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Paul Oskar Höcker
An der Spitze meiner Kompagnie

Drei Monate Kriegserlebnisse

Saga

Abschied

Das Schwerste ist überstanden: der Abschied. Frau und Kinder standen im Garten und winkten dem Auto nach, das von Westend nach dem Anhalter Bahnhof eilte. Man hat die Zähne zusammengebissen und hat das Taschentuch noch ein Weilchen flattern lassen und hat ein fröhliches Gesicht gemacht. In der Villenstrasse alles noch ganz still. Aber vorn, am Reichskanzlerplatz, stehen die Frauen vor den Läden und sprechen über die Mobilmachung. Dem Friseur sind seine Gehilfen genommen, dem Kaufmann seine Austräger, dem Blumenhändler seine Binder. Das Butterfräulein winkt mir zu, als das Auto um die Ecke biegt.

Ich bin noch nie mit so wenig Handgepäck auf so grosse Fahrten ausgezogen. Immer ist mir’s, als müsst’ ich etwas vergessen haben. Aber das ist wohl nur der innere Draht, der einen noch mit seiner Heimat verbindet und auf dem Depeschen hin und her gesandt werden, innige Friedensdepeschen im hellen Kriege, die ihr Ziel ohne abstempelnde Beamte finden müssen.

Nur keine Bahnhofsabschiede! Sie tun mir leid, die Pärchen, die Gruppen mit den nassen Augen, mit den letzten schmerzenden Küssen. Noch fünf Minuten, noch drei... Einsteigen!... Ich schnalle den Säbel ab, den gestern der Waffenmeister geschliffen hat, nehme Platz, und der endlose Militär-Lokalzug rollt langsam aus der Halle hinaus in die blendende Sonne.

Ja, der Abschied war doch das Schwerste. Die ungeheuerliche Vorstellung, dass man etwa mit Zehntausenden, Hunderttausenden zusammen zerschmettert am Boden liegen sollte, dass man an all den dringenden Geschäften der Familie, des Hauses, der Arbeit niemals mehr irgendwelchen Anteil haben sollte. Noch so viel Pläne birgt der Kopf, noch so viel Wärme das Herz, noch so viel Kraft der ganze Kerl ...

Aber ein einziger Blick auf den Bahnsteig beim ersten Halten des Zuges — und wir halten oft, weil überall noch Leute aufgenommen werden — macht uns bescheiden. Wir sehen Freunde, Bekannte. Ein fröhlicher Zuruf. Und blitzschnell der Gedanke: Der braucht für die Seinen sein Leben genau so dringend wie du. Und keiner ist wichtiger als der andere. Und von dieser Stunde ab sind wir alle Brüder. Und die wichtigen, dringenden, unaufschiebbaren Geschäfte des Berufes haben alle, alle Zeit. Es gibt nichts Wichtiges mehr unter der Sonne, ausser diesem furchtbaren, welterschütternden Ereignis des uns aufgezwungenen Krieges nach drei Fronten.

„Hallo, Paul Oskar!“ ruft’s aus dem Nachbarwagen.

„Tovote!“ — Richtig, es ist Heinz Tovote, der zu seiner bayerischen Landwehrbrigade fährt. In den Dolomiten hat ihn die Kunde von der Mobilmachung überrascht. In dreissigstündiger Fahrt hat er Berlin erreicht — und das Wichtigste, was es jetzt für uns Wehrleute gibt: seine Feldausrüstung.

Auf der nächsten Station entdecken wir den Bildhauer Hans Dammann. Er ist Kompagnieführer in demselben Landwehrregiment wie ich. Und da ist ein Geheimrat, ein Landgerichtsdirektor, ein Bürgermeister, ein Oberlehrer, die ich öfters auf Festen der Landwehrinspektion traf. „Auch Wittenberger?“ Man schüttelt sich die Hand, freut sich, und die Schrecken des Krieges sind schon fast vergessen, man sieht nur noch famose Kameraden.

Nach vier Stunden landen wir in der alten Lutherstadt. Es geht zum Regimentsgeschäftszimmer. „Hauptmann der Landwehr ersten Aufgebots Höcker vom Bezirkskommando I Berlin meldet sich ganz gehorsamst...“

Und dann treffen am Nachmittag die endlosen Züge mit den dreitausend Wehrleuten ein. Immer neue Transporte. Wittenberg ist ein einziges Heerlager. Das stampft auf neuempfangenen Nagelschuhen über das Pflaster, das singt und schwatzt, ruft alte Kompagniekameraden an. Drollige Bilder gibt’s dabei. Auf den Kammern hat sich der Zivilist in einen halben Soldaten verwandelt. Der Helm schmückt schon das Haupt; aber der Uniformrock, der erst beim Regimentsschneider verpasst werden muss, ist noch durch die Ziviljacke ersetzt. Hunderte wandern so durch die Strassen ihren Bürgerquartieren zu. Es wird zehn Uhr abends, bevor die Lastenbündel mit Stiefeln, Lederzeug, Tornister, Mantel, Wäsche, Büchsen und Patronentaschen aus dem Strassenbild verschwinden.

In der Kavalierkaserne treffen die Autos ein, die vor der Brücke angehalten wurden. Eine junge Frau in grosskariertem Reisekleid beteuert mit überraschend ausdrucksvollem Mienenspiel, sie sei wahrhaftig keine Russin, sie sei Dänin, und ihr Name sei...

Sie braucht ihn gar nicht erst zu nennen. Ein Trüpplein Offiziere, im Begriff, den Kasernenhof zu verlassen, erkennt sie sofort. Es ist die Asta Nielsen. Mit Mann und Schwester will sie nach der Schweiz ausrücken. Sie hat grosse Bange vor den Gewehren mit den aufgepflanzten Bajonetten. Der Bataillonsadjutant und der Verpflegungsoffizier nehmen sich der Reisenden an und geleiten sie nach dem Hotel, wo sie bei einem Glase Sekt der liebenswürdigen neutralen Macht allerlei Auskünfte auf neugierige Fragen geben. Wohin unser Regiment zieht? Das wissen wir freilich selber nicht; und wüssten wir’s, so dürften wir es nicht verraten. Aber die Herren bemühen sich, der schwarzäugigen Filmkönigin einen möglichst guten Begriff von der hohen Kultur unserer Wehrleute beizubringen: In keinem Tornister fehle eine Nagelpflege, ein Fläschchen Odol und Pariser Hautcreme. — „Das ist Vorschrift?“ — „Unnachsichtig wird darauf gehalten!“

Nun sind auch die Pferde feldmarschmässig ausgerüstet. Satteltaschen mit Putzzeug, Reserveeisen, Marschhalfter, Woilach usw. lassen die beiden munteren Stuten, die mich und meine Frau oder meine Töchter tagtäglich durch den Grunewald trugen, bedeutend weniger elegant erscheinen. Die Tiere blicken gespannt um sich, spitzen die Ohren, mustern den neuen Pfleger. Es ist ein prächtiger junger Landwirt, der Bursche, den ich mir aus meinen zweihundertfünfzig Mann herausgesucht habe. Dass er tierlieb ist, merke ich schon beim ersten Futtern. Ich frage ihn nach seiner Heimat. Eine Frau und zwei Kinder lässt er daheim. „War’s Ihnen traurig, Günther?“ Er lächelt ein bissel wehmütig. „Ach, Herr Hauptmann, traurig war nur der Abschied. Jetzt ist’s überstanden.“ Ich nicke und lache ihm zu. „Wir werden sogar noch lustig werden, Günther! Was? Und wenn wir erst in der Bahn sitzen, werden wir’s kaum erwarten können, über die Grenze zu kommen, gleichviel ob’s nach Ost oder West geht.“

Und die Arbeit nimmt uns in ihren tröstlichen Schutz. Ja, ja, der Abschied war doch das Schwerste.

Die Fahrt ins Aufmarschgelände

So schön war Deutschland nie zuvor. Vom Fenster des Militärtransportzuges ans hat man die deutsche Landschaft aufs neue innig lieben gelernt. Der Zug ist zusammengesetzt aus Sekundärbahnwagen, Stadtbahnwagen, Viehwagen und offenen Loren. Er benutzt hier ein Stück der D-Zug-Linie, dort ein fast unbekanntes Kanonenbähnchen. Auf der Karte erscheint die Strecke wie im Zickzack geführt. Und das Tempo atmet Ruhe. Alle paar Stunden gibt’s einen Halt, die Mannschaften dürfen aussteigen, werden gespeist durch Feldverpflegung oder doch erquickt durch Liebesgaben der Bevölkerung. In wunderbarer Ordnung vollzieht sich das alles. Es gibt keine Minute Verspätung. Es ist, als habe der Generalstab diese Truppentransporte hundertmal geübt und veranstalte jetzt eine Parade seiner Schlagfertigkeit vor dem deutschen Volk.

Am Abend, in tiefer Nacht und im ersten Morgengrauen hat unser Landwehrregiment die Garnison verlassen. Meine Kompagnie rückt nachts um zwei Uhr vom Kasernenhof ab. Überall blitzen kleine Scheinwerfer auf: die Korporalschastsführer, die Zugführer mustern ihre Leute mit elektrischen Taschenlämpchen. Hat jeder Mann alles mit? Noch ist Zeit, Vergessenes heranzuschleppen. In einer Stunde entführt uns der Zug, und Nachsendungen erreichen uns vielleicht erst nach Wochen. In dem Zwielicht der mondbeglänzten Sommernacht sehen die feldgrauen Ungetüme mit den spitzen Helmkappen und hochbepackten Tornistern wie Fabelwesen aus. Und wir Offiziere gleichen Beuteltieren: an Riemen und Feldbinde tragen wir die kleine Kofferlast von Armeerevolver und Feldstecher, Kartentasche, Brotbeutel und Feldflasche.

„Stillgestanden! Die Augen links!“ Der Oberleutnant meldet mir die Kompagnie. Ich atme auf: trotz aller Abkommandierungen, Verschiebungen und Ausgleiche in den letzten Stunden stimmt die Zahl, wir haben die etatsmässige Stärke. „Guten Morgen, Leute!“ Und aus 251 Männerkehlen schallt es forsch zurück: „Guten Morgen, Herr Hauptmann!“

Vor der Kaserne erwartet uns die Jugendwehrkapelle. „Jung-Deutschland“ hat um die Erlaubnis gebeten, das Bataillon mit Musik zum Bahnhof abbringen zu dürfen. So jubelt uns denn der Preussenmarsch voran, und durch die nächtlichen Strassen dröhnt der Gleichschritt der Kompagnien.

Am Bahnhof Meldung an den Transportführer, den Oberstleutnant, der unser Bataillon in den Feldzug führt. Und in Ruhe, fast lautlos, nehmen auf seinen Befehl die tausend Mann die Plätze ein. Nur jenseits des Bahnhofgitters ist noch Bewegung: Frauen, Bräute, Schwestern und Mütter der Wehrleute.

