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P e t e r C h e m n i t z

Ach los, scheiß

der Hund drauf!

Das Leben des stern-Kriegsreporters Randy Braumann

2. Auflage, Deutsch, November 2020

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-906212-67-8

© WELTBUCH Verlag GmbH (Schweiz/Deutschland)

www.weltbuch.com

Alle Rechte vorbehalten

Layout/Satz/Titelgestaltung: Dirk Kohl

Lektorat: Sophie Micheel

Fotos von:

Randolph Braumann und Peter Chemnitz (Porträtfotos und Autorennachweis unter dem jeweiligen Foto)

Inhalt

Vorwort

Bombenkrieg und Mittelschule

Ohne Abitur zum „stern“

Vierzig Millionen für Dr. med. Schumann

Atombombensuche im ewigen Eis

Die Rache des Bundespräsidenten Lübke

Randy fehlt auf der Liste – Wie der BND und der MI6 um Teilzeitspione werben

Blumen für Leni

Ein Dichter öffnet die Tür zum Schah

Wie aus Carter ein freier Mann namens Ben Amin wurde – Bei amerikanischen Juden in Liberia

Wie ich Fremdenlegionär werden wollte und die Gründung der Söldner-Republik 1968

Idi Amin – ein afrikanisches Trauerspiel

Nach der Story eine Notlüge – Augenzeuge im Biafra-Krieg

Schlacht am Buffet

Flucht nach London

Rücksicht auf Israel – „stern“ berichtet nicht über Napalmopfer

Herr Braumann ist bereits hingerichtet worden

Angstschweiß und Feuerzauber – Victor Charlie im Visier

Die Jagd nach der goldenen Uhr

Nachts kam Victor Charlie

Haschisch und Marihuana – „I don‘t want to be the last American killed in the Nam.“

Warten auf den König von Laos

Menschenrettung unter Missbrauch der Rot-Kreuz-Fahne – Bürgerkrieg in Ostpakistan

„Randy, please stop Nannen now“ – Als Koordinator der „stern“- Hilfsaktion in Äthiopien

Der Marsch auf der Rasierklinge – Zu Besuch bei Papa Doc in Haiti

Durch das wilde Kurdistan nach Ninive

Mein Freund Heidemann

Rebellenkampf im Hamburger Untergrund

39.998 Schwarze, der Chefredakteur und seine Frau – Wie ich in Südafrika eine deutschsprachige Zeitung leitete

Spenden allein retten Afrika nicht – Mit Karlheinz Böhm in Äthiopien

Boizenburg – Zwischenstopp in meinem Leben

Warum das Sorbische zu den 60 wichtigsten Sprachen zählt

Europastadt? Apartheidstadt?

Vom Krokodil zur Grenze – Der polnische Fußball und ich: Bilanz eines Lebens


Der Autor:

Peter Chemnitz, 1962 in Leipzig geboren, wuchs in Dresden auf. Als Enkel des einst europaweit bekannten Sportjournalisten Erich Chemnitz wollte er unbedingt in dessen Fußstapfen treten, mit einer Ausnahme – der Sportberichterstattung. Allerdings rieten ihm alle davon ab, in der DDR diesen Beruf zu ergreifen. Auch die Staatssicherheit war skeptisch und verhängte, in enger und heimlicher Kooperation mit der Universität Leipzig, ein bis Ende 1988 aufrecht erhaltenes Studienverbot. Als Redakteur durfte er trotzdem arbeiten: von 1985 bis 1990 bei der Dresdner Tageszeitung „Sächsische Neueste Nachrichten“. In der Wendezeit wechselte er zu der in Stuttgart produzierten Wochenzeitung „Sachsenspiegel“ der bürgerbewegten Dresdner „Gruppe der 20“. Nach deren Einstellung erlebte er als Politikredakteur die letzten neun Monate der vom Süddeutschen Verlag samt Immobilie in der Dresdner Inneren Neustadt erworbenen Tageszeitung „Die Union“. Es folgten Jahre der freien Mitarbeit für „Spiegel“, „Focus“ und Nachrichtenagenturen wie dpa, AP und VWD sowie bis 1997 als Sachsen-Korrespondent der „Welt am Sonntag“. Seitdem ist er Redakteur der „Sächsischen Zeitung“.


Der Protagonist:

Randolph Braumann (Jahrgang 1934) lebte gern zwischen zwei Extremen, zum Beispiel zwischen Sport auf der einen und exotischen Ländern im Kriegszustand auf der anderen Seite. Er war erst Sportreporter bei BILD, aber dann doch lieber Auslandsreporter beim „stern“. Die Sehnsucht nach der Fremdenlegion (die ihn abwies, als er sich im Rekrutierungsbüro Kairouan, Tunesien, 17-jährig bewarb) und nach den „Hunden des Krieges“ (wie ein Bestsellerautor die Söldner nennt) blieb ein Leben lang. Er war ein typisches Kriegskind (seine Geburtsstadt Bochum wurde 150-mal von den Alliierten bombardiert), deshalb beherrschte er wohl die Kunst des Überlebens so gut. Als in Saigon der Tu-Do-Club in die Luft flog, waren 36 Menschen tot, etliche verwundet (darunter sein Freund, der „stern“-Fotograf Perry Kretz) und nur einer unverletzt: er selbst. Später war er Mitgründer des Kinderhilfswerks „Dritte Welt“ (Zentrale nach wie vor in Hamburg) und zweier Reisemagazine. Nach all den Kriegen sucht er Ruhe in Görlitz/Zgorzelec – an der deutsch-polnischen Grenze, der „Friedensgrenze“.

Vorwort

In Görlitz/Zgorzelec, in der deutsch-polnischen Grenzstadt, beginnt dieses symphonisch gestaltete Werk, das mehr ist als nur die Erinnerungen des alten Kriegsreporters Randolph Braumann. Dadurch, dass der Jüngere, der Diplom-Journalist Peter Chemnitz, zuhört und notiert, bekommt die Irrfahrt durch die sinnlosen Kriege, Leidensgeschichten und Politik-Gags des 20. und des gerade begonnenen 21. Jahrhunderts einen Sinn.

Braumann, Jahrgang 1934, war immer Querulant und Wahrheitssucher. Nach der Schule wollte er zur Fremdenlegion und landete im Journalismus. In den Krieg ging es trotzdem. Zehn Jahre lang war er für den „stern“ als Kriegsreporter in Afrika, Vietnam und im Nahen Osten mit den namhaftesten Fotografen unterwegs. Er lernte – immer auf der Jagd nach Illustriertengeschichten - Diktatoren wie Idi Amin, Mobutu Sese Seko, Saddam Hussein, Muammar el Gaddafi, Kaiser Haile Selassie, Papa Doc sowie den Terroristenführer Georges Habash kennen – und fand sie sympathisch.

Davon erzählt er in seinem packenden Buch. Es sind Geschichten darüber, wie Journalisten selbst ein wenig am Rädchen der Weltgeschichte drehten, bei der Gründung der Söldnerrepublik Kongo beispielsweise oder im jordanischen Bürgerkrieg. Oder bei der großen „stern“-Hilfsaktion für Äthiopien, die Braumann vor Ort koordinierte, während er dem Kaiser die Augen für die Hungersnot im eigenen Land öffnete.

Braumann war ein Haudegen. „Ach los, scheiß der Hund drauf!“, hieß der Spruch, mit dem er und sein alter Freund, der „stern“-Fotograf Gerd Heidemann, sich in brenzligen Situationen Mut machten. Statt auf Pressekonferenzen der Generalität trieb Braumann sich lieber bei den kämpfenden Truppen herum. In Kambodscha rettete ihm die Angst eines Kollegen das Leben, in Jordanien erklärte ihn die deutsche Botschaft bereits für tot.

Wenn es um Storys ging, kannte Braumann keine Kollegialität. Das schätzte der große Henri Nannen und kämpfte lange um Braumann, wenn der Unstete wieder einmal ein besseres oder interessanteres Angebot der Konkurrenz favorisierte. In Gesprächen, die sich über zwei Jahre hinzogen, erzählt Braumann von lebenslangen Feindschaften und wie sie entstanden sind. Er erzählt von falschen Fotos, verlogenen Überschriften und ihren fatalen Folgen. Vor allem lässt er einen Journalismus lebendig werden, wie er heute fast ausgestorben ist.

Peter Chemnitz im Oktober 2013

Bombenkrieg und Mittelschule

Ich bin ein Kriegskind, Jahrgang 1934. Meine frühesten Erinnerungen sind die Bombenangriffe auf Bochum. Die ersten erfolgten 1941. Da war ich sechs Jahre alt. Am Anfang waren es nur vereinzelte Bomben und wir Kinder liefen am nächsten Morgen durch die Straßen und suchten nach Bombensplittern. Ich kann mich auch noch erinnen, wie ich bei Alarm mit meinen Eltern im Korridor unserer Zweiraumwohnung des fünfstöckigen Arbeiterhauses hockte. Aus irgendwelchen Gründen waren meine Eltern der Ansicht, dass die Mauern einen schützen würden. Als sie dann sahen, dass bei den von Bomben getroffenen Häusern auch die Mauern der Korridore zusammengebrochen waren, zogen wir in den Keller, der mit einfachen Mitteln zu einem Luftschutzraum ausgebaut worden war. In die Außenwände der Keller wurden Durchbrüche geschlagen und wieder lose vermauert, damit man notfalls ins Nachbarhaus flüchten konnte.

Als es dann in unmittelbarer Nähe des Hauses richtig krachte, beschloss mein Vater, dass wir künftig bei Fliegeralarm in einen der inzwischen ausgebauten öffentlichen Luftschutzräume gehen würden. Dieser befand sich in einer etwa hundert Meter entfernten Schule. 1942 kamen die alliierten Flieger fast jede Nacht und wir zogen in einen gerade fertiggestellten Hochbunker. Den hatten französische Kriegsgefangene gebaut, und ich kann mich erinnern, wie mein Vater schimpfte, dass er diesen nichts zu essen zustecken durfte. Das untersagte unter strenger Strafandrohung ein Erlass der Nazi-Führung.

Bochum war damals Verwaltungssitz des NS-Gaus Westfalen-Süd und damit quasi die Hauptstadt des Ruhrgebiets, des Sauerlandes und des Siegerlandes. Die Gauleitung hatte in unserer Straße ihren Sitz und das war sicher einer der Gründe, hier einen Hochbunker zu errichten. Das Bauwerk hatte mehrere Etagen und Betonmauern; dick genug, um den damals existierenden Bomben standzuhalten. Oben war es spitz, damit Bomben abrutschten und auf dem Boden detonierten. Auch im Bunker hörten wir das Krachen der Bomben, fühlten uns aber sicher. Wurde Entwarnung gegeben, ging der erste Blick immer in Richtung unseres Hauses. Stand es noch? Der Bunker und unser Haus sollten die einzigen Gebäude in der Gegend sein, die den Krieg relativ unbeschädigt überdauern würden. Zwischen dem 20. Juni 1940 und dem 22. März 1945 gab es 46 schwere und 100 „leichtere“ Bombenangriffe auf die Stadt. Bei Kriegsende war sie zu 38 Prozent zerstört.

Zum Glück konnte ich Bochum Ende 1942 verlassen. Im Zuge der so genannten Kinderlandverschickung kam ich in ein hundert Kilometer entferntes Dorf zu entfernten Verwandten. Das Dorf hieß Langenstraße-Heddinghausen und hatte knapp vierhundert Einwohner. Heute ist es ein Stadtteil von Rüthen in Nordrhein-Westfalen.

In diesem Dorf habe ich auf einem Kleinbauernhof wunderbare Jahre verlebt. Es gab eine Oma namens Walburga und zwei unverheiratete Tanten, etwa 30 bis 35 Jahre alt, die sich rührend um mich kümmerten. Die beiden Bauernsöhne marschierten im Auftrag des Führers durch Russland. Ich war der einzige Mann im Haus. Es gab Schweine, Geflügel und zwei Kühe. Für die Kühe war ich zuständig. Morgens brachte ich sie auf die Weide, in einen Kamp, der etwa einen Kilometer entfernt war. Mittags brachte ich sie zum Melken auf den Hof und anschließend wieder in den Kamp. Abends holte ich sie zurück. Diese Kamps waren in vier Abteilungen unterteilt und war einer abgegrast, zog ich mit den Kühen in den nächsten. Da die Sommer aber extrem heiß waren, trieb ich die Kühe nachmittags entlang der Gräben, an denen noch Gras wuchs, bis zum nächsten und übernächsten Dorf und wieder zurück.

Dieses völlig freie Kinderleben mit Tieren wurde nur durch die Schule unterbrochen. Es war eine typische Dorfschule. Acht Klassen wurden in einem Raum unterrichtet. Die Lehrerin stammte wie ich aus dem Ruhrgebiet und hatte den kleinen lieben Friedhelm in ihr Herz geschlossen: „Du musst natürlich aufs Gymnasium, denn du wirst einmal etwas ganz Großes werden.“ Schon wegen dieser Lehrerin ging ich gern in die Schule.

Pimpf musste ich im Gegensatz zu den meisten meiner Altersgenossen nicht werden. Als ich neun Jahre alt war, bekam ich zwar eine Einberufung zum Jungvolk. Die Aufnahme sollte in einem einige Kilometer entfernten Nachbardorf erfolgen. Oma erklärte aber kategorisch: „Da gehst du nicht hin.“ Ich habe auf Oma gehört und es hat sich nie wieder jemand gemeldet. An den Krieg wurde ich nur erinnert, wenn wir im Westen hellen Lichtschein wahrnahmen. Dann hatte es wieder einen schweren Luftangriff auf das Ruhrgebiet gegeben. Als ich in den Herbstferien meine Eltern besuchte, hatte ich das Pech, in den schlimmsten Bombenangriff zu geraten, der Bochum traf. Das war am 4. November 1944. Während wir sicher im Hochbunker saßen, verloren im Flammenmeer vier meiner Onkel und Tanten ihr Leben.

Ab Ende 1944/Anfang 1945 war es dann auch auf dem Land mit dem friedlichen Leben vorbei. Immer häufiger tauchten Tiefflieger auf und schossen auf alles, was sich bewegte. Die Piloten der englischen Spitfires machten sogar Jagd auf einzelne Bauern. Der Auftrag war ganz offensichtlich, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Deswegen war ich froh, als der Krieg endlich zu Ende ging. Es war für uns wirklich eine Befreiung. Wir wussten, dass es um das Ruhrgebiet, das noch unter deutscher Kontrolle war, eine große Zangenbewegung gab, von der es wie ein Sack eingeschnürt wurde. In dieser Zeit füllte sich das Bauernhaus in Langenstraße immer mehr. Eines Tages erschien zu meinem großen Entsetzen eine Frau, die ich völlig vergessen hatte: meine Mutter. Auch weitere Verwandte trafen ein. Besonders suspekt war mir ein Teil der Familie, der in Gelsenkirchen zu Hause war. Der Familienchef, ein Ortsgruppenleiter der NSDAP, tauchte eines Tages auf. Er trug zwar nicht mehr seine Uniform, aber noch immer das Parteiabzeichen. Dieser Mann versuchte nun, unter den Volksgenossen Panik zu verbreiten. Die Amerikaner würden uns alle umbringen. Die Angst steigerte sich noch, als an einem der letzten Apriltage eine Einheit der Waffen-SS einrückte und sich über Nacht einquartierte. Zur allgemeinen Erleichterung zogen die Soldaten am nächsten Tag weiter. Prompt hängten die Dorfbewohner aus allen Fenstern weiße Bettlaken. Die Amerikaner werden sicher gegrinst haben, als sie später unser total weiß beflaggtes Dorf entdeckten.

Diese Kapitulationserklärung kam keine Stunde zu früh, denn kurz darauf riefen die ersten Bauern: „Dort sind die Amerikaner.“ Sie zeigten in Richtung des etwas höher gelegenen Nachbardorfes Eickhof; von dort kamen Panzer heruntergefahren. Hundert Meter vor unserem Hof stoppten sie und bildeten ein Karree. In der Mitte wurde eine Funkantenne ausgefahren. Während sich der NSDAP-Ortsgruppenleiter eilig im Haus versteckte und auch die anderen scheel aus den Fenstern spähten, liefen wir Kinder einfach hin. Wir erwarteten nichts Schlimmes und wollten uns diese tollen Panzer ansehen. Als mein Onkel mitbekam, dass wir Kontakt zu den Soldaten hatten, bat er mich, ihm von diesen Zigaretten zu besorgen. Die gab mir dann ein schwarzer Soldat im Tausch gegen Eier. Es war der erste schwarze Mensch, dem ich begegnete.

Die Amerikaner blieben eine Nacht und zogen dann weiter. Ich stromerte am nächsten Morgen über den Hof und entdeckte an der Hauswand hinter dem Kaninchenstall eine Lücke, in der etwas steckte. Es stellte sich heraus, dass es kolorierte Bilder aus einem Zigarettenbildband waren: Deutsche Kolonien, der Erste Weltkrieg, die Reichswehr. Die hatte dieser Ortsgruppenleiter versteckt. Ich habe sie kurzerhand an mich genommen und in meinem Zimmer verstaut. Diese Bilder sollten mich die nächsten Jahrzehnte begleiten und ich habe viel durch sie gelernt. Vielleicht haben sie auch meine Sehnsucht nach der weiten Welt und insbesondere nach Afrika geweckt. Und noch ein anderes Erlebnis prägte sich mir ein. Als ich auf das Plumpsklo ging, sah ich unten etwas blinken. Das war das kleine Hakenkreuz, das mein Onkel schnell entsorgt hatte. Da habe ich mich hingesetzt und auf dieses Parteiabzeichen geschissen.

Mit dem Erscheinen der Amerikaner hörten die Tieffliegerangriffe auf. Ich konnte wieder ungefährdet herumlaufen und die Amerikaner schienen ja nette Kerle zu sein. In voller Verkennung dieser Tatsachen erschien meine Mutter eines Abends in meinem kleinen Zimmer. Sie nahm mich in den Arm, was so gar nicht ihre Art war, denn meine Mutter war nicht besonders zärtlich. „Du musst nicht traurig sein, der Krieg ist keineswegs zu Ende. Der Führer hat noch die Wunderwaffe.“ Bis heute sind mir diese Sätze nicht aus dem Kopf gegangen, denn meine Mutter war völlig unpolitisch. Diese Äußerung scheint mir der Beweis zu sein, in welchem Maß das deutsche Volk verblendet worden war.

Mutter kehrte nach Bochum zurück und ich war froh, dass mir niemand mehr in meine Freiheiten reinredete. Allerdings endeten sie dennoch Ende Juni. Mutter erschien erneut, um mich zurück in die Stadt zu holen. Ich bin laut schluchzend aus dem Dorf gelaufen, in dem ich so wunderbare zweieinhalb Jahre verbracht hatte. Es war für mich eine schreckliche Vorstellung, in die Enge der elterlichen Wohnung zurückkehren zu müssen. Die Bauern und Bäuerinnen kamen aus den Häusern und nahmen mich in den Arm. Das sei doch kein Abschied für immer, ich könne doch wiederkommen, versuchten sie mich zu trösten.

