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Kapitel 33

Über den Autor

Das Grab des Franzosen

Das Grab des Franzosen

Kriminalroman

von

Olaf Viehmann

Das Grab des Franzosen

Kriminalroman

Band 1 der Serie „Jäger & Walther“

Originalausgabe in Deutsch

2. überarbeitete Ausgabe

Die erste Ausgabe wurde im

März 2021 in Deutschland unter der

ISBN 978-3-00-068384-8 veröffentlicht.

Umschlaggestaltung:

MULTIMEDIAS

www.multimedias.de

Frank Blumberg und Sebastian Kreisel

Image (Adler): 123rf.com#81668034

Image (Knöpfe): Olaf Viehmann

Impressum

Copyright © 2021 Olaf Viehmann

Alle Rechte vorbehalten.

Olaf Viehmann / Zur-Nieden-Str. 2 / 58095 Hagen

Kontaktdaten: ov@olafviehmann.de

Herstellung:

epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Veröffentlicht am

24.06.2021 (Taschenbuch) / ISBN 978-3-754135-93-8

07.06.2021 (E-Book) / ISBN 978-3-754130-22-3

Über das Buch

Auf dem Privatgrundstück einer westfälischen Fabrikantenfamilie wird zufällig ein Skelett gefunden. Das Alter des Skeletts und einige in dem Erdgrab gefundene historische Artefakte lassen schnell den Schluss zu, dass es ein Soldat aus der französischen Besatzungszeit war, der hier seine letzte Ruhe gefunden hat. Intuitiv hat die junge Leiterin der Rechtsmedizin, Dr. Sophia Jäger, ihre Zweifel und möchte den Fall sorgfältig aufklären. Seitens des ermittelnden Kriminaloberkommissars Erwin Walther erhält sie wenig Unterstützung, und ihre Nachforschungen stellen zunächst nur ihre Karriere in Frage. Schließlich dringt sie in die 200-jährige Geschichte der Familie ein und erhält unerwartete Hilfe. Sie deckt lange verborgene Geheimnisse auf, die sie allerdings am Ende selbst mehrfach überraschen.

„Das Grab des Franzosen“ ist der erste Band aus der Serie „Jäger & Walther“.

Danksagung

Ich danke Herrn Prof. Dr. med. Dr. phil. Ingo Wirth und Prof. Dr. med. Hansjürg Strauch für ihr Buch Rechtsmedizin – Grundwissen für die Ermittlungspraxis, erschienen im Kriminalistik Verlag, Heidelberg. Dem Buch konnte ich viele gute Hinweise für meine Arbeit entnehmen und danke den Autoren für die sehr gut strukturierte wie umfassenden Darstellungen zu Sachverhalten der Rechtsmedizin.

Kapitel 1

Dr. Sophia Jäger hatte an diesem Morgen einen Gerichtstermin, in dem sie als Zeugin in einer Mordsache ihr Gutachten persönlich darstellen durfte. Obwohl „verteidigen“ die bessere Beschreibung gewesen wäre. In der Anfangszeit ihrer Tätigkeit als leitende Forensikerin der Außenstelle der rechtsmedizinischen Abteilung Dortmund in Hagen hatten sie die oft hanebüchenen, aber meist rhetorisch geschickten Seitenhiebe der Verteidiger maßlos aufgeregt. Doch nun, nach über zwei Jahren in ihrer jetzigen Position, kannte sie das Spiel und blieb souverän und ruhig bei ihren auf naturwissenschaftlicher Basis gewonnenen Erkenntnissen. Ja, und sie hatte den Eindruck, dass die Richter ihre fachliche Qualifikation wahrnahmen und achteten.

Kaum hatte sie nach Verlassen des Gerichtsgebäudes den Flugmodus ihres Handys deaktiviert, da klingelte es und sie drückte den grünen Knopf. „Jäger!“ „Hallo Sophia, Erwin hier! Wir haben einen Leichenfund. Ich habe die Kollegen von der KTU schon informiert, vielleicht möchtest du ja selbst noch vor Ort einen Blick drauf werfen. Ich schick dir die Koordinaten fürs Navi auf dein Handy, ok?“

An die kollegiale Art, mit der Erwin Walther mit ihr sprach, würde sie sich erst noch gewöhnen müssen. Kennengelernt hatte Sophia den Kriminaloberkommissar anlässlich der feierlichen Eröffnung ihrer Dienststelle, die als Pilotprojekt galt. Seitdem hatte Sie kaum mit ihm zusammen gearbeitet. Erwin war in seinem Umgang mit ihr von Anfang an sehr offen. Vielleicht irritierte es sie auch nur deshalb, weil sie das von den Menschen in Hagen nicht gewohnt war und sie vermutete, dass Erwin ein privates Interesse an ihr haben könnte. Möglicherweise bedurfte es einfach nur einer Phase der intensiven Zusammenarbeit, bis es sich für sie normal anfühlen würde.

Sophia bestätigte, „Ja, gerne. Bist du vor Ort?“

„Ja, ich bin schon eine Weile hier. - Habe bereits alles erledigt, damit du ungestört arbeiten kannst.“

„Gut – bis gleich!“

Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie seine Erledigung aussah. Ihre Mitarbeiter hatten das Instrumentenzelt aufgebaut und den Fundort gesichert, während er mit wichtiger Miene in der Gegend rumstand. Sophia wurde das Gefühl nicht los, dass es verdammt lange dauern würde, bis es zu einer gemeinsamen Wellenlänge käme.

Mittlerweile war sie bei ihrem Auto angelangt. Weil es ein warmer und sonniger Frühlingsmorgen war, öffnete sie das Verdeck des roten Spider Cabrios, Baujahr 1967, schwang sich in den Sitz und übernahm die übermittelten Daten des Oberkommissars in die Navi-App ihres Handys. Nachdem sie ihre Pumps gegen bequeme und alltagstaugliche Sneaker getauscht hatte und ihre blonden schulterlangen Haare mit einem Haargummi hinter dem Kopf fixiert hatte, fuhr sie los. Sie ließ sich von der Technik quer durch die Innenstadt bis Eilpe führen. Dort ging es die Selbecker Straße hinauf. Sie genoss das Gefühl von Freiheit, wie es wohl nur Cabrio-Fahrer wertschätzen können. Bei ihr ging es aber noch darüber hinaus, es bestärkte sie in ihrem Drang nach Unabhängigkeit: Das zu tun, was wichtig und richtig ist! Bei genauerer Betrachtung war dieses Bedürfnis nach beruflicher Freiheit maßgeblich für ihre spontane Zusage gewesen, die Leitung einer Außenstelle der Gerichtsmedizin zu übernehmen. Und für Sophia war es die Gelegenheit, sich aus dem, ‚viele Jäger – wenig Hasen‘ – Umfeld im Uniklinikum Dortmund abzusetzen. Sie lebte auf in ihrem Job und belohnte sich selbst damit, jeden Fall korrekt und mit einem leichten Hang zum Perfektionismus zu bearbeiten. Doch hatte sie tatsächlich die Freiheit, das zu tun, was sie für das Richtige hielt? Ad hoc kamen ihr nur zwei Berufe in den Sinn, bei denen das wirklich so war: Richter und Papst. Obwohl - beim Papst war sie sich da gar nicht so sicher.

Der weiblichen Stimme Ihrer Navi-App folgend lenkte sie nach gut zwei Kilometern ihren Spider nach rechts und folgte einer den Berg hinaufführenden Serpentine, die längs des Weges von Nachkriegsbauten, mit hübschen Vorgärten und allerlei Gartennippes geschmückt, gesäumt war. Nach der letzten der fünf Kurven endete die Straße in einer Sackgasse. Zwischen den Neubauten und einer prächtigen Villa aus der Gründerzeit war, als würde dadurch der gebührende Abstand unter den gesellschaftlichen Schichten untermauert, ein baufreier, wild begrünter Raum. Vor der Villa parkten der, ihr bekannte, Mercedes-Transporter der KTU und ebenso der 5er BMW des Kommissars, sodass Sophia der Ansage des Navis keine weitere Beachtung schenken musste. Sie stellte ihren Spider vor dem BMW ab, stieg aus und schaute beeindruckt zunächst auf die Villa, an der oberhalb des zweiten Stockwerkes das Baujahr 1901 aus schmiedeeisernen Ziffern dem Betrachter ins Auge fiel. Das Haus war in einem dezenten Mintgrün gestrichen und machte einen gepflegten Eindruck. Oberhalb der Jahresangabe waren zwei kreisrunde Fenster angeordnet, links und rechts gesäumt von den abfallenden Dachflächen. Es strahlte etwas Lebendiges aus, als hätte das ehrwürdige Haus Augen, die in die Ferne schauen würden. Diesem imaginären Blick folgend änderte sie ihre Blickrichtung und es bot sich ihr ein wunderschöner Ausblick über das Mäckingerbachtal. „Nicht schlecht, gar nicht schlecht“, flüsterte sie leise.

Als sie sich wieder dem Anwesen zuwandte und die ersten Schritte in Richtung des offenen stehenden schmiedeeisernen Gartentores tat, kam ihr ein Mann mit ungefähr zehn Millimeter kurzen, weißgrauen Haaren entgegen: Kriminaloberkommissar Erwin Walther. Insgesamt hatte er eine sportliche Erscheinung. In seiner schlichten Lederjacke und mit seinem forschen Schritt wäre er für unter 48 Jahre durchgegangen, die er tatsächlich war.

„Schön, dass du es so schnell einrichten konntest, Sophia. Die Fundstelle ist gesichert, die Kollegen von der Streife sind gerade fort und die KTU ist im Zelt und ordnet ihre Instrumente. Habe natürlich auch die Leiche schon in Augenschein genommen, nur aus der Ferne, ohne etwas anzufassen.“

Als erfahrener Kriminalist wusste er, dass oberstes Gebot nach einer Leichenauffindung war, mögliche Spuren am Fundort nicht durch unbedachtes Handeln zu verwischen.

