, das aber nicht ihre Muttersprache zu sein scheint, erzählen, was sie bereits alles gesehen und erlebt haben, nicht nur hier in Lamu, sondern in Kenia überhaupt. Sie scheinen sich gegenseitig beweisen zu wollen, wer von ihnen das Land besser kennt. Offenbar leben sie schon ziemlich lange hier, was eine der Frauen dazu veranlasst, fast ein bisschen theatralisch, auszurufen: «Wir sind doch unerwünscht!»

Eine Bemerkung, von der Mettler nicht genau weiss, ob sie ganz allgemein zu verstehen ist, oder sich auf die lange Wartezeit bezieht. Aus einer der entfernteren Ecken schallt fröhliches Gelächter, laut und störend, offensichtlich glaubt jemand, vielleicht ein Reiseleiter, er müsste die Wartezeit für die ihm anvertrauten Touristen mit Anekdoten überbrücken. Mettler, der die Geschichten nicht versteht, den nur das salvenartige Gelächter immer wieder von seiner Lektüre aufschauen lässt, schüttelt halb verärgert, halb belustigt den Kopf: «Immer diese Italiener.»

In die gegenüberliegende Ecke gequetscht, hocken zwei Männer, ein dicker Koloss, der Mettler den Rücken zukehrt und ein blasser, schnauzbärtiger Mann, der trotz seiner grauen Haare, noch ziemlich jung aussieht und den Mettler für einen Architekten oder Entwicklungshelfer hält. Der Mann erwidert Mettlers Gesten mit einem zustimmenden Schmunzeln, was den Koloss, mit dem er in ein Gespräch vertieft ist, dazu veranlasst, sich ebenfalls nach Mettler umzudrehen und diesem, ohne zu wissen warum, freundlich zuzunicken. Mettlers Aktenbündel enthält neben der Beschreibung seines Auftrags, einem Lebenslauf der verwitweten Gertrud Hornacker, geborenen Lang, ein paar Fotografien Gertruds, einer Karte Kenias und einem halben Dutzend Quittungen und Notizen, vor allem einen leeren Schreibblock. Mehr aus Langeweile, denn aus wirklichem Interesse liest Mettler in seinen Notizen: «Unattraktive Frau zwischen fünfundzwanzig und dreissig, verheiratet, kinderlos. Auf G.H. eifersüchtig. (Warum?) Erbverzichtsvertrag, Wunsch des Vaters, nicht unterzeichnet. ... Über Tochter von G.H.»

Seinen Auftrag hat er ebenfalls auf einem Zettel festgehalten: «Gertrud Hornacker, die vor einem Monat nach Lamu reiste, allerdings nicht zum ersten Mal, nachfliegen, um die etwas über fünfzigjährige Witwe zu beobachten, die von ihren Kindern, vor allem der Tochter, verdächtigt wird, das Familienvermögen in leichtfertiger Weise zu verschleudern.»

Auf einem weiteren Papierschnitzel hat er sich den Verdacht der Tochter aufgeschrieben: «Die Mutter hat in Lamu einen Liebhaber.»

Mettler erinnert sich nur sehr ungern an das Gespräch mit der Tochter: «...und dass das klar ist, Diskretion. Diskretion. Nie darf ‹Mam› erfahren, dass wir ihr einen Privatdetektiv ... um Gottes Willen! Ein Skandal ...»

Ein Kellner führt einen weiteren Gast herein und bittet ihn, nicht ohne Mettler zu fragen, sich an dessen Tisch zu setzen. Leider zeigt es sich sehr schnell, dass der ältere Herr, der sich als Raffaele Di Polluzzi vorstellt, ein Schwätzer ist, und Schwätzern ist der wortkarge Mettler mehr oder weniger hilflos ausgeliefert.

Nachdem Di Polluzzi erst einmal sämtliche Menüs der Speisekarte laut durchgelesen hat, beginnt er das Kind am Nachbartisch zu necken. Er treibt Faxen, die die Kleine, oder ist es ein Junge, zum Lachen bringen sollen, schreit «Uhuu» und «Cucù», was das Kind verunsichert, so dass es zu weinen beginnt, ein Umstand, der den Eltern peinlich ist. Sie bemühen sich, die Grimassen Polluzzis lustig zu finden, in der Hoffnung, ihre gespielte Heiterkeit werde das Kind beruhigen, worauf das Kind laut zu schreien anfängt, bis die Mutter schliesslich entschieden aufsteht, das Kind vom Stuhl zerrt und mit ihm hinausgeht, nicht ohne eine wütende Bemerkung zu ihrem Mann zu machen, der sich immer noch darum bemüht, über Polluzzis Scherze zu lachen und sich jetzt von Polluzzi in ein stupides, halb auf Deutsch, halb in Italienisch geführtes Gespräch über Bambini verwickeln lässt, das Polluzzi aber plötzlich abbricht, weil er eine Katze entdeckt, die er nun mit Gesäusel und Geschmatze an den Tisch lockt, ein mageres, hochbeiniges Tier, über dessen Eigenart er Mettler, der verzweifelt in seine Akten starrt, einen Vortrag hält, der schliesslich Ausgangspunkt für eine Beurteilung Lamus wird, das er vor der Unabhängigkeit Kenias schon einmal besucht hat.

«Oh, was war Lamu für ein Kleinod, wie freundlich waren diese Leute. Und heute? Ein stinkendes, korruptes Nest. Schuld sind die Neger aus dem Landesinnern. Kikuyus. Überall machen sie sich breit. Nur weil Kenias erster Präsident ...», und er schlägt die Hände zusammen, «Geschichten, mein Herr! Geschichten!»

Auch während des Essens, das nun endlich serviert wird und das Mettler schmeckt, zu dem er sich ein zweites Bier bestellt, das er allerdings nie erhält, schwatzt Di Polluzzi fast pausenlos. Erst ist das Essen völlig missraten, da alle Gerichte mit Kardamom gewürzt sind.

«Was für eine Barbarenküche!»

Dann meckert er an den Kellnern herum oder belästigt Mettler mit einer abstrusen Geschichte über eine weisse Frau, die ertrunken sei, so werde erzählt, wenn er dies auch nicht glaube, denn die Frau sei eine gute Schwimmerin gewesen, viel wahrscheinlicher sei, dass die Frau mit einem der fürchterlichen Rauschgifte, die einem hier ja bald an jeder Hausecke angeboten würden, vergiftet worden sei.

«Vielleicht hat man sie auch kaltblütig ermordet. Man muss ja nur die Zeitungen lesen. Diese Brutalität. – 5o Frauen und Kinder von Viehdieben massakriert, drei Frauen mit Panga erschlagen, ... Jeden Tag. – Aber was zählt ein Mensch für diese Leute? Nichts. Ein Menschenleben? Nichts»

Als dann auch noch ein alter Mann mehrere Siwas, mit vielen Schnitzereien verzierte Holzhörner, zum Verkauf auf ihrem eh kleinen Tisch ausbreitet, um eines der Hörner an den Mund zu pressen und dem Instrument seltsame Brunstrufe zu entlocken, die er mit merkwürdigen Sprüngen begleitet, weiss sich Mettler, dem die Situation auf den Magen schlägt, nicht mehr zu helfen. Er kauft dem Alten eines seiner Krummhörner ab, bezahlt und verlässt den verdutzten Polluzzi, um, immer noch hungrig und durstig, eine Siwa unter dem Arm, was soll er damit, so schnell als möglich zurück in sein Quartier zu flüchten.