Das Offizierkorps des Bataillons hat’s gut getroffen. Die altertümlichen, gemischten Wagen mit 1., 2. und 3. Klasse lassen verschiedentlich eine Belegung mit nur zwei Köpfen zu. Der Stabsarzt und ich knobeln die beiden Bänke aus, die lange und die kurze, und halten 36 Stunden lang gute Coupéfreundschaft.

Aus dem ersten Schlaf rüttelt uns nach zwei Stunden ein unsanfter Ruck. Die armen Pferde! ist unser erster Gedanke. An die Wagentüren kommen Helferinnen vom Roten Kreuz und bieten Kaffee an. Wir überlegen. „Wenn ich Kaffee trinke, kann ich nicht schlafen“, sagt der Stabsarzt. „Mir geht’s umgekehrt,“ sagt der Adjutant, der aus dem Nebenabteil eingtreten ist, „wenn ich schlafe, kann ich nicht Kaffee trinken.“ Wir beschliessen zu warten. In Güsten gibt’s die warme Kost für alle.

Und das wird dann eine Morgenschlemmerei von gutem Umfang. Für die Mannschaften Reis in Fleischbrühe, belegte Butterbrote, Kakao, Kaffee, Tee nach Verlangen; für die Offiziere ist im Wartesaal der Tisch gedeckt. Es ist die uns auf der Fahrt zustehende erste Mittagsverpflegung. Sie tut uns auch schon früh um 9 Uhr wohl.

Man steht dann noch ein Viertelstündchen in der Sonne und instruiert oder schreitet den endlosen Zug ab, sieht nach den Pferden, nimmt sich die „Sorgenkinder“ vor, deren jede Kompagnie einige besitzt, erhält aber die tröstliche Versicherung: „Ich schaff’s, Herr Hauptmann!“

Den guten Mut und die fröhliche Zuversicht des Bataillons beweisen die Aufschriften auf den Eisenbahnwagen. Und lustige Zeichnungen gibt’s in Menge. „Von wem ist denn die hier?“ fragt mich der Bataillonsführer überrascht. Ich berichte ihm stolz, wie viel Talente sich unter meinen Leuten befinden. Dem Unteroffizierkorps gehört sogar der bekannte Sezessionist Waldemar Rösler an.

Unter den Aufschriften belustigen uns am meisten: „Sitzungszimmer für die Eingemeindung von Frankreich und Belgien.“ — „Französischer Hackepeter, ¼ Pfund 15 Pfennig.“ — „Hier werden noch weitere Kriegserklärungen entgegengenommen.“ — „Schlafwagen nach Paris.“ — „Zum Witwenball in Paris!“ — Der böse Nikolaus kommt sehr schlecht weg. Man entdeckt ihn oftmals am Galgen; noch häufiger aber auf einem gewissen Örtchen, während draussen seine wildbärtigen Berater stehen, mit Brownings bewaffnet.

Durch gesegnetes deutsches Land führt uns der Zug. Alles scheint in tiefem Sommerfrieden zu liegen. Sollen Hass und Neid und Eifersucht der Nachbarn uns all die Schönheit unserer lieben Heimat verwüsten? Es ist, als habe man sein Vaterland noch nie zuvor so heiss geliebt wie in diesen schweren Tagen.

Der Harz kommt. Es geht durch einen langen Tunnel. Viele meiner Märker sind noch nie durch einen Tunnel gefahren. Wir sehen das Kloster Walkenried. In Bad Sulza steht das Landsturmaufgebot einer Schützenkapelle und spielt die „Wacht am Rhein“, während unser Zug vorüberrollt. Ach wie oft sind die alten kernigen Lieder gesungen worden. Dann kommt der Abend und mit ihm eine weichere Stimmung. Aus den Fenstern klingt es: „Die Vöglein im Walde, die singen so wunder — wunderschön — In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“ Es dämmert, es dunkelt, Sternschnuppen fallen. „Haste jesehn, Mensch?“ fragt ein bärtiger Wehrmann den andern von Fenster zu Fenster. — „Na, ick wer’ nich!“ — „Wat haste dir jewünscht?“ — „Dresche sollen se kriegen!“ — „Akkurat mein Fall!“... Dann Stille. Der Zug hält auf freiem Feld. Aus dem Fenster des Coupés, in dem mein Unteroffizier Sandkuhl, der Kabarettsänger, sitzt, lässt sich ein weicher Bariton vernehmen: „O du mein holder Abendstern!“ — Im Rattern und Schütteln des Zuges versinkt der Rest. „Ein famoses Material!“ meint Leutnant Holberg, der meinen dritten Zug führt. Er muss es wissen, denn er ist im Nebenamt der Leiter des Bruno Kittelschen Chors.

Mitten in der Nacht gibt es eine unerwartete Verpflegungsstation. Beim Bahnhof Paderborn sind ausgedehnte Baracken aufgebaut. Die Mannschaften bekommen warme Getränke, Butterbrote. Aber ihr Interesse ist jetzt noch stärker anderen Ereignissen zugewandt. — Da drüben zieht es endlos, endlos, in dunklen Reihen zwischen blitzenden Bajonetten dem Sennelager zu: Kriegsgefangene sind’s. — Wie die Augen unserer Wehrleute aufleuchten!

„Wenn mer bloss erscht dort wären!“ sagt mein Entfernungsschätzer Schultze II mit tz, der Feuerwehrmann aus Berlin NO. Und ein Leutnant bringt von drüben die in gebrochenem Deutsch gegebene Versicherung eines Kriegsgefangenen: „Franzos kaputt, Deutsche schiesst zu gutt!“

Auch Damengesellschaft bekommen wir, d. h. der Bataillonsstab. Eine Hauptmannsfrau, die ihren erkrankten Gatten in Wesel besuchen will, ist auf die Liebenswürdigkeit unseres Transportführers angewiesen, sonst käme sie vor zwei Tagen kaum an ihr Ziel. Es ist wie ein Gruss aus einer Welt, die wir verlassen — wer weiss, für wie lange.

Die Soldateska wird sanft, friedlich entschlummert alles. Aber am andern Morgen, in Dortmund, gibt’s wieder ein echtes Feldlagerbild: alles eilt in Hemdsärmeln zu den prächtigen Waschstationen, die neben dem Bahnsteig errichtet sind. Das prustet, spritzt, gurgelt, frottiert, stöhnt und grunzt vor Behagen.

Und wie ich eben das vielbenutzte Handtuch kameradschaftlich dem Gefreiten Gebauer überlasse, der stündlich ein neues Gedicht vom Stapel lässt, tritt eine junge Rote-Kreuz-Helferin auf mich zu. „Ach verzeihen Sie, der Soldat da drüben sagt. Sie wären“ — Der Soldat da drüben, der gerade die Ärmel seines Seidenhemdes aufkrempelt, ist der Führer der 7. Kompagnie. Und kurz und gut: ich soll der jungen Dame und ihren Freunden je ein Autogramm geben. Das blonde „Erfrischungsmädel“ liest auf meiner Erkennungsmarke meinen Namen nebst den Vornamen, Charge, Kompagnie, Bataillon, Regiment. Und jetzt glaubt sie. Sie lacht. Eigentlich hatte sie sich den Romanschriftsteller ganz anders vorgestellt. Zwei Tage nicht rasiert. Schön sind wir nicht.

Das Hornsignal „Sammeln“. Alles steigt ein.

Und bald sehen wir den Rhein.

Die Bevölkerung empfängt uns fast jubelnd. Sie haben hier doch wohl ein wenig Bange gehabt so nah der Grenze. Und freuen sich, die „Wacht am Rhein“ zu hören — von immer neuen durchziehenden Bataillonen.

Einmarsch in Belgien

In der Frühdämmerung ist das Regiment aus Aachen abmarschiert. Die Nachtruhe war kurz. Das Bataillon war erst am späten Abend eingetroffen, die Befehle der Brigade und des Regiments erreichten uns erst nach Mitternacht. Da hiess es also, rasch die Befehle an die Kompagnie weitergeben (ein besonderes Kunststück, wenn es Nacht ist und die Kompagnie auf hundert kleine Bürgerquartiere in einer fremden Stadt verteilt liegt) und schleunigst das Bett aufsuchen. Die hübschen Hotels sind Massenquartiere der durchziehenden Offiziere geworden. Die Tanzsäle hat man zu Lazaretten umgewandelt. Ich bin für diese Nacht, die allerdings nur noch drei Stunden zählt, im Rosenbad einquartiert. Himmlisch. Es ist zweibettig, und ich habe Schränke, Kommoden, einen Riesenwaschtisch zur Verfügung. Allerdings: mein Gepäck habe ich erst gar nicht kommen lassen können, denn es muss schon zwei Stunden vor Abmarsch auf dem Alarmplatz des Bataillons zur Stelle sein. Etwas beschämt entnehme ich meinem Brotbeutel das winzige Zahnbürstchen, die Miniaturtube Albin und das talergrosse Stück Seife, das seidene Reservehemd und die federleichten Pantoffeln und den von mir unzertrennlichen Wecker. ... Und das kleine Luder weckt mich auch schon, kaum dass ich im Bett liege...

Unser Auftrag ist schwer und ernst. Wir sollen das Gebiet bis zur Maas von Franktireurs säubern. Alle Tage wird aus dem Hinterhalt auf unsere durchziehenden Truppen, besonders auf kleinere Abteilungen, auf Meldereiter, Radfahrerunteroffiziere, Militärkraftwagen geschossen. Da gilt es nun endlich, scharf durchzugreifen. In einer klar und energisch abgefassten Proklamation ist den Einwohnern der von uns besetzten belgischen Gebietsteile kundgetan worden, dass alle Waffen, alle Munition, alle Sprengstoffe innerhalb der nächsten Stunden abzuliefern sind. In breiter Front bewegen sich nun mehrere Landwehrbrigaden westwärts, um das Land von solchen Marodeuren zu säubern. Jedem Bataillon ist sein Gebiet zugewiesen. Von meinem Kommandeur — einem prächtigen Feldsoldaten, einem Oberstleutnant, der 32 Jahre in der Front gestanden hat — habe ich den besonderen Marschbefehl für meine Kompagnie. Ein paar hundert Meter vor der belgischen Grenze machen wir einen Halt. Meine Leute wissen, um was es sich handelt. Wir wollen nicht wie die Barbaren hausen, aber es gilt, mit aller Strenge vorzugehen. Ich werde in jedem Gehöft, das ich auf Waffen usw. zu durchsuchen habe, dem Besitzer noch eine letzte Möglichkeit geben, mir die bei ihm auch jetzt noch verborgenen Waffen abzuliefern. Erklärt er, keine zu besitzen, und werden welche bei ihm gefunden, so muss er auf der Stelle füsiliert werden. Häuser, aus denen Angriffe erfolgen oder in denen der Durchsuchung Widerstand entgegengesetzt wird, werden sofort niedergebrannt.