Er fügte seiner Einführung noch hinzu: „Aber viel wird es hier wohl nicht zu tun geben. Für uns, meine ich!“

Eins muss man ihm ja lassen, dachte Sophia. Er ist absolut professionell in seinem Job! Doch in der Bewertung der Frage, ob es hier etwas zu tun gäbe, sah sie im Ansatz ihren Kompetenzbereich verletzt, daher erwiderte sie mit einem verschmitzten Lächeln:

„Na, dann können WIR ja wieder fahren!“

„Nein, so meinte ich es nicht, ich meine nur, da ist wohl jemand schon etwas länger tot und es sieht eher nach einem Fall für die Archäologie als für die Kripo aus.“

„Vielleicht darf ich trotzdem mal selbst sehen?“, konterte Sophia und fügte lachend hinzu:

„Die Archäologie können wir ja immer noch informieren. Naturgemäß sind die es ja gewohnt zu warten.“

Links neben das stattliche Haus führte ein mit feinem grauen Kies bestreuter Weg. Auf der Mitte zweigte dieser zur seitlichen Eingangstür ab, weiter geradeaus zum Garten. Ohne dass Sophia von der schweren hölzernen Haustür Notiz nahm, gingen sie und Erwin daran vorbei. Sie wollte die Wogen etwas glätten und führte das Gespräch weg von der Frage ihrer Zuständigkeit:

„Haben die Bewohner des Hauses dir schon was Zweckdienliches sagen können?“

„Nein, noch nicht. Ich habe die Hausherrin vorhin nur kurz begrüßt. Steht als Nächstes auf meiner Liste. – Ich denke, Ihr kommt ohne mich aus. Ja? Wenn ich gebraucht werde, ich bin im Haus.“ Mit diesen Worten drehte Erwin sich um und entfernte sich.

Sophia hatte ein ungutes Gefühl. War sie zu dünnhäutig gewesen und ihm gegenüber zu bissig? Als Frau in einer Männerdomäne hatte sie gelernt, die Ellenbogen zu benutzen. Doch damit konnte sie mehr Schaden anrichten, als ihr lieb war, dessen wurde sie sich in diesem Moment bewusst. Über Erwin Walther wusste sie, dass er überzeugter Junggeselle war und mit der Kriminalistik seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hatte. Er selbst hatte ihr bei ihrem ersten Treffen erzählt, dass er zu Hause eine ganze Regalwand voller Bücher über Kriminalfälle hätte, und dass er es liebte, abends darin zu lesen. Waren Erwin und Sophia sich – beide in ihrem Spezialgebiet – ähnlicher als angenommen? Es konnte ja gut sein, dass Erwin mit seinem Schwung und Elan einfach nur helfen wollte. Deshalb nahm Sophia sich vor, ihrer beruflichen Beziehung eine Chance zu geben.

Sophia sah eine weite, nach ihrer Schätzung 1800 Quadratmeter große Rasenfläche, gesäumt von einem bunten Gemisch angelegter Blumenbeete, dahinter einen mannshohen Wildzaun. Hinter dem Zaun war dichter Mischwald. In der Mitte des Grüns stand ein hellblauer kleiner Bagger, offensichtlich das Werkzeug zur Öffnung der Grasnarbe. Die Fläche der geöffneten Grasnarbe war bereits so groß, dass gut zwei PKWs darin Platz hätten. In einem Teil war das Erdreich tiefer ausgehoben. Neben der Grube stand das weiße Zelt der KTU und sie konnte aus der Ferne Stimmen hören. Um das ganze Arrangement herum war, an hölzernen Spießen befestigt, ein blau-weißes Kunststoffband mit dem Aufdruck „POLIZEI“ gespannt.

Na, dann mal los! Voller Tatendrang schritt sie zum Zelt, steckte den Kopf kurz durch den Eingang und grüßte: „Morgen zusammen!“, um direkt ihr eigentliches Ziel, die Grube mit dem Fund anzusteuern. Hinter sich hörte noch das Echo ihrer Begrüßung von zwei jungen Stimmen „Moin“, „Morgen.“

Am Rand der Grasnabe ging sie in die Hocke. Bei kurzer bis mittlerer Liegezeit verströmt der Körper ein typisches Aroma. Doch das, was Sophia an diesem Grab wahrnahm, war nicht der Geruch des Todes, sondern der des Frühlings. Es roch nach frischer Erde; saftiger, fruchtbarer Erde.

Sie verweilte in der Stellung und verstand nun Erwins Einschätzung, doch sie hatte den Anspruch, dafür erst einwandfreie Beweise zu finden.

Skelette haben etwas unendlich Friedvolles an sich, dachte sie, während sie in das frisch ausgehobene Erdloch auf das nur zum Teil freigelegte menschliche Skelett sah. Sie sah Elle und Speiche des rechten Arms sowie die teilweise sichtbare Handwurzel der rechten Hand, den Oberarmknochen, einen Teil der Schulter und die vordere Hälfte des Schädels. Sie blickte in leere Augenhöhlen, wobei „leer“ es nicht exakt beschrieb, denn dort, wo einst Augen dem Besitzer Licht und Farben beschert hatten, war nun braune fruchtbare Erde. Doch trotzdem hatte Sophia den Eindruck angeschaut zu werden. So friedvoll, keine Spur der Sorgen und des Leids, die jedes Leben in unterschiedlichen Ausprägungen erfüllen. Nachdem Milliarden von Kleinstlebewesen sich an den Weichteilen Toter bedient haben und somit den Kreislauf von Leben und Tod aufs neue starten, bleibt das Grundgerüst des Homo sapiens zurück. Es ruht bei günstigster Bodenbeschaffenheit ohne nennenswerte Veränderung Jahrhunderte oder gar Tausende von Jahren in der Erde. Und während die Erde sich weiter dreht und das Leben und Streben fortlaufend vermeintlich neues Glück und Leid erzeugt, liegt das Skelett friedlich in seiner dunklen Ruhestätte, ohne sich um den Lauf der Geschichte mit ihren nie enden wollenden Machtkämpfen der Menschen zu kümmern. Den Kriegen und der einhergehenden Zerstörung. Sophia blickte dem Skelett tief in die Augenhöhlen, während in ihrem Geist Armeen aus längst vergangen Tagen in chronologischer Reihenfolge aufeinander zustürmten: Napoleons Armee von West nach Ost, die russische Armee in die andere Richtung, die deutschen Armeen in beide Richtungen und so weiter. Leise, als sei es eine vertrauliche Unterredung, fragte sie den stummen Zeugen der Geschichte: „Na, was von all dem hast du miterlebt und einfach geschehen lassen?“

Soweit das Licht in der schätzungsweise knapp über einen Meter tiefen Grube es erkennen ließ, waren der Schädel und die freigelegten Schlüsselbeinknochen dunkel verfärbt, was den Schluss zuließ, dass das Skelett schon längere Zeit hier lag. Aber Genaues konnte man erst nach der Analyse im Labor sagen. Der Boden war durchsetzt mit Steinen, wie es in dieser Gegend üblich war. Sophia seufzte zufrieden, bevor sie aus der Hocke aufstand und zu den beiden kriminaltechnischen Assistenten schritt, die vor ihrer Ankunft mit den Vorbereitungen der, vor ihnen liegenden, Exhumierung begonnen hatten, aber nun auf weitere Anweisung der Gerichtsmedizinerin warteten. Als sie das weiße Zelt erreichte, blickte sie die beiden jungen Mitarbeiter freundlich an. Paul Timmermann und Verena Müller hatten alles bestens arrangiert. Die Transportbehälter für die Knochenteile und etwaigen anderen Gegenstände standen geordnet in einer Reihe auf einem langen Klapptisch und daneben lagen die Instrumente und Werkzeuge wie Zinnsoldaten nebeneinander aufgereiht. Beide trugen ihre weißen Overalls, saßen jeder mit einem Pott Kaffee in der Hand auf einer Sitzbank an einem anderen Tisch und schauten entspannt und freundlich zu ihr auf.

„Ihr wart ja schon fleißig. Habt Ihr noch irgendwas anderes gefunden?“

Paul hatte ein Studium in Informatik absolviert, und war als Quereinsteiger zur Polizei gekommen. Mit seinen dunkelbraunen Haaren und seiner Brille mit dicken schwarzen Rändern sah er ein wenig wie ein Nerd aus. Doch ihn in diese Schublade zu stecken wäre zu simpel gewesen. Tatsächlich war er ein Genie in allen technischen Themen und bei dem, was er tat, äußerst sorgfältig. Darüber hinaus hatte er einige Qualitäten, die nicht unbedingt zu denen eines Nerds passen würden. Zum Beispiel verfügte er über eine ausgeprägte Höflichkeit. Er befüllte einen Pott Kaffee aus einer übermäßig großen Thermoskanne und reichte ihn zu Sophia herüber, „Zucker?, Milch?“

„Nur Milch bitte, danke“, sagte Sophia knapp, während sie sich zu den beiden an den Tisch setzte.

Verena antwortete ihr, „Nein nichts, noch nicht. Außer das hier,“ und hielt ihr einen durchsichtigen Kunststoffbeutel mit Zipp-Verschluss entgegen, darin ein messingfarbener Knopf. Verena schaute mit ihren großen dunklen Augen und lebhaften Blick aus ihrem Overall heraus. Am Rand der Kapuze war eine Strähne ihrer türkisgefärbten Haare zu sehen, und fügte keck hinzu:

„Aber das war gar nicht unser Verdienst, sondern der des Baggerführers.“

Sophia lächelte kurz. Irgendetwas an Verena gefiel ihr. Diese gutgelaunte und wache Art, mit der sie anderen begegnete, erinnerte sie an jemanden, den sie jeden Morgen im Spiegel betrachtete. Nur, dass Verena jünger und unerfahrener war. Verena hatte zuerst eine Beamtenlaufbahn bei der Polizei eingeschlagen. Ihr Interesse an Chemie und Biologie brachte sie schließlich dazu, eine polizeiinterne Ausbildung zum kriminaltechnischen Dienst zu absolvieren. Und jeder, der mit ihr zusammen arbeitete, konnte merken, dass diese Entscheidung die Richtige gewesen war. Verena war hellwach bei dem, was sie tat, wissbegierig und strahlte stets eine positive Grundstimmung aus, wie es wahrscheinlich nur Menschen tun, die in ihrem Beruf ihrer Berufung gefolgt sind.

