Read the book: «Die 40 bekanntesten archäologischen Stätten entlang der Via Agrippa in Deutschland, Luxemburg und Frankreich»

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Peggy und Patrick Leiverkus

Die 40 bekanntesten

archäologischen Stätten entlang der

Via Agrippa

in Deutschland, Luxemburg und Frankreich


152 Seiten mit 78 Abbildungen und 5 Karten

Titelbild: Deutschland: Igeler Säule, Igel © Peggy und Patrick Leiverkus

Luxemburg: Der Grabtempel in Bech-Kleinmacher © Peggy und Patrick Leiverkus

Frankreich: Glanum, Les Antiques: Ehrenbogen und Mausoleum © Peggy und Patrick Leiverkus

Frontispiz: Der Augustustempel in Nîmes

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2017 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media GmbH, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-961760-33-6

Lektorat: Anne Hessinger, Benedikt Gschaider

Gestaltung: Bild1Druck GmbH, Berlin

Gestaltung Titelbild: Addvice, Mainz

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

DEUTSCHLAND

Nordrhein-Westfalen

01 Köln – Colonia Claudia Ara Agrippinensium: Hat Agrippa auch Köln gegründet?

02 Zülpich – Tolbiacum: Ein mordender Kaiser und ein entspannendes Bad am Wegesrand

03 Iversheim – Stinkender Rauch zieht über die Via

04 Nettersheim – Marcomagus: Matronen wachen über junge Soldaten, Medusa über das Wasser für Köln

Rheinland-Pfalz

05 Gerolstein – Heiliges Wasser und ein falscher Judenfriedhof

06 Römische Villa Otrang bei Fließem – Wer hat die schönste Villa?

07 Bitburg – Beda: Rasten in sicheren Mauern

08 Der römische Steinbruch zwischen Butzweiler und Kordel – Der Stoff, aus dem die Porta Nigra ist

09 Trier – Augusta Treverorum: Des Kaisers ewige Baustelle

10 Konz – Contionacum: Augustis muris oder die im Hexameter besungenen Mauern des Kaisers

11 Tawern – Tabernae: Eine antike Autobahnkirche

12 Igel – Ist das Helena oder kann das weg?

Saarland

13 Perl – Die Villa Borg: Mediterraner Gartenluxus in der Provinz

LUXEMBURG

Remich

14 Potaschberg, Flaxweiler, Bech-Kleinmacher, Remerschen – Vier Grabmonumente an der Via und der Mosel: Sterben und gesehen werden

15 Dalheim – Ricciacus: Ihre Fachhändler für Reisebedarf

FRANKREICH

Grand Est

16 Metz – Divodurum Mediomatricorum: Baden und Beten im Goldenen Hof

17 Die Aquäduktbrücke zwischen Ars-sur-Moselle und Jouy-aux-Arches – Mit 100 Bögen über die Mosel

18 Dieulouard – Scarponna: Das Kastell der vier Brücken

19 Grand – Andesina: Bad und Spiele für kränkelnde Pilger

20 Langres – Andemantunnum: Bei Caesars Freunden die schöne Aussicht genießen

Bourgogne-Franche-Comté

21 Nuits-Saint-Georges – Les Bolards: Ein religiöses Zentrum zwischen Weinhängen

Exkurs: Rund um Caesars Gallischen Krieg (22, 23, 24)

22 Alesia – Der Gallische Krieg zum Anfassen

23 Bibracte – Zu Gast in Caesars Schreibstube

24 Autun – Augustodunum: Eine neue Stadt für euch, aber nach unseren Regeln!

25 Chalon-sur-Saône – Cabillonum: Hafenstadt der Häduer

26 Tournus – Tinurtium: Reisewarnung für Christen und Anhänger von Clodius Albinus

Auvergne-Rhône-Alpes

27 Lyon – Lugdunum: Erlesenes Kulturprogramm für geladene Gäste

28 Chaponost, Beaunant, Lyon – Der Aquädukt von Gier: Wasser marsch! für die Metropole

29 Vienne und Saint-Romain-en-Gal – Vienna: … und nach dem Opfer zum Wagenrennen

30 Valence – Valentia: Ein recycelter Meilenstein in einer verschwundenen Stadt

31 Alba-la-Romaine – Alba Helviorum: Keltisches Glas aus der gallischen Prärie

32 Viviers – Die römische Brücke: Den reißenden Winterfluten zum Trotz!

33 Saint-Paul-Trois-Châteaux – Augusta Tricastinorum: Trüffel schlemmen in Zenturie DDIX CK V

Provence-Alpes-Côte d’Azur

34 Orange – Colonia Iulia Secundanorum Arausio: Zutritt nur für Römerfreunde

35 Vaison-la-Romaine – Vasio: Ländlicher Wohnluxus am Fuße des Mont Ventoux

36 Saint-Rémy de Provence – Glanum: Reiche Salluvierstadt in Van Goghs Weizenfeldern

37 Fontvielle – Die Wassermühlen von Barbegal: Im Zwillingsaquädukt zum Abgrund

38 Arles – Colonia Iulia Paterna Arelate Sextanorum: Ende und Anfang vieler Wege

Okzitanien

39 Nîmes – Colonia Augusta Nemausus ODER Wir sind Kaiser: Augustus und Agrippa auf der Erfolgswelle

40 Vers-Pont-du-Gard, Castillon-du-Gard, Remoulins – Der Pont du Gard: Völlig verkalkt und immer noch ein Star

Glossar

Abbildungsnachweis

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“

Johann Wolfgang von Goethe

VORWORT

Südfrankreich ist für uns sonnenhungrige Mitteleuropäer ein beliebtes Reiseziel, und wer kein Flugzeug gebucht hat, wird die weite Strecke Richtung Nizza, Marseille oder weiter nach Spanien mit dem Auto auf sich nehmen. Die Autobahnstrecke, auf der sich die Sonnenanbeter irgendwann treffen, führt über Nancy und Lyon geradewegs nach Süden. Nur die wenigsten wissen, dass diese Hauptverkehrsachse, die Deutschland mit der französischen Mittelmeerküste verbindet, schon zur Regierungszeit des Kaisers Augustus, also vor ca. 2.000 Jahren, von den Römern angelegt wurde. Im Wesentlichen folgt die moderne Strecke von Köln bis zum Mittelmeer immer noch dieser antiken Trasse – auf einer Strecke von ca. 1.000 km. Dieses Wissen weckt Neugier – Neugier auf das, was es von dieser alten Straße noch am Wegesrand zu sehen gibt. Und tatsächlich zeigt sich beim genaueren Hinsehen, dass die Römer praktisch überall ihre Spuren hinterlassen haben, und je mehr man diesen Spuren folgt, desto bewusster wird einem, wie sehr doch die willensstarken Eroberer aus Latium die mittel- und westeuropäische Landschaft und Kultur geprägt haben.

Am meisten Vergnügen macht diese Entdeckungsreise, wenn die einzelnen, zunächst unzusammenhängenden antiken Orte und Monumente irgendwann ein Gesamtbild ergeben, wenn man architektonische Strukturen und Namen wiedererkennt, wenn die 2.000 Jahre alte Straße beginnt, eine Geschichte zu erzählen (Abb. 1). Wenn man sich vorstellt, wie derselbe Händler, der mit seinem Ochsengespann die steile Serpentine im nebligen Wald bei Nettersheim hochgekrochen ist, Wochen später, vom Gesang der Zikaden begleitet, schon von Weitem auf der schnurgeraden Straße den Ehrenbogen von Arausio (Orange) erspähte und seinen Ochsen zum letzten Kraftakt anspornte. Wenn man sich vorstellt, dass anstelle der Tankstelle, in der man einen Kaffee trinkt, früher eine Pferdewechselstation gestanden hat, oder anstelle eines Hotels ein Tempel, an dem Reisende den Gott Merkur um eine sichere Reise bitten konnten. Wenn man sich fragt, welche der pulsierenden Metropolen der gallischen Provinzen wie Arausio (Orange) oder Vienna (Vienne) oder Lugdunum (Lyon) mit ihren imposanten Bauten den Durchreisenden wohl am besten gefallen hat?

Und natürlich sind da auch die antiken Persönlichkeiten, die uns im Verlauf der Reise immer wieder begegnen, weil sie durch ihre Eroberungs-, Regierungs- und Baupolitik die Via Agrippa und die sie umgebenden Landschaften und Orte geprägt haben. Der erste große Name in diesem Zusammenhang ist gewiss Gaius Iulius Caesar, der im Jahr 57 v. Chr. loszog, um seinen berühmten Gallischen Krieg zu führen. In dessen Zug gelang es ihm, Gallien und Germanien bis zum Rhein zu erobern. Eine dauerhafte Sicherung der Rheingrenze oder gar einen Frieden mit den keltischen Völkern erreichte er allerdings nicht. Weitere Fortschritte machte bald nach Caesars Tod (44 v. Chr.) der in den Jahren 39/38 v. Chr. als Statthalter Galliens eingesetzte Staatsmann Marcus Vipsanius Agrippa, dem es gelang durch Diplomatie und Umsiedlungen die linke Seite des Rheins zu sichern. Die Germanen machten den römischen Eroberern das Leben allerdings nicht leicht, und so mussten Truppen an den Rhein geschafft werden, um die Grenzen des Reiches zu verteidigen. Damit viele Legionäre so schnell wie möglich eine weite Strecke zurücklegen konnten, bedurfte es guter Straßen und Versorgungsposten. Wege gab es freilich schon in Gallien, aber erst Agrippa sorgte in seiner zweiten Statthalterschaft in Gallien in den Jahren 19/18 v. Chr. dafür, dass ein gut ausgebautes Wegenetz in Gallien errichtet wurde. Von Lugdunum (Lyon) aus wurden auf sein Geheiß mehrere Fernstraßen in alle Himmelsrichtungen erbaut. Auch wurden Raststätten mit Übernachtungsmöglichkeiten (mansiones), Pferdewechselstationen (mutationes) und Gutshöfe, die vor allem für die Legionäre Lebensmittel produzierten (villae rusticae), entlang dieser staatlichen Straßen (viae publicae) eingerichtet. Deshalb sind eigentlich alle von Lugdunum ausgehenden Fernstraßen „Agrippastraßen“, aber der Name Via Agrippa – eine neuzeitliche Namensgebung – hat sich irgendwann für die längste Strecke, die Nord-Süd-Achse zwischen Köln und Arles, durchgesetzt. Zu Agrippas Infrastrukturprogramm gehörte auch die Versorgung der großen Städte mit Trink- und Badewasser, so gehen viele Wasserleitungen, wie z. B. der Pont du Gard, auf ihn zurück. Agrippa war ein richtiges Organisationstalent. Auch sein Jugendfreund Octavian, später Kaiser Augustus, ist einer der Protagonisten entlang unserer Reise. Er richete z. B. den kaiserlichen Kurierdienst (cursus publicus) ein, der auf kürzestem und schnellstem Wege, sprich auf den großen Fernststraßen wie der Via Agrippa, wichtige Nachrichten überbrachte. In seiner Regierungszeit – meistens im Zusammenwirken mit Agrippa, der bis zu seinem Lebensende Augustus’ wichtigster Vertrauter und dessen rechte Hand war – versah er viele gallische Städte durch den Status colonia mit den römischen Bürgerrechten und ließ sie mit öffentlichen Bauten ausstatten. So begann in vielen Städten – und eben auch an der Via Agrippa – der wirtschaftliche Aufschwung.


