Read the book: «Tanz- und Liebesstunde»

Font::

Pavel Kohout
Tanz- und Liebesstunde

Eine deutsche Romanze

Saga

Für Lilo und Günter Friedrich

in gemeinsamer bewährter Freundschaft,

die alte Gräben in Europa zuschüttet,

ohne frische Gräber vergessen zu lassen.

P.K.

15. März 1989

I

Montag, 5. 6. 1944, vor Mitternacht

Als sie aus dem stillen und kühlen Korridor in die Dachstube tritt, nimmt sie einen heißen und duftenden Lärm wahr. Sie hört durch das offene Fenster die Grillen zirpen, und dabei fällt ihr ein, daß sie bei ihrer Ankunft in der Festung auf den Wällen Männer mit Sensen gesehen hatte. Der Gestank von Berlin hatte ihr immer wieder Brechreiz verursacht. Den intensiven Duft des welkenden Grases empfindet Christine wie ein Labsal.

Beim Abendessen mit den Eltern fröstelte es sie manchmal. Die Mauern des Herrenhauses sind, wie die ganze Festung, aus Quadersteinen gefügt. Bei geschlossenen Fenstern strahlen sie im Sommer Kälte aus. Sie ist froh, daß sie ihr Fenster offengelassen hat. Sie zieht sich im Dunkeln aus, stützt die Ellenbogen auf den breiten hölzernen Fenstersims und legt die Handflächen der gekreuzten Arme auf die Brüste. Ihr Körper, in den letzten Monaten einem fremden, tückischen Tier ähnlich, gehört ihr wieder.

Es kommt ihr unwirklich vor, daß sie noch heute morgen im Internat aufgewacht war. Zu diesem Traum gehört auch die Direktorin, ‹die Kuh› genannt, die ihr mit säuerlichem Lächeln befahl, sie solle geschwind ihre persönlichen Sachen zusammenpacken. Vor allem gehört dazu jener junge schlanke Offizier mit einem Gesicht, wie sie es seit ihrer Kindheit nur auf Bildern mit Engeln gesehen hatte. Er hatte ihren Koffer zum Wagen getragen, wo der Fahrer des Vaters sie förmlich begrüßte. Unterwegs schlief sie ein.

Erst das Kopfsteinpflaster der schmalen Brücke, in deren Verlängerung die alte Festung emporragte, hatte sie geweckt. Die Sonne, die gerade hinter ihren Dächern und Wällen versank, verwandelte sie in einen riesigen Scherenschnitt aus schwarzem Papier. Vor dem glühenden Himmel bewegten sich jedoch ganz oben im rhythmischen Schwingen der Sensen die winzigen Gestalten der Schnitter.

Dann das mächtige Tor aus dunklen Quadern, das gleich einer Schleuse von zwei schweren Eisentoren mit eingelassenen Türchen verschlossen war. Danach eine kurze Lindenallee und dahinter das zweigeschossige Herrenhaus. Auf seiner Schwelle die Mutter und der Vater, der ihr sogar ein Lächeln entgegenschickte!

Daß er den ganzen Abend über wie gewohnt unnahbar war, konnte ihrer festlichen Stimmung nichts anhaben. Obwohl die Mutter stets Christines Verbündete gewesen war, hatte sie insgeheim ihn von klein auf lieber gemocht. So weit sie zurückdenken konnte, hatte sie ihn nur in Uniform gesehen, mal in dieser oder jener, und fast immer in Gesellschaft von Männern, die ihm unterstanden. Ihr gegenüber gab er sich oft wortkarg und beinah unpersönlich. Im Beisein ihrer Mutter, der er grenzenlos ergeben war, taute er meist ein wenig auf. Untergebene, aber auch Vorgesetzte, alle zollten sie ihm Respekt, der eine Mischung aus Bewunderung und Furcht spüren ließ. Christine liebte den Vater und ertappte sich öfter dabei, daß sie eifersüchtig auf die Mutter war.

Sie hatte sich damit abgefunden, nichts über seine Aufgaben zu wissen. Eine gewisse Zeit litt sie darunter, wenn Mitschülerinnen die Briefe ihrer Väter von der Front in der Klasse vorlasen. Die seinen eigneten sich dazu nicht. Er schrieb darin über Bücher, die er sogar ins Feld mitnahm und wünschte, auch Christine würde sie kennen. Neben den Briefen anderer Soldaten, aus denen kämpferische Mannhaftigkeit dröhnte, muteten seine wie die Briefe einer Tante an. Aber es fragte auch niemand nach ihnen, weder Freundinnen noch Lehrerinnen. Seine Autorität vermochte auch aus der Ferne zu wirken.

Er war einer der wenigen Offiziere, die man nach ihrer Verwundung aus der Ukraine ausgeflogen hatte. Erst nach einer Woche rief er zu Hause an, er sei hier in Berlin und sie könnten ihn besuchen. Völlig verstört war sie an Mutters Seite durch die Säle gegangen, die mit verstümmelten Männern überbelegt waren. Ihre Gesichter waren aschfahl und abgehärmt, ihre Augen schienen schon in eine andere Welt zu starren. Der Vater war frisch rasiert, roch nach seinem «Pitralon» und saß in einem sauberen, gestärkten Hemd aufrecht im Bett, als wollte er im nächsten Augenblick eine Stabsbesprechung abhalten. Beim Anblick der beiden lächelte er ein wenig, küßte sie und bat, ihm zuallererst zu berichten, wie es ihnen in den vergangenen Monaten ergangen sei. Außer sich vor Freude, schwatzte Christine allerlei durcheinander und beneidete die Mutter, daß sie seine Rechte halten durfte.

Als sie endlich nach seiner Verletzung fragen konnten, sagte er nur, der Stabswagen sei auf eine Mine gefahren, die Banditen gelegt hatten, und er als einziger von vier habe überlebt. Ihre Begeisterung über dieses Wunder dauerte nur so lange, bis eine abgehetzte Krankenschwester sein Essen brachte und die Mutter bat, ihm das Fleisch kleinzuschneiden. So erfuhren sie es: Man hatte ihm den linken Arm über dem Ellenbogen und das linke Bein oberhalb des Knies amputiert.

Nach Hause kam er nach Monaten mit Prothesen, der Ostmedaille, dem EKI, dem Verwundetenabzeichen in Silber und einem neuen Marschbefehl. Wie gewöhnlich ließ er sie nur den ungefähren Ort wissen: das Protektorat Böhmen und Mähren, Kreis Leideneritz. Dann traf Christine der nächste Schock: Die Mutter war nicht gewillt, den geliebten Mann der gleichgültigen Fürsorge von Sanitätern zu überlassen, und sie beschloß, ihn zu begleiten. Der Tochter fehlten nur noch zwei Jahre bis zum Abitur. Es wäre töricht gewesen, eine Schule zu verlassen, in der sie gut war. So entschied sich die Familie gemeinsam für ein Mädcheninternat. Jammerschade war es, daß Christine nun ihren Ballettunterricht aufgeben mußte. Das Internat lag in Schöneberg, in der Nähe der Schule, und die Anstaltsleitung erlaubte grundsätzlich keinen privaten Ausgang außer am Sonntag.

Erstaunt war sie, wie schnell sie sich eingewöhnte. Strenges Regiment war sie von zu Hause gewöhnt, in der Anonymität des Internats bedeutete es für sie sogar ein gewisses Maß an Freiheit. Die Schule selbst genoß einen Sonderstatus und deshalb auch zahlreiche Privilegien. Arbeitseinsätze fanden nur von Zeit zu Zeit und unter nicht unangenehmen Bedingungen statt. Einmal in der Woche fuhren die Mädchen nach Wannsee, um dort in einer gutgetarnten Fabrik feinen Draht auf Spulen zu wickeln. Danach durften sie sich am See, der in einem Sperrgebiet lag, nach Herzenslust austoben.

Auch Karten für die Theater, die wegen der nächtlichen Bombenalarme schon am Nachmittag begannen, sofern sie überhaupt noch spielten, bekamen sie zugeteilt und wurden sogar hin- und zurückgekarrt. Sie vergötterte das Ballett und man wußte, wie sehr sie es vermißte; deshalb war sie immer unter den Auserwählten. Sie lernte mühelos, war Kreissiegerin im Hochsprung, und es stand fest, daß sie ab Herbst Sportführerin des «Bundes deutscher Mädchen» an der Schule sein würde. Das ganze Jahr über hatte sie eigentlich nur drei echte Sorgen: Sie vermißte ihre Eltern sehr, und die häufigen, langen Briefe der Mutter steigerten ihre Sehnsucht nur noch; sie fürchtete sich zunehmend vor den Bombenangriffen, obgleich das Villenviertel, in dem das Internat lag, bislang verschont geblieben war; und immer stärker beunruhigte sie der eigene Körper.

Die Mutter hatte sie zwar beizeiten aufgeklärt. Trotzdem glaubte sie jedesmal, sie müsse sterben. Ihre Tage bekam sie zum ersten Mal mit sechzehn – der Schularzt schrieb dies lobend ihrer sportlichen Ertüchtigung zu –, und sie waren von immer heftigeren Schmerzen und stärkerem Blutverlust begleitet. Im Internat wäre es undenkbar gewesen, deshalb nicht zur Schule zu kommen. Die «Kuh» hätte es als eine Art Hochverrat angesehen. Denkt, Mädchen, an die deutschen Männer! Sie vergießen ihr Blut mit zusammengebissenen Zähnen für Großdeutschland – und auch für euch! Was hätte sie da wohl von der Tochter eines Mannes gehalten, der dem Vaterland Arm und Bein geopfert hatte.

Ihr Leiden wurde immer unerträglicher. Höchstwahrscheinlich war sie das einzige Mädchen in ihrer Klasse, das noch keine erotischen Erfahrungen gemacht hatte. Jede ihrer Mitschülerinnen, alles Töchter von Funktionären und Offizieren, die an allen Ecken und Enden des deutschen Europa Dienst taten, hatten schon eine flüchtige oder sogar ernste Bekanntschaft, meist aus den selben Kreisen stammend. Die «Kuh», von ihrer Moralpredigt zu Tränen gerührt, die deutsche Frau gebe sich dem deutschen Manne erst in der Hochzeitsnacht unberührt hin, hatte dafür auch praktisch gesorgt. Ihre Aufsichtsgewalt als Vorsteherin dieses weltlichen Klosters war allerdings nicht total: Den freien Sonntagnachmittag von zwei bis acht durften die Mädchen außerhalb des Internats verbringen.

Die jungen Männer in den feschen Uniformen aller Waffengattungen oder in modischen Knickerbockern ziviler Dandys, die ihre «Verlobten» oder «Cousinen» in geliehenen Autos zu geliehenen Wohnungen brachten, reizten Christine ebenso wie die Direktorin. Ihr war unbegreiflich, daß sich bisher noch kein einziger auch nur im geringsten für sie interessiert hatte. Und wenn die Mädchen in den verdunkelten Schlafsälen voreinander die Künste ihrer Liebhaber in allen Details priesen und die Gefühle, die diese in ihnen weckten, beschrieben, kam sie sich gedemütigt vor. Ihr wurde oft so übel, daß sie aufstehen und hinausgehen mußte.

Im Gemeinschaftswaschraum ließ sie dann das Nachthemd fallen und betrachtete sich im Spiegel. Obwohl sie sich für ganz hübsch hielt und hörte, wie so manche Kameradin das von ihr behauptete, fand sie immer weniger Gefallen an sich selbst, bis ihr Körper sie fast anekelte. Die unvermeidlichen Begleitumstände ihrer Körperlichkeit erschienen ihr wie ein Gebrechen, von dem allein sie gezeichnet war, und alle Welt wußte davon.

Dabei war die Sache doch ganz einfach: Ihre zunehmende Ratlosigkeit und Gereiztheit schufen eine Barriere, die sie von Vertraulichkeiten im voraus ausschloß, und der Nimbus des Vaters zwang die möglichen Verehrer noch dazu zur Vorsicht. Sie fand darin aber nur ihren Unwert bestätigt.

Im Mai dieses Jahres erlebte Berlin den bisher schlimmsten Luftangriff. Den Meldungen des Oberkommandos der Wehrmacht zufolge waren daran mehr als zweitausend anglo-amerikanische Bomber beteiligt. Das Stadtzentrum hörte auf zu existieren. Zwar gingen auch diesmal an der Peripherie in unmittelbarer Nähe des Internats keine Bomben nieder, doch hingen dichter Qualm und der Gestank nach schmorendem Asphalt und versengtem Menschenfleisch bald wie schwerer Nebel auch über dem Villenviertel. In den Stunden, die sie im Luftschutzkeller verbringen mußte, tat Christine, als schliefe sie, in Wirklichkeit aber betete sie verzweifelt.

Der Gott von Familie und Internat war selbstverständlich der Führer. Seine historische Mission, das natürliche Recht des deutschen Volkes auf Weltherrschaft zu verwirklichen, wozu die Vorsehung ihn berufen hatte, wurde tagtäglich durch das Blut von Tausenden von Feinden bestätigt. Diese Nacht im Luftschutzkeller aber, der nur noch fragwürdigen Schutz bot, wenn auch bei entfernteren Detonationen Staub und Mörtel von der Decke rieselten, schien den Führer der Deutschen zu überführen, weder unfehlbar noch unsterblich zu sein. In ihrer Todesangst wandte sich Christine seinem allmächtigen Vorgänger zu.

Die Eltern waren evangelisch und hatten auch die Tochter taufen lassen, im Jahre sechsundzwanzig war die Bewegung in dieser Hinsicht noch recht liberal und ließ positives Christentum gelten. Bald nach der Machtübernahme geriet der Vater in Rage, als die Kirche in der Sternstunde der Nation eine vage Position einnahm, ja sogar Rücksicht gegenüber den offenkundigen Volksfeinden verlangte. Die Familie trat geschlossen aus der Kirche aus.

