Read the book: «Das Perpetuum Mobile»
Die Geschichte einer Erfindung
e-artnow, 2016
Kontakt: info@e-artnow.org
ISBN 978-80-268-5095-3
Einführung
Der alte Herr sprang in seinem Laboratorium auf einen kleinen Tisch, räusperte sich heftig und sagte: »Meine Herren, jetzt werde ich mal eine Rede reden. Ich bin ja kein geübter Redner. Aber ich hoffe doch, daß ich mich Ihnen verständlich machen kann. Ich behaupte, daß die Europäer und besonders die Deutschen ihren berühmten Männern der Wissenschaft allzu viel Hochachtung entgegenbringen; allzu viel! Wenn Einer eine halbwegs vernünftige Ansicht geäußert oder etwas Imposantes erfunden hat, wird er gleich eine Autori-tät<. Die Unberühmten sagen sich: Der Mann hat mal was Vernünftiges vorgebracht, also wird Alles, was er sonst noch sagt, wahrscheinlich auch sehr vernünftig sein. Das ist bequem, nicht wahr, meine Herren? Nun wollen wir gleich auf den Kern der Sache kommen. Ein herrliches Beispiel wird Ihnen das Gesagte vortrefflich illustriren. Das große Gesetz von der Erhaltung der Energie hat ja bekanntlich Robert Mayer im Jahr 1849 sehr klar for-mulirt. Und er schloß an diese höchst moderne Gesetzgebung< die Bemerkung, daß ein Perpetuum Mobile nicht möglich sei. Und sechzig Jahre beteten das alle Wissenschaftler ganz gemüthlich nach, ohne sich die Mühe zu geben, die Sache noch mal zu untersuchen. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie wollen wir hier gar nicht anzweifeln; daß aber aus diesem Gesetz die Unmöglichkeit eines Lastmotors hervorgeht, wollen wir doch ganz energisch bestreiten. Robert Mayer hat sich bekanntlich auch drei lange Jahre hindurch mit dem Perpetuum Mobile beschäftigt. Als er einsah, daß er selbst das Problem nicht lösen könne, sagte er feierlich: Wenn ichs nicht kann, dann gehts nicht; denn geistreicher als ich selbst kann doch Niemand sein. So (oder so ähnlich) entstand sein sehr vortreffliches Buch über die Erhaltung der Energie. Welche Weisheit aber verzapfte der große Robert dabei? Doch nur diese: geht eine Last herunter, so muß sie wohl wieder hinaufgehoben werden, also kann sie nicht perpetuirlich wirken, wenn sie heruntergeht. Es ist aber doch möglich, daß eine Last ein System von Rädern in Bewegung setzt, ohne daß diese Last sich dem Erdboden nähert. Warum soll Das denn nicht möglich sein?
