Read the book: «Geschichten aus Nian»

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Inhaltsverzeichnis

Der Keysor

Hort des Lebens

Reise ins Ungewisse

Vorbereitungen

Scharmützel

Brennergemeinschaft

Über den Pass

Prüfung

Kontakt

Die Gefahr rückt näher

Westländisch

Dachdecker

Wieder zu Hause

Die Suche beginnt

Der letzte Schlüssel

Das Westliche Meer

Der Philosoph

Der Klan des Feuers

Lebenszeichen

Der Angriff

Eine dringende Botschaft

Aufrüstung

Die Rückkehr

Eine Besprechung

Eine Bootsfahrt

Das Undenkbare geschieht

Die Zeremonie

Feuersturm

Der Mayenzweig

Hilfe naht

Alles im Fluss

Schatten der kommenden Zeit

Ausblicke

Rückblick

Geschichten aus Nian

Der Keysor

Paul M. Belt


Der Keysor


© Copyright 2020 Hunter Verlag

Verlagsauflage 1

Lektorat: Cornelia Schrudde, Kreuztal

Grafische Innengestaltung: Astrid Eckstein

Umschlaggestaltung: Azrael ap Cwanderay ; Hunter Verlag

Umschlagfotografie: Astrid Eckstein ; pixabay

Satz & Layout: Hunter Verlag

Verlag: Hunter Verlag, Kiel, Deliusstr.

Printed in Germany

ISBN: 978-3-947086-64-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Reihe:

»Geschichten aus Nian«

Band 1:

Lindenreiter

Band 2:

Landwandlerin

Band 3:

Atalan

Band 4:

Erzbrenner

Band 5:

Der Keysor

Band 6:

Selinqua Baruka

Band 7:

Licht


All denen, die am Sinn von Gewalt

und am fortwährenden Streben

nach immer mehr Macht zweifeln


Wenn du jemanden nicht magst, bringe ihm Achtung entgegen. Denn wer dich provozieren kann, ist dein Lehrer. Nichts verändert euer Verhältnis mehr als Respekt vor eurer Andersartigkeit. Es kann dabei auch respektvoll sein, sich still zu verabschieden.

(Martin Darian Kalder, Herold des Lichts aus Urgalan)

Der Keysor


Die Prophezeiung

„Und siehe, eine Stimme erhebet sich im Westen, die schreiet und spricht: ‚Das Land, das Land, welch Frevel!‘ Und es versinket mit Donnern und Blitzen die Schönheit aller Flecken und Hügel, und das Beben der Mauern vergehet nicht an jenem Tage. Wer weise ist, der schließe seine Augen und laufe gen Süden zu den Bergen, denn brennen wird das Land. Alsdann erhebet sich Rauch, eine gewaltige Säule wie die eines großen Wirbels, und tränket den Boden mit seiner Finsternis. Und aus der Tiefe des Strudels erhebet sich etwas wie ein Skorpion, ein Wesen mit acht Scherklappern und Tentakeln so schwarz wie das Fell eines Nachtjägers und drei hässlichen Schwänzen, stark wie die Masten eines Handelsschiffes, und er trägt ein goldenes Zepter mit den Farben seiner Herkunft. Alle Söhne Kers, jaulet und heulet ob des Skorpions, denn sein ist die Stärke und die Schärfe des Schwerts und das Donnern großer Posaunen mit mächtigem Widerhall! Und er entsendet die Seinen in alle vier Winde, zu versammeln das Geschlecht und zu ziehen in den Krieg gen Westen, denn der Donner wird nicht verhallen, bevor sein Sieg gewiss ist. Achtet aber auf seinen Stachel, denn klein und unscheinbar mag er erscheinen, aber gewaltig und voll Giftes ist sein Inneres, und er wird herniederfahren auf den einen Stein, den Felsen, ihn zu zermalmen und das Land mit der Pestilenz seines Giftes zu vernichten. Hier jedoch, Söhne Kers und Töchter Baras, seid gestärkt und unverzagt, denn euer ist das Licht, und keine Finsternis vermag es zu verschlingen noch euch verzagt zu machen! Fahren wird er in die Höhe und Tiefe seiner Herkunft, und das Feuer des Landes wird gelöschet durch eure Tränen, so dass der Felsen und das Land leuchten werden wie die Sonne eures Herzens.“

(aus dem Buch der Weissagung: Die Prophezeiung des Kol Noramak)

Hort des Lebens

Ama klappte das abgegriffene Buch vorsichtig zu und legte es beim Schein des großen Feuers bedächtig zur Seite. Sie blickte den Zuhörern aus der großen Runde in ihre Gesichter, in welchen sich das Flackern der Flammen und ihr Widerschein vom Baumwaldrand fingen. Achtunddreißig Frauen, Männer und auch Kinder hatten sich mittlerweile hier oben im Norden des Mittellandes im „Hort des Lebens“ eingefunden, wie dieser bewaldete Hügel schon bei ihrer Ankunft vor zwei Zyklen von seinen Bewohnern genannt worden war. Manche sahen still auf den Boden, andere starrten mit offenem Mund oder auch nur mit großen Augen nach vorn. Die alten Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.

Naria näherte sich Amas Stuhl von der Seite her. „Verehrte Schwester und Erste, habe Dank dafür, dass du mich und meine Sippe auf diese Weise ehrest, dass du bereits am ersten Abend unserer Ankunft aus diesem von uns bewahrten Werk in der Versammlung vorzutragen gedachtest!“

Ama lächelte sanft, wenn auch etwas müde. „Andersherum ist es, verehrte Schwester. Es ist mehr als eine Ehre, dass nach all der Zeit Menschen zu uns gefunden haben, die nicht nur wie auch wir der alten Geheimnisse der Kräuter kundig sind, sondern die auch noch eines der wichtigsten Werke aus der Zeit nach dem Ende der Alten Sprache mit in die heutige Zeit hinübergetragen haben. Euer Erscheinen ist wie das Aufgehen eines Sternes am Ende einer dunklen Nacht. Die Prophezeiung des Kol Noramak war zu lange verschollen, als dass dies ein Zufall sein könnte. Im Gegenteil, ich halte es für ein Zeichen. Noch heute Nacht werde ich mit Kela darüber meditieren. – Ich danke allen für die Teilnahme an unserer Versammlung!“

Naria nahm das Buch an sich, verneigte sich vor Ama und wandte sich zum Gehen, als deren leise Stimme sie noch einmal zurückrief. „Liebe Naria, du bist eine Bruka wie ich. Es ist wahrlich respektvoll, dass du dich vor deiner Ersten verneigen möchtest. Bitte lasse mich dir dennoch mitteilen, dass wir in dieser Gemeinschaft nicht auf diese Weise verfahren. Wir ehren uns durch den Austausch des Lichtes in uns und durch sein äußeres Anzeichen, das Lächeln, nicht jedoch durch Verbeugungen. – Könntest du dies auch bitte zu denjenigen tragen, welche mit dir hier heute eingetroffen sind?“

„Selbstverständlich und gern!“ Überrascht und mit einem Strahlen im Gesicht begab sich die junge Frau zu der frisch errichteten Holzhütte am Rand des großen zentralen Platzes, welche ihr neues Zuhause war. Schmunzelnd sah Ama ihr nach, bevor eine tiefe Männerstimme ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Sag, Ama, du hast uns nun ein wahrhaft schrecklich gezeichnetes Bild aus dem alten Buch vorgelesen“, sagte Finn zu ihr. „Weißt du denn auch Näheres zur Bedeutung dieser Zeilen? Ist das Beschriebene bereits geschehen oder steht es uns noch bevor?“

„Sowohl das eine als auch das andere ist der Fall“, sagte Ama langsam und betont, während sie dem hünenhaften Mann in die Augen sah. Er war einer der ursprünglichen Bewohner des Hügels und Begründer der hiesigen Gemeinschaft des Wiegeler Waldes. Sie lächelte in sich hinein, als sie sich daran erinnerte, wie misstrauisch er Sus, Gita und sie nach ihrer Reise durch das Küstenland begrüßt hatte. Kräuterväter und -mütter hatten derzeit wirklich keinen einfachen Stand.

„Du meinst, es ist wie schon so oft und die Geschichte wiederholt sich?“, fragte Finn. „Soweit ich weiß, wurden diese Zeilen vor vielen Dekazyklen geschrieben, als Schrecken im ganzen Land die Menschen ängstigte und die Soldaten des Herrschers alle verfolgten, die ihm nicht genehm waren, insbesondere Menschen mit unserer Begabung.“

„Ob sie sich wiederholt oder reimt, das wird sich zeigen“, sinnierte Ama halblaut und schaute in die prasselnden Flammen. „Ich spüre seit einiger Zeit, dass sich Unruhe im Lande ausbreitet, und je mehr von uns sich hier versammeln, desto deutlicher ist mein Eindruck geworden. Heute Nacht werde ich darüber mit Kela auf dem Plateau an der Quelle eine Lichtmeditation durchführen.“

„Ich werde ebenfalls zu euch stoßen“, verkündete die Stimme einer Frau mittleren Alters von der Seite her, die sich den beiden genähert hatte.

„Gern nehmen wir dich mit dazu, Lera“, erwiderte Ama lächelnd. „Zu dritt war der Fluss des Lichtes immer besonders intensiv.“

Finn nickte. Zwar war auch er ein Bruk, aber wenn die Erste, ihre Vertreterin und die Geistkundlerin beschlossen hatten, zu dritt zu meditieren, dann war es für ihn in Ordnung. Er war praktischer veranlagt. Gerade wollte er Feuerholz nachlegen, als er bemerkte, wie sich eine kleine Gruppe mit Fackeln vom verborgenen Haupteingang des Geländes her dem Lager näherte. „Ron, Mark?“, rief er, um dann mit den Angesprochenen auf die Ankömmlinge zuzugehen. Es waren aber nur Han, Jule und Gita, die von ihrem spätabendlichen Besuch beim nahe dem Baumwald gelegenen Bauerngehöft mit neuem Käse zurückkehrten. Allerdings hatten sie einen seltsam erregten Gesichtsausdruck.

„Was gibt es?“, fragte Finn sofort.

„Etwas Merkwürdiges. Wir brauchen umgehend etwas Redezeit, um allen eine Nachricht zu überbringen“, verkündete Han.