Schweren Herzens vorwärts. Rechts liegt noch neutrales Gebiet, bei Moresnet, in dem „Das Heiratsdorf“, der hübsche Roman von Nanny Lambrecht, spielt, dann beginnt rechts der von Franktireurs viel belästigten Strasse nach Lüttich belgisches Gebiet; deutsches Gebiet begleitet die Strasse noch eine Strecke weit links. Nicht weit von Moresnet liegen mehrere Gehöfte: Jungbusch, Hoof und zwei Abbauten. Ich entsende dahin meine vier Offiziere mit je drei Gruppen zur Durchführung und reite mit der ersten Abteilung nach Jungbusch mit. Eine schwarzweissrote Flagge weht von der grossen Linde vor dem Haus. Kein Haus ist hier ohne deutsche Flagge. Im Augenblick, da wir das Zauntor öffnen, nimmt ein junger Bursche nach dem nahen Wäldchen hin Reissaus. Ich sprenge ihm nach, aber die hier üblichen übermannshohen Weissdornhecken machen eine Verfolgung unmöglich. Eine Frau erscheint auf unser Rufen. Ob sie allein im Hause sei? Allein? Nein, sie habe eine Tochter von 15 Jahren. Sonst niemand? Zögernd setzt sie hinzu: Ja, ihr Mann sei auch daheim. Die Wehrleute dringen ein und holen ihn. Der Leutnant lässt die Gewehre fertig machen, die Zivilisten müssen vor den Zaun des Gemüsegartens treten, und ich ermahne die Hausbewohner, so eindringlich ich kann, alle Waffen abzuliefern, die sie noch im Hause haben. Der Alte schwört, er habe nie eine Waffe besessen. Sein Sohn sei seit mehreren Tagen unterwegs. Ob der eine Schusswaffe besitze? Alle drei heben beschwörend die Hand hoch: Nein, er sei ein friedfertiger Mensch, habe nie, niemals eine Waffe in der Hand gehabt. Aber in dieser Gegend ist häufig aus den Hecken heraus geschossen worden. Wir müssen das Haus von oben bis unten durchsuchen. Ein letztes Mahnwort: „Sie wissen, dass jeder Zivilist, der jetzt noch im Besitz einer Waffe betroffen wird, mit dem Tode bestraft werden muss?“ — „Wir haben keine Waffen!“ beteuern sie noch einmal. Und die Mannschaften verteilen sich auf Keller- und Wohnräume, Geräteschuppen und Stall, durchforschen den Garten und das Umland nach frischen Grabestellen. Vor den Gewehrläufen mit den aufgepflanzten Seitengewehren stehen die drei Leute und halten meinen Blick ruhig aus. „Wer war der Bursche, der da vorhin aus Ihrem Hause echappiert ist?“ frage ich den Alten. „Haben Sie mir in letzter Sekunde noch ein Geständnis zu machen?“ Der Alte faltet die Hände. „Nein, Herr Offizier, als Mann von 72 Jahren schwöre ich Ihnen zu“... Und da geschieht das Grässliche. Ein Unteroffizier und ein Wehrmann schleppen einen jungen Burschen aus dem Haus. Sie haben ihn auf dem Boden im Stroh versteckt entdeckt. Er hatte ein mit fünf Patronen geladenes belgisches Gewehr in der Hand. Aus der Dachluke mag er manch ehrlichem Deutschen nach dem Schädel oder der Brust gezielt haben. Der Bursche hat die Hände emporheben müssen. Schlotternd, käsebleich steht er da. „Wer ist dieser Bursche?“ frage ich den Alten. Sie sind alle drei auf die Knie gefallen, wie vom Blitz gefällt, und lamentieren. Die Frau kreischt: „Es ist mein Sohn! Um Gottes willen. Sie wollen ihm doch nicht ans Leben?!“ ... Und die Fünfzehnjährige heult herzbrechend. Der Festgenommene will entwischen und wird von den Mannschaften an die Hausmauer gestellt.

Ich muss mir gewaltsam das Bild ausmalen von den diensteifrig in die Nacht hinausreitenden deutschen Patrouillen, um deren Helme die Kugeln heimtückischer Franktireurs sausen, muss mir so recht eindringlich die sehnigen Gestalten und leuchtenden Augen unserer guten deutschen Jungen vorstellen, um diesem Jammer gegenüber Herr meiner Nerven zu bleiben und dem Befehl nachzukommen. „Er wird erschossen. Drei Mann. Fertig.“

Und von den drei Wehrleuten — es sind Familienväter, zwei Berliner und ein Landwirt — zuckt auch nicht einer mit der Wimper. Diese Sache ist gerecht. Hier ist ein Schurke gefasst, der kein Mitleid verdient. Die Salve kracht. Der schlotternde Körper sinkt in sich zusammen und rührt sich nicht mehr. In der blauen Bluse sind drei winzige Öffnungen zu sehen. Die Augen sind geschlossen, das Gesicht hat den Ausdruck überhaupt nicht gewechselt. Der Tod durch unser Gewehr ist schmerzlos. Aber auf belgischen Strassen sind deutsche Soldaten von bübischem Gesindel wie diesem am Boden liegenden Strauchräuber angeschossen und, als sie wehrlos zusammenbrachen, grausam verstümmelt worden.

„Man müsste dem Halunken, dem Alten, die ganze Bude überm Kopf anstecken!“ meint der Flügelmann.

„Abmarschiert!“ befehle ich.

Die drei Leute liegen noch immer auf den Knien, der Tote liegt an der Mauer.

Im Verlauf des Tages habe ich noch zweiundzwanzig Gehöfte abzusuchen, die zu den Fermen Weisshaus, Chapelle, Hockelbach und Haut Vent gehören. In neun Häusern liefern die Besitzer ihre bis jetzt verborgen gehaltenen Schusswaffen noch gutwillig ab. Es befinden sich alle Sorten darunter: Pistolen, Doppelpistolen, Revolver, Jagdflinten, Teschings, Infanteriegewehre, Karabiner.

Abends treffe ich mit meiner Kompagnie in Thimister ein. Hier harren meiner auf dem Markt schon der Maire, der Curé und der Vicaire, um mir zu versichern, dass sie die Einwohnerschaft eindringlichst ermahnt haben. Die abgelieferten Waffen, die im Rathaus liegen, übernehme ich, um sie vernichten zu lassen.

Ein schwerer Tag ist herum.

Auf dem Marsch zur Maas

Die Mannschaften meiner Kompagnie bezogen Massenquartiere: im Rathaus von Thimister, in der Schulstube, in ein paar Scheunen. Ich ging von Quartier zu Quartier und ermahnte die Leute, auf der Hut zu sein, stundenweise einen Mann zum Wachbleiben zu bestimmen und die geladenen Gewehre für alle Fälle bereit zu halten. Überfälle von Franktireurs seien hier an der Tagesordnung, auch in den Häusern untergebrachte Mannschaften seien in diesem Gebiet, das von Lütticher Gesindel überschwemmt ist, ihres Lebens nicht sicher. Sie sollten auch nichts trinken, von dem der Quartiergeber nicht vor ihren Augen selbst getrunken habe.

Und dann sass ich mit meinem ältesten Zugführer, dem Professor der orientalischen Sprachen, bei unserem Wirt, dem jungen Vicaire; wir hatten eine angeregte französische Konversation über die Präraffaeliten, über türkische Dialekte und über neue Rosensorten, die Lyonrose, die Juliette, die Soleil d’or, und es war gar nicht, als ob man in Feindesland sei. Erst als ich gegen Mitternacht in dem unheimlich grossen Schlafzimmer mich auszog und entdeckte, dass die drei Türen unverschliessbar waren, graulte ich mich ein bisschen.

Aber ich erwachte unter dem Schutz der zahlreichen Heiligenbilder, die den Raum schmückten, beim Sonnenaufgang völlig unbeschädigt, und um 6 Uhr verliess ich mit meiner Kompagnie und den vier Meldereitern den Ort, um meinen Auftrag auszuführen: über Battice vorzugehen, verschiedene Ortschaften abzusuchen und abends zum Bataillon zu stossen.

Für einen feldmarschmässig ausgerüsteten Infanteristen ist es ein Ding der Unmöglichkeit, enge Boden- und Kellertüren zu passieren, verborgene Behälter durchzustöbern, in jeden Winkel zu kriechen. Meine erste Sorge war also die: für jeden Zug ein Fuhrwerk zu requirieren, das die gepackten Tornister befördert. Meine Leute nahmen ihren schweren Auftrag mit doppeltem Eifer wahr, als sie von der Halbzentnerlast befreit waren. Und das Ergebnis des Tages gab meiner Fürsorge recht: in mehreren Orten entdeckten wir eine weit ausgedehnte Hausindustrie zur Fabrikation von Waffenteilen! Während in den Schlossereien und Schmieden dieser Ortschaften nur an ganz harmlosen Dingen gearbeitet wurde, ging die Waffenfabrikation in den Bodenkammern und Wohnstuben vor sich. In einem kleinen Wohnhaus stiessen wir auf ein ungeheures Lager fast vollendeter Gewehrschlösser. Es war ein grosses Arsenal. Meine Sachverständigen in der Kompagnie erklärten sich bereit, aus dem vorhandenen Material binnen weniger Tage 20 000 Gewehre fertigzustellen. Ich liess alle Einwohner zusammentrommeln und untersagte ihnen jede weitere Arbeit. Sie mussten — Männer, Weiber und Kinder — die Materialien in Säcken und Kisten aus den Häusern herbeischleppen. Alle Werkzeuge wurden vernichtet, die Schraubstöcke auf einen Wagen verladen; ein Haus, dessen Bewohner Widerstand leisteten, liess ich in Brand stecken. Unter Androhung der Todesstrafe für jeden Versuch, von dem beschlagnahmten Material etwas wegzuholen, verliess ich das Dorf — kehrte aber noch einmal zurück, da mir der lebhafte Taubenverkehr in dieser Ortschaft verdächtig vorkam. Mein baumlanger Freund Adam, der der ersten Gruppe angehört, freute sich, mir seine Erfahrung zur Verfügung stellen zu können: er ist selbst Brieftaubenzüchter. Richtig, die erste der rasch aus dem nächsten Schlag geholten Tauben hatte auf dem linken Flügel einen Stempel. Es ist gar kein Zweifel, dass diese Brieftauben dazu bestimmt waren, den in und um Lüttich sich bildenden Franktireurbanden Nachrichten über den Fortgang der Gewehrfabrikation zu geben. In langen Körben führte der Materialienwagen die beschlagnahmten Brieftauben dem Bataillon zu — und noch am selben Abend ging die Meldung über meine Erkundung an die Brigade ab. Gewiss sind sofort von der Etappen-Inspektion Massregeln getroffen worden, um eine Bewaffnung des Lütticher Gesindels durch die Hausindustrie dieses Gebietes unmöglich zu machen.

Je mehr wir uns Lüttich nähern, desto zahlreicher werden die grauenvollen Zeugen des Krieges. Sämtliche Häuser, aus denen unsere Truppen beschossen wurden, sind in Brand gesteckt worden. Zehn, zwölf verqualmte Ruinen bilden die Ortschaft Rabosé. Neben der Strasse liegen erschossene Pferde, halbverbrannte Ochsen und Schweine. Der Gestank ist fürchterlich. Oben auf der den Ort und das Tal beherrschenden Anhöhe sind Schützengräben ausgehoben. In diesen haben die belgischen Truppen unsere Leute, die den Ort stürmten, mit einem dichten Kugelregen empfangen. Aber das unheimliche Vorrücken der Preussen ging weiter und weiter, trotz des Kugelregens, trotz der Stacheldrähte, die den Belgiern als unüberwindliche Hindernisse gelten. Und nach einem letzten verzweifelten Schnellfeuer flohen die Belgier.

Während das Bataillon abkocht, besuche ich den auf freiem Felde angelegten Friedhof. Eine Reihe ganz frischer Gräber mit weissen Holzkreuzen. „Unser lieber Kompagniechef Hptm. v. W.“ las ich am ersten. Eine zweite Hügelreihe trägt die Helme der hier bestatteten tapferen Mannschaften. Und weiterhin liegen Belgier. Der bei weitem grössere Teil von ihnen ist aber kriegsgefangen abgeführt worden.

Von drüben schallt das eifrige Durcheinander der tausend Mann, die sich ihre Mahlzeit an den Kochfeuern bereiten. Der Adjutant, der vielgewandte, bewährt sich als Gentleman-Koch. Ein Spanferkelchen, das noch vor einer halben Stunde durch das von allen Bewohnern verlassene Dorf quiekte, röstet am Spiess. Aber es ist ein Manöverbild mit gar ernstem Hintergrund. Dicht bei dem kleinen Feldfriedhof steht ein Haus in hellen Flammen. Franktireurs haben heute früh aus den Fenstern auf eine Ulanenpatrouille geschossen. Einer der Burschen ist erwischt worden. Man hat ihn an die nächste Mauer gestellt und niedergeknallt und das Haus in Brand gesteckt. Blutrot geht die Sonne unter. Die roten Flammen des zusammenstürzenden Hauses vermischen sich mit dem Sonnenfeuer. Ich nicke den gefallenen Kameraden, die hier in belgischer Erde schlummern, einen Abschiedsgruss zu und kehre zum Biwak zurück. Das lehnt sich an ein von den Bewohnern geräumtes, sehr schönes, altes Schloss an. Es hat dem Minister Dupont gehört. In den letzten Tagen hat es zahlreichen Truppen als Massenquartier gedient. Das Durcheinander ist böse. Überall liegt Stroh, die Betten sind auseinandergenommen, Reste von Putzzeug liegen herum, Reste von Mahlzeiten. Inmitten des trostlosen Wirrwarrs entdecke ich ein unausgepacktes Postpaket, dessen Einschlagpapier eingerissen ist: es enthält ein Puppenwägelchen. Und in all dem Grimm gegen die Belgier, die sich zu unseren Feinden geschlagen haben, muss ich doch mit Rührung und Mitleid des kleinen belgischen Schlossfräuleins gedenken, das seinen Geburtstag nicht mehr in seinem Elternhaus hat erleben können, sondern flüchten musste, zu Fuss, über weite Felder, in steter Todesangst sich anklammernd an die Hand der Mutter, der verwöhnten, eleganten Frau, die nichts anderes mit sich führt als ein Bündelchen mit ein paar rasch zusammengerafften Habseligkeiten ... Wie es wohl unseren Landsleuten im Westen ergangen wäre, wenn die Belgier die deutsche Grenze hätten überschreiten können!...

Unsere Meldereiter überbringen einen neuen Befehl: die ganze Brigade versammelt sich noch heute abend in Visé. Das ist zehn Kilometer nördlicher. In tiefer Dunkelheit geht es durch den Wald bergab. Die Pferde finden den Weg in den Kolonnen ohne weiteres, aber unsere Augen werden immer wieder geblendet durch die aufblitzenden Lichter der Taschenlaternen. An den tiefen Löchern, die von eingeschlagenen Granaten zeugen, sind Posten zurückgeblieben. „Achtung! Loch!“ Die endlose Kolonne passiert die Stellen ohne Unfall. Wir kommen zur Maas. Der helle Schein vor uns muss Visé sein. Aber sind wir denn wirklich schon so nahe heran? Da geht’s von Mund zu Mund, was die Posten verkündet haben: ganz Visé steht seit drei Stunden in Flammen! Franktireure haben die Maasbrücke gesprengt, aber schon sind unsere Pioniere dabei, einen neuen Übergang zu bauen, den wir morgen früh benutzen können.

Der Durchzug durch Visé ist von schauerlicher Schönheit. Neben schon verkohlten Ruinen die hellauflodernden Flammenbündel der aufbrechenden Dächer. Angstvoll schauen die Pferde links und rechts. Die Glut brennt uns auf die Wangen, die Augen tränen vom Qualm, die Luft ist kaum zu ertragen. Wir atmen auf, als wir dieses Visé, das nun auf der Landkarte ausgestrichen werden kann, passiert haben.

In Tongern und Hasselt

Auf engem Raum, auf einem Stoppelfeld nördlich von Visé, wo schon zahlreiche Truppen gelegen haben müssen, wie die unappetitlichen Spuren der Feldschlächterei beweisen, beziehen wir unser Biwak. Aber es ist schon so tief in der Nacht, und in wenigen Stunden soll es ja schon wieder weitergehen, dass wir auf das Aufschlagen der Zelte verzichten. Stroh gibt es nicht mehr in der Gegend. Aus einem der brennenden Häuser holen wir Balken, Tische, eine Kommode, einen Schrank. Die letzten Trümmer dieser belgischen Häuslichkeit dienen uns zum Wachtfeuer.

Am andern Morgen, als ich unterm klarblauen Himmel erwache, über und über bereift, dazu bestäubt, berusst, fällt mein Blick auf die kleine Villa da drüben. Es stehen nur noch die festen Mauern, das Dach ist längst zusammengebrochen. Aber am Westteil der Front ranken sich noch immer die üppigen Blütentrauben der Dorothy Perkins empor, der schönen Kletterrose, die bei uns in Deutschland um diese Jahreszeit längst abgeblüht hat. Und ich sehe im Geist unsre Rosenlaube daheim, in der Karl Clewing an einem schönen Sommerabend zur Laute sang: „Wenn’s die Soldaten durch die Stadt marschieren...“

In der Liebfrauenkirche in Tongern sind ein paar hundert belgische Kriegsgefangene untergebracht. Während ich durch den romanischen Kreuzgang wandle und die Skulpturen aus dem Marienleben betrachte, wird den Unglücklichen Kaffee und Brot gereicht. Der Offizier hockt neben den Gemeinen, und sie stippen schmatzend ihr Nachtmahl.

Langsam, feierlich schlägt es von dem wundervollen Kirchturm — er stammt aus dem 15. Jahrhundert — acht Uhr. Natürlich deutscher Zeit, woran sich die Herrschaften hier noch nicht so recht gewöhnen können. Dem tiefen Glockenschlag folgt ein helles Glockenspiel. Jede Stunde bietet ein frohstimmendes Konzert. Belgien ist das Land der Glockenkünstler. In Mecheln gibt es oft grosse Wettbewerbe unter den Meistern auf diesem Gebiet. Hier kommen Händel und Mozart am meisten zu Wort. Der Silberklang wandert durch das schöne Gotteshaus, und die Gefangenen horchen einen Augenblick auf. In der Nacht werden sie in die Bahn verladen, dann geht’s nach Lüttich, vielleicht auch nach Aachen, vielleicht noch weiter, auf irgendeinen Truppenübungsplatz.

Ich habe im Hause des Altbürgermeisters Quartier bekommen. Er liegt schwerkrank droben. Aber seine Gattin ist immerzu unterwegs, um mich zu fragen, ob Gefahr für sie und ihr Haus bestände, und sie gibt sich alle erdenkliche Mühe, um mich gut zu verpflegen. Sogar einen Barbier bietet sie mir an. Ich bin zum Glück im Besitz eines Gillette-Apparats. Die Vorstellung, mich in den jetzigen Zeiten von einem Belgier rasieren zu lassen, hat etwas Erheiterndes.

Es liegt in diesem an Kunstschätzen reichen Hause eine Überlieferung, es ist hier alte Kultur. Wie ich so in meinem bösartigen Biwakaufzug in das behagliche Zimmerchen hereingeschneit bin, komme ich mir etwas barbarisch vor. Mein Schlafzimmer hat schon königlichen Besuch beherbergt. Als Leopold 1. zum letztenmal nach Tongern kam, hat er in diesem prunkvollen Himmelbett geschlafen.

Nachdem ich meine Kompagnie im Kloster der Beguinen untergebracht habe, kann ich mich der Unterhaltung mit den jungen Herren des Hauses widmen. Natürlich wundere ich mich, in solchen Kriegszeiten überhaupt einem waffenfähigen Mann noch im Land zu begegnen. Aber der Sohn des Hauses meint: in Belgien sei es nicht schick, zu dienen. Es dient nur, wer die 1600 Frank Ablösungsgeld nicht aufbringen kann. Die gute Gesellschaft dient höchstens bei der Garde civique, die ein Mittelding ist zwischen Landsturm und Schützengesellschaft.

Auch hier müssen natürlich die Quartiere nach Waffen durchsucht werden. Die Bevölkerung ist aber einsichtig genug, sie gutwillig herauszugeben. Ganze Musterlager sammeln sich auf dem Rathause an. Beim ersten Eindringen der deutschen Truppen ist es in der Vorstadt zu ein paar Belästigungen des Militärs durch Zivilisten gekommen. Die Häuser, aus denen geschossen wurde, sind natürlich niedergebrannt worden. Aber in der Innenstadt scheint alles seinen geregelten Gang zu gehen. Auch diejenigen Einwohner, die törichterweise ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Geschäft verliessen, sind zurückgekehrt. Mit ihnen kamen aber auch grosse Scharen von Gesindel aus Lüttich, aus Visé, Obdachlose, die nichts mehr zu verlieren haben und das eigene nackte Leben kaum fristen können. Ihnen ist es jetzt die einzige Gelegenheit zu billigem Verdienst, wenn irgendwem der rote Hahn aufs Dach gesetzt wird. In der Verwirrung raubt und stiehlt der Mob, was er erwischen kann. Die Plünderungen werden hernach von den Belgiern natürlich den Deutschen zugeschrieben. Mit wenigen Ausnahmen zeigt aber der Deutsche, auch der gemeine Mann, eine Rücksichtnahme, die der Russe, der Engländer, der Belgier, der Franzose unter keinen Umständen anwenden würde.

Frau Meyers bittet mich beim Abmarsch des Regiments, ihren Kindern nach Brüssel und Namur Nachricht von ihr zu geben, falls wir dahin kommen. Sie selbst zweifelt jetzt nicht mehr daran, dass ganz Belgien mit der Zeit in deutsche Hände gelangt. Was für unendliche Züge deutschen Militärs sind hier schon durchmarschiert. Und immer neue Regimenter, immer neue Brigaden rücken heran. Ich habe die beiden Briefchen — dass sie nichts Staatsverräterisches enthielten, davon habe ich mich natürlich überzeugt — bis jetzt nicht los werden können. Brüssel und Namur sind von uns zwar längst besetzt, aber die Post geht noch nicht dahin. Das ist freilich nur noch eine Frage der Zeit, seitdem ein deutscher Postdirektor in Lüttich eingesetzt worden ist.

Der nördlichste Punkt, den unsere Landwehrbrigade erreicht, ist Hasselt. Auch hier haben sich Franktireurbanden gebildet, und es ist meine Aufgabe, nördlich der Stadt Vorposten aufzustellen und eine Schützenstellung zu befestigen. Das Bataillon zieht mit Gesang ein. Der Preussenmarsch wird gepfiffen, dann kommt die „Wacht am Rhein“ an die Reihe. Am meisten liebt der Landwehrmann aber die Umschreibung des „Guten Kameraden“ mit dem wehmutsvoll-sehnsuchtsvollen Refrain: „Die Vöglein im Walde, die sangen so wunder-wunderschön — In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn...!“ Der Norden von Hasselt gehört den armen Leuten. Ich liege bei dem kleinen Gärtner dem Friedhof gegenüber, und der Zufall will’s, dass sich unter den Mannschaften, die zur Kochgruppe meines Burschen gehören, der Totengräber aus Neukölln befindet. Er ist gewissermassen der Spassmacher der Kompagnie. Sein Witz ist scharf, aber schliesslich versöhnt er seine Gegner immer wieder, da er so einen seltsam mütterlichen Ton auschlägt, wenn er ihnen verspricht, ihnen einmal ein recht gutes, propperes Grab zu graben. „Ich hab’ gar keine Angst vor dem Tod. Siehste, Mensch, wenn du tot bist, dann bist selbst du altes Rauhbein ein ganz friedsames Kerlchen. Muckst nicht, schiltst nicht. Und alle Welt kommt und weint und hat dich lieb. Und dann buddel’ ich dir ein, und hernach wachsen doch gar noch Blumen auf dir. Mensch, kannste mehr verlangen?“ Die ganze Korona lacht dann, und alles meint: nein, wirklich, wenn man dem Totengräber von Rixdorf in die Hände fällt, dann hat der Tod keine Schrecken mehr.

Aus der Kirche kehren viele schwarzgekleidete Damen zurück, die den englischen Witwenschleier tragen. Im Warten bin ich mit ein paar reizenden blonden Kindern, die am Markt spielen, ins Plandern geraten und erfahre dann von ihrer dabeistehenden Grossmama, dass heut ein kirchlicher Gedenktag für alle sei, die einen Anverwandten vor dem Feind verloren haben. Inzwischen stösst die junge Mutter dazu, und da mein Handschuh aufgesprungen ist, bitte ich um Nadel und Faden, um den Schaden rasch zu reparieren. Sie nimmt mir die Arbeit mit sanfter Gewalt aus den Händen und geht ins Haus. Jetzt erst bemerke ich ihre Trauerkleidung. Sie sei die Frau eines belgischen Offiziers, der kriegsgefangen nach Deutschland abgeführt worden sei, erklärt mir die alte Dame. Ich danke der unglücklichen Belgierin für den kleinen Liebesdienst, den sie dem Feind erwiesen hat, mit einem Händedruck. Grad’ ist’s so weit, dass das Kommando abrücken kann. Mein Oberleutnant, der Professor, hat in seinem Offizierstornister eine Unmenge Briefe, die er in Deutschland aufgeben soll; es weiss ja noch keiner, ob die Seinigen auch nur eine einzige der fast täglich ausgeschickten Nachrichten erreicht hat. Wir haben die erste Feldpost erst drei Wochen nach dem Verlassen der Garnison erhalten. Auch eine neue Zeitung war uns ebensolange ein unbekannter Begriff.

Die Belgier beziehen ihre neuesten Geschichtskenntnisse aus ein paar französischen Blättern. Danach sind die Deutschen unermüdlich im Rückmarsch begriffen. In St. Trond, wo wir in einer vom Klerus eingerichteten und mustergültig unterhaltenen Arbeiterschule quartieren, erzählt mir der Père das Allerneueste über unsere Heimat: In Berlin ist die Revolution ausgebrochen — die Kaiserin ist vor den Russen aus Berlin geflohen — vor Lüttich ist ein grosser Teil der deutschen Armee geschlagen worden. So haben Le Soir und Le Matin berichtet. „Aber Lüttich ist in deutschen Händen, trotzdem!“ erwidere ich. Er erklärt das für unmöglich, die Forts seien uneinnehmbar. Noch jetzt, am 24. August, nur wenige Meilen von Lüttich entfernt, wird unser Sieg noch bezweifelt! Zum Glück kommt soeben die gedruckte Bekanntmachung unseres Generalquartiermachers: Bei Lunéville ist die grösste Feldschlacht, die je geschlagen wurde, siegreich für die Deutschen zu Ende gegangen. Wir haben 47 000 Gefangene gemacht!

Der blass gewordene Geistliche begibt sich spornstreichs zu seinen Amtsbrüdern. Sie wandeln dann alle mit verstörten Mienen umher.

Durch das brennende Löwen

Nun gibt’s heisse, stauberfüllte Marschtage. Zuerst geht’s nach Tirlemont. Hier stossen wir auf endlose Züge kriegsgefangener Belgier und Engländer. Wir hatten bisher keine Ahnung davon, dass die Khakileute wirklich über den Kanal herübergekommen und wirklich auf dem europäischen Festland gelandet sind. Und nun haben sie schon so kräftig Dresche bekommen!

Die Wut der Belgier über die deutschen Sieger ist durch die englische Schlappe stark gewachsen. Aus Löwen kommt eine alarmierende Nachricht. Gestern abend um neun Uhr, anscheinend auf ein verabredetes Zeichen, haben sich viele Fenster am Markt und in den Vorstadtstrassen geöffnet, durch die fast ununterbrochen unsre Landwehr, unsre Reserve-Munitionskolonnen dem rasch vorwärtsdrängenden Korps nachgeschoben werden, und es ist auf die in Löwen befindlichen Truppen ein wildes Feuer abgegeben worden.

Eine Kompagnie meines Bataillons hat den Bahnhof von Löwen besetzt. Wir hören das Gerücht, der Kompagnieführer sei mit mehreren seiner Leute ein Opfer des Handstreichs geworden. Das stimmt zum Glück nun nicht, wir sehen unsern „toten Hauptmann“ andern Tages wieder. Aber an dem Strafgericht, das in Löwen abgehalten werden musste, hat er sich mit betätigt. Und meine Kompagnie rückt mit den Resten des zur Sicherung der Bahnlinien weit verzettelten Bataillons nach Löwen ab.

Battice und Visé sind von der Landkarte verschwunden. Das ist ein Unglück für die ehemaligen Bewohner, es ist kein Verlust für die Welt. Löwen aber birgt architektonische Meisterwerke von hoher Bedeutung — das spätgotische Rathaus, die edle Peterskirche sind die Juwelen von Brabant —, und es dreht sich einem das Herz im Leibe herum, wenn man sich vorstellt, dass auch diese schönsten Kunstschöpfungen ein Raub der Flammen werden könnten.

Der Durchzug durch die Innenstadt ist jetzt nicht mehr möglich. Die Drähte der Starkstromleitungen liegen als wüstes Gewirr auf der Strasse. Links und rechts stürzen Balken, sinken Dächer ein, hoch schlagen die Flammen empor, ein unerträglicher Rauch, ein pestilenzialischer Gestank erfüllt die Strassen. Ein Pferdekadaver, halb verkohlt, liegt in der Gosse, am Bahnhof, in einem Landhausvorgarten liegt die Leiche eines Bürgers noch unbestattet. Ob er zu den Wahnsinnigen gehört hat, die da glaubten, durch das Niederknallen von ein paar Dutzend Deutschen die Vorwärtsbewegung unsres Millionenheeres aufzuhalten? Durch die im Halbkreis um die Stadt herumführenden Boulevards, die hübsche Villen, gepflegte Parkanlagen aufweisen, erreichen wir den Westausgang. Überall herrscht Totenstille. Die Fensterläden sind geschlossen. Kein Bürger lässt sich sehen. Die Mehrzahl ist entflohen. Doch da bewegt sich etwas: zwei Kinder sind’s, Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, die einen Suppentopf tragen. Die eine hält in der freien Hand einen Stock, an den ein weisses Tuch geknüpft ist. Angstvoll hasten sie vorwärts; das Fähnlein soll wohl bekunden, dass sie keine bösen Absichten im Schilde führen. Noch vor ein paar Stunden ist in Löwen wieder auf unsere Truppen geschossen worden — und beim Anblick der geängstigten Kinder mit der weissen Flagge regt sich doch schon das Mitleid.

In einem verlassenen, zum Teil zerschossenen Wirtshaus an der Landstrasse nach Brüssel komme ich mit meiner Kompagnie unter. Es ist eine öde Vorstadtkneipe mit einem grossen Tanzsaal für die Dienstmädchen von Löwen. Ich stelle an der Dorfgreuze meine Aussenwache aus und besichtige die Posten. In den erbärmlichen kleinen Katen hausen zwölf, fünfzehn Personen, eng zusammengedrängt in einem Raume. Flüchtlinge ans Löwen sind’s. Mit einem Päckchen Gelumpe und vielen schmutzigen kleinen Kindern sind sie in die benachbarten Dörfer gekommen. Sie werden für Belgien bald zur Landplage werden.

In langen Märschen, auf staubigen Strassen, geht’s durch das eroberte Land weiter. Die mobilen Truppen verlassen Belgien. Nur um Antwerpen lässt die Armee den eisernen Gürtel zurück. Das Land wird durch unsern Landsturm gesichert. Schon stossen wir da und dort auf die starken Bataillone der noch blau uniformierten, meist bärtigen Landsturmleute. Es ist eine helle Freude, diese entschlossenen Gesichter zu sehen. Wir können versichert sein, dass sie mit fester Hand halten werden, was ihre Söhne da vorn in der Front erobert haben.

In früher Morgenstunde marschiert die Brigade am Kongomuseum vorbei, das ich vor drei Jahren besucht habe. Ein wundervoller Sommertag war’s. Meine Frau trug ihr neues helles Kostüm, alle Damen waren in hübschen Toiletten, Autos und Equipagen fuhren durch den Buchenwald, der uns au Leistikows heilige Hallen erinnert, eine belgische Militärkapelle spielte flotte Weisen ... Aber heute, hurra, heute weht die schwarz-weiss-rote Flagge vom Turm des Museums, und unsere Brigade zieht über die Höhe, von der wir das in deutschen Besitz gelangte Brüssel übersehen können!

Südwestwärts erreichen wir das neue Quartier. Im Château kommen die Stäbe unter. Das Châtean hat sich der Besitzer der grossen Weberei von Drogenbosch geleistet. Ich bewundere die mit Millionen buntgemischter Petunien bepflanzte Terrasse, die dem mächtigen Bau vorgelagert ist. Mein Quartier enthält einen eleganten Salontisch, einen Stuhl mit der Waschschüssel, eine Matratze auf dem Boden und auf dem Kaminsims einen lieben alten Bekannten. Das ist ein Gipsabguss des Jungen mit dem Frosch, den eine verehrte künstlerische Freundin, Frau Lili Wislicenus-Finzelberg, als sechzehnjähriges Mädchen modelliert hat. Der kleine Bursche steht daheim auch auf dem Spielschrank meines jüngsten Töchterchens, und ich trage ihm Grüsse nach Westend auf, wo es am Sedantage ein Geburtstagskind gibt, von dem ich nicht weiss, ob es meinen Feldpostbrief erhalten hat.

In den letzten Tagen ist die Stimmung der Bevölkerung wie gewandelt. Man kommt in Quartiere, in denen diensteifrige Belgier den Wirt spielen. Hat das Strafgericht von Löwen endlich gewirkt? Oder finden die Schreckensnachrichten für das belgische Herz endlich Glauben? Lüttich gefallen—Namur gefallen—Brüssel in deutscher Hand — der König nach Antwerpen geflohen.

Stärker als alle Nachrichten müssen auf die Belgier wohl die Bilder wirken, die sie jetzt alle Tage zu sehen kriegen: auf den Landstrassen, die zu den Bahnhöfen führen, werden viele Tausende von Kriegsgefangenen durch deutsches Militär bewacht. Belgier, Franzosen — und unfassbar viele Engländer. Auch Schotten im kurzen Röckchen werden an uns vorbeigetrieben. Lehmann II nimmt einen recht krummen Hochländer aufs Korn und ruft ihm zu: „Mensch, drück’ die Knie durch — mit die Säbelbeene kannste dir doch nich in Berlin sehn lassen!“

Meine Berliner Jungen

Aus ein paar belgischen Quartieren will ich heute noch berichten. Dass ich in dem Dörflein Thimister bei dem kunstsinnigen Vicaire einquartiert, tags darauf in dem scheusslichsten Biwak, dessen ich mich in meiner ganzen Soldatenzeit entsinne — dicht neben den Ochsenkaldaunen der Feldschlächterei, ohne Zelte, ohne Stroh, ohne Bagage—und in der folgenden Nacht in Tongern in dem Prunkbett, in dem König Leopold geschlafen hat, das habe ich geschildert. Der Auftrag für unser Bataillon, die Eisenbahnen in und um Hasselt zu sichern und am Nordrand Schützengräben auszuheben gegen belgische Franktireurbanden, die sich dort in den Wäldern gebildet haben sollen, führte mich nach der Hauptstadt der belgischen Provinz Limburg. Die Gegend ist malerisch. In dem nahegelegenen Dörfchen Gemk befindet sich das von Landschaftern vielbesuchte Hotel des Artisies. Die Sommerfrische floriert in dieser Saison allerdings nicht. Die letzten belgischen Lebeleute, die dem Ungemach des Krieges dort entrückt zu sein hofften, sind vorigen Sonntag auf Befehl des Maire zusammeugerufen worden. Die elegante Herrenwelt Belgiens, die sich für 1600 Frank vom militärischen Dienst loskauft, gehört ehrenhalber der Garde civique an — und diese ganze Gesellschaft, die vielleicht den Stamm für ein neues Bürgerheer hätte abgeben können, hat unsere Heeresleitung festnehmen und abtransportieren lassen. Es wird den Leutchen nichts geschehen, falls sie sich fügen und willig unser Kommissbrot eine Zeitlang futtern. Aber die Damen, die ihre Männer, Brüder, Väter und Verlobten zum Markt begleiteten, erhoben doch ein gewaltiges Jammern, als ihre verwöhnten Herren gruppenweise zwischen das Kommando, das die Seitengewehre aufgepflanzt hatte, treten mussten. In der nördlichen Arbeitervorstadt, in der ich beim Friedhofsgärtner unterkam, herrschte eine nicht minder gedrückte Stimmung: man hörte davon, dass auf einer unweit gelegenen Zeche ein strenges Strafgericht über Landeseinwohner abgehalten worden sei, die auf unser Militär geschossen hatten.

Die kleinen Leute, bei oenen ich hier liege, tun ihr Bestes, um das deutsche Militär zufriedenzuftellen. Das Bett, das einem oder auch zwei Offizieren geboten wird, ist sauber bezogen, die Zimmerwände sind mit Heiligenbildern bepflastert. Die Hausfrau räumt unseren Wehrleuten, die auf Stroh in den Scheunen untergebracht sind, soweit sie nicht den Unteroffiziersposten und Feldwachen mit ihren anstrengenden Patrouillengängen zugewiesen wurden, die Küche ein. Fast täglich gibt’s in meiner Kompagnie jetzt Schlachterei: ein Schwein, ein Kalb wird requiriert (gegen Gutschein natürlich), und mein prächtiger Schlachterkarl aus Charlottenburg waltet seines Amtes. Er ist überhaupt ein Genie, was die Küche anbelangt. Die Rindslende, die er vorgestern briet, duftete lieblich. Nur schade, dass wir knapp eine Stunde, bevor das Mahl verzehrt werden konnte, den Auftrag bekamen, sofort aufzubrechen, um die Bahnstrecke bei Kerniel zu sichern. Unser dampfendes Erbe übernahm der Feldwachhabende der uns ablösenden Kompagnie mit strahlenden Augen.

Der Schlachterkarl gehört meiner ersten Gruppe an. Es sind baumlange Kerls, alle acht, die bei der Garde gedient haben, in denselben Jahrgängen, und treu zusammenhalten. Einer ist Künstler auf der Mundharmonika. Auf langen Märschen ist mir seine musikalische Unterstützung schon mehrmals zugute gekommen. Wenn er vollakkordig das Händelsche „Seht, er kommt mit Preis gekrönt“ anstimmt, dann marschiert der ganze Zug noch einmal so stramm, und das Beispiel wirkt ansteckend auf die beiden anderen Züge.

Leider habe ich meinen drolligen Totengräber aus Neukölln verloren: er ist als Fusskranker im Lazarett zurückgeblieben. Der Mann scheint wie aus einem Shakespeareschen Drama herausgeschnitten. Wenn er unterwegs gefrozzelt wurde, was oft geschah, so hatte er immer köstliche Erwiderungen. Ein ganz eigener Humor lag in ihm. In Hasselt besichtigte er natürlich den Friedhof. Als Sachverständiger. Kopfschüttelnd kam er zurück. Die Grabhügel waren ihm zu klein. „Sie können sich ja nicht rühren. Sollen sie ja auch nicht. Aber es ist doch lieblos, dass man sie einquetscht wie die Sardellen, die armen Schufte.“

Grossen Jubel erregte es, dass ich heute für meine Kompagnie Wein requirierte. Das Wasser ist schlecht, Durst hat der Wehrmann, warum soll’s ihm nicht ein bissel besser gehen als daheim in diesen schweren Zeiten? Und gibt’s einen belgischen Arbeiter, der zur Mahlzeit nicht sein Schöppchen Rotwein verlangt? Wir haben ja auch etwas zu feiern: das Begleitkommando, das ich aus meiner Kompagnie stellen musste, für 400 belgische Kriegsgefangene, hat mir eine Zeitung mitgebracht! Wie die Siegesnachrichten die ganze Kompagnie beleben! Ich habe die neuesten Depeschen der versammelten Mannschaft vorgelesen — wir hatten ja noch keine Ahnung, dass die Engländer da vorn in Mons schon in der Schlachtlinie standen, dass sie überhaupt gelandet waren! — und die Botschaften über die neugemachten Kriegsgefangenen riefen ein paar kräftige Hurras hervor.

Die Strasse ist eine einzige grauweisse Staubsäule. Fortgesetzt wird meine Kompagnie von Autos überholt. Ob sie Artilleriemunition bringen, ob sie bestimmt sind, Verwundete zurückzubringen, es soll nichts darüber verlauten. Von zwei Musketieren, die bei Mons verwundet wurden (Hand- und Armschuss) und in einem Auto lehnen, dessen Reifen geflickt werden muss, erhalte ich ein paar Details aus dem Gefecht. Es ist nicht viel, denn der Schütze sieht ja nichts als die Züge ihm gegenüber. Aber sie berichten strahlend, wenn auch blassen Angesichts, der Oberst habe lachend gerufen: „Ihr lasst euch ja gar nicht halten, ihr Kerls, ihr geht ja wie das Donnerwetter vor!“

Das ist mal ein besserer Bericht als der, den der Gastwirt hier nebenan zu geben wusste, als ich bei ihm Wein requirieren liess: in Berlin sei die Revolution ausgebrochen, der Kaiser gefangengenommen, Breslau in russischem Besitz, die Franzosen am Rhein! Wenn doch nur endlich, endlich eine Feldpost einträfe, die ein paar Zeitungen brächte!

Heimatliches in Feindesland

Mons, 1. September

Wir nähern uns Frankreich. Nun gibt es nur wenig Brandstätten mehr. Hier im Süden Belgiens haben wohl die Strafgerichte von Battice, Visé und Löwen schon ihre mahnende Wirkung getan. Vielleicht haben auch die Einwohner endlich eingesehen, dass es fruchtlos ist, von einem nach Millionen zählenden Heere ein paar einsame Patrouillen oder Meldereiter abzuknallen.

Der Schlossbesitzer von Drogenbosch hat es vorgezogen, sein wundervolles Anwesen mit Kind und Kegel zu verlassen. Ein schmutziges Küchenmädchen und ein krummer Hausdiener empfangen den Stab. Ich liege bei kleinen Webersleuten in der Dorfgasse. Auf das Zimmer mit dem Bett habe ich verzichtet: es dient sieben Personen zum nächtlichen Aufenthalt. Ich begnüge mich mit einem Strohsack in der „guten Stube“, dem Raum, der als heiliges Grab so respektiert wird, dass niemand ihn je betritt. Aber zu Tische holt mich der liebenswürdige Adjutant nach dem Schlosse. Nicht der Verpflegung halber, denn unsere Soldatenkost ist bei weitem besser als das dürftige und wenig appetitlich hergerichtete Diner in dem Chateau des vielfachen Millionärs, als vielmehr des Zaubergartens wegen, in dem wir abends lustwandeln können. Die mächtige Schlossterrasse ist mit bunten Petunien bepflanzt, der Fernblick über das in der Sommerpracht stehende belgische Land ist hinreissend schön. Die Gemächer, die an den Altan stossen, zeigen schon die Spuren öfterer Einquartierung. In dem Vorraum zur Bibliothek hat sich der Bursche des Oberstleutnants eingenistet. Wir nennen ihn „das schlafende Heer“. Er weiss nämlich vom Einrücken ins Quartier oder ins Biwak bis zum Abmarsch mit wahrer Meisterschaft jede Minute der Krästesammlung im Schlafe zuzuführen. Marschieren ist ihm eine unangenehme Unterbrechung dieser Tätigkeit. Die grossen Bücherschätze, die die Bibliothek enthält, scheinen eine besonders einschläfernde Wirkung auf ihn auszuüben. Er ist seit dem Einmarsch verschwunden, wie vom Erdboden weggefegt. Erst morgens um halb zwei Uhr meldet er sich an der Tür des Adjutanten. „Wer da?“ Der Leutnant nimmt die Armeepistole zur Hand und öffnet die Tür. „Das schlafende Heer! Menschenskind, wo hast du gesteckt? Wir hielten dich schon für abgemurkst!“ Das schlafende Heer verrät sein literarisches Versteck. „Und was ist jetzt geschehen? Wird alarmiert?“ Das schlafende Heer zeigt wirklich eine etwas erregte Miene und sagt stockend: „Ach, verzeihen der Herr Leutnant—ich finde den Ausgang nicht—und — und — — ich muss mal verschwinden!“ So schnell wie in dieser Nacht soll das schlafende Heer noch nie zuvor verschwunden sein.

