Read the book: «Ein kleines Stückchen Seligkeit»

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Cindy Kent, ehemals Vikarin, jetzt Pfarrerin. Und immer eine wunderbare Freundin.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-772-2

© der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Copyright © 2013 Pam Rhodes. Original edition published in English under the title

Fisher of Men by Lion Hudson plc, Oxford, England

Übersetzt aus dem Englischen von Antje Balters

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfotos: fotolia © Jenifoto/​© andrewmroland

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

Fußnote

EINS

Das Erste, was Neil sah, war die Kirchturmspitze von St. Stephen's. Wenn nicht der Kirchturm gewesen wäre, der alle Dächer der Stadt überragte, hätte er noch einmal genauer auf die Karte auf seinem Schoß schauen müssen, um sich in dem Gewirr von Einbahnstraßen zurechtzufinden, das anscheinend wild entschlossen war, ihn gar nicht erst nach Dunbridge hereinzulassen. Den Haufen von Häusern und Läden – manche davon sehr alt, manche allerdings auch beängstigend neu – als »Stadt« zu bezeichnen schien mehr zu versprechen, als Dunbridge tatsächlich zu bieten hatte. Neil hatte gelesen, dass hier 6000 Menschen lebten. Als er wieder um eine Ecke bog, fragte er sich, wo wohl all diese Menschen waren.

Er merkte, wie ihm in einer Mischung aus Beklommenheit und Erwartung eng um die Brust wurde beim Anblick der großen alten Kirche, die trutzig an der Stirnseite des Marktplatzes stand und für alle Welt so aussah, als würde sie mit ebenso unverwandtem wie wohlmeinendem Blick die High Street hinunter auf ihre Herde schauen. Neil musste schlucken und spürte, wie sich auf seiner Oberlippe Schweiß bildete. Mit der einen Hand fuhr er sich einmal fest übers Gesicht und rief sich in Erinnerung, dass es absolut keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen, denn schließlich war das hier nur ein erster Besuch. Er war hier, um herauszufinden, ob Pfarrerin Margaret Prowse ihn für einen passenden Vikar für ihre Gemeinde hielt, und auch, ob er selbst sich Dunbridge als sein neues Zuhause vorstellen konnte für die Zeit seines dreijährigen Vikariates.

War das hier nicht genau der Moment, auf den er so lange hingearbeitet hatte? In nicht einmal zwei Monaten würde er im Rahmen einer feierlichen Zeremonie zum Diakon ordiniert werden. Die Jahre der Sehnsucht, des Erkennens seiner Berufung, des Studiums und der Vorbereitung waren alle auf diesen Augenblick hinausgelaufen, in dem er sich endlich für die Gemeinde entschied, in der seinen Dienst beginnen würde. War das hier dieser Ort? Würde er Vikar Neil Fisher von der St. Stephen's Gemeinde in Dunbridge werden? In Gedanken sprach er die Worte »Vikar Neil Fisher« ein paar Mal aus und fand, dass es sich richtig gut anhörte.

Er schaute auf die Notizen neben sich auf dem Beifahrersitz. »Fahren Sie die Straße bis zur Kirche hinauf, biegen Sie rechts ab und folgen Sie dann dem Weg«, hatte Margaret ihn instruiert. »Das Pfarrhaus befindet sich dann an der ersten Abzweigung rechts. Sie können es gar nicht verfehlen!«

Er konnte es nicht leiden, wenn Leute das sagten, weil er sich noch mehr als Versager fühlte, wenn er den Beweis erbrachte, dass sie sich geirrt hatten.

Dieses Mal stimmte die Wegbeschreibung allerdings haargenau. Ein Schild an dem verwitterten Tor bestätigte, dass es sich tatsächlich um das Pfarrhaus handelte, ein großes, weitläufiges Gebäude aus der Zeit Edward des Siebten, dessen verblichener Glanz ein wenig getarnt war durch eine hohe Glyzinie auf der einen und eine leuchtend rote Jungfernrebe auf der anderen Seite. Er wusste nicht so genau, ob er auf der Einfahrt parken durfte, und kam letztlich zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich höflicher war, seinen Wagen ein Stück weiter die Straße hinauf unter der Krone einer riesigen Rosskastanie abzustellen. Neil nahm seinen Aktenkoffer, stieg aus dem Wagen und schloss ihn ab.

Als er wieder an dem alten Eingangstor zum Pfarrhaus ankam und es öffnete, quietschte es laut.

»Kommen Sie nach hinten!«, hörte er eine barsche Stimme irgendwo hoch oben über seinem Kopf. Neil schirmte mit der Hand seine Augen vor der noch tief stehenden Morgensonne ab und blinzelte nach oben.

»Gehen Sie seitlich am Haus entlang!«, sagte die Stimme wieder im Befehlston. »Die Hintertür ist nie abgeschlossen. Das ist vielleicht dumm, aber mir gefällt einfach die Vorstellung, ein offenes Haus zu haben.«

Neil konnte gegen das blendende Sonnenlicht nur den Umriss eines runden, von gepflegten Locken eingerahmten Frauengesichtes erkennen, das oben aus dem Giebelfenster schaute.

»Sie müssen Neil sein. Sie sind zu früh! Ich bin gleich unten. Setzen Sie doch schon mal Wasser auf. Ich brauch jetzt einen Kaffee …«

Und dann war der Kopf genauso schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Es erwies sich als echte Herausforderung, auf die Rückseite des Hauses zu gelangen, denn Neil musste über zwei Fahrräder steigen und sich danach erst an einem Wohnwagen und dann noch an einem Weißdornstrauch vorbeiquetschen, dem es beinah gelungen war, den gesamten schmalen Weg am Haus entlang zu überwuchern. Irgendwann hatte Neil es dann doch bis zu der Tür geschafft, die offenbar der Hintereingang war, und die nicht nur unverschlossen war, sondern sperrangelweit offen stand. Nachdem er eingetreten war, zog er sie ordnungsgemäß wieder zu (er konnte einfach nicht anders) und betrat eine Küche, in der ein erschreckendes Durcheinander herrschte. Der Tisch, die Arbeitsflächen und sogar das Kochfeld des Herdes waren vollgeräumt mit allen möglichen Stapeln und Haufen von Tellern und Besteck bis hin zu Briefen, Zeitungen und Zeitschriften. Über dem Herd lag eine Bibel, auf der wiederum in riskantem Gleichgewicht ein Gebetbuch balancierte. Neil grinste. Kein Zweifel, hier wohnte eine Pfarrerin!

Als etwas an seinem Hosenbein entlangstrich und er nach unten schaute, traf er auf den argwöhnischen Blick des größten und flauschigsten roten Katers, den er je gesehen hatte. Er wollte sich gerade herunterbeugen, um den kleinen Kerl ein bisschen unterm Kinn zu kraulen, da funkelten ihn ein Paar gelbe, böse Katzenaugen an. Der vierbeinige Bewohner zog zu Erkundungszwecken eine Acht um Neils Beine und ließ dabei keinen Zweifel daran, dass er keinen Besuch mochte. Neil zog sich rasch einen Hocker heran, der in der Nähe stand, setzte sich hin, presste seinen Aktenkoffer fest an sich und zog die Knie hoch, so weit er konnte.

»Frank!«

Dieselbe Stimme, die ihn gerade draußen angesprochen hatte, drang von irgendwo oben durchs ganze Haus, jetzt allerdings doppelt so laut.

»Sag ihm, wo der Tee ist, sei so lieb, ja? Ach, ich glaube, wir haben gar keine Plätzchen mehr.«

Fasziniert schaute Neil in Richtung der offen stehenden Küchentür, durch die das schlurfende Geräusch von Hausschuhen zu hören war. Und dann kam ein adretter kleiner Mann mit grauem Haar und überraschend buschigen dunklen Augenbrauen um die Ecke. Er verschaffte sich kurz einen Überblick über die Lage – die Position der Katze und des Mannes – und als er Neil schließlich anlächelte, hatte sein Blick etwas Mitfühlendes, Verständnisvolles.

»Tut mir leid«, sagte er. »Meine Frau ist gerade erst von einem unvorhergesehenen Besuch im Krankenhaus zurück. Sie kommt gleich herunter. Ich bin übrigens Frank. Und das da ist Archie. Der ist im Grunde ganz harmlos, auch wenn er immer ein bisschen grimmig aussieht. Was kann ich Ihnen anbieten? Tee?«

»Nein, vielen Dank«, sagte Neil, ohne seinen Blick von dem Raubtier zu seinen Füßen abzuwenden. »Ich möchte Ihnen wirklich keine Umstände machen.«

»Ach, in diesem Haus ist immer Teewasser heiß«, sagte Frank lächelnd. »Das müssen Sie lernen, wenn Sie zu uns stoßen. Dies ist Ihr erster Vorstellungstermin für eine Stelle als Vikar, oder? Sie werden es hier bestimmt gut haben. Margaret wird sich gut um Sie kümmern.«

»Hast du ihn gefunden, Frank?« Das war wieder die Stimme von vorhin.

»Ja, Liebes, es geht ihm gut. Archie hält ihn in Schach …«

»Ach du lieber Himmel, lass dem armen Mann noch ein bisschen Luft zum Atmen, Archie!«, sagte Pfarrerin Margaret Prowse, als sie mit einer Kiste voller Sammelbüchsen unter dem Arm in die Küche kam.

»Nimm mir die doch bitte mal ab, mein Lieber, bevor ich sie fallenlasse. Die hat Peter hergebracht, obwohl die eigentlich ins Gemeindehaus gehören – ich weiß auch nicht, was er sich dabei gedacht hat!«

Es herrschte kurz Verwirrung, bis die Kiste überreicht war. Unter ihrer Last wirkte Frank beinahe wie ein Zwerg, als er hinüberwankte zu einem der vielen Stapel, der noch nicht zu hoch war, um noch etwas darauf abzustellen.

»Margaret Prowse!«, sagte die Frau, schob ihre Brille ein bisschen weiter hoch auf die Nase, damit sie Neil etwas genauer betrachten konnte, und kam dann mit freundlicher Miene und ausgestreckter Hand auf ihn zu, um ihn zu begrüßen.

»Wie schön, Sie kennenzulernen, Neil! Hatten Sie eine gute Anreise?«

»Ja, sehr gut. Der meiste Verkehr ging in die andere Richtung. Ich freue mich ebenfalls sehr, Sie kennenzulernen.«

Neil merkte, wie Margaret plötzlich durch einen Blick auf die große Wanduhr hinter ihm abgelenkt wurde.

»Ach du lieber Himmel! So spät schon?« Sie zog ein leicht zerknirschtes Gesicht in Neils Richtung. »Hören Sie, ich weiß, dass es nicht besonders gut passt, und ich hoffe, Sie halten mich nicht für unhöflich, aber ich muss noch mal kurz weg. Sie werden sicher schon bald merken, dass das Leben in einer Gemeinde nie vorhersehbar ist. Es dauert auch nicht lange. Ich habe heute Morgen einen Anruf von Violet bekommen, einem treuen Gemeindeglied. Es geht ihr sehr schlecht – ein Trauerfall, wissen Sie?«

»Ach«, sagte Neil. »Ein Familienangehöriger?«

»Ja und nein – es handelt sich um ihren Wellensittich Poppet. Wenn man fast neunzig ist und so ein Vogel die einzige Gesellschaft, dann ist der Verlust eines solchen Gefährten schon ein Schock. Violets Tochter kommt um halb zehn zur Beerdigung …«

Neil spürte, wie seine Augenbrauen fragend nach oben schossen.

»Nichts Offizielles natürlich. Poppet soll nur unter Violets Magnolie zur letzten Ruhe gebettet werden.«

»Hast du dir schon überlegt, was du sagen willst, Liebes?«, erkundigte sich Frank.

»Nein, noch nicht. Ich glaube, das mache ich am besten spontan. Ich habe gerade eben noch einmal einen Blick ins Gebetbuch geworfen und nachgeschaut, ob es zu diesem Anlass etwas Passendes gibt, habe aber leider nichts gefunden. Hätten Sie nicht vielleicht eine Idee, Neil?«

»Für die Beerdigung eines Wellensittichs?« Neil lockerte die Umklammerung um seinen Aktenkoffer ein wenig und stellte ihn dann hinter den Hocker, als er sah, dass Archie gelangweilt davonschlenderte. »Es ist gar nicht so einfach, wenn ein kurzer Abriss vom Leben und Wirken des lieben Verblichenen nicht in Frage kommt, wie bei einer normalen Beerdigung.«

»Ja, da haben Sie recht«, pflichtete Margaret ihm bei. »Aber Violet hat mir schon gesagt, dass sie zu dem Anlass ein Gedicht geschrieben hat. Vielleicht ist ja dann gar keine Ansprache mehr nötig. Und dann vielleicht noch ein Choral? Was meinen Sie?«

»›Geh aus mein Herz und suche Freud´?‹«, schlug Neil vor. »Da gibt es doch eine Zeile über Vögel und ihre Flügelein, wenn ich mich recht erinnere …«

Margaret grinste zustimmend. »Zwei Genies – ein Gedanke. Genau daran habe ich auch gedacht. Und dabei fällt mir ein, dass ich sogar die Instrumentalbegleitung für ›Geh aus mein Herz und suche Freud‹ auf meinem iPod habe. Ein bisschen Musik sorgt bestimmt für die richtige Atmosphäre. Weißt du, wo diese Lautsprecher sind, die wir mit im Urlaub hatten, Frank? Du weißt schon, die Dinger, die mit Batterie laufen.«

»Die sind oben im Schrank, glaube ich. Ich geh und seh' mal nach.«

»Wunderbar! Kannst du sie dann bitte gleich zur Hintertür bringen? Und Sie … vielleicht möchten Sie sich ja in der Zeit, in der ich weg bin, schon einmal die Kirche und die nähere Umgebung anschauen. Ich werde bestimmt nicht lange fort sein. Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie nicht mitnehmen kann, aber ich glaube, dass Violet im Moment mit neuen Gesichtern überfordert wäre.«

»Das verstehe ich. Und ich freue mich, dass ich so die Gelegenheit habe, mir die Kirche anzuschauen.«

»Gehen Sie einfach durch das Tor am Ende des Gartens und dann weiter geradeaus. Sie können sie gar nicht verfehlen.«

Nicht schon wieder!

»Die Kirchentür ist nicht verschlossen, aber sie ist schwer zu öffnen. Achten Sie darauf, dass sie nicht hinter ihnen zufällt, wenn Sie in der Kirche sind, denn dann klemmt sie oft, und man bekommt sie gar nicht mehr auf. Ich bin bald zurück, und dann können wir das Organisatorische besprechen, ja?«

Neil nickte, war sich dabei aber nicht ganz sicher, mit welchem Teil der Flut von Worten er sich einverstanden erklärt hatte.

Margaret war ohnehin nicht mehr im Raum.

»Frank! Frank, ich mache mich jetzt auf den Weg! Wo sind denn jetzt die Lautsprecher? Ach, da stehen sie ja.«

Zu seiner Überraschung hörte Neil ein schmatzendes Kussgeräusch, gefolgt von einer Flut weiterer Instruktionen:

»Denk bitte daran, die Koteletts aus der Kühltruhe zu nehmen, und vergiss nicht, dass du deinen Zahnarzttermin von Freitag verschieben musst. Ach ja, und heute muss der Gelbe-Sack-Müll rausgestellt werden. Tschüss, mein Lieber, tschüss!«

Ein Luftzug war zu spüren, als die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde – und weg war sie.

»So«, sagte Frank, als er wieder in die Küche kam. »Jetzt haben wir ja beide unseren Marschbefehl. Die Kirche ist in die Richtung. Bis zum Ende des Gartens, durchs Tor, geradeaus ein kleines Stück die Straße hoch – und dann sind Sie auch schon da!«

Dieses Mal konnte Neil es wirklich nicht verfehlen. Schon in dem Augenblick, als er durch das Gartentor trat, sah er St. Stephen's vor sich aufragen. Er atmete einmal tief durch. Schon als kleiner Junge hatte er alte Bauwerke geliebt, ganz besonders Kirchen. Das lag wahrscheinlich daran, dass diese auch eine Leidenschaft seines Vaters gewesen waren. Besonders hatte es ihm immer gefallen, eine Kirche zu entdecken, die er noch nie besichtigt hatte. Wie »aufgeschlagene Geschichtenbücher« seien alte Kirchen, hatte sein Vater immer gesagt, und Neil erinnerte sich an die vielen glücklichen Stunden, in denen sie zu zweit erst um eine alte Kirche herumgelaufen waren, um sie von außen zu betrachten, und dann das Innere besichtigt und eine normannische Steinmetzarbeit hier und dort einen gotischen Bogen entdeckt hatten. An Wandverzierungen, im Taufbecken oder sogar ganz oben an Säulen hatten sie die persönlichen Zeichen der Steinmetze eingeritzt gefunden – Gesichter, die wahrscheinlich frappierende Ähnlichkeit hatten mit denen mancher Gemeindeglieder zur Zeit der Künstler. Sie hatten Türme mit Glocken besichtigt, die seit unzähligen Generationen jeden Sonntag läuteten (außer während des Zweiten Weltkrieges, wie ihm sein Vater erklärt hatte); sie hatten Wandteppiche gesehen und mittelalterliche Gemälde, auf denen biblische Geschichten dargestellt waren für die Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten, und oft hatten sie sogar Schwalben gesehen, die seit Urzeiten unter den Dachüberständen nisteten.

Der kleine Neil hatte seinem Vater wie gebannt zugehört, hatte sich die Steinmetze bei der Arbeit vorgestellt und die Gläubigen in alten Zeiten, und staunend hatte er die gewaltigen Glocken betrachtet. Dem kleinen Jungen damals war es so vorgekommen, als ob sein Vater die Geschichte jeder Kirche wie aus einem Buch vorlesen konnte. Er kannte große und kleine Einzelheiten, die so viel über die Menschen aussagten, die vor ihnen dieses Gebäude gekannt hatten.

»Wenn diese Wände sprechen könnten …«

Neil hatte immer noch genau vor Augen, wie der Gesichtsausdruck seines Vaters ganz weich wurde, wenn er das sagte.

»… sie sind durchtränkt mit alldem, was hier drinnen passiert ist. Deshalb haben alte Kirchen eine so wunderbare Atmosphäre. Sie haben so viel gesehen, so viele Gefühle miterlebt, all die Sorgen, Hoffnungen, Freuden und den Kummer der Menschen, die im Laufe der Jahre hier zusammengekommen sind – diese Wände haben das alles aufgesogen. Die könnten vielleicht Geschichten erzählen …«

Neil merkte, wie er bei diesen Gedanken langsamer wurde. Sein Vater war mittlerweile schon seit fünfzehn Jahren tot, aber er vermisste ihn immer noch. Die letzte Krankheit hatte ihm die Lebensfreude und auch die Würde genommen. Jetzt hatte er seine Ruhe, dachte Neil mit einem schiefen Lächeln – zumindest Ruhe vor der scharfen Zunge seiner Frau!

Es hieß oft, Neil sähe seinem Vater so ähnlich, und diese Ähnlichkeit erkannte er auch selbst, allerdings nur bei dem drahtigen Haar, das er von seinem Vater geerbt hatte. Er trug es allerdings im Unterschied zu seinem Vater kurz geschnitten, sodass man kaum sah, wie lockig es eigentlich war. Vater und Sohn hatten außerdem das gleiche, etwas schiefe Grinsen gehabt, wenn sie lachten, was oft der Fall gewesen war, denn sie hatten auch einen ganz ähnlichen Humor. Doch darüber hinaus konnte Neil wenig Ähnlichkeit mit seinem Vater erkennen. Seine breiten Schultern und die etwas gedrungene Figur hatte er eher von der Seite seiner Mutter. Ihre Brüder waren alle erfolgreiche Rugbyspieler gewesen, was sie gern bei jeder passenden – und auch unpassenden – Gelegenheit erzählte. Von seiner Statur her wäre auch Neil ein perfekter Gedrängehalbspieler gewesen, aber schon allein der Gedanke, auch nur in die Nähe eines Knäuels von Angriffsspielern zu geraten, war für ihn ein Alptraum.

Der Friedhof war richtig schön. Es war vielleicht etwas seltsam, das über einen Friedhof zu denken, aber er hatte Friedhöfe schon immer faszinierend gefunden, besonders weil er als Kind stundenlang über sie geschlendert war und die Inschriften auf den Grabsteinen gelesen hatte. Neil warf auch jetzt einen kurzen Blick auf die Steine, die direkt am Weg standen, und nahm dabei vage wahr, dass die Kirchturmuhr gerade zwölf Uhr schlug, als er den gotischen Bogen des Eingangsportals erreichte. Trotz Margarets Vorwarnung war das Portal ganz leicht zu öffnen. Neil brauchte nur leicht am Knauf zu drehen, und es ließ sich mühelos aufdrücken, sodass er die Kirche betreten konnte.

Nachdem er einen Augenblick stehen geblieben war, um das Wesen des Gebäudes tief in sich aufzunehmen, ging er an der hintersten Kirchenbank entlang und bog dann in den Mittelgang. Erst da merkte er, wie warm es draußen in der Spätfrühlingssonne gewesen war. Im Innern der Kirche war es still und kühl, eine Oase der Ruhe, die aber das emsige Treiben der Stadt mit ihrem Marktplatz nicht vollständig aussperrte. Er konnte immer noch den Verkehrslärm hören, Kinderstimmen aus der nahegelegenen Schule und sogar leises Vogelgezwitscher, aber es fühlte sich an, als wäre eine Decke über das Gebäude gebreitet, die alle Geräusche dämpfte, sodass sie weit weg schienen.

Würde diese Kirche sein geistliches Zuhause werden können? Das überlegte er, als er nach vorn zum Altarraum ging und dabei das große geschnitzte hölzerne Kreuz über dem Altar im Blick hatte.

War das hier das Richtige? Würde er dieser Gemeinde etwas zu geben haben? Würde das, was er als Vikar einbringen konnte, die Gemeinde positiv verändern? Würde er hier glücklich werden und ein erfülltes Leben führen können?

Plötzlich spürte er, wie einen Seufzer, einen kalten Luftzug im Rücken – und im selben Moment schlug durch eben diesen Luftzug die schwere Kirchentür zu und machte dem Frieden ein Ende. Das Echo hallte durch das gesamte alte Gemäuer bis hoch hinauf in die Dachsparren.

***

Frank ging sofort nach dem ersten Läuten an den Apparat.

»Ach Frank, mein Lieber, bin ich froh, dass ich dich erreiche!« Margaret wartete gar nicht erst, bis ihr Mann sich gemeldet hatte, sondern redete sofort drauflos:

»Diese Wellensittichgeschichte erweist sich doch als ein bisschen komplizierter, als ich gedacht habe. Violet lebt in einer Wohnanlage für betreutes Wohnen, die, wie du ja weißt, von einem kommunalen Träger betrieben wird. Violet möchte ihren Wellensittich gern in ihrer Nähe begraben haben, also irgendwo im Park der Anlage, aber irgend so ein Paragraphenreiter sagt, dass wir eine schriftliche Genehmigung brauchen, wenn der Wellensittich auf kommunalem Grund und Boden begraben werden soll. Das ist doch nicht zu fassen, oder? Jedenfalls ist Violet völlig mit ihrer Trauer beschäftigt, und ihre Tochter droht damit, die Presse einzuschalten. Ich muss also noch ein bisschen hierbleiben, um die Wogen zu glätten.«

»Und vielleicht ja sogar noch, um Weihwasser auf kommunalen Grund und Boden zu sprenkeln!«, gluckste Frank. »Ach, du Ärmste. Aber wenn irgendjemand das geregelt bekommt, dann du.«

»Es geht nur darum, dass Neil, der neue Vikar – also hoffentlich unser neuer Vikar, wenn ich ihn überzeugen kann, zu uns zu kommen – sich ja fragen muss, wieso ich ausgerechnet heute so viel zu tun habe, wo ich doch gewusst habe, dass er extra den ganzen weiten Weg herkommt …«

»Na ja, dann bekommt er wenigstens gleich eine Vorstellung davon, wie viel hier zu tun ist und wie dringend er gebraucht wird, oder?«, antwortete Frank.

»Könntest du es ihm vielleicht erklären und ihn um Verständnis bitten? Sag ihm, er kann ja inzwischen schon mal einen Blick auf die Protokolle der letzten Kirchenvorstandssitzungen werfen. Und dann ruf Peter an und sag ihm, er soll vorbeikommen und Neil erzählen, wie aktiv der Kirchenvorstand von St. Stephen's ist.«

»Aber er ist gar nicht hier, Margaret«, sagte Frank ein wenig ratlos. »Er ist gegen zwölf rüber in die Kirche gegangen, wie du vorgeschlagen hast. Ich bin eine ganze Weile weg gewesen, aber ich glaube nicht, dass er noch einmal vorbeigekommen ist. Ich bin zur Sicherheit sogar noch einmal zur Kirche gegangen, um nachzuschauen, ob er vielleicht noch dort ist, hab reingeschaut und ihn ein paar Mal gerufen, aber da war keine Spur von ihm. Ich glaube, er ist wieder nach Hause gefahren.«

»Das ist aber merkwürdig! Sein Brief klang so, als hätte er wirklich Interesse an der Stelle. Na ja, wahrscheinlich hat er einen Blick auf die Kirche geworfen – und auf uns – und ist dann zu dem Schluss gekommen, dass es nichts für ihn ist!«

»Sein Pech.«

»Ja, absolut.«

»Trotzdem merkwürdig.«

»Ja, wirklich.«

»Also gut, ich muss jetzt hier weitermachen. Viel Glück mit dem Wellensittich, Liebes.«

»Ach, mit dem Wellensittich werde ich schon fertig. Das Schwierigste sind die Offiziellen von der Kommunalverwaltung. Die muss man wirklich mit Samthandschuhen anfassen.«

»Sie kennen dich noch nicht, oder? Mit denen wirst du schon fertig.«

Frank konnte praktisch durchs Telefon hören, wie sie am anderen Ende der Leitung lächelte.

»Ich komme, so bald ich kann. Tschüss, mein Lieber.«

Und dann war die Leitung tot.

***

Die größte Erleichterung war, dass er eine Toilette gefunden hatte. Es waren drei Stunden vergangen, seit das Eingangsportal zugeschlagen und er eingesperrt war. Obwohl er gerufen, dagegen getreten und gebetet hatte, gab die gewaltige alte Tür nicht nach, und er saß hier fest. Am schlimmsten von allem war der Augenblick etwa fünf Minuten nach dem Zufallen der Tür gewesen, als er gemerkt hatte, dass sein Aktenkoffer immer noch hinter dem Hocker in Margarets Küche stand, auf dem er von Kater Archie in Schach gehalten worden war. Darin befand sich nämlich sein Handy, und ohne Handy hatte er keine Chance, sich bemerkbar zu machen.

Einen kurzen, hoffnungsvollen Moment lang hatte er geglaubt, jemanden an der Tür gehört zu haben, aber genau zu dem Zeitpunkt war er in der Sakristei gewesen und hatte sich dort die Papiere auf dem Schreibtisch und die Bücher in den Regalen angeschaut, um sich die Zeit zu vertreiben. Er hatte gerade ein Gesangbuch aufgeschlagen in der Hoffnung, dass vielleicht eine Strophe von »Großer Gott wir loben dich« seine Stimmung ein bisschen heben würde, da war ihm gewesen, als hätte er etwas gehört – vielleicht Schritte; und war da nicht auch eine Stimme gewesen, die seinen Namen gerufen hatte? Er war ins Hauptschiff gerannt und den Mittelgang entlang nach hinten zur Eingangstür, hatte gerufen, so laut er konnte, und dann so fest er konnte mit den Fäusten gegen die schwere alte Tür gehämmert, die ihn gefangen hielt und sich keinen Millimeter bewegte – aber nichts. Keine erleichterte Stimme von draußen, niemand, der die Tür geöffnet hätte. Gar nichts!

Vor lauter Frust ganz erschöpft, war Neil zurück Richtung Altarraum gewankt und hatte sich an das alte steinerne Taufbecken gelehnt. Wie konnte es sein, dass sie ihn gar nicht vermissten? Wo war Margaret? Wunderte sich Frank denn gar nicht, dass er noch nicht wieder zurück war?

Was hatte Margaret noch gleich über die Tür gesagt? Dass sie klemmte? Dass sie nur schwer wieder aufzubekommen war? Neil ließ sich in die hinterste Bankreihe fallen, entnervt und erschöpft von einem weiteren erfolglosen Versuch, die Tür durch Zerren, Betteln, Drücken und sogar Treten aufzubekommen. Sie gab keinen Millimeter nach.

Er schlug die Hände vors Gesicht, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und verstand einfach nicht, wieso niemand kam und nach ihm suchte. Konnten das Margaret oder Frank gewesen sein, die er vorhin zu hören geglaubt hatte? Dachten sie vielleicht, dass er einfach wieder abgefahren war, ohne sich auch nur zu verabschieden? Sie mussten doch seinen Aktenkoffer in der Küche entdeckt haben. Ihm kam der Anblick der Küche wieder in den Sinn mit all den Stapeln und Haufen von Sachen auf jeder nur denkbar freien Fläche. Er hatte seinen Aktenkoffer hinter den Hocker gestellt, auf dem er gesessen hatte. Ob sie ihn dort überhaupt entdecken würden? Doch – sie würden ihn sicher finden! Allerdings fragte er sich auch mit leicht gerunzelter Stirn, ob sie in dem Durcheinander dort überhaupt jemals etwas fanden.

Aber da war ja auch noch sein Wagen! Er stöhnte laut auf, als ihm klar wurde, dass er den ja ein Stück weiter die Straße hinauf geparkt hatte, um nicht die Einfahrt zum Pfarrhaus zu blockieren. Margaret und Frank wussten also gar nicht, dass der Wagen, der dort abgestellt war, ihm gehörte, und deshalb würde er ihnen wahrscheinlich auch nicht weiter auffallen.

Wann wohl die Kirche das nächste Mal wieder für eine Veranstaltung geöffnet werden würde? Vielleicht zur Abendandacht? Allerdings fielen in kleinen Gemeinden wie dieser mit nur einem hauptamtlichen Pfarrer die Andachten auch oft aus, weil der Pfarrer zu den festgesetzten Zeiten andere Termine hatte. Margaret war an diesem Tag den ganzen Nachmittag mit der Beerdigung des Wellensittichs beschäftigt. Wie lange es wohl dauern würde? Ob sie heute wohl noch Zeit für die Abendandacht haben würde?

Plötzlich bemerkte Neil ein tiefes, grummelndes Geräusch, das bei genauerem Hinhören von seinem Magen kam. Er war kein Mensch, der einfach Mahlzeiten auslassen konnte, ohne es zu merken. Sehnsuchtsvoll erinnerte er sich an das gekochte Ei und den Toast, die er morgens um acht verzehrt hatte. Als er jetzt auf seine Uhr schaute, stellte er fest, dass er mittlerweile seit beinah vier Stunden in der Kirche festsaß. Kein Wunder, dass sich sein Magen beschwerte. Er brauchte etwas zu essen, und zwar sofort! Wie ein Fuchs auf nächtlichem Beutezug beschloss Neil, jeden Winkel der Kirche nach etwas Essbarem abzusuchen. Es musste hier doch irgendwo ein paar Kekse geben! Schließlich wurden in jeder Gemeinde nach dem Gottesdienst Tee und Plätzchen angeboten!

Und so machte er sich wieder auf den Weg zur Sakristei – ein Mann mit einer Mission.

***

Es war schon nach sechs, als Frank Margarets Schlüssel im Schloss hörte.

»Melde Vollzug«, sagte sie grinsend. »Poppet hat doch noch einen sehr schönen stillen Abschied und ein würdevolles Begräbnis bekommen. Wir haben in Violets Wohnung ›Geh aus mein Herz … ‹ gesungen, und ich habe ein paar Worte gesagt, dann sind wir schnell nach unten in den Park geflitzt und haben den Frevel begangen, als der Verwaltungsmensch Feierabend hatte und uns deshalb nicht dabei sehen konnte.«

»Gut gemacht, meine Liebe. Ich wusste doch, dass dir etwas einfallen würde.«

»Immer noch kein Lebenszeichen von Neil?«

»Nein, nichts.«

»Merkwürdig.«

»Ja, das finde ich auch.«

»Kommt dieser verführerische Duft von den Koteletts?«

»Mit Backäpfeln, genauso, wie du sie magst.«

»Und mit Bratkartoffeln?«

»Womit denn sonst?«

»Ich bin am Verhungern! Gib mir fünf Minuten, um mich ein bisschen zu sammeln, dann komme ich und decke den Tisch.«

»Wie wäre es denn mit dem ganz besonderen Vergnügen, auf dem Sofa vor dem Fernseher zu essen?«, schlug Frank vor. »Dann können wir dabei die Nachrichten schauen.«

»Perfekt«, stimmte Margaret zu und war schon unterwegs nach oben.

Ein paar Minuten später kam sie wieder in die Küche, wo Frank gerade ein letztes Mal die Soße abschmeckte und umrührte. Beim Duft der Äpfel und Koteletts, die Frank auf zwei Tellern anrichtete, lief Margaret das Wasser im Mund zusammen, aber als sie nach den Tabletts griff, die auf dem Fußboden neben der Kommode standen, hielt sie plötzlich verblüfft inne und sagte: »Sieh doch mal, Frank!«

Als er tat, was sie sagte, wurden seine Augen ganz groß vor Schreck.

»Neils Aktenkoffer! Er hat ihn hiergelassen!«

»Aber warum ist er nicht noch einmal hergekommen, um ihn zu holen?«, fragte Margaret.

»Vielleicht hat er es einfach vergessen.«

Ein paar Sekunden lang starrten sie einander nur an und hatten dabei offenbar den gleichen Gedanken.

»Oder«, sagte Margaret langsam, »er ist noch gar nicht weg.«

»Aber in der Kirche kann er nicht sein … da war ich nämlich. Ich habe gerufen, und es kam keine Antwort.«

»Hast du denn auch in der Sakristei nachgesehen?«

»Nein, was hätte er denn da zu suchen gehabt?«

»Na, vielleicht ist ihm kalt geworden oder langweilig, oder er musste zur Toilette. Er kann aber nicht mehr in der Kirche sein, Frank, oder?«

»Diese vermaledeite Tür!«

Und mit diesen Worten stürzten sie gleichzeitig aus der Küche und den Gartenweg hinunter. Als sie über den Friedhof zur Kirche rannten, entdeckte Frank das Licht.

»Das habe ich ganz sicher nicht angelassen!«, rief Margaret. »Das muss er angemacht haben.«

Innerhalb von Sekunden waren sie an dem großen Portal, und Frank griff nach dem Eisenring, mit dem der Riegel der uralten Tür geöffnet wurde. Seltsamerweise funktionierte das von außen tadellos, aber von innen musste man genau den richtigen Dreh heraushaben. Warum um Himmels willen hatte sie Neil das nicht besser erklärt?

Sie stürzten praktisch gleichzeitig durch das alte Portal in die Kirche, aber ihr Rufen traf auf absolute Stille. Neil war nirgends zu sehen. Es brannte zwar ein kleines Licht, aber die Kirche war leer.

»Vielleicht ist er ja in der Sakristei«, meinte Frank. »Ich geh und schau nach.«

»Frank«, sagte Margaret jetzt nur noch flüsternd. »Was ist das für ein Geräusch?«

Frank blieb stehen, legte den Kopf ein bisschen schräg und horchte intensiv.

»Was auch immer es ist, es kommt von irgendwo hier drinnen«, sagte Frank und schaute sich im Kirchenschiff um. »Ich glaube, von da vorne.«

»Sei vorsichtig, Schatz. Vielleicht ist er es ja gar nicht.«

Frank legte seinen Zeigefinger auf die Lippen als Zeichen, dass sie sich ruhig verhalten sollte, ging dann auf Zehenspitzen den Mittelgang entlang nach vorne und blieb abrupt stehen, als er auf Höhe der zweiten Bankreihe angelangt war. Schweigend bewegte er sich daran entlang und beugte sich irgendwann vor, um auf die Sitzfläche vor sich zu schauen.

Dann drehte er sich zu ihr um und sagte lächelnd: »Komm mal her und schau dir das an!«

Was sie sah, als sie kurz darauf neben ihm stand, brachte auch sie zum Lächeln, denn sie schauten hinunter auf den friedlich schlummernden Neil, der lang ausgestreckt auf der Bank lag, den Kopf auf einen Betschemel gebettet, und mit halb offenem Mund laut schnarchte. Auf dem Fußboden unter ihm lag eine offene Schachtel mit Abendmahlsoblaten – oder jedenfalls dem, was davon noch übrig war – und auch den Abendmahlswein hatte er anscheinend gefunden denn der Silberkelch, den sie im Sonntagsgottesdienst benutzten, und in dem nur noch ein letzter kleiner Schluck eben den Boden bedeckte, stand neben seinem herunterbaumelnden Arm.

»Verhungert ist er jedenfalls nicht«, sagte Frank. »Das ist ja schon mal beruhigend.«

Beim Geräusch ihrer Stimmen öffnete Neil ruckartig die Augen, und für einen kurzen Moment war deutlich zu merken, dass er nicht mehr wusste, wo er war.

»Also dann«, sagte Margaret in ihrem nüchternen Ton, den er später noch so gut kennenlernen sollte. »Es gibt Schweinekoteletts zum Abendessen. Kommen Sie?«

ZWEI

»Ich bin schließlich deine Mutter, Neil. Ich weiß das!«

Durch den Bluetooth-Ohrhörer, den Neil während der Fahrt benutzte, war Iris Fishers Stimme nicht ganz so penetrant. Er war trotzdem versucht, zusätzlich die Lautstärke herunterzudrehen, aber jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass, wenn er auch nur eine einzige, scheinbar noch so unwichtige Einzelheit aus den täglichen Monologen seiner Mutter verpasste, sie noch monatelang darauf herumhacken würde, wenn sie es merkte.

»Du bist immer so voreilig.« Sie war jetzt richtig in Fahrt. »Nie lässt du dir die Zeit, deine Alternativen zu bedenken – und du siehst ja, wohin das dieses Mal geführt hat! Wer hat denn schon jemals von einem entlegenen Kaff namens Dumbridge gehört?«

»Es heißt Dunbridge, Mutter, und es ist ganz und gar nicht entlegen, sondern nur anderthalb Kilometer von der A1 entfernt und deshalb auch gut ausgeschildert.«

»An der Straße nach jwd, und das ist genau die Straße, auf der du auch gerade unterwegs bist. Also ehrlich, Neil, werd' endlich erwachsen. Ein Posten als Vikar in einem Ort, den kein Mensch kennt …?«

»Vielleicht kennst du ihn nicht, aber es gibt viele, die ihn sehr wohl kennen – zum Beispiel die sechstausend Menschen, die dort wohnen.«

»Was kann denn das schon für eine Gemeinde sein in einem so entlegenen Nest? Wie willst du es da jemals schaffen, an höherer Stelle auf dich aufmerksam zu machen? Hast du denn gar keinen Ehrgeiz weiterzukommen? Wenn du in so einem Provinznest anfängst, dann bleibst du da hängen, lass dir das von mir gesagt sein!«

Neils Fingerknöchel waren schon ganz weiß, so fest umklammerte er das Lenkrad, und er merkte, wie er ganz langsam und lange ausatmete. Iris dagegen holte anscheinend überhaupt nicht Luft.

»Und noch etwas. Meinst du, das hätte sich dein Vater für dich vorgestellt? Hast du daran schon mal gedacht? Er war ein Mann mit Format und hatte etwas erreicht, als er in den Ruhestand ging – Seniorpartner bei Hewitt, Manley und Fisher war er. Was würde er wohl davon halten, wenn sein einziger Sohn sich sämtliche Chancen verbaut, um ausgerechnet Pfarrer zu werden?«

»Also ich glaube, es hätte ihm ganz gut gefallen …«

»Die Vorstellung, dass sein Sohn – in welcher Form auch immer – unter seinen Möglichkeiten bleibt, hätte ihm ganz und gar nicht gefallen. Und dabei hättest du dich für so vielversprechende, viel eindrucksvollere Berufe entscheiden können, Neil. Berufe, in denen du Karriere machen könntest und die deiner würdig wären, und deines Vaters – und meiner.«

»Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, Mutter, und ich kann mir schon ganz gut selbst Gedanken machen …«

»Dann tu das doch gefälligst auch mal, Neil! Sieh endlich ein, dass diese Schnapsidee, Pfarrer zu werden, ja vielleicht ganz lustig ist, aber unsinnig – und der Gedanke, dass du in irgendeinem Provinznest namens Dumbridge versauerst, ist doch lächerlich.«

»Es heißt Dunbridge, Mutter – und außerdem ist die Entscheidung schon gefallen. Ich sitze in meinem vollgepackten Wagen und bin schon fast da. In ein paar Minuten bin ich bei meinem neuen Haus.«

»Dann halt an, Neil, halte sofort an! Kehr um, komm nach Hause und lass mich eine schöne Stelle als Steuerberater für dich organisieren. Das hätte sich auch dein Vater gewünscht.«

»Entschuldige, Mutter, aber die Verbindung ist gerade ganz schlecht. Ich rufe dich morgen wieder an.«

Eine kleine Notlüge, ein schnelles Gebet um Vergebung, und Neil schaltete mit einem Seufzer der Verzweiflung sein Handy ab. Das Gespräch – so man es denn überhaupt so bezeichnen konnte – das er gerade mit seiner Mutter geführt hatte, war wie eine Endlosschleife, die sie unablässig spielte seit dem Moment vor vier Jahren, als er ihr zum ersten Mal von seinem Entschluss erzählt hatte, seiner Berufung zu folgen und Pfarrer zu werden. Trotz des eindringlichen, tränenreichen, manchmal boshaften und oft herzerweichenden Widerstandes seiner Mutter hatte er sich für die Ausbildung zum Gemeindepfarrer entschieden und sich nach dem Studium um eine Vikarstelle beworben. Doch sie hatte trotzdem weiter so heftig argumentiert, gezetert, gebettelt und geschluchzt – dass es ihr körperlich wirklich sehr zusetzte und sie Neil versicherte, dass es auf jeden Fall seine Schuld sei, wenn sie stürbe (was, wie sie behauptete, unmittelbar bevorstand). Doch er war standhaft geblieben – und sie am Leben. Er brachte Bewerbungsgespräch um Bewerbungsgespräch hinter sich bis zu dem wundervollen Tag, an dem er die Nachricht bekommen hatte, dass er für die praktische Ausbildung in der Gemeinde angenommen worden sei. Er war begeistert und überwältigt von dem Gefühl, jetzt endlich seiner Bestimmung gerecht zu werden. Seine Mutter war untröstlich gewesen und hatte dann beschlossen, die Schweigestrategie zum Einsatz zu bringen, und zwar drei volle Tage lang – was Neil allerdings, ehrlich gesagt, wie ein Gottesgeschenk vorgekommen war. Er wusste, dass er seiner Berufung folgen und bei seinem Entschluss bleiben musste, und deshalb konnte ihn auch ihr geballter Widerstand nicht aufhalten.

Ja, und da saß er jetzt also in seinem bis zum Dach vollgepackten Wagen, und St. Stephen's schaute von der Stirnseite des Marktplatzes auf ihn herab. Seine Stimmung verbesserte sich zusehends, und er hielt kurz an, um die Kulisse vor sich ganz bewusst aufzunehmen. Wahrscheinlich hatte sich der Charakter dieses Platzes seit Jahrhunderten nicht wesentlich verändert. Es gab zwar an den Straßen um den Marktplatz moderne Läden mit den bekannten Logos, die es in den Hauptstraßen der Städte im ganzen Land gab, aber sie befanden sich zwischen eher traditionellen Geschäften, die aussahen, als befänden sie sich schon seit Generationen dort. Es gab auf der einen Seite des Marktplatzes eine Pferdetränke und auf der anderen eine Postkutschenstation – beides erinnerte an Zeiten, als die Menschen noch mit Pferdekutschen und nicht mit Autos unterwegs waren. Bei seiner Ankunft herrschte emsiges Treiben auf dem Marktplatz, und viele Menschen saßen an Tischen in der Mitte des Platzes im Freien und tranken Kaffee. Alles kam ihm so gesetzt und behaglich vor, und er spürte instinktiv, dass er sich hier zu Hause fühlen würde. Mit diesem Gefühl startete er seinen Wagen wieder, fuhr weiter am Marktplatz entlang hinauf zur Kirche und bog dann rechts ab, wo er das Anwesen fand, das künftig sein Zuhause sein würde. Seine Adresse war Pfarrgarten 96. Wie passend für einen frisch gebackenen Vikar.

Von dem Haus hatte er noch an jenem schönen Abend erfahren, den er nach dem peinlichen »Kirchentürzwischenfall« schließlich doch noch bei Schweinekoteletts und Bratkartoffeln mit Margaret und Frank verbracht hatte. Eine Woche später hatten Margaret und er sich dann noch einmal für einen Tag getroffen, um alle möglichen Details seiner Arbeit zu klären, zum Beispiel, wo genau er wohnen würde, welche Aufgaben er übernehmen sollte und wie seine weitere Ausbildung organisiert sein würde. Sein Kopf war so voll gewesen mit Fakten, Namen, Terminen und Orten, dass selbst die Notizen, die er sich gemacht hatte, ein einziges Durcheinander gewesen waren. Es gab so viel zu erfahren, zu bedenken und sich zu merken. Doch immer eins nach dem anderen! Zum x-ten Mal griff er jetzt in seine Tasche, um sich zu vergewissern, dass der Schlüssel noch da war, den er ein paar Tage zuvor mit der Post bekommen hatte. Er hatte in einem Briefumschlag gesteckt, zusammen mit einer Karte, die unterschrieben war mit »Peter Fellowes, 1. Vorsitzender des Kirchenvorstandes«. So weit, so gut!

Als er in den Pfarrgarten einbog, war er vom ersten Eindruck der Nummer 96 angenehm überrascht. Es war ein relativ neues, frei stehendes Haus, vermutlich aus den 80er Jahren, schätzte er, denn dem mit Sträuchern und Bäumen bepflanzten Garten um das Haus herum war anzusehen, dass er nicht frisch angelegt war. Über dem großen Erkerfenster an der Frontseite des Hauses befanden sich im Obergeschoss zwei weitere Fenster, die vermutlich zu den Schlafzimmern gehörten. Neil musste plötzlich lächeln, als er feststellte, dass die Haustür in einem dunklen Purpur gestrichen war, fast exakt dem Farbton einer Bischofsrobe. Das würde seiner Mutter mit Sicherheit gefallen. Sie würde es als Zeichen werten, dass ihrem einzigen Sohn noch Großes bevorstand.

Die Straße vor dem Haus war ziemlich schmal, und weil er wusste, dass er einiges aus dem Wagen auszuladen hatte, parkte Neil auf dem Grünstreifen direkt vor dem Haus. Doch zunächst einmal lud er noch nichts aus, sondern stieg aus und ging durch den Garten zur Haustür.

Diesen Moment muss ich richtig auskosten, dachte er. Das hier ist ein bedeutendes Ereignis.

»Hallo, Sie da, ist das Ihr Auto?«

Neil drehte sich um und sah einen alten Mann in Hausschuhen vor der Haustür des Nachbarhauses, der ihn wütend anstarrte. Überrascht und erschrocken über die feindselige Haltung des Mannes erinnerte er sich rasch an das Gebot »Liebe deinen Nächsten«, bevor er sein nettestes Lächeln aufsetzte, auf den Zaun zwischen den beiden Grundstücken zuging und seine Hand ausstreckte, um den neuen Nachbarn zu begrüßen.

»Freut mich, Sie kennenzulernen!«, sagte Neil. »Ich bin Ihr neuer Nachbar. Gut, dass wir uns so schnell kennenlernen. Ich bin Vikar Neil …«

»Es ist mir schnurzegal, wer Sie sind!«, sagte der Mann. »Sie können jedenfalls den Wagen da nicht stehen lassen, also weg damit!«

Ein bisschen verunsichert warf Neil einen Blick auf das angeblich falsch abgestellte Fahrzeug und sagte dann: »Ich parke den Wagen woanders, so schnell es geht, aber ich muss erst noch ein paar schwere Sachen …«

»Sofort! Sofort weg damit! Sie ruinieren ja den ganzen Grünstreifen!«

»Ach ja?«, stotterte Neil. »Na ja, wenn das so ist, können Sie mir ja vielleicht sagen, wo mein Parkplatz ist.«

»Sie haben keinen!«

Neil schaute auf der ziemlich ruhigen und leeren Straße erst nach rechts und dann nach links und wandte sich dann wieder an den Mann.

»Anscheinend gibt es ja genügend Parkplätze. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass der freie Platz vor meinem Haus auch mein Parkplatz ist.«

»Nein, das ist meiner.«

»Gut«, entgegnete Neil mit einem Nicken, war allerdings immer noch ein bisschen irritiert beim Anblick des alten Volvos, der in der Nähe parkte. »Und wem gehört dann das Auto dort vor Ihrem Haus?«

»Das ist auch meins.«

»Dann haben Sie also zwei Parkplätze?«

»Nein, ich habe einen Parkplatz – und den Grünstreifen.«

»Auf dem Sie ebenfalls parken …?«

»Nein!«, kam umgehend die verächtliche Antwort. »Nur Idioten parken auf Grünstreifen!«

»Ach so, dann kümmern Sie sich also um den Grünstreifen vor dem Haus?«

»Ich kümmere mich um diesen hier und den da und um die die ganze Straße hinunter.« Dabei gestikulierte der Mann wild mit den Armen, um all die Grünstreifen beiderseits der Straße zu erfassen. »Die Straße heißt schließlich Pfarrgarten und nicht Pfarrparkplatz! In Gärten wächst Grün, und ein Grünstreifen ist kein Parkplatz. So, und jetzt machen Sie schon! Wirdś bald?«

»Tja, hmmm …« Neil sah sich um und überlegte ein bisschen beklommen, wo er jetzt seinen Wagen abstellen sollte, ohne für Ärger zu sorgen, aber auch so nah an seiner neuen Bleibe, dass er seine etwas schwereren Habseligkeiten ohne allzu viel Mühe aus dem Wagen ins Haus tragen konnte.

»Alf!«, war eine Frauenstimme durch die offene Haustür des Nachbarhauses bis hinaus in den Garten zu hören. »Sie machen doch nicht etwa dem neuen Vikar schon jetzt das Leben schwer, oder?«

Eine zierliche Frau mittleren Alters tauchte in der Haustür auf und kam dann zügig auf die beiden Männer zu.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich muss mich wirklich entschuldigen. Was für eine schreckliche Begrüßung für Sie!«

»Ach, das macht doch nichts«, antwortete Neil erleichtert. »Ich bin Neil Fisher, der neue Vikar.«

»Und ich bin Maureen Allen, Alfs Betreuerin vom Pflegedienst. Ich komme zwei Mal am Tag, um ihn zu versorgen – aber er ist mir entwischt, als ich ganz kurz nicht aufgepasst habe. Ich hoffe, er hat Sie nicht schon herumkommandiert, bevor sie auch nur Ihre Haustür aufgeschlossen haben.«

»Ach nein! Er hat mir nur ein paar hilfreiche Tipps gegeben.«

Maureens Stimme war streng, als sie sich an den alten Herrn wandte und sagte:

»Sie haben sich mal wieder als Herr über die Grünstreifen aufgespielt, stimmtś, Alf?«

Alfs Miene nahm einen Ausdruck kummervollen Ärgers an.

»So, und jetzt kommen Sie wieder ins Haus, Sie verrückter alter Knabe. Ich habe Ihnen Ihren Tee gemacht – und wie wäre es mit einem Stück von Ihrem Lieblingskuchen dazu?«

Diesem Vorschlag konnte Alf allem Anschein nach denn doch nicht widerstehen, denn er machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück ins Haus.

»Und was ist mit Ihnen, Herr Pfarrer? Möchten Sie vielleicht auch einen Tee und ein Stück Kuchen?«

»Vielen Dank, das ist sehr freundlich, aber jetzt lieber nicht«, antwortete Neil lächelnd. »Bleibt allerdings immer noch die Frage, wo ich meinen Wagen abstellen kann.«

»Genau da, wo er jetzt steht. Ignorieren Sie ihn einfach. Tschüss, Herr Pfarrer.«

Und mit diesen Worten verschwand Maureen wieder im Haus und schloss die Tür von innen. Neil setzte den kurzen Weg zu seiner eigenen Haustür fort, und mit einem Gefühl tiefer Befriedigung darüber, etwas geleistet zu haben, steckte er den Schlüssel ins Schloss der Tür zu seinem neuen Zuhause und zu einem ganz neuen Leben.

Was ihm als Erstes auffiel, war der helle Flur, in den durch ein Seitenfenster auf halber Höhe der Treppe Sonnenlicht fiel. Das Haus roch nach frischer Farbe und Putzmittel mit Zitronenduft. Hier war seinetwegen eindeutig schwer geschuftet worden, eine Vorstellung, die ihn rührte und ihm das Gefühl gab, wirklich willkommen zu sein.

Von dem hellen Flur aus gelangte er in ein großes, schönes Wohnzimmer, das durch einen halbrunden Durchgang unterteilt war in einen Wohnbereich, der zur Straße hinausging, und einen Essbereich mit bodentiefen Fenstern zum Garten hinaus. An der linken Esszimmerwand befand sich eine Durchreiche, durch die Neil in die mittelgroße, gut ausgestattete Küche schaute.

Als er wieder im Flur war, um von dort aus in die Küche zu gehen und sie sich ein bisschen genauer anzusehen, entdeckte er eine Tür unter der Treppe, von der er glaubte, es könnte sich vielleicht eine Gästetoilette dahinter befinden, aber stattdessen fand sich dort eine Sammlung praktischer Gegenstände, wie zum Beispiel ein Staubsauger, ein Mopp, ein Eimer und ein Wäscheständer. Die Leute aus der Gemeinde hatten anscheinend wirklich an alles gedacht. Es war überall picobello sauber und aufgeräumt, und an einer Hakenleiste in der Küche hingen sogar gestärkte und frisch gebügelte Geschirrhandtücher. Es war eine Besteckschublade vorhanden, in der in ordentlichen Reihen Messer, Gabeln und Löffel lagen, und im Schrank standen Müslischalen, Essteller, Servierschüsseln- und platten, blank polierte Gläser und bunte Eierbecher.

Sogar eine blühende Topfpflanze stand auf der Fensterbank, an der eine Karte mit der Aufschrift »Herzlich willkommen!« lehnte.

Neil war gerührt über diesen freundlichen Empfang, aber ihm war auch klar, dass die Pflanze angesichts seines so gar nicht grünen Daumens kaum Überlebenschancen hatte. Sie würde trotz aller Bemühungen spätestens in ein paar Wochen das Zeitliche segnen.

Neil verließ die Küche wieder und ging zum Treppenaufgang. Links davon befand sich eine weitere Tür, die in einen Raum führte, der offensichtlich als Arbeitszimmer gedacht war. Es war eingerichtet mit einem Mahagonischreibtisch, Bücherregalen und einer Sitzgarnitur bestehend aus einem zweisitzigen Sofa und einem gemütlichen Sessel, in dem er sich in Gedanken schon Gespräche mit Gemeindemitgliedern führen sah.

Als Nächstes ging er die Treppe hinauf und fand im Obergeschoss das Schlafzimmer, das in einem geschmackvollen Beige gestrichen war, daneben das Bad, das zu Neils Erstaunen und leichter Beunruhigung beherrscht war von einer cremefarbenen Eckbadewanne mit Whirlpoolfunktion und allen möglichen Knöpfen und Schaltern für diverse Funktionen noch unbekannter Art.

Im Obergeschoss befanden sich noch zwei weitere Zimmer, von denen das größere als Gästezimmer mit einem Doppelbett eingerichtet war und das kleinere mit einem zusammenklappbaren Gästebett und einem Schreibtisch, sodass Neil den Raum entweder als zweites Gästezimmer oder als persönliches Arbeitszimmer nutzen konnte, weil es weniger öffentlich war als das untere. Neil konnte es kaum erwarten, sich hier einzurichten, und nachdem er all seine Sachen aus dem Auto ausgeladen hatte, werkelte er noch so lange im Haus herum, bis alles an Ort und Stelle war. Er freute sich sehr, als er feststellte, dass er am Ende des Gartens hinter dem Haus sogar eine eigene Garage hatte, in der er unter anderem sein Klappfahrrad, ein Ergometer, das er nur ein einziges Mal benutzt hatte (von dem er aber trotzdem das Gefühl gehabt hatte, es mitnehmen zu müssen), und einen Stapel leerer, bereits ausgepackter Plastikkisten abstellen konnte.

Er beschloss, die Bücher, die er »zum Vergnügen« las (unter anderem seine vollständige Reihe von Bernard-Cornwell-Romanen) im Wohnbereich unterzubringen, die theologischen Bücher und Nachschlagewerke dagegen im Arbeitszimmer, seine persönlichen Unterlagen und Ordner brachte er in das persönliche Arbeitszimmer im Obergeschoss. Seine Kleidung räumte er in den Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer, seinen Talar und alles Zubehör brachte er in dem etwas höheren Kleiderschrank im Gästezimmer unter. Seine Schuhe stellte er paarweise in eine Reihe auf den Boden des begehbaren Kleiderschrankes und reservierte den letzten Platz für die Joggingschuhe, die er gerade anhatte. Den Inhalt seines Kulturbeutels räumte er in den Spiegelschrank im Bad um, bevor er als Letztes seine elektrische Zahnbürste einstöpselte.

Eine Stunde später ließ er sich zufrieden in einen Sessel sinken in dem Wissen, dass sein neues Heim jetzt ordentlich und organisiert war, genauso wie er es gern hatte.

Er wurde in seinen angenehmen Gedanken unterbrochen, als es zweimal hintereinander kurz und forsch läutete. Als er die Tür öffnete, stand ein großer, distinguierter Mann mit silbergrauem Haar vor ihm, der ihn freundlich anlächelte.

»Sie müssen Neil Fisher sein. Herzlich willkommen in St. Sephen's! Ich bin Peter Fellowes, der erste Vorsitzende des Kirchenvorstandes. Ich wollte mich nur vergewissern, ob Sie gut angekommen sind und mit allem versorgt sind, was Sie brauchen.«

Neil erwiderte den freundlichen Händedruck des Mannes herzlich und sagte: »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Peter. Wahrscheinlich muss ich mich bei Ihnen für das wundervolle Haus bedanken, nicht wahr? Es ist deutlich zu merken, dass hier sehr viel Arbeit investiert worden ist.«

»Ach, das war ja nicht ich allein, sondern dazu haben ganz viele beigetragen. Der Kirchenvorstand hat zu dem Zweck extra einen Unterausschuss gebildet. In solchen Dingen sind wir richtig gut.«

»Und ich«, sagte eine melodiöse Frauenstimme von irgendwo hinter dem blühenden Geißblattstrauch, der die Haustür umrankte, »ich habe ein Willkommenspaket für Sie vorbereitet!«

Peter wurde mit Nachdruck zur Seite geschoben, und hinter ihm tauchte eine Frau auf, die mit ihrer Präsenz alles beherrschte. Neil bemerkte ihre eleganten hochhackigen Schuhe, ihr fachmännisch frisiertes Haar und den maßgeschneiderten kirschroten Blazer, der kaum den Ausschnitt ihrer Bluse bedeckte, der selbst für Neils unerfahrenen Blick erstaunlich tief war für eine Dame »in einem gewissen Alter«.

»Glenda Fellowes«, sagte sie affektiert und sah Neil dabei tief in die Augen. »Ich hoffe, Sie haben alles, was Sie brauchen. Brot, Milch, Cornflakes, Zucker …« Das letzte Wort sagte sie mit einem dermaßen lasziven Unterton, dass es beinah wie eine Liebkosung klang. Und bevor Neil wusste, wie ihm geschah, war sie mit zwei schnellen Schritten im Haus und bedachte ihn mit einer stürmischen Umarmung, an die er sich noch Jahre später erinnern sollte. Das Gefühl, wie sie ihn fest an sich presste und er beinah an ihrem berauschenden Parfüm erstickte, weil sein Gesicht dabei in ihren üppigen Busen gepresst wurde, war wirklich unvergesslich.

»Willkommen, lieber Neil«, raunte sie ihm mit leicht rauchiger Stimme ins Ohr, »im Namen von uns allen hier von St. Stephen's. Und wenn Sie etwas brauchen …«

Sie löste sich wieder von ihm, hielt ihn auf Armeslänge von sich entfernt, sah ihm wieder tief in die Augen und fuhr fort: »… egal, was es ist … dann sagen Sie einfach Bescheid. Ihr Wunsch ist mir Befehl.«

Neil stand einfach nur da und fühlte sich wie unter Hypnose. Ein leichtes Hüsteln von der Seite unterbrach die Stimmung.

»So«, sagte Peter mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme. »Jetzt lass aber den armen Mann weitermachen. Wir sehen uns ja dann wahrscheinlich morgen früh bei der Morgenandacht, Neil. Unter der Woche ist die Kirche nur ein paar Mal für Andachten geöffnet. Es sind dann meistens nur wenige Leute da, aber ich bin immer gern dabei.«

Seinen Blick immer noch gleichermaßen fasziniert wie erschrocken auf Glenda gerichtet brachte Neil daraufhin nicht mehr zustande, als Peter kurz zuzunicken.

»So, jetzt komm aber, Glenda!«, sagte Peter und wandte sich ab, um zu gehen, während Glenda dem armen Neil noch einen langen, innigen Blick zuwarf und ihm dabei einmal kurz mit der Hand über die Wange strich. Dann trippelte sie sie so schnell und anmutig, wie es ihre Stöckelschuhe zuließen, hinter ihrem Mann her.

***

Neil brauchte mehrere Stunden und einen Becher Tee mit viel Zucker, um sich von der Begegnung mit Glenda zu erholen, aber als dann die Sonne über seinem neuen Zuhause unterging, hatte er sich so weit wieder beruhigt, dass er bereit war, seine gewohnte Abendandacht zu halten. Er überlegte, welcher Platz im Haus sich wohl am besten zu diesem Zweck eignete, und entschied sich schließlich für das Arbeitszimmer mit den bequemen Sesseln und seiner friedvollen Atmosphäre. Er überlegte, welches Bibelwort am besten zu diesem Anlass passte, und schlug dann eine seiner Lieblingsstellen, Johannes 14, auf:

In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.

Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.

Und er hatte wirklich das Gefühl, dass Jesus vor ihm hergegangen war, um ihn in die hübschen, ordentlichen Räume dieses blitzblank geputzten Hauses zu führen. Das hier war der Höhepunkt einer nicht nur physischen Reise, deren Ziel Dunbridge war. Nein, das hier war das Ziel einer geistlichen Odyssee, die in der schönen gemeinsamen Zeit mit seinem Vater begonnen hatte, in der sie zusammen Kirchen besucht hatten, die weitergegangen war in Form des mühsamen Prozesses, einen Beruf zu finden, der kein Job, sondern Berufung war, und die zu einem Abschluss gekommen war, als er endlich erkannt hatte, dass er von Gott berufen war und von ihm auch die Kraft bekommen würde, sich allem zu stellen, was auf ihn zukam.

Das Theologiestudium hatte ihm großen Spaß gemacht. Er hatte die Arbeit mit der Bibel geliebt und die hitzigen Diskussionen der Studenten über geistliche und ethische Fragen, die in ihren Bibelarbeiten aufgeworfen wurden. Er hatte immer mehr seine Unsicherheit verloren in der Gemeinschaft mit Menschen, mit denen er einen gemeinsamen Auftrag hatte und gemeinsam denselben Gott anbetete. Er hatte immer mehr glauben können, dass er den Glauben, die intellektuellen Fähigkeiten und auch die Intuition hatte, die er brauchte, um Menschen in den Hochs und Tiefs ihres eigenen Glaubensweges zu begleiten.

Aber Neil kannte auch seine Grenzen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals gut schlafen würde in der Nacht, bevor er eine Predigt halten musste. Und bei dem Gedanken, ganz allein einen kompletten Gottesdienst zu leiten, wurde ihm immer noch ganz mulmig – doch er kam mit jedem Tag seinem Ziel, und auch Gott, näher.

Und an diesem Abend, dem Vorabend seines ersten Arbeitstages als Vikar in seiner ersten Gemeinde, dankte Neil Gott einfach dafür, dass er hier angekommen war – und er betete, dass er mit allem fertig werden möge, was der nächste Tag für ihn bereithielt.

DREI

Auch sein erster voller Arbeitstag begann mit einer Andacht, dieses Mal allerdings gemeinsam mit Pfarrerin Margaret und ihrem Mann Frank, die um halb neun am Kircheneingang zur Morgenandacht zu ihm stießen. Ein bisschen unruhig schaute Neil zu, wie die Pastorin das schwere Kirchenportal aufschloss, das bei seinem ersten Besuch von St. Stephen's solche Probleme gemacht hatte. Margaret registrierte sein Unbehagen und lächelte ihm zu, bevor sie den Mittelgang entlang zur Sakristei vorausging und sich dabei die Zeit nahm, ihm zu erklären, wo er finden konnte, was er brauchte, wenn er in der Kirche war. Als sie wieder aus der Sakristei zurückkamen, stellte Neil erfreut fest, dass sich noch ein paar weitere Gemeindeglieder eingefunden hatten. Peter, der Vorsitzende des Kirchenvorstandes – diesmal Gott sei Dank ohne seine furchterregende Ehefrau – winkte ihm vom anderen Ende der Kirche aus zu, wo er neben einer zierlichen Frau mittleren Alters stand und sich mit ihr unterhielt. Auf dem Weg zu der kleinen Kapelle, die in einem Seitenschiff der Kirche untergebracht war, entdeckte er ein weiteres neues Gesicht, einen älteren Mann, dessen blaue Augen freundlich unter buschigen Brauen und einem wuscheligen Haarschopf von gleicher Farbe zwinkerten.

Er kam auf Neil zu und stellte sich vor. »Ich bin Harry Holloway«, sagte er. »Herzlich willkommen in St. Stephen's!«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Harry«, entgegnete Neil. »Sie sind also offenbar auch ein Frühaufsteher!«

»Ja, so bin ich es schon mein ganzes Leben lang gewohnt«, antwortete Harry lächelnd. »Ich war vierzig Jahre lang Milchmann und habe morgens den Leuten ihre Milch ins Haus geliefert. Sobald es draußen hell wird, kann ich nicht mehr schlafen. Auch heute bin ich schon um fünf Uhr aufgestanden, und deshalb fühlt es sich für mich jetzt auch schon fast wie Mittagszeit an.«

»Dann kommen Sie also regelmäßig zur Morgenandacht?«

»Ja, wenn eine stattfindet, bin ich dabei – aber ich komme eigentlich immer gerne her, weil ich mich hier in der Kirche an meine Rose erinnere. Es ist unmöglich, hier drinnen nicht an sie zu denken, denn wir haben vor einundfünfzig Jahren in dieser Kirche geheiratet. Sie hat es leider nicht ganz bis zu unserer goldenen Hochzeit geschafft, was jammerschade ist, weil ich nämlich zu dem Anlass mit ihr eine Reise nach Rom machen wollte. Sie wollte schon immer gerne einmal dorthin und drei Münzen in diesen Brunnen werfen …«

»In den Trevi-Brunnen …?«

»Ja, genauso heißt er. Ihr hat den Song von Frank Sinatra darüber immer so gut gefallen«, sagte er leise glucksend. »Aber Sie sind viel zu jung, um sich an das Lied zu erinnern.«

»Doch, ich kenne die Aufnahme, die Sie meinen. Sie ist auch auf dem Sinatra-Album, das ich meiner Mutter vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschenkt habe.«

»Also Rose fand das jedenfalls total romantisch, und sie hat sich immer bei mir beschwert, ich wäre kein bisschen romantisch. Na ja, aber wenn man so lange verheiratet ist, wie wir es waren, dann verfliegt ja meistens doch irgendwann die Romantik.«

»Und Romantik ist ja auch nicht alles«, stimmte Neil zu und hoffte, wie jemand zu klingen, der sich mit diesem Thema auskannte, obwohl seine Erfolgsbilanz in Sachen Beziehungen eher mager war – gelinde gesagt. »Letztlich kommt es doch darauf an, dass man sich liebt …«

Neil hielt mitten im Satz inne, als er sah, dass in Harrys blauen Augen Tränen schimmerten.

»Genau das ist der andere Grund, weshalb ich nachts nicht schlafen kann«, sagte Harry jetzt, und seine Stimme war eigentlich kaum noch mehr als ein Flüstern. »Ich habe sie geliebt. Natürlich habe ich das. Sie war meine Welt, mein Ein und Alles – aber ich habe es ihr nie gesagt – wissen Sie? Ich habe immer gedacht, sie wüsste ja sowieso, was ich für sie empfinde. Warum wäre ich denn wohl sonst jeden Tag zur Arbeit gegangen und hätte die Familie versorgt? Wieso hätte ich denn sonst all die kleinen Reparaturen und Verschönerungen am Haus vornehmen sollen? Ich habe sie geliebt. Das hätte sie wissen sollen.«

»Aber Sie sind nicht sicher, ob sie es gewusst hat?«, fragte Neil leise nach.

»Bei ihrer Beerdigung hat mir ihre Freundin Elsie – die beiden kannten sich schon aus dem Sandkasten – gesagt, Rose hätte sich immer wieder darüber beschwert, dass ich ihr nie sagen würde, dass ich sie liebe.«

Der alte Mann holte ein ordentlich gebügeltes und gefaltetes weißes Taschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte sich damit diskret Augen und Nase ab. Neil schaute schweigend zu und wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

»Ich komme also an den meisten Tagen an den Ort, wo wir jeden Sonntag zusammen gesessen haben. Und wenn ich dann bete, dann bitte ich Gott, dafür zu sorgen, dass es ihr gut geht, und ihr auszurichten, dass ich sie liebe. Das kann er doch, oder?«

»Auf jeden Fall kann er das«, bestätigte Neil.

»Ich vermisse sie so.«

»Wie lange sind Sie denn jetzt schon allein?«

»Nächsten Monat werden es zwei Jahre – und wissen Sie, ich bin immer noch genauso wund wie damals, vielleicht sogar noch mehr. Rosie ist auf dem Friedhof hier an der Kirche begraben, weiter hinten, oberhalb des Flusses. Irgendwann werde ich auch dort liegen, und ehrlich gesagt sehne ich mich danach, wieder mit ihr zusammen zu sein. Dann kann ich alles mit ihr klären, nicht wahr? Dann kann ich ihr endlich sagen, was ich ihr jeden Tag hätte sagen sollen, den wir zusammen waren.«

»Wenn Sie dann so weit wären, Neil …«, hörte Neil Margaret sagen, und als er aufblickte, sah er, dass sie schon ihren Platz vorne eingenommen hatte.

»Können wir dann endlich anfangen?«

Mit einem schiefen Grinsen schaute Harry in Margarets Richtung und sagte leise: »Ja, das können sie, die Frauen, einem Schuldgefühle machen, auch wenn man gar nichts falsch gemacht hat. Darin war auch Rose richtig gut.«

»Aber Sie haben doch gar nichts falsch gemacht, Harry. Ihre Frau hat bestimmt Ihre liebevolle Fürsorge erkannt und verstanden, dass Sie sie lieben, auch wenn Sie das vielleicht nie ausgesprochen haben.«

»Kommen Sie jetzt, Neil, oder nicht?«, fragte Margaret in einem Tonfall, der ihn an eine Schuldirektorin erinnerte, die er einmal gehabt hatte.

»Ich komme!«, rief Neil zurück.

»Das tut Weihnachten auch!«, entgegnete Margaret mit einem Augenzwinkern. »Geht es vielleicht auch ein bisschen schneller?«

Harry grinste, als Neil rot wurde und nach vorn eilte, um dort seinen Platz einzunehmen.

Neil hatte es schon immer als beruhigend und hilfreich empfunden, den vor ihm liegenden Tag ganz in Gottes Hand zu legen. Die vertrauten Worte des Morgengebetes an seinem ersten Tag als Vikar in der neuen Gemeinde zu sprechen fühlte sich ganz besonders und sehr persönlich an, und am Ende der kurzen Andacht war Neils Stimmung beschwingt, und er war zuversichtlich in Bezug auf alles, was ihm der neue Lebensabschnitt bringen würde. Er hatte gehofft, hinterher noch kurz mit Harry reden zu können, aber anscheinend war der alte Mann sofort nach Ende der Andacht wieder gegangen. Wer allerdings unbedingt noch ein paar Worte mit Neil wechseln wollte, war Margaret.

»So!«, sagte sie in barschem Ton. »Ich habe jetzt einen Termin mit einer Frau aus der Gemeinde, die zurzeit heftige familiäre Probleme hat. Ich glaube es wäre ihr lieber, wenn ich erst einmal allein komme. Ich stelle sie Ihnen dann zu gegebener Zeit vor – und am Sonntagmorgen werden Sie ja sowieso der ganzen Gemeinde vorgestellt. Am Sonntag ist der Gottesdienst bestimmt besonders gut besucht, denn wo Sie jetzt endlich da sind, wollen eigentlich alle kommen, um Sie zu begutachten.«

»Ach«, seufzte Neil, für den wegen seiner angeborenen Schüchternheit die Aussicht, von den Gemeindegliedern beurteilt und für mangelhaft befunden zu werden, höchst erschreckend war, »dann hoffe ich mal, dass sie nicht enttäuscht sind.«

»Na, das liegt ja nun ganz bei Ihnen!«, entgegnete Margaret daraufhin, und Neil war richtig erleichtert, als er sah, wie ihr trotz ihrer knappen, fast barschen Entgegnung ein weiches Lächeln übers Gesicht huschte.

Und sie hatte natürlich recht. Natürlich war sein Leben das, was er daraus machte. War das nicht auf dem ganzen Weg, den er bis jetzt schon hinter sich hatte, der springende Punkt gewesen? Urplötzlich kam ihm das Bild seiner Mutter mit ihrer gewohnt verbitterten und enttäuschten Miene in den Sinn, und er straffte unwillkürlich die Schultern und zog seine Jacke an.

»Und was soll ich tun, solange Sie weg sind?«

Margaret schaute kurz auf ihre Uhr und sagte dann: »Es ist jetzt Viertel nach neun, um halb zehn beginnt im Gemeindesaal der Spielkreis. Fragen Sie einfach nach Barbara, das ist die Mitarbeiterin, die für den Spielkreis zuständig ist. Lassen Sie sich kurz dort sehen und sagen Sie Hallo. Das ist bestimmt auch eine gute Möglichkeit, ein paar der Leute hier aus dem Ort kennenzulernen. Danach können Sie gern wieder ins Pfarrhaus kommen, dann essen wir dort zusammen eine Kleinigkeit zum Mittag. Ich werde Frank bitten, uns ein Sandwich zu basteln, und danach können wir uns anschauen, was diese Woche so anliegt und einen Arbeits- und Aufgabenplan für Sie machen, ja?«

»Ja, gut!«

Als die gefürchtete Kirchentür ge- und auch verschlossen war, ging Neil einfach hinter Margaret her.

»Neil.« Margarets Stimme klang betont geduldig. »Ich gehe in diese Richtung, weil mein Haus in dieser Richtung liegt. Sie gehen zum Gemeindesaal – und der ist da drüben!«

Er spürte, wie sie ihn mit beiden Händen fest an den Schultern packte und umdrehte, sodass er genau in die entgegengesetzte Richtung schaute.

»Den Weg dort entlang zu dem großen Gebäude, bei dem es durchs Dach regnet, mit den Fenstern, die unbedingt einen frischen Anstrich bräuchten. Sie können es gar nicht verfehlen!«

Und mit diesen Worten ging Margaret zielstrebig ihres Weges. Auch Neil machte sich auf den Weg, allerdings sehr viel langsamer und zaghafter, und dabei schaute er sich die Namen auf den Grabsteinen zu beiden Seiten des Weges an. Die meisten davon waren hundert Jahre alt oder sogar noch älter, aber sein Vater hatte ihm beigebracht, sich bei den Namen, Daten und manchmal auch kurzen Inschriften auf den Grabsteinen die entsprechenden Geschichten der Personen vorzustellen. Er blieb kurz stehen, um zu überlegen, was wohl das Schicksal der Familie von William Stephen Allard gewesen war, den man 1868 zur letzten Ruhe gebettet hatte, nur drei Jahre nach seiner jungen Frau Mary, die im Kindbett gestorben war. Mutter, Vater und Kind waren im selben Grab begraben – für immer vereint. Neil fragte sich, woran William wohl gestorben sein mochte, an einer zur damaligen Zeit üblichen Krankheit – oder an gebrochenem Herzen? Als Neil weiterging, war er voller Mitgefühl. Der von Buchen gesäumte Weg war gesprenkelt von dem Sonnenlicht, das seinen Weg zwischen den roten und grünen Blättern der ausladenden Äste hindurchfand. Als Neil hinter die Reihe von Buchen schaute, bemerkte er, dass das Gelände dort abschüssig war, wahrscheinlich zum Fluss hin, den Harry vorhin erwähnt hatte. Irgendwo dort hinten musste also Roses Grab sein – und es dauerte gar nicht lange, da hatte Neil es tatsächlich gefunden. Es war prachtvoll bepflanzt mit Primeln, die in allen Farben leuchteten – ganz sicher Harrys Werk. Es war deutlich zu erkennen, dass hinter der phantasievollen Gestaltung und offensichtlichen Pflege des Grabes mehr steckte als nur Pflichtgefühl oder Gewohnheit. Das hier war seine Rose, und die Pflanzen wurzelten in Liebe.

Neil wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als die Kirchturmuhr zur halben Stunde schlug. Er kehrte also rasch wieder um zum Hauptweg und erreichte kurz darauf das schmiedeeiserne Tor, durch das es weiter zum Gemeindesaal ging. Das Tor hatte ganz offensichtlich schon bessere Tage gesehen, denn als Neil den Riegel hochhob und versuchte, es aufzudrücken, rührte es sich nicht. Er stieß daraufhin ein paar Mal, schon etwas heftiger, mit der Handfläche dagegen, und als auch das nichts nützte, gab er dem Tor schließlich einen Tritt, hinter dem der gesamte, geballte Frust steckte, den er verspürte. Doch auch diese Maßnahme blieb völlig wirkungslos. Das Tor blieb zu.

»Ziehen!«, hörte er eine Stimme sagen.

Neil drehte sich abrupt um und sah sich dem kühlen Blick der grünsten Augen ausgesetzt, die er jemals gesehen hatte. Sie gehörten einer zierlichen jungen Frau mit Igelfrisur in Gummistiefeln, die ihm, auf eine Gartenforke gestützt, mit der sie allem Anschein nach gerade in einem der Blumenbeete gearbeitet hatte, mit abgeklärtem Interesse zuschaute.

»Nicht drücken, sondern ziehen. Es geht nach innen auf.«

»Ach so!«, murmelte Neil und lief hochrot an, als er merkte, dass sich das Tor mit Leichtigkeit aufziehen ließ.

»Sie müssen der neue Vikar sein«, fuhr Grünauge fort. »Mir ist schon zu Ohren gekommen, dass Sie ein Problem mit Riegeln und Schlössern haben.«

»Eigentlich gar nicht«, entgegnete Neil mit so viel Würde, wie er aufbringen konnte. »Ich bin auf dem Weg zum Gemeindesaal.«

»Durch das Tor und dann nach rechts. Der Seiteneingang ist offen.« Und dann verzog sie ihr Gesicht plötzlich zu einem spitzbübischem Grinsen und fügte noch hinzu: »Aber vielleicht ja auch nicht, wenn Sie davorstehen. Soll ich lieber mitkommen, damit Sie damit zurechtkommen?«

»Ich komme schon allein zurecht, danke«, entgegnete Neil steif. »Guten Tag.«

Und als er weiterging mit einer, wie er hoffte, Aura der Selbstsicherheit, konnte er sich ganz genau den amüsierten Blick vorstellen, mit dem sie ihm nachschaute.

Am Ende war es dann kein Problem, durch den Seiteneingang ins Gemeindehaus hineinzugelangen, aber es erwies sich als echte Herausforderung, sich zu orientieren, als er erst einmal in dem Gebäude war. Der besagte Seiteneingang führte nämlich in eine große Eingangshalle, die an beiden Seiten mit Garderobenhaken und Bänken ausgestattet war – zumindest war es das, was Neil durch den Pulk schwatzender, gelegentlich schreiender Kinder und ihrer Mütter sehen zu können glaubte, wobei die Mienen Letzterer von völlig vernarrt bis völlig entnervt reichten, während sie ihren aufgeregten Nachwuchs aus Jacken und Stiefeln pellten und ihm Hausschuhe und quietschbunte Overalls anzogen.

»So, bitte ein bisschen leiser jetzt! Vergesst nicht, eure Namensschildchen anzukleben, damit auch jeder weiß, wer ihr seid!«, war über das ganze Chaos hinweg eine Stimme zu hören, die Autorität ausstrahlte. »Du willst als Erstes in den Sandkasten, nicht wahr, Joseph? Dann geh mal los und suche Debbie, die ist heute fürs Sandspielen zuständig. Lass das Phoebe, ja? So ist brav! Schau mal, da drüben wartet Amy schon auf dich. Dahinten im Spielhaus, siehst du? Ach, da bin ich aber froh, dass ich Sie sehe, Mrs. Howard. Sie sind ein bisschen im Rückstand mit Ihrem Beitrag. Könnten Sie ihn vielleicht heute bezahlen? Schau mal bei Christine nach. Sie hat die Bücher. Ja! Kann ich etwas für Sie tun?«

Erst jetzt merkte Neil, dass die Frau mit den kurzen Haaren und der lauten Stimme, die die Ansagen gemacht hatte, mit dieser letzten Frage ihn gemeint hatte. Als sie seinen Pastorenkragen sah, lächelte sie.

»Ach, endlich lernen wir uns kennen! Sie müssen der neue Vikar sein.«

»Neil Fisher«, stellte er sich vor und fragte dann grinsend: »Brauche ich auch einen Namenssticker?«

»Gar keine schlechte Idee. Ich habe jedenfalls einen«, sagte sie und zeigte vage auf den Klebesticker auf ihrem Overall, auf dem in roten Großbuchstaben BARBARA stand. Bevor Neil auch nur Luft holen konnte, hatte sie einen Filzstift gezückt und pappte ihm ein Etikett mit der Aufschrift NEIL auf das Revers seiner Jacke.

»Okay, können Sie Tee kochen? Normalerweise ist Jan fürs Tee Kochen zuständig, aber sie ist schwanger und hat heute einen Vorsorgetermin. Das Wasser kocht bestimmt gleich. Becher sind im obersten Regal im Schrank, Zucker und Kekse im unteren – ach ja, und könnten Sie bitte noch Milch einkaufen? Holen sie vier Packungen Vollmilch für die Kinder, und für die Erwachsenen brauchen wir dann noch einen Liter fettarme. Und bringen Sie doch bitte auch noch ein paar einfache Butterkekse mit. Also wirklich, Daniel, ich hab dir doch vorhin schon gesagt, dass du das lassen sollst! Gib Kylie sofort die Puppe zurück! Wo sind denn ihre Kleider? Warum hast du der Puppe denn die Kleider ausgezogen? Ihr wird doch ganz kalt …«

Und dann war Barbara auch schon wieder weg, einfach zur Tür hinaus und verschwunden in einem Gewusel von kleinen Menschen und Lärm.

Drei Stunden später war Neil zu der Entscheidung gelangt, niemals eigene Kinder zu haben. Vielleicht lag es daran, dass er selbst ein Einzelkind war, aber die furchterregende Vorstellung, für eines dieser fordernden, unvernünftigen, bedürftigen kleinen Geschöpfe verantwortlich zu sein war zu erschreckend, um sie ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Aber es gab natürlich auch Ausnahmen. So hatte er zum Beispiel einen kleinen Engel mit einer Mähne goldener Locken ins Herz geschlossen, der ihm auf den Schoß geklettert war, während er mit einer der Mütter ins Gespräch vertieft gewesen war. Die Kleine hatte ihren Daumen in den Mund gesteckt und war dann auf der Stelle eingeschlafen.

»Das ist Chloe«, erklärte Barbara, als sie ihm das schlafende Kind abnahm und es mit zärtlichem Blick betrachtete.

»Ihr Vater hat die Familie verlassen, und die Mutter kommt nicht besonders gut damit zurecht. Ich glaube, Chloe fehlt die Vaterfigur sehr. Sie müssen wohl irgendwie zuverlässig und tröstlich wirken …«, sagte Barbara und musterte ihn mit kritischem Blick, »… jedenfalls für Chloe. Ach du liebe Güte, ich habe ja völlig die Zeit vergessen! Die Mütter werden jeden Moment da sein und ihre Kleinen abholen. Würden Sie bitte Debbie helfen, den Sandkasten einzuräumen und die Fingerfarben wieder einzupacken, seien Sie so lieb, ja?«

Als Neil schließlich gehen durfte, verabschiedete er sich mit einem lauten »Auf Wiedersehen« von all den Mitarbeiterinnen, die er kennengelernt hatte, und ging durch die Eingangshalle, in der die Hektik beim Umziehen der Kinder gerade ein wenig abzuebben begann, zurück zum Seiteneingang. Doch dann schweifte sein Blick in die nächstgelegene Ecke der Halle, wo eine Mutter sich mit ihm zugewandten Rücken nach vorn beugte, um ihrem Sohn die Stiefel zu schließen und ihm ihre recht ansehnliche in Jeans gekleidete Hinterseite präsentierte. Er merkte selbst gar nicht, dass er hinstarrte, bis die Erscheinung sich aufrichtete und zurückstarrte, und zwar mit wütenden grünen Augen.

»Versuchen Sie gerade, die Tür zu finden?«, fragte sie ihn kühl. »Die ist gleich da drüben. Wenn Sie Hilfe brauchen beim Aufmachen, sagen Sie mir einfach Bescheid.«

»Ich wollte Ihnen eigentlich nur kurz hallo sagen …«

Die ganze Situation war ihm so peinlich, dass sich ihm die Zehennägel hochkrempelten und er vom Hals aufwärts krebsrot anlief.

»Aber das sagt man doch eigentlich eher von vorne, ins Gesicht, finden Sie nicht?«

»Natürlich«, sagte Neil und ging mit großen Schritten zu ihr hinüber, um ihr die Hand zu geben. »Wir sind uns ja schon auf dem Friedhof begegnet, aber anscheinend haben wir uns auf dem falschen Fuß erwischt, was? Ich bin Neil Fisher, der neue Vikar.«

»Ich weiß schon, wer Sie sind«, sagte sie und musterte ihn von oben bis unten, als wolle sie entscheiden, ob er es wert war, sich überhaupt mit ihm zu befassen. Was dann anscheinend nicht der Fall war, denn ohne ein weiteres Wort lächelte sie hinunter zu dem kleinen Jungen, nahm ihn bei der Hand, ging mit ihm hinaus und machte die Tür ganz fest von außen zu. Die Hand immer noch zur Begrüßung ausgestreckt, stand Neil einen Moment lang völlig perplex da, bevor er die Hand in die Tasche steckte und auf dem Absatz kehrtmachte, um die Eingangshalle durch die Tür zu verlassen, die er an der Vorderseite des Gebäudes zu finden hoffte. Ehrlich gesagt wäre ihm in diesem Moment jede Tür recht gewesen, außer der, die ihm gerade vor der Nase zugeschlagen worden war.

***

Als er am Ende seines ersten Arbeitstages als Vikar endlich den Schlüssel im Schloss der Haustür des Hauses Nummer 96 umdrehte, herrschte in seinem Kopf ein großes Wirrwarr von Dingen, an die er sich erinnern musste und wollte, und solcher, die er am liebsten sofort vergessen hätte.

War es ein guter Einstand gewesen? In mancherlei Hinsicht schon, allerdings mit einer erheblichen Ausnahme …

Hatte es ihm Spaß gemacht? Insgesamt auf jeden Fall – aber war er wirklich für diese Art von Aufgabe geschaffen?

Mit einem Seufzer erhaschte er im Flurspiegel einen kurzen Blick auf sein eigenes Spiegelbild. Auf jeden Fall sah er für seinen Beruf gut gerüstet aus – ordentlich in Hemd und schwarzem Jackett, das einen starken Kontrast zu dem strahlenden Weiß seines Priesterkragens darstellte. Aber nur richtig auszusehen genügte ja nicht. Wie lange es wohl dauern würde, bis er sich in seiner neuen Rolle sicher fühlte? War er wirklich der Typ Mensch, der anderen im Auf und Ab ihres Lebens und Glaubens beistehen konnte? War das wirklich möglich, wenn er daran dachte, wie er sich an diesem Tag ein paar Mal unglaublich hilflos gefühlt hatte – und wie er bei der geringsten Aufregung oder Verlegenheit tief errötet war. Er war immerhin fünfundzwanzig Jahre alt, hatte aber an diesem Tag Situationen erlebt, in denen er sich wie ein völlig ahnungsloses Kind gefühlt hatte.

Er musste sich zusammenreißen. Dies war schließlich erst sein erster Tag gewesen. Ganz plötzlich machte er kehrt und rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Er brauchte keine zwei Minuten, um sich umzuziehen und in Jeans und Sweatshirt wieder die Treppe hinunterzukommen. Er war bis jetzt noch nicht dazu gekommen, Lebensmittel einzukaufen, sodass das, was sich zu einem Abendessen hätte verarbeiten lassen, eher dürftig war, und aus Erfahrung wusste er, dass Angst und Stress immer Heißhunger bei ihm auslösten. Essen! Ja, das brauchte er, und zwar etwas Warmes, nicht von ihm selbst Zubereitetes. Es wurde Zeit, sich in Dunbridge einzuleben – und damit würde er jetzt im nächstgelegenen Pub bei einem guten Stammessen anfangen. Ihm waren in der alten Marktstadt einige Pubs aufgefallen, von denen ein paar mit hausgemachtem Ale warben, das er gern probieren wollte. Wenn es einen Ort gab, wo man als Zugezogener Kontakte mit Ortsansässigen knüpfen konnte, dann im vollsten Pub der Stadt.

In Dunbridge hieß dieser Pub »Zur Weizengarbe« und lag etwas abseits in einer Gasse, die vom Marktplatz abzweigte. Ein Blick auf die Liste von Gerichten auf der Tafel vor der Tür machte die Wahl einfach. Bratwürstchen und Kartoffelbrei! Schon bei dem Gedanken daran lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Nachdem er den Pub betreten hatte, zauberte ihm die Anzahl der verschiedenen Biere auf den Etiketten der Zapfhähne ein Lächeln ins Gesicht. Wenn der Kartoffelbrei nicht klumpig war und die Soße halbwegs anständig, dann konnte die »Weizengarbe« durchaus sein Stammlokal werden.

»Einmal Bratwürstchen mit Kartoffelbrei bitte«, sagte Neil zu dem Barmann, der kam, um seine Bestellung aufzunehmen. »Und ein großes Bishops Finger zum Runterspülen.«

»Wussten Sie«, sagte ein Mann, der auf die Bar gestützt neben ihm stand, »dass dieses Bier nur freitags gebraut werden darf?«

»Wirklich?« Überrascht drehte sich Neil zu seinem Nachbarn um. Es war ein Mann um die dreißig mit rundem Gesicht, das zu seinem definitiv runden Körper passte, und Neil schaute ihn sich ein bisschen genauer an. »Und warum ist das so?«, fragte er dann.

»Ach, es gibt irgendeine alte Urkunde mit dieser Bestimmung – und außerdem darf das Bier nur in einem uralten russischen Teakholzmaischefass gebraut werden, das sie dafür haben.«

»Und wo genau ist das?«, fragte Neil nach.

»Irgendwo in Kent, glaube ich, aber ganz genau weiß ich das auch nicht. Ich erinnere mich nur, dass ich das mal irgendwo gelesen habe. Wenn ich irgendwo einen Artikel über Bier entdecke, lese ich ihn mir immer durch.«

»Sie mögen Bier, was?«

Der Mann hob seinen halb vollen Humpen mit einem geradezu verliebten Blick an und sagte: »Wenn es richtiges Bier ist, dann auf jeden Fall.« Dann tätschelte er liebevoll seinen Bauch und fügte hinzu: »Es hat aus mir den Mann gemacht, der ich bin – Graham Paterson übrigens – tagsüber Leiter des Fachbereichs Mathematik an der Oberschule Dunbridge und abends geselliger Biertrinker.«

Lachend reichte Neil Graham die Hand.

»Ich bin Neil Fisher, Vikar.«

»Das ist ein Scherz, oder?«

»Nein, ich bin der neue Vikar von St. Stephen's.«

»Na ja, wahrscheinlich weiß ich als alter Heide davon nichts.«

»Kein echter Bier-Liebhaber kann jemals ein absoluter Heide sein«, sagte Neil grinsend. »Sie mögen nicht zufällig auch Bratwürstchen und Kartoffelbrei, oder?«

»Ich liebe es!«, antwortete Graham. »Und die Würstchen sind richtig gut hier.«

»Da bin ich aber froh. Ich habe nämlich gerade bestellt.«

»Eine gute Wahl. Ich hätte allerdings nicht erwartet, dass ein Vikar auswärts essen muss. Habt ihr nicht immer irgendwelche Damen in der Gemeinde, die euch unbedingt bekochen wollen?«

»Das Glück habe ich leider nicht – jedenfalls noch nicht. Heute ist erst mein erster Arbeitstag als Vikar hier.«

»Anscheinend ein ziemlich schwerer, was?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Fangen Sie schon an zu glauben, dass Sie sich den falschen Job ausgesucht haben?«

»Nein, der Job ist absolut in Ordnung – jedenfalls wird er das sein. Es ist heute nur alles ein bisschen viel gewesen, so viele neue Menschen und so viele Informationen, was hier in Dunbridge so los ist.«

»Das ist gar nicht so viel, glauben Sie mir. Damit werden Sie auf jeden Fall fertig.«

»Wie lange leben Sie denn schon hier?«

»Schon immer. Ich bin zur Lehrerausbildung nach Brighton gegangen – was toll war wegen des guten Bieres dort –, aber danach bin ich wieder zurückgekommen und habe da weitergemacht, wo ich aufgehört hatte. Ich esse meinen Sonntagsbraten immer noch zu Hause bei Muttern, und inzwischen unterrichte ich sogar an der Schule, auf die ich früher selbst gegangen bin. Auch da hat sich so gut wie nichts verändert, außer dass es jetzt keine reine Jungenschule mehr ist, und die kleinen Quälgeister jetzt wenigstens Mädchen haben, die Ihre Phantasie so anheizen, dass sie förmlich sabbern im Unterricht.«

»Ich glaube, dass ich irgendwann in den kommenden Wochen bei Ihnen in der Schule eine Versammlung abhalte.«

Graham zog eine Augenbraue hoch.

»Sie haben aber eine Panzerweste, oder?«

»Ach, sagen Sie doch nicht so was! Mir macht ja schon der Gedanke Angst, überhaupt öffentlich zu sprechen, aber vor einer ganzen Schule voller Teenager, das ist wirklich ein Alptraum für mich.«

»Aber Sie sind doch Vikar. Sie müssen doch andauernd Predigten halten und Beerdigungen und solche Sachen. Gehört das Reden vor Menschen nicht zu Ihrem Job?«

»Doch, leider.«

Graham stellte seinen Bierhumpen vorsichtig auf den Tresen und schaute Neil eine ganze Weile einfach nur an.

»Aber warum wird man denn dann Pfarrer?«

»Es ist eine Berufung. Ich fühle mich ganz einfach dazu berufen.«

Wieder zog Graham fragend die Augenbrauen hoch.

»Von Gott«, fuhr Neil fort. »Ich fühlte mich von Gott berufen, in der Kirche zu arbeiten.«

»Und wie hat er Sie berufen? Was genau hat er gesagt?«

»Das war kein direktes Gespräch, und ich hatte auch keine Vision oder so etwas. Es war einfach ein Gefühl, das in mir hochkam – eigentlich sogar eher eine Gewissheit, dass ich dazu gedacht bin, dass es das ist, was ich tun soll.«

Graham starrte Neil noch ein, zwei Sekunden länger neugierig an, bevor er sich wieder seinem Bier zuwandte.

»Wird es denn wenigstens gut bezahlt?«

»Nein, eher nicht. Aber ich habe ein eigenes Haus solange ich hier bin.«

Graham grinste. »Na, das ist ja schon mal was. Und es heißt ja auch, dass die Frauen Männer in Uniform lieben. Wo ist denn übrigens Ihre Uniform? Müssen Sie den Kragen nicht immer tragen, damit wir anderen wissen, dass wir aufpassen müssen, was wir sagen?«

Neil gluckste. »Mein Kragen hat heute ein bisschen gescheuert. Ich war froh, als ich wieder in Zivil war.«

»Ist es denn wirklich so, dass die Leute mit Ihnen über ihre Probleme reden wollen, wenn Sie den Kragen tragen? So wie manche Leute auch ständig über ihre Krankheiten reden wollen, wenn sie wissen, dass jemand Arzt ist …«

»Wenn das passiert, dann finde ich es wirklich gut, weil nämlich einer der Hauptgründe, weshalb ich überhaupt Pfarrer werden wollte, der ist, anderen in ihren Sorgen und Problemen beizustehen.«

Graham schnaubte, als er den Bierhumpen hob, um einen tiefen Schluck daraus zu trinken.

»Ich habe bisher noch nie ein Problem gehabt, das mir nicht nach ein zwei großen Bieren schon viel kleiner vorgekommen wäre«, sagte er und setzte den Humpen mit einem Knall wieder auf der Bar ab. »Auch eine Runde Darts hilft meistens. Lust auf ein Spielchen, bevor Ihr Essen kommt?«

»Aber ich warne Sie«, sagte Neil lachend und schob die Ärmel seines Sweatshirts hoch, »ich war im Theologiestudium unangefochtener Darts-Champion.«

»Und ich muss Sie warnen, dass ich mir nicht zu schade bin, auch ein wenig zu schummeln, wenn ich Angst bekomme zu verlieren!«, entgegnete Graham. »Möge der Kampf beginnen.«

VIER

»Können Sie singen?«, fragte Margaret am nächsten Morgen. »Ein bisschen«, entgegnete Neil. »Ich habe jedenfalls am College im Chor gesungen.«

»Perfekt! Und welche Stimmlage? Bass? Bariton? Doch bestimmt nicht Tenor, oder?«

»Nein«, lächelte Neil. »Am ehesten wohl Bass.«

»Können Sie vom Blatt singen?«

»Einigermaßen, wenn ich jemanden neben mir habe, der darin sicher ist.«

»Na, das reicht völlig. Unser Chor wird begeistert sein. Wenn der Chor im Gottesdienst singt, können Sie natürlich nicht bei den anderen Sängern stehen, aber wenn Sie in der Lage sind, Ihre Stimme zu halten, wo auch immer in der Kirche Sie sich gerade befinden, dann sind Sie ein Riesengewinn – besonders, weil ich selbst überhaupt nicht singen kann. Ich bin irgendwann gebeten worden, so zu tun, als befände ich mich in stiller Andacht, wenn die Gemeinde singt, aber bitte, bitte den Mund zu halten. Wenn wir es so handhaben, klingt es offenbar besser, als wenn ich tatsächlich meine Stimme mit ins Spiel bringe!«

Neil gluckste leise vor sich hin. »Es würde mir wirklich Spaß machen, im Chor mitzusingen, und es ist auch eine gute Möglichkeit, Leute kennenzulernen. Wann finden denn die Chorproben statt?«

»Also wenn Sie tatsächlich vorhaben mitzumachen, heute Abend um halb sieben in der Kirche. Außerdem wäre es auch gut, wenn sie die gesungene Liturgie lernen, die wir hier in St. Stephen's einsetzen. Es ist nämlich nicht die allgemein übliche, sondern unser Organist Brian Lambert hat sie selbst entwickelt. Es ist eine wirklich sehr schöne Liturgie, was wahrscheinlich daran liegt, dass er ein sehr guter Musiker ist – genau wie seine Frau Sylvia, die Chorleiterin. Sie sind ein beeindruckendes Paar. Oder vielleicht sollte ich eher sagen ein talentiertes Trio, denn Wendy, die Tochter der beiden, unterrichtet Musik an der Grundschule von Dunbridge. Sie hat eine unglaubliche Stimme und spielt außerdem noch Keyboard und Querflöte – und ehrlich gesagt würde unsere Gemeinde-Band ohne sie knirschend zum Stillstand kommen.

Sie hat die Band überhaupt ins Leben gerufen, indem sie ein paar Freunde mitgebracht hat, die Gitarre und Schlagzeug spielen – und hin und wieder sogar Saxophon, wenn Gordon es schafft, am Sonntagmorgen rechtzeitig aus dem Bett zu kommen.«

»Also halb sieben heute Abend in der Kirche«, sagte Neil und suchte nach seinem Terminkalender.

»Der Chor braucht ganz dringend noch Männerstimmen. Sie werden sich also auf jeden Fall freuen, wenn Sie kommen. Vielleicht können Sie ja etwas Besonderes für Ihren Einführungsgottesdienst am Sonntag einüben. Die Leute werden Sie unbedingt kennenlernen wollen, und da wäre es ja vielleicht ganz schön, wenn Sie an der Auswahl der Musik beteiligt wären.«

Während sich Neil noch Notizen machte, stand Margaret ganz plötzlich von ihrem Schreibtisch auf.

»Ach du lieber Himmel, so spät schon? Wir müssen uns auf den Weg zu den Hausbesuchen machen. Ich hatte vier Anrufe mit der Bitte um einen Hausbesuch, sechs Gemeindeglieder möchten gern das Abendmahl einnehmen, alles Leute, die zu alt oder zu krank sind, um in den Gottesdienst zu kommen. Suchen Sie doch bitte schon mal die Sachen zusammen! Das Abendmahlsgeschirr für Hausbesuche steht oben auf dem Schrank. Wasser und Wein stehen schon auf dem Tisch bereit, und vergessen Sie nicht die Oblaten! Ich flitze nur noch schnell nach oben, um meine Unterlagen zu holen. Wir treffen uns dann beim Auto.«

***

An diesem Morgen lernte Neil eine ganz neue Seite von Margaret kennen, als sie mit ihren alten und kranken Gemeindegliedern so freundlich, vertraut und fürsorglich umging, dass er tief berührt war. Genau deshalb hatte er sich auch selbst für den vollzeitlichen Dienst entschieden! Er hoffte, dass er eines Tages auch in der Lage sein würde, durch den christlichen Glauben ebensoviel Tost und Gemeinschaft zu vermitteln, wie er es an diesem Tag bei Margaret sah.

Ihr erster Besuch galt Queenie Draper, einer alten, von Arthritis geplagten Witwe, deren Geist aber immer noch hellwach und messerscharf war. Es war deutlich zu merken, wie viele Gespräche und was für ein reger Gedankenaustausch während der jahrelangen Freundschaft zwischen ihr und Margaret stattgefunden haben musste. Margaret war allem Anschein nach gut informiert und fragte interessiert nach jedem Mitglied von Queenies weit verzweigter Familie, und Queenie interessierte sich im Gegenzug für das Neueste aus der Gemeinde – inklusive Tratsch und Klatsch. Bei einer Tasse Tee, zu deren Zubereitung Neil in die Küche abgestellt worden war, plauderten die alten Freundinnen, lachten viel, und schließlich beteten sie noch zu dritt zusammen. In der Stille von Queenies vollgestelltem Wohnzimmer teilten sie Brot und Wein, nachdem Margaret in einer sehr persönlichen, fast heiligen Atmosphäre die Einsetzungsworte für das Abendmahl gesprochen hatte. Neil stellten sich die Nackenhaare auf, so intensiv empfand er die Gegenwart Gottes, und er hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, als ihm klar wurde, dass dieser stille Moment alles verkörperte, was er sich für seinen eigenen Dienst erhoffte. Er hatte das intensive Gefühl, angekommen zu sein, und die Gewissheit, Erfüllung zu finden in dem, was vor ihm lag.

Ihre nächste Station war das hübsche kleine Häuschen von Mr. und Mrs. Brownlow. Mary Brownlow war schwer dement, und man merkte deutlich, dass sie nicht viel von dem wahrnahm, was in ihrer Umgebung vorging.

Ihr geduldiger Ehemann John nahm die ganze Situation tapfer hin und plauderte unablässig mit ihr, aber es ging einem wirklich nah, mit anzusehen, wie sie so gar nicht mehr darauf reagierte. Margaret konnte den völlig erschöpften Mann dazu überreden, sich ein paar Minuten hinzusetzen, während Neil ihnen eine Tasse Tee kochte (wie sollte seine Blase nur mit all der Flüssigkeit fertig werden, dachte er leicht besorgt). Als er mit dem Tablett mit den dampfenden Bechern wieder zurück ins Wohnzimmer kam, hatte er unglaubliches Mitgefühl mit diesem würdevollen und aufopferungsvollen Ehemann, dem es sichtlich unangenehm war, dass ihm vor Trauer und auch Frust die Tränen kamen. Als Margaret behutsam seine Hand berührte, erzählte John mit einer Stimme, die vor Emotion beinah versagte, wie sich das Wesen der Frau, die er seit über vierzig Jahren liebte, langsam auflöste und verschwand und nichts mehr übrig war als eine Person, die zwar aussah wie seine Frau, aber mit deren Charakter und Persönlichkeit nichts mehr zu tun hatte.

»Es ist, als ob alles Leben aus ihr herausgesaugt wird. Sie erinnern sich doch bestimmt noch an Marys ganz besonderen Humor, nicht wahr, Margaret?«

»Auf jeden Fall«, antwortete sie. »Sie hat immer die Menschen zum Lachen gebracht, und ich glaube, das liegt auch daran, dass sie die Menschen einfach gernhatte. Sie war immer für andere da – hat treu und selbstlos geholfen, wo sie konnte.«

Als John lächelte, erschienen unzählige Fältchen in seinem Gesicht. »Da haben Sie recht. Mary hat wirklich Liebe im Herzen. Sie mag einfach Menschen und kümmert sich um sie.« Er schaute hinüber zu seiner schweigenden Frau, die mit ausdrucksloser Miene dasaß. »Jedenfalls war es einmal so. Schwer zu sagen, was jetzt in ihrem Inneren vor sich geht.«

»Demenz ist wirklich grausam«, bestätigte Margaret. »Sie raubt den Menschen die Fähigkeit, mit ihrem Umfeld in Kontakt zu treten oder mitzuteilen, wie es in ihrem Inneren aussieht. Die Mary, die wir immer lieb gehabt haben, ist ja auch jetzt noch hier bei uns. Sie kann sich nur nicht mehr so ausdrücken und mitteilen wie früher.«

»Schade, dass Sie sie nicht ein paar Jahre früher kennengelernt haben, Neil«, sagte John. Offenbar wollte er dem neuen Vikar unbedingt vermitteln, wie sehr sich seine geliebte Frau verändert hatte. »Sie konnte unglaublich schwer arbeiten und war immer zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wurde. Ihr ganzes Leben lang, vom Tag ihrer Taufe an, hat sie zur Gemeinde gehört und sich eingebracht. Und das gilt auch für mich. Ich habe sie ja hier in Dunbridge in St. Stephen's kennengelernt, das muss jetzt schon fast fünfzig Jahre her sein. In der Gemeinde zu sein, an den Gottesdiensten teilzunehmen, in der Bibel zu lesen und zusammen zu beten – das war seit unserer Heirat unser Leben und hat uns ganz ausgefüllt.«

»Und jetzt kommen die Gottesdienste auf diese Weise zu Ihnen«, sagte Neil.

»Schaffen Sie es denn auch hin und wieder noch, am Gottesdienst in der Kirche teilzunehmen?«

»Also bis vor etwa einem Jahr habe ich Mary noch mitgenommen, aber sie wurde immer unberechenbarer, hat oft laut geredet oder dazwischengerufen, und manchmal wurde sie auch richtig wütend. Ich glaube, weil sie so frustriert war. Das Traurigste war, dass sie alte Freunde und Bekannte aus der Gemeinde nicht mehr wiedererkannt hat, mit denen sie jahre- oder jahrzehntelang zu tun gehabt hatte. Das war ganz schlimm für die Leute – und auch für mich. Und weil ich immer in Sorge war, dass sie weglaufen oder etwas Unangebrachtes sagen könnte, habe ich irgendwann beschlossen, dass es den anderen Gottesdienstbesuchern gegenüber rücksichtsvoller ist, zu Hause zu bleiben.«

»Und das fällt Ihnen sehr schwer, nicht wahr, John?«, fragte Margaret leise. »Mary merkt ja vielleicht die Veränderung im Ablauf des Sonntags gar nicht, aber Ihnen macht es viel aus. Der Sonntagmorgen fühlt sich doch jetzt sicher ganz anders für Sie an als früher, oder?«

»Ja, der Gottesdienst fehlt mir wirklich sehr. Ich bin immer gern hingegangen, auch weil ich dort immer all die Freunde und Nachbarn getroffen habe, mit denen wir schon seit vielen Jahren Gottesdienst gefeiert haben. Mir fehlt das Singen der alten Choräle und auch das Abendmahl vorn am Altar gemeinsam mit den anderen. Besonders schön fand ich es immer, nach dem Abendmahl auf meinen Platz zurückzugehen und dann noch mal still für mich persönlich zu beten, während im Hintergrund ganz leise der Chor sang.«

Wieder kamen ihm die Tränen.

»Und Mary vermisst das alles auch sehr«, fuhr er fort. »Einen großen Teil ihrer Persönlichkeit hat ihre Beziehung zu Gott ausgemacht – aber durch diese furchtbare Krankheit hat sie völlig die Verbindung dazu verloren. Sie betet nicht mehr. Ja, sie weiß nicht einmal mehr, was Beten ist. Der Trost, den ihr der Glaube eigentlich geben sollte, erreicht sie gar nicht mehr. Und ehrlich gesagt habe ich an diesem Punkt wirklich meine Fragen an Gott. Ich muss Tag für Tag mit ansehen, wie die Frau, die ich liebe – und die er angeblich auch liebt –, auf dermaßen grausame Weise leidet! Und dabei soll er doch ein liebender Gott sein! Es rüttelt einfach an den Grundfesten dessen, was ich immer geglaubt habe.«

»Haben Sie denn Hilfe bei der Betreuung und Versorgung von Mary?«, fragte Neil. »Kommt tagsüber ein Pflegedienst zu Hilfe?«

»Nein«, sagte John in sehr energischem Ton. »Mary braucht keinen Pflegedienst. Sie hat ja mich. In guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit – das habe ich versprochen, und dieses Versprechen werde ich auch halten.«

»Ich weiß, dass Sie das tun werden, John«, sagte Margaret, »aber ich mache mir Gedanken, wer sich um den Kümmerer kümmert. Sie sehen erschöpft aus. Können wir irgendetwas für Sie tun?«

»Nein, ich schaffe das schon«, antwortete John beinah heftig.

»Es würde doch nicht bedeuten, dass Sie Mary weniger lieben, wenn Sie sich ab und zu bei ihrer Betreuung ablösen ließen, um auch einmal eine kleine Pause zu haben, oder?«

»Nein …«, gab John zögerlich zu.

»Na also! Wir wollen doch nicht, dass Sie vor Erschöpfung zusammenklappen, oder? Was sollte denn aus Mary werden, wenn Sie auch noch krank würden?«

Ganz kurz war in Johns Blick Angst zu erkennen, und er sagte:

»Sie kommt auf gar keinen Fall in ein Heim!«

»Nein, natürlich nicht!«, beruhigte ihn Margaret. »Das habe ich doch gar nicht gemeint. Solange Sie es schaffen, bleibt Mary selbstverständlich hier bei Ihnen zu Hause, wo sie hingehört. Aber mir geht der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass Sie sich vielleicht noch besser um sie kümmern könnten, wenn Sie hin und wieder ein bisschen Entlastung hätten – glauben Sie nicht auch?«

»Ich brauche keine Hilfe«, sagte John mit Bestimmtheit und griff nach der Hand seiner Frau. »Wir brauchen keine Hilfe.«

Eine Weile hielt Margaret seinem Blick stand und sagte dann:

»Also gut, aber sobald Sie das Gefühl haben, Sie könnten vielleicht doch ein bisschen Entlastung gebrauchen, sprechen Sie mich bitte an, ja? Versprechen Sie es?«

»Ich verspreche es«, willigte John ein.

»Ich weiß, dass es in der Gemeinde jede Menge Leute gibt, die gern ab und zu mal kurz vorbeischauen und nach Ihnen beiden sehen würden, aber manche fürchten, dass Sie sich dadurch vielleicht bedrängt fühlen könnten.«

»Ich will nicht, dass Leute nur aus Neugier kommen!«

»Das kann ich gut verstehen, John, wer möchte das schon? Aber die Leute, die ich meine, sind alte Freunde von Ihnen, die Sie beide schon seit Jahren kennen. Sie hätten doch sicher nichts dagegen, wenn die vorbeischauen würden, oder? Einige von ihnen haben sogar schon überlegt, vielleicht zu festen Zeiten abwechselnd hin und wieder bei Mary zu sein, damit Sie wieder regelmäßig ein bisschen Ruhe und Zeit für sich haben.«

»Ich komme schon zurecht«, brummelte John daraufhin nur.

»Sie sind immer ganz hervorragend zurechtgekommen, John, das weiß doch jeder – aber Marys Versorgung ist schwere Arbeit. Wäre es nicht schön, wenn Sie ab und zu wieder ein paar Stunden Zeit für sich hätten, ohne sich Sorgen machen zu müssen, ob Mary gut versorgt wird, weil sich Menschen um sie kümmern, die sie gern haben? Sie könnten dann vielleicht wieder regelmäßig in den Garten gehen. Gartenarbeit hat Ihnen doch immer so viel Freude gemacht, oder? Und Ihr Garten war immer eine wahre Pracht. Hätten Sie dafür nicht wieder gern ein bisschen mehr Zeit?«

Angst und Sorge schienen ein bisschen zu weichen, und John schien sogar interessiert. Die Aussicht, wieder in seinem geliebten Garten zu werkeln, war eindeutig verlockend für ihn.

»Ich denke darüber nach!«, sagte er schließlich.

»Gut, dann lassen Sie uns doch jetzt noch zusammen beten«, sagte Margaret abschließend und beendete damit dieses Thema. Und dann beteten sie – außer Mary, deren starrer Blick ohne auch nur ein Zwinkern auf die gemusterte Tapete der gegenüberliegenden Wand gerichtet war.

Auf dem Weg von John und Mary zu ihrem nächsten Besuch waren Neil und Margaret mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. In einer kleinen, aufgeräumten und blitzblanken ebenerdigen Wohnung am Stadtrand lebten die beiden Schwestern Elsie und Lily. Sie waren freundliche Gastgeberinnen und so mitteilsam und lebhaft, dass Neil sie auf höchstens Ende siebzig schätzte. Als er dann erfuhr, dass Elsie schon sechsundneunzig war und ihre Schwester beinah hundert, war er wirklich erstaunt.

Die beiden alten Damen verließen allerdings kaum noch ihre Wohnung, denn sie waren der Meinung, dass sie im Laufe ihres Lebens genügend unterwegs gewesen waren und es verdient hatten, jetzt einmal ein bisschen die Füße hochzulegen. Sie waren beide nie verheiratet gewesen und hatten den größten Teil ihres Lebens als Missionarinnen in Afrika und dem Fernen Osten gearbeitet. Bei einem Stückchen von Elsies selbstgebackenem Madeirakuchen hatte Neil Gelegenheit, ein paar ihrer Fotoalben durchzublättern. Diese waren fast ausschließlich mit Schwarzweißfotos gefüllt, auf denen die Schwestern zusammen mit den Menschen zu sehen waren, mit denen sie ihr Leben verbracht hatten. Neil wurde sehr demütig angesichts eines solchen Glaubens. Die beiden hatten ihr gesamtes Leben in die Arbeit am Reich Gottes investiert.

Als Margaret mit den vertrauten Einsetzungsworten das Abendmahl begann, reichten die Schwestern ihren beiden Gästen die Hände, sodass sie zu viert einen Kreis bildeten, in dessen Mittelpunkt spürbar Gott stand. Neil wusste, dass die Erinnerung an diesen Moment für ihn immer sehr kostbar sein würde.

Als Margaret und er sich schließlich losrissen, um sich auf den Weg zum letzten Hausbesuch an diesem Nachmittag zu machen, bestand Elsie darauf, Neil jede Menge Kuchen einzupacken.

Bert Overington hatte sein Leben lang schwer als Lastwagenfahrer geschuftet, um den Lebensunterhalt für seine Familie – seine Frau und drei Töchter – zu verdienen, die er über alles liebte. Vor fünf Jahren war dann seine Frau gestorben, kurz nachdem die Letzte der drei Töchter geheiratet hatte und aus dem Haus gegangen war. Berts bis dahin ruhiges Leben war bald darauf ein weiteres Mal in den Grundfesten erschüttert worden, als er vor etwas weniger als einem Jahr erfahren musste, dass er Lungenkrebs hatte. Natürlich hatte er geraucht – welcher Lastwagenfahrer tat das schließlich nicht?

Jetzt lebte Bert allein, und es war schwer für ihn, mit den Schmerzen und der Erschöpfung von der anstrengenden Chemo- und Bestrahlungstherapie zurechtzukommen, auch wenn seine jüngste Tochter, die um die Ecke wohnte, ihn regelmäßig besuchte. Er fühlte sich müde und alt, und er vermisste seine Frau. Er war bereit ihr nachzufolgen.

In den vergangenen Monaten, seit er nur noch darauf wartete zu sterben, war ihm sein Glaube immer wichtiger geworden. Bei früheren Besuchen hatte er Margaret bereits erzählt, dass er mit dem Christentum Zeit seines Lebens nicht viel am Hut gehabt habe und selbst jetzt nicht so sicher sei, was er eigentlich genau glaube. Er habe nur das Gefühl, dass es da irgendetwas gebe und dass die Verbindung zu diesem Etwas stärker werde, je näher sein Tod rücke. Deshalb kam Margaret jetzt jede Woche und feierte mit ihm das Abendmahl, und er stimmte mit heiserer, rasselnder Stimme, die aber voller Gefühl war, in die Liturgie ein.

Gerade als Neil und Margaret mit dem Abendmahl beginnen wollten, hörten sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde, und dann betrat die zierliche, aschblonde Frau das Haus, die Neil am Morgen seines ersten Arbeitstages bei der Morganandacht im Gespräch mit dem Gemeindevorsteher Peter beobachtet hatte. Margaret begrüßte sie herzlich und voller Zuneigung.

»Val! Wie schön, Sie zu sehen! Sind Sie dienstlich hier oder zum Vergnügen?«

»Beides«, antwortete Val lächelnd und sah Bert freundlich an. »Bert ist mein Lieblingspatient, und das weiß er auch. Bei ihm verbringe ich beinah doppelt so viel Zeit wie eigentlich vorgesehen ist.«

Berts Miene hellte sich trotz seiner unnatürlich bleichen Gesichtsfarbe merklich auf.

»Ist es in Ordnung, wenn wir noch mit Bert das Abendmahl feiern, Val? Danach sind wir dann auch gleich wieder weg«, sagte Margaret.

Val stellte ihre Tasche ab, zog den Mantel aus und fragte: »Kann ich nicht mitmachen? Heute ist einer von diesen unglaublich hektischen Tagen, und so eine Oase wie die hier ist genau das, was ich jetzt brauche.«

Und dann beteten sie zu viert in Berts Wohnzimmer, wo es bis auf das laute Ticken der großen alten Standuhr ganz still war.

»Wissen Sie, Val ist ein echter Lichtblick«, sagte Margaret eine Viertelstunde später, als Neil und sie zurück zum Wagen gingen. »Sie ist unglaublich gut in der Versorgung von Schwerstkranken wie Bert. Sie ist ausgebildete Palliativschwester und arbeitet mit dem Hospiz vor Ort zusammen.«

»Und sie versorgt die Schwerkranken ambulant?«, fragte Neil.

»Na ja, so langsam bekommt man in der medizinischen Versorgung ja mit, dass Schwerstkranke gern so lange wie möglich zu Hause bleiben möchten. Viele Patienten entscheiden sich sogar dafür, im Kreis ihrer Familie zu sterben.«

»Möchte Bert das auch?«

»Ja, er möchte am Ende auf jeden Fall gern seine Töchter um sich haben. Aber er will ihnen nicht zur Last fallen, denn sie haben alle eine eigene Familie mit kleinen Kindern. Solange Val und die anderen Pfleger es schaffen und er damit zurechtkommt, bleibt er zu Hause.«

»Wahrscheinlich bedeutet Vals Job doch, dass sie immer bereit sein muss, wenn sie gebraucht wird, Tag und Nacht, oder?«, fragte Neil. »Das muss doch ziemlich schwierig sein für ihre eigene Familie. Akzeptiert die das denn einfach so?«

»Vals Sohn und die Tochter sind erwachsen und schon aus dem Haus. Ihre Tochter arbeitet ebenfalls in der Krankenpflege – sie ist Kinderkrankenschwester in London. Der Sohn ist Anwalt, glaube ich. Vals Mann ist an Krebs gestorben, als die Kinder noch ganz klein waren, sodass sie wirklich nachempfinden kann, was ihre Patienten und ihre Familien durchmachen. Es war bestimmt eine große Herausforderung, als Witwe zwei Kinder großzuziehen«, erklärte Margaret.

»Und weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie es ist, einen Menschen zu verlieren, ist sie bestimmt eine mitfühlende Hilfe in schweren Zeiten«, fügte Neil nachdenklich hinzu.

»Auf jeden Fall. Ich weiß natürlich, dass Krankenschwestern eigentlich eine professionelle Distanz zu ihren Patienten haben müssen, aber das Schöne bei Val ist, dass sie sich mit der professionellen Distanz recht schwertut. Manchmal begleitet sie Patienten wochen- oder sogar monatelang, und wenn sie dann irgendwann sterben, ist Val total erschüttert. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb sie gern zu den Andachten und Gottesdiensten in die Kirche kommt.«

»Kommt sie denn oft zur Morgenandacht?«, erkundigte sich Neil.

»Ja – wann immer es sich mit ihrem Schichtdienst vereinbaren lässt, aber normalerweise ein paar Mal in der Woche.« Margaret drehte sich zu Neil um und sah ihn an. »Vielleicht wäre es ja interessant für Sie, sich einmal etwas intensiver mit Val zu unterhalten. Sie ist ein Mensch, bei dem der Glaube in jedem Aspekt ihres Lebens eine Rolle spielt. Er ist die Motivation für alles, was sie tut, und er gibt ihr die Kraft und den Trost, die sie braucht, um ihre Arbeit so hervorragend zu machen.«

Neil hörte einfach nur zu und nickte.

»Val lebt ja praktisch tagtäglich mit Sterbenden und Trauernden«, fuhr Margaret fort, »genau wie wir als Pfarrer es ja auch immer wieder mit Menschen zu tun haben, die mit ihrem eigenen Tod konfrontiert sind, oder mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig werden müssen. Mir helfen Gespräche mit Val jedenfalls sehr – vielleicht geht es Ihnen ja auch so.«

»Das mache ich«, sagte Neil, »das mache ich auf jeden Fall.«

***

Als Neil an diesem Abend um halb acht in die Kirche kam, war er positiv überrascht, wie viele Leute zur Chorprobe gekommen waren. Ein paar der Gesichter erkannte er sofort wieder, zum Beispiel das von Val, die bei einer der Bänke ganz hinten stand und sich gerade den Mantel auszog. Sie bemerkte Neil gar nicht, weil sie zu Peter, dem Vorsitzenden des Kirchenvorstandes schaute, der damit beschäftigt war, einen Stapel Noten und Liederbücher zu sortieren. Als ob er ihren Blick auf sich spürte, sah Peter plötzlich auf und lächelte sie an – aber genau in diesem Moment wurde Neils Sicht verdeckt von Peters furchterregender Frau Glenda, die mit ausgebreiteten Armen direkt auf ihn zugerauscht kam. Neil wappnete sich und war schon im nächsten Moment in einer ihrer überwältigenden Umarmungen in ihrem wogenden Busen praktisch verschwunden.

»Neil, Schatz«, sprudelte es aus ihr hervor. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie kommen würden. Wie wundervoll.«

Zwischen ihren unnatürlich langen Wimpern hindurch blickte sie kokett zu ihm auf.

»Ich wette, Sie singen Bass. Ein Mann wie Sie muss eine Bassstimme sein.« Dann zog sie ein ganz klein wenig die Nase kraus, schnaubte kaum hörbar und fügte noch ein klitzekleines bisschen abfällig hinzu: »Peter singt Tenor.«

»Okay, lieber Chor! Es ist halb acht durch! Lassen Sie uns jetzt anfangen!«, rief die Chorleiterin in den Raum.

»Ach du liebe Güte!«, jammerte Glenda, »Ich muss mir unbedingt noch die Nase pudern, bevor es losgeht. Ich komme nämlich direkt von der Arbeit, wissen Sie?«

»Ach, wirklich? Arbeiten Sie hier im Ort?«, erkundigte sich Neil, weil er nicht unhöflich sein wollte.

»Aber nein!«, entgegnete Glenda mit gerümpfter Nase, als nähme sie einen üblen Geruch wahr. »Hier gibt es wirklich nichts Passendes für mich. Dunbridge hat nicht die Möglichkeiten zu bieten, die meinem Niveau und meiner Ausbildung gerecht werden könnten. Nein, ich fahre jeden Morgen nach London. Dort leite ich das Büro eines sehr exklusiven Modehauses in Mayfair.«

»Das klingt ja richtig glamourös!«, sagte Neil staunend.

»Das ist es auch – auf jeden Fall!«

»Dann gehen Sie also auf Modenschauen, buchen Models und solchen Sachen?«

»Ich bin immer dabei, begleite den Geschäftsführer Roland Branson überallhin, wo er gerade zu tun hat! Vielleicht haben Sie ja schon von ihm gehört.«

»Ich muss gestehen, dass ich mich in der Modebranche nicht besonders gut auskenne. Das würden Sie bei einem einzigen Blick in meinen Kleiderschrank wahrscheinlich sofort bestätigen.«

Glenda musterte Neils Outfit einmal von oben bis unten und fand es offensichtlich verbesserungswürdig, denn sie nickte zustimmend. Zu Neils großem Schreck strich sie plötzlich mit ihren Händen an beiden Seiten seines Körpers entlang und befahl dann:

»So, und jetzt drehen Sie sich einmal um, Neil!« Er war zu überrascht, sich zu widersetzen, und tat, was sie gesagt hatte.

»Ich könnte eine Menge für Sie tun. Ihre Figur ist nämlich eigentlich gar nicht so schlecht. Nicht richtig gut, aber es ließe sich durchaus etwas daraus machen. Sie brauchen auf jeden Fall ein paar Lektionen im Einmaleins des guten Kleidungsstils!«

»Vielen Dank auch!«, sagte Neil und trat so weit zurück, dass er sich außerhalb ihrer Reichweite befand, »aber um in meinem Job richtig gekleidet zu sein, muss man sich eigentlich nicht besonders gut mit Mode auskennen. Es gibt da so eine Art Uniform …«

»Sie wären schön dumm, mein Angebot nicht anzunehmen«, entgegnete Glenda darauf. »Ich habe so viel von Roland gelernt. Er ist wirklich inspirierend, das kann ich Ihnen sagen!«, und dann kicherte sie, beugte sich vor, berührte Neil am Arm und sagte: »Und er behauptet, dass er auch von mir viel lernt. Ich arbeite ja schon seit Jahren in der Branche, wissen Sie, und bringe deshalb jede Menge Erfahrung mit – und das erkennt Roland.«

»So, bitte alle Platz nehmen jetzt!«, sagte die Chorleiterin, eine dunkelhaarige Frau mit Brille im Strickblazer, und hielt abrupt inne, als sie Neil bemerkte. Sie legte ihre Noten auf das Pult vor sich und ging mit einem freundlichen Lächeln auf ihn zu.

»Margaret hat gesagt, dass Sie heute Abend vielleicht vorbeischauen würden. Und sie hat auch gesagt, dass sie schon ein bisschen Chorerfahrung haben.«

»Na ja, so viel nun auch wieder nicht«, antwortete Neil verlegen lächelnd. »Ich habe gedacht, ich schaue heute Abend einfach mal vorbei und höre erst einmal zu, wenn das in Ordnung ist.«

»Ach was, nehmen Sie sich die Noten und machen Sie einfach mit!«, entgegnete die Frau. »Und wenn der Chor nicht so Ihr Ding ist, dann bleiben Sie nächste Woche einfach wieder weg. Uns ist klar, dass Sie nicht wirklich bei uns stehen können, wenn wir im Gottesdienst singen, aber einen Geistlichen zu haben, der so viel Begeisterung mitbringt, wird bei unserer Gemeinde auf jeden Fall sehr gut ankommen.«

»Haben wir noch mehr Exemplare von diesen Noten, Sylvia?«, fragte Peter.

»Ich glaube drüben bei Brian an der Orgel sind noch ein paar. Es gibt hier noch ein paar Leute mehr, die auch noch keine haben. Kannst du für sie bitte welche mitbringen, und zwar ein bisschen zügig, wennś geht?«

Dann wandte sie sich wieder an Neil und stellte sich vor. »Ich bin Sylvia Lambert, die Chorleiterin. Mein Mann Brian ist Organist in der Gemeinde. Ich stelle Sie später noch richtig vor, aber fürs Erste freuen wir uns, dass Sie da sind. Die Bassstimmen stehen da drüben – alle beide! Können Sie eine Stimme halten?«

»Mal sehen«, sagte Neil mit einem schiefen Grinsen. »Das werden wir gleich feststellen, oder?«

Und noch bevor er sich auf den Weg zu den Bassstimmen machte, klatschte Sylvia schon in die Hände als Zeichen, dass es jetzt losging.

»So, und jetzt alle zuhören, bitte! Für diejenigen, die ihn noch nicht kennengelernt haben, das hier ist Neil Fisher, unser neuer Vikar.«

Es folgte ein freundliches Begrüßungsgemurmel, und Neil setzte sein schönstes Lächeln auf, obwohl er wusste, dass sein Gesicht vor Verlegenheit ganz rot geworden war.

»Wie Sie ja alle wissen, findet am Sonntag ein spezieller Einführungs- und Begrüßungsgottesdienst für Neil statt – und was könnte schöner sein, als dass er selbst in unseren Gesang einstimmt?«

Ihre Worte wurden mit vereinzeltem Applaus bedacht.

Dann wandte sich Sylvia direkt an Neil.

»Wir haben uns schon ein paar Stücke überlegt, die wir heute Abend üben wollten, Neil – aber vielleicht haben Sie ja einen Lieblingschoral oder ein Lied, das Ihnen zu diesem besonderen Gottesdienst besonders gefallen würde?«

»Hmm, lassen Sie mich kurz überlegen …«

»Mögen Sie lieber die alten Choräle oder moderne Lobpreissongs?«

»Also eigentlich gefällt mir beides«, murmelte Neil, und ihm wurde bewusst, dass er Gegenstand von vielen Spekulationen und großer Neugier war, als er merkte, wie er von zahlreichen Augenpaaren begutachtet wurde. »Besonders gern mag ich Stücke von Stuart Townsend.«

»Eine hervorragende Wahl!«, strahlte Sylvia. »Und welches ist Ihr Lieblingssong?«

Zum Glück konnte Neil diese Frage problemlos beantworten. »›In Christ Alone‹. Ich mag sowohl den Text als auch die Melodie, und es ist einfach zu singen.«

»Perfekt!«, pflichtete Sylvia ihm bei, und auch die anderen Sänger nickten zustimmend.

»Dafür brauchen wir aber mehr als nur die Orgel. Können die Leute von der Gemeinde-Band bitte auf ihre Plätze gehen? Ach, Wendy, könntest du bitte kurz mal hier herüberkommen?«

Das Mädchen, das sich darauf hin in ihre Richtung in Bewegung setzte, war eine jüngere, schlankere Version von Sylvia. Ihr glänzendes dunkelbraunes Haar fiel ihr bis über die Schultern, und sie sah in ihrer schwarzen Hose und einer langen, frischen weißen Bluse, über der sie eine pinkfarbene Weste trug, gleichzeitig adrett und lässig aus.

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Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
301 p. 3 illustrations
ISBN:
9783865067722
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