Der Eseltreiber Hamischi Kamani bindet seine Esel fest. Er schätzt die paar Minuten, die er bei seinen Eseln steht, bevor er sich zu seiner Familie legt, die um diese Zeit längst in die wenigen Betten geschlüpft ist. Er denkt über die letzten Tage nach, träumt in die Zukunft oder setzt sich noch zu einem Nachbarn, den er bei seinen Eseln im Schatten des Mangobaumes hocken sieht. Man wechselt ein paar Worte, spricht über die Arbeit, die Familie, Feste oder schweigt, schaut in den afrikanischen Sternenhimmel, lauscht den Geräuschen des nahen Wassers, das an die Kaimauer klatscht oder den Klängen eines Radios, das aus der nahen Stadt durch die Nacht plärrt.

In letzter Zeit jedoch wird er immer öfters von Fragen gequält, die sich nicht verdrängen lassen. Wie lange wohl wird er mit seinen Eseln noch ein Auskommen finden, von dem seine Familie lebt, seine Kinder zur Schule gehen, sie alle genügend Kleider und zu essen haben? Viele Leute sagen, Lamu dürfe sich nicht länger dem Fortschritt verschliessen, es müsse endlich eine Brücke zum Festland gebaut werden. Eine Autofähre! Wenigstens eine Autofähre. Eine Fähre zwischen Lamu und Mokowe. Aber sind die Autos erst einmal da, dauert es nicht lange, bis der Sand, den er und viele andere mit ihren Eseln auf die Bauplätze bringen, mit Lastwagen transportiert wird, ihm und seinen Kollegen bleibt die mühsame Arbeit des Sandschaufelns, wenn nicht auch dafür eine Maschine eingesetzt wird. Zwar wurden alle Vorschläge bis jetzt immer wieder abgewehrt, doch was rund um die Inseln wirklich geschieht, wissen sie alle nicht. Die Annahme des Entwicklungshilfeprojekts der Israelis, eine Fahrrinne für hochseetaugliche Schiffe bis zur Busstation Mokowe auszubaggern, wird letztlich ähnliche Folgen für die Insel haben.

Der Fortschritt wird seinen Einzug halten.

Die hellbeleuchteten Baggerschiffe, die Tag und Nacht zwischen den Inseln wühlen, die vielen unnötigen Lichter, aber auch die Touristen, die, jedes Jahr mehr, die Inseln besuchen, sind für Hamischi nichts anderes als Zeichen für Lamus Untergang.

Nur mit Abscheu erinnert er sich an die Zeit vor rund zwanzig Jahren, als die ersten Horden langhaariger und schmuddeliger Jugendlicher aus Europa in Lamu ankamen, die, kaum vorstellbar, die Kinder der einstigen Kolonialherren sein wollten. Überall in der Stadt rollten sie ihre Schlafsäcke aus, lagen nackt am Strand, wälzten sich im Sand, schliefen miteinander und berührten sich vor seinen Augen, dass er, der damals wie heute, mit seinen Eseln Bausand aus der Bucht in die Stadt transportierte, sich für die Weissen schämte. Die Schamlosigkeit der Fremden verdirbt Lamus Jugend, vor allem die Männer, die die weissen Frauen umschwirren wie die Fliegen den Scheissdreck. Auch sein einziger Sohn hat nichts anderes im Kopf als eine der oft älteren Damen zu erobern, von der er sich Reichtümer dafür versprechen lässt, dass er mit ihr ins Bett geht. Widerlich, ein Mann, der sich an eine Frau verkauft. Welches anständige Mädchen wird seinen Sohn noch heiraten wollen? Er wird ohne Enkel bleiben. Ein Gedanke, der Hamischi das Herz schwer macht. Die Vorstellung, nicht als Grossvater zu sterben, erschreckt ihn fast noch mehr als die Vision einer von Autolärm und Gestank erfüllten Insel.

In seinem Zimmer des «Kwaheri Guesthouse» legt sich Mettler sofort ins Bett. Es geht ihm gar nicht gut. Trotz der Hitze fällt er in einen ungesunden, dumpfen Schlaf, aus dem er mitten in der Nacht mit dem dummen Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo er ist, hochschreckt. Sein Zustand hat sich verschlechtert und, sich mühsam aus seinem Moskitonetz schälend, schwankt er im Dunkeln auf die Toilette und erbricht sich fürchterlich.

L A M U : Dienstag, den fünften April ...

Trotz einer leichten Brise ist es auf der Hotelterrasse des Strandhotels «Rafiki» in Shela morgens um acht schon so heiss, dass die Hotelgäste es vorziehen, im kühleren Innenhof des Hotels zu frühstücken, wenn sie nicht noch in ihren Betten liegen. Zwei Angestellte des Hotels sind damit beschäftigt, die leeren Bierkisten in ein Motorboot zu schleppen. Das Geschepper der leeren Flaschen in den Kästen stört die morgendliche Ruhe, so dass der Hotelmanager auf der Terrasse erscheint und seinen Angestellten mit einen kurzen Pfiff zu verstehen gibt, sie sollten bitte leiser sein.

Der junge Belgier ärgert sich. Er glaubt zu wissen, dass sie ein gutes Arbeitsklima haben, die Kompetenzen sind klar, ihre Löhne anständig. Umso weniger versteht er, warum solche Kleinigkeiten, die er den Leuten schon hundertmal gesagt hat, nicht befolgt werden. Vor allem da er und seine Frau sich bemühen, nicht die Unerreichbaren zu spielen. Im Gegenteil, sie pflegen mit den Angestellten ein geradezu kameradschaftliches Verhältnis. Aber das «Rafiki» ist ein Hotel. Die Gäste sind hier, um sich zu erholen. Seine Frau und er, aber auch seine Angestellten, haben sich nach den Wünschen der Kunden zu richten und nicht umgekehrt.

Der junge Mann, dessen Kleidung in keiner Weise den Direktor verrät, der mit seinem Kikoi um die Hüften wie einer seiner Gäste aussieht, will ins Hotel zurück, als sich von Lamu mit grosser Geschwindigkeit ein Boot nähert, das Polizeiboot, das direkt auf den Strand vor dem Hotel zuhält. Noch bevor es aufläuft, springt ein Mann heraus, das Boot wendet und schiesst mit laut aufheulendem Motor wieder ins offene Wasser. Der Polizeiassistent Mwasi eilt mit nassen Hosenstössen, die Schuhe in der Hand, auf den Hotelmanager zu, den er schon von weitem erkannt hat und streckt diesem eine amtliche Verfügung entgegen.

«Eine Routineangelegenheit. Eigentlich müssten wir das jedes Jahr machen, aber ... Es sind ja keine Klagen laut geworden, nur: Nach dem gestrigen Badeunfall, Sie verstehen. Man weiss nie, plötzlich steht einer von Nairobi da. Schliesslich ist die Tote eine Weisse, da ist immer alles anders.»

Der Hotelmanager, der Mwasi kennt, erinnert sich nur ungern an den übereifrigen Beamten. – Das letzte Mal, eine Diebstahlgeschichte, wurde er anschliessend gezwungen, am Strand alle hundert Meter ein Schild aufzustellen, das vor Stranddieben warnt.

«When swimming guard property against thieves.»

