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Oliver Glanz

Wenn die

Götter

auferstehen

und die Propheten

rebellieren

Glauben in

einer modernen Welt


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ISBN EPUB: 978 - 3-8150 - 2618-2 (1. Auflage 2014)

ISBN PRINT: 978 - 3-8150 - 1547-6 (1. Auflage 2012)

© der Print- und der E-Book-Ausgabe:

STIMME DER HOFFNUNG e. V.,

Sandwiesenstraße 35, 64665 Alsbach-Hähnlein

www.stimme-der-hoffnung.de

Verlag:

Saatkorn-Verlag GmbH, Abt. Advent-Verlag,

Pulverweg 6, 21337 Lüneburg

www.advent-verlag.de

Online-Shop: www.adventist-media.de

Datenkonvertierung E-Book: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Herausgeber: Matthias Müller, Klaus Popa

STIMME DER HOFFNUNG e. V.

Projektleitung, Layout, Satz und Coverdesign:

Sarah Kostmann, Adventist Media Design

Korrektorat: Timo Braun

Verlag: Saatkorn-Verlag GmbH, Abt. Advent-Verlag,

Pulverweg 6, 21337 Lüneburg, www.advent-verlag.de

Gesamtherstellung: CPI Clausen & Bosse, Leck

Titelfoto: rowan | photocase.com

Grafiken: Monoflosse Design | Philip Schikora, Mario Reineking

Bildnachweise S. 304

© STIMME DER HOFFNUNG e. V.

Sandwiesenstraße 35, 64665 Alsbach-Hähnlein

www.stimme-der-hoffnung.de

Die in diesem Buch zitierten Bibeltexte stammen aus der Elberfelder Bibelübersetzung (2006). Die biblischen Stellenangaben erfolgen wie üblich (1. Mose, 2. Mose, Josua, etc). Im Fließtext werden die Bezüge auf die Bücher Mose im klassischen Stil (Genesis, Exodus, etc.) ausgeschrieben.

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Rechte vorbehalten.

Die hebräischen Textstellen können je nach Lesegerät (bzw. der verwendeten Software) fehlerhaft dargestellt werden.

ISBN 978 - 3-8150 - 1547-6

Art.-Nr. 201547

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Einführung

ABSCHNITT I

1 Wofür noch kämpfen?

2 Von der Unabhängigkeit in die Gefangenschaft

3 Denken und Glauben

4 Jenseits von 1. und 3. Person: JHWH am Anfang

5 Jenseits von 1. und 3. Person: Prophetisches Theoriedenken

6 Jenseits von 1. und 3. Person: Kultur und Normativität

ABSCHNITT II

7 Atheismus als Grundlage der Propheten

8 Die Zukunft: Was erwartest du?

9 Was ist dein Anfang? Wissenschaft als Methode

10 Was ist dein Anfang? Schöpfung als prophetische Theorie

11 Sinn und Sünde: Wenn der Tod lebendig wird

12 Angst vor Verlust: Sehnsucht und Sünde

13 Die Gottlosen und ihre Geister

ABSCHNITT III

14 Gott verstehen: Vom hörenden Lesen

15 Wahrheit gibt es nicht: Standbilder Gottes zertrümmern

16 Eigenes und Fremdes

ABSCHNITT IV

17 Die Bibel ist kein Buch

18 Bibelkritik und Verhältnismäßigkeit

19 Odyssee oder Tora: Der Biblische Kanon

20 Die Biblische EMET – gibt es sie wirklich?

21 JHWH als Legende oder Wirklichkeit: Jesus

Nachwort

ANHANG

Bibliografie

glauben.einfach.

Weiteres Studienmaterial

Bildnachweise

Fußnoten

Zum Buch / zum Autor

Vorwort

In der Pluralität unserer Zeit, inmitten von zahllosen Angeboten und Lebensentwürfen, sind viele von uns auf der Suche nach tragfähigen Antworten. Menschen, die existenzielle Fragen bewegen und sich gern wissenschaftlichen und philosophischen Gedanken stellen, werden mit diesem Buch weiterkommen.

Oliver Glanz wendet sich an Leser, die es gewohnt sind, gründlich nachzudenken und nachzufragen. Mancher wird seine eigenen »gefühlten« Fragen hier formuliert finden – und hoffentlich auch Antworten, die ihm bislang fehlten.

Ist Gott nur eine Antwort der Gefühle auf unsere Sehnsucht, die Christen, Buddhisten oder Moslems einfach auf verschiedene Flächen projizieren? Ist das, was wir glauben, lediglich ein Ergebnis unserer Erziehung und Kultur? Kann man Begriffe wie »Wahrheit« und »Wirklichkeit« noch ernst nehmen? Ist das Christentum schlichtweg eine große Weltverschwörung? Woher kommt meine tiefsitzende Angst? Können Menschen verschiedener Religionen sich überhaupt verstehen? Welchen Sinn hat das Leben – und worin ist er begründet? Oliver Glanz präsentiert keine simplen Lösungen. Er geht mit Beharrlichkeit und mutigem Denken den Dingen auf den Grund. Lassen Sie sich mitnehmen auf eine philosophische Expedition in den Dschungel des Lebens! Mit Oliver Glanz als Reiseführer werden Sie wichtige Orte kennenlernen und neue Denkpfade beschreiten.

Wenn die Götter auferstehen und die Propheten rebellieren ist Teil der Serie glauben. einfach., deren Ziel es ist, für unsere persönliche Suche passende Angebote zu unterbreiten. Weitere Informationen dazu finden Sie im Anhang dieses Buchs und unter www.glauben-einfach.com.

Viel Freude beim Lesen wünschen

Matthias Müller und Klaus Popa

Einführung

Der Leser hält ein Buch in der Hand, das in einem christlichen Verlag erschienen ist. Grob gesehen finden sich im Programm christlicher Verlage gewöhnlich drei Arten von Büchern. Zum Ersten gibt es Bücher, die sich mit der Auslegung von Bibelbüchern beschäftigen (Kommentare und Meditationen). Zum Zweiten gibt es Bücher, die sich der Verteidigung des Christentum als einer vertrauenswürdigen Religion widmen, die der Wissenschaft nicht notwendigerweise widerspricht (Apologetik). Und zum Dritten gibt es Bücher, die sich mit der praktischen Lebensführung auseinandersetzen und Hilfen anbieten, das Leben im christlichen Sinne erfolgreich zu leben (Ratgeber, christliche Romane). Alle drei Buchtypen sind wichtig und erfüllen ihren Zweck.

Aber mit biblischer Auslegung, Glaubensverteidigung und praktischen Lebenshilfen berühren wir nur selten den existenziellen Fragenkomplex des heutigen Menschen. Wie das Leben leben, wenn wir nicht einmal wissen, was das Leben ist? Wie das Christentum verteidigen, wenn wir nicht einmal wissen, ob es sich als historisches und soziokulturelles Produkt überhaupt vom Islam oder Buddhismus unterscheidet? Wieso die Bibel auslegen, wenn es keinen objektiven Standard für subjektive Interpretation gibt? Die Fragen des (post)modernen Menschen gehen tief und zielen auf die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ab.

Diese Frage entbrennt vor allem durch den Tempelkult der Moderne: die Wissenschaft. So will uns die Psychologie davon überzeugen, dass die erlebte Wirklichkeit Produkt unserer Subjektivität ist. Objektivität existiert nur in unserer Psyche. Evolutionstheorien wie auch Schöpfungstheorien haben beide ihren Ursprung in der menschliche Sehnsucht, Zukunft und Vergangenheit zu erklären. Aber gegen eine solche Vorstellung erhebt sich die Biologie. Die Evolutionstheorie hat eine objektive Grundlage. Mit ihr lässt sich das Funktionieren der menschlichen Psyche erst verstehen. Der Historiker hingegen sieht im evolutionistischen Entwurf des Biologen zum großen Teil das Produkt eines Zeitgeistes. Wenn die Zeiten sich ändern, werden sich auch unsere Gedanken über Zukunft und Vergangenheit ändern. Historismus, Biologismus und Psychologismus befinden sich mit vielen anderen Wissenschaften im Streit. Und da, wo wir uns um multidisziplinäre Wissenschaftszugänge bemühen, werden die Spannungen des antiken Pantheon aufs Neue belebt. Mit Max Weber gesprochen, sind die totgeglaubten Götter der Antike wieder auferstanden – in neuem Gewand.

Die Götter sind auferstanden, das ist die Situation, in der sich der (post)moderne Mensch befindet. Diese Situation beeinflusst sein Fragen und Suchen. Das Fragen des (post)modernen Menschen zielt nicht mehr nur auf Fakten, sondern auf einen philosophischen Lebensentwurf, der die Konflikte der Moderne überwinden kann. Der (post)moderne Mensch lebt in einer komplexen und globalen Welt. Diese Komplexität will er verstehen, sie abbilden, um sich in ihr sicher und verantwortlich zu bewegen.

Zur Zielgruppe dieses Buches zählt jeder, dem die Frage nach der Wirklichkeit wichtig geworden ist. Oft sprosst diese umfangreiche Frage mit ihrer tief kritischen Kraft während des universitären Studiums auf. Aber auch das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft stimuliert diese Frage. Und da, wo sie den Leser nicht unmittelbar begleitet, er aber einen Zugang zur Lebenswelt seines Kindes oder Enkels erhalten will, kann dieses Buch ebenso eine Hilfe sein.

Dieses Buch ist dialogisch angelegt und verfolgt ein lebensphilosophisches Interesse. Es sucht das Gespräch mit dem heutigen (post)modernen Menschen. Es will den Menschen von heute, ob Christ oder Nichtchrist, ob religiös oder agnostisch, ernst nehmen. Seine Ängste und Unsicherheiten, seine kritischen Gedanken und Sehnsüchte sollen gehört und verstanden werden.

Dieses Buch möchte aber nicht nur zuhören und Sympathie empfinden. Es möchte experimentieren. Es möchte versuchen, als Rebellion gegen die Auferstehung der modernen Götter in neuem Gewand, die biblischen Propheten hörbar werden zu lassen. Nachdem in den ersten Kapiteln der Hintergrund unseres heutigen Lebensgefühls und Denkens erläutert wurde, soll im weiteren Verlauf versucht werden, die zu interpretierende Wirklichkeit aus den Augen der biblischen Propheten zu sehen. Wie würde unser heutiges Fragen aus Sicht der Propheten verstanden werden? Wie würden die Propheten den Subjektivismus und naturwissenschaftlichen Reduktionismus, der unser Denken heute so sehr herausfordert, interpretieren? In diesem Buch wird als Experiment versucht, die Wirklichkeit so abzuzeichnen und zu besprechen, wie sie sich im prophetischen Geist darstellen würde. Während des Zeichnens dieses Bildes soll der Dialog mit dem (post)modernen Menschen fortgesetzt werden. Dabei soll der Dialog eine kritische Dimension erhalten, indem die prophetische Wirklichkeitsinterpretation den populären Wirklichkeitsinterpretationen wie ein Spiegel entgegengestellt wird.

In diesem Buch kommt es immer wieder zu einer dialogischen Konfrontation, die den Leser zum Nachdenken herausfordert. Er soll angeregt werden, sich selbst zu reflektieren und seine eigene Meinung zu bilden. Er soll sich und sein Denken besser verstehen und den Mut erhalten, seinen eigenen Weg ins Leben zu finden. Der Autor hofft, dass dieser Weg nicht alleine beschritten wird, sondern, ganz im prophetischen Geiste, mit dem, der die Wegwahl überhaupt erst möglich macht.

AUFBAU DES BUCHES

Das Buch ist in vier Abschnitte aufgeteilt. Der erste Abschnitt (I) versucht den Status quo des (post)modernen Menschen, seine Grundfragen und sein Lebensgefühl zu klären. Dabei wird das Fundament seines Denkens und Interpretierens analysiert und mit dem prophetischen Verständnis von Wirklichkeit konfrontiert. Im zweiten Abschnitt (II) soll auf einzelne einflussreiche Denkgebäude, die auf dem (post)modernen Fundament stehen (z. B. Interpretation von Geschichte, Interpretation von Kultur), eingegangen werden. Auch hier soll die prophetische Alternative zum (post)modernen Entwurf die kritische Komponente im Dialog mit dem heutigen Menschen darstellen. Diese Gegenüberstellung soll dem Leser helfen, seinen eigenen Ort zu bestimmen und sich mit ihm kritisch auseinanderzusetzen. Während in den ersten beiden Abschnitten dem Leser die prophetische Wirklichkeitsinterpretation »vorgelesen« wird, soll der Leser im dritten Abschnitt (III) in die Kunst des Lesens der prophetischen Literatur eingeführt werden. Er soll in gewisser Weise vom »Vorlesen« unabhängig werden und dem prophetischen Philosophieren unvermittelt begegnen können. Er soll selber lesen können. Im letzten und vierten Abschnitt (IV) soll die historische Qualität der prophetischen Texte kritisch behandelt werden. Es geht um Bibelkritik. Während sich die ersten zwei Abschnitte mit der prophetischen Interpretation von Wirklichkeit auseinandergesetzt haben, bleibt die Frage offen, ob diese Interpretation nur von unserer Sehnsucht gestützt wird oder ob sie auch von der historischen Wirklichkeit bestätigt werden kann. Dabei werden die klassischen bibelkritischen Argumente untersucht werden. Lassen sich die prophetischen Aussagen mit der Wirklichkeit decken?

Für alle Abschnitte gilt, dass in die besprochenen Themen nur eingeführt werden kann und sie darum nicht in Vollständigkeit abgehandelt werden. Allerdings sind jedem Kapitel Literaturhinweise hinzugefügt, die eine ausgiebige und dem aktuellen Stand angepasste Vertiefung ermöglichen.

AUFBAU DER KAPITEL

Im Prinzip besitzen alle Kapitel den gleichen Aufbau. In der Einleitung wird in das Thema eingeführt. Dabei wird vor allem im zweiten und dritten Abschnitt mit einem biografischen Ausschnitt eines (post)modernen Menschen begonnen. Diese biographischen Ausschnitte sind realistisch und basieren auf der Erfahrung tatsächlich existierender Menschen (Namen und Ortsangaben geändert). Sie sollen helfen, einen lebensnahen Zugang zum Thema zu gewinnen. Des Weiteren geben sie Einblick in die Erlebnis- und Denkwelt des (post)modernen Menschen.

Nach der Einleitung wird das jeweilige Thema in aufeinanderfolgenden Abschnitten behandelt. Jedes Kapitel wird mit einer »Klärung« abgeschlossen. In dieser Klärung wird das Besprochene zusammengefasst und mit konkreten Fragen, die auch als Übungen verstanden werden dürfen, vertieft.

Die insgesamt 21 Kapitel bauen aufeinander auf. Dennoch können die jeweiligen Abschnitte auch als in sich abgeschlossene Themenkomplexe verstanden werden. Aber ein vertieftes Verstehen eines späteren Abschnitts ist nur unter dem Einbezug eines früheren Abschnitts garantiert. Gerade der erste Abschnitt (Kapitel 1 bis 6) ist äußerst wichtig und Grundlage für alles Darauffolgende. Diese ersten Kapitel sind in ihrer Art komplexer als der Rest des Buches, aber mit ihnen erschließt sich ein faszinierendes Verständnis der Wirklichkeit aus prophetischer Sicht. Mit diesem Verständnis lassen sich viele (post)moderne Herausforderungen sinnvoll verstehen und beantworten. Ab dem zweiten Abschnitt lesen sich die Kapitel wesentlich einfacher.

Auch wenn jedes Kapitel seinen Gegenstand nicht umfassend behandelt, ist es in den aktuellen Stand des wissenschaftlichen Diskurses eingebettet. Literaturhinweise, die jedes Kapitel ergänzen, helfen, das Gelesene im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zu kontextualisieren. Die Literaturhinweise haben nicht ausschließlich die Funktion, die Aussagen der jeweiligen Kapitel zu bestätigen, sondern sind als Reflexionsmaterial zu verstehen, mit dem die ausgeführten Gedanken dieses Buches kritisch reflektiert und weitergeführt werden können. Das Buch ist also nur ein Anfang, eine Hilfe zum weiteren Nachdenken. Das ist dann auch der Grund, weshalb die einzelnen Kapitel mehr als Meditationen und Reflexionen zu verstehen sind und nicht als endgültige Antworten. Und so wird der Leser schnell feststellen, dass im Textverlauf das Wort »Reflexion« häufig stellvertretend für »Kapitel« gebraucht ist.

HOFFNUNG

Als Autor dieses Buches wünsche ich mir drei Dinge. Als erstes hoffe ich, dass der Leser einen Zugang zu sich selbst findet. Dass er sich selbst verstehen und kritisieren kann. Dass der prophetisch-philosophische Entwurf in der Lage ist, ihn zu spiegeln, sodass der Leser sich selbst ansehen kann. Die Momente, in denen wir uns selbst sehen, sind äußerst selten – vielleicht auch, weil sie häufig schmerzvoll sind. Aber ohne diesen Selbstanblick bleibt man blind fürs Leben. Zweitens hoffe ich, der Leser erkennt, dass er mit seiner Gedanken- und Lebenswelt nicht allein steht. Oft übermannen einen der Zweifel und die Komplexität unserer Gedanken, sodass sie uns auch vom Anderen trennen und uns einsam fühlen lassen: »Sicher ist niemand solchen Gedanken, solchen Zweifeln und solchen Ängsten ausgesetzt wie ich.« In der Einsamkeit müssen wir meist feststellen, dass unsere Kraft und Disziplin nicht ausreicht, unser Denken und Fühlen zu meistern. Aus Scham ziehen wir uns noch weiter zurück. Ich hoffe, dass dieser Rückzug mit dem Buch und seinen biografischen Ausschnitten unterbrochen wird und gewendet werden kann. Dass der Leser erkennt, dass er mit seinen Fragen und Sorgen Teil einer Gemeinschaft ist. Und drittens hoffe ich, dass der Leser in der prophetischen Wirklichkeitsschau den Anfang seines Lebens und in ihm den Sinn seines Lebens findet. Möge das Gelesene den Leser wie ein angenehm frischer Wind an die Ufer eines guten Gottes treiben.

Oliver Glanz

Rotterdam, im Januar 2012

ABSCHNITT I

WENN DIE

GÖTTER

AUFERSTEHEN

1 Wofür noch kämpfen?

2 Von der Unabhängigkeit in die Gefangenschaft

3 Denken und Glauben

4 Jenseits von 1. und 3. Person: JHWH am Anfang

5 Jenseits von 1. und 3. Person: Prophetisches Theoriedenken

6 Jenseits von 1. und 3. Person: Kultur und Normativität

1 WOFÜR NOCH KÄMPFEN?

I belong to the Blank Generation. I have no beliefs, I belong to no community, tradition, or anything lith that. I‘m lost in this vast, vast world. I belong nowhere. I have absolutely no identity.

(Veith, G. E. Postmodern Times: a Christian Guide to Contemporary Thought and Culture. Wheaton: Crossway Books, 1994, 72)

Literatur: Heschel, A. J. God in Search of Man: A Philosophy of Judaism. New York: Farrar, Straus and Giroux, 1997; Plantinga, A. »On Christian Scholarship«, n.d. http://www.calvin.edu/​academic/​philosophy/​virtual_library/​articles/​plantinga_alvin/​on_christian_scholarship.pdf; Taylor, C. Sources of the Self: The Making of the Modern Identity. Cambridge: Harvard University Press, 2006.

1.1 Einleitung: Beobachtungen

Unser Leben heute ist ganz anders als das Leben vor 50 oder 200 Jahren. Unser Lebensgefühl ist ein anderes, unsere Probleme sind auch anders. Während die ökologische Herausforderung, die Terrorgefahr und die bedrohlich wachsende Weltbevölkerung uns meist nur noch über die Medien begegnen, ist unser gewöhnlicher Alltag ganz subtil, aber dominant, von der Spannung zwischen Subjektivismus und Objektivismus geprägt. Was das bedeutet und wie sich diese Spannung als zentrale Spannung unseres modernen Lebens darstellt, wird in dieser Reflexion behandelt.