Religionsstunden hatte Christine nur in der ersten und zweiten Klasse besucht. Bleibenden Eindruck hinterließ allerdings bei ihr die Geschichte vom Schöpfer, dem Allmächtigen, der für die Menschheit seinen einzigen Sohn opferte, um ihn dann vom Grabe auferstehen zu lassen und zu sich in den Himmel zu holen. Wann immer sie eine Statue oder ein Gemälde des Gekreuzigten sah, wuchs in ihr mit den Jahren ein sonderbares, ehrfurchtsvolles Vertrauen zu ihm heran. Hatte man ihr nicht bei der Taufe die weibliche Form seines Namens gegeben? Als nun das Internatsgebäude in seinen Grundfesten erzitterte, daß man meinte, es müßte jeden Augenblick wie eine Kinderburg aus Sand zusammenfallen, betete Christine zum Vater jenes Christus, er möge auch sie aus diesem Kellergrab erlösen. Sie wußte nicht, was sie mit dem Himmel anfangen sollte, und bat ihn flehentlich, sie den Eltern zurückzugeben.

Davon wagte sie dem eigenen Vater natürlich kein Wort zu schreiben, auch der Mutter nicht, weil sie wußte, sie würde bei ihm ein gutes Wort für die Tochter einlegen. Weder mit Zärtlichkeiten noch mit Kümmernissen hatte sie ihn jemals belästigt. Ihr Leben lang hatte sie sich innigst danach gesehnt, er möge sie ebenso schätzen wie sie ihn. Als ihr die «Kuh» einige Tage darauf verlegen mitteilte, sie müsse auf höhere Weisung das Schuljahr vorzeitig beenden und den Eltern ins Protektorat folgen, glaubte Christine fest, dieser Gott sei auch allwissend. Sie gelobte, die Botschaft der Barmherzigkeit an den ersten Nächsten weiterzugeben, der sie darum bitten würde.

Der erste Nächste wartete beim Pförtner und bat sie um Koffer und Tasche. In den Gesichtern der Kameradinnen, die sie zum Abschied begleiteten, las sie die neidvolle Bestätigung ihres eigenen Eindrucks, wohl nie zuvor einen so schönen jungen Mann gesehen zu haben. Der Offizier in der schwarzen Uniform, dessen Name sie in der Aufregung überhört hatte, mußte mindestens einsneunzig sein, er hatte eine Taille wie eine Ballettänzerin. Daß er trotzdem nicht weiblich wirkte, verdankte er den breiten Schultern, den kräftigen, wenn auch schmalen Händen und vor allem seinem Kopf.

Während die feine faltenlose Haut seine Jugend verriet und die hellblauen Augen die durch nichts getrübte Seele eines Kindes widerzuspiegeln schienen, war sein Gesicht eine Mustersammlung all dessen, was man üblicherweise als männlich bezeichnete. Die Stirn und die ausdrucksvollen Wangenknochen zeigten Intellekt an, Kiefer und Kinn strahlten Energie aus. Feines blondes Gekräusel lugte unter der Mütze hervor. Das Symbol des Todes darauf verlieh seiner Erscheinung eine unirdische Wirkung. Christine erschien es, als habe der liebe Gott ihr einen seiner Cherubim gesandt.

Er bat sie um Verständnis, daß er als Wagenkommandant vorn sitzen müsse, und das war alles. Die belanglosen Fragen, mit denen sie anfangs ein Gespräch anzuknüpfen versuchte, beantwortete er einsilbig. Vaters Fahrer fühlte sich indes verpflichtet, sie mit einem Schwall von Nichtigkeiten zu überschütten, und sein Geschwätz war genauso langweilig wie die Landschaft rechts und links der Autobahn. Beleidigt beschloß sie so zu tun, als schliefe sie. Und schließlich fiel sie, von all den Eindrücken mitgenommen, in einen echten, tiefen Schlaf.

Jetzt spürt sie, wie der warme Duft und die eintönige Melodie der Grillen sie wieder betäuben. Gleichzeitig nimmt sie wahr, daß ihr der Bauch nicht mehr weh tut, der gerade heute morgen zu schmerzen anfing. Eine Woche zu früh, wahrscheinlich vor lauter Aufregung. Im letzten Moment ging sie ins Haus zurück, um sich noch rasch zu versorgen. Sie kannte sich und hatte keine Ahnung, wie sie die lange Fahrt überleben würde. An der Pförtnerloge jedoch stand der blonde Offizier, und Christine wird jetzt mit einem Mal klar, daß sie von jenem Augenblick an die Schmerzen los war.

Schrill pfeift eine Lokomotive, und gleichzeitig ertönt das Stakkato der Dampfstöße. Irgendwo ganz in ihrer Nähe kommt ein schwerbeladener Zug in Fahrt. Ihre Berliner Wohnung hatte am Anhalter Bahnhof gelegen. Der Vormieter, ein Rechtsanwalt, Jude wahrscheinlich, der aus gutem Grund rechtzeitig auf und davon war, hatte sie mit Holztäfelung und gepolsterten Türen ausstaffieren lassen und mit massiven Möbeln eingerichtet. Christine fühlte sich durch all das eingeengt, verliebte sich aber bald schon in den Ausblick von ihrem Balkon auf die Schienenstränge, die sich aus der riesigen Halle wanden. Züge schläferten sie ein und weckten sie auf. Eine sie immer wieder von neuem erregende Erscheinung waren die Perlenketten der leuchtenden Waggonfenster. Sie schienen von dem über der Großstadt sich wölbenden Nachthimmel herabzuschweben, um dann wieder zu ihm aufzusteigen. Im Krieg erloschen die Lichter.

Als sie im letzten Vorkriegsjahr auch in der Oberprima lauter Einsen hatte, machte ihr der Vater ein wunderbares Geschenk: Sie durfte mit der Mutter in die Ferien an der See bis Stralsund Erster Klasse fahren. Der schwere Duft von Plüsch und das helle Klirren der silbernen Tabletts, auf denen ihnen ein befrackter Ober das Frühstück im Coupé servierte, begleiteten sie bis heute.

Voriges Jahr sollten die Mädchen einen Aufsatz schreiben, wie sie sich den Frieden vorstellten. Die Palette der Wünsche, inspiriert meist von den Schilderungen der Eltern, reichte vom Diner im Pariser Maxim über ein Feuerwerk am Berliner Funkturm bis zu einer Modenschau mit Astrachan-Pelzen in Moskau. Christine erntete Erfolg für ihre Idee, in einem nicht mehr verdunkelten Zug durch das wieder strahlende Europa fahren zu können. Erster, versteht sich. Jeder Zug schien ihr der Bote einer herrlichen weiten Welt zu sein, die ihrer harrte.

Jetzt war diese Welt von Fronten zerrissen, ihren Balkon gab es nicht mehr, und Christine fand nicht den Mut, sich die Trümmer ihres einstigen Zuhause anzuschauen. Ausgerechnet die häßlichen Möbel hatte die Mutter mitgenommen, nun standen sie hier wieder herum. Die Lokomotive war in Fahrt gekommen und schnauft ganz in der Nähe vorbei. Falls es keine durch einen günstigen Wind hervorgerufene akustische Täuschung war, mußte die Bahnstrecke unmittelbar hinter dem Festungswall verlaufen. Christine freut sich darauf, gleich morgen mit einem Buch in der Hand auf den Wall zu klettern, im weichen Gras zu sitzen, zu lesen und den Zügen nachzuwinken.

Ihr fällt eine Bemerkung des Vaters beim Abendessen ein über die Grenze des privaten Sektors der Festung, an der eine streng bewachte Zone beginnt. Noch hat sie jedoch die kleinen Gestalten der fleißigen Schnitter vor Augen. Die Wälle aus Maria Theresias Zeiten können doch heutzutage keinen militärischen Wert mehr haben – und falls doch, dann wird sie sich eben einen Fußbreit davon zum Geburtstag wünschen.

Ein Gefühl von Glückseligkeit erfüllt sie: Wenn sie übermorgen aufwacht, wird sie achtzehn sein. Diese Zahl, obwohl sie ihr eigentlich nur die Tür zu Filmen für Erwachsene öffnet, erscheint ihr schon lange wie der Schlüssel zu einer Schatzkammer. Von deren Kleinodien hat sie nur verschwommene Vorstellungen, aber sie ist fest überzeugt, mit achtzehn werde ihr etwas ganz Großes begegnen. Sie lächelt in die Dunkelheit hinaus und zählt, wie sie es gewohnt ist, die Waggons, die wie mit eisernem Stempel die nächstliegenden Schienenverbindungen markieren. Siebenundvierzig. Sie addiert die beiden Ziffern: Sieben und vier sind elf. Sie addiert weiter: Eins und eins ist zwei. Ihre Glückszahl!

Der unsichtbare Zug verstummt endlich, doch über die nächtliche Stille, die nun wieder vom knarrenden Zirpen erfüllt ist, legt sich ein neues Geräusch. Das Gästezimmer befindet sich an der Schmalseite des Hauses. Erst jetzt bemerkt Christine, daß über der hohen Sträuchergruppe fast am Fuß des Festungswalls ein Turm ragt. Er sieht wie eine hohe, breit gespreizte Leiter aus, auf der ganz oben ein Brett balanciert. Eine Gestalt klettert die Sprossen empor.

Der Himmel ist sternenübersät, aber mondlos. Entweder ist der Mond noch nicht aufgegangen, oder er kreist auf einer anderen Bahn, oder, Christine weiß es nicht genau, es ist gerade Neumond. Irgendwo auf einem anderen Wall, den sie von ihrem Fenster aus nicht sehen kann, müssen starke Lampen strahlen. Ehe sie eine Erklärung dafür findet – aus Berlin kennt sie kein strengeres Gesetz als die Verdunkelung – erkennt sie über ein halbes Hundert Meter hinweg hellblondes Haar und auch die hohe, schlanke Figur. Ohne Zweifel – er!

Als er sich auf das Brett schwingt, wird noch deutlicher, wie groß er ist. Seine Haut schimmert vor der dunklen Steinmauer. Plötzlich weiß Christine, er ist nackt. Sie erzittert. Ihre Hände, noch immer regungslos gekreuzt, beginnen sich zu bewegen. Sie streichelt leicht ihre Brüste und erlebt, wie sie sich spannen. Eine seltsame Empfindung durchfährt ihren Unterleib. Sie kriegt Angst, der Schmerz könnte von neuem ausbrechen, spürt aber nur ein ungewohntes Vibrieren. Es erregt sie genauso wie einst der geheimnisvoll phosphoreszierende Stab, mit dem Mutters Friseuse ihr die Kopfhaut massierte.

Der junge Mann betritt das schwankende Brett. Fast hätte sie aufgeschrien vor Angst, er werde umkippen und in die Tiefe stürzen. Sie sieht ihn sich federnd vorwärtsbewegen, wie sie es vor dem Krieg im Circus Busch bei den Lipizzanern bewunderte, und sie ertappt sich bei dem Gedanken, er könnte wirklich fliegen. Er nähert sich nun dem Rand des Brettes, das auf jeden seiner Schritte mit immer stärkerem Schwingen reagiert, geht auf die Zehenspitzen, stößt sich ab, steigt kerzengerade nach oben, knickt aber plötzlich in der Hüfte ab und fällt durchgestreckt senkrecht nach unten. Christine hört, wie der Körper den Wasserspiegel bricht.

Der Druck auf der Brust zwingt sie, die Arme zu öffnen, und im gedämpften Widerschein der unsichtbaren Lampen sieht sie auf der Haut dunkle Abdrücke ihrer Finger. Die Angstsekunde hat das wohlige Gefühl weggeschwemmt. Aber die Spannung in ihr bleibt. Sie lauscht dem gleichmäßigen Platschen des Wassers, nur dann unterbrochen, wenn der Schwimmer wendet. Sie zählt – sie zählt insgeheim, weil sie sich für ihre Abergläubigkeit schämt, alles auf der Welt – kommt immer wieder auf elf. Sie selbst schwimmt Wettkämpfe und vermutet dann, daß hinter der Wand aus Sträuchern ein Fünfundzwanzig-Meter-Becken liegen muß.

Christine will auf das Fensterbrett steigen, vielleicht sieht sie dann mehr. Mit einem Knie schon auf dem Sims, erstarrt sie. Jemand schleicht unter dem Fenster entlang, offenbar bedacht, ungesehen zu bleiben. Statt den Weg zu nehmen, der sich vom Herrenhaus zum Schwimmbecken um die Sträucher windet, zieht die Gestalt geradenwegs dorthin, mitten durchs aufgeschossene Gras, das noch auf die Sense wartet. Eine Frau in einer Art geblümtem Kimono. Er paßt sich der Umgebung besser an als jeder Tarnumhang.

Christine beobachtet, wie die Frau den Stoff rafft, damit der Tau ihn nicht benetzt, und es sieht beinahe so aus, als schwebte sie. Bei den Sträuchern hält sie inne, schaut zurück zum Herrenhaus. Christine zwingt sich, nicht ins Zimmer zurückzuspringen. Regungslos verharrt sie auf dem Knie, sie vertraut dem dunklen Hintergrund. Und wenn sie sich auch täuscht: Hier ist jetzt ihr Zuhause, und sie hatte schon vorher am Fenster gestanden! Die Unbekannte löst sich in den Sträuchern auf.

Kurz darauf verstummt das Peitschen des Wassers. Lautes Plätschern verrät, daß sich der Schwimmer auf den Beckenrand geschwungen hat. Das Lärmen der Grillen schafft eine Schallwand, die entfernte Worte nicht durchbrechen. Was sollte es dort schon zu reden geben? Er ist nackt, und sie hatte auch nicht wie eine Nonne ausgesehen. Christine versucht, sich die Zärtlichkeiten vorzustellen, die da getauscht werden, doch nichts von den Beschreibungen, die sie im Dunkel des Internatsschlafraums hatte anhören müssen, will zu ihm passen. Wie liebt wohl ein SS-Engel? Ach, zum Teufel mit ihm!