Abb. 1 Endlose Felder und Hügel in der Eifel.


Abb. 2 Blick vom Grabtempel in Bech-Kleinmacher auf das Moseltal.

Die neu angelegten Fernstraßen, die die großen Militär- und Handelsplätze immer möglichst auf der kürzesten Strecke verbanden, waren breit und wetterfest angelegt. Die Fahrbahnen wurden aufwendig gebaut, mit mehreren Geröll- und Kiesschichten, die nach oben hin immer feiner wurden und in der Nähe von größeren Orten meistens mit einer Schicht von Steinplatten abgeschlossen waren. Die Straßen waren in ihrer Gesamtanlage bis zu 25 m breit, sodass mindestens zwei Fuhrwerke, aber am Rand auch Fußgänger, einander gleichzeitig passieren konnten. An manchen Stellen, z. B. bei schwierigem Gelände, wurden die Trassen auch manchmal geteilt, sodass man bei Überflutung eine Ausweichstraße hatte, oder der steilere Weg für den Aufstieg und der seichtere für den Abstieg einer Höhe benutzt werden konnte. Für die Orientierung gab es Meilensteine. Meistens waren das zwischen 1,50 und 3 m hohe Steinzylinder am Wegesrand, auf denen eine Entfernungsangabe in römischen Meilen (1 mille passuum = ca. 1.480 m) stand, ausgehend vom nächstliegenden Stadttor. Ab dem frühen 3. Jh. setzte sich nördlich von Lugdunum (Lyon) das gallische Längenmaß Leuge durch (1 leuga ca. 2.220 m, siehe Tabula Peutingeriana: Lugduno). Auch der Name des Kaisers, unter dessen Herrschaft die Steine errichtet worden waren, wurde auf die Steine gemeißelt, dazu meistens seine Ämter und Ehren. Dadurch ist es uns auch möglich, den Zeitpunkt ihrer Errichtung und so der Straßennutzung zu berechnen.


Abb. 3 Blick vom röm. Grabtempel „Grutenhäuschen“ auf das Moseltal.

Länge und Verlauf der Via Agrippa kennen wir allerdings nicht nur durch die archäologischen Funde wie z. B. Meilensteine und Reste des antiken Straßendammes, sondern auch durch einige wenige erhaltene antike Karten und Wegeverzeichnisse. Eine wertvolle Quelle ist die spätmittelalterliche Kopie einer antiken Weltkarte, auf der die Straßen und Verbindungslinien des gesamten Römischen Reiches und noch darüber hinaus mit ihren Knotenpunkten und Etappenorten graphisch dargestellt sind: die Tabula Peutingeriana. Da diese Karte mit Sicherheit über die Jahrhunderte mehrfach kopiert wurde, ist es nicht möglich, ihre genaue Quelle ausfindig zu machen. Tatsächlich ist es aber wahrscheinlich, dass sie, wie auch unsere Straße selbst, auf Agrippa zurückgeht, der eine große Weltkarte in Stein meißeln ließ, die in einer Halle auf dem Marsfeld in Rom angebracht werden sollte. Augustus ließ sie nach dessen Tod fertigstellen und an seinem Grab anbringen. Diese Karte wurde vermutlich mehrfach kopiert und diente möglicherweise auch als Vorlage für eine Karte aus dem 4. Jh., deren Abschrift wiederum unsere Tabula ist. Durch das häufige Kopieren haben sich die Namen der Orte im Laufe der Zeit etwas geändert und den Kopisten sind Fehler unterlaufen, die weitergegeben wurden. Z. B. heißt der Etappenort der Via Agrippa Vienna (Vienne) auf der Karte Vigenna; aus Tinurtium (Tournus) wurde Tenurcio. Beim Zeichnen der Via Agrippa hat der Kopist auch vergessen, eine durchgängige Linie von Mose (möglicherweise Meuvy) nach Andemantunnum (Langres) zu ziehen, sodass der unwissende Wanderer einen langen Umweg über Durocortorum (Reims) machen müsste.


Abb. 4 Blick von Orange auf den Mont Ventoux.

In diesem Kulturreiseführer finden sich viele der auf der Tabula genannten Etappenorte wieder, wie Cabillione (Chalon-sur-Saône) oder Beda (Bitburg). Dann wurden aber auch solche Orte ausgewählt, die zu klein sind, um auf der Karte zu stehen, aber direkt an der Via Agrippa liegen, wie z. B. die Grabmonumente in Luxemburg. Auch besondere Orte, die in der Nähe der Via Agrippa liegen und sehenswert sind, haben ihren Weg in dieses Buch gefunden, wie z. B. Vasio (Vaison-la-Romaine) oder die Kalkbrennerei in Iversheim. Einen Exkurs schließlich bilden die drei etwas abseits gelegenen Orte Alesia, Autun (Augustodunum) und Bibracte, die dazu einladen, sich auf die Spuren des Gallischen Krieges zu begeben und Iulius Caesar näher kennenzulernen. All diese Orte sind jedoch verbunden durch die „Adern“ des Imperiums. Allen voran natürlich durch die Via Agrippa als „Pulsader“, aber auch durch Ausfallstraßen und natürlich Wasserleitungen, die neben den Straßen einen wichtigen Teil der römischen Infrastruktur darstellen. Die einzelnen Orte sind zur besseren Übersicht in Deutschland den Bundesländern, in Luxemburg den Kantonen und in Frankreich den Regionen zugeordnet.


Abb. 5 Blick vom Mont Beuvray (Bibracte) auf den Parc Naturel Régional du Morvan in der Bourgogne.

Mit dem Besuch all dieser spannenden, großen und kleinen, bedeutenden und geheimen Orte der Antike reisen Sie nun also nicht mehr einfach nur auf der A1 oder der A31 gen Süden, sondern auch auf der Via Agrippa. Sehen Sie die wunderschönen Landschaften auf Ihrer Reise mit anderen Augen und machen Sie Ihren Weg zum Ziel!

Literatur:

Hagen, J.: Römerstraßen der Rheinprovinz. Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz. Achter Band. Bonn 1931.

Weber, E.: Tabula Peutingeriana. Codex Vindobonensis 324. Kommentar. Graz 1976.

Miller, K.: Itineraria Romana. Nachdruck von 1916. Bregenz 1988.


Karte 1 Die Via Agrippa auf der Tabula Peutingeriana.

LEGENDE TABULA PEUTINGERIANA


Agripina (Colonia Claudia Ara Agrippina)Köln (1)
MarcomagusNettersheim (4)
IcorigiumJünkerath
AusavaOos
BedaBitburg (7)
Aug. Tresvirorum (Augusta Treverorum)Trier (9)
Ricciaco (Ricciacus)Dalheim (15)
CaranuscaThionville
Diuo. Durimedio. Matricorum.(Divodurum Mediomatricorum)Metz (16)
ScarponnaDieulouard (18)
Tullio (Tullum)Toul
NoviomagusPompierre?
Mose (Mosa)Meuvy?
Andemantunno (Andemantunnum)Langres (20)
Filena (Tilena)Til-Châtel
VidubiaSaint Bernard?
Cabillione (Cabillonum)Chalon-sur-Saône (25)
Tenurcio (Tinurtium)Tournus (26)
Matiscone (Matiscum)Mâcon
Ludnam (Lunna)zwischen Villefranche und St. Georges de Reneins
Lugduno (Lugdunum) caput Galliarum usque hic legas – ((Verwaltungs-)Hauptort Galliens, bis hier Leugen: die Wegestrecken wurden von hier nach Norden in gallischen Leugen gezählt, nach Süden in römischen Meilen)Lyon (27)
Vigenna (Vienna)Vienne und Saint-Romainen-Gal (29)
Figlinis (Ficlinis)Saint-Rambert-d’Albon
TegnaTain l’Hermitage
Valentia (auch Civitas Valentinorum)Valence (30)
BatianaSaulce-sur-Rhône?
AcunumMontélimar
Senomago (Augusta Tricastinorum)Saint-Paul-Trois-Châteaux (33)
Arusione (Colonia Julia Secundanorum Arausio)Orange (34)
Avennione (Colonia Iulia Augusta Avenionesium)Avignon
ErnaginaSaint-Gabriel
Arelato (Colonia Julia Paterna Arelate Sextanorum)Arles (38)


Karte 2 Übersichtskarte Via Agrippa.


Karte 3 Etappe 1 der Via Agrippa.


Karte 4 Etappe 2 der Via Agrippa.


Karte 5 Etappe 3 der Via Agrippa.

Den Germanen am anderen Rheinufer war die mit hohen Mauern geschützte Hauptstadt der Provinz Germania Inferior ein Dorn im Auge. Schon allein, weil einer ihrer Stämme – die Ubier – abtrünnig geworden und zu den Römern übergelaufen war und nun die Reichsgrenze gegen ihre eigenen Verwandten schützte.

01 KÖLN – COLONIA CLAUDIA ARA AGRIPPINENSIUM: HAT AGRIPPA AUCH KÖLN GEGRÜNDET?


DEUTSCHLAND Nordrhein-Westfalen

Der Bau der Via Agrippa und die Gründung des antiken Köln sind eng miteinander verwoben. Wahrscheinlich siedelte Agrippa während seiner zweiten Statthalterschaft 20/19 v. Chr. den germanischen Stamm der Ubier aus dem rechtsrheinischen Germanengebiet in das römische Herrschaftsgebiet auf der linken Seite des Rheins über. Der Stamm war durch rege Beziehungen zu den Römern ins Visier seiner germanischen Nachbarn geraten und stand zwischen den Fronten. Die Umsiedlungsmaßnahme diente freilich nicht nur dem Schutz der Ubier, denn ihre Aufgabe bestand fortan darin, die Grenze des römischen Reiches – sprich den Rhein – gegen feindliche Germaneneinfälle zu sichern. Auf der linken römischen Rheinseite gründeten sie eine neue Hauptstadt nach römischem Vorbild, das oppidum Ubiorum, den ersten Vorläufer des heutigen Köln.