Eine Einrichtung, die dem Ruf des Hotels, das ohnehin nicht als Tugendburg gilt, sehr geschadet hat. Die Papiere, die Mwasi dem Hotelmanager überreicht, betreffen die Kontrolle von Vorschriften, die zur Geschichte des Hotels gehören.

Das Hotel wurde vor gut zwanzig Jahren gebaut. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit Kenias musste das Hotel immer wieder für längere Zeit geschlossen werden, weil keine Gäste kamen, die wenigen Gebäude zerfielen, und dem Hotel drohte dasselbe Schicksal wie der gesamten Insel. Die Inselstadt, bald einmal nur noch von Alten und Frauen bewohnt, zerfiel zur Geisterstadt. Der einstige Reichtum und die blühende Wirtschaft wurden zur Legende und das malerische Fischerdorf Shela, kaum noch bewohnt, schien ein Opfer der Sanddünen zu werden. In den späten Sechzigerjahren wurde Lamu dann von den Hippies entdeckt, die auf der Flucht vor ihren Vätern vom friedlichen Leben auf unberührten Inseln träumten. Zwar wehrten sich die Bewohner Lamus gegen die ungebetenen Gäste, die sich in den verlassenen Häusern der Stadt einquartierten, die die anfängliche Gastfreundschaft der Leute von Lamu ausnützten und sich über die Sitten und Moral ihrer Gastgeber hinwegsetzten. Doch erst eine Reihe von Verordnungen der Stadtverwaltung – das Schlafen in den besetzten Häusern, Nacktbaden und das Campieren am Strand sind verboten – vertrieb die Blumenkinder wieder. Trotzdem gilt Lamu bis heute als Geheimtipp für junge Leute, wo sich für wenig Geld Ferien machen lassen. Von dieser Entwicklung profitierte lange Zeit das einzige Hotel auf Lamu, das «Rafiki». Viele der ehemaligen Hippies kehren als arrivierte Leute nach Lamu zurück, und da es die damalige Hoteldirektion verstand, die Enttäuschung der Jugendlichen wenigstens teilweise aufzufangen, gehören Ferien im «Rafiki» für Ehemalige durchaus zum guten Ton.

Diesem, wenn auch geschäftlich verbrämten, Verständnis verdankt das Hotel die sogenannten Sicherheitsvorschriften, die Mwasi nun überprüfen soll. Es sind dies einerseits Bestimmungen, die allgemeinen Gesichtspunkten entsprechen, wie die Kontrolle eines Rettungsrings, die Sicherheit der Ufermauern und so weiter, anderseits erinnern sie an die Zeit vor zwanzig Jahren, wie zum Beispiel das Campingverbot auf dem Hotelareal. Mwasi, der sich wichtig an seine Untersuchungen macht, hat denn auch nichts zu bemängeln, obwohl er an allem herummäkelt und immer wieder ein bedenkliches Gesicht macht.

«Das Geländer rings um die Terrasse ist zu wackelig und zu niedrig. Es könnte jemand ins Meer fallen, das bei Flut an die Hotelmauer klatscht. Der Kasten, in dem der Rettungsring aufbewahrt wird, muss besser signalisiert werden. Und, bitte, schauen Sie sich den Bootssteg an. Kriminell!»

Ein Vorwurf, den der Manager nicht auf sich sitzen lassen kann: «Der Bootssteg ist nicht Eigentum des Hotels. Vor Jahren habe ich, als Direktor und Manager, die Distriktverwaltung gebeten, den Bootssteg zu reparieren. Bitte, kommen Sie mir nicht mit Dingen, die mit ihrem Papier nichts zu tun haben.»

«Der Bootssteg ist eine Gefahr für Ihre Gäste, für die Sie verantwortlich sind, nicht die Stadtverwaltung. Unsere Leute sind doch auf einen Bootssteg gar nicht angewiesen. Ihre Gäste bekommen nasse Schuhe, wir...» Mwasi lacht, zeigt seine nackten Beine. «Wir sind nasse Füsse gewohnt. – Aber seit gestern, seit wir eine Tote, eine Badetote, haben ...»

«Die Frau ist kein Gast des ‹Rafiki›. Was hat das mit dem Bootssteg zu tun?»

«Ist es etwa keine Weisse?»

Gegen die Logik eines kenianischen Polizisten kommt der Hotelmanager nicht an. Kopfschüttelnd gibt er zu verstehen, dass er Mwasis Argumentation begriffen habe, noch eh dieser seine Gedankenkette ausgebreitet hat.

Er ist froh, dass eines der schwerfälligen Motorboote, ein Busbetrieb zwischen den Inseln und dem Festland, um die Ecke biegt und auf die Überreste eines zu dreiviertel zerstörten, eben des von Mwasi kritisierten Bootsstegs zusteuert. Der einzige Passagier, ein älterer, rundlicher Herr mit Halbglatze, versucht auf alle Arten, aus dem Boot zu klettern, vorwärts, rückwärts, bis er schliesslich vom Kapitän in die Arme genommen und auf den Steg gesetzt wird. Der Hotelmanager und Mwasi amüsieren sich über die Ungeschicklichkeit des kleinen Dicken, bis sich herausstellt, dass das Männchen mit Sack und Pack, mit Koffern und Taschen ins «Rafiki» will und nach dem Hoteldirektor schreit.

Mein Gott, was für eine Nacht! Irgendwann hörte Mettler auf, den Wechsel von Erbrechen und Durchfall zu zählen. Gleich am ersten Tag hat er sich die Scheisserei geholt. Gegen Morgen, die Muezzins riefen bereits zum Gebet, nachdem er bestimmt ein halbes Dutzend «Baktrisolidin» geschluckt hatte, beruhigte sich sein Gedärm, so dass er sogar ein bisschen schlafen konnte.

Jetzt sitzt er mitgenommen und allein in der Frühstückshalle, es ist bereits nach Zehn, die Frühstückszeit vorbei. Simon, der Mettler in einem kaum zu ertragenden Wortschwall mit den Frühstücksgepflogenheiten des Gasthauses vertraut machte, liess sich dann wenigstens dazu bewegen, Mettler einen Tee aufzugiessen, den er in kleinen Schlückchen trinkt, immer in Sorge, jeden Moment wieder auf Toilette zu müssen. Sein Hemd klebt am Körper, er spürt, wie sich in seinen Bauchfalten die vielen kleinen Schweissbäche sammeln, die überall an ihm herunterrinnen, entsetzlich, und das alles... – Ja. Warum eigentlich?

Mettler hat seine Akten auf dem Frühstückstisch ausgebreitet. Er hofft, seinen Fall so schnell als möglich erledigen und Lamu wieder verlassen zu können. Was will er hier? Hat er geglaubt, in ein Paradies zurückzukehren? Seine Jugend wieder zu finden?

Ein paar Bilder von Gertrud schiessen, möglichst wie sie in den Armen ihres schwarzen Freundes liegt oder Hand in Hand den Strand entlang schlendert. Das wird den Verwandten in der Schweiz, der Tochter, genügen, er bekommt sein Geld, und was die Leute mit den Fotos machen, ist nicht seine Sache.

Trotz seines Ärgers, der Wut über seine Arbeit, die Mettler in letzter Zeit immer öfters überfällt, bleibt er seinen Arbeitsprinzipien treu: Diskretion nach Aussen, Sorgfalt im Detail. In wenigen Stichworten, die er aus losen Notizen sammelt, skizziert er, was er über Gertrud Hornacker und ihre Familie weiss.