Sie kennt ihn ja gar nicht, und auf der Fahrt hatte er es geschafft, daß sie vor Langeweile eingeschlafen war. Sie kennt auch die Frau nicht und hat nicht das geringste Recht, Anspruch auf ihn zu erheben, noch weniger einen Grund, sich seinetwegen zu grämen. Doch das geahnte Bild des Paars, das sich ganz in ihrer Nähe umarmt, lockt wieder ihre Zweifel herbei. Christine leidet.

Selbstmitleid überkommt sie, und sie springt ins Zimmer zurück. Am liebsten würde sie das Fenster zuknallen, damit die beiden wenigstens erschreckten, dann die Vorhänge zuziehen und sich in ihr gutes altes Bett, dessen Häßlichkeit ihr plötzlich ganz vertraut vorkommt, hineinkuscheln, mit jenem noch immer vertrauten Freund, der ihr von klein auf Scham, Ängste und Unsicherheiten nimmt – ein Buch. Im Bücherschrank des Vaters hatte sie nach dem Essen die «Jugend» von Max Halbe entdeckt, die sie schon mit vierzehn lesen durfte. Damals war sie in ohnmächtige Wut auf den erbarmungslosen Kaplan geraten, was der Vater vielleicht sogar erreichen wollte. Wie wird es ihr jetzt damit ergehen?

Da sieht sie: Lautlos eilt ein hoher Schatten den Weg vom Becken zum Haus entlang, um den Hals ein Handtuch, um die Lenden eine enge Badehose, deren Farbe mit der sonnengebräunten Haut verschmilzt und für die optische Täuschung sorgte. Auf dem Kopf trägt er seine Mütze, in der Hand die schwarze Uniform und die Stiefel. Hinter der Hausecke rasselt ein Schlüsselbund, eine schwere Tür fällt zu. Sie wohnt mit ihm unter dem selben Dach!

Sie verharrt noch ein paar Minuten. Die Frau kommt nicht. Nun erscheint plötzlich der Mond, unvergleichlich größer und klarer als in Berlin, satt orangenfarben. Zufrieden sieht Christine, daß ihm zum Vollmond noch eine schmale Sichel fehlt, dünn wie Apfelsinenschale. Die hebt er sich zu ihrem Geburtstag auf!

Mit einemmal sind die trüben Gedanken weg. Sie will jetzt nicht mehr lesen und entschließt sich, bei offenem Fenster zu schlafen. Sie legt sich auf die Bettdecke und betrachtet in der hellen Finsternis ihren Körper. Er braucht das Sonnenbad, beschließt sie, hat er erst seine mehlige Blässe verloren, würde er gar nicht so übel aussehen. Als sie die Augen schließt, vernimmt sie leise Töne. Was? Eine Orgel mit «Lili Marleen» ...? Dann glaubt sie, eine Mundharmonika zu hören. Mit ihrem letzten Gedanken nimmt sie wahr, daß sie trotz geschlossener Augen lächelt. Bin ich denn etwa glücklich? wundert sie sich. Aber warum ...?

II

Zur gleichen Zeit

Gertrud zieht sich aus. Die schweren Mahagonimöbel in diesem steinernen Haus mit den kleinen Fenstern engen auch sie ein. Schon damals, als sie ihnen samt der Wohnung am Anhalter Bahnhof zugeteilt wurden, hatte sie Karl vorgeschlagen, das Zeug zu verkaufen und sich dafür eine modernere Einrichtung aus Metall anzuschaffen. Ihr überkorrekter Gatte jedoch sah in dem Bestand Reichseigentum, das ihm nur von Dienst wegen zur Verfügung gestellt wurde. Dieses Argument benutzte dann sie gegen ihn, als sie feststellte, daß ihre künftige Wohnung in dieser Festung an eine Mannschaftsunterkunft oder eine Sammelstelle leerer Flaschen erinnerte. Der Vorgänger ihres Mannes hatte sich in Trunkenheit auf der Treppe das Genick gebrochen.

Sie ahnte, daß Karli hierher kommandiert worden war, um die Belegschaft eines Augiasstalls in eine vorbildliche Eliteeinheit des Führers zu verwandeln, und dabei wollte sie ihm behilflich sein. Das war ihm natürlich gelungen, noch bevor der Lastwagen aus Berlin die Sachen brachte, auf die er gut hätte verzichten können. Bereits in den ersten sieben Tagen, als er Tag und Nacht wie ein Geist in der Küche, der Kantine, den Lagerräumen, in den Zellen und auf den Außenarbeitsstätten der Gefangenen, auf den Wachtürmen sowie in den Schlafstätten von Mannschaft und Unteroffizieren auftauchte und nebenbei von den Wällen aus, selbst unsichtbar, mit dem Feldstecher jede Bewegung in allen Höfen beobachtete, stellte er siebzehn Männer für die Front frei. Am achten Tag hätte auch die strengste Kontrolle nicht die geringste Laschheit feststellen können.

Gertrud, die sich aus eigenem Antrieb um die hier lebenden Frauen zu kümmern begann, erfaßte sofort, daß hier nicht ein leidenschaftliches Verlangen, dem kämpfenden Vaterland nützlich zu sein, die Ursache für raschen Erfolg war, sondern vielmehr reine Angst. Sie versuchte deshalb, auch den Frauen ein paar der kleinen Freuden des Lebens zu vermitteln, die sie mit ihrem Mann genoß. Die ursprüngliche Einrichtung des Herrenhauses, das irgendeiner tschechoslowakischen Militärverwaltung gehörte, war teils verschwunden, teils verkommen. Die Frauen der Berufssoldaten, die zum größten Teil in den Baracken beim Tor wohnten, teilten die tristen Verhältnisse der Männer und verdarben ihnen die ohnehin schon miserable Laune nur noch mehr.

Als die Möbel aus der Berliner Wohnung ankamen, war der Kommandant verblüfft über die Wirkung. Das erste Kaffeekränzchen, zu dem Gertrud alle zwanzig Frauen seiner Untergebenen eingeladen hatte, kam einer Mustermesse gleich. In den nächsten Wochen wurde die Festung Ziel von Militärlastern und Möbelwagen, die heranschafften, was die einstweilig verlassenen Wohnungen in der Heimat hergaben, was Eltern und Verwandte beisteuerten, die Altmöbelhändler und die Wehrmachtslager, wo man billig Sachen aus Kriegsbeute erstehen konnte. Mit den Stücken von zu Hause schien auch familiärer Geist Einzug zu halten. Die Frauen, Staublappen schwingend und Kissen stickend, wie sie es bei Gertrud bewundert hatten, gaben ihren Männern die Hoffnung wieder, ihr grausames Handwerk würde nicht ewig dauern.

Ein Volltreffer war Gertruds Idee mit der Schule. In der Festung lebten zwei Dutzend Kinder zwischen sechs und elf, die erst danach auf Internatsschulen kommen konnten, sofern im Reich noch welche die Bombennächte überstanden. Mit den Sprößlingen der Offiziere und Beamten im nahen Ghetto fuhren sie täglich in die Kreisstadt Leideneritz, wo sich ihrer an die fünfzig in einer Klasse drängelten.

Die erste Dame der Festung wartete nicht ab, bis die zuständige Kommandantur ihren Vorschlag billigte oder eher ablehnte. Als sie von Köpcke, Karlis Fahrer, erfuhr, seine Schwester sei Lehrerin, eine Kriegsbraut, die ihren Mann auf dem Balkan einen Tag früher verloren hatte, als sie ihm in Mannheim durch Ferntrauung verbunden worden war – diesem Schicksalsschlag trotzte sie mit der Entscheidung, die Trauung als vollzogen zu betrachten –, nutzte Gertrud augenblicklich den Umstand, daß seit kurzem auch Familienangehörige Gefallener hier wohnen durften. Und als die Mütter sahen, daß die schwarzgekleidete Kriegswitwe, durchaus imstande, eine anspruchsvolle Einklassenschule zu leiten, außerdem noch Klavier-, Geigen- und Flötenunterricht gab, legten sie gern das Geld für ihren Unterhalt zusammen. Schließlich gab sogar das deutsche Schulamt im Protektorat seine Zustimmung und einen Zuschuß. Daß die Gattin des Kommandanten, deren Tochter in Berlin studierte, all das organisierte und gemeinsam mit ihnen dafür aufkam, steigerte ihre Beliebtheit. So genoß sie in den Augen der Frauen einen Rang, vergleichbar dem ihres Gatten.

Der Kommandant verstand gut, was Gertruds Tätigkeit für seine eigene bedeutete, und ihr war klar, daß er es wußte, auch wenn er ihr kaum einmal anders als mit einem flüchtigen Kopfnicken dankte. Sie fragte nie nach seinem Dienst, das kam für sie als Frau eines deutschen Offiziers gar nicht in Frage. Von selbst erwähnte er seine Aufgaben nur, wenn sie entscheidend Interessen der Familie berührten. Dieses Mal aber erschöpften sie ihn zusehends, denn er hatte bei jedem Schritt und jeder Geste mit den Folgen seiner Verstümmelung zu kämpfen.

Nicht einmal jetzt, als er sich neben sie ins breite Ehebett legt, erlaubt er ihr, ihm die beiden Prothesen abzunehmen. Er erledigt das, den Rücken ihr zugewandt, wie jeden Abend so geschickt selbst, daß sie auch nach einem Jahr deren Mechanismus noch nicht begriff. Auch dieser Rücksichtnahme wegen liebt sie ihn. Zugleich ist das aber der Ausdruck seiner Unerbittlichkeit, die er sich und anderen abverlangt, und Gertrud wird manchmal ganz bang bei dem Gedanken, diese Härte könnte jemals auch sie treffen. Zum Glück beweist ihr aber jede neue schweigende Umarmung, wie leidenschaftlich er sie begehrt.

Heute ist es genau eine Woche her, daß sie den Mut faßte, ihn zu bitten, einen Weg zu finden, wie man Christine aus dem jetzt nahezu täglich bombardierten Berlin hierherbekommen könnte. Er beugte sich gerade zum linken Schenkel hinab, als er ihre Frage mit einer anderen beantwortete.

«Wann ist Schulschluß?»

«In drei Wochen ...»

«Wie kann sie dann früher weg?»

«Ich hab’ dir doch ihren Brief vorgelesen. Man hat sie bereits benotet, vorsichtshalber ...»

«Aha ... Warum läßt man sie dann nicht von sich aus heim?»

«Angeblich, um kein schlechtes Beispiel zu geben. Deshalb hält man die Kinder dort, obwohl sie so gut wie keinen Unterricht mehr haben. Begreifst du das?»

«Ja.»

«Karli, wenn sie wenigstens Verwundete pflegen dürften, oder was weiß ich, aber die haben Angst, weil es dort so viele Prominentenkinder gibt, und so läßt man sie lieber Tag und Nacht im Keller hocken. Das findest du richtig?»

Er war fertig und schlüpfte so geschickt unter die Decke, daß der halbleere Ärmel und das halbleere Hosenbein vom vollen nicht zu unterscheiden waren. Mit der gesunden Rechten knipste er das Nachttischlämpchen an, nahm Gustav Schwabs «Sagen des Klassischen Altertums» zur Hand und öffnete das dicke, schwere Buch, wo er unterbrochen hatte, mit dem Daumen, mit dem er geschickt umblättern konnte. Dabei schaute er Gertrud an.

«Nein, ich würde sie natürlich zu Verwundeten schicken oder Trümmer wegräumen lassen. Wenn das ganze Volk unter totalem Einsatz aller Kräfte um Sein oder Nichtsein kämpft, gelten andere Gesetze als in normalen Zeiten. Ich meine auch das Gesetz der Ehre, das vor allen Dingen.»

Er begriff, wie sehr er sie verletzte und wollte sie aufmuntern.

«Glaub ans Schicksal, Trudl, das war mir in Rußland gnädig und hat euch beide rechtzeitig vom Anhalter Bahnhof weggebracht!»

Sie überhörte es.

«Karli, deine Ehre war immer auch die meine, das kannst du nicht anders sagen. Aber Christine schreibt, ein gutes Drittel ihrer Mitschülerinnen ist bereits abgefahren. Immerhin sind es doch zukünftige Mütter, ohne die Deutschland seine Verluste nicht ersetzen kann. Welcher Ehre würde sie wohl dienen, wenn sie in einem Keller verschüttet ist? Wenn du schon nicht als Vater fühlen willst, dann denk wenigstens über deine Pflichten als Deutscher nach!»

Er hatte die aufgeschlagene Seite vor Augen, auf der es um die zweite Niederlage der Griechen vor Troja ging, blickte aber Gertrud an, als entdeckte er etwas Neues an ihr. Auf einmal klappte er den Band zu und legte ihn auf den Nachttisch.

«Du magst recht haben. Vielleicht sind es nur noch die bekannten Krämpfe von Fanatikern, die höchstwahrscheinlich vielmehr käuflich sind. Christine nützt Deutschland als Mutter am meisten, da bin ich deiner Meinung. Aber was soll sie denn hier anfangen?»

«Sie wäre einfach bei uns ...»

«Denk mal daran, wie es dir die ersten Tage hier erging! Ich bin Soldat, erfülle hier meine Pflicht, trotzdem sind meine Gefühle nicht abgestorben. Ich bin ein Mensch geblieben, für den nicht einmal eine gerechte Maßnahme an Grausamkeit verloren hat. Bist du hier glücklich?»

«Ja. Weil ich bei dir sein kann.»

«Weich nicht aus! Du bist bei mir, sorgst für mich, für die Frauen und die Schule, du solltest zufrieden sein und mit einem guten Gewissen einschlafen. Weshalb betest du dann?»

«Ich ...»

«Du betest. Ich habe schon mehrmals beobachtet, wie sich deine Lippen im Dunkeln bewegten. Für wen betest du?»

«Für Christine ...»

«Und für mich nicht?»

«Doch ...»

Er wandte den Kopf zum verdunkelten Fenster.

«Und für die dort vielleicht auch?»

«Karli!»