„Dann geh und sprich Ama an, bevor sie mit Kela und Lera auf das Plateau geht. Es sind praktisch noch alle da. Sie hat gerade die Prophezeiung verlesen.“

„Na, das trifft sich ja prächtig“, knurrte Han, der die alten Worte aus dem Buch bereits am frühen Abend vernommen hatte. „Ungefähr um etwas Derartiges dürfte es sich handeln.“

Während die kleine Gruppe zum Lager zurückkehrte, war Ama bereits dabei, sich mit ihren beiden Begleiterinnen auf den Weg zum Quellplateau zu machen. Sie wurde jedoch am Rande des Lagers von Sus aufgehalten. „Verehrte Schwester“, sagte diese, während sie ihre Freundin mit ihrem nachdenklichen Blick aus dunklen Augen ansah. „Etwas geschieht gerade. Ich spürte ein Beben des Lichtes wie das Flackern des Mondes, wenn eine Wolke vorbeizieht.“

Ama umarmte Sus. Sie kannte sie lange genug, um das innere Schaudern ihrer engsten Vertrauten auch ohne äußere Anzeichen wahrzunehmen. „Ich habe es auch gespürt“, wisperte sie ihr ins Ohr. „Deshalb gehen wir drei ja gerade, um nach Klärung zu suchen.“

„Die Klärung kommt dieses Mal von dort“, sagte Sus in geheimnisvollem Ton und zeigte auf die Gruppe mit den Fackeln, die soeben beim Feuer eingetroffen war und sich nun suchend umschaute.

Sofort kehrte Ama zum Lager zurück. Kaum wurde sie von Han erspäht, unterbrach dieser die Stille der Nacht mit seiner halblauten Stimme: „Erste, wir bringen Kunde, die unser Leben und das vieler Menschen in Nian nachhaltig verändern könnte. Ich erbitte daher die Möglichkeit, unmittelbar zur gesamten Gemeinschaft zu sprechen.“

Ama spürte ein Prickeln ihre Wirbelsäule emporklettern. Nicht nur Sus’ eindringliche Worte hatten sie aufmerken lassen – wenn nun auch Han, ein sehr ruhiger und besonnener Mann, auf diese förmliche Weise und in so dramatischem Ton zu ihr sprach, musste die Angelegenheit wirklich sehr ernst sein. Sie begab sich neben das Feuer, hob die Hände und rief: „Das Wort hat nun noch einmal Han. Bitte lauscht und spürt inwendig, wie es geschehen wird.“

Fast schlagartig wurde es ruhig um das Feuer. Jegliches Gespräch verstummte, nur noch das Knacken der brennenden Scheite war zu vernehmen, als Han vortrat und zu sprechen anhob.

„Verehrte Geschwister, liebe Gemeinschaft des Waldes. Wir kommen soeben von unserem Tauschbesuch beim Bauern. Dieses Mal bringen wir aber nicht nur Käse mit. Als wir dort eintrafen, war bereits Besuch dort. Wir wissen ja seit einiger Zeit, dass hier in der Nähe Menschen leben, die sich rasend schnell über Kräuterwiesen hinwegbewegen können. Einige von uns sind diesen sogenannten Federern bereits begegnet. Einer von ihnen namens Pal Gernok befand sich vorhin gerade im Haus des Bauern und machte den Eindruck, uns erwartet zu haben. Als wir gingen, verließ er ebenfalls das Haus und nahm uns ein paar Mittelmaße weiter beiseite, um uns einige wirklich bedeutende Dinge mitzuteilen.“ Gebannt lauschten alle Anwesenden, als er weitersprach. „Zuallererst soll ich uns allen, besonders aber unserer Ersten“, er nickte Ama zu, „im Namen seines Ersten herzliche Grüße ausrichten. Vor wenigen Tagen wurde im Mittelland nämlich der Klan der Federer neu gegründet. Ein Junge namens Kai hat dessen Führung inne.“

In Amas Gesicht erschien ihr schönstes und breitestes Lächeln. „Es ist also wahr!“, rief sie halblaut. „Unser Freund und Vertrauter hat seine Bestimmung gefunden!“

„Das ist aber leider nicht alles“, setzte Han fort und seine bisher entspannte Miene verdüsterte sich. „Gestern hat besagter Pal ein Teleskript seines Klans mit dem Auftrag erhalten, der Gemeinschaft der Kräutermütter und -väter nahe dem Elvon – damit können nur wir gemeint sein – zwei Botschaften auszurichten. Die eine ist recht angenehmer Natur: Offenbar gibt es weitere Geschwister im Land, die unsere Anwesenheit hier erspürt haben und zu uns aufgebrochen sind, um uns und auch ihre Erste hier zu treffen. Die andere jedoch hat es in sich: Anscheinend gibt es einen sich rasch im Lande ausbreitenden Streit zwischen verschiedenen Reiterklans, der nun offenbar nicht mehr nur mit Worten ausgefochten wird, sondern auch mit Taten. Eine zentrale Figur dabei soll der neue Erste des Klans der Lindenreiter sein. Laut einer Warnung, die der Erste Federer persönlich von einem Merkantusbaum erhalten hat, sei dieser neue Erste daran interessiert, tiefe Gräben durch die Gemeinschaft der Reiter zu ziehen und Unfrieden zu stiften, wo immer er nur könne. Zugleich schare er Getreue um sich und bereite sich auf einen Kampf vor. Wörtlich habe der Merkantus gesagt, den Reitern stehe eine dunkle Zeit bevor, und allen Menschen, die nicht auf das Licht in sich achten würden, drohe Gefahr.“

Ein Raunen ging durch die versammelten Brukas. Hatten sie nicht gerade aus dem Munde ihrer Ersten einige Worte aus einem uralten Buch vernommen, die dem gerade Gehörten auf verblüffende Weise ähnelten?

„Das ist aber immer noch nicht alles. Der Erste Federer lässt uns ausrichten, er vermute konkret, dass eine Art Herrschaftsübernahme durch den Ersten der Lindenreiter geplant sein könne, der sich übrigens seit kurzem ‚Ältester‘ nennen ließe. Und als Letztes teilt er uns noch den Namen desjenigen mit: Sid Lucius Albo. Kann irgendjemand von uns etwas damit anfangen?“

Ama wiederholte den Namen gedankenverloren vor sich hinmurmelnd. Es war nicht unüblich, dass ein hochgestellter Amtsträger sich einen zweiten, klangvollen Vornamen gab. Lucius, das bedeutete „der Strahlende“ oder auch „Mensch des Lichts“. Auch die Bezeichnung „Ältester“ war nicht ungewöhnlich, um die besondere Stellung des Ersten des Klans der Lindenreiter zu betonen.

Han führte nun seine Rede zu Ende. „Auch wenn dies alles keine direkte Bedrohung für uns zu bedeuten scheint, so dürfte es uns mittelbar betreffen, wenn bei den Reitern eine Art Bruderfehde vom Zaun gebrochen wird. – Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit, verehrte Geschwister.“

Ama trat nun wieder vor und sagte laut: „Ich danke Han für diese eindringlichen Worte. Es ist wahr, Dinge geschehen derzeit in Nian, deren Auswirkungen wir noch nicht abzusehen vermögen. Falls jemandem in dieser Runde noch etwas zu diesem Thema einfallen sollte, bitte ich darum, es uns – oder gern auch mir allein – mitzuteilen. Ich möchte nun diese Runde schließen und die Gelegenheit nutzen, auch die soeben erhaltenen Neuigkeiten zusammen mit Kela und Lera oben an der Quelle mit in die Verbindung einzubringen. Habt herzlichen Dank für eure Zeit.“

Damit war die Versammlung abermals beendet. Nachdenklich begaben sich Ama, Lera und Kela erneut auf den Weg zum Hügelplateau. Sie alle konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nun Dinge von großer Tragweite dabei waren, ihren Lauf zu nehmen.


Reise ins Ungewisse

„Hallo, da seid ihr ja wirklich!“ Mit einem strahlenden Lächeln öffnete Herk die Tür seiner Wohnung, durch die zwei ebenso fröhlich grinsende andere Federer eintraten.

„Also, ich muss sagen, leicht gemacht hast du es uns nicht gerade, dich zu finden“, feixte Lutz gespielt vorwurfsvoll. „Einen so klangvollen Straßennamen wie ‚Neuer Weg‘, den es in Medriana ja auch nur lächerliche drei Male gibt – da braucht man ja gar nicht lange zu suchen.“

„Schon klar, tut mir leid, ich vergesse immer, den nördlichen Bezirk anzugeben“, erwiderte Herk augenzwinkernd. „Und, Malu, bist du bei der Suche schon verhungert?“

„Jetzt, wo du es erwähnst …“, sagte das Mädchen, schnupperte in die Luft und leckte sich über die Lippen, „… sind das etwa deine Kohlschnetzel mit Kümmel auf Nudeln mit Käse-Sahnesauce?“

„Hab ich es doch geahnt, dass du wie immer einen Bärenhunger mitbringst! Klar, ich weiß doch, wie gern du dieses Gericht magst! – Also, dann legt mal eure Sachen ab und lasst uns erstmal anständig tafeln. Dabei kann ich euch erzählen, wie wir am besten zur Ebene gelangen können.“

„Ich verstehe immer noch nicht, weshalb wir nicht einfach Kais Megafon-Methode benutzen“, warf Malu ein. „Wer immer dieser ominöse letzte Federer ist, er würde uns hören und könnte uns entgegenreisen.“

Lutz schüttelte den Kopf. „Du weißt doch, was Kai dazu gesagt hat: Er kann es zwar nicht erklären, ist sich aber ganz sicher, dass das so nicht funktionieren würde. Aber an etwas hast du mich doch erinnert, wir wollten ihm doch bei der Abreise Bescheid geben! Können wir deinen Teleskriptor nehmen, Herk?“

„Klar. Aber konzentriert euch bitte trotzdem auch nochmal in Richtung der Flussstadt und schickt eine Gedankennachricht, damit Linn mitbekommt, dass wir losziehen, ohne dass wir seinen Vater ‚mit Teleskripten zuschütten‘, wie dieser sich wohl ausdrücken würde.“

Malu schnaubte verächtlich. Pah. Nur weil Linns Vater ein hoher Reiter war, sollte er nicht das Recht haben, sich wegen ein paar Teleskripten zu beschweren, die sein Sohn von seinen Klanfreunden geschickt bekam. Zum Glück konnte Linn als bislang Einziger im Klan intensiv geformte Gedanken aller anderen Federer in seinem Kopf hören, ohne dass man einen übermäßig verstärkten Ruf in seine Richtung herausschreien musste. Ohne ihn hätten sie von der Existenz des verschollenen Federers auf der Westlichen Ebene nichts geahnt. Da war es natürlich klar, dass man ihn ebenfalls auf dem Laufenden hielt. Malu seufzte. Wenn doch nur alle Erwachsenen so wären wie Lutz oder Herk oder auch Kais Eltern! Dann wären viele Dinge deutlich unkomplizierter.