Nach einer langen, umständlichen Fahrt mit Lastwagen, Bussen und Zügen kamen wir irgendwann in Bochum an. Der Anblick der Stadt war fürchterlich. Es gab keine Häuser mehr, keine Straßen. Und ich hatte meine Freiheit verloren, fortan schlief ich wieder im Zimmer meiner Eltern. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Ich rechnete fest damit, aufs Gymnasium gehen zu dürfen. Schließlich hatte diese Lehrerin mir gesagt, was für ein toller Typ ich sei. Auch alle meine alten Spielkameraden, die wie ich aus der Kinderlandverschickung zurück waren, erzählten, dass sie das Gymnasium besuchen werden. Vater, der als Reparaturschlosser bei Krupp arbeitete, fand aber, das Gymnasium sei zu teuer. Es kostete zwanzig Mark im Monat, der Besuch der Mittelschule nur zwölf.

Die sechs Jahre Mittelschule absolvierte ich lässig und unmotiviert. Ich hatte gute Zensuren, galt aber als aufsässig. Horror hatte ich vor dem zweimal wöchentlich stattfindenden Sportunterrricht, weil dieser nur aus Geräteturnen bestand. Ich war ein begeisterter Leichtathlet. Überhaupt trieb ich mich viel im Freien herum. Als ich hörte, dass in der Nähe ein Pfadfinderstamm aufgebaut wird, meldete ich mich sofort. Nach kurzer Zeit war ich Feldmeister, so hieß bei den Pfadfindern der Gruppenführer. Im Hochbunker richteten wir uns einen Raum ein. Meine Begeisterung war so groß, dass ich auch im Winter kurze Lederhosen trug. Ich wollte zeigen, was für ein harter Kerl ich war. Da hatte die alte Nazilosung „Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, schnell wie Windhunde“ wohl doch Spuren hinterlassen. Auch trug ich ständig einen Dolch mit Hirschhorngriff. Auf den war ich besonders stolz und weil ich mich weigerte, diesen im Unterricht abzulegen, wäre ich um ein Haar der Schule verwiesen worden.

Bei der Ausgabe des Abschlusszeugnisses schlug mir mein Deutschlehrer vor, das Abitur nachzuholen. Er könne mir einen Platz auf einer Internatsschule vermitteln. Als ich meinem Vater das erzählte, sagt der nur: „Deinetwegen trinke ich kein Glas Bier weniger.“ Damit war das Thema erledigt.

Normal wäre nun gewesen, dass ich wie meine Mitschüler entweder eine Lehre zum Industriekaufmann aufnehmen oder Schmalspuringenieur werden würde. Letztere waren in der Wirtschaft als Steiger im Bergbau oder Vorarbeiter in der Stahlindustrie gefragt. Aber das war nicht mein Ding und ich bewarb mich halbherzig um eine Lehrstelle als Industriekaufmann. Mir war klar, dass ich schon an den ersten Prüfungsaufgaben scheitern würde. So war es auch.

Meine Mutter arbeitete als Putzfrau bei der Firma Dr. C. Otto & Comp. GmbH Kokerei und Gaswerksbau. Das war eine der weltgrößten Kokereifirmen. Sie putzte unter anderem das Büro des Personalchefs, eines Herrn Dr. Stiel. Der fragte eines Tages meine Mutter leutselig, was denn eigentlich der Sohn beruflich mache. „Ach, Herr Doktor, es ist so schwierig, für den Friedhelm eine Lehrstelle zu finden. Er hat schon so viele Aufnahmeprüfungen gemacht und ist nie angenommen worden.“ Stiel nickte und sagte: „Lassen Sie doch den jungen Mann mal zu mir kommen.“ Ich stellte mich Dr. Stiel vor und er unterhielt sich kurz mit mir. Ich sagte ihm, dass ich unzufrieden mit meiner schulischen Ausbildung sei und gern aufs Gymnasium gegangen wäre, um das Abitur als Abschluss zu besitzen. „Das kriegen wir schon hin“, sagte der Personalchef. Demnächst sei wieder eine Aufnahmeprüfung. „An dieser nehmen Sie teil, dann sehen wir weiter.“

Wie immer bewarben sich um die hundert Jugendliche und fünf wurden genommen. Ich war dabei. Seitdem weiß ich, wie wichtig Beziehungen sind. Diese Lehrstelle verdankte ich allein der Putzfrau Josefa Braumann.

Vom 1. April 1952 bis zum 31. März 1954 quälte ich mich durch die Ausbildung. „Während seiner Lehrzeit haben wir Herrn Braumann in unseren Abteilungen Buchhaltung, Lohnbüro, Betriebswirtschaftsstelle sowie in der Abteilung für Steuern und Versicherungen und in der kaufmännischen Verwaltung unseres Bauhofes Gelegenheit gegeben, sich die Kenntnisse und Fertigkeiten eines Industriekaufmanns, soweit das im Laufe von zwei Dritteln seiner vorgesehenen Lehrzeit möglich war, anzueignen“, heißt es im Abschlusszeugnis. Wenn ich die Namen dieser Abteilungen lese, läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter. Mir war klar, dass das nicht meine Zukunft sein konnte. Aber etwas anderes fiel mir nicht ein.

In meiner Freizeit trieb ich Sport, wurde sogar westdeutscher Jugendmeister im Weitsprung. Und als Lehrling wurde ich Mitglied der Jugendgruppe der Deutschen Angestelltengewerk-schaft. Als Pfadfinderführer und ehemaliger Klassensprecher war ich schnell Leiter dieser Jugendgruppe. Ich organisierte alle paar Monate Freizeiten und das beschäftigte mich viel mehr als die Lehre. Mit einem erfolgreichen Abschluss rechnete ich ohnehin nicht. Ich konnte zwar alle Schrauben auseinanderhalten und wusste, welche Meißel und Hämmer wofür benötigt wurden, aber mit der Mathematik stand ich wie schon in der Schule auf Kriegsfuß. Am schlimmsten waren die Wochen im Lohnbüro.

In dieser Situation lernte ich Klaus Löhlein kennen, der war für die DAG-Jugend im Ruhrgebiet zuständig. Ein großer, schlanker Mann, dem im Krieg die halbe Brust weggeschossen worden war. Er merkte schnell, dass ich mit meinem Job nicht zufrieden war.

„Was willst du denn sonst machen?“

„Ich denke, ich haue ab und gehe zur Fremdenlegion.“

Nun hatte die DAG-Jugend eine eigene Zeitung, für die ich auch schon mehrfach etwas geschrieben hatte. Kleine Berichte über die Freizeiten. Das hatte mir Spaß gemacht und die Leute lobten mich für meinen Schreibstil.

Außerdem hatte ich ein neues Hobby gefunden, um mir etwas Geld zu verdienen. Als begeisterter Sportler war ich Abonnent des Monatsblattes „Der Leichtathlet“. Das brachte zum Jahresende eine Jahresbilanz, in der die besten Sportler der einzelnen Disziplinen aufgelistet waren. Ich fand das interessant und kam auf eine grandiose Idee: Wenn beispielsweise eine Else Krüger vom Karlsruher SC die viertbeste deutsche Weitspringerin war, dann wusste das in Karlsruhe bestimmt kein Mensch. Ich schrieb also an die Redaktion der dortigen Tageszeitung und teilte denen das mit der Anmerkung mit, Geld könne an Friedhelm Braumann, Wiemelhauserstraße in Bochum, überwiesen werden. Ein Bankkonto hatte ich nicht. Ich schrieb fleißig Briefe an alle möglichen Zeitungen und teilte ihnen mit, auf welchen Plätzen die örtlichen Spitzenathleten standen und das wurde tatsächlich veröffentlicht. Pro Veröffentlichung gab es zwischen zwei und fünf Mark Honorar, das im Briefumschlag oder als Postscheck eintraf. Bald kaufte ich eine Schreibmaschine, die ich dann drei Jahre abzahlte.

Von dieser Sache erzählte ich Löhlein und der fand das gut. „Du hast sehr gute Ideen. Ich glaube, du wärst ein guter Journalist. Geh doch einfach mal zum Bochumer Anzeiger und sag, du möchtest mitarbeiten.“

Berufswunsch Fremdenlegionär: In kurzer Hose marschierte ich 1952 in ein Rekrutierungsbüro der französischen Fremdenlegion im tunesischen Kairouan. Dem Koporal war ich zum Glück zu jung und zu schmächtig.


Ohne Abitur zum „stern“

Mein erster Kontakt zur Welt der Medien hieß Erna und war äußerst beeindruckend. Sie war die Redaktionssekretärin des „Bochumer Anzeigers“ und eine sehr attraktive Frau um die 60, für damalige Verhältnisse auffallend geschminkt. Und sie rauchte, was ebenfalls ungewöhnlich war. Erna saß gleich hinter der Tür, an die ich geklopft hatte.

„Guten Tag, ich möchte fragen, ob ich hier mitarbeiten könnte.“

„Tja, da müssen wir mal sehen, ob Herr Schulte da ist.“

Erna, auf deren Tisch eines der drei Telefone stand, über die die Redaktion verfügte, rief bei Redaktionschef Schulte an. Dieser saß zwei Zimmer weiter und war der dickste Mann, den ich bis dahin gesehen hatte.Witzig war, dass dieser nette Typ das kleinste Auto fuhr, was in Westdeutschland auf dem Markt war: den sogenannten Leukoplastbomber Lloyd. Wenn Schulte einstieg, ging das Auto auf der linken Seite erst einmal mächtig runter.

Schulte hörte mich also an und fragte dann: „Was ist denn Ihr Spezialgebiet, wofür haben Sie besonderes Interesse?“

„Sport.“

„Da gehen wir mal zu Hänschen.“

Sportredakteur Hänschen Gräwe war alles andere als begeistert. Er hatte sehr viel zu tun, denn der Sportteil wurde weitgehend von Amateuren gemacht, die über ihre Vereine berichteten. Aufgabe von Gräwe war es, daraus Tabellen zusammenzubauen. Da ich nun aber in der Tür stand, bekam ich einen Auftrag.

„Am Wochenende finden die Hallenhandball-Bezirksmeisterschaften in der Radrennbahn statt. An diesen nehmen sechzehn Mannschaften teil, Schluss ist am Sonntag, 17 Uhr. Ich möchte, dass du mir um 18 Uhr sechzehn Zeilen ablieferst.“

Ich bekam einen Zettel, auf dem stand, dass ich die Meisterschaften für den Bochumer Anzeiger verfolge, und wurde damit in die offene Rennbahn eingelassen. Das ganze Wochenende schaute ich mir alle Spiele an und lieferte nach dem Endspiel pünktlich meinen Text ab, den ich auf der Schreibmaschine getippt hatte. Gräwe schaute sich das an: „Junge, du hast ja wirklich sechzehn Zeilen abgeliefert. Du kannst bleiben. Du kommst am Donnerstag und dann sprechen wir über das nächste Wochenende. Und dann gebe ich dir einen Auftrag.“

Diesen Gesinnungswandel Gräwes hatte ich dadurch hervorgerufen, dass ich genau die gewünschte Zeilenzahl geliefert hatte. Ich habe später als Chefredakteur nie erlebt, dass ein Mensch, den ich um 100 Zeilen gebeten hatte, mit unter 130 Zeilen angekommen wäre. Ich habe mein Leben lang, bei der „Neuen Revue“, bei „Quick“, „Natur“, „Globo“, „Geo“ und dem „ADAC-Reisemagazin“, Texte gekürzt.

Posieren vor dem populärsten Sportler Deutschlands: Max Schmeling, zwischen 1930 und 1932 Boxweltmeister im Schwergewicht, war für uns junge Sportreporter der „BILD“ ein Idol.


Die nächsten zwei, drei Monate schrieb ich jedes Wochenende über ein Fußballspiel. Hänschen Gräwe fand meine Schreibe gut, lediglich beim ersten Beitrag hatte er etwas zu beanstanden. Er deutete auf eine Zeile mit meinem Namen. „Friedhelm Braumann“ stand da.

„Was soll das denn?“

„Das ist mein Name. Ich heiße so.“

„Das ist doch kein Name für einen Sportreporter. Du heißt jetzt Randolph.“

Bei diesem Namen blieb es. Für jeden Artikel bekam ich vier Mark. Nach dem Abzug der Kosten für die Straßenbahn blieben mir 2,80 Mark. Vor allem aber machte mir diese Arbeit als Sportreporter Spaß. Das ist dein Leben, sagte ich mir. Du musst Journalist werden.

Und ich hatte Glück. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung begann zu diesem Zeitpunkt mit ihrer großen Expansion, an deren Ende der WAZ-Konzern stehen sollte. Auch der Bochumer Anzeiger wurde gekauft und ich bekam Kontakt zum sogenannten Hauptsport. Der wurde von Wilhelm Herbert Koch geleitet, der bereits in der Nazizeit eine Rolle gespielt hatte. Im Ruhrgebiet war er populär, weil er eine Kolumne erfunden hatte, die auch heute noch jeder kennt, obwohl es sie schon seit Jahren nicht mehr gibt. Diese war im Ruhrgebietsjargon geschrieben. Das ist kein Dialekt, sondern etwas Einzigartiges; entstanden durch das Zusammenleben so vieler Nationen im Ruhrgebiet und dass man versuchte, alles so einfach wie möglich zu formulieren. Der erste Satz der Kolumne war immer gleich und hieß: „Anton, sacht der Czerwinski für mich.“ Jeder Zweite hieß ja Czerwinski, Maschinski, Gabinski, weil die Hälfte der Bevölkerung polnischer Abstammung war. Und dann kamen Geschichten wie: „Gehsse auch mit die Strümpfe im Bett?“

Wilhelm Herbert Koch fragte mich eines Tages, ob ich nicht Lust hätte, zu ihm in den Hauptsport zu kommen.

„Das wär doch was für dich.“

„Sie meinen, richtig fest angestellt?“

„Ja, natürlich. Du musst allerdings zwei Jahre als Volontär arbeiten. Kriegst nicht viel Geld, aber da musst du durch, wenn du Journalist werden willst.“

Ich sagte zu und kündigte sofort bei Dr. C. Otto & Co. Das Entsetzen meiner Eltern war kaum zu beschreiben. Die hatten mich schon im weißen Kittel gesehen. Mir war aber längst klar gewesen, dass es mit einem Lebenszeitjob in der Kokerei nichts werden würde, weil ich nie die Abschlussprüfung bestanden hätte.

Mein Lehrbetrieb stellte mir eine Beurteilung aus. Im letzten Satz stand: „Herr Braumann hat seine Ausbildung in unserem Haus abgebrochen, um, seiner besonderen Neigung folgend, die journalistische Laufbahn zu ergreifen. Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.“

Frohgemut marschierte ich in das Verlagshaus und ging in den Hauptsport. Wilhelm Herbert Koch freute sich, mich zu sehen. „Schön, dass du da bist. Du musst jetzt noch schnell zu Herrn Dujardin, dem Personalchef, um die technischen Sachen klarzumachen. Das ist aber kein Problem.“ Es gab aber ein Problem. Und nicht einmal ein kleines.

„Schule?“

„Jakob-Meier-Realschule.“

„Was ist denn das?“

„Das ist eine Mittelschule.“

„Wo haben Sie Abitur gemacht?

„Abitur habe ich nicht.“

„Abitur haben Sie nicht? Das geht doch gar nicht. Abitur ist Voraussetzung. Sie können ohne Abitur kein Volontariat machen.“

„Ich habe kein Abitur.“

„Da müssen wir gar nicht weiter miteinander reden, dann ist das Thema erledigt. Das tut mir furchtbar leid, aber da gehen Sie mal wieder in Ihre Lehre zurück.“

Völlig niedergeschlagen fand ich mich auf dem Gang wieder. Was sollte nun werden? Bei Dr. C. Otto & Co hatte ich gekündigt. Ich schlich mich zum Hauptsport, um mich von Wilhelm Herbert Koch zu verabschieden. Der schaute mich erstaunt an.

„Was ist denn los?“

„Das war‘s jetzt. Der hat mich nach dem Abitur gefragt und das habe ich nicht.“

„Das darf ja wohl nicht wahr sein.“

Koch fing an zu schimpfen, beorderte mich auf einen Stuhl und verschwand in Richtung Personalverwaltung. Nach zehn Minuten war er wieder da und reichte mir die Hand: „Alles klar, mein Junge.“

Ich hatte das entscheidende Hindernis genommen und war Volontär. In meiner weiteren journalistischen Laufbahn hat mich nie wieder jemand nach dem Abitur oder irgendeinem Abschluss gefragt. Es zählten nur noch die Geschichten, die ich vorzuweisen hatte. Hätte sich damals aber der Personalchef durchgesetzt, wäre ich wohl doch zur Fremdenlegion gegangen und würde heute in einem Legionärs-Altenheim in Frankreich leben.

Kaum hatte ich den Volontärsvertrag, meldete sich der dicke Schulte. Er fände es besser, wenn der junge Mann nicht gleich in den Hauptsport gehe, sondern den Job von der Pike auf lerne, das heißt in der Lokalredaktion Bochum. Dort blieb ich zwei Jahre und verbrachte eigentlich den ganzen Tag in der Redaktion. Neben dem Schreiben kleiner Beiträge bestand meine Aufgabe darin, die Redaktion mit Alkohol zu versorgen. Unmittelbar neben der Redaktion gab es einen Schnapsladen und gegenüber lag die Brauerei. Abends ging ich in die Mettage und half, die Seiten zusammenzubauen. Dabei habe ich sehr viel gelernt, das Überkopflesen beispielsweise. Dieses Bleisystem war wunderbar. Da hat man gesagt: „Was, drei Zeilen zu lang? Lass mal eben gucken. Nimmst du hier eine Zeile weg. Und in dem Absatz kannst du auch kürzen. Hack ab.“

Das Verhältnis zu den Metteuren war gut, obwohl sie mir das letzte Geld aus der Tasche gezogen haben. Die Metteure waren Arbeiter und wir Journalisten waren was Edleres. Da wurde nicht gesagt, der kleine Kerl hat ja überhaupt noch kein Geld, sondern: „Egon, merkst du dat nicht auch, dat ist ja trocken hier.“ Und da sagte ich, ist in Ordnung, habe Bier geholt und dann haben sie gearbeitet.

Meine erste Geschichte war die Verabschiedung einer Studienrätin im Ratskeller „in den wohlverdienten Ruhestand“. Seitdem weiß ich, dass ein Ruhestand grundsätzlich ein wohlverdienter ist. Es gibt den Ruhestand in keiner deutschsprachigen Zeitung ohne das Adjektiv „wohlverdient“. Die zweite Geschichte führte mich in eine Straße der Bergarbeitersiedlung, die Stoodtstraße. Ich schrieb über einen Mann, der fünfzig Jahre unter Tage gearbeitet hatte. In dieser Zeit lernte ich meine spätere Frau kennen, Tochter eines polnischen Bergmanns, und um Dorothea etwas bieten zu können, arbeitete ich erst recht Tag und Nacht, am Wochenende zusätzlich für den Hauptsport. Die Themen konnte ich mir teilweise aussuchen. So schlug ich beispielsweise vor, über die in Belgien stattfindenden Kanu-Europameisterschaften zu berichten.