«Warum nicht? Das sind doch auch menschliche Wesen. Gottlob hast du an meiner Seite erlebt, wozu der Feind fähig ist. Diese Erfahrung fehlt Christine. Du hast es verstanden, und das werde ich dir niemals genug danken können, daß sie auch in so schweren Zeiten eine schöne Kindheit erlebte. Gut, ich habe dabei geholfen, aber ich mußte andere für mich sprechen lassen, die Dichter. So bin ich nun mal, ich rede eben nicht viel. Von dir hat sie alle ihre Musikalität! In ein, zwei Jahren muß der Krieg vorbei sein, der Führer hat mit seinem Rückzug die Russen in eine Falle gelockt und auf preußischem Boden ihren westlichen Verbündeten gleichzeitig klargemacht, daß auch sie an Europas Schicksal denken müssen, das heute nur Deutschland verteidigt. Ich weiß, wir werden bald die Vergeltung erleben, die vernichtenden Geheimwaffen. Du zweifelst doch nicht an unserem Sieg?»

«Nein! Aber was hat das mit ...»

«Trudl, wir sollten uns darum kümmern, daß unsere Tochter ihn ohne Schrammen an der Seele erlebt, die wir beide an uns erfahren haben.»

«Ich bete schon dafür, daß sie am Leben bleiben darf.»

«Schau dir den Weißmüller an! Der ist ein paar Jahre älter als Christine. Willst du vielleicht, daß sie so wie der überlebt?»

«Er macht den Eindruck eines wohlerzogenen, zuverlässigen jungen Mannes ... Was ist los mit ihm?»

Sie war verblüfft. Eigentlich war es das erste Mal seit jenen längst vergangenen Zeiten, als die Bewegung in den Anfängen stand und sie beide endlose Gespräche über alles und jeden führten, daß er einen seiner Mitarbeiter erwähnte. Und sogar fortfuhr.

«Ja, er ist zuverlässiger als der Grube, aber gerade seine Erziehung jagt einem Angst ein. Was ich aus Überzeugung tue, aus dem Bewußtsein erkannter Notwendigkeit, tut er aus Fanatismus.»

«Der Führer sagt, Fanatismus ist Ausdruck des höchsten Patriotismus.»

Sie bekam keine Antwort.

«Stimmt das etwa nicht?»

Mit der gesunden Hand zog er die Bettdecke bis ans Kinn. Er schaute vor sich hin.

«Ich habe weder Rang noch Bildung, um mit dem zu streiten, der gerade jetzt der Welt eine neue Dimension eröffnet und dem Leben einen neuen Sinn gibt. Aber ich bin mir sicher, daß er damit nicht Fanatismus meinte, dessen Quelle blinder Gehorsam ist, der leicht gegen das eigene Volk und die eigene Rasse mißbraucht werden kann!»

«Was hat Christine damit zu tun?»

«Weißmüller wird vom Geist dieser Festung geformt, weil er noch keine andere Erfahrung gemacht hat. Während für mich Härte gegenüber dem Feind das äußerste Mittel im Kampf für unsere Ideale ist, bedeutet es für ihn das Ziel. Was ich als schicksalhaft unerläßlich ansehe, was ich in Demut und in der Zuversicht ausführe, das kommende Glück meines Volkes möge es reinwaschen, ist für ihn nur Handwerk, reines Handwerk. Es scheint, als machte ihm das sogar Spaß.»

«Was tut Weißmüller hier eigentlich ...?»

«Lassen wir das!»

Sein schroffer Ton überraschte ihn selbst, und er sprach wieder besänftigend.

«Verzeih ... Mir ist bei dem Gedanken, Christine sollte in diesen Mauern leben, einfach nicht wohl.»

Der Apparat auf dem Nachttisch klingelte. Stellvertreter Grube meldete, einige Bomberverbände seien angekündigt, die von Nürnberg nach Nordosten abdrehen; er habe bereits befohlen, die Scheinwerfer abzuschalten, und die üblichen Maßnahmen veranlaßt. Der Kommandant gab sich einverstanden und kurbelte ab. Die scharf abgerichteten Schäferhunde begannen zu bellen, von den Hundeführern auf den Wall gebracht, um mit ihrem Spürsinn das erloschene Licht zu ersetzen. Gertrud wußte Bescheid.

«Sind sie wieder unterwegs?»

«Ja.»

«Viele?»

«Zwei oder drei Verbände.»

Beide wußten, daß dies eine beliebte Himmelsschiene der Anglo-Amerikaner Richtung Berlin war. Vater und Mutter dachten an die Tochter. Das gab ihr neue Kraft.

«Karli, wenn uns je etwas gelungen ist, dann ihre Erziehung. Ich werd’ ihr hier nähen beibringen, kochen ...»

«Gertrud!» Wie immer, wenn er die Geduld verlor, nannte er sie beim vollen Namen. «Sie liebt Musik und Tanz. Dort kann sie zumindest ins Theater und ins Ballett gehen.»

Ihr Gespür sagte ihr, daß sie ihm diesmal überlegen war, und sie ließ nicht locker.

«Wegen uns beiden mußte sie die Ballettstunden aufgeben! Warum sollte sie eigentlich gerade hier nicht weitertanzen?»

«Soll Köpckes Schwester sie unterrichten? Und auftreten wird sie mit dem Kinderhort?»

«Darüber hab’ ich mir schon Gedanken gemacht, Karli ... Erinnerst du dich, wie Kolatschek kürzlich geprahlt haben soll, wie viele berühmte Künstler er dort hat? Behauptete er nicht, sein Casino im Ghetto steht der Berliner Oper in nichts nach? Grube hat das doch erzählt!»

«Na, und ...?»

«Und wenn du den Kolatschek anrufen würdest?»

«Warum sollte ich den anrufen ...?»

«Damit er uns einen Tanzlehrer borgt!»

Er richtete sich im Bett auf wie damals, als sie ihn im Lazarett besuchten.

«Mit dem Kolatschek will ich privat überhaupt nie etwas zu tun haben!»

«Warum denn?»

Er zögerte. Dann versuchte er, seinen Einwand zu umschreiben.

«Seine und meine Aufträge sind von absolut unterschiedlicher Natur.»

«Mag sein. Ihr dient aber beide derselben Sache, nicht wahr?»

Daran hegte er ernsten Zweifel, er hatte ihn nur bisher sich selbst gegenüber nicht präzisiert. Es war sein Grundsatz, daß in der Festung, für die er verantwortlich war, auch gegenüber den erbittertsten Gegnern das Gesetz eingehalten werden mußte. Ihm schien, als herrschten dagegen jenseits des Flusses die Gesetze des Dschungels. Er registrierte sehr wohl, was über die Zusammenstellung der Transporte für den Mitternachtszug gemunkelt wurde, der die wechselnden Ghettobewohner in einer Umsiedlungsaktion jetzt täglich irgendwohin nach Polen brachte. Dabei sollte es wiederholt zu Gewalttätigkeiten, Bestechungen und vielleicht sogar zu Diebstahl am persönlichen Eigentum der Aussiedler gekommen sein. Kleinburger wartete nur auf die nächste Inspektion aus Berlin, um mit ihr ein offenes Wort zu reden. Er war überzeugt, daß die da droben von hier gezielt falsch unterrichtet wurden. Es ging doch in erster Linie, sagte er sich, nicht um das Wohl und Wehe der Juden, sondern um die eigene Sache.

Das Ghetto wurde in einer ehemaligen Garnisonsstadt der Donaumonarchie errichtet, deren militärische Geometrie und ausgeklügelte Befestigungen dem neuen Zweck vortrefflich entsprachen. Leider übertraf die Anzahl der jetzigen unfreiwilligen Einwohner den Stand der damaligen Besatzung und deren Familien um ein Mehrfaches. Die eigentliche, gewaltig wirkende, wenn auch viel kleinere angrenzende Festung fand wiederum eine besondere Verwendung. In den alten Kasematten hatten diverse Sicherheitsämter Gefangene untergebracht, deren Verurteilung noch bevorstand, und auch ehemalige politische Prominenz aus den besetzten europäischen Ländern, sofern diese irgendwann noch einmal nützlich sein könnte. Im sogenannten vierten Hof erwarteten die bereits Verurteilten ihren Tod.

Die Meinung des Festungskommandanten über die Judenfrage entsprach der niedrigen Nummer seines Parteibuchs. Er kannte den Führer persönlich noch aus frühen Münchner Zeiten. Nach dessen Verurteilung im Jahre 1923 war er wiederholt als geheimer Kurier nach Landsberg gefahren, um von sympathisierenden Wärtern neue Seiten seines Buches «Mein Kampf» zu übernehmen. Er war grenzenlos stolz darauf, ihr erster Leser zu sein, und verschlang die Blätter immer begieriger. Einige Sätze prägten sich für immer und ewig in sein Gedächtnis ein. Zum Beispiel, wie genial einfach der Führer im Kapitel «Volk und Rasse» das Judenproblem erläutert hatte.

«Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin ... Es wird nie ein Fuchs zu finden sein, der seiner inneren Gesinnung nach etwa humane Anwandlungen Gänsen gegenüber haben könnte, wie es ebenso auch keine Katze gibt mit freundlicher Zuneigung zu Mäusen.» Und weiter: «Bei jeder Blutsvermengung des Ariers mit niedrigeren Völkern kam als Ergebnis das Ende des Kulturträgers heraus!»

Karl Kleinburger war völlig einverstanden mit der Zügelung einer Rasse, die die Wirtschaftskrise und bereits zwei Weltkriege auf dem Gewissen hatte. Er war jedoch zutiefst überzeugt, daß die gerechte deutsche Sache von keinerlei Unrecht befleckt sein dürfe. Und Kolatschek kümmerte sich einen Dreck darum.

Gertrud unterbrach ihn in seinen Gedanken.

«Karli, wir sind schon über zwanzig Jahre zusammen, und ich erinnere mich nicht, dir irgendwann Schwierigkeiten gemacht zu haben. Deine Grundsätze hab’ ich immer respektiert, auch dann, wenn ich sie nicht verstanden habe. Ich weiß nicht, was du mit diesem Kolatschek hast, aber überlege bitte, was dagegen spricht, Christine nicht diese kleine Freude zu machen für all die großen, die sie uns schon gemacht hat. Ihre erstaunliche Gelenkigkeit und Ausdauer hat sie wieder von dir. Wenn sie sich aufs Tanzen konzentrieren kann, wird sie auf keine dummen Gedanken kommen. Schatz, in einer Woche haben wir doch beide Geburtstag. Schenk mir sie und ihr die Tanzstunden ...!»

Bevor er noch antworten konnte, hörten sie, wie zuerst fern in Leideneritz und im Ghetto und kurz darauf auf dem Turm über dem Festungstor die Sirenen ertönten, jenes wild heulende Glissando des Alarms. Der Kommandant hatte sich im Verborgenen bereits seine Prothesen angeschnallt. Dann schaltete er das Licht aus, schob die dichte Gardine beiseite und öffnete das Fenster.

Die dunklen Mauern der Festung verschmolzen mit dem sternenlosen Himmel. Die Sirenen verstummten. Die Erregung der Hunde wurde durch das ferne Bellen der Flak gesteigert. Und als setzten die Kontrabässe eines großen Orchesters ein, nahm das dumpfe Geräusch einer gewaltigen Luftarmada zu, bis es alles andere übertönte. Kleinburger mußte sehr laut sprechen.

«Gut, Trudl. Den Stein der Weisen hab’ ich nicht gefunden. Versuchen wir’s.»

Nun liegt er wieder neben ihr, ihr Karli. Die heutige Nacht ist ruhig, eine Nacht der Grillen und des betörenden Dufts von welkendem Gras, im Lichte der starken Scheinwerfer glitzern wieder die Blätter der Linden, als sei der Wasserspiegel bis zu den Fenstern angeschwollen. Der Krieg ist weit, und vor dem Wüten einheimischer Feinde schützen sie mächtige Festungswälle. Unter dem Dach des Herrenhauses schläft ihre Tochter, ein Kind der Liebe, die nicht einmal zwanzig Jahre, eins schwerer als das andere, abzustumpfen vermochte.

Gertrud sieht sich im Alter ihrer Tochter, sieht sich wieder in Mutters Dirndl, wie sie die Last der Maßkrüge zum Tisch trägt, wo sie der freudige Lärm fröhlicher Burschen empfängt – ihren Dienst als Störtrupps der roten Maiumzüge hatten sie gerade hinter sich –, und einer, der einzige ohne die Hakenkreuzarmbinde, dafür in zugeknöpfter Jacke und mit gestärktem Hemdkragen, als sei er aus der Kirche gekommen, läßt immer, wenn sie mit den schweren Krügen kommt, kein Auge von ihr, sagt als einziger kein Wort, und als sie sich wieder einmal ihrer Last entledigt hat, die erste, zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste Maß, ach Gott, sieben sind’s ja, und gerade er hat keines abgekriegt! ärgert er sich trotzdem nicht, und als die Runde ihn auslacht, daß sie ihm als einzigem nichts gegeben hatte, erhebt er sich in seiner ganzen Größe und sagt mit angenehmem Bariton zu ihr – Falls Sie nichts dagegen haben, mein Fräulein, würde ich anstelle der Maß Sie nehmen! – huronisches Gelächter bricht aus, das abreißt, als ihnen aufgeht, daß gerade er bisher nie gescherzt hatte, und tatsächlich: Er meinte, was er sagte, und ihr fiel es nicht leicht, den Worten, die beim Bier in einer Gartenwirtschaft voller Krach und Gejohle gesagt wurden, zu glauben, doch sie war sofort entschlossen, es zu tun, was wiederum ihn überraschte, und beide hatten zwanzig Jahre ihr Wort gehalten, und kein Strudel der Zeit war stärker als diese beiden Worte, und jetzt in diesem Land und dieser Festung, die ihr ewig fremd bleiben werden, erkennt sie wieder die Tiefe ihrer Sicherheit. Er ist es! Fort die Hand, die sie beim Einschlafen hielt, weg das Bein, auf das sie ihres zu legen pflegte, er aber ist immer hier, und sie gehört ihm, und er begehrt sie, dreht sich wie immer zärtlich zu ihr um, jetzt fast körperlos, stützt sich wie gewohnt auf den Ellenbogen, der ihm geblieben ist, und umfängt sie mit der einzigen Hand und entblößt sie und öffnet sie mit dem ihm verbliebenen Knie ... Ach, Karli, ach, du mein Glück!