Die Spannung zwischen Subjektivismus und Objektivismus erlebt heute jeder Mensch, egal ob Putzfrau oder Professor, ob religiös, atheistisch oder agnostisch. Sie liegt in jedem Menschen. Diese Spannung ist so dominant und allgegenwärtig, dass sie gar nicht mehr registriert wird, aber in den meisten Handlungen, Gesprächen und Entscheidungen vorausgesetzt ist. Schlussendlich hat diese Spannung den modernen Menschen in ein Dilemma gebracht, ihm seine Träume, Ideale, den Lebenssinn und dessen Würde genommen – nicht da draußen in der sogenannten Dritten Welt, sondern hier: in Amsterdam, in München und in Genf. Die Moderne ist Opfer dieser Spannung.

Bevor ich erkläre, was Subjektivismus und Objektivismus genau sind, werde ich an zwei konkreten Beispielen diese Spannung sichtbar machen:

1. Alltagssubjektivismus: An einem kühlen Sommerabend in der Amsterdamer Altstadt sind ein Freund und ich auf der Suche nach einem Café, das zur Stimmung passt. Dabei treffen wir zwei Studenten im Alter von ca. 25 Jahren. Es ergibt sich, dass wir sie nach ihrer Studienrichtung fragen und was sie motiviert, zu studieren. Der eine studiert Politikwissenschaften, der andere Biologie. Mit ihrem Studium verfolgen sie keinen Traum, kein Ideal spornt sie an, und an Karriere denken sie auch nicht wirklich. Von einer besonderen Motivation kann darum auch nicht die Rede sein – eher von Lethargie. Man studiert, weil jeder studiert, und als Nichtstudierter hat man auf dem Arbeitsmarkt heute kaum noch Chancen. Aber die beiden Studenten sehnen sich nach Idealen, nach etwas, wofür man sein Leben investieren könnte. »So wie damals unsere Eltern«, meinen sie. Als ihre Eltern so alt waren wie sie (60er und 70er Jahre), haben sie in den Studentenbewegungen (68er-Bewegung), den Bürgerrechtsbewegungen (Martin Luther King) und der Hippiebewegung (Woodstock) das eigene Leben für die eigenen Überzeugungen aufs Spiel gesetzt! Es gab Dinge, die waren wichtiger als das eigene Leben. Das ist heute anders, vielleicht werden wir uns einmal mit aller Leidenschaft um die Rettung unserer Umwelt bemühen – aber dann wohl eher aus Gründen der Selbstrettung und weniger aus Idealismus. Wer wählt heute noch eine Partei aus ideologischen Gründen? Man wählt nicht die Sozialdemokraten oder Liberalen, weil man Sozialdemokrat oder Liberaler ist, sondern weil in den nächsten vier Jahren besser regiert werden soll. Der heutige Mensch ist Pragmatiker.

»Die Eltern sitzen schon seit Jahren abends vorm Fernseher mit einem kühlen Bier auf dem Tisch. – Warum sind unsere Eltern keine Aktivisten mehr? Warum haben wir keine großen Ideale mehr?«, fragen die zwei Studenten. Je moderner und offener unsere Welt wurde, desto mehr haben wir entdeckt, dass es endlos viele Religionen gibt, politische Ideen, unterschiedliche Gesellschaftsordnungen, Tausende Arten, die Welt zu sehen. Es ist schwer, heute noch von »dem« Ideal zu sprechen, wo es so viele verschiedene, sich gegenseitig ausschließende Ideale gibt, alle mit ihrer eigenen Rationalität. Wir leben in einer subjektiven Welt, jeder sieht die Welt anders. »Die Welt« gibt es nicht, sondern immer nur »meine Welt in meinen Augen«. »Den Traum« gibt es nicht. Immer nur »meinen Traum in meinem Herzen«. Wahrheit? »Meine Wahrheit« (siehe Abb. 1)!

Vom »Wir« redet man schon lange nicht mehr, es gibt zu viele Unterschiede zwischen dir und mir – das ist gemeint, wenn vom »Subjektivismus« gesprochen wird. Damit sind auch die gemeinsamen Ziele, Ideen und Träume, für die es wert ist, sein Leben zu riskieren, verloren gegangen. Das, was unsere Eltern in den 60ern und 70ern ausgemacht hat, war, dass sie einer Gruppe, einem »Wir« angehörten und zusammen mit anderen an der Verwirklichung eines Traumes arbeiteten. Heute sind die meisten Eltern keine Idealisten mehr, sondern nüchterne Realisten, Pragmatiker, vielleicht sogar Pessimisten. »Heute sagen unsere Eltern, dass sie früher naiv waren.« Bald hat auch sie der Subjektivismus zerschlagen und erkennen lassen, dass das, was sie glaubten, nicht der Glaube der anderen war. Es gibt nichts mehr, was man mit anderen teilen könnte. Wir sind alle subjektiv, und was der andere denkt und träumt, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Alle großen Ideen sind dahin. Die Religionen, der Nationalismus, der Kommunismus und seit ein paar Jahren auch der Kapitalismus. Wenn du Ideale hast, dann bist du noch nicht erwachsen. Vom »Wir« redet nur das Kind. Selbst die polnische, tief katholische Putzfrau sagte, nachdem eine Bekannte gestorben war: »Maria wird uns beistehen. Zumindest glaube ich das.«

Fazit: Im Subjektivismus gibt es keine Allgemeingültigkeit. Objektive Wahrheit gibt es nicht. Alles ist subjektiv. Der Subjektivismus ist die Absolutierung der 1. Person-Perspektive! Es gibt nicht mehr das eine Ideal, für das alle gemeinsam kämpfen können.

2. Alltagsobjektivismus: Vor einiger Zeit trafen wir uns mit verschiedenen Wissenschaftlern in Den Haag. Dabei kam es zu einem Gespräch mit einer russischen Neurophysikerin, Alexandra. Ihre Forschung bestand darin, zu untersuchen, wie menschliche Emotionen durch atomare Bewegungen in den Nervenbahnen gesteuert werden. Die Ergebnisse ihrer Forschung werden helfen, ganz neue Medikamente für bestimmte Depressionsarten zu entwickeln. Was sie daran fasziniere, fragten wir sie. »Nichts so wirklich«, war die Antwort. Und wieder begegnet uns diese Lethargie. Ihre Forschung wird mit gutem Geld von der Pharmaindustrie bezahlt … Danach erzählte sie ganz verliebt von ihrem neuen Freund. Das verwunderte uns. Wie kann sie so ehrlich über ihr Verliebtsein reden, wenn am Ende jedes Gefühl durch naturgesetzliche atomare Vorgänge im Nervensystem vorherbestimmt ist. Nicht »ich« bin verliebt, sondern ein biochemischer Prozess lässt mich verliebt sein. Gib mir ein anderes Medikament und ich werde die Person hassen. Menschliche Freiheit gibt es nicht. Nicht ich entscheide, sondern die natürlichen Prozesse, die in mir arbeiten. Die Ironie ist, dass die biochemischen Prozesse mich denken lassen, dass ich es bin, der sich entscheidet. Menschliche Freiheit ist eine biochemisch erzeugte Illusion! Der Mensch ist eine komplexe Maschine, die so programmiert ist, dass sie ständig denkt, ein freies Individuum zu sein. Man nennt diese Sichtweise im Gegensatz zum vorher beschriebenen Subjektivismus »Objektivismus«. Denn Naturgesetze gelten ausnahmslos für jedes Individuum (Subjekt). Kein Mensch kann sagen, dass für ihn Kohlenstoffmonoxid nicht tödlich ist. Während im extremen Subjektivismus das »Ich« (1. Person-Perspektive) alle Objekte entstehen lässt (der/​das Andere existiert immer erst durch meine Augen, mein Denken und mein Fühlen), wird im Objektivismus das »Ich« durch allgemeingültige Gesetze vorherbestimmt und geschaffen (3. Person-Perspektive). Es gibt verschiedene Variationen des Objektivismus (Biologismus, Psychologismus, Physikalismus, Kulturalismus, …). Die populärste ist wohl die Evolutionstheorie (Biologismus). In allen Variationen lässt sich die angebliche Freiheit des Menschen über Gesetzmäßigkeiten erklären. Im Kulturalismus z. B. ist der enthusiastische, gut argumentierende Atheist letztlich nicht aus Freiheit Atheist, sondern weil er in Russland auf einem Eliteinternat erzogen wurde; während der evangelisierende Christ nicht aufgrund eines persönlichen Bekehrungserlebnisses Christ geworden ist, sondern weil er in Texas sozialisiert wurde. Wir alle wären Muslime, wenn wir in Bagdad aufgewachsen wären … Ich frage Alexandra: »Wie bringst du dein Verliebtsein in Einklang mit deiner Forschung?« Sie schaut uns verstört an und sagt: »Bevor ich zu meinem Freund gehe, schließe ich das Labor und meine Forschungsgedanken ab, würde ich das nicht tun, müsste ich ja Selbstmord begehen.«

Fazit: Im Objektivismus gibt es keine Subjektivität, d. h. individuelle Freiheit. Wahrheit ist, was die Wissenschaft objektiv erklären kann. Der Objektivismus ist die Absolutierung der 3. Person-Perspektive! Es gibt keine Werte mehr, für die es sich zu kämpfen lohnt.

1.2 Problembeschreibung: Subjektivismus und Objektivismus

Sowohl der Subjektivismus als auch der Objektivismus haben sich zu zwei rivalisierenden Dogmen unserer Zeit entwickelt. Ich nenne sie Dogmen, weil sie von jedem geglaubt werden. Nun sind weder Subjektivismus noch Objektivismus Denkphänomene der Neuzeit. Im Prinzip stellen sie die Basisgegensätze der Philosophiegeschichte dar. Aber ihre Gegensätzlichkeit hat sich vor allem in der Moderne und ihrem Wissenschaftsbetrieb erheblich verschärft. Das Dogma von Subjektivismus und Objektivismus darf nicht nur negativ bewertet werden. Beide Dogmen haben auch geholfen, dass die Welt sich verbessert. Die Menschenrechtsbewegung baut vor allem auf den subjektivistischen Glauben auf, dass es individuelle Freiheit gibt und diese von keiner Macht manipuliert werden darf. Diese Bewegung hat Diktaturen gestürzt und blühende Demokratien entstehen lassen. Auf der anderen Seite sind die Fortschritte in Wissenschaft und Forschung (z. B. Medizin) dem Objektivismus zu verdanken, der davon ausgeht, dass es allgemeingültige natürliche Prozesse gibt, die das Leben zum Guten bzw. zum Schlechten steuern. Aber wie gezeigt wurde, sind diese beiden Dogmen auch problematisch.

→Der Subjektivismus hat zur Folge, dass es keine allgemeinen Werte und Ideale gibt, denen jeder Mensch untergeordnet ist:

→Was ist richtig, was ist falsch? z. B.: Heterosexualität oder Homosexualität; Unterordnung der Frau oder gleichberechtigte Geschlechter? Was ist gut, was ist schlecht? z. B.: Ehe oder offene Beziehung; körperliche Zucht oder aufklärendes Gespräch?

→Was ist schön, was ist hässlich? z. B.: behaarte Beine oder unbehaarte Beine; Klassik oder Punk?

→Was ist glaubwürdig, was ist illusorisch? z. B. Katholizismus oder Atheismus; Denken oder Fühlen?

Dies sind alles Fragen, die nur subjektiv beantwortet werden können – glauben wir. Das Dogma der Subjektivität sagt, dass kein Mensch die Wirklichkeit sieht, wie sie ist, sondern sie sich nur so vorstellt, wie er will. Darum darf auch kein Mensch behaupten, dass er die Wirklichkeit sieht, denn jeder sieht nur seine eigene Wirklichkeit. Deshalb darf man den nicht verurteilen, der andere Werte und eine andere Wirklichkeit kennt. Gemeinschaft oder Liebe besteht bei einem solchen Dogma nicht mehr wirklich, denn einen gemeinsamen Nenner gibt es nicht mehr. Was der eine unter »Wir lieben uns« versteht (z. B. er versteht mich und ist einfühlsam), ist etwas ganz anderes, als was eine andere Person unter »Wir lieben uns« versteht (z. B. mit ihr kann ich meine Lebensträume verwirklichen) (siehe Abb. 2).

Der Objektivismus mit seiner absolutierten 3. Person-Perspektive hat zur Folge, dass es keine individuelle Freiheit und damit keine Liebe oder Verantwortung gibt.

Das, was wir richtig oder falsch machen, verantworten wir nicht selbst, sondern wird durch allgemeingültige Prozesse gesteuert und verantwortet, die vom Menschen nicht beeinflusst werden können. Ich sterbe an Krebs, nicht weil ich das will, sondern weil meine Gene so programmiert sind (Biologismus: Selektion). Ich vergewaltige Kinder, nicht weil ich das will, sondern weil ich von meinen Eltern sexuell misshandelt wurde (Psychologismus: Trauma). Der Zweite Weltkrieg brach nicht aus, weil man das wollte, sondern wegen einer zu hohen Arbeitslosigkeit (Soziologismus/​Historismus: Wirtschaftskrise) (siehe Abb. 3).

Subjektivismus und Objektivismus haben folglich ein gemeinsames Problem: Wirkliche Gemeinschaft zwischen Menschen ist nicht mehr möglich. Beim Subjektivismus ist jeglicher gemeinsame Nenner zwischen zwei Menschen abwesend und damit weder echte Kommunikation noch gegenseitiges Verstehen oder Verantwortung gegenüber dem anderen möglich. Beim Objektivismus ist ein gemeinsamer Nenner vorhanden (bestimmte allgemeingültige Prozesse), aber dieser gemeinsame Nenner tritt als Verursacher aller menschlicher Handlungen auf und hat zur Folge, dass keine individuelle Freiheit oder Verantwortung bestehen, was Grundvoraussetzungen für echte Gemeinschaft sind.

1.3 Jeder denkt es, jeder glaubt es

Die zwei eingangs beschriebenen Beispiele (siehe 1.1) stehen stellvertretend für unser Lebensgefühl – das Lebensgefühl des modernen Menschen. Sowohl der Subjektivismus als auch der Objektivismus haben verursacht, dass die zwei Studenten und Alexandra keine wirklich großen Träume mehr haben, sondern von Lethargie begleitet werden. Für die einen verhindert die allgemeine Relativität menschlichen Denkens, Fühlens und Glaubens, dass man sich für »das« Ideal völlig einsetzt. Für die anderen wirkt sich die Tatsache, dass die erlebte Freiheit nur Illusion ist und der Mensch in Wahrheit fremdbestimmt wird, sinnentleerend aus. Hier macht sich der Mensch nicht selbst, sondern er wird gemacht (3. Person-Perspektive). Nun kann man den modernen Menschen aber nicht in Subjektivisten und Objektivisten aufteilen. Weil der Mensch nicht sinnentleert leben kann, wird er nie entschlossen reiner Subjektivist oder Objektivist sein können. Es ist gerade typisch für den modernen Menschen, dass er gleichzeitig im Subjektivismus und im Objektivismus lebt. Durch die Kombination dieser beiden Dogmen möchte er deren Nachteile überwinden. Die Nachteile des Subjektivismus (z. B. keine allgemeingültigen Regeln) kehrt der Objektivismus in Vorteile um (z. B. allgemeingültige Naturgesetze). Die Nachteile des Objektivismus (z. B. Fremdbestimmung) werden im Subjektivismus oft vorteilhaft verändert (z. B. individuelle Freiheit) (siehe Abb. 4).

Jeder moderne Mensch denkt, handelt und fühlt täglich auf der Basis dieser beiden Dogmen:

1. Wenn wir krank sind, gehen wir zum Mediziner, der die allgemeingültigen Gesetze, aufgrund deren wir krank oder gesund werden, kennt. Wenn wir nach Lösungen suchen, um den Terrorismus zu bekämpfen, gehen wir zum Historiker oder Soziologen, die uns erklären, welche sozialen Mechanismen und historischen Kontexte einen Menschen zum Terroristen machen. Der Wissenschaftler ist der Priester des modernen Menschen, denn er allein scheint Zugang zum Schicksal zu haben. Er allein kann die Zukunft vorhersagen, weil er in »Kontakt« mit den allgemeingültigen Gesetzen ist, denen sich alles Leben unterwerfen muss. Er kann uns heilen, die Gesellschaft retten und uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen.

Dass wir dabei schon längst dem Objektivismus verfallen sind, dem Glauben, dass alles nach Gesetzmäßigkeiten determiniert ist, und damit die menschliche Freiheit untergraben, ist uns oft nicht bewusst. Und da, wo wir uns dessen bewusst sind, schließen wir – wie Alexandra – das Forschungslabor und grenzen den Objektivismus ab. Wenn wir uns verlieben, in die Kirche gehen oder bevor wir uns bei einer politischen Partei engagieren, reden wir nicht mehr von Evolution oder Sozialisation als Erklärungsgrund für unser Handeln. An dieser Stelle trennen wir die Welten.

2. Wenn gute Bekannte sich in Holland bei der Begrüßung dreimal auf die Wangen küssen, dann beurteilen wir deren Begrüßungsritual nicht als zu intim. Wir gehen davon aus, dass es ihre Art der Begrüßung ist und diese in keiner Weise besser oder schlechter ist als z. B. die deutsche Umarmung. Wenn die jüdischen Kinder in der Wohnsiedlung fröhlich vom Purimfest erzählen, sagt mir die katholisch erzogene Nachbarin: »Ja, jeder hat eben so seine eigene Art, Spiritualität zu erleben«. Über Homosexualität wird schon lange nicht mehr aggressiv debattiert. Mein Arbeitskollege findet es zwar nach wie vor schwer nachvollziehbar, aber er sagt letztendlich: »Es gibt eben verschiedene Möglichkeiten, seine Sexualität auszuleben.« Den Papst und seine Auffassungen findet er menschenverachtend: »Der ist noch im Mittelalter stecken geblieben«, meint er.

Wir sind uns alle einig über die Unterschiedlichkeit. Während die einen Elvis vergöttern, trauern die anderen um Kurt Cobain – Musikgeschmack ist eben subjektiv. Wenn jemand noch an das Ideal oder die Wahrheit glaubt, dann nennen wir ihn Fundamentalist. Fundamentalisten glauben, dass ihr Erleben der Wirklichkeit das einzig Wahre ist, und alle anderen sich in ihrer Wahrnehmung täuschen. Auch wenn es immer mehr Fundamentalisten gibt, so sind sie doch die Minderheit in unserer Gesellschaft. Wir aber – als moderne Menschen – erkennen im Gegensatz zu den altmodischen Fundamentalisten, dass es viele unterschiedliche in sich stimmige Möglichkeiten gibt, die Welt zu erfahren. Dass wir dabei oft schon längst subjektivistisch geworden sind, ist uns oft nicht bewusst. Aber wenn wir unseren eigenen Komfort bedroht sehen, lassen wir das Dogma Subjektivismus schnell fallen und berufen uns auf medizinische Gutachten (Objektivismus), um die 37-Stunden Woche zu bewahren. Da reden wir dann nicht vom 20-Zoll-LCD-Bildschirm, den wir uns geleistet haben, der aber eigentlich nicht nötig ist.

Niemand würde verneinen, dass es allgemeingültige Gesetze gibt, die zu einem großen Teil unser Leben bestimmen, aber keiner will sagen, dass wir fremdbestimmte Maschinen sind, und Freiheit eine Illusion ist. Niemand würde verneinen, dass es individuelle Freiheit gibt, aber keiner will behaupten, dass der andere tun und lassen kann, was er will. Und bevor wir zur Maschine oder zum Tyrannen werden, entscheiden wir uns für ein unklares Leben zwischen zwei Dogmen, denen wir glauben, aber dann doch nicht vertrauen wollen. Wir sind Opfer einer Erpressung zweier Dogmen: Wir leben in der Zwickmühle. Darin liegt die Ursache für die Sinnleere, die der moderne Mensch erlebt.

1.4 Problembehandlung

Manche sind sich ihrer Opferrolle sehr, manche sind sich ihrer weniger bewusst. Aber für alle gilt, dass das Leben zwischen den Dogmen sich auf die eigene Existenz sinnentleerend auswirkt. Ein Leben mit wirklicher Überzeugung und Orientierung kann der moderne Mensch nicht leben. Was bleibt, ist Lethargie als Grundstimmung. Es mag seltsam erscheinen, aber unsere Opferrolle ist zum großen Teil selbstgemacht. Zwar haben nicht wir das Problem erzeugt, aber die Grundlagen für die Entstehung dieser modernen Sackgasse sind durch unsere Vorfahren vor ungefähr 400 Jahren gelegt worden. Und weil wir als moderne, fortschrittsliebende Menschen lieber vorausschauen, als in die primitive Vergangenheit blicken, wissen wir oft nicht mehr, warum wir heute so denken wie wir denken.