Nach dem Verschicken des Teleskripts setzte sich Lutz mit an den schlichten Küchentisch, an welchem Herk und Malu bereits mit knurrendem Magen Platz genommen hatten. Beim Essen schilderte Herk die Reiseroute, welche er für die kommenden Tage ausgearbeitet hatte: „Also, ich möchte nicht mit meinem Auto auf die Ebene fahren und es auch nicht in ihrer Nähe abstellen. Daher würde ich die erste Strecke gern mit dem Zug zurücklegen. Von hier aus kommen wir direkt nach Gehlstadt und dann mit dem Bummelzug weiter bis Wesenburg. Das liegt direkt an der Arealgrenze.“

„Wie?“, warf Malu ein. „Wir federn da nicht hin? Ich meine, die Mederebene ist im Frühling voller saftiger Gras- und Kräuterwälder!“

„Dir mag eine Strecke von hundertzwanzig Langmaßen nichts ausmachen, junge Dame“, erwiderte Herk mit hochgezogener Augenbraue. „Mir persönlich reicht es, wenn wir mit dem Sport an der Grenze beginnen. Ich bin nicht mehr so gut in Schuss wie du, mir tun die Grashalme immer etwas leid, die mich in die Luft werfen sollen.“

„Kein Wunder“, fügte Malu kauend hinzu. „Man kann ja leicht sehen, dass du selbst beim Essen dein bester Kunde bist! Und man schmeckt ja auch, warum das so ist!“ Schlürfend schob sie sich den nächsten Löffel in den Mund. Lutz grinste. Ob sie sich jemals das Sprechen mit vollem Mund abgewöhnen würde?

„Weißt du“, grinste Herk und strich sich über den Bauch, „abgesehen davon würde die Reise auf diese Art für mich mehrere Tage dauern. So viel Zeit habe ich aber für unsere Expedition nicht. Nee, nee, lass uns ruhig den Zug nehmen. Ich übernehme das Ticket für dich, Malu. Nach dem Essen schnappe ich mir meinen Tragsack und dann gehen wir zum Terminal.“

„Wie kommen wir ab Wesenburg weiter?“, fragte Lutz.

Herk verzog das Gesicht. „Das wird solange fraglich bleiben müssen, bis wir da sind. Keine Schienen führen von dort aus nach Westen und auch ausgebaute Straßen gibt es praktisch nicht. Sollte die Gegend so karg sein, dass wir dort nicht federn können, dann würden wir handelsüblich auf Schusters Rappen weitergehen oder irgendeinen Droschkendienst in Anspruch nehmen müssen.“

Fast wäre Lutz der Löffel aus der Hand gefallen. „Droschkendienst? Jetzt sag nicht, wie vor fünf Dekazyklen mit Lasttier und Deichsel? Ich meine, fahren sie denn nicht mal Autos auf der Ebene?“

„Das ist ja gerade der Witz, dass es niemand weiß“, sagte Herk resigniert. „Bei euch in Irania wird vermutlich nie über die Ebene gesprochen, richtig? Bei uns ist es nicht anders, obwohl sie fast vor der Haustür liegt. Ich kenne niemanden, der mal dort war und erst recht keinen, der von dort kommt.“

„Ja, das ist echt total durchgerädert“, meinte Malu nun, die ihr Essen beendet hatte. „Selbst wenn dort Riesen leben würden, hätte hier keiner eine Ahnung davon. Ich finde, es ist höchste Zeit, dass wir uns diesen Landstrich mal ansehen.“

Eine Langzeit später standen die drei Federer vor dem prachtvollen, wenn auch etwas altmodischen zentralen Bahnhofsgebäude der Hauptstadt Nians. Es strahlte immer noch denselben Charme aus wie zur Zeit seiner Erbauung vor zehn oder mehr Dekazyklen, aber der Zahn der Zeit hatte auch vor ihm nicht haltgemacht. Viele hundert Menschen liefen hier auf dem Vorplatz durcheinander, verließen die große Bahnhofshalle durch die Drehtüren oder hetzten mit ihren Koffern hinein, wenn sie sich ihre Habseligkeiten nicht von den Gepäckträgern mit ihren blauen Uniformen und den roten Schiebewagen transportieren ließen. An vielen kleinen fahrbaren Buden duftete es nach unterschiedlichen Arten von Straßenmahlzeiten, aber außer Malu, die einfach immer Hunger hatte, schien es keinem der Federer aufzufallen. Zielstrebig ging Herk durch eine Drehtür in die Halle hinein und steuerte auf einen Schalter zu, an dem Fahrkarten verkauft wurden. Seine beiden Begleiter folgten ihm.


Malu war von dem Gewimmel in dieser Metropole und insbesondere in diesem Bahnhof total fasziniert und sogar ein wenig überfordert. So viel Technik und so viele Menschen auf so engem Raum! Staunend schaute sie mal hierhin, mal dorthin. Ein lautes Rasseln ließ ihren Blick verwundert nach oben unter die Hallendecke wandern. Dort befand sich eine elektromechanische Anzeigetafel, mit deren Hilfe die aktuellen Zugverbindungen und Abfahrtszeiten dargestellt wurden. Gerade wollte sie sich etwas anderes anschauen, als ihr plötzlich ein neuer Eintrag auf der Tafel ins Auge sprang.

„Sag mal, Lutz, wollte Herk nicht mit uns von Gehlstadt nach Wesenburg fahren? Sieh mal dort unten in der letzten Zeile!“

Lutz las und tippte daraufhin Herk in der Schlange vor dem Schalter an. „Schau mal, was sagst du dazu?“ Tatsächlich ließ die neue Anzeige alle die Stirn runzeln. „Strecke Gehlstadt – Wesenburg derzeit nicht befahrbar. Tickets werden erstattet. Näheres an der Information“, stand dort geschrieben.

„Da muss ich doch gleich mal fragen, was das soll“, brummte Herk. Kurz darauf war er an der Reihe und meinte zu der blau gekleideten Dame hinter dem Schalter: „Guten Tag – eigentlich wollten wir drei Tickets nach Wesenburg lösen, aber weshalb ist denn die Strecke gesperrt?“

„Ach, das ist wegen der Bauarbeiten“, kam die Antwort. „Leider können wir auf dieser Nebenstrecke auch keinen Ersatzverkehr anbieten, die Straße ist so schlecht und die Brücke dort so schmal, dass jeder unserer Busse stecken bleiben würde.“

„Das ist ja merkwürdig“, sagte Herk. „Gestern habe ich mich über die Verbindung informiert, aber da war keine Rede von Bauarbeiten. Nun, unsere Reise lässt sich nicht verschieben. Bis Gehlstadt können wir aber fahren, ja?“

Zehn Mittelzeiten später warteten alle drei Federer am Gleis auf den Expresszug in Richtung Westen. Da es sich um eine Hauptstrecke handelte, fuhr häufig ein Zug. Für die Fahrtdauer war etwas mehr als eine halbe Langzeit veranschlagt, was Malu vollkommen unrealistisch erschien. Dann aber staunte sie nicht schlecht, als eine hochmoderne, stromlinienförmige Elektrolokomotive mit fünf silbernen Waggons auf ihrem Gleis in den Bahnhof einfuhr. „Woah! Kann die auch fliegen? Ich kenne nur entweder die roten Ölloks oder die alten dampfbetriebenen Kisten, so eine habe ich noch nie gesehen!“

„Die gibt es erst seit einem Zyklus“, grinste Herk. „In der anderen Richtung soll sie ab dem nächsten Frühling bis zur Großen Flussstadt fahren. Dann dauert die Fahrt dorthin nur noch knapp anderthalb Langzeiten!“

Das glaubte Malu nie und nimmermehr. Nachdem sie jedoch eingestiegen waren und der Express Fahrt aufgenommen hatte, begriff sie allmählich, weshalb sich die Fenster des Abteils nicht öffnen ließen, was sie zunächst sehr geärgert hatte. Die Gegend flog in einer derartigen Geschwindigkeit an ihr vorbei, dass ihr Federn dagegen geradezu wie Kriechen erschien. Mit ganz plattgedrückter Nase wollte sie schließlich auf ihrem Sitz Platz nehmen, als Lutz seinen Tragsack ergriff und meinte: „Komm, wir gehen zu den Türen.“

„Wie, sind wir etwa schon da?“

„Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich lieber so reisen als federn wollte“, erwiderte Herk grinsend, nachdem er sich ebenfalls seinen Tragsack wieder aufgesetzt hatte. „In wenigen Mittelzeiten erreichen wir Gehlstadt Hauptbahnhof! Mal sehen, wie wir von dort aus weiter vorankommen.“

Auch in einer mittelgroßen Stadt wie Gehlstadt war mittags allerhand los auf dem Bahnhof. Zwar gab es hier nur sechs Gleise statt vierzehn wie in Medriana, aber dafür waren die Zugänge auch schmaler ausgelegt, so dass Malu das Gedränge als ähnlich beklemmend empfand wie in der Landeshauptstadt. Vor dem Gebäude atmete sie erst einmal tief durch. Herk winkte einen freien mietbaren Wagen heran und sprach mit dem Fahrer. Mit verwundertem Gesichtsausdruck kam er zu Lutz und Malu zurück.

„Hier stimmt etwas nicht“, verkündete er. „Baustelle, wie? Nicht nur das Gleis nach Wesenburg ist gesperrt, sondern die Straße auch! Als der Fahrer heute Vormittag die ersten Fahrgäste dort hinbringen sollte, wurde er von Verkehrslotsen an der Weiterfahrt gehindert und musste umkehren.“

„Verkehrslotsen? Was ist denn das?“, wollte Malu wissen.

„Du weißt doch, dass es in größeren Städten nicht nur Dorfwarte und ihre Angestellten gibt, sondern dass dort die Gebiets- oder Arealverwaltungen besondere Kräfte stellen, die für Recht und Ordnung sorgen, nicht wahr?“

„Ja.“ Malu rümpfte die Nase. Diesbezüglich hatte sie ihre Erfahrungen schon gemacht. Solchen Leuten sollte man tunlichst aus dem Wege gehen, wenn man als Jugendliche allein durch die Lande reiste.

„Manchmal werden sie Ordnungskräfte genannt, manchmal Polizei oder ähnlich. Wie auch immer, zu ihren Aufgaben zählt es auch, im Fall von Unglücken oder Naturkatastrophen Reisende an der Weiterfahrt durch betroffene Gebiete zu hindern. Menschen, die dies tun, werden eben Verkehrslotsen genannt. Aber ganz abgesehen davon – hier gab es weder ein großes Unglück noch eine Katastrophe, davon hätte ich heute Morgen etwas gehört.“

„Was also ist hier los?“, fasste Lutz mit seiner tiefen Stimme die Gedanken der drei Federer zusammen. Das war ja wirklich ausgesprochen rätselhaft.