Arbeitspapier I

Gertrud Hornacker: Hintergrund.

Gertrud Hornacker, geborene Lang. (21.7.1938), aufgewachsen in Dürnten, Zürcher Oberland. Eltern: Haushaltwarengeschäft: Geschirr, Eisenwaren, Werkzeuge. Wird heute von ihrem Bruder und dessen Frau geführt. Ausbildung als Sekretärin. Versicherungsgesellschaft in Zürich. Dort lernte sie auch den Versicherungskaufmann Rolf Hornacker kennen. Mai 1960 Heirat mit Rolf H. Brachten es zu einem bescheidenen Wohlstand:

a) Viel Arbeit.

b) Erbe der väterlichen Schreinerei (1967)

c) Erbe aus dem Vermögen von G.H.s Eltern, (Anteilmässige Auszahlung des Bruders bei Geschäftsübernahme, 1972)

1968 Bau eines Einfamilienhaus in Bassersdorf, Heimatort von Rolf. Zwei Kinder, ein Mädchen, Rita Susanna. (Mandantin), zwischen 23 und 26 Jahre alt. (geschätzt J.M.) Sohn, Hans Thomas. (Alter ?)

1984, kurz vor dem fünfzigsten Geburtstag, Tod Rolf Hornackers (Herzinfarkt).

Gertrud allein in Einfamilienhaus (Schatzacker in Bassersdorf). Zahlreiche Reisen in fremde Länder: Amerika, Kenia, Ceylon, Capri, Sizilien, Madeira, Sardinien, Korsika, ... (pflegte sich auf ihre Reisen gründlich vorzubereiten)

Frühling 1986 erste Reise nach Lamu. In der Adventszeit des gleichen Jahres zweite Reise nach Lamu.

März 1987 offizielles Reiseziel Sizilien.

August/September 1987 angeblich (Verdacht der Tochter) auf einer Kreuzfahrt.

Oktober 1987 Lamu.

November 1987 Verkauf des Hauses in Bassersdorf, Protest der Kinder, den Gertrud aber nicht berücksichtigt. Die Kinder sind finanziell unabhängig.

Januar 1988 Übersiedlung nach Lamu.

Mettler weiss, dass man ihn für einen pingeligen Bürokraten hält, aber: Saubere Papiere, Ordnung, Disziplin und gewissenhafte Recherchen, das sind die Qualitäten, die ein Detektiv braucht. Das bisschen Genie – Phantasie und Kombinationsgabe – spielt kaum eine Rolle. Vielleicht noch: Fragen muss man können.

Es ist nur Mettlers Pflichtbewusstsein zuzuschreiben, dass er sich nach dem Frühstück, trotz seines miesen Zustands – er erbrach das Tässchen Tee, kaum war er in seinem Zimmer oben – an den Strand aufmacht, um nach Frau Hornacker auszuschauen. Und weil er hofft, Gertrud vielleicht schon auf dem Weg nach Shela zu finden, sich andrerseits nicht getraut, seinen gereizten Magen dem Schaukeln eines Bootes auszusetzen, entschliesst er sich, die paar Kilometer den Strand entlang zu Fuss zu gehen.

Der Chef der Kriminalpolizei, Tetu, versucht schon das dritte Mal, die Schweizer Botschaft in Nairobi anzurufen, um sie über den Tod Gertrud Hornackers zu informieren. Aber entweder ist die Linie nach Nairobi überlastet, oder diese Schweizer sind derart beschäftigt, dass es unmöglich ist, jemanden an den Apparat zu bekommen. Doch Tetu, der sich für heute diesen Anruf vorgenommen hat, nicht mehr, aber auch nicht weniger, wählt immer wieder eine der Botschaftsnummern, immer wieder erfolglos. Schliesslich wirft er ärgerlich den Hörer in die Gabel, nimmt mit beiden Händen den ganzen Apparat und knallt ihn mehrmals auf die Tischplatte. Und, oh Wunder, der nächste Versuch: «Schweizer Botschaft, Hänslin?» stellt die Verbindung her.

In knappen Worten schildert Tetu die gestrigen Vorfälle, wohlwissend, dass die Vorzimmerdame ihn, nachdem sie ihre Neugier befriedigt hat, mit dem Konsul oder gar dem Botschafter verbinden wird, und er dort seine Geschichte noch einmal von vorne beginnen muss.

«Ertrunken, sagen Sie?»

«Ja, ertrunken.»

«Aber, wie ist das möglich? – Wissen Sie, ich kenne Lamu gut, ach es ist wunderschön, diese Ruhe und die Leute. Der Strand ist doch völlig ungefährlich, ich kann mir gar nicht vorstellen ...»

«Gertrud Hornacker heisst die Frau. Wenn Sie dann bitte die Familie der Frau informieren möchten.»

«Hohlacker, nie gehört. Sind Sie sicher, dass es sich um eine Schweizerin handelt?»

«Ja.»

«Und lebt in Lamu?»

«Ja.»

«Dann muss ich Sie mit dem Konsul verbinden, aber der ist nicht da und ...»

«Warum geben Sie die Meldung nicht einfach weiter?»

«Ja, sicher, natürlich werde ich das. Aber der Konsul wird bestimmt Fragen haben. Kann er Sie denn zurückrufen?»

Ein sinnloser Anruf, Tetu wusste es. Irgendwann heute Nachmittag, vielleicht schon früher, vielleicht aber auch erst morgen, wird sich die leicht blasierte Stimme eines Herrn der Schweizer Botschaft nach den näheren Umständen erkundigen, und er wird sich einen Vortrag anhören müssen, was jetzt alles zu machen sei. Man wird sich höflich voneinander verabschieden, höflich sind die Leute, aber ohne jede Achtung, und so werden sowohl er als auch der Konsul nichts anderes denken als: «Ein mühsamer Kerl.»

Tetu versteht die Weissen nicht. Auch nach Uhuru, der Unabhängigkeit Kenias, immer strahlen diese Leute eine Art von Überlegenheit aus, als ob sie nach wie vor die Herren hier im Lande wären. Selbst in den unmöglichsten Situationen, für die sich seine Landsleute schämen würden, schauen sie einem frech ins Gesicht und sagen die Wahrheit, ob man sich dafür interessiert oder nicht. Ungehobelte Leute, ohne jeden Anstand. Tetu geht ihnen aus dem Weg. Er kann nicht verstehen, wie sich Kollegen von den Leuten grinsend ein paar Scheine zustecken lassen, sich auf eine Kumpanei einlassen als seien sie Freunde, wo doch jedermann sehen kann, mit welcher Arroganz und Missachtung die Fremden ihr Geld an sie abgeben. Das ist nicht die Folge eines Handels, sondern Erniedrigung eines armen Habenichts, den man sich mit einer Banknote vom Leibe hält.

Sonnenöle sind Mettler ein Gräuel. Er kauft sich einen Kikoi, ein Baumwolltuch und einen Sonnenhut. Das Tuch legt er über den Kopf und presst es mit dem Hut fest, so dass es seine Arme und seinen Nacken bedeckt, ein besserer Schutz als alle Sonnenöle, Faktor zwölf, oder was auch immer angegeben wird.