III

Dienstag, 6. 6. 1944, frühmorgens

Er öffnet die Tür des Herrenhauses und ist wieder in der Landschaft seiner Kindheit. So sehr erinnert ihn hier alles an die Schule in Ingolstadt, wo sein Vater in einem der Objekte der ehemaligen Festung eine Dienstwohnung hatte. Um Karl Kleinburgers Seele kämpften, so war er sich später sicher, bereits von der Wiege an Muse und Mars.

Der Vater, ein Schulmeister, der Nietzsche verehrte und für die örtliche Zeitung nationale Gedichte verfaßte, erzog seinen einzigen Sohn im selben Geist; er schrieb ihm wundersame Fähigkeiten zu, da sein Stammhalter genau in der ersten Minute des ersten Tages eines neuen Jahrhunderts das Licht der Welt erblickt hatte. Karl junior begann, seine Hoffnungen zu erfüllen, als er mit nur sechzehn bei einem Schülerwettbewerb den ersten Preis für das beste patriotische Poem gewann.

Als der Sohn ein Jahr später zu den Waffen gerufen wurde, meldete sich trotz verzweifelter Bitten seiner Frau auch der Vater als Freiwilliger, und weil er dies mit einer öffentlichen Erklärung tat, um die jüngeren, noch nicht dienstpflichtigen Jahrgänge an seiner Schule für die große Sache zu begeistern, entschied die Behörde, seinem Gesuch stattzugeben. Während der Sohn eine ordentliche Grundausbildung hinter sich brachte, wurden die freiwilligen älteren Reservisten aus dem Zug heraus in den wieder ausgebrochenen Vulkan von Verdun geworfen. Eine Ironie des Schicksals ließ den Vater bei seinem ersten Einsatz fallen, wonach Karl der Jüngere, als einziger Versorger der plötzlich schwer erkrankten Mutter und eines sechsjährigen Bruders, nach dem geltenden Gesetz vorerst vom Dienst freigestellt wurde.

Trotzdem mußten sie die Wohnung schleunigst für den neuen Schuldirektor freimachen, und in einem zerfallenden Staat kümmerte sich um das Schicksal einer von Millionen Witwen niemand. Sie und den jüngeren Sohn raffte barmherzig die Spanische Grippe dahin. Der von Amts wegen weitergeführte Ernährer mit Kriegsabitur schuftete bei Krauss-Maffei im Lokomotivwerk und war kurz vor dem Ende seiner Kräfte, als sich endlich Vaters Münchener Verwandte seiner annahmen. Karl fing in einer Druckerei an, wo der Onkel als Setzer arbeitete, und bestätigte zunächst die Vorgabe der Musen, als er sich bald zum Metteur hinaufarbeitete; allerdings war ihm Mars entschieden behilflich gewesen, der inzwischen an der Front seine Vorgänger verschlungen hatte.

In den Nachkriegswirren hatten sich seine wichtigsten Charaktereigenschaften voll bewährt: Zähigkeit und Besonnenheit. Er widerstand auch den verlockendsten Versprechungen und blieb in der Branche, die von allen Politikern umworben war, weil sie die Schwarze Kunst richtig als einzigartiges Tor zu den Massen verstanden, einer der wenigen weißen Raben, die sich ihre Unabhängigkeit bewahrten und sich nur ihrem Handwerk widmeten. Für den Betrieb war er ein wahrer Schatz und wurde bald Faktor, da er sich auch mit Hitzköpfen Rat wußte. Eine Karriere stand ihm bevor. Er hörte auf, Verse zu drechseln und zu publizieren, als er gerade über seiner Arbeit, beim Setzen von Versen, begriff, daß er mit einem wirklichen Dichter nicht konkurrieren konnte. Doch die Gedanken und Gefühle, vom Vater ererbt und mit dessen Blut besiegelt, wollte er sich für eine Sache aufsparen, die ihrer würdig wäre.

Die erweckte ein einfacher Frontsoldat in ihm, der in überfüllten Sälen, inmitten des Geschwafels selbsternannter Demokraten Worte zu finden verstand, die dem Chaos Ordnung gaben. Am Marsch zur Feldherrnhalle im November 1923 beteiligte sich Karl nicht – er mußte die Schicht eines erkrankten Kollegen anführen –, stellte sich aber unmittelbar nach dessen tragischem Ausgang für alles zur Verfügung, was die Besiegten benötigten. Der intelligente, umsichtige und absolut zuverlässige Bursche, in der politischen Szene unbekannt und ohne jeden Eintrag in den Polizeiakten, war für die Bewegung, die jetzt im Zerfallen war, Gold wert. Der Herrgott, an den er noch glaubte, belohnte ihn mit Gertrud; sie verliebte sich auch in seine Ideale.

Der Dienst, den beide Kleinburgers ihrem Führer Adolf Hitler und seinen verfolgten Anhängern ebenso unauffällig wie unschätzbar leisteten, währte viele Jahre. Abwechselnd und gleichzeitig waren sie Boten, gewährten gesuchten Parteigenossen Unterschlupf, versteckten verbotene Drucksachen und Waffen. Belohnung war gelegentlich ein Wort des Dankes – die Geldquellen waren längst versiegt: Wer wollte schon eine Handvoll Abenteurer ohne Chance und ohne Zukunft unterstützen. Die Druckereien waren inzwischen politisch fest in der Hand von Sozialdemokraten und Kommunisten. Die Betriebsleitung hatte Karl gebeten, Mitglied einer der beiden Parteien zu werden, gleichviel welcher, nur damit er in seiner Funktion verbleiben konnte. Auch die Bewegung riet, es zum Schein zu tun. Das lehnte er ab, weil er seiner Überzeugung nach dazu nicht fähig war. Er wußte zu schweigen, nicht jedoch zu lügen. Beim nächsten Konflikt zog er es vor zu kündigen.

Er hielt sich lieber mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, und Gertrud half ihm tapfer dabei. Als aber Christine geboren wurde, konnten sie nicht länger von der Hand in den Mund leben. Sechsundzwanzigjährig meldete Karl sich zur Reichswehr, die Berufsunteroffiziere suchte, und wurde angenommen. Mehr als der Heldentod seines Vaters sprach für den Anwärter, daß er politisch ein unbeschriebenes Blatt war. Für das Heer, das in einem von revolutionären Wirren geschüttelten Land über den Parteien stehen mußte, war er einer Erscheinung vergleichbar, einer sechsundzwanzigjährigen Jungfrau.

Politische Diskussionen gehörten nicht zum soldatischen Handwerk, und Karls Ansicht von der Notwendigkeit einer Wiedergutmachung der Schmach von Versailles unterschied sich im übrigen nicht von der Meinung der meisten Berufssoldaten. Auch wenn einer seiner Vorgesetzten ahnen sollte, daß mit Kleinburger ein gläubiger Anhänger Hitlers in das Berufsheer gelangt war, überging er das nachsichtig als die unschuldige Marotte eines vorbildlichen Unteroffiziers.

Seine Überlegenheit innerhalb des Vereins stupider Schreihälse von Ausbildern konnte nicht verborgen bleiben. Und als man nachträglich feststellte, daß er Abitur hatte – diese Rubrik fehlte im Fragebogen der Unteroffiziersaspiranten –, schlug man ihn augenblicklich für die Offizierslaufbahn vor.

Nachdem die anhaltende Torheit der Weltmächte, die nicht bereit waren, das Diktat von Versailles zu revidieren, und die Lawine der Weltwirtschaftskrise Adolf Hitler mit atemberaubendem Tempo zur Macht emporgetragen hatten, enttarnte die Bewegung ihre Maulwürfe, um ihren Einfluß im Staatsapparat zu stabilisieren. Die plötzliche Erkenntnis, daß Oberleutnant Kleinburger, bereits Adjutant des Stadtkommandanten von Berlin, ein Nazi war, erfüllte die Stabsoffiziere mit Ekel und Grauen. Der Reichstagsbrand hatte bereits den letzten Kampf entfesselt, der mit unnachsichtiger Vergeltung gegenüber den genauso unbarmherzigen politischen Gegnern von gestern einherging.

Gerade als der bis dahin nazifeindliche Stadtkommandant und sein Stellvertreter beschlossen, daß sie, ausschließlich der Soldatenehre verpflichtet, zuerst den Verräter und dann sich selbst erschießen würden, trat er zu ihnen, erwies ihnen feierlich die Ehrenbezeigung und übermittelte den Dank des Führers für ihre Treue zu Volk und Reich. Sie hatten der Aufforderung falscher Demokraten nicht Folge geleistet, das Rad der deutschen Geschichte mit Waffengewalt zurückzudrehen. Dann bat er gehorsamst, sich entfernen und seine bisherigen Aufgaben weiter erfüllen zu dürfen.

Dabei blieb es nicht lange, die Beförderungen ließen nicht auf sich warten, obwohl er nie darum nachgesucht hatte. Auch wenn es sich bald herumsprach, daß sein Parteibuch eine dreistellige Nummer hatte – bezeichnend war, daß man es ihm per Post geschickt hatte, weil er nie einer Ortsgruppe der NSDAP angehörte –, war ihm mit der Zeit der Ruf eines «anständigen Nazis» geblieben. Wahrscheinlich deshalb erlangte er später nie den Rang eines Standartenführers, der ihm längst zugestanden hätte.

Für die Funktionäre blieb er weiterhin ein sonderbarer Vogel, der für sie trotzdem unentbehrlich wurde, da er nie müde war, der Partei lebenswichtige Dienste zu leisten. Der weitverzweigte, für Zivilisten schwer faßbare Organismus des Heeres ließ sich unmöglich so einfach vereinnahmen wie alle anderen staatlichen Institutionen oder gleichschalten wie die Wirtschaft. Nur Spezialisten, die viele Jahre darin verbracht hatten, beherrschten ihn. Männer von Kleinburgers Format, die zu erkennen vermochten, ob er den Bedürfnissen der Bewegung nicht zu dienen aufhörte oder sich gar an einem Putsch gegen sie beteiligte, waren rar wie Nickel, eine beliebte Floskel aus jener Zeit, als es der Reichswehr noch immer verwehrt war, sich anständig zu bewaffnen.

Deshalb blieben ihm die innerparteilichen Kämpfe erspart, die mit der berüchtigten Nacht der langen Messer ihren Höhepunkt fanden. An jenem Junitag 1934, als Tamtams die Nachricht von der Exekution zahlreicher hoher SA-Führer in München und Berlin verbreiteten, die einem Gemetzel gleichzukommen schien, erklärte Kleinburger auf einer Besprechung mit Stabsoffizieren – er war inzwischen avanciert –, der Führer sei berufen, Deutschland die Ehre zurückzugeben; wer immer sie gegen Schweinemist eintausche, verdiene das Schlachtmesser. Erwartungsgemäß befriedigten und beruhigten gerade diese ungewohnt scharfen Worte die Soldaten. Einen «grausamen Ehrenmann», nannte ihn ein Stabsoffizier, und das Wort machte die Runde.

Bei Kriegsausbruch meldete er sich wiederholt zur Front, das glaubte er, dem Vater schuldig zu sein. Die Partei wollte ihn aber auch weiterhin als ihren Aufseher in der Höhle des Löwen haben. So ergab es sich, daß ihn seine Frau und die Tochter, die soeben an der Schwelle der Pubertät angelangt war, oft bei sich hatten. Mit ihm gemeinsam kletterte auch Gertrud in all den Jahren auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben, hielt trotzdem an seinen Prinzipien fest, die sie beide der Tochter einzuprägen suchten. Sich an sie zu halten war schwer in Zeiten wie diesen, die die niedrigsten menschlichen Triebe und Sehnsüchte begünstigten, aber das gelebte Vorbild der Eltern trug zum Gelingen entscheidend bei.

Der unerwartete Rückschlag vor Moskau im Spätherbst 1941 hatte die Front erschüttert. Männer wie Kleinburger, die das Vertrauen in Führer und Sieg verbreiteten, wurden plötzlich ganz vorne gebraucht. So wurde Karl zur Waffen-SS versetzt und zum stellvertretenden Divisionsführer der SS-Infanteriedivision «Das Reich» ernannt. Die Kragenspiegel seiner Uniform zierten seither silberfarbene Knöpfe, und an die Stelle des Rangs eines Oberstleutnants trat der ihm entsprechende eines Obersturmbannführers.

Auf die Härte der russischen Front war er durch seine asketische Natur vorbereitet. Strapazen und Gefahren ertrug er mit einer solchen Selbstverständlichkeit, daß niemand in ihm eine «Stabsratte» vermutete. Seine Ankunft hatte die Moral der Frontoffiziere, die die Bewegung längst nur noch an den Berliner Bonzen maßen, beachtlich gestärkt. Dieser Mann, weder ein Fanatiker noch ein Zyniker, imponierte ihnen nicht nur durch seine Ruhe und Beherrschtheit, sondern auch, weil er die Lagekarte genausogut beherrschte, wie er über markige Schillerworte verfügte; Bücher gehörten bei ihm zur eisernen Ration.

Was ihn dagegen beunruhigte, war nicht die zutage tretende Verzagtheit, in der Lage dieser steckengebliebenen und frierenden Armee nur zu begreiflich, sondern die Fälle barbarischer Unmenschlichkeit gegenüber dem tatsächlichen und dem mutmaßlichen Feind, mit der die Truppe an diesem oder jenem Abschnitt ihre Depressionen auszugleichen suchte. Als er zum ersten Mal erfuhr, daß in einem niedergebrannten Dorf, kurz zuvor von den Russen verlassen, alte Frauen, die sich in Erdhütten verkrochen hatten, ohne Urteil aufgehängt worden waren, übergab er den befehlshabenden Offizier dem Kriegsgericht.