Vorbereitungen

„Was er bloß mit diesem ganzen Zeug will?“, fragte Tern seinen Mitreiter. „Erst mietet die Loge fast ein halbes Flächenlangmaß Lagerräumlichkeiten hier am Nordrand Medrianas, dann werden wir hierher abgestellt und seitdem reißt der Strom an Lastwagen nicht ab, die hier anfahren. Und was haben sie geladen? Nichts als Schrott!“

Fonn nickte. Gerade einmal eine Woche war es her, als der Dritte Rengat der Hauptloge der Lindenreiter plötzlich auf der Logenwiese aufgetaucht war, scheinbar wahllos die beiden Lekure ausgesucht und sie dann hierher transportiert hatte. Wenn etwas Derartiges unerwartet geschah, wurde es als „Sonderdienst für die Loge“ bezeichnet, was meistens bedeutete, dass man für die Zeit der Aktion nicht nach Hause kam und seine Familie die ganze Zeit über nicht sah. Nicht selten wurde einem auch ein Schriftstück vorgelegt, dass man über den Inhalt und Fortgang des Dienstes Stillschweigen zu bewahren hatte. Und tatsächlich hatten die beiden nach der Unterzeichnung eines ebensolchen Dokuments zwei Zimmer in einem Hotel am Stadtrand gestellt bekommen, dem es zwar an Luxus nicht mangelte, dafür aber an Fröhlichkeit und Leben.

„Und du hast wirklich keinen Schimmer, was das Ganze hier soll?“ Mit dieser Frage schloss Tern seine Überlegungen ab.

„Bruder, du weißt doch, dass ich genauso blind für den Fortgang der Dinge bin wie du“, entgegnete Fonn. „Und selbst wenn ich etwas wüsste, dürfte ich es dir nicht erzählen. Ich muss sagen, mir erscheint das Ganze genauso rätselhaft. Normalerweise lagert der Klan edle Stoffe ein, vielleicht auch Baumaterial oder Farbe oder auch schon mal Frischblätter, aber solchen Krempel?“

„Baumaterial, hmm … könnte es das sein? Ich meine, gut fünfzig Flächenlangmaße Metall, daraus könnte man schon etwas errichten.“

„Aus dem verbeulten Zeug? Die verrosteten Moniergitter könnte man vielleicht benutzen, aber die Autobleche, Träger und Türrahmen? Nein, lieber Tern, das Ganze ergibt in etwa so viel Sinn, wie wenn ein Riese zu reiten versuchte. Und wie ich den Rengat kenne, brauchen wir ihn gar nicht erst danach zu fragen.“

„Und im Lekurenkreis ansprechen?“

Fonn zeigte seinem Mitreiter einen Specht. „Bruder, bei uns gab es seit vielen Zyklen keine Degradierungen. Willst du es jetzt darauf anlegen? Wenn der Älteste überhaupt mal dort erscheint, dann lässt er dich aus dem Raum entfernen, sobald du auch nur angefangen hast, davon zu sprechen! Und hinterher darfst du dich dann bei den Rötlurmreitern als Ragnor bewerben – wenn er gute Laune gehabt hat!“

Tern nickte mit verkniffenem Mund. Ja, damit hatte Fonn recht. Irgendwie hatte er sich vor vier Zyklen etwas anderes vorgestellt, als er nach Medriana gezogen und in die Hauptloge eingetreten war. Auch später noch, als ihn nach dem Tag des Riesenangriffs der damalige Erste zum Lekur ernannt hatte, da hatte er genau gewusst, weshalb er gern ein Lindenreiter geworden war. Nun jedoch hatten sich die Zeiten geändert. Vorbei waren die Tage, an denen man fröhlich miteinander lachte und am Ende eines festlichen Ritttages gemeinsam in die Altstadt Medrianas ging, um den Tag zünftig ausklingen zu lassen. „Freude fußt auf Ehre, Ehre fußt auf Freude“, das war dermaleinst der Wahlspruch der Lindenreiter zu Medriana gewesen. Doch zurzeit schien Freude nichts mehr zu zählen, Ehre schien auf Gehorsam zu fußen und Gehorsam auf … Weiter kam der Lekur jedoch mit seinen Überlegungen nicht, denn plötzlich öffnete sich quietschend die Tür im mittleren Metalltor des Lagerhauses und herein trat der Dritte Rengat der Hauptloge. Er kam ohne Umschweife auf den Punkt:

„Fonn, Tern, euer Dienst hier ist beendet. Ich danke euch im Namen des Klans für eure Einsatzbereitschaft an diesem Ort. Eure Loyalität wird im Klan nicht vergessen werden. Bitte verschließt das Lager und verlasst eure Hotelzimmer innerhalb der nächsten zwei Langzeiten. Die nächsten zwei Tage habt ihr dann zu eurer freien Verfügung.“

Das klang ja fast so, als wäre jemand endlich vernünftig geworden! Fonn verneigte sich lächelnd vor dem Rengat und bedankte sich. Tern tat es ihm zwar nach, aber konnte sich eine Frage dennoch nicht verkneifen: „Rengat, sollen wir wirklich einfach so gehen und die ganzen Dinge hier so ungeordnet ihrem Schicksal überlassen? Ich meine, was immer hier nun folgen wird, dieses Lager erscheint mir nicht gerade als unserem Klan angemessen sortiert und gepflegt.“

Der Rengat verzog keine Miene. „Bereits in Kürze werden sich andere Kräfte, die dem Klan dienen, darum kümmern, hier Ordnung zu schaffen. Das soll dich aber nicht kümmern, Lekur. Geht nun eurer Wege.“

Dieses Mal folgte auch Tern unverzüglich der Aufforderung seines Rengats. Dessen letzte Worte bedeuteten in der üblich höflichen Weise verbrämt nämlich nichts anderes als „verschwindet jetzt“. Die beiden Lekure traten durch die Tür ins Freie und ergriffen ihre Blätter, die sie am Morgen neben dem Lager an einem schattigen Platz abgelegt hatten. Kurze Zeit später ritten sie in Richtung ihres Hotels davon.

Der Rengat sah ihnen nach, bis sie am Horizont verschwunden waren. Danach öffnete er mit einem Schlüssel das kleine Büro des Lagerhauses und schaltete den dortigen Teleskriptor ein, um anschließend eine einzige Zeile auf der Tastatur einzugeben: „Der Rost ist frei zum Befeuern.“ Diese Nachricht schickte er anschließend an eine Nummer, die er sich, wie jeder Rengat der Hauptloge, sehr gut hatte merken müssen und nirgendwo aufschreiben durfte. Daraufhin schaltete er den Teleskriptor wieder aus, verschloss das Büro von neuem und begann, langsam vor dem großen Gebäude auf und ab zu schlendern, während er an seiner mitgebrachten Krautpfeife zog.

Als er gerade das vierte Mal seinen Weg beginnen wollte, näherte sich auf der Zufahrtsstraße ein unscheinbarer beigefarbener Wagen, der vor dem Gebäude bremste. Rasch öffnete der Rengat das große Mitteltor in Gänze, so dass der Wagen hineinfahren konnte. Anschließend schloss er es wieder von innen. Aus dem Wagen stieg ein Chauffeur des Klans, der zur Beifahrertür eilte und diese öffnete. Heraus stieg niemand Geringeres als der Älteste persönlich. Der Rengat lächelte. Damit hatte er gerechnet. Er verneigte sich tief und lange vor ihm.

„Erhebe dich, Raul“, ertönte die Stimme seines Ersten. „Und sieh, wen ich uns mitgebracht habe.“ Er winkte dem Chauffeur, der daraufhin auch die beiden hinteren Türen des Wagens öffnete. Zwei Männer traten heraus, die der Rengat noch niemals gesehen hatte. Sie trugen einfache Arbeiterkleidung und sahen sich verwundert um. „Raul, du wirst dich jetzt vor dem Größeren der beiden Herren verneigen“, fuhr der Älteste fort. Ein nur für geübte Augen wahrnehmbarer Zug der Missbilligung umspielte seine Lippen. „Auch wenn er dir nicht so erscheinen mag, er ist der Erste seines Klans. Erweise ihm deinen Respekt!“

Überrascht nahm der Rengat mechanisch seine Hand vor die Brust und verneigte sich tief vor dem Genannten. Dieser beantwortete die Ehrerbietung mit einem leichten Nicken, bevor der Älteste erneut zu sprechen anhob: „Diese beiden werden uns helfen, unser kleines Problem im Westen rasch und effizient in den Griff zu bekommen. Du wirst gleich Zeuge ihres Könnens werden, wenn wir die ersten Probedurchgänge vornehmen.“


„Ältester“, erwiderte der Rengat, „diese beiden Herren sind augenscheinlich keine Reiter und scheinen auch sonst keinem der mir bekannten Klans anzugehören, geschweige denn einen von ihnen zu leiten. Ohne respektlos sein zu wollen: Mit wem haben wir es denn hier zu tun?“

„Dies“, begann der Erste theatralisch, „sind die ersten beiden Vertreter des fortan wichtigsten mit uns verbündeten Klans. Zur Rechten siehst du Zeg Ranolok, den Ersten des Klans der Brenner, und zu seiner Linken steht Lorn Gerland, der ebenfalls diese Gabe besitzt.“

Raul fiel die Kinnlade herunter, sein Blick wanderte rastlos von einem Mann zum anderen. „Brenner?“, brachte er schließlich unter höchstem Erstaunen hervor. „Ältester, Sie haben es tatsächlich geschafft, Mitglieder dieses längst erloschenen Klans ausfindig zu machen?“

„Er ist nun nicht mehr erloschen“, sagte der Erste langsam. „Im Gegenteil. Und wir haben vor einigen Tagen ein Bündnis geschmiedet, welches uns dazu befähigen wird, jedwede Bedrohung unseres Klanwesens nicht nur unschädlich zu machen, sondern weitere potenzielle Seilschaften von Aufrührern in einer bisher undenkbaren Weise zu demoralisieren. Niemand mehr wird es dann wagen, den Frieden im Lande zu bedrohen, den wir gewährleisten.“ Damit wandte er sich den beiden Brennern zu. „Wie unhöflich von mir, verzeihen Sie bitte. Dies ist Raul Mernek, Dritter Rengat meiner Hauptloge und einer meiner engsten Vertrauten. Er hat persönlich dafür gesorgt, dass ohne großes Aufheben eine nicht geringe Menge an Rohmaterial hier gesammelt werden konnte. Wenn ich Sie beide nun bitten dürfte, das Material zunächst grob zu prüfen?“

Zeg antwortete mit seiner warmen tiefen Stimme: „Ältester, in welcher Hinsicht soll das Material geprüft werden?“

„Oh, natürlich, wie unachtsam von mir!“ Das typische Lächeln umspielte den Mund des unnahbaren Mannes, welcher Zeg immer noch nicht ganz geheuer war. „Wir möchten daraus stabile und belastbare Bögen, Pfeilspitzen und wenn möglich auch Armbrustbeschläge herstellen. Falls dafür Zusatzstoffe erforderlich sein sollten, so müsste ich wissen, welche und in welcher Menge.“

„Armbrüste?“, entfuhr es Lorn. „Sagten Sie nicht etwas von ‚Frieden‘?“

Der missbilligende Blick des Ältesten, mit dem dieser Zeg ansah, war nun nicht mehr zu übersehen. Schnell stieß der Brenner seinen Begleiter kräftig in die Rippen und raunte ihm ins Ohr: „Ich habe dir doch gesagt, lass mich reden und richte deine Fragen an mich! Das hier ist keine Betriebsversammlung in Brennstätte C oder so, für sowas kannst du hier richtig Ärger bekommen. Begreifst du?“

Als Lorn nickte, setzte der Erste der Lindenreiter wieder sein üblich höfliches Lächeln auf. „Danke, Herr Ranolok, dass Sie solche Dinge so unbürokratisch auf Ihre Weise zu regeln verstehen! Bitte beginnen Sie.“

Nach einer kurzen Zeit der Konzentration öffnete Zeg wieder die Augen und sagte: „Das meiste Material ist geeignet. Einige Stücke bestehen nicht aus Eisen, sondern weicheren oder leichteren Metallen, aber die können wir rasch aussortieren. In jedem Fall benötigen wir einige Raumkurzmaße reinen weißen Sand. Auch Braunstein sollte geliefert werden. Zwei Eimer davon sollten zunächst genügen, wir brauchen ihn nur in geringen Mengen. – Habe ich etwas übersehen, Lorn?“

„Ich empfehle, vorsichtshalber ein paar Brocken Chromeisenstein mit anliefern zu lassen. Er könnte die Eigenschaften des Zielmaterials günstig beeinflussen.“

„Gut. Sehr, sehr gut!“, rief der Älteste. „Raul, bitte besorge nach unserer nun folgenden Demonstration das genannte Material und lasse es so rasch wie möglich hierher liefern. Die beiden bekommen noch heute Abend die Zimmer der Lekure.“

„Gern, Ältester“, erwiderte Raul. Er war gespannt, was nun folgen würde, denn er hatte niemals zuvor etwas Konkretes über die Fähigkeiten von Brennern gehört. Dementsprechend steigerte sich das Ausmaß seines Erstaunens ins Unermessliche, als die ersten Schrottstücke zu glühen und andere Formen anzunehmen begannen. Und auch der Chauffeur starrte durch die Seitenfensterscheiben des Wagens, als ob er gerade von einem Riesen „Alle meine Gänschen“ vorgesungen bekommen hätte.

Scharmützel

„Hier können Sie bitte anhalten“, sagte Herk zum Fahrer des Mietwagens.

„Weiter könnte ich Sie eh nicht bringen, dort vorn stehen bereits die Lotsen“, knurrte der Fahrer, der sich fragte, was wohl zwei Männer und ein Mädchen in dieser entlegenen Gegend wollen könnten. Er hatte ihnen doch von Anfang an gesagt, dass die Straße unpassierbar sei. Nun ja, wenn sie unbedingt für die Besichtigung einer Straßensperre zahlen wollten, warum denn nicht.

Herk war ausgestiegen und beugte sich durch das Fenster zu Malu herein. „Hast du dein kleines Taschenfernglas immer noch dabei?“

„Klar“, erwiderte das Mädchen. Sie begann, in ihrem Tragsack zu kramen. „Hier, bitte. Aber was gibt es denn hier zu sehen?“

„Das will ich gerade herausfinden“, sagte Herk, klappte das Fernglas auseinander und suchte in Richtung Norden den Himmel damit ab, bis er plötzlich stutzte und am kleinen Einstellrädchen drehte. Zum Wagen gewandt, fügte er hinzu: „Steigt aus und seht selbst.“

Nachdem Lutz und Malu ihrerseits einen Blick durch das optische Instrument geworfen hatten, warfen sie sich einen vielsagenden Blick zu. Dann platzte es aus der Jugendlichen heraus: „Sind die völlig durchgerädert? Das sind doch Ulmenblätter, oder nicht? Und die anderen haben Lindenblätter!“

Herk nickte langsam. „Hast du auch gesehen, was sie da machen?“

„Sie kämpfen“, stieß Lutz hervor. „Mit Pfeil und Bogen, Keulen, Wurfseilen und allem, was das Arsenal hergibt. – Und hast du auch den Rauch gesehen, der vom Boden aus aufsteigt? Dort unten müssen mehrere Gebäude brennen!“


„Natürlich.“ Herks Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Deswegen also sind alle Wege gesperrt, weil dort Unruhen ausgebrochen sind. Und den Leuten erzählt man nichts, damit sie sich keine Gedanken machen und weiter ihren Dingen nachgehen.“

„Leute!“ Malu schrie fast. „Das ist eine Bruderfehde! Wollt ihr tatenlos zusehen, wie sie sich von den Blättern reißen und sich gegenseitig ihr Land in Brand setzen?“

„Malu, bitte!“ Lutz’ tiefe Stimme beendete den Ausbruch des Mädchens. „Sollen wir vielleicht dorthin federn und uns ins Getümmel stürzen? Oder laut schreiend an alle appellieren, sie mögen doch bitte wieder freundlich zueinander sein? Da sind fünfzig, sechzig Reiter in der Luft und man weiß nicht, wie viele Kämpfer am Boden aktiv sind. Es hat seinen Grund, dass alles gesperrt ist.“

„Warum machen diese … diese ‚Ordnungskräfte‘ nicht ausnahmsweise mal was Vernünftiges?“ Die Federin war nicht zu beruhigen. „Stellen sich doof auf die Straße und stoppen Reisende! Dorthin sollten sie gehen und den Irrsinn beenden!“ Tränen schossen ihr in die Augen.

Herk nahm sie in den Arm. „Du hast recht. Du hast vollkommen recht. Aber du weißt auch genauso gut, dass Reiterklans das Vorrecht haben, all ihre Angelegenheiten unter sich zu regeln. Solange kein öffentliches oder anderes klanfremdes Eigentum zu Schaden kommt, können sie machen, was sie wollen.“

„Aber sie halten Züge und Autos auf! Bestimmt wird doch auch die Straße beschädigt!“, schrie Malu in Herks Jacke hinein.

„Malu.“ Nun war es Lutz, der zu sprechen begann. „Diese Straße führt durch unwegsames Gelände zu einem Ort, den Mederland fast aufgegeben hat. Wesenburg gehört für die Arealverwaltung gedanklich schon zur Westlichen Ebene. Und du weißt ja, dass nichts, was dort geschieht, die Verwaltungen auch nur einen feuchten Kehricht kümmert.“

Malus tränenüberströmtes Gesicht wurde wieder sichtbar. Schluchzend kam es aus ihrem Mund: „Das heißt … wir … niemand … kann etwas tun? Warum … machen die das da überhaupt?“

„Schau mal“, sagte Herk, „wir wissen durch unser Klantreffen ja schon seit einiger Zeit von den Unstimmigkeiten zwischen manchen Reiterklans, und die Warnung des Merkantusbaums war ja auch recht eindeutig. Die Ulme ist im Mittelland zwar weit verbreitet, ihr Hauptwuchsgebiet aber ist der Westen. Nimm jetzt mal an, die Ulmenreiter hätten sich dazu entschlossen, den Streit zu einem richtigen Kampf eskalieren zu lassen, und die Lindenreiter würden daraufhin das machen, was sie nur allzu gern tun, nämlich sich als Schirmherren des einzig echten, ehrbaren Reitertums aufführen – was würde dann deiner Meinung nach passieren?“

Malu schaute Herk nun mit aufgerissenen Augen ins Gesicht. „Genau das, was dort gerade geschieht!“

Ein bitteres Lächeln war die Antwort. Lutz ergriff nach einer Weile das Wort und fragte leise: „Und wie soll es jetzt weitergehen? Der Fahrer will sicherlich für das Warten bezahlt werden. Ich fürchte, wir müssen von hier aus irgendwohin federn oder bald zurückfahren.“

„Das werden wir auch“, stimmte Herk grimmig zu. „Aber bestimmt nicht, um die Reise abzublasen. Wenn wir hier wegen der Unruhen nicht weiterkommen, können wir einen anderen Weg wählen.“

„So?“, fragte Lutz überrascht. „Wie willst du denn auf die Ebene gelangen, wenn nicht über die Wesenburger Landenge?“

Herk nahm die beiden anderen Federer ein wenig beiseite. „Wir gehen über den Kerstlinger Pass.“

Lutz runzelte nur die Stirn. Er war ja nicht aus der Gegend und begriff nicht, was Herk da soeben für einen Vorschlag gemacht hatte. Malus Reaktion dagegen fiel vollkommen anders aus. „Bist du total durchgeknallt?? Du willst wirklich …!“, schrie sie mit vor Angst aufgerissenen Augen. Weiter kam sie nicht, denn Herk legte seinen Finger auf ihren Mund und machte ein finsteres Gesicht. „Schschscht!! Wollen wir das vielleicht ein wenig leiser besprechen und am besten auch anderswo?“ Er deutete mit den Augen auf den wartenden Wagen. „Wir fahren jetzt zurück zum Stadtrand, federn ein wenig in die Wildnis und dann reden wir bitte dort weiter, ja?“

Lutz war völlig konsterniert. Er kannte Malu ja nun schon eine Weile, aber solch blanke Furcht hatte er noch nie in ihrem Blick gesehen, selbst dann nicht, als sie von ihrer Zeit im Waisenheim erzählt hatte. Das musste ja ein furchtbarer Ort sein, dieser Pass – aber woher wollte sie das wissen? Zusammen stiegen die drei erneut in den Wagen ein. Herk saß wieder vorn und bat darum, zurück nach Gehlstadt zum nördlichen Stadtrand gefahren zu werden. Der Fahrer rollte mit den Augen und wendete. Er hatte es ja gleich gewusst. Na, nun würde ihm die kleine Unterhaltung dieser seltsamen Leute eine halbe Silbermünze extra in die Kasse spülen. Auf dem Rücksitz drückte sich Malu zitternd an Lutz, der seinen linken Arm um sie legte. Was um alles in der Welt war nur fähig, diesem robusten und erfahrenen Mädchen solche Angst einzujagen?

Nachdem Herk den Fahrer bezahlt und dieser seiner Wege gefahren war, sammelten sich die drei Federer und bedankten sich beim Gras am Straßenrand für die nun folgende Reise. Freudig nahmen die Halme sie auf und transportierten sie ein paar Mittelmaße hinein in den Graswald bis zu einem Feldrain. Dort rollten alle drei mit ihren Tragsäcken aus und setzten sich auf zwei Felsen, die dort wie natürliche Wächter das Feld vom Graswald trennten.

„Dürfte ich jetzt eventuell weiterschreien, Herk?“ Malu hatte augenscheinlich ihren Sarkasmus wiederentdeckt. Lutz fand, dass dies ein gutes Zeichen war, und fügte seinerseits hinzu: „Ich würde auch gern wissen, was an diesem Vorschlag so durchgerädert sein soll. Ihr scheint mehr zu wissen als ich.“

„Malu hat recht“, begann Herk. „Die Route über diesen Pass ist gefährlich. Seit vielen Zyklen hat niemand mehr die Reise dort entlang gewagt, zumindest ist nichts davon bekannt geworden. Auch Reiter überqueren das Trenngebirge zwischen Mederebene und Westlicher Ebene nicht, sie reiten nordwärts und wählen gewöhnlich den Weg über Wesenburg – so sie denn überhaupt einen Grund haben, nach Westen vorzustoßen.“

„Niemand geht dort entlang!“ Malu zitterte wieder. „Hier kennt jedes Kind das Gedicht vom Kerstlinger Grusling und seinen Helfern! Keine zwanzig Lasttiere bekommen mich dorthin!“

„Was für ein Gedicht?“, wollte Lutz nun wissen.

„Soll ich es wirklich vortragen? Ich will Malu nicht noch mehr Angst einjagen, als sie sowieso schon hat“, brummte Herk. Doch da hatte Malu bereits mit zitternder Stimme zu sprechen begonnen:

„Gedenke, gedenke und niemals verschenke

Am Kerstlinger Passe deine Kraft

Denn so du erreichest den Kamm vor der Senke

womöglich du denkest, du hast es geschafft

Mitnichten! Schon greift’s nach dem zitternden Bein

mit Heulen und schrecklich Gejaule

der Grusling des Passes fährt aus dem Gestein

und packt dich mit saugendem Maule

Herunter in die Tiefe wird fahren

des Wanderers müdes Gebein

so sehr er sich mühet das Leben zu wahren

wird’s doch ein gut Ende nicht sein

Denn so er entkommet dem finsteren Grabe

im Felsbett gar einsam allein

so wird er der gierigen Helfer Habe

als Sklave in Ketten und Stein“

Die letzten Worte hatte das Mädchen kaum aussprechen können. Fest schmiegte sie sich an Lutz, der nun endlich wissen wollte, woher Malu dies alles wusste. Er fragte sie danach, woraufhin sie mit erstickter Stimme flüsterte: „Habe ich es dir gar nicht erzählt? Ich stamme aus dieser Gegend. Meine Stiefeltern haben hier früher mit mir gelebt, bis es nicht mehr ging.“

Nun zog Lutz die Augenbrauen hoch und sah Herk an. „Solche grausamen Geschichten gehen hier um? Und dennoch schlägst du vor, es dort entlang zu probieren? Warum?“

„Zum einen“, erwiderte Herk ruhig, „ist dies ein sehr altes Gedicht. Von der Sprache her würde ich sagen, mehrere Dekazyklen. Zu diesen Zeiten wurden viele Schauermärchen und ähnlicher Unfug geschrieben, um beispielsweise Kinder von gefährlichen Abenteuern abzuhalten. Oder Trugkerle wollten sich mit solchen Spukgeschichten vor allzu neugierigen Zeitgenossen schützen, um in Ruhe ihren dunklen Geschäften nachgehen zu können. Dummerweise geht solcher Blödsinn dann manchmal in den Volksmund über und verweilt im Gedächtnis der Menschen, obwohl die zugehörige Begebenheit längst der Vergangenheit angehört. Kurz gesagt, ich glaube nicht an diesen Stuss. Zum anderen schlage ich dies nicht leichtfertig vor. Auch ohne solche Mären zum Bangemachen ist der Weg über das Trenngebirge mit Sicherheit deutlich mühsamer als durch Wesenburg. Leider gibt es ansonsten nur zwei Alternativen: warten, bis der Weg über die Landenge wieder freigegeben wird, oder aufgeben.“

Lutz zog die Stirn in Falten. Nach allem, was er über die Westliche Ebene gehört hatte, war mit Schwierigkeiten zu rechnen gewesen. Dass sich aber nun bereits welche ergaben, ohne dass sie auch nur in die Nähe der Ebene gekommen waren, erleichterte ihr Vorhaben keinesfalls. Hier auf dem Feld bleiben und einen Reiseabend verschenken, das konnten sie sich aber so oder so nicht leisten. „Ich möchte gern, dass Malu entscheidet, wie wir weiter vorgehen“, sagte er daher.

Malu schaute ihn aus verquollenen Augen überrascht an. „Ich?“, stammelte sie. „Warum ich?“

„Weil es das Größte ist, was ein Mensch tun kann, wenn er sich aus welchen Gründen auch immer seinem inneren Schatten, seinen Ängsten, stellt, um ein Werk der Liebe zu vollbringen. Herk und mich scheint dieses Gedicht nicht so zu beeindrucken wie dich – er glaubt nicht daran und für mich hat es auch keine tiefe Bedeutung, das Ganze erscheint mir eher wie eine dumme Spukgeschichte. Der Punkt ist aber: Es ist unwichtig, ob etwas davon wahr ist oder nicht. Es geht darum, inwieweit man bereit ist, seiner inneren Furcht ins Angesicht zu sehen und sie zu überwinden, egal ob andere sie nachvollziehen können oder nicht.“

Darüber musste Malu erst einmal nachdenken. Schweigen senkte sich über den Feldrand, nur das leise Rascheln der Gräser im Wind war zu hören. Nach ein paar Mittelzeiten sprang die Federin plötzlich unvermittelt auf, stellte sich mit in die Hüften gestemmten Armen und schief gelegtem Kopf vor Lutz hin und sagte in herausforderndem Ton: „Sag mal, wie zum Worger machst du es eigentlich, immer im richtigen Moment solche neunmalschlauen Reden zu schwingen? Mann, wenn ich dieser Grusling da auf dem Pass wäre, dir möchte ich da oben nicht begegnen!“ Dann fiel sie dem überraschten Mann um den Hals, der daraufhin Herk in dessen ebenso verdattertes Gesicht blickte.

Eine Zeit lang war es nun wieder still, bis schließlich Herk leise sagte: „Ich glaube, wir haben hier einen wirklich sehr, sehr mutigen Menschen bei uns.“


Brennergemeinschaft

Zeg rieb sich verwundert die Augen. Was hatte denn diese rot blinkende Lampe an seinem Nachttisch zu bedeuten? Die hatte doch vorher nicht geleuchtet? Nachdenklich ließ sich der Brenner auf seinem bequemen Bett nieder.

In der letzten Zeit hatten sich die Ereignisse geradezu überschlagen. Erst wenige Tage zuvor war Zeg überhastet in die Brennstätte C gerufen worden und hatte erleben dürfen, dass der dort arbeitende Lorn Gerland, der aus dem nördlichen Mittelland stammte, ebenfalls ein Brenner war. Er hatte ihm daraufhin nach Feierabend die Grundlagen des Brennens erklärt, die er selbst erst vor kurzem gelernt hatte. Lorn hatte nicht nur sehr schnell begriffen, worin seine Gabe bestand, sondern auch, dass er in ihm seinen Ersten vor sich hatte. Als Zeg dann nach dem üblichen Besuch bei seiner Familie am Wochenbeginn in der Brennstätte zur Arbeit erschienen war, hatte Lars, der Schichtmeister, ihm mitgeteilt, dass er zusammen mit Lorn von der Geschäftsführung für eine Woche von der Arbeit freigestellt worden sei und umgehend mit diesem nach Medriana reisen solle. Zeg hatte sich sofort gedacht, wer dahintersteckte. In der Tat war er kurz darauf zusammen mit Lorn von einem Wagen abgeholt worden und hatte seinen Kollegen während der Fahrt instruiert, wie es um die Dinge stand und wie man mit dem Ersten der Lindenreiter umzugehen pflegte. In Medriana war der Älteste dann auch tatsächlich zugestiegen, bevor sie gemeinsam zum großen Lager am Stadtrand gefahren waren. Schon seit zwei Tagen pendelten sie nun zwischen ihrem luxuriösen Hotel und dem Lager hin und her und fertigten Formteile für klassische Reiter-Kampfausrüstungen aus Metall an. So richtig wohl war ihnen beiden zuerst nicht dabei gewesen, aber Zeg war inzwischen davon überzeugt, dass diese Tätigkeit im Auftrag seiner Bündnisparter etwas zutiefst Ehrenvolles war. Und dies hatte wohl auch Lorn verstanden.

Das erneut aufblinkende Licht der roten Lampe riss Zeg aus seinen Gedanken. Er musste herausfinden, was dies zu bedeuten hatte. Also griff er nach dem Sprachmodul an seinem Nachttisch und wartete, bis sich die Rezeption meldete.

„Empfang?“, erklang eine freundliche Damenstimme aus dem Lautsprecher.

„Ja, hallo, hier Ranolok, Zimmer 73. Bei mir am Nachttisch blinkt eine rote Lampe. Was hat es damit für eine Bewandnis?“

„Ah, Herr Ranolok, guten Abend! Dieses Signal bedeutet gewöhnlich, dass eine Nachricht für Sie hinterlegt wurde. Einen Moment bitte … In der Tat, hier liegt ein Umschlag für Sie, mit dem Vermerk ‚Persönlich‘. Soll ich ihn auf Ihr Zimmer bringen lassen?“

„Das wäre sehr freundlich“, sagte Zeg in etwas überraschtem Ton.

„Selbstverständlich, ich schicke gleich den Pagen!“, ertönte es aus dem Sprachmodul. Bereits eine Mittelzeit später klopfte es an der Tür. Zeg nahm einen roten Briefumschlag in Empfang und drückte dem jungen Pagen ein paar Kupfermünzen in die Hand, der daraufhin strahlend zum Lift zurückkehrte.


Neugierig riss Zeg den Umschlag auf und begann, den darin enthaltenen Zettel zu lesen. Es war eine handschriftliche Notiz, die vom Ersten der Lindenreiter stammte: „Bitte erwarten Sie noch heute Abend Besuch. Mehrere Steinhauer aus dem Hulz werden in der Lobby auf Sie und Herrn Gerland warten. Die Männer werden von einem Rengat begleitet. Bitte empfangen und prüfen Sie sie so schnell wie möglich. Danke, S. Albo.“

Zeg runzelte die Stirn und rieb sich die Nase. Bergarbeiter aus dem Hulz? Das war doch ein Mittelgebirge, das weiter östlich im Land lag – auf jeden Fall nicht um die Ecke. Hmm … wenn der Älteste plötzlich auf die Idee kam, ihm zu so seltsamer Tageszeit so viele Unbekannte vorzustellen, dann konnte dies vermutlich nur eins bedeuten: Er glaubte wohl, weitere Brenner gefunden zu haben. Das versprach ja, ein aufregender Abend zu werden! Rasch verließ Zeg sein Zimmer und klopfte bei Nr. 72 an, um Lorn zu informieren. Dieser öffnete kurz darauf etwas müde die Zimmertür. „Was gibt’s denn?“

„Hey Lorn! Du wirst es kaum glauben, wir bekommen heute Abend Besuch von ein paar Hauern aus dem Hulz. Ich soll mir die Brüder mal ansehen.“

„Was? Jetzt? Ist das wieder so eine Sonderaufgabe vom Ältesten?“

„Ich vermute, er hat noch ein paar Brenner aufgegabelt. Irgendwie ist das komisch – so wie ich meine Lehrerin Marga verstanden habe, sollte eigentlich ich die Meinen um mich versammeln. Nun nimmt er mir den ganzen Spaß an der Sache.“

Lorn grinste. „Tu jetzt bloß nicht so, als wärst du auf einmal die geborene Führungskraft! Ich weiß, was du tief in dir drin für ein bescheidener Kerl bist. Die Kollegen zu Hause haben genug erzählt.“

Auch Zeg zeigte nun ein verschmitztes Grinsen. „Blödsinn! Von mir aus soll er seine Verbindungen zur Brennersuche nutzen. Ich hab bloß ein bisschen Bammel davor, dass hier jetzt nach und nach zig Leute von unserer Sorte eintreffen und ich dann alle einarbeiten soll.“

Lorn schüttelte den Kopf. „Glaub ich irgendwie nicht, obwohl er das bestimmt gut fände. Mit den Massen an Altmetall, die er dort aufgefahren hat, haben wir zu zweit vermutlich mehrere Wochen zu tun und mit ’nem ganzen Haufen Brenner ginge es natürlich schneller. – Sag mal, glaubst du wirklich, dass er aus dem ganzen Zeug Waffen herstellen will? Ich meine, so viele Klanmitglieder kann es doch gar nicht geben, oder?“

„Ich weiß es nicht“, seufzte Zeg. „Eventuell sollen wir später andere Sachen fabrizieren, wenn er genug Bögen und Beschläge hat. Vielleicht Fahrzeugteile oder so. Ganz im Ernst, wir sind jetzt eh nur noch zwei Tage hier, dann geht’s erstmal ab nach Hause. Und man kann nicht sagen, dass der Älteste knauserig ist. Für den Stapel Goldmünzen, den wir pro Woche hier kriegen, müssten wir sonst ’nen ganzen Mond lang plockern. Also lass uns einfach mal gucken.“

„Damit hast du natürlich recht“, stellte Lorn fest. „Gut, wie soll es jetzt weitergehen?“

„Ich nehme an, der Empfang benachrichtigt mich irgendwann. Ich komme dann und sag dir Bescheid.“

Eineinhalb Langzeiten später war es draußen längst dunkel geworden. Zeg hatte ein interessantes Gerät entdeckt, welches im Zimmer in einen Schrank eingebaut worden war. Es bestand aus einer abgerundeten, viereckigen und gewölbten Glasscheibe mit ein paar Knöpfen daneben. Als er aus Langeweile daran gedreht hatte, war die Glasscheibe auf einmal hell geworden und hatte begonnen, bewegte Bilder zu zeigen, zu denen passender Ton zu hören war. Zeg kannte zwar Kinematik-Projektionssäle aus seiner Heimatstadt und wusste, dass diese in allen größeren Städten Nians verbreitet waren, aber dieses Gerät schien ohne einen Projektor zu funktionieren. Ganz augenscheinlich musste es eine neue Erfindung sein. Viel Zeit blieb ihm aber nicht, es sich anzusehen, denn das Sprachmodul am Nachttisch signalisierte durch einen lauten Ton, dass ihn jemand zu sprechen wünschte.

„Zimmer 73, Zeg Ranolok?“, meldete er sich.

„Guten Abend, bitte entschuldigen Sie die späte Störung, Herr Ranolok. Hier unten an der Rezeption stehen sechs Herren. Ihr Sprecher ist vom Klan der Lindenreiter und behauptet, sie würden von Ihnen erwartet werden.“

„Das ist richtig so“, erwiderte Zeg. „Ich werde gleich mit meinem Kollegen herunterkommen. Bitte lassen Sie die Herren in der Empfangshalle warten.“

„Sehr wohl, Herr Ranolok! Auf Wiederhören!“

Zeg zog sich seine Jacke über und holte den anderen Brenner aus dem Nachbarzimmer. Gemeinsam betraten sie den Lift und fuhren ins Erdgeschoss.

„Na, da bin ich ja mal gespannt, was das für Vögel sind“, knurrte Lorn.

„Da ist ein Reiter dabei, keine Ahnung, wer es diesmal ist. Lass mich das wieder machen, ja?“

„Klar.“

Die Schiebetüren öffneten sich und die zwei Brenner betraten die weitläufige Empfangshalle. Wie fast immer war in diesem Hotel am Stadtrand sehr wenig los und so fiel es ihnen nicht schwer, die Ankömmlinge auf einer Sitzgruppe auszumachen. Sofort stand Raul Mernek, der Dritte Rengat der Hauptloge, auf und verneigte sich tief vor Zeg. „Erster Brenner, seien Sie im Namen des Klans der Lindenreiter gegrüßt.“

„Herzliche Grüße zurück.“ Zeg unterdrückte ein Seufzen. Ob er sich jemals an diese penetrante Förmlichkeit hochgestellter Reiter gewöhnen würde? „Sind dies die Gäste, die mir vorgestellt werden sollen?“

„Dies sind Merl Hegedorn, Hunk Parbrod, Trann Welnek und Wers Kirinak, Steinhauer vom Südhang des Hulzes, sowie Jörk vom Geblüt der Selnor aus dem Areal Pfahlheim des Gebirgslandes, ebenfalls Steinhauer. Sie sind gekommen, um geprüft zu werden“, antwortete der Rengat. Alle fünf Männer verneigten sich vor dem Ersten Brenner.

Zeg zog die Augenbrauen hoch. Sogar jemand aus dem Gebirgsland war dabei! Der Älteste musste ja seine Fühler weit ausgestreckt haben, um all diese Menschen ausfindig zu machen. Wie auch immer, nun war es an ihm, sich an sie zu wenden. „Gut, liebe Kollegen. Ich nenne Sie so, da auch ich gelernter Steinhauer bin. Gleich zu Beginn etwas zum Thema Verneigen: Dies ist nur nötig, wenn im Rahmen eines offiziellen Empfanges wie diesem hochgestellte Reiter anwesend sind und es ihren Gepflogenheiten zupasskommt.“

„Wir haben auch nur aus diesem Grund mitgespielt“, brummte einer der Steinhauer. „Normalerweise verneigen wir uns vor niemandem. Selbst unser oberster Boss hat so etwas noch nie von uns verlangt.“

„Gut, ich sehe, wir verstehen uns“, meinte Zeg. „Sie wissen, was Sie erwartet?“

„Nun“, sagte Jörk mit hörbarem Akzent des Gebirgslandes, „uns allen sind in den vergangenen Riten seltsame Dinge mit Metall widerfahren. Soweit ich mitbekommen habe, erhielt irgendwann jeder von uns Besuch von einem hohen Laubreiter, der uns mitteilte, wir seien Träger einer alten Gabe und würden in Medriana gebraucht werden. Mit unseren jeweiligen Chefs schien das bereits geregelt zu sein, und da wir natürlich alle neugierig sind, was diese merkwürdige Fähigkeit zu bedeuten hat, haben wir uns bereit erklärt, hierherzukommen und uns beraten zu lassen. Sie sollen derjenige sein, der unser Erster ist und der uns alles erklären kann.“

„Wie ich sehe, sind Sie gut informiert worden“, sagte Zeg. „Allerdings möchte ich gern von Ihnen allen ‚Zeg‘ genannt werden und nicht ‚Erster‘ oder ähnlich. – Rengat Mernek, ist für die Unterbringung dieser Männer gesorgt worden?“

„Sie haben zunächst jeder ein Zimmer für eine Nacht in diesem Hotel. Über den weiteren Verbleib vor Ort entscheiden Sie. In jedem Fall übernimmt mein Klan die Kosten für Unterkunft und Verpflegung“, erwiderte Raul.

„Gut, das ist sehr liebenswürdig, ich danke Ihnen! Dürfte ich Sie dann an dieser Stelle bitten, Lorn und mich mit den Männern allein zu lassen, damit ich mit der Prüfung beginnen kann?“

Der Rengat verneigte sich tief und verließ das Hotel durch den Eingang. Die fünf Neuankömmlinge sahen sich ein wenig unsicher an. Was würde sie nun erwarten?

Über den Pass

„Junge, Junge, das geht auf die Beine“, schnaufte Herk, bevor er sich zu den beiden anderen Federern auf einen Felsvorsprung setzte. Schon seit dem frühen Morgen waren sie auf dem Weg zu der niedrigen Stelle im Trenngebirge, über welche in früheren Zeiten womöglich regelmäßig Menschen von der Mederebene auf die Westliche Ebene und zurück gelangt waren. Falls irgendwann einmal in den Berg gehauene Stufen vorhanden gewesen sein mochten, so waren sie nun kaum noch als solche zu erkennen; der steile Pfad von Gehlstadt aus aufwärts zum Kerstlinger Pass bestand größtenteils nur noch aus Geröll und zerklüfteten Felsen. Der Bewuchs dort am Osthang war ebenfalls kärglich, weshalb auch einem Federer nichts anderes übrig blieb, als zu klettern.

Am Abend des Vortages hatten sie die Route ausgemacht, die sie zu dem verrufenen Bergübergang führen sollte. Schnell war klar geworden, dass ein Aufbruch noch am selben Tag sinnlos gewesen wäre. Herk hatte außerdem entschieden, für die Nacht eine Herberge zu suchen, da ein Aufenthalt im Freien den nötigen Kraftreserven für eine morgendliche Besteigung nicht zugutegekommen wäre. Selbst Malu als erfahrene Freilandübernachterin hatte dem zustimmen müssen. So hatten sich die drei ein kleines Apartment am Westrand der Stadt gemietet und waren am nächsten Tag direkt nach dem Frühstück aufgebrochen.


„Bald ist schon Mittag“, sagte Lutz, der ebenfalls ein ziemlich verschwitztes Gesicht hatte. „Ich muss schon sagen, ich hätte nicht gedacht, dass wir uns schon so verausgaben würden, bevor wir die Ebene auch nur betreten haben. Hoffentlich ist der Abstieg wenigstens etwas angenehmer.“

Malu sagte nichts. Sie war anstrengende Märsche mit Gepäck gewohnt; das war es nicht, was ihr zu schaffen machte. Je mehr sich die kleine Gruppe jedoch dem Grat näherte, der den Pass darstellte, desto öfter musste sie von neuem an das alte Gedicht denken. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sie als Erste das merkwürdige Geräusch vernahm, nachdem die Federer ihren Aufstieg nach kurzer Rast wieder aufgenommen hatten.

„Scht … Hört ihr das?“, fragte sie und hob die Hand.

„Was meinst du, das Pfeifen des Windes in meinen Ohren oder mein Keuchen?“, fragte Herk.

Malu verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. „Nein, so hör doch! Da ist es wieder!“

Lutz und Herk sahen sich achselzuckend an. Es sollte noch eine Weile und viele anstrengende Schritte aufwärts dauern, bis auch Lutz ein auf- und abschwellendes Heulen vernahm. Es klang, als ob ein trauriger Riese seinem Kummer Luft machte: „Huuu … uuuuoooaaahhhh … aaaaooouuuhhh … uuuhhhuuuu …“

„Jetzt hört ihr es aber, oder?“, wisperte Malu angstvoll. Längst waren ihre Augen geweitet und der Schweiß klebte ihr kalt auf der Haut.

„Ja, jetzt höre ich etwas“, sagte Lutz so ruhig wie möglich. Denn wenn er ehrlich war, dann war dies ein Klang, der auch einem gestandenen Mann das Blut in den Adern erstarren lassen konnte.

„Es ist der Grusling“, ächzte Malu. „Er hat uns gewittert! Wenn wir weitergehen, wird er uns ansaugen und …“

„So ein ausgemachter Blödsinn!“, entfuhr es Herk. „Pass mal auf, Malu! Wenn das ein Grusling ist, dann werde ich jetzt vorgehen und ihm mit diesem Knüppel hier eins überziehen, dass er aus einem anderem Grund heulen wird als jetzt!“ Wild schwang er den Stock, den er bisher als Wanderstab genutzt hatte, über seinem Kopf. Der Anblick des kleinen, stämmigen Mannes, der nun auch noch die Augen aufriss und wüst die Zähne fletschte, war so grotesk, dass Malu nicht anders konnte als laut loszulachen.

Auch Lutz konnte nicht an sich halten. „Wuahahaa! Herk der Geisterjäger! Das nenne ich mal eine gelungene Aktion! Na, dann werde ich mich auch mal bewaffnen und dem Burschen notfalls mal ein paar Klunker in seinen geifernden Rachen schmeißen!“ Mit gespielt wutverzerrtem Gesicht hob er ein paar große Steine auf und sagte zu Malu: „Los, schnapp dir auch ein paar! Und dann wollen wir doch mal sehen, ob wir ihm nicht das Maul stopfen können!“

Das Lachen wirkte befreiend auf Malu. Es war aber auch zu komisch, wie die beiden friedfertigsten Erwachsenen, die sie kannte, sich angesichts dieses unheimlichen Jaulens in zwei kampflustige Urmenschen zu verwandeln schienen! Sie hob ebenfalls zwei Steine auf und folgte den beiden Männern weiter den Pass hinauf. Lauter und lauter wurde das Heulen, bis es ihnen dermaßen in den Ohren dröhnte, dass sie kaum ihr eigenes Wort verstehen konnten.

Auf einmal blieb Lutz, der zwei Schritte vorausgegangen war, stehen. Mit markerschütterndem Kriegsgebrüll schleuderte er einen der mitgebrachten Wackersteine von sich und nahm gleich den nächsten in die Hand. „Komm hierher, Herk, gib ihm eins auf die Rübe! Uuuuaaaaahh!“ Schon flog der nächste Stein. Malu erstarrte, teils vor Entsetzen, teils vor Bewunderung. Wie konnte es ein einzelner nur mit Steinen bewaffneter Mensch mit einem Monster aufnehmen, welches solch grässliches, überlautes Heulen von sich zu geben vermochte? Nun rannte auch noch Herk hinter Lutz her und begann, wie ein Berserker mit dem Stock um sich zu schlagen! Wie gelähmt starrte Malu die unwirkliche Szene an. Lange jedoch blieb sie dort nicht stehen. Was fiel ihr nur ein, hier vor Angst erstarrt ihren Freunden zuzusehen, wie sie einen übermächtigen Gegner allein bekämpften? Monster oder nicht, jetzt war der Grusling dran! Ein gellendes Kreischen entfuhr ihrer Kehle, als sie ebenfalls aufwärts stürzte und den Arm mit einem Stein hob, um diesen dem Geist in den Rachen zu werfen.

Als sie die beiden Männer erreichte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Herk hatte aufgehört, mit dem Stock auf den Boden einzudreschen und Lutz hatte gerade seinen letzten Stein in ein riesiges gähnendes Loch in der schrägen Felswand an der Seite des Grats geworfen. Polternd rollte dieser den dahinter befindlichen Steilhang hinab. Das jammernde Heulen ertönte noch immer, jedoch als Malu nun sah, woher es stammte, fühlte sie auf einmal keine Angst mehr. Stattdessen kroch dunkelrote Wut ihre Wirbelsäule empor. Als diese ihren Kopf erreichte, brüllte es aus ihr heraus: „Du blödes, unendlich mistiges Drecksloch! Deinetwegen habe ich mich also Zyklen lang vor diesem Ort gefürchtet! Na warte! Nimm das!! Und das!!“ Außer sich vor Zorn schleuderte sie ihre beiden Wackersteine durch das gewaltige Loch hindurch. Sie kollerten ebenso wie Lutz’ Wurfgeschosse knirschend den Hang dahinter herab.

Eine Weile lang war nichts zu hören außer dem lauten Jammern des Windes, der sich in dem Loch fing. Jedes Mal, wenn eine Bö die Felswand erreichte, wurde das Heulen lauter und höher und die drei Federer mussten ihr Gewicht verlagern, denn die wechselnde Luftströmung war wirklich sehr kräftig.

„Kein Wunder, dass hier eine solch gruselige Legende entstanden ist“, sagte Lutz schließlich mit seiner tiefen Stimme. „Wir haben ja heute noch recht gutes Wetter erwischt. Bei schlechter Witterung oder gar Sturm wird das Heulen vermutlich in ein nahezu unerträgliches Pfeifen übergehen und die Windströmung dürfte dann mühelos so stark werden, dass sie einen Menschen von den Beinen reißen und durch das Loch schleudern kann. Daher kommt dann wohl auch das ‚saugende Maul‘ in diesem Gedicht.“

Malu hatte sich wieder ein wenig gefangen, starrte aber immer noch voller Ärger auf das Felsloch. „Fragt sich nur noch, wer die ‚gierigen Helfer‘ sein sollen.“

„Vielleicht habe ich darauf eine Antwort“, rief Herk, der ein paar Schritte weitergegangen war. „Schaut mal.“

Als Lutz und Malu ihn erreichten, stockte ihnen der Atem. Nur zur Rechten und zur Linken von ihnen erhoben sich die Flanken der Berge weiter in den Himmel. Nach Westen jedoch bot sich den Federern ein prachtvoller Ausblick über die im Sonnenlicht leuchtende Westliche Ebene. Ganz eindeutig war hier die Kletterei vorbei, dies war der Kamm des Trenngebirges. Sie hatten den Kerstlinger Pass bestiegen!

„Und wo sind nun die Helfer?“, fragte Malu, nachdem sie sich eine Mittelzeit später vom atemberaubenden Anblick des weiten Landes hatte lösen können.

Herk zeigte mit dem Finger nach vorn. „Schau, wie sanft der Hang an dieser Seite des Gebirges abfällt. Der Wind muss hier in vielen Dekazyklen Erde, Kies und anderes Material angeweht oder von den Bergen abgetragen haben. Ich vermute, dass früher dunkle Gesellen von Westen her auf den Pass gestiegen sind und Wanderern oder Händlern aufgelauert haben, die den beschwerlichen Aufstieg mit ihrer Ware von Osten her auf sich nehmen mussten. Geschwächt wie sie waren, wurden diese dann leichte Beute der Räuber. Der eine oder andere konnte vermutlich fliehen. Und so ist dann das Gedicht entstanden.“

„Klingt logisch“, meinte Malu. „Heute aber lohnt es sich nicht mehr, hier jemandem aufzulauern, da sowieso niemand mehr etwas mit der Westlichen Ebene zu tun haben will und dieser Pass von keinem Menschen mehr benutzt wird.“

„Genau“, sagte Lutz. „Zumindest von keinem außer von drei Federern. Und genau jetzt wird es sich auszahlen, dass wir ebensolche sind!“

„Warum das?“, fragte Malu überrascht.

„Sieh doch, wie viele Pflanzen auf dieser Seite den Hang bewachsen! Fast überall steht Gras. Ich glaube, unser Abstieg wird nur einen Bruchteil der Zeit des Aufstiegs in Anspruch nehmen.“

Tatsächlich, er hatte recht. Malu strahlte erst ihn, dann Herk an. „Dann können wir ja vielleicht noch heute mit der Suche beginnen!“

„Zunächst mal sollten wir ganz allgemein Kontakt mit Menschen aufnehmen und schauen, ob sie wirklich so seltsam sind, wie die Gerüchte auf unserer Seite des Gebirges behaupten“, sagte Herk. „Dann müssen wir spontan entscheiden, was sich daraus für Folgen ergeben. Und wir sollten sehr vorsichtig sein. Vermutlich haben die meisten hier noch niemals einen Federer gesehen oder überhaupt etwas vom Federn gehört. Dass Menschen über den Pass kommen, kennt bestimmt auch kaum noch jemand. Wir könnten ihnen auf zweifache Weise fremdartig vorkommen und sie könnten sich überrumpelt fühlen.“

„Das stimmt“, sagte Lutz. „Lass uns die Reise über das Gras weit genug vor dem ersten Ort in der Senke beenden und dann zu Fuß weitergehen.“

Neues Unbehagen regte sich in Malu. Weiter als bis zum Pass hatte sie bisher gedanklich nicht geplant. Hoffentlich waren die Menschen hier nicht wirklich so unzivilisiert, wie manchmal erzählt wurde. Nun, noch vor dem Abend würden sie es wissen. Gemeinsam mit den beiden Männern flüsterte sie den ersten Grasbüschen ihren Wunsch zu und diese antworteten mit einem freudig-erstaunten Wispern. Federer in ihren Landen, die auf ihnen reisen wollten! Das hatten sie in ihrem Leben noch niemals erlebt. Fröhlich nahmen die Halme sie auf und schon federten drei Menschen mit ihren Tragsäcken wie auf Flügeln nianianischer Adler zu Tal.

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0+
Release date on Litres:
07 November 2025
Volume:
262 p. 38 illustrations
ISBN:
9783947086641
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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