Es ist kurz nach elf Uhr. Den ganzen Morgen hatte die Sonne Zeit, den Sandstrand zwischen Lamu und Shela aufzuheizen. Jetzt, kurz bevor die Flut wieder einsetzt, scheint die Natur den Atem anzuhalten. Kein Lüftchen regt sich. Über den alten, schwarzgrauen Korallenbänken, die mit Muschelschalen bedeckt sind, flimmert die Luft. Es ist an die vierzig Grad warm und feucht. Mettler keucht schweissgebadet den Strand entlang. Sein Tuch hängt irgendwo, sein Hut ist ihm in den Nacken gerutscht. Mit zusammengekniffenen Augen kämpft er sich voran. Ein mühsames Stapfen um Boote und Sträucher. Himmelarsch, ist das eine Hitze.

Der Polizeiassistent Mwasi betritt das Büro seines Chefs und reisst Tetu aus seinen Gedanken. Er bringt die ausgefüllten Papiere, mit denen Tetu ihn am frühen Morgen losschickte. Tetu muss den zuverlässigen, aber manchmal doch ein bisschen übereifrigen Beamten beschäftigen. Mwasi ist jung, will nach Oben, und darum wundert sich Tetu auch nicht, dass ihm sein Assistent eröffnet, er habe Neuigkeiten im Fall Lady Gertrud. Eine Geschichte, die er, Tetu, sich weigert, überhaupt als Fall zu betrachten.

«Gertrud Hornacker war die Geliebte von Omar Said, einem «Beachboy», der sich ‹Jambo› nennt, nicht unbedingt sehr originell, aber...»

«Das wissen wir.»

«Ja, aber, was wir nicht wissen: Das Verhältnis dauert schon über Jahre und die beiden, so hat man mir erzählt, haben sich zerstritten. Und ...» Mwasi schaut sich triumphierend um: «Ich weiss warum.»

«So?»

«Said lernte die Schweizerin vor gut zwei Jahren kennen. Er trennte sich gerade von seiner Frau. Er hat zwei Kinder, zwei Mädchen, neun und sechs Jahre alt, sie blieben beim Vater, der mit den Mädchen bei seiner Schwester wohnt, einer ebenfalls geschiedenen Frau, die mit dem Sohn des Eseltreibers Kamani verheiratet war ...»

«Dem Sohn des Eseltreibers Hamischi Kamani, der die Frau gefunden hat?»

«Genau. – Und Said und der Sohn des Eseltreibers sind Freunde ...»

«Obwohl der eine die Schwester des andern versetzt hat?»

«Wer wen versetzte, weiss ich nicht. Auf jeden Fall sind sie vorgestern Nacht zusammen mit Saids Dau nach Malindi losgefahren.»

«Ja, gut, und was beweist das?»

«So warten Sie doch. – Dieser Said war ein armer Teufel. Seine Dau lag schon über ein Jahr auf dem Trockenen, das Schiff wurde mehr oder weniger aufgegeben. Said arbeitete als zweiter Mann auf der Dau seines Exschwagers. Dort muss er, Frühling 1986, Lady Gertrud kennengelernt haben. Auf einem ihrer ersten Ausflüge. Die beiden haben sich auf Anhieb grossartig verstanden, fragen Sie nicht warum, aber ...»

«Zur Sache!»

«Auf jeden Fall sorgte Lady Gertrud, noch bevor sie nach Europa zurückkehrte, dass Saids Dau repariert wird. Nicht nur irgendwie. Heute ist das Schiff eines der schönsten. ‹Jambo Dau›. Aber das ist noch lange nicht alles. Vor gut einem halben Jahr kaufte sich Gertrud ein Haus in Shela, eines der schönsten Häuser und auf wessen Namen lauten die Papiere?»

«Jaja. Wir haben den falschen Beruf.»

«Omar Said! Er und sein Exschwager leiteten den Umbau des Hauses; er und sein Exschwager segeln zusammen nach Malindi, und ausgerechnet der Vater des einen findet, kaum sind die beiden auf und davon, eine Leiche, die immerhin den einen der beiden zu einem der reichsten Männer von Shela macht.»

«Aber das ist doch Quatsch, mein lieber Mwasi. Phantasie gut. – Was für ein Interesse sollte denn dieser ‹Jambo› haben, seine Freundin zu beseitigen?»

«Wussten Sie, dass das ‹Rafiki› verkauft wird? – Das hat mir der Hotelmanager heute Morgen erzählt.»

«Das wird doch immer verkauft. Seit ich in Lamu arbeite, wird das ‹Rafiki› verkauft.»

«Jaja, stimmt, aber wissen Sie, wer sich dafür interessiert?»

«Ja, ich weiss es, weiss es schon lange. – Deswegen liess ich auch die Leiche noch gestern Abend auf Spuren von Gewalt untersuchen, so weit so etwas überhaupt noch möglich war.»

«Und?»

«Nichts. Ertrinkungstod durch Erschöpfung.»

«Vielleicht wurde sie gehindert, an Land zu schwimmen?»

«Von ‹Jambo›? Das ergibt doch keinen Sinn?»

«Sie haben sich zerstritten. – Es heisst, sie wollte das ‹Rafiki› kaufen und er, das wird da draussen erzählt, er wollte damit nichts zu tun haben. – Warum? Ja, das konnte mir auch niemand sagen. – Aber ich weiss es, das heisst, ich vermute es: Er hatte, was er braucht, seine Dau und ein Haus. Was ihm fehlt ist eine Frau, eine Frau, die er liebt, denn die Frau, die Weisse, geht ihm auf die Nerven. – Stellen Sie sich vor: Ihre Geliebte kauft ein Hotel und Sie dürfen arbeiten, immer unter Kontrolle der älteren Dame, die Ihre Mutter sein könnte.»

Der Verdacht Mwasis, Gertrud Hornacker könnte eines nicht natürlichen Todes gestorben sein, ist Tetu gestern ebenfalls durch den Kopf gegangen, doch das Resultat der Untersuchungen des Arztes war so klar, dass er seine Theorie wieder fallen liess. Mwasis Entdeckung, dass Said und der Sohn des Eseltreibers Kamani verschwägert sind, verschiebt das Bild, das er sich über die Geschichte machte. Immerhin gibt es Leute, die am Tod der Frau ein Interesse haben. Mwasis Vermutungen allerdings hält er für ein Hirngespinst.

Shelas Badestrand beginnt hinter dem Hotel «Rafiki». Er schwingt sich um die Sanddünen, rund dreizehn Kilometer lang um die halbe Insel, ein wunderbarer, sauberer Sandstrand, dessen einziger Nachteil ist, dass er kaum Schatten bietet, es sei denn, man verkriecht sich hinter ein Palmengestrüpp in den Dünen, wo es aber um diese Jahreszeit, wenn die Winde vom Festland kommen, so heiss ist, dass man kaum in Versuchung kommt, sich dort für einen längeren Aufenthalt einzurichten. Mettler hockt sich gleich hinter dem «Rafiki» auf eine Steinbank. Der Strand besteht hier nur aus einem schmalen Sandband, und wer in die offene Bucht hinaus will, muss an der Bank vorbei.