Was man heute nicht gefunden, kann man doch wohl morgen noch finden. Außerdem: jedes Mühlrad in eisfreiem Fluß, der niemals austrocknet, ist ein Perpetuum Mobile. Bei diesem arrangirt allerdings die Verdunstung des Wassers das Wiederhin-aufheben der Last. Aber dieses Wiederhin-aufheben wird von der Sonne perpetuirlich besorgt. Ich glaube, die Herren Physiker können sich noch nicht bei ihren kosmischen Betrachtungen mit ihrer Phantasie außerhalb der Erdathmosphäre hinstellen und von dort aus die sehr merkwürdige perpetuirliche Anziehungarbeit der Erde beobachten. Diese Anziehungarbeit in perpetuirliche Bewegung umzusetzen, mag ja nicht so ganz leicht sein: für unmöglich dürfen wirs aber nicht halten. Diese Umsetzung von Anziehungarbeit in Bewegung wird von dem Prinzip der Erhaltung der Energie gar nicht berührt. Tote Kraft giebts allerdings auf dieser Erde nicht. Jeder ruhende Gegenstand drückt; und leistet damit Arbeit. Die Physik mag eine sehr schwierige Sache sein. Das berechtigt aber keinen, dummes Zeug auf dem Gebiete dieser herrlichen Wissenschaft zu behaupten und zu glauben. Außerdem erkläre ich
Ihnen, daß ich noch keinen Techniker kennen gelernt habe, der nicht im Geheimen ein Perpetuum Mobile zu erfinden versucht hatte.« Der alte Herr stieg vom Tisch runter und trank drei Cognacs, ohne sich hinzusetzen. Da sagte ich: »Sehr geehrter Herr Laboratoriumsdirektor, ich bin durchaus Ihrer Ansicht und ich habe mich auch zwei Jahre und ein halbes hindurch bemüht, einen transportablen Lastmotor, der nur durch Auflage eines Gewichtes perpetuirlich funktionirt, zu erfinden. Ich glaube, daß mirs gelungen ist. Jedenfalls habe ich ein Buch darüber geschrieben, das, unter dem Titel »Das Perpetuum Mobile«,mit sechsundzwanzig Zeichnungen im Buchhandel käuflich zu erwerben ist.«
»Das ist ja ganz famos!« sagte der Direktor; »ich gratulire Ihnen!«
»Ich gratulire mir auch!« sagte ich freundlich.
Die Geschichte einer Erfindung
»Je größer die Verzweiflung – um so näher ist man den Göttern. Die Götter wollen uns zwingen, dem Grandiosen immer näher zu kommen. Und sie haben kein anderes Mittel zum Zwingen – als die Misere. Nur in der Misere wachsen die großen Hoffnungen und die großen Zukunftspläne.«
Diese Sätze hielt ich lange Zeit hindurch wie ein Glaubensbekenntnis fest. Aber dieses Glaubensbekenntnis sollte mal eine starke Erschütterung erleben.
Und das kam so:
Am 27. Dezember 1907 dachte ich über kleine Geschichten nach, in denen etwas Neues – Verblüffendes – Groteskes – vorkommen sollte. Ich dachte an die Zukunft der Kanonen, die mir als Transportapparate sehr nützlich erschienen; ich glaubte, daß abgeschossene Waren mit automatisch sich öffnender Fallschirmvorrichtung ganz bequem wieder zur Erde herunterkommen könnten.
Und ich stellte mir danach die ganze Erdluft von Drahtseilbahnen, durchspannt vor. Besonders sympathisch wirkten auf
mich die Drahtseilbahnen, die von ganz hohen Bergen herunterkamen. Ich dachte an Ballons als Seilbahnträger bei Nordpolfahrten und dann an Riesenräder, die auf allen Landbahnen nach meiner Meinung viel schneller dahinrollen könnten als die jetzt gebräuchlichen kleinen Räder.
Dabei schien es mir nur natürlich, den Wagen ins Rad zu setzen. Das war jedenfalls etwas Neues.
Ich stellte mir das große Doppelrad a speichenlos vor (Fig. 1) und hing den Wagen R an die Doppelräder b und c, die in der Doppelstange f g befestigt wurden. Die Räder d und e waren zur Sicherheit da, damit b und c nicht von a runterfallen konnte. Wurde nun a geschoben, so bewegten sich die kleinen Räder auch. Alle Räder konnten natürlich auch Zahnräder sein.

Hing ich nun aber an f ein Gewicht L, das dem Gewicht von R nicht viel nachgab, so ergab sich (Fig. 2) die Bewegung aller Räder in der angegebenen Pfeilrichtung. Und zwar: das ganze System bewegte sich nur durch Gewichtsauflage – das Perpetuum mobile war nach meiner Meinung fertig.

»Durch Gewichte bewegtes Zahnrad« nannte ich die Geschichte. Ich sagte mir: die Anziehungskraft der Erde ist eine perpetuierliche, und diese perpetuierliche Anziehungsarbeit läßt sich durch aufeinander gestellte Räder in perpetuierliche Bewegung umsetzen.