Zur gleichen Zeit begann Agrippa mit einem umfassenden Straßenbauprogramm, das die gallischen Provinzen besser an das Römische Imperium anbinden und damit ihre wirtschaftliche Entwicklung fördern sollte. Vom zentral gelegenen Lugdunum (Lyon) aus entstanden mehrere Straßen in verschiedene Richtungen, eine davon führte nach Norden bis in die neu gegründete Ubiersiedlung, die dank ihrer strategisch günstigen Lage an der Reichsgrenze und dazu am Fluss Rhenus (Rhein) prädestiniert war als Handelsumschlagsplatz. Außerdem konnte das Gebiet durch die Straßenanbindung schneller mit zusätzlichen Legionen versorgt werden, die die Grenzen zum barbarischen Germanien jenseits des Rheins bewachen sollten. Dies war in den folgenden Jahrzehnten auch nötig, da es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Germanen kam. Diese konnten wahrscheinlich nur über den Altar lachen, den Kaiser Augustus im oppidum Ubiorum für die unterworfenen Germanen zur Ausübung des Kaiserkultes und Anbetung der Göttin Roma hatte errichten lassen. Dieses Heiligtum scheint allerdings eine so große und auch langjährige Bedeutung gehabt zu haben, dass es in den späteren Namen der Stadt aufgenommen wurde. Die Rede ist von dem Namen, der damals schon als so lang empfunden wurde, dass er auf Stadttoren und Inschriften gerne mit CCAA abgekürzt wurde: Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Claudische Kolonie und Opferstätte der Agrippinenser). Die 15 n. Chr. im oppidum Ubiorum geborene Agrippina führte im Jahr 50 diese Umbenennung der Stadt herbei, indem sie ihren Gatten, Kaiser Claudius, dazu brachte, ihre Heimatstadt zur Kolonie zu erheben und ihr damit die römischen Bürgerrechte einzuräumen. Agrippina, die als Ururenkelin Ausgustus’, Urenkelin Agrippas und Mutter von Kaiser Nero schon zu Lebzeiten eine berühmte Frau aus dem adligen Geschlecht der Iulier war, wird heute noch von manchen als eigentliche Gründerin der Stadt gesehen.

So wurde das antike Köln zu einer Stadt römischen Rechts „befördert“, was sie natürlich zu einem begehrten Anziehungspunkt im kalten Norden machte und ihr einen sagenhaften Aufschwung in den nächsten Jahrzehnten und folgenden zwei Jahrhunderten bescherte.

Stellen wir uns nun vor, ein Händler kommt im späten 2. Jh. mit seiner Ladung den Rhein hinauf, um von CCAA über die Via Agrippa in die Eifel zu gelangen. CCAA ist mittlerweile zur Hauptstadt der römischen Provinz Germania Inferior aufgestiegen und zählt 20.000 Einwohner. Von Weitem schon muss der Händler die mächtige Stadtmauer mit ihren zahlreichen Türmen und Toren gesehen haben, und vorgelagert die längliche Insel – die heute überbaut und nicht mehr sichtbar ist – auf der drei nagelneue große horrea (Lagerhallen) standen. Hier würde er an einem der Holzkais vor Anker gehen und überschüssige Ware verkaufen, bevor er die restliche Menge auf einen großen Ochsenkarren umladen ließ, der ihn auf dem Landwege – über die Via Agrippa – weiter in die Eifel bringen würde. Die Reste dieser Lagerhallen sind heute in einer Ausgrabung unter der Kirche Groß Sankt Martin zu besichtigen. Sie überlagern ältere Gebäudefundamente und ein Becken aus dem 1. Jh., die vermuten lassen, dass sich hier eine Art Sportanlage befunden haben könnte, bis das Areal wahrscheinlich im Zuge einer Hafenvergrößerung umstrukturiert und die Lagerhallen erbaut wurden.


Abb. 6 Der Römerturm in der Zeughausgasse ist das am besten erhaltene Stück der römischen Stadtmauer von Köln.

Nachdem unser Händler seine Geschäfte abgeschlossen und seine Waren umgeladen hatte, betrat er die Stadt durch eines der drei rheinseitigen Tore. Die im Durchschnitt 2,40 m dicke und 8 m hohe Stadtmauer mit ihren 19 Türmen muss sehr beeindruckend gewesen sein. Heute noch kann man an einigen Stellen Reste dieser Befestigungsanlage sehen. Am besten erhalten und gleichzeitig einzigartig in seiner künstlerischen Gestaltung ist der sog. Römerturm (Abb. 6), der die nordwestliche Ecke der ca. 4 km langen Stadtmauer bildete. Er befindet sich heute an der Zeughausstraße 13 und fällt sofort durch sein mehrfarbiges Natursteinmosaik auf. Die Tatsache, dass die Römer ihre Wehrtürme über die eigentliche Funktion hinaus auch noch künstlerisch verzierten, unterstrich ihre Macht und den Wohlstand der Stadt.

Eines der beeindruckendsten Gebäude, das sich gleich hinter der rheinseitigen Stadtmauer befand, war der Sitz des Stadthalters, das Praetorium, dessen mächtige Grundmauern heute unter der Budengasse 2 zu besichtigen sind. Wer hier vorgeladen wurde, hatte gewiss weiche Knie. Der Praetor (Stadthalter) hatte die militärische und zivile Obergewalt über die gesamte Provinz und unterstand direkt dem Kaiser. Diese Macht drückte sich auch in seiner Wohn- und Amtsresidenz aus. Der vorbeiziehende Händler dürfte zum Ende des 2. Jhs. eine Weile gebraucht haben, bis er das zu diesem Zeitpunkt vier insulae (Häuserblocks) umfassende Gebäude passiert hatte. Zu solch palastartigen Ausmaßen hatte der Stadthalter Didius Iulianus das Gebäude um das Jahr 183/184 n. Chr. ausbauen lassen.

Müde von der langen Reise und erschlagen von so viel Protz war bestimmt jedem Reisenden nach einer Erfrischung zumute. Für diese musste er wahrscheinlich nicht einmal ein Gasthaus aufsuchen, zumindest, wenn er nur etwas trinken wollte. CCAA war bestens versorgt mit frischem Quellwasser und die Stadt war durchzogen von einem dichten Netz an Wasserleitungen und Brunnen. Der Händler hatte schon befürchtet, schmuddeliges Rheinwasser trinken zu müssen, aber dieses Wasser aus einem öffentlichen Brunnen war klar und schmeckte hervorragend. Die Römer liebten das Wasser und waren sehr wählerisch, was Herkunft und Qualität desselben anging. Immerhin hatte man eine fast 100 km lange Wasserleitung bis in die Eifel gebaut, um das dort entspringende Quellwasser bis in die Provinzhauptstadt zu leiten. Und nicht nur das Frischwasser war sauber, nirgendwo sah oder roch man stinkende Rinnsale mit Fäkalien. Das lag daran, dass in CCAA im wahrsten Sinne alles im Fluss war. Wie auch das Frischwasser wurde das Abwasser über ein gut vernetztes unterirdisches Kanalsystem aus der Stadt geleitet. Was damals gut verborgen war, ist heute direkt von der Ausgrabung des Praetoriums aus begehbar, ein kleineres Teilstück ist auch über Tage hinter dem Praetorium am Theodor-Burauen-Platz ausgestellt. Der 1,20 m breite und bis zu 2,50 m hohe Kanal leitete die Abwässer in den Rhein. Die großzügigen Maße erleichterten die Wartung und Reinigung – entsprechende Zugänge sind ebenfalls noch sichtbar – machten diese aber sicherlich nicht zu einer beliebteren Aufgabe. Bei dem Gedanken, dass das gesamte Abwasser der Stadt in den Fluss geleitet wurde, kann man verstehen, dass sich ein Flussreisender auf frisches Quellwasser freute.

Nach erledigten Geschäften und einer Übernachtung gelangte unser Händler durch das südwestliche Stadttor auf die Via Agrippa, das sich auf der heutigen Clemensstraße 3 befunden hat und leider nicht mehr sichtbar ist. Wer sich dennoch ein Bild von Aussehen und Ausmaßen der römischen Stadttore in Köln machen will, sollte sich zum Dom begeben, genauer gesagt ins Dom-Parkhaus, denn hier sind die Reste des nördlichen Stadttores von CCAA konserviert (Abb. 7). Darüber, auf der nördlichen Domplatte, wurde ein Seitendurchgang des Tores wieder aufgestellt. Während das Tor zur Agrippa-Straße nur zwei Durchgänge hatte, hatte dieses hier drei, ein großes in der Mitte für Fuhrwerke und zwei Seitendurchgänge für Fußgänger. Allein die Höhe des mittleren Durchganges betrug ca. 8 m. Stellt man sich nun noch einen Überbau und zwei Türme vor, begreift man, welche Ausmaße ein solches Tor gehabt haben muss. Etwas bescheidener, da nicht an einer der Hauptachsen der Stadt gelegen, war das Tor, welches unser Händler nahm. Dennoch hat ihn beim Anblick der riesigen Bögen und ihrer verschließbaren Holztüren sowie der dicken Mauern mit Sicherheit das flaue Gefühl beschlichen, einen mit allen Mitteln gesicherten Ort zu verlassen.

Direkt hinter dem Tor schloss sich ein Gräberfeld an, das sich über mehrere Kilometer entlang des Weges – heute die Luxemburger Straße – hinzog. Unterschiedliche Grabsteine und Mausoleen säumten die Straße, die besonders aufwendigen waren mit bemalten Reliefs verziert. Einige waren rechteckig, andere hatten Giebel wie ein richtiges Haus – ein recht unterhaltsames Ensemble für den Durchreisenden, so makaber es klingt. Denn auf so einer römischen Gräberstraße hieß es: Auffallen um jeden Preis. Dazu muss man wissen, dass es für Menschen, die in der römischen Kultur lebten, sehr wichtig war, dass sich andere Menschen an die eigene Existenz auch über den Tod hinaus erinnerten. So konnte man sich durch das Verfassen von Büchern oder, wenn man über das nötige Kleingeld verfügte, durch Schenkungen von Gebäuden an eine Stadt in Erinnerung halten. Das letzte Denkmal, das man sich setzen konnte, war das Grabmonument. Daher befinden sich die römischen Friedhöfe direkt an den Ausfallstraßen der Siedlungen. Je wohlhabender der Bürger war, desto prominenter, d. h. näher an der Straße, desto größer und prächtiger konnte er sein Grabmonument errichten. Mehrere solch eindrucksvoller Grabsteine sind im Römisch-Germanischen Museum in Köln zu sehen.


Abb. 7 Der Seitenbogen des römischen Nordtores, wiederaufgestellt vor dem Kölner Dom.

Eines dieser Gräber – allerdings aus spätantiker Zeit, vielleicht aus dem 3. oder 4. Jh. – ist noch direkt an der Agrippastraße unter dem Wohnhaus in der Kaulardstraße 2 in Hürth-Efferen zu sehen. Leider ist es nicht von außen erhalten, sodass man über einen Überbau und dessen Verzierung nur mutmaßen kann. Dafür kann man durch einen steinernen Gang in die zum großen Teil erhaltene Grabkammer mit zwei Sarkophagen gelangen. Ihre Deckel sind nur noch etwa zur Hälfte vorhanden, was einen darüber spekulieren lässt, welche Kraft oder auch Hartnäckigkeit diesen soliden Stein zerstört haben mag. Deutlich sind am Eingang der Kammer noch Teile einer Türeinfassung sowie ein Loch, wo der Türriegel angebracht war, zu sehen. Für eine Besichtigung wendet man sich an die Stadtverwaltung Hürth.