Mettlers Zustand hat sich verschlechtert. Der kräftige Mann, in Tücher gewickelt und mit Sonnenhut, ein armer Tourist aus Europas Winter, Sonne und Hitze ausgeliefert, vom plötzlichen Klimawechsel überfordert, sieht elend aus. Die Leute, die, braungebrannt, an Mettler vorbeischlendern, können sich denn auch kaum ein mitleidiges Lächeln verkneifen, was Mettler, trotz seines miesen Zustands sehr wohl bemerkt und auf den Tod nicht leiden kann. Er ist nicht zu seinem Vergnügen da. Und schweissgebadet sitzt er frierend auf dem Posten.

Viel zu sehen gibt es nicht. Vor allem keine verliebte Gertrud Hornacker in Begleitung eines fröhlichen Schwarzen, die sich vor Mettlers Nase in den Wellen tummeln.

Vielleicht fünfzig Meter entfernt hat sich ein junges Ehepaar mit Kind niedergelassen. Mettler, der in den Leuten seine Tischnachbarn von gestern Abend zu erkennen glaubt, schaut dem Vater zu, der seine Tochter oder seinen Sohn bis zum Hals in den Sand eingräbt, was dem Kind zu gefallen scheint, wenn wahrscheinlich auch nur deshalb, weil es den Umstand geniesst, dass der Vater mit ihm spielt, wohingegen die Mutter die Aktivitäten des Vaters mit wachsender Besorgnis verfolgt. Als dann der idiotische Vater dem Kind auch noch einen, allerdings leeren, Sandeimer über den Kopf stülpt, geht das, nicht dem Kind, aber der Mutter, entschieden zu weit, und leicht hysterisch scheint sie ihren Mann anzuherrschen, mit seinem blödsinnigen Spiel aufzuhören, ein Misston, der auch das Kind verunsichert, so dass es jetzt, worauf Mettler schon lange gewartet hat, losbrüllt, den Vater ins Unrecht setzt und zur Mutter will.

Ein Pärchen kommt vom Strand zurück, eine Weisse mit ihrem schwarzen Freund, wobei nicht ganz klar ist, ob der Kenianer die Frau nicht eher belästigt. «Sombrero» mit seiner Eistasche geht an Mettler vorbei, ohne ihn zu bemerken, ein älteres Ehepaar mit einem Hund, der nach den anrollenden Wellen schnappt, sie anbellt, ein blödes Vieh, eine Gruppe Weisser, herausgeputzte Schönlinge um eine schwarze Puppe. Ein weiteres Pärchen, sie weiss, er schwarz, wieder nicht die Hornackersche aus Bassersdorf, er trägt ihre Badetasche, sie, viel Fett in einem zu knappen Badeanzug, balanciert auf einem angeschwemmten Holzstück, um sich kreischend in die Arme ihres Begleiters zu werfen. Eine Familie, alle krebsrot und mit verschwollenen Gesichtern, ein dicker Schwarzer mit Hut, «Jambo Kenia», ein Mann und vier Esel, noch ein Pärchen, zwei Weisse, eine alte Frau unter einem Regenschirm, eine Gruppe lärmiger Kinder, ein weiterer Hund ... aber keine Gertrud Hornacker.

Mettlers Zustand verschlechtert sich zusehends. Zur nicht mehr lokalisierbaren Übelkeit kommen Kopfschmerzen, seine Augen brennen, seine Zunge klebt im Hals, er friert und schwitzt. Nach gut einer Stunde entschliesst er sich, ins Wasser zu gehen. Er hofft, dass ihn ein Bad erfrische, ihn wenigstens von seinem stechenden Kopfweh erlöse, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Abkühlung verschlimmert seinen Zustand, sein Magen dreht sich, zieht sich krampfhaft zusammen, und er kotzt einen bitteren, dünnen Saft, der ihm in Rachen, Gaumen und Mund kleben bleibt, kotzt in den Ozean, schamlos und erschöpft. Bevor er ohnmächtig wird, was er nur mit grösster Konzentration noch eine Weile einzudämmen vermag, erreicht er seine Steinbank wieder, setzt sich und überlässt sich einem alles fortreissenden Taumel, der über Mettler hinweg, durch ihn hindurch tobt, ein wildes Kreisen, ein Drehen von Oben über Unten und zu allen Seiten. Mettler beisst die Zähne zusammen, hält sich, so gut es geht, am glatten Stein der Bank. Schwer atmend und vor Anstrengung zitternd, gelingt es ihm schliesslich, die Schwindelgefühle aufzufangen.

«Hallo! Ist Ihnen nicht gut? Fehlt Ihnen etwas?»

Mettler erkennt in dem Mann, der ihn aufweckt, den Schnauzbärtigen von gestern Abend aus dem «Baobab Inn». Auch der andere steht neben ihm, der Dicke, zwei deutsche Freunde, die ihre Ferien auf Lamu verbringen, zwei Schwule, ja, so sehen sie aus, natürlich, darauf hätte er auch schon gestern Abend kommen können.

«Sie sollten nicht in der Sonne schlafen.»

«Bin ich eingeschlafen?»

«Demnächst wären Sie von der Bank gefallen.»

«Oh, vielen Dank. Vielen Dank, dass Sie mich geweckt haben.»

«Keine Ursache, aber: ‹Die Sonne schien ihm aufs Gehirn, da nahm er seinen Sonnenschirm.› – Man sollte seinen Struwwelpeter nicht vergessen.»

Der Polizeiassistent Mwasi weiss, wann er den Eseltreiber Kamani zu Hause überraschen kann, und kurz vor drei, bevor die Stadt aus ihrem Mittagsschlaf erwacht, macht er sich auf den Weg zu Kamanis Hütte.

Er mag den Alten nicht. Er misstraut ihm. Kamani gehört zu denen, die glauben, dass ihre traditionellen Rechte berücksichtigt werden müssen, ihre Privilegien als Alte. Eitle Starrköpfe. Bremsklötze auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft.

Die Hütte Kamanis ist verschlossen. Seine Esel wühlen, nicht weit vom Haus entfernt, in einem Abfallhaufen. Mwasi klopft an die Tür, niemand antwortet. Kamani und seine Frau, seine Mädchen – Kamani hat nur einen einzigen Sohn, aber Mädchen, wer weiss wie viele – sind nicht zu Haus.

«Merkwürdig.»

Mwasi wartet im Schatten eines Mangobaums fast eine Stunde auf die Rückkehr Kamanis und seiner Familie. Vergeblich. Die Vögel sind ausgeflogen. Mwasi notiert sich Zeit und Datum in seinem Notizblock.

Die Terrasse des Strandhotels «Rafiki» ist bereits am früheren Nachmittag bis auf den letzten Platz besetzt. Gegen vier Uhr scheinen sich hier alle Touristen zu treffen. Wer nicht Gast des «Rafiki» ist, wartet auf ein Motorboot, das ihn zurück nach Lamu bringt, man erholt sich bei Bier und Fruchtsäften von den Strapazen des Tages und geniesst es, zu den Hotelgästen des «Rafiki» zu gehören.

Mettler hat sich durch die vielen Stühle und Tische in eine Ecke der Terrasse durchgeschlagen. Er findet einen freien Stuhl, lässt sich erlöst in die federnde Plastikschale fallen, um – zu spät – festzustellen, dass er sozusagen in den Armen Di Polluzzis gelandet ist, seinem Tischnachbarn von gestern Abend, dessen Geschwätz er für seinen Zustand mitverantwortlich macht. Zu seinem Ärger erkennt ihn Di Polluzzi sofort. Er ist freudig überrascht und, ohne Gespür für Mettlers Verfassung, nimmt er den gestrigen Abend zum Vorwand, Mettler erneut mit seiner Suada zu überschütten. Er erzählt ihm, dass er seit heute Morgen Gast des «Rafiki» ist.