Nach zwei Jahren wurde ich zum Jungredakteur befördert. Die Bochumer Redaktion wollte mich gern behalten, aber ich wollte nicht länger den Essenholer spielen. Ich teilte der Zentrale in Essen mit, dass ich gern eine andere Lokalredaktion kennenlernen möchte und man schickte mich nach Duisburg. Damit war meine Existenz abgesichert, ich konnte bei meinen Eltern ausziehen und Dorothea heiraten. Wir zogen in die Einliegerwohnung eines gerade fertiggewordenen Eigenheims. Das Haus gehörte dem Ehemann von Dorotheas älterer Schwester und war vom Reichsbund der Kriegsversehrten errichtet worden. Von dort fuhr ich jeden Morgen ganz früh mit dem ersten Bummelzug die 60 Kilometer nach Duisburg. Trotzdem schaffte ich es nicht, ganz pünktlich in der Redaktion einzutreffen. Ich konnte mich noch so sehr beeilen, fünf Minuten kam ich jedes Mal zu spät. Der Lokalchef schaute, wenn ich die Tür öffnete, immer langsam von seinem Schreibtisch auf eine Uhr, die über der Tür hing. „Ach ja, guten Morgen.“ Ein Jahr ging das so, dann habe ich ihm die Sache mit dem Zug erklärt. Er schaute mich verwundert an: „Habe ich Ihnen jemals einen Vorwurf gemacht?“

Mir war klar, dass ich das tägliche Pendeln nicht lange durchhalten würde. Deswegen bemühte ich mich um ein kleine Wohnung in einem Hochhaus in Y-Form, das in Duisburg gerade fertig wurde. Um eine Wohnung zu erhalten, wurde ein Baukostenzuschuss von 3000 Mark gefordert. Ich setzte mich mit dem Personalchef in Verbindung und fragte, ob ich einen Baukostenzuschuss bekommen könne. Der teilte mir mit: „Nein, grundsätzlich nicht.“ Der Traum von der eigenen Wohnung zerplatzte. Aber am selben Tag rief mich ein Mensch aus Essen an, den ich auf dem Fußballplatz kennengelernt hatte: Hans Hornbach.

Er war der Chef der westdeutschen Ausgabe der damals gerade gegründeten „BILD“-Zeitung. „Hättest du nicht Lust, zu uns zu kommen?“, fragte er. Spontan wollte ich Nein sagen. Denn seltsamerweise hatte diese Zeitung von Anfang an, obwohl es ein harmloses Blättchen war, einen schlechten Ruf. Ernst genommen wurden damals nur die klassischen Lokalzeitungen. Ich dachte, wenn du bei „BILD“ anfängst, kannst du das niemandem in deinem Bekannten- und Freundeskreis sagen. Andererseits fühlte ich mich von meinem Arbeitgeber schlecht behandelt. Und hier bot sich eine Chance.

Ich sagte Hornbach also zu. Ich wurde in die „BILD“-Zentrale nach Hamburg zu einem Gespräch gebeten. Auf die Reeperbahn musste ich nicht – ich kannte Hamburg schon, weil ich in der Hauptsportzeit über die deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathletik in Kiel geschrieben und am Sonntagmorgen einen Ausflug nach Hamburg gemacht hatte. Ich konzentrierte mich also auf den Springerverlag, der in einem gerade fertiggewordenen hufeisenförmigen Haus saß. Der Sportchef war mir sofort sympathisch. Er war ein paar Jahre älter als ich, war noch Flakhelfer gewesen und ein aktiver Speerwerfer. Ali Flohr schien von mir auch angetan: „Wollen Sie nicht nach Hamburg kommen? Wir brauchen noch Leute.“ Die Sportredaktion bestand aus vier Männern: Werner Pietsch aus Leipzig, Jürgen Juckel aus Hamburg, Alfred Flohr und Jo Skolik aus Schlesien, der immer sagte, dass er die Polen hasste, weil die ihn verprügelt hatten.

Mein Schreibtisch bei „BILD“. Mit schwarzen Fingern und der frischen Zeitung zogen wir auf die Reeperbahn an unseren Stammtisch in der Washingtonbar“. Die Stimmung war immer sehr gut.


„Nach Hamburg?“, fragte ich entsetzt. Ich war zwar ein Typ, der permanent unterwegs sein wollte, aber aus Bochum wegziehen? Wo doch alle meine Verwandten in Bochum hängengeblieben waren? Das wollte ich erst einmal mit Dorothea besprechen. Die war ebenfalls entgeistert: „Wieso hast du nicht sofort Ja gesagt?“ Meine Frau wollte so schnell wie möglich von der westfälischen Sippe weg, und diese beschimpfte meine polnischstämmige Gattin und versuchte, mich mit ihren Krallen festzuhalten.

Wir flüchteten also nach Hamburg. Damals konnte ich schon einiges vorweisen, beispielsweise Berichte von Europameisterschaften. Dies wusste man in der Chefredaktion der „BILD“. „Was wollen Sie denn verdienen?“, fragte mich der Chefredakteur. Als Jungredakteur bekam ich 438 Mark. Dass das Leben in Hamburg teurer werden würde als in Bochum, war mir klar. Auf die Gefahr hin, rauszufliegen, erklärte ich mutig: „Naja, 600, 700 Mark.“ Der Chefredakteur schlug mir 900 Mark vor und erklärte, dass sie mir auch eine Wohnung besorgen würden. Tatsächlich wurden mir dann drei Angebote gemacht und ich zog mit Dorothea in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Klinkerneubau an der Alster ein.

Die Stimmung in der Redaktion war sehr gut. Wir haben hervorragend zusammengearbeitet, auch mit den Freien, die an den Wochenenden einschwebten. Am Sonntagabend gingen wir nach Redaktionsschluss in die Mettage und holten den Andruck. Mit schwarzen Fingern und der frischen Zeitung zogen wir auf die Reeperbahn an unseren Stammtisch in der „Washingtonbar“, wo Freddy Quinn seine ersten Auftritte hatte.

Es war eine schöne Zeit. Ich berichtete von internationalen Radsportereignissen, auch von den Olympischen Spielen in Rom. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich nicht mein Leben lang Sportredakteur bleiben konnte. Ausschlaggebend waren diese 50 und 60 Jahre alten Sportredakteure, die schon in der Weimarer Republik tätig gewesen waren und 17-jährige Schwimmerinnen interviewten. Das kam mir komisch vor und ich nahm mir vor, spätestens zu meinem 30. Geburtstag neue journalistische Herausforderungen gefunden zu haben.

Auf einer alkoholgeschwängerten Weihnachtsfeier kam der Schlussakkord von ganz allein. Durch einen später nicht mehr nachvollziehbaren Fehlgriff flog plötzlich meine Schreibmaschine als Wurfgeschoss durch den Raum. Ein Erlebnis, das der damalige Verlagsleiter und spätere Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags, Peter Tamm, nicht vergessen konnte. Ich erstattete die Reparaturkosten und wechselte nach fünf schönen Jahren bei „BILD“ zum „Rheinischen Merkur“ nach Köln. Für die Wochenzeitung hatte ich zuvor schon ab und zu Geschichten geschrieben. Beispielsweise über Urlauber auf den Nordfriesischen Inseln. Ich kam in das Auslandsressort und hatte alle Freiheiten, die man sich als Journalist wünschen konnte. Nur eine Prämisse war einzuhalten: Es durfte nichts kosten. Das war aber kein Problem, denn viele unabhängig gewordene afrikanische Länder luden Journalisten zu Reisen ein. Es gab ständig Freiflüge und ich bin in einem Teil der Welt herumgeflogen und habe Reportagen gemacht. Die Bilder dazu lieferten Illustrierten-Fotografen, die ihre Aufnahmen an Zeitungen verkauften.

Einer dieser Fotografen, Thomas Höpker, machte die „stern“-Redaktion auf mich aufmerksam. Es gebe beim „Rheinischen Merkur“ einen Redakteur, der schreibe auffallend gute Reportagen. Als Beispiel zeigte er einen Bericht über eine Himalaya-Expedition. „Guckt euch den mal an.“ Der Chef des Auslandsressorts, Egon Vacek, zeigte sich angetan und rief mich an: Ob ich Lust hätte, nach Hamburg zu kommen und mir mal den „stern“ anzusehen? Das habe ich dann neun Jahre lang getan.

Vierzig Millionen
für Dr. med. Schumann

Die Meldung, die am 4. November 1966 aus dem Ticker lief, alarmierte die „stern“-Nachrichtenredaktion. Das höchste Berufungsgericht von Ghana hatte einstimmig entschieden, dass der frühere KZ-Arzt Dr. Horst Schumann, Jahrgang 1906, an die Bundesrepublik Deutschland auszuliefern ist. Damit war ein monatelanges Ringen zu Ende gegangen. Denn nicht nur die Westdeutschen waren an dem Fall interessiert, sondern auch die DDR. Bis dahin waren zwei Auslieferungsanträge abgelehnt worden. Schumann galt als Schützling des ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah. Er war inzwischen auch Staatsbürger Ghanas. Aber der Präsident war Anfang des Jahres gestürzt worden und eine der ersten Aktionen der neuen Regierung war die Verhaftung des Arztes gewesen.

Der Fall Schumann sollte mein erster großer Auftrag für den „stern” werden, bei dem ich im Oktober als Reporter angefangen hatte. Und wie immer in meiner weiteren Laufbahn spielten Kontakte eine wichtige Rolle.

Die tägliche Redaktionskonferenz war der Höhepunkt im Alltag der Illustrierten. Alle, die etwas zu sagen hatten oder glaubten, etwas sagen zu müssen, versammelten sich. Der Leiter der Nachrichtenredaktion trug die wichtigsten Informationen des Tages vor. Die Chefredaktion entschied dann, ob wir etwas unternehmen oder nicht.

An diesem Tag kam der Nachrichtenchef mit dieser Meldung aus Ghana und erläuterte, dass dieser Dr. Schumann einer der großen Verbrecher des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten gewesen sei.

Ich hatte zuvor noch nie etwas von einem KZ-Arzt Dr. Schumann gehört, wusste aber, dass es Konzentrationslager gegeben hatte und dass es dort nicht besonders freundlich zugegangen war. Über das Euthanasieprogramm wusste ich dagegen mehr, denn ich hatte den Krieg in einem katholischen Dorf verbracht, dessen Bischof als einziger in Deutschland öffentlich gegen das Euthanasieprogramm protestiert hatte: Das war Bischof Clemens August Graf von Galen, der „Löwe von Münster”. Aber Einzelheiten kannte ich nicht. Mit Geschichte und Politik hatte ich mich zuvor kaum beschäftigt. Das Hinterfragen der NS-Vergangenheit setzte erst mit der Studentenbewegung 1966/67 ein.

Die Chefredaktion war an diesem Dr. med. Schumann interessiert, aber man wusste nicht so recht, wie die Geschichte anzupacken war. Überdies war lediglich bekannt, dass er ausgeliefert werden sollte, aber nicht, zu welchem Zeitpunkt. Unklar war auch, wie es überhaupt in Ghana aussah. Im Januar war Kwame Nkrumah, einer der großen afrikanischen Staatsführer der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit, gestürzt worden. Dieser hatte die Auslieferung Dr. Schumanns, der als Urwalddoktor arbeitete, nicht zugelassen, obwohl die Bundesrepublik als Gegenleistung 40 Millionen DM an zusätzlicher Entwicklungshilfe angeboten hatte. Sein Nachfolger, Kofi Abrefa Busia, dachte offenbar anders über die Sache. Er hatte großes Interesse an diesen zusätzlichen 40 Millionen DM und Dr. Schumann war für ihn ersetzbar.

In der Konferenz in Hamburg wurde das alles diskutiert. Auch dass in Ghana noch immer das britische Justizsystem galt, nach dem es für Journalisten verboten sei, ins Gefängnis zu gehen, um Interviews zu führen.

„Kann man da überhaupt etwas tun?”, fragte Nannen. Da meldete ich mich und sagte: „Ich bin mit dem Oberstaatsanwalt von Ghana bekannt.”

In der Runde wurden es totenstill. Bitte? Der kennt den Oberstaatsanwalt? Ich war damals erst 31 Jahre alt, hatte aber das Glück gehabt, für den „Rheinischen Merkur” außenpolitische Reportagen schreiben zu können. Zwar war das Gehalt niedrig, dafür aber waren die Freiheiten für einen Reporter groß. Die Redaktion saß damals in Köln und alles, was an Einladungen aus den Botschaften in Bonn und Köln eintraf, landete bei mir auf dem Schreibtisch. Mir war es überlassen, ob ich zu einem Empfang gehe oder nicht. Und bei einem dieser Treffen in Bonn hatte ich einen Menschen kennengelernt, der sich als Oberstaatsanwalt von Ghana vorstellte und mit dem ich mich später in Köln auf ein Gespräch traf.

Die Regierung der Bundesrepublik hofierte damals sehr die unabhängig gewordenen afrikanischen Länder. Das hing vor allem damit zusammen, dass man fürchtete, diese könnten die DDR diplomatisch anerkennen. Wenn afrikanische Regierungen Journalisten einluden, um von ihren Aufbauleistungen zu berichten, fand sich immer ein Weg für mich, hinfliegen zu können. So war ich drei- oder viermal an der Elfenbeinküste gewesen. Dort hatte ich mich mit dem Presseattaché angefreundet, einem Franzosen – in dieser Zeit waren noch viele Beamte Angehörige der ehemaligen Kolonialmacht. Zu dem habe ich eines Tages gesagt: „Lass uns mal nach Accra fahren. Ich kenne da den Oberstaatsanwalt.” Und so sind wir von Abidjan in die Hauptstadt von Ghana gefahren, haben den Oberstaatsanwalt besucht und gemeinsam zu Abend gegessen.

In der „stern”-Redaktion war man begeistert. Chefredakteur Nannen schaute mich an.

„Trauen Sie sich das zu? Wie wollen Sie vorgehen?”

Ich stotterte herum: „Das weiß ich noch nicht. Ich kann auch nicht garantieren, dass das klappt und ich wirklich an Dr. Schumann rankomme. Ich muss einfach vor Ort sein und schauen, was sich ergibt.”

Langsam kam ich in Fahrt und legte meine Vorgehensweise vor: „Als Erstes müssen Außen- und Justizministerium kontaktiert werden um zu erfahren, wann Dr. Schumann abgeschoben werden soll. Dann werden gewiss Beamte vom Bundeskriminalamt nach Ghana fliegen, um ihn abzuholen.”

Es stellte sich heraus, dass der Termin bereits Mitte November, also binnen einer Woche war. Am nächsten Morgen flogen der Fotograf Michael Friedel und ich nach Ghana. Wir haben die Botschaft kontaktiert und mit dem Presseattaché gesprochen. Dann sind wir zu meinem Oberstaatsanwalt gefahren. Der freute sich riesig, mich zu sehen. Ich erläuterte ihm unser Anliegen.

„Ja, aber ins Gefängnis dürfen Sie nach unserem Rechtssystem nicht. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie erst mit dem neuen Ministerpräsidenten sprechen.”

Diesen Vorschlag griff ich gern auf. Es war immer gut, bei Recherchen ganz oben in der Hierarchie anzufangen. Hatte man die Chefs für sich gewonnen, lief alles andere auch. Überdies wirkte die Visitenkarte des „stern”, der damals eine Auflage von wöchentlich zwei Millionen Exemplaren hatte, als verlässlicher Türöffner.

Ich bekam sofort einen Termin beim Ministerpräsidenten. Im Interview ging es ausschließlich um politische Fragen. Erst hinterher fragte ich nahezu beiläufig nach Dr. Schumann und ob man diesen nicht vielleicht besuchen könnte. Kofi Abrefa Busia war einverstanden und wies den Oberstaatsanwalt an, das zu regeln. Der wiederum rief den deutschen Botschafter an, der mitteilte, in zwei, drei Tagen kämen Kriminalbeamte, um Dr. Schumann aus dem Ussher Fort Prison abzuholen und nach Deutschland zu bringen.

Jetzt ging es darum, den exakten Zeitpunkt herauszubekommen, zu dem Schumann abgeholt werden sollte, und kurz davor diese Kriminalbeamten kennenzulernen. Mein Ziel war es, nicht nur über den Abtransport des Arztes zu berichten, sondern mit ihm zu sprechen. Die deutsche Botschaft in Ghana war durch das Auswärtige Amt vorgewarnt und der Botschafter sagte klipp und klar, es bestünde keine Chance, ins Gefängnis zu kommen. Noch abweisender verhielt sich der Presseattaché. Aber das kannte ich von anderen afrikanischen Ländern. In den meisten Fällen half die Botschaft nicht, sondern versuchte eher, Dinge zu verhindern. Die Diplomaten hatten Angst, dass es Schwierigkeiten geben würde, die sie im Nachhinein ausbaden mussten. Und damit hatten sie aus ihrer Sicht durchaus recht.

Mit Hilfe des Oberstaatsanwalts erfuhren wir die Details, auch die von der Botschaft ausgearbeiteten Pläne für den Rückflug. Wir konnten also die Tickets so buchen, dass wir immer im selben Flieger sitzen würden wie Schumann. Mit Ghana-Airways sollte es nach Lagos in Nigeria gehen und weiter mit der Lufthansa nach Frankfurt am Main.

Pünktlich fanden wir uns am 22. November vor dem Gefängnis ein. Das befand sich in einem alten Fort, das die Holländer Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet hatten. Wir lernten die beiden Kriminalbeamten aus Deutschland kennen und stellten uns vor. Der eine kam mir sehr bekannt vor. „Sie haben doch mal geboxt?”, fragte ich ihn. Der nickte. „Und Sie waren sogar mal Meister im Halbschwergewicht.” Das Nicken wurde noch freundlicher. „Sie sind ein bekannter Mann.” Das hat ihm geschmeichelt. Wir waren in den Kreis aufgenommen und hatten die erste Hürde gemeistert. Ohne das Wohlwollen der Beamten hätten wir nichts erreichen können.

Zusammen mit dem Oberstaatsanwalt und den Kriminalbeamten sind Michael Friedel und ich in das Gefängnis marschiert, in dem Dr. Schumann seit acht Monaten in einer Zelle saß. Zuvor hatte man uns genau instruiert, was fotografiert werden darf und was nicht. Streng verboten war es, in der Zelle Aufnahmen zu machen. Es war schnell klar, warum. Die Zustände in diesem afrikanischen Gefängnis waren schrecklich, davon sollte nichts nach außen dringen.

Es herrschte eine Temperatur von 40 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Im Trakt war es dunkel. Es gab keine Fenster nach außen und die Zellen waren zum Gang hin vergittert. Es war wie in einem Zoo, nur dass hinter den Metallstäben keine Tiere hockten, sondern Häftlinge.

Die Wärter steuerten auf eine Zelle zu, in der vier Leute saßen: drei Schwarze und Herr Schumann. Der spielte gerade mit einem der Männer Schach. Prompt entfuhr einem dieser deutschen Beamten der Satz: „Herr Dr. Schumann, das Spiel ist aus.” Der kippte seinen König um und sagte: „Ja, ist in Ordnung.” Einer der Beamten fragte ganz höflich, ob er auf Handschellen verzichten könne. Schumann, ein weißhaariger, schmaler, unglaublich charmant wirkender, vornehmer Herr, gezeichnet von acht Monaten Gefängnis, nickte. Er werde keinen Ärger machen.

„Wissen Sie, ich habe damit gerechnet, dass ich abgeschoben werde. Und ich bin froh, endlich aus dieser Kloake rauszukommen.”

Er verabschiedete sich von den anderen Häftlingen mit Handschlag. Die Männer fingen bitterlich an zu weinen. Auch Dr. Schumann hatte Tränen in den Augen. Immerhin hatten sie lange Zeit zusammen in dieser kleinen Zelle verbracht und wahrscheinlich hatte er ihnen als Arzt geholfen.

Die Abschiebung von Schumann wurde ganz britisch abgewickelt. Aus einem kleinen Köfferchen wurden die wenigen Sachen herausgeholt, die er bei seiner Verhaftung dabeigehabt hatte. Das durfte Michael Friedel fotografieren. Auch wie sich Schumann einen Schlips umband. Vom Gefängnis fuhren wir direkt zum Flughafen. Dort stiegen wir in eine kleine, zweimotorige DC3 und waren nach einer halben Stunde in Lagos, wo uns zehn Polizisten erwarteten. Diese begleiteten uns zum Flughafengebäude, in dem wir warten mussten, bis die Lufthansa-Maschine startbereit war.

Bis dahin hatte ich mit Dr. Schumann kein Wort sprechen können. Als es jetzt daran ging, die Transitformulare auszufüllen, sah er mir über die Schultern und las, was ich als Beruf eintrug. „Tja”, sagte er, „das ist Schicksal.”

Mir war sofort klar, woran er dachte. Der Auslöser dafür, dass Schumann sich jetzt in dieser Situation befand, war ein Artikel in der Wochenzeitung „Christ und Welt” gewesen. In diesem war der Arzt als zweiter Albert Schweitzer gefeiert worden, weil er im Grenzgebiet von Sudan, Kongo und Französisch-Äquatorialafrika eine Leprakolonie leitete und „an manchen Tagen fünf, an manchen Tagen sieben Stunden” operierte. Durch diesen Beitrag wurden das „Comité International des Camps” und die deutsche Staatsanwaltschaft auf den Mann aufmerksam. Dr. Schumann musste fliehen und gelangte über Nigeria nach Ghana. Hier wurde er erneut von Reportern, diesmal vom „Daily Express”, entdeckt.

Schumann wusste jetzt also, dass ich kein Kriminalbeamter war, sondern ebenfalls ein Journalist.

In der Maschine schaffte ich es, zusammen mit dem Fotografen in eine Reihe mit den Kriminalbeamten und ihrem Gefangenen zu kommen. Damals gab es noch keine vorgeschriebenen Sitzplätze und die Flugzeuge waren auch nicht ausgebucht. Ich schaute immer mal zu Dr. Schumann rüber und lächelte ihn ein bisschen an. Er lächelte zurück. Als nach dem Abendessen die Kabine abgedunkelt wurde, fragte Dr. Schumann den Boxer, ob er sich nicht zu dem jungen Mann – er meinte mich – setzen und ein wenig mit ihm plaudern könne. An Flucht sei in dem Flugzeug ja ohnehin nicht zu denken. Der Beamte war einverstanden. Und so tauschten Dr. Schumann und der Fotograf ihre Plätze.

Dr. Schumann fing an, mir aus seinem Leben zu erzählen. Anfangs habe ich viele Dinge nicht kapiert. Schließlich hatte ich bis dahin geglaubt, dass die Kriegsverbrecher unmittelbar nach Kriegsende verhaftet und in den Nürnberger Prozessen und den nachfolgenden Verhandlungen verurteilt worden waren. Dieser KZ-Mann aber war 1945 als Truppenarzt an der Westfront in amerikanische Gefangenschaft geraten, im Oktober entlassen worden und hatte in Gladbeck im Ruhrgebiet zunächst als Sportarzt für die Stadt gearbeitet und später eine Stelle als Knappschaftsarzt erhalten. In dieser Position hätte er wahrscheinlich als anerkannter Arzt in Pension gehen können, wenn er nicht auf die Idee gekommen wäre, seinen Jagdschein zu erneuern. Dafür benötigte er ein polizeiliches Führungszeugnis. Und dabei kam heraus, dass in seiner Heimatstadt Halle an der Saale, die in der sowjetischen Zone lag, ein Haftbefehl wegen der Euthanasieverbrechen gegen ihn vorlag. Kurz vor seiner Verhaftung wurde Schumann durch einen Justizbeamten gewarnt und konnte sich nach Japan absetzen. Dort erfuhr er, dass im Sudan Ärzte gesucht wurden, und er ging als Urwalddoktor in den Südsudan. Das alles wusste ich aus den wenigen Unterlagen, die ich über Dr. Schumann im „stern”-Archiv gefunden hatte.

Aus dem Südsudan sei er geflüchtet, als zwischen dem Norden und dem Süden das Landes ein Krieg ausbrach, erzählte mir Dr. Schumann. In Ghana sei er sofort vom Gesundheitsministerium angestellt worden. Zuletzt war er Distriktsarzt in Kete Krachi in der Volta-Region im Osten des Landes.

Schumann bestätigte mir, dass letztlich immer einer an der jeweiligen deutschen Botschaft gewusst haben musste, wo er sich gerade aufhielt. Im Generalkonsulat im japanischen Osaka-Kobe hat er einen Pass beantragt und erhalten, im Sudan und später in Ghana musste er diesen verlängern lassen. Wenigstens einem Botschaftsmitarbeiter war immer klar, dass sich hier ein in Deutschland gesuchter Massenmörder versteckte.

Und ich saß nun neben diesem Mann, der mir ganz offen sagte: „Ja, es stimmt, ich war am Euthanasieprogramm auf dem Sonnenstein im sächsischen Pirna und im württembergischen Grafeneck beteiligt.” Er hatte zuvor vor dem Gericht in Accra, das über seine Auslieferung zu entscheiden hatte, zugegeben, während des Zweiten Weltkriegs die Tötung von 80.000 bis 120.000 geisteskranken Menschen überwacht zu haben. Das stand auch in der Agenturmeldung vom 4. November 1966.

„Was wollen Sie eigentlich über mich schreiben?”, fragte Schumann. „Meine Eindrücke, die ich beim Gespräch mit Ihnen gewinne”, antwortete ich.

„Was Sie da in diesen Konzentrationslagern gemacht haben, waren ja keine feine Sachen.”

„Nein, das waren keine feinen Sachen. Das mit der Euthanasieanklage, das ist richtig. Ich war der verantwortliche Mann in Grafeneck. Röntgen-Sterilisierungen habe ich auch gemacht, in Auschwitz ... Das war schlimm, was wir gemacht haben.”

Was dort durch Schumann und seine Mitarbeiter geschah, war von einer heute unvorstellbaren Brutalität. Es war gut, dass ich damals relativ wenig von dem wusste, was später bei dem Prozess gegen den Arzt herauskam. Dieser charmante Herr Dr. Schumann hatte erst Debile umbringen lassen, sonderte später arbeitsunfähige KZ-Insassen für die „Gasdusche” aus und hat dann Menschen mit Röntgenstrahlen sterilisiert. SS-Chef Heinrich Himmler habe eine billige Methode für Massenkastrationen rassisch minderwertiger Häftlinge gesucht und diese Versuchsreihen angeordnet, erzählte er mir im Flugzeug. Bei Männern seien die Hoden bestrahlt worden, bei Frauen die Eierstöcke. Wegen der hohen Röntgendosis habe das zu schrecklichen Verbrennungen und in der Regel zum Tod dieser Versuchspersonen geführt.

Es war schier unglaublich, was dieser Mann da trocken erzählte. Und wenn ich ihn ansah, saß da ein sanfter, außerordentlich sympathisch wirkender Opa, der Urwalddoktor, der 20 Jahre zuvor in Luftwaffen-Uniform als KZ-Arzt Tausende Menschen qualvoll verrecken ließ. Darunter auch einige Hundert jüdische Mädchen aus Griechenland.

Er muss sich besonders geschickt angestellt haben und hat das wie Josef Mengele, der Lagerarzt von Auschwitz, als Chance für seine wissenschaftliche Karriere gesehen. Da war keinerlei Gefühl der Menschlichkeit mehr, wenn er 14- bis 18-jährige jüdische Mädchen sterilisierte.

„Wissen Sie, ich habe diese Verbrennungen nie gesehen. Es hat Kontrolloperationen gegeben, an diesen habe ich aber nie teilgenommen.”

„Was geschah denn bei diesen Kontrolloperationen?” – „Nun, die Keimdrüsen mussten herausgeschnitten werden, damit man untersuchen konnte, ob die Röntgenbestrahlung erfolgreich gewesen war. Also, ob die Keimdrüsen durch die Bestrahlung wirklich unfruchtbar geworden waren. Das war in Block 10 in Auschwitz und geschah natürlich ohne Narkose. Dort liefen diese Versuchsreihen mit den griechischen Mädchen und mit Zigeunerkindern. Die armen Menschen.”

Schumann hat das streng wissenschaftlich gesehen. Er fühlte sich als Arzt im Dienst der Wissenschaft. Und für den überzeugten Nationalsozialisten waren Juden und Zigeuner keine Menschen. Es gab durchaus die Anordnungen aus Berlin, aber er hat sie gern und mit Eifer umgesetzt. Seine Erklärung war ganz einfach: Er konnte sich der Sache nicht entziehen und es steckte eine aus seiner Sicht vernünftige Idee dahinter. Sicher, es seien Menschen umgekommen, aber gleichzeitig starben auch Zehntausende an der Front.

Ich gab mir große Mühe, nicht nach dem Motto „Das ist ja schrecklich!“ über ihn herzufallen, und ließ ihn erzählen. Ich habe ihn auch nicht pathetisch nach dem hippokratischen Eid gefragt, aber schon, wie es dazu gekommen ist, dass er als Arzt diesen Drecksjob machen musste.

Dr. Schumann erzählte, dass er 1930 in die NSDAP eingetreten und die nationalsozialistische Idee sein Leben gewesen sei. Und selbstverständlich seien alle Direktiven, die aus Berlin vom Führer oder vom Reichsführer der SS gekommen seien, Befehle gewesen, die er zu befolgen hatte. Eigentlich habe er Pilot werden wollen, erzählte Schumann. Aber er habe sich als Luftwaffen-Oberleutnant die Hand gebrochen und dann sei diese erste Aufforderung aus der Reichskanzlei an ihn als besonders fähigen Mediziner gekommen, in Grafeneck die von Hitler angeordnete Aktion „Gnadentod” umzusetzen. Als „unheilbar krank” geltende Deutsche sollten umgebracht werden. Wie später die Staatsanwaltschaft ermittelte, waren unter Verantwortung Dr. Schumanns in Grafeneck seit 1940/41 829 und später in Sonnenstein 13 720 Geisteskranke ermordet worden.

Auch von seiner Familie erzählte er. Von seiner ersten Frau hatte er sich 1943 scheiden lassen. Die zweite war Krankenschwester in Pirna gewesen und wusste also ganz genau, was für Verbrechen da stattgefunden hatten. Sie war Schumann nach Afrika gefolgt, hatte es dort aber nicht ausgehalten. Sie lebt jetzt unter einem anderen Namen in einer deutschen Großstadt.

Schumann fragte mich, ob ich Grüße an sie übermitteln könnte, denn er werde wohl lebenslänglich zu Zuchthaus verurteilt. Ich musste ihm versprechen, die Adresse nicht journalistisch zu verwenden und er gab mir die Anschrift der Frau in Berlin.

Zwei Stunden hat er im Flugzeug erzählt, dann wurde er müde und schlief ein. Die Maschine kam frühmorgens in Frankfurt am Main an. Ich sagte ihm, dass heute in Deutschland Buß- und Bettag sei, damals ein bundesweiter Feiertag. Er sagte daraufhin etwas pathetisch: „Am Bußtag kehre ich nach Deutschland zurück. Das ist ja sehr symbolkräftig. Ich weiß, ich kriege lebenslänglich.”

Auf dem Flugfeld wartete eine Schar von mindestens 50 Fotografen. Ich stieg neben Dr. Schumann die Gangway herunter. Das sah so aus, als wäre ich einer der Kriminalbeamten. Es war auch kein Journalist da, der mich kannte. Ich flog noch am selben Vormittag von Frankfurt nach Berlin, um mit Schumanns Frau zu sprechen. Die lebte mit den beiden Söhnen in einer Schrebergartenkolonie. Ich richtete die Grüße aus und bekam ein paar Informationen über das gemeinsame Leben in Afrika. Sie war schon 1965 nach Deutschland zurückgekehrt.

Anschließend fuhr ich zurück nach Hamburg und habe die Geschichte geschrieben.

Was mich noch heute beschäftigt: Dieser Mann war einer der ganz großen schrecklichen Mörder der Nazis. Aber wenn ich heute Fotos von damals sehe, dann sieht der Herr aus wie ein Nobelpreisträger für Medizin oder Literatur.

Ich halte es für möglich, dass Schumann auf seiner Flucht bewusst nach Afrika ging, um als Urwalddoktor etwas von dem wiedergutzumachen, was er während des Nationalsozialismus Menschen angetan hatte. Er hätte sich ja auch, wie viele andere Kriegsverbrecher, unter einem anderen Namen nach Südamerika absetzen können. Aber er blieb Dr. Horst Schumann und lebte quasi auf Abruf. Jederzeit hätte einem Auslieferungsantrag stattgegeben werden können.

Ohne Zweifel hat er den Menschen im Südsudan und in Ghana sehr geholfen. Urwalddoktoren wurden von den Afrikanern bewundert, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass jemand freiwillig aus gesicherten europäischen Verhältnissen zu ihnen kommt, um zu helfen. Dass er auf die Menschen wie ein Homo sympathico wirken konnte, das ist mir im Gefängnis in Ghana klar geworden, als wir ihn abholten und seine Zellengenossen in Tränen ausbrachen. Vielleicht wäre aus Schumann ohne den Nationalsozialismus ein guter Arzt geworden; so aber wurde er zu einem der schlimmsten Verbrecher – allerdings zu einem, der im Gegensatz zu Josef Mengele in Vergessenheit geraten ist.

Bei dem Gespräch in der Nacht im Flugzeug hatte ich aber nicht den Eindruck, dass ihm die Tragweite seiner Euthanasietätigkeit und auch der Zustände in den Konzentrationslagern richtig bewusst gewesen ist.

Die erfolgreiche Geschichte über Schumann hat meine weitere Zeit beim „stern” positiv beeinflusst. Obwohl es auch in diesem Fall eine hitzige Diskussion in der Redaktionskonferenz gegeben hatte. Der „stern” war damals zwar in der Führungsebene mit lauter ehemaligen NSDAP-Mitgliedern besetzt, steuerte aber auf einen linken Liberalismus zu. Ich erinnere mich noch an die Frage des berühmten Erich Kuby, Autor und Filmemacher, ob wir denn einen NS-Massenmörder so menschlich darstellen könnten. Es war diese klassische Frage. „Ja”, sagte ich, „denn es lässt sich nicht bestreiten, dass das ein Mensch war.” Später hat Marcel Reich-Ranicki auf eine derartige Frage ähnlich geantwortet: Natürlich sei Hitler ein Mensch gewesen und kein Elefant.

In der „stern”-Redaktion fand die Mehrheit der Kollegen die Geschichte gut. Es sei richtig zu zeigen, wie normal diese Typen nach außen hin waren, obwohl sie für die Ermordung von mindestens 30.000 Menschen verantwortlich sind.

Übrigens hatte sich Dr. Schumann in den westdeutschen Justizbehörden gründlich geirrt. Zwar saß er vier Jahre in der hessischen Strafvollzugsanstalt Butzbach in Untersuchungshaft, das vor dem Landgericht Frankfurt im September 1970 eröffnete Verfahren gegen ihn wurde aber schon sieben Monate später eingestellt. Der frühere KZ-Arzt galt wegen seines ständig extrem hohen Blutdrucks als verhandlungsunfähig. Im Juli 1972 wurde er endgültig entlassen und lebte bis zu seinem Tod 1983 unbehelligt in Frankfurt.

Das hatte durchaus System. Auch Gerhard Bohne, Leiter der „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten” und als Chef der Aktion „T 4“ zur Liquidation von Geisteskranken Vorgesetzter von Schumann, wurde 1968 für verhandlungsunfähig erklärt.

Atombombensuche im ewigen Eis

Am 21. Januar 1968 kam es in Grönland zu einem atomaren Zwischenfall. „Broken Arrow“ hieß das US-Codewort dafür. Und dieser „gebrochene Pfeil“ löste weltweit in den Redaktionen der großen Nachrichtenmagazine hektische Betriebsamkeit aus. Schnell war bekannt, dass eine achtstrahlige B 52 des strategischen Bomberkommandos der US-Air Force in der Nähe der amerikanischen Air Base Thule mit vier Wasserstoffbomben an Bord abgestürzt sei. Die Nähe zum Stützpunkt deutete darauf hin, dass der Pilot noch eine Notlandung versucht hatte. Diese riesigen Maschinen waren damals nahezu ununterbrochen in der Luft, wurden sogar während des Fliegens aufgetankt.

In der Redaktion des „stern“ wurde die Entscheidung gefällt: Wir müssen da hin. Als Reporter wurden der Fotograf Fred Ihrt und ich ausgewählt. Allerdings teilte mir der Presseattaché der amerikanischen Botschaft in Bonn, zu dem ich gute Beziehungen pflegte, gleich mit, dass die Angelegenheit vom Pentagon restriktiv behandelt werde. Es dürften zwar Journalisten an die Absturzstelle fliegen, aber nur eine begrenzte Anzahl: 20 aus den Vereinigten Staaten und 20 aus Europa. Als große und angesehene Zeitschrift habe der „stern“ zwar gute Chancen, einen Platz zu bekommen, aber keinesfalls zwei. Nein, sagte mir der Presseattaché, er könne da auch nichts zu meinen Gunsten drehen. Es bestünde keine Chance und zuständig sei auch nicht er, sondern der Presseattaché in Kopenhagen.

Damit war für mich die Sache eigentlich gelaufen. Ich bin trotzdem am nächsten Tag mit dem Fotografen nach Kopenhagen geflogen. Von hier aus sollte die Maschine mit den Journalisten nach Grönland, was damals noch dänische Kolonie war, starten. Der dortige Presseattaché bestätigte mir noch mal, was der Mann in Bonn schon gesagt hatte; der Platz für den Fotografen sei sicher, aber für mich bestünde keine Chance. Wir spazierten durch die Stadt und kauften für Fred Ihrt Winterkleidung ein. Schließlich sollte es in die nördlichste Inuit-Siedlung gehen, die nur 200 Kilometer südwestlich des Nordpols liegt.

Für „stern“-Fotografen Fred Irth (re.) war mein Verhalten ein grober Verstoß gegen Freundschaft und Kollegialität. Aber mir war wichtig: Ich hatte die Story.


Ich beschloss, Fred Ihrt noch zum Flughafen zu bringen. Ein wenig neidisch schaute ich mir dort die Truppe an, die nach Grönland fliegen würde: Paris Match war vertreten, Helmut Sorge vom „Spiegel“, Journalisten der großen britischen Blätter Sunday Times, Sunday Telegraf, Guardian, der italienischen Epoca, wohl auch der eine und andere Holländer und Skandinavier sowie Vertreter der großen Agenturen. Vor allem waren es Fotografen, denn die Bilder von der Absturzstelle waren für die Redaktionen das Wichtigste. Mit diesen konnten sie ihren Lesern anschaulich erklären, was in Grönland passiert war. Und dann ereignete sich etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Der amerikanische Presseattaché kam zu mir und sagte: „Randy, we got one more place, if yo want to fly with us ...“ In mir jubelte alles. Ich konnte mitfliegen! Nur, ich stand da im Übergangsmantel. In Kopenhagen herrschten zwar auch minus zehn Grad, aber das war ganz erträglich. Als ich den Mann auf meine dünne Kleidung aufmerksam machte, winkte der nur ab und deutete auf die in Winterpelze gekleideten Kollegen. Das spiele überhaupt keine Rolle. Wir würden alle in Thule sofort neu eingekleidet.

Plötzlich war ich also an Bord der Maschine, hatte keinerlei Gepäck dabei und dankte dem Himmel. Das war etwas ganz Tolles, mitten im Winter nach Grönland fliegen zu können. Nur wegen der Bekleidung hatte ich doch leichte Bauchschmerzen. Und es wurden dann nach der Landung auch dramatische 200 oder 300 Meter, die ich vom Flugzeug bis zur Empfangshalle zurücklegen musste. Wir wurden in Baracken der Air Base gebracht. Diese liegt romantisch von Bergen umgeben. Aber das sah ich erst später, als die Fotos von Fred Ihrt vorlagen. Denn nur in der Langzeitbelichtung des Fotografen war das Gebirge zu sehen. In Thule war es 23 Stunden am Tag völlig dunkel und nur eine Stunde war es etwas grau. Allerdings war es im Lager der Amerikaner hell. Und überall standen Autos mit laufenden Motoren und aufgeblendeten Scheinwerfern.

Die Baracken waren modern ausgestattet. Man kam erst in eine Schleuse mit ganz erträglichen Temperaturen. Im Wohnbereich war es dann so warm, dass man hätte nackt herumlaufen können. Wie versprochen wurden wir eingekleidet, bekamen dick gefütterte Stiefel, Hosen, Jacken, auch eine Gesichtsmaske gehörte zur Ausrüstung. Kurz darauf wurde eine Pressekonferenz angesetzt, denn die ganze Welt wollte endlich wissen, was los ist.

Wie erfuhren Folgendes: Bei einem B 52-Langstreckenbomber seien aufgrund elektronischer Probleme mehrere Triebwerke ausgefallen und der Pilot habe sich daher zu einer Notlandung entschlossen. Als er aber die Maschine nicht mehr kontrollieren konnte, habe er der Besatzung den Befehl zum Aussteigen gegeben. Sieben der acht Männer seien ein paar Kilometer von der Basis einigermaßen heil auf dem Boden angekommen, einer sei umgekommen. Das Flugzeug selbst sei auf das fünf bis sieben Meter dicke Eis aufgeschlagen. Es habe eine gewaltige Explosion gegeben, das Eis sei dabei geschmolzen und die Maschine samt vier Wasserstoffbomben tausend Meter tief ins Meer gesackt. Das Ganze habe sich innerhalb einer knappen Minute abgespielt.

Die Amerikaner versicherten uns, dass auch künftig nichts passieren könne, da die Bomben nicht gezündet seien. Anschließend sei das Eis über der Absturzstelle wieder zugefroren. „Es liegen vier Bomben bei Thule“ titelte der „stern“ später.

Man erklärte uns auch, dass die Restbestände an Trümmern von Spezialisten in Schutzkleidung eingesammelt würden. Wegen der extremen Kälte und möglicher Plutoniumstrahlung dürfe ein Einsatz nicht länger als maximal zwanzig Minuten dauern. Deswegen waren ständig Helikopter unterwegs, die die Leute abholten und neue zu ihrem Einsatz brachten. Auch uns Journalisten boten die Amerikaner einen Helikopterflug an. Allerdings sei man so in Anspruch genommen, dass nur eine einzige Maschinen für einen Flug für insgesamt fünf Presseleute zur Verfügung stehe. Und es würde auch bei dem einen Flug bleiben, da es am nächsten Tag zu einem Wetterumschwung und Eissturm kommen und man dann gar nicht mehr fliegen würde.

Wir wurden gebeten, vier Pools zu bilden und zu entscheiden, welche Fotografen fliegen würden. Der fünfte Platz sollte unter den übrigen 36 ausgelost werden. Für Europa wurden Paris Match und Fred Ihrt vom „stern“ ausgewählt, die anderen beiden Plätze bekamen die Amerikaner. Dann erhielten wir übrigen eine Nummer. Plötzlich kam Helmut Sorge auf mich zu: „Ihr ‚stern‘-Leute habt doch schon einen an Bord, können wir nicht vereinbaren, dass du mir deinen Platz abgibst, wenn du gewinnst?“

Ich sagte: „Ja, das könnten wir machen.“

Die Verlosung fand statt und zum ersten und letzten Mal in meinem Leben gewann ich bei einer Lotterie. Ich hatte tatsächlich den übrig gebliebenen fünften Platz. Helmut Sorge stürzte auf mich zu und umarmte mich: „Da habe ich ja Glück gehabt und ich danke dir!“ Meine nächsten Sätze holten ihn allerdings gleich auf die arktische Erde zurück: „Das weiß ich jetzt nicht, ob ich dir das Ding gebe.“ Der „Spiegel“-Mann, aber auch mein Fotograf standen verdattert da. Wieso, das sei doch so verabredet gewesen. Ich hätte doch sozusagen mein Ehrenwort gegeben, Sorge den Platz abzutreten. „Weißt du“, meinte ich, „das ist in meinem Leben die einzige Chance, im Winter in Grönland auf das Eis zu kommen, wo eine Maschine mit vier Wasserstoffbomben durchgesackt ist.“ Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte mich entschieden, ich würde den Platz behalten.

Dieser Entschluss hatte mehrere Folgen. Der „stern“ war als einziges Nachrichtenblatt mit zwei Leuten an Bord. Fotograf Fred Ihrt, der wesentlich älter als ich und für mich eine Art Vaterfigur war, stellte sich für den Rest seines Lebens bei jeder Begegnung mit mir theatralisch mit dem Rücken an die Wand und sagte, geh du erst vorbei. Denn es sei viel zu gefährlich, in der Nähe eines Typen zu sein, der offenbar auch die eigene Großmutter umbringen würde, um an eine Story zu kommen.

Für ihn, der im Krieg gekämpft hatte, war mein Verhalten ein grober Verstoß gegen Freundschaft und Kollegialität. Für ihn musste man ein gegebenes Wort halten. Und Helmut Sorge hat nie wieder ein Wort mit mir gewechselt. Es herrschte fortan tiefe Feindschaft, wofür ich Verständnis habe. Es gab damals eine harte Konkurrenz zwischen „Spiegel“ und „stern“ und er wusste nicht, wie er seinen Leuten erklären sollte, dass ihm ein Besuch der Absturzstelle verwehrt geblieben ist, während der „stern“ mit zwei Leuten vor Ort gewesen war.

Helmut Sorge war wirklich am Boden zerstört. Er hat dann im „Spiegel“ eine verlogene Geschichte veröffentlicht, wie er sich mit dem Hundeschlitten zur Absturzstelle durchgekämpft hat. Die war vielleicht sogar spannender als meine, nur dass sie eben nicht der Wahrheit entsprach. Sorge hatte sich lediglich bei den Eskimos einen Schlitten und Hunde gemietet und sich fotografieren lassen. Auf das getürkte Material fiel auch der „DDR-Augenzeuge“, eine Dokumentarfilmreihe, herein, der in seinem Bericht über den Absturz eines US-Bombers in der Polarsternbucht als Fremdmaterial den Zeitungsausschnitt „Mit Hundeschlitten auf der Spur nach den Wasserstoffbomben“ einbaute.

Aber ich saß wirklich in diesem Helikopter und flog zur Unfallstelle. Und es hat sich gelohnt. In der totalen Dunkelheit Grönlands sahen wir plötzlich eine schier unglaubliche Szenerie. Die Amerikaner hatten Leitungen verlegt und große Kerosinlampen leuchteten die gesamte Fläche aus, auf der das Flugzeug explodiert war. Eine Anzahl von Männern war dabei, mit einer Art von Staubsaugern die herumliegenden Trümmerstückchen aufzusammeln. Die Bruchstücke waren bis zu zwei Meter tief in das Eis eingeschmolzen. Ich sah mir das an und war sehr froh, zu den wenigen Leuten zu gehören, die das zu sehen bekamen. Nach 20 Minuten wurden wir wieder zurückgeflogen. Jetzt hieß es, das Material so schnell wie möglich in die Redaktionen zu bringen.

Unmittelbar nach der Landung unseres Helikopters erfuhren wir, dass eine halbe Stunde später eine Maschine nach Kopenhagen fliegt. Diese könne aber nur Material mitnehmen. Diese Chance nutzten natürlich die Fotografen. Die Bilder waren viel wichtiger als die Geschichten. Die hätte man in Hamburg auch aus Agenturmaterial machen können, wobei es aber für eine Zeitschrift schöner ist, schreiben zu können, die eigenen Leute sind dabei gewesen. Fred Ihrt gab jedenfalls seine Filme mit einigen schnell geschrieben Notizen ab. Mir riet er, alles in Bewegung zu setzen, damit ich meine Geschichte schnell nach Hamburg kabeln könne. Satellitenverbindungen gab es ja damals noch keine, nur eine Telefonverbindung nach Labrador in Kanada. Es meldete sich ganz leise eine Dame, die mich auf meinen Wunsch, mit Hamburg in Germany zu sprechen, erst einmal mit New York verband. Von dort landete das Gespräch in einer Zentrale in Frankfurt am Main und wurde schließlich in die „stern“-Redaktion nach Hamburg umgeleitet. Ich schrie der Sekretärin meine Geschichte durch und war anschließend völlig glücklich. Und dann kam ein Eissturm, der uns für Tage in die Baracken verbannte.

Abenteuerlich war auch die Rückreise nach Europa. Nach dem Ende des Eissturms wurde uns angeboten, mit einer Maschine der US-Air Force in die USA zu fliegen. Einige der Journalisten wollten lieber auf einen Flieger nach Kopenhagen warten, aber ich kletterte mit Fred Ihrt und weiteren Reportern über eine Steigleiter in den achtstrahligen Boeing-Militärtransporter. Da man uns die Arktiskleidung wieder abgenommen hatte, fror ich prompt mit den Händen an der eisigen Leiter an und riss mir Hautfetzen ab. In der Maschine war es genauso kalt wie draußen, da die Ladeklappen offenstanden. Ich erlebte das, was ich bis dahin nur aus Landser-Heften über den Russlandfeldzug und Stalingrad gelesen hatte: 20 Journalisten kauerten sich ganz eng zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Schließlich war alles verladen, die Klappen gingen zu und die Maschine startete. Gleichzeitig fuhr die Heizung hoch und innerhalb weniger Minuten wurde es kochend heiß. Bis auf einen Schützenpanzer war der ganze Frachtraum leer. Wir saßen an den Wänden auf Bänken wie in den Filmen die Fallschirmjäger, bevor sie an die Luke geführt werden, um rauszuspringen. Eine Toilette gab es nicht, nur ganz hinten ein paar Rohre zum Reinpinkeln.

Nach einer Zwischenlandung in Neufundland, wo wir an Bord blieben, landeten wir auf einem Luftwaffenstützpunkt in Newark im Bundesstaat New Jersey, etwa 30 Kilometer südlich der Stadt New York. Bis dahin hatte ich über Passangelegenheiten nicht nachgedacht, jetzt aber wurde das zu einem Problem. Fred Ihrt hatte einen Pass mit amerikanischem Visum, ich einen Pass ohne amerikanisches Visum. Mir wurde mitgeteilt, ich dürfte gar nicht hier sein. Geduldig fing ich an, den Behörden zu erklären, dass ich von der US Base Thule käme, Journalist sei, über den Bomberabsturz geschrieben hätte und nur nach Europa zurückwolle.

Tja, hieß es, man müsse mich sofort zum internationalen Flughafen bringen und die bundesdeutsche Botschaft informieren: Ich würde abgeschoben. Das war ein Erlebnis. Bis dahin war mein Bild von den Amerikanern als Befreier 1945 positiv geprägt gewesen, durch diese Aktion hat es sich verändert. Nicht, dass ich schlecht behandelt wurde, aber ich wurde abgeschoben. Seitdem weiß ich, dass die amerikanische Bürokratie jede andere Bürokratie in der Welt übertrifft. Man brachte mich mit einem Miliärfahrzeug zum internationalen Flughafen. Dort empfing mich der deutsche Presseattaché mit der Frage: „Was haben Sie denn gemacht?“ Dann wurde ich in die nächste Lufthansa-Maschine nach Europa gesetzt. Als ich wieder in der „stern“-Redaktion erschien, war unser Beitrag, mehrere Seiten lang und mit vielen Fotos versehen, längst erschienen. Und, was damals äußerst wichtig war, eine Woche früher als die Geschichte im „Spiegel“.

Übrigens habe ich lange geglaubt, dass die vier Wasserstoffbomben noch immer im Meer schlummern, wie uns damals die amerikanischen Militärs versichert haben. Gewundert hatte mich nur, dass die amerikanischen Soldaten und die dänischen Spezialisten, die da mehrfach zur Absturzstelle geflogen worden waren, ziemlich unzeitgemäß verstarben. Es musste also doch sehr gefährlich gewesen sein. Im Internet kann man jetzt nachlesen, dass die Amerikaner 57 Millionen Liter radioaktiv verseuchten Schnee in versiegelten Spezialcontainern abtransportiert haben. Und aus einem in US-Archiven entdeckten Schreiben von General Edward B. Giller an die US-Atomenergiekommission ist die Rede davon, dass das Flugzeugwrack und drei der Bomben beziehungsweise Bruchstücke von ihnen gefunden wurden. Was aus der vierten Wasserstoffbombe – jener mit der Nummer 78252 – wurde, darüber gehen die Meinungen auseinander. Im August 2000 berichtete die dänische Zeitung „Jyllands Posten“, diese Bombe würde noch immer im Meer liegen. Prompt dementierte das ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, alle vier Bomben seien durch das Feuer zerstört worden. Uns wurde damals gesagt, sie seien alle mit dem Wrack versunken.

Die Rache des
Bundespräsidenten Lübke

„Allah, das ist Deutschland“ – unter dieser Schlagzeile berichtete der „stern“ über die letzte Auslandsreise des Bundespräsidenten Heinrich Lübke 1968. Mit dem bundesdeutschen Staatsoberhaupt waren auch Fotograf Fred Ihrt und ich unterwegs, mit dem klaren Auftrag festzuhalten, wie Lübke Gastgeber und Protokoll zur Verzweiflung bringen würde. Und davon sollte es auch diesmal wieder genug geben.

Während seiner Amtszeit war der Sauerländer Heinrich Lübke ununterbrochen Gegenstand der kabarettistischen Belustigung. Es ging so weit, dass die Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit Dieter Hildebrand nicht mehr im Fernsehen auftreten durfte, weil der Bayerische Rundfunk befürchtete, dass der Bundespräsident in diesen Sendungen beleidigt würde. Und je mehr Lübke in Deutschland Hohn und Spott ausgesetzt war, desto mehr schien er ins Ausland zu flüchten.

Trotzdem frage ich mich heute noch, warum haben wir Heinrich Lübke, Präsident der Bundesrepublik Deutschland, so unbarmherzig verfolgt? Er hatte uns Journalisten nichts getan. Er hatte auch dem deutschen Volk nie etwas Böses angetan. Und bei den Staatsbesuchen im Ausland, von denen es eine ganze Menge gab, ist er ausgesprochen gut angekommen. Jedenfalls haben mir Afrikaner oft gesagt, was für ein sympathischer Mann doch dieser ältere Herr mit den weißen Haaren sei. Andererseits wussten wir Journalisten, dass bei seinen Reden immer etwas Seltsames passierte.

Die Kampagne der deutschen Medien gegen Lübke ging bereits mit seiner Wahl zum Bundespräsidenten 1959 los. Er war bis dahin für Landwirtschaft und Ernährung zuständig und galt als einer der einfältigsten Minister in der Regierung. Bundespräsidentenkandidat wurde er nur, weil Konrad Adenauer, der eigentlich für diesen Posten vorgesehen war, sich plötzlich weigerte. Adenauer war klar geworden, wie nutzlos und politisch unbedeutend dieses Amt war.

Die CDU, die Lübke loswerden wollte, sagte, gut, dann wird er also Präsidentschaftskandidat. Ich kann mich noch an Zeitungsüberschriften erinnern: „Ausgerechnet Lübke!“ Es herrschte unter den Kollegen eine allgemeine Fassungslosigkeit, wie man auf die Idee kommen konnte, ausgerechnet diesen Menschen zu nominieren. Zumal Lübke gegen den populären Intellektuellen Carlo Schmitt antrat, den die SPD präsentierte – damals gab es tatsächlich noch richtig spannende Wahlen.

Was Lübke in den Augen vieler, auch in meinen, verdächtig machte, war, dass er Sauerländer und überdies in einer einklassigen Dorfschule großgeworden war. Sauerländer gelten im Westen als Hinterwäldler. Jeder Westfale erkennt den Sauerländer an seiner Sprache. Er kann nicht einfach „sch“ sagen, sondern spricht beispielsweise Schule als „Sch-chule“ aus. Die größte Stadt des Sauerlandes ist Meschede, da sagt der Sauerländer „Mesch-chede“, die Maschine ist die „Masch-chine“. Es kommt dann noch dazu, dass er kein „G“ wie Gustav sagt, sondern wie ein Holländer spricht: Er geht nicht, sondern er cheht.Letztlich wurde aber Lübke gewählt, weil die Koalitionsparteien CDU, FDP und der damals in der Regierung vertretene Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) eine Mehrheit hatten. Und er wurde 1964 sogar noch einmal wiedergewählt. Dagegen wehrte sich der Leiter des Präsidialbüros. Er sprach etwas aus, was wir in den Redaktionen auch schon diskutiert und geahnt hatten: Heinrich Lübke war schwer krank. Er litt unter Sprechstörungen und Gedächtnisverlust. Aber das wollte niemand hören. Der Büroleiter wurde als Botschafter nach Rom abgeschoben und Lübke sogar von der SPD gewählt. Zuvor hatte es ein legendäres Gespräch zwischen ihm und dem alten Kommunisten Herbert Wehner gegeben, dessen Inhalt eine Frage war: „Wenn wir jetzt mit in die Regierung einsteigen, werden Sie als Bundespräsident doch nichts dagegen haben?“ Natürlich hatte Lübke „nichts dachegen“. So liefen die Spiele in der Bonner Republik.

Lübke hat in seiner Amtszeit reihenweise Staatsbesuche gemacht. Er war beinahe ununterbrochen auf fernsten Kontinenten unterwegs und hat von den Philippinen bis Tschad jedes unabhängige Land besucht. Als ich 1966 zum „stern“ kam, waren seine Sprechweisheiten schon legendär. So nannte er beispielsweise bei einer Japanreise die Millionenstadt Osaka mehrfach in öffentlichen Reden Okasa. So hieß aber ein sehr populäres Potenzmittel. Die Frau des Staatsspräsidenten von Madagaskar, Justine Tsiranana, sprach er mit Frau Tananarive an. So hieß die Hauptstadt. In Liberia begann er 1962 seine Begrüßungsansprache mit den Worten: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger.“ Das ist alles bezeugt. „Neger“ war damals noch kein Schimpfwort, aber Lübke hat schon einen Unterschied zwischen Negern und anderen Menschen gemacht.

Ich selbst erlebte Lübke beim Abschiedsempfang in Tunesien. Protokollgemäß hatte diesen die deutsche Botschaft organisiert. Eine tunesische Kapelle intonierte zu Ehren des hohen Gastes das Deutschlandlied. Die arabische Instrumentierung gab der ehrwürdigen Melodie Haydns einen orientalisch-melancholischen Klang und die Gäste des Staatsbanketts im „Hotel Tunis“ blickten gerührt auf den netten weißhaarigen Präsidenten jenes Landes, das eine so schöne Nationalhymne hat. Bundespräsident Lübke aber blickte nicht gerührt, sondern böse. Plötzlich drehte er sich zu seinem Dolmetscher um: „Sagen Sie ihm, dass die Musik schlecht ist.“ Dabei deutete er mit dem Daumen zu Tunesiens Präsidenten Burgiba. Dolmetscher Nikolaus Merten zog ein weißes Tüchlein aus der Frackweste, tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn, straffte sich und wandte sich strahlend an Burgiba, der sich herüberneigte, weil er glaubte, Lübke hätte etwas Wichtiges gesagt: „Herr Präsident Lübke bemerkt zu Recht, dass die unterschiedliche Interpretation einer Hymne sehr reizvoll sein kann und dass ...“

„Sagen Sie ihm, die Musik spielt falsch.“ Bundespräsident Heinrich Lübke hat reihenweise Staatsbesuche absolviert. Mir gab er nur zögernd die Hand.


„Sagen Sie ihm, die Musik spielt falsch.“

„... Jawohl, also dass eine arabische Kapelle eine europäische Hymne ganz anders spielt, als es etwa eine deutsche Kapelle tun würde ...“

„Was erklären Sie eigentlich dauernd? Sagen Sie ihm, dass die Musik schlecht ist.“

Während er übersetzte, schrieb Dolmetscher Merten hektisch einen Zettel und reichte diesen dem ihm gegenüberstehenden Protokollchef: „Bitte sofort die Tafel auflösen.“ Der wusste, wie er auf den Hilferuf zu reagieren hatte. Schlimmeres war zu verhindern. Hans Schwarzmann setzte sein charmantestes Lächeln auf und sagte: „Herr Präsident, meine Damen und Herren, wir bedanken uns herzlich. Es war sehr angenehm in Tunesien.“

Es war immer wieder der Dolmetscher, der Aussagen von Lübke geradebiegen musste. Mitunter griff auch Wilhelmina Lübke ein, zehn Jahre älter als ihr Mann, ihm geistig weit überlegen und gut in Fremdsprachen. Sie schnitt kurzerhand dem Dolmetscher das Wort ab und übersetzte an seiner Stelle. So verhinderte sie gleich zu Beginn des Staatsbesuchs in Tunesien einen Fauxpas. Der Mercedes 600 mit dem Ehepaar Lübke, dem tunesischen Präsidenten Habib Burgiba und dem Dolmetscher rollte samt Ehreneskorte vom Flughafen Karthago zur Hauptstadt Tunis. Der Weg führte am Gefängnis vorbei, in dem die Franzosen den Freiheitskämpfer Burgiba 1935 bis 1937 eingekerkert hatten.

„Da drinnen habe ich in den 30er Jahren lange genug gesessen.“

„Verhaftet?“

„Ja.“

„Dann wird er es verdient haben.“

Hier griff der Dolmetscher ein und übersetzte:

„Das war wohl eine schwere menschliche Prüfung für Sie, Herr Präsident.“

Daraufhin hat sich dann Wilhelmina Lübke eingeschaltet: „Heinrich, lass das jetzt. Wir können hinterher darüber reden.“

Als ihm der Präsident später in seinem Arbeitszimmer stolz Fotokopien jener Steckbriefe zeigte, mit denen die Franzosen in den 30er Jahren die tunesischen Freiheitskämpfer gesucht hatten, war auf einer Burgiba zu sehen. Dieser wurde wegen Landfriedensbruchs, Anstiftung zum Aufruhr und zum Rassenhass gesucht. Lübke, am Abend zuvor in Burgibas Bankettrede als „soldat de la liberté“ (Kämpfer für die Freiheit) gefeiert, fand in den Porträts der tunesischen Nationalhelden einen völlig neuen Aspekt: „Die sehen ja aus, als wenn man sie aus dem Keller gezogen hätte.“

Der Kerl hat sich mit seinen 74 Jahren aufgeführt wie ein störrisches Kind. Er wollte immer seine Meinung zum Ausdruck bringen. Mehrfach forderte er Schwarze auf, sich regelmäßig zu „wasch-chen“. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass er die dunkle Hautfarbe darauf zurückführte, dass da irgendwie zu wenig Seifenweißer zugeführt worden war. Das Protokoll hat verzweifelt versucht, ihn irgendwie zu leiten. Er bekam Sprechzettel mit ganz großer Schrift. Er konnte auch schlecht sehen. Aber er ist dann immer vom Manuskript abgewichen.

Beim Ehrenempfang für das Diplomatische Korps in Tunis riet er dem Botschafter der Wüsten-Republik Niger mit vorgehaltenem Zeigefinger: „Sie habe ja in Ihrem Lande so wenig Wasser. Da müssen Sie mal in den Flussläufen bohren.“ Während sich der Bundespräsident dem nächsten Diplomaten zuwandte, flüsterte der Niger-Botschafter dem neben ihm stehenden schwedischen Vertreter zu: „Allah, ca c’est l’Allemagne! – Allah, das ist Deutschland!“

Einer anderen Episode verdanke ich meine langjährige Freundschaft mit dem Präsidenten Togos, Etienne Guassingbe Eyadema. Ich hatte ihn bei einer Recherche kennengelernt, wir waren fast gleichaltrig und einander sofort sympathisch. Gegen Eyadema führte Heinrich Lübke einen privaten Rachefeldzug. Er hielt den 31-jährigen General für den Mörder seines Freundes Sylvanus Olympio. Dieser war als erster Staatschef Afrikas einem Putsch seiner Soldaten zum Opfer gefallen.

Olympio hatte etwas, was Lübke sehr angenehm empfunden hatte: Er sprach nicht nur ausgezeichnet Portugiesisch, Französisch, Englisch und Ewe, sondern auch Deutsch. Das brachte ihm die tiefe Freundschaft Heinrich Lübkes ein, der sich mit diesem Staatsmann wie mit kaum einem anderen Auslandsgast mühelos verständigen konnte. Als dieser Mann am 13. Januar 1963 vor der amerikanischen Botschaft getötet wurde, sann Lübke auf Rache. Den Initiatoren des Putsches sollte kein Deutscher mehr freundschaftlich die Hand drücken. Als dann Anfang 1966 der Staatsbesuch in Togo anstand, dachte sich der Bundespräsident etwas ganz Besonderes aus, um dem damaligen Oberbefehlshaber der Armee, Eyadema, nicht die Hand geben zu müssen. Auf dem Flug von Nigeria in die ehemalige deutsche Kolonie ließ er sich einen Verband um den rechten Unterarm legen und verkündete, sich diesen verstaucht zu haben. Man nahm ihm das auch ab und bei der offiziellen Begrüßung gab es nur ein gegenseitiges Kopfnicken. Enttäuscht waren einige Veteranen der früheren deutschen Schutztruppe, die dem deutschen Präsidenten gern die Hand gedrückt hätten.

Problematischer wurde es bei der großen Feier im Hafen, den die Deutschen bauten. Einige der Gäste, die nahe bei Lübke standen, begannen seine linke Hand zu drücken. Die war ja nicht verbunden. Auch Staatspräsident Nicolas Grunitzky gab Lübke die linke Hand und dann kamen alle Minister, und dann kam Eyadema. Da drehte sich Lübke um und steckte die linke Hand in die Jackentasche.

Die Togolesen empfanden das als anmaßend und beleidigend, schwiegen aber. Zwei Jahre später sollte Eyadema, der inzwischen Grunitzky gestürzt hatte und selbst Präsident geworden war, Deutschland besuchen. Noch immer war Heinrich Lübke Bundespräsident und sann auf Rache. Das hatte übrigens auch während eines Neujahrsempfangs der Botschafter des südafrikanischen Königreichs Lesotho, Kotsokoane, zu spüren bekommen, wie der „Spiegel“ damals genüsslich berichtete. „Mein alter Freund Olympio ist von Ihrem Präsidenten ums Leben gebracht worden.“ Der Botschafter zeigte sich fassungslos: „Nein, nein, das kann nicht sein. Mein Präsident lebt noch.“ Lübke korrigierte, er meine den Vorgänger. „Mein Präsident hat noch keinen Vorgänger, wir sind doch erst vor eineinhalb Jahren unabhängig geworden.“ Lübke soll den Einwand abgewiesen haben: „Ach was, das sind doch alles nur Ausflüchte.“

Vor Eyademas Staatsbesuch in der Bundesrepublik hatte ich ihm beim Bier die Sache mit der verbundenen Hand erzählt. Er konnte sich erinnern, dass ihm das aufgefallen war, aber was der Grund war, wusste er bis dahin nicht. Jetzt hielt er sich den Bauch vor Lachen. Dann heckten wir eine schöne Geschichte für den „stern“ aus. Wir waren ja dicke Freunde und jedes Mal, wenn ich in der Hauptstadt Lomé war, sei es auch nur für einen Tag, gingen wir ins Bayerische Bierhaus zum Essen. Bei offiziellen Terminen lud er mich mehrfach in den Präsidentenpalast ein. Es gibt Fotos, wie ich stramm im weißen Anzug neben ihm stehe, während ein ausländischer Botschafter seine Akkreditierung überreicht. Speziell erinnere ich mich an einen indischen Diplomaten. Der muss den Eindruck bekommen haben, in Togo gibt es wieder einen deutschen Gouverneur.

Im „stern“ erschien dann die Story „Der Streit um Lübkes Hand“. Und wie abgesprochen ließ die togolesische Regierung als Reaktion darauf dem Auswärtigen Amt mitteilen, dass ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen unvermeidlich sei, falls Lübke Präsident Eyadema noch einmal so brüskieren sollte.

Diese Drohung kam an. Als am 7. Mai 1968 Präsident Eyadema in Bonn eintraf, wurde er am Eingang der Villa Hammerschmidt von Bundespräsident Lübke mit Handschlag begrüßt. Nach dem Essen zu Ehren des Gastes wurde dieser demonstrativ zu einer zweiten, privaten Aussprache unter vier Augen für den kommenden Tag eingeladen – eine Ehre, die bis dahin noch keinem afrikanischen Bonn-Besucher widerfahren war. Eyadema sagte mir anschließend: „Der Artikel im ‚stern‘ hat die Luft gereinigt. Die deutsch-togolesischen Beziehungen sind jetzt besser als je zuvor.“

Wie kamen wir Journalisten nun an diese vielen kleinen Anekdoten beispielsweise aus Tunesien heran? Natürlich saßen wir nicht mit Lübke und dem tunesischen Präsidenten im Auto. Aber zumindest zwei aus der Journaille, Peter Koch vom „Spiegel“ und ich vom „stern“, saßen abends mit den Leuten vom Protokoll, vom Auswärtigen Amt und Außenminister Willy Brandt, dessen Kampfname „Weinbrand-Willy“ war, in der Hotelbar. Und dort erzählten alle völlig entnervt, was sich im Laufe des Tages so alles abgespielt hatte. Für alle Beteiligten war klar, dass über diese Peinlichkeiten nicht berichtet werden würde. Wir wollten auch Brandt nicht in Schwierigkeiten bringen, denn für vieles hätte allein er die Quelle sein können.

Als ich aber in Hamburg in der Redaktion saß und meine Geschichte schrieb, flossen mir diese Anekdoten automatisch in den Text. Und ich fand sie gut, als ich am Ende alles las. Mir war klar, dass das mein Chefredakteur toll finden würde. So war es auch. Kurz vor dem Druck klingelte plötzlich mein Telefon. Peter Koch vom „Spiegel“ war dran – es musste also Verräter bei uns gegeben haben – und beschimpfte mich heftig: „Du Sau, du hast die Sachen doch geschrieben. Jetzt bleibt mir gar nichts anderes übrig, als auch alles auszupacken.“ Er bezeichnete mich noch als einen außerordentlich unmoralischen Menschen. Mit Koch sollte sich auch nie wieder ein kollegiales Verhältnis einstellen, was später für mich tragische Folgen hatte. Denn Peter Koch war ausgerechnet zu einem Zeitpunkt Chefredakteur des „stern“ geworden, als ich einen Job suchte. Koch ist dann selbst ein Opfer der gefälschten Hitlertagebücher geworden. Von ihm stammt das berühmte Zitat, dass die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben werden müsse. Er starb schon 1989, gerade mal 50 Jahre alt.

Der Tunesienbesuch war die letzte Auslandsreise Lübkes. Im Oktober 1968 kündigte er aus Krankheitsgründen seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an. Das war ein paar Monate vor dem offiziellen Ende der Amtszeit. Uns Journalisten blieb nicht einmal dieses Triumphgefühl, wie es die Kollegen der „BILD“ genießen konnten, als sie Bundespräsident Christian Wulff zur Strecke gebracht hatten. Lübke tauchte einfach unter. Die erste Nachricht, die man wieder von ihm hörte, war die seines Todes. Er wurde auf dem Dorffriedhof von Enkhausen im Sauerland begraben. Heute ist die Erinnerung an ihn vergangen, aber er hat zehn Jahre die Bundesrepublik erheitert.

Randy fehlt auf der Liste –
Wie der BND und der MI6 um
Teilzeitspione werben

Der Job von Journalisten ist es, neugierig zu sein, zu recherchieren, Fragen zu stellen. Schon deswegen sind Menschen, die Derartiges tun, für jegliche Geheimdienste der Welt interessant. Potenziert wird das, wenn sie als Reporter durch die Welt jetten und sich gar mit fremden Präsidenten und Diktatoren treffen. So wurde auch ich eines Tages von einem Kollegen angesprochen. Es war zu Zeiten meiner Tätigkeit beim „Rheinischen Merkur“ in Köln, wo man sehr förmlich miteinander umging: „Herr Braumann, Sie sind doch häufiger in Afrika. Ich habe da gewisse Kontakte zum Bundesnachrichtendienst, die würden gern mit Ihnen zusammenarbeiten. Hätten Sie etwas dagegen, wenn einer der Herren mit Ihnen demnächst Kontakt aufnimmt?“

„Ja, darf er“, meinte ich großzügig. Einen richtigen deutschen Schlapphut wollte ich schon immer einmal kennenlernen.

Es meldete sich tatsächlich ein BND-Mitarbeiter und wir trafen uns in der Redaktion. Das Erste, was mir auffiel, war dessen seltsame Kleidung. Die war überhaupt nicht elegant, sondern eher schäbig. „Die müssen eine Kleiderordnung haben, nach der man besonders durchschnittlich aussehen sollte, um als Agent dieses Dienstes in der Öffentlichkeit zu erscheinen“, dachte ich mir. Überdies schien dieser Agent ein durch und durch spießiger Mensch zu sein. Noch dazu stellte er sich auf eine amateurhafte Weise vor: „Schmidt.“ Einige Minuten später erzählte er, er heiße eigentlich Lehmann. Aber beim Geheimdienst sei es so, dass man bei Kontakten außerhalb unter einem Tarnnamen auftrete.

Irgendwie kam ich mir veralbert vor. Dieser Schmidt-Lehmann entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von einem Geheimdienst. Das waren offenbar Amateure. „Nein, mit denen möchte ich nichts zu tun haben“, beschloss ich innerlich. Trotzdem ließ ich mich auf ein weiteres Treffen eine Woche später ein. Mein Agent wurde diesmal von einem Kollegen begleitet, der zog die gleiche Nummer ab: Er heiße eigentlich Meier, trete aber heute unter dem Namen Fleischer auf. Das reichte mir. Ich sagte den beiden Herren ab.

Ein paar Jahre später, ich war inzwischen Redakteur beim „stern“ in Hamburg, wurde der BND erneut vorstellig. Diesmal in Form eines Mannes, den ich vom „Rheinischen Merkur“ her kannte und von dem ich wusste, dass er ein Resident war, also ein festangesiedelter Agent des Bundesnachrichtendienstes. In Hamburg trat er als freier Journalist auf. „Herr Braumann, vielleicht wird es ja diesmal etwas mit uns. Sie sind jetzt für den „stern“ tätig und kommen viel mehr in der Welt herum und können uns viel mehr liefern, wie sieht es mit einer Zusammenarbeit aus?“, fragte er mich. Ich willigte erneut in ein Gespräch ein. Wir trafen uns in der Wohnung des Residenten.

„Wie sieht das eigentlich finanziell aus, wenn ich Ihnen Informationen verschaffe?“, fragte ich gleich. Schließlich war das eine Sache, die nichts mit Moral zu tun hatte, sondern allein mit Geld. Der Agent eierte rum. Gewiss, sie würden mich natürlich bezahlen, aber eine konkrete Summe könne er nicht nennen. Und wieder war das Auftreten eines BND-Mitarbeiters ausgesprochen amateurhaft. Dazu kam, dass ich inzwischen wusste, dass der westdeutsche Geheimdienst von alten Nazis und SS-Leuten aufgebaut worden war und Hunderte hier noch ihre Arbeit versahen. Der Verein sagte mir überhaupt nicht zu und ich verneinte endgültig.

Wie richtig ich gehandelt hatte, zeigte sich ein paar Jahre später. In der Bundesrepublik hatten sich die politischen Vorzeichen geändert. Willy Brandt und Walter Scheel hatten zum großen Entsetzen von Bundeskanzler Kiesinger eine rot-gelbe Koalition gebildet. 1969 wurde Horst Ehmke Kanzleramtsminister und versprach in der Öffentlichkeit, mit eisernem Besen in den Ministerien und speziell in dem ihm unterstehenden Bundesnachrichtendienst zu kehren. Und das tat er. Der Dienst wurde neu organisiert und zahlreiche Leute wurden entlassen. Es geschah aber auch etwas, was Geheimdienste eigentlich nie machen: Es wurden Geheimnisse preisgegeben. So bekam Ehmke beispielsweise die Liste mit den Namen aller westdeutschen Journalisten, die für den BND arbeiteten. Der SPD-Mann war eng mit Manfred Bissinger befreundet, dem damaligen stellvertretenden Chefredakteur des „stern“. Dem sagte er eines Abends in gemütlicher Runde: „Da sind ja etliche aus deiner Redaktion für den BND tätig.“ Bissinger, der Revolutionär und führende Linke in der Redaktion, wurde sofort hellhörig. Das würde ihn schon sehr interessieren, wer da auf der Liste stünde. Und Minister Ehmke hat den Geheimnisverrat fortgesetzt und erzählt, wer von den „Gruner + Jahr“-Journalisten beim BND unter Vertrag stand. Darunter befand sich unter anderem ein Mann namens Steinmeier, der als Korrespondent für „stern“ und „Die Zeit“ in Moskau saß. Der bekam sage und schreibe 10.000 DM monatlich vom Bundesnachrichtendienst. Steinmeier kannte ich. Das war ein älterer Herr, kriegsversehrt, mit einem Holzbein. Wenn der dem BND so viel wert war, dachte ich mir, musste er ja heftig Informationen geliefert haben. Aber dies aus einem Land, dessen Geheimdienst in einer ganz anderen Liga spielte als der deutsche? Irgendwie bot sich die Vorstellung an, dass da jemand auf zwei Schultern getragen wurde.

Es gab eine herrliche Szene, als Manfred Bissinger zu mir ins Redaktionszimmer kam. Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „Gratuliere, das hätte ich nicht gedacht, dass du nicht dabei bist. Du stehst nicht auf der Liste.“ – „Welche Liste?“, fragte ich erstaunt. „Auf der BND-Liste.“ Weil ich diesen Hype um Willy Brandt nicht mitmachte, galt ich als Faschist und ein solcher musste in den Augen Bissingers natürlich auch für den BND arbeiten. Nun räumte er ein, sich getäuscht zu haben.