Nun verlassen wir endgültig den Raum der Großstadt und begeben uns in die Provinz!

Literatur:

Fischer, T./Trier. M.: Das römische Köln. Der historische Stadtführer. Köln 2014.

Grewe, K.: Der Römerkanal-Wanderweg. Ein archäologischer Reiseführer. Düren 2005. 159 – 177.

Horn, H.G.: Agrippa Straße. Von Köln bis Dahlem in 4 Etappen und 8 Exkursen. Köln 2014. 35 – 70.

Schiffer, T.: Auf Römerwegen durch die Eifel. Rheinbach 2012. 67 – 72.

Ein mehrfach beschrifteter Meilenstein und ein Eintrag in der Tabula Peutingeriana weisen Tolbiacum als Station an der Via Agrippa aus. Vor Antritt der letzten Wegetappe ins antike Köln konnte man sich hier in der öffentlichen Therme gebührend auf einen gepflegten Auftritt in der Metropole vorbereiten.

02 ZÜLPICH – TOLBIACUM: EIN MORDENDER KAISER UND EIN ENTSPANNENDES BAD AM WEGESRAND


DEUTSCHLAND Nordrhein-Westfalen

Wer denkt, dass ein Reisender auf der Via Agrippa jenseits der großen Städte tagelang ohne Versorgung und Annehmlichkeiten seinen holprigen Weg durch Wald und Flur bestreiten musste, irrt sich. Für die Römer gehörte zu einer guten Infrastruktur auch eine gute Ausstattung: Raststätten, Übernachtungsmöglichkeiten und Pferdewechselplätze in regelmäßigen Abständen waren das Minimum.

Das Straßendorf (vicus) Tolbiacum hatte noch mehr zu bieten. Es gehörte gerade noch zum Verwaltungsbereich von CCAA und war vielleicht im Zuge von Agrippas Straßenbaumaßnahmen als wichtiger Kreuzungspunkt zwischen den Fernstraßen nach Trier, Reims, Xanten, Köln, Bonn und Jülich zu einer größeren Siedlung mit Wegestation ausgebaut worden. Im 2. Jh. wurde der kleine Ort mit einer öffentlichen Thermenanlage ausgestattet, die natürlich auch für Reisende zugänglich war. Was konnte es Schöneres geben, als nach einem Tagesmarsch oder einer langen Fahrt den erschöpften Leib in heißem Wasser zu laben und sich den Dreck, der vielleicht bei nassem Wetter von der Straße hochgespritzt war, von der Haut zu schaben? Wie auch die aufwändigeren Verwandten in den großen Städten verfügte das hiesige Bad über alle Elemente einer typischen römischen Thermenanlage. Man zog sich im apodyterium um, absolvierte dann Kaltbad (frigidarium), Warmbad (tepidarium) und Heißbad (cadarium) und konnte sich in einem zentralen Gymnastikhof (palaestra) sportlich betätigen (Abb. 8). Da sich in Tolbiacum mehrere Fernstraßen trafen, war der Ort belebt mit Durchreisenden, und wo konnte man besser neue Kontakte knüpfen und sich beim Schwitzen oder Wässern unterhalten als hier? Die Thermen waren für die Römer das, was für unsereinen der Stammtisch ist. Man reinigte sich hier nicht nur, sondern man kam zusammen und unterhielt sich, machte Geschäfte. Man kann sich durchaus vorstellen, dass zwei Geschäftsleute aus verschiedenen Provinzen sich hier im caldarium kennenlernten und spontan auf einen Handel einigten.

Heute sind die Reste dieser Thermenanlage im Zülpicher Museum für Badekultur zu besichtigen. Besonders die didaktische und mediale Aufbereitung der Ausgrabung lässt die erhaltenen Beckenreste, Heizungsschächte und Mauern zum Leben erwachen.


Abb. 8 Durch die Hypokaustenheizung wurden Becken und Fußböden von unten mit heißer Luft erwärmt. Zülpicher Museum für Badekultur.

Wenig nördlich der Thermen auf einem Verkehrskreisel auf der Römerallee, die den schnurgeraden Verlauf der Agrippastraße nachvollzieht, ist heute die Kopie eines römischen Meilensteins zu sehen, der die Entfernung nach Köln mit 30 Leugen (35,2 km) angibt, eine gute Tagesreise. Noch interessanter sind die drei weiteren Inschriften mit den Namen der jeweils amtierenden Kaiser. Leider ist die erste Inschrift nicht mehr lesbar, denn es war üblich, die Namen von Kaisern auf öffentlichen Inschriften zu tilgen, wenn sie zum Staatsfeind erklärt worden waren, z. B. durch einen siegreichen Nachfolger.

Die zweite Inschrift ist Kaiser Licinius geweiht, die dritte Kaiser Konstantin und seinen Söhnen. Beide Männer hatten zwischen 308 und 324 n. Chr. gemeinsam das Römische Reich regiert, zerstritten sich aber und Konstantin ließ seinen Konkurrenten schließlich umbringen. Dementsprechend hat man versucht, die erste an Licinius gerichtete Inschrift zu tilgen, allerdings blieb sie für uns zu entziffern. Getilgt wurde auch in der zweiten Inschrift der Name Crispus, Konstantins Sohn, den sein Vater wegen Verrats ebenfalls hatte ermorden lassen.

Literatur:

Horn, H.G.: So badeten die Römer. Rund um die Thermen von Zülpich. Zülpich 2008.

Was verängstigte Reisende für das Werk von barbarischen Germanenhorden halten mögen, kann die Boten und Händler, die regelmäßig die Eifel auf der Via Agrippa durchqueren, nicht schrecken. Hier wird Kalk für das Imperium gebrannt!

03 IVERSHEIM – STINKENDER RAUCH ZIEHT ÜBER DIE VIA


DEUTSCHLAND Nordrhein-Westfalen

Tief im Wald der Eifel auf der Höhe von Mechernich war es durchaus möglich, dass dem Reisenden des 2. und 3. Jhs. der Gestank von verbranntem Holz, Asche und nicht organischen Stoffen in die Nase drang, oder dass entfernte Rauchsäulen zwischen den Hügeln aufstiegen. Die Rede ist nicht von Brandschatzung, sondern von einem der größten Kalkabbaugebiete nördlich der Alpen, der 25 km langen Sötenicher Kalkgrube. Kalk- und Dolomitgestein wurde hier für die Kalkherstellung in Massen abgebaut, Spuren von antiken Steinbrüchen gibt es zu Hauf und auch mehrere Kalkbrennereien wurden entdeckt, eine davon in Iversheim, das ca. 10 km östlich der Via Agrippa liegt (Abb. 9).

Die 30 m lange Anlage am Hang der Erft, heute am Kalkarer Weg nahe den Gleisen gelegen, bestand aus vier, später sechs 4 m hohen Brennöfen, in denen bei einer Temperatur von bis zu 1.050 Grad Dolomit zu Kalk verbrannt wurde, welcher zur Herstellung von Mörtel diente. Dieser war auf den Baustellen der Provinz heiß begehrt, denn der nierdergermanische Limes musste mit Kastellen befestigt werden. Auch Straßen mussten gebaut und nach den ersten Germaneneinfällen um 270 n. Chr. Häuser und Abwehranlagen wiederaufgebaut und verstärkt werden.

Die Betreiber dieser Brennerei waren keineswegs Privatleute, sondern Legionäre, wie aus zwölf Weihesteinen hervorgeht, die in dieser und den nahegelegenen Brennereien gefunden wurden. Auf den ersten Blick ist die Vorstellung, dass Soldaten einen Brennofen betreiben, etwas merkwürdig, doch in Anbetracht der Tatsache, dass gerade in den Provinzen die Legionäre den größten Teil der Infrastruktur errichteten, weil es nicht genügend Personal gab, nicht unbedingt verwunderlich. Die Weihesteine sind an verschiedene Götter gerichtet, z. B. passenderweise an Minerva, die u. a. für das Handwerk zuständig war. Ihnen ist zu entnehmen, dass in der Brennerei Legionäre der 30. Legion Ulpia Victrix aus Xanten und der ersten Legion Minervia aus Bonn gearbeitet haben. Auch ein Legionär der dritten Legion Cyranaica, die in Arabien stationiert war, war – vielleicht als Experte – vor Ort. Die Arbeit war hart und erfolgte in Schichten. Zwei Öfen brannten gleichzeitig. Es dauerte ca. eine Woche, bis der Kalkstein in einem Ofen durchgebrannt war. Noch einmal zwei Tage, um ihn aus dem Ofen herauszuholen. Dann wurde er verladen – vermutlich auf Schiffe, die ihn über die damals noch tiefere und breitere Erft abtransportierten. Gleichzeitig musste massenweise Brennholz für die Öfen geschlagen werden, nicht zu vergessen Kalkstein geschlagen – direkt über der Brennerei befand sich ein Steinbruch. Dieser musste erst zur Brennerei hinuntergeschleift und dann noch in kleine Brocken, die in den Ofen passten, gebrochen werden. Eine nicht ganz ungefährliche Arbeit, bei der man durchaus die schützende Hand der Götter gebrauchen konnte.


Abb. 9 Zwei von ursprünglich sechs Brennöfen in der Kalkbrennerei Iversheim.

Drei der insgesamt sechs Brennöfen sind in einem Schutzbau zu besichtigen. Einer davon wurde nicht geleert und ermöglicht es somit, gebrannte Kalkreste zu sehen. Vor dem Schutzbau, am Eingang, steht ein weiterer Ofen, der für ein wagemutiges Experiment wieder funktionstüchtig gemacht wurde. Um herauszufinden, wie die Öfen genau funktionierten, haben die Archäologen dem Befund getreu und ohne moderne Hilfsmittel eine Woche lang Kalk in diesem Ofen gebrannt und bewiesen, dass die Öfen arbeiteten – ganz ohne die Kenntnis der einzelnen chemischen Zusammenhänge.

Literatur:

Sölter, W.: Römische Kalkbrenner im Rheinland. Rheinische Kunststätten. Köln 2005.

Wie in der nahe gelegenen Kalkbrennerei Iversheim wurden auch hier Soldaten der ersten Legion Minervia aus Bonn stationiert – diesmal in einer Straßenmeistererei. In dieser urigen Hügellandschaft, wo auch die römische Wasserleitung nach Köln entspringt, befindet sich das lange gesuchte Marcomagus.