«Jaja, hier, im Hotel ‹Rafiki›. Eigentlich bin ich ja für diese Art Hotel ein bisschen zu alt, die vielen jungen Leute. Es ist viel Neugier, nicht wahr, sich ein bisschen ausprobieren, schwarz und weiss und weiss und schwarz. Der Hotelmanager hat mir erzählt...»

Und er senkt die Stimme, lehnt sich näher zu Mettler und gibt flüsternd ein Geheimnis preis, das er doch für sich zu behalten versprach.

«... Ja, der Manager und Direktor, ein noch sehr junger Mensch, aber gewitzt, er leitet das Hotel zusammen mit seiner Frau oder seiner Freundin. Ich habe mit ihm gesprochen. Dies und das, über Afrika, Tourismus. Schwierig. Die meisten Gäste. Alles muss wie in Europa sein, besser, schöner, nur nicht so teuer. Und so ein junger Mensch. Ich meine, die beiden machen das grossartig. Alles sauber, die Zimmer wunderbar, das Personal, nett, korrekt, das Essen ausgezeichnet, aber vielleicht wissen Sie ja, dass das ‹Rafiki›, nicht wahr, als Direktor muss er natürlich dafür sorgen, dass der gute Ruf des Hotels nicht verdorben wird...»

und Polluzzi rückt noch einmal ein Stückchen näher,

«Das ‹Rafiki› ist zum Verkauf ausgeschrieben. Stellen Sie sich das vor, so ein Zufall: Heute Morgen sagte ich zu mir: Raffaele, nun bist du bald einmal sechzig Jahre alt... – Ja in drei Jahren, aber ich fühle mich noch jung, sehr, wie sagt man, lebendig. – Und ich fragte mich: Was hast du gemacht? Aus deinem Leben? Deinem Reichtum? – Du bist in der Welt herumgereist, du hast Frauen gehabt, die schönsten Autos, in den besten Häusern gehst du ein und aus. Doch was wird bleiben? Wohin gehörst du? Quo vadis, Raffaele? – Und? Nichts. Heimatlos. Ja, das habe ich mir gesagt, heimatlos bist du. Heute Morgen. – Und nun, dieses Hotel! Meinen Sie nicht, Shela sei ein wunderbares Fleckchen Erde, endlich, eine Heimat, ein Zuhause? – Wissen Sie, ein Hotel zu besitzen, war schon immer mein Traum. – Und eines Tages eingehen in die Sanddünen der Insel, die ewige Heimat der Di Polluzzi, jaja, das sind Träume, nicht. Aber sind wir nicht auf dieser Welt, Fleisch geworden, um Träume zu verwirklichen. Die Wahrheit des Lebens: Sein, was wir träumen...»

Mettler fiebert. Di Polluzzis Geschwätz kann er nicht folgen, aber auch das Leben auf der Terrasse des «Rafiki» nimmt er kaum wahr. Bilder und Stimmen verschwimmen, mischen sich mit längst vergessen geglaubten Erinnerungen. Er erlebt seine Umwelt wie in Trance, und sein Versuch, Polluzzis Redeschwall zu stoppen, bleibt ein unverständliches Lallen, so dass Polluzzi, der Mettlers seltsames Verhalten nicht mehr übersehen kann und ihn für betrunken hält, ihm schliesslich rät, mit dem nächsten Motorboot nach Lamu zurückzufahren.

Der Chefarzt des alten Spitals hockt verbittert auf einem wackligen Stuhl im Vorraum des Operationssaals. Er hat die Nase voll, hier kann man nicht arbeiten. Das neue Spital ist seit Monaten bezugsbereit, aber ihm legt man eine Leiche in den Operationssaal, verlangt, dass er in Gegenwart einer Toten operiert, Leben rettet, oder gar, wie im Augenblick, der Frau des Eseltreibers Kamani mittels eines Kaiserschnitts zu einer erfolgreichen Entbindung verhilft.

Nein, er macht es nicht.

Vielleicht braucht es einen Todesfall, um die Distriktverwaltung auf die unhaltbaren Zustände im alten Spital aufmerksam zu machen, vielleicht hilft nur eine totale Arbeitsverweigerung, ein unmissverständlicher Protest, der die satten Herren dazu veranlasst, ihre faulen Ärsche zu heben und den Neubau endlich abzunehmen. Aber soll deswegen die Frau des Eseltreibers sterben oder das Kind in ihrem Bauch?

Die Hebamme hat ihm schon vor einer halben Stunde mitgeteilt, dass die Plazenta der Frau vor dem Gebärmutterausgang liege, dass die Möglichkeit einer Schwangerschaftstoxikose das Leben von Frau und Kind gefährde. Ein Kaiserschnitt sei unumgänglich. Die Frau liegt im Operationssaal, die Familie des Eseltreibers lagert im Schatten der grossen Mangobäume, wartet und, der Arzt weiss es, erwartet die frohe Nachricht, dass dem alten Kamani ein zweiter Sohn geboren worden ist. Er kann die Gebete des Alten und seiner Töchter hören, das Wimmern seiner Frau.

Die Operation verläuft ohne Zwischenfall und noch während der Arzt die Wunde versorgt, trägt die Hebamme das Neugeborene, ein gesundes Mädchen, zur wartenden Familie unter dem Mangobaum. Die Mädchen sind begeistert, Hamischi gerührt und enttäuscht. Seine Alte. Immer nur Mädchen. Es bräuchte doch nur so wenig, ein Zipfelchen, und das kleine Geschöpf würde alle seine Träume, seine Wünsche erfüllen. Aber Allah hat es nicht gewollt, Allah braucht Mädchen, weiss der Himmel wofür.

Die Motorboote, die am späteren Nachmittag zwischen Shela und Lamu verkehren, lassen sich mit einem Sammeltaxi auf dem Festland vergleichen. Die Boote fahren los, sobald sie voll sind. Kurz vor der Abfahrt rennt der Kapitän noch einmal auf die Terrasse des «Rafiki», schreit, dass er jetzt ablege, worauf alle diejenigen, die das Ritual der Bootsbesitzer kennen, und die ebenfalls nach Lamu wollen, hastig von ihren Freunden Abschied nehmen, um sich im letzten Moment auf das vollbesetzte Boot zu drängen.

Unter den Passagieren hockt auch Mettler. Das Schwanken des Bootes, der Gestank des Dieselmotors, die schwitzende Menge sonnengeölter Leute, der blendende Sonnenuntergang hinter der Insel Lamu verbessern Mettlers Zustand nicht. Mit geschlossenen Augen klammert er sich am Bootsrand fest und wünscht sich, «wär ich doch nur zu Hause geblieben», das Ende der Bootsfahrt herbei.

«Nur nicht kotzen, nur nicht kotzen».