„Baggerführer? Gibt es jetzt Baggerführer bei der KTU?“

Paul prustete vor Lachen seinen Schluck Kaffee zurück in den Pott, um gleich darauf mit der Erklärung anzuschließen, „Nein, nein. Soweit ich es mitbekommen habe, wollen die Eigentümer hier einen Schwimmteich anlegen. Heute Morgen hat ein beauftragtes Unternehmen mit den Arbeiten für den Aushub begonnen. Na, und der hat es auf seiner kleinen Baggerschaufel glänzen sehen. Und, weil er wohl dachte, einen Schatz zu entdecken, hat er mit den Händen weiter gegraben. Bis er das gefunden hat“, berichtete Paul und zeigte dabei mit dem Daumen in Richtung Grube. „Er war es auch, der die Polizei gerufen hat. Hat der Kommissar uns gesagt.“

Sophia wog den Beutel mit dem ungefähr zehn bis elf mm großen Knopf in ihrer Hand. „Scheint aus Messing zu sein. Sicher kein Zufall, dass der Knopf in der gleichen Erdschicht lag. Habt Ihr den Metalldetektor dabei?“

„Ja klar“, sagte Verena. „Ist im Auto! Sollen wir damit nach der Exhumierung nochmal den ganzen Bereich scannen?“ Verena war erst seit Anfang des Jahres bei ihnen, und schon jetzt hatte Sophia den Eindruck gewonnen, dass sie damit ihrer beruflichen Leidenschaft folgen würde. Das hatte ihr Paul, der seit der Gründung der Außenstelle dabei war, bestätigt. Sowieso hielt Paul wohl sehr viel von Verena, nicht nur in beruflicher Hinsicht.

„Exakt, ja. Würde mich nicht wundern, wenn da noch mehr liegt!“

Sie besprachen noch einige Details der fachgerechten Exhumierung. Für die beiden jungen Assistenten hatte es etwas von einer Vorlesung. Sophia war der Überzeugung, dass es ihre Pflicht war, ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiterzugeben und dabei die Motivation der individuellen Vorgehensweise zu erklären. Eine Generation zuvor herrschte noch die Sitte vor, dass Vorgesetzte ihr Wissen oder Nichtwissen für sich behielten. Im gleichen Maß wie sie es damals bei Ihren Vorgesetzten verabscheut hatte, war es heute für sie eine bewusste Verhaltensweise, möglichst viel weiterzugeben. Auch ihr persönlicher Umgang entsprach sicher nicht so manch altem Muster, weil sie sich als Teil des Teams ansah. Trotzdem war Sophia sich ihrer Führungsrolle bewusst. Für sie war es kein Widerspruch und sie erntete dafür alltäglich die Bestätigung. Trotz des lockeren Umgangs, Scherzens und persönlichem Austauschs folgten ihr Verena und Paul, sobald es um fachliche Belange ging. Teamerfolg ist die Frucht des guten Vorbildes, niemals der falschen Autorität, war Sophias Überzeugung.

„Für eine etwaige Rekonstruktion des Tathergangs ist die Kenntnis der Liegedauer der menschlichen Überreste extrem wichtig. Offensichtlich haben wir hier nicht das, was man einen frühen postmortalen Zustand nennt, denn die Weichteile sind möglicherweise bereits schon vollständig zersetzt. Aber das bedeutet nicht, dass wir keine mehr finden. Bitte geht also besonders sorgsam vor. Das kleinste Gewebeteil, das kleinste Haar kann entscheidend für die Bestimmung der Liegedauer sein.“

„Und was, wenn wir keine Weichteile finden?“, wollte Verena wissen.

„Dann geht's an die Knochen!“, erwiderte Sophia lächelnd. „Mit einem vollständigen Verschwinden der Weichteile im Erdreich kann frühestens nach drei bis vier Jahren gerechnet werden. Je nach Masse des Körpers und den chemischen und physikalischen Umgebungsbedingungen auch länger. Wenn keine Weichteile mehr da sind, sprechen wir über eine Liegezeit größer vier Jahre, eher mehr. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass niemand chemisch oder physikalisch nachgeholfen hat. Nach weiteren fünf bis sechs Jahren, wenn auch das Fett und Gewebe aus dem Inneren der Knochenstruktur aufgelöst sind, ist eine Bestimmung der Liegezeit äußerst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. - Aber lasst uns erst mal schauen, was uns erwartet, bevor wir alle möglichen Fälle durchspielen. Auf jeden Fall sollten wir auch Bodenproben von verschiedenen Stellen zur chemischen Analyse und zur pH-Wert-Bestimmung nehmen. Aber lasst uns klassisch vorgehen, bevor wir die einzelnen Knochen entnehmen, sollten wir eine partielle Freilegung durchführen, sodass wir die Lage des Skeletts erkennen können. Alles klar soweit?“

Paul und Verena nickten zustimmend und Paul ergänzte: „Und ich mach wieder den Fotografen, ja?“

Sophia stimmte ihm zu, während sie aufstand und einen der weißen Overalls anzog. Paul war der Techniker im Team, und er konnte geschickt mit der Kamera umgehen. Auch unter widrigen Lichtverhältnissen schuf er scharfe Detailbilder und verlor dabei nicht den Sinn für den Gesamtzusammenhang. Denn ohne jeden Kontext sind Details oft wertlos. Daher gehörte es zu seinen Aufgaben, an signifikanten Stellen kleine Schilder mit Nummern zu platzieren, um in späteren Texten Bezug auf wichtige Gegenstände und deren Anordnung nehmen zu können. Außerdem erledigte er die Standardaufgaben, notierte Temperatur und Luftfeuchtigkeit und protokollierte die Arbeitsschritte.

Nach dieser ausführlichen Besprechung stiegen Sophia und Verena in die Grube, ausgerüstet mit kleinen Eimern, Bürsten, Pinseln und Schabern. Wenngleich die eigenhändige Durchführung von Exhumierungen nicht in ihrer Stellenbeschreibung als Leiterin der Forensik stand, wollte sie die Gelegenheit nutzen, um Verena wertvolle Hinweise in der praktischen Umsetzung zu geben.

Sie kamen gut voran und nach einiger Zeit war das Skelett in voller Größe freigelegt, aber wunschgemäß so, dass jeder Knochen noch durch das Erdreich in seiner Position gehalten wurde. Das Skelett lag in kerzengerader Haltung auf dem Rücken, Arme und Beine alle hübsch parallel zueinander ausgerichtet. Links und rechts des Sternums hatten sie in regelmäßigen Abständen jeweils sieben Knöpfe aus Messing, mit einem Durchmesser von ungefähr 15 mm, gefunden. Neben den Handwurzelknochen fanden sie insgesamt drei weitere Knöpfe, in der gleichen Größe wie der, den der Baggerführer gefunden hatte. Das deutete auf eine Bekleidung des Toten hin. Vom Stoff des Kleidungsstückes selbst war nichts übriggeblieben. Wenn man davon ausging, dass es sich um natürliche organische Materialien handelte, war dies nach wenigen Jahren keine Besonderheit, Naturtextilien waren eine Leibspeise von Kleinstlebewesen. An der linken Seite in Höhe des Beckens fanden sie etwas, das aussah wie ein ungefähr 80 cm langes Schwert. Als sie diesen Zustand erreicht hatten, betrachteten sie zunächst das Arrangement, und Paul machte unzählige Aufnahmen.

Sophia wollte gerade eine erste Beurteilung abgeben und zum Fehlen der drei äußeren Fingerknochen der rechten Hand etwas sagen, da klingelte ihr Handy. Sofort nahm sie den Anruf an. Offensichtlich war der Anrufer ohne jede Floskel direkt zum Thema gekommen, denn Sophia hörte nur zu, um schließlich das Gespräch mit einer kurzen Bestätigung zu beenden: „Gut, ich kann in 90 Minuten dort sein.“

Dann drehte sie sich kurz zu Verena und Paul um. „So, jetzt müsst ihr ohne mich auskommen, man verlangt nach mir! – Ihr macht weiter wie besprochen und schafft dann alles zusammen in die Obduktion. Ok?“ Beide stimmten im Chor zu. Daraufhin zog sie den Overall aus, warf ihn in eine dafür bereitstehende Box und machte sich auf den Weg.

Auf halber Strecke des Rasenstücks, das zum Haus führte, kam ihr eine Frau entgegen, wahrscheinlich die Hausherrin, die einen großen Teller, vollgepackt mit Apfelkuchen, vor sich her trug. Die Dame begrüßte Sophia mit den Worten:

„Ihr Kollege ist schon vor einiger Zeit gefahren, da wollte ich Ihnen doch eine Stärkung bringen.“

„Ah, das wäre aber nicht nötig gewesen, Frau …?“

„Ach, entschuldigen Sie, Recksiepe, Brigitte Recksiepe.“

„Sehr angenehm, Sophia Jäger, ich bin die leitende Rechtsmedizinerin. Ich bin leider etwas in Eile, aber meine Mitarbeiter freuen sich sicher über eine Stärkung. Auf Wiedersehen!“

„Ja, auf Wiedersehen!“, erwiderte Frau Recksiepe freundlich und ging weiter Richtung Zelt. Sophia in die andere Richtung.