Und so müssen wir uns die historische Frage stellen, wie die Zwickmühle zwischen Subjektivismus und Objektivismus entstanden ist. Nur so werden wir unser Dilemma verstehen. Und nur dann kann in den weiteren Reflexionen sichtbar werden, wie die biblischen Schriften mit ihren Propheten eine überzeugende Gegenposition zum philosophischen Dilemma unserer modernen Zeit entwerfen.

In der folgenden Reflexion wird versucht, den Ursprung der Zwickmühle zu verstehen und die Gedanken der Vorfahren zu begreifen. Danach wird das menschliche Denken kritisch hinterfragt (Reflexion 3). In den Reflexionen 4 bis 6 wird der biblische Gegenentwurf der Propheten aufgezeigt.

1.5 Klärung

Wir haben gesehen, dass Subjektivismus und Objektivismus als Dogmen bei allen modernen Menschen als Basis für Denken, Handeln und Entscheiden funktionieren. In den meisten Fällen operieren diese Dogmen im Unterbewusstsein. Dabei lassen sie eine sinnentleerte Atmosphäre im Leben des modernen Menschen entstehen. Es ist darum wichtig, sich bewusst zu werden, wo und wie diese Dogmen im eigenen Denken und Fühlen anwesend sind.

Die folgenden Aufgaben sollen helfen, Spuren des Subjektivismus und Objektivismus im eigenen Leben und Lebenskontext aufzuspüren.

→ Untersuche, wo sich in deinem täglichen sozialen Kontext (Schule, Universität, Arbeitsplatz) Hinweise auf Subjektivismus und Objektivismus finden lassen. Du entdeckst diese Hinweise meist in Gesprächen, in denen unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen.

→Wie wird in deinem Freundeskreis das Verhältnis zwischen Evolutionismus (Objektivismus) und persönlicher Freiheit und Vorstellungskraft (Subjektivismus) verstanden? Ist die Freiheit und Vorstellungskraft das Ergebnis der Evolution oder ist die Evolutionstheorie das Ergebnis menschlicher Vorstellungskraft? Oder gibt es sogar eine dritte Möglichkeit?

→Lies zur Vertiefung Alvin Plantingas »On Christian Scholarship«. (http://www.calvin.edu/​academic/​philosophy/​virtual_library/​articles/​plantinga_alvin/​on_christian_scholarship.pdf)

→ Schaue dir einen der folgenden Filme an und erörtere, wie sich in diesem Film das Verhältnis zwischen Subjektivismus und Objektivismus darstellt: A beautiful mind, Matrix, Inception.

2 VON DER UNABHÄNGIGKEIT IN DIE GEFANGENSCHAFT

Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. Das aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird, und der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen Alltag gewachsen zu sein.

(Weber, M. »Wissenschaft als Beruf (1919)«. In Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, edited by Winckelmann, J., 582 – 613. 6th ed. Tübingen: Mohr Siebeck, 1985, 502)

Literatur: Kaufmann, W. A. Critique of Religion and Philosophy. Princeton: Princeton University Press, 1978; Nagel, T. »What Is It Like to Be a Bat?« The Philosophical Review 83, no. 4 (1974): 435 – 450; Randall, J. H. The Making of the Modern Mind: a Survey of the Intellectual Background of the Present Age. Boston, New York: Houghton Mifflin, 1926; Taylor, C. Sources of the Self: The Making of the Modern Identity. Cambridge: Harvard University Press, 2006.

2.1 Einleitung: Gegenwart nicht ohne Vergangenheit

In der letzten Reflexion wurde gezeigt, wie sich die modernen Dogmen von Subjektivismus und Objektivismus sinnentleerend auf den Menschen auswirken. Dennoch werden sie in einer gewissen Weise von jedem geglaubt und dominieren den Alltag meist unbemerkt. Die vorgeschlagenen Aufgaben zur Selbstreflexion und zur Beobachtung haben den Einfluss dieser zwei Dogmen auf das eigene Leben vielleicht noch stärker bewusst gemacht. Ich hatte allerdings darauf verwiesen, dass die Grundlagen für diese Zwickmühle selbst erzeugt sind – zwar nicht von uns, aber von unseren Vorfahren. In dieser Reflexion wird versucht zu verstehen, wie eine vergangene Generation der Konstrukteur der modernen Zwickmühle zwischen Subjektivismus und Objektivismus wurde. Danach lassen sich die Schriften des biblischen Prophetentums als sinnvoller Gegenentwurf begreifen.

2.2 Cogito Ergo Sum

In der Schule haben die meisten gelernt, dass Descartes’ Satz »cogito ergo sum« (Ich denke, also bin ich.) gewissermaßen das Fundament der Moderne gelegt hat. Warum? Descartes hatte ein abenteuerliches und von vielen Unsicherheiten geprägtes Leben. In seiner Zeit entstanden die Nationalstaaten im Trubel politischer Unsicherheit; die Spaltung der Großkirche und des Protestantismus fanden statt und riefen eine religiöse Unsicherheit hervor. Durch Entdeckungen von Wissenschaftlern wie Kepler und Kopernikus entstand eine metaphysische Unsicherheit, deren Hauptfrage war: Was ist Realität?

Als Söldner kämpfte er am Anfang des Dreißigjährigen Krieges mal für die Protestanten (Fürst Moritz von Nassau), mal für die Katholiken (Maximilian von Bayern). Descartes sah Tausende ermordete Menschen in Dörfern, Städten und auf Feldern, nur weil sie aus der Sicht der Protestanten nicht an die biblische Wahrheit glaubten. Auf der anderen Seite ermordeten Katholiken mit ganz ähnlicher Begründung Protestanten, um die christliche Wahrheit zu verteidigen. Mord wegen unterschiedlicher Auffassungen von Wahrheit! Neben dem Kriegsgeschehen tat sich in Europa aber noch mehr. Viele Ansichten, die man damals über die Natur und den Kosmos landläufig hatte, wurden durch die Entdeckungen von Kopernikus, Huygens, Kepler und Galileo Galilei überholt. Die Erde war nicht mehr Mittelpunkt des Universums (geozentrisches Weltbild), sondern die Sonne (heliozentrisches Weltbild). Zumindest deuteten darauf alle wissenschaftlichen Berechnungen. Für den wissbegierigen Descartes stellte die Nachricht darüber, dass Galileo Galilei von den Inquisitoren zur Widerrufung seiner Thesen aufgerufen wurde, eine endgültige Kehrtwende dar. Für ihn entstand die zentrale Frage: Wer hat die Autorität, sagen zu können, was Wahrheit und Wirklichkeit sind? Der Papst, Kepler oder Luther? Wann kann ein Mensch überhaupt Gewissheit darüber haben, dass sein Glaube von der Wahrheit handelt und nicht von einer Illusion? Wenn das, wofür man im Dreißigjährigen Krieg kämpfte, am Ende nur Illusion und nicht Wahrheit war, dann war noch weniger zu rechtfertigen, dass man wegen »der Wahrheit« halb Europa tötete. Wie jeder in der damaligen Zeit war Descartes gläubig und fest davon überzeugt, dass es die eine alleingültige Wahrheit gibt. Aber wenn ganz Europa sich nicht einig darüber sein kann, was die Wahrheit ist, dann scheint zumindest halb Europa einer Illusion zu glauben und sich getäuscht zu haben. Und so fand Descartes sehr schnell den Gegenstand seines kritischen Nachdenkens: Täuschung. In seinen Meditationen (Meditationes de prima philosophia) untersucht er, worin man als Mensch überall getäuscht werden kann. Freunde können einen täuschen, Gefühle können einen täuschen. Es ist gerade des Teufels Expertise, jeden einzelnen Menschen zu täuschen. Aber Descartes ist kein Pessimist. Er glaubt daran, dass absolute Gewissheit, die jegliche Täuschung überwindet, zu erreichen ist. In seinen Meditationen kommt er zum Schluss, dass das einzige, was uns von jeglicher Täuschung bewahrt, das unabhängige Denken, die neutrale Rationalität sei. Mit seinem Satz »cogito ergo sum« will er somit sagen, dass das, was den Menschen im Innersten ausmacht, seine Fähigkeit ist, rational in Unabhängigkeit zu denken. Menschen lassen sich irreführen, weil sie nicht in Unabhängigkeit denken. Wer alle Regeln der Logik anwendet und sich nur von ihnen leiten lässt, wird die Wahrheit entdecken – unabhängig von Papst, Luther oder Kepler! Gerade erst im Schulterschluss von persönlicher Unabhängigkeit (Neutralität) und Ratio (Vernunft) lässt sich Wahrheit finden.

2.3 Hinwendung zum Ich – Anwendung von Rationalität: ein Problem

Mit Descartes hat sich der Ausgangspunkt der Wahrheitserkenntnis grundlegend geändert. Wahrheit wird nicht mehr von außen an uns herangetragen. Nicht mehr ein Prophet, Priester oder die Tradition vermittelt oder verantwortet die Wahrheit, sondern sie erschließt sich von innen, aus mir selbst heraus (Unabhängigkeit). Durch mein Denken (Rationalität) kann ich die Wahrheit erkennen. Man spricht auch von der sogenannten »Hinwendung zum Ich/​Subjekt« oder zur 1. Person-Perspektive (»Turn to the self«).

Descartes’ Gedanken sind zu einem großen Teil gut nachvollziehbar. Seine Werke und Gedanken wurden vom Papst verboten, aber sie fanden so viele Anhänger, dass Jahrhunderte später der moderne Mensch zu einem großen Teil das Programm Descartes’ auslebt – mit all seinen problematischen Konsequenzen! Was ist das Problem?

Um der Täuschung und dem Zweifel zu entkommen, muss der Mensch sein rationales Denkvermögen in Unabhängigkeit (Neutralität) einsetzen, um Gewissheit über Wahrheit und Irrtum zu erlangen (siehe Abb. 5).

Wie gesagt, misstraut Descartes im Prinzip allem, auch den eigenen Sinnen. Würden wir den Sinnen vertrauen, würden wir denken, dass die Sonne jeden Morgen aufgeht und am Abend wieder untergeht. Aber mit Hilfe von rational-analytischen Berechnungen hat man die sinnlichen Wahrnehmungen bis in die Kleinigkeiten zu zerlegen (Dekonstruktion) und zu untersuchen. Wenn man dann alle Elemente rational wieder zusammenstellt (Konstruktion), wird man herausfinden, dass sich in Wirklichkeit die Erde um die Sonne dreht. Diese rationale Analyseprozedur hat man auf alle Gegenstände anzuwenden. Und hier liegt das große Problem: Nach Descartes’ Methode wird die Welt da draußen durch meine innen liegende Rationalität rekonstruiert. Da die eigene Logik nach den Regeln der Kausalität funktioniert, ist die »wissenschaftlich« rekonstruierte Welt auch immer eine kausale Welt. Kausal bedeutet, dass die rekonstruierte Welt keine willkürliche Natur, sondern eine geregelte Natur hat. Wenn z. B. Sonnenlicht in einer bestimmten Wellenlänge auf bestimmte kugelförmige Wassertropfen einer Regenwand stößt, entsteht immer ein Regenbogen – ohne Ausnahme. Die Realität wird damit vorhersehbar. Wenn aber die gesamte externe Welt nach den Regeln der internen Logik rekonstruiert wird, ist alles kalkulierbar. Alles! D.h. wenn ich mit meiner Rationalität wissenschaftlich herausfinden möchte, wer ich in Wahrheit bin, dann bin sogar ich kalkulierbar, berechenbar, unfrei und eine Maschine. Auf einmal komme ich mit meinen Untersuchungen nicht nur zum Schluss, dass mein Haarausfall genetisch verursacht ist, sondern auch, dass meine Liebe zu meiner Frau aufgrund bestimmter biochemischer Prozesse zustandekommt. Und genau das ist das Problem des Objektivismus: Ich bin nicht mehr frei. Wenn ich das nicht anerkennen will, bin ich einer Täuschung zum Opfer gefallen. Das Ich wird durch eine objektive 3. Person-Perspektive definiert.

Mit der Hinwendung zum Ich (Subjekt) als rationales Wesen meint Descartes einen Weg gefunden zu haben, sich von der Gewalt der 3. Person, nämlich der Fremdbestimmung des Papstes, der Tradition und anderer Kräfte, zu befreien. Ironischerweise ist das Ich bzw. der Mensch in letzter Konsequenz aber wieder unfrei. Er ist zwar nicht mehr gefangen von den alten Kräften, wird aber jetzt von neuen, noch gewaltigeren Kräften beherrscht. Descartes’ rationalistische Methode ist wie ein Zauberstab: Jedes zuvor mysteriöse Objekt, das angetastet wird, ist auf einmal verständlich, erklärbar, logisch, aber gleichzeitig auch berechenbar und fremdbestimmt (siehe Abb. 6).

2.4 So sein wie du

Nun hat Descartes unser Problem von Subjektivismus und Objektivismus zu seinen Lebzeiten nicht mehr gesehen. Wenn er gewusst hätte, was die Folgen seiner Überlegungen sein würden, hätte er noch einmal angefangen sich zu fragen, ob er mit seinem »cogito ergo sum« nicht vielleicht einer Täuschung aufgesessen war. Für ihn war es wichtig, einen neutralen Ort zu finden, von dem aus man, ohne sich von Meinungen, Religionen oder Traditionen beeinflussen zu lassen, die echte Wahrheit entdecken kann. Und die menschliche Logik schien ihm so ein Ort zu sein. Ein Ort, den jedes Individuum für sich beanspruchen kann, denn er glaubte, dass jeder einzelne Mensch von Gott die Fähigkeit des rationalen Denkens erhalten habe. Jeder Einzelne kann sich also neutral der Welt nähern und herausfinden, was die Wirklichkeit ist.

In unserer ersten Reflexion haben wir festgestellt, dass kein Mensch nur objektivistisch leben kann. Subjektivität bleibt immer Bestandteil unseres Lebens. Das wird sichtbar in den Spannungen, die die »philosophy of mind« hervorruft: Auf der einen Seite sehen wir, dass unsere subjektiven Gedanken durch neurophysiologische Prozesse im Gehirn gesteuert werden (Objektivismus), auf der anderen Seite ist es unser Denken, das diese neurophysiologischen Prozesse erforscht (Subjektivismus). Das Geistige scheint sich nie aufs Physische reduzieren zu lassen.

Schlussendlich gehen wir alle davon aus, dass persönliche Freiheit – wenn auch unklar ist, in welcher Form und welchem Ausmaß – besteht. Zu viele menschliche Handlungen bleiben unklar, mysteriös und scheinen sich nicht wissenschaftlich erklären zu lassen. Für all diese Fälle gehen wir von der Freiheit des Menschen aus, Dinge zu tun, die dem eigenen Willen entsprechen, nicht aber allgemeinen Regeln und Normen. Darum glauben wir, dass Straftäter nicht notwendigerweise Straftäter hätten sein müssen, und verurteilen ihre Handlungen als freie und unentschuldbare Handlungen. Subjektivität ist also wesentlicher Bestandteil unserer Wirklichkeit, nur ist dieser subjektive Bestandteil per Definition nie auf dem rationalistischen Radarschirm zu sehen. Und das ist auch verständlich. Während die Rationalität eine neutrale, allgemeingültige, für jeden verbindliche, also frei von jeglicher Subjektivität existierende Methode sein will, entdeckt sie auch immer nur die allgemeingültigen, verbindlichen Gesetzmäßigkeiten, die das Leben »kontrollieren«– und damit immer nur den objektiven Teil der Wirklichkeit.

Thomas Nagel ist durch einen Artikel mit dem Titel »What is it like to be a bat« berühmt geworden. Dabei stellt er die Frage, ob wir als Menschen mit unseren wissenschaftlichen Methoden die Möglichkeit haben herauszufinden, wie eine Fledermaus die Realität erlebt. Wir können die Antwort bereits vermuten. Nagel macht ganz deutlich klar, dass das nicht möglich ist. Die Realität von subjektiven Erfahrungen kann nicht auf die allgemeingültige Schnittmenge, die verschiedene subjektive Erlebnisse haben, reduziert werden. Wenn das dennoch geschieht, hat man nicht die eigentliche subjektive Erfahrung beschrieben. Die subjektive Erfahrung ist immer mehr als ihre objektive Beschreibung. Das Problem des modernen Rationalismus ist, dass wir nach objektiver Wirklichkeit streben, aber im gleichen Moment die subjektiven, unterschiedlichen Erfahrungen verlieren, die genauso Bestandteil der Wirklichkeit sind. Wie kann ich aber wissen, wer der andere ist, wenn er mehr ist als das Produkt allgemeingültiger Gesetzmäßigkeiten? Wie kann ich wissen, wer ich bin, wenn ich mehr bin als das, was die Wissenschaft über mich zu sagen hat? Wenn der andere immer der Fremde bleiben wird, wie kann ich dann jemals mein Leben mit ihm teilen, ihn lieben, ihm vertrauen und ihn verstehen?

Fazit: Wer ich bin, wer du bist, bleibt dem objektiv-rationalistischen Denken verborgen. Ich und Du sind mehr als das, was die Wissenschaft mit ihrer 3. Person-Perspektive über uns zu sagen hat.

2.5 Neuauflage des ewigen Götterstreits

Aus der rationalistischen Methode Descartes’ folgt nicht nur, dass ich nie herausfinden kann, wer ich bin und wer der andere ist. Es ergibt sich ein neues Problem: Während viele Biologen erklären, dass jedes Handeln der Menschen letztlich evolutionistisch zu erklären ist (Ich verliebe mich, weil ich instinktiv das Überleben meiner Gene sichern muss.), widersprechen Historiker dieser Idee und zeigen auf, dass die evolutionistische Philosophie ein Zeitgeist-Phänomen ist, das seine Wurzeln in der Aufklärung suchen muss (damals wurde die biblische Eschatologie säkularisiert). Für den Historiker wird die Evolutionsidee darum als Zeitblüte wieder vergehen. Der Psychologe hingegen erklärt, dass der Versuch der Historiker, die Weltgeschichte zu systematisieren, als auch der Versuch des Biologen, menschliches Handeln auf biologische Prinzipien zu reduzieren, auf die Struktur der menschlichen Psyche zurückzuführen sind. Diese Struktur versucht ständig, komplexe Zusammenhänge auf einfache Systeme zu reduzieren. Es kommt zum Disziplinenstreit.

Wir sehen, dass es innerhalb der Wissenschaft sehr unterschiedliche rationalistische Ansätze gibt, Phänomene reduktionistisch zu erklären. Unser Beispiel hat drei Wissenschaftszweige (Biologie, historische Wissenschaft, Psychologie) in Konkurrenz gezeigt. Während für den einen die Evolutionsidee subjektiv und historisch bedingt ist (Historismus), ist für den anderen der Historismus subjektiv und psychisch bedingt (Psychologismus), und für einen weiteren sind die entwicklungspsychologischen Abläufe selbst nur Produkt der Evolution (Biologie). Eine Art Kampf um Objektivität findet statt. Der Kampfschauplatz ist die Arena der Universität. Während wir glaubten, dass wissenschaftliches Denken uns ein objektives Bild von der Wirklichkeit zeichnen kann, spricht jede Wissenschaft einen Subjektivitätsverdacht über die anderen Wissenschaften aus. Es gibt nicht die eine wissenschaftliche Stimme, die uns die objektive Wahrheit erzählt, sondern viele, in Konkurrenz stehende, rationale Stimmen. In diesem Kontext spricht Max Weber von der Wiederauferstehung der Götter. Jeder versucht, Einfluss bei den Menschen zu gewinnen, aber keiner kann wirklich überzeugen und siegen. Das einzige, was die Götter unserer modernen materialistischen Zeit von den antiken unterscheidet, ist, dass sie unpersönlich und rationalistisch sind. Aber wie früher haben diese Götter ihre Priester (Biologen, Psychologen, Historiker) und ihre Gläubigen (die modernen Menschen). Die Konkurrenz um die Wahrheit zwischen den Wissenschaften hat dazu geführt, dass es immer mehr interdisziplinäre Initiativen gibt, um herauszufinden, welche Berechtigungen und welche Art von Wissen jede einzelne Wissenschaft hat. Dieses Bemühen ist sehr wichtig, aber solange es modernistisch bleibt, ist die Problematik nicht zu überwinden.

Fazit: Die Wissenschaft hat nicht die Antwort auf die Fragen des Lebens. Viele verschiedene wissenschaftliche Theorien stehen miteinander im Konflikt.

2.6 Problembehandlung

Die Konstrukteure des modernen Dilemmas wurden vorgestellt und ihr Verlangen nach Mündigkeit deutlich gemacht. Sie wollten frei werden vom Wahrheitsdiktat verschiedener Kräfte und ihre ethische Verantwortung ernst nehmen, indem sie versuchten zu verhindern, dass länger im Namen der Wahrheit gemordet wird. Aber leider haben sie einen Weg eingeschlagen, der die Menschen schlussendlich in eine noch düsterere Gasse geführt hat. Zwei Probleme sind dabei ständig präsent: (1) Die Beantwortung der Frage nach dem »Wer bin ich? Was ist der Mensch?« rückt immer ferner, je moderner wir werden. (2) Die Antwort auf die Frage nach der objektiven Wirklichkeit scheint nicht durch neutrales rationalistisches Denken möglich. Der moderne Mensch ist nicht im Stande, diese Probleme zu lösen. Und so dominieren Subjektivismus und Objektivismus sinnentleerend weiter den modernen Alltag.

Es klärt sich in unserer Zeit immer mehr, dass ein Rückzug aus der Sackgasse nur mit einer Abwendung vom »cogito ergo sum« und den Denkkonzepten der Moderne geschehen kann. Aber wie soll das geschehen, wenn wir nicht wieder in einem Dreißigjährigen Krieg enden wollen?

In den nächsten vier Reflexionen (3 bis 6) wollen wir versuchen, unserem modernen Dilemma aus der Perspektive der biblischen Propheten zu begegnen. In dieser Konfrontation tut sich ein unerwarteter Weg auf, der es vermag, uns wieder an den Sinn und die Wirklichkeit des Lebens hinzuführen. In der nächsten Reflexion wird aus einer biblischen Perspektive erläutert, was passiert, wenn wir wissenschaftlich/​rational denken und arbeiten, und weshalb die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen gleichsam dem alten Götterkampf miteinander um die objektive Sichtweise kämpfen. Dabei sollen auch die Propheten zu Wort kommen. Daran anschließend wird in der Reflexion 4 skizziert, wie die Frage nach dem »Wer bin ich?« im Pentateuch (5 Bücher Mose) behandelt wird. Dort lässt sich eine Vision vom Leben finden, die den Menschen zurückführen will in die Selbstbegegnung und der Begegnung mit dem Mitmenschen. In Reflexion 5 wird in den prophetischen Zugang zur Objektivität eingeführt, ohne dass damit der Objektivismus als Bedrohung einhergeht. In Reflexion 6 wird gezeigt, wie aus prophetischer Perspektive Subjektivität und Objektivität in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen.

2.7 Klärung

Wir haben gesehen, dass da, wo versucht wird, Dinge verständlich werden zu lassen, indem sie in logischer Kausalität erklärt werden, die Freiheit des Menschen sehr schnell verdrängt wird. Das wird vor allem sichtbar, wenn man sich mit der Vergangenheit beschäftigt. So wird – ganz zurecht – der Aufstieg des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des Kaiserreichs und der sich daran anschließenden, unverhältnismäßig hohen Reparationszahlungen an die Siegermächte nach dem 1. Weltkrieg erklärt (Versailler Vertrag). Des Weiteren haben die brutale Oktoberrevolution in Russland und die dramatische Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre die Bevölkerung in der nationalsozialistischen Bewegung Hoffnung auf die Sicherung von Gerechtigkeit, Recht und Freiheit suchen lassen.

Diese historischen Rekonstruktionen der Abläufe und ihrer Dynamiken auf die Entscheidungen der Menschen zu verstehen, hilft, das erneute Aufkommen eines grausamen Nationalsozialismus zu verhindern. Aber genau hier fängt unser Problem an: Wo die Vergangenheit als eine kausale Kette von Ereignissen und Entscheidungen verstanden wird, kann schnell davon ausgegangen werden, dass der Nationalsozialismus unausweichlich war. Es hätte also gar nicht anders kommen können: A erzeugt B (nach A kommt nicht C). Wenn man allerdings anfängt so zu denken, gibt man die menschliche Freiheit auf. Schnell ist man dann geneigt zu sagen: »Mein Großvater hatte gar keine andere Möglichkeit, als der NSDAP beizutreten.« Menschliches Handeln, Entscheidungen und Überzeugungen sind dann nur noch Produkte der Umstände. Dass das aber nicht der Fall ist, wird immer dann klar, wenn der nächste Schritt aus der Gegenwart in die Zukunft gegangen wird. Deutlich wird, dass als Reaktion auf A neben B1 auch B2, B3 und Bn bestehen.

Diskutiere, wie sich Kausalität und menschliche Freiheit zueinander verhalten. In welchem Verhältnis steht unsere Betrachtung der Vergangenheit zu unserer Zukunftsschau?

3 DENKEN UND GLAUBEN

Die Religionen der Völker zeigen uns oft die bizarrsten Vorstelllungen des göttlichen Wesens, aber wir dürfen uns die Sache nicht so leicht machen und sie als Aberglauben, Irrtum und Betrug verwerfen, sondern das höhere Bedürfnis ist, den Sinn und das Wahre, kurz das Vernünftige darin zu erkennen.

(Hegel, G. W. F. Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Berlin: Duncker und Humblot, 1840, 78.)

Literatur: Clouser, R. A. The Myth of Religious Neutrality: An Essay on the Hidden Role of Religious Belief in Theories. Notre Dame: University of Notre Dame Press, 2005; Dooyeweerd, H. »The Secularization of Science«, Montpellier, 1953; Woudenberg van, R. Gelovend Denken: Inleiding Tot Een Christelijke Filosofie. Amsterdam, Kampen: Buijten & Schipperheijn; KoK, 2004.

3.1 Einleitung: Theorie-Denken und Alltags-Denken

Jeder Mensch denkt. Ohne zu denken wären wir nicht in der Lage zu überleben. Im Alltag denken wir meist, ohne es zu merken. Denken ist nichts anderes als die sinnvolle Verarbeitung von Information. Diese Verarbeitung besteht aus zwei Elementen: (1) Erkennen von Unterschieden (Analyse) und (2) Erkennen von Zusammenhängen (Synthese). Das, was man im Denken differenziert, fügt man in einem weiteren Schritt wieder in einen sinnvollen Zusammenhang. So unterscheide ich zwischen dem Mann, der Frau und dem Kind, die ich sehe (Analyse). Es sind drei verschiedene Wesen. Und gleichzeitig erkenne ich, dass ein Zusammenhang zwischen der Frau, dem Mann und dem Kind existiert (Synthese): Es handelt sich um eine Familie mit Vater, Mutter und Tochter. Es liegt in der Natur des Denkens, dass Analyse und Synthese zusammengehören. Wer keinen Unterschied zwischen Frau und Mann machen würde, stünde in der Gefahr, die beiden Personen in einen falschen Zusammenhang zu stellen: z. B. als Geschwister (siehe Abb. 7).

Fazit: Denken findet statt, wo Unterschied und Zusammenhang von Informationen erkannt werden.

In unserem Alltagsdenken unterscheiden wir zwischen verschiedenen Phänomenen (Donner und Blitz, Brot und Apfelsaft, Essen und Trinken) und bringen sie in einen Zusammenhang (Unwetter, Nahrung, Mittagessen). Nur so können wir überleben. In der letzten Reflexion wurde davon geredet, dass der moderne Mensch vom rationalen Denken geprägt ist. Damit ist nicht so sehr dieses gewöhnliche Alltagsdenken gemeint, sondern wissenschaftliches oder theoretisches Denken. Ein solches Denken ist in gewisser Weise Denken in einem anderen Modus. Zur Vereinfachung wird das wissenschaftliche und theoretische Denken »Theoriedenken« genannt. Im Gegensatz zum Alltagsdenken verhält sich das wissenschaftliche Denken »mikroskopisch«. So wie das Alltagsdenken besteht auch das Theoriedenken aus Analyse und Synthese. Beim Theoriedenken wird allerdings nicht im Alltagsmodus, sondern im Mikroskopmodus analysiert und synthetisiert. Man unterscheidet darum nicht nur zwischen den Phänomenen »Hund« und »Mensch«, sondern zwischen den Blutbahnen und Nervenbahnen »innerhalb« eines Hundes. Wenn das Theoriedenken die Unterschiede »mikroskopisch« festgestellt hat, sucht es den Zusammenhang der zuvor unterschiedenen Elemente: Wie verhalten sich die Blutbahnen zu den Nervenbahnen des Hundes?

Verschiedenste mikroskopische Blickwinkel bestehen. Während der eine über die Substanzen innerhalb der Blutbahn und Nervenbahn nachdenkt (Biochemie), denkt, d. h. analysiert und synthetisiert, der andere über das Verhältnis von Fressvorgang und Speichelsekretion nach (Verhaltenspsychologie) und wieder ein anderer über Hormone und Brunftzeit (Biologie) (siehe Abb. 8).

Es gibt sehr viele verschiedene Seins-Aspekte, die man beim Theoriedenken unter die mikroskopische Lupe nehmen kann. Unter Seins-Aspekten werden alle Aspekte verstanden, die in einem existierenden Ding, Wesen oder Phänomen notwendigerweise anwesend sind (Hund, Stein, Liebe). Wenn man die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen betrachtet, gibt es die folgenden Seins-Aspekte, die man beim Theoriedenken in allen Dingen und Phänomenen unterscheiden kann (in Reflexion 5 wird auf die folgende Liste näher eingegangen):

1. quantitativer Seins-Aspekt (mehr – weniger)

2. räumlicher Seins-Aspekt

3. kinematischer Seins-Aspekt

4. energetischer Seins-Aspekt

5. biotischer Seins-Aspekt (leben – sterben)

6. sensorischer/​psychischer Seins-Aspekt

7. logischer Seins-Aspekt

8. historischer Seins-Aspekt

9. linguistischer Seins-Aspekt (kommunizieren – misskommunizieren)

10. sozialer Seins-Aspekt

11. ökonomischer Seins-Aspekt

12. ästhetischer Seins-Aspekt

13. juristischer Seins-Aspekt

14. ethischer Seins-Aspekt

15. fidelischer Seins-Aspekt (vertrauen – misstrauen)

Jeder Gegenstand (Stein, Mensch, Baum) und jedes Phänomen (Liebe, Regen, Essen) kann in diese verschiedenen Seins-Aspekte unterschieden werden. Während ich im Alltagsdenken den Mann von der Frau abgrenze, bringt mich das Theoriedenken zum Abgrenzen von biotischem und psychischem Seins-Aspekt eines Gegenstandes. Wenn der Theoriedenker einen Seins-Aspekt abgegrenzt hat, kann er in ihm ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten finden. Der Verhaltenspsychologe, der den psychischen Seins-Aspekt des Hundes unter die Lupe nimmt, findet heraus, dass die Speichelsekretion auf Grund von Konditionierung zustande kommt. Wenn der Hund seinen Fraß sieht oder riecht, setzt die Speichelproduktion an. Wenn der Hund mit Fraß nun ein Klingelgeläut verbindet, setzt beim Glockengeläut die Speichelproduktion ein, selbst wenn es keinen Fraß gibt. Damit hat Pawlow innerhalb des sensorischen/​psychischen Seins-Aspekts das Gesetz der Konditionierung entdeckt. Der Biologe, der den biotischen Seins-Aspekt erforscht, findet heraus, dass die Brunftzeit durch das genetische Erbmaterial immer in der günstigsten Zeit des Jahres stattfindet, um später beste Konditionen für den jungen Nachwuchs zu haben und damit das Überleben der Rasse zu sichern. Das ist das Gesetz der Selektion und Anpassung.

3.2 Die Göttliche Synthese

Immer dann, wenn ein Theoriedenker einen Seins-Aspekt eines Gegenstandes untersucht, wird er Gesetzmäßigkeiten finden. Damit ist aber erst die halbe Arbeit getan (siehe Abb. 9).

Nachdem der Theoriedenker den einen Seins-Aspekt (z. B. den sensorischen/​psychischen Seins-Aspekt) des Hundes oder irgendeines anderen Gegenstandes von anderen Seins-Aspekten abgegrenzt und dadurch allgemeingültige Gesetze entdecken konnte (z. B. Gesetz der Konditionierung, Gesetz der genetischen Selektion), muss er nun – wie beim Alltagsdenken – durch die Analyse diesen Seins-Aspekt wieder in einen Zusammenhang (Synthese) mit den anderen Seins-Aspekten bringen, um ein sinnvolles Gesamtbild zu erhalten. Aber wie sollen sich die Gesetzmäßigkeiten des sensorischen/​psychischen Seins-Aspektes zu den Gesetzmäßigkeiten des biotischen Seins-Aspektes verhalten? Genau an dieser Frage bricht der Streit der Theoriedenker aus, und die Wiederauferstehung des antiken Götterstreits findet statt (siehe Abb. 10). Der Verhaltenspsychologe ist so beeindruckt von der Macht der Konditionierungsgesetze, dass sie aus seiner Sicht das gesamte Verhalten des Hundes erklären könnten. Und so scheint es ihm sinnvoll, die genetischen Gesetze als eine Art verhaltenspsychologisches Folgegesetz zu betrachten. Beispielsweise kann Genmaterial durch verhaltenspsychologische Vorgänge manipuliert werden. Neueste Forschungen haben ergeben, dass viele übergewichtige Personen ein Gen besitzen, das die Fettleibigkeit fördert. Man konnte allerdings feststellen, dass dieses Gen auch bei sehr vielen Menschen vorliegt, die nicht unter Übergewichtigkeit leiden. Deren gesunde und geregelte Essgewohnheiten führte dazu, dass das Fettleibigkeitsgen nicht aktiviert wurde. Ganz ähnliche Zugsamenhänge lassen sich bei diversen Säugetieren feststellen.1 Biologische Abläufe sind darum vor allem psychisch bedingt. So könnte sich z. B. der Placeboeffekt erklären lassen. Biologische Mechanismen werden durch psychische Prozesse verursacht. Ein sinnvoller Zusammenhang entsteht, indem die verschiedenen Seins-Aspekte sich über die psychischen Gesetzmäßigkeiten zueinander verhalten.

Im Gegensatz zum Verhaltenspsychologen ist der Biologe so beeindruckt von der Macht der genetischen Gesetzmäßigkeiten, dass für ihn alles Verhalten auf den genetischen Code zurückzuführen ist. Nicht nur, ob ein Mensch an Krebs stirbt oder nicht, ist genetisch festgelegt, sondern auch, welchen Schönheitsidealen er nachgehen wird, um einen Partner zu finden. Aus dieser biologischen Perspektive lassen sich die ganzen verhaltenspsychologischen Vorgänge biologisch am Evolutionsprinzip erklären. Psychologische Mechanismen werden durch evolutionäre Prozesse bestimmt. Ein sinnvolles Gesamtbild entsteht, indem sich die verschiedenen Seins-Aspekte über die evolutionären Gesetzmäßigkeiten zueinander verhalten.

Was hier stattfindet, ist Reduktion. Alle übrigen Seins-Aspekte werden zu Unter-Aspekten eines anderen Seins-Aspekts reduziert. Hier entstehen die sogenannten »Ismen« (Biologismus, Psychologismus, Historismus). Bei jedem Ismus werden alle reduzierten Seins-Aspekte analog behandelt. Im Falle des Biologismus (evolutionäre Lebenserhaltungsprinzipien sind dominant) sieht das dann so aus, dass man von »religiöser Existenz« (fidelischer Seins-Aspekt), »sozialer Existenz« (sozialer Seins-Aspekt) und »moralischer Existenz« (ethischer Seins-Aspekt) spricht. Da, wo wir den sensorischen/​psychischen Seins-Aspekt verabsolutieren, kommt es zu Analogien wie »logische Kohärenz« (logischer Seins-Aspekt), »kulturelles Empfinden« (historischer Seins-Aspekt), »Sprachgefühl« (linguistischer Seins-Aspekt), »moralisches Empfinden« (ethischer Seins-Aspekt).

Die gesamte Realität wird über das entdeckte Prinzip oder Gesetz einer spezifischen Wissenschaft sinnvoll erklärt. Das Viele lässt sich also durch das Eine erklären. Dabei ist jede ismatische Erklärung immer auch eine deterministische Erklärung, die sich sinnentleerend auf das Alltagsleben auswirkt (siehe Reflexion 1 und 2).

Die Tatsache, dass viele Ismen und damit verschiedene Wirklichkeitsverständnisse möglich sind, erklärt, warum vom Theoriedenken gesprochen wird. Alle logischen Rekonstruktionen eines Zusammenhangs der verschiedenen Seins-Aspekte sind nämlich nur Theorien. Jede Theorie kann die andere ausspielen. Und da, wo ein psychisches Phänomen nicht so einfach in den biologischen Reduktionismus passt, kann immer behauptet werden, dass in der Biologie noch weiter geforscht werden muss, um eine überzeugende Erklärung zu ermöglichen.

Fazit: Theoriedenken und damit wissenschaftliches Denken sind weder objektiv noch neutral.

3.3 Auf der Suche nach dem Zusammenhang

Wir sehen jetzt, wie der moderne Mensch mit seinem Dilemma von Objektivismus und Subjektivismus nicht so sehr vom Denken an sich geprägt ist, sondern von einem ganz bestimmten Denken. Nicht das Alltagsdenken, sondern die Ergebnisse des Theoriedenkens sind sein Problem. Soll das heißen, dass wir nicht mehr theoretisch denken sollen, und dass alle wissenschaftlichen Disziplinen letztlich keinen unumstrittenen Beitrag zum Verständnis des Lebens liefern? Das wäre ein voreiliger Schluss. Vielmehr müssen wir uns fragen, wie es zu diesem Phänomen des Reduktionismus kommt. Warum wird der Zusammenhang abgegrenzter Seins-Aspekte immer nur durch einen spezifischen Reduktionismus sinnvoll erklärt? Kann man einen sinnvollen Zusammenhang nicht auch ohne Reduktionismus gestalten? Warum kommt es zu diesem modernen Götterstreit, gibt es nicht auch Wissenschaft ohne Götter?

Wie schon Max Weber in seiner berühmten Vorlesung »Wissenschaft als Beruf« erklärte, hat der moderne Götterstreit sehr viel mit dem antiken Götterstreit zu tun. Im Römerbrief beschreibt der Prophet und Apostel Paulus, dass der antike Götterstreit (Zeus/​Jupiter, Aphrodite/​Venus, Dionysos/​Bacchus, etc.) nur zustande kam, weil die Menschen dem wahren und einzigen Gott JHWH nicht mehr vertrauten (Römer 1,18 - 25). Paulus argumentiert weiter, dass da, wo JHWH als Schöpfer abgelehnt wurde, die Menschen einen Gottersatz in den Gegenständen der Schöpfung suchten. Für uns moderne Menschen ist es schwer, sich mit diesem biblischen Vokabular anzufreunden. Unter dem Begriff »Gott« verstehen die Propheten jemanden, der die Wirklichkeit so, wie wir sie kennen, geschaffen hat. Er hat unsere Erde, den Kosmos, Naturgesetze, Tiere, Menschen, in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt. Für die Propheten besteht ein ganz klarer Unterschied zwischen dem einen Schöpfer (Gott) und der Vielfalt der Schöpfung. Der Existenzgrund der Wirklichkeit als auch deren Einheit und Zusammenhang liegen in Gottes Tat der Schöpfung begründet.

Die Abbildung 11 zeigt, dass es beim Begriff Gott in der Bibel, genauso wie in der Wissenschaft und ihren verschiedenen Ismen, darum geht, die Welt in einem sinnvollen Zusammenhang zu verstehen. Passend zu unseren Beobachtungen betonen die Propheten im Alten Testament, als auch Paulus und andere im Neuen Testament, dass man JHWH als Gott ablehnen kann. Man kann aber nicht Gott als eine Idee ablehnen, die die Diversität der Wirklichkeit in einen Zusammenhang bringt und den Grund für die Existenz dieses Zusammenhangs gibt. D.h. unabhängig davon, was man glaubt, muss man an etwas glauben, das diese Gottesrolle einnimmt. Der Mensch kann nicht sinnvoll leben, ohne die Gottesrolle konkret auszufüllen. Die Propheten beobachten, dass da, wo man JHWH als wahren und einzigen Schöpfer nicht mit dieser Gottesrolle identifiziert, die Menschen irgendetwas anderes mit dieser Gottesrolle in Verbindung bringen. Da es aber für die Bibel außer JHWH keinen Schöpfer gibt, muss der antike Mensch einen Gegenstand der Schöpfung mit dieser Rolle bekleiden. Und so wird die Sonne, die ja in der Bibel durch JHWH geschaffen wird, auf einmal in heidnischen Kulturen (z. B. Ägypten) selbst als Schöpfer der Wirklichkeit gesehen. Über die Sonne kann dann der Mensch die Vielfalt des Lebens erklären. Die Sonne gibt Wärme, lässt Pflanzen wachsen, reguliert die Zeiten und lässt Wasser verdunsten, sodass es regnet. Mit Hilfe der Sonne kann der innere Zusammenhang der Welt logisch erklärt werden (siehe Abb. 12).

Aber genauso wie die Sonne könnte ja auch der Berg den Zusammenhang der Wirklichkeit erklären (z. B. wie es die Bewohner Kanaans taten). Aus dem Berg kommen die Flüsse, die die Pflanzen wachsen lassen; der Berg bestimmt Wetter und Winde, von ihm erhält die Sonne in den Blitzen des Unwetters ihr Licht, usw. Weil die Menschen der Antike noch nicht so stark vom Theoriedenken, sondern vom Alltagsdenken geprägt waren, haben sie Gegenstände mit der Gottesrolle identifiziert. Heute findet das gleiche Phänomen statt, nur dass mit der Gottesrolle nicht mehr Gegenstände wie ein Berg, der Adler oder die Sonne in Verbindung gebracht werden, sondern bestimmte natürliche Gesetzmäßigkeiten, die sich in Gegenständen finden lassen.

Fazit: Der Berg ist durch die Genetik, der Adler durch die verhaltenspsychologische Konditionierung und die Sonne durch die Gesetze der Atomphysik ausgetauscht worden. In diesem Zusammenhang spricht dann Weber auch von der Auferstehung der alten Götter in neuem Gewand.

3.4 Präsident und Regierungsamt: Die Präsidentenwahl

Im Sinne der Propheten ist der atheistische Evolutionist genauso gottgläubig wie der Moslem oder Christ. Alle denken mit Hilfe der Gottesrolle. Während der Evolutionist an Zufall, Zeit und Selektion als Schöpfer der Wirklichkeit glaubt, glaubt der Moslem an Allah und der Jude und Christ an JHWH als Schöpfer der Wirklichkeit. Es geht beim Begriff Gott also um eine Funktion oder Rolle, nicht um eine konkrete Gottesidee. Gott ist also nicht so sehr der Präsident der Wirklichkeit, sondern das Regierungsamt für die Wirklichkeit. In der Bibel werden mit dem Wort Gott (Elohim) darum auch verschiedene Personen und Wesen in Verbindung gebracht. Während die Israeliten an JHWH als Gott glauben, glauben die Kanaanäer an Baal und die Ägypter an Aton als Gott. Wer das Regierungsamt innehat, kann also je nach Person/​Glauben unterschiedlich sein. Den Regenten kann man wählen, z. B. das Evolutionsprinzip (time and chance), JHWH (persönlicher Gott in der Bibel) oder Aton.

Wenn nach der Analyse und der Isolierung eines Seins-Aspektes von anderen Seins-Aspekten wieder der Zusammenhang der Seins-Aspekte nach einem Ordnungsprinzip gesucht werden muss (Synthese), dann entscheidet sich, welchem Gott man glaubt. Ohne Gott geht es nicht, da sonst keine Synthese und damit kein sinnvoller Zusammenhang der Wirklichkeit besteht. Ohne Ordnungsprinzip leben wir in einer zusammenhangslosen und damit sinnlosen Welt. Der Mensch muss darum immer seine Regierung wählen. Die kritische Frage für das Theoriedenken ist dann, welches Prinzip zum Gott erhoben wird, um einen sinnvollen Zusammenhang entstehen zu lassen.

Fazit: Ohne Regierungsamt kann man die Welt nicht sinnvoll organisieren (Synthese).

Interessanterweise behaupten die Propheten, dass überall, wo ich einen Gegenstand oder Seins-Aspekt der Schöpfung zum Gott als oberstes Ordnungsprinzip oder Regenten mache (z. B. physikalische Prozesse und Gesetzmäßigkeiten), ich automatisch einen Gegengott erzeuge, der gegen das Primat des einen Gottes ankämpft (z. B. sensorische/​psychische Gesetzmäßigkeiten vs. biotische Gesetzmäßigkeiten). Es wurde schon erläutert, dass da, wo man die Sonne zum Gott macht, mit der gleichen Selbstverständlichkeit der Berg zum Gott gemacht werden könnte. Je nachdem bestimmt die Sonne oder der Berg die Wirklichkeit. Genaus so verhält es sich in der modernen Welt auch. Wo ich biologische Gesetzmäßigkeiten zum Gott mache, bieten sich die physikalischen Gesetzmäßigkeiten genauso als Gott an. Beide »Präsidenten« können die Welt in einem sinnvollen Zusammenhang erklären. Dieser Götterstreit zeigt sich am praktischen Beispiel von Alexandra (Reflexion 1), die auf der einen Seite versucht, die Welt über den Physikalismus (Objektivismus) in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen, aber ihre Welterklärung zugleich kompromittiert, indem sie dem Subjektivismus auch Raum gibt, um ihr Verliebtsein in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Dieser Dualismus ist typisch für den modernen Menschen.

Die Propheten behaupten immer wieder aufs Neue, dass da, wo man JHWH als Gott versteht, aller Dualismus ein Ende findet und der ewige Götterstreit zum Erliegen gebracht wird. Wer aber ist JHWH, und wie erklärt sich unsere Wirklichkeit über ihn in sinnvollem Zusammenhang? Das sind Fragen, die geklärt werden müssen.

3.5 Imago dei: Wer ist mein Gott?

Wir haben nun gesehen, dass modernistisches Theoriedenken nicht zur objektiven Wahrheit, sondern immer nur zu einer Theorie führt, die in einen gleichberechtigten Kampf mit anderen Theorien des Theoriedenkens gehen muss. Man kann hier vom Götterstreit der Ismen sprechen. Damit soll auch klar sein, dass das rationale Denken kein neutrales, zur Objektivität führendes Denken ist. Mag der Analyse-Teil des Denkens noch neutral sein, der Synthese-Teil ist es ganz sicher nicht mehr. Man könnte sogar sagen, dass der Synthese-Teil religiöser Natur ist, da die Synthese ja erst mit einer Gotteswahl möglich ist: Diese Gotteswahl ist nicht mehr objektiver Natur. Und so stellt sich heraus, dass das Denken, das die Moderne noch als neutral bezeichnet hat, zutiefst religiös ist. Sinnvoll denken kann man nicht ohne Anfangsidee, ohne Präsidenten, ohne Orientierung.

Nun mag der Eindruck entstehen, dass dem Theoriedenken skeptisch gegenüber gestanden wird. Das ist nur in begrenzter Weise der Fall. Ohne Theoriedenken bleiben viele unserer wichtigen täglichen Fragen ungeklärt. Es gibt keine Alternative zum Theoriedenken, wenn wir danach streben, die Wirklichkeit als Ganzes zu verstehen. Unsere Skepsis bezieht sich auf das, was das Theoriedenken inspiriert und lenkt. Denken und Rationalität sind keine neutralen Orte, nicht autonom, sondern stehen in einer religiösen Abhängigkeit. Welchen Präsidenten sollte man nun wählen, wenn man wählen muss, sich aber die Richtigkeit der Wahl nicht objektiv beweisen lässt?

Es mag vielleicht primitiv klingen, aber die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist das Experiment. Wenn es darum geht, die Wirklichkeit mit all ihren Phänomenen in einen sinnvollen, möglichst widerspruchslosen Zusammenhang zu bringen, muss geklärt werden, welcher Regent das am besten macht. Welcher Regent ist im Stande, die Widersprüche des Lebens sinnvoll zu integrieren, ohne sie zu ignorieren oder zu reduzieren? Welche Regenten bieten sich an? Wer oder was offenbart sich als Schöpfer unserer Wirklichkeit? Es wurde gezeigt, dass die verschiedenen, sich anbietenden Ismen keine idealen Regenten sind, da sie nicht gut die anderen Seins-Aspekte integrieren können (Subjektivismus und Objektivismus). Welcher Gott bringt alle anderen Gotteskandidaten zum Schweigen?

Markus, ein Geschichtslehrer aus Rotterdam, hat in seinem Leben viel experimentiert. In einer gewissen Weise ist sein Leben ein Labor. Er hat in seinem Leben schon so manche Regierungsauflösung miterlebt. So mancher Putsch und Staatsbankrott waren dabei. Aber heute kann er sagen, dass er schon seit einigen Jahren eine sehr vielversprechende Regierung im Amt hat, die sein Leben sinnvoll neu organisiert hat. Sein Leben gerät in einen immer sinnvolleren Zusammenhang. Er hatte bis dahin keine Regierung gefunden, die im Stande ist, das Dilemma von Subjektivismus und Objektivismus zu überwinden. Jetzt fühlt sich in der Lage, wieder frei lieben zu können und das Leben immer mehr zu genießen. Er ist zufrieden mit dieser Regierung.

Fazit: Die zentrale Frage ist, welche Regierung dein Leben und deine Erfahrungen am besten erklärt. Mit welchem Gott lässt sich dein Leben am besten führen? Mit welchem Gott identifizierst du dich? Voraussetzung für eine gute Wahl ist darum auch eine gute Kenntnis von dir selbst.

In den nächsten Reflexionen werden wir sehen, wie die Wirklichkeit sinnvoll erklärt werden kann, wenn sich unser Theoriedenken vom Geist der Propheten inspirieren lässt. Dabei lassen sich der Subjektivismus und naturalistische Reduktionismen überwinden.

3.6 Klärung

Die Frage stellt sich, wo du dich in deinem Experimentierprozess befindest. Was ist dein Präsident im Stande zu tun? Stellt er dich zufrieden? Kann er dein Leben in einen sinnvollen Zusammenhang bringen? Welche Präsidenten hast du bereits ausprobiert? Warum hast du sie gewechselt? Der gerade erwähnte Markus betont, dass da, wo JHWH nicht die Gottesrolle übernimmt, das Leben nicht aus der modernen Objektivismus-Subjektivismus-Zwickmühle befreit werden kann. Dein Leben wird, wenn es bewusst gelebt wird, von Lethargie und fehlenden Idealen geprägt sein. Wenn du bereit bist für ein weiteres Experiment, deine Regierung dich verlassen hat oder du nach etwas Besserem Ausschau hältst, dann versuche es einmal, so wie der eben erwähnte Markus, mit dem Gott der Bibel: JHWH. Regierungen kann man abwählen – es besteht also keine Gefahr. Aber gib JHWH als Regent zumindest eine Legislaturperiode Zeit. Es besteht die Möglichkeit, dass das Land in dir sich dann bessern wird.

Aber bevor du mit JHWH in der Gottesrolle experimentierst, solltest du dir im Klaren darüber werden, wer du bist. Wie schon erwähnt: Nur wer sich kennt, kann sinnvoll den Gott identifizieren, der das eigene Leben erklärt. Und so bieten sich folgende Übungen an:

→ Finde heraus, wer dich regiert und wo du den Ursprung deines Lebens lokalisierst:

 Was sagst du und was denkst du, wenn Bekannte dich fragen, wie die Welt entstanden ist?

 Welche Funktion hat für dich die Tatsache, dass Menschen Kinder zeugen können?

 Warum denkst du, dass Menschen sich verlieben? Was denkst du über die Ursachen für ihre Begründung, die sie fürs Verliebtsein geben? Wende die Frage auf dich selbst an.

 Welche Perspektive auf die Zukunft der Weltgeschichte gibt dein Gott? Leben wir in einer Geschichte des Fortschritts, nähern wir uns einer Apokalypse, oder wiederholt sich die Geschichte in ewigen Kreisläufen? Woher kommt es, dass du so denkst wie du denkst?

 Was sagt dein Gott über die Tatsache, dass jedes Lebewesen einmal stirbt? Ist Leben und Sterben ein normaler Prozess chemischer Reaktionen von Biomasse? Gibt es eine Reinkarnation? Überlebt die Seele den Tod?

 Gibt es Mächte, die einige der oben genannten Fragen besser beantworten als andere? Welche Mächte kämpfen da um die Gottesrolle?

→ Wenn du weißt, welcher Gott bzw. welche Mächte sich in deinem Leben um die Gottesrolle bemühen, ist zu klären, ob diese Mächte wichtige Phänomene des Lebens sinnvoll erklären können. Ein paar beispielhafte Fragen sollen dir helfen:

 Krankheiten und Epidemien bedrohen den Menschen und andere Lebewesen immer wieder. Warum?

 Die Wissenschaft lässt unser Leben immer fortschrittlicher werden. Warum?

 Babys, die genug Nahrung, Ruhe und Wärme bekommen, aber keinen menschlichen Kontakt erleben, sterben. Warum?

 Können die Phänomene Tafelrücken und Pendeln naturwissenschaftlich erklärt werden? Warum?

 Warum hast du deinen Beruf, dein Studium oder deine Ausbildung gewählt?

 Wie passt die Tatsache des Holocaust in dein Wirklichkeitsverständnis?

→ Der Philosoph Charles Taylor hat in seinem Buch Sources of the Self deutlich gemacht, dass der moderne Mensch an verschiedene Götter gleichzeitig glaubt. Ansonsten würde sich nicht erklären lassen, dass ein Evolutionist sich auch gleichzeitig für Menschenrechte einsetzt. Kannst du diese Beobachtung auch an dir selber feststellen? Lies Kapitel 1 (»Inescapable Frameworks«) und Kapitel 25 (»Conclusion: The Conflicts of Modernity«) von Taylor, C. Sources of the Self: the making of the modern identity. Cambridge: Harvard University Press, 2006.

4 JENSEITS VON 1. UND 3. PERSON: JHWH AM ANFANG

Die Einheit der menschlichen Seinsweise, welche die Mannigfaltigkeit der unterschiedlichen Seinsarten, an denen sie teilhat, überbrückt, also die Überbrückung von Gegensätzen wie Soma und Psyche, werden wir vergebens in den Ebenen suchen, in die wir den Menschen projizierten. Vielmehr ist sie einzig und allein […] in der Dimension des spezifisch Humanen zu finden.

(Frankl, V. E. »Der Pluralismus der Wissenschaften und die Einheit des Menschen«. In Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, 20 – 29. München: Piper, 1998, 26.)

Literatur: Bibel: Genesis 1 - 2; »Enuma Elish the Epic of Creation«, n.d., http://www.sacred-texts.com/​ane/​stc/​index.htm; Frankl, V. E. »Der Pluralismus der Wissenschaften und die Einheit des Menschen«. In Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, 20 – 29. München: Piper, 1998; Woudenberg van, R. Gelovend Denken: Inleiding Tot Een Christelijke Filosofie. Amsterdam, Kampen: Buijten & Schipperheijn; KoK, 2004.

4.1 Einleitung

In der ersten Reflexion wurde das zentrale Problem des modernen Menschen geklärt. Durch den Subjektivismus mit seiner verabsolutierten 1. Person-Perspektive (Ich) und den Objektivismus mit seiner verabsolutierten 3. Person-Perspektive (unabhängiges Es) ist er ganz unbemerkt in die sinnentleerte Enge getrieben worden. In der zweiten Reflexion wurde Descartes vorgestellt und versucht zu identifizieren, wie das moderne Problem in seinem »cogito ergo sum« seinen Anfang nahm. In der letzten Reflexion wurde erläutert wie es beim »Theoriedenken« zu den verschiedenen Varianten des Objektivismus kommt, und dass Denken, auch wissenschaftliches Denken, nicht neutral oder objektiv ist. Im Gegenteil, das Denken braucht immer da, wo es nach der Analyse wieder den Zusammenhang der unterschiedenen Phänomene sucht (Synthese), ein organisierendes Prinzip, das als Voraussetzung für die Existenz der Wirklichkeit begriffen werden muss. Dieses Prinzip wurde mit der Gottesrolle identifiziert. Die verschiedenen wissenschaftlichen Reduktionen oder »Ismen« bestehen, weil in der Wissenschaft verschiedene Prinzipien um die Gottesrolle streiten. Die Wahl des spezifischen Prinzips, das die Synthese dominiert, ist willkürlich. Wer ein Prinzip des biotischen Seins-Aspekts verabsolutiert (oft Evolutionisten), wird sehr schnell von jemandem herausgefordert, der z. B. ein Prinzip des sensorischen/​psychischen Seins-Aspekts verabsolutiert. Dann kommt es zur klassischen Debatte mind vs. brain (Gehirn vs. Verstand). Das ist der moderne Götterstreit. In der letzten Reflexion wurde gezeigt, wie der moderne Götterstreit in seiner Struktur identisch ist mit dem antiken Götterstreit. Allerdings sind die Propheten der Bibel davon überzeugt, dass dieser Götterstreit überwunden werden kann. Aus ihrer Perspektive entsteht der Götterstreit immer nur da, wo man Dinge aus der geschaffenen Wirklichkeit mit der Gottesrolle identifiziert. Da, wo aber der wirkliche Schöpfer mit der Gottesrolle identifiziert wird, entsteht ein sinnvoller Zusammenhang des Lebens, ohne dass der Mensch in einen ausweglosen Götterstreit (Dualismus) verwickelt wird, bei dem er am Ende in einer sinnentleerten Welt dasteht. Der antike Mensch würde nicht mehr in der Zwickmühle von Sonne und Berg stehen, und der moderne Mensch würde nicht mehr in der Zwickmühle von Objektivismus und Subjektivismus stehen, wenn er den wahren Schöpfer als Ausgangspunkt seines Lebensverständnisses nehmen würde.

Fazit: Mit JHWH in der Gottesrolle würden Sonne und Berg sowie evolutionäre Prinzipien und die Gesetze der Konditionierung etc. immer noch bestehen, aber eben nicht mehr in der Gottesrolle (kein Evolutionismus, kein Psychologismus).

Schon seit Jahrtausenden haben Menschen im Gott der Bibel und dem, was die Propheten über ihn offenbart haben, ihren Frieden gefunden und die Welt als sinnvoll erlebt. In den nächsten drei Reflexionen möchte ich versuchen, in Grundzügen zu klären, wie die Propheten der Bibel in ihrem Reden und Denken von einem Gott zeugen, der radikal anders ist als die bekannten Götter.

Er stellt das Leben in einen solch sinnvollen Zusammenhang, dass die individuelle Freiheit (das Subjektive) und der gesetzmäßige, allgemeingültige Kontext, in dem wir leben (das Objektive) nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sich in einem sinnvollen Gefüge verstehen lassen.

4.2 In der Biblischen Gottesrolle: JHWH

In der Bibel offenbart sich Gott als erstes im Schöpfungsakt (Genesis 1 und 2). Gott offenbart sich als der, der die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, mit seinem Wort schafft (auch »Wortschöpfung« genannt). Es gibt keine Hierarchie in der Schöpfung in dem Sinne: Gott schafft das Meer, das Meer erzeugt dann die Meereslebewesen, und aus den Meereslebewesen entstehen die Menschen. Wer Genesis 1 liest, wird feststellen, dass das Meer durch das Wort Gottes geschaffen ist, die Meereslebewesen ebenso durch das Wort Gottes geschaffen sind und ebenso die Menschen. Jedes Leben wird also unmittelbar von Gott abgeleitet. Die Einheit der Schöpfung wird darum nicht so sehr von biologischen oder psychologischen Gesetzmäßigkeiten dominiert, sondern vom Wort Gottes, das die biologischen und psychologischen Gesetzmäßigkeiten hervorbringt. Es kommt alles von JHWH und findet auch bei ihm seine Einheit (siehe Abb. 13).

In den ersten fünf Schöpfungstagen bleibt JHWH ein Mysterium. Wer er ist, was er will und woher er kommt, sind Fragen, die nicht beantwortet werden. Muss er als eine Art Idee oder Weltgeist oder absoluter Wille verstanden werden, so wie es in vielen Kulturkreisen der Fall ist? Da, wo in der Geschichte Gott als eine zeitlose und materielose Idee verstanden wurde, haben die Menschen als Konsequenz zu objektivistischen Vorstellungen geneigt, bei denen der Mensch durch das Schicksal vorherbestimmt ist. Gott war eine Art 3. Person (unabhängiges Es), die die Wirklichkeit und ihre Zukunft bestimmte. Aber auch in den »primitiveren« Vorstellungen von Gott, in denen Gott eine persönliche Natur hat, wird Gott oft objektivistisch verstanden. Hier ist nämlich die gesamte Schöpfung darauf ausgelegt, dass sie das Leben der Götter einfacher macht. Dabei werden die Menschen z. B. als Sklaven geschaffen und fremdgesteuert. Der Gott der Bibel schildert sich aber ganz anders. Seine erste Selbstoffenbarung geschieht, etwas verzögert, am sechsten Tag in der Schöpfung des Menschen:

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! (1. Mose 1,26)

Zum ersten Mal spricht Gott von sich selbst und offenbart dabei seine Persönlichkeit: »Lasst uns Menschen machen […] uns ähnlich«. Gott möchte durch die Menschenschöpfung etwas schaffen, das sein eigenes Wesen offenbart (Genesis 1,26a). Die Frage nach der Identität und Persönlichkeit Gottes wird also in der Schöpfung des Menschen beantwortet.

Fazit: Wer Gott ist, sehen wir zu einem großen Teil daran, wie der Mensch ist.

Weder die Schöpfung des Menschen noch die Schöpfung an sich wird als eine Notwendigkeit beschrieben, die einen bestimmten Nutzen verfolgt. Im Kontrast dazu wird in den außerbiblischen antiken Schöpfungsberichten (z. B. Enuma Elish und Gilgamesh Epos) vor allem die Menschenschöpfung als eine Art Lösung für ein bestehendes Problem betrachtet. In der Enuma Elisch brauchen die Götter ein Servicepersonal und schaffen darum die Menschen. Hingegen wird die Schöpfung in der Bibel als ganz »nutzlos« dargestellt. Nutzlos in dem Sinne, dass der Mensch nicht als Problemlösung geschaffen wird. Er wird nicht als Formel für die Lösung einer bestehenden Aufgabe ins Leben gerufen. Vielmehr ist der Mensch ein Produkt unbedingten göttlichen Spiels. Man könnte fast sagen, dass in der Bibel die Schöpfung ein Kunstprodukt ist und Gott sich vielmehr als Künstler und weniger als Ökonom offenbart. Der geschaffene Mensch muss dann auch kein Problem lösen, sondern existiert »nutzlos«, einfach nur weil er gewollt ist. Hierin liegt die Grundlage für das biblische Verständnis von Liebe. Was nun den Menschen als Spiegelbild Gottes im Kern ausmacht, lesen wir in den Versen 26 bis 30. Der Bericht definiert den Menschen über die folgenden fünf Aspekte:

1. als Herrscher (Vers 26b): Der Mensch wird als König geschaffen und spiegelt damit Gott als König und Herrscher. Landläufig versteht man Gott immer als Herrscher über das Geschaffene. Aber in den Augen Gottes ist der Mensch König und Herrscher über das geschaffene Leben: ein revolutionärer Gedanke, damals wie heute. Als König trägt man die letzte Verantwortung. D.h. das eigene Handeln ist durch niemanden bedingt als durch einen selbst. Für den modernen Kontext würde das bedeuten, dass aus der biblischen Schöpfungsperspektive der Mensch nicht fremdbestimmt werden muss, sondern selbst für sein Denken und Handeln verantwortlich ist. Das ist ein kräftiges Wort gegen den Objektivismus und zeigt zugleich die subjektivistische Dimension, die dem Menschen innewohnt. Und dass JHWH es damit ernst meint, sehen wir in Vers 28b, wo er dem Menschen gegenüber ausdrücklich wiederholt, dass er Herrscher und König über die Lebewesen sein soll, die Gott geschaffen hat.

2. mit freiem Willen (Vers 28b): Die Tatsache, dass Gott den Menschen nicht zum Königsein programmiert, sondern ihn auffordern muss, die Königsrolle einzunehmen, zeigt, dass die Bibel den Menschen als frei versteht. Der Mensch kann offensichtlich auch »Nein« zu seiner Rolle sagen. Der Mensch als Spiegelbild Gottes offenbart, dass JHWH nicht als apersonale Idee, Kraft oder abstraktes allgemeingültiges Prinzip zu verstehen ist, sondern als ein persönlicher Gott, der eine eigene Freiheit hat, »Ja« und »Nein« zu sagen. Dies wird sich in der Bibel noch sehr oft zeigen. Die Tatsache, dass der Mensch frei ist, betont nicht nur, dass der Objektivismus keinen Platz im biblischen Weltbild hat, sondern auch, dass Individualität und Subjektivität essenzielle Bestandteile menschlichen Lebens sind.

3. mit Verantwortung und begrenzter Freiheit (Vers 29a): Wenn der Mensch als Herrscher Gott als Herrscher widerspiegelt, gilt zu klären, ob sich hier Gott mit dem Menschen einen Rivalen geschaffen hat. Nun, die Bibel ist ganz deutlich, dass die Freiheit, Verantwortung und der Herrscherauftrag des Menschen nur innerhalb einer bestimmten Grenze ihre Entfaltung finden. Der Mensch wird nicht über die Sonne herrschen, das Wasser oder gar JHWH selbst. Sein Herrschaftsgebiet begrenzt sich auf die Tiere, also andere Lebewesen. Der Rest der Schöpfung wird unmittelbar durch JHWH regiert. Der menschliche Herrscherauftrag wird von JHWH an ein Nahrungsgebot gekoppelt. Dem Menschen ist geboten, vegetarisch zu leben, wo er verantwortlicher Herrscher über die Tiere sein will (Vers 30).2 Ein guter König tötet nicht, sondern ist seinen Untertanen ein gutes Vorbild und zeigt Respekt vor dem Leben des anderen. Königsein heißt darum auch, verantwortlich Sorge tragen. Das begrenzte Herrschaftsgebiet des Menschen macht deutlich, dass der geschaffene Mensch nicht mit JHWH gleichzusetzen ist. Der Mensch bleibt Abbild. Seine Freiheit hat Grenzen. Und somit ist die Objektivismusrelativierung des biblischen Berichtes nicht in das Extrem des Subjektivismus entglitten. Es geht um freies Herrschen innerhalb gegebener Grenzen. Später wird dieser Punkt noch einmal aufgegriffen.

4. als sinnloser Schöpfer (Vers 28a): Der Auftrag, sich zu vermehren, ist auch der Auftrag, neue Menschen ins Leben zu rufen. Auch hier spiegelt der Mensch wieder in einem begrenzten Rahmen die Schöpferkraft Gottes. Und ähnlich wie die Schöpfung Gottes wird der Aufruf, sich zu vermehren und schöpferisch zu sein, nicht mit der Überwindung eines Problems verbunden. Der Sinn der Kinderzeugung wird nicht darin gesehen, dass dadurch mehr Dienstpersonal für die Götter entsteht (JHWH braucht keine Sklaven!), oder das Böse mit einer Mehrheit an guten Menschen überwunden werden kann (es gibt noch keine Sünde!), oder die Eltern damit in ihre Altenpflege oder den Fortbestand der Menschheit investieren (es gibt noch keinen Tod!). In diesem Sinne ist die Kinderzeugung »nutzlos«, aber genau in dieser Nutzlosigkeit, in diesem Überschuss liegt der Sinn des Lebens: Schöpfung aus Passion zum Schöpferischen. Das Geschaffene existiert in erster Linie, weil es gewollt und geliebt ist und nicht, weil es einen Nutzen oder Zweck erfüllt. Vom Blickwinkel unseres modernen Subjektivismus-Objektivismus-Dilemmas betrachtet, müssen wir sehen, dass in der Bibel ein bestimmter Bestandteil der Wirklichkeit durch schöpferische Individualität (Subjektivität) zu Stande kommt (z. B. Kulturen). Das Verhältnis des Menschen in Bezug auf Objektivität und Subjektivität könnte man mit einem Haus vergleichen, in das ein Bewohner einzieht. Das Haus ist der objektive Rahmen, den der Mensch nicht verändern kann, aber der es ermöglicht, dass er sein Leben beschützt und sinnvoll leben kann. Innerhalb dieses Hauses ist er völlig frei, seine eigene kreative und subjektive Einrichtungsvorstellung zu verwirklichen.

5. als Mitmensch (Vers 26 und 27): Neben den obigen vier Aspekten menschlichen Lebens ist der wichtigste noch nicht genannt. Dieser Aspekt dominiert den Bericht der Menschenschöpfung in Genesis 1, wird aber noch einmal gesondert in Genesis 2 volle Aufmerksamkeit finden. In Vers 26a erklärt der Text auf eine poetische Weise, dass der Mensch seinem Wesen nach plural und singulär zugleich ist. Leider wird das nicht in allen Übersetzungen deutlich. In Vers 26 heißt es, dass Gott »den« einen (Sg.) Menschen schaffen will, aber nicht »er« sondern »sie« sollen herrschen (Vers 26b). Woher kommt aber das »sie« (Pl.), wenn JHWH nur »ihn« (Sg.) gemacht hat? Die gleiche Spannung findet sich in Vers 27, wo JHWH »den« (Sg.) Menschen schafft, aber »ihn« (Sg.) als männlich und weiblich (Pl.) schafft. Der Text definiert klar, dass in der biblischen Schöpfung der Mensch an sich erst existiert, wenn zwei verschiedene Personen existieren (siehe Abb. 14). Der Mensch besteht immer erst, wenn er Mitmensch ist! Ich existiere immer erst dann, wenn mir ein Du gegenübergestellt ist. Und es ist gerade diese Wirklichkeit, mit der der Mensch zum Imago Dei, zum Abbild Gottes wird (siehe Vers 26a und 27a).

Ganz offensichtlich besteht JHWH in der gleichen Wesenhaftigkeit. Dies wird schon in Vers 26 angedeutet, wo Gottes Sprechen im Singular (»sprach«) angekündigt wird, das Sprechen selber aber im Plural stattfindet (»lasst uns«). Vers 27 führt diese Spannung weiter, indem es nicht mehr »unser Bild«/​»lasst uns machen« (Pl.) sondern »sein Bild«/​»er schuf« (Sg.) lautet. JHWH ist nicht nur der »Eine«, er ist auch der Gott, der immer nur im Bündnis Gott ist. Im Laufe der biblischen Geschichten kristallisiert sich diese Pluralität des einen Gottes immer stärker heraus und wird dann in der Kirchengeschichte technisch mit »Dreieinigkeit« beschrieben. Es ist dieser fünfte und letzte Aspekt, der als prophetische Antwort auf das moderne Dilemma zentral steht. Dem Menschen kann man nicht gerecht werden, wo man ihn ausschließlich aus der 1. Person-Perspektive (Subjektivismus) oder 3. Person-Perspektive (Objektivismus) beschreibt. Man kann den Menschen nicht völlig verstehen, wo man ihn nur in Abgrenzung zu absoluter Freiheit und absoluter Fremdbestimmung definiert. Was der Mensch ist, kann erst dann richtig verstanden werden, wo man ihn in der Begegnung mit dem »Du«, der 2. Person-Perspektive, betrachtet (siehe Abb. 15 und 16).

Um zu wissen, wer man selbst ist, braucht es immer eine Begegnung mit dem »Du«. Man mag den Menschen objektivistisch beschreiben (biologisch, soziologisch, psychologisch, religiös etc.), aber sein wahres Wesen und seine Individualität wird dabei immer übersehen werden.

Man mag den Menschen subjektivistisch verstehen (Relativismus), aber auch hier gerät sein wahres Wesen aus dem Blickfeld (siehe Abb. 17).

Erst da, wo das »Ich« einem »Du« begegnet, wird der Mensch ins Leben gerufen. Die Konsequenzen für das moderne Denken sind dabei immens und werden noch deutlicher werden.

4.3 Leben aus dem Du

Den Menschen über den Subjektivismus zu definieren und die Existenz der Wirklichkeit auf sein eigenes Vorstellungsvermögen zu reduzieren, wird im biblischen Schöpfungsbericht deutlich korrigiert. Wasser, Sonne, Fische, Vögel und natürlich JHWH existieren bereits vor dem Menschen. Aber der Mensch ist in bestimmten Grenzen frei, seine eigene Kreativität auszuleben und seiner Verantwortung individuell Gestalt zu geben.

Fazit: Subjektivität – Ja! Subjektivismus – Nein!

Den Menschen über den Objektivismus zu definieren, das Denken und Handeln des eigenen Lebens auf vorherbestimmende natürliche Prozesse zurückzuführen, wird ebenso im Schöpfungsbericht korrigiert. Der Mensch wird durch nichts anderes ins Leben gerufen als durch JHWH. JHWH, der ohne bedingt zu sein, aus freiem Willen eine »überflüssige« Schöpfungshandlung durchführt, will sein Spiegelbild im Menschen finden. Auch der Mensch soll im Kern frei von Vorherbestimmungen sein und als König und Herr seiner Kreativität eine eigene Richtung geben. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen JHWH und Mensch. Die Macht des Menschen kann nur innerhalb einer Begrenzung seine Möglichkeiten finden. Und bestimmte Elemente der Schöpfung wie Sonne und Mond, die den Tag und die Nacht bestimmen, werden auch das Leben des Menschen zu einer gewissen Weise mitbestimmen. Die Bewegungen von Sonne und Mond werden nicht durch den Menschen ferngesteuert. Der Mensch bleibt aber in seinem Wesen König und Herrscher. Und zwar in der Sphäre der Lebewesen (Vers 26b und 28), der Sphäre des »Du«.

Fazit: Objektivität – Ja! Objektivismus – Nein!

Diese Schlussfolgerung wird vor allem in Genesis 2 ganz plastisch dargestellt. Nach den knappen Worten zur Menschenschöpfung im ersten Kapitel der Bibel wirft Genesis 2 noch einmal ein genaueres Bild auf das, was bei der Menschenschöpfung eigentlich geschah. Genesis 2 erklärt, dass die Menschenschöpfung in einem bedeutungsvollen Schöpfungsprozess entstanden ist. Ohne ins Detail zu gehen, sind folgende Elemente des Berichtes wichtig:

1. Ohne Retter kein Leben (Vers 18 bis 20): Zuerst schafft Gott eine Person ohne Mitmenschen und macht ganz deutlich, dass ein Bestehen des Menschen im Alleinsein nicht gut ist und ihm nicht entspricht. Das deckt sich mit der Menschendefinition aus Genesis 1,26 - 27. Was der Mensch nötig hat, um zu überleben, ist ein »Gehilfe« (עֵזֶר). Dieses Wort muss sehr existenziell aufgefasst werden. Es bedeutet weder Haushilfe oder Assistent, sondern hat wesentlich mehr die Bedeutung von Retter. In der Regel wird dieses Wort im Alten Testament darum auch nicht für Menschen gebraucht, sondern für Gott (z. B. Psalm 70,6; 115,9 - 11). David sagt: »Wäre Gott mir kein עֵזֶר gewesen, dann wäre ich jetzt tot« (Psalm 94,17). Wenn es um die Erhaltung des Lebens geht, braucht man einen עֵזֶר einen Mitmenschen als Partner. Aber JHWH will diese eine geschaffene Person – die ja noch nicht wirklich Mensch ist – mit dem Alleinsein als einer Unmöglichkeit für sinnvolles Menschenleben konfrontieren. Und so ermöglicht er diesem »Nicht«-Menschen ein paar Augenblicke des Lebens ohne עֵזֶר. In seiner Begegnung mit den Lebewesen, über die er herrschen soll, erlebt er sehr schnell, dass sich weder das Pferd noch das Huhn als Lösung für das Alleinsein anbieten.

2. Einsamkeit ist Tod (Vers 21): Sinnbildlich wird die Erfahrung in Vers 20 Adam zur Todeserfahrung, denn er fällt in einen todesähnlichen Schlaf. Das hebräische Wort תַּרְדֵּמָה (tiefer Schlaf) kann auch metaphorisch für Tod benutzt werden. Der Schreiber will, dass der Leser versteht: Ein Leben, das auf das eigene Ich reduziert ist (Subjektivismus), endet im Tod. Sonnenschein, Nahrung und physische Gesundheit sind nicht ausreichend, um zu überleben. Wo der עֵזֶר fehlt, trifft der Tod ein. Mitmenschlichkeit hat also eine existenzielle Dimension. Alleinsein bedeutet Einsamkeit und kann im biblischen Sinne als das Gesicht des Todes beschrieben werden.

3. Leben in der Teilung (Vers 22 - 23): Die bedeutungsträchtige Handlung findet in Vers 22 statt. Gott teilt den Körper Adams und ergänzt die zwei getrennten Teile mit Materie. Es entstehen zwei ähnliche Formen. Zwar kann man das Hebräische Wort צֵלָע mit Rippe übersetzen, aber es hat meist die Bedeutung von Seite (z. B. Exodus 26,26) und macht in diesem Kontext auch mehr Sinn. Die materielle Existenz der einen Person ist damit Teil der materiellen Existenz der anderen Person (siehe Abb. 18).

Nachdem JHWH die beiden Formen ins Leben ruft, gibt es nicht mehr einen auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen, sondern zwei Mitmenschen. Die Menschenschöpfung ist jetzt erst abgeschlossen, und erst jetzt wird die Gottähnlichkeit des Menschen erreicht. Interessanterweise führt erst die Begegnung mit dem »Du« der Eva Adam zur Verwendung des »Ich«-Begriffs (»von meinem Gebein«, »von meinem Fleisch«). Dies spiegelt dann auch eine tiefe Realität unseres eigenen Lebens wider: Die Begegnung mit dem anderen Du ist zum Großteil Voraussetzung für die Selbstwahrnehmung. Unseren eigenen Körpergeruch kennen wir nicht, ohne dass es uns jemand sagt. Ob wir schön sind oder nicht, ob unsere Arbeit gut ist oder nicht, ob wir geliebt sind oder nicht, wissen wir erst, wenn uns das jemand mitteilt. Wenn man wissen will, wer man als Mensch ist, wenn man Mensch sein will, braucht man eine Du-Begegnung mit einem Mitmenschen. Da, wo uns der Mitmensch genommen wird (z. B. durch den Tod des langjährigen Lebenspartners), erscheint einem das eigene Leben oft sinnlos. Und so kann ein Beziehungsbruch mit einem Selbstmord enden, da der Sinn zu leben abhanden kam. Babys, die nach ihrer Geburt all ihre biologischen Grundbedürfnisse gedeckt bekommen, aber keine Du-Begegnung mit einem Menschen haben, sterben. Oft verstirbt der physisch gesunde Opa kurz nachdem die Oma nach 55 Jahren Ehe gestorben ist.


4. Zweisein-Einssein (Vers 24 - 25): Der Schöpfungsbericht endet dann mit einem Höhepunkt, der das Wesen menschlichen Lebens noch einmal auf den Punkt bringt: Nacktheit und Einheit. Die Sinnhaftigkeit des Lebens realisiert sich überall da, wo man seinem Mitmenschen alles sein kann, was man wirklich ist. Es gibt keine Scham, Zurückhaltung oder Unsicherheiten. Dabei wird man nicht nur akzeptiert, sondern so verstanden, dass man mit dem anderen eine Einheit formt. Der Sinn des Lebens besteht auf der einen Seite darin, vom »Du« verstanden zu werden und akzeptiert zu sein, und auf der anderen Seite darin, das »Du« zu verstehen und akzeptieren zu können.

Die Berichte aus Genesis 1 und 2 sprechen eine einheitliche Sprache: Der Mensch findet seine Existenz erst in der Begegnung mit einem Du. Diese Tatsache dominiert sein Sein noch mehr als seine Fähigkeit zu herrschen und kreativ zu sein. Das »Ich« (1. Person-Perspektive) mit seiner von Gott gegebenen subjektiven Macht (Herrscher über die Lebewesen, Schöpfer von Nachkommen) wird erst in der »Du«-Begegnung sinnvoll, denn erst da entsteht überhaupt ein Bewusstsein vom »Ich«. Das »Er/​Sie/​Es« (3. Person-Perspektive) mit seinen durch den Menschen unbeeinflussbaren Begrenzungen (z. B. Rhythmus von Tag und Nacht) wird auch erst in der »Du«-Perspektive sinnvoll. Denn der natürliche, objektive und allgemeingültige Rahmen, in den der Mensch eingebettet ist, ermöglicht die Bühne, auf der die »Ich-Du«-Begegnung stattfinden kann.

Diese Schlussfolgerung hat verschiedene weitreichende Folgen für den modernen Götterstreit. Der Ursprung menschlichen Lebens lässt sich nicht von irgendwelchen Prozessen und Gesetzen ableiten, die in der geschaffenen Wirklichkeit entdeckt werden können (biologische Gesetze, psychologische Prozesse, etc.), sondern nur unmittelbar vom Willen JHWHs. Des Weiteren ist der Sinn menschlichen Lebens nicht im Kampf ums Überleben (Biologismus/​Evolutionismus), im Fortschritt (Ökonomie) oder anderen Aspekten (Physik, Chemie, etc.) des Lebens zu suchen, sondern vor allem in der zwischenmenschlichen Begegnung mit dem »Du«. Zwei biblische Beispiele sollen das verdeutlichen:

1. Sexualität:

Der Höhepunkt des Schöpfungsberichtes in Genesis 2 wird nicht durch das Nennen der Fähigkeit zur Fortpflanzung erreicht, sondern durch poetische Erwähnung der Fähigkeit, mit einem anderen Mitmenschen »eins zu werden« und ihm gegenüber »nackt zu sein«. Das ist dann wohl auch der Grund, warum Sexualität in der Bibel nicht als Methode der Existenzsicherung verstanden wird (Evolutionismus/​Biologismus), sondern als Ausdruck eines Erkenntniserlebnisses im Ich-Du-Verhältnis (z. B. Genesis 4,1). Sexualität wird dann auch dort verpönt und verurteilt, wo sie nicht in diesem existenziellen Ich-Du-Verhältnis stattfindet, wo das Leben sich vom andern abhängig darstellt (siehe עֵזֶר erster Punkt unter 4.3). Sexualität im unpersönlichen Ich-Er/​Ich-Sie-Verhältnis, in der die Unabhängigkeit vom anderen bewahrt bleiben soll, ist Prostitution. Und so wird auch die ganze biblische Partnersuche dominiert durch das Ideal, jemanden zu finden, dem man ganz begegnen kann.

2. Sabbat:

Der Höhepunkt des Schöpfungsberichtes in Genesis 1 findet seinen Ausdruck im Sabbat. Für den Höhepunkt der Schöpfung steht das Aufhören von Arbeit und das Ende der Produktivität. Der Sabbat wird dann auch zu einem Tag, an dem die Arbeit nicht im Vordergrund stehen darf, sondern die Gemeinschaft des Menschen mit seinem Mitmenschen, den Tieren und Gott. Die Botschaft dabei ist deutlich: Nicht die Ökonomie soll das Leben beherrschen, sondern die barrierefreie Begegnung mit dem Du. Der erholsame Sabbat dient nicht dazu, in der Woche noch produktiver zu sein, sondern vielmehr dient die Woche dazu, am Sabbat genug Essen und Trinken zu haben, sodass der Ich-Du-Begegnung keine Arbeit mehr im Weg stehen muss. Das Gleiche gilt für das Sabbatjahr und Jubeljahr. Ziel ist kein ökonomischer Fortschritt, sondern das Erreichen einer zwischenmenschlichen Tiefe. Und so lässt sich verstehen, dass vor allem im Alten Testament Erlösung nicht so sehr als Befreiung von Tod und Leid verstanden wird, sondern als die Wiederherstellung der Fähigkeit, dem anderen im Bund, als vertrauenswürdiger und vertrauensweckender Mitmensch (Nacktheit) zu begegnen. Das mag auch der Grund dafür sein, weshalb die Überwindung des Todes im Alten Testament kaum Beachtung findet, sondern die Wiederkunft des Messias, der wieder die Begegnung von Mitmenschen in einer aus der sozialen Balance geratenen Welt ermöglicht. Tod ist nicht so sehr der physische Tod, sondern der Verlust der Mitmenschlichkeit (siehe Genesis 3).

Da, wo sensibel über das Leben nachgedacht wird, wird es im biblischen Text gespiegelt. In Wahrheit ist es doch so, dass mein Leben Bedeutung und Identität bekommen hat, weil meine Eltern mich Oliver nannten, weil meine Mutter sagte, dass sie stolz auf mich ist, weil mein Vater mich irgendwann aufs Fahrrad setzte, mich anschubste, hinter mir her rannte und rief: »Du schaffst das schon, ich bin bei dir! Du schaffst das schon! Schön geradeaus sehen!«

Dein Leben hat Bedeutung bekommen, weil es da im Rahmen der 3. Person (räumlicher, kinematischer, energetischer, psychischer, Seins-Aspekt), immer schon die 2. Person gab, die dir als 1. Person Bedeutung gegeben hat. Und da, wo durch Scheidung, Tod und Trennung das Du entzogen wird, hat sich schon immer diese tödliche Leere eingestellt.

4.4 Problembehandlung: Vom biblischen Alltagsdenken zum Theoriedenken

Nach der Lektüre von Genesis 1 und 2 wird kein moderner Leser behaupten, dass es sich hier um einen wissenschaftlichen Bericht im Sinne des Theoriedenkens handelt. Das moderne Subjektivismus-Objektivismus-Problem, das aus dem Theoriedenken kommt, scheint weiterhin ungelöst. Der Schöpfungsbericht reflektiert ein Denken, das nur im Alltagsmodus stattfindet. Dinge (Sonne, Mond) und Phänomene (Licht, Dunkelheit) werden voneinander unterschieden (und wieder in einen Zusammenhang gebracht, d. h. synthetisiert), nicht aber Seinsaspekte (energetischer oder biotischer Seinsaspekt). Auf der einen Seite ist das gut, da jeder Mensch im Alltag lebt und denkt, und damit alle Leser, ob klein oder groß, alt oder jung, studiert oder unstudiert, diesen Text verstehen können. Aber auf der anderen Seite stellt das auch eine Herausforderung dar: Das moderne Problem entsteht vor allem im Mikroskopmodus des Denkens (siehe Reflexion 3), wenn zuvor Unterschiedenes wieder synthetisiert werden muss. Jede moderne Synthese ist dabei reduktionistisch und hat den Menschen entweder in den Subjektivismus oder in eine der vielen Varianten des Objektivismus geführt. Wie aber soll im Theoriedenken eine Synthese erstellt werden, die sich vom biblischen Schöpfungsbericht beeinflussen lassen will? Wie soll sich die Wahrnehmung, dass da, wo JHWH die Gottesrolle übernimmt, das Leben und Sein nicht durch die 1. Person-Perspektive und nicht durch die 3. Person-Perspektive, sondern durch die 2. Person-Perspektive dominiert wird, auf das Theoriedenken auswirken? Wie kann ein christlicher Biologe die Welt sehen, ohne dabei in seiner Suche nach Objektivität evolutionistische Gedanken zu entwickeln? Wie kann ein christlicher Historiker die Welt sehen, ohne dabei relativistisch im Sinne von Zeitgeistentwicklungen zu reden?

In der nächsten Reflexion wird diesen Fragen nachgegangen und versucht, mit dem biblischen Bild von der Wirklichkeit das Theoriedenken zu beeinflussen.

4.5 Klärung

Wir sind es gewohnt, entweder aus der 1. Person-Perspektive oder aus der 3. Person-Perspektive zu denken. Die 2. Person-Perspektive bleibt dabei oft außer Sicht. Folgende Fragen sollen helfen, die 2. Person-Perspektive bewusst werden zu lassen und sie auch einzunehmen:

→Wie viel Zeit verbringst du mit einem Mitmenschen in dem Sinne, dass er dir ein Du ist (persönliche Gespräche über Freuden und Ängste, Hoffnung und Zweifel), du eine Einheit im Verstehen und Verstandensein erleben kannst?

→Was sind die wertvollsten Momente deines Lebens gewesen? Welche Unterschiede findest du zwischen materiell wertvollen Momenten (Arbeitsplatz, neuer Fernseher, eigenes Haus) und wertvollen Du-Momenten? Wenn nur einer deiner vergangenen wertvollen Momente sich in deinem Leben wiederholen dürfte, welchen würdest du wählen?

→Warum kostet es dich manchmal weniger Kraft, abends vor dem Fernseher zu sitzen, als dich mit einem Freund oder einer Freundin zum Austausch zu treffen?

→Sprich mit einem Menschen, der einsam ist. Wie beschreibt dieser Mensch sein Leben?

→Versuche dich an die Momente zu erinnern, in denen ein Mitmensch dir gesagt hat, dass er durch dich zu einer besseren Erkenntnis seines Selbst gekommen ist.

→Seit einem guten Jahr gibt es einen neuen Hype in Amerika, der auch immer mehr im westlichen Europa, Australien und Israel bekannt wird: sogenannte Cuddle Partys (Kuschelpartys) (www.cuddleparty.com, www.kuschelparty.com). Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten, erfolgreiche Geschäftsleute, Rentner und Studenten treffen sich und kuscheln für zwei bis drei Stunden miteinander. Die Kuschelgruppe kennt sich nicht, und das Ausleben von Sexualität ist nicht gestattet. Diskutiere mit dem Hintergrund dieser Reflexion dieses Phänomen des anonymen Kuschelns. Würdest du an so einer Kuschelparty teilnehmen? Warum? Warum nicht?

→Höre dir Schuberts »Winterreise« an und bespreche sie mit dem Hintergrund dieser Reflexion in deinem Gesprächskreis.

→Diskutiere in deinem Gesprächskreis, warum nicht nur ein Lebenspartner als Mitmensch das Leben sinnvoll sein lässt. Was ist der Unterschied zwischen dem Lebenspartner als Du und dem guten Freund als Du?

5 JENSEITS VON 1. UND 3. PERSON: PROPHETISCHES THEORIEDENKEN

It is forgotten that the secularization of life would have been impossible apart from the secularization of science, and that this scientific secularization has taken place under the overwhelming influence of the religious secularization effected by the post-Renaissance humanism. We have simply come to regard this situation as a fait accompli.

(Dooyeweerd, H. »The Secularization of Science«. Montpellier, 1953, 1.)

Literatur: Die Bibel, Genesis 1 - 2; »Enuma Elish the Epic of Creation«; Clouser, R. A. The Myth of Religious Neutrality: An Essay on the Hidden Role of Religious Belief in Theories. Notre Dame: University of Notre Dame Press, 2005; Frankl, V. E. »Der Pluralismus der Wissenschaften und die Einheit des Menschen«. In Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, 20 – 29. München: Piper, 1998; Wolters, A. M. Creation Regained: Biblical Basics for a Reformational Worldview. Grand Rapids: Eerdmans, 2002; Woudenberg van, R. Gelovend Denken: Inleiding Tot Een Christelijke Filosofie. Amsterdam, Kampen: Buijten & Schipperheijn; KoK, 2004.

5.1 Einleitung: Vom prophetischen Alltagsdenken zum prophetischen Theoriedenken

Der biblische Schöpfungsbericht ist von elementarer Bedeutung, wenn man verstehen möchte, wie sich JHWH als Gott zum modernen Problem verhält. Während im Subjektivismus eine verabsolutierte 1. Person-Perspektive existiert (alles besteht und wird gesteuert durch das Ich – außer mir gibt es nichts anderes), gibt es im Objektivismus eine verabsolutierte 3. Person-Perspektive (alles besteht und wird gesteuert durch etwas außerhalb des Ichs – nur dieses Etwas ist unabhängig). Das Besondere des biblischen Berichtes ist, dass der Mensch darin weder durch ein Etwas völlig bestimmt wird, noch die Wirklichkeit durch ein Ich entsteht. Vielmehr macht der Schöpfungsbericht deutlich, dass der Sinn der eigenen Ich-Existenz immer nur in der Du-Begegnung liegt. Die eigene Subjektivität (1. Person-Perspektive) ist ein wichtiger Beitrag für die Du-Begegnung, denn nur wo es eine Ich-Perspektive gibt, kann ein Mensch dem anderen ein wirkliches Du sein. Die allgemeingültigen Naturgesetze, die den Menschen umgeben (3. Person-Perspektive), sind dabei eine notwendige Rahmenbedingung, die den Kontakt zwischen dem Ich und dem Du möglich machen.

Nun ist klar, dass der Schöpfungsbericht kein wissenschaftlicher Bericht ist, der auf spezifische Fragen nach Naturgesetzen und individueller Freiheit eingeht. Die Bibel ist nicht im Mikroskopdenkmodus geschrieben, sondern im Alltagsdenkmodus. Aber, und das ist wichtig, die Bibel erhebt den Anspruch, die Wirklichkeit richtig zu interpretieren. Und nachdem herausgearbeitet wurde, dass Denken nicht autonom ist, sondern immer von geglaubten Annahmen gesteuert wird (Reflexion 3), wird im nächsten Kapitel ein Experiment gewagt. Es soll überprüft werden, was mit dem Denken geschieht, wenn der biblische Schöpfungsbericht als Grundlage und Inspiration gebraucht wird.

5.2 Schöpfung und Gesetz

Täglich finden zwischenmenschliche Kontakte statt. Die Begegnung mit dem Kollegen auf der Arbeit oder in der Ausbildung, dem Freund oder Familienmitglied ist normal und für viele Menschen selbstverständlich. Eine solche Begegnung ist aber erst unter ganz spezifischen Voraussetzungen möglich.

Stefan und Julia müssen sich Raum, Zeit, einen bestimmten Sauerstoffgehalt, eine Körpertemperatur von ca. 37 Grad, eine ähnliche Sozialisierung, eine Sprache und vieles andere teilen, um eine sinnvolle Begegnung möglich zu machen. Diese Voraussetzungen sind normativ, d. h. wo sie nicht gegeben sind, kann auch keine Begegnung stattfinden.

Aus der biblischen Perspektive sind diese normativen Rahmenbedingungen durch JHWH garantiert. Die Bibel sieht darum nicht nur den Ursprung eines jeden geschaffenen Wesens in direkter Abhängigkeit von JHWH, sondern auch dessen Leben und Fortbestand (2. Petrus 3,5+7). JHWH schafft Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten als einen Rahmen, in dem die Schöpfung fortbestehen kann. Physikalische Ordnungen (z. B.Gesetze der Gravitation) oder biologische Ordnungen (z. B. Gesetze der Genetik) charakterisieren die Existenz alles Geschaffenen. Und so offenbaren die biblischen Propheten JHWH nicht nur als Schöpfer (Ursprung der Schöpfung), sondern auch als Gesetzgeber (Fortbestand der Schöpfung) (siehe Abb. 19).


Aufgrund dieser normativen Rahmenbedingungen ist es möglich, dass Kühe Gras essen können, Blätter Sauerstoff erzeugen, Vögel ihre Brutplätze finden, der Regen den Erdboden fruchtbar macht und Menschen sich mittels Sprache verständigen können. Das Zusammenleben der gesamten Schöpfung ist durch Gottes Gesetzgebung möglich und garantiert. JHWHs Gesetze als Rahmen für die Erhaltung der Schöpfung sind allumfassend. Sie betreffen die räumlichen, energetischen, biotischen, psychischen, logischen, historischen, linguistischen, ökonomischen und ästhetischen Seins-Aspekte des geschaffenen Lebens:


Die obige Tabelle stellt die verschiedenen Seins-Aspekte mit ihren charakteristischen Gesetzen dar. Die Tabelle wird nicht als definitiv verstanden, sondern als experimentell. Auch wenn man darüber diskutieren kann, inwiefern der ein oder andere Seins-Aspekt fehlt, so sind die dargestellten 15 Aspekte eine gute Ausgangsbasis für die weitere Reflexion. Dass jeder der genannten Aspekte einen Gegenstand für sich darstellt, wird durch die wissenschaftliche Disziplinenvielfalt bestätigt. Um jeden einzelnen Aspekt herum hat sich eine fachspezifische Wissenschaft geformt, die die spezifischen Gesetze analysiert.

Im Alltagsdenkmodus ist man sich dieser Seins-Aspekte nicht bewusst, da sie organisch miteinander verwoben sind. Sie werden erst im mikroskopischen Denkmodus sichtbar, wo sie aus dem organischen Zusammenhang abstrahiert werden. Zur Erinnerung: Im Alltagsdenken wird zwischen Dingen und Phänomen, nicht aber zwischen Seins-Aspekten unterschieden. Beispielsweise wird zwischen Mann und Frau unterschieden und wird dabei nicht der chemische Seins-Aspekt hervorgehoben, der sie charakterisiert.

Die Reihenfolge der verschiedenen Seins-Aspekte ist nicht willkürlich. Es sind ganz bestimmte Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Aspekten, die eine solche Sequenz entstehen lassen. In Reflexionsabschnitt 5.3 wird ein kleiner Einblick in diese Aspektzusammenhänge gegeben.

Es ist wichtig festzuhalten, dass die Bibel keine detaillierte Beschreibung spezifischer Naturgesetze und ihrer Verhältnisse untereinander enthält. Dies liegt an der Tatsache, dass die biblischen Propheten ihre Weisheiten im Alltagsdenkmodus niedergeschrieben haben. Die biblischen Texte ermutigen aber jeden denkenden Menschen, sich beim wissenschaftlichen und philosophischen Nachdenken von der biblischen Darstellung der Wirklichkeit beeinflussen zu lassen.

Wie würde die Welt wissenschaftlich-philosophisch beschrieben werden können, wenn sie von den prophetischen Texten aus gedacht würde? Das soll hier versucht werden. Dabei sind folgende biblische Prinzipien grundlegend:

1. Es gibt eine allumfassende von JHWH gegebene Gesetzgebung, durch die alle geschaffenen Dinge existieren und funktionieren. Gesetze sind gegeben und damit nicht identisch mit Gott.

2. Nichts Geschaffenes kann isoliert bestehen, sondern nur im Zusammenhang mit anderem Geschaffenen. So hat JHWH die Welt geschaffen. Am Beispiel der Menschenschöpfung hat sich verdeutlicht, wie der eine nur mit dem anderen im Zusammenhang leben kann.

3. Nichts Geschaffenes kann sich zum Schöpfer eines anderen Geschaffenen erheben. JHWH allein bleibt Schöpfer und Erhalter alles Geschaffenen.

Der Alltagsdenkmodus ändert sich in den mikroskopischen Denkmodus (Theoriedenkmodus): Es kann gesagt werden, dass Gott seine Gesetze jedem Seins-Aspekt des Lebens gibt. Konsequenterweise sind beispielsweise die Gesetzmäßigkeiten des biotischen Seins-Aspektes nicht als Schöpfung oder Folge von Gesetzmäßigkeiten des energetischen Seins-Aspektes zu verstehen (rechte Grafik), sondern finden ihren Ursprung direkt bei JHWH (untere Grafik). Weder ein Wesen (z. B. die Sonne) noch ein Seins-Aspekt kann sich zum Ursprung des Lebens erklären lassen. JHWH allein entspricht der Gottes- und Schöpfer-Rolle für jedes existierende Wesen und jeden Seins-Aspekt. JHWH ist der radikale Anfang von allem (siehe Abb. 20).

5.3 Die Du-Natur von Gesetzen

Die obige Abbildung soll verdeutlichen, dass Reduktion aus einer biblischen Perspektive nicht möglich ist. Nun dürfen die Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Seins-Aspekte nicht als isoliert betrachtet werden. Es erklärt sich von selbst, dass die Gesetze des Raumes (räumlicher Seins-Aspekt, z. B. a2+b2=c2) mit den Gesetzen der Bewegung (kinematischer Seins-Aspekt, z. B. Gesetz der Wellenbewegung) und den Gesetzen der Energie (z. B. Thermodynamik) in engem Zusammenhang stehen. Die Natur dieses Zusammenhangs ist identisch mit der Natur der Schöpfung an sich! Wie bereits in Reflexion 4 gezeigt wurde, besteht der Mensch immer nur im Kontext des Mitmenschlichen. Außerhalb dieser Beziehung existiert er nicht. Zwar könnte man abstrakt über die Existenz des einen Individuums reden, aber in der konkreten Wirklichkeit besteht das eine Individuum immer erst im Kontext der Mitmenschlichkeit. Ganz gleich verhält es sich dabei mit den Gesetzen der verschiedenen Seins-Aspekte. Zwar kann man sie isoliert beschreiben, aber die biotischen Gesetzmäßigkeiten bestehen immer nur im Kontext der energetischen, räumlichen und anderen Gesetzmäßigkeiten. Man könnte sagen, dass jeder Seins-Aspekt immer nur in der »Du-Begegnung« mit anderen Seins-Aspekten besteht. So wie Eva erst mit Adam existiert, aber ihren Ursprung nicht in Adam, sondern in JHWH findet, können biotische Gesetze nicht ohne energetische Gesetze (Chemie) existieren. Dabei sind sie nicht reduzierbar auf chemische Prozesse (JHWH ist radikaler Anfang von allem!). Da keine Gesetzmäßigkeit eines Seins-Aspekts auf die Gesetzmäßigkeit anderer Seins-Aspekte reduzierbar ist, sprechen einige Philosophen von »Sphären-Souveränität«. Damit wollen sie betonen, dass jeder Seins-Aspekt des geschaffenen Lebens seine eigene unableitbare Sphäre hat. Diese Sphäre existiert zwar nur im Zusammenhang mit den anderen Sphären, hat aber ihre ganz eigene Gesetzesidentität, die nur von Gott und nicht von einem anderen Seins-Aspekt her abzuleiten ist.

Aus einer biblischen Perspektive wird versucht, die in Reflexion 3 erwähnten Seins-Aspekte in einen unableitbaren Zusammenhang zu stellen (siehe Abb. 21).

→ »Zusammenhang« heißt: Keine Gesetzmäßigkeit eines Seins-Aspekts existiert isoliert von den Gesetzmäßigkeiten anderer Seins-Aspekte. Die Existenz des einen Seins-Aspekts ist damit Voraussetzung (nicht Ursache!) für die Existenz eines anderen Seins-Aspekts.

→ »Unableitbar« heißt: Keine Gesetzmäßigkeit eines Seins-Aspekts ist reduzierbar auf die Gesetzmäßigkeit eines anderen Seins-Aspekts. Die Gesetze des Raumes produzieren nicht die Gesetze der Bewegung. Jeder Seins-Aspekt hat seine eigene »Sphären-Souveränität«, die er von JHWH (Ursache!) erhalten hat.

Das Phänomen des unableitbaren Zusammenhangs soll konkret betrachtet werden. Dabei wird die Du-Natur der Seins-Aspekte deutlich werden. Als erstes wird der Zusammenhang zwischen den ersten beiden Seins-Aspekten betrachtet:

Die Abb. 22 zeigt, wie der räumliche Aspekt mit seinen Gesetzen den quantitativen Aspekt mit seinen Gesetzen voraussetzt. Der räumliche Aspekt weist damit zurück auf den quantitativen Aspekt. Allerdings verweist der quantitative Aspekt ebenso auf den räumlichen Aspekt und muss diesen voraussetzen, denn Zahlen werden räumlich gedacht und organisiert (1 - 2-3 als Linie; 1 vor 3; 3 neben 2). Man kann darum nicht behaupten, dass der quantitative den räumlichen Aspekt oder der räumliche den quantitativen Aspekt verursacht. Klar ist aber, dass beide Aspekte einander ermöglichen und bedingen. Erst in der Du-Begegnung existieren sie auch.

Alle Aspekte zeigen sich auf der einen Seite in gegenseitiger Bedingtheit und auf der anderen Seite mit Bezug auf ihre Existenzursache in Unabhängigkeit voneinander. Das wird auch am Beispiel des linguistischen Seins-Aspekts deutlich (siehe Abb. 23): Der linguistische Seins-Aspekt retrozipiert (weist zurück) und antizipiert (weist voraus). Damit existiert er in Abhängigkeit zu den anderen Aspekten. Der Aspekt ist insofern souverän, als dass es keine Möglichkeit gibt, ihn als eine Schöpfung eines anderen Aspektes zu betrachten. Dafür ist jeder andere Aspekt zu sehr abhängig vom Sprachaspekt.

Heute werden vor allem der biotische (Biologie), energetische (Chemie) oder kinetische (Physik) Seins-Aspekt verabsolutiert. Der gegenwärtige Mensch ist geneigt, die Welt vor allem aus einer materialistischen, bio-chemischen Perspektive zu betrachten (Evolution). Aber genauso selbstverständlich hat man am Anfang des 20. Jahrhunderts den linguistischen Aspekt verabsolutiert. Richard Rorty beschreibt diese Zeit als »linguistic turn«. Wittgenstein, Heidegger, Gadamer und die postmodernen Philosophen wie Foucault und Derrida erklärten, dass das ganze menschliche Leben von der Sprache geprägt ist. Mit Hilfe der Sprache erst kann der Mensch die Welt interpretieren, das Leben ordnen, Macht über andere ausüben, denken. Die Sprache ermöglicht erst, dass eine konkrete Vorstellung von der Wirklichkeit hergestellt wird. Aber Sprache verhindert auch einen direkten Zugang zur Realität. Was als Wirklichkeit erlebt wird, ist immer nur versprachlichte Wirklichkeit. Das erinnert an Kant, der Ähnliches behauptet, dabei aber nicht den linguistischen Aspekt, sondern den sensorisch-psychischen Aspekt verabsolutiert. Für Kant sind die räumlichen, kinematischen, logischen Gesetze Bestandteil der Wahrnehmungskategorien. D.h. Höhe, Breite, Tiefe sind erfahrbar, Logik und Unlogik kann erkannt, Bewegung und Stillstand ausgemacht werden, nicht weil die Wirklichkeit Dreidimensionalität, Logik oder Bewegung enthält, sondern weil die menschliche Sensorik die Welt so zugänglich macht. Die Welt kann gar nicht anders erlebt werden, weil die menschlichen sensorischen Kategorien vorgeben, die Welt in einer bestimmten Art und Weise zu erleben. Während also die Welt bei Kant durch die Sensorik geschaffen wird, wird in der Bewegung des »linguistic turn« die erlebte Welt durch die Sprache geschaffen.

Der »linguistic turn« hat gezeigt, dass alles mit Sprache zu tun hat. Alles beruht auf und ist abhängig von Sprache. Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Universalität der Sprache auch für alle anderen Seins-Aspekte gilt (siehe Kants Sensorik!). Man könnte darum sagen: »Alles ist sprachlich, aber Sprache ist nicht alles.« Und: »Alles ist Wahrnehmung, aber Wahrnehmung ist nicht alles.« Die Universalität der Seins-Aspekte erklärt dann auch die Vielzahl an Analogien, die im täglichen Sprachgebrauch gepflegt werden, z. B. gesellschaftliches Leben (biotische Analogie des soz. Seins-Aspekts), gesellschaftliche Elemente (quantitative Analogie des soz. Seins-Aspekts), Gesellschaftsdynamik (kinematische Analogie des soz. Seins-Aspekts). Wegen der »Universalität« der einzelnen Seins-Aspekte wird auch verständlich, warum die Versuchung groß ist, sie zu verabsolutieren.

Wer die gegenseitige Abhängigkeit aller Seins-Aspekte besser verstehen möchte, sollte die obigen Literaturempfehlungen ernst nehmen.

5.4 Universalität der Gesetze JHWHs

Es wird davon ausgegangen, dass JHWHs Gesetze den objektiven Rahmen schaffen, in dem die Begegnung von Geschaffenem erst möglich wird. Zwei Menschen können einander nur begegnen, wo sie teilhaben an Raum, Zeit und Energieprozessen. Diese Voraussetzung trifft auch auf die Begegnung von Mensch und Vogel oder Mensch und Gestein zu. JHWHs Gesetze durchdringen damit die ganze geschaffene Wirklichkeit. Der Psalmist sagt, dass alles auf seine Stimme hört (z. B. Psalm 147,15 - 18; Psalm 148,5 - 8), wenn er das Verhältnis der Gebote Gottes zur Schöpfung beschreibt. Für den Theoriedenkmodus hat das wichtige Folgen: Alle Gesetzmäßigkeiten der einzelnen Seins-Aspekte sind in allem Geschaffenen anwesend. Auf diese Weise befindet sich die Schöpfung in der gleichen Matrix. So wird die Du-Begegnung ermöglicht.

Die Abb. 24 zeigt vier verschiedene konkrete Dinge, die unterschiedlicher nicht sein können. Aus der Perspektive biblischen Theoriedenkens besteht jedes Ding auf seine ganz eigene Art in allen Seins-Aspekten. Der Fels existiert unter anderem im quantitativen, räumlichen, kinematischen und energetischen Sinne. Damit ist gemeint, dass der Fels aktiv in diesen Eigenschaften den Gesetzen der Quantität, des Raumes, der Bewegung und der Energie untergeordnet bzw. gehorsam ist. Den Gesetzmäßigkeiten der restlichen Aspekte (biotisch-fidelisch) ist der Fels zwar untergeordnet, aber nur passiv. In Bezug auf den biotischen Aspekt ist damit gemeint, dass der Fels selbst nicht lebt. Im Gegensatz dazu existiert der Adler im biotischen Aspekt »aktiv«. Dass der Fels dennoch, wenn auch passiv, eine biotische Qualität besitzt, wird in dem Moment sichtbar, wenn der Adler zum Schutz seiner Jungen sein Nest in den Felsen baut. Auf gleiche Weise hat z. B. Wasser eine passive biotische Eigenschaft. Wasser lebt nicht, wird aber von Lebewesen zum Leben benötigt. Passiv existiert der Fels auch im psychisch-sensorischen Bereich. Eigentlich kann der Fels nicht fühlen. Aber der Fels kann gefühlt werden. Das gleiche trifft auf den linguistischen Aspekt zu. Der Fels kann nicht sprechen, aber er kann von Menschen besprochen und benannt werden. Wenn der Fels keine passive ökonomische Qualität besitzen würde, könnten bestimmte Felsen (z. B. Granit) keinen Wert für Menschen haben. Die biotischen/​sensorischen/​linguistischen/​ökonomischen Seins-Aspekte des Felsen sind dann in dem Sinne vorhanden, dass andere konkrete Dinge (z. B. der Adler, der Mensch) seine jeweilige passive Qualität aktivieren können. Das ist nur möglich, weil der Fels eben den gleichen biotischen, sensorischen/​psychischen, linguistischen und ökonomischen Gesetzen unterliegt wie der Adler und der Mensch. Auch hier zeigt sich erneut der Ich-Du-Charakter der Schöpfung. Das Sein des Wassers kommt erst in der Du-Begegnung mit dem Vogel oder dem Menschen völlig zur Geltung.

Fazit: Wer man wirklich ist, kann nur in der Begegnung festgestellt werden!

Nicht nur Lebewesen oder Materialien existieren in den verschiedenen Seins-Aspekten, auch Phänomene, Handlungen und Ereignisse sind dem Gesetz JHWHs unterordnet. So hat Deutsch als konkrete Sprache z. B. auch eine räumliche Eigenschaft, sonst könnten keine Sprachgebieten eingeteilt werden. Seine passiven sensorisch-psychische Eigenschaft wird deutlich, wenn es zum Sprachgefühl kommt. Die passive historische/​kulturelle Qualität wird sichtbar, wenn der Mensch Sprachentwicklung als kulturelle Handlung ermöglicht.

Die Unterscheidung zwischen aktiven und passiven Seins-Aspekten macht auch verständlich, wieso wir Menschen im Alltagsleben die Welt meist in Materialien, Lebewesen und Menschen unterteilen. »Leblose« Materialien wie Eisen oder Sand existieren gemeinsam aktiv nur vom quantitativen bis energetischen Seins-Aspekt. Im Gegensatz zu Menschen existieren Lebewesen aktiv nur in den quantitativen bis sensorisch-psychischen Seins-Aspekten. Der Mensch existiert in allen Seins-Aspekten aktiv.

5.5 Gesetze und Normen

Wenn die Gesetze, die die einzelnen Seins-Aspekte dominieren, genauer betrachtet werden, wird klar, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen den ersten sechs Seins-Aspekten (Quantität – Sensorik) und den letzten neun (Logik – Glauben) gibt. Der Unterschied liegt in der Natur der Gesetze, die diese Seins-Aspekte charakterisieren. Die Gesetze der Quantität, Geometrie, Physik, Chemie, Biologie und Sensorik kann man nicht übertreten. Wer von einer Brücke springt, wird nicht fliegen, und wer eine Adrenalinausschüttung erlebt, wird nicht schlafen können. Diese Gesetze wirken in einem gewissen Sinne direkt und unmittelbar. Die anderen Gesetze wie z. B. der Logik (z. B. der Satz vom ausgeschlossenen Dritten) haben eine indirekte Natur. Die Realisierung dieser Gesetze findet nur indirekt statt (siehe Abb. 25).

Die Gesetze der Logik beherrschen den Menschen nicht in der direkten Weise, wie es die Gesetze der Physik tun. Der Mensch kann widersprüchlich denken, wenn er möchte. Der Mensch hat die Freiheit, die Gesetze der Logik zu beachten und ihnen zu gehorchen oder sie zu missachten und sich ihnen zu widersetzen. Es hängt also von der Willensentscheidung des Menschen und seinem Handeln ab, ob die Gesetze der Logik positiv aktiviert werden oder nicht. Bei einer positiven Einstellung vermitteln die Eltern den Kindern Gottes Gesetze zur Logik (siehe Abb. 26).

Die Bibel beschreibt auf zwei Weisen, wie JHWH seine Gesetze in die Welt einführt. Manche Gesetze führt er unmittelbar und direkt ein, während er andere Gesetze mittelbar und somit indirekt einführt. Ähnlich wie ein Geschäftsführer, der manche seiner Anordnungen selber ausführt (unmittelbar), aber andere Anordnungen durch seine Angestellten ausführen lässt (mittelbar), lässt JHWH manche Anordnungen auf direktem Wege ausführen, während er andere Anordnungen durch den Menschen ausführen lässt. Und so kann das Blatt bei Sonneneinstrahlung nicht die Photosynthese verweigern, da JHWH seine biotischen Gesetze direkt und unmittelbar ausführen lässt. Aber die Gesetze der Ethik (z. B. »Du sollst nicht töten.«) werden nur realisiert, wenn der Mensch sich dazu entscheidet, sie auszuführen. Die historisch/​kulturellen Gesetze (z. B. »Macht euch die Erde untertan.«) werden da ausgeführt, wo Zivilisationen entstehen, die Technik des Ackerbaus entwickelt wird, Energieerzeugung entdeckt und Regierungsformen ausgedacht werden.

Auch in der Wissenschaft wird unterschieden zwischen den Seins-Aspekten, die von direkten und unmittelbaren oder indirekten und mittelbaren Gesetzen charakterisiert werden. Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit den unmittelbaren Gesetzen und deren dazugehörigen Seins-Aspekten. Dagegen beschäftigen sich die Humanwissenschaften mit den mittelbaren Gesetzen und deren dazugehörigen Seins-Aspekten.

Um diesen Unterschied zu unterstreichen, werden die indirekten und mittelbaren Gesetze als Normen bezeichnet.

Fazit: Gesetze bezeichnen die direkt ausgeführten Gesetze JHWHs (Naturgesetze), während Normen die indirekt von JHWH ausgeführten Gesetze bezeichnen.

Normen zielen auf die Freiheit und Verantwortung des Menschen ab. JHWH macht den Menschen für die Ausführung seiner Normen verantwortlich. Der Mensch ist aufgefordert, die Normen zu beachten und sie zu aktivieren. Wie dies geschieht und welche Auswirkung ein prophetisches Verständnis von Normen auf unser Wirklichkeitsverständnis und unsere Du-Begegnung hat, werden wir in unserer folgenden Reflexion sehen. Dabei werden wir uns mit dem Phänomen des kulturellen Relativismus beschäftigen. Im folgenden Buchabschnitt soll vor allem in Reflexion 9 und 10 deutlich werden, dass theoretisches Denken (Philosophie und Wissenschaft) nicht einfach nur als Gedankenspiel betrachtet werden kann, sondern als eine Notwendigkeit, wenn wir unser Alltagsleben besser verstehen und ausleben wollen.

5.6 Klärung

Wir haben in dieser Reflexion versucht, uns von den biblischen Texten inspirieren zu lassen, um zu sehen, wie die Welt in der Folge für Wissenschaft und Philosophie aussehen könnte. Die Darstellung ist nicht mehr und nicht weniger theoretisch als andere wissenschaftliche Theorien. Die Evolutionstheorie oder der erwähnte »linguistic turn« sind ebenso hypothetisch und beruhen auf Annahmen, die nicht zu beweisen sind. Die Glaubhaftigkeit einer Theorie lässt sich darum nie zu 100 Prozent beweisen. Am Ende muss man immer den Annahmen einer Theorie vertrauen. Dennoch kann man die Annehmbarkeit einer Theorie prüfen: Je sinnvoller eine Theorie den erlebten Alltag und die Resultate der Wissenschaft erklären kann, desto glaubwürdiger ist sie.

Keine modernistisch-reduktionistische Theorie wird der Komplexität unseres alltäglichen Lebens gerecht. So kann die Evolutionstheorie einige Phänomene unserer Wirklichkeit stimmig und sinnvoll erklären, aber die Erklärungen etlicher anderer Phänomene (z. B. Liebe oder Selbstmord trotz bester Überlebenschancen [starker Körper, Geist, Psyche]) sind häufig nicht zufriedenstellend. Die Tatsache, dass der Mensch zu einem gewissen Maße frei ist und ein Gewissen besitzt, bestimmte Krankheiten vererbt werden, der Mensch Kultur schafft und durch sie geprägt wird, Selbstmorde stattfinden, obwohl genug Nahrung und Wohlstand vorhanden sind, mancher Mensch aus Liebe für den anderen sein Leben aufs Spiel setzt, sich Gläser bei spiritistischen Treffen rücken lassen, kann nur im Theoriedenkmodus völlig ernst genommen werden, wo eine nicht-reduktionistische Vorstellung über unsere Welt besteht. Diese Reflexion zeigt, dass da, wo das Nachdenken von den Berichten der biblischen Schreiber beeinflusst wird, eine theoretische und nichtreduktionistische Weltanschauung entsteht. Diese Anschauung integriert sinnvoll Alltagserfahrung und wissenschaftliche Forschungsergebnisse und ist in der Lage, aus der Zwickmühle von Objektivismus und Subjektivismus zu einem Verständnis von der wahren Natur des Lebens zu führen, die die Du-Begegnung mit Mitmensch und Mitschöpfung ermöglicht.

Folgende Übungen bieten sich zur Vertiefung der vorigen Seiten an:

→Es gibt die bekannte und paradoxe Erzählung von Zeno von Elea über Achilles und die Schildkröte. Die beiden beschließen, einen Wettlauf zu organisieren, bei dem die langsamere Schildkröte einen kürzeren Abstand als der schnelle Achilles zurücklegen muss. Zeno erklärt, dass Achilles die Schildkröte nie einholen wird. Warum ist das so? Wie kann das Paradoxon gelöst und erklärt werden? Die Lösung lässt sich da finden, wo die einzelnen Seins-Aspekte als nicht reduzierbar angesehen werden.

→Der Aufenthalt in Krankenhäusern wird immer teurer. Das liegt unter anderem daran, dass Krankenhäuser mittlerweile als Wirtschaftsbetriebe gesehen werden, die Gewinn machen müssen. Überhaupt hat man den Eindruck, dass unsere Gesellschaft immer mehr auf ihren ökonomischen Aspekt reduziert wird. Alles muss Gewinn abwerfen, ansonsten hat es keine Daseinsberechtigung. Das widerspricht zu einem großen Teil dem sozialen Auftrag des Krankenhauses, sich um physisch kranke Menschen zu kümmern. Ganz ähnlich scheint die Polizei sich manchmal mehr um das für den Staat lukrative Verteilen von teuren Strafzetteln zu bemühen als um die Bewachung der sozialer Ordnung. Wie kann das gegenwärtige Problem aus der Perspektive unserer Seins-Aspekte analysiert und besser verstanden werden? Eine weiterführende Erklärung bietet der Text »A Non-Reductionistic Theory of Society« in Clouser, R. A. The myth of religious neutrality: an essay on the hidden role of religious belief in theories. Notre Dame: University of Notre Dame Press, 2005.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
471 p. 102 illustrations
ISBN:
9783815026182
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