Der Garten ist zum Verirren übrigens noch mehr geeignet als das weitläufige Schloss. An den Park stösst ein schön gepflegter Forst. Buchenwälder, die wahre Säulenhallen darstellen, bieten sich hier. Man denkt an Leistikow. Karnickelherden jagen einander auf den weiten Wiesen und den Spielplätzen. Ein rotglühender Abend senkt sich über den Parkfrieden. Beim Gewehrreinigen und Abkochen fingen die Mannschaften an der Dorfstrasse ihre melancholischen Lieder. Man sollte jetzt nicht allein durch den Park ziehen. Der ist gar zu sehr geeignet für stimmungsvolle Zweisamkeiten.

Das sind jetzt heisse, heisse Märsche durch dicken Staub. Immer geht es südwärts. In den Mittagsstunden brennt uns die Sonne prall ins Gesicht. Natürlich marschieren wir mit Sicherung. Unsere Ulanen sind ein paar Kilometer weit auf der Strasse voraus. Heute stellt meine Kompagnie die Spitze. Immer wieder reite ich voraus, um die Dorfbewohner an der Strecke zu veranlassen, frisches Wasser herauszustellen. Die tausend Mann eines Bataillons verbrauchen auf solch einem Marsch eine stattliche Menge. Viele Brunnen sind schon versiegt. Man denke an die Hunderttausende, die bereits hier durchgezogen sind. Die Bevölkerung ist sehr entgegenkommend. Es ist geradezu auffallend, wie sich der Ton gewandelt hat. Wirken schon unsere Siegesnachrichten? Bisher hatten nur die französischen Lügenbotschaften hier Boden gefunden. Indem wir durch Hal marschieren, erreicht uns die Kunde von dem grossen Sieg der Armee des Kronprinzen bei Metz. Jeder Kompagnieführer ruft seinen Leuten die hellen Nachrichten zu. Da geht’s wie ein Ruck durch alle Glieder. Die Müdesten selbst richten den Kopf auf, die Tornisterschwere wird vergessen, ein Lied nach dem andern schallt durch die Strassen... Und auf den Bürgersteigen stehen die Belgier und staunen, staunen... Ja, wieviel Soldaten kommen denn nun noch? Das nimmt ja kein Ende?!

Der Mostrichhändler von Tubize, Herr Fernande Fontaine-Gublau, der mir abends Quartier gibt, fragt es mich auch. Sie fassen es einfach nicht, die Belgier, dass Deutschland über so viel Millionen Kriegsvolk verfügt. Was sollen dagegen die 50 000 Mann ausrichten, die England nun wieder in Ostende gelandet haben soll? „Il n’y a plus d’hommes en Allemagne, maintenant?“ (Es gibt jetzt nicht viel Männer mehr in Deutschland, nicht wahr?) Ich lächle. „Fast mehr, als Deutschland ernähren kann, sind drüben. Aber es sind lauter Franzosen, Belgier und Engländer.“ Monsieur Fontaine-Gublau macht mir darauf ein politisches Bekenntnis. „Nous autres Belges sommes trompés par les Français et les Anglais!“ (Wir sind in Belgien von den Franzosen und Engländern betrogen worden!) Das sei die Wut, das sei der Schmerz jetzt im ganzen Lande!

Am Familientisch in dem kleinen Stübchen neben dem Lädchen, in dem ausser Mostrich auch Petroleumlampen, Bindfaden, Zigarren und Stiefelwichse verkauft werden, nehme ich das Souper ein. Fleisch ist nicht mehr zu haben, es gibt die übliche Brotsuppe, der zwei Eier in der Pfanne folgen, und ein Stück Käse. Dazu aber vorzügliche Weine. Madame Fontaine hat die neunjährige Izabelle auf den Schoss genommen, ihre alte Mutter läuft eifrig hin und her und will mir durchaus das Leben „à mon aise“ machen, die hübsche Nichte strahlt mich mit ihren grossen Augen an, und der Hausherr, der im Gehrock steckt, weil er als Magistratsmitglied Tubize mit repräsentiert, schenkt immer wieder ein und verwickelt mich in strapaziöse politische Auseinandersetzungen. Es gibt Bordeaux, darauf Burgunder, schliesslich Sekt. Ich bitte Frau Fontaine, die kleine Izabelle zu Bett zu bringen. Aber sie meint, es werde für sie doch eine Erinnerung für später sein, einmal mit einem deutschen Offizier soupiert zu haben. Wir sind die erste Einquartierung bei den guten Leutchen. Sie ahnen nicht, was noch hinter uns einhermarschiert. Wenn alle Landwehr aus Belgien herausgezogen ist, dann wird wohl erst noch der Landsturm an die Reihe kommen. Und der dürfte alles, was an Vieh, Lebensmitteln, Hafer und Stroh noch im Lande ist, zusammentreiben, um es dem vorn kämpfenden Heere nach Frankreich nachzuschicken. Wie mag’s in dem jetzt noch so reichen Lande um Weihnachten herum aussehen!

Herr Fontaine ist auch der Begründer einer Volksbibliothek. Natürlich lasse ich mir seinen Katalog zeigen. Er ist sehr stolz darauf, dass alle populären Bücher darin vertreten sind, die so viel verlangt werden. Was für Werke das sind? Nun — Paul de Kock und Dumas in erster Reihe. Wenn ich mir dagegen unsere deutschen Arbeiterbüchereien vorstelle!

Im Morgennebel brechen wir auf. Ein Flugzeugpark überholt uns. Donnernd sausen die unheimlichen eisgrauen Kasten an uns vorüber. Auch Aushilfswagen verschiedensten Kalibers sind mit eingestellt. Da gibt’s sogar einen Koloss, der noch die Aufschrift seines Berliner Warenhauses trägt. Und darunter steht in Kreide mit kräftiger Hand geschrieben: „Auf nach Paris, schnell, schnell!“ Auf einem anderen Kasten: „Grosser Sieg der Russen! Die Russen haben Wuttki eingenommen!“

Auf diesem Marsch dröhnt uns ausser dem Wagengerassel auch häufig der Geschützdonner ins Ohr. „Das muss bei Maubeuge sein!“ Die Übersichtskarten werden herausgezogen und auf dem Pferd ausgebreitet, man misst die Kilometeranzahl ab. „Ob es wohl möglich wäre, dass wir mit herangezogen werden?“ Wir scheuen die längsten Märsche nicht — nur endlich einmal da vorn mit eingreifen möchten wir!

Doch dieser Abend bringt mir ein neues Idyll: ich quartiere in Casteau in der kleinen deutschen Kolonie. Mein Quartierwirt ist ein Landschaftsgärtner, der vier Jahrzehnte lang Verwalter eines belgischen Barons war. Nun hat er sich vor ein paar Jahren als Siebzigjähriger ein kleines Häusel gebaut und den Traum seines Lebens verwirklicht: einen eigenen Garten zu bebauen.

Aber wie hat der alte Sennertz auch dies kleine Paradies gepflegt! Diese Artischocken, diese Melonen, diese Birnen! Es ist die Williams-Christ-Birne, von der wir in Westend auch ein Bäumchen haben, das heuer fünf Stück schon trägt. (Ob sie inzwischen reif geworden sind und meine Mädels sie verzehrt haben? Ich hab’ noch nichts von daheim gehört seit drei Wochen.) Und Erdbeeren gibt’s noch. Man staune: jetzt noch Erdbeeren. Der prächtige Alte ist mächtig stolz darauf. Ja, bei ihm reifen sie manchmal sogar noch bis zum Weihnachtsfest.

Und denkt nur, neulich, als die Engländer durch Casteau flüchteten, um sich vor Mons zur Verteidigung einzugraben, da hiess es doch, es sei hier aus den Häusern auf unsere deutschen Truppen geschossen worden, und ein junger Leutnant, der die Spitze führte, wollte schon alles in Brand stecken lassen. Aber da kam die Nachbarin, die junge Frankfurterin, eilends herzugelaufen und rief lachend: „Ha, nei, Herr Leitnant, was denke Sie denn, mir dhäte auf unsere oichene Landsleut schiesse. Mir sin doch die oinziche hier, wo’s gut mit Ihne moine!“ Der herzerquickende Dialekt rettete Haus und Hof und das gottgesegnete Friedensländchen, das Meister Sennertz, der alte Kaiser-Franz-Grenadier, hier für seinen Lebensrest betreut. Mög ihm, der unter dem Deutschenhass der früheren Wochen viel gelitten hat, der Einmarsch unserer Truppen zu dauerndem Segen werden!

In den Nachtschlaf grollt der Geschützdonner von Maubeuge her. Und ein paar Stunden nach dem Abschied vom Gartenidyll zu Casteau sehen wir die Stellungen, die Schützengräben und die Verhaue, aus denen die Engländer von den Unseren herausgeworfen worden sind. Jenseits des Kanals, der sich am Nordrand von Mons hinzieht, liegen noch die Zementsäcke, hinter denen die Engländer Sicherung gesucht haben. Aus dieser Stellung haben sie auf unsere sprungweise vorspritzende Infanterie ein mörderisches Feuer eröffnet. Es muss grosse Verluste gegeben haben. In Mons liegen noch viele Verwundete. Und auch hier war’s wie anderwärts: trotzdem die Engländer, sobald die Deutschen auf hundert Meter heran waren, die Waffen streckten — einzelne schwenkten weisse Tücher —, gaben sie doch in dem Augenblick, in dem die Deutschen sich zum erstenmal in voller Figur zeigten, auf der ganzen Linie von neuem ein rasendes Schnellfeuer ab. Die Wut der deutschen Schützen, die schliesslich an die Zementsäcke und den dahinter sich verkriechenden Gegner herankamen, lässt sich danach ermessen.

In schwebender Mittagshitze marschieren wir hier in Mons ein. Das Bataillon soll mit der Bahn über die französische Grenze gebracht werden. Wohin? So weit die Bahn in deutschem Besitz ist. Also jedenfalls über Valenciennes hinaus. Vielleicht nach Cambrai. Hurra, nach Frankreich!