Die Evolution hat dem Menschen eine visuelle Sinneswahrnehmung geschenkt, die unseren Vorfahren sicher unzählige Male das Leben gerettet und damit überhaupt die Perfektionierung und Weitergabe dieser Eigenschaft ermöglicht hat. In jeder Sekunde empfängt das Auge mehr als zehn Millionen Lichtreize, Informationseinheiten, die im komplexen Zusammenwirken von Filter- und Bewertungsalgorithmen in unserem Gehirn unterscheiden zwischen unwichtig und wichtig. Eine dieser bewundernswerten Fähigkeiten ist es, dass wir bewegte Objekte im unscharfen Seitenbereich des Sichtfeldes wahrnehmen und als mögliche Gefahr einstufen. Automatisch wird das Objekt durch eine schnelle Pupillendrehung angepeilt, durch die Linse fokussiert und somit dem Gehirn innerhalb eines Bruchteiles einer Sekunde ein verwertbares Bild geliefert. Oft stellt sich heraus, dass es eben nicht der gefürchtete Tiger ist, aber einmal nicht hingeschaut kann sofort tot bedeuten. So funktioniert Evolution.

Genau dieser Mechanismus wirkte bei Sophia, als sie weiter über den Rasen lief. In einem winzigen Moment nahm sie wahr, dass sich die Gardine an einem der Fenster im obersten Stockwerk des herrschaftlichen Hauses bewegte.

Kapitel 2

15. April 1865, preußische Provinz Westfalen, Eilpe bei Hagen

„Es ist ein Junge!“, rief das Mädchen freudig dem Vater entgegen, als sie den düsteren Raum des Fachwerkhauses betrat, der den, durch Wasserkraft angetrieben, Hammer beherbergte. Es war nicht nur schummerig, sondern auch laut. Friedrich Recksiepe verstand kein Wort, was einerseits an der Lautstärke, andererseits an der trotz seines jungen Alters von 24 Jahren bestehenden Schwerhörigkeit des Juniorchefs der Klingenschmiede, lag. Die Schmiedewerkstatt lag am Selbecker Bach, dessen Kraft zwei mehrere hundert Kilogramm schwere Hammer unablässig über ein hölzernes Räderwerk hochhob, die dann am oberen Punkt freigegeben und vom eigenen Gewicht angetrieben mit dem Schmiedekopf auf einen Amboss fielen. Neben jeder Schmiedestelle befand sich ein Kohlefeuer, in dem die Werkstücke auf die erforderliche Schmiedetemperatur gebracht wurden.

Der Betrieb wurde von Friedrichs Großvater, Friedrich sen., zu einer denkbar ungünstigen Zeit, im Jahr 1813 gegründet. Wobei es keine Neugründung war, sondern vielmehr die Übernahme eines verwaisten Betriebes. Friedrich Recksiepe war der Sohn eines Bauern aus dem oberbergischen Kreis. Als Zweitgeborener hatte er kein Anrecht auf einen Anteil des Hofes. Ihm wurde ein Unterhalt für die Zeit seiner Ausbildung gewährt und eine Abfindung, die weit unterhalb der Hälfte des Wertes der eigentlichen Erbmasse lag. Obwohl diese gängige Art der Erbfolge heutzutage manchem als ungerecht oder moralisch verwerflich erscheinen mag, hatte sie einen praktischen und nachhaltigen Nutzen. Durch diese Praktik wurde eine fortwährende Verkleinerung der Höfe durch Teilung in jeder Generation vermieden, die zwangsläufig dazu führen würde, dass die Höfe irgendwann zu klein wären, um davon leben zu können.

Friedrich erlernte das Schmiedehandwerk und legte seine Meisterprüfung ab. Das Glück wollte es, dass er von einem Betrieb erfuhr, dessen kinderloser Eigentümer kürzlich verstorben war. Friedrich verpflichtete sich vertraglich zur Zahlung einer geringen Rente an die Witwe und bekam im Gegenzug die kleine Schmiedewerkstatt, in der seit vielen Jahrzehnten Klingen geschmiedet wurden.

Der wirtschaftliche Aufschwung der Klingenproduktion begann, nachdem der große Kurfürst, Markgraf Friedrich Wilhelm zu Brandenburg, mit einigen Klingenschmieden aus Solingen einen Vertrag geschlossen hatte, in dem er ihnen das Monopol auf die Herstellung von Schwert- und Degenklingen in Preußen zusicherte. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, ihre Betriebe auf preußischem Territorium zu errichten. So entstanden in Eilpe mit der Zeit über 50 Betriebe. Der Kurfürst ließ dann 1664 auf seine Kosten Wohnungen und Werkstätten errichten, auch eine Schule für die Kinder der Schmiede wurde 1665 erbaut.

Doch der Stern der Klingenschmieden in Eilpe befand sich mittlerweile in einem Sinkflug, der zur Zeit der französischen Besatzung durch Napoleon Bonaparte zwischen 1808 und 1813 begonnen hatte. Zu bequem war es, regelmäßige Aufträge von staatlicher Stelle zu erhalten, ohne in Wettbewerb mit Unternehmen aus anderen Orten zu stehen. Aufgrund der politischen Veränderungen durch die französische Besatzung und dem damit einhergehenden Wegfall der staatlichen Aufträge sowie des sich zunehmenden Wettbewerbs zu den Solinger Schmieden mit ihren qualitativ hochwertigeren Produkten, wurde es für die Eilper Schmiede immer schwieriger, ihre Produkte abzusetzen. Man kann sich vorstellen, dass die Bürger und besonders die Schmiedezunft nicht sehr gut auf die französischen Besatzer zu sprechen waren. Die durch Missernten und Getreideknappheit 1816/17 ausgelöste Hungersnot war eine weitere Herausforderung. Für viele ging es ums Überleben.

Aufgrund der abnehmenden Produktionsmenge an Klingen war Friedrich Recksiepe sen. seit der Gründung seines kleinen Unternehmens bestrebt, ständig neue Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Sein Sohn Friedrich Wilhelm, der zum Verkauf der Fabrikate oft mehrtägige Reisen unternahm, hatte nicht selten Anfragen zu neuen Schmiedeprodukten im Gepäck. Dadurch und durch harte Arbeit konnte der Betrieb bestehen, ja sogar bescheiden wachsen. Mittlerweile beschäftigte man drei Gesellen, von denen einem sogar eine Meisterausbildung in Aussicht gestellt wurde.

Friedrich Wilhelm selbst kam während einer Reise bei einem Kutschenunglück ums Leben, so dass sein Sohn Friedrich schon früh im Betrieb helfen musste und, nach seiner bestandenen Meisterprüfung, die Leitung übernahm. Von da an begnügte sich sein Großvater, mittlerweile im biblischen Alter von über 75 Jahren, mit leichten Aufgaben oder brachte fertige Werkstücke mit der Kutsche zu Kunden in der Umgebung.

Das Mädchen aus der Nachbarschaft war von der Hebamme zum Betrieb geschickt worden, stand mittlerweile direkt neben Meister Friedrich und wiederholte ihre Botschaft mit lauter Stimme. Der Meister inspizierte den Lagerblock des gewaltigen Hebelarmes eines Hammers. Er schaute überrascht auf, schien zwar nichts verstanden zu haben, aber folgte ihr dennoch nach draußen. Dort wiederholte das Mädchen: „Meister Recksiepe, es ist ein Junge. Die Hebamme hat mich geschickt nach Ihnen zu rufen.“ Auf das Gesicht des Meisters trat trotz des Schmutzes der Werkstätte ein Glanz von Freude. Er dankte ihr, griff in die Tasche, kramte kurz und gab dem Mädchen 2 Pfennige. Nun strahlte ihr Antlitz, denn offenbar hatte sie nicht mit einer solch hohen Belohnung für den Gang gerechnet. Sie dankte vielmals und verschwand. Friedrich Recksiepe lief schnellen Schrittes den Berg Richtung Goldbergsattel hinauf. Nach zehn Minuten, auf einem Drittel der Höhe, erreichte er das Wohnhaus seiner Familie. Ein kleines, aber ansehnliches Fachwerkhaus, das sein Großvater aufgebaut hatte, und das sie zusammen mit ihm bewohnten. Betrat man das Haus, gelangte man in einen kleinen, kaum zwei Quadratmeter großen Flur, dessen dominantes Element die zum zweiten Stockwerk führende Treppe war. Vor der Treppe gelangte man links und rechts jeweils durch eine Tür zu weiteren Räumen. In dem Linken war die Kammer des Großvaters, rechts kam man in eine behagliche Stube. Diese war gut 15 m² groß, ausgestattet mit einem Tisch und Stühlen und einem hohen Schrank, der die Geschäftsbücher des Unternehmens beherbergte. In einer Ecke befand sich eine alte Truhe aus Eichenholz, in der einst die Aussteuer von Elisabeth Recksiepe, der schon vor vielen Jahren verstorbenen Ehefrau des Firmengründers, aufbewahrt gewesen war. Dort empfing man Gäste. Der Stolz des Raumes spiegelte sich auch in einem gusseisernen Ofen wieder, der in der zur Mitte der Hausgrundfläche zeigenden Ecke aufgestellt war, und so auch, die sich direkt über ihm befindenden, Räume heizte. Hinter diesem Raum waren die Küche und die Speisekammer.

Im oberen Stockwerk waren eine große Kammer auf der rechten Seite und zwei kleinere auf der linken. In der großen stand das Ehebett und davor seit einiger Zeit eine Wiege, die geduldig auf den Zuwachs der Familie wartete. Die beiden kleinen Kammern waren für die Kinder gedacht, sobald der Platz für sie im elterlichen Schlafgemach nicht mehr ausreichen würde.