04 NETTERSHEIM – MARCOMAGUS: MATRONEN WACHEN ÜBER JUNGE SOLDATEN, MEDUSA ÜBER DAS WASSER FÜR KÖLN


DEUTSCHLAND Nordrhein-Westfalen

Durchhaltevermögen war denjenigen zu wünschen, die zu Fuß und möglicherweise noch schwer beladen auf der Via Agrippa unterwegs waren, denn hier kurz vor der Straßenstation Marcomagus wandte sich die Straße das Urfttal hoch und runter (Abb. 10). Immerhin mangelte es nicht an quellreinem Wasser, mit dem man sich erfrischen und Kraft für den nächsten Anstieg sammeln konnte.

Zum ersten Mal kreuzte die Straße den Bach Urft ganz in der Nähe einer der Quellen für die Eifelwasserleitung nach Köln. Den sog. „Grünen Pütz“, das Quellbecken der Leitung, und die sich daran anschließende Wasserleitung kann man heute besichtigen. Hier beginnt auch der Römerkanal-Wanderweg, auf dem man entlang der antiken Wasserleitung bis nach Köln wandern kann. Die rekonstruierte Brunnenstube ist ein in Stein eingefasstes rechteckiges Becken. Der von links kommende, mit Steinplatten abgedeckte 80 m lange Sickerkanal war wasserdurchlässig gebaut und sammelte – wie der Name schon sagt – das Sickerwasser, um es in das Sammelbecken zu führen. Dort wurde es von einem Schwellstein zunächst aufgehalten und so beruhigt, bevor es rechts durch die halbrund überwölbte Wasserleitung seinen Weg nach Köln aufnahm. So wurde das ankommende Wasser von Sand- und Schmutzpartikeln gereinigt, die sich vor der Schwelle absetzten. Der halbrunde Abschluss der Einfassung wurde von zwei Medusenhäuptern verziert, die mit ihren grimmigen Mondgesichtern die Quelle vor Zerstörung oder Verunreinigung schützen sollten.

Oberhalb der Quelleinfassung gab es zwei Trassen, die zur Urftbrücke in Marcomagus führten, wahrscheinlich waren es Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung. Die steile Trasse bis zur Hochfläche kann man heute direkt vom Parkplatz am Grünen Pütz über die Serpentine Rosenthal nachvollziehen und dabei im Wald ausgefahrene römische Fahrrinnen, eine Wasserrinne sowie links des Weges kurz vor der Kuppe einen überwachsenen Steinbruch sehen. Dieser ist heute kaum mehr als eine tiefe Grube – aus dem die Römer vielleicht Steine für die Straßenbefestigung gewannen.


Abb. 10 Flucht der Via Agrippa Richtung Norden, im Vordergrund das spätantike Kastell an der Urft, dahinter am Hang der vicus Marcomagus.

Nach ca. 4 km ab der Quellfassung konnte man nun endlich im Straßendorf Marcomagus rasten und sich stärken. Diese Station an der Via Agrippa ist auch auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet und bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass es sich hierbei um das nur wenige Kilometer entfernte Marmagen handeln müsse. Ausgrabungen und der nachgewiesene Trassenverlauf belegen jedoch eine Wegestation an dieser Stelle. Zwischen der Anhöhe „Görresburg“, dem angrenzenden weiten Hang „Alte Gasse“ und dem „Steinrütsch“ im Tal an der Urft ist ein archäologischer Landschaftspark angelegt, der ausgewählte Reste des antiken Dorfes sichtbar macht.

Von Norden kommend, erblickte man im 2. Jh. auf der Höhe einen steinernen Tempelbezirk mit drei Gebäuden, unter dem sich am Hang bis hinunter zur Urft längliche auf Steinfundamenten gebaute Fachwerkhäuser dicht aneinanderreihten, die sog. Streifenhäuser. Unten im Tal erreichte man schließlich die Wegestation, hier hat es vermutlich eine Unterkunft und eine Straßenmeisterei gegeben.

Diese wurde von Soldaten aus der Bonner Legion I Minervia betrieben, die auch in der Iversheimer Kalkbrennerei arbeiteten. Sie waren hier als beneficiarii consularis eingesetzt, d. h. Unteroffiziere, die für Dienste im Gemeinwesen und Verwaltungsdienst eingeteilt waren. Sie waren in Marcomagus wahrscheinlich für die Überwachung des Urftüberganges und zur Instandhaltung der Straße im umliegenden Gebiet stationiert. Gut kann man sich vorstellen, dass sie den strapazierten Straßenbelag mit Steinen aus dem nahegelegenen Steinbruch ausbessern mussten. Diese Wegestation wurde, wahrscheinlich nachdem sie bei den Frankeneinfällen im 3. Jh. zerstört worden war, Anfang des 4. Jhs. erneuert und zu einem steinernen Kastell ausgebaut, das man fortan durchqueren musste, um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Die Grundmauern dieses Kastells wurden rekonstruiert und können heute wieder durchquert werden.


Abb. 11 Matronenheiligtum des vicus Marcomagus auf der „Görresburg“.

Vier der beneficiarii haben in dem oben gelegenen Tempelbezirk den sog. Aufanischen Matronen Weihesteine mit Inschriften geschenkt, deren Kopien heute rund um das Heiligtum aufgestellt sind (Abb. 11). Diese meist zu dritt dargestellten Muttergottheiten mit großen Hauben als Haartracht sind wahrscheinlich keltischen Ursprungs und wurden besonders im Rheinland verehrt, aber auch weiter südlich in Gallien, wo man ganz ähnliche Darstellungen entlang der Via Agrippa finden kann. Der Beiname „Aufanisch“ ist nicht geklärt. Ein Hauptheiligtum der Matronen befand sich vermutlich in Bonn. Man kann sich also gut vorstellen, dass die Bonner Legionäre den hier schon seit dem 1. Jh. vorhandenen Kultplatz ausgebaut und nach dem Ende ihres Dienstes dort Weihesteine für ihre Gottheiten aufgestellt haben, um ihnen für eine glücklich verlaufene Dienstzeit zu danken.

Literatur:

Grewe. K.: Der Römerkanal-Wanderweg. Ein archäologischer Reiseführer. Düren 2005. 66 – 69.

Horn, H.G.: Agrippa Straße. Von Köln bis Dahlem in 4 Etappen und 8 Exkursen. Köln 2014. 188 – 200.

Wer auf der Höhe von Oos die Via Agrippa verließ, um auf dem Gut der Villa Sarabodis Handel zu betreiben, kam darüber hinaus in den Genuss des mineralreichen Wassers, das bis heute weit über seinen Ursprung hinaus bekannt ist. Zum Beten und Opfern luden die heilige Quelle des Gutsbesitzers oder das Matronenheiligtum auf dem Berg ein.

05 GEROLSTEIN – HEILIGES WASSER UND EIN FALSCHER JUDENFRIEDHOF


DEUTSCHLAND Rheinland-Pfalz

Villa Sarabodis

Die gemütliche Kleinstadt Gerolstein ist vor allem berühmt durch ihr Mineralwasser. Doch auch seine Lage in der Vulkaneifel zwischen bewaldeten Hügeln und dramatischen Dolomitenfelsen macht sie zu einem beliebten Urlaubsziel. Vielleicht diese schöne Umgebung oder auch die sprudelnde Heilquelle, heute Sidinger Drees genannt, veranlasste eine wohlhabende Familie im 1. Jh. sich hier niederzulassen – ca. 7 km östlich der Via Agrippa, die wohl durch das heutige Oos (Ausava) verlaufen ist. Die sog. Villa Sarabodis wurde beim Bau der Gerolsteiner Erlöserkirche 1907 entdeckt und für die Nachwelt konserviert (Abb. 12). Die sog. villae rusticae, meist weitläufige und luxuriös ausgestattete Landvillen, waren häufig zwischen Rhein und Mosel. Meistens waren es wohlhabende Einheimische, die sich mit den römischen Eroberern arrangiert hatten und Landwirtschaft betrieben, von deren Einnahmen sie lebten. So bogen aus der Zufahrtstraße zur Villa sicher häufig mit Getreide oder Schlachttieren beladene Karren auf die Via Agrippa ein. Möglicherweise unterhielt der Villenbesitzer am Straßenrand auch einen eigenen Verkaufsstand.

Man erkennt heute noch die zahlreichen Räume der Anlage sowie eine Hypokaustenheizung, die links, unmittelbar hinter dem Eingang, in einem Schutzhäuschen zu besichtigen ist. Wahrscheinlich hat sich an dieser Stelle eine beheizte Badeanlage befunden. Dass schon den antiken Bewohnern Gerolsteins das Wasser am Herzen lag, erkennt man ebenfalls an der heute in Stein eingefassten, aber leider nicht mehr sprudelnden Heilquelle „Sidinger Drees“. Sie entspringt wohl kaum zufällig knapp 100 m von der Villa entfernt auf dem anderen Kyllufer, heute am Kyllweg. Viele in der Quelle gefundenen römische Münzen, meist aus dem 3. Jh., bezeugen, dass die Bewohner hier nicht nur das Wasser zum Trinken und Baden benutzten, sondern auch zu den Quellengöttern beteten. Um 450 n. Chr. wurde die Villa dann zerstört, wahrscheinlich bei den Einfällen der Germanen. Aus dieser Zeit stammen auch 27 in der Nähe gefundene Gräber mit Männern von über 2 m Körpergröße darin. Verletzungen an den Knochen nach zu urteilen, haben sie einen gewaltsamen Tod gefunden. Doch warum und unter welchen Umständen, bleibt ein Rätsel.


Abb. 12 Reste der Villa Sarabodis hinter der Gerolsteiner Erlöserkirche

Der Name Sarabodis ist aus einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 762 überliefert, als die Eltern Karls des Großen, Pippin und Bertrada, die Villa der Abtei Prüm schenkten.

Rechts neben den Ruinen ist ein kleines Museum zu besichtigen, in dem die Funde rund um die Villa und die Quelle, darunter verschiedene Votivfiguren und Alltagsgegenstände wie Fibeln und Flacons, ausgestellt sind.


Abb. 13 Tempelmauern im Matronenheiligtum auf dem Judenkirchhof

Judenkirchhof

Verlässt man die Stadt Richtung Pelm und windet sich die Landstraße K33 empor an der Kasselburg vorbei und biegt dann den nächsten Weg links ab, gelangt man zu einem römischen Heiligtum, das im Volksmund Jud(d)enkirchhof genannt wird (Abb. 13). Mit Juden hat diese Ruine allerdings gar nichts zu tun, vielmehr vermutet man, dass es sich hier um die falsche Deutung des mundartlichen Wortes „Jodd“, was so viel wie Patentante heißt, handelt. Eine heilige Patentante? Gemeint ist damit wohl die heilige Matrone, der das Heiligtum geweiht war, wie eine Weihtafel aus dem Jahr 124 n. Chr. und eine Tonfigur in der Form einer Matrone – zu sehen unten im Museum – beweisen. Der Name der hier angebeteten Matrone war Caiva. Als Muttergottheit erfüllte sie wahrscheinlich auch die Funktion einer Schutz-Patronin, wie etwa eine Patentante. Vielleicht errichteten die Gutsbesitzer selbst hier oben ihr ganz persönliches Matronenheiligtum. Andererseits lassen die zahlreichen Gebäude innerhalb des Tempelbezirkes vermuten, dass hier möglicherweise auch Priester gelebt haben könnten. Die Form des im Grundriss erhaltenen Tempels ist typisch für diese Gegend, sie ist sozusagen eine Hybridform aus keltischem und römischem Heiligtum mit einer viereckigen cella (Innenraum des Tempels) und einem darum liegenden überdachten Säulengang. In der Mitte der cella war meistens die Statue des Gottes abgebildet, der in dem Tempel verehrt wurde. Dies könnte neben oder nach Caiva übrigens auch Hercules gewesen sein, worauf der Fund eines Löwenkopfes hindeutet.