Hurra, die Feldpost ist da!

Hurra, die Feldpost ist da!

Es ist in dem Augenblick, da wie die französische Grenze passieren.

Die ganze Post, die vom 21. bis zum 26. August in Berlin aufgegeben worden ist, habe ich am ersten Sedantage bekommen: Briefe von daheim, Grusskarten, eine kleine Zigarrensendung — und eine Unmenge Zeitungsausschnitte.

Und daraus erfahre ich, dass das Königliche Opernhaus zu Berlin mein Liederspiel „Das Volk in Waffen“ aufgeführt hat, und höre mit inniger Freude, zu welch schöner, erhebender Feier das anspruchslose Stück die Veranlassung war.

Ob mir an jenem, ihr unvergesslichen Sonntag denn nicht die Ohren geklungen haben? fragt meine Frau.

Am 23. August war ich mit meiner Kompagnie von Tongeren in südöstlicher Richtung zur Sicherung der bedrohten Eisenbahnlinie Tongeren— St. Trond geschickt worden. In einem Arbeitshaus hab’ ich nachts auf der Matratze geschlafen, den Revolver neben mir, und bin im ersten Morgengrauen von Feldwache zu Feldwache geritten, von zwei Ulanen begleitet, die dann meine Meldung dem Stab überbrachten.

Während die patriotische Feier die Herzen der Berliner erwärmte, sass ich beim Schein einer Kerze, die in einer Flasche steckte, und schrieb einen recht melancholischen Brief nach Hause: schon zehn Tage ohne Nachricht! Zehn Tage! Ich wusste da noch nicht, dass ich sogar drei volle Wochen würde warten müssen, und über den Verbleib der Post, die zwischen dem 12. und dem 21. August an uns aufgegeben worden ist, wissen wir alle noch nichts. — Aber was ist das heute?! Was ist das in dieser gehobenen Stunde?! Im ganzen, langen Eisenbahnzuge, in den wir in Mons verladen wurden, ist’s still geworden. Wer Post bekommen hat, sitzt da und liest, liest, liest. Und keiner wagt den Kopf zu heben, damit’s niemand sieht: ’s ist einem doch ein bissel feucht geworden in den Augen.

Und die Kameraden, die keine Post haben, dürfen sich als die ersten auf die Zeitungen stürzen. Es sind die Nummern darunter, die von den grossen Siegen bei Metz berichten. „Aber hört doch nur — hört nur!“

Aus den Coupéfenstern streckt man die Köpfe, und einer ruft es dem andern zu, und dann wird die Zeitung weitergereicht. Mit schallender Stimme liest einer vor, und sie lauschen alle, alle.

Siegesbotschaften, Freudenbotschaften, ein herrlicher Sommertag geht zu Ende, und es ist der 1. September! — — —

In Mons ist an unserem Bataillon, während wir auf die Verladung der Bagage und der Pferde warteten, ein endloser Trupp von Kriegsgefangenen vorbeigeführt worden. Achtzehnhundert Engländer und Franzosen. Und endlose Bahnzüge mit Kriegsgefangenen, auch Verwundeten, begegnen uns auf der Strecke nach Valenciennes.

Die Engländer sind durchweg schlanke, sehnige Kerle. Zu acht in einer Reihe laufen sie ziemlich rasch voran. Der hat noch einen Stummel im Munde, der ein Pfeifchen. Sie rauchen kalt, um zu sparen. Fast alle haben die Hände in die Jackentaschen gesteckt. Und fast alle sind barhäuptig. Das scheint seinen Grund darin zu haben, dass die Engländer in der Schützenstellung ihre Käppis an Stöckchen neben sich aufpflanzen, um den deutschen Geschossen ein zu hohes Ziel zu geben. Aber der deutsche Schütze kennt das Witzchen auch schon. Die Khakifarbe der englischen Uniform ist viel kräftiger als unser Feldgrau. Meinen Berlinern behagt sie gar nicht. „Wie die Müllkutscher!“ meint Lehmann. Alle Stellungen, aus denen die Engländer geflohen sind, zeigen noch Waffen und Ausrüstungsstücke. Man muss zugeben, dass die Engländer ihre Leute vorzüglich ausgerüstet herübergeschickt haben. Die Lederarbeit des Tornisters ist vorzüglich. Wir könnten sie auch fast beneiden um die beiden äusseren Brusttaschen, die sie nach Art der Sportröcke aufgenäht tragen. Jeder Tornister enthält ein Töpfchen Yam fürs Frühstück und ein Toiletteetui. Die Gewehre sind tadellos. In der Hosentasche aber trägt jeder Engländer eine im Nahkampf äusserst gefährliche Waffe. Es ist das aufklappbare und festzustellende lange Dolchmesser, mit dem er die Hammelkeule tranchiert — das er unter Umständen aber auch benutzt, um den Gegner hinterrücks in den Nacken zu fallen. Alle Waffenarten Englands sind unter den Kriegsgefangenen vertreten: Kavalleristen, Artilleristen, Infanteristen. Auch schottische Hochländer mit nackten Knien und dem schottisch gewürfelten Röckchen befinden sich darunter. Es sind Elitetruppen. Und doch —?!

Neben den gut aussehenden Engländern spielen die rothosigen Franzosen eine miserable Rolle. Die Luftschicht, die sie umgibt, ist ein undurchdringlicher Brodem, aus dem vor allem der Knoblauchduft hervortritt.

Bei der Einschiffung unserer Truppe bittet ein junger Mecklenburger um die Erlaubnis, bis Cambrai mitfahren zu dürfen. Es ist ein Leutnant, der den allerersten Sturm der drei Brigaden auf Lüttich mitgemacht hat. Anschaulich schildert er die Nacht nach der Gefangennahme, die er im Zuchthaus von Lüttich auf der blanken Erde zubringen musste, mit der wenig erbaulichen Aussicht, am anderen Morgen erschossen zu werden. Das Bombardement ging die ganze Nacht hindurch — und am anderen Morgen waren die Deutschen in Lüttich. Er kommt jetzt von einem Gefangenentransport aus Aachen zurück und berichtet über ein paar drollige Szenen, die sich dabei unterwegs abgespielt haben. — In der Bahn haben sich Belgier und Engländer mitunter verprügelt, und die Belgier haben ihren Helfershelfern zornrot zugerufen: „Ihr habt uns im Stich gelassen!“

So grossartig bei der Beförderung ins Versammlungs- und Aufmarschgebiet vor vier Wochen der Eisenbahnbetrieb funktioniert hat — hier auf französischem Boden ist’s kein Genuss mehr, Eisenbahnfahrten durchzumachen. Für die Offiziere des Bataillons ist zwar ein belgischer Wagen erster Klasse eingestellt, aber mit seinen knappen, lehnenlosen Sitzen erweist er sich in der Nacht als wahrer Marterkasten. Nach allen möglichen Versuchen legt man sich schliesslich auf den Fussboden. Alle hygienischen Weisheiten schweigen für ein paar Stunden.

Kurz vor Valenciennes gibt’s einen Halt. „Aha, noch keine Einfahrt!“ Wir rechneten darauf, noch abends in Cambrai zu landen. Aber der Halt dauert immer länger: Zug an Zug liegt auf der Strecke vor uns. Und abends um 9 Uhr müssen wir uns endlich entschliessen, neben den Gleisen abzukochen.

Ein Rangierbahnhof ist unter keinen Umständen ein gemütlicher Aufenthalt. Wenn aber alle Gleise mit biwakierenden Truppen besetzt sind, gehört der gute deutsche Soldatenhumor dazu, um sich in die Situation zu schicken.

Mit steifen Gliedern tritt man in den nebligen Morgen hinaus. „Morgenrot, Morgenrot!“ singt eine kleine Gruppe, die auf den offenen Loren geschlafen hat, auf denen die Bagage steht. Es ist eine trübe Stimmung. Wie abgeschnitten von aller Welt kommt man sich vor. Und wieder hebt das Warten an. Aber im Nebenabteil lässt plötzlich ein fideler Berliner seines Basses Grundgewalt hören: „Nach Hause gehn wir nicht, nach Hause gehn wir nicht, nach Hause gehn wir lange nicht!“ Und alles freut sich und singt mit.

„Wie verpflegen wir heute unsere Leute?“ Wie daheim meine Frau mit ihrer Köchin, so muss ich mich hier täglich mit dem Feldwebel über die nicht unwichtige Magenfrage auseinandersetzen. Das vorgestern requirierte Öchslein ist an den beiden Tagen radikal aufgezehrt. Wir haben nur noch die eiserne Portion, die unter allen Umständen unberührt bleiben muss. Ich höre, dass unser Zug erst in anderthalb Stunden abfährt. „Sechs Mann mit Zeltbahnen her, Feldwebel, wir laufen in die Stadt hinein und kaufen zusammen, was für heute nötig ist!“

Und so hab’ ich Valenciennes kennen gelernt.

In den meisten Geschäften herrscht ja schon Ebbe. Einen Konservenhändler haben wir bis auf die letzte Büchse leergekauft. Und in einer Bäckerei am Markt trafen wir gerade in dem Augenblick ein, da dreissig noch warme, wunderschön duftende Brotlaibe die Backstube verliessen. In wenigen Augenblicken war das Geschäft abgeschlossen. Anstandslos nahmen die Franzosen unser deutsches Geld. Sie befleissigten sich überhaupt grösster Liebenswürdigkeit. Und als ich auf dem Rückweg noch einen Sprung in einen Spitzenladen tat, um ein Taschentüchlein zu erstehen — wahrhaftig nicht für mich! — da half mir die schnittige junge Valenciennerin mit fast zärtlicher Fürsorge aussuchen.

Ich bringe aus Valenciennes ausser dem Spitzentaschentuch, bei der Kürze meines Aufenthalts dort, natürlich nicht allzuviel mit. Nur die Erinnerung an das imposante Rathaus, an den warmen Brotduft und an die koketten Hände der rassigen Spitzenverkäuferin. Die Fingernägel hatten allerdings Trauerränder; aber das ist ja bei den Franzosen keine Ausnahme.

Unser Gast aus Lüttich, der unterwegs sein ganzes Gepäck verloren hat, ist auch in Valenciennes gewesen und sitzt nun in Hemdärmeln im Coupé und freut sich. Das Hemd ist nämlich erst vor einer halben Stunde erstanden. Das alte ist weit da draussen neben den Gleisen dem Weltall übergeben worden? Waschen lassen? Wo? Und wann? Nein, der kleine Leutnant hat ganz recht. Und wir freuen uns alle mit ihm. Ein frisches Hemd! Heute kriegen wir mal endlich wieder unsere Bagage zu sehen, unseren Koffer! Und Cambrai soll ja eine ganz ansehnliche Stadt sein. Vielleicht gibt’s dort sogar eine Badewanne?!

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Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
190 p. 1 illustration
ISBN:
9788711445624
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Bookwire
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