Ich verzieh Bissinger und arbeitete weiter an meinem Bericht für den MI6, den britischen Auslandsgeheimdienst. Denn natürlich hatte ich den Verlockungen nicht widerstehen können. Das hing mit dem charmanten Geschäftsmann Anthony Divall zusammen. Kennengelernt hatte ich ihn während des Biafra-Kriegs. Als dieser begann, war Biafra noch von keinem unabhängigen afrikanischen Land anerkannt worden. Deswegen war es kompliziert, hinzukommen. Die Hilfsflugzeuge, die von Lissabon aus flogen, mussten entweder auf damals portugiesischem oder spanischem Gebiet zwischenlanden, also entweder auf Sao Tomé oder Fernando Po vor der afrikanischen Westküste. Erst im Laufe des Jahres 1967 verbesserte sich die Situation, weil die Elfenbeinküste diplomatische Beziehungen mit Biafra aufnahm und nun dort Station gemacht werden konnte.

Bei den Reisen nach Biafra übernachtete ich häufig im Hotel „Tivoli“ in Lissabon. Zur Übernachtung gehörte stets ein abendlicher Barbesuch, denn zu dieser Zeit war ich ein großer Anhänger des Barlebens. Es war für mich völlig unvorstellbar, in einem großen Hotel ins Bett zu gehen, ohne zuvor an der Bar gewesen zu sein. Auch war das für die Kontaktpflege wichtig. Schließlich war es nicht selbstverständlich, dass Reporter von einer der von Hilfsorganisationen gecharterten Maschinen mitgenommen wurden. Aber ich hatte enge Kontake zur katholischen Caritas Internationalis, die einen Großteil der Flüge nach Biafra bezahlte, weil dort vor allem Katholiken lebten. An der „Tivoli“-Bar lernte ich eines Abends den Engländer Anthony Divall kennen und bald auch schätzen. Für die nächsten 30 Jahre zählte er zu meinen besten Freunden.

Tony war Unternehmer und hatte ein eigenes Flugzeug, mit dem er Hilfsflüge in die Kriegsgebiete der ganzen Welt organisierte. Er hatte die Luftbrücke des eingetragenen Vereins „Fördergesellschaft Afrika“ nach Biafra organisiert sowie Flüge in den Südsudan, wo animistische und christliche Schwarze gegen die Vorherrschaft der mohammedanischen Nordsudanesen rebellierten. Und natürlich flog er auch Waffen nach Biafra. „Wir sind nicht auf Milchpulver-Transporte spezialisiert“, sagte er einmal. Ich selbst bin mit ihm mehrere Male nach Afrika geflogen.

Vor allem aber hatte Anthony Divall eine interessante Geschichte. Als 18-jähriger Royal-Marine war er nach Deutschland gekommen und hatte uns befreit. Als seine Einheit auf den Elbwiesen bei Lauenburg erfuhr, dass der Krieg zu Ende sei, wollte er in Deutschland bleiben und meldete sich zum militärischen Geheimdienst, dem Military Intelligence Service, Section 6 (MI6). Er wurde nach Berlin versetzt und arbeitete dort in den ersten zwei, drei Nachkriegsjahren. Dann aber machten die Briten die für sie schreckliche Entdeckung, dass der Berliner Büroleiter ein Doppelagent war und sie lösten das Büro komplett auf. Fortan war Anthony Divall als freiberuflicher Waffenhändler tätig und wurde vom MI6 immer dann eingesetzt, wenn Großbritannien irgendwelche Bewegungen mit Waffen unterstützen wollte, das aber nicht bekannt werden sollte.

Irgendwann fragte mich Tony, ob ich mir vorstellen könnte, ihm hin und wieder Informationen zu liefern. Er spielte gleich mit offenen Karten: „Ich bin eine Art Relaisstation für den MI6 und du, Randy, bist häufig in afrikanischen und arabischen Ländern unterwegs. Und was da passiert, interessiert uns Engländer sehr.“ Nun war mir Divall sympathisch und irgendwie auch der britische Geheimdienst. Ich wusste einiges aus Kriminalromanen und auch James Bond war schon erfunden. Das Ganze erschien mir seriös.

Ich lieferte Tony also die ersten Informationen und die waren offenbar gut, denn nach einiger Zeit wurde mir mitgeteilt, dass mich ein Geheimdienstmitarbeiter aus London kennenlernen möchte. Es war ein gewisser Donald, er kam nach Hamburg und ich habe mit ihm die Reeperbahn besucht. Der Brite war hin und weg. Hamburg war damals meines Wissens die einzige Stadt der Welt, wo auf der Bühne echter Sex gezeigt wurde. Das war eine Attraktion weltweit und das wollte man sehen. Donald kam bald öfters nach Hamburg und bat mich stets, mit ihm die Reeperbahn zu besuchen. Auch ich freute mich auf seine Besuche, denn er brachte immer einen Briefumschlag mit meinem Agentenlohn mit. Das war für mich sehr schönes privates Geld, über das ich mit meiner Familie nicht redete, das für mich privat zur Verfügung stand. Unter anderem auch für den einen oder anderen Besuch der Reeperbahn.

Die Zusammenarbeit mit dem MI6 lief sehr sauber und professionell ab. Die Geschichte endete erst Jahre später mit dem Falklandkrieg 1982. Ich arbeitete für das Reportagemagazin „Geo“, als die Briten zu mir mit einem sehr gut durchdachten Vorschlag kamen. Man habe gewisse Kontakte zu meinem Chefredakteur und es gebe die Möglichkeit, dass dieser mir vorschlage, eine mehrwöchige Reportagereise durch Patagonien zu machen. Dabei sollte ich die Küste entlangfahren und mir alles notieren, was mir an argentinischen Artillerie- und Raketenstellungen auffalle. Nun war aber auch in Deutschland bekannt, wie die Stimmung in Argentinien war und dass die dort regierende Militärjunta Jagd auf Spione machte. Einige waren schon geschnappt und zu Gefängnisstrafen von bis zu 30 Jahren verurteilt wurden. Dass ich mich einem solchen Risiko aussetzen sollte, behagte mir gar nicht. Das war mir wirklich zu gefährlich und ich beschloss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, die Zusammenarbeit mit dem MI6 zu beenden. Die waren einverstanden. „Okay. Wir verstehen das. Sache erledigt. Mund halten.“ Es wurde ein Schlussstrich gezogen und es galt für beide Seiten das Schweigegebot. Wir trennten uns als Freunde. In summa waren unsere 15 Jahre Zusammenarbeit davon geprägt, dass beide Seiten profitierten. Ich jedenfalls kann mich nicht beklagen.

Blumen für Leni

Beim Comeback der Filmregisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003) als weltweit beachtete und anerkannte Fotografin hat der „stern“ eine große Rolle gespielt. 1975 erschien eine Fotostrecke, die als „beste fotografische Leistung des Jahres“ mit der Goldmedaille des Art-Directors-Club Deutschland ausgezeichnet wurde. Bereits 1969 war im „stern“ die Fotostrecke „Leni Riefenstahl fotografiert die Nuba – Was noch nie ein Weißer sah“ veröffentlicht. Die Aufnahmen, die Leni Riefenstahl im Südsudan gemacht hatte, waren wirklich hervorragend.

Es war unser Art-Director Rolf Gillhausen, der auf die Fotos gestoßen war. Der Mann war ein richtiger Bildkünstler, wie es sie heute nicht mehr gibt. Er kannte weltweit die großen Fotografen und wusste genau, was in anderen Blättern erschienen war. Als Fotograf war er der erste westliche Journalist, der China besucht und eine Geschichte unter der Schlagzeile „Die blauen Ameisen“ im „stern“ geschrieben hatte, weil alle Chinesen blau gekleidet waren. 1956 fotografierte er beim Aufstand in Ungarn, wie die aufgebrachte Bevölkerung Jagd auf Mitarbeiter der ungarischen Staatssicherheit machte und diese kurzerhand aufknüpfte. Als ich zum „stern“ kam, war er Fotochef und sein Wort galt bei Chefredakteur Henri Nannen.

Als Nannen von Gillhausen die Riefenstahl-Fotos über die Nuba vorgelegt bekam, war er beeindruckt. Nannen war ohnehin Riefenstahl-Fan. Immerhin hatte er als Sprecher in ihrem berühmten Olympiafilm von 1936 mitgewirkt. Der Nächste, der die Fotos vorgelegt bekam, war ich. Nannen wusste, dass ich zu jener Handvoll Kollegen zählte, die ganz schnell eine lange Geschichte schreiben konnten, auch als Ghostwriter. Das war auch bei Swetlana Allilujewa so gewesen, der Tochter Stalins, die sich 1967 in den Westen abgesetzt hatte. In einer Nacht musste ich damals die erste Folge ihrer Memoiren, die der Verlag für viel Geld gekauft hatte, in „stern“-Deutsch umschreiben.

Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, dass ich den Südsudan kannte. Nannen schwärmte mir jedenfalls von den „sensationellen Fotos“ vor, die Gillhausen bei Leni Riefenstahl entdeckt hatte.

„Randy, das sind wunderbar ästhetische Aufnahmen nackter Naturmenschen, daraus müssen wir unbedingt eine Fotogeschichte machen. Ich möchte diese gern in der Weihnachtsausgabe unseren Lesern präsentieren. Das aber bedeutet, wir benötigen den Text dazu bis morgen früh. Frau Riefenstahl ist schon in Hamburg und wählt gemeinsam mit Gillhausen die Bilder aus. Meinen Sie, dass Sie noch heute zu ihr ins Hotel gehen könnten? Sie lassen sich von ihr erzählen, wie es in Afrika war, wie die Bilder entstanden sind und legen ihr dann morgen die Geschichte vor.“

„Gut, wo ist sie untergebracht?“ – „Im Hotel ‚Berliner Tor‘.“

Dort fuhr ich hin und erkundigte mich nach Riefenstahl. Die sei in ihrer Suite, hieß es. Wie ich später in ihren Memoiren las, befand sie sich damals in einer Phase der völligen Armut. Die Tatsache, vom „stern“ nach Hamburg eingeladen zu sein, hat sie offensichtlich sehr genossen. Ich klopfte also an die Tür und sagte, wer ich war. Und dass ich die Geschichte für den „stern“ schreiben würde.

„Ich lege Ihnen den Text morgen zum Frühstück vor und Sie sagen, ob er in Ordnung ist. Und dann drucken wir ihn.“

„Ach, junger Mann, das geht doch gar nicht. Es ist doch jetzt schon später Abend.“

Ich redete mit Engelszungen auf die Frau ein: „Lassen Sie es uns doch versuchen, Frau Riefenstahl. Wir setzen uns zwei Stunden zusammen, Sie erzählen mir von ihren Eindrücken, ich fahre dann nach Hause und versuche, die Geschichte bis morgen früh rund zu bekommen. Ich komme acht Uhr zum Frühstück ins Hotel. Sie lesen das und dann sind wir durch.“

Leni Riefenstahl ließ sich überreden und erzählte: Als sie sich auf die Suche nach den Nuba machte, war sie, Jahrgang 1902, schon knapp 60 Jahre alt. In Deutschland war sie seit Kriegsende wegen ihrer in der Nazi-Zeit entstandenen Filme und ihrer Nähe zum Führer verfemt, in Afrika entdeckte sie bei den sudanesischen Ureinwohnern plötzlich eine ganz neue Welt. Übrigens war es wiederum ein Foto im „stern“, das für sie die Initialzündung auslöste: das Bild eines muskulösen, mit weißer Asche bestäubten Nuba-Ringkämpfers. Mir erzählte sie sehr bildhaft, wie sie über die Berge geklettert war, diese Menschen kennengelernt und ihr Vertrauen gewonnen hatte.

Ich fand diese Schilderungen spannend. Daraus eine Geschichte zu schreiben, das schien mir überhaupt kein Problem zu sein. Auf jeden Fall, sagte ich mir, würde das einfacher als seinerzeit, als mir Nannen 200 Seiten Erinnerungen von Swetlana Stalin in die Hand drückte. Diese Erinnerungen musste ich erstmal komplett überfliegen, bevor ich etwas schreiben konnte. Leni Riefenstahl erzählte dagegen in Sprachbildern, die genauso beeindruckend waren wie ihre Fotos. Gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns.

Einen schönen Einstieg glaubte ich schon gefunden zu haben: „Ich hatte zwei Stunden anstrengenden Aufstieg hinter mir, bog um eine Ecke und dann sah ich ihn: einen wunderschönen Mann, vielleicht 20 Jahre alt, und er war nackt.“ In diesem Stil habe ich, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen – es wäre ja kein schlechter Einstieg gewesen – geschrieben. Und es gab auch seriöse Teile. Es ging nicht nur um die Nacktheit, denn auch in anderen Teilen Afrikas läuft man nackt herum.

Optimistisch fuhr ich heim und schrieb die Geschichte auf. Erst im Nachhinein begriff ich, dass es ein Fehler war, die ganze Geschichte so boulevardesk anzufangen. Am nächsten Morgen bin ich frohgemut und zufrieden mit meinem Text pünktlich acht Uhr im Hotel erschienen. Ich hatte die ganze Nacht gearbeitet, war strikt trocken, hatte keinen Schluck Alkohol getrunken, dafür aber ganz viel Kaffee. Ich war high und dachte, sie liest das und dann wird das gedruckt.

Leni Riefenstahl nahm sich die Blätter und begann zu lesen: „Ich ging um die Ecke und da stand er. Er war 20 Jahre und nackt.“ Und da hörte ich ihren Aufschrei.

„Nein! Das ertrage ich nicht! Ich denke, ich bin mit einem seriösen Blatt zusammen und dann diese Diktion und diese Art der Darstellung! Das ist völlig unmöglich. So kann das nicht veröffentlich werden.“ Sie kreischte, weinte echte Tränen, warf mir den 25.000-DM-Scheck Nannens vor die Füße und schrie, sie habe sich noch nie so in einem Menschen getäuscht wie in mir.

Sie war völlig außer sich und weigerte sich, mehr als den ersten Absatz zu lesen. Sie gab mir zu verstehen, dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollte. Sie dachte, das geht so weiter. In ihren Memoiren schrieb sie später, der Text „war nicht schlecht, im Gegenteil, er war journalistisch glänzend geschrieben, aber was da stand war zu sensationell und meinen Empfindungen diametral entgegengesetzt“.

„Tja“, habe ich gesagt, „Frau Riefenstahl, dann fahre ich jetzt zurück in die Redaktion und sage Herrn Nannen, dass das mit der Geschichte nichts wird oder Nannen muss eine andere Lösung finden.

Ich sagte „Adieu“ und setzte mich in ein Taxi, fuhr in die Redaktion und ließ mich beim Chefredakteur anmelden.

„Herr Nannen, hier ist mein Text, aber ich kann Ihnen gleich sagen, Leni hat ihn abgelehnt. Sie hat sogar mehrfach aufgeschrien und sie hat geweint. Ich will mit der nichts mehr zu tun haben. Wenn Sie noch mal mit ihr verhandeln wollen, dann müssen Sie jemand anderen hinschicken. Die Frau macht mich fertig. Ich habe mich wirklich bemüht und die hat geschrien und geweint.“ Mit dieser hysterischen Ziege will ich nichts mehr zu tun haben.

Nannen sah mich nachdenklich und seltsam an.

„Randy, kennen Sie denn nicht Leni Riefenstahl? Haben Sie noch nie etwas über sie gelesen? Leni weint und schreit immer. Auch wenn sie verliebt ist, weint und schreit sie erstmal. Das macht sie doch immer so, wenn sie ihren Willen durchsetzen will. Deshalb hatte schon Goebbels Angst vor ihr.“ Nannen wusste, wovon er redete: In Lenis weltweit verfilmten und mit Ehrungen überhäuften Olympia-Film hatte er mitgespielt. Denn groß, blond und blauäugig entsprach er dem Riefenstahl´schen Männlichkeits-Ideal. Er erklärte mir, wie die Sache „ganz leicht“ zu retten sei: mit einem gewaltigen Blumenstrauß, einem formvollendeten Handkuss und dann aber mit bestimmtem Auftreten.

„Fahren Sie ins Hotel, nehmen Sie Leni und kommen mit ihr in die Redaktion zurück. Wir werden dann alles klären.“

Ich fuhr also wieder ins Hotel, überreichte den Blumenstrauß und verhielt mich wie geheißen nach Art des Herrenmenschen. Leni Riefenstahl schrie auf: „Nein, das ist ja wunderschön! Aber trotzdem, Ihr Text ist unmöglich, der kann nicht veröffentlicht werden.“

„Frau Riefenstahl, ich habe mit Herrn Nannen darüber gesprochen. Wir können jederzeit ändern. Wir haben noch ein paar mehr Stunden Zeit, als er ursprünglich gesagt hat. Ich möchte Sie bitten, mit mir in die Redaktion zu kommen, da können wir über alles sprechen.“

Sie war tatsächlich einverstanden und wir fuhren zusammen in die Redaktion. Nannen, der den Text inzwischen gelesen hatte, redete gleich los: „Aber Leni, das ist der erste Absatz. Wir können ändern und auch ganz anders in die Geschichte einsteigen. Sie haben das letzte Wort hier. Sie entscheiden, wie wir publizieren.“

Das schmeichelte ihr und sie war einverstanden. In ihren Memoiren schildert sie die Szene. Sie schreibt, sie hätte sich an die Schreibmaschine gesetzt und geändert. Ich habe das so in Erinnerung, dass ich an der Schreibmaschine saß und neben mir Leni Riefenstahl. Gemeinsam gingen wir alles Zeile für Zeile durch. Und sicher hat sie den einen oder anderen Satz geändert, aber im Wesentlichen ist die Geschichte so geblieben, wie ich sie geschrieben hatte. Quasi in letzter Minute war alles fertig und der Text ging nach Gütersloh, wo der „stern“ gedruckt wurde.

Der Beitrag erschien wie von Nannen gewünscht in der Weihnachtsausgabe und hat international hohe Wellen geschlagen. Nach der Veröffentlichung der Story war Leni wieder im Geschäft – ich gebe allerdings zu, wegen der Fotos und nicht wegen des Textes. Aber der gehörte eben dazu.

Auch die Kollegen, die in Oppostion zu Nannen standen und es als Skandal empfanden, Riefenstahl ins Blatt zu rücken, verstummten vorübergehend. Die Fotos waren einfach zu gut.

Leni Riefenstahl und ich hatten uns an diesem Nachmittag freundlich mit Küsschen links und rechts verabschiedet. Leider sollte ich sie nie wiedersehen, aber faszinierend war diese Frau durchaus. Freunde wären wir gewiss nicht geworden, das war klar. Sie war nicht meine Frau und ich nicht ihr Kerl. Die Chemie passte nicht. Ich war ihr ein bisschen zu grob und sie mir zu zickig.

Ein Dichter öffnet die Tür zum Schah

Bei einer Reportage sollte der persische Dichter Cyrus Atabay (1929-1996) eine Schlüsselrolle spielen. Ich hatte Anfang 1967 den Auftrag erhalten, zusammen mit dem Fotografen Max Scheler eine große Geschichte über Persien zu schreiben. Grund war der für Juni angekündigte Deutschland-Besuch Seiner Heiligkeit, Mohammad Reza Schah Pahlavi Schahinschah (1919-1980), der der letzte Herrscher auf dem Pfauenthron sein sollte. Die Meinung über den persischen Herrscher war damals in der bundesdeutschen Öffentlichkeit sehr geteilt. Für die Yellow Press war er wegen seiner Heirat mit der deutschstämmigen Soraya Esfandiary Bakhtiari und später mit Farah Diba eine Glamourfigur. Innerhalb der sich damals herausbildenden Studentenbewegung gab es dagegen nur zwei Feindbilder: Das eine waren die US-Amerikaner schlechthin wegen ihres Kriegs in Vietnam, das andere war der Schah von Persien.

Erheblichen Anteil an diesem Bild hatten in Deutschland studierende junge Perser, die die ganze Anti-Schah-Bewegung ins Rollen brachten, indem sie ein Bild von einem verarmten, unterdrückten, durch eine schreckliche Dynastie ausgebeuteten Volk zeichneten. Und dieser Diktator, Schah Schahinschah, kündigte nun zum Entsetzen der bundesdeutschen Diplomatie einen Deutschlandbesuch an. Die Bundesregierung konnte nicht absagen, rechnete aber mit heftigen Protesten seitens der Studenten. Es kam dann am 2. Juni 1967 in West-Berlin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten getötet wurde.

Mit dem anstehenden Besuch des Kaisers aus dem Märchenreich interessierten sich plötzlich die Chefredaktionen der großen Illustrierten wie „Spiegel“ und „stern“ für das Land und schickten ihre Reporter los. Die sollten erkunden, was in Persien wirklich los ist. Ich war damals zwar im Auslandsressort des „stern“, aber eigentlich nicht der Reporter, dem man solch eine große Länderreportage anvertraut hätte. Aber es war bekannt, dass ich mit dem Presseattaché der kaiserlich-persischen Botschaft, die nicht in Bonn, sondern in Köln ihren Sitz hatte, Dr. Amir-Khalili, eng befreundet war. Amir-Khalili lebte schon lange in Deutschland, sprach fließend Deutsch und praktizierte überdies als niedergelassener Allgemeinmediziner. In der Redaktion ging man davon aus, dass er mir in Teheran wichtige Entrees verschaffen könnte. Für authentische Reportagen ist es wichtig, Leute zu kennen, die einem helfen.

Dass mir Max Scheler als Fotograf zugeordnet wurde, erwies sich später als außerordentlich wichtig. Scheler war ein gut aussehender, schlanker Mann, der fließend mehrere Sprachen beherrschte und große literarische Kenntnisse hatte. Er war nicht nur der Sohn des Religionsphilosophen Max Scheler, über den der polnische Papst eine Dissertation geschrieben hatte, sondern auch bekennender Homosexueller. Das erforderte Mut, denn in der BRD gab es noch den Paragrafen 175, der jede Art homosexueller Handlungen unter Strafe stellte. In der DDR war er schon längst abgeschafft. Aber Max war bei einem liberalen Blatt und jeder wusste, dass er schwul ist, das spielte keine Rolle.

Unglaublich lockere Stimmung: im Gespräch mit dem Schah von Persien. Im Laufe der nächsten Jahre sollte ich drei Interviews mit ihm führen.


Wir flogen also zusammen nach Teheran. Amir-Khalili hatte mich bei Manssur Nowduschani avisiert, dem Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung „Die Post“. Das Blatt war für Touristen und Diplomaten gedacht und lobte ununterbrochen die Regierung des Schahs und dessen System. Dafür wurde es sehr gut von der persischen Regierung bezahlt. Nowduschani und viele wichtige Politiker, mit denen ich auf dieser Persienreise und noch folgenden reden sollte, sprachen hervorragend Deutsch. Sie hatten entweder während der Nazi-Zeit in Deutschland studiert oder kurz nach Kriegsende. Für sie war Deutschland das Traumland. Sie hassten die Engländer, die während des Zweiten Weltkriegs ohne Genehmigung den Süden Persiens besetzt hatten. Die Russen, die im Norden einmarschiert waren, mussten sich irgendwie diplomatisch vernünftiger verhalten haben; sie wurden jedenfalls nicht gehasst. Allerdings verspürten selbst die persischen Kommunisten wenig Lust auf Moskauer Verhältnisse.

Übernachtung im Park: nach einem Erdbeben in der persischen Provinz Khorassan.


Manssur Nowduschani begrüßte uns sehr herzlich: „Ich weiß nicht, wie viel Zeit Sie haben, aber ich habe mit dem Direktor des Goethe-Instituts gesprochen und morgen Abend findet dort ein Treffen statt, bei dem alle deutschsprachigen Dichter Persiens vertreten sind. Gehen Sie dahin, das könnte interessant werden.“ Es gab damals eine ganze Reihe Literaten, die sowohl in Farsi und als auch auf Deutsch schrieben. Ich sprach daraufhin mit dem Direktor und verabschiedete mich von ihm mit den Worten: „Wir sind morgen Abend pünktlich da.“

„Wieso wir?“, fragte der zurück. „Sie sind eingeladen, wer soll denn noch kommen?“

„Der Fotograf.“

„Ach, der Fotograf. Wozu denn ein Fotograf? Was soll denn ein Fotograf auf einer Dichterveranstaltung?“

Ich habe dem Direktor erklärt, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Fotografen, sondern um den Sohn des Philosophen Max Scheler handelt. Und der wäre ein hochgebildeter Mann und ganz sicher eine Bereicherung der Veranstaltung. Aber das hat den Institutsmenschen nicht interessiert. Schließlich überzeugte ich ihn mit dem Argument, dass ich unmöglich allein kommen könne, da der „stern“ uns als Team geschickt habe. Er war eben ein typischer deutscher Bürokrat, der wahrscheinlich durch zwei zusätzliche Esser sein Budget belastet sah. Ein Perser hätte nie so ein Theater gemacht.

Pünktlich erschienen wir zu der Abendveranstaltung. Ich werde dieses Bild nie vergessen: Da standen fünf oder sechs Herren, alle so um die 30, 35 Jahre alt, alle attraktiv, gut aussehend, strahlend. Die persischen Jungdichter zeigten sich hocherfreut, zwei Menschen von der deutschen Zeitschrift „stern“ kennenzulernen. Alle kannten unsere Illustrierte, obwohl der „stern“ damals wegen seiner Berichterstattung über die schahfeindlichen Studentendemonstrationen im Iran verboten war. Ich begrüßte meinerseits diese Leute. „Guten Abend, guten Abend, guten Abend.“ Und da merkte ich, wie einer in der Reihe an mir vorbei in Richtung des hinter mir gehenden Max Scheler starrte. Der starrte wirklich. Und ich merkte, dass es ein bisschen dauerte, bis Scheler weiterging. Die haben sich sehr intensiv die Hand gegeben. Es wurde dann ein Abend mit interessanten Diskussionen. Wir haben zusammengesessen, geredet, getrunken, etwas zu essen gekriegt. Dann haben wir uns verabschiedet und ich fuhr mit Max Scheler ins Hotel zurück.

„Weißt du, wen ich kennengelernt habe?“, fragte Max Scheler plötzlich.

„Eh, da war was mit dem Typen da, oder?“

„Das ist der Neffe des Schahs.“

„Was?“

„Ja, das ist der Neffe des Schahs. Wir sind verabredet für morgen. Und du kannst mitkommen, er hat uns eingeladen. Wir fahren morgen nach Südteheran in die Puffgegend. Da gibt es auch ein Schwulenviertel und da gehen wir morgen in einen Lederclub.“

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie in meinem Leben in einem Lederclub gewesen. Ich kannte aber Max Scheler in eng anliegendem Leder, denn so erschien er mitunter in Hamburg in der Redaktion. Das war ein Leder, was so leicht knarrt. Krch, krch. Das hatte schon was. Der Lederclub war für mich also eine neue Erfahrung. Nun muss ich betonen, dass mir nichts peinlich ist und ich, was Bordelle anbelangt, nicht unerfahren bin. Aber in dem Club fühlte ich mich nicht richtig wohl. All die Küsse und die Knutscherei. Ich hatte niemanden zum Knutschen und wollte das auch nicht. Und den anderen war klar, dass ich nicht dazugehörte. Ich wurde akzeptiert, spielte aber keine Rolle. Man fragte mich höflich, wo ich herkomme und warum ich hier bin. Aber da funktionierten einfach irgendwelche Signale nicht, für die die Kameraden empfänglich sind. Max und der Neffe des Schahs, der Cyrus Atabay hieß, blieben jedenfalls den ganzen Abend zusammen und als wir uns verabschiedeten, gab es eine große Umarmungsszene.

Ich sollte hier einfügen, dass Cyrus Atabay zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Lyrikbände in Deutschland veröffentlicht hatte. Er war der Sohn eines Arztes, der bei Ferdinand Sauerbruch promoviert hatte, und der Prinzessin Hamdam al-Saltaneh. Cyrus war von 1937 bis 1945 in Berlin aufgewachsen und hatte das Arndt-Gymnasium in Dahlem besucht. Später studierte er Germanistik in München und lebte zu dem Zeitpunkt, als wir ihn kennenlernten, abwechselnd in Teheran und London.

„Lass uns mal reden“, sagte ich zu Max Scheler und zerrte ihn in die Hotelbar. Ich wollte wissen, was das genau für ein Club war und was für Leute das waren.

„Du, ich will nicht groß erzählen“, sagte Max Scheler. „Ich will dir nur eins sagen: Ich habe mich verliebt.“

„Du hast dich verliebt?“

„Ich habe mich verliebt. Und er hat sich auch verliebt. Ich will dich aber beruhigen, wir machen unsere Reportage. Und wenn es zu dramatisch wird, hauen wir ab. Da flüchte ich. Aber wenn du gestattest, möchte ich morgen mal einen ganzen Tag mit Cyrus verbringen. Du kannst inzwischen die Geschichte mit dem Informationsministerium regeln.“

Darauf ging ich ein, denn es war Pflicht, sich beim Informationsministerium anzumelden. Man konnte auch nicht einfach ein Auto mieten, sondern bekam das samt Fahrer vom Ministerium zur Verfügung gestellt. Klar war, dass dieser Fahrer Mitarbeiter des Sazeman-e Ettela‘at va Amniat-e Keshvar, des Geheimdienstes SAVAK war. Dieser war im ganzen Land gefürchtet. Mehrfach erlebte ich, dass Gesprächspartner den Zeigefinger auf den Mund legten und mit mir nach draußen gingen. Ich verstand das zwar nicht, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass ein Geheimdienst in der Lage sein sollte, nicht nur alles abzuhören, sondern das Abgehörte auch noch auszuwerten.

Am Abend war jedenfalls alles geregelt, als Max Scheler ganz aufgeregt ankam: „Der Schah hat uns eingeladen, mit seiner Familie gemeinsam das Nowruz zu feiern.“ Das war das traditionelle zarathustrische Neujahrsfest, das zum Frühlingsbeginn stattfindet. Es wurde in Persien ganz groß gefeiert und auch von Ajatollah Chomeini und dessen Nachfolgern nicht abgeschafft.

Am 21. März saßen wir im größten und wichtigsten Palast im Norden Teherans mit der Schahfamilie zusammen. Ich hatte die Möglichkeit, mit seiner Heiligkeit Reza Schah ein paar private Worte zu sprechen und eine Verabredung für ein Interview zu treffen, das in der darauffolgenden Woche stattfinden sollte. „Majestät, wichtig sind für uns die Fotos, denn der ‚stern‘ ist ein illustriertes Magazin. Ich fände es gut, wenn wir Sie und Ihre Familie fotografieren dürften.“ Sie hatten drei Kinder, darunter der noch heute in den USA lebende Kronprinz.

„Kommen Sie morgen und dann gehen wir gemeinsam im Garten spazieren. Ihr Kollege kann dann so viel fotografieren, wie er will.“

So geschah es. Seine Majestät erwies sich als ein angenehmer, lockerer Gesprächspartner, mit dem ich auf seinen Wunsch hin auf Französisch parlierte. Max Scheler konnte fotografieren, was er wollte. Dabei geschah etwas ganz Amüsantes. Es war die Zeit, als die Illustrierten auch Farbseiten brachten und Max Scheler hatte deswegen vier Kameras umhängen, je zwei für Farb- und Schwarzweißfilme. Profis hatten ja immer Angst, im entscheidenden Moment den Film wechseln zu müssen. Scheler war jedenfalls aufgeregt, wechselte immer wieder die Kameras und warf sie auf den Rücken. Schließlich kam es zu einer Loriot-reifen Szene. Der Fotograf hatte sich so in den Riemen der Apparate verheddert, dass er seine Arme nicht mehr bewegen konnte. Wir mussten ihn befreien. Seine Heiligkeit half tatkräftig. Es war eine unglaublich lockere Stimmung. Allerdings hatte der Schah, mit dem ich im Laufe der nächsten Jahre drei Interviews machen sollte, das erste war für nächste Woche verabredet, nicht so eine Ausstrahlung wie beispielsweise Charles de Gaulle. Von diesem war ich schwer beeindruckt.

Der Spaziergang mit dem Schah öffnete uns alle Türen. Ich war plötzlich eine Persona gratissima. Und in derartigen Diktaturen spricht sich das sehr schnell herum. „Die waren Gast bei Seiner Majestät“, wussten alle. Wir wurden auch nicht mehr kontrolliert. Das Informationsministerium stellte uns einen Cadillac und später, weil wir in Wüstengebiete fahren wollten, einen großen geländegängigen Wagen sowie einen armenischen Fahrer zur Verfügung. Natürlich war uns klar, dass der jeden Abend seinen Bericht schreiben musste, wo wir gewesen sind, wohin wir noch wollten und mit wem wir gesprochen hatten.

Max Scheler und ich waren insgesamt vier Wochen in Persien unterwegs. Wir hatten vom „stern“ keine zeitliche Beschränkung. Fest stand, die Geschichte sollte eine Woche vor dem Schah-Besuch in Deutschland erscheinen. Um ein objektives Bild zeichnen zu können, wollten wir durch das ganze Land fahren. Wir besuchten Meschhed im Nordosten. Als schiitisches Pilgerzentrum war sie eine der größten Städte. Hier befindet sich die Grabmoschee des Imam Resa aus dem frühen 9. Jahrhundert. Auch in die zweite heilige Stadt, Ghom, fuhren wir, sowie in halbheilige Städte wie Shiraz und Isfahan. Sonst bestand das Land aus vielen Kleinstädten und Dörfern. Auf den Feldern arbeiteten die Bauern. In den Karawansereien konnte man sich satt essen. Es war sicher kein prosperiendes Land, aber eines, dem es gut ging. Und die Leute sagen: „Das verdanken wir Seiner Majestät, weil Seine Majestät die schiitische Kirche und die Großgrundbesitzer enteignet und den Bauern, die sich zu Genossenschaften zusammenschlossen, Kredite gegeben hat.“

Mit seiner „weißen Revolution“ wollte der Schah aus dem feudal geprägten Agrarstaat einen modernen Industriestaat machen. Was die Westjournalisten dagegen später als Revolution bezeichneten, war die Konterrevolution der schiitischen Geistlichkeit. Die schlug zurück, wie sie überall zurückschlägt, wenn es um ihr Eigentum geht: die Schiiten in Persien und im Irak, die Sunniten in Ägypten und Tunesien und in Syrien. Im Prinzip sind es Auseinandersetzungen zwischen laizistischen Regierungen und der Kirche, die um ihre Rechte fürchtet. Übrigens wurden die in Persien lebenden religiösen Minderheiten während der Schahzeit respektiert und standen unter dem Schutz der Regierung. Die Muselmanen konnten es nicht riskieren, Juden, christliche Gemeinden oder die Parsen anzugreifen.

Wir waren bei den nach der Lehre des Zoroastrismus lebenden Parsen in der Wüste, in christlichen Dörfern, in den gut funktionierenden Städten des Südens. Der Gesamteindruck: Das Land ist in Ordnung, es geht ihm besser als allen Nachbarstaaten. Irgendwie stimmt das nicht, was diese Studenten da in Deutschland deklamieren, dass der Schah das Land ruiniert, dass sie alle zu Tode hungern. Hunger gab es ganz offensichtlich nicht.

Während ich noch Eindrücke sammelte, war mir klar geworden, dass ich keine Jubelgeschichte schreiben konnte. Die wäre erst in der Redaktion und später von vielen Lesern zerrissen worden. Die große Reportage hieß dann „Der Schah ist der Boss“. Und das stimmte auch. Ich brachte deutlich zum Ausdruck, dass der Schah ein Diktator ist und man ihm nicht widersprechen darf. Das war der Nachteil des Systems, das wir kennengelernt hatten: Es braucht immer die Entscheidung des Einen und wenn du die nicht hast, geht nichts. Aber insgesamt hatte das Land einen guten Eindruck auf mich gemacht.

In der Redaktion war schon vor Druck bekannt, was Randy da geschrieben hatte. Überdies hatte sich herumgesprochen, dass ich mit Persern befreundet und „bei Hofe“ gewesen war. Zum Glück war von der Liebesbeziehung zwischen Max Scheler und Cyrus Atabay nichts bekanntgeworden, denn das hätte die ganze Geschichte torpediert. Die wäre dann wohl nicht erschienen. So aber entschied Chefredakteur Nannen: „Das wird so gedruckt, wie es die Reporter, die vor Ort waren, geschrieben haben. Basta!“ Nach der Veröffentlichung gab es eine Redaktionskonferenz, wo Max Scheler und ich von den lieben Kollegen auf das Heftigste beschimpft wurden: „Faschisten!“, „Das ist ja finsterste Reaktion, die hier jetzt einzieht.“

Es war so schlimm, dass sich in mir das Gefühl breitmachte: In dieser Redaktion kannst du nicht bleiben. Es war ja insgesamt so, dass es zwar eine konservative Regierung unter Kiesinger gab, aber klar war, dass alles auf links, auf Willy Brandt zusteuerte, der 1969 Bundeskanzler wurde. Und die Mehrheit der Redaktion war auf Seiten der revoltierenden Studenten. Ich kam mir jedenfalls völlig fehl am Platz vor. Die waren alle irre. Ich fühlte mich weder rechts noch links, ich versuchte objektiv das zu präsentieren, was ich erlebt hatte. „Du musst den Laden verlassen“, sagte ich mir. „Nannen wird dich gewiss nicht rauswerfen, sondern schützen, aber was soll ich mit den Arschlöchern, die mit solchen Parolen rumlaufen?“ Und dann lag drei Tage später, am Sonntag, der neue „Spiegel“ in der Redaktion vor. Und was stand in dem Blatt: eine Geschichte mit ganz ähnlichem Tenor. Lohfeld, Chef des Außenressorts des „Spiegel“, war ebenfalls in Persien unterwegs gewesen und stellte fest: So wie es uns die linken persischen Studenten erzählen, so schrecklich ist es nicht.

Ein Jahr später, nach dem Sturz des Schahs, stellte sich heraus, dass mein Freund, der persische Presseattaché, nicht nur niedergelassener Arzt in Köln war, sondern auch Deutschlandchef des Geheimdienstes SAVAK. Es hieß, er sei in die USA geflüchtet. Cyrus Atabay, der Dichter, ist durch die islamische Revolution staatenlos geworden und nach München geflüchtet. In der „Süddeutschen Zeitung“ las ich eines Morgens: „Münchner Verwaltungsgericht lehnt Asylantrag des persisch-deutschen Dichters Cyrus Attabay ab.“ Daraufhin habe ich einen von Zorn und Entsetzen geprägten Leserbrief geschrieben: Es sei unfassbar, dass dieser Dichter, der sich jahrelang um deutsche Kultur in Persien gekümmert und wirklich verdient gemacht hat, in Deutschland kein Asyl erhält. Aufgrund des abgedruckten Leserbriefes ist die Verwaltungsentscheidung von Franz-Josef Strauß rückgängig gemacht worden. Cyrus Atabay ist dann 1996 in München gestorben.

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26 August 2025
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371 p. 52 illustrations
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9783906212678
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