In Lamu helfen ihm freundliche Hände an Land und Mettler, ohne wirklich zu wissen, welchen Weg er einzuschlagen hat, versucht, den Weg ins «Kwaheri Guesthouse» zu finden. In der Hauptgasse und sich auch in die richtige Richtung vorwärts tastend, wird er, kurz vor dem Ziel, vom Zug des Wahlsiegers überrascht, der auch diesen Abend mit Gefolge und Trara durch die Stadt zieht. Der ungebändigte Umzug drängt Mettler zurück, zwängt ihn ein und lässt ihn hin und her taumeln, schwemmt ihn mit sich fort. Im Gewoge der tanzenden und verschwitzten Leiber, wie ein Ertrinkender verzweifelt um sich greifend, spürt Mettler wie seine Kräfte nachlassen. Eine schwarze Welle wehender Buibuis rollt drohend auf ihn zu, und er stolpert, fällt in Arme, gleitet zu Boden, lässt die Woge über sich zusammenschlagen.

Wie Mettler in sein Zimmer gekommen ist, weiss er nicht. Jetzt liegt er, ausgezogen und in eine warme Decke eingewickelt, unter dem Moskitonetz in seinem Lamubett, ein kühlendes, nasses Tuch auf der Stirn. Die Sonne ist untergegangen. Auf das Tischchen zwischen den beiden Betten hat jemand etwas zu trinken hingestellt, ein paar Bananen liegen dort, aber, obwohl Mettler Appetit hat, was er mit einer gewissen Freude registriert, bleibt er liegen, rührt sich nicht, schläft sogar wieder ein und erwacht, bestimmt ein paar Stunden später – der Mond ist längst aufgegangen – weil jemand im Dunkeln unter seiner Dusche steht und duscht. Erstaunt richtet er sich auf und macht sich mit einem leisen «Hallo?» bemerkbar, das aber vom Duschenden nicht gehört wird, so dass Mettler annimmt, jemand habe das Zimmer verwechselt, oder Simon der Hausbursche habe seinen Rettern das falsche Zimmer gezeigt. Vielleicht täuscht er sich auch, die Dusche ist nicht seine, sondern die von nebenan, oder wo auch immer, irgendwo, und um den Gast unter der Dusche nicht zu erschrecken, auch von einer Hoffnung durchzuckt, die er nicht sofort wieder zerstören möchte, bleibt er einfach liegen und wartet, bis der fremde Besuch seine Dusche beendet hat und sich das Missverständnis von selbst aufklärt. Endlich wird der Duschvorhang vorsichtig zur Seite geschoben und im Mondlicht erkennt Mettler die Gestalt einer Frau, die, in ein Tuch gewickelt, mit den Füssen nach ihren Schuhen angelt.

Die nächtliche Besucherin glaubt, Mettler schlafe. Sie nähert sich ihm und setzt sich auf das freie Bett ihm gegenüber, um den Mann zu betrachten, den sie längst vergessen hat. Er scheint sich kaum verändert zu haben. Sie hatte ihn immer als grossen, schweren Mann in Erinnerung, verglichen mit den Männern der Insel ohnehin, die klein und schmächtig sind. Mettlers kurzer Haarschnitt, der sie, die Mettler nur mit langen Locken kannte, erst daran zweifeln liess, ob dieser Mann wirklich Mettler sei, gefällt ihr besser als die damalige Löwenmähne und die markanten Gesichtszüge, die sein Gesicht heute dominieren, ihm etwas Hartes geben, was sie nur natürlich dünkt, ist er doch älter geworden, imponieren ihr, strahlen die reiferen Züge doch mehr Verbindlichkeit und Verlass aus als die knabenhaften vor gut zwanzig Jahren.

Mettler schaut auf die Frau, die er im Mondschatten, eine dunkle Silhouette vor dem hellen Nachthimmel, nur erahnen kann und ergänzt die dunkle Gestalt, die voller und weiblicher ist, als das schlanke, grosse Mädchen, das er kannte, mit den Zügen seiner Erinnerung, was ihm aber nicht recht glücken will, so dass er versucht ist, Licht zu machen, eine Idee, die er aber wieder verwirft, genauso wie er es nicht wagt, die Frau anzusprechen, weil er Angst hat, er könnte sich täuschen und alles sei eben doch nur ein Traum, die Folge eines Sonnenstichs, der Bilder von Vergangenem in die Gegenwart hinüberzerrt. Im besten Fall liegt er in einem Krankenzimmer oder am Ende gar zu Hause, ist noch nicht in Lamu, sondern in einen langen, mühsamen Traum verstrickt, aus dem er, mondempfindlich wie er ist, langsam erwacht.

Er liegt da und schweigt, bemüht sich kaum, die Fäden seiner Erinnerung zu entwirren. Er schaut auf die Frau und wartet, wartet, dass sie etwas sage oder sich erhebe, vielleicht hinausgehe, was er, ohne zu wissen warum, bedauern würde, denn die Ruhe, die sich in ihm ausbreitet, schreibt er der Gegenwart dieser Frau zu, wer immer sie auch ist.

Die Frau hat den Mann nicht zurück erwartet. Sie hat sich ihr Leben längst ohne ihn eingerichtet und jetzt, nachdem ein Zufall ihr denselben Mann ein zweites Mal in die Hände spielt, weiss sie nicht, ob sie sich darüber freuen soll.

Als sie den Mann auf der Strasse erkannte, er ihr sozusagen in die Arme fiel, sie ihn mit Hilfe von ein paar Freunden in sein Gasthaus brachte, übernahm sie, ohne lange zu überlegen, seine Pflege. Aber jetzt? Sie sitzt ihm gegenüber, und während sie in seinen Zügen nach Altvertrautem forscht, überfallen sie Erinnerungen an ihre kurze Bekanntschaft, die so entscheidend für ihr weiteres Leben wurde. Und, quasi als Rechtfertigung, weshalb sie hier sitzt, zählt sie in Gedanken die Stationen ihrer Geschichte auf.

Sie sieht sich als junges Mädchen, wie sie, trotz dem Verbot der Eltern, sich mit den Fremden einlässt, sie fast täglich unter dem Vorwand, ihre Verwandten in Shela zu besuchen, mit ein paar anderen Mädchen zu den Weissen in die Dünen läuft. Sie erinnert sich an den Moment, wo sie mit ihm zum ersten Mal allein ist. An seine schüchterne Zärtlichkeit. Ihre kindischen Spiele und ernsthaften Versuche, einen gemeinsamen Weg zu finden. – Mit welcher Pedanterie bestand er darauf, dass sie seine Sprache lernt. – Und doch war alles immer wieder nur Vorwand, um sich zu berühren, anzufassen, zu drücken und an sich zu ziehen. Sie, die Ähnliches noch nie erfahren hatte, überliess sich ihm immer hemmungsloser. Ein Rausch, der sie herausriss aus ihrer Armut und in einen Gabentempel setzte, dessen paradiesischen Ausmasse ohne Ende schienen.

«Meine Alice im Wunderland» hatte er sie genannt, bis er eines morgens nicht mehr da war.

Dass sie schwanger war, konnte er nicht wissen, vermuten allerdings schon, doch da alle ihre Briefe unbeantwortet blieben, sie nichts mehr von ihm hörte, liess ihr Stolz es nicht zu, dass sie ihm die Geburt eines Sohnes mitteilte, obwohl ihre Freude damals nicht gross war, im Gegenteil, sie in Schwierigkeiten geriet, die sie kaum bewältigen konnte. Für die Männer Lamus kam sie als Ehefrau nicht mehr in Frage. Ihre Familie schämte sich. Sie und ihr Kind wurden ins Haus gesperrt und totgeschwiegen.

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