Read the book: «Ballengang»
Dr. med. Peter Greb
BALLENGANG
Rückenschmerzen und Haltungsschäden vorbeugen – Wissenswertes über das natürliche Gehen
GODO®

Wichtiger Hinweis
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© KOHA-Verlag GmbH
Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel »GODO® – Mit dem Herzen gehen. Der Gang des neuen Menschen«
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Sabine Dunst/Guter Punkt, München unter Verwendung eines Motivs von © Sebastian Kaulitzki/shutterstock
>Illustrationen: Lucie Deinzer
Gesamtherstellung: Karin Schnellbach
ebook
ISBN 978-3-86728-760-9
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur 5. (aktualisierten) Auflage
Mein Weg mit GODO
Der Mensch ist ein Ballengänger
Das Gehverhalten des Menschen
Die Gestik des Ballenganges
Entwicklungsgeschichtliches
Füße, Mode und GODO
Wie lerne ich am schnellsten GODO?
Der praktische Erfolg von GODO
Ein Erfahrungsbericht aus meiner Praxis
Erfahrungen mit GODO
Fredrik Vahle - Vom Gehen
Die Ausbildung zum GODOpäden
Vorwort zur 5. (aktualisierten) Auflage
Ihre ersten Schritte …, er-innern Sie sich noch?
Oder … sie-innern Sie schon?
Sinnern Sie mal!
Es war ein einziges Erheben und in die Welt hinein …,
hinaus …, hinauf und los-laufen.
Ein ICH öffnet sich der Welt,
tippelt verzückt aus sich heraus und drauflos …,
schwerelos, sich hingebend, »Jaa, jaaa!« sagend –
und dann erst mal plumps, sich zusammenschnurren lassen,
Mitte haben, aus der und in die alles kommt …, bleibt …, ist,
und pulsierend Bereitschaft sein
zu immer neuen Verzückungen.


Nachdem ich 1979 das »Institut für angewandte Humanmorphologie« und daran angeschlossen die »GODO-Gangschule« gründete, hielt ich unzählige Workshops und Vorträge und bildete fast fünfzig Godopäden aus, die in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, Luxemburg und Italien, in den USA und zuletzt auch in Venezuela die Botschaft von GODO weiterverbreiten. Mein Fernsehauftritt im Jahr 2001 bei Alfred Biolek hat sicherlich mehreren Millionen Menschen in kurzer Zeit Appetit auf ein neues Lebensgefühl gemacht.
Nun erscheint dieses Buch in der fünften Auflage. Ich habe 1974 entdeckt, dass der Mensch ein genetisch angelegter Vorfußgänger ist: Somit ist der Vorfußauftritt, der Ballengang, unsere natürliche Gangbewegung und nicht der allgemein praktizierte und deshalb für normal gehaltene Fersenauftritt. Von medizinischer Seite gab es vorher keinerlei Wahrnehmung dieser Tatsache, geschweige denn einen Namen dafür. Die Medizin kennt international nur die Beschreibung und Benennung von Gangstörungen. Deshalb musste ich dem natürlichen Vorfußgang einen international gültigen Namen geben: GODO.
GODO ist mittlerweile zum Thema vieler ganzheitlich denkender Ärzte und Physiotherapeuten geworden – und wird sogar als ärztliche Fortbildung anerkannt.
Die Quelle GODO wird in der physiotherapeutischen Diplomarbeit von Mathias Hofbauer und in dem GODO-Übungsbüchlein von Dirk Beckmann »Einfach Ballengang – natürliches Gehen« sauber zitiert. Als Faszientherapeut setzt Letzterer den Ballengang ein, um den schmerzgeplagten Menschen, »den intelligenteren dieser Zeitgenossen«, wie er sagt, zu einer Verbesserung der aufrechten Körperstruktur zu verhelfen. Auch Free-Runner, Retro-Runner und Barfuß-Geher entdeckten mit GODO den Ballengang und schildern freudig ihre damit wiederbelebte Körperintelligenz und Geschicklichkeit.
Dagegen findet man Filme von Vorfuß-Läufern wie Professor Daniel E. Lieberman beim Barfuß-Joggen durch New York. Er erklärt den sanften, physiologisch effizienten, weich gefederten Auftritt ausschließlich für das Laufen/Joggen. Dogmatisch gebundene Mediziner wie er können den logischen Schluss bisher noch nicht nachvollziehen, dass der Ballengang unser natürliches, angeborenes bipedales Bewegungsprogramm ist. Damit erklären sich die vielen Verletzungen, die sich Läufer zuziehen, wenn sie ohne vorfüßiges Gehen/Schreiten immer nur schlecht vortrainiert in den Vorfußlauf umsteigen.
Übrigens wird im deutschen Sprachraum regional unterschiedlich ständig die Sinnbedeutung von »Gehen« und »Laufen« verwechselt. Mit diesem Buch möchte ich dieser Wortsinnstörung den Garaus machen und damit der dogmatisch im Hackengang befangenen Schulmedizin die sprichwörtliche »Binde von den Augen« nehmen. Das Programm Hackengang, das wir nun offensichtlich leider in unseren Köpfen installiert zu haben scheinen, feuert dauernd Störmuster in unsere extrapyramidalen, genetisch angelegten, natürlichen Bewegungsmuster beim Gehen oder Laufen, vielleicht sogar rückbezüglich in das Denken und dessen sprachlichen Ausdruck, was sich in einer Störung des Wortsinns äußert. Das mag wohl der tiefere Grund dafür sein, dass Vorfußläufer wie Dr. Ulrich Strunz, Dr. Matthias Marquardt, Dr. Thomas Wessinghage oder Professor Daniel Lieberman sich immer noch mit dem Hackengang selbst malträtieren.
Meine uneingeschränkte Anerkennung findet nur, wer zum Thema GODO in seinem Ganzheitsanspruch steht, denn GODO ist nicht nur einfach Ballengang. Wer also über den Ballengang spricht oder schreibt, ohne den Begriff GODO zu erwähnen, unterschlägt große Teile der wissenschaftlichen Bedeutung von GODO und macht sich, wenn er/sie meinen Namen und GODO nicht zusammen mit »Ballen- oder Vorfußgang« zitiert, einer unerlaubten Vereinfachung sowie eines sinnbefreiten Plagiats schuldig. Man findet im Internet sehr viele solcher Epigonen, die sich unter Suchworten wie »Vorfußgang«, »natürlicher Gang«, »Ballengang«, »Barfußgang« als Therapeuten und unter anderem sogar als Schuhverkäufer anpreisen.