Daß jeder Physiker widersprechen würde, wußte ich sehr genau. Aber darin bestand ja ein Hauptreiz für mich. Die Physiker waren mir immer verhaßt. Was ging mich Robert Mayer – und das Gesetz von der Erhaltung der Energie an?
Wohl schien mir gleich etwas fraglich, ob Rad c auch in der Pfeilrichtung sich bewegen würde. Aber ich dachte nun zunächst nicht weiter über die Sache nach und glaubte, c würde schon mitgerissen werden.

Wenn ich a auf zwei andere feststehende Räder v und w setzte (Fig. 3), war die durch Gewichte bewegte Baggermaschine fertig. Mit der ließen sich Kanäle bauen – man brauchte nur 100 000 Räder in Bewegung zu setzen – und in drei Tagen wäre ein Kanal Berlin-Paris fertig.
Die Verdoppelung der Marskanäle war somit erklärt: die Marsbewohner hatten eben bereits das Perpetuum mobile entdeckt.
Dieses alles hatte ich in ein paar Stunden zusammengedacht – und da wurde denn meine Phantasie etwas wild. Und es gelang mir vorläufig nicht, die drei Zeichnungen genauer zu prüfen.
Ich dachte: so einfach wird ja die Sache jedenfalls nicht sein – aber gehen wird’s schließlich doch.
Und wenn ich auch des Morgens immer zweifelte, so war ich doch des Abends immer wieder fest davon überzeugt.
Und ich zeichnete in den nächsten Tagen ein paar hundert Räder – eigentlich immer wieder dasselbe.
Die Sache kam mir zuweilen sehr spaßhaft vor.
»Wer hätte das gedacht,« sagte ich öfters, »daß ich noch mal das Perpetuum mobile erfinden würde. Dadurch ist ja die Menschheit von aller Arbeit erlöst. Der Stern Erde arbeitet für uns. Die von mir so viel gepriesene Misere hat ein Ende.«
Ich ließ mir dann beim Klempner ein paar Blechräder herstellen und kaufte mir auch andre Räder. Das Modell war aber so klein, daß sich alle Räder gar nicht ordentlich bewegen wollten. Und ich kam gar nicht dazu, Gewichte anzubringen. Ich war zu ungeschickt.
Diese ersten mißglückten Versuche hielten mich aber nicht ab, mit die weiteren
Ronsequenzen der großen Entdeckung auszumalen, an die ich, wie ich schon sagte, Morgens immer zweifelte und Abends immer glaubte. Das Rad c kam mir öfters sehr bedenklich vor.
Ein paar Notizen aus jener Zeit werden meinen damaligen Zustand sehr deutlich machen:
7. Januar 1908
Das ganze Potentatenspiel ist gar nichts gegen diese Radgeschichte. Sie macht Alles möglich – besonders eine elektrische Beleuchtung in der Nacht, daß Alles starr sein wird. Diese Lichtgeschichte ist kaum auszudenken. Man kann ja verschwenderisch mit der Elektrizität umgehen und in allen Farben immerzu Alles illuminieren -überall – wo man geht und steht.
8. Januar 1908
Wie sich die Luftschiffer freuen werden über die Lichtmassen. Alle Kirchtürme können ja von oben bis unten mit Licht überschwemmt werden. Ganz große Berge lassen sich ebenso illuminieren. Und dann die leuchtenden Wagen und die Hausdächer und die kolossalen Lichtstraßen – und
die Kanalufer …
Dazu kommt noch die Durchleuchtung des Wassers, das ja so durchleuchtet werden kann, daß die Fische gar nicht aus dem Staunen rauskommen könnten.
Was nur die andern Planetenbewohner dazu sagen werden, wenn sie die Nachtseite der Erde so fabelhaft erleuchtet sehen!
Das muß doch ein Ereignis in unserm Sonnensystem genannt werden!
Schließlich brauchen wir die Sonne gar nicht mehr …
9. Januar 1908
Ich sehe Tag und Nacht immerfort Räder vor meinen Augen – was ich auch daneben sonst noch denken mag – immer Räder -Räder – es ist beinah unheimlich.
Ich glaube nicht mehr, daß ich das alles mache – das macht ein Andrer in mir. Ich beschäftige mich einfach wider meinen Willen mit dem alten Problem. Vielleicht ist dieser passive Zustand für alle Künstler und Erfinder das beste – dann kann der Andre in uns am leichtesten wirksam werden.
Mich beschäftigen jetzt auch immerzu die großen Bauten, die da kommen werden.
Architektonische Behandlung der Gebirgspartieen wäre jetzt nicht mehr utopisch wenn das Rad geht.
Immer wieder dieses komische Wenn!
Jedenfalls sind die Utopien unter den Tisch gefallen -wenn‘ s geht.
Überhaupt: mit den Utopien hat sich die Menschheit ein bißchen blamiert – ein paar Räder bringen eine größere Revolution hervor als sämtliche Denkerköpfe der Menschheit zusammen.
Ob wohl jemand eine Utopie schreiben möchte, die 100 Jahre nach der endgültigen Erfindung des Perpetuum mobile spielt?
Dreist genug sind manche Leute; es gibt so viele übermütige Leute, die noch niemals Furcht vor der Blamage gezeigt haben
12. Januar 1908
Mit meinem Modell ist nichts anzufangen. Das behindert aber den Strom meiner Phantasie nicht im mindesten. Ich bedaure nur, daß mein Glaubensbekenntnis von
der entwicklungsfördernden Misere so heftig ins Schwanken kommt.
13. Januar 1908.
Kanalbauten in der Sahara könnten doch die ganze Wüste fruchtbar machen.
Überhaupt: Wenn man allen Flüssen der Erde beliebige neue Wege anweisen könnte, so wäre doch eine fabelhafte Steigerung der irdischen Fruchtbarkeit zu erzielen.
Also: Wüstenkultur im großen Stil.
Dagegen ist der Panamakanal eine Bagatelle.
Es lohnt kaum, darüber zu sprechen …
Wie ich lachen werde -wenn’s geht …
Aber vielleicht lach ich auch nicht.
Es liegt etwas Dilettantisches darin, wenn man alles gleich in Wirklichkeit ausgeführt sehen will.
Ludwig II., der in Lohengrinrüstung auf seinem künstlichen See herumfahren mußte, um die ganze Lohengrinstimmung auszukosten, kam mir immer fürchterlich vor.
Es liegt etwas Armseliges in denen, die alles wirklich haben wollen.
14. Januar 1908.
Früher – einst – versetzte man Uhren.
Jetzt – kann man Berge versetzen.
So könnte man auch sagen – wenn das Rad geht – was ja noch nicht feststeht.
Vorläufig steht’s.
Aber wenn’s erst geht, ist tatsächlich Alles möglich. Vielleicht haben die Marsbewohner mit ihrem Perpeh bereits alle ihre Berge abgeschaufelt.
Vielleicht – machen wir das auch.
Schön wär’s ja nicht, wenn alle Gebirge auf der Erde verschwänden – im Gegenteil – ich halte die Idee für entsetzlich.
Aber – vielleicht ist es praktisch.
Man könnte dann Dämme bauen mitten durch den atlantischen Ozean und mitten durch den stillen Ozean.
Und man könnte auch die Ostsee und das mittelländische Meer ausschöpfen.
Das ist alles absolut nicht unmöglich,
wenn das Rad geht
15. Januar 1908
Man dachte mal daran, die Linien des
pythagoräischen Lehrsatzes in den Sand
der Sahara in Kolossaldimensionen einzu
graben, um den Marsbewohnern ein ver-
ständliches Zeichen zu geben – vielleicht denkt man jetzt daran, die Linien des Per-peh in sieben Meilen starker Breite als Lichtstreifen in die Sahara zu setzen.
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