Dem Divisionskommandeur, der ihn auf den geheimen Befehl des Armeeführers zur Sonderbehandlung von Banditen hinwies, antwortete er heftiger, als es seine Art war, kein deutscher Offizier könne dabei Mord an Greisinnen im Sinn gehabt haben; sollte sich dergleichen wiederholen, werde er dem Führer persönlich Meldung erstatten. Zum ersten Mal seit Landsberger Zeiten hatte er sich auf ihn berufen. Man brachte diese Drohung schleunigst mit der Nummer seines Parteibuchs in Zusammenhang und war verunsichert. Die ungesetzlichen Eigenmächtigkeiten im Aktionsradius der Division nahmen tatsächlich ab, weil man sie jetzt langwierig durch Gerichtsverfahren legalisieren mußte.

Damit hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben Feinde gemacht und den Spitznamen «Onkel Wanja» bekommen. Als dann unter seinem Kübelwagen eine von Partisanen gelegte Mine hochging, gönnte ihm das so mancher, und fast alle waren froh, nun endlich Krieg führen zu können, wie es dem Zeitgeist und den Umständen entsprach. Einer von ihnen, der über einen Kanal zu Himmler verfügte, meldete nach Berlin, dem Parteigenossen Kleinburger würde, falls er überlebte, eine Schule germanischer Härte nottun.

Wissen konnte er es nicht, aber er ahnte, daß er irgendwo in Ungnade gefallen war, als man ihn nicht, wie er erwarten durfte, in den Generalstab zurückberief, sondern als Kommandanten in diese kleine Burg versetzte – sein Name wurde zum bösen Omen. Die pathetisch klingende Begründung, seine Aufgabe sei es, die gefährlichsten Feinde des Reiches aus ganz Europa zu bewachen, die entweder zum Tode verurteilt waren oder ganz im Gegenteil in dieser Isolation als Objekte eines möglichen politischen Kuhhandels heil überleben sollten – verbarg sich da nicht etwa der landesverräterische Gedanke einer deutschen Niederlage? –, konnte an der Tatsache nichts ändern, daß man einen Soldaten jählings zum Kerkermeister gemacht hatte.

Das war hart. Es traf ihn schwerer als die Splitter der Mine, beschädigte aber nicht seine Seele. Er war überzeugt, daß er in den zwanzig Jahren, die er der Bewegung diente, in den elf Jahren, die er ihr Mitglied war, und in mehr als vier Kriegsjahren nicht nur keinen Menschen umgebracht oder unrechtmäßig hatte umbringen lassen, sondern auch seine Träume und seinen menschlichen Anstand durch blutigen Sumpf hindurch gerettet hatte. Das konnte auch seinen Vorgesetzten nicht verborgen geblieben sein. Er hatte sich langsam zu der Überzeugung durchgerungen, daß darin wohl auch der Sinn dieses befremdlichen Kommandos zu suchen war. Dieser scheinbar verlorene Posten, auf dem sein Befehl Gesetz war, ermöglichte es ihm vorzuführen, daß die deutsche Gerechtigkeit streng, aber menschlich sein konnte.

So, wie er war, setzte er die Existenz vieler ähnlich Denkender voraus, die sich nach dem Vorbild des Führers richteten. Seine Fronterfahrung hatte es ihm erlaubt, den weiteren Verlauf des Rußlandfeldzugs realistisch einzuschätzen. Der Rückzug, nach Stalingrad unvermeidlich, mußte vorübergehend Panik auslösen, die alle Parasiten am künftigen Deutschland, jenen trüben Abschaum von Fanatikern und Zynikern an den Fronten und im Hinterland, aufdeckt und wegschwemmt. Und des Führers Getreue werden dann unter seinem Kommando mit neuer Begeisterung und fürchterlichen Waffen die rote Lawine zum Stillstand bringen, einen würdevollen Frieden mit den Staaten der westlichen Kultur schließen, mit dem Endsieg über die Russen die Welt vor dem Bolschewismus retten und ihr für Jahrhunderte eine Pax Germanica – den Deutschen Frieden zu bescheren.

Er war kein Weichling. Schickte er einerseits deutsche Männer wegen disziplinarischer Verstöße an die Front, so verhielt er sich gegenüber jenen um so weniger sentimental, die sein Volk daran hinderten, seine historische Mission zu vollenden. Todesurteile der Gerichtshöfe in Oslo, Prag, Paris und vielen anderen Städten ließ er auf vorgeschriebene Weise in der vorgeschriebenen Frist vollstrecken. Das Verschulden prüfte er nicht nach, dazu war er nicht befugt, und die rechtens Verurteilten erregten bei ihm kein Mitleid, solange er nicht einem formellen Fehler auf die Spur kam.

Nahm er jedoch die geringste Unstimmigkeit wahr – und als ihm aufging, daß sein Stellvertreter Grube zu den unzuverlässigen Zynikern gehörte, überprüfte er die Todesurteile persönlich –, legte er kompromißlos gegen die Exekution sein Veto ein. Der Chef der Prager Gestapo, dem zu Ohren kam, daß eine kommunistische Agitatorin nur deswegen nicht hingerichtet worden war, weil sie in den Begleitpapieren irrtümlich einen Tag älter als in der Urteilsausfertigung angegeben war, kam höchstpersönlich angereist, um diesem beschissenen Bürokraten einzuheizen. Er fand heraus, daß seine Leute eine andere Person, eine Gemüsefrau und Konfidentin, zum Schein wegen geringfügiger Schiebereien eingesperrt, vor die Gewehrläufe geschickt hatten, und konnte sich bei dem Festungskommandanten gar nicht genug entschuldigen.

Kleinburger hatte gleich in den ersten drei Tagen seiner hiesigen Tätigkeit nach und nach allen drei Wachmannschaften zu verstehen gegeben, was er bedingungslos verlangte. Unter anderen Selbstverständlichkeiten auch die strengste Einhaltung der Gefängnisordnung seitens des Wachpersonals. Alle drei Ansprachen beendete er mit denselben Worten.

«Offiziere, Unteroffiziere, Männer der SS! In seinem Werk ‹Mein Kampf› hat unser Führer klar und für jeden verständlich dargelegt, welche Eigenschaften ein deutscher Mann besitzen muß, damit seine Rasse Anspruch auf Weltherrschaft hat. Die harten Kriegsjahre sind eine Feuerprobe, die alles verbrennen soll, was Plutokraten und Judenbolschewisten in die deutsche Seele gesät haben. Unser Volk muß die Verkörperung der unbesiegbaren Kraft werden. Ihr untrennbarer Bestandteil ist auch die Gesetzlichkeit. Ein Herr bestraft seinen Hund streng, aber gerecht, will er dessen Ergebenheit oder mindestens seine treuen Dienste nicht verlieren. Die hier festgesetzten Personen, ob in Schutzhaft genommen oder zur höchsten Strafe verurteilt, auf deren Bestätigung und Vollstreckung sie hier warten, haben die deutsche Strenge bereits kennengelernt. Aus unserem Verhalten ihnen gegenüber müssen sie begreifen, daß sie sich einer neuen Zivilisation barbarisch widersetzt haben, die wir hier verkörpern. Soldaten des Führers! Nehmt meine Worte nicht auf die leichte Schulter. Ich sage das ein für allemal, denn ich bin es nicht gewohnt, mich zu wiederholen, und vor allem: Wer die Ideen des Führers jetzt nicht verstanden hat, der wird sie nie verstehen können. Die Folgen hat sich dann jeder selbst zuzuschreiben!»

Die Männer der Wachtruppe hörten eine solche Rede zum ersten Mal. Dafür hatten sie schon mehr als ein Großmaul erlebt, das mit ähnlichen Phrasen zu verdecken suchte, daß es weit hinten in der Etappe, mit allen ihren Annehmlichkeiten, Privilegien und Vorzügen, überleben durfte. Deshalb machten sie unbeirrt weiter. Für die meisten von ihnen waren die Gefangenen nur rechtloses Vieh, an dem sie ihre Wut und Ängste auslassen konnten, die ihnen die Meldungen von der Front, die Briefe aus dem zerbombten Reich oder aber die Verluste im Casino einjagten. Ein paar Sadisten befriedigten hier ihre perversen Gelüste.

Am siebten Tag nach Antritt des neuen Kommandanten erhielten ein Offizier, fünf Unteroffiziere und elf Männer die Anweisung, ihre Siebensachen zusammenzupacken und sich beim Ersatztruppenteil der Waffen-SS in Aussig an der Elbe zu melden. Was das bedeutete, wußten sie, und auch, daß über die meisten von ihnen, ehe ihre eventuelle Beschwerde verhandelt würde, bereits Gras gewachsen war. Fluchen half nicht, sie konnten nur beten, falls sie es noch konnten. Als Kleinburger am achten Tag unterwegs zu seinem Dienstzimmer war, wußte er, daß zumindest in seiner kleinen Garnison deutsche Ordnung herrschte.

Jetzt geht er wieder die Lindenallee entlang, und wie immer, seit er nicht mehr laufen kann, atmet er in tiefen Zügen frische Luft ein, die heute nach welkem Heu duftet. Erstaunlicherweise trübten keine Gewissensbisse die Ankunft der Tochter, und die zärtliche Nachtstunde mit Trudl ließ ihn seine Verkrüppelung vergessen. Nicht einmal die Prothesen schmerzen heute, und außerdem freut er sich auf die Überraschung, die Gertrud Punkt acht erleben soll. Als er davon erfahren hatte, wollte er das Vorhaben verbieten, als unerlaubten Mißbrauch der Mannschaft zu Privatzwecken. Er erfuhr jedoch gleich, daß die Festungsfrauen die Abgeltung der Unkosten für die Mitwirkenden ordnungsgemäß beim Regimentsstab in Leideneritz bezahlt hatten, und ließ dann der Sache gern ihren Lauf.

Um so mehr geht ihm das zweite Versprechen im Kopf herum, das er Gertrud vor einer Woche gegeben hatte. Schon der bloße Gedanke an Kolatschek hob ihm jedesmal den Magen. Hielt er, wie er sie bezeichnete, Fanatiker und Zyniker für das größte Unglück der Bewegung, so verkörperte für ihn Kolatschek deren Verderbnis. Er wußte, daß jeder Umsturz auch den moralischen Abschaum hochspült, es berührte ihn jedoch peinlich, daß dieser sich in erster Linie im Sicherheitsdienst breitmachte.

Grundsätzlich war er für ein Europa ohne Juden, seit ihm verständlich gemacht worden war, daß sie nach den Worten eines deutschen Historikers, den der Führer oft zitierte, ein «Ferment der Dekomposition» seien – Kleinburger hatte sich diese magische Formel eingeprägt und benutzte sie auch gern –, eine stete Bedrohung der nationalen Gesellschaften, die sie für ihre gewinnsüchtigen Ziele zu gegenseitigem Blutvergießen aufhetzten. Als Einzelne waren die Juden trotzdem für ihn Menschen, denen die zivilisierte Welt so manches verdankte. Deshalb war er mit ihrer Konzentration in einer Art Ost-Israel – ja, und warum nicht gerade im Generalgouvernement? – einverstanden, oder in Galizien, wo sie seit jeher in großen Kommunitäten gelebt hatten.

Die immer wieder auftauchenden Gerüchte, sie würden systematisch ausgerottet, hielt er für zionistische Propaganda. Die sollte dem Reich in den Augen der natürlichen Verbündeten im Westen schaden, die sich – für beide Seiten gleichermaßen tragisch – vorübergehend Sowjetrußland angeschlossen hatten. Um so mehr empörten ihn glaubhafte Nachrichten über die Verhältnisse im Ghetto, das sich in Sicht- und Hörweite der Festung befand. Die mangelhaften hygienischen Verhältnisse, so gut wie keine ärztliche Versorgung – für Kleinburger war es selbstverständlich, daß Menschen, die morgen erschossen werden müssen, nicht noch heute unter Zahnschmerzen leiden sollen!–, die willkürliche Verkürzung der Mindestration, Raub und Gewalt seitens des Wachpersonals und insbesondere die Übergriffe bei den nächtlichen Deportationen hielt er für gesetzwidrig und darum für gefährlich und schädlich.

Er war jedoch soweit Soldat, sich in fremde Kompetenzen nicht einzumischen. Er wartete also auf die Kommission, die hier früher oder später erscheinen mußte, und konzentrierte sich lieber darauf, daß wenigstens seine Festung in jeder Hinsicht ein Gegenpol zu Kolatscheks Ghetto war. Diesen Kameraden von gegenüber, der zum Glück einen niedrigeren Rang hatte, mied er, wo er nur konnte. Den früher gemeinsam gefeierten Saufgelagen beider Kommandanturen setzte er bei seinem Dienstantritt mit dem Hinweis ein Ende, sie schwächten den Sicherheitsgrad beider Einheiten. Die Folgen seiner Verwundung erlaubten es ihm, private Einladungen auszuschlagen, und so begegnete er seinem Kontrahenten nur bei gelegentlichen Lagebesprechungen in Leideneritz, was ihm vollauf genügte.

Kolatschek war ihm vor allem deshalb suspekt, weil er zu jener Gruppe führender Parteigenossen gehörte, die ihn anwiderte. Zu der zählten Feiglinge, die unter gewissen Bedingungen zu gern zu Henkersknechten wurden. Kolatschek war einst österreichischer Sozialist gewesen, der nach dem Bürgerkrieg von 1934 als Schlachthofarbeiter im tschechoslowakischen Exil lebte. Als ihn am 15. März 1939 deutsche Motoren weckten, begann er sich aufzuführen, als hätte er Zeit seines Lebens bloß auf den Führer gewartet. Dem Kampf gegen das Judentum schloß er sich, so wurde erzählt, mit solcher Vehemenz an, daß er sogar alte Kämpfer in den Schatten stellte, bis er es schließlich zum Chef des größten Ghettos im Protektorat gebracht hatte.

Für den Festungskommandanten blieb Kolatschek auch in seiner hohen Funktion, die er vermutlich über Leichen erklommen hatte, ein Schlächter. Das Vieh ersetzten ihm die Juden. Über seine Potenz bei Vergewaltigungen waren Legenden im Umlauf. Die Karrieren solcher Kolatscheks waren nach Kleinburgers Maßstäben ein Schandfleck auf dem Banner der Bewegung. Ein Gedanke tröstete ihn: Daß es in ein paar Tagen zehn Jahre her sein wird, seit der Führer in Bad Wiessee die ähnlich demoralisierte Bande Röhms und seiner Spießgesellen zerschmetterte.