Literatur:

Schiffer. T.: Auf Römerwegen durch die Eifel. Rheinbach 2014. 50.

Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg.): Führer zu archäologischen Denkmälern des Trierer Landes. Trier 2008. 156 f.

66 Räume, 14 Mosaike, drei Bäder, ein eigener Tempel und vier Ecktürmchen statt der üblichen zwei. Wer hier gewohnt hat, besaß eine Menge Geld und wollte das auch zeigen. Vielleicht traf sich hier die Trierer High Society, um Geschäfte zu machen und ausschweifende Partys zu feiern.

06 RÖMISCHE VILLA OTRANG BEI FLIESSEM – WER HAT DIE SCHÖNSTE VILLA?


DEUTSCHLAND Rheinland-Pfalz

Nur 800 m östlich der Via Agrippa befand sich, einen Tagesmarsch nördlich von Augusta Treverorum, ein prunkvolles Anwesen von enormem Ausmaß: die Villa Otrang bei Fließem. Noch heute liegt sie außerordentlich malerisch und einsam an einem seichten zum Kylltal hin abfallenden Hang und ist über die Via Agrippa, auf deren Trasse die B51 gebaut ist, zu erreichen.

Die villa rustica wurde wahrscheinlich im 1. Jh. n. Chr. erbaut und anschließend immer wieder erweitert, bis sie im 5. Jh. vermutlich im Zuge des Germaneneinfalls zerstört wurde.

Ihre Grundform entspricht dem im nördlichen Gallien verbreiteten Typ der Eckrisalitvilla. Sie bestand aus einem langgezogenen rechteckigen Haupthaus, das von einem vorgelagerten Säulengang (Portikus) und zwei an den Enden vorspringenden Eckräumen, den sog. Risaliten, gesäumt wurde. Allerdings verfügte das Haupthaus noch über zwei weitere Risaliten an der Rückseite und umfasste somit eine Fläche von 360 m2, auf der sich im 3. Jh. 66 Zimmer befanden, von denen 14 mit einem Mosaikfußboden ausgestattet waren. Noch dazu verfügte die Villa über drei Bäder und einen eigenen kleinen Tempelbezirk südlich des Geländes, der heute leider nicht mehr sichtbar ist (Abb. 14).

Wer könnte in so einem luxuriösen Anwesen gewohnt haben? Die Ausstattung lässt vermuten, dass die Anlage nicht allein als wirtschaftliches Gut genutzt wurde, sondern die Sommerresidenz einer reichen Persönlichkeit aus der römischen Oberschicht war, vielleicht aus dem 40 km entfernten Augusta Treverorum. Die vielen Trakte und Zimmer wurden vielleicht auch als Gästewohnungen genutzt, so kann man sich gut vorstellen, dass in manch lauer Sommernacht Gesang und Musik bis zur Via hinüberdrang, wenn der Hausherr mit seinen Gästen aus der Stadt ein ausschweifendes Fest feierte. Dabei gab er sich sicherlich nicht bescheiden, denn immerhin hatte er die besonders weitläufige Konstruktion seines Hauses und die zahlreichen Mosaike mit ihren geometrischen und floralen Mustern nicht nur für sein eigenes Vergnügen oder gar für seine Dienerschaft anlegen lassen. Sie dienten vor allem auch der Repräsentation. Man kann sich gut vorstellen, dass die vielen reichen Großgrundbesitzer im südlichen Germanien um die aufwendigste und kreativste Ausstattung ihrer Gutshäuser konkurrierten. Man denke z. B. an das sagenhafte Mosaik in der nahe gelegenen Villa Nennig (siehe 14, S. 64) oder den repräsentativen Innenhof und das Bad in der Villa Borg (siehe 13, S. 58).


Abb. 14 Doppelter Denkmalschutz: Reste der Villa Otrang und Schutzhäuschen aus dem 19. Jh.

Wer die Villa heute besichtigt, wird anstatt von einem prächtigen Herrenhaus von lauter kleinen, z. T. hübsch im Fachwerkstil errichteten Hütten und einigen römischen Säulenresten auf dem Hof empfangen. Diese Schutzhütten stehen ebenso wie die unter ihnen verborgenen Mosaike und Bäderreste unter Denkmalschutz. Wilhelm IV. ließ sie noch als Kronprinz errichten, nachdem er 1833 die Ausgrabung besichtigt hatte und der Schönheit der gefundenen Mosaike verfallen war. In einer dieser Hütten ist heute ein kleines Restaurant untergebracht, in dem man römische Speisen und Getränke wie Fladenbrot mit Moretum (eine Käsepaste mit viel Knoblauch) oder Mulsum (süßer Honigwein) genießen kann.

Literatur:

Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg.): Führer zu archäologischen Denkmälern des Trierer Landes. Trier 2008. 106 f.

Immer diese Germanen! Ihrer Heimsuchung im 3. Jh. ist es zu verdanken, dass von der Straßensiedlung Beda nichts übriggeblieben ist. Als neuer Wachposten für die Via Agrippa wurde anstelle des Dorfes später ein Kastell errichtet – das die Erscheinung der Altstadt bis heute prägt.

07 BITBURG – BEDA: RASTEN IN SICHEREN MAUERN


DEUTSCHLAND Rheinland-Pfalz

Wahrscheinlich im Zuge der Baumaßnahmen der Via Agrippa wurde um 10 n. Chr. die Raststätte Beda als erste Station nördlich von Augusta Treverorum Richtung CCAA gebaut. Eine Bauinschrift für einen Wachturm aus dem Jahr 245 n. Chr. sowie die Erwähnung in dem antiken Straßenverzeichnis Itinerarium Antonini belegen, dass die Straßenstation sich zu einer richtigen Siedlung (vicus) entwickelt hat – die allerdings um das Jahr 275 n. Chr. von den Germanen wieder zerstört wurde.


Abb. 15 Im Grundriss der Altstadt von Bitburg zeichnet sich das spätrömische Kastell ab.


Abb. 16 Bitburg, Reste der Befestigungsmauer des spätantiken Kastells.

Um das Jahr 340 n. Chr. wurde dann anstelle der zerstörten Straßensiedlung ein Kastell erbaut, wahrscheinlich um die Via Agrippa im Falle erneuter Einfälle zu sichern (Abb. 15). Die Reisenden im 4. Jh. waren vermutlich froh, wenn nach einer anstrengenden Reise durch locker besiedeltes Gebiet und noch dazu in solch unsicheren Zeiten die ca. 3,80 m dicken Mauern der Befestigungsanlage mit ihren 13 Türmen in Sichtweite kamen. Wie früher durch den vicus führte die Via Agrippa auch jetzt noch mitten durch Beda hindurch, es gab im Norden und im Süden jeweils ein Tor.

Auf der 2 ha großen Fläche dieses Kastells steht heute immer noch die Altstadt von Bitburg, denn die gut befestigte Anlage bot nachfolgenden Generationen immer wieder Wohnraum und Schutz und wurde so in ihrer Grundform erhalten. Den Verlauf der Via Agrippa kann man heute auf der Hauptstraße nachvollziehen.

Auf einem archäologischen Rundweg kann der Besucher die sichtbaren Reste des Kastells erkunden und damit gleich die Altstadt kennenlernen, während ein leichter Duft von Bier (Bitte ein Bit!) von der nahegelegenen Brauerei die Sinne beflügelt.

An mehreren Stellen ist noch die römische Mauer zu sehen (Abb. 16, 17), z. B. am großen Parkplatz auf der westlichen Seite. Allerdings stammt das Mauerwerk hier aus dem Mittelalter und folgt lediglich dem antiken Verlauf der Mauer. Ein schöner Einfall der Stadt war es, die Altstadt mit mehreren auf dem Gelände des Kastells gefundenen Relikten zu bestücken. So stehen neben der Liebfrauenkirche drei Götterfiguren aus dem späten 2. oder frühen 3. Jh. – der Sonnengott Sol, Merkur der Götterbote, und Vulcanus der Schmiedegott. An der Nordseite wurde eine Jupitersäule wiederaufgebaut, deren Sockel die Reliefs von Jupiters Gemahlin Juno und des Halbgottes Hercules mit seiner Keule zieren. Jupiter selbst, der einst auf der Spitze der Säule thronte, hat sich seiner göttlichen Pflichten anderswo erinnert und ist leider verschwunden. In der Nähe der Säule hängt auch ein Abguss der Bauinschrift des Wachturms von 245, auf dem sich wie bei dem Meilenstein in Zülpich eine weggemeißelte Stelle befindet. Hier stand der Name des Kaisers Philippus, der nach dessen Sturz 249 n. Chr. entfernt wurde.

Literatur:

Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg.): Führer zu archäologischen Denkmälern des Trierer Landes. Trier 2008. 86 f.


Abb. 17 Bitburg, Reste der Befestigungsmauer, in ein Wohnhaus eingebaut

Kurz vor Trier führt uns die Via Agrippa auf Marcus’ Spuren, des römischen Besitzers eines Steinbruchs, der Baumaterial für die Porta Nigra in Trier lieferte. Heute ist es still geworden um den urigen Ort, dafür locken ein schöner Wanderweg und ein Gläschen Viez – regionaler saurer Apfelwein – im Restaurant der Burg Ramstein.

08 DER RÖMISCHE STEINBRUCH ZWISCHEN BUTZWEILER UND KORDEL – DER STOFF, AUS DEM DIE PORTA NIGRA IST


DEUTSCHLAND Rheinland-Pfalz

Zwischen Beda (Bitburg) und Augusta Treverorum (Trier) müssen tiefe Rinnen die Via zerfurcht haben, denn auf schwer beladenen Karren wurden Erze und Sandstein aus den umliegenden Wäldern Richtung Mosel zum Weitertransport oder in die Metropole CCAA geschafft. Etwas nordöstlich von Trier befindet sich in einem bergigen Wäldchen zwischen Kordel und Butzweiler eines dieser römischen Bergwerke, das später als Steinbruch genutzt wurde (Abb. 18).

Es ist über den Premium-Römerwanderweg zu erreichen, der an der Burg Ramstein beginnt und neben dem urigen Wald und kleinen Wasserfällen verschiedene Höhlen und ein Stück einer römischen Langmauer zu bieten hat. Ein anderer Zufahrtspunkt ist ein kleiner Parkplatz am Ende des Ramsteiner Weges, der in Butzweiler von der Hauptstraße in den Wald führt. Von beiden Punkten ist der Steinbruch etwa 750 m entfernt.

Schon der Waldspaziergang zum Bergwerk ist sehr romantisch mit seinen engen Hohlwegen zwischen steilen, bewaldeten Hängen und herausstehenden Felsen. Die auffallend geformten, mit Buchen bewachsenen Hügel gehören praktisch schon zum Bergwerk, denn das sind die Abraumhügel des antiken und auch neuzeitlichen Bergbaus und der Steinbrucharbeiten. In einer Biegung stößt man nun auf das Bergwerk – ursprünglich ein vorspringender Sandsteinfelsen, der durch Steinbrucharbeiten bis auf einen riesigen Quader fast vollständig verschwunden ist. Die Felsenreste sind mit neun kreisrunden Schächten, den sog. Pützlöchern, versehen, die sich an verschiedenen Stellen senkrecht in das Gestein bohren. Sie haben einen ziemlich schmalen Durchmesser von knapp über einem Meter, sodass ein Mann gerade hindurchpasst. Die Löcher weisen darauf hin, dass man den Ort zunächst als Bergwerk benutzte. Sie waren z. T. bis zu 20 m tief und sind durch die späteren Steinbrucharbeiten teilweise angeschnitten worden, sodass man zwei dieser Schächte sogar im Querschnitt sehen und die Spuren der Werkzeuge verfolgen kann. Die hier abgebauten Erze wurden im 2. Jh. n. Chr. ausschließlich durch diese Schächte abgebaut und an die Oberfläche gebracht. Es handelt sich bei ihnen um Azurit und Malachit. In der Antike wurden diese beiden Erze hauptsächlich zu Kupfer und Bronze weiterverarbeitet. Für eine lohnende Metallverarbeitung war die Ausbeute in diesem Steinbruch allerdings viel zu gering. Besichtigt man das Innere des Bergwerks, erkennt man in den Schachtwänden immer wieder kleine schwarze Aushöhlungen, in die z. T. kaum eine Männerfaust passt. Darin befanden sich die im Sandstein eingeschlossenen Erzvorkommen. Man kann sich vorstellen, dass das Herausschlagen- und kratzen solch kleiner Brocken sehr mühsam gewesen sein muss, vor allem, wenn man sich in einem engen, kreisrunden Loch befand. Nur an wenigen Stellen wurden kleine Höhlen und Gänge in die Horizontale geschlagen. Bei der geringen Abbaumenge liegt eine andere Verwendung der Erze nahe: Malachit ist grün, Azurit blau gefärbt (Azurblau), man verwendete es zum Glasfärben und vor allem das wertvollere Azurit zur Herstellung von blauer Farbe. Vielleicht wurde sogar das kostbare Deckengemälde, das unter dem Trierer Dom gefunden wurde, mit Farbe ausgemalt, die aus diesem Bergwerk stammt?

Schon gegen 180 n. Chr. wurde die Kupfergewinnung zugunsten eines Steinbruchs aufgegeben. Doch gerade diese zweite Nutzungsphase macht den Steinbruch zu etwas Besonderem, denn von hier stammen riesige Steinquader, die für den Bau der Porta Nigra verwendet wurden. Trotz der teilweise starken Verwitterung erkennt man an einigen Stellen, dass sich der Stein wie bei der Porta Nigra schwarz verfärbt hat. Zu den teilweise beschrifteten Quadern (z. B. ein großes V für 5) gibt es die entsprechenden Gegenstücke am Stadttor in Trier. Sehr gut kann man die Abbruchstellen der riesigen Felsblöcke sehen und z. T. sind noch die Schrotgräben zu erkennen, aus denen sie herausgebrochen wurden.


Abb. 18 Römisches Bergwerk und Steinbruch zwischen Kordel und Butzweiler.


Abb. 19 Inschrift MARCI „Des Marcus“, Name des römischen Steinbruchbetreibers.

An der Vorderseite, am Wanderweg gelegen, befindet sich heute ein horizontaler Zugang in den Felsen, der im 19. Jh. gehauen wurde und mit einer Führung besichtigt werden kann. Er führt auch in die römischen Abbaukammern. Rechts über diesem Zugang ist noch eine römische Inschrift, MARCI, zu sehen, „des Marcus“, ein Hinweis auf den römischen Besitzer des Steinbruchs (Abb. 19).

Ein Relikt der späten Nutzungszeit ist eine alte Lore, die vor dem Steinbruch auf den verrosteten Gleisresten liegt, über welche im 19. Jh. zum letzten Mal Steine von hier abtransportiert wurden – die übrigens ebenfalls zum Bau repräsentativer Bauwerke genutzt wurden. Einige machten den Weg bis nach Berlin, wo sie im Reichstagsgebäude verbaut wurden.

Literatur:

Heimatverein Butzweiler e. V. (Hrsg.): Butzweiler und seine Umgebung. Butzweiler 2004.

Das konstantinische Augusta Treverorum weckte als kaiserliche Residenzstadt und aufstrebendes christliches Zentrum mit Sicherheit große Erwartungen bei Neuankömmlingen. Ein großer Teil der Innenstadt jedoch war vermutlich gar nicht begehbar, denn Konstantin ließ im großen Stil bauen.

09 TRIER – AUGUSTA TREVERORUM: DES KAISERS EWIGE BAUSTELLE


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Wer sich zu Beginn des 4. Jhs. n. Chr. nach einer tage- oder gar wochenlangen Reise durch die nebligen Wälder der Eifel nach Trubel und den Annehmlichkeiten einer Großstadt sehnte, wurde in Augusta Treverorum mit Sicherheit belohnt. Von Köln auf der Via Agrippa kommend, betrat man das antike Trier vom jenseitigen Ufer der Mosel genau wie heute noch über die sog. Römerbrücke (Abb. 20) westlich der Altstadt und die heute nicht mehr vorhandene porta Inclyta („prächtiges Tor“). Die Brücke allein muss mächtig Eindruck gemacht haben, denn sie war so breit, dass zwei Wagen nebeneinander Platz hatten. Ihre steinernen längs in Fließrichtung ausgerichteten schiffchenförmigen Pfeiler waren bereits 150 Jahre alt und haben sich auch bis heute gegen die starke Strömung, Hochwasser und Eis bewährt. Zwischen 144 bis 152 n. Chr. erbaut, war die Brücke bereits der zweite Nachfolgebau einer ursprünglichen Pfahljochbrücke aus Holz, die zur Zeit der Stadtgründung um 17. v. Chr. etwas flussaufwärts der jetzigen Brücke erbaut wurde. Sie gilt als die älteste Brücke Deutschlands und gehört wie auch die meisten restlichen antiken Bauten der Stadt zum UNESCO-Kulturerbe.

Besonders gut ist das römische Mauerwerk am Altstadtufer auf der Nordseite zu sehen. Trotz der Verwitterungsspuren und Verunreinigungen durch Graffiti kann man noch die Bearbeitungsspuren an den großen Steinquadern erkennen.

Während der Unterbau die Zeiten überdauerte, wurde der obere Teil der Brücke mehrfach erneuert. Der römische Reisende fuhr mit seinem Pferdegespann über eine den Pfeilern aufgesetzte Holzkonstruktion. Die charakteristischen Bögen wurden erst im 12. Jh. gebaut.

Die heute sichtbaren Bögen stammen aus dem frühen 18. Jh., als die Konstruktion nach einer 1689 durch das französische Militär vorgenommenen Sprengung der Brücke neu aufgebaut wurde. Aus dieser Zeit stammen auch das Kruzifix und die Statue des Heiligen Nikolaus in der Mitte der Brücke.

Hatte man nun die Stadt aus Richtung Westen betreten, stieß man direkt auf eine riesige Thermenanlage – die Barbarathermen – die im 2. Jh. n. Chr. entstanden und nach den Traiansthermen in Rom die zweitgrößten ihrer Zeit waren. Bestimmt gab es Besucher, die nur ihretwegen die Reise nach Trier auf sich nahmen, zumindest aber boten die zahlreichen Wellnessangebote und Entspannungsmöglichkeiten in der 40.000 qm großen Anlage eine willkommene Abwechslung nach tagelanger Fahrt durch die Provinz.

Heute befindet sich die Ausgrabung der Thermen an der Ecke Südallee/ Friedrich-Wilhelm-Straße. Warum diese Thermen nicht so bekannt sind wie die einige 100 m weiter östlich gelegenen Kaiserthermen, wird auf den ersten Blick klar: von ihnen ist nicht annähernd so viel übriggeblieben. Leider dienten sie in späteren Jahrhunderten vor allem als Steinbruch, vielleicht auch für das heute nicht mehr existente Kloster St. Barbara, das sich in der Nähe befunden haben soll und der Thermenanlage ihren späteren Namen gab.

Drang der Reisende des frühen 4. Jhs. nun weiter ins Innere der Stadt vor, wird er ein geschäftiges Treiben vorgefunden haben, vor allem zahlreiche Karren mit zentner- oder gar tonnenschweren Steinen und anderen Baumaterialien. Holzbalken wurden geschleppt, große Glasscheiben vorsichtig durch die Menge manövriert. Konstantin, seit 306 Kaiser des Westlichen Römischen Reiches, baute seine Residenzstadt aus und das Zentrum von Trier war eine große Baustelle. Um das Gebiet des heutigen Doms herum war der Krach ohrenbetäubend und man sollte einen großen Bogen machen, denn ein ganzer Häuserblock wurde gerade abgerissen. Im Bereich der heutigen Dominformation waren noch die eingerissenen Reste einer Kirche zu sehen, hier befand sich der Kern des neuen Bauvorhabens: An der Stelle eines ursprünglich privaten christlichen Gebetsraumes, nicht größer als ein Wohnzimmer, dem später eine kleine Apsis hinzugefügt worden war, hatte man bereits eine Basilika errichtet, in der der erste Bischof Triers, Agritius waltete. Unter Konstantins Förderung sollte dieses Gebäude nun zu einer großen Kirchenanlage ausgebaut werden. Im Jahr 313 n. Chr. hatte er mit dem Kaiser des Ostens, Licinius, die Mailänder Vereinbarung unterzeichnet, die der Bevölkerung Religionsfreiheit gewährte und so den Weg für die nun legale Verbreitung des Christentums im Westreich ebnete. Heute kann man diesen wohl ersten christlichen Gebetsraum nördlich der Alpen mit einer archäologischen Führung besichtigen.


Abb. 20 Die Römerbrücke mit Blick nach Westen.

Einige Meter weiter auf Höhe des heutigen Doms funkelten blaue Brocken im Bauschutt eines eingerissenen edlen Hauses. Auf die aufwändigen Deckenmalereien wurde keine Rücksicht genommen, alles musste dem Kirchenvorhaben weichen. Um das bei Ausgrabungen unter dem Dom gefundene, zerstörte Deckengemälde, welches auf 15 Kassetten eine Vielzahl von Personen und mythologische Gestalten zeigt, ranken sich verschiedene Theorien. Eine geläufige besagt, dass Konstantin seinen eigenen Palast zugunsten des Kirchenbaus geopfert habe und es sich bei der im Zentrum des Gemäldes dargestellten Frau um seine Gattin Fausta handeln könnte. Eine andere, eher verklärende These schreibt die Gemächer Konstantins Mutter, der heiligen Helena, zu, die auch den heiligen Rock, die berühmte Reliquie des Trierer Doms, aus Palästina mitgebracht haben soll. Wer sich seine eigene Theorie aufstellen möchte, kann das wieder zusammengesetzte Gemälde im Dommuseum bewundern.

Auch dem, der in Augusta Treverorum nicht heimisch war, dürfte bei der Ankunft in der Kaiserstadt nicht entgangen sein, dass eine Reihe alter Gebäude für einen riesigen Kirchenkomplex zerstört wurde. Für Anhänger der heidnischen Religionen muss dieser Aufwand zugunsten einer aufstrebenden Religion, deren Anhänger bis vor Kurzem noch verfolgt worden waren, etwas Beängstigendes gehabt haben.

Das von Konstantin begonnene Bauvorhaben wurde erst lange nach seiner Zeit zum Ende des 4. Jhs. unter den Kaisern Valentinian und Gratian vollendet. In dieser Zeit wurde ein 1.600 qm messender Quadratbau eingebaut, welcher heute noch als Vierung des Doms unmittelbar vor dem Altarraum in das Domgebäude integriert ist. Die vier eckigen Säulen, die diesen Bereich eingrenzen, tragen, wenn auch verblasst, das typische, mit roten Ziegelbändern durchzogene Mauerwerk. Wer links um das Dom-Gebäude herumgeht, entdeckt außen an der Nordseite das gleiche römische Mauerwerk.

Etwas südlich dieser großen Baustelle wird der spätantike Besucher ein vermutlich frisch fertiggestelltes, beeindruckendes Gebäude gesehen haben, die Konstantinbasilika. Sie wurde wahrscheinlich zu Beginn des 4. Jhs. unter Kaiser Constantius Chlorus als Teil des kaiserlichen Palastbezirkes errichtet und diente später seinem Sohn Konstantin als königliche Empfangs- und Thronhalle. Um diesem Zweck gerecht zu werden, war sie damals mit Marmor ausgestattet und verfügte über beheizte Wände und Böden. Die heutige karge Innenausstattung der evangelischen Kirche lässt den riesigen Innenraum zu voller Geltung kommen. Will man das Gebäude umrunden, stellt man fest, dass es auf der Rückseite einen ausladenden barocken Anbau hat, der gar nicht zu dem schlichten Design der Basilika passen mag. Es handelt sich um die Residenz Lothar von Metternichs – Trierer Erzbischof und Kurfürst – für deren Bau er Anfang des 17. Jhs. die Rückwand der Basilika einreißen ließ. Die frisch renovierte Konstantinbasilika, die seit dem 19. Jh. die evangelische Kirche beherbergt, ist heute noch der größte römische freitragende Raum. Zwar müssen ihre Ausmaße damals schon beeindruckend gewesen sein, doch konnte der Prachtbau vermutlich nicht seine volle Wirkung ausstrahlen, denn südlich davon schloss sich eine weitere ausladende Baustelle an: hier entstand Konstantins neuer Badekomplex, die heutigen Kaiserthermen, bestehend aus einem weiten quadratischen Hof, der heute mit Gras bepflanzt ist, und einem großen Badekomplex am nördlichen Ende, dessen Mauern heute immer noch in die Höhe ragen. Auch sie wurden wahrscheinlich schon unter Constantius Chlorus begonnen, allerdings waren sie 324 n. Chr., als Kaiser Konstantin Byzanz als neue Residenz wählte, noch nicht fertiggestellt und standen seitdem als Bauruine leer. Erst im späten 4. Jh. nahm man sich der Anlage wieder an, allerdings wurde sie nicht fertiggebaut, um ihrem eigentlichen Zweck zu dienen, sondern erfuhr breit angelegte Umbaumaßnahmen und wurde wahrscheinlich als Kaserne für die kaiserliche Leibgarde genutzt. Neben der gut erhaltenen östlichen Außenfassade, an der man drei Apsiden und mindestens zwei angelegte Etagen ausmachen kann, liegt die Faszination dieser Ruine vor allem im unterirdischen Teil. Ein scheinbar endloses Labyrinth aus über 4 m hohen Versorgungs-Gängen lässt den Besucher bald die Orientierung verlieren. Von hier aus sollten die Bäder beheizt werden. Es ist auch noch ein Raum mit einer Hypokaustenheizung erhalten.

Augusta Treverorum bot sich dem Ankömmling also keineswegs als vollkommene Kaiserstadt dar, an allen Ecken und Enden war sie vielmehr unfertig. Nicht einmal das nördliche Stadttor war fertig, obwohl das schon lange vor Konstantins Zeit errichtet worden war. Aber wie auch seine Vorgänger brauchte Kaiser Konstantin sein Geld offensichtlich für andere Maßnahmen. Die Rede ist von der Porta Nigra (Abb. 21), die im 2. Jh. als Teil der Stadtmauer von Augusta Treverorum erbaut wurde. Ihre zwei Durchgangstore werden von zwei Etagen überragt sowie von zwei nach außen halbrunden Türmen mit je noch einer weiteren Etage flankiert. Damit ist sie insgesamt 30 m hoch. Diese massive Optik und die Verzierung mit Halbsäulen zwischen den Fenstern lassen auf eine repräsentative Funktion schließen. Nützlich hingegen waren die vielen Fenster, von denen aus man eindringende Feinde mit Geschossen bewerfen konnte.


Abb. 21 Die grob gehauene Außenseite der Porta Nigra.

Fertiggestellt wurde das massive Tor jedoch nie, die Steine sind noch roh gehauen und vermissen den letzten Feinschliff, der den Römern doch eigentlich so wichtig war. Vielleicht war am Ende des 2. Jhs. nach der Belagerung durch Clodius Albinus das Geld ausgegangen.

Dass wir heute die massive Porta Nigra noch bewundern dürfen, haben wir dem heiligen Simeon zu verdanken, der sich im 11. Jh., als Säulenheiliger aus dem Heiligen Land kommend, einen Teil des damals schon leeren Turms als Refugium erwählt hat, in dem er fünf Jahre lang bis zu seinem Tod wohnte. Ihm zu Ehren wurden die oberen Etagen des Bauwerkes zu einer Kirche umgebaut und der Durchgang wurde verschüttet. Die Verwendung als Kirche kann man an dem Absidenanbau, der bis heute erhalten geblieben ist, und an den vielen Reliefarbeiten im Inneren nachvollziehen. Napoleon I. ließ im frühen 19. Jh. die Kirche entfernen, da zu seiner Zeit das Interesse an antiken Gebäuden wuchs, und damit viele Bauwerke der Antike von mittelalterlichen Um- und Anbauten befreit wurden.

Wenn man als Händler Richtung Gallien und Mittelmeer unterwegs war, hielt man sich sicherlich nur so lange wie nötig in Augusta Treverorum auf, vielleicht hatte man Werkzeug oder Steinquader für die neuen Thermen angeliefert. Man arbeitete sich über die geschäftige Nord-Süd-Achse, den Cardo Maximus entlang (die heutige Saarstraße) und verließ die Stadt durch die heute nicht mehr erhaltene Porta Media. Hatte man aber etwas mehr Muße oder wollte seinen Weg nach Osten Richtung Koblenz fortsetzen, führte kein Weg am Amphitheater vorbei, das Unterhaltungsarena und Stadttor zugleich war, da es leicht schräg in die Stadtmauer integriert war, sodass man durch einen Eingang von außerhalb der Stadt hinein- und auf der anderen Seite innerhalb der Stadtmauer wieder herauskam. Diese in der Längsachse des Theaters verlaufenden Ein- und Ausgänge sind noch gut zu erkennen.

Auf der südlichen Seite sieht man vor dem Durchgang in die Arena auf der rechten Seite im Gras Reste des steinernen Fußbodens, der z. T. mit tiefen Rillen durchzogen ist, die durch jahrzehntelanges Benutzen durch Fuhrwerke entstanden sind. Scheinbar sind Ankömmlinge tatsächlich mitten durch die Arena ins Stadtinnere gelangt. Von der Pracht des Amphitheaters, das einst ca. 18.000 Zuschauern Platz bot, ist nicht mehr allzu viel zu sehen, da der Zuschauerraum, die cavea, nicht vollständig ausgegraben und mit Gras überwachsen ist. Dafür sind die Strukturen rund um die ovale Arena recht aufschlussreich. Diese schließt mit einem Graben und einer hohen Mauer ab, sodass das Publikum vor wilden Tieren geschützt war. Die Tiere waren in gemauerten Käfigen, die heute als leere Räume von der Arena aus betreten werden können, untergebracht, oder im Keller, von wo aus sie mit einer Hebebühne nach oben oder unten transportiert werden konnten. Dieser bis zu 3 m tiefe Keller kann vollständig durchlaufen werden.

Einen weiteren Blick in das römische Trier bietet dem modernen Besucher das Trierer Landesmuseum, das sich hinter den Kaiserthermen befindet. Über die Stadtgeschichte hinaus trumpft es mit beeindruckenden Funden aus der Region auf wie der Gräberstraße, einer Sammlung aufwendiger Grabmäler, die im Fundament eines im 4. Jh. erbauten Römerkastells entdeckt wurden. Vermutlich standen sie ursprünglich in der Region verteilt an gut sichtbaren Orten nah an der Straße oder an den Moselhängen, bis sie der militärischen Notwendigkeit zum Opfer gefallen sind und als Baumaterial zweckentfremdet wurden. Der berühmteste Grabstein ist das Weinschiff aus dem nahe gelegenen Moselort Neumagen, der sich seit dem Fund ältester Weinort Deutschlands nennt.

Eine weitere Sensation des Museums ist der Trierer Goldschatz, eine Ansammlung von 2.600 Goldmünzen aus dem 2. Jh., die in den 90ern zufällig beim Bau eines Parkhauses gefunden wurde. Der Schatz samt Gefäß ist hier im Original ausgestellt und die Münzen funkeln, als wären sie eben erst geprägt worden.

Literatur:

Schiffer, Thomas: Auf Römerwegen durch die Eifel. Rheinbach 2012. 41 – 47.

Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg.): Führer zu archäologischen Denkmälern des Trierer Landes. Trier 2008. 36 – 76.

Cüppers, H. et al.: Römische Siedlungen und Kulturlandschaften. Geschichtlicher Atlas der Rheinlande. Beiheft I I/1–III/2. Köln 1985.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
226 p. 78 illustrations
ISBN:
9783961760336
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