Seit ich mich damals als Entdecker der durch mich erstmals wissenschaftlich bewiesenen Tatsache, dass wir Menschen genetisch angelegte Ballengänger sind, der Öffentlichkeit stellte, hat sich dankenswerterweise vieles verändert:Inzwischen freue ich mich über die Zustimmung, die das Thema Ballengang jetzt erfährt. Heute erreichen mich täglich Erfahrungsberichte von Vorfußgängern, die meiner Botschaft begegnet sind. Sie freuen sich über das Verschwinden von Krampfaderbeschwerden; sie berichten, sie seien nie mehr umgeknickt; nachdem sie GODO entdeckt hatten, litten sie weniger unter Bandscheibenbeschwerden, und die Knie-, Hüft- und viele Fußschmerzen seien verschwunden. Alle fühlen sich bereichert und geben ihre guten Erfahrungen an andere weiter.
Dieses Buch ist das Ergebnis einer konsequenten, interdisziplinären Forschung, bei der ich meiner Sehnsucht nach vollkommener Körperbewusstheit und dem Wunsch, die Sprache meiner Füße zu verstehen, gefolgt bin. Anfangs dachte ich, ich müsste darin viel Überzeugungsarbeit leisten und die Hackengänger anschwärzen, um sie zu erschrecken, damit sie mich verstehen. Jetzt weiß ich, wir brauchen nur einen kleinen Anstoß, um uns zu erinnern, dass wir von Geburt an schon Ballengänger sind. So habe ich mein Buch »geglättet« und um diverse Erfahrungsberichte erweitert.
Wenn Sie mögen, nehme ich Sie gern mit auf einen Weg, auf dem Sie Ihren natürlichen Gang neu kennenlernen können. Sie lernen, wie Sie mit dem artgemäßen Schreiten über die Ballen eine Erinnerung an Ihre Ganzheit wiedererwecken, die allen Menschenwesen gemeinsam ist. Vielleicht bekommen Sie, wie so viele GODO-Anhänger auch, ein neues Gefühl für sich selbst. Es ist eine spannende Erfahrung, ein spannender Weg – auch zu sich selbst. Ich lade Sie herzlich ein, diesen Weg zu beschreiten. Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erkenntnisse beim Lesen dieses Buches und natürlich mit GODO!
Mein Weg mit GODO
»Wer bewusst und wach geht,
entdeckt nicht nur eine äußere Welt,
sondern zugleich sich selbst.«
Markus Dederich:
In den Ordnungen des Leibes
Ich werde Sie mitnehmen auf einen neuen Weg zum Loslassen einer überflüssigen, sinnlosen und zugleich anstrengenden »Geh-wohnheit«, in der wir uns weltweit befinden, seitdem wir »das Gehen gelernt haben«. Es geht um eine leise Revolte, die Überwindung des gelernten Gehens, das Loslassen im Fußgelenk, im Deutschen »Fessel« genannt.
Zur Einstimmung eine »Ge(h)schichte« als »Ge(h)schenk«:
Kürzlich ging ich durch einen Park und überholte trotz meiner gemütlichen Gangart eine etwa siebzigjährige schwer gehende Frau. Sie schaute sich mehrfach um, sodass sich unsere Blicke voll trafen, als ich mit ihr auf gleicher Höhe war. Ich spürte, dass Sie mein Lächeln wiedergeben wollte, doch der Schmerz hielt ihre Gesichtszüge gefangen und im selben Moment drohte sie über einen kleinen Stein zu fallen. Reflexartig fasste ich ihren Oberarm, und wir kamen beide zum Stehen. Da sprudelte es aus ihr heraus: »Danke!«, und ihr Gesicht entspannte sich, »ja, stehen kann ich noch ohne Schmerzen, aber wissen Sie, ich habe doch einen Fersensporn und seit der neuen Hüfte immer wieder den alten Ischiasschmerz, mit dem alles losging. Jetzt komme ich gerade von der Physiotherapie und soll anständig abrollen lernen, und genau das tut extrem weh.«
Ich fragte sie, wie sie denn zu Hause ohne Schuhe gehe.
»Ja, da ist alles anders! Da bewege ich mich mit Trippelschritten, und dann geht’s. Aber so kann ich ja nicht herumlaufen. Wie sieht das denn aus!?«
Jetzt hatte ich mein Stichwort. Sie kannte bereits die Lösung! Ich brauchte ihr keine neue Gangart zu empfehlen, sondern bat sie, einfach mal so zu gehen wie zu Hause.
Sie schaute sich um, ob uns auch niemand beobachtete. Wir waren alleine – sie trippelte los. Ich konnte kaum mit ihr mitkommen, so flüssig wurde ihre Bewegung, und sie begann zu kichern. »Sehen Sie, aber wie sieht das denn aus?!«, und schon bremste sie sich, und Ihre Gesichtszüge verfielen erneut im Schmerz.
»Werdet wie die Kindlein!«, hörte ich eine Stimme in mir. Und ich begann ihr von GODO, dem gesunden Gang des Menschen, zu erzählen.
Inzwischen waren wir auf der Wiese neben dem Weg gelandet. Wir hatten unsere Schuhe ausgezogen und genossen das kühle Gras. Wir rollten von der Fußspitze (Zehen und Ballen) auf die Ferse ab – sie hatte keine Schmerzen mehr. Ihr Gang war wieder wie der einer Königin, und ob Sie es glauben oder nicht: Sie sah 20 Jahre jünger aus!
Wenn auch Sie so ein schönes Erlebnis ersehnen, dann lesen Sie weiter. Ich nehme Sie mit auf eine Reise zur Quelle Ihrer ursprünglichen Gesundheit und Lebensfreude.
Erinnern Sie sich an die ersten trippelnden Schritte Ihres Kindes? Es lief ganz leicht über die Vorfüße (Ballen) auf Sie zu. Mit seinen erhobenen Ärmchen schien es wie zum Flug abheben zu wollen. Und erinnern Sie sich auch an Ihre Angst, es könnte die Balance verlieren und vornüberfallen? Sie liefen ihm entgegen oder nach, nahmen es schnell in Ihre Arme und haben es damit – natürlich unwissentlich und in guter Absicht – in seinem spontanen, angeborenen, gesunden, seinem natürlichen Gehen über die Ballen verunsichert, denn kleine Kinder leben im emotionalen Schutzschirm der Mutter und fühlen deren Verunsicherung.
Scheinbar mühelos balancieren die Kleinen ihren großen Kopf auf einer gestreckten Wirbelsäule. Wir werden mit einer gestreckten Wirbelsäule geboren. Bis zu den ersten Hackengangschritten ist sie noch kerzengerade und damit in allen ihren Gelenken maximal beweglich. Alle Bewegungen leistet der kleine Körper geschickt und mit Leichtigkeit. Das ist nur möglich, weil ihm ein genetisch angelegtes effizientes Bewegungsprogramm zur Verfügung steht. Es ist als Ballengänger geboren. Doch vom ersten Lebensjahr an, gleichzeitig mit dem Spracherwerb, mutiert es durch Nachahmung zu einem Hackengänger!
Eigentlich sind wir alle Ballengänger. Was uns nie richtig bewusst war, wird hier in diesem Buch erstmals bewusst gemacht. Es ist die Erinnerung an ein in Vergessenheit geratenes Geburtsrecht.
Der praktische Erfolg von GODO liegt in einer übergreifenden Rehabilitation und Gesundheitsvorsorge. Dabei führt GODO nicht nur zu einer oberflächlichen Wellness und Fitness, sondern reicht bis in die Tiefen innerer und äußerer Ökologie hinein. GODO könnte uns dazu befähigen, die Welt wieder zum Paradies werden zu lassen, einfach indem wir uns zu dem bekennen, was wir eigentlich sind, nämlich Ballengänger.
Heute gehen 99 Prozent aller Menschen über die Fersen durch ihr Leben. Wir haben falsch zu gehen gelernt, wir marschieren mit einem Fersenstoß auf der Erde. Wir missbrauchen unsere Füße und alle Gelenke mit einer ineffizienten Gangart und leiden an den Folgen dieses Selbstmissbrauchs mit Fehlhaltungen und mit Schmerzen.
Was wir uns mit jedem Schritt über die Ferse antun, hat nicht nur Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele, sondern auch auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Der Hackengang ist eine Bewegungslüge, deren Auswirkungen erschreckend und weltweit bedeutender sind, als wir ahnen. Es geht mir hier in diesem Buch um mehr als nur die Kritik an einer Schuhindustrie, die uns mit Kappungen (Vorfußkäfigen), Absätzen (Sprengungen), Polstern für die Fersen, mit Einlagen und seit 1996 mit rollenden, runden Schuhen einen Wohlfühl-Barfußgang verkaufen will. In Wirklichkeit kaufen wir uns damit »Prothesen« und wundern uns, dass wir Haltungsschäden, Rückenschmerzen, Kreislaufprobleme, Venenleiden und die schon erwähnten Fußleiden bekommen.
Prothesen brauchen wir nur, wenn wir eine verlorene Funktion ersetzen müssen. Jeder Einsatz von Prothesen am gesunden Körper führt zur Unterdrückung und zum Verlust von Funktionen. Also, was tun wir uns da an?!
Als Arzt und Humanmorphologe (Menschen-Gestaltkundler) habe ich während jahrelanger Praxistätigkeit das Gangverhalten meiner Patienten beobachtet und erforscht. Das Auftreten mit der Ferse erzeugt Erschütterungen der Wirbelsäule, die bis in den Schädel hineinreichen.
ERSTER WISSENSCHAFTLICHER BEWEIS:
Eine beeindruckende Formulierung dessen, was wir als wissenschaftliche Beweisführung fordern, gibt Jutta Voss in ihrem Buch »Das Schwarzmond-Tabu«:
»Alles […] verdanke ich dem ›Schauen‹, das im Buddhismus eine zentrale Übung der Meditation ist, was auch den empirischen Aspekt des Wiederholbaren mit einschließt. […] Das Schauen ist die Grundlage des Wissens. Weisheitliches Wissen ist unmöglich ohne Schauen des Konkreten. Alles Wissen hat seinen Ursprung im Schauen der Wirklichkeit, wie sie ist und wie sie wesentlich ist.«
Sie können sich mit einer »konkreten« Übung anschaulich bewusst machen, was der Hackengang bewirkt: Stecken Sie sich dazu die Finger in die Ohren und gehen Sie schnell zehn bis zwanzig Schritte auf Ihre gewohnte Weise. Hören Sie dabei in sich hinein! Haben Sie es gehört, dieses Tock-tock-tock? Hiermit haben Sie sich selbst einen jederzeit wiederholbaren wissenschaftlichen Beweis gegeben (siehe Kapitel »Die Gestik des Hackenganges«).
Ich kam zu dem Schluss, dass wir beim menschengerechten – sprich: aufrechten – Gehen bei jedem Schritt den Vorfuß zuerst zur Erde bringen sollten, um dann erst die Ferse abzusenken. So berühren wir die Erde federleicht und ersparen uns den Rückstoß in unsere Wirbelsäule bis hinauf zum Kopf. Also genau entgegengesetzt zu allen orthopädischen Empfehlungen!
85 Prozent unserer Mitbürger leiden an Beschwerden durch Fehlhaltungen. Das ist kein Wunder, denn schon 85 Prozent der Vorschulkinder (!) weisen schwere Haltungsschäden auf.
Die häufig aus diesen Haltungsschäden resultierenden Erkrankungen mit Schmerzen in den Knochen, Gelenken und Muskeln sind weithin bekannt. Wie viele von uns wurden nicht schon einmal von ihrem Arzt auf ihre Senk-, Spreiz-, Platt- oder Knickfüße hingewiesen, wenn sie über irgendeinen Schmerz in den Füßen, im Knie, in den Hüften oder im Rücken klagten? Vielen wurden Einlagen verschrieben oder zumindest empfohlen. Wie oft hat es nicht geholfen oder nur vorübergehend Linderung verschafft? Meist wurden Sie nur darin bestärkt, zu glauben, dass Sie eine entsprechende Veranlagung, gar eine ererbte Schwäche mit auf die Welt gebracht hätten, die mit den Jahren nur schlimmer werden könne.
Mit passiv machenden Fußbetten und Einlagen, die »stützen, führen, halten« sollen, und mit zu engen und zu festen Schuhen wird der ganze übrige Mensch aus seinem Grund, seinen Füßen, heraus gegängelt und geschwächt. Der Volksmund sagt: geschurigelt. Dagegen ist GODO oder die Kunst des Ballengangs, des Schreitens, die ideale Art, kräftige, »erweckte« Füße zu bekommen. Das wurde uns inzwischen von vielen GODO-Praktizierenden bewiesen.
Unsere Fußmuskeln im Vorfuß geben Signale zum Gehirn und danach an den ganzen Körper weiter, wie er sich in vollkommener, selbst regulierender Balance aufrichten kann. Alle uns unbewussten Muskeln, die rundherum eng an der Wirbelsäule liegen, sorgen für eine elastische Aufrichtung und eine selbstbewusste, selbstsichere Haltung. Unsere Fußmuskeln im Vorfuß melden beim fühlenden Auftreten, wie der Boden beschaffen ist. Die »erweckten« Füße machen uns also achtsam uns selbst gegenüber, damit wir mögliche Fehlhaltungen schon bei ihrer Entstehung an der Basis vermeiden und ausgleichen können.
Wenn wir Menschen uns freuen, wenn wir Lust ausdrücken, erheben wir uns dann nicht von selbst auf den Vorfuß – oder wie wir ihn nennen: den Ballen? Wie beim Tanzen fühlen wir uns leicht, und ein Wohlgefühl durchfließt uns. Beim Ballengang streckt sich nämlich der ganze Körper. Wir atmen freier; wir haben das Gefühl, im ganzen Körper zu atmen, und unser gesundes Selbstwertgefühl wird erheblich gesteigert.
Wir alle ahnen, dass etwas mit uns »falsch läuft«, und jeder fragt jeden: »Wie geht’s?« Da wird uns dann zu allem Übel von den Ärzten das sogenannte »anständige Abrollen« empfohlen. Dieses Abrollen ist wohl das gefährlichste medizinische Dogma. Es verpflichtet uns alle zur Hackengängerei. (Ein Dogma ist eine ungeprüft hingenommene Behauptung, ein Glaubenssatz mit dem Anspruch unbedingter Geltung. Bei Jutta Voss hört sich das so an: »[…] unhinterfragbar und als einzig gültige Wahrheit von Anfang der Welt her festgelegt […]. Das gilt es zu glauben, egal, ob Erfahrungen und Wissen das Gegenteil aufzeigen.«)
Ich habe für die wiedergefundene Tatsache, dass wir genetisch angelegte Ballengänger sind, einen Namen gefunden, der global zu verstehen ist, und kam auf das Wortspiel GODO. Es setzt sich zusammen aus den Silben GO und DO. GO heißt das älteste Spiel der Welt; es stammt aus Japan und bedeutet »durch Spielen zum Bewusstsein«. DO wie in »Aikido« oder »Judo« bedeutet »der Weg«. Im Englischen »go, do« liegt die Aufforderung: »Gehe und tue! Bewege und handle!«
Wir meinen damit: »Gehe den Weg bewusst!«
Im Italienischen heißt »godo«: »ich genieße«. Wie in »mi godo la vita« – »ich genieße das Leben«.
Und warten wir nicht alle seit Samuel Becketts Theaterstück »Warten auf Godo(t)«? Da heißt es mehrfach in ähnlicher Form:
Estragon: Allons-nous-en. Komm, gehen wir.
Vladimir: On ne peut pas. Wir können nicht.
Estragon: Pourquoi? Warum?
Vladimir: On attend Godot. Wir warten auf Godot.
Oder etwas weiter im Stück:
Estragon: Et s’il vient? Und wenn er kommt?
Vladimir: Nous serons sauvés. Dann sind wir gerettet.
Eine interessante visionäre Aussage, die Beckett da in der zweiten Hälfte des Jahres 1945, in der er das Stück schrieb, gemacht hat.
GODO lehrt uns, wie wir richtig beziehungsweise aufrichtig über den Ballen gehen können. Dabei entsteht ein harmonischer Bewegungsablauf, der diese Gestenfolge erzeugt:
Ruhen
Wollen
Danken/Denken
Fühlen
Zur Ruhe kommen
Ruhen
Der Hackengang dagegen hat einen gestörten Bewegungsablauf mit der gestischen Sinnfolge (siehe Kapitel »Das Gehverhalten des Menschen«):
Wollen
Denken
Nichtwollen
Die widersprüchliche motorische Steuerung (Wollen – Nichtwollen) der Füße beim Hackengang beeinflusst die Haltung der Wirbelsäule, die Atmung, den Kreislauf, und im Gehirn bewirkt sie ernst zu nehmende Fehlverbindungen.
Die Tatsache, dass Gangentwicklung und Sprachentwicklung in unseren ersten drei Lebensjahren nicht nur parallel verlaufen, sondern auch noch den gleichen Nervenstrang benutzen, kann eine »Wort-Sinn-Störung« verursachen (siehe Kapitel »Gang und Sprache«)
Der Mensch ist also durch den frühen Anpassungsprozess, das sogenannte Gehenlernen, vom Ballengänger zum Hackengänger hingegängelt worden und wurde damit nicht nur körperlich, sondern auch geistig aus der Harmonie gebracht. Demnach sind wir gleichsam »geh-stört«! Wir haben uns durch die Imitation eines falschen Vorbildes eine verzerrte Bewegungsmaske, den Hackengang, antrainiert. Wir haben marschieren gelernt, anstatt zu gehen.
Viele Fehlhaltungen, die nicht durch Unfallverletzungen oder genetische Defekte entstanden sind, führe ich vor allem auf den Hackengang zurück. Darüber hinaus wird im Verlauf dieses Buches deutlich gemacht, wie sehr die unmenschliche Landgeburt unsere Beweglichkeit von Anfang an irritiert. Außerdem werden die Vorteile der Wassergeburt für unsere natürliche Bewegungsentfaltung herausgearbeitet.
GODO ist also mehr als Vorfußgang. GODO informiert über die Möglichkeit, sich von Schritt zu Schritt fühlend mit der Erde zu verbinden, in ihr ein lebendiges Wesen zu sehen und sich selbst Schritt für Schritt liebend in der Aufrichtung zu erleben. Indem wir bewusster gehen, leben wir auch bewusster. In der dynamischen Aufrichtung der schreitenden, ballenbetonten Vorwärtsbewegung entfalten wir unser reinstes Ich, denn:
Das Ich ist die Aufrichtung!
Nur ein ballenbetonter Einsatz der Füße kann zu einer vollendeten Aufrichtung führen (siehe Kapitel »Gang und Ich-Entwicklung«)!
Die Grundlagen des hier Beschriebenen sind im Einzelnen längst bekannt. Sie hervorzuholen und zusammenzustellen dient dem Erwecken und Bestätigen einer gemeinsamen Erinnerung.
Fühlen Sie selbst, wie die neue beziehungsweise wiederentdeckte Gangart im ganzen Organismus eine wohltuende Kraft entfaltet, wenn Sie sie durch artgemäßes Schreiten über die Ballen wiedererwecken. Sie werden begeistert sein.
Der Göttinger Neurobiologe Prof. Gerald Hüther nennt die Begeisterung »das Doping für Geist und Hirn«. Und weiter:
»Leider können sich Erwachsene nur vereinzelt an ihre ersten Kindheitserlebnisse erinnern. Erinnern an dieses Glücksgefühl, mit dem sie sich als kleines Kind auf den Weg gemacht haben, die Welt zu entdecken. Sie können sich kaum entsinnen an diese unglaubliche Offenheit, Gestaltungslust und Entdeckerfreude. Sie haben nur eine getrübte Vorstellung von dieser den ganzen Körper durchströmenden Begeisterung über sich selbst und über all das, was es damals zu entdecken und zu gestalten gab. Wären diese Erinnerungen präsenter, wären viele Sorgen, Probleme und Nöte des Erwachsenseins gar nicht existent.«
Die Zusammenstellung der positiven Auswirkungen auf Ihre Gesundheit finden Sie im Kapitel »Der praktische Erfolg von GODO«. Scheinbar negative Auswirkungen sind nur vorübergehender Natur und im Übrigen selten. Nur in den ersten Tagen der Umstellung auf den Ballengang werden Sie etwas Muskelkater, meist in den Waden, bekommen. Das ist für den Anfänger sehr aufschlussreich, weil er merkt, wo er bisher unterfordert war.


Der Mensch ist ein Ballengänger
Erfahrungen als Arzt
Bei meiner Arbeit an Schmerzsymptomen des Muskel- und Skelettsystems fiel mir bereits zu Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit (Anfang der Siebzigerjahre) auf, dass sich der Mensch möglicherweise durch sein Gangverhalten unnötig belastet.
Die Entdeckung, dass der Mensch eigentlich ein Ballengänger ist, begann mit einer zufälligen Beobachtung, die mich vermuten ließ, dass die Medizin, die ich gelernt hatte, sich im wahrsten Sinne des Wortes auf einer Art »Holzweg« befand. Mich befielen große Zweifel, und nur gründliche Forschung und hartnäckiges Festhalten an meiner Entdeckung machten dieses Buch möglich. Zu guter Letzt hat mir mein inzwischen rund 45 Jahre langer Selbstversuch, im Ballengang durchs Leben zu gehen, Mut gemacht, Ihnen das Gleiche zu empfehlen.
Wie bin ich erstmals auf diese Erkenntnisse gestoßen? In meiner ersten Praxis gab es einen riesigen Barockspiegel, der in die Wand dieses sechzig Quadratmeter großen Sprechzimmers eingebaut war. Davor befand sich die Behandlungsliege. Nachdem ich die Krankengeschichte aufgeschrieben hatte, begleitete ich meine Patienten quer durch den Raum auf den Spiegel zu. Um die statischen Beschwerden meiner Patienten besser beurteilen zu können, beobachtete ich die Symmetrien ihrer Bewegungsabläufe. Dabei glitt meine Hand über ihren Rücken, um eventuelle Verspannungen, die sich durch Temperaturunterschiede zeigen, zu entdecken.
Um besser zu fühlen, legte ich meine Schuhe ab. Dadurch konnte ich mich so leise bewegen, dass ich die feinsten Erschütterungen und ausgleichenden Muskelkontraktionen bei den Patienten spürte. So verschieden die Zeichen auch waren, die auf die einzelnen Leiden hinwiesen, so klar war ein mehr oder weniger starkes »Tock-tock« bei allen zu fühlen. Dieses »Tocken« kam aus dem Fersenstoß, mit dem wir alle als Hackengänger die Erde bei jedem Schritt betreten. Besonders gut kann man das fühlen, wenn man die Hand auf das Kreuzbein des zu Untersuchenden legt, während er ganz normal geht. Versuchen Sie das ruhig einmal mit einem Mitmenschen. Dieses gilt als …
ZWEITER WISSENSCHAFTLICHER BEWEIS:
Um leise und achtsam nebenhergehen zu können, ging ich selbst zunächst unbewusst über den Vorfuß. Erst nach einigen Monaten hörte ich nachts auf dem Nachhauseweg meine eigenen Hackengangschritte, das »Tock-tock-tock«, als Echo von den Hauswänden erschallen. Ich erschrak. Durch den Schock aufgeweckt, begann ich zu vermuten, dass der Ballengang die Gangart ist, die unserer Natur entspricht.
Nachdem ich die Achtsamkeit und Leichtigkeit des Ballenganges bewusst wahrgenommen hatte, erschien mir der Hackengang als eine sehr grobe Art der Fortbewegung. Ich begann zu realisieren, dass der Hackengang der Auslöser für die meisten Fehlhaltungen und die daraus folgenden Schmerzen im Muskel- und Skelettsystem sein könnte.
Ich fragte mich, warum wir im täglichen Leben nicht gefühlter, also ballenbetont schreitend gehen. Unsere ästhetischen Ideale fordern das doch geradezu heraus! Man denke nur an Stöckelschuhe, Tanz, Ballett, Gangschulung für Models, die Fußstellung von Schaufensterpuppen und das »Schreiten im königlichen Gang«. Selbst der allgemeine Sprachgebrauch zeigt ein Gefühl dafür, dass Grenzen zwar überSCHRITTEN, aber nie überGANGEN werden sollten.
Außerdem hüpfen wir auf dem federnden Fuß, wenn wir uns freuen, während wir zum Ausdruck von Ärger mit der Ferse aufstampfen. Und wer im Sport nicht die Federkraft des Fußes benutzt, bringt keine Leistung und wirkt unelegant, ja unbeholfen.
Darüber hinaus fiel mir auf, dass Menschen, die viel und bewegt z.B. frei in der Disco tanzen, selten in meine Praxis kamen. Dagegen musste ich häufig professionelle Tänzer mit ihren typischen Verschleißerscheinungen und Sportverletzungen behandeln, die, wie mir mit der Zeit klar wurde, zumeist nur die Folgen der künstlich trainierten und übertriebenen, vom Fersenstoß erzeugten Fehlhaltungen sind.
Ich fragte mich also:
Warum GEHEN wir über die Fersen?
Warum SCHREITEN wir nicht über die Ballen?
Der Schreitreflex
Damit begann ich mich für die Entstehung des menschlichen Bewegungsverhaltens auf eine neue Weise zu interessieren und wandte mich dem Ursprung unserer Gangentwicklung zu. Zunächst beobachtete ich Kinder vom Moment ihrer Geburt an. Dabei fiel mir als Erstes der sogenannte Schreitreflex bei Neugeborenen auf. Er wird »Schreit-Reflex« und nicht »Gang-Reflex« genannt, weil es sich um eine ausdrücklich ballenbetonte Bewegung handelt. Diesen Reflex kann man gewöhnlich nur in einem begrenzten Zeitraum, nämlich vom Zeitpunkt der Geburt bis zum Alter von vier bis sechs Wochen, bei allen Babys beobachten. Übrigens erhält sich dieser Reflex bei Wassergeborenen bis zu deren sehr frühem Gehenlernen im sechsten Monat (mehr dazu im Kapitel »Schwangerschaft, Geburt und ›sensible Phase‹«).
Jeder, der sitzend ein Kind von unter einem Jahr in den Händen hält, merkt, dass es sich mit den Fußspitzen gegen den Bauch stemmt. Es ist ganz natürlich, dass es dies mit dem fühlenden Vorfuß und nicht mit der Ferse tut. Weiterhin fiel mir auf, wie kleinflächig die Ferse der Neugeborenen ist.


Sehen Sie selbst, wie ungeeignet die Ferse für den Hackengang ist.
Die ersten Schritte
Als Nächstes nahm ich wahr, dass alle Kinder bei ihren ersten Schritten offensichtlich noch deutlich Ballengänger sind. Jeder Vater und jede Mutter wird das bestätigen. Das kann uns nur entgehen, wenn wir dem Kind von Anfang an Schuhe mit steifen Sohlen anziehen und es zu selten barfuß laufen lassen.
Ich beobachtete, dass Kinder unter drei Jahren wieder zu Ballengängern werden, wenn sie sich sehr interessiert auf etwas zubewegen. In solchen Momenten fühlen sie sich unbeobachtet. Solange sie sich jedoch beobachtet fühlen, versuchen sie den Hackengang so gut wie möglich zu imitieren. Ich stellte mir also die Frage: Werden Kinder zu Fersengängern, weil sie genau so gehen wollen wie ihre Eltern?

Das Nachahmungsverhalten
Die Psychologie lehrt zum Nachahmungsverhalten von Kindern, dass sie gerade in den ersten drei Lebensjahren fast ausschließlich durch Imitation (Nachahmung) lernen. Da alle Erwachsenen über die Hacken gehen, gibt es nur ein einheitliches Vorbild, das imitiert wird. Die Erwachsenen waren auch mal Kinder. Auch sie haben durch Imitation gehen/marschieren gelernt. Dieses Beispiel des Hackenganges wird so konsequent vor- und nachgemacht, dass es rein statistisch als das Normale gelten muss.
Die Erkenntnis, dass der Mensch eigentlich ein Ballengänger und kein Hackengänger ist, war für mich von solcher Klarheit und Einfachheit, dass ich glaubte, sie mit einem Satz der ganzen Welt verkünden zu können. Orthopäden und andere Mediziner reagierten aber nicht entsprechend.
Zu allen Zeiten hat es allerdings auch vernünftige Orthopäden gegeben, die bei Fußverformungen und postoperativ zur Kräftigung der Fußmuskulatur den Vorfußgang empfehlen, statt Einlagen zu verschreiben. Dennoch konnten sie sich offenbar nie klar genug vom medizinischen Dogma des anständigen Abrollens distanzieren, um selbst auf die Idee zu kommen, dass der Mensch ein genetisch angelegter Vorfußgänger ist. Scheinbar verdrängen wir alle den Ballengang hinter der erlernten Anpassung an den Hackengang so sehr, dass wir uns noch nicht einmal mehr theoretisch für das Gangverhalten des Menschen interessieren. Der Mensch scheint also ein »Mitläufer« vom ersten Schritt an zu sein.
Übrigens lernen wir durch Nachahmung nicht nur das Gehen, sondern auch die Sprache. Die Phase der ausschließlichen Nachahmung endet mit dem dritten Lebensjahr. Die Nachahmungsphase ist ein Bewusstseinsraum, der von dem nachfolgenden Bewusstseinsraum derartig ersetzt wird, dass er in Vergessenheit gerät. Könnte es sein, dass wir uns – angesprochen auf unser Gangverhalten – im Unbewussten daran erinnern, wie schwer es uns eigentlich fiel, unserem kindlichen Körper den Hackengang anzutrainieren? Fürchten wir deshalb vielleicht, dass alles, was mit Lernen zu tun hat, uns nur mit neuem Stress belasten würde? Und eine nächste etwas weiter greifende Frage drängt sich mir auf: Haben wir vielleicht wegen dieses ganzkörper- übergreifenden Erlernens eines muskulären Fehlverhaltens auch solche Schwierigkeiten mit der Entwicklung menschenwürdiger Schulsysteme?


Das Gehverhalten des Menschen
»Das wahre Wunder besteht nicht darin,
auf dem Wasser zu wandeln,
sondern auf der Erde zu gehen.«
Thich Nhat Hanh: Ich pflanze ein Lächeln
Die platonischen Seelenkräfte und GODO
Platon beschrieb die Seele in den folgenden drei Teilen: Wollen – Denken – Fühlen. Goethe verinnerlichte diese Erkenntnis in seinem zum Volkslied gewordenen Gedicht: »Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn …« Er ließ sich von seiner Seele spazieren führen.
Nach einem dreißigjährigen Studium des Goethe-Nachlasses in Weimar erkannte Rudolf Steiner, der spätere Begründer der Anthroposophie und der Waldorfschulen, dass Wollen, Denken und Fühlen die drei Tätigkeiten unserer Seele sind. Er nannte sie explizit: SEELENTATEN. Dabei wird der Körper zum Instrument des Ausdruckes dieser drei Seelentaten. Somit ist auch unser Gang deren Ausdruck; sie können in jedem Schritt gesondert erfahren werden.
Bisher macht man sich das nur in der Heileurythmie zunutze. Durch das sogenannte dreigliedrige Schreiten »Heben – Tragen – Stellen« (Wollen – Denken – Fühlen) wirkt sie heilend auf Körper-, Sprach- und Wahrnehmungsstörungen ein.
Beim Stotterer drücken sich Wollen – Denken – Fühlen gleichzeitig aus. Es bildet sich ein Sprachknoten, der durch bewusstes Schreiten, das heißt durch die Entschleunigung der einzelnen Seelentaten, entwirrt werden kann (Heileurythmie).
Die platonischen Seelenkräfte werden heileurythmisch, also lediglich therapeutisch, oder in der Eurythmie als Kunstform genutzt. Ich habe nur ganz wenige Menschen getroffen, die aus einer solchen Erziehung als Ballengänger hervorgegangen sind. Dazu gehören einige ehemalige Mitglieder der Loheland-Schule in Hessen, die nach anthroposophischen Grundsätzen geführt wird. Auch die israelische Künstlerin Ruth Arion (1912–1988) war in ihrer Jugend mit dieser Bewegung in Berührung gekommen. Sie erinnerte sich, zwischen 1926 und 1936 im »königlichen Gang« geschritten zu sein. Während unseres Gespräches wurde ihr plötzlich klar, dass sie erst nach ihrer Flucht vor den Nazis bei der Arbeit am Fließband im Kibbuz den »königlichen Gang« vergessen habe. Viele Jahre später durfte ich sie wieder daran erinnern.
Jeder Schritt lässt sich als eine Folge von Gesten begreifen. Diese Gesten sind, wie wir erfahren haben, Ausdruck unserer Seelentaten. Ihr Sinngehalt und ihre Aufeinanderfolge unterscheiden sich je nach unserer Gangart, also je nachdem, ob wir uns als Hackengänger oder als Ballengänger bewegen.
Das Ruhen und das Wollen, die beiden ersten Phasen jeden Schrittes, sind bei Hackengängern wie bei Ballengängern gleich:
Ruhen
Vor aller Bewegung ist Ruhe. Wenn wir stehen, können wir sagen: »Ich ruhe.« Durch diesen kleinen, bewusst gesprochenen oder gedachten Satz machen wir uns die Geste des Ruhens innerlich real und fühlbar. Legen Sie das Buch für eine oder zwei Minuten beiseite, stellen Sie sich aufrecht und mit schulterbreit parallel gestellten Füßen hin, schließen Sie die Augen, atmen Sie dabei tief und ruhig aus und ein und denken Sie: »Ich ruhe.«
Wollen
Um aus der Ruheposition, aus dem Stand in die Bewegung zu kommen, bedarf es eines Willensimpulses. Dazu können wir uns selbst sagen: »Ich will.« In diesem Moment löst sich die Ferse von der Erde. Das Abheben ist Ausdruck eines umgesetzten Impulses der Seele und geschieht zeitgleich mit der »Ich will«-Geste als Lösung der Ferse von der Erde. Damit Sie das wirklich fühlen, bitte ich Sie erneut, das Buch wegzulegen und mehrere Schritte zu machen. Konzentrieren Sie sich dabei auf den Moment, in dem das Heben der Ferse gleichzeitig mit einem laut gesprochenen »Ich will!« wahrgenommen wird.
Der japanische Meister Ha ku yushi sagte: »Der Atem des rechten Menschen ist ein Atmen mit den Fersen.« Bei der GODO-Meditation, die ich auch gerne »dynamisches GODO-Yoga« nenne, entspricht das Lösen der Ferse dem Moment der beginnenden Einatmung. Probieren Sie es doch gleich einmal aus.
Denken
Der freie, gelöste Fuß, das sogenannte Spielbein, durchmisst den Raum, wobei die äußere Welt an uns vorübergleitet, wir uns durch sie hindurchschieben, etwa so, wie die Gedanken sich immer neu bildend und wieder verblassend unsere Köpfe durchziehen. Hier können wir uns bewusst werden, dass die Seele sagt: »Ich denke.« Dabei schwebt das Spielbein frei wie ein Gedanke über der Erde.
Bei diesem Bewegungsabschnitt scheiden sich die Geister. Der Hackengänger hebt nämlich seine Fußspitze hoch, bevor er die Erde mit der Ferse betritt, während der Ballengänger seinen Fuß locker hängen lässt und deshalb der Erde mit Ge(h)fühl begegnet.
Was hier geschieht, bedarf einer besonderen Betrachtung, denn es handelt sich um die Kernproblematik des Hackenganges.
Ganganalyse


Die Gestik des Hackenganges
Da wir bisher selber in jedem Schritt die Erde mit der Ferse zuerst berühren, ist uns der Anblick unserer Mitmenschen, die mit der Ferse voran die Erde betreten, derart vertraut, dass wir zunächst nichts Auffälliges wahrnehmen. Aber schauen wir einmal ganz genau hin! Es bedarf einer besonderen Konzentration, wenn man ein gewohntes Bild mit frischem Blick erfassen möchte. Nehmen Sie sich dafür wirklich etwas Zeit …

Bisher galt uns ein solcher Anblick als normal und natürlich
Erst wenn wir den Hackengang analysieren, begreifen wir, dass er nicht nur eine mechanische Fortbewegungsart darstellt, sondern dass sein Ablauf eine Folge bedeutsamer Gesten enthält, mit denen wir der Welt begegnen und für die wir auf eine ungeahnte Weise verantwortlich sind.
In der erhobenen Fußspitze offenbart sich die Geste der Abwehr und der Zurückhaltung im Gefühl. Dieser Ausdruck besagt: »Ich will nicht fühlen, ich habe kein Vertrauen.«
Es gibt eine Möglichkeit, uns das, was wir mit den Füßen unbewusst und ungefühlt ausdrücken, über unsere Hände spürbar zu machen. Dazu bitten wir eine Person, die völlig unvorbereitet ist, uns die Hand zu reichen. Wir strecken unsere Hand so aus, als wollten wir ihre Hand empfangen, ziehen die unsere jedoch gleich wieder mit der Geste der Abwehr (einem Heben der Finger und Vorschieben der Handwurzel) zurück.
Beiden tut diese paradox abwehrende Geste »weh«: dem, der sie erzeugt, und dem, gegen den sie sich wendet.


Genau das ist es, was jeder Hackengänger mit jedem Schritt sich selbst, seinem Nächsten und der Erde antut. Ob sich die Erde wohl ebenso schlecht fühlt, wenn wir ihr bei zurückgehaltener Fußspitze »zwangs-läufig« mit der Hacke begegnen? Und wie fühlen wir uns selbst dabei – bisher ohne es deutlich und bewusst zu merken? Könnte das der Grund dafür sein, dass wir der Erde so wenig Liebe und Achtsamkeit entgegenbringen? Diese Geste macht uns zu Fremden auf dieser Erde. Dementsprechend denken, fühlen und handeln wir.

Die gestische Bedeutung der aufstampfenden Ferse heißt Wut und »Ich will nicht« oder »Ich will nicht wollen«. So zart und leichtfüßig Einzelne auch über die Hacke abrollend gehen mögen – ein gewisses Stampfen, eine Erschütterung können wir nicht unterdrücken. Marschierende Soldaten können durch ihren Fersenauftritt im Gleichschritt die Statik einer Brücke gefährden. (Deshalb gab es im Zweiten Weltkrieg entsprechende Verbotsschilder.) In den höchsten Gebäuden unserer Städte ist das Vibrieren der Fußböden ein Problem, das durch den Auftritt mit High Heels erzeugt wird.
Prüfen Sie es selbst noch einmal: Halten Sie sich mit je einem Finger die Ohren zu und gehen Sie schnellen Schrittes auf Ihre gewohnte Weise. Lauschen Sie dabei in sich hinein. So können Sie über die Knochenleitung ein »Tock-tock-tock« wahrnehmen, das von den Fersen bis zu ihrem Schädel hinauf echot. Der Fersenstoß erschüttert nicht nur die Wirbelsäule und Gelenke und damit die Muskulatur, sondern auch alle Organe und vermittelt unserer Körpervorstellung unnötig erhöhte Schwerkraftwerte. Außerdem drücken wir gestisch mit jedem Hackengangschritt immer wieder »Ich will (zwar losgehen) – Ich will nicht (fühlen/wollen)« aus. Das begründet einen Zwiespalt des reinen Willens. Fühlen Sie doch mal in sich hinein, wenn Sie sagen: »Ich will – – – nicht.« Ist das nicht superparadox, also der Widerspruch in sich? So landen wir zwar genau da, wo wir hinwollten, aber wir drücken aus, dass wir gar nichts wollen, weder fühlen noch wollen. Es ist offensichtlich, dass wir diese gefühlsverneinende Geste mit jedem Hackengangschritt aktiv erzeugen, und es ist folgerichtig, anzunehmen, dass wir im Gehirn und in der gesellschaftlichen Begegnung damit ein Programm der Abwehr installieren.

In der Kinesiologie hat sich gezeigt, dass eine ablehnende, verweigernde mentale Haltung und die dazugehörigen Gesten zu einem schwachen Muskeltest führen. Das sollte unter anderem der Allergieforschung zu denken geben, da Allergien sehr häufig durch Überforderungen ausgelöst werden können.
Das sogenannte Marschieren auf der Stelle und das militärische Marschieren
Das militärische Marschieren ist eine besonders ausgeprägte Form des Hackenganges, bei der im Gleichschritt über die Hacke gegangen wird. Ganz anders verhält es sich beim sogenannten Marschieren auf der Stelle, bei dem man mit den Armen kräftig mitschwingt und die Schultern derart mitbewegt, dass die gesamte Wirbelsäule eine spiralige Bewegung um ihre zentrale Achse ausführt. Probieren Sie es aus! Denn wenn Sie genau hinsehen und in sich hineinfühlen, erkennen Sie sofort, dass es sich um eine ausgeprägte Ballengangbewegung handelt. Tatsächlich ist es schier unmöglich, beim »Auf-der-Stelle-Marschieren« mit der Hacke zuerst aufzusetzen.
Wie im Kapitel »Forschung und Erkenntnisse durch Beobachtung« beschrieben, hat das Gehen auf der Stelle eine ausgesprochen harmonisierende Wirkung auf Geist und Körper, das heißt, die Hirnhälften werden synchronisiert. Kinesiologen nutzen das, weil sichere Testungen nur in diesem Zustand möglich sind. Vor Jahren, als ich der Kinesiologen-Vereinigung auf ihrem Kongress in Kirchzarten die Zusammenhänge erklären konnte, rief dies großes Erstaunen hervor. Seitdem wissen sie, dass ein Ballengänger schon synchronisiert zu ihnen kommt.
Sobald wir uns allerdings vom »Marschieren auf der Stelle« in den Raum bewegen, verfallen wir unwillkürlich in den gewohnten Hackengang, das wirkliche Marschieren, das offensichtlich das Gegenteil einer Harmonisierung bewirkt. Beim Marschieren werden die Arme zwar gegensinnig vorwärts und rückwärts geschwungen, die Schultern aber gerade auf der steifen Wirbelsäule festgehalten. Es wird vermieden, die Körpermitte als Ursprung für einen spiraligen Bewegungsimpuls gegenläufig mitschwingen zu lassen. Auch die Bewegung der Hüften wird unterdrückt.
Eine besondere Art des Marschierens war der preußische Stechschritt, der heute noch von der russischen Armee praktiziert wird, bis die Fußgelenke schmerzen. Dabei exerziert man mit gestrecktem Bein und steif gestrecktem Fußgelenk und knallt mit den Vorfußballen voran auf die Erde auf. Ein solch expressives Marschieren über die Ballen muss gelernt werden und eignet sich besonders zum Paradieren.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten nur die Gardeoffiziere Preußens einen derart tadellosen »Stechschritt«, dass er allem Volk imponierte. Die jungen Männer im Lande wollten gerne auch so sein wie diese schmucken und bis in die Zehenspitzen erweckten Kadetten und Offiziere Preußens. Sie hatten allerdings nicht den Paradestechschritt gelernt, sodass aus »normalen« Hackengängern ein großes Heer von marschierenden Soldaten aus den Schulbänken herausrannte. Da das militärische Marschieren eine Verstärkung des schlichten Hackenganges darstellt, erhöhten sich mit jedem Hackenstoß die Schwerkraft-Empfindung und die Aggression in jedem einzelnen Soldaten – natürlich unbewusst. Die »Vermehrung« der eigenen Masse floss zusammen mit der großen Masse und schien von ihr getragen zu werden. Was bisher unbewusst blieb, wird durch GODO plötzlich fühlbar.
GODO zeigt: Wer einmal schreitet, marschiert nie wieder.


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