Und diesen Kerl sollte er um einen Gefallen bitten?

Nein, er kann das nicht, und Gertrud muß es begreifen. Christine ahnt ohnehin noch nichts von diesem Einfall ihrer Mutter ...

Es macht ihn froh, daß sie den ganzen Sommer über hierbleiben wird, in Sicherheit und unter seinem und Gertruds Einfluß. Morgen wird sie schon achtzehn! Plötzlich berührt ihn die Vorstellung, was sie in Berlin ganz allein hatte durchmachen und verkraften müssen.

Er sieht sie ständig vor sich, wie sie ihm am letzten gemeinsamen Abend in der Wohnung am Anhalter Bahnhof zum Grammophon eine Improvisation zur Musik des letzten «Tristan»-Akts getanzt hatte. Bis heute spürt er die Beklommenheit, als er ihre damals noch kindlich zarten Bewegungen beobachtete, daß er und Gertrud dieses Kind zurückließen und all den Gefahren des Erwachsenwerdens und des Kriegs aussetzten. Aber Gertrud sagte so entschlossen, wie er es gewöhnlich selbst zu tun pflegte.

«Ich habe dich geheiratet!»

Für ihn hatte sie die Tochter geopfert, und Christine ermöglichte es ihnen, denkt er dankbar, mit ihrer stillen Tapferkeit. Gibt es irgend etwas auf der Welt, was er den beiden verweigern möchte, wenn er auch nur einen Teil dessen ersetzen könnte, was er ihnen nahm? Weshalb will er eigentlich nicht verstehen, daß das Vorhaben, zu dem er vor einer Woche schließlich ja gesagt hatte, später allen seinen Leuten hinter diesen Mauern etwas Freude bringen sollte?

Durch den grünen Laubtunnel gelangt er direkt zum mächtigen Eingangstor der Festung, wo auch sein Dienstzimmer liegt. Er erwidert den korrekten Gruß der Wache, betritt den Vorraum seines Zimmers und befiehlt dem Unteroffizier vom Dienst, der stramme Haltung angenommen hat.

«Verbinden Sie mich mit Sturmbannführer Kolatschek!»

IV

Zur gleichen Zeit

Gertrud kämmt ihr langes dichtes Haar und betrachtet dabei jede einzelne Strähne. Nicht einmal die unbarmherzige Morgensonne entdeckt im Schwarz ein Grau. Ein Leben lang wecken diese Haare bei ihr ängstliche Verwunderung. Einst waren sie der einzige Reichtum des mageren, verstörten Bayernmädels. Nie hatte sie erfahren, wer ihr Vater war, es kam ihr erst viel später zu Ohren, daß es ein junger Adeliger sein sollte, der dann über Jahre hinweg das Schweigen der Landarbeiterin mit einer bescheidenen Rente lohnte.

Als die wilde Inflation der Nachkriegszeit das Gut des leichtsinnigen Barons verschlungen hatte und seine Unterstützung nunmehr ausblieb, zog die Mutter samt Tochter der warme Sog Münchens wie frierende Fliegen an. Der schlaue Wirt, den sie um die gewöhnlichste Arbeit baten, schätzte den Wert von Gertruds Haarpracht im Kampf um die wenigen noch zahlungsfähigen Gäste richtig ein. Die Mutter als Küchenhilfe und am Waschtrog garantierte, daß er die reizvolle Tochter in der Schenke behielt. Dank ihrer konnte er bald auch den Garten aufmachen. Und in jenem Garten hatten diese Haare Karl Kleinburger bezaubert und hielten ihn bis heute gefesselt.

Jetzt wallen sie zwischen den noch immer festen Brüsten beinahe zu den Knien herab. Wie so oft denkt sie: Was haben die Haarspitzen nicht schon alles gesehen! Um mehr als zehn Zentimeter werden sie jedes Jahr länger. Jetzt flicht sie die Flut zu einem Zopf und seufzt. Ihr Haar kommt ihr oft wie ein Seil vor, das sie an das Jahr 1938 bindet, das Jahr des bejubelten Anschlusses, in dem später auch das Sudetenland dank des Führers genialer Taktik kampflos heim ins Reich kam. Das ganze Deutschland glich für sie einem Ast voll praller Knospen, die allesamt wundersame Blüten hervorbrachten ... und auch Gertrud wollte nicht abseits stehen!

Bei der Geburt der Tochter wäre sie fast gestorben, und die Ärzte verboten ihr strikt ein weiteres Kind. Sie versuchte, Karl zu überreden, wußte, wie sehr er sich ein Karlchen wünschte, aber er ließ es nicht zu. Nur einmal im Leben sagte er, er habe dem Reich genug gegeben, als daß er vielleicht wegen eines einzigen Soldaten auch sie verlieren sollte. In diesem berauschenden Jahr der Hoffnungen überlistete sie ihn jedoch und wurde erneut schwanger. Sie überstand die Geburt ziemlich gut; der Junge jedoch kam tot zur Welt. Jetzt ließ sie die Haare über alle Längen wachsen, als wollte sie sich dadurch von jener Hoffnung noch nicht trennen.

Aus den geflochtenen Zöpfen bildet sie auf dem Kopf ein Gebäude. Sie spürt das Gewicht aller dieser Jahre, gerät darunter fast ins Wanken. Freilich glaubt sie an den Sieg Deutschlands, und der Führer wie auch Karl sind ihr dafür Garanten, aber ihre Seele, die immer so hell und gütig war und erfreut über jedes Geschenk des Lebens, wird seit Karls schrecklicher Verstümmelung immer bedrückter.

Ihr Mann irrt nicht: Sie war zu Gott zurückgekehrt. Vor Karl hält sie den wirklichen Charakter und die Stärke dieser Heimkehr verborgen, weil sie spürt, daß es ein Ausdruck von Angst vor der Zukunft ist und damit auch von Mißtrauen gegenüber allem, woran sie glauben will. Aber dem ist doch gar nicht so, berichtigt sie sich selbst; sie glaubt doch nach wie vor gleich fest an den Sieg und bittet Gott allein darum, das Heil der gerechten Sache nicht mit dem Verlust ihrer Lieben bezahlen zu müssen. Sie seufzt und verläßt das Bad.

Auf dem Herd in der Küche dampft schwach eine riesige Kupferkanne mit Wasser. Gertrud holt den im Backrohr versteckten Schlüssel hervor – so hatte sie es von der Mutter, Gott hab sie selig, gelernt – und schließt die Speisekammer auf. Auf zwei Silbertabletts thronen ein hoher Marmorkuchen und eine ausladende Sachertorte nebeneinander. Nach ihrer Heirat hörte Gertrud auf, zudringlichen Gästen Maßkrüge zu servieren, und half statt dessen bei einem Konditor aus, auch er, ein heimlicher Anhänger der Partei. Mit dem Fingernagel kratzt sie nun ein winziges Bröckchen von der Torte ab, kostet mit geschlossenen Augen. Sie ist zufrieden. Sie nimmt den Kuchen mit und schließt die Speisekammer ab.

Sie tut den Schlüssel in sein Versteck zurück, zuckert die duftende Marmorkuppel und trägt sie ins Speisezimmer. Es liegt auf der anderen Seite des breiten Ganges. Der Gang schneidet die Etage und auch die Wohnung in zwei Teile. Das Herrenhaus ist nur dem Namen nach herrschaftlich, diente stets Soldaten, später Beamten als Unterkunft. Um deren Bedürfnisse kümmerten sich früher Marketenderinnen, dann Offiziersburschen und schließlich Dienstmädchen. Der vorige deutsche Kommandant holte sich gegen gewisse Hafterleichterungen weibliche Gefangene, am liebsten Französinnen. Er ließ für sie im Hause sogar eine ziemlich bequeme Zelle mit einem breiten Bett einrichten. So entstand ein behagliches Bordell, das die meisten Dienstgrade der Wacheinheit gern besuchten. Damals führte die Festung weit vor dem Ghetto, wo nur Jüdinnen zu haben waren.

Die Soldatenfrauen, die die Baracken auf dem äußeren Hof bewohnten und die Innenhöfe nicht betreten durften, hießen Gertrud wie eine Heilige willkommen. Nachdem ihr Mann der Hurerei und Sauferei schlagartig Einhalt geboten hatte, erhielten sie von ihr die weibliche Würde zurück. Einmal in der Woche durften sie das Herrenhaus besuchen und sich ihre bis dahin trübseligen Unterkünfte nach ihrem Geschmack, ganz wie zu Hause herrichten. Gertrud hatte längst begriffen, daß Karl sich gerade durch seine Vorzüge auch erbitterte Feinde schuf, glaubte jedoch, daß zumindest diese Frauen ihm zutiefst dankbar waren – für sie.

Das Dachgeschoß des Herrenhauses, in dem einst Ordonnanzen gehaust hatten, ließ Gertrud für hohe Gäste einrichten und setzte zutreffend voraus, daß sie dem Aufenthalt in Leideneritz den Vorrang geben würden; dort harrten ihrer erlesenere Genüsse als in dieser steinernen Burg. Im hübschesten Zimmer stellte sie das alte Bett ihrer Tochter auf. Hierher kam sie, um heimlich zu beten ... Die rechte Seite des ersten Geschosses hatte sie ihnen beiden zugedacht: Für Karl einen privaten Arbeitsraum, daran schloß sich ein riesiges Bad, zu dem ein ehemaliges Büro umgebaut wurde, das eheliche Schlafzimmer, aus dem man in den familiären Speiseraum, in eine geräumige Küche und die nicht minder große Speisekammer gelangte.

Die sechs Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges hatte sie durch Herausnehmen der Zwischenwände zu einem einzigen Raum verbinden lassen, der mit vier schweren, dunkelroten Vorhängen je nach Bedarf verkleinert oder vergrößert werden konnte. Neben einem beliebig geräumigen Eßzimmer für Besuche war auf diese Weise eine geeignete Räumlichkeit für ihre gesellschaftlichen Betätigungen entstanden: Jeden Mittwoch kamen die Frauen aus der Festung zur Kaffeestunde hierher, die man mit Geplauder und Strikken verbrachte; letztes Weihnachten hatte sie hier ein unvergeßliches Festmahl für die Familien aller Offiziere und Unteroffiziere aufgetischt.

Gestern hatte sie den vorderen Vorhang zugezogen, um in gemütlicher Atmosphäre alles Notwendige für das Frühstück zu neunt vorzubereiten. Das festliche Geschirr, aus der übernommenen Berliner Wohnung rechtzeitig vor den Bomben gerettet, glänzt hier bereits in voller Meißener Schönheit, der Kuchen, den sie jetzt mitten auf den Tisch stellt, krönt das Werk. Dann tritt Gertrud auf den Gang hinaus, steigt die Steintreppe hinauf, öffnet die Tür zum Dachgeschoß und geht zum mittleren Zimmer, das erste Mal ohne Wehmut: Der barmherzige Gott hatte ihre inständigen Gebete erhört.

Vorsichtig klopft sie an. Niemand antwortet. Leise betritt sie die Stube. Das Fenster geht als einziges im Haus nach Westen, der nahe Festungswall bewahrt hier immer noch die Dämmerung. Christine liegt auf dem Rücken, beide Hände neben dem Kopf, ein Akt wehrloser Ergebenheit. Erst jetzt sieht die Mutter, daß ihr Kind in diesem Jahr zur Frau geworden ist. Sie nimmt sich vor, der Tochter durch Liebe alles zurückzugeben, was sie durch ihr langes Alleinsein in Berlin entbehren mußte.

Sie will die Schlafende streicheln, aber schon bei der ersten Berührung erschrickt sie, als der regungslose Körper emporschnellt. Schlanke Hände legen sich um ihren Hals, warme Lippen bedecken ihr Gesicht mit kleinen Küssen, und eine fröhliche Stimme ruft, wie sie es vor vielen, vielen Jahren von ihr gelernt hatte.

«Guten Morgen, Geburtstagskind!»

Glücksgefühl vertreibt den Schreck. Als Gertrud die Tochter gestern nach einem Jahr wiedersah, nahm sie sie zunächst nur als bloße Einbildung wahr, wie sie sich bei ihren heimlichen Gebeten oft einstellte. Karl hatte den ganzen Abend nur kurze Fragen gestellt, Christine ausführlich geantwortet und Gertrud den Sinn der Worte eigentlich nicht verstanden, nur ihre Musik vernommen. Nun hatte sie beide wieder bei sich, die Säulen ihres Lebens, und verstand nicht mehr, wie sie ohne eine von ihnen je hatte leben können.

Doch war sie – so war ihr bewußt, und sie prägte sich das immer wieder ein – eine deutsche Frau, ihr Volk kämpfte auf Leben und Tod gegen die Kräfte des Bösen, die ihre Welt, die von den Ariern geschaffene Kultur zerstören wollten, und sie konnte ihm in diesem schicksalsschweren Kampf einzig und allein durch Entsagen helfen. Dafür belohnte Gott sie jetzt mit einem Geschenk, von dem Millionen Volksgenossen nicht einmal zu träumen wagten. Sie durfte mit einem angebeteten Gatten zusammensein, den seine Verwundungen noch begehrenswerter machten, und nun auch mit der heißgeliebten Tochter, die das Leben und Treiben im Berlin dieser gefährlichen Jahre nicht um ihre kindliche Reinheit gebracht hatten.

Sie beginnt zu weinen. Jetzt erschrickt Christine.

«Was ist passiert?»

Doch die Tränen schwemmen nur die angesammelte Angst all der vielen Monate hinweg, die niemals ausgesprochen werden durfte. Gertrud schluchzt.

«Ich bin ... dir so dankbar ...»

«Wofür ...? Mami, wofür?»

«Daß du’s geblieben bist ... mein Mädelchen ...»

«Das bin ich doch immer gewesen. Deins und Vaters!»

«Ja, aber ... da warst du klein und bei uns ... jetzt bist du schon erwachsen und warst so lange allein ...»

«Ja und ...?»

«Bist du ...?»

«Was ...?»

Vertrauten sie denn nicht immer einander wie zwei gleichaltrige Freundinnen? Gertrud bringt es über die Lippen.

«Du hast noch keinen ... du bist noch Jungfrau, nicht wahr?»

«Ja ...»

«Ich habe ... also, ich habe nicht geglaubt, daß du es dort durchhalten kannst!»

«Warum denn nicht?»

«Mir hat gereicht, was du vor Vater erzählt hast.»

«Darüber hab’ ich doch kein Wort ...»

«Vor allem hast du mit keinem Wort auch nur eine deiner Klassenkameradinnen erwähnt. Das heißt, daß du unter ihnen keine Freundin hast. Täusche ich mich da?»

«Nein.»

«Und ist das nicht der Grund? Ich meine, bist du so einsam, weil du immer noch ...?»

Jetzt umarmt sie die Tochter, und Christine schmiegt sich an die Mutter wie damals in der Wohnung am Anhalter Bahnhof, als Gewitter sie nachts aufgeweckt hatten, und später, als sie im Keller des Hauses nächtelang die ersten Luftangriffe überstanden, die sie damals eher aufregten als erschreckten. Die Eltern hatte sie nie belogen. Beim Vater wagte sie es nicht, die Mutter war immer ihr Beichtstuhl gewesen. Auch jetzt sagt sie ihr die Wahrheit.

«Ja.»

«Alle anderen ... schlafen schon mit Männern?»

«Ja.»

«Beneidest du sie?»

Die Tochter antwortet nicht. Gertrud streichelt sie, und erst dabei entdecken ihre Hände, was die weitgeschnittene Bluse gestern den Augen verborgen hatte. Christine, vor einem Jahr noch knabenhaft schlank, hat Brüste, fast wie sie. Diese Veränderung rührt sie von neuem.

«Ich verstehe dich, Tinchen. Mit achtzehn dachte ich, ich verbrenne. Aber da war der Krieg schon vorbei, ich hatte Zeit zu warten und auszuwählen. Für dich muß alles hundertmal schwieriger sein, nicht wahr?»

Christine flüstert kaum hörbar.

«Ich hab’ Angst, Mami ...»

«Wovor ...? Daß ... du es nicht erwarten würdest?»

Der Mädchenkopf auf ihrer Schulter bebt vor Zustimmung.

«Sehnst du dich so sehr danach ...?»

Die gleiche stumme Antwort.

«Mein Gott, warum ... worauf wartest du dann?»

Christine hebt den Kopf und schaut die Mutter an, verblüfft und mißtrauisch.

«Das sagst du mir?»

«Das sag’ ich dir.»

«Aber gerade du hast mir doch immer gesagt, dies sei ein Geschenk, das sich eine Frau aufbewahren soll für ... den Richtigen! Das hab’ ich als einziges sogar der ‹Kuh› geglaubt.»

«Wem?»

«So nennen wir die Internatsleiterin. Die hat den Mund voll erhabener Phrasen, die sie aber mit jeder Tat in Abrede stellt. Sie ist Parteimitglied und dabei feige, verlogen, neidisch, käuflich und rachsüchtig. Sie sagt und tut nur, was gerade gefragt ist und ihr persönlich in den Kram paßt. Aber damit hatte sogar sie recht! Ich will erst den Richtigen – wie du!»

«Und wie soll der sein?»

«Weiß ich nicht, dafür weiß ich aber genau, wie er nicht sein darf. Wie all die Kasperlpuppen mit und ohne Uniform, immer gebügelt und parfümiert, die sich dank Beziehungen oder Geld in Berlin vor der Front drücken. Mami, die Mädels haben mir von privaten Luftschutzkellern erzählt, die wie noble Stundenhotels ausgestattet sind! Das ganze Jahr ist mir kein einziger Mann über den Weg gelaufen, der nur im entferntesten Vater ähnlich gewesen wäre!»

«An ihm kannst du doch sowieso keinen messen ...!»

«An wem sonst?»

«Vater hat unendliche Erfahrung hinter sich. Aber auch er ist mal jung gewesen.»

«Und war er anders?»

«Selbstverständlich hatte er schon damals all die bewundernswerten Eigenschaften, die ich aber erst später erkannte. Auf den ersten Blick unterschied er sich kaum von seinen Altersgenossen. Sogar sein erster Satz unterschied sich nicht von dem, was ich mir damals tagtäglich anhören mußte.»

«Daß er anstelle des Biers, das du ihm nicht gebracht hast, dich nimmt?»

«Ja, siehst du!»

«Aber du hast erkannt, daß er es ernst meinte!»

«Das schon ...»

«Wie?»

«Das weiß ich nicht ...»

«Aber von diesem Augenblick an war es dir ganz klar, daß er es ist.»

«Ja ...»

«Warum wunderst du dich dann über mich? Zu mir hat bis heute keiner auch nur etwas annähernd Ähnliches gesagt. Ja, Mami, es ist nicht schwer, einen Schatz zu bewahren, der niemanden reizt!»

Gertrud ist ehrlich empört.

«Ich bitte dich, was erzählst du da?»

«Die Wahrheit! In einem Jahr hat sich kein Mann gefunden, außer den Lehrern natürlich, der mich angesprochen, geschweige denn irgendwohin eingeladen hätte. Sonntag nachmittags bin ich fast regelmäßig allein in den Zoo gegangen, bis er zerbombt wurde, damit die Mädchen wenigstens glaubten, ich würde mich heimlich mit jemandem treffen, der verheiratet sein mußte. Aber keine einzige hat mich danach auch nur gefragt. Sie sind gar nicht auf den Gedanken gekommen!»

«Tinchen ... weißt du, daß du sehr, wirklich sehr hübsch bist?»

«Nein. Anfangs hab’ ich gedacht, ich sei nicht häßlich, auf alle Fälle nicht häßlicher als ein paar echte Vogelscheuchen in der Klasse. Nur sind die meisten von denen sogar schon verlobt. Was soll ich jetzt davon halten?»

«Dann ... muß es an etwas anderem liegen, Tinchen ...!»

«Aber an was denn?»

«Laß uns überlegen.»

«Ich tue ja fast nichts anderes mehr. Mir geht das schon auf den Wecker!»

«Bist du nicht vielleicht zu abweisend? Ich meine – zugeknöpft? Gibst du den Männern nicht zu verstehen, daß sie deinen Ansprüchen nicht genügen, noch bevor sie es überhaupt versuchen konnten? Und falls sie wissen, wessen Tochter du bist, könnten sie von dir nicht den Eindruck haben, du verlangst, sie müßten unbedingt dem Karli ... deinem Vater gleichkommen?»

Sie liegen sich nicht mehr in den Armen, Christine kaut aufgeregt am rechten Daumennagel, wie von klein auf immer, wenn ihr etwas um keinen Preis gelingen wollte. Dafür hält Gertrud ihre Linke fest, legt sie in den Schoß und streichelt sie beschwichtigend. Die Ehrlichkeit der Tochter besticht sie, sie ist auch während der Trennung die gleiche geblieben.

«Vielleicht hast du recht, Mami, es ist gewiß so gewesen, jedenfalls bis vor kurzem. Aber jetzt hab’ ich sogar selber was versucht – und wieder nichts!»

«Hast du doch jemand gefunden, der es wert ist?»

«Ach, nein. Ich hab’s erst gestern ...»

Die Mutter hört einen Vorwurf heraus, und das macht sie unglücklich.

«Das hab’ ich doch nicht ahnen können, Tinchen, ich wollte dich hier in Sicherheit wissen ... So ein Pech! Hast du ihm wenigstens gesagt, wohin er dir schreiben kann?»

«Wer ...?»

«Na der ... von dem du sprichst.»

«Er hat mich doch hergebracht!»

«Hierher? Du meinst ...»

«Den Namen hab’ ich überhört.»

«Weißmüller ...?»

«Der große Blonde ...»

«Ja! Und der kam dir also ...»

«Er kam mir jedenfalls anders als all die Berliner Laffen vor. Zum ersten Mal im Leben schien mir, daß jemand Vater ähnlich sein könnte.»

Sie hört auf, an dem Daumen herumzukauen und schaut die Mutter mit einer Eindringlichkeit an, die nach Zustimmung verlangt. Gertrud entsinnt sich der Bedenken, die Karl kürzlich über Weißmüller geäußert hatte. Sie traut sich jedoch nicht, es der Tochter gerade jetzt zu wiederholen, als könnte sie damit den Faden ihres neuen Selbstvertrauens zerreißen. Sie behilft sich mit einer Halbwahrheit.

«Ja, Karl sprach kürzlich über seinen Diensteifer.»

«Und wie gefällt er dir, Mami?»

«Ein hübscher Bursche ...»

«Er trägt keinen Ring, geht er hier mit einer?»

«Wo soll er hier eine hernehmen?»

«Wirklich nicht?»

«Ich glaube es wenigstens ...»

«Und außerhalb?»

«Woher soll ich das wissen, Tinchen?»

«Entschuldige, ich bin unmöglich!»

Aus ihrer Verlegenheit rettet sich Gertrud mit einer weiteren Frage.

«Warte, du hast gesagt, du hättest was versucht ... was denn eigentlich?»

«Mit ihm anzubändeln. Eben, um nicht zugeknöpft und abweisend dazustehen, wie du sagst, damit gerade er nicht dachte, ich würde über ihn als Vaters Untergebenen die Nase rümpfen, hab’ ich ihn während der Fahrt nach allem möglichen ausgefragt.»

«Über was?»

«Wie es euch beiden geht, wie es hier so läuft, was er hier tut, mit was man sich hier amüsiert. Was Mädchen eben so fragen – denke ich wenigstens!»

«Auf das meiste durfte er dir als Soldat keine Antwort geben!»

«Schade, dafür aber Vaters Fahrer. Der hat so ein Zeug zusammengequasselt, daß ich lieber eingeschlafen bin.»

Gertrud denkt angestrengt nach.

«Warum sagst du nichts, Mami?»

«Vielleicht ist er schüchtern ...»

«Mit so einer Figur? Auf den müssen doch die Weiber nur so fliegen!»

«Tinchen! Du bist ja eifersüchtig! Also ist Schluß mit den Hemmungen?»

Beide lachen. Christine beichtet weiter.

«Ich habe ihn dann nachts gesehen.»

«Nein ...! Du hast dich mit ihm ...»

Jetzt erst wird Gertrud bewußt, daß der junge Mann und ihre Tochter unter dem gleichen Dach wohnen.

«Nein, das nicht! Ich hab’ ihn nur aus einer gewaltigen Höhe springen sehen, mir blieb fast das Herz stehen. Ich ahnte ja nicht, daß es hier ein Schwimmbecken gibt.»

«Ja, Vaters Vorgänger hat es anlegen lassen, du kannst da jederzeit baden ...»

Sie erwähnt nicht, wie empört Karl darüber war, daß es auch in diesem Fall zum unerlaubten Einsatz von Gefangenen gekommen war, doch obwohl sie selbst ein eher unsportlicher Typ war, stieg sie gern in das immer frische Wasser, das ein französischer Architekt, der hier sein Ende erwartete, aus dem Festungsbach hierher geleitet hatte. In diesem Winkel währte für sie die verflossene Friedenszeit weiter.

Vorsichtig sagt Christine.

«Nach ihm ist eine Frau dorthin gegangen.»

Erstaunlicherweise erzählt sie der Mutter nichts von den verdächtigen Umständen; das überrascht sie selbst.

«Das konnte nur die Monika sein.»

«Monika?»

«Ich meine, sie ist mit mir die einzige, die es bislang durfte. Jetzt kommst auch du dazu, versteht sich!»

Christine ist die Neugier selbst.

«Und wer ist das?»

«Die Frau von Karlis – von Vaters Stellvertreter Grube.»

«Wie alt ist die?»

«Etwas jünger als ich.»

Christine ist beruhigt. Auf Großmütter ist man nicht eifersüchtig. In diesem Augenblick denkt sie auch nicht daran, daß die andere noch begehrter sein könnte als ihre Mutter. Sie vergißt das ebenso wie den Umstand, daß sie soeben noch Kummer hatte. Sie ist wieder ein Kind, als sie jetzt auf dem Bett herumhüpft, bis Gertrud fast herunterfällt. Aber da kniet Christine schon vor ihr, umarmt ihre Knie und preßt den Kopf in ihren Schoß.

«Mami, liebe Mami, ich bin so froh, daß ich hier bin!»

Gertrud verscheucht alle neuen Zweifel aus ihren Gedanken und freut sich mit dem Kind. Unmittelbar darauf dringt, gedämpft durch das Fenster, eine satte Melodie herein. Ein Walzer. Und eine ganze Kapelle spielt ihn. Auch die Tochter hört es und hebt den Kopf.

«Was ist das ...?»

Gertrud geht ein Licht auf. Lachend seufzt sie.

«Dieser Karli ...! Komm! Mein Gott, du hast ja nichts an ... Zieh dir geschwind was über! Schnell!»

Sogar in diesem Durcheinander greift Christine zielsicher nach einer weißen Bluse und einem weißen Rock, die ihr besonders gut stehen, knöpft beides, schon unterwegs, zu und schlüpft geradezu akrobatisch in die weißen Schuhe, als sie bereits die Treppe hinunterlaufen und über den Gang rennen wie in Berlin bei Bombenalarm. Der Walzer kommt immer näher. In der Küche scheinen sich die Gardinen in seinem Rhythmus zu blähen. Gertrud dreht sich noch schnell zu ihrer Tochter um.

«Bin ich so in Ordnung?»

«Du bist wunderschön, Mami!»

Das weiß Gertrud selbst, als sie aber endlich ans Fenster tritt, ist sie aufgeregt wie ein junges Mädchen.

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
290 p. 1 illustration
ISBN:
9788711461440
Publishers:
Translator:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books