Der stolze Vater erblickte nach Betreten des Hauses sofort die Hebamme, die im großen Raum zur Rechten am Tisch saß, im Arm ein kleines Bündel mit dem Kind. „Der Wundarzt ist gerade noch bei der gnädigen Frau oben Meister Recksiepe. Aber schaut, hier habe ich Euren Sohn. Habe ihn auch schon gewogen, stolze sieben Pfund ist der Junge“, und reichte ihm dabei das Bündel. Friedrich nahm vorsichtig seinen Erstgeborenen in den Arm und schaute ihm ins Gesicht. „Friedrich, sollst du heißen!“, und zur Hebamme gewandt: „Sag bitte dem Pfarrer Bescheid. Wenn es recht ist, würden wir ihn gerne morgen nach der Messe taufen lassen.“

Der Wundarzt hatte der Mutter, Katharina Recksiepe, dringend davon abgeraten, ein weiteres Kind zu gebären. Sie neige zu starken Blutungen, hatte er ihr gesagt, und das Risiko bei einer weiteren Geburt zu verbluten, wäre zu groß. Doch dieses Mal hatte Katharina überlebt. Der junge Friedrich genoss damit die größte Aufmerksamkeit von Mutter, Vater und Urgroßvater, die man sich vorstellen konnte. Mit dem Urenkel verbrachte dieser viel Zeit, obwohl ihm davon nicht mehr so viel blieb. Denn gut ein Jahr nach der Geburt des Stammhalters fuhr der Urgroßvater nach Herdecke, einer kleinen Stadt in unmittelbarer Nähe von Hagen. Eigentlich kein erwähnenswerter Vorgang. Er lieferte dort einige wichtige Schmiedeteile an eine mechanische Werkstatt aus, nahm in einer Gaststätte ein Mittagsmahl zu sich, und fuhr wieder zurück nach Eilpe. Doch zwei Tage später bekam er starken Durchfall und war am dritten Tag tot. Denn, was er vor seiner Abfahrt nicht gewusst hatte, war, dass in Herdecke zu dieser Zeit die Cholera wütete.

Kapitel 3

Frisch geduscht betrat Sophia gegen 15 Uhr das Rathaus an der Volme. Die Volme ist einer der kleinen Flüsse, die das Stadtgebiet durchfließen und durch ihre Wasserkraft der Stadt einst zu einem ansehnlichen Wohlstand verholfen hatten. Im Foyer wurde sie bereits von Erwin Walther empfangen, der nach kurzen Blick auf seine Armbanduhr in Hektik verbreitender Art sagte: „Die Pressekonferenz fängt in 20 Minuten an. Einige vom Rundfunk und vom WDR sind schon da. Es ist oben im großen Konferenzsaal.“

„Und wer veranstaltet hier diesen Hype?“, entwich es ihr, als sie die breit geschwungene Treppe hinauf liefen.

„Nun, soweit ich das richtig mitbekommen habe, hat der Herr Recksiepe den Oberbürgermeister angestachelt. Das sagt ja wohl alles“, erwiderte Erwin mit gedämpfter Stimme.

Sophia hob erstaunt die Augenbrauen. „Nein, tut es nicht!“

Erwin stutzte kurz, um sich aber direkt wieder zu fangen:

„Oh sorry, ich vergesse immer wieder, dass du ja nicht von hier bist. Also, die Firma Recksiepe gehört in Hagen zu den größten Arbeitgebern. Sie hat vor Ur-Zeiten in der Klingenproduktion angefangen und ist mittlerweile ein bedeutender Automobilzulieferer. Ich glaube, es fährt kein Auto durch die Gegend, in dem nicht irgendein Teil von Recksiepe verbaut ist.“ Er hob die Hand, wie zur Abwehr, „Aber grundbodenständige Leute! Und Dieter Recksiepe plant da gerade ein Joint-Venture mit irgendeinem großen indischen Konzern. Da möchte er natürlich keine seltsamen Geschichten über Leichen in seinem Garten erklären müssen. Er möchte den Ball halt flach halten.“

„Und um den Ball flach zu halten, veranstaltet er dieses Brimborium hier?“, platzte es abermals aus Sophia heraus.

„Das nennt man Offensive!“, erwiderte der Kommissar mit einem fetten Grinsen.

Mittlerweile waren sie an den noch geöffneten Türen des großen Saals angekommen. Schweigend betraten sie ihn und augenblicklich waren etliche Blicke auf sie gerichtet. Im hinteren Teil des Saales stand ein langer Tisch, mit etlichen Stühlen dahinter. In der Mitte der Stuhlreihe saß der amtierende Oberbürgermeister, Thomas Reiter. Neben ihm saß ein Mann um die fünfzig in einem dunkelblauen Anzug. Dazu passend trug er ein gelbes Einstecktuch in der Brusttasche des Zweireihers und in der gleichen Farbe eine Krawatte. Mit den silber-grauen Haaren und den blauen Augen eine äußerst seriöse Erscheinung.

Links vom Oberbürgermeister befanden sich zwei freie Plätze. Vor einem dieser Plätze stand ein weißes Namensschild mit ihrem Namen, deshalb nahm sie dort Platz und begrüßte die Anwesenden in der Reihe mit gut sichtbarem Kopfnicken. Auf dem Namensschild zu dem verbleibenden freien Platz stand „Uwe Volkerts“. Der Name kam ihr bekannt vor, sie konnte ihn aber nicht zuordnen. Nachdem sie Platz genommen hatte, drehte sie sich zu Erwin um, der in der zweiten Reihe hinter ihr stand, als wäre er ihr Bodyguard.

„Und was ist mit dir? Musst du stehen?“

Er neigte sich zu ihr hinunter und erklärte „Der OB meinte, wir sollen kein falsches Licht auf den Fund werfen, und daher wäre es besser, wenn die Kripo nicht in der ersten Reihe sitzt.“ Dann beeilte er sich, noch zu ergänzen, „Bei dir ist das ja was anderes. Du bist Wissenschaftlerin.“

Seltsame Veranstaltung hier dachte Sophia, als sie sich wieder umdrehte. „Guten Tag, Frau Kollegin“, erklang eine gehetzt wirkende Stimme zu ihrer Linken. Irritiert blickte sie zur Seite und sah einen korpulenten Mann, aus dessen hell-blauem Oberhemd man gut ein Einmannzelt hätte nähen können. Er trug eine aus der Mode gekommene Krawatte mit grünem Paisley Muster und dazu ein beigefarbenes Sakko aus zerknitterten Leinenstoff. Sophia konnte sich nicht gegen den Gedanken wehren, Oh mein Gott, der Typberater gehört ins Gefängnis! Er nahm neben ihr Platz. Immer noch schwer atmend. Die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, und die wenigen, dünnen und asch-blonden Haare waren eine traurige Erscheinung über dem blassen Gesicht und der Brille der Marke Kassengestell.

„Guten Tag“ Ah, das war also Herr Volkerts. Sie nahm nicht an, dass er Mediziner war, sonst würde sie ihn wahrscheinlich kennen. Die Anrede als Kollegin wirkte verstörend. Seltsame Menschen, hier.

Oberbürgermeister Reiter ergriff das Wort: „Meine Damen und Herren von der Presse und vom Rundfunk, ich danke Ihnen, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten, und bin sicher, Sie werden nicht enttäuscht werden. Aber zunächst möchte ich uns kurz vorstellen; zu meiner Rechten Herr Dieter Recksiepe, Direktor und geschäftsführender Gesellschafter der Firma Friedrich Recksiepe & Söhne. Zu meiner Linken darf ich vorstellen Frau Dr. Sophia Jäger, leitende Forensikerin hier in unserer schönen Stadt“, dabei bemühte er sich, ihren Namen und die schöne Stadt besonders zu betonen, wohl um vom Synonym für Gerichtsmedizin abzulenken. „Und zu unserer gemeinsamen Linken unser lieber Dr. Uwe Volkerts, Direktor unseres Heimatmuseums.“

Der rhetorisch geübte Oberbürgermeister begann seine Einführung mit einer Darstellung der Funde prähistorischer menschlicher Skelette im Stadtgebiet und der Bedeutung der geographisch und strategisch interessanten Umgebung. Der Museumsdirektor nickte gelegentlich zustimmend. Anschließend leitete er seine Ausführungen zum aktuellen Fund ein. „... Wie bereits erwähnt ist das menschliche Skelett nahezu vollständig erhalten und in gutem Zustand. Aber nun möchte ich die Fragerunde eröffnen, bei der uns unsere Expertin Frau Dr. Jäger sicher gerne ein Bild zum aktuellen Stand geben wird.“

Woher hat er nur diese Details? Die Knochen sind ja noch erdfeucht!, schoss es Sophia durch den Kopf. Doch sie hatte keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken, da sie direkt angesprochen wurde. Ein Vertreter der Lokalpresse wandte sich an sie:

„Frau Dr. Jäger, was können Sie uns zu dem Fund sagen? Wie alt ist das Skelett? Ist es prähistorisch oder aus der Neuzeit?“

Das Ganze ging ihr entschieden zu schnell, daher versuchte sie, ein paar Gänge zurückzuschalten, holte tief Luft und begann dann: „Nun, wir stehen gerade erst am Anfang unserer Untersuchung. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich lediglich bestätigen, was der Herr Oberbürgermeister bereits dargestellt hat. Es ist ein offensichtlich gut erhaltenes menschliches Skelett. Eine Angabe zum Alter des Skeletts und Alter zum Todeszeitpunkt können wir erst nach weiteren Untersuchungen machen.“

Gerne hätte Sophia mit diesen Worten die Konferenz verlassen, doch so einfach wollte man sie nicht gehen lassen.

„Aber wie kann man vom Erhaltungszustand des Skeletts auf das Alter schließen?“, bohrte der Journalist weiter.

Sophia versuchte, nicht genervt zu klingen, während sie kurz antwortete: „Wie gesagt, detaillierte Ergebnisse können erst weitere Untersuchungen bringen.“

Doch ihre Aussage stellte die Pressevertreter nicht zufrieden. Ein Vertreter des hiesigen Lokalsenders gab seinem Vorredner Schützenhilfe: „Verstehe, aber aufgrund ihrer großen Fachkompetenz haben Sie doch sicher schon eine Vermutung, ob es sich eher im einen prähistorischen oder einen Fund aus der Neuzeit handelt, oder?“

Vom schmeichelnden Lob des Fragenden verführt, schnappte die Falle zu.

„Ja, sicher. Ich denke nicht, dass es prähistorischen Ursprungs ist. Es kann gut 200 Jahre alt sein bei den Bodenverhältnissen ....“ Für sie war es eigentlich nur eine beliebige Zahl, doch schon während sie die Zahl aussprach, sagte ihr ihre innere Stimme, dass es ein Fehler gewesen war. Sie versuchte, sofort zurückzurudern: „..., aber wie gesagt, ohne weitere Untersuchungen kann man da eigentlich gar nichts sagen.“

Doch der nachgeschobene Hinweis fand wenig Beachtung, die Meute hatte bekommen, wonach sie gierte. Ohne ihr eine Verschnaufpause zu gönnen, fuhr ein Vertreter einer überregionalen Nachrichtenagentur fort: „Stimmt es, dass Sie auch Artefakte neben dem Skelett gefunden haben, Waffen oder andere Gegenstände?“

Wer hat Ihnen das denn gesteckt?, hätte Sophia ihm am liebsten entgegengeworfen. Doch sie lernte schnell. Nochmal würde sie in keine Falle hineinstolpern! Sie bemühte sich um einen lässigen Ton.

„Wissen Sie, ich habe mich so beeilt, um Sie hier heute nicht warten zu lassen, da konnte ich gar nicht bis zum Ende der Exhumierung bleiben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was mein Team da heute noch gefunden hat.“

Für sich genommen stimmte diese Aussage sogar.

„Aber Sie können es nicht ausschließen, dass eine Waffe gefunden wurde?“

„Wer kann das schon?“, war ihre spontane Antwort. Und irgendwie schienen die Vertreter der Presse damit erst mal genügend ‚Fakten‘ zu haben. Sie hätte nichts dagegen gehabt noch Auskünfte zur Vorgehensweise zu erläutern. Allerdings schien das Interesse an Informationen von ihr befriedigt zu sein.

Nun war der Museumsdirektor Uwe Volkerts an der Reihe: „Herr Dr. Volkerts, welche Pläne haben Sie angesichts dieses offensichtlich so bedeutenden Fundes?“

Volkerts holte weit aus, indem er die Bedeutung des Heimatmuseums für die heimische Bevölkerung und die positiven Auswirkungen auf den Tourismus mit Enthusiasmus darlegte. Anschließend wies er auf die Kooperation mit den Wissenschaften hin und den damit verbundenen Nutzen für die Menschheit. Endlich ging er dann auf die Frage ein. Er sprach von Sonderausstellungen zum geschichtlichen Hintergrund des Fundes, Lehrveranstaltungen für Schulklassen, Studienangebote für Studenten der Archäologie und Geschichte. Schließlich beklagte er noch im letzten Teil seiner Ausführungen die enormen Kapitalmittel, die solche Vorhaben verschlängen und die tatsächlich leeren Kassen. Das nahm das Stadtoberhaupt als Stichwort auf, um einerseits ins gleiche Horn zu blasen und andererseits das Wort an seinen Sitznachbarn zur Rechten zu übergeben.

Herr Recksiepe begann damit, dass man sich als alteingesessener Hagener Unternehmer in der fünften Generation durchaus und gerne der Verantwortung stelle. Im Besonderen, weil dieser Fund auf einem mittlerweile zum Familieneigentum gehörenden Grundstück lag. Man werde daher mit Freude die weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen auch finanziell unterstützen. Mit diesem kurzen Statement gab er das Wort direkt wieder zurück.

Welche wissenschaftliche Untersuchungen? Sophia hatte nicht das Gefühl, dass der Industrielle damit ihre Arbeit im Sinn hatte.

Thomas Reiter bedankte sich für die Ankündigung einer finanziellen Unterstützung und bei allen Anwesenden für ihre Aufmerksamkeit und erklärte die Pressekonferenz damit für beendet.

Sophia hatte das diffuse Gefühl, unfreiwillig Teil einer Inszenierung geworden zu sein. Wovon soll hier abgelenkt werden?

Kommissar Walther und sie verließen schweigend das Gebäude. Draußen, abseits von potenziellen Zuhörern platzte es aus ihr heraus:

„Nur damit ich nicht im falschen Film bin, bis jetzt ist das doch immer noch eine kriminaltechnische Untersuchung, oder habe ich irgendwas verpasst?“ Sie sah ihn mit großen Augen und fragendem Blick an.

„Formell ja, aber ich denke, das wird es nicht lange bleiben. Schau, wir haben keinen Vermissten. Meine Befragung der Familie hat nichts ergeben und es war ja heute Morgen offensichtlich, dass das Skelett schon verdammt lange dort liegt. Ich meine, du hast es ja selbst gesagt, dass die Liegezeit schon gut 200 Jahre sein kann!“

„Verdammt, das habe ich so nicht gesagt!“

„Nein??“

Sie standen sich einen Moment schweigend gegenüber, schließlich sagte Erwin: „Wie auch immer, passt es morgen um 13:00 Uhr im Präsidium zur Fallbesprechung?“

„Ja sicher, bis dann. Ciao“

Was sie jetzt brauchte, war Luft, Luft zum Atmen, ohne diesen ganzen künstlichen Druck, der ihr aufgezwungen worden war. Sophia wohnte in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, des allgemeinen Krankenhauses, den sie so bequem zu Fuß erreichen konnte. Sie hatte Glück gehabt, direkt hier ein kleines Haus mit Garten mieten zu können, denn dieser Teil des Stadtteils in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wald war eine bevorzugte Wohngegend. Sie genoss es immer wieder, ohne große Anfahrt durch den Wald zu joggen. So auch heute.

Doch ihr Genuss wurde getrübt durch die Ereignisse des Tages, die sie nicht losließen. Es war offensichtlich, dass einige eine kriminaltechnische Untersuchung am liebsten verhindern oder möglichst schnell beenden würden. Aber warum? Was sollte nicht ans Tageslicht kommen?

Da war zunächst Herr Recksiepe mit seinem geplanten Joint-Venture. Klar, dass eine Leiche im Garten sensible Geschäftspartner abschrecken würde, aber ihrer Meinung nach konnten sich mit einer kriminaltechnischen Untersuchung doch schnell alle Bedenken zerstreuen lassen, sofern dadurch kein Bezug zur Familie Recksiepe herstellen ließe. Vielleicht dachten Manager aber auch anders, es blieb ein Fragezeichen.

Dann war da Herr Volkerts. Hierzu war ihr bereits während der Pressekonferenz eingefallen, dass sie den Namen schon einmal von ihrem Freund Kai Sommer gehört hatte. Kai hatte einen Bachelor in archäologischer Geschichte und aktuell einen befristeten Arbeitsvertrag im Heimatmuseum. Herr Volkerts war sein Chef. Den Erzählungen Kais und den heutigen Ausführungen von Uwe Volkerts selbst zufolge lag es auf der Hand, dass er nach jedem potentiellen Exponat lechzte, um an Geld zu kommen.

Nach ihrer ersten Runde durch den Wald konnte sie die Gedanken abschütteln, indem sie sich vornahm, sich auf ihre Untersuchungen zu konzentrieren. Nun nahm sie auch die Herrlichkeit des Waldes wahr, die frische Luft, die durch ihre Bronchien strömte, und das besondere Grün der Blätter, wie es jedes Jahr nur in einem kleinen Zeitfenster von zwei Wochen zu sehen war. Denn nachdem die Bäume aus ihrem Winterschlaf kommend neue Blätter produzieren, enthalten diese zu Anfang nur wenig Chlorophyll, das die Blätter grün erscheinen lässt. Die Blätter sind dann zart und lichtdurchlässig, sodass die Sonnenstrahlen zum Teil durch sie hindurch scheinen, und somit im Auge des Betrachters ein leuchtendes helles Grün erzeugen.

Erst als sie abends im Bett lag, holten ihre Gedanken sie wieder ein. Was sollte nicht ans Tageslicht kommen? Warum schien sie die Einzige zu sein, die den Fund als das betrachtete, was es war? Ein kriminaltechnisch zu untersuchender Fund!

Das Verhalten ihres Kollegen Walther war schwerer einzuordnen. Agierte er nur als der Profi, der wusste, was in dem großen Spiel hinter der Bühne ablief? Der sich nicht opferte, weil er sich im Klaren darüber war, dass er nicht gewinnen konnte? Sophia war sich sicher, dass sie in ihrem Fachbereich, der Rechtsmedizin, gut war. Und sie war sich dessen bewusst, dass sie mit ihrer Frage nach den Fakten fachlich gesehen richtig lag. Doch wenn es um politische Ränke- und Machtspiele ging, war ihr Erwin aufgrund seiner Erfahrung um einiges voraus? Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr kam sie zu der Überzeugung, dass Erwin aktuell, aus seiner Perspektive betrachtet, einfach nur klug agierte. Nicht umsonst hatte er es bis zum Leiter der Mordkommission gebracht. Aber Erwin war nicht der Schlüssel zur Lösung des Falles, jedenfalls nicht im Moment, das wurde Sophia klar. Und sie würde gut beraten sein, sich nicht an Erwin aufzureiben.

Ihre Selbstdisziplin, sich unbeirrt auf die weiteren Untersuchungen zu konzentrieren, ließ sie schließlich einschlafen.

Kapitel 4

Ausgeruht und voller Tatendrang erschien Sophia am nächsten Morgen im Labor der Rechtsmedizin. Verena und Paul waren äußerst produktiv gewesen, denn zu ihrer Überraschung lag das exhumierte Skelett, einschließlich der gefundenen Gegenstände, bereits in anatomisch korrekter Anordnung auf einem der Obduktionstische.

In ihrem Büro fand sie auf der Computer-Tastatur das Protokoll der Exhumierung, versehen mit einem kleinen Post-it auf dem stand „Wurde spät, kommen morgen etwas später. Viele Grüße Paul ☺.“ Sophia überflog kurz das Protokoll. Demnach wurden außer den ihr bereits bekannten Gegenständen keine weiteren Objekte gefunden. Haare oder Weichteile der verstorbenen Person gab es anscheinend nicht.

Sophia wollte vor der Fallbesprechung die Obduktion erledigt haben und zog sich dafür um. Eine Obduktion dient der Feststellung der Todesursache und der Rekonstruktion des Sterbevorgangs sowie der Geschlechts- und Identitätsbestimmung. Da der Sterbevorgang kausal mit dem Tathergang verbunden ist, ist außerdem der Todeszeitpunkt von Interesse. Üblicherweise werden bei Leichenfunden bereits am Fundort wichtige Erkenntnisse zum Todeszeitpunkt gewonnen, wie zum Beispiel die Körpertemperatur, Madenbefall, Verfärbung der Leiche und eine Vielzahl anderer Merkmale. Da keinerlei Weichteile vorhanden waren, war die Liegezeit des Skeletts eine wichtige Information zur Festlegung der weiteren Vorgehensweise. Wie Sophia es am Vortag bereits ihren beiden Assistenten im Ansatz erklärt hatte, war allerdings die Klärung der Liegezeit bei Skelettfunden sehr schwierig.

Mit der C14-Datierung hatte die Wissenschaft der Archäologie zwar ein starkes Werkzeug an die Hand gegeben, doch für eine Datierung in rechtlich relevanten Fällen hatte diese Methode eine zu geringe Aussagekraft. C14 zerfällt mit einer Halbwertszeit von ungefähr 5.730 Jahren. Bei großen Zeitabständen kommen damit wertvolle Ergebnisse zustande. Selbst die natürliche Ungenauigkeit von mindestens plus/minus 40 Jahren fällt bei Betrachtungen solcher Zeiträume nicht ins Gewicht. Jedoch sind bei Annahme eines kürzeren Zeitraumes 40 Jahre mehr oder weniger schon beachtlich. Sophia kam zu dem Schluss, dass in dem vorliegenden Fall andere Hinweise zu beachten seien. Den zusammen mit dem Skelett gefundenen Gegenständen und deren Datierung würde man eine besondere Aufmerksamkeit schenken müssen.

Sophia begann damit, das Skelett auf Vollständigkeit zu untersuchen, und betrachtete, die lateinischen Namen der einzelnen Knochen dabei aufzusagen, als schöne Übung. Das Skelett war vollständig, bis auf die fehlenden Finger der rechten Hand. Sie sprach in ihr Diktiergerät: „Fehlende Phalanx media und Phalanx distalis an III, IV und V. Keine Schäden durch äußere Einwirkung an den verbleibenden Phalanx proximalis erkennbar.“ Das könnte ein Hinweis dafür sein, dass ihr Besitzer sie zu Lebzeiten verloren hatte. Denn bei einer Amputation im Bereich der Finger wird gerne das nächste Gelenk als Trennstelle gewählt. Bei einer zum Zeitpunkt des Tathergangs herbeigeführten Abtrennung war nicht ein so sauberes Ergebnis zu erwarten. Auch Tierfraß konnte nicht ausgeschlossen werden, denn nicht selten verschleppten Tiere Teile des Körpers. Dies wäre ein Indiz, dass der Leichnam vor der Bestattung eine gewisse Zeit oberirdisch gelegen hätte. Doch sie glaubte nicht an eine Amputation durch Tierfraß, wusste jedoch, dass sie es in ihrem Bericht nicht ausschließen durfte. Dies könnte die Ermittlungen unter Umständen auf eine falsche Spur bringen, und eine Interpretation war nicht Bestandteil der Obduktion.

Um mögliche Gewalteinwirkungen festzustellen, untersuchte sie auch die anderen Knochen auf Schnittverletzungen. Insbesondere den Stellen, an denen häufig Stich- und Schlagverletzungen zu finden waren, wie z.B. den Rippenbögen, der Wirbelsäule und dem Schädel, widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit. An keiner Stelle konnte sie die geringste Spur einer Gewalteinwirkung finden. Auch Frakturen im Bereich der Halswirbel waren nicht feststellbar. Jeder Hinweis auf eine mögliche Todesursache fehlte. Was allerdings nicht bedeutete, dass die Person eines natürlichen Todes gestorben war.

Zur kriminalistischen Aufklärung waren außerdem die Identität, Alter, Geschlecht und Herkunft von besonderem Interesse. Sophia fiel es nicht schwer, das Alter zum Zeitpunkt des Todes anhand des Zahnstatus, der Verknöcherungen der Wachstumsfuge an den Gelenkenden der langen Röhrenknochen und der Schädelnähte zu taxieren. Sie kam zu einem Ergebnis zwischen 35 und 55 Jahren. Sie gewährte sich selbst einen großen Spielraum bei der Taxierung, da ihr starke Anzeichen einer Mangelernährung auffielen. Offensichtlich hatte der Tote in seinen letzten Lebensjahren nicht die beste Nahrung erhalten. Auch der allgemeine Zustand der Zähne war nicht sehr gut. Sie hatte einmal gelesen, dass besonders die Soldaten der französischen Armee aufgrund der expansiven Kriegsbewegungen, mit denen Napoleon seine Grande Armée durch Europa befehligt hatte, unter langen Entbehrungen hatten leiden müssen.

Doch da sie mitten in der Obduktion war, schob sie den Gedanken beiseite, um ihre Wachsamkeit bei der weiteren Untersuchung nicht zu verlieren.

Für die Geschlechtsbestimmung eines Skelettes sind in der Regel eindeutige Unterscheidungsmerkmale von Schädel- und Beckenknochen ausschlaggebend. Das Becken der Frau ist den biologischen Funktionen von Schwangerschaft und Geburt angepasst. Der typische Schädel eines Mannes hat eine im stärkeren Maße fliehende Stirn als der einer Frau. Außerdem ist der männliche Schädel insgesamt größer und hat stark ausgeprägte Augenwülste. In dem vorliegenden Fall kam Sophia zu dem eindeutigen Ergebnis, dass es sich bei dem Toten um einen Mann handelte.

Zur Identitäts- und der Herkunftsfeststellung würde sie einen der besten im Kiefer vorhandenen Zähne auswählen, um eine DNA- und Strontium-Analyse durchführen zu lassen. Letztere war zwar auf Grund der globalen Verteilung von Nahrungsmitteln bei Todesfällen in der neueren Zeit sinnlos, doch je länger die Liegezeit war, umso zweckdienlicher würde diese Methode sein.

Damit war Sophia wieder bei der Liegezeit. Dazu wollte sie abschließend eine Untersuchung anstellen, deren Methode zufällig Bestandteil ihrer Doktorarbeit gewesen war. Ein Knochen, der zu Lebzeiten einen hohen Anteil an innerem Weichgewebe hatte, wird dabei in einem sterilen Wasserbad so weit erwärmt, dass die möglicherweise noch vorhandenen Fettanteile sich aus dem Knochen lösen und ins Wasser übergehen. In einem zweiten Schritt wird die Flüssigkeit einer Destillation unterzogen und das gewonnene Konzentrat mit einem Refraktometer betrachtet. Dadurch lässt sich die Veränderung des Brechungsindex feststellen und ein Rückschluss auf den Fettgehalt des Knochens gewinnen. Sie wählte einen der Oberschenkelknochen aus, legte ihn in die dafür vorhandene Apparatur im Labor, füllte den Behälter mit destilliertem Wasser und startete den Prozess.

Zur Bestimmung der Körpergröße vermaß Sophia einen Oberschenkelknochen und ein Schienbein und berechnete anhand von Regressionsformeln eine Körperlänge von 182 cm (plus/minus vier Zentimeter).

Da sie nun mit ihrer Obduktion fertig war, betrachtete sie die gefundenen Gegenstände etwas genauer. Sie war keine Expertin für Artefakte, aber ihr erschien der Zustand der Objekte als auffällig gut erhalten. Die Klinge war aus Stahl, wies aber nur minimale Korrosionserscheinungen auf. Sie würde einen Experten auf dem Fachgebiet hinzuziehen müssen. Gedanklich nahm sie diesen Punkt mit in die Agenda für die heutige Fallbesprechung auf.

Paul und Verena erschienen, begrüßten sie freundlich und erklärten, dass sie bis nach Mitternacht gearbeitet hatten, Verena erklärte mit strahlendem Antlitz:

„Wir waren so gut im Flow, da hat mich der Ehrgeiz gepackt und ich wollte unbedingt das Skelett arrangieren. – Ich hoffe, ich hab alles richtig gemacht.“

Sophia nickte lächelnd. „Auf dem ersten Blick sah alles gut aus. Kompliment! – Habt ihr noch weitere Gegenstände gefunden?“

„Nein, gar nichts“ erwiderte Paul kopfschüttelnd. „Selbst bei höchster Empfindlichkeit des Metallsuchgerätes gab es keinen Ausschlag.“

„Ok. Vielen Dank für euren Einsatz. Habt ihr überhaupt noch Zeit gehabt, etwas zu essen?“

„Ja, ja, sicher. Wir haben dann noch zusammen bei Meiers am Bahnhof eine Pizza gegessen.“

Verena blickte Paul dabei von der Seite an, was Sophia vermuten ließ, dass danach der Abend für die beiden noch nicht zu Ende gewesen war.

Sophia konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Eins noch! Könntet Ihr nochmal zum Fundort fahren und nach den Fingerknochen suchen? Vielleicht sind sie im Aushub. Und stellt vorher bitte einen Gipsabdruck vom Gebiss her, ja? - Ach ja, ich habe die Fettdestillation gestartet. Wenn sie fertig ist, bestimmt den Fettgehalt und schickt mir das Ergebnis per Mail, ich müsste dann im Präsidium sein.“

Sophia ließ sie alleine. Bevor sie zum Polizeipräsidium fuhr, hatte sie noch einiges in ihrem Büro zu erledigen.

Sie startete ihren PC und widmete sich zunächst ihrem Kalender. Neben der Einladung zur Fallbesprechung sah sie, dass sie ab morgen bis zum Wochenende ein zweitägiges Seminar in Münster gebucht hatte. Das hatte sie gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Das Thema interessierte sie, hieß aber, dass sie noch einiges mehr zu erledigen hatte. In dem aktuellen Fall konnte sie ja schon mal ein vorläufiges Gutachten abgeben, dann hatte sie danach um so mehr Ruhe, um die endgültige Version zu erstellen. Außerdem stand für den heutigen Abend ‚Kai, Abendessen‘ in ihrem Kalender.

Ihr Telefon klingelte und sie hob ab. Da ihr die Rufnummer im Display nicht bekannt vorkam, meldete sie sich mit:

„Rechtsmedizin Hagen, Dr. Jäger.“

„Guten Tag Frau Jäger, Uwe Volkerts hier. Sie erinnern sich sicher. Wir waren gestern auf der Pressekonferenz.“

Intuitiv antwortete Sophia nicht. Eine Bestätigung käme bereits einer Annäherung gleich. Sie bevorzugte aber die Distanz.

Er fuhr fort: „Ich wollte mal fragen, wie wir das jetzt praktisch organisieren mit der Überführung des Skeletts.“

„Na, Sie haben es aber eilig. Wir wissen ja noch gar nicht, von wann das Skelett ist!“

„Nicht?“, entgegnete Volkerts erstaunt.

Das schon wieder! Hätte ich doch bloß den Mund gehalten! Sie merkte, wie ihre Halsschlagader anfing zu pochen. Was immer geschah, wenn Wut in ihr aufstieg. Aber ohne mich! Ich werde mich nicht in eine Ecke stellen lassen.

„Ja, was denken Sie denn?“, platzte es aus ihr heraus. „Dass wir das Skelett einfach fragen, und schwuppdiwupp sagt es: Ich bin seit x Jahren in der Erde.“

„Nein, aber gestern haben Sie doch gesagt ...“

„Nichts habe ich gesagt!“, donnerte Sophia zurück.

Volkerts war wenig beeindruckt und fragte: „Ja, lesen Sie denn keine Zeitung?“

„Nein, lese ich nicht. Und ich wüsste auch nicht, wie mir das helfen sollte!“ Natürlich las Sophia Zeitung, sofern es ihre Zeit zuließ, doch sie verspürte keine Lust, sich mit Herrn Volkerts auf eine Diskussion über ihre Arbeitsweise einzulassen.

Sophia war in Fahrt. Was bildete sich dieser Fatzke ein? „Wissen sie was? Sie können mich mal ...“, im letzten Moment drosselte sie sich und vollendete den Satz „... nächste Woche wieder anrufen!“, und legte auf.

Kurz vor ein Uhr betrat Sophia das Gebäude des Polizeipräsidiums. Drei Minuten später betrat sie den kleinen Konferenzraum direkt neben Walthers Büro. Erwin saß bereits dort und startete gerade das Datenbankprogramm zum Zugriff auf alle Ermittlungsakten, die seit einiger Zeit nur noch elektronisch geführt wurden. Es war die gleiche Anwendung, die auch die Rechtsmedizin zur Ablage ihrer Daten nutzte, und somit waren sämtliche Dokumente, Protokolle, Bildaufnahmen zentral für jeden, der entsprechende Zugriffsrechte besaß, verfügbar.

Sie setzte sich an den ovalen Tisch, so dass sie gut, ohne sich verrenken zu müssen, den großen Monitor an der Wand und Erwin sehen konnte, während der Kriminalkommissar ihr eine Bildzeitung rüberschob.

„Hey Sophia, jetzt bist du berühmt!“

Sophia starrte auf die Titelseite und es verschlug ihr zunächst die Sprache. Sie sah eine Aufnahme eines Skelettes in einer Erdgrube. Es war nicht das ihres Falls, aber in der rechten linken Ecke war eine Aufnahme von ihr, darüber stand in übergroßen fetten Lettern:

„Sensationsfund!!! 200 Jahre altes Skelett aus der französischen Besatzungszeit!“

In ihr brodelte es vor Ärger, doch in Anbetracht des Titels der Zeitung beruhigte sie sich und meinte nur:

„Na und? Was in der Bildzeitung steht ...“

„... ist die Wahrheit!“, beendete Erwin den Satz, „… und gesagt hat das mal irgendein Chefredakteur von denen“, dabei zwinkerte er ihr mit einem Auge zu. „Vielleicht vereinfacht das die ganze Sache nur. Lass uns mal sehen, was wir haben.“

Mittlerweile hatte er den Fallordner geöffnet und auf dem Monitor sah man eine Vielzahl von Registern mit Beschriftungen wie Opfer, Motiv, Tatbeschreibung, Fundort. Er öffnete den Ordner Fundort, der bereits mit den Fotos, die Paul hochgeladen hatte, gut gefüllt war. Außerdem gab es ein Unterverzeichnis ‚Protokolle‘. Dieses öffnete er auch. „Schau, wir waren auch schon fleißig. Wir haben die Recksiepes und die nächsten Nachbarn befragt. Wir könnten sie ja alle durchgehen, aber das ist langweilig. Es gibt nicht den geringsten Verdacht auf ein Gewaltverbrechen in den letzten Jahren.“

„Wer sind denn die Recksiepes?“, unterbrach ihn Sophia.

„Brigitte und Dieter Recksiepe! Ihn hast du gestern ja kennenlernen dürfen. Sie sind die Eigentümer des Grundstücks, auf dem wir das Skelett gefunden haben.“, antwortete Erwin knapp.

„Ach, ja. Stimmt.“

Erwin fuhr fort: „Die Recksiepes haben keine Kinder. Sie und ihre Nachbarn dort oben wohnen schon seit Jahrzehnten da, und niemand kann sich an besondere Vorfälle erinnern. Es scheint, als sei dort noch nie eine Briefmarke verloren gegangen. Alles anständige Leute ... – Wie sieht es denn bei dir aus? Hast du schon konkrete Hinweise gefunden, Sophia?“

Sophia zählte die Fakten auf: „Männlich, Alter zum Zeitpunkt des Todes 35 bis 55 Jahre, Körperlänge ca. 182 cm, die Liegezeit lässt sich nicht ...“ Es machte ‚Pling‘. Sophia sah kurz auf ihr Handy und las: „Nichts, nicht die geringste Menge Fett nachweisbar, VG Paul“, dann fuhr sie fort „... genau bestimmen, liegt aber sicher über zehn Jahre. Das Skelett ist vollständig bis auf drei Finger der rechten Hand. Abtrennung und Verheilung zu Lebzeiten kann nicht ausgeschlossen werden. Ich konnte keine Spuren äußerlicher Gewalteinwirkung feststellen. Was fehlt, ist noch eine DNA-Analyse und die Datierung der Gegenstände.“

„Na also! Auch nichts! Lass uns die Akte schließen“, gab Erwin daraufhin von sich.

Sophia wägte kurz die Fakten ab, nickte und sagte dann aber: „Stimmt soweit ja alles, aber was wir bisher wissen, beweist nur, was wir ausschließen können, nicht, was wir noch nicht wissen. Und meiner Meinung nach gibt es einige seltsame Indizien. Öffne doch bitte mal den Ordner mit den Fotos vom Fundort.“

Erwin tat wie gewünscht, scrollte dann langsam durch die Bilder und fragte: „Welches möchtest du?“

„Da, dieses dort zum Beispiel!“ Sie zeigte auf die Gesamtansicht nach der partiellen Freilegung,

„Und?“, wollte Erwin von ihr wissen.

„Das Ganze wirkt so eigenartig auf mich. Einerseits ist es so ordentlich, als wäre es würdevoll bestattet worden. Aber andererseits ist es irgendwie unvollständig.“

Erwin konnte ihr offensichtlich nicht folgen, „Ja, und was schließt du daraus?“

„Der Fundort passt nicht zum Gesamtbild. Wir sind hier nicht auf einem Friedhof. Wenn jemand so würdevoll bestattet wird, dann doch nicht im Wald. Und wenn man schon ein Schwert als Grabbeilage dazu legt, lässt man dann den Gürtel weg?“

„In der Nähe des Waldes!“, wurde sie korrigiert.

„Ok, in der Nähe. Aber selbst wenn der Ort vielleicht nur ungewöhnlich ist, dann ist das Arrangement dennoch unvollständig. Ich habe zwar nicht in der Zeit gelebt, aber ich nehme an, dass eine würdevolle Bestattung eines Soldaten im vollen Ornat stattgefunden hat. Erwin, das passt alles nicht!“

Erwin schien das alles zu weit zu gehen.„Sophia, ich schätze dich und deine Kenntnisse, aber das sind alles Annahmen und Vermutungen. Was sollen wir denn damit anfangen?“

„Es geht auch um meine Reputation! Mit so wenigen Fakten einen Fall zu schließen, ist nur eine halbe Sache!“, erwiderte Sophia aufgebracht.

Schweigen. „Ok, schreib dein Gutachten und wir sammeln alles. Aber ich glaube damit werden der Oberbürgermeister und der Museumsdirektor sich nicht zufriedengeben. Die wollen ihren historischen Fund!“, dabei zeigte er auf die Zeitung.

Damit war die Unterredung beendet. Sophia fuhr zurück ins Büro und machte sich sofort ans Werk, um ihr vorläufiges Gutachten zu schreiben und es auf den Server zu laden.

Gegen sechs Uhr war sie damit fertig und zehn Minuten später zu Hause. Sehr gut! Sie hatte noch genügend Zeit, ihren Trolley für die nächsten Tage zu packen und ein kleines Abendessen vorzubereiten. Viel hatte sie nicht im Kühlschrank, aber für Pasta mit einer schmackhaften Soße, verfeinert mit frischen Kräutern aus dem Garten, reichte es. Sie deckte schon mal den Tisch und stellte das Wasser für die Nudeln an.

Es klingelte. Mit einem kurzen Blick auf die Uhr wusste Sophia, dass es Kai war, denn dieser liebte Pünktlichkeit. Eine Eigenschaft, die sie sehr an ihm schätzte. Sie öffnete die Tür und zeitgleich sagte sie lachend:

„Wie immer! Pünktlich auf die Minute.“

Der junge Mann vor der Tür trug Jeans, ein weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt und darüber ein geöffnetes Jeanshemd. