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Peter Gerdes

Fürchte die Dunkelheit

Kriminalroman


Zum Autor

Peter Gerdes, 1955 geboren, lebt in Leer (Ostfriesland). Er studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Seit 1995 schreibt er Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet Peter Gerdes die »Ostfriesischen Krimitage«. Mit seiner Frau Heike betreibt der Autor die Krimi-Buchhandlung »Tatort Taraxacum« in Leer.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2004 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © StockSnap/pixabay.com

ISBN 978-3-8392-6482-9

Widmung

Für meine Töchter

1.

Sie waren zu dritt, wie immer, wenn es ernst wurde. Nane wappnete sich. Sie wusste, was jetzt kam, und ihr wurde schlecht vor Angst. Genau deswegen taten sie es ja. Das hatte Nane inzwischen erkannt. Aber die Angst kam trotzdem.

»Vater ist böse auf dich«, sagte Roland. Roland der Riese. Obszön dicke Muskeln wölbten sich unter seinem blütenweißen T-Shirt. Sein breites, glattes Gesicht mit der Babynase blieb unbewegt. Er war nicht wirklich bösartig, war alles andere als gemein, aber er würde genau das tun, was Vater verlangte. Immer. Das machte ihn ziemlich gefährlich.

Sanna sagte nichts. Sie lächelte nur, die Lippen dünn wie Bleistiftstriche. Der Ausdruck ihrer dunklen Augen ließ Nane schaudern wie in kalter Kellerluft. Sanna war schlimm. Nane hatte sie schon Dinge tun sehen, die schlimmer waren als …

»Nein«, sagte Nane. Mit großer Anstrengung richtete sie sich auf, bog die Schultern zurück, zwang sich heraus aus der Igelrolle, in die ihre Angst sie schon wieder gebogen hatte. »Nein. Ich will nicht.«

»Darum wirst du auch niemals Prinzessin sein.« Diese piepsig helle Stimme, dieser selbstgefällige, leiernde Tonfall! Puppe war ein Aas. Ein Schleimer, Ranschmeißer, Schöntuer. Roland mochte ihr wehtun, Sanna sie demütigen. Puppe aber war eine Intrigantin, die sie bei Vater anschwärzte, um sich selbst ins beste Licht zu rücken. Dafür hasste Nane sie. Mehr als alles andere.

Wirklich mehr? Nein, nur fast. Da waren noch andere Dinge, an die selbst Puppe nicht heranreichte. Dinge, vor denen Nane sich sicher glaubte, von denen sie jedoch wusste. Dinge, die andererseits aber auch mit Puppe zu tun hatten. Dinge, die schnell an Kontur verloren und wie im Nebel verschwammen, wenn Nane intensiv daran zu denken begann. Nur Puppe blieb.

»Du weißt, was Vater dir gesagt hat.« Das war wieder Roland. Er sprach ernsthaft, artikulierte sorgfältig, seinen Blick halb über Nane hinweg, halb nach innen gerichtet. Er gab sich Mühe. Ja, so war Roland. Gewissenhaft, zuverlässig. Vaters Großer. Ihn konnte nichts aufhalten. »Du weißt es doch noch?« Jetzt schaute er sie direkt an. Besorgt sah er aus, hoffte sichtlich auf ein Ja. Bei einem Nein würde er ihr wehtun müssen, das war klar. Offenbar machte ihm das keinen Spaß.

Ganz im Gegensatz zu Sanna.

»Ja«, sagte Nane. »Ich weiß es noch. Und ich werde mich auch danach richten. Kein Verstoß gegen Vaters Befehle.«

Noch während sie sprach, erkannte sie, dass sie selbst nicht daran glaubte, und war entsetzt.

»Lüger, Lüger, Lüger«, leierte Puppe. Vor ihr konnte man nichts verbergen, sie registrierte alles wie ein Seismograph. Und lieferte jeden ans Messer. Sannas Grinsen wurde breiter. Sie streckte ihren rechten Zeigefinger aus, dessen langer, metallicschwarz lackierter Nagel wie ein Stilett blitzte, und machte die Geste des Halsabschneidens.

Nane erstarrte. Jetzt kam alles auf Roland an. Roland der Riese war kein Sadist, kannte keinen Hass und keine Lust an Gewalt, nur unbedingtes Pflichtgefühl. Was zuweilen schlimm genug war. Hören würde er immer nur auf Vater. Aber wem würde er jetzt glauben?

»Vater sagt, du darfst nicht vergessen«, sagte Roland, und die Kälte breitete sich in Nane aus. »Niemals vergessen. Fürchte die Dunkelheit. Ich soll dich erinnern.« Braune Augen blickten gutmütig unter dichten dunklen Brauen hervor: »Tut mir leid, Nane.« Roland trat vor.

Sannas Lachen klang wie brechendes morsches Holz, Puppes Gekicher wie das Prasseln einer Handvoll Erbsen auf dem Küchenboden. Roland lachte nicht. Die Wichtigkeit seiner Aufgabe nahm ihn völlig in Anspruch, und der Eifer trieb ihm seine Zungenspitze zwischen die Lippen.

Nane konzentrierte sich ganz auf das Messer.

2.

Knapp zehn Minuten zu Fuß waren es von seiner Wohnung in der Altstadt bis zum Polizeigebäude in der Georgstraße, aber das reichte völlig aus, um ihm Schweißränder unter die Achseln zu zeichnen. Und das um halb acht Uhr früh. Stahnke war froh, als er seinen massigen Körper endlich zwischen den Glastüren hindurch ins Treppenhaus schieben konnte, auch wenn die Luft hier abgestanden war, geschwängert mit den Gerüchen alten Gummis, frischer Putzmittel und überlagerter Akten. Immerhin war es hier kühl, und das zählte.

Mit gemischten Gefühlen erklomm der Hauptkommissar die Treppe zum zweiten Stock des lang gestreckten Backsteinbaus. Sein Büro lag an der Rückseite des Gebäudes, so dass ihm die schöne Aussicht auf den Leeraner Hafen verwehrt blieb, nicht aber die volle Mittagssonne. Die Südlage hatte zur Folge, dass er in diesem glutheißen Sommer an seinem Schreibtisch schwitzte wie ein Schweinebraten und seine feuchten Hände den Telefonhörer kaum halten konnten. An eine Klimaanlage war natürlich nicht zu denken, nicht bei dieser allgemeinen Finanzlage; sein entsprechender Antrag hatte nichts als Heiterkeit zur Folge gehabt. Nicht einmal vernünftige Jalousien waren drin. So erinnerte sein Arbeitsplatz mit jedem Tag mehr an einen defekten Backofen, in dem nichts aufging und garte, schon gar kein guter Gedanke, sondern alles nur verkrustete und verkohlte. Alles in allem ein massiver Standortnachteil.

Einerseits.

Andererseits lag sein Zimmer seit kurzem Wand an Wand mit dem von KK Rosenbohm. Seit neun Tagen, um genau zu sein. Und das ließ er durchaus als Vorteil gelten.

Die Luft in seinem Büro roch noch schlimmer als die im Flur, abgestanden und staubgesättigt, obwohl er gestern Abend noch gelüftet hatte; die Wärme des vergangenen Tages hatte sich nicht vollständig vertreiben lassen, hockte hartnäckig in den Ecken und schien entschlossen, für nachrückende Hitzeeinheiten einen Brückenkopf zu bilden. Jeden Nachmittag wurde es auf diese Art ein Grad heißer im Zimmer als tags zuvor – gefühlt sogar zwei.

Stahnke riss die Fenster auf und fragte sich, wie lange er das noch ertragen konnte. Solche Sommer hatte man eigentlich nicht in Ostfriesland. Zwei, drei heiße Tage waren in Ordnung, aber dann war’s damit auch gut, Zeit für den üblichen Landregen. Nicht so dieses Jahr. Irgendetwas war da aus den Fugen. Die Ozonschicht? Das globale Klima? Auf jeden Fall Stahnkes Weltbild.

Kaffeeduft und ein leises Räuspern von jenseits der Verbindungstür signalisierten, dass Kramer bereits an seinem Schreibtisch saß. Offenbar war es nicht möglich, so früh zur Arbeit zu erscheinen, dass Kramer nicht schon an Ort und Stelle gewesen wäre. Früher hatte Stahnke seinen Assistenten für einen notorischen Streber gehalten. Kramer aber war kein Karrierist, sein Fleiß hatte andere Gründe. Welche? Gute Frage. Vermutlich konnte er einfach nicht anders.

»Moin«, rief Stahnke in Richtung Verbindungstür.

»Morgen, Chef«, klang es gedämpft zurück.

»Was gibt’s Neues?«

Kramer trat ins Zimmer, eine mittelgroße, schmale Gestalt um die vierzig mit hagerem Gesicht und stoischer Miene. In seinem hellblauen, kurzärmeligen Hemd sah er ungewohnt leger aus. Messerscharfe Bügelfalten kämpften energisch gegen diesen Eindruck an. »Eine junge Frau wurde niedergestochen«, sagte er. »So gegen zwei Uhr letzte Nacht, auf dem Parkplatz vor dem Zollhaus. Sie war bewusstlos, als sie aufgefunden wurde.« Kramer blickte von seinen Notizen hoch und hob die Augenbrauen: »Es gab einen telefonischen Hinweis. Anonym.«

»Mann oder Frau?«, fragte Stahnke.

»Frau, der Stimme nach eine sehr junge, meint der Kollege von der Nachtschicht. Anruf vermutlich über Handy, die Nummer war aber unterdrückt.« Kramer blätterte weiter: »Beim Opfer mäßiger Blutverlust, Verdacht auf innere Verletzungen. Keinerlei Hinweise auf sexuellen Missbrauch. Eingewiesen ins Borromäus-Hospital.« Er klappte seinen Notizblock zu und verschränkte die Arme. »Das war’s.«

Stahnke fuhr sich mit beiden Händen durch die stoppelkurzen weißblonden Haare. Das hörte sich nach unklarer Kompetenzlage an. Körperverletzung oder Mordversuch? Körperverletzung war Sache des 2. Fachkommissariats, ebenso wie Eigentumsdelikte, Sachbeschädigung und vieles andere. Für Sexualdelikte und Mord waren er und seine Kollegen vom 1. FK zuständig, aber beides lag hier eindeutig nicht vor. Versuchter Mord, nun ja, vielleicht. Stahnke entschloss sich, Kramers Entscheidung, in dieser Angelegenheit zu ermitteln, fürs Erste zu akzeptieren.

»Vernommen wurde sie noch nicht?«

Kramer schüttelte den Kopf: »War nicht möglich. Im Krankenhaus sei sie zwar vorübergehend zur Besinnung gekommen, habe aber einen verwirrten Eindruck gemacht, heißt es.«

»Und sonst? Spuren?«

»Die Tatortuntersuchung hat bisher nichts ergeben«, sagte Kramer. »Aber wir haben die Tatwaffe. Ein Klappmesser. Ist im Labor.«

»Na, das ist doch was.« Stahnke rieb sich das rundliche Kinn. Der Tatort ließ alle möglichen Spekulationen zu. Das alte Leeraner Zollhaus wurde größtenteils als Veranstaltungszentrum genutzt, getragen von einem Verein mit hohem kulturellen Anspruch, der aus finanziellen Erwägungen aber überwiegend Abtanzfeten und -konzerte veranstaltete. Das Gebäude lag unmittelbar am Bahnhof, sein Parkplatz grenzte an den der Hauptpost, und an der vorbei ging es direkt in die Fußgängerzone. Punker, Nachtschwärmer, Bahnhofspenner, Neonazis – hier war in warmen Nächten alles und jeder unterwegs. Wenn es keine Beziehung zwischen Opfer und Täter gab oder wenigstens eine exakte Beschreibung, konnte es schwierig werden. Da war eine Tatwaffe, möglichst mit Fingerabdrücken, schon sehr hilfreich.

»Ist das Opfer denn beraubt worden?«

»Ihre Handtasche hatte sie noch«, sagte Kramer. »Papiere, Geldbörse, Scheckkarte, alles noch drin. Vermutlich also nicht beraubt. Genau wissen wir das aber erst, wenn wir sie befragen können.«

»Klar.« Natürlich war sie nicht beraubt worden. Aber Kramer gab sich selbstverständlich niemals mit neunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit zufrieden. »Wie heißt sie denn?«

»Haak. Marion Haak.«

Nebenan klappte eine Tür; ein Fenster wurde aufgerissen. KK Rosenbohm war zum Dienst erschienen. Stahnke blickte auf seine Armbanduhr: kurz vor acht. Akzeptabel, wenn auch nicht gerade übermäßig beflissen.

»Und wann etwa wird sie vernehmungsfähig sein?«

Nebenan wurde gesungen. Einen Augenblick lang lauschten die beiden Männer schweigend. »Get the Party started« drang durch die offenen Fenster herüber, so laut und deutlich, als würde der Song im selben Raum geschmettert. Stahnke, dem es noch nie in den Sinn gekommen war, den Dienstbeginn bei der Leeraner Kripo mit dem Anfang einer Party zu vergleichen, kannte den dazugehörigen Clip aus dem Fernsehen. Die Sängerin hieß Pink: wild, stark, verletzlich. Und ziemlich sexy. Schnell wandte er sich und seine Gedanken wieder Kramer zu: »Nun?«

»Vielleicht kann sie schon heute Vormittag vernommen werden«, mutmaßte Kramer. »Eventuell könnte das ja …«

Die Tür zum Korridor flog auf. »Morgen allerseits!« Kriminalkommissarin Rosenbohm betrat das Büro nicht, sie stürmte es. Inzwischen genoss Stahnke diese Auftritte, die ihn anfangs erschreckt hatten. Frauen wie Maike Rosenbohm fand er überhaupt beängstigend. Na ja, mit den Jahren war er etwas stabiler geworden, nicht nur äußerlich, inzwischen verschüttete er nicht mehr seinen Kaffee vor Nervosität, sobald der Sicherheitsabstand zwischen ihm und einer starken Frau unterschritten war. Früher aber – ach, das war eben früher.

War das nun ein Top oder ein T-Shirt, was die neue Kollegin da trug? Richtig bauchfrei war das Ding nicht, aber bei jeder Bewegung blitzte braune, straffe Haut. Kein Wunder bei diesen tief auf Hüfte geschnallten Jeans. Nicht ganz so tief wie bei Pink, sicher, deren Beinkleider zumeist nur bis knapp über den Schamhügel reichten, aber doch ziemlich tief. Gewagt. Oberrat Manninga hatte bei der Begrüßung der neuen Kollegin die Stirn gerunzelt, mehrmals sogar, Maike Rosenbohm aber hatte das Unübersehbare strahlend übersehen. Dreist, dachte Stahnke. Wild. Und ganz schön …

»Schon fleißig?« Maike Rosenbohm stemmte die Arme in die Hüften. »Was gibt’s denn?« Sie war auf den Zentimeter genau so groß wie Kramer, einssechsundsiebzig, wirkte mit ihren steil gegelten braunen Haaren aber größer. Stahnke fühlte sich an eine Sportlerin erinnert, ohne sagen zu können, an welche. Was für eine Disziplin mochte ihr liegen? Für eine Turnerin war sie viel zu groß, Fußball schied ebenso aus, das passte einfach nicht zu ihr. Ebenso wenig Sprint oder Langlauf, dafür war ihr Körper weder muskulös noch leptosom genug. Eine Speerwerferin vielleicht? Eher noch eine Volleyballerin. Oder eine Handballspielerin auf der Rückraumposition: Überblick, Führungsstärke, Wurfkraft. Ja, das konnte hinkommen.

Der Blick ihrer graublauen Augen war offensiv, unverfroren, fast aggressiv. Auf unsichere Gemüter mochte er einschüchternd wirken. Bei Befragungen konnte das hinderlich sein. Stahnke nahm sich vor, ihr das bei Gelegenheit einmal zu sagen.

»Arbeit für Sie«, sagte er stattdessen. »Rufen Sie mal im Krankenhaus an, ob unser Opfer schon vernehmungsfähig ist. Kramer hat die Daten. Falls ja, sagen Sie Bescheid.« Einer spontanen Idee folgend, fügte er noch hinzu: »Dann gehen wir beide mal rüber.«

Eigentlich könnte sie das auch alleine übernehmen, überlegte Stahnke, als seine beiden Mitarbeiter das Büro verließen. Wäre vielleicht sogar sinnvoller, so von Frau zu Frau. Außerdem hatten sie momentan weiß Gott genug zu tun. Der tote Alki von letzter Woche war noch immer nicht identifiziert. Niedergeschlagen mit einem schweren, glatten Gegenstand, vermutlich einer Metallstange, und dann zum Sterben liegen gelassen, mitten in einer Leeraner Wohnstraße; mit großer Wahrscheinlichkeit Totschlag unter Saufkumpanen, bisher aber gab es noch keinen einzigen Hinweis. Auch in dieser Moormerländer Sache von gestern bestand noch Ermittlungsbedarf. Vorsätzlicher Mord oder Totschlag im Affekt – der erschossenen Ehefrau war das vermutlich egal.

Und warum stahl er sich jetzt auch noch selber Zeit durch einen vermutlich überflüssigen Gesprächstermin? Aus Neugier wahrscheinlich. Stahnke nickte bedächtig ein paar Aktendeckeln zu. Ja, das klang plausibel. Neugierig war er tatsächlich. Eine Schwäche von ihm. Und zugleich eine seiner Stärken. Auf jeden Fall sehr nützlich im Beruf.

Aber wenn er ehrlich war …

Die Bürotür öffnete sich erneut, wieder ohne dass angeklopft worden wäre, und Stahnke war nicht überrascht, seinen direkten Vorgesetzten zu erblicken. Kriminaloberrat Fritz Manninga suchte gern den Kontakt zu seinen Leuten, tauchte häufig in deren Amtsstuben auf, meistens ohne konkreten Grund oder offenkundige Kontrollabsichten. Nur so früh am Morgen begegnete man ihm eher selten.

»Na, mein Bester, interne Frühbesprechung schon beendet?« Manninga streckte seine nikotingelbe Hand über Stahnkes Schreibtisch, und der Hauptkommissar erhob sich, um für das kleine Ritual gerüstet zu sein. Manninga war fast dreiundsechzig, gab sich großväterlich und kokettierte gern mit seiner bevorstehenden Pensionierung, verfügte aber nach wie vor über Bärenkräfte. Und er hatte einen kindlichen Spaß daran, diese Kräfte zu messen.

Der Moment des Zufassens war entscheidend, das wusste Stahnke aus böser Erfahrung. Gelang es einem der beiden, seinen Griff so anzusetzen, dass er Druck auf die Fingergelenke und die Knöchel des anderen ausüben konnte, dann war das Duell schnell beendet. Auch ein Ehering konnte verhängnisvoll sein, vor allem ein etwas zu großer, der sich unter Druck verkantete und seinem Träger unerträgliche Schmerzen verursachte. Zum Glück trug er seit Jahren keinen mehr. Zum Glück? Ja, doch, inzwischen konnte er das so sehen, lange genug hatte es gedauert, die Trennung von Katharina zu überwinden. Auch Manninga trug keinen Ring. Witwer war er, seit vielen Jahren schon. Also irgendwie gleiche Voraussetzungen.

Zwei Pranken schnellten vor wie Klapperschlangenköpfe, zwei Daumen rasteten ein, zwei Satz Finger umschlossen einander, zwei Kiefer verkrampften sich, zwei Muskelpakete traten in Aktion. Aber nur einen Augenblick lang, dann war das Duell gelaufen. Dies war ein typischer Remis-Griff, der keinem der beiden einen Vorteil verschaffte, das spürten die Kontrahenten sofort. Muskel traf auf Muskel, Druck auf festes Fleisch. Patt. Grinsend ließen sie los.

Manninga pflanzte seinen breit gebauten Körper auf den wackeligen Besucherstuhl und bedeutete auch seinem Hauptkommissar, Platz zu nehmen. »Na, viel zu tun im Moment?«

Stahnke horchte auf. Natürlich wusste Manninga genau, welche Fälle sein 1. Fachkommissariat derzeit bearbeitete. Solch eine Frage konnte nur bedeuten, dass neue Arbeit auf ihn und seine Leute zukam.

Auch Kramer musste das mitbekommen haben, denn seine schmale Gestalt tauchte plötzlich im Durchgang auf. Der Oberkommissar schien über ein körpereigenes Sonar für solche Dinge zu verfügen, wie ein Delfin. Oder vielmehr über ein angeborenes Radar, wie eine Fledermaus, das kam besser hin, rein figürlich. Jedenfalls stand er mit verschränkten Armen im Durchgang und schwieg auffordernd, wie nur er schweigen konnte.

»Geht so«, sagte Stahnke. »Könnte schlimmer sein.«

»In der Tat«, erwiderte Manninga und nickte bedächtig. »Schlimmer geht’s immer, nicht wahr, das muss uns alten Haudegen keiner mehr erzählen, was? Womit ich Sie natürlich nicht älter machen will, als Sie sind, Stahnke. Fünfzig sind Sie jetzt, nicht wahr? Oder wie war das?«

»So etwa«, sagte Stahnke. Etwa fünfzig, das reichte, genauer musste das keiner wissen. Er selbst schon gar nicht. Also besser zurück zum Thema. »Tja, wie schlimm kommt es denn nun?«

Manninga strich sich ein paar Strähnen seines dichten, etwas filzigen grauen Haarschopfs aus der Stirn. »Der Fall Frerichs«, sagte er in bekümmertem Tonfall. »Draußen in Moormerland. Die erschossene Frau. Wie weit sind Sie damit?«

Stahnke zuckte die Achseln. »Die Täterschaft ist eindeutig, auch wenn der Mann bisher schweigt. Die Waffe haben wir auch. Heimtückischer Mord oder Totschlag im Affekt, das ist noch die Frage. Motiv – vermutlich Eheprobleme. Sicher, da ist noch einiges zu klären, aber das läuft uns ja nicht weg.« Während seines kurzen Vortrags wurde es Stahnke zunehmend unbehaglicher zu Mute. Sein eigenes Denken und Handeln kam ihm jetzt unglaublich schematisch vor. Ungewohnt. Und unverantwortlich.

Aber durfte ein Fall denn nicht auch einmal klar liegen? Schließlich war in jedem zweiten Fall von Mord oder Totschlag an einer Frau das Opfer mit dem Täter verwandt, verheiratet oder eng befreundet. Die Statistik war da eindeutig. Gewalt innerhalb einer Beziehung war längst ein Straftatbestand wie jeder andere. Allerdings ein überproportional häufiger.

»Wir dürfen diese Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen«, sagte Manninga. »Die Leute reden.«

Ach ja, die Leute. Manninga gab viel auf Volkes Stimme, und er war sehr besorgt um den Ruf seiner Inspektion und damit seinen eigenen. Mit schlechter Presse konnte er leben, wenn nur die Leute nicht murrten.

»Die Leute reden doch immer«, sagte Stahnke, aber es klang nicht überzeugend, nicht einmal für ihn selbst. Also fragte er: »Was reden sie denn diesmal?«

»Über Esdert Frerichs reden sie«, sagte Manninga. »Jetzt, wo er sitzt. Klar. Vorher gab’s kein böses Wort über ihn. Auf seine Nachbarn lässt man ja nichts kommen. Aber plötzlich …«

Jetzt endlich fiel bei Stahnke der Groschen. Natürlich, Manninga wohnte ja in Veenhusen, und das lag in der Gemeinde Moormerland, ein paar Kilometer nördlich von Leer. Kein Wunder, dass er die Leute reden hörte, wenn es um den Fall Frerichs ging. Nachbarschaftsklatsch, das war es also. Beruhigt lehnte er sich zurück. »Ist er also früher schon gewalttätig gegen seine Frau geworden?«, fragte er. »Hat sie geschlagen und bedroht?«

»Kein Stück«, sagte Manninga. »Die Ehe wird als sehr harmonisch geschildert, auch jetzt noch. Aber sonst, also quasi nach außen hin, soll er sich gelegentlich brutal verhalten haben. Auch gegenüber Frauen. Frauen und Mädchen. Angezeigt hat ihn aber nie eine. Klar.«

»Klar.« Stahnke nickte. Er kannte sie gut, diese dörfliche Verschwiegenheit, die keiner brechen durfte, der nicht ausgestoßen werden wollte wie ein Leprakranker. Und natürlich die Kumpanei der Kerle, die sich in aller Regel auch auf die dazugehörigen Ehefrauen erstreckte. Da wurde von Fahrerflucht bis Vergewaltigung alles gedeckt, was diese doppelkorngesättigten Hirne für Kavaliersdelikte hielten. Nur wenn einer zu weit ging, wenn er ein Tabu verletzte, wenn er zum Beispiel seine Gattin nicht nur grün und blau schlug oder sie auf dem Ehebett gewaltsam an ihre Pflichten erinnerte, sondern ihr mit einer Ladung Grobschrot den Hinterkopf wegsprengte, dann hatte er die Solidarität verwirkt, dann ließ man ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. So wie jetzt Esdert Frerichs, offenbar.

»Und er soll noch weitere Waffen besessen haben«, fuhr Manninga fort.

Stahnke runzelte die Stirn. »Laut Waffenbesitzkarte hatte er zwei Jagdgewehre«, sagte er. »Die Tatwaffe, eine Schrotflinte, und einen Zwilling. Beide haben wir sichergestellt. Von weiteren Waffen steht nichts im Bericht.« Kramer war vor Ort gewesen, und Stahnke hatte keine Veranlassung, an dessen Akribie zu zweifeln.

»Frerichs ist nicht nur Jäger, sondern auch Mitglied im Schützenverein«, warf Kramer ein. »Vielleicht bewahrt er seine Sportwaffen im Schützenhaus auf.« Stahnke zuckte bei diesen Worten zusammen; wieder einmal war es seinem Kollegen gelungen, seine Anwesenheit aus dem Bewusstsein seiner Vorgesetzten zu tilgen. Diesen Mann konnte man sehen, ohne ihn wahrzunehmen. Der Teufel mochte wissen, wie er das machte.

Manninga schüttelte den Kopf. »Auch solche Waffen müss­ten auf Frerichs’ Waffenbesitzkarte vermerkt sein. Außerdem geht es hier nicht um Sportpistolen oder Kleinkaliberwaffen. Die Rede ist von Schnellfeuergewehren. Armeewaffen. Kriegsgerät.«

Stahnke pfiff leise durch die Zähne. »Ach. Und wozu? Ich meine, was hat er damit gemacht? Oder machen wollen?«

»Keine Ahnung«, sagte Manninga. »Mehr wusste mein Informant nicht. Oder vielleicht wollte er auch nicht mehr sagen, wer weiß. Eben nur, dass Frerichs notorisch gewalttätig ist und dass er über gefährliche Waffen verfügt.«

»Wenn er auch noch Moslem ist und einen Bart trägt, dann ist er jetzt reif für ein Flächenbombardement«, sagte Stahnke. »Anruf bei George W. Bush genügt, und wir sind den Fall los.«

Manninga zeigte nur ein freudloses Grinsen. »Einen Anlass für Witze kann ich hier nicht erkennen«, sagte er. »Nicht einmal für schlechte.«

Abermals flog die Tür zum Flur ohne vorwarnendes Anklopfen auf. »Moin, Herr Manninga.« Wie immer zog Maike Rosenbohm alle Blicke auf sich, ihr Strahlen aber verfehlte diesmal seine gewöhnlich ansteckende Wirkung. Sie wandte sich Stahnke zu: »Frau Haak ist wieder wach, macht aber immer noch einen ziemlich verstörten Eindruck, sagt das Krankenhaus. Sollen wir trotzdem?«

»Sollen wir was?« Stahnke tat sich schwer mit dem Umschalten. »Ach ja, die junge Frau.«

»Genau, Marion Haak, siebenundzwanzig Jahre alt, zahntechnische Laborantin, wohnt hier in Leer. Ordnungsgemäß gemeldet, sauberes Führungszeugnis.« KK Rosenbohm hatte ihre Hausaufgaben gemacht, sehr ordentlich, wie nicht anders zu erwarten.

»Nein«, entschied Stahnke. »Das machen wir später, lassen wir Frau Haak noch etwas ausruhen. Kramer, wir beide fahren raus nach Veenhusen, und Sie, Frau Rosenbohm, kümmern sich inzwischen um den toten Alki. Der Name muss doch rauszukriegen sein.«

»Ist gut«, sagte die Kommissarin. Kramer nickte nur. Manninga und Stahnke erhoben sich.

3.

Wie ist es nur möglich, überlegte Stahnke, während er den Plattenweg abschritt, der rund um das Haus der Familie Frerichs führte. Da wohnt einer auf dem Land, nicht einmal im Dorf, sondern auch noch ganz am Rand, mitten in der Einöde, und was ist? Mehr Lärm als in der Großstadt. Während der wenigen Minuten seines Aufenthalts waren schon drei Sandlaster mit Hänger die Betonstraße entlanggerumpelt, die dicht an Frerichs’ Haus vorbei zu den Kiesgruben führte, zwei Züge waren auf der Strecke jenseits der benachbarten Felder unüberhörbar vorbeigerauscht, der eine Richtung Emden, der andere nach Leer, und jetzt dröhnte auch noch ein Propellerflugzeug über ihn hinweg, offenbar im Anflug auf den Flugplatz Nüttermoor. Vom beständigen, gleichförmigen Donnern des Verkehrs auf der Bundesstraße, hin und wieder zersägt vom Kreischen eines Zweitaktmotorrads, ganz zu schweigen. Was hier wohl erst im Herbst los war, zur Mäh- und Erntezeit? Schwärme von Fliegen ließen vermuten, dass auf den Feldern, an die das Grundstück grenzte, mit Gülle nicht gespart wurde. Oh nein, dachte Stahnke, dann schon lieber die Leeraner Altstadt mit all ihren lauten Festen, knatternden Teenie-Rollern und grölenden Betrunkenen.

Wie wohl das Ehepaar Frerichs, beide Ende vierzig und kinderlos, hier draußen seine Abende verbracht hatte? Gemeinsam saufend vor dem Fernseher? Eher nicht, schließlich wurden beide in mehreren Vereinen als Mitglieder geführt, nicht nur bei den Jägern und Schützen. Das hieß dann wohl öffentliches Trinken in trauter Gemeinschaft.

»Wo hat sie denn gelegen?«, fragte Stahnke, als er die Umrundung des Hauses abgeschlossen hatte und wieder an der großen überdachten Terrasse angekommen war.

»Dort«, sagte Kramer und zeigte auf eine schmale Tür, die offenbar in die Küche führte. »Sie muss von hier gekommen sein, denn an ihren Arbeitsschuhen war Gartenerde, im ganzen Haus aber nicht. Sie war wohl bei der Gartenarbeit und wollte schnell einen Schluck Tee trinken.«

»Worüber ihr Mann so erzürnt war, dass er sie unverzüglich erschoss«, ergänzte Stahnke. »Kramer, Kramer, wohin soll das noch führen mit Ihren vorschnellen Schlüssen.« Aus den Augenwinkeln heraus versuchte er auszumachen, ob seine Ironie Wirkung zeigte.

Der Oberkommissar reagierte nicht.

Wenn er jetzt doch lachen würde, dachte Stahnke. Oder sich verteidigen oder mich wüst beschimpfen, denn wenn hier einer zu vorschnellen Schlüssen neigt, dann ist das ganz gewiss nicht er. Aber nein, er sagt gar nichts, und jetzt stehe ich wieder da mit meiner blöden Bemerkung und meinem schlechten Gewissen. Warum macht er das bloß immer mit mir? Und warum kann ich denn nicht endlich mal die Schnauze halten, wenn mir so etwas in den Sinn kommt? Einen besseren Kollegen als Kramer könnte ich mir nicht wünschen, ein loyaleren auch nicht. Mehr als einmal hätte er mich schon in die Pfanne hauen können. Dann säße er vielleicht schon auf meinem Pos­ten. Also warum zum Teufel muss ich ihn andauernd pieken?

Maike Rosenbohm fiel ihm ein. Die hätte ihm Contra gegeben. So eine lässt sich nichts gefallen. Astreine Polizistin. Tolle Frau. Die würde ihren Weg machen.

Und wohin würde der sie führen? Zügig zum Hauptkommissar? Und auf seinen Posten?

Na, und wenn schon. Bis dahin war er sowieso schon pensioniert.

»Wo hat sie denn gegärtnert, die Frau Frerichs?«, fragte er. Suchend blickte er sich um; der Garten war groß, selbst für ländliche Verhältnisse, und durch mehrere hohe Hecken unterteilt. Vermutlich des Windes wegen, der hier ziemlich heftig übers platte Land wehte. Recht unübersichtliche Gartenanlage, fast schon ein grünes Labyrinth.

»Es gibt mehrere Stellen, an denen kürzlich gegraben wurde. Dort hinten unter den Rosenbüschen, rund um das Stallgebäude und dann noch vorne zwischen Rasen und Entwässerungsgraben.« Ja, das war Kramer: Korrekt, gründlich, unerschüttert. Tröstlich. Und zum Verzweifeln.

Den Stall mit seinen Klinkermauern und dem Satteldach hatte Stahnke erst für ein Nachbarhaus gehalten. Innen waren noch Schweinekoben und Rinderboxen erkennbar, Nutztiere aber wurden hier offensichtlich schon lange nicht mehr gehalten. Alles war sauber gestrichen, und an den Wänden waren Gartengeräte, Holzstapel, Plastikplanen und verschiedene Werkzeuge ordentlich aufgereiht. Frerichs arbeitete seit Jahren im Emder Volkswagenwerk, so wie viele andere Männer auch, die früher in der Landwirtschaft tätig gewesen waren.

Einige der Gartengeräte wiesen noch Spuren anhaftender Erde auf. Der Boden hier schien schwer zu sein, offenbar lehmhaltige Kleierde, obwohl Leer doch auf einem sandigen Geestrücken lag. Entweder verlief hier irgendwo die Grenze zum Marschland, oder aber der Kleiboden war nachträglich aufgebracht worden. Die meisten Erdspuren waren trocken und krümelig, nur die auf einem Spaten und einer Schaufel waren noch klebrig und hinterließen Schmierspuren an den Fingern des Hauptkommissars. Kleiboden trocknete eben selbst bei sommerlicher Hitze nur oberflächlich aus.

»Waren dies die Geräte, mit denen Frau Frerichs gestern gearbeitet hat?«, fragte Stahnke.

»Anzunehmen«, antwortete Kramer. »Draußen liegen jedenfalls keine mehr rum.«

»Also hat die Frau ihre Sachen ordentlich weggestellt. Demnach wollte sie die Gartenarbeit wohl für diesen Tag beenden.«

»Ja, sieht so aus.«

»Aber ihre Schuhe hat sie nicht ausgezogen«, sagte Stahnke. »Und auch nicht saubergemacht, richtig? So wie sie war, mit dicken Erdklumpen an den Sohlen, ist sie ins Haus gelaufen. Können Sie sich das von einer ostfriesischen Hausfrau vorstellen?«

Stumm schüttelte Kramer den Kopf.

Seite an Seite gingen die beiden Männer zurück zur überdachten Terrasse. Neben der Fußmatte, ordentlich ausgerichtet, stand dort ein Paar Slipper, Damenhausschuhe, eindeutig. Erdklümpchen auf der anderen Seite der Matte wiesen den Platz aus, wo die Arbeitsschuhe gewöhnlich abgestreift wurden. Das war gestern unterblieben. Warum?

»Vielleicht hat das Telefon geklingelt«, sagte Kramer.

»Möglich«, sagte Stahnke. »Das ließe sich sogar nachprüfen, die Tatzeit haben wir ja so ungefähr.« Aber wirklich überzeugt kam er sich selber nicht vor.

Behutsam den Trittsteinen folgend, schlenderte er zwischen den Rabatten entlang. Rosenbüsche, alle gleich hoch, alle blühend, allesamt rot. Dazwischen nackte graue Erde. Eintönig. Aber ordentlich, wie manche es mochten. Er nicht. Er liebte Gärten, wo die Stauden so wild und bunt und dicht neben- und durcheinander standen, dass sie sich gegenseitig in die Höhe und zu immer mehr Pracht trieben. Solch einen Garten würde Stahnke natürlich niemals im Griff behalten, das wuss­te er genau. Binnen weniger Monate würde daraus eine grüne Hölle entstehen. Deshalb war sein eigenes Gartenfleckchen eher kahl, genau genommen eine Mooswiese mit einem Baumstumpf in der Mitte. Ideal, um bei Sonne drauf zu sitzen und zu lesen. Trotzdem liebte er prallvolle Wuchergärten. Für ihn war das kein Widerspruch. Lieben hieß ja nicht unbedingt gleich besitzen wollen.

Dort war der Entwässerungsgraben, und hier, ebenfalls von mannshohen Buchsbaumhecken umsäumt, die dritte Stelle, an der Frau Frerichs geackert hatte, ein Rasenstück mit fast kahlen Blumenbeeten an zwei Seiten. Die Spuren ihrer Arbeit waren noch zu erkennen, auch wenn der Boden sorgfältig geglättet worden und die Erde inzwischen getrocknet war, so dass sie sich vom Boden rechts und links davon farblich nicht mehr unterschied.

Moment mal. Stahnke trat einen Schritt zurück und Kramer dabei fast auf den Fuß. »Sehen Sie das? Hier ist nur dieses Stück beackert worden, etwas mehr als einen Meter breit. Rechts und links davon nicht. Ist das nicht eigenartig?«

»Na ja, vielleicht ist sie gestört worden. Das Telefon …« Kramer zuckte die Achseln.

»Möglich. Aber warum fängt die Frerichs hier in der Mitte an? Das passt nicht zu einer ordentlichen Frau wie ihr, ebenso wenig wie mit Gartenschuhen ins Haus zu laufen.«

Sein Blick maß den Verlauf der bearbeiteten Stelle ab. Nach hinten reichte sie bis zur Hecke, die hier die Grundstücksgrenze markierte, möglicherweise sogar unter ihr hindurch. Und vorne bis zum Rasen. Oder nein. Stahnke hockte sich hin und fuhr mit der Hand durch die dichten gestutzten Halme. Da waren Erdkrümel. Kurz entschlossen fasste er zu und zog. Ein kurzer Widerstand, dann hielt er eine Grassode in der Hand, sauber viereckig ausgestochen.

»Hier wurde nicht gegärtnert«, sagte er, während er sich erhob und sich die Erde von den Händen klopfte, »hier wurde gegraben. Aus- oder eingegraben. Und anschließend säuberlich wieder abgedeckt.« Mit dem Handrücken wischte er sich die Stirn; bei dieser Hitze trieb ihm selbst eine geringe Anstrengung den Schweiß aus den Poren.

Kramer hatte sich hingekniet und peilte mit schief gelegtem Kopf über das Gras. »Das reicht etwa drei, vier Meter weit in den Rasen hinein«, sagte er. »Dann ist Schluss, dahinter ist alles unverändert. Jetzt, wo man’s weiß, kann man es deutlich sehen.« Keine Entschuldigung, einfach Fakt.

Dann fragte er: »Soll ich?«

Stahnke nickte und krempelte sich die Hemdsärmel hoch, während der Oberkommissar Richtung Stallgebäude sprintete. Als er kurz darauf zurückkehrte, trug er nicht nur Schaufel und Spaten in der Hand, sondern auch zwei Stück Plastikplane unterm Arm. »Für die Rasensoden und die ausgehobene Erde«, erläuterte er überflüssigerweise. »Frau Frerichs muss das ebenso gemacht haben.«

Stahnke griff nach der Schaufel. Während Kramer vom Blumenbeet her die Soden abhob und sie ordentlich so auf ein Stück Plane legte, dass man ihre Lage später rekons­truieren konnte, machte sich sein Vorgesetzter ans Graben. Schaufelblatttief hob er den Boden aus, über eine Länge von etwa zwei Metern, dann machte er kehrt und nahm sich die nächste Schicht vor. Die Erde war locker und fast frei von Steinen und Bauschutt, trotzdem war Stahnkes Hemd schon nach wenigen Minuten schweißnass. Seinem Bauch würde die Bewegung sicherlich gut tun. Allerdings spürte er dabei eher seinen Rücken.

Die ersten achtzig, neunzig Zentimeter in die Tiefe waren kein Problem. Dann wurde die Erde plötzlich fester. Der Hauptkommissar hielt inne und stützte sich auf den Schaufelstiel.

»Tiefer ist hier nicht gegraben worden«, sagte er. »Fast sicher. Jedenfalls nicht in letzter Zeit.«

»Also wurde hier eher etwas ausgegraben«, vermutete Kramer. »Etwas, das hier deponiert war. Ausgegraben und abtransportiert.«

»Dann hat wohl eher der Frerichs selbst hier gegraben«, sagte Stahnke; sein Atem ging keuchend. »Und seine Frau hat ihn dabei gestört. Überrascht. Ob er sie deshalb …?«

»Und was war es, das hier lag?«, fragte Kramer.

»Na, doch wohl das, woran Sie auch denken«, erwiderte Stahnke. »Illegale Waffen, oder nicht?«

Kramer nickte. »Würde ja zu dem passen, was Manninga uns da erzählt hat«, sagte er. »Für wen er die wohl versteckt hat? Russenmafia oder Neonazis? Bunkerware für irgendwelche Islamisten? Aber vielleicht hat er ja auch selber damit gehandelt.«

Stahnke war wieder zu Atem gekommen. »Erst einmal gu­cken, ob noch etwas von dem Zeug hier ist, ehe wir weiterspekulieren«, entschied er und stieg aus der Grube. Sie erinnerte an einen Graben, gut möglich, dass hier einmal längliche Waffenkisten gelegen hatten. Er wandte sich dem nächs­ten Abschnitt zu, dem, der zur Mitte des Rasenstücks wies, unmittelbar vor der unbeschädigten Grasnarbe.

Wieder flog die lockere Erde, floss der Schweiß in Strömen. Stahnke keuchte fast vom ersten Schaufelstich an. Keine Mütze, dachte er, ich habe nichts auf dem Kopf. Wenn hier nichts liegt, mache ich erst einmal Pause, sonst hole ich mir noch einen Sonnenstich.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Kramer versuchte, mit seinem Spaten vor der Hecke zu graben. »Das bringt nichts«, rief er ihm zu, ohne mit dem Schaufeln innezuhalten. »Spaten sind etwas zum Umgraben, nicht zum Löcher machen.« Das hatten sie ihm beim Gullysetzen im Tiefbau beigebracht, wo er als Jugendlicher gejobbt hatte, und er bildete sich eine Menge auf sein Wissen ein. »Lassen Sie das, Sie Kindskopf!« Mist, dachte er praktisch im selben Augenblick. Wieder mal zu weit gegangen.

Da stieß seine Schaufel auf Widerstand.

»Hier ist etwas«, sagte er und winkte Kramer herbei. Er war sich seiner Sache sicher. Das war kein Stein, bestimmt, der Ruck im Schaufelstiel und der Klang waren anders gewesen. Nicht so hart, nicht so hell. Dumpfer, wie Holz eben. Eine Kiste, voll mit Gewehren und Munition? Mit Schwung und voller Ungeduld stieß er das Schaufelblatt in den lockeren Boden und hebelte eine neue Ladung Erde heraus.

Da kam etwas mit.

Es war graubraun, nicht viel anders als die Erde drum herum, und doch heller. Kein Stein, bestimmt nicht. Steine mochten zwar gelegentlich so glatt sein, aber sie sahen nicht so aus. Und sie schauten einen auch nicht so an. Was konnte das sein?

Etwas vom Gewicht einer Baggerschaufel presste seinen Magen zusammen. Unter perlendem Schweiß fühlte sich seine Haut plötzlich eiskalt an.

»Ein Schädel«, sagte Kramer, seine Stoikermaske wieder vor dem Gesicht. Dann runzelte er die Stirn: »Ein kleiner Schädel.«

Stahnke hatte sofort erkannt, was er da auf seiner Schaufel hatte. Noch aber sträubte sich etwas in ihm, das Erkannte auch zu glauben. Vorsichtig legte er es auf die Plane, bettete es sanft in die weiche Erde, der er es gerade entrissen hatte. »Kindskopf«, murmelte er.

4.

Diesmal war Roland alleine gekommen. Nane konnte sich nicht erinnern, dass er das zuvor schon einmal getan hatte. Roland tat niemals etwas aus eigenem Antrieb. Aber sie fand es schön, dass er da war. Und schöner noch, dass die anderen nicht mitgekommen waren.

»Wie geht es dir?«, fragte er mit aller Ernsthaftigkeit, die solch ein Krankenbesuch verlangte. »Heilt der Stich gut?«

»Ja. Danke«, sagte Nane. Ohne Vorwurf, wie auch aus Rolands Worten keinerlei Bitte um Entschuldigung klang. Beider Verhältnis zu diesen Dingen war nahezu geschäftsmäßig. Zug und Gegenzug, Aktion und Reaktion – eins zog das andere nach sich, das wusste sie, damit war zu rechnen, da gab es nichts zu jammern oder zu verzeihen.

»Gut«, sagte Roland und nickte. Seine Pranke näherte sich ihrer Bauchdecke, schob das Nachthemd hoch, fuhr über ihre Haut und betastete den Verband. Sie ließ es geschehen, ungerührt wie von der kumpelhaften Intimität eines Bruders, staunte darüber, wie zart die Berührung war. Rolands muskelbepackte Arme konnten Eisenstäbe biegen, aber sie würden niemandem etwas zu Leide tun, solange Vater es nicht befahl.

Roland räusperte sich. »Vater«, sagte er langsam, und plötzlich war alles anders. Seine Fingerkuppen brannten wie Eis auf ihrer Haut, ihre Bauchmuskeln spannten sich zuckend, die frische Wunde schickte Wellen des Schmerzes durch ihren ganzen Körper.

Sofort zog er die Hand zurück. »Vater sagt, es ist gut«, fuhr er fort. »Erst einmal gut. Er hat Sanna gesagt, es ist gut.« Er wiederholte es eindringlich. Vaters Gebote, sein Evangelium. »Er hat Sanna gesagt, lass sie jetzt. Lass sie jetzt, hörst du? Aber pass auf, Sanna, pass gut auf. Pass gut auf Nane auf. Was sie sagt. Pass gut auf Nane auf. Was sie tut. Pass gut auf. Das hat er gesagt.« Sie spürte Rolands Hand in ihrer, fühlte seine Muskeln, spürte seine Besorgnis. »Du musst vorsichtig sein, Nane, hörst du? Vorsichtig. Was du sagst und was du tust. Ja? Wirst du das?«

»Ja«, sagte sie. »Ja, Roland. Ich werde aufpassen. Ganz bestimmt. Mach dir keine Sorgen.«

»Das ist gut«, sagte Roland, und er klang erleichtert. »Ja, das ist gut. Gut ist das.« Behutsam drückte er ihre Hand, hielt sie fest. Sie schloss die Augen. Es ist schön, beschützt zu werden, dachte sie. Es ist schön, in Sicherheit zu sein. Wenn jemand über einen wacht, der so stark ist, dass er niemanden fürchten muss. Dann muss man selber auch keine Angst haben. Nicht einmal vor der Dunkelheit.

Aber sie wusste auch, dass Roland Vaters Junge war. Mochte er noch so zart und mitfühlend sein, Vaters Wort war für ihn Gesetz.

Sie öffnete ihre Augen wieder. Roland war schon gegangen. Sie war wieder allein.

5.

Um die Mittagszeit sah das Anwesen der Frerichs bereits wie ein Manövergelände der Bundeswehr aus. Nichts erinnerte mehr an die sauber gestutzten Hecken, die exakt gemähten Rasenflecken und die ordentlichen Blumenbeete; alle Pflanzen waren gekappt, der gesamte Garten mit rotweißem Flatterband abgesperrt und parzelliert, Dutzende von Trichtern waren ausgehoben und dazwischen Erdwälle angehäuft worden. Stahnkes Kollegen, verstärkt durch Beamte vom Landeskriminalamt und einen Zug Bereitschaftspolizei aus Oldenburg, hatten ganze Arbeit geleistet. Und sie waren fündig geworden.

»Nummer drei«, berichtete Kramer. »Dr. Mergner ist schon dran.«

Nummer drei! Stahnke spürte eiskalte Schauer auf seiner erhitzten Haut. Ihm war übel, und es kostete ihn Überwindung, diesem Ort nicht einfach den Rücken zu kehren und zu flüchten.

»Drei«, stieß er hervor. »Wie alt diesmal?«

»Etwas jünger. So um die sechs Jahre«, sagte Kramer. Er hielt den Blick gesenkt. Man musste ihn schon sehr gut kennen, um zu bemerken, dass auch er angeschlagen war. Kra­mer, ein Fels normalerweise. Selbst er wankte.

Der Oberkommissar schluckte zweimal, ehe er hinzufügte: »Ein Junge.«

Stahnke rieb sich die Schläfen. »Also kein Skelett diesmal?« Er zog die Augenbrauen zusammen. Die zeitliche Distanz zum schwer Vorstellbaren schrumpfte. Und der Horror wuchs. Kamen die Einschläge näher?

»Kein Skelett«, bestätigte Kramer. »Liegezeit zwischen vier und sechs Jahren, wie es aussieht. Eine halbwegs aktuelle Sache also, vergleichsweise.«

»Verflucht«, murmelte Stahnke. Ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung ließ seine Eingeweide verklumpen. Was war das hier? Der Privatfriedhof eines Irren, der sein blutiges Handwerk bereits seit Jahrzehnten betrieb, durchgehend, ohne dass irgendjemand auf ihn aufmerksam geworden wäre? Ein Mons­ter, das vor aller Augen mordete, und das womöglich bis zum heutigen Tag? Wenn das stimmte – welch ein Armutszeugnis für diese Gesellschaft, für seine Landsleute, für seinen gesamten Berufsstand, ja, auch für ihn! Was für eine Vorstellung. Stahnke hatte selbst keine Kinder, aber eine Ahnung des Grauens, das die Eltern dieser toten Kinder in seinen Klauen halten musste, jahre-, jahrzehntelang, empfand er dennoch. Seine Kiefermuskeln schmerzten wie von einem verbissenen Weinkrampf. »Verflucht«, wiederholte er.

Kramer nickte.

»Im Haus ist jedenfalls nichts«, sagte der Oberkommissar nach einer halben Minute des einverständigen Schweigens. »Oder vielmehr niemand. Wir haben vom Dachboden bis zum Keller alles auf den Kopf gestellt, jede Kammer und jede Abseite durchsucht, auch den Stall. Alles mit den Bauplänen vom Katasteramt verglichen, jede Wand und jeden Winkel genau ausgemessen. Es gibt keine Geheimtüren oder versteckten Räume. Auch keinen Hinweis darauf, dass hier in letzter Zeit irgendjemand gefangen oder versteckt gehalten worden wäre.«

»Also hat dieses Vieh wenigstens jetzt kein Kind mehr in seiner Gewalt«, knurrte Stahnke. »Jedenfalls nicht hier. Aber wie sieht es mit weiteren Immobilien aus? Besitzt er vielleicht irgendwo noch ein anderes Haus oder hat eins gemietet? Oder eine Wohnung, ein Lagerhaus, einen Schuppen, irgendwas?« Der Gedanke, dass in genau diesem Augenblick vielleicht irgendwo ein Kind eingesperrt war, nach der Verhaftung seines Entführers einem qualvollen Tod preisgegeben, machte ihm Angst.

»Mit ziemlicher Sicherheit nicht«, erwiderte Kramer. »Alle entsprechenden Eintragungen sind überprüft worden, Frerichs’ Konten ebenfalls. Weder er noch seine Frau haben anderweitigen Haus- oder Grundbesitz, und nahe Verwandte, auf deren Namen solche Objekte eventuell eingetragen sein könnten, gibt es nicht. Ebenso keine regelmäßigen Mietzahlungen.«

Die grabenden Polizisten arbeiteten verbissen schweigend; immer, wenn es um Verbrechen an Kindern ging, um Kindesmord und mutmaßlichen Kindesmissbrauch, machte sich diese vibrierende Stille breit. Die einzigen Stimmen, die zu hören waren, kamen von der Straße her. Dort, wo eine schmale Steinbrücke das Grundstück mit der Betonstraße verband, hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Die Gaffer aus der Nachbarschaft. Klar, so einsam konnte ein Haus gar nicht liegen, dass sich diese Typen nicht binnen kürzester Zeit eingefunden hätten.

Wie es am äußeren Absperrungsring aussehen mochte, wollte Stahnke gar nicht wissen. Längst hatten Fernsehen, Rundfunk und Presse Wind davon bekommen, dass sich hier am Ortsrand von Veenhusen ein unscheinbares Anwesen als Horror-Szenario des Jahrhunderts entpuppt hatte – jedenfalls nach ostfriesischen Maßstäben. Wer auch immer die Medien informiert hatte, die Krawallsender und die Boulevardblätter mit den bluttriefenden Schlagzeilen natürlich zuerst, hatte keine Zeit verloren. Vermutlich winkten Informanten-Honorare, aber Stahnke glaubte nicht, dass derartige Anreize überhaupt nötig waren. Bloße Sensationsgier und die Lust, wenigstens in der Zuträgerrolle endlich einmal die ersehnte Beachtung zu finden, reichten völlig aus, und diese Eigenschaften waren hierzulande auch nicht weniger stark entwickelt als im Rest der Republik.

Nur gut, dass Manninga den Tatort weiträumig hatte abriegeln lassen. Irgendwann würde er natürlich nicht umhin kommen, die Medien vorzulassen und wenigstens in groben Zügen zu informieren, noch aber war dieser Zeitpunkt nicht da. Und auf die Idee, einen Hubschrauber für Luftaufnahmen zu chartern, war bisher offenbar noch niemand verfallen. So herrschte rings um das Grabungsareal einstweilen relative Ruhe. Nur diejenigen Nachbarn, deren Häuser innerhalb der Absperrung standen, hatten es bis zur Grundstücksgrenze geschafft. Ein bärtiger Beamter im kurzärmeligen Uniformhemd hinderte diese Leute daran, womöglich auch noch bis zum Tatort selbst vorzudringen, und beteiligte sich dabei eifrig an der plattdeutsch geführten Unterhaltung.

Der Hauptkommissar wies mit dem Daumen auf die Gaffergruppe: »Haben wir die Personalien von denen da?«

»Van Dieken hat sie aufgenommen«, sagte Kramer. »Der kennt die sowieso alle. Wohnt ja selber nicht weit von hier.«

Jetzt erkannte auch Stahnke den knorrigen Streifenbeamten. Er nickte Kramer zu und schlenderte zur Fußgängerbrü­cke hinüber. Bei seiner Annäherung erstarben die Gespräche. Zwei Dutzend Augenpaare schauten ihn erwartungsvoll an.

»Na, van Dieken, alles im Lot? Geben Sie fleißig Interviews?« Stahnkes Verhältnis zu seinem Schupo-Kollegen war ambivalent. Er schätzte die Erfahrung des Dienstälteren durchaus, seinen gesunden Menschenverstand und seinen guten Draht zu den Leuten. Richtig vertrauen aber konnte er ihm nicht. Zu viel Bauernschläue war in seinen Augen, zu viel Stammtischton in seinen Äußerungen. Bei Leuten dieses Schlages wuss­te man nie, auf welcher Seite sie eigentlich standen.

»Was soll ich denn groß sagen, Herr Hauptkommissar?« Van Diekens Grinsen zog seinen grauweißen Bart in die Breite. »Ich weiß doch nichts. Und hab ja auch nichts zu sagen. Bin ja nur ein kleines Streifenhörnchen.«

Stahnke grinste zurück, während er sich fragte, wofür van Dieken ihn denn wohl halten mochte. Vermutlich für ein großes Stinktier, um im Bild zu bleiben.

»Wer von denen hier ist denn der nächste Nachbar?«, fragte er.

»Da, der Olthoff«, erwiderte van Dieken und zeigte auf einen beleibten Mann mittleren Alters. »Der wohnt gleich da vorne. Frerichs’ Auffahrt führt über sein Grundstück.«

»Wie lange wohnt der schon hier?«

Van Dieken wedelte mit der flachen Hand: »Schon ewig!« Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Da gab’s mal mächtig Ärger vor ein paar Jahren. Das Wegerecht war nämlich nicht ins Grundbuch eingetragen, und als der Frerichs dem Olthoff im Verein mal dumm gekommen ist, hat der ihm einfach die Zufahrt mit Brettern vernagelt. Das ging bis vor Gericht damals.« Van Diekens Augen funkelten. Ja, so etwas mochten die Leute.

»Und wer hat Recht bekommen?«

Van Dieken zuckte die Achseln: »Vergleich. Die Zufahrt durfte bleiben, aber Frerichs musste ein bisschen was dafür zahlen. Darauf haben sich die Rechtsanwälte geeinigt.« Der Uniformierte schien diesen Ausgang unbefriedigend zu finden; etwas mehr Dramatik wäre ihm offenbar lieber gewesen. Na, die hatte er ja jetzt.

»Schicken Sie ihn mir mal her, den Olthoff.« Stahnke wandte sich ab. Der Dicke hatte offenbar mitgehört und folgte ihm ohne weitere Aufforderung über die schmale Brücke, von den Umstehenden wegen dieses Privilegs neidisch beäugt.

Stahnke führte ihn zur schattigen Terrasse und bot ihm einen der Gartenstühle an. Olthoff nahm Platz, tupfte sich mit einem fleckigen Taschentuch die Schweißperlen von der rosigen Stirnglatze und blickte erwartungsvoll.

Der Hauptkommissar blickte zurück und schwieg. Drei Kinder, überlegte er, drei tote Kinder. Hier im Garten verscharrt. Zwei davon seit wer weiß wie vielen Jahren schon, eins erst seit relativ kurzer Zeit. Und das hier ist der Nachbar. Ein Dörfler, ein Ostfriese, einer vom Stamm der gewohnheitsmäßigen Pflasterer und Über-den-Zaun-Gucker. Einer, dem sein Nachbar solch ein Dorn im Auge ist, dass er ihm bei passender Gelegenheit die Durchfahrt zubrettert. Was wusste so einer? Was konnte, was musste er wissen?

Olthoff trug eine beigefarbene Sommerhose, deren Bund zwischen seinen Bauchfalten verschwand, und ein hellgraues, kurzärmliges Hemd mit großen, weiß verkrusteten Schweißflecken unter den Achseln. Seine leicht vorstehenden Augen waren erwartungsvoll geweitet. Er war gespannt, eindeutig – gespannt wie ein Fußballfan vor dem Anpfiff, wie ein Fernsehzuschauer kurz vor Beginn seiner Lieblingsserie. Keine Spur von Schuldbewusstsein oder gar Angst. Im Gegenteil, er schien seine unverhoffte Wichtigkeit zu genießen. Komplizen stellte man sich anders vor.

Stahnke entschied sich für eine unverfängliche Einstiegsfrage. »Wann haben Sie Esdert Frerichs zuletzt gesehen?«

Olthoff nickte beifällig; die Frage schien innerhalb seiner Erwartungen zu liegen. »Ja, also, gestern Mittag, nicht wahr. Als er abgeführt wurde. Von Ihren Kollegen.« Der Dicke lächelte erwartungsvoll, als rechne er mit einer guten Note.

»Hatten Sie die angerufen?«

»Nein.« Olthoff legte seine rosafarbene Stirn in Falten des Bedauerns. »Ich habe den Schuss nämlich nicht gehört. Muss wohl gerade im Haus gewesen sein. Bei mir ist alles gut isoliert, wissen Sie, Fenster und so, wegen der Bundesstraße, man hätte ja sonst überhaupt keine Ruhe. Aber da waren ja diese Radler, nicht wahr, Ausflügler, die haben’s gehört, und einer von denen hatte ja sein Handy mit.«

»Natürlich.« Stahnke winkte ab; sicherlich stand das alles in der Akte. Wurde Zeit, dass er sie mal las. »Und davor? Wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit Esdert Frerichs? Oder mit seiner Frau?«

Energisches Kopfschütteln: »Überhaupt nicht.«

»Wieso überhaupt nicht? Sie wohnen doch praktisch … Na ja, vielleicht nicht Tür an Tür, aber doch Grundstück an Grundstück. Da müssen Sie Ihre Nachbarn doch hin und wieder sehen.«

»Gesehen, ach so, na sicher, wenn Sie das meinen! Ich dachte … Also, Kontakt haben wir nämlich seit Jahren nicht mehr.« Er rollte die Augen gen Himmel. »Seit mehr als viereinhalb Jahren, wenn ich mich nicht irre. Seit dieser Sache vor Gericht.«

Er holte Luft, aber Stahnke schnitt ihm das Wort ab: »Sie meinen Ihren Rechtsstreit um das Überwegungsrecht. Ja, ich weiß Bescheid. Haben Sie sich nicht verglichen seinerzeit? Damit dürfte die Angelegenheit doch erledigt gewesen sein.«

»Ja, das ist richtig.« Olthoff schien beeindruckt. Seine Miene nahm einen ehrfurchtsvollen Ausdruck an, der Stahnke peinlich war, denn er wusste ja, was er alles nicht wusste. »Aber erledigt, also na ja, erledigt … Man ist ja doch etwas reserviert nach so was, nicht?«

»Was heißt das konkret?«

»Na, dass wir danach eben nicht mehr miteinander gesprochen haben.«

»Kein Wort? Seit viereinhalb Jahren?«

»Genau.« Olthoff nickte mehrmals und verschränkte die sonnenverbrannten Arme.

»Waren Sie denn vorher miteinander befreundet?«

»Nein, eigentlich auch nicht. Mal eben ›Moin‹ und ›Wie geht’s?‹ übern Zaun, mehr nicht. Hat sich nie ergeben. Sie, also Margarethe Frerichs, hat ja fast nie ein Wort gesagt. Und er – na, Sie haben ihn ja sicher kennen gelernt.«

»Ich möchte es lieber von Ihnen hören«, sagte Stahnke, der sich fühlte wie früher in der Schule. Wieder einmal keine Hausaufgaben gemacht; jetzt nur keine Blöße geben.

Olthoff schien seine Unterarme noch fester um seinen Oberkörper zu knoten. »Er ist so – abweisend, nicht? Wie er einen anguckt. Ich hab immer eine Gänsehaut gekriegt, wenn ich mehr als zwei Sätze mit ihm gesprochen habe. Weiß auch nicht warum, aber Frerichs kann einem Angst machen. Das heißt, inzwischen weiß man ja doch warum, nicht?«

Stahnke ging nicht darauf ein. »Ging das nur Ihnen so, oder haben das andere Menschen auch so empfunden? Hatte das Ehepaar Frerichs insgesamt wenig Kontakte, waren die beiden isoliert?«

Olthoffs Gesicht formte sich zu einem Fragezeichen – Wölbungen über Stirn und Wange, der kleine offene Mund als Punkt. Zu abstrakt gefragt, entschied Stahnke und setzte neu an: »Waren die Frerichs’ viel unter sich oder bekamen sie öfter Besuch?«

»Besuch!« Jetzt nickte Olthoff wieder. »Oh ja, andauernd. Und immer hier über meine Einfahrt. Einfach immer volle Pulle über meinen Grund und Boden. Ich habe ja keine Kinder, nicht wahr, und einen Hund hab ich auch nicht, aber wenn, da wäre ja keiner seines Lebens sicher gewesen! Und der Frerichs selber auch, immer mit Karacho rein und drüber, ohne eine Spur von Rücksicht, lebensgefährlich!«

»Haben Sie das auch vor Gericht ausgesagt?«

»Ganz genau so, Wort für Wort.«

Stahnke hätte drauf wetten können.

»Und der Besuch, das waren ja nicht nur die Leute hier vom Dorf, Vereinskameraden und so«, fuhr Olthoff fort. »Da waren auch viele Fremde dabei. Welche von weiter weg.«

»Von woher denn?«

»Na, Oldenburg zum Beispiel. Konnte man ja an den Nummernschildern sehen.«

Stahnke musste sich das Lachen verbeißen. Oldenburg! Das waren fünfundsechzig, na, von hier aus vielleicht gut siebzig Kilometer. Ach ja, die Dörfler und die Fremden. Natürlich hatten sie nichts gegen Fremde, außer die Fremden waren nicht von hier.

Die Miene des Dicken verfinsterte sich; anscheinend hatte er feinere Antennen als vermutet. Schnell schob Stahnke nach: »Aus Oldenburg also, aha. Und woher noch?«

»Aus Holland«, sagte Olthoff. »Gelbe Nummernschilder. Nicht so oft wie die Oldenburger, aber immer mal wieder.«

Die Niederlande lagen von hier aus noch weit näher als Oldenburg, aber gut, Ausland waren sie auf jeden Fall. Die Waffengeschichte fiel Stahnke wieder ein. »Haben Sie denn bemerkt, ob da irgendetwas geliefert wurde? Oder abgeholt? Ein- und ausgeladen?«

»Leider nein. Frerichs hat einen Parkplatz, ein gepflastertes Gelände hinter der Garage, da kann ich von hier aus nicht hingucken. Auf den Vordereingang habe ich freie Sicht, voraus­gesetzt, die Hecke ist richtig geschnitten, nicht wahr, aber der Hintereingang und die Stalltür sind verdeckt. Bedaure.«

Spitzel, dein Name ist Nachbar, dachte Stahnke. Diesmal brauchte er sich kein Lachen zu verkneifen.

»Das Einzige, was ich habe, sind die Nummern«, sagte Olthoff.

»Nummern?«

»Die Autonummern. Ich hab sie aufgeschrieben. Ein Vierteljahr lang, damals vor der Verhandlung. Hat mir mein Rechtsanwalt empfohlen.« Olthoff machte eine wegwerfende Handbewegung: »Kam dann aber überhaupt nicht dran.«

»Und Sie haben die Aufzeichnungen noch?«

»Na klar«, sagte Olthoff stolz, »ich werf doch nichts weg. Wollen Sie sie haben?«

»Ich bitte darum«, sagte Stahnke.

Auf Olthoffs vor Wichtigkeit strahlendes Gesicht fiel ein Schatten: Kramer.

»Was gibt es?«, fragte Stahnke.

»Nummer vier«, sagte Kramer.

6.

»Knochen«, dozierte Doktor Mergner, »sind keineswegs stumme Zeugen. Sie können uns viel erzählen. Hören Sie doch bitte einmal aufmerksam zu.« Der kleine Mann mit der wirren Mähne und den flaschenbodendicken Brillengläsern wedelte mit zwei Knochen, dem Aussehen nach vom Unter- und Oberarm, schwang sie elegant wie ein Dirigent beim Auftakt und schlug sie leicht gegeneinander. Es klang hölzern, fast melodisch. »Hören Sie?« Er wiederholte den Vorgang, ein leicht verklärtes Lächeln im Gesicht. Klong. »Die Knochen sind weitgehend frei von Fett und Feuchtigkeit. Das lässt auf eine Liegedauer von zwanzig Jahren oder mehr schließen. Wäre dies nicht der Fall …«

»Es ist gut, Herr Doktor«, unterbrach Manninga. »Kommen Sie bitte gleich zu den Resultaten.«

Der Kriminaldirektor hatte sich seines Jacketts entledigt und die Ärmel seines weißen Oberhemds aufgekrempelt. Er und Stahnke bildeten gemeinsam mit Kramer, KK Rosenbohm, drei Steingesichtern vom LKA, deren Dienstränge außer Manninga niemand kannte, und vier weiteren Kolleginnen und Kollegen, abgestellt vom 2. Kommissariat, einen Halbkreis um die Plastikplanen, zwischen denen Mergner agierte wie auf einer Bühne. Einer mit einem ausgesprochen makabren Bühnenbild.

»Na schön.« Mergner sah etwas enttäuscht aus, musste jedoch akzeptieren, dass der Kriminaldirektor hier das Sagen hatte. Auch Stahnke war klar, dass Manninga einen Fall von diesem Ausmaß einfach an sich reißen musste. Sie alle konnten schon froh sein, dass ihnen das LKA nicht gleich die Zügel aus der Hand genommen hatte. Damit aber fiel ihm die ungewohnte Rolle eines Teamspielers zu, eine Rolle, an die er sich nach all den Jahren als tonangebender Kommissariatsleiter erst mühsam zurückerinnern musste.

»Wir haben hier vier Kinderleichen unterschiedlichen Alters, jedoch sämtlich jünger als dreizehn Jahre, und von ebenfalls stark unterschiedlicher Liegezeit. Das heißt, mit einer Ausnahme.« Mergner wies auf die beiden schwarzen Plastikplanen zu seiner Linken; auf einer davon lag auch der Schädel, den Stahnke selbst aus dem Boden geholt hatte. »Wie Sie sehen, haben wir es hier mit fast vollständig skelettierten Leichen zu tun. Die Knochen haben ihre Elfenbeinfarbe verloren und sehen eher rötlichbraun aus; zusammen mit dem relativ geringen Gewicht der Knochen und ihrem charakteristischen Klang lässt dies auf eine Liegezeit im Boden von mindestens zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahren schließen.« Merg­ner blinzelte zufrieden; jetzt hatte er sein Fachwissen doch noch an den Mann gebracht. »In beiden Fällen handelt es sich um Kinder weiblichen Geschlechts, erkennbar an den höheren, geraden Stirnpartien, den feinen Augenhöhlen und den Ansatzstellen der Nackenmuskulatur, die sich im Unterschied zu männlichen …«

»Reicht«, knurrte der Kriminaldirektor. »Weiter.«

»Das Alter beider Kinder beträgt im einen Fall zirka zehn, im anderen zirka elf Jahre«, fuhr Mergner fort. »Wir erkennen das am leicht unterschiedlichen Verknöcherungsgrad der Schädelnähte …«

»Es reicht!« Diesmal bellte Manninga. »Nur die Resultate, habe ich gesagt.«

»Beide Leichen wurden an unterschiedlichen Stellen des Gartengeländes hier gefunden.« Diesmal ließ sich Mergner nichts anmerken. »Die Liegezeit scheint jedoch annähernd die gleiche zu sein. Es darf also vermutet werden, dass beide Kinder etwa zur selben Zeit hier verscharrt wurden. Lange vor den beiden anderen.«

»Irgendwelche Fundstücke bei den Leichen?«, fragte Kramer.

»Nein«, sagte Mergner. »Dabei dürfen wir annehmen, dass auch nach dieser langen Zeit noch Gewebereste der Kleidung, auf jeden Fall aber Knöpfe, Gürtelschnallen oder ähnliches erhalten sein müssten. Die Kollegen sieben gerade alles noch einmal gründlich durch, aber bisher wurde nicht das Gerings­te gefunden. Also können wir davon ausgehen, dass die Leichen unbekleidet vergraben wurden.«

KK Rosenbohm sog die Luft so scharf durch die Nase, dass es zischte. Stahnke beobachtete sie aus den Augenwinkeln: Keine weitere Regung erkennbar. Allerhand, Hut ab. Er selbst war nicht sicher, ob man es ihm nicht vielleicht doch ansehen konnte, wie verstört er war, jahrzehntelanger Routine zum Trotz.

»Können Sie etwas zur Todesursache sagen?« Kramer blieb am Ball.

»Beide Schädel und sämtliche Knochen sind intakt«, sagte Mergner und hob die Schultern. »Natürlich werden wir alles noch genauestens auf eventuelle Geschoss- und Einstichspuren hin untersuchen. Im Moment aber kommt alles in Betracht, sogar natürliche Todesursachen.«

Da keine weiteren Fragen kamen, wandte sich der Arzt den beiden Planen zu seiner Rechten zu. Die kleinen Körper waren weit vollständiger erhalten. Man hatte sie abgedeckt, und Stahnke war dankbar dafür. Einen der beiden hatte er bereits gesehen, und er würde sich alle beide erneut ansehen müssen, in der Gerichtsmedizin, länger und genauer als ihm lieb war. Da war jede Pause wichtig.

»Leiche Nummer drei ist männlich, Alter etwa sechs Jahre. Liegezeit vermutlich um die fünf Jahre. Ebenfalls vollständig unbekleidet. Der Körper weist zahlreiche Wunden auf, überwiegend Stiche und Schnitte, aber auch Verbrennungen. Teilweise vernarbt. Dieses Kind ist über einen längeren Zeitraum schwer misshandelt worden.« Mergner machte eine kleine Pause, aber niemand fragte. Alle waren vollauf damit beschäftigt, ihren Atem zu kontrollieren. Dann fuhr er fort: »Todesursache ist Erwürgen.«

Stahnke versuchte sich Frerichs vorzustellen. Wie er aussah, wie er war. Was er dachte, was ihn bewegte. Er würde sich nachher bei der Vernehmung zusammenreißen müssen. Wir haben nicht zu hassen, rief er sich in Erinnerung, wir haben zu ermitteln und aufzuklären. Wir müssen uns beherrschen. Ob er das konnte, wenn es drauf ankam? Am besten, er nahm Kramer mit.

»Leiche Nummer vier ist weiblich, die Liegezeit beträgt nur sechs bis acht Wochen.« Alle starrten auf die Plane, die sich über der Unterlage wölbte. Eine sehr kleine Wölbung.

»Wie alt?«, hörte Stahnke sich fragen.

»Ein Neugeborenes«, sagte Mergner. »Die Todesursache ist auch hier eindeutig.« Er blickte blinzelnd in die Runde: »Der Kopf wurde mit einer scharfen Klinge vom Rumpf getrennt.«

Wieder zischte es in Stahnkes Ohren, aber diesmal war es nicht Maike Rosenbohms Atem, es war sein eigener. Ein Beben durchlief ihn vom Kopf bis zu den Fäusten.

Fäuste?

Manningas Hand lag auf seinem Oberarm, presste straff gespannte Muskeln. »Abregen, Stahnke«, murmelte der Kriminaldirektor. »Wir sind doch Profis. Ruhig bleiben. Wir haben den Kerl ja schon.«

Stahnkes Mund fühlte sich wie eine Höhle aus Pergamentpapier an, in der ein klebriger Klumpen Zunge sinnlos umherrollte. Er brachte kein artikuliertes Wort heraus.

»Sie bleiben hier, zusammen mit Kramer. Weitere Inaugenscheinnahme des Tatorts, Zeugeneinvernahme, Sie wissen ja. Ich fahre nach Leer und nehme mir mal den Frerichs vor.«

Mit Verspätung nahm Stahnke wahr, dass Manninga mit ihm gesprochen hatte. »Was?«, stieß er hervor. »Sie?«

Manninga war bereits außer Hörweite.

Wieder eine Hand auf seinem Arm. Leichter, wenn auch kaum weniger fest. Kramer? Nein.

»Ist doch besser so«, sagte Maike Rosenbohm leise. »Wir haben schließlich auch so genug zu tun. Außerdem wollten wir doch ins Krankenhaus, wissen Sie noch?«

»Ja«, sagte Stahnke und nickte langsam. »Stimmt. Ist besser so.«

7.

Die Abendbrotzeit war bereits um, als sie im Borromäus-Hospital eintrafen und sich durchfragten. Marion Haak hatte ein Zweibettzimmer im Hochparterre der Inneren Abteilung für sich allein. Bauschend auswehende Vorhänge und leises Blätterrauschen zeigten an, dass die Balkontür geöffnet war. Nach einem hektischen Tag in der prallen Sonne empfanden Stahnke und seine Begleiterin die Luft im Krankenzimmer auf der Nordseite als angenehm kühl.

Die junge Frau lag im Bett am Fenster und schien zu schlafen. Ihr Gesicht war abgewandt, ihr Kopf im dicken Kissen fast vergraben, so dass Stahnke zunächst nur einen wirren Schopf weizenblonder Haare sehen konnte. Das Abendbrot auf dem Nachttischchen schien unberührt; die Graubrotscheiben krümmten sich bereits, und unter der Abdeckfolie des Früchtequarks hatten sich Schwitzwassertröpfchen gebildet.

Ratlos blieb der Hauptkommissar stehen. Seit dem Vormittag bis zu diesem Augenblick hatte er sich keinen Moment des Verschnaufens gegönnt. Jetzt, so unvermutet ausgebremst, traf ihn die Erschöpfung wie ein Rammbock. Seine Füße schmerzten, seine Beine begannen zu zittern, die Finger seiner schweißklebrigen Hände schienen sich kaum noch biegen zu lassen, und in seinem Kopf machte sich ein kaltes, ziehendes Gefühl breit. Er stützte sich auf das Fußteil des freien Krankenbetts, erspähte dann die kunststoffüberzogenen Besucherstühle an der Wand und setzte sich schlurfend in Bewegung. Der Gedanke, sich hinsetzen zu können, jetzt gleich, ein paar Minuten nur, entwickelte einen hypnotischen Sog.

KK Rosenbohm schien dergleichen Anfechtungen nicht ausgesetzt zu sein. Sie schob sich an ihm vorbei, verstellte ihm den Weg zu den begehrten Stühlen und sagte: »Frau Haak? Könnten wir Sie bitte einen Augenblick sprechen?«

Allzu tief konnte die junge Frau in dem grellweiß bezogenen Bett nicht geschlafen haben. Sie reagierte sofort, öffnete die Augen, hob leicht den Kopf, wandte sich ihnen zu und lächelte.

So muss sich der Urknall angefühlt haben, dachte Stahnke, als heiße Partikelströme Welle um Welle seinen Körper durchdrangen, als Myriaden winziger, brennender Stiche, von denen er nicht genug bekommen konnte, seine Nervenbahnen entlangfegten. Das Zittern in Armen und Beinen verstärkte sich, das Epizentrum der brodelnden Beben aber verlagerte sich in seine Bauchregion. Als ihm der Schweiß aufs Neue ausbrach, wurde ihm schwindelig; da war der erste Ansturm fast schon vorbei, und sein Verstand setzte wieder ein. Die ersten Versuche einer Übersetzung des soeben Empfundenen aber scheiterten kläglich.

Das Gesicht unter dem blonden Schopf war hübsch, war ebenmäßig, fein und glatt wie das einer Porzellanpuppe, aber das war es nicht. Der Körper war vom Oberbett vollständig verhüllt, gesprochen hatte die Frau noch kein einziges Wort, hatte noch nicht das Geringste von ihrem Wesen offenbart. Stahnke wusste durchaus um seine Empfänglichkeit für weibliche Reize, aber spätestens seit seiner Zeit mit Sina konnte er sich doch sicher sein, dass jugendliche Schönheit alleine ihn nicht aus den Socken haute. Also was?

Dumme Frage. Es war der Blick.

Ihre Augen hatten die Farbe von Sahnekaramellbonbons, irgendwo zwischen gold und braun und unbeschreiblich. Die Wärme, die sie ausstrahlten, floss in Schauern über ihn hinweg und durch ihn hindurch, tauchte ihn in ein duftendes Bad aus heißem Glücksgefühl, in dem er zergehen wollte wie ein Kluntje in einer Teetasse, und hob ihn zugleich über alles andere empor, trug ihn hoch hinauf wie ein Aufwind aus Zufriedenheit, aus Bestätigung und Erfüllung. Ihn, ja, ganz sicher ihn, nur ihn allein. Dieser Blick konnte für niemand anderen gedacht gewesen sein.

Jedenfalls nicht für Maike Rosenbohm. Die nämlich begrüßte die junge Frau völlig unbeeindruckt, höflich, aber sachlich und begann mit einer routinemäßigen Befragung, zunächst zur Person, dann zum Hergang der Tat. Stahnke ließ sich nun doch auf dem Plastikstuhl nieder, dankbar dafür, jetzt nicht selbst etwas tun zu müssen.

»Wo kamen Sie denn her letzte Nacht, als es passierte?« Schnell war seine Kollegin bei den interessanteren Fragen angelangt. Sie klang geschäftsmäßig, fast desinteressiert, aber Stahnke wusste ja, dass das Absicht war. Raus mit den Emotionen aus den Erlebnissen, freie Sicht auf die Fakten schaffen. Gewöhnlich eine sinnvolle Taktik. Manchmal allerdings waren es gerade die Gefühle, die verdrängte Erinnerungen freispülten wie Gletscherbäche den Ötzi. Aber das stand so natürlich nicht im Lehrbuch.

Die blonde Frau schaute die Polizistin irritiert an, schien Mühe zu haben, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. »Am Abend war ich bei einem Konzert im Zollhaus«, antwortete sie dann. »Aber das war vor Mitternacht zu Ende. Ich bin danach noch etwas spazieren gegangen, weil es so eine herrlich warme Nacht war.«

Tatsächlich lächelte Marion Haak eindeutig anders, während sie KK Rosenbohms Fragen beantwortete. Ernsthaft und beherrscht sah sie aus, sehr nett, sehr hübsch anzusehen, aber anders als vorhin. Klar. Maike Rosenbohm war eben eine Frau. Also doch. Das da gerade eben war ein Lächeln nur für ihn gewesen.

»Etwas spazieren gegangen? Immerhin mehr als zwei Stunden«, warf Maike Rosenbohm ein. »Das nenne ich Ausdauer.«

»Ach, das mache ich gerne hin und wieder. Vor allem durch die Altstadt und rund um den Hafen. Man kann dabei echt gut abschalten. Ich merke dann gar nicht, wie die Zeit vergeht.« Marion Haak ließ ihren Blick von Maike Rosenbohm zu Stahnke wandern und wieder zurück. Wieder spürte Stahnke die Eruptionen im Bauch, die heißen Wellen im ganzen Körper. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen, um sich vor einer Überdosis dieses Blicks zu schützen und ihn gleichzeitig auf den Innenseiten seiner Lider für immer zu konservieren. Mühsam beherrschte er sich.

»Und warum sind Sie dann wieder zum Zollhausparkplatz zurückgegangen?«

»Na, weil mein Auto dort stand.« Mildes Erstaunen, fast schon eine höfliche Zurechtweisung klang aus Marion Haaks Stimme. »Ich arbeite draußen in Nüttermoor, das ist zu Fuß etwas weit, nicht wahr? Und weil es im Labor wieder einmal später geworden ist, war ich direkt von dort zum Zollhaus gefahren.«

Maike Rosenbohm nickte. »Ist Ihnen während Ihres Spaziergangs etwas aufgefallen? Oder jemand? Vielleicht eine Person, die Ihnen folgte?«

Die junge Frau überlegte; die steile Falte in ihrer hohen Stirn stand ihr gut, fand Stahnke. »Nein«, sagte sie dann. »Ich war allerdings auch nicht sehr aufmerksam.«

»Gut.« Die Kommissarin blickte von ihren Notizen auf: »Und wie war das dann auf dem Parkplatz? Ein Angreifer oder mehrere?«

Marion Haak schloss die Augen. Die Erinnerung musste quälend für sie sein, denn ihr ohnehin heller Teint war noch blasser geworden, fast schon so weiß wie das Bettzeug. »Ich weiß es nicht«, sagte sie dann mit brüchiger, rauer Stimme. »Vielleicht einer, vielleicht mehrere, keine Ahnung. Ich kann mich nicht erinnern. Nicht einmal daran, ob ich etwas gesehen habe oder nicht. Es ist einfach weg, verstehen Sie?«

»Ja, das verstehen wir«, schaltete sich Stahnke ein. »Das ist alles sehr schwer für Sie, und wir wollen Sie nicht überfordern. Ruhen Sie sich jetzt erst einmal richtig aus. Morgen ist auch noch ein Tag.«

Er stand auf. Auch Maike Rosenbohm erhob sich, allerdings deutlich langsamer als ihre Augenbrauen.

»Kommen Sie«, sagte Stahnke und griff nach ihrem Ellenbogen. »Pausen sind manchmal einfach nötig.«

Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass er von sich selber sprach.

8.

Die Tür zu Manningas Büro stand offen und schickte einen Lichtkegel und eine Wolke erkaltenden Zigarettenrauchs hi­naus auf den dämmerigen Korridor. Der Chef arbeitete also noch, wie erwartet. Stahnke klopfte kurz an den Türrahmen und schob seinen massigen Körper über die Schwelle, ohne auf ein »Herein« zu warten.

Alt sieht er aus, überlegte er, als er den Kriminaldirektor an seinem Schreibtisch sitzen sah. In einem übervollen Aschenbecher kämpfte die Glut einer nachlässig ausgedrückten Selbstgedrehten hartnäckig ums Überleben. Manninga hatte seinen Oberkörper halb zwischen die aufgestützten Ellbogen sacken lassen; sein Kinn lag auf der Brust auf. Nur die Schreibtischlampe brannte. Ihr kalkiges Licht ließ Manningas Haare schütterer als gewöhnlich wirken und zeichnete harte Schatten in sein erschlafftes Gesicht. Der Mann wirkte erschöpft, mehr noch: kaputt. Aber sehr viel besser sah Stahnke selber nach diesem Tag wohl auch nicht aus.

»Wie war die Vernehmung?«, fragte er. »Haben Sie etwas aus Frerichs rausgekriegt?«

Manninga schüttelte den Kopf: »Nichts. Kein Wort. Der Kerl schweigt wie ein Grab.«

So abgedroschen und unpassend er diesen Ausdruck auch fand, Stahnke war einfach zu müde, um darauf zu reagieren. »Nichts zu machen gewesen? Nicht einmal für Sie als Quasi-Nachbar?«

»Na, das ja nun auch nicht.« Manninga richtete sich auf und hob abwehrend die Handflächen. Die Finger seiner rechten Hand schimmerten gelblich. »Wir wohnen zwar im selben Dorf, aber gute Bekannte waren wir deswegen nicht. Gab ja kaum Berührungspunkte.«

»Ach so. Na, ich dachte ja nur.« Müdigkeit machte reizbar, Stahnke wusste das, und auf ein Streitgespräch mit seinem Chef konnte er wirklich verzichten. Ein andermal gerne, aber nicht jetzt. »Aber Schweigen nützt ihm jetzt auch nichts mehr. Wir haben ja praktisch alles in der Hand. Und wegen des Mordes an seiner Frau ist er sowieso dran.«

»Hab ich ihm auch gesagt. Dass er seine Lage nur durch Kooperation verbessern kann. Wenn überhaupt, unter uns gesagt. Aber er hat nicht reagiert. Ließ sich weder schocken noch gut zureden. Hat einfach dichtgemacht.«

»Wen hatten Sie denn beim Verhör mit dabei?«, fragte Stahnke.

»Wen? Keinen.« Manninga wandte sich zur Seite und zog ein weiteres Bündel Papier auf seine ohnehin schon mit Aufzeichnungen übersäte Schreibunterlage. »Wozu denn? Hier hat doch im Moment wirklich jeder genug zu tun. Oder glauben Sie, ich könnte ›Guter Bulle, böser Bulle‹ nicht auch alleine spielen?«

Lass gut sein, dachte Stahnke. Wir brauchen beide unsere Ruhe.

»Ist er noch im Arrest?«, fragte er noch, bereits im Gehen begriffen.

»Ja«, sagte Manninga. »Haftbefehl ist schon seit gestern ausgestellt, und eigentlich sollte Frerichs längst in Oldenburg in U-Haft sein. Aber wegen der neuen Entwicklung dürfen wir ihn noch ein bisschen hier behalten, statt ihn hin und her zu karren. Spart ja auch mächtig Kilometer.«

»Und damit Fahrtkosten«, ergänzte Stahnke überflüssigerweise. Irgendwie konnte er heute kein Ende finden. »Wollen Sie denn nicht auch bald mal Feierabend machen?«

»Sicher«, sagte Manninga. »Bald. Aber vielleicht gehe ich vorher noch einmal zu ihm runter. Mal sehen.« Er beugte sich wieder über seine Papiere.

Was für ein Job, dachte Stahnke und ging endlich.

9.

Mit dem Tag war auch der laue Wind, der die Hitze zeitweise etwas erträglicher gemacht hatte, zur Ruhe gegangen, und die Sommernacht umfing ihn wie mit warmer Watte. Stahnke ließ die Glastür hinter sich zuschwingen und blieb stehen. Gerade­aus ging es in die Altstadt, nach Hause, ins Bett, zum wohlverdienten und verdammt nötigen Schlaf. Er gab sich einen Ruck, machte zwei, drei Schritte, blieb wieder stehen. Und wandte sich nach rechts. Was für ein Job, dachte er wieder und seufzte.

Die Georgstraße, in der das Polizeigebäude thronte, war eine Tangente der Fußgängerzone und selbst teilweise eine Einkaufsstraße. Linker Hand ragte wie ein Riesenbauklotz ein Billigkaufhaus in den dunklen Himmel, rechts duckte sich eine Zeile gesichtsloser Filialgeschäfte. Dort, wo Stahnke kürzlich noch CDs gekauft und sich über die inkompetente Bedienung geärgert hatte, waren die Scheiben verklebt. Die Leeraner Innenstadt kränkelte schon länger, während sich die Center auf der grünen Wiese immer mehr wie die eigentlichen Marktplätze aufspielten. Das wurde bejammert, aber nicht wirklich bekämpft. Nicht mehr lange, und man würde die ganze Stadt aufs Land verlegen, überlegte der Hauptkommissar und grins­te. Dann konnte der ganze Zirkus wieder von vorne losgehen.

An der Hauptpost knickte die Straße ab, als hätte man sie um den Betonblock mit dem gelben Horn herumgebogen. Ab hier ging es direkt auf den von einer großen schwarzgelben Untiefentonne gezierten Verkehrskreisel vor dem Bahnhof zu. Rechts davon lag das Zollhaus. Und davor der Parkplatz.

Der Schattenriss des im Jahre 1865 erbauten Zollgebäudes mit seinen eckigen Zinnen hatte etwas von einer Ritterburg. Im vorderen Bereich des Gründerzeit-Kolosses gab es noch ein paar Diensträume der Zollbehörde, der größere Teil des Hauses aber wurde für kulturelle Veranstaltungen genutzt – bei weiter Auslegung dieses Begriffs, der auch Discoabende und Rockfeten einschloss. Zu solchen Anlässen wäre hier um diese Zeit der Bär los gewesen, auch draußen auf dem Parkplatz. Jetzt war alles menschenleer und still. Nun ja, relativ still, eben bis auf den kaum gedämpften Verkehrslärm und das Gebrabbel der Punker und Penner, die auf den Bänken vor dem Bahnhof hockten und dem Dosenbier tapfer die Treue hielten.

Da, der kleine rote Twingo, das musste ihrer sein. Nicht weit davon war der Überfall geschehen. Dort hatte man sie gefunden, in einer Blutlache, die Tatwaffe neben sich. Die Tatortuntersuchung war abgeschlossen, eine Markierung nicht mehr zu erkennen. Alles längst von der Spurensicherung erledigt. Was also suchte er noch hier?

Wieder spürte er das Beben und die vielen kleinen heißen Nadeln. Verdammt, dieser Blick.

Er lehnte sich mit dem Hinterteil gegen einen Mercedes und ließ die Arme baumeln. »Nun mal sachte«, murmelte er vor sich hin. Analyse. Was ging mit ihm vor?

Wie auf einer inneren Projektionswand sah er Sinas Gesicht, ihr spöttisches, spitzbübisches Lachen. Von ihr hatte er viel gelernt, wichtige Dinge, Dinge über Männer und Frauen, auch mit fast fünfzig noch. Eine tolle Zeit war das gewesen mit ihr, nicht nur von wegen »Alter Sack trifft Jungbrunnen«, auch sonst, eben – menschlich? Blöder Ausdruck, das klang ja, als sei schöner Sex etwas Unmenschliches. Aber wenigstens wuss­te er selber ja, was er damit meinte.

Sina hatte ihm eine Menge beigebracht. Auch, dass manche Dinge nicht ewig dauerten. Und wie man sich auf anständige Art trennte.

War es das? War es nur Hunger, Sehnsucht, einfach Sucht nach einer neuen Frau, einer jungen? Nach Ersatz? Indizien dafür gab es. KK Rosenbohm zum Beispiel. Seine begehrlichen Gedanken an sie waren ihm plötzlich peinlich. Mein Gott, er war drauf und dran gewesen, sich diese Frau schön zu gu­cken und zu denken. Dabei war sie doch überhaupt nicht sein Typ. Oder?

Eigentlich hatte er gar keinen bevorzugten Frauentyp, überlegte er. Katharina, seine Exfrau, und Sina waren überhaupt nicht vergleichbar, und keine von beiden ähnelte Maike Rosenbohm. Oder Marion Haak. So sehr er auch für optische Reize empfänglich war, letztlich entschied für ihn doch die gesamte Persönlichkeit. Ob er sich darauf etwas einbilden durfte?

Etwas anderes aber hatte sich geändert, keine Frage. Nachdem ihm Katharina den Laufpass gegeben hatte, war er jahrelang blockiert gewesen, hatte ihm die innere Bindung an seine frühere Frau neue Beziehungen unmöglich gemacht. Es hatte ewig gedauert, bis er sich davon emanzipiert hatte. Dann, ein paar Affären später, war das mit Sina passiert. Ausgerechnet mit der Freundin eines alten Kumpels! Das aber war »typische Männerdenke«, eine Einsicht, die er ebenfalls Sina verdankte. Sie als jemandes Eigentum zu betrachten, das wegzunehmen gegen ungeschriebene Gesetze verstieß, hieß eine Frau zum Gegenstand zu degradieren. Sina entschied schließlich selbst, wohin und mit wem sie ging. Das hatte das Ganze viel leichter gemacht. Komischerweise sogar Sinas spätere Entscheidung, wieder eigene Wege zu gehen. Ohne ihn.

Das war es wohl: War er nach der Trennung von Katharina jahrelang wie vernagelt gewesen, so war er jetzt offen. Ganz normal, ohne Torschlusspanik. Ein Fortschritt, wenn man es genau nahm. Und eine Lösung.

Die Verwirrung aber blieb.

Stahnke stieß sich von der Limousine ab, die unter dem Rückstoß seines Hinterteils leicht in ihren Federbeinen erbebte. Gut, dass die Karre keine Alarmanlage hat, dachte er und mus­terte den Wagen. Gelbe Nummernschilder, aha, ein Holländer.

Olthoffs Listen fielen ihm ein. Herrje, die hatte er ja völlig vergessen! Ein blöder, ein unverzeihlicher Fehler, schließlich konnten die Fahrzeuge, die der dicke Nachbar seinerzeit notiert hatte, auf dem Umweg über eine Halterfeststellung ein bisschen Licht in Frerichs’ Bekanntenkreis bringen. Wie hatte er das verbaseln können?

Richtig. Nummer vier. Jetzt erinnerte er sich wieder. Die Nachricht vom vierten Kinderleichenfund hatte alles andere in seinem Kopf ausgelöscht wie ein nasser Tafelschwamm. Als ob Betroffenheit ein Ersatz für Professionalität und erprobte Routine wäre.

Apropos Routine: Das Messer, mit dem man Marion Haak attackiert hatte, musste auch endlich mal aus dem Labor kommen. Und überhaupt, zu tun geben würde es mehr als genug.

Langsam stapfte er davon.

10.

Ein leises Rascheln hatte sie geweckt. Zunächst sah sie nur die bauschigen Vorhänge, in denen sich das Licht der Straßenlaterne fing, und spürte den angenehm kühlen Luftzug. Dann bemerkte sie Sanna.

Die gerade noch erfrischende Kühle verwandelte sich in beißende Kälte. Ihre Hände krallten sich in die Bettdecke und zogen sie hoch. Bis übers Kinn, die Nase, die Augen. Wärme, Geborgenheit, Schutz suchend.

Sanna aber blieb.

»Hör gut zu, Kleines«, zischte sie, »nur für den Fall, dass Roland nicht deutlich genug war. Dieses Weichei. Du weißt, dass wir keine leeren Worte machen. Das weißt du doch hoffentlich?«

»Ja, das weiß ich«, stieß Nane hervor. Gierig saugte die Bettdecke ihre Worte auf.

»Deine Warnung hast du ja gekriegt«, fuhr Sanna fort. »Aber wir haben noch mehr auf Lager. Wir haben noch mehr.«

»Das weiß ich doch«, keuchte Nane. Der Bettbezug drang ihr zwischen die Lippen und verursachte ein pelziges Gefühl auf der Zunge.

»Wir haben sie«, sagte Sanna. »Wir haben sie immer noch. Und wir werden sie auch behalten. Jetzt liegt es bei dir.«

»Ja.« Nane schluchzte.

»Also Maul halten«, sagte Sanna. »Maul halten. Niemals vergessen. Niemals ein Wort. Für immer und ewig.«

»Ja.«

Nane spürte Tränen auf ihren Wangen. Sie wusste, dass Sanna gegangen war. Vorsichtig schob sie das Oberbett hinunter bis unters Kinn. Laue Luft drang an ihr Gesicht, sanft bewegt von der nächtlichen Brise, die die Vorhänge bauschte. Aber tief drinnen in ihr war es wie Eis.

11.

Als Stahnke kurz vor acht die Tür zu seinem Büro öffnete, warteten Kramer und Maike Rosenbohm schon auf ihn. Vier weit aufgerissene Augen signalisierten ihm, dass ein Morgengruß verzichtbar war. »Was?«, sagte er stattdessen.

»Frerichs ist tot«, sagte Kramer.

Stahnke hatte nicht besonders gut geschlafen, war erst weit nach Mitternacht und nur mit Hilfe einer Dreiviertelflasche Bordeaux zur Ruhe gekommen und hatte wüst geträumt. Weder von Messerstechern noch von Kinderleichen, erstaunlicherweise; dafür hatte sich ein altvertrauter Alp zurückgemeldet. Enge, gewundene Gänge, Röhren mit bröckelnden Wänden, glitschige Gewölbe mit ansteigenden Wasserspiegeln. Alles eine Folge des Geburtstraumas, schon möglich. Immer aber ein Indikator für große Erschütterungen in seinem Leben. Früh war er aufgewacht, hatte sich noch einmal umgedreht und prompt verschlafen. Das Frühstücksbrötchen muss­te ausfallen, zum Schnellkaffee hatten ihm fette Schlagzeilen ekel­hafte Bruchstücke dessen entgegengestammelt, was er sowieso schon wusste. Den Weg ins Polizeigebäude hatte er sich durch eine Horde von Urhebern solcher Schlagzeilen bahnen müssen. Entsprechend matschig fühlte er sich.

Also Frerichs war tot. »Was?!« Das war doch nicht möglich. Eine Katastrophe.

»Er hat sich vergiftet«, sagte Maike Rosenbohm. »Beim We­cken heute früh lag er tot auf dem Boden seiner Zelle. Nichts mehr zu machen. Mergner ist bereits benachrichtigt.«

»Und Manninga?«, fragte Stahnke.

»Der auch«, sagte Kramer. »Er ist schon im Haus. Lässt ausrichten, er meldet sich. Wir sollen erst einmal weiterarbeiten.«

»Was?!« Das sollte doch wohl ein Witz sein. Wie, bitte schön, sollten sie denn wohl »erst einmal weiterarbeiten«, womöglich auch noch »in aller Ruhe«, wo ihnen soeben in einem Fall, der die Öffentlichkeit schockierte, die Medien elektrisierte und dessen Dimensionen überhaupt noch nicht absehbar waren, die Schlüsselfigur abhanden gekommen war? Und was, wenn sie es hier nicht mit einem Einzeltäter zu tun hatten, wenn es Komplizen, wenn es weitreichende Verbindungen gab? Was, wenn sich in diesem Moment andere Kinder in der Gewalt anderer Verbrecher befanden, auf deren Fährte sie Frerichs hätte führen können? Die Schweine konnten frohlocken. Und die Kinder? Was konnten die?

Kramers Blick war ruhig und fest wie immer. Stahnke fragte sich, ob er dasselbe dachte. Die Wahrscheinlichkeit war groß. Manningas Vorgehen war mehr als leichtfertig gewesen. Die Vernehmung eines Tatverdächtigen in einem Fall diesen Ausmaßes ging man nicht ohne Vorbereitung an, nicht einfach mal eben so nach einem harten Arbeitstag. Und schon gar nicht allein. Und wenn, dann brach man solch ein Verhör nicht mittendrin ab, nachdem man den Verdächtigen über die neuen Entwicklungen in Kenntnis gesetzt und selber überhaupt nichts erfahren hatte. Das war schlecht, das war stümperhaft. Jetzt hatten sie die Quittung.

»Wie kann es denn angehen …« Stahnke sprach die Frage nicht vollständig aus. Das war auch gar nicht nötig. Klar, dass die anderen sie bereits ausgiebig gewälzt hatten.

»Er muss das Gift von Anfang an bei sich gehabt haben«, sagte Kramer. »Außenkontakte gab es keine, nicht einmal mit einem Anwalt; er hat überhaupt keinen verlangt. Natürlich hat man ihn durchsucht, aber so eine Giftkapsel kann man leicht verstecken.« Kramer zuckte die Achseln. »Jedenfalls vermute ich, dass es eine Kapsel war. Dutzendweise Schlaftab­letten kommen ja wohl kaum in Frage.«

Giftkapsel. Das klang nach SS-Manieren, nach Agenten, Verschwörern, die nicht in die Hand eines Feindes geraten wollten. Die sich strengen Verhören, vielleicht der Folter entziehen wollten, um ihr Wissen auf keinen Fall preisgeben zu müssen. Giftkapseln in falschen Zähnen, in den Schmucksteinen goldener Ringe, wo noch? Im Schuhabsatz? Im Knauf eines Spazierstocks womöglich? In welchem Jahrhundert lebten sie denn?

»Mein Gott, Kramer«, stöhnte Stahnke. »Frerichs war Bandarbeiter bei VW, richtig? Und was noch?« Er ließ sich in seinem Schreibtischstuhl fallen, der unter ihm noch lauter stöhnte als er selbst.

»Kindermörder, allem Anschein nach«, sagte Maike Rosenbohm. »Sein Selbstmord kommt ja einem Schuldeingeständnis gleich. Die ersten Morde liegen an die fünfundzwanzig Jahre zurück; eine lange Zeit, um sich darauf vorzubereiten, dass man eines Tages auffliegt.«

»Ja«, sagte Kramer und nickte langsam, »ja, ich denke auch, dass dieser Zusammenhang offensichtlich ist.«

Manninga ließ sie nicht rufen, er kam zu ihnen. Ohne Ankündigung stand er in der Tür, die Stahnke nicht hinter sich geschlossen hatte, beide Hände in den Hosentaschen und womöglich noch erschöpfter aussehend als am Abend zuvor. Stahnke fragte sich, ob der Mann zwischenzeitlich geschlafen hatte, ob er überhaupt zu Hause gewesen war.

»Morgen«, sagte Manninga. Er wirkte bedrückt, vielleicht auch schuldbewusst. »Tja, unser Hauptzeuge ist tot.«

Wenn du das mal weißt, dachte Stahnke.

»Vor allem aber doch der Täter«, sagte Maike Rosenbohm. Es hörte sich an, als wollte sie ihren Chef trösten. Für Stahnke klang es ein wenig zu forsch. Als sei hier womöglich keine Riesenpanne passiert, sondern ein Ziel erreicht worden. Und was hieß überhaupt »der Täter?« Wie konnte sie sicher sein, dass es nur einen gab?

Manninga ging nicht darauf ein. »Mal sehen, wie wir das der Presse verkaufen. Ehe Mergner seine Untersuchung nicht gemacht hat, geben wir jedenfalls nichts raus. Nachrichtensperre. Erst müssen wir wissen, was für ein Gift das war und wo er es versteckt hatte. Vorher können wir nicht beurteilen, ob man es bei ihm hätte finden müssen oder nicht.«

Ziemlich taktisch gedacht, fand Stahnke. Aber Selbstkritik war in dieser Situation vielleicht auch etwas viel verlangt. Immerhin saß ihnen das LKA im Nacken.

»Wir ermitteln erst einmal weiter wie gehabt«, fuhr Manninga fort. »Es gibt eine Menge auszuwerten und zu protokollieren. Ich denke, über Mangel an Arbeit muss sich heute keiner von uns beklagen. Also, halten wir uns ran.«

Manningas Rücken war ein bisschen gebeugt, und Stahnke hätte schwören können, ein leises Schlurfen gehört zu haben, als sein Vorgesetzter den Raum verließ. Mein Gott, dachte er, was für ein trüber Auftritt. Das war ja nur noch ein Schatten.

Er klatschte in die Hände, wie um alle Schatten zu verscheuchen, dabei war die Sommersonne längst wieder dabei, das selber und sehr nachdrücklich zu besorgen. »Ihr habt es gehört, Kolleginnen und Kollegen. Frisch ans Werk.«

»Heute großes Floskel-Festival, was?« Maike Rosenbohm schob ab, die Tür nicht eben sanft hinter sich schließend.

Kramer steuerte den Nebenraum an. Im Durchgang drehte er sich noch einmal um. »Immerhin wissen wir jetzt, warum Margarethe Frerichs überhaupt im Rasen gegraben hat«, sagte er.

»Ach.« Stahnke war gespannt. »Und?«

»Sie hatte einen Kabelanschluss bestellt, fürs Fernsehen. Das wäre recht teuer geworden, da die Erdarbeiten im Komplettpreis der Telekom nur bis zur Grundstücksgrenze oder knapp darüber hinaus enthalten sind. Da das Grundstück der Frerichs’ ziemlich groß ist, wären da eine Menge Meter extra berechnet worden. Also hat Frau Frerichs mitgeteilt, sie würde den Graben selber ausheben und nach Verlegung des Kabels auch selber wieder zuschütten. Man spart schließlich, wo man kann. Vor allem auf dem Dorf. Da gehört Sparen einfach zum guten Ton, ganz egal, ob man es nun nötig hat oder nicht. Geiz ist geil, sozusagen aus Prinzip.«

»Dann ist die Frau also vor lauter Sparsamkeit auf die skelettierte Leiche gestoßen«, ergänzte Stahnke. »Und sofort zu ihrem Mann gerannt. Der sie dann erschossen hat.«

»Wir können also ziemlich sicher davon ausgehen, dass Frau Frerichs mit den Kindermorden nichts zu tun gehabt hat«, sagte Kramer. »Sonst hätte sie entweder nicht dort gegraben oder sich mit ihrer Entdeckung jedenfalls nicht direkt an den Mit- beziehungsweise Haupttäter gewandt.«

»Galt Frerichs nicht als netter, treusorgender Ehemann?«, fragte Stahnke.

»Laut Manninga trifft das zu«, bestätigte Kramer.

»Als aber diese Ehefrau plötzlich zur Belastungszeugin wurde, hat er sie ohne zu zögern umgebracht. Richtig?«

Kramer nickte: »Richtig. Eindeutige Prioritäten eben. Schließ­lich hat er ja nicht nur sie, sondern später auch sich selbst getötet.«

Stahnke rieb sich die Wangen; es raschelte. In der Eile hatte er das Rasieren vergessen. »Scheinbar logisch«, sagte er, »aber nur scheinbar. Dass er sich selbst tötet, nachdem wir die Leichen gefunden hatten, verstehe ich. Da war alles aufgeflogen, es gab keinen Ausweg mehr, keine Chance, Exitus. In Ordnung. Als aber am Tag zuvor seine Frau zu ihm kam, schreiend oder heulend, was weiß ich – hätte er sie da nicht anders zum Schweigen bringen können? In aller Stille sozusagen, und ihre Leiche dann ebenfalls beseitigen? Oder vielleicht selbst den Entsetzten spielen, den Unschuldigen mimen, ihr irgendeine Story auftischen? Vielleicht von einem Unfallopfer, das ein längst verstorbener ehemaliger Freund dort verscharrt hat? Ganz egal, jedenfalls irgendetwas, das seine Schuld gering aussehen lässt? Zeit hatte er doch genug, sich so etwas auszudenken für den Fall der Fälle. Stattdessen nimmt er seine Knarre und schießt seine Frau tot. Paff, einfach so. Ohne Plan, ohne Skrupel, ohne Vorsichtsmaßnahmen. Prompt wird er verhaftet. Also, mir will das noch nicht in den Kopf.«

»Vielleicht war das die einzige Reaktion, zu der er in der Lage war.« Kramer schien Stahnkes Bedenken nicht zu teilen. Aber er war loyal, also zog er sie zumindest in Erwägung. »Wir wissen noch immer viel zu wenig über Frerichs. Manninga hat ganz Recht, es gibt eine Menge zu tun.«

»Stimmt«, bestätigte Stahnke. »Aber sagen Sie mal, woher wissen wir das eigentlich mit der Telekom und den Erdarbeiten?«

»Die Techniker standen heute früh bei Frerichs vorm Haus«, sagte Kramer.

»Aha«, sagte Stahnke. »Und woher wissen wir das nun wieder? Von den Kollegen, die den Tatort absichern?«

»Die waren zu langsam«, sagte Kramer. »Als Erster angerufen hat Olthoff.«

12.

»Moin, Herr Olthoff.«

»Moin, Herr Hauptkommissar.« Der Mann mit dem birnenförmigen Bauch stand am weißlackierten Grenzzaun, beidarmig aufgestützt, die Beine übereinandergeschlagen, so als stehe er schon eine ganze Weile dort und habe auch nicht die Absicht, dieses Position in absehbarer Zeit aufzugeben. Lediglich den Kopf hatte er gedreht, um den Gruß des Kriminalbeamten mit Dienstbarkeit signalisierendem Lächeln zu erwidern.

»Na, was gibt’s zu sehen?« Stahnke beneidete Olthoff um seine Freizeitkluft: Knielange Khakishorts, weites, ärmelloses Baumwollshirt und Schlappen. Nicht einmal die üblichen Tennissocken trug der Mann.

»Na ja, wie man’s nimmt.« Das Grundstück des dahingeschiedenen Ehepaars Frerichs hatte sich in eine chaotische Kraterlandschaft verwandelt, durchsetzt mit pyramidenförmigen Hügeln, zwischen denen immer noch Polizisten wimmelten. Keine Wegplatte lag noch an ihrem Platz, kein Blumenbeet war mehr zu orten. Selbst den gepflasterten Parkplatz hatten die Kollegen aufgerissen, umgegraben und sondiert. Weitere Leichenfunde hatten sie allerdings nicht gemacht.

Stahnke stellte sich neben den Dicken und nahm eine ähnliche Haltung ein. Er stand ein wenig gebückter, da er einen halben Kopf größer war als Olthoff, und sein Bauch hing nicht ganz so weit vor, zum Glück. Ansonsten aber gehörte er wohl zum selben pyknischen Typ wie sein Nebenmann. Breite Schultern, breiter Korpus, eher kurze und kräftige Arme und Beine, große Hände mit kurzen, starken Fingern – Olthoffs Signalement klang wie sein eigenes. Zum Glück hatte Stahnke noch deutlich mehr Haare auf dem Kopf und war auch ein paar Jahre jünger.

»Sie sind schon auf Rente?«, fragte er.

»Frühverrentet.« Olthoffs Ton ließ nicht erkennen, ob er darüber glücklich oder traurig war. Vermutlich keins von beiden. Er schien zu den Menschen zu gehören, für die das ganze Dasein eine kontinuierliche Zumutung darstellte, die es abzuleben galt. Was mochten wohl die Höhepunkte solch eines Lebens sein? Wenn man dem Nachbarn mal so richtig in die Suppe spucken konnte?

»Wo haben Sie denn gearbeitet?«

»Bei VW.«

»Ach. Dann waren Sie und Frerichs ja Kollegen. Ich dachte, Sie hatten kaum Kontakt.«

»Hatten wir auch nicht.« Olthoff nestelte ein Taschentuch aus seinen Shorts und wischte sich die hohe rosa Stirn. »Ich war in der Buchhaltung, er in der Montage. Im Emder Werk haben wir uns praktisch nie gesehen. Da sind ja ein paar tausend Leute beschäftigt.«

Stahnke entsann sich des lindgrünen Jettas, der vor Olthoffs Haus stand. »Sind Sie denn nicht zusammen zur Arbeit gefahren? Das hätte sich doch angeboten, und es sind ja an die dreißig Kilometer, oder? Das geht doch ins Geld.« Für einen echten Ostfriesen war Geld, oder besser: Geldersparnis ein nicht zu toppendes Argument.

»Ja, schon, aber Frerichs hat Schicht gearbeitet, ich hatte Tagesdienst. Das wäre ja praktisch nie gegangen.«

Na ja, immerhin doch in jeder dritten Woche, überlegte Stahnke. Auch das hätte Geld gespart. Alles eine Frage des Wollens. Offenbar gab es hier eine Abneigung, die von Herzen kam.

»Apropos.« Warum sollte er es ihm eigentlich nicht sagen? »Was den Frerichs betrifft, der ist …« Stahnke stockte. Vielleicht war es Manninga ja doch nicht recht.

»Tot, meinen Sie? Ja, das ist ein Ding.« Ungerührt fuhr Olthoff damit fort, das Nachbargrundstück zu mustern.

Stahnke war perplex. »Wie – woher …«

»Von Manninga.« Olthoff blinzelte vertraulich. »Ist ein Kamerad von mir im Schützenverein, Ihr Chef, wissen Sie. Da­rum hat er’s mir wohl auch erzählt, als er heute früh anrief.«

»So.« Also einerseits Nachrichtensperre, was ohnehin ziemlich unrealistisch war, andererseits lockeres Ausplaudern unter Kumpeln! Stahnke gefiel das überhaupt nicht. Darüber hinaus empfand er einen Anflug von Eifersucht, der ihn selbst überraschte. Weil Manninga einem Schützenbruder gegenüber vertrauensseliger war als ihm? Ärgerlich wischte er den Gedanken beiseite, zumal ihm etwas anderes eingefallen war: »Wieso hat er denn heute früh bei Ihnen angerufen?«

»Wegen der Listen. Sie wissen doch, die Autonummern, die ich damals notiert habe. Vor der Verhandlung wegen der Auffahrt. Viereinhalb Jahre ist das her. Sie erinnern sich?«

»Klar.« Stahnke runzelte die Stirn. »Gut, dass Sie die erwähnen. Die könnten Sie mir direkt mal aushändigen.«

»Natürlich, dann bringen Sie die Ihrem Chef gleich mit. Spart wieder einen Weg.« Eifrig trabte Olthoff los.

Stahnke blieb nachdenklich am Zaun stehen. Wann hatte er die Existenz dieser Listen Manninga gegenüber eigentlich erwähnt? Er konnte sich nicht erinnern.

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
312 p. 5 illustrations
ISBN:
9783839264829
Publishers:
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