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Peter Gerdes

Ostfriesische Verhältnisse

Kriminalroman


Zum Autor

Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 Leiter des Festivals „Ostfriesische Krimitage“. Die Krimis „Der Etappenmörder“, „Fürchte die Dunkelheit“ und „Der siebte Schlüssel“ wurden für den Literaturpreis „Das neue Buch“ nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das „Tatort Taraxacum“ (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer.

Impressum

Handlung und Personal dieses Kriminalromans sind frei erfunden. Allerdings stand die Realität dabei der Fantasie des Autors hilfreich zur Seite.

Wer sich jedoch womöglich in diesem Text wiederzuerkennen glaubt, der ist nicht gemeint. Höchstens der Autor selbst.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2015 im Leda-Verlag)

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Günther_Ramm/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6464-5

Prolog

Hass ist wie Sex. Du spürst die Hitze, du fühlst das Prickeln, diese irren Wellen von den Fingern bis in die Fußspitzen. Da ist das Schnappen nach Luft. Da ist diese Anspannung, die Lust aus jeder Zelle presst. Wenn der Verstand beiseitetritt, kann der Körper plötzlich Dinge tun, von denen du sonst nur träumst. Dann kennst du keine Grenzen mehr, dann hörst du nicht auf, bis du die Sache auf die Spitze getrieben hast und darüber hinaus. Bis sich die Spannung in einer Explosion löst. Bis die Flut alles überrollt.

Gegen erfüllten Hass ist ein Orgasmus doch ein Witz!

Genug Zeit ist vergangen. Jeder andere Gedanke hat in eine Sackgasse geführt. Nein, anders ist die Sache nicht zu regeln.

Ein Telefon klingelt. Ein Hund bellt. Ein Motorrad fährt vorbei. Ein Pärchen unterhält sich, eine Frau lacht. Eine Schiffssirene aus dem Hafen, dumpf und fern. Leise quietschende Autobremsen. Alles weckt Erinnerungen, alles heizt und nährt den Hass.

Innehalten, die Muskeln anspannen bis zum Krampf. Süßer Schmerz strömt zur Mitte. Am liebsten jetzt, am liebsten sofort!

Nur einen Moment gezögert, schon mischt der Verstand sich ein. Sicher, es gibt sie, die guten Gründe, es nicht zu tun. Argumente. Aber sie haben Pech, diese Argumente. Ihre Zeit ist vorbei.

Hände greifen nach Pistole und Telefon. Eine Tür schwingt auf.

1.

»Hier kannste ja durchschießen!« Der Blasse mit den schütteren roten Haaren zeigte anklagend auf das fast menschenleere nächtliche Panorama der Einkaufsstraße. Hier und dort glänzten nasse Wachbetonplatten im grellen Licht vereinzelter Schaufenster, dazwischen lagen halbe Ladenzeilen im Dunklen. Das Ganze erweckte den Eindruck eines lückenhaften Gebisses.

»Könnte auch am Wetter liegen.« Der Begleiter des hageren Rothaarigen, größer und erheblich korpulenter als der, strich sich ein paar lange graue Haare, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatten, aus dem Gesicht. »Dass es heute so schietig ist, da kann ja keiner was dafür. Da bleiben die Leute einfach weg, das ist reines Pech.« Er zuckte mit den breiten Schultern.

»Unsinn! Siebenmal Mitternachts-Shopping pro Jahr, das ist einfach zu viel«, schimpfte der Rothaarige. »Einmal, zweimal, okay. Aber wenn man das ständig macht, dann ist das doch nichts Besonderes mehr. Nicht mal am dritten Oktober.«

»Dabei ist das doch günstig, dass der Tag der deutschen Einheit diesmal auf einen Mittwoch fällt. So ein verkaufsoffener Feiertag mitten in der Woche sollte eigentlich die Leute locken.«

»Siehst du ja, wie toll das lockt! Und von wegen Feiertag – jedenfalls nicht für die Verkäuferinnen! Dabei ist übernächste Woche schon wieder Gallimarkt, dann ist sogar sonntags geöffnet. Dieser Eickhoff ist doch ein echter Leuteschinder.«

»Ich frage mich, warum der das unbedingt so oft durchziehen will.« Der Dicke nickte in Richtung einiger bereits geschlossener Läden. »Guck mal, gerade erst zehn Uhr, und viele haben schon dicht! Das wird doch auch schlicht zu teuer, so lange offen zu halten, mit Personal und Licht und Heizung und so, wenn deswegen kaum mehr Kunden kommen. So ist das eben, wenn man einen Gaul unbedingt totreiten muss. Dann springen die Leute ab.« Er breitete die Arme aus. »Vielleicht erledigt sich das ja so von selbst.«

»Aber um welchen Preis!« Der Rothaarige war schon wieder auf Hundertachtzig. »Was für einen Eindruck macht das denn hier! Die paar Leute, die sich trotz allem noch anlocken lassen, stehen ja überall im Dunklen und vor verschlossenen Türen, außer bei den Läden, die Eickhoff gehören oder deren Besitzer er in der Hand hat. Das macht natürlich einen verheerenden Eindruck! Und diesen Eindruck, den nehmen die mit, das erzählen sie herum. Das schadet auf Dauer unserem Image, das sage ich dir! Von wegen, Leer, die Einkaufsstadt Nummer eins in Ostfriesland! Auf diese Weise schicken wir unsere Kunden doch praktisch selber in die Einkaufszentren auf der grünen Wiese.«

Der Dicke nickte versonnen. »Stimmt. Außerdem verschiebt sich ja alles durch diese penetranten Nachtöffnungen. An den Tagen, an denen Mitternachts-Shopping angesagt ist, kann man das Vormittagsgeschäft glatt vergessen, weil die Leute einfach später kommen. Aus Kostengründen wäre es besser, erst mittags zu öffnen – aber das geht natürlich nicht, wegen der Stammkunden, die es eilig haben, die wären ja sauer. Und abends trotzdem länger offen halten geht auch nicht, weil von den Mitternachts-Shoppern gar nicht so viele überhaupt bis in die Altstadt kommen; da kostet uns das Personal ja mehr, als es einbringt! Unterm Strich machen wir kleinen Händler auf jeden Fall Verlust bei diesen Aktionen.«

»Genau. Der Einzige, der profitiert, ist Eickhoff selber.« Der Rothaarige seufzte. All diese Argumente waren ihm wohlbekannt, benutzte er sie doch selbst bei jeder Gelegenheit.

Gerade gingen die beiden an Eickhoffs leuchtendem Einkaufspalast vorbei, der alles in seiner Nachbarschaft überstrahlte, auch die kleineren Läden, die alle schon dicht hatten. Hier war tatsächlich einiges los; Gruppen mit prallen Tüten verließen das Gebäude, andere strebten den einladend geöffneten Glastüren zu. Es ging lebhaft und laut zu. Einige der späten Kunden machten einen angeheiterten Eindruck.

»Solche Besuffskis möchte ich bei mir im Laden gar nicht haben«, schimpfte der Dicke halblaut.

»Die wüssten ja auch gar nicht, was sie bei uns eigentlich sollten«, pflichtete der Rothaarige ihm bei. Sein bedauernder Unterton aber ließ vermuten, dass es ihm letztlich doch um jeden Kunden leid tat, der jetzt und hier einkaufte statt tagsüber in der Altstadt.

»Jetzt guck dir das an!« Abrupt blieb der Rothaarige stehen und packte seinen Kollegen am Arm. »Die Einkaufswelt hat auch schon zu! Mann, das ist doch der Hammer.« Er rieb sich die Hände. »Wenn selbst dieses Kaufhaus nicht mehr bis Mitternacht offen hält, dann kann Eickhoff einpacken! Der Besitzer ist doch sonst sein treuester Mitstreiter, was Shopping-Events angeht. Wenn der ihm jetzt auch von der Fahne geht, dann gute Nacht. Aber ohne Shopping!«

»Bist du sicher?«, wandte der Dicke ein. »Das Licht dort ist zwar aus, aber guck mal – die Tür ist noch offen.«

»Stimmt. Merkwürdig.« Schon stürmte der Rothaarige los. »Wollen doch mal sehen, was es damit auf sich hat.«

Tatsächlich stand nur noch der äußerste rechte Flügel der Glasfront offen, und gewiss wäre kein Kunde auf die Idee gekommen, das Halbdunkel dieses Verkaufslabyrinths zu betreten, so eindeutig sah es hier nach Geschäftsschluss aus. Trotzdem, je näher die beiden Flaneure kamen, desto deutlicher vernahmen sie Stimmen von drinnen, aus dem Kassenbereich, wo noch eine Lampe brannte. Laute und erregte Stimmen. Neugierig traten sie näher.

»Absprachen sind das, feste Absprachen! Herrgott, du hast die Inserate doch selber mit abgesegnet!« Der Hochgewachsene im grauen Maßanzug verlor soeben seine Beherrschung; seine Gesichtshaut rötete sich bedenklich. »Das ist Verrat, was du hier machst, mein Lieber!«, brüllte er. »Verrat! Du weißt, das lasse ich mir nicht gefallen!«

»Das ist ja Eickhoff«, flüsterte draußen der Rothaarige. Seine Stimme klang ergriffen, als gehe gerade ein lang gehegter Traum in Erfüllung. »Da, schau, zusammen mit seinem Junior! Mann, die geben aber Stoff.«

Der Besitzer des verdunkelten Kaufhauses trat einen Schritt zurück, um dem Schauer von Speicheltröpfchen aus Eickhoffs Mund auszuweichen. Er war kaum kleiner als sein Mitbewerber und nicht weniger elegant gekleidet. »Führ dich hier nicht so auf!«, zischte er den Wütenden an. »Du bist hier immer noch in meinem Haus, verstehst du? Hier wird gemacht, was ich will, basta! Ist ja alles gut und schön mit deinen Ideen und Plänen, und ich unterstütze dich ja auch, solange sie funktionieren. Aber zu viel ist zu viel, verstanden? Und wenn es sich nicht mehr rechnet, dann ist Schluss mit lustig. Hast du etwa gedacht, ich riskiere deinetwegen Verluste? Das kannst du vergessen! Ich mache zu, egal was in der Zeitung stand, und daran wirst du mich nicht hindern.«

»Das können Sie nicht machen! Sie hören doch, das ist Verrat!« Wie ein verspätetes Echo schaltete sich Eickhoff junior ein. Oliver Eickhoff war einen ganzen Kopf kleiner als sein Vater; mit seinem pausbackigen Gesicht und dem blonden Bubikopf sah er deutlich jünger aus als Mitte zwanzig, und obwohl er inzwischen zum stellvertretenden Geschäftsführer aufgerückt war, wirkte er doch immer noch ziemlich altklug.

Der Kaufhausbesitzer würdigte ihn keiner Antwort. »Merk dir für die Zukunft«, knurrte er Eickhoff senior an, »du kannst auf mich zählen, wenn es etwas bringt, was du vorschlägst. Aber wenn nicht, dann nicht. Nibelungentreue gibt es für mich nicht. Spinnerei, sowas! So, und jetzt Schluss mit dem Theater. Raus mit euch beiden, ich will abschließen.«

Die beiden Flaneure hatten mit glühenden Ohren gelauscht. Um bloß nicht zu verpassen, wie Eickhoff senior auf diesen Rauswurf reagieren würde, schob sich der Rothaarige näher und näher an die Türöffnung heran, drängelte schließlich den Dicken beiseite. Der verlor kurz das Gleichgewicht und rumpelte mit der Schulter gegen die offene Türscheibe, die zu scheppern begann.

Drei Köpfe flogen herum, drei Augenpaare spähten ins Halbdunkel. Gegen das Streulicht der Straßenbeleuchtung waren nur die Silhouetten der beiden Lauschenden zu erkennen, aber Eickhoff genügte das. »Schau mal an, Asterix und Obelix auf Horchposten«, höhnte er laut. »Ihr kennt wohl überhaupt keinen Anstand mehr, was, ihr ewig Gestrigen? Schert euch bloß zurück in euer Freilichtmuseum! Bremser können wir hier nicht brauchen. Wenn wir Leer nach vorne bringen wollen, brauchen wir hellwache Köpfe, keine Penner.«

»Genau, Penner!«, echote Eickhoff junior. Sein Kindergesicht, zunächst erschrocken, nahm einen trotzigen Ausdruck an. Er rückte näher an seinen Vater heran.

»He, Moment mal, du … du Pöbelkasper!«, erwiderte der Dicke schwach. Der Rothaarige hakte ihn unter und zog in seitlich weg, so schnell wie möglich außer Sicht.

»Ärgere dich nicht«, beschwichtigte er ihn. »Mann, was wir da gerade gesehen und gehört haben, ist doch Gold wert! Dafür dürfen die uns gerne ein bisschen anpöbeln.« Er zog seinen Begleiter mit sich in Richtung Denkmalsplatz. »Komm, darauf genehmigen wir uns einen!«

Sie entschieden sich für den Außenbereich eines Cafés, wo der Dicke eine Zigarette rauchen konnte. Sonnenschirme schützten vor dem leichten Regen; obwohl es Anfang Oktober war und der Herbst sich unmissverständlich ankündigte, konnte man noch gut im Freien sitzen, wenn man die Jacken anbehielt. Die beiden prosteten sich zu.

»Und inwiefern jetzt Gold wert?«, fragte der Dicke über seinen Bierschaum hinweg.

Der Rothaarige nahm einen tiefen Schluck. »Erstens«, verkündete er dann, »weil die beiden mächtigsten Mitglieder der Werbegemeinschaft, die bislang allen möglichen Quatsch gemeinsam durchgedrückt haben, uneinig sind. Zerstritten! Und zweitens«, er trank wieder, »weil wir das jetzt wissen! Das können wir hervorragend verwenden, wenn die wieder ihre Riesenwelle machen und uns andere an die Wand drücken wollen. Das wird ihnen künftig nicht mehr so leicht gelingen!«

Der Dicke zuckte die Achseln; er hatte sich wohl mehr erhofft. »Kurzfristig sehe ich noch keinen Nutzen. Unsere Hauptprobleme bleiben doch: die abgehängte Altstadt, die umgelenkten Käuferströme, die mangelnde Unterstützung durch die Verwaltung.« Er schüttete sein Bier in zwei großen Schlucken in sich hinein. »Werben tun sie ja gerne mit unserer malerischen Altstadt, aber wenn es drum geht, uns mal unter die Arme zu greifen, dann erhöhen die lieber noch die Gebühren.«

Kichernd winkte der Rothaarige ab. »Du musst das langfristig sehen! Und da kommt drittens ins Spiel. Nämlich drittens, dass wir die nächste Generation des kaufmännischen Zweiges der Familie Eickhoff nicht fürchten müssen!« Er blies seine hohlen Wangen auf und imitierte den glotzenden Oliver Eickhoff so treffend, dass der Dicke laut lachen musste.

Die gute Laune hielt sich, bis sich die beiden auf den Heimweg machten, zurück aus der wenig belebten Fußgängerzone in die gänzlich verödete Altstadt. Der Rothaarige, weil er direkt über seinem Geschäft in der Brunnenstraße wohnte, und der Dicke, weil sein Fahrrad in der Rathausstraße stand.

Eingangs der Brunnenstraße blieben sie noch einen Augenblick stehen, um sich das bronzene Modell der Altstadt anzuschauen, das seit kurzem den Büntingplatz zierte. Eine Gestalt hastete mit gesenktem Blick an ihnen vorbei. Der Rothaarige schaute auf. »War er das nicht?«, fragte er.

»Wer?« Der Dicke hob jetzt erst den Blick.

»Na, der Kleine! Der Oliver! Der, der uns vorhin beschimpft hat.«

»Und wenn?« Der Dicke zuckte mit den Schultern. »Hat ja nur seinem Vater nachgeplappert wie ein Papagei. Der Typ ist doch hohl. Willst du ihm etwa nach und ihn verkloppen? Also ehrlich, aus dem Alter sind wir doch raus.«

Sie zuckten zusammen, als sich von hinten ein Motorrad näherte, dessen bollernder Sound von den eng stehenden Häuserfassaden bedrohlich laut reflektiert wurde. »Verdammt, wann wird das hier endlich mal Fußgängerzone!«, knurrte der Dicke, als die Maschine an ihnen vorbeipreschte. Seine Worte wurden vom Lärm aus dem Auspuff verschluckt.

Als es im nächsten Augenblick laut knallte, glaubten der Dicke und der Rothaarige zunächst an eine Fehlzündung. Der Motorradmotor aber lief fehlerlos, brüllte auf und katapultierte die Maschine sekundenschnell bis ans Ende der Brunnenstraße, wo sie mit kreischenden Reifen um die Kurve verschwand. Der Motorenlärm verklang in der Ferne.

Zurück blieb ein anderes Geräusch. Das eines vor Schmerzen jammernden Menschen. Der Rothaarige und der Dicke brauchten einen Moment, um es richtig einzuordnen. Entsetzt starrten sie einander an, dann liefen sie los, der Rothaarige voran. »Das ist wirklich Oliver Eickhoff«, rief er. »Verdammt, alles voller Blut! Aber er lebt noch. Schnell, schnell!«

Der Dicke antwortete nicht. Er hatte sein Handy bereits am Ohr.

2.

»Und? Ist er außer Lebensgefahr?« Hauptkommissar Stahnke war mitten in der Bewegung erstarrt, die tropfende Regenjacke am ausgestreckten Arm, zehn Zentimeter vor dem Garderobenhaken. Nach dem, was er da gerade vom Kollegen Kramer erfahren hatte, lohnte es sich gar nicht, die Jacke aufzuhängen, weil sie ja doch gleich wieder los mussten.

Kramer nickte bedächtig. »Das ist er und das war er, von Anfang an. Die Schusswunde ist nämlich nicht lebensbedrohlich. Mal abgesehen vom Blutverlust, aber es gab ja zum Glück Zeugen, die sofort einen Rettungswagen gerufen haben. Und uns.«

Und zum Glück nicht mich, dachte Stahnke. Immerhin, ein Mordanschlag, wenn auch ein offenbar missglückter – da hätte man auch gleich das komplette Besteck anfordern können. Gut, dass Kramer Rufbereitschaft gehabt und anders entschieden hatte, warum auch immer. Denn Stahnke hatte gestern Abend mit ein paar Segelkameraden gefeiert. Zwar nicht die deutsche Einheit, sondern Saisonschluss, aber Alkohol hatte es reichlich gegeben.

Ob es daran lag, dass er sich immer noch nicht entscheiden konnte, wie nun mit der nassgeregneten Jacke zu verfahren war? Irgendwie fehlte ihm noch Input. »Wohin wurde es denn getroffen, das Anschlagsopfer?«, fragte er aufs Geratewohl.

»In den verlängerten Rücken«, informierte Kramer ihn prompt, ohne eine Miene zu verziehen. »Steckschuss.«

»In den … Allerwertesten?« Jetzt ließ der Hauptkommissar die Jacke doch auf den Haken sinken. Er benötigte beide Hände, um sie sich in die Seiten zu stemmen. »Wie konnte das denn passieren? Also, ich meine natürlich – war es ein Fehlschuss aus größerer Distanz?«

»Wohl nicht.« Natürlich war Kramer wieder bestens informiert. »Die Entfernung war eher gering, so sehen es jedenfalls die Zeugen. Allerdings wurde im Vorbeifahren geschossen, und zwar von einem Motorrad aus. Ein Schuss und dann blitzartig ab durch die Mitte.«

Stahnke pfiff durch die Zähne und ließ sich schwer auf den nächstbesten Stuhl fallen. »Ach nee. So weit sind wir schon? Bei den Amis gibt’s das ja öfter. Nennt sich Drive-by. Wird gerne von rivalisierenden Banden praktiziert, wegen Gebietsabgrenzungen und so.« Er runzelte die Stirn. »Interessieren sich jetzt schon Kuttenträger für die Leeraner Altstadt?«

»Darauf weist derzeit nichts hin«, antwortete Kramer mit stoischem Ernst. »Zumal das Opfer dieses Drive-by kein einschlägig bekannter Krimineller ist, sondern ein wohlangesehenes, wenn auch noch junges Mitglied der Leeraner Kaufmannschaft.«

»So. Na dann.« Der Hauptkommissar ersparte sich einen Exkurs über gewisse Parallelen zwischen krimineller und kaufmännischer Energie. Schließlich musste man hier mal vom Fleck kommen, auch wenn Kramer offenbar ausgezeichnete Vorarbeit geleistet hatte. »Name?«

»Oliver Eickhoff. Sohn von Karl-Friedrich Eickhoff, dem Kaufhaus-Tycoon.«

»Oha.« Und ob man vom Fleck kommen musste, und zwar schnell! Nicht mehr lange, und die gesamte regionale und überregionale Presse würde ihnen auf den Zehen stehen. Sofern dort noch Platz war vor lauter drängelnder Lokalprominenz. »Hast du ihn schon einvernommen? Beziehungsweise: Ist er schon vernehmungsfähig?«

»Nein und ja. Ich dachte, das machen wir zusammen.«

Stahnke nickte beifällig. »Wo liegt er denn, Borromäus oder Kreis?«

»Kreiskrankenhaus. Beziehungsweise Klinikum, wie es ja seit geraumer Zeit heißt.« Kramer nahm es wie immer genau.

Stahnke seufzte und erhob sich. Seine Regenjacke war immer noch nass. Wieder erstarrte er mit ausgestrecktem Arm. »Vom fahrenden Motorrad aus niedergeschossen, ja?«

»Wie schon gesagt.« Kramer verschränkte die Arme.

»Und die Maschine ist unmittelbar nach dem Schuss mit hoher Fahrt davongebraust, richtig? Darf ich deine Worte so interpretieren?«

»Darfst du.«

»Und das Opfer wurde auf welchem Bürgersteig aufgefunden?«

»In Fahrtrichtung rechts. Wieso?« Jetzt merkte man sogar einem Stoiker wie Oberkommissar Kramer an, dass er neugierig war.

Stahnke knickte seine immer noch ausgestreckte Hand im Gelenk ab, als würde er an einem Gasgriff drehen. »Weil alle Motorräder, die ich kenne, das Gas rechts haben«, sagte er. »Was dir übrigens auch bekannt sein müsste, schließlich hattest du doch selber auch mal ein Bike. Wenn man den Griff loslässt, dreht er sich automatisch zurück auf Standgas. Bei voller Fahrt ist das nicht angenehm. Das heißt …«, Stahnke deutet den Griff in die Innentasche einer Jacke an, die er gar nicht trug, »der Täter müsste kurz vor Erreichen seines Opfers den Gasgriff losgelassen, seine Waffe gezogen, gezielt und den Schuss abgegeben sowie anschließend die Pistole wieder eingesteckt haben. Erst danach konnte er wieder Gas geben – und musste vorher auch noch herunterschalten, um wirklich blitzartig, wie du es nanntest, abdüsen zu können. Der eigentliche Drive-by müsste sich also in besserem Schritttempo abgespielt haben. So klang mir die Schilderung aber nicht.«

»Das stimmt«, musste Kramer zugeben. »Aber vielleicht war die Waffe ja irgendwie anders platziert? Griffbereiter?«

»Und damit offen sichtbar?« Stahnke schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich.«

»Oder der Täter hatte den Choke gezogen? Dann dreht der Motor doch höhere Touren.«

»Das erklärt das anschließende sofortige Beschleunigen nicht, wenn der Täter die Hand am Gasgriff nicht frei hat. Es sei denn, er hätte die Waffe sofort fallen lassen. Aber gefunden wurde sie ja wohl nicht, oder?«

»Nein«, bestätigte Kramer. »Dann bleibt eigentlich nur noch eins.«

»Genau. Der Täter muss Linkshänder gewesen sein.« Stahnke klatschte in die Hände.

»Und das wiederum bedeutet, dass er vor seinem eigenen Körper entlang geschossen haben muss, zur falschen Seite sozusagen«, spann Kramer den Faden weiter. »Was erklären würde, warum sein Schuss so schlecht gezielt war.«

»Welche Arschbacke wurde denn getroffen?«

»Die linke. Würde passen.«

»Wie Arsch auf Eimer.« Stahnke griff erneut nach seiner Regenjacke. Diesmal richtig. »Mal hören, was uns der junge Mann selber noch Erhellendes zum Tathergang erzählen kann«, sagte er im Gehen.

3.

»Polizei, ja? Kommen Sie auch schon!«, keifte der blonde Jüngling, kaum dass Stahnke die Tür zum Krankenzimmer geöffnet hatte. »Wird langsam Zeit! Oder fanden Sie es nicht so wichtig, dass man in Ihrer Stadt auf offener Straße seines Lebens nicht mehr sicher ist?«

So also sieht einer aus, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden ist, dachte Stahnke. Noch ein halbes Baby und schon stellvertretender Geschäftsführer. Und so hört er sich auch an. Wenn ihm das schon derart gegen den Strich ging – was sollten dann die Leute sagen, die so einen Pimpf als Vorgesetzten hatten?

Na ja, wenn sie ihn so sehen könnten, auf dem Bauch liegend, das verbundene Gesäß halb freigestrampelt, das Gesicht nicht nur vom Schimpfen verzerrt, dann würde es diesen Leuten vielleicht schon ein bisschen besser gehen. Selbst Stahnke spürte einen Anflug von Schadenfreude, für den er sich nicht einmal schämte. Kam er hier vielleicht gedanklich in die Nähe eines Tatmotivs?

»Guten Morgen, Herr Eickhoff«, grüßte er betont freundlich und stellte sich und Kramer vor. »Es freut mich zu sehen, dass Sie schon wieder so weit hergestellt sind. Wenn man bedenkt, was Sie hinter sich haben – das hätte ja auch anders ausgehen können.«

Der Hauptkommissar hatte deutlich den Ärger erkennen können, der die helle Haut von Oliver Eickhoffs Gesicht zwischen den schräg hängenden Ponyfransen rötlich getönt hatte. Mit Stahnkes Worten aber war dieser Ausdruck wie weggewischt. Jetzt sprach schiere Panik aus den kindlichen Zügen. Dann wandte sich der junge Mann ab und drückte sein Gesicht ins Kopfkissen.

Veräppeln lässt er sich nicht gerne, registrierte Stahnke. Verständlich. Aufbrausend ist er – wie nicht anders zu erwarten bei solch einem Geldadelsspross. Und Angst hat er. Normal. »Könnten Sie mir den Vorfall bitte aus Ihrer Sicht schildern?«, bat er.

Aus dem Kopfkissen waren halb erstickte Laute zu hören. Dann stemmte sich der junge Mann auf die Ellbogen hoch. »Es war alles ganz normal, eigentlich«, begann er, jetzt ohne Allüren. »Ich hatte noch spät gearbeitet, meinem Vater geholfen, wegen des Mitternachts-Shoppings. Dann musste er noch zu einer Sitzung, zu der ich nicht geladen war. Es hat geregnet, und ich war zu Fuß unterwegs, also habe ich mich ziemlich beeilt. Das Motorrad konnte ich kommen hören, habe mir aber nichts dabei gedacht. Das heißt, doch – ich dachte noch, der soll bloß aufpassen, bei Nässe kann das Pflaster in der Brunnenstraße ganz schön rutschig sein.« Er ließ den Kopf wieder sinken.

»Und dann?«

»Dann.« Schweres Atmen, durch das Kissen gedämpft. »Es war wie ein Schlag. Oder ein Tritt in den … Plötzlich lag ich am Boden, hatte keine Gewalt mehr über meine Beine. Nach und nach kam der Schmerz.« Er drehte sein Gesicht wieder seinen Besuchern zu; die blasse Haut war rot gefleckt. »Ich habe nach hinten gefasst, und meine Hand war voller Blut. Da hab ich dann wohl geschrien.«

»Konnten Sie das Motorrad erkennen? Irgendein Detail vielleicht?«

Oliver Eickhoff schüttelte den Kopf. »Hab’s nur gehört. Vorher. Danach – plötzlich war es weg, keine Ahnung, wie und wohin. Nur an den Sound kann ich mich erinnern.«

»Kennen Sie sich aus mit Motorrädern?«, fragte Stahnke verwundert. Diesem kleinen Stenz hatte er höchstens einen Roller zugetraut.

»Ein bisschen«, sagte Eickhoff junior. »Nicht, dass ich Ihnen jetzt den Typ sagen könnte oder so. Es war aber irgendein Eintopf. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Der Hauptkommissar nickte. »Ein großvolumiger Einzylinder-Motor also. Sind Sie sich da sicher? Irrtum ausgeschlossen?«

»Logo«, schnauzte der junge Mann zurück. »Was denken Sie denn? Eine Harley war es jedenfalls nicht, auch keine BMW, überhaupt kein moderner Mehrzylinder und schon gar kein Zweitakter. Nee, das war ein Eintopf, vermutlich irgend so eine Enduro.«

Immerhin etwas, dachte der Hauptkommissar. Auch wenn das für eine Fahndung natürlich nicht reichen würde, dafür gab es von diesem hochbeinigen Fahrzeugtyp denn doch zu viele.

Plötzlich lachte Oliver Eickhoff auf. »Als dann plötzlich Asterix und Obelix angerannt kamen, dachte ich zuerst, die seien es gewesen«, sagte er.

Stahnke runzelte die Stirn. Hatte es den Knaben doch schlimmer erwischt als gedacht? Verfolgt von zwei Comicfiguren, so etwas hatte er auch noch nicht gehört. Aber wieso hatte der Bursche etwas am Kopf, wo ihn die Kugel doch am Hintern getroffen hatte? Litt er unter einer posttraumatischen Verwirrung?

Oliver Eickhoff feixte, als er Stahnkes ratlose Miene bemerkte. »Sie kennen die beiden wohl nicht? Ich dachte, die seien stadtbekannt. Laufen überall rum und meckern, wie die beiden alten Knacker aus der Muppetshow.«

»Möglicherweise bekommen Sie da etwas durcheinander.« Der Hauptkommissar versuchte sich so schonend wie möglich auszudrücken. »Asterix und Obelix kenne ich, und die beiden sind nicht nur stadtbekannt, sondern weltberühmt. Aber Figuren aus der Muppetshow sind sie nicht. Das eine ist eine amerikanische Produktion, während die zwei Gallier …«

»Wollen Sie mich verarschen?«, brüllte der junge Kaufmann unvermittelt los. Im nächsten Moment verzog er schmerzerfüllt sein gerötetes Gesicht. Seinen linken Arm hielt er angewinkelt an den Brustkorb gepresst. »Asterix und Obelix, so nennen wir die beiden doch bloß. Weil, der eine ist ziemlich klein und rothaarig, der andere groß und dick und trägt einen Pferdeschwanz. Treten immer gemeinsam auf, und der Große dackelt hinter dem Kleinen her. Zwei Kaufleute aus der Altstadt, echte Museumsstücke. Geschäftsgebaren wie vor Kaisers Zeiten, sagt mein Vater immer. Aber wenn etwas verändert oder erneuert werden soll, stehen die beiden da und motzen rum. Echt lästig.«

Endlich klickte es in Stahnkes immer noch leicht weindementem Oberstübchen. »Die beiden haben Sie also dort gefunden, schwer verletzt, wie Sie waren. Haben Polizei und Rettungswagen gerufen. Und Sie haben geglaubt, einer der beiden hätte auf Sie geschossen? Wieso denn das?«

»Na ja.« Oliver Eickhoff hob die Schultern, was ihm anscheinend Schmerzen bereitete. »Wie die da so angerannt kamen … Wir verstehen uns eben nicht so gut, die und wir. Da ist schon manches böse Wort gefallen.«

»Wie böse? Ich meine, gab es Drohungen?«

»Na sicher! Sogar öffentlich.« Der Verletzte versuchte sich mehr auf die rechte Körperseite zu betten. »Stand doch im Frühjahr in der Zeitung. Nachdem mein Vater unsere Mitternachts-Shoppings als ›für den Umsatz so sicher wie ein Elfmeter‹ bezeichnet hatte und dann zum ersten Mal eine dieser Aktionen nicht wirklich erfolgreich war, hat der Asterix doch gehöhnt, Eickhoff sei der Einzige, der per Elfmeter ein Eigentor fabrizieren könne. Da war mein Vater natürlich mächtig sauer und hat ihn einen ›ewig Gestrigen‹ genannt. Darauf hat dieser rothaarig Gnom doch gedroht, er werde ihm schon das Maul stopfen. So war das! Haben Sie das nicht mitgekriegt? Das war doch mehr als deutlich.«

Doch, Stahnke hatte das sehr wohl mitbekommen seinerzeit, und er wusste noch gut, was ihm dabei deutlich geworden war – nämlich, dass es dem Leeraner Einzelhandel schlechter gehen musste, als seine Wortführer zuzugeben bereit waren. Mehr als ein wechselseitiges Gepöbel von Konkurrenten mit mangelhafter Kinderstube hatte er darin ansonsten nicht gesehen. Eine Bewertung, die er vielleicht revidieren würde, wenn Karl-Friedrich Eickhoff angeschossen und bäuchlings vor ihm im Krankenhausbett läge und nicht sein Sohn Oliver. So aber …

Die Zimmertür platzte so abrupt auf, dass Stahnke die verdrängte Luft kühl auf seiner Wange spürte. Der hochgewachsene Mann, der in den Raum stürmte, trug einen grauen, teuer aussehenden Anzug unter einem auswehenden, ebenso kostspieligen Mantel. Der Hals dieses Mannes war ungewöhnlich lang, das Kinn klein, aber vorstehend und in zwei Halbkugeln gespalten, die Lippen wirkten ständig gespitzt. Ein langer Nasenrücken führte hinauf zu einer hohen, in Falten gelegten Stirn. Ein honorig wirkender Mann, das musste Stahnke sich eingestehen. Und doch – sah er nicht aus wie ein Gockel?

»Wer sind Sie denn?«, schnauzte der Mann. »Etwa der Bodyguard? Dann sollten Sie wohl draußen auf dem Flur stehen. Mensch, hier kann ja jeder reinspazieren, wie er gerade möchte! Sie haben ja wohl gar keine Ahnung.«

Wenn der Hauptkommissar noch Zweifel gehegt hätte, dass es sich hier um den prominenten Vater des Verwundeten handelte, dann wären die nunmehr ausgeräumt gewesen. Lag diese Art zu schnauzen eigentlich in den Genen, oder bekam jede neue Eickhoff-Generation die in die Wiege gelegt, quasi als Ausweis der Zugehörigkeit zu einer privilegierten Kaste?

Stahnke tat, was er selten tun musste: Er zückte seinen Dienstausweis und hielt ihn dem großen Gockel unter die Nase. »Kriminalpolizei«, fügte er erläuternd hinzu. »Wir untersuchen den Anschlag auf Ihren Sohn. Womit hatten Sie denn gerechnet?«

»Mit Personenschutz selbstverständlich«, erwiderte Eickhoff, jetzt in normalem Ton, aber ohne eine Spur von Verlegenheit. »Offensichtlich hat ein Mordanschlag stattgefunden, und sowie der Täter feststellt, dass er nicht erfolgreich war, wird er doch wohl den nächsten Versuch starten. Sehen Sie das etwa nicht so?«

»Wir stehen ganz am Anfang unserer Ermittlungen und sind noch dabei, uns ein Bild zu machen.« Die Forderung nach Personenschutz entbehrte natürlich nicht der Logik. Wieso hatte Kramer das denn noch nicht geregelt? Aber darüber würde er sich ganz bestimmt nicht mit diesem Power-Papa hier streiten. »Haben Sie denn eine Vermutung, wer hinter dieser Tat stecken könnte?«, fragte er stattdessen. »Gab es vielleicht Drohungen oder haben Sie andere Beobachtungen in dieser Richtung gemacht?«

Karl-Friedrich Eickhoff blickte zu seinem Sohn hinüber, zum ersten Mal, seit er das Krankenzimmer betreten hatte. »Natürlich wurden und werden wir bedroht«, konstatierte der Senior. »Seit dem Streit um das große Center in der oberen Mühlenstraße hat das nicht wieder aufgehört. Das richtet sich gegen mich, das richtet sich natürlich auch gegen Oliver. Gegen unsere ganze Familie und alles, was wir uns aufgebaut haben! Man hat uns gesagt, das wäre alles nur Getöse, so sei das nun einmal in der Politik, und Bebauungspläne sind nun eben ein Politikum. Alles nur Gebell, da würde schon nicht gebissen. Aber jetzt sehen wir ja mit eigenen Augen, dass eben doch etwas dahintergesteckt hat. Dass Hunde, die bellen, manchmal auch beißen. Nicht wahr, Oliver?«

Sein Sohn schlug die Augen nieder und nickte.

»Sie meinen also, der Anschlag hätte gar nicht Ihrem Sohn persönlich gegolten, sondern Ihrer ganzen Familie? Sozusagen, äh, einer für alle?« Stahnke mochte selbst kaum glauben, was er da fragte.

Karl-Friedrich Eickhoff nahm wieder den Hauptkommissar ins Visier, und wenn man seine Physiognomie auch belächeln mochte, so hatte sein Blick doch Kraft. »Jawohl, das meine ich! Wie sollte es auch anders sein? Schließlich habe ich – und damit auch meine gesamte Familie – in den letzten Monaten und Jahren eine Menge Feindseligkeit erfahren! Vieles davon ging unter die Gürtellinie. Und glauben Sie mir, so etwas bleibt nicht in den Kleidern hängen! Ich bin mir sicher, da ist einer dabei gewesen, dem es irgendwann nicht mehr gereicht hat, uns nur zu beschimpfen und zu beleidigen. Den müssen Sie finden, dann haben Sie den Täter!«

Mit ausgestreckter Hand wies Eickhoff senior auf seinen Sohn Oliver, diesmal ohne ihn anzuschauen. »Mein Sohn dagegen hatte doch noch gar keine Gelegenheit, sich Feinde zu machen! In der Schule und auf der Uni war er überall beliebt, das wird Ihnen jeder bestätigen. Und seit er unter mir ins Management eingerückt ist, ist er quasi in meinem Fahrwasser gesegelt. Wer hätte denn einen Grund, ihm nach dem Leben zu trachten, wenn nicht deshalb, weil sein Nachname Eickhoff ist?«

Bisschen früh für solch ein Plädoyer, dachte Stahnke; komm lieber mit Informationen rüber! Wen genau hast du im Auge? Aber noch ehe er den Mund öffnen konnte, walzte eine imposante Frau in Weiß ins Zimmer. »So, meine Herren, wenn ich Sie dann mal hinausbitten dürfte«, rief sie laut; ihr Ton duldete keinen Widerspruch. »Ich muss dem jungen Mann an den Podex gehen, dabei möchten wir doch keine Zeugen, nicht wahr, mein Lieber?« Sie klatschte auffordernd in die Hände.

Oliver Eickhoff lief wieder an, diesmal dunkelrot.

»Ich muss sowieso gehen. Meine Zeit ist begrenzt.« Eickhoff senior winkte seinem Sohn flüchtig zu und wandte sich zum Gehen. Wobei er gleich wieder stoppen musste, denn Stahnkes massiger Körper verstellte ihm den Weg.

»Ich hätte gerne ein paar konkretere Angaben zu Ihren Ausführungen«, sagte der Hauptkommissar. »Würden Sie mich vielleicht in die Polizeiinspektion begleiten?«

»Unmöglich!« Eickhoff hob abwehrend die Hände. »Der Vorstand der Werbegemeinschaft tagt jetzt mit der Bürgermeisterin, die warten sicher schon auf mich. Mit denen habe ich mir schon den größten Teil der letzten Nacht um die Ohren geschlagen. Verstehen Sie, da geht es um viel Geld.«

»Hier geht es um Leben und Gesundheit Ihres Sohnes.« Stahnke machte keine Anstalten, seine Wegblockade aufzugeben. »Und, falls Sie mit Ihren Vermutungen recht haben sollten, um Ihre gesamte übrige Familie einschließlich Ihrer eigenen Person. Also, es liegt in Ihrem eigenen Interesse, dass Sie kooperieren.«

Karl-Friedrich Eickhoff schnaufte tief durch, fand aber offenbar kein stichhaltiges Gegenargument. »Natürlich, es stimmt, was Sie sagen«, lenkte er ein. »Trotzdem, die Sitzung ist enorm wichtig und meine Mitwirkung unverzichtbar. Aber länger als eine Stunde wird das alles wohl nicht dauern. Was meinen Sie, in neunzig Minuten bei Ihnen im Präsidium? Maximal in zwei Stunden?«

Ihr guckt alle zu viel Tatort, dachte der Hauptkommissar, während er nickte und beiseitetrat. Von wegen Präsidium! Eickhoff rauschte ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.

»So, jetzt aber auch raus mit Ihnen«, ertönte hinter ihm das Organ der resoluten Krankenschwester. »Ich kann doch die Intimität unseres Jünglings hier nicht freilegen, solange es hier zugeht wie im Taubenschlag! Am besten fange ich erst einmal mit dem Druckverband an. Der ist ja auch schon länger dran, was?«

Beim Zuziehen der Tür erhaschte Stahnke noch einen Blick auf das schmerzverzerrte Gesicht von Oliver Eickhoff und das breite Gesäß der Schwester, die sich an dessen Oberkörper zu schaffen machte. Schnell wandte er sich ab. Er hasste Krankenhäuser – genau genommen hasste er jeden Gedanken an körperliche Beeinträchtigungen, wohl wissend, dass auch er nicht dagegen gefeit war, und das umso weniger, je älter er wurde. Vielleicht hasste er Krankenhäuser gerade deshalb so sehr.

Und das, obwohl seine Freundin in einer Klinik arbeitete. Ein Widerspruch? Darüber mochte er nun überhaupt nicht nachdenken. Eher schon darüber, wie er die nächste Stunde sinnvoll nutzen konnte, mindestens so sinnvoll wie Eickhoff senior. Darüber aber brauchte er nicht lange zu grübeln.

4.

»Einen kleinen Augenblick, ich komme sofort!« Die Stimme kam aus dem hinteren Bereich des Ladens. Woher genau, ließ sich nicht ausmachen, denn der weitläufige Raum war zugestellt mit Regalen, Vitrinen und Kleiderständern. Auch draußen auf dem Bürgersteig und dem Parkstreifen flatterten ausgestellte Jacken und Blusen. Die haben es gut, dachte Stahnke, die sind wenigstens an der frischen Luft. Daran nämlich mangelte es hier drinnen. Licht war dafür überreichlich vorhanden, grelles, gleißendes Licht aus langen Neonröhren, von denen eine flackerte.

Die Stimme war immer noch zu hören, jetzt aber gedämpfter; ihr Besitzer telefonierte offenbar irgendwo da hinten. Weitere Mitarbeiter gab es anscheinend nicht. Ungewöhnlich für ein Geschäft dieser Größe, fand der Hauptkommissar. Was, wenn es hier einen Kundenansturm zu bewältigen gab?

Den aber gab es nicht. Was vermutlich das Problem war.

Hinten wurde aufgelegt. Schnelle Schritte näherten sich. »So, jetzt bin ich ganz für Sie da. Was kann ich denn für Sie tun?« Eine schmale Gestalt tauchte zwischen den Kleiderständern auf, das Gesicht blass, die Wangen hohl, die halblangen rötlichen Haare schütter; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und vervollständigten den Gesamteindruck völliger Überarbeitung. Einen erfolgreichen Geschäftsmann stellte sich der Hauptkommissar anders vor. Aber was nicht war, konnte ja noch kommen – immerhin schien das Feuer in diesen tief liegenden Augen noch nicht erloschen zu sein.

»Nur ein paar Fragen, Herr Dahlmann«, sagte Stahnke und zückte seinen Dienstausweis. »Sie waren ja Tatzeuge gestern Abend, gar nicht weit von hier.«

»Ach so.« Enttäuschung sprach aus der Miene des Rothaarigen. Ein Kunde wäre ihm offenkundig lieber gewesen als ein Kriminalpolizist. »Na, dann schießen Sie mal los. Ich meine natürlich – na, Sie wissen schon. Dieser eine Schuss von gestern Abend, der reicht mir erst einmal für eine Weile.«

Stahnke musterte den bleichen, ausgemergelten Mann, dessen Blick mehr Energie ausstrahlte als seine restliche Erscheinung. Wie kam solch ein Typ dazu, ausgerechnet einen Klamottenladen aufzumachen? Und wieso blieb er derart verbissen dabei, obwohl es doch offensichtlich nicht funktionierte?

So kurz das Schweigen auch währte, für den Rothaarigen war es schon zu lang. »Ich war ja bereits auf dem Heimweg gestern Abend, mit dem Herrn Christiansen, meinem Kollegen«, begann er unaufgefordert zu erzählen. »Der von dem Buchladen gleich da vorne. Wir standen gerade vor dem Coloniale, als der junge Schnösel an uns vorbeikam, nicht wahr, Eickhoff junior. Schien es ziemlich eilig zu haben.«

»Bei Ihnen stehen geblieben ist er nicht? Ich meine, weil Sie sich doch kennen, so als Kollegen. Schließlich sind Sie in der gleichen Branche tätig.«

»Der? Bei mir stehen bleiben?« Dahlmann lachte spöttisch auf. »Dafür wäre sich der junge Herr doch viel zu fein! Auf so etwas wie mich schaut man in seinen Kreisen bloß angewidert herab. Für den bin ich doch wie Scheiße am Hacken!« Der Rothaarige grinste so breit, wie sein schmales Gesicht es zuließ. »Entschuldigung, Herr Kommissar. Meine Scherze sind manchmal etwas derb.«

Und dein Lachen ist nicht echt, setzte Stahnke in Gedanken hinzu. Dieser Mann scherzte nicht, er tat nur so. In Wahrheit schien er tief verletzt zu sein.

»Trotzdem haben Sie nicht gezögert, Herrn Eickhoff junior zu Hilfe zu kommen«, sagte er laut. »Die Schusswunde war zwar nicht lebensgefährlich, trotzdem war es gut, dass sie schnellstmöglich versorgt werden konnte. Wäre die Kugel anderswo eingeschlagen, hätte Ihre Reaktion den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen können.«

Dahlmann winkte ab und schaute zu Boden. »Ach, das war doch selbstverständlich, ich bitte Sie! Wenn man so was heutzutage nicht mehr ganz automatisch täte, wo kämen wir denn da hin? Außerdem, den Anruf beim Rettungsdienst hat ja der Christiansen gemacht. Der hat noch viel schneller reagiert als ich. Und das, obwohl ihn der Typ kurz zuvor ebenso angepöbelt hat …« Der Kaufmann unterbrach sich und blickte erschrocken auf.

»Angepöbelt«, wiederholte Stahnke. »Ebenso wie wen?«

Dahlmann zuckte die Achseln. »Wie mich«, sagte er. »Aber das ist ja nichts Neues. Dass die Eickhoffs und wir von der Altstadt ständig überkreuz sind, das weiß ja nun jeder, der regelmäßig Zeitung liest. Dabei spielt der Kleine nur eine Nebenrolle. So etwa wie der Papagei auf der Schulter von Long John Silver.« Er lachte wieder, diesmal gehässig. Das wirkte ehrlicher.

»Was war denn der Anlass Ihres Wortgefechts?« Der Hauptkommissar ließ nicht locker. »Wann und wo spielte sich das ab?«

Dahlmann seufzte, dann begann er den Vorfall vom vergangenen Abend im Zusammenhang zu schildern, wobei er den kläglichen Verlauf des Einkauf-Events in der Fußgängerzone in den dunkelsten Farben malte. »Kein Wunder, dass bei denen die Nerven blank liegen«, schloss er. »Wenn die sogar schon aufeinander losgehen! Nach außen spucken sie noch große Töne, tatsächlich aber wissen sie langsam nicht mehr, wie sie der Konkurrenz des Internets und der großen Märkte am Stadtrand noch Paroli bieten sollen. Da regiert einfach die Panik.« Der Geschäftsinhaber breitete bedauernd die Arme aus; seine Miene aber ließ Schadenfreude erkennen. »Eickhoff senior steht natürlich besonders unter Erfolgsdruck, weil er ständig Angst hat, von seinem eigenen kleinen Bruder in den Schatten gestellt zu werden. Karl-Joseph Eickhoff, der Reeder, sagt Ihnen das was?«

Stahnke nickte, ohne richtig hingehört zu haben. Er musste an die Worte von Karl-Friedrich Eickhoff denken, die möglichen Motive für den Anschlag auf seinen Sohn betreffend. Tatsächlich schien sich der Senior durch seine rigide Geschäfts- und Verbandspolitik täglich neue Feinde zu machen, nicht zuletzt im eigenen Lager. Aber waren konkurrierende Kaufleute, mochten sie untereinander auch noch so uneinig oder gar verfeindet sein, als neuzeitliche Pistoleros auf dem Motorrad vorstellbar?

Natürlich waren sie das, stellte der Hauptkommissar fest und war selber überrascht.

Unwillig schüttelte sich Stahnke den Gedanken aus dem Kopf. »Was halten Sie von der Idee, dass der Anschlag auf Oliver Eickhoff gar nicht ihm persönlich gegolten hat, sondern seiner Familie? Dass der junge Mann sozusagen stellvertretendes Opfer war?« Jetzt, da er sie aussprach, kam ihm die Theorie absurd vor.

Genauso kam sie bei Dahlmann an. »Das hat Ihnen der Alte selber erzählt, stimmt’s?«, rief er. »Der Spinner! Lässt wirklich keine Gelegenheit aus, sich aufzuspielen und seine Kritiker ins schlechte Licht zu rücken! Selbst wenn sein eigener Sohn dafür den Kopf hinhalten muss.« Er grinste: »Oder vielmehr den Popo. Ist ja echt die Frage, welches bei dem der edlere Körperteil ist.«

Stahnke musste sich beherrschen, um dienstlich ernst zu bleiben. »Sie glauben also nicht an diese These. Aber wer könnte denn sonst einen Grund gehabt haben, derart auf Oliver Eickhoff loszugehen?«

»Wer?« Der Rothaarige kniff die Augen zusammen. »Eine ganze Menge Leute, davon können Sie ausgehen! Der Kleine ist nämlich nicht so lieb und nett, wie er und sein Vater Sie anscheinend glauben machen wollen. Allein schon, was der für einen Umgang hat! Kein Wunder, dass der Christiansen langsam graue Haare kriegt.«

»Sie meinen den Buchhändler da vorne an der T-Kreuzung, mit dem Sie gestern Abend unterwegs waren? Inwiefern ist der denn von Eickhoff juniors Umgang betroffen?«

»Weil, der Christiansen, der vermietet ja auch«, erläuterte Dahlmann. »Die große Wohnung über seinem Laden. Na ja, das Haus ist alt, abends ist es im Restaurant naturgemäß etwas lauter, da kann er sich seine Mieter nicht wirklich aussuchen, verstehen Sie? Deswegen nimmt er gerne Wohngemeinschaften. Aber mit der jetzigen hat er echt ins Klo gegriffen. Ständig Lärm, ständig Randale, und die Polizei ist auch jede zweite Woche da. Eigentlich wollte Christiansen die Leute längst raussetzen, aber da ziehen ja sowieso ständig welche ein und aus, und jedes Mal heißt es, den Ärger hätte immer nur der gemacht, der jetzt weg sei. Tja, und der Christiansen, der hat eben so ein weiches Herz, verstehen Sie? Deswegen geht der ganze Mist auch immer weiter.«

»Und Oliver Eickhoff soll zu dieser WG gehören?« Der Hauptkommissar klang ungläubig.

»Nein, natürlich nicht!« Dahlmann verzog sein Gesicht. »Als ob der im Altbau wohnen würde! Nee, für den hat Papa ganz was Modernes hochziehen lassen, da draußen im Neubaugebiet an der Grenze zwischen Loga und Heisfelde. Aber der Oliver verkehrt mit den Leuten, die oben beim Christiansen wohnen, und ich schätze, das darf man auch wörtlich nehmen, also von wegen verkehren.« Er zwinkerte anzüglich. »Jedenfalls hält er sich alle paar Nächte dort auf, und wenn mal wieder die Remmi-demmi-Feten steigen, dann ist der Junior auf jeden Fall dabei. Und der Leiseste ist er dann bestimmt nicht!«

»Stößt sich also die Hörner ab«, brummte Stahnke. »Weiß sein Vater davon?«

»Es gibt wenig, was der alte Eickhoff hier in Leer nicht weiß«, orakelte der Kaufmann. »Aber manchmal macht er auch einfach die Augen zu.«

Der Hauptkommissar verzog seinen Mund. Es war ja erfreulich, dass dieser Klamottenhöker hier so geschwätzig war, aber Stahnke hatte keine Lust, sich die Sumpfblüten der ewigen Händler-Rivalität zwischen Fußgängerzone und Altstadt als verwertbare Spuren andrehen zu lassen. Dahlmann und Eickhoff senior schienen nichts anderes im Sinn zu haben, als ständig mit dem Finger auf den jeweils anderen zu zeigen, und das gab hier motivtechnisch keinen Sinn, war doch der eine der Vater des Tatopfers und der andere ein Tatzeuge, der wiederum durch seinen Begleiter alibimäßig abgesichert war. Was also sollte das bringen? Zeit, die Aussage unter Dach und Fach zu bringen. Der Kriminalpolizist straffte sich. »Erzählen Sie doch bitte weiter, wie sich die Sache gestern Abend abgespielt hat. Ab dem Moment, als Sie den jungen Eickhoff erkannt hatten.«

»Noch einmal?« Dahlmann stöhnte unwillig auf. »Was das wieder an Zeit kostet!« Sein Blick schweifte durch den Laden, und hätte er auch nur einen Kunden erspäht, so hätte er sich bestimmt auf ihn gestürzt, um dieser lästigen Pflicht zu entgehen. Kunden aber gab es keine, und so fügte sich der Kaufmann seufzend in sein Schicksal.

5.

Auch Stahnke seufzte, sobald er den Laden verlassen hatte, und atmete tief durch. Viel hatte er an diesem Vormittag ja noch nicht zustande bekommen, musste er sich eingestehen, trotzdem fühlte er sich bereits erschöpft. Er wurde eben nicht jünger. ›Wir können das nicht mehr so!‹, pflegte sein Dienststellenleiter Manninga regelmäßig zu mahnen, wenn es wieder einmal besonders stressig zuging. Davon konnte jetzt und hier noch überhaupt keine Rede sein, dennoch hatte der Hauptkommissar das Gefühl, dass sein Vorgesetzter auf Dauer recht behielt.

Das ärgerte ihn und trieb ihm das Blut in die Wangen. Schon war der Anflug von Müdigkeit wieder verflogen. So geht das also, schmunzelte Stahnke und blickte auf die Uhr. Das Gespräch mit Eickhoff senior stand an; wenn der sich an die versprochenen neunzig Minuten hielt, käme der Hauptkommissar gerade zurecht, wenn er sich jetzt auf den Weg in die Polizeiinspektion am Hafenkopf machte. Andererseits hatte sich Eickhoff eine Pufferzeit von weiteren dreißig Minuten ausbedungen. Also konnte Stahnke durchaus vorher noch einen Kaffee trinken gehen. Sollte sein Gesprächspartner früher eintreffen, musste der sich eben gedulden. Das tat ihm bestimmt ganz gut.

Zum Tarax waren es nur ein paar Schritte – auch noch in die richtige Richtung. Lange hatte das alte Taraxacum leer gestanden, nachdem der frühere Besitzer erst pleite gegangen und dann verstorben war. Viele Leeraner hatten diesen Zustand wortreich bedauert, hatte diese Buchhandlung mit angegliedertem Café und Restaurant doch früher als Hort der höheren Kultur in der kleinen Händlerstadt an Ems und Leda gegolten. Doch offensichtlich hatten sich diese vielen Bedaurer nicht häufig genug von der Kultur und ihrem Hort anlocken lassen. Von guten Worten allein aber konnte kein Laden überleben.

Die jetzigen Tarax-Besitzer hatten das alte Konzept in neuem Gewand wieder aufleben lassen. Jetzt stand alles unter dem Motto Krimi, und der Laden hieß denn auch entsprechend Tatort Taraxacum. Diese Tatsache bereitete Stahnke ebenso leichtes Unbehagen wie die Deko von Geschäft und Restaurant, die aus allerhand Uniformmützen und anderen Polizei-Utensilien, Hackebeilen und Thriller-Plakaten bestand. Der Hauptkommissar hielt nichts von Kriminalromanen, dazu nahm er seinen Beruf viel zu ernst. Und außerhalb der Dienstzeit schaltete er gerne ab, da mochte er nicht ständig an seinen Broterwerb erinnert werden.

Andererseits war er jetzt gerade im Dienst, auch in einer Kaffeepause, da würde das Umfeld ja passen, überlegte er. Außerdem klagte er auf hohem Niveau, denn eigentlich mochte er den urgemütlichen Laden, Krimis hin oder her.

Die beiden abgestoßenen Stufen, die hölzerne, braun gemaserte Tür, der hohe Verkaufsraum mit den vielen hölzernen und gusseisernen Säulen, all das hatte eine besondere, eindrucksvolle und doch heimelige Ausstrahlung. Die unzähligen Bücher und der andere Krimi-affine Kram auf den Regalbrettern und den Tischen interessierten ihn weniger. Ihn drängte es nach hinten, ins Café.

Andererseits gab es vorne links ebenfalls einen kleinen Tisch mit vier Stühlen, der den Vorteil hatte, dass man von dort aus das Treiben auf Rathaus- und Brunnenstraße im Auge behalten konnte. Warum auch immer. Stahnke zögerte.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Er hatte die junge Frau gar nicht kommen hören. Unversehens tauchte sie von rechts in seinem Gesichtsfeld auf, mittelgroß, sehr schlank, mit hinten hochgestecktem, dunkelblond gesträhntem Haar. Eine große, dunkelrandige Brille kontrastierte stark zu ihrer hellen Haut und gab ihr einen intellektuellen Touch. Für eine Buchhändlerin vermutlich Dienstvorschrift, überlegte der Hauptkommissar.

»Ach ja, nee, ich überlege nur … könnte ich hier vorne auch einen Kaffee bekommen?«

»Aber natürlich. Dafür steht dieser Tisch ja hier.« Sie lächelte, ohne eine Spur von Spott in Miene und Ton. »Ich kann gerne für Sie bestellen, ist ja gerade nichts los hier. Was für einen Kaffee möchten Sie denn? Milchkaffee, Cappuccino, Espresso?«

»Ganz normalen Kaffee bitte.« Stahnke angelte nach einer Stuhllehne.

»Tasse oder Becher?« Die Frau zückte Block und Stift.

»Becher.« Himmel, was wollte die wohl als Nächstes wissen? Er war hier doch nicht bei Starbucks!

Die Buchhändlerin aber nickte nur, drehte sich um und ging gemessenen Schrittes nach hinten, Richtung Restaurant.

Stahnkes Blick folgte ihr bis zum Durchgang. Sie war dunkel gekleidet, ihr Top hatte Dreiviertel-Ärmel. Was war das da an ihrem rechten Arm? Ein Tattoo anscheinend, irgendetwas Blaues, sah aus wie ein Kopf. Ein Kopf mit Hörnern. Warum um Himmels willen ließ sich eine junge Frau so etwas in die Haut stechen? In solch milchweiße, zarte Haut noch dazu? Der Hauptkommissar konnte der grassierenden Tätowier-Mode überhaupt nichts abgewinnen. Mode kam, um wieder zu gehen, das war doch ihr Hauptzweck, vielleicht sogar ihr einziger. Was aber machte eine Tätowierte, wenn diese Mode mal out war?

Ach, da gab es ja diesen Schlager. »Bye bye Arschgeweih, ich geb dich zum Lasern frei.« Aua! Aber der Reim war nicht schlecht.

Draußen auf der Straße war immer noch wenig los. Rein geschäftlich schien der Tag noch in der Vorbereitungsphase zu sein. Der Betreiber des Wohntheaters dekorierte Antiquitäten und Second-Hand-Kram auf dem Bürgersteig, der Dönermann schleppte Kartons in seinen Grill im Eckhaus. War das überhaupt der Grill-Betreiber? Stahnke hatte den Mann anders in Erinnerung: stämmiger, dunkler, immer ein bisschen schmierig. Der hier machte einen sehr adretten Eindruck. Na, vielleicht nur ein Lieferant. Anderseits hatte er einen Schlüssel.

»Ihr Kaffee.« Die Buchhändlerin hatte sich wieder so lautlos angeschlichen, dass Stahnke leicht zusammenzuckte. Sie stellte den dampfenden Becher vor ihm ab, drehte den Henkel in Griffrichtung, drapierte Dosenmilch und Folien-Keks übertrieben sorgfältig. »Sonst noch einen Wunsch?«

»Nein danke, alles gut.« Der Hauptkommissar erwiderte ihren Blick, wunderte sich über das viele Weiß rund um die Iris. Ein starrer Blick? Oder ein herausfordernder?

Mit der Andeutung eines Lächelns wandte sich die junge Frau um und verschwand hinter dem Kassentisch hindurch im Büro. Wiederum ohne einen Laut.

Ganz so jung, wie ich zuerst dachte, ist sie wohl nicht, dachte Stahnke, das ein oder andere Fältchen hat sie schon, so rund um die Augen. Wie alt mag sie sein – Ende zwanzig, Anfang dreißig? Oder schon Mitte? Wie auch immer, auf jeden Fall ist sie viel zu jung.

Er stutzte. Zu jung wofür? Was sollte denn solch ein Gedanke? Wo kam der her? Er hatte doch überhaupt keine Absichten, er hatte doch …

Sina. Aha, daher wehte der Wind. Wieder spürte er diese altbekannten Stiche. Und als er den ersten Schluck Kaffee heruntergestürzt hatte, spürte er auch wieder dieses Brennen im Magen. Klar konnte es vom zu heißen Kaffee kommen. Aber das wusste er besser.

Jahrelang hatte er sich diese unkontrollierbaren Eifersuchts-Attacken übel genommen. Musste er sich denn sein Glück mit dieser wunderbaren jungen Frau mutwillig selber vermiesen? Natürlich war es eine Amour fou, eine Beziehung, die aus dem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen fiel. Er hasste diese hochgezogenen Augenbrauen angesichts der gut zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen ihm und seiner Freundin ebenso sehr wie das fette Lachen seiner Macho-Kollegen und deren anerkennendes Schulterklopfen: »Mensch, Stahnke, du musst ja verborgene Qualitäten haben, dass du so ein junges Blut unter Vertrag halten kannst! Hätte gar nicht gedacht, dass du so ein Hengst bist!« Drecksäcke. Manchmal hätte dieser Hengst am liebsten kräftig ausgekeilt.

Aber andererseits schmeichelte ihm solch klebrige Macho-Anerkennung doch auch, obwohl er es sich nicht eingestehen mochte. Und obwohl die Prämissen dieses Lobes auch überhaupt nicht stimmten. Von wegen erfrischender Brunnen der Jugend, in den er nach Belieben eintauchen konnte! Nicht er war die lenkende Kraft in dieser Beziehung. Weit gefehlt! Für Stahnke war Sina die, von der er lernte, an der er sich orientierte. Um mit ihr Schritt zu halten, musste er sich ständig selber ins Hinterteil treten. Und das tat ihm gut.

Der Jungbrunnen natürlich auch. Und das Eintauchen.

Trotzdem, diese Intervalle von Eifersucht und Misstrauen konnte er einfach nicht unterdrücken. Und egal, gegen wen sie sich richteten – letztlich richteten sie sich doch immer gegen ihn selbst. Weil er deutlich spürte, dass er es war, der hier nicht passte. Der nicht genügte. Da konnte er sich so oft in den Hintern treten, bis der blau anlief, dieses Gefühl bekam er damit nicht weg.

Und solche Gefühle, solche Zweifel färben irgendwann ab, schlagen durch auf die Realität. Verfluchte Dialektik! Selbsterfüllende Prophezeiung nannte man das wohl auch. Oder, blumiger ausdrückt: Zweifel und Misstrauen sind Äxte am Baum der Liebe.

Ich glaub, es hackt, dachte Stahnke. Vielmehr, ich weiß es. Und der da hackt, das bin ich.

Er stürzte den Rest seines Kaffees hinunter. Heiß war der nicht mehr, aber es brannte dennoch.

Wie oft hatte es so gebrannt, wenn er an Sina und ihr freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Ex-Freund, dem Journalisten Marian Godehau, gedacht hatte! Dabei hatte Sina diesen Burschen längst weit hinter sich gelassen, fand ihn zwar immer noch unterhaltsam und nett, aber viel zu kindisch. Trotzdem hatte Stahnke sich immer wieder eingebildet, zwischen den beiden etwas wahrzunehmen, das sich zu einem Keil zwischen ihm selbst und ihr entwickeln mochte. Pure Einbildung, gespeist aus dem Schuldbewusstsein Marian gegenüber, dem er seinerzeit die Freundin ausgespannt hatte – was wiederum eine Sichtweise war, mit der er Sina auf gar keinen Fall kommen durfte. »So denken keine Männer, so denken nur Männchen«, würde sie sagen. Und dass sie in Sachen Beziehung immer noch selbst die Entscheidungen träfe.

Oh ja, das traf absolut zu. Hatte er vielleicht davor so große Angst?

Die Tür wurde geöffnet; zwei Paare betraten den Laden. Das eine ging gleich durch nach hinten ins Café, das andere steuerte den Tresen an. Offenbar ging es um vorbestellte Bücher, die schnell gefunden und bezahlt waren. Danach ging auch das zweite Pärchen weiter ins Restaurant.

Stahnke blickte auf die Uhr: schon nach zwölf, die Küche hatte geöffnet. Er musste dringend zu seiner Dienststelle aufbrechen. Die halbstündige Auszeit war bereits vorüber.

Er wollte sich erheben, aber blanke Unlust hielt ihn zurück. Dieser blasierte, arrogante Eickhoff! Musste er sich den wirklich antun? Neue Erkenntnisse waren von einer Unterhaltung mit dem sowieso nicht zu erwarten, jedenfalls nicht, solange er überhaupt nicht wusste, wonach er eigentlich fragen sollte. Auf reine Verdächtigungen und Unterstellungen gegenüber irgendwelchen Rivalen und Konkurrenten der Eickhoff-Familie jedenfalls konnte er gerne verzichten.

Er zückte sein Handy. Zögerte kurz, gab sich dann aber einen Ruck. Dies war ja schließlich keine Mordermittlung!

»Kramer? Ist Eickhoff senior schon da?«

»Allerdings.« Der Oberkommissar klang genervt. »Seit einer Viertelstunde schon. Wartet nebenan. Wenn man das warten nennen kann! Alle zwei Minuten steht er bei mir auf der Matte.«

»Dann behalte ihn das nächste Mal einfach da«, sagte Stahnke. »Übernimm du doch Eickhoffs Befragung, ja? Ich bin hier in der Altstadt zugange. Dafür brauche ich noch ein bisschen.«

»Wofür? Etwa Kaffee trinken im Taraxacum?« Kramer klang gereizt. »Was soll ich den Typen überhaupt fragen?«

»Lass dir was einfallen. Du kennst den Fall doch ebenso gut wie ich.« Oder ebenso schlecht, setzte der Hauptkommissar in Gedanken hinzu. Dann schnippte er mit den Fingern. »Und übrigens, Tarax stimmt, aber von wegen Kaffee! Der Laden gehört doch neuerdings diesem Christiansen, du weißt schon, dem Obelix von Asterix. Die beiden haben bekanntlich zusammen die Tat beobachtet, mehr oder weniger. Also, Christiansen muss ich auch noch befragen.«

»So.« Kramer war ein Meister der Untertöne, der jedermann der faulen Ausrede bezichtigen konnte, ohne dass es nachweisbar gewesen wäre. »Neuerdings ist übrigens stark untertrieben, Christiansen gehört das Haus schon seit drei Jahren. Und übrigens, was ist mit der WG? Wenn schon, dann kannst du dir die ja auch gleich vorknöpfen.«

»WG? Was für eine WG?« Stahnke hatte die Frage kaum gestellt, da fiel es ihm wieder ein. »Ach so, die anrüchige Wohngemeinschaft, in der der junge Eickhoff verkehrt haben soll.« Er richtete seinen Blick zur Decke. Jenseits der fetten Balken mussten sie hausen, die wilden Gesellen, die auf den jungen Mann aus reichem Hause solch eine Anziehungskraft ausübten. Vor allem wohl die Gesellinnen. »Na klar, ein Besuch da oben steht auch auf meiner Agenda.«

Der Hauptkommissar beäugte die Deckenbalken noch einmal gründlich: Nein, sie bogen sich nicht. So sehr er auch log.

Kramer holte Luft, kam aber nicht mehr dazu, eine weitere Spitze abzufeuern. Eickhoff seniors laut polternde Stimme fuhr ihm dazwischen. Offenbar stand der mal wieder auf Kramers Matte.

»Na denn, viel Erfolg!«, säuselte der Hauptkommissar und beendete eilig das Gespräch.

Draußen vor dem Fenster quietschten Reifen. Der Fahrer eines tiefergelegten BMWs hatte es offenbar auch sehr eilig. Während der Wagen laut röhrend um die Kurve driftete, erhaschte Stahnke den flüchtigen Eindruck eines jungen, unbewegten Männergesichts hinter der Frontscheibe. Das einzig Lebendige an diesem Gesicht schien die große, verspiegelte Sonnenbrille zu sein, in deren Gläsern sich die Hausfassade krümmte.

Ein Grüppchen kleiner, braunhäutiger Männer wäre dem Kamikaze-Piloten beinahe vor den Spoiler gelaufen. Im letzten Moment hatten sie am Bordstein gestoppt und schimpften dem Raser jetzt hinterher. Touristen, schätzte Stahnke. Bis vor kurzem hätte er sie trotz der umgehängten Kameras noch für Seeleute gehalten, die an einem Rettungslehrgang auf der Emssturm teilnahmen. Das langjährige Ausbildungsschiff aber hatte inzwischen den Leeraner Hafen verlassen. Die Handelsschifffahrt steckte in der Krise, wieder einmal. Da rechnete sich derartige Ausbildung nicht mehr.

Dahlmanns Worte fielen Stahnke wieder ein. So, Eickhoffs jüngerer Bruder war also Reeder? Na, da hatte der wohl aufs falsche Pferd gesetzt. Auf ihn musste der Kaufmann also nicht mehr lange eifersüchtig sein.

Vor ein paar Tagen hatte in der Zeitung gestanden, was mit der alten Emssturm geschehen sollte. Angeblich wurde sie in die Türkei geschleppt, zum Abwracken. Schade drum! Das mehr als fünfundsiebzig Meter lange ehemalige Fischereiforschungsschiff mit seiner hoch aufragenden Back hatte dem Hafen von Leer rein optisch gut zu Gesicht gestanden.

»Noch einen Kaffee?« Wieder stand die Buchhändlerin so unvermittelt neben ihm wie aus den braunen Fliesen gewachsen.

»Nein danke, aber Sie könnten mir vielleicht eine Frage beantworten«, erwiderte Stahnke, der diesmal nicht zusammengezuckt war.

»Aber gerne, wenn ich kann.« Die junge Frau verschränkte ihre Finger und hob erwartungsvoll die Brauen, den Blick ihrer weit aufgerissenen Augen fest an ihren Gast geheftet.

Was soll das, dachte der Hauptkommissar irritiert, will die mich veräppeln? »Ich würde gerne Ihren Chef sprechen, den Herrn Christiansen«, sagte er. »Ist er vielleicht im Büro?«

»Nein, tut mir leid.« Auch ihr bedauernder Tonfall schrammte hart an der Parodie vorbei. »Herr Christiansen ist vor einer Stunde nach Aurich gefahren. Wir erwarten ihn erst kurz vor Ladenschluss zurück. Die Kasse macht er ja immer gerne selber.« Sie legte eine Hand auf ihren Mund, als wollte sie diese halb vertrauliche Information noch im Nachhinein am Entfleuchen hindern.

»Das ist bedauerlich. Nach Aurich, ja?« Sollte er nach dem Grund fragen? Noch hatte er sich ja nicht einmal vorgestellt.

»Er schaut sich dort Immobilien an. Möglicherweise will er demnächst eine Filiale aufmachen.« Wieder legte sie ihre schlanken Finger an die Lippen: »Das muss nicht unbedingt jeder wissen, jedenfalls noch nicht. Aber Sie sagen das ja sicher nicht weiter, nicht wahr, Herr Kommissar?«

So so, sie wusste also, wer er war! War er in Leer etwa schon derart bekannt? Unwillkürlich glitt sein Blick von ihrem Gesicht über Finger und Hand auf das blaue Tattoo auf ihrem Unterarm. Jetzt zuckte er doch ein wenig zusammen, denn die gehörnte Fratze sah unglaublich diabolisch aus, direkt unheimlich. Auf einem schmalen Banner darunter stand etwas geschrieben. Etwa ein Fluch?

Sie nahm die Hand herunter, ehe Stahnke die Worte entziffern konnte. »Soll ich Herrn Christiansen vielleicht etwas bestellen, wenn er wieder zurück ist?«

Der Hauptkommissar schüttelte den Kopf. »Danke, nicht nötig, ich rufe ihn dann selbst an. Aber sagen Sie, die Wohnung dort oben, da wohnen doch mehrere junge Leute – ob ich dort vielleicht jemanden antreffen kann?«

Ihre Augen wurden schmal. »Keine Ahnung«, versetzte sie knapp. »Letzte Nacht ist dort wohl jemand zu Hause gewesen, wie ich hörte, aber jetzt – das weiß ich nicht.«

»Wie Sie hörten? Von wem denn?«

»Von einem Krimi-Autor, der gestern Abend hier im Laden eine Lesung abgehalten hat. So was machen wir öfter mal, auch kleine Konzerte. Die Künstler übernachten dann immer in der kleinen Wohnung, die nach hinten raus geht und ansonsten leer steht. Als der Autor heute Vormittag abgereist ist, meinte er, vorne sei wohl mächtig Party gewesen letzte Nacht. Erst weit nach Mitternacht habe er schlafen können, und selbst dann habe er noch geträumt, jemand hätte ihm auf dem Kopf herumgetrampelt.«

»So wild, ja?« Da wäre der kleine Oliver Eickhoff bestimmt gerne dabei gewesen, setzte Stahnke in Gedanken hinzu. Typisch Bürgertum, nach außen immer etepetete, aber dann das Verdrängte umso wilder ausleben! Schade für ihn, dass ihn der Zustand seines Hinterteils vom Mitfeiern abgehalten hatte.

Wieder flog die Ladentür auf; die Altstadt hatte sich deutlich belebt, die Kunden gaben sich die Klinke in die Hand. Die Buchhändlerin machte eine Geste des Bedauerns: »Ich glaube, ich werde gebraucht. Wenn ich dann nichts mehr für Sie tun kann …«

»Danke, alles klar.« Der Hauptkommissar entließ sie mit einem freundlichen Nicken. Schon war die junge Frau Richtung Kassentresen verschwunden.

Stahnke erhob sich, trug seine leere Tasse nach hinten ins Restaurant, wo noch mehr Betrieb herrschte als vorne im Laden, zahlte und verließ das Gebäude durch die Seitentür, die hinaus auf die Terrasse führte. Die Oktobersonne war inzwischen hinter den Wolken und dem klotzigen Rathausneubau zum Vorschein gekommen und bestrahlte die Außentische, von denen viele besetzt waren, obwohl es eigentlich schon zu frisch war, um draußen zu sitzen.

Eine schmale Gasse verband die Terrasse mit der Rathausstraße; dorthin wandte sich der Hauptkommissar, denn da, etwa auf halber Strecke, lag auch der Eingang zur vorderen Wohnung über dem Tatort Taraxacum. Unter der Klingel hing ein Pappschild mit den Namen der Bewohner. Ursprünglich mochten es vier oder fünf gewesen sein. Seither aber waren mehrere durchgestrichen und andere, teils kaum leserlich, dazugekritzelt worden, so dass schwer zu erkennen war, wer hier aktuell eigentlich lebte. Von der ursprünglichen WG schien nur noch ein einziger Name erhalten zu sein: Frederik Jaschinsky.

Stahnke presste seinen Daumen auf den Klingelknopf. Oben im Haus ertönte ein Gong, gerade eben noch hörbar. Sonst geschah nichts. Der Hauptkommissar gongte noch ein zweites und ein drittes Mal, ohne Erfolg. Na gut, dachte er. Dann eben später; wegen der Befragung des Tatzeugen Christiansen musste er ohnehin noch einmal wiederkommen. Vielleicht konnte er diesen Besuch ja mit einem weiteren Kaffee verbinden.

Das Gesicht der jungen Buchhändlerin kam ihm in den Sinn. Ebenso die blaue Fratze auf ihrem Arm. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Dann schaute er auf die Uhr: Mit etwas Glück hatte Kramer das Gespräch mit Eickhoff senior schon erledigt, dann konnten sie beide in Ruhe Mittag essen gehen und das weitere Vorgehen besprechen. Was er selbst tun würde, wusste er schon: sich mal ein bisschen mit der Familie Eickhoff befassen. Wer so dazugehörte, was die so trieben. Nicht nur wegen Dahlmanns Bemerkung vorhin; Karl-Friedrich Eickhoff persönlich hatte ihn auf diesen Gedanken gebracht, durch seine Behauptung, das Attentat auf seinen Sohn hätte sich in Wahrheit gegen die ganze Familie gerichtet. Da gehörte es sich doch, mal nachzuforschen, welche Gründe es dafür geben mochte.

Ob Eickhoff senior das mit seinen Worten hatte erreichen wollen? Sicher nicht. Stahnke lächelte vor sich hin. Gerade deshalb, dachte er. Gerade deshalb.

6.

»Domian, nein! Lass das, Domian! Domian, kannst du nicht hören? Ich will das nicht, verdammt noch mal!«

Die Frau wehrte sich aus Leibeskräften, aber Domian war einfach zu stark. Unmöglich, ihm zu widerstehen, wenn er etwas wirklich wollte. Dann bremste ihn nichts und niemand. Und ein »Nein« schon gar nicht.

»Nein, Domian! Nicht!« Vergebens, sie hatte keine Chance. Sie musste aufhören, sich dagegenzustemmen, zu ziehen und zu zerren, sonst ging es ihr dreckig. Das wusste sie aus böser Erfahrung.

Sie ließ die Leine los. Während die Frau auf dem weichen, glitschigen Boden stolpernd um ihr Gleichgewicht rang, sauste Domian davon, hinter der getigerten Katze her hinein in den modderigen Graben. Während aber die Katze leichtfüßig über den stinkenden Schlamm hinwegsetzte und am jenseitigen Ufer im Unterholz verschwand, platschte der blendend weiße Golden Retriever mitten hinein.

»Ach, Domian.« Die Frau schüttelte den Kopf. Hoffentlich blieb das dämliche Viech nicht auch noch im Modder stecken! Einmal war das schon passiert, und sie hatte Hilfe holen müssen, um das Vierzig-Kilo-Biest wieder auf festen Boden zu zerren. Anschließend hatte sie Stunden gebraucht, um den Hund zu waschen, zu trocknen und zu bürsten, bis jedes Stäubchen und jede Geruchsspur wieder entfernt war. Ihre Tochter stellte sich ja dermaßen an mit dem Hund!

Dabei gehörte der Retriever eigentlich Oliver. Aber der hatte schon lange das Interesse an dem Tier, das ihm sein Onkel geschenkt hatte, verloren. Sich selber um die Töle zu kümmern und womöglich mit Domian Gassi zu gehen, dafür hatte der feine junge Herr natürlich keine Zeit.

»Komm her, Domian! Komm her! Sei ein Braver. Kriegst auch ein Leckerli.« Auch noch belohnen musste sie dieses störrische Vieh. Das ging ihr total gegen den Strich. Aber was half es, Oliver Eickhoff hatte den Hund in der kurzen Zeit, die er bei ihm verbracht hatte, komplett verwöhnt, und jetzt war Domian mit normalen Mitteln nicht mehr beizukommen. Bestochen wollte er werden, verhätschelt und betütert, bei jeder Gelegenheit. Tja, wie der Herr, so das G’scherr.

Erschrocken schaute sich Antje Baumann nach allen Seiten um. Dass sie diese ungebührlichen Worte nicht etwa laut ausgesprochen hatte, das wusste sie natürlich. Aber vielleicht stand es ihr ja ins Gesicht geschrieben, was ihr da gerade durch den Kopf gegangen war! Wusste man’s? Nein, man wusste es nicht. Wusste man nie! Es gab eben doch mehr zwischen Himmel und Erde, als in der Schule gelehrt wurde. So hatte es neulich erst wieder im Fernsehen geheißen. Und in der Kirche auch.

Antje Baumann war Anfang fünfzig; nächstes Jahr würde sie nun schon fünfunddreißig Jahre bei den Eickhoffs in Stellung sein. Sie hatte bereits den Haushalt in der großen Villa in Leer-Loga besorgt, ehe Karl-Friedrich dort das Kommando übernommen hatte. Seit Heinrich-Wilhelm Eickhoff vor einigen Jahren verstorben war, wurde sein Sohn Karl-Friedrich »Eickhoff senior« genannt. Für Antje Baumann klang das immer noch irgendwie falsch. Obwohl, das gab sich, so nach und nach. Karl-Friedrich Eickhoff, früh verwitwet, wurde seinem Vater immer ähnlicher. Außerdem nannte sie ihn sowieso immer »gnädiger Herr«, genau wie seinen Vorgänger, da konnte sie sich nicht verplappern.

Er nannte sie immer »Mädchen«, auch jetzt noch, mit Anfang fünfzig. So hatte eben alles seine Ordnung.

»Domian!« Antje Baumann beeilte sich, dass sie dicht genug an den Graben herankam, um womöglich das Ende der langen, edlen Lederleine zu erwischen. Hoffentlich war die nicht auch ganz verdreckt! Die musste nach dem Reinigen nämlich eingefettet werden, sonst wurde sie beim Trocknen rissig. Und falls der junge Herr das bei einem seiner Besuche im Stammhaus mitbekam, würde er wieder fuchsteufelswild. Auch wenn ihm der Hund ansonsten egal war.

Sie erreichte den Grabenrand und beugte sich vor, die Arme ausgebreitet, um nicht die Balance zu verlieren. »Domian?« Der Hund war nirgends zu entdecken, ebenso wenig wie das Leinenende. Um Gottes willen, das Tier würde doch nicht im Schlamm versunken sein?! Das würde ihre Tochter ihr nie verzeihen, und sie sich auch nicht. Denn verzogen oder nicht, sie hatte dieses trottelige Tier doch ziemlich lieb. Ebenso wie Aylin.

Nein, nichts zu sehen. Zwar dämmerte es bereits, aber einen Hund mit einem derart hellen Fell hätte man doch auf jeden Fall noch erkennen müssen, sogar im Schatten! Es sei denn, das Viech war von oben bis unten schlammgrau eingefärbt, dann konnte sie lange gucken. Und später schrubben.

»Domian? Domian!« Wie aus dem Nichts war der Hund plötzlich da, sprang von der Seite her an ihr hoch, stieß mit seiner nassen Schnauze ausgelassen nach ihrem Gesicht. Natürlich war er von oben bis unten eingedreckt. Vergeblich versuchte Antje Baumann, Domian mit ausgestreckten Armen von sich und ihrer Kleidung fernzuhalten; dadurch verlor sie erst recht die Balance. Schwer plumpste sie auf den weichen Untergrund des Spazierwegs.

»Dreck! Verfluchter Dreck!« Der Rock war hin, die Strümpfe bestimmt auch, und was die Schuhe anging, konnte sie nur hoffen. Die Herrschaft verlangte stets ein tadelloses Äußeres von ihr, und bei dem Lohn, den sie bekam, was das nicht immer leicht. Wenigstens hatten Jacke und Bluse noch nicht so viel abbekommen …

Domian stellte sich direkt vor sie und schüttelte sich ausgiebig. Der Dreck flog ihr nur so um die Ohren – und auf ihre Kleidung. Na toll, jetzt sah sie endgültig aus wie ein Schwein.

Mühsam rappelte Antje Baumann sich auf. Mit der linken Hand schnappte sie sich Domians Leine, mit der anderen zückte sie ihr Handy. So, wie sie aussah, konnte sie unmöglich unter Leute.

»Edwin? Du musst mich abholen. Bitte. Ich hab ein Malheur gehabt.« So knapp, wie es ihr möglich war, schilderte sie Eickhoffs Chauffeur, was ihr widerfahren war. »Du müsstest doch jetzt Zeit haben. Der gnädige Herr ist bestimmt mit seinem Geländewagen los, richtig? Na also. Dann bitte zu dem Parkplatz am Spazierweg, ja, in Heisfelde, du weißt schon, wo das ist. Und beeil dich, ehe mich noch einer sieht.«

Edwin war alles andere als begeistert. »Was gibst du dich denn auch immer noch mit diesem Hund ab? Fütterst ihn auf eigene Kosten durch! Dabei gehört der dem jungen Herrn, und seit der seinen eigenen Bungalow bekommen hat, sind wir für ihn doch gar nicht mehr zuständig! Und für seinen Hund schon gar nicht! Oliver hat jetzt seine eigene Haushaltshilfe, warum geht die denn nicht Gassi?«

Antje Baumann schüttelte den Kopf. Natürlich hatte Edwin recht, leider, aber darum ging es ja nicht. Es ging um Verantwortung. Wenn man die einmal übernommen hatte, dann gab man die nicht so einfach wieder ab. Verantwortung klebte an einem wie Honig. Zumal Aylin so in den Hund vernarrt war.

»Kommst du mich jetzt holen, oder was?«, schimpfte sie in ihr Telefon. »Wenn nicht, dann kannst du deine Klamotten gleich wieder aus meinem Schrank holen, das sage ich dir! Dann schläfst du ab sofort wieder oben unterm Dach, verstanden?«

»He he, nun übertreib mal nicht gleich. Ich komme ja.« Edwin beendete das Gespräch.

Antje Baumann straffte sich. Fünfzig mochte sie ja sein, aber ihre Möglichkeiten hatte sie immer noch.

Sie steckte ihr Handy weg, klopfte ein wenig an ihrer verdreckten Kleidung herum, was sich als ebenso zwecklos erwies wie vermutet, und machte sich auf den Weg zurück zum Parkplatz. Domian hatte sich offenbar ausgetobt und folgte ihr willig. Wenigstens etwas, dachte Antje Baumann. Hoffentlich hatte Edwin genügend Verstand, um mit dem alten Kombi zu kommen, den sie immer zum Einkaufen benutzten. Da lagen alte Decken drin, dann musste sie anschließend wenigstens nicht noch ein ganzes Auto putzen.

Der Knall ließ sie erstarren. Ein Schuss, das war ihr erster Gedanke, ein Schuss, und ziemlich nah noch dazu. Verdammt, wer jagte denn hier, direkt am Rand der Siedlung? Dann erst erwog sie die anderen Möglichkeiten. Eine Fehlzündung, ein geplatzter Reifen, ein Feuerwerkskörper? Nein, nichts davon. Sie hatte ihre Herrschaften schon zu Jagdgesellschaften begleitet, um nach verblasener Strecke einen Imbiss zu reichen. Sie wusste, wie Schüsse klangen, und dies hier war einer gewesen.

Na Gott sei Dank, wenigstens war sie nicht getroffen worden. Vorsichtig ging sie weiter.

Domians Leine straffte sich, und als Antje Baumann sich umdrehte, sah sie, dass der Hund zu Boden gesunken war. Sein dreckverkrustetes Fell nahe der Hinterhand glänzte von frischer Nässe. Mit großen, unendlich traurigen Augen starrte der Golden Retriever sie an. Dann erst begann er leise zu fiepen.

»Domian?« Antje Baumann bückte sich, fasste nach der feuchten Stelle. Unter ihren Fingern pulste es warm, und obwohl es schon fast dunkel war, konnte sie den roten Schimmer deutlich erkennen. Nun jaulte der Hund, leise und schicksalsergeben. Es war herzzerreißend.

Jemand hatte auf Domian geschossen! Auf ihren Hund, vielmehr auf den Hund, für den sie die Verantwortung trug, die so klebrig war wie das Blut an ihrer Hand. Wer tat denn sowas? Wer schoss denn auf einen unschuldigen Hund?

Motorengeräusch drang zu ihr herüber. War das Edwin mit dem Kombi? Aber so klang es nicht, es klang anders. So, wie es früher geklungen hatte, wenn Olivers merkwürdige Freunde zu Besuch gewesen waren und wieder wegfuhren. Auf ihren Motorrädern! Richtig, das Geräusch kam von einem Motorrad. Und es entfernte sich. Jetzt kam noch ein Quietschen dazu, der Motor brüllte in der Ferne noch einmal auf, dann war es wieder still. Bis auf das Jaulen des Hundes.

»Domian, mein armer Domian. Stirb mir bloß nicht.« Sie riss ein Päckchen Taschentücher heraus, presste es auf die Wunde, um die Blutung zu verlangsamen, und versuchte es mit ihrem Halstuch zu fixieren. Schade drum, das war ihr gutes Halstuch. Aber darauf kam es auch nicht mehr an.

Als Edwin einige Minuten später den Spazierweg mit seiner starken Taschenlampe ableuchtete, fand er Antje Baumann zusammengekauert und schluchzend vor, die Arme um Domian geschlungen. Der Hund lag ganz still, nur seine Rute zuckte leicht zur Begrüßung.

7.

»Hören Sie mal, Herr Christiansen, jetzt müssen Sie aber mal was unternehmen. So geht es wirklich nicht weiter!«

Gerd Christiansen seufzte leise, ließ sein Fahrrad ausrollen und schwang sich aus dem Sattel. Eine Bewegung, die er seit seiner frühen Kindheit praktizierte und die ihm daher auch immer noch halbwegs elegant gelang, trotz seiner Körperfülle. In der Leeraner Altstadt fuhr er grundsätzlich mit dem Rad; Parkplätze waren hier Glückssache. Deshalb war er nach seiner Rückkehr aus Aurich auch zunächst nach Hause gefahren, obwohl es schon fast sieben Uhr war und er sich beeilen musste, um seine Buchhändlerin noch anzutreffen.

Das konnte er nun vergessen. Sein Nachbar hatte ihm aufgelauert, und Christiansen ahnte auch schon den Anlass. Kein erfreulicher, so viel war klar.

Unnötig umständlich schob er sein Rad in die schmale Lohne zwischen seinem Geschäftshaus und dem benachbarten Gebäude, lehnte es gegen die Wand und ließ das Ringschloss einrasten. Danach war die Konfrontation nicht länger hinauszuzögern.

»Dann waren die jungen Leute wohl wieder mal zu laut, Herr Terveer?« Christiansen legte den Kopf in den Nacken und schaute die efeubewachsene, cremeweiß verputzte Mauer seines Geschäfts- und Mietshauses hoch; die beiden großen Sprossenfenster im ersten Stock gehörten zur Küche der großen Wohnung, die er nach langem Zögern an diese WG vermietet hatte. Eine Entscheidung, die er längst bereute.

»Laut ist überhaupt kein Ausdruck.« Der kleine, rotgesichtige Mann bebte vor unterdrücktem Ärger. »Das war ein Radau letzte Nacht, schlimmer als bei den Hottentotten! Erst diese Musik, Sie wissen schon, die so klingt, wie wenn dicke Bleche ausgestanzt werden. Dann kam noch dieses Gebrüll und Gekreische dazu. Und alles lange nach Mitternacht! Irgendwann wurde es mir zu bunt, ich hab mir den Bademantel übergezogen, bin raus und hab bei denen geklingelt, zweimal. Danach war es dann ruhig, aber aufgemacht hat keiner.« Er schnaufte vor Wut. »Es reicht. Es reicht mir wirklich! Greifen Sie endlich durch!«

Christiansen nickte verständnisvoll. Die Beschreibung seines Nachbarn stand wohl für Techno und Hip-Hop, in dieser Reihenfolge. Auch er fand beide Musikrichtungen überwiegend grauenhaft, da brauchte er nicht zu heucheln. Nur zu südafrikanischen Völkern hatte er eine andere Einstellung, aber die hier und jetzt zu thematisieren, schien ihm nicht angeraten. »Ich verstehe das wirklich nicht, Herr Terveer«, beteuerte er. »Letztes Mal habe ich den jungen Leuten doch ganz klar gesagt, was hier in der Altstadt geht und was nicht! Gelbe Karte, habe ich gesagt, ach was, dunkelgelb! Benehmt euch, hab ich gesagt. Noch so ein Ding, und ihr könnt euch eine andere Bleibe suchen!«

»Das war wohl, als deren Besuch nachts übers Dach geklettert und über den Balkon eingebrochen ist, weil er den Hausschlüssel vergessen hatte, was?« Terveers Gesicht lief noch dunkler an. »Meine Frau hätte seinerzeit fast einen Herzinfarkt bekommen, als sie wach geworden ist und das gesehen hat! Bloß gut, dass sie letzte Nacht gar nicht hier war, sondern bei ihrer pflegebedürftigen Mutter übernachtet hat. Also, das sage ich Ihnen, ich hätte diesen WG-Typen damals gleich den Stuhl vor die Tür gestellt.«

Christiansen biss sich auf die Lippe. Jetzt hatte er sich selbst in die Ecke geschwatzt. Mit einer weiteren letzten Verwarnung konnte er nicht mehr kommen; diese Karte hatte er bereits ausgespielt. Und sie hatte ganz offenkundig nicht gestochen.

Er musterte sein Haus, die Hände in die Seiten gestemmt, und seufzte erneut. Er liebte dieses Gebäude, hatte es schon früher geliebt, als es noch nicht seins gewesen war. Dann hatte es leer gestanden und wäre vielleicht ganz verfallen, wenn seine Frau und er es nicht gekauft und gerettet hätten. Tja, schön und gut. Um aber solch ein Haus dauerhaft zu erhalten, mussten sämtliche Räume genutzt werden, nicht nur Buchladen und Restaurant, sondern auch die beiden Wohnungen im ersten Stock. Christiansen musste also Vermieter werden. Damit hatte der ganze Ärger angefangen.

Und jetzt war es Zeit für den Befreiungsschlag. Da hatte der Nachbar wohl recht.

Christiansen gab sich einen Ruck, stieg die beiden Stufen zum Seiteneingang hoch und betätigte die Klingel. Von oben war schwach der Gong zu hören. Big-Ben-Sound, das hatte er passend gefunden für ein Haus, das ganz auf Krimi abgestellt war. Krimi, das war immer noch irgendwie englisch, Dartmoor, Themse-Nebel und so. Eigentlich hätte er ja auch selbst in die Wohnung einziehen können; dann wäre ihm dieser Ärger erspart geblieben.

Er klingelte noch einmal. Nichts rührte sich. Waren die Bewohner etwa schon ausgeflogen? Oder lagen sie nach dieser durchzechten und durchtobten Nacht immer noch im Säuferkoma? Abends um nach sieben? Nicht wirklich wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen.

Christiansen war sich gar nicht sicher, wie viele Mieter eigentlich tatsächlich hier wohnten. Vier waren es ursprünglich gewesen, die den Vertrag unterzeichnet hatten, nicht zu viele für diese ungewöhnlich große, verwinkelte Wohnung mit dem riesigen Wohnzimmer. Aber schon sehr bald hatte reges Kommen und Gehen eingesetzt, immer wieder waren neue Gesichter aufgetaucht, andere dafür nicht mehr. Frederik Jaschinsky, der Hauptmieter, hatte auf Nachfragen stets ausweichend geantwortet. Der Vermieter hatte sich damit zufriedengegeben. Die Miete war ja auch immer pünktlich überwiesen worden.

Er drehte sich zu Terveer um und zuckte die Achseln. »Es öffnet keiner«, stellte er überflüssigerweise fest. Problem vertagt, jetzt konnte er sich doch noch dem Tagesabschluss seiner Buchhandlung widmen. Christiansen fühlte sich erleichtert.

Der Nachbar aber machte nicht den Eindruck, als gäbe er sich damit zufrieden. Sein Kinn zuckte auffordernd in Richtung Tür. »Ist doch gar nicht richtig zu«, sagte er. »Gehen Sie doch einfach rauf. Einer von denen ist bestimmt da oben. Dann können Sie’s dem gleich direkt ins Gesicht sagen.« Seine verschränkten Arme machten deutlich, dass er vorhatte, die Ausführung dieses Vorschlags bis zum Schluss zu überwachen. Offenbar traute er dem korpulenten Buchhändler nicht allzu viel Konsequenz zu.

Christiansen stupste die schwere Holztür mit den Fingerspitzen an. Tatsächlich, nur angelehnt; geräuschlos schwang sie auf. Der typische, feucht-staubige Geruch nach altem Gemäuer schlug ihm aus dem Treppenhaus entgegen. Heute schien er besonders intensiv zu sein.

»Los jetzt!«, knurrte es hinter ihm. Christiansen gab sich einen Ruck. Einmal musste es ja sein, warum also nicht jetzt?

Die gewundene Holztreppe knarrte und dröhnte unter seinen schweren Schritten. Der bordeauxrote Anstrich, noch keine zwei Jahre alt, sah schon wieder fleckig und verschrammt aus. Christiansen stöhnte erneut, diesmal aber lautlos, denn er hörte Terveer hinter sich her trapsen, und vor dem wollte er sich nicht noch mehr Schwächen erlauben.

Fast fünf Meter waren die Räume im Erdgeschoss hoch; entsprechend lange dauerte es, bis der obere Treppenabsatz in Sicht kam. »Hallo, Herr Jaschinsky? Sind Sie zu Hause?«, rief Christiansen. »Herr Jaschinsky, ich müsste mal mit Ihnen reden.« Als er selber noch Mieter gewesen war, hatte er zudringliche Vermieter gehasst. Wenigstens eine Vorwarnung musste sein.

Hinter sich hörte er Terveer verächtlich schnauben.

Die Treppe mündete direkt in einen Flur, von dem diverse Türen zu den Zimmern, in die Küche und ins Bad führten; Christiansen und sein nachdrängender Nachbar standen also praktisch schon mitten in der Wohnung. Nur eine der vielen baulichen Besonderheiten, die die Vermietung dieser ansonsten attraktiven Wohnung ziemlich erschwert hatten. Der Buchhändler entschied sich für die Küchentür und klopfte.

»Sind Sie irgendwo reingetreten?«, fragte Terveer hinter ihm. »Hier, gucken Sie mal, die Flecken. Macht aber nichts, ist ja sowieso alles dreckig.«

Christiansen schüttelte unwillig den Kopf. Für so etwas war jetzt nicht die Zeit. Die bevorstehende Konfrontation mit seinem unbotmäßigen Mieter beanspruchte seine volle Konzentration. Er klopfte noch einmal, horchte kurz, und als sich wieder nichts rührte, öffnete er die Küchentür.

Die Küche war menschenleer. Ansonsten sah sie genauso aus wie befürchtet: Umgeworfene Stühle, Scherben auf dem Boden, eklige Flecken, offenbar von Speiseresten und Rotwein. Batterien leerer Flaschen standen unter dem Fenster; in der Spüle türmte sich dreckiges Geschirr. Das ärgerte Christiansen. Hatte er diesem Jaschinsky und seinen Kumpanen nicht sogar die Küchenmöbel überlassen, kostenlos? Sah so der Dank dafür aus? Terveer hatte völlig recht, dieser Kerl und seine Mitbewohner mussten hier weg, unverzüglich, am besten heute noch.

Er durchquerte die Küche, wobei er sich Mühe gab, den schlimmsten Flecken auszuweichen. Eine seiner Sohlen klebte sowieso schon, da hatte sein Nachbar, der ihm nach wie vor auf den Fersen war, anscheinend recht gehabt. So langsam ging ihm dieser Rechthaber auf die Nerven. Jetzt würde er dem aber mal zeigen, dass ein Christiansen auch durchgreifen konnte.

»Herr Jaschinsky! He!«

Von dem winzigen Stück Flur hinter der Küche gingen gleich drei Durchgänge ab. Der Abstellraum links stand offen; aus den Augenwinkeln erkannte er ein Chaos aus Kartons und Plastikbeuteln. Geradeaus ging es in eines der Schlafzimmer. Mit Klopfen hielt sich der Vermieter nicht mehr auf. Er riss die Tür auf, stürmte hinein, drehte sich einmal um die eigene Achse, stellte sich auf die Zehenspitzen: niemand, auch in dem geräumigen Hochbett nicht. Aber es gab ja noch genügend weitere Zimmer.

Die dritte Tür führte ins Wohnzimmer, den prachtvollsten Raum der Wohnung, dessen sechs hohe Fenster gerade erst neu gestrichen worden waren. Das edle Parkett hatte Christiansen schleifen und ausbessern lassen. Wäre er doch bloß selber hier eingezogen! Der Himmel mochte wissen, was dieser Jaschinsky mit dem Parkett angestellt hatte.

Christiansen riss die Tür auf und stürmte hinein. Dann blieb er stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Terveer rannte ihm in die Hacken, aber der Vermieter stand wie angewurzelt.

Gleich links von der Tür hatte sich ein See auf dem Parkett ausgebreitet. Auf den ersten Blick wirkte er schwarz; nur an den Rändern, wo die Flüssigkeit tief in die Ritzen und die Maserung des Parketts eingesickert war, offenbarte sie ihre wahre Farbe. Rot.

Links von der Tür befand sich auch der Heizkörper, ein mächtiges gusseisernes Ding, dessen Holzverkleidung entfernt worden war. An dieser Heizung hing ein Mensch, ein toter Mensch, Hals und Oberkörper an die Heizungsrippen gefesselt. Die Arme waren ausgebreitet, die Beine ausgestreckt und gespreizt, die Füße nackt und mit blutigen Wunden übersät, ebenso wie die Hände. Christiansen nahm an, dass dieser Mensch Frederik Jaschinsky war. Sicher sagen konnte er es nicht, denn das Gesicht dieses Menschen sah aus wie … Ihm fehlte ein Vergleich, bis ihm die Platte mit den Gulaschbrocken in der Fleischtheke seines Supermarkts einfiel.

Der süßlich-metallische Geruch, der im Raum hing, wurde ihm bewusst. Jetzt wird mir sicher gleich übel, dachte er, und als sich der Brechreiz meldete, war er bereit und kämpfte ihn nieder. Schweiß perlte über seine Stirn.

Etwas streifte ihn an Rücken und Arm. Christiansen zuckte zusammen; fast wäre er zur Seite gesprungen, mitten hinein in den See aus Blut. Gerade noch rechtzeitig merkte er, dass das nur Terveer war, der besinnungslos vornüberkippte und hart auf dem Boden aufschlug.

Christiansen zückte sein Mobiltelefon und drückte 110. Was für eine Schweinerei, dachte er dabei. Den Parkettboden kriege ich bestimmt nie wieder hin.

8.

»Was ist das für eine Hose?«, fragte Stahnke. »Sieht ja albern aus. Was soll das sein?«

»Eine Trainingshose, wie man sie in Fitnessstudios trägt«, erwiderte Kramer. Mit einem Seitenblick auf seinen Vorgesetzten fügte er hinzu: »Solltest du eigentlich kennen.«

Unwillkürlich strich sich der Hauptkommissar über seine Bauchregion, die in den letzten Monaten deutlich flacher geworden war. »Wo ich trainiere, gibt es solch ein Schickimicki-Zeug nicht«, erwiderte er. »Guck dir das doch bloß an, schwarz mit goldenen Stickereien! Wo gibt’s denn so was.«

»Geht’s noch?« Dr. Mergner hatte mitgehört und baute sich vor den beiden Kriminalbeamten auf. »Wir waten hier im Blut, und Sie beide diskutieren Modefragen! Sind Sie denn schon so abgestumpft?« Seine schmale Gestalt bebte vor Empörung, seine wirren Haare bildeten eine weiße Aureole um seinen Gelehrtenschädel, und seine dicken Brillengläser waren beschlagen. Eine Antwort wartete er gar nicht erst ab, sondern warf sich wieder ins Getümmel der Tatortaufnahme.

Stahnke hatte den erfahrenen Gerichtsmediziner lange nicht mehr so fassungslos erlebt. Richtiger gesagt: noch nie. Dabei hatte er ihn schon tote Kinder exhumieren sehen.

Mit mehreren Kameras zugleich wurde der Tatort aufgenommen, wurde jedes Detail gesichert für spätere Inaugenscheinnahmen, dreidimensional wie konventionell. Stahnke versuchte es auf herkömmliche Weise, die Hände in den Taschen, die Augen und den Verstand aufnahmebereit umherschweifend. Leicht war das nicht.

Der Tote war kräftig gewesen, Oberkörper und Arme auffallend muskulös. Genützt hatte ihm das nichts. Man hatte ihn nach kurzem Kampf überwältigt, laut Spurenlage wohl in der Küche; vermutlich waren ihm dabei das Nasenbein sowie das Jochbein links und die linke Augenhöhle zertrümmert worden. Das linke Auge dürfte bereits bei dieser Gelegenheit zerstört worden sein. Als Tatwerkzeug kam eine dünne Stahlstange in Frage, möglicherweise ein Teleskop-Schlagstock, leicht in der Hosen- oder Jackentasche zu transportieren. In der Wohnung gefunden hatte man jedenfalls nichts Derartiges.

Was dann folgte, dürfte sich über einige Zeit hingezogen haben, nach Mitternacht, als das Restaurant unten bereits geschlossen, gesäubert und verlassen gewesen war. Der oder die Täter hatten Frederik Jaschinsky das Kapuzenshirt vom Leib gerissen, hatten ihn durch den kleinen Flur ins Wohnzimmer geschleift, an den altmodischen Heizkörper gefesselt und ihm systematisch eine Wunde nach der anderen zugefügt, teils mit besagtem Schlagstock, überwiegend jedoch mit einem Messer. Mehrere Rippen waren gebrochen, vermutlich durch Fußtritte mit Stiefeln, deren Abdrücke sich sowohl auf dem Fußboden als auch auf dem Unterhemd des Toten gefunden hatten.

Irgendwann, nachdem Frederik Jaschinskys Gesicht vollkommen zerschnitten und zerprügelt worden war, hatte ein tiefer Schnitt durch die Kehle der Sache ein Ende gemacht. Entsprechend ausgedehnt war die Blutpfütze auf dem Fußboden, in deren Mitte der Tote saß, die Beine ausgestreckt, die Hände ins eigene Blut herabhängend. Offenbar hatte er noch eine Weile gezuckt, während die Pfütze an den Rändern schon zu gerinnen begann. Spuren davon waren deutlich zu erkennen. Ein weiteres grausiges Detail in diesem Szenario des Schreckens.

»Todeszeitpunkt?«, fragte Stahnke, als Mergner wieder einmal an ihm vorbeihastete. Den üblichen bösen Blick ob der Unziemlichkeit dieser verfrühten Frage steckte er regungslos weg.

»Zwischen drei und vier Uhr heute früh. Aber nageln Sie mich nicht drauf fest«, knurrte der Gerichtsmediziner und hastete weiter.

»Das deckt sich mit der Aussage des Nachbarn«, sagte Kramer. »Der will letzte Nacht Geschrei und laute Musik gehört haben, stundenlang. Genau weiß er nicht, wann der Lärm aufgehört hat, aber seine Vermutung lautet auch gegen vier Uhr.«

Heute früh also; inzwischen war es Abend. Der Tote hatte demnach den ganzen Tag über hier gelegen. Beziehungsweise gesessen oder gehangen, wie auch immer. Und er, Stahnke, hatte dort unten gesessen, im Buchladen, direkt unterhalb dieses Wohnzimmers, hatte hochgeblickt und die fetten Dachbalken bewundert.

Der Hauptkommissar wandte sich an einen Kriminaltechniker, der auf dem Parkett kniete und Fußspuren vermaß. »Schon etwas Verwertbares?«, fragte er.

»Normal groß«, erwiderte der Mann. »Jedenfalls der eine. Vermutlich Größe dreiundvierzig. Stiefel, mäßig profiliert, kaum abgetragen.«

»Springerstiefel?«, fragte Kramer. Stahnke hob die Augenbrauen.

Der Techniker schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall, die haben ein völlig anderes Profil. Ansonsten können das alle möglichen Stiefel gewesen sein. Muss ich abgleichen, aber das dauert ein bisschen.«

»Wie viele verschiedene Fußspuren habt ihr denn?«, fragte Stahnke weiter.

»Zwei, definitiv. Die anderen Abdrücke scheinen kleiner zu sein, sind aber sehr verwischt. Da kann ich noch gar nichts zu sagen.«

Der Hauptkommissar bedankte sich mit einem Nicken. »Zwei Täter also«, murmelte er.

»Wenn nicht mehr«, warf Kramer ein. »Überleg mal, dieser Jaschinsky war ein ganz schöner Brocken. Und dann zwei Typen mit Schuhgröße dreiundvierzig und kleiner? Klingt mir untermaßig. Und damit zu riskant.«

»Aber zwei untermaßige Typen mit vorgehaltener Schusswaffe?«

Kramer wiegte den Kopf. »Und warum dann die Kampfspuren in der Küche? Das hätte dann doch wohl eine Schusswunde ergeben müssen. Oder einen Einschuss in der Decke oder der Wand.«

Stahnke war nicht überzeugt. »Wenn es wirklich drei oder mehr waren, wo sind dann die Spuren des Dritten?«

»Vielleicht war dieser Dritte ja etwas cleverer als die beiden anderen und hat besser aufgepasst.«

Stahnke winkte ab: »Das führt doch zu nichts. Zwei oder drei Täter – die Frage ist doch: Was ist das hier? Ein Racheakt? Eine Hinrichtung?«

»Irgendwer wollte irgendetwas wissen«, sagte Kramer. »Oder etwas haben. Daher die Folter. Sie haben aber nicht bekommen, was sie wollten. Was immer es war, eine Information oder eine Sache – Jaschinksy muss es unheimlich wichtig gewesen sein.«

»Oder er hatte es einfach nicht.« Der Hauptkommissar zuckte mit den Schultern. »Das Ding oder die Info. Und das haben ihm die anderen nicht glauben wollen.«

Die beiden Ermittler schwiegen. Stahnke versuchte sich den Ablauf des Geschehens vorzustellen, versuchte dem Stand der Dinge eine Vorgeschichte und den möglichen Tätern Statur und Gesicht zu geben. Es wollte ihm nicht gelingen. Vor allem die Dauer der Tortur, die das Opfer erlitten hatte, machte ihm zu schaffen. Wenn einer unter Qualen nichts sagte, wenn er nichts herausgab, dann hörte man doch irgendwann einmal damit auf, ihn zu foltern, oder?

»Bestialisch«, zischte Kramer vor sich hin, gerade noch hörbar. Seine Gedanken schienen ähnliche Wege gegangen zu sein. »Wer macht so was? Crackheads? Meth-Monster?«

Wie aufs Stichwort tauchte Kollege Schmatze-Schmitz auf. Seine pure Anwesenheit ließ selbst das riesige WG-Wohnzimmer schrumpfen. »Der Drogenhund ist durch. Keine Spur von Dope in der ganzen Wohnung«, meldete der Oberkommissar, der seine erschreckend aufgepumpte Muskulatur gewöhnlich in der Emder Außenstelle der Inspektion zur Schau trug, wo er sich seinen Spitznamen mit dem ständigen Verzehr von klebrigem Lakritzkonfekt erworben hatte. »Nur im Treppenhaus, vor der Tür zur hinteren Wohnung, hat unsere Lucy kurz angeschlagen. Angeblich sollen da die Künstler übernachten, die unten im Laden auftreten. Was meint ihr – Durchsuchung beantragen?«

»Lass mal, Schmitz«, erwiderte Stahnke. »Eins nach dem anderen. Wir haben hier erst einmal genug zu tun.«

Der Koloss nickte, dann grinste er verschmitzt. »Dafür haben wir etwas anderes gefunden«, verkündete er und brachte eine große Dose zum Vorschein, die sich unter seinem Arm befunden hatte und damit so gut wie versteckt gewesen war. »Hier, guckt mal!«

»Kaffeepulver?« Das Format der Dose kam dem Hauptkommissar bekannt vor, nicht aber der Aufdruck.

Schmatze-Schmitz lachte schallend. »Von wegen! Das ist Protein-Konzentrat. Das macht nicht nur wach, sondern auch stark. In dem Schlafzimmer gleich nebenan ist der halbe Wandschrank voll davon.«

»Das Schlafzimmer des Opfers?«, mutmaßte Stahnke.

Schmitz nickte. »Wir haben natürlich alle Zimmer durchsucht; niemand anwesend, und wie es aussieht, sind alle anderen WG-Mitglieder wohl ausgezogen, teilweise überstürzt, unter Zurücklassung von allerhand Krempel. Was wir in dem mittleren Zimmer, das als einziges einen bewohnten Eindruck macht, an persönlichen Dingen gefunden haben, legt den Schluss zwingend nahe, dass Jaschinsky dort hauste. Na, und dass er dieses Zeug konsumiert hat, lässt sein Äußeres ebenfalls zwingend vermuten.« Der Koloss fuhr sich mit der Hand über den Mund. »Ich meine natürlich seine entwickelte Muskulatur. Nicht das, äh, die … na den Rest eben.«

»Ist das das gleiche Zeug, das du auch nimmst?«, fragte Kramer.

Stahnke warf ihm einen tadelnden Seitenblick zu. Was hatte denn das jetzt mit ihrem Fall zu tun?

Schmatze-Schmitz schüttelte den Kopf. »Das ist Ost-Ware. Hier, guck mal, Aufdruck in kyrillischen Buchstaben! Das Zeug würde ich nur mit der Zange anfassen. Da sind bestimmt nicht nur Proteine aus Weidemolke von glücklichen Kühen drin! Frau Anna lässt grüßen.« Er grinste breit: »Anna Bolika, ihr versteht?«

»Also doch eine Art von Drogen?«, fragte Stahnke, ohne auf den Scherz einzugehen.

»Nicht wirklich.« Schmitz winkte ab; auch seine Pranke war riesig. »Die Einnahme ist nicht illegal. Jedenfalls nicht, solange man nachher nicht zu sportlichen Wettkämpfen antritt. Wäre ein gefundenes Fressen für jeden Dopingfahnder.«

»Wie auch immer«, gab Stahnke zurück, »bring das Zeug auf jeden Fall ins Labor.«

»Ihr steht hier wohl gut, was?« Einer der weiß gekleideten Techniker zwängte sich mit vorwurfsvoller Miene an ihnen vorbei. Stahnke hob entschuldigend die Hände, nickte Schmitz zu und gab Kramer einen Wink. Zusammen mit seinem Kollegen zog er sich in einen weiteren Korridor zurück, der ganz hinten vom übergroßen Wohnzimmer abzweigte.

Der Hauptkommissar brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Suchend blickte er sich um. Konnte es sein, dass sich dieser Korridor wie ein Ring durch die ganze Wohnung zog? Wenn man die Wegstücke mitrechnete, die durch Küche und Wohnzimmer führten, dann war das tatsächlich so. Welcher hirnrissige Architekt plante denn so was?

»Dieses Haus ist etliche Male umgebaut worden«, erläuterte Kramer, der Stahnkes Ratlosigkeit richtig gedeutet hatte. »Jeder neue Besitzer wollte hier seine Vorstellungen umsetzen, und die passten grundsätzlich nicht zu denen seiner Vorgänger. So ist denn auch diese Gruft hier entstanden.« Er deutete auf die Tür des Schlafzimmers, das einmal Frederik Jaschinskys gewesen war.

Mit den Fingerspitzen drückte der Hauptkommissar die Tür vorsichtig auf. Eigentlich überflüssig, dieser Raum war bereits spurentechnisch behandelt worden. »Und woher weißt du das jetzt schon wieder?«, fragte er Kramer, während er in den Raum spähte. Zwei Wände waren schwarz gestrichen, na toll. Hatte hier ein Vampir gewohnt?

»Mein Vater hat seine Lehre bei Saathoff & Kleinhuis absolviert«, erwiderte der Oberkommissar. »So hieß der Eisenwarenladen, der früher mal in diesem Haus war. Ist schon Jahrzehnte her.«

Stahnke hörte nicht richtig hin. Was waren das da für Verzierungen an den beiden schwarzen Wänden? Goldene Farbe. Abstrakte Malerei oder reine Deko? Im Zimmer herrschte Zwielicht; das einzige Fenster ging auf den Ringkorridor hinaus. Aha, deswegen also Gruft. Er tastete nach dem Lichtschalter, verfehlte ihn; seine Finger zuckten zurück, als sie die Steckdose unter dem Schalter berührten. Als das Licht endlich brannte, erkannte er, dass die Steckdose geschwärzt und angeschmolzen war – durchgeschmort. Ob sich die gesamte Elektrik in diesem Haus in solch einem Zustand befand?

Dann pfiff er durch die Zähne. »Arabische Schriftzeichen, guck an!« Bei Licht war das eindeutig. Stahnke spürte Gänsehaut auf seinen Unterarmen. Was denn, plötzlich so fremdenfeindlich, schalt er sich selbst. Dann zuckte er die Schultern. War das ein Wunder in Zeiten, da Allahu akbar gerne von Mördern gebrüllt wurde?

Nun war aber Frederik Jaschinksy eindeutig kein Immigrant gewesen. Jedenfalls kein Araber oder Türke. »Ein Konvertit«, sagte Stahnke. »Zum Islam übergetreten. Oder glaubst du, der hat sich seine Wände nur aus Spaß so bemalt?«

»Arabische Schrift beherrsche ich nicht«, antwortete Kramer. »Haben wir einen Kollegen, der sich mit sowas auskennt?«

»Bestimmt. Wie heißt denn noch der Kleine von der Fahndung? Der, der immer diese schmutzigen Witze erzählt?«

»Du meinst Nidal? Der ist Kurde. Aus der Türkei. Da schreiben die eigentlich kein Arabisch. Aber ich frage mal, vielleicht haben wir ja Glück.«

Stahnke seufzte. Warum musste alles immer so kompliziert sein?

Er scannte den Rest des Zimmers mit den Augen. Breites Bett, zerknüllte Laken, Wandschrank offen, Klamotten durcheinander. Hatten die lieben Kollegen hier gepflügt, oder war das schon vorher solch ein Chaos gewesen? Weiter: zwei Sessel, die nicht zueinander passten, auf einem davon eine Sporttasche. Umgedrehte Obstkiste als Tischchen, eine zweite neben dem Bett. Auf beiden standen und lagen leere Flaschen, Bier und Alcopops. Außerdem lagen da Portemonnaie, Schlüssel, ein Handy-Ladegerät, das offensichtlich durchgeschmort war, und … oho! Ein Butterflymesser. Daneben eine Jeans auf dem Boden. Richtig, der Tote hatte ja eine Trainingshose getragen.

Ob ihm das Butterflymesser etwas genützt hätte?

Neben dem Schlüsselbund lag noch ein einzelner Schlüssel. Stahnke bückte sich. Was war das für ein Schlüsselanhänger?

Kramer kam ihm zuvor: »Ein Transponder.« Das Ding war so groß wie ein Einkaufswagen-Chip und hing mit einem kurzen Kettchen an dem Ring. Der Schlüssel daran schien zu einem Vorhängeschloss zu gehören.

»Was steht denn da drauf auf dem Anhänger?«

»Das ist von einem Fitnessstudio.« Kramer hielt ihm das Ding unter die Nase. »Gar nicht weit von hier. Ich trainiere da auch hin und wieder.«

»Turbo-Fit«, las Stahnke. »Das ist doch dieses Billig-Ding, wo sich die ganzen Pickel-Hanseln und die Türsteher aufpumpen! Und da gehst du hin?«

Kramer war nicht leicht in Verlegenheit zu bringen, aber jetzt schien er dicht daran zu sein. »Ist eben preiswerter als die anderen Studios. Und die Geräte sind ganz ordentlich.«

»Stimmt, die können ja nichts dafür.« Stahnke fand, dass es weder Ort noch Zeit war, seinen Kollegen weiter aufzuziehen. Was er bedauerte. »Und, was heißt das jetzt für uns?«

»Hingehen, Jaschinskys Umgang erfragen, Freunde, Kumpel und mit wem er sich eventuell gezofft hat«, rasselte Kramer herunter. »Mach ich gleich morgen.«

»Außerdem müssen wir klären, wer hier eigentlich alles wohnt. Beziehungsweise gewohnt hat, denn die anderen Zimmer machen ja alle einen ziemlich verlassenen Eindruck. Teilweise fluchtartig, wie es scheint. Warum die anderen Bewohner wohl …« Stahnke unterbrach sich. Dumme Frage! Wenn das da im Wohnzimmer der Gipfel einer absehbaren Entwicklung war, dann verstand es sich von selbst, warum die anderen Mieter sich verdrückt hatten. Trotzdem musste das natürlich abgeklärt werden.

»Machst du das?«, fragte Kramer.

Stahnke nickte. »Da fange ich wohl am besten mit dem Vermieter an. Der steht ja sowieso auf unserer Liste, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang.«

Sie schwiegen, die Blicke ineinander verhakt. Zusammenhang? Gab es da einen? Zwischen dem Schuss in den Hintern eines verzogenen Kaufmannsbengels und der grausamen Ermordung eines Islam-Konvertiten?

»Oliver Eickhoff soll hier verkehrt haben«, sagte Stahnke.

»Der Anschlag auf den jungen Mann hat da unten auf der Straße stattgefunden, keine hundert Meter von hier«, ergänzte Kramer. »Damit erschöpfen sich zwar die Übereinstimmungen, aber ich finde, das ist schon etwas.«

»Behalten wir im Auge.« Stahnke nickte. »Umso wichtiger, dass ich gleich mit diesem Christiansen rede.«

»Sitzt unten, in seinem eigenen Lokal«, vermeldete Kramer, gut informiert wie immer. »Hoffentlich ist er nicht schon blau.«

»Das sehe ich dann ja«, erwiderte Stahnke. »Und wen schicken wir in die Moschee?«

»Moschee?« Kramer runzelte die Stirn. »Ist das dein Ernst?«

»Verlass dich drauf«, sagte Stahnke.

9.

Unten im Restaurant war es, gemessen an der Fülle, auffallend still. Unterdrücktes Gemurmel hing über einander zugeneigten Köpfen. Wie bei einer Trauergesellschaft, fand Stahnke, als er das Lokal durch den hinteren Seiteneingang betrat. So fühlt sich das an, unmittelbar nach der Bestattung. Später wird es dann doch meist lauter und bisweilen sogar lustig.

Ob das hier auch zu erwarten war? Vielleicht, schließlich waren die meisten Gäste sicher nicht aus Betroffenheit hier, sondern aus schnöder Neugier. Verständlich, war dies doch vermutlich die grausigste Mordtat in Leer seit dem Machetenmörder. Der hatte sein Opfer übrigens gar nicht weit von hier geköpft und den Kopf dann in einem Rucksack durch die Gegend gefahren, bis er, total zugedröhnt, einen Unfall baute und dabei starb. Von wegen friedliches Ostfriesland! Zuweilen lagen die Verhältnisse hier ganz anders.

Abgetrennter Kopf – dabei fielen ihm die goldenen Schriftzeichen oben an den Wänden ein. Diese Gedankenkette funktioniert in beiden Richtungen: Islam, Islamismus, Terrorismus, grausamer Mord, bevorzugt durch Köpfen. Angesichts der Weltlage fielen solche Assoziationen leicht, fand der Hauptkommissar. Verlockend leicht. Gefährlich leicht.

Mit ausgestreckter Hand stoppte Stahnke eine vorbeihastende Bedienung, deren Tablett mit Bier- und Weingläsern befrachtet war. »Wo finde ich Herrn Christiansen?«

»Im Roten Salon«, antwortete die junge Frau knapp, pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn und hastete weiter. Als sie bemerkte, dass sich der Hauptkommissar nicht vom Fleck rührte, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und machte eine deutende Kopfbewegung. Aha, weiter vorne, Richtung Buchladen und dann links.

Der Rote Salon entpuppte sich als mittelgroßer Clubraum, der seinen Namen wohl den halbhohen, bordeauxrot gestrichenen Holzpaneelen an den Wänden verdankte. Die altersschwachen Schiebetüren waren geschlossen. Zwei uniformierte Beamte erhoben sich von ihren Stühlen. Wurde dieser Raum etwa bewacht?

Die beiden Graubärte waren dem Hauptkommissar wohlbekannt. »Schau an, Rieken und van Dieken.« Stahnke legte grüßend zwei Finger an die Stirn. »Was macht ihr denn hier? Und wer ist das?« Aus den Augenwinkeln hatte er noch eine dritte Gestalt in Unform entdeckt, die in einer Nische stand.

Rieken lachte kollernd. »Nun hör dir das an, der fällt da auch drauf rein!«, rief er und stieß seinem Kollegen den Ellenbogen in die Seite. »Dabei trägt die steife Dame da noch das alte Förster-Grün, das ist doch wohl seit Jahren out.«

»Und das senfgelbe Hemd. Da ist es eigentlich schade drum«, ergänzte van Dieken.

Stahnke schaute genauer hin. Was er bei flüchtigem Hinsehen für eine Kollegin gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine als Polizistin kostümierte Schaufensterpuppe. Krimi-Christiansen und seine Leute hatten offenbar eine merkwürdige Auffassung von Humor.

»Na schön«, sagte der Hauptkommissar, »jetzt weiß ich also, wieso die Puppe hier tatenlos rumlungert. Aber warum tut ihr das auch?«

»Na hör mal!« Rieken spielte den Beleidigten. »Wir erfüllen hier eine wichtige dienstliche Aufgabe! Und das mit der gebotenen Akribie.«

»Aha. Was du im Sitzen kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, was? Könnte mir vorstellen, dass ihr anderswo dringender gebraucht würdet.«

»Tja, kann sein. Aber dienstliche Anweisung ist dienstliche Anweisung, nicht wahr?« Van Dieken schob sein Cola-Glas vorsichtig außer Sichtweite. Ob da wohl wirklich nur braune Zuckerbrause drin gewesen war? Stahnke war sich nicht sicher.

»Anweisung? Von mir aber nicht«, erwiderte er.

»Nee, aber vom Kollegen Kramer!« Rieken warf sich in die schmale Brust. »Er sagte ausdrücklich, dass mit dem Herrn Christiansen heute Abend noch gesprochen werden müsste.« Er deutete mit dem Daumen auf die Schiebetür, hinter deren Scheiben der Umriss eines sitzenden dicken Mannes zu erkennen war, beide Ellenbogen auf einen Tisch gestützt, ein langstieliges Glas vor sich.

Stahnke stemmte die Fäuste in die Seiten: »Und jetzt passt ihr auf, dass der Tatzeuge nicht flüchtet, oder was? Zwei Mann hoch, also echt! Mann, Mann!«

»Ja genau, Mann und Mann«, sagte van Dieken und blinzelte betont unschuldig. »Man kann nicht vorsichtig genug sein. Der Typ da hat die Leiche gefunden, sagt er – das weißt du doch auch, dass diese Finder manchmal in Wahrheit selber die Täter sind!«

»Und zwei Mann sind nicht zu viel«, ergänzte Rieken. »Hast du gesehen, der Herr ist ganz schön groß! Und er hat Gewicht!«

Der Hauptkommissar holte tief Luft. »Wie du vielleicht gesehen hast, trifft beides auch auf mich zu«, knurrte er. »Und wenn ihr mir nicht bald diese Tür hier aufmacht, dann komme ich über euch! Und danach nichts wie weg hier, verstanden? Ich übernehme.«

Rieken und van Dieken fassten übertrieben schwungvoll nach den Türgriffen rechts und links, deuteten je eine Verbeugung an und zogen zeitgleich. Eine schöne Parodie von devoten Subalternen – wäre es geworden, wenn die linke Tür nicht gehakt und Rieken beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Stahnke trat ein. Hinter ihm rumpelten die Türen wieder zu.

Christiansen hob den Kopf. So vorgebeugt und aufgestützt wirkte er unglaublich massig, fand Stahnke. Wie alt mochte er sein, an die sechzig vielleicht? Dafür war seine Mähne noch ziemlich dicht. Aber eindeutig grau; die paar Farbpigmente, die sich in einigen Strähnen noch finden mochten, reichten nicht mehr aus, um noch den Gesamteindruck von Blond entstehen zu lassen. Friedhofsblond, das ja. Der Kinnbart war schon völlig weiß.

Als er dem Buchhändler in die Augen schaute, fühlte er sich wie bei einem Blick in den Spiegel: wasserblau und hellwach, genau wie seine eigenen! Aber damit erschöpfte sich die Ähnlichkeit auch, fand der Hauptkommissar und straffte sich. Er war nicht nur jünger als dieser Typ, er war auch fitter – inzwischen. Und vor allem sah er ordentlicher aus. Wer trug denn bloß in diesem Alter noch so lange Zotteln?

Der Clubraum mochte etwa fünfundzwanzig Gästen Platz bieten; bis auf Christiansen war er leer. Stahnke ließ sich auf der anderen Seite des Tisches nieder, an dem der Buchhändler saß. »Guten Abend«, sagte er und nickte seinem Gegenüber zu. »Ich würde gerne mit Ihnen reden. Wäre das in Ordnung?«

»Natürlich. Natürlich.« Christiansen richtete seinen Oberkörper auf und strich sich die Haare aus der Stirn. »Möchten Sie etwas trinken? Ich lasse Ihnen gern etwas bringen. Wein vielleicht, oder ein Bier?«

»Vielen Dank, lieber nicht.« Der Hauptkommissar musterte das halbvolle Glas des Buchhändlers, der gleichzeitig Restaurantbesitzer und Vermieter war. »Wie viel hatten Sie denn schon? Ich meine, auf diesen Schock?«

»Ich? Das hier ist mein erstes Glas.« Der Buchhändler verschränkte seine Arme. »Wissen Sie, manchmal trinke ich ja ganz gerne, um den Geist zu beflügeln. Oder ihn zu beruhigen, das kommt auch vor. Aber jetzt … Alkohol verstärkt die Gefühle, nicht wahr. Und die, die ich momentan habe, die müssen wirklich nicht noch stärker werden. Darauf kann ich gut verzichten.«

Stahnke runzelte die Stirn. Was redet der für ein wirres Zeug, dachte er; klingt, als sei der doch schon blau. Andererseits artikuliert er sauber. Wie auch immer, wir werden sehen.

»Erzählen Sie doch mal«, begann er unverfänglich. »Wie haben Sie den Tatort vorgefunden? Und wie kam es überhaupt dazu, dass Sie die Mietwohnung betreten haben?«

»Freiwillig jedenfalls nicht«, sagte Christiansen. Er berichtete, wie er mit dem Fahrrad eingetroffen und von seinem Nachbarn abgefangen worden war, welche Vorwürfe Terveer erhoben hatte, dass die Haustür nur angelehnt gewesen war. Wie er nach seinem Mieter gesucht und gerufen und ihn schließlich tot vorgefunden hatte, an die Heizung gefesselt, in einem See aus Blut.

Erzählen kann er gut, dachte Stahnke. Das macht wohl der viele Umgang mit Büchern. Während Christiansen sprach, hatte sich der Hauptkommissar den Hergang der Ereignisse in plastischen Bildern vorstellen können, ja müssen, bis der kleine Film in seinem Kopf bruchlos in die Szene mündete, die er mit eigenen Augen gesehen hatte. Hatte sehen müssen.

»Haben Sie eine Idee, was genau da oben vorgefallen ist?« Stahnke wies mit einer Kopfbewegung zur Decke. »Wer Ihren Mieter umgebracht hat? Und warum?«

»Ich wollte, ich könnte«, sagte der Buchhändler. »Was man sich erklären kann, das kann einen nicht mehr so beherrschen, richtig? Aber für das da oben … nein, wirklich nicht.«

»Was wissen Sie denn überhaupt über Ihren Mieter, den Herrn Jaschinsky?«

»Er war Borussia-Dortmund-Fan.« Christiansen lachte auf, kurz und bitter. »Kriegte immer so ein Fan-Magazin, das steckte oft in meiner Post, und ich hab’s ihm auf die Treppe gelegt. Und jedes Mal, wenn Dortmund international gespielt hat, war da oben Remmi-Demmi. Die müssen wohl Sky abonniert haben oder einen anderen Sportkanal. Anschließend war meistens Fete, richtig laut, mit viel Hip-Hop und so. Mein Nachbar, der Herr Terveer, hat sich mehr als einmal deswegen beschwert.«

»So so, Borussia Dortmund.« Stahnke mochte Fußball durchaus, aber jede Form von Fan-Kultur war ihm fremd. Fan kam von Fanatismus, damit war für ihn alles gesagt. »Und was hat der junge Mann so, äh, gearbeitet? Ich meine, von irgendwas musste er doch die Miete bezahlen, oder?«

»Die Miete kam immer pünktlich.« Christiansen zuckte die Achseln. »Jaschinsky war Student an der Seefahrtschule, keine Ahnung, ob er Bafög bezogen hat oder Geld von seinen Eltern bekam. Am Hungertuch genagt hat er jedenfalls nicht. Er hat sich öfter mal Essen ins Haus bestellt, und so ein Motorrad kostet ja auch Geld.«

»Motorrad? Was für ein Motorrad?« Der Hauptkommissar konnte sich nicht erinnern, vor oder hinter dem Haus eins gesehen zu haben.

»So eine Rennmaschine. Das heißt, nicht wirklich zum Rennen fahren, also keine mit Vollverkleidung und so. Mehr so ein Café-Racer, aber mit einem gewaltigen Motor. Mit solch einem Ding ist man im Nu von null auf hundert, aber ab hundertsechzig kann man sich kaum noch darauf halten.«

»Verstehe.« Stahnke nickte. Interessant, wovon dieser Mensch so alles etwas versteht, dachte er. Ob er das wohl auch aus Büchern hat? Jedenfalls konnte er Christiansens Beschreibung eindeutig entnehmen, dass es sich nicht um eine Einzylinder-Enduro handelte. Wäre ja auch zu einfach gewesen: Jaschinsky schießt vom Motorrad aus auf Oliver Eickhoff, der holt sich Verstärkung und rächt sich blutig … Welchen Grund aber hätte Jaschinsky haben können, auf den kleinen Eickhoff zu schießen?

Der Hauptkommissar wusste selbst, dass er zu wilden Spekulationen neigte, und riss sich am Riemen. »Meine Kollegen würden dieses Motorrad gerne näher betrachten«, sagte er dennoch. »Wissen Sie, wo es abgestellt ist?«

Der Buchhändler nickte. »Jaschinsky hatte sich eine Garage zusätzlich gemietet, etwas außerhalb der Altstadt. Zusammen mit ein paar Gleichgesinnten. Wo genau, weiß ich aber nicht. Parkraum ist ja knapp hier.«

»Und was ist mit den anderen Mietern? Außer dem Toten haben wir keinen von denen oben vorgefunden, und die anderen Zimmer machten auch keinen bewohnten Eindruck.«

»Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Wochen auch keinen Überblick hatte, wer da oben nun eigentlich wohnt oder nicht«, erwiderte Christiansen. »Ursprünglich bestand die WG ja mal aus vier Mitgliedern – drei junge Männer, eine Frau. Später kam noch eine zweite Frau dazu. Das fand ich etwas viel, ich meine, so viele Zimmer sind es ja nun auch nicht, und das riesige Wohnzimmer wollten natürlich alle gemeinsam nutzen. Aber es war ja ein Pärchen dabei, das sich ein Schlafzimmer teilte, und alle meinten, das sei schon okay. Also habe ich zugestimmt.«

»Seit wann wohnt die WG denn dort oben?«

»Ich müsste den Mietvertrag mal raussuchen … aber ich schätze, unterzeichnet haben wir den vor etwas mehr als einem Jahr. Fünfzehn Monate, über den Daumen.«

»Ja, den Vertrag hätte ich in der Tat gerne«, sagte Stahnke. »Allein schon wegen der Namen. Oder haben Sie die alle im Kopf?«

»Leider nein.« Christiansen schien verlegen zu sein. »Überhaupt habe ich mich wohl etwas zu wenig um die Zustände da oben gekümmert. Aber, wissen Sie, man hat ja doch allerhand um die Ohren, mit Laden und Lokal und den ewigen Reparaturen an diesem alten Haus. Und dann wollen wir demnächst eine Filiale aufmachen …«

»Verstehe. Andere Dinge waren wichtiger, solange die Miete pünktlich bezahlt wurde, richtig?«

»Richtig.« Christiansen griff nach seinem Weinglas und nahm einen kräftigen Schluck; seine Wangen hatten sich gerötet. »Möchten Sie wirklich nichts?«

»Na ja, vielleicht … haben Sie alkoholfreies Bier? Weizen?«

»Aber selbstverständlich.« Christiansen streckte den Arm aus und betätigte einen an der Wand befestigten Klingelknopf. »Unsere neueste Errungenschaft! Dieser Raum liegt ja etwas abseits, da wurden Gäste manchmal übersehen. Jetzt können sie sich ganz einfach bemerkbar machen.«

Die Serviererin, der Stahnke vorhin schon in den Arm gefallen war, erschien und nahm die Bestellung entgegen. Offenbar hatte sie inzwischen erfahren, wer er war, denn sie musterte ihn mit großen Augen. Zu fragen aber traute sie sich nicht.

»Die eine der beiden jungen Frauen ist schon vor einer Weile ausgezogen«, nahm der Buchhändler den Faden wieder auf. »Hatte sich wohl mit ihrem Freund verkracht. Die anderen vier WG-Mitglieder haben ihren Mietanteil mit übernommen, und dabei ist es dann geblieben, bis heute. Ich bin mir zwar sicher, dass zwischenzeitlich noch die eine oder andere Person dort oben genächtigt hat, ich meine, auch für einen längeren Zeitraum. Aber das wurde nie offiziell gemacht.«

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18+
Release date on Litres:
26 May 2021
Volume:
372 p. 5 illustrations
ISBN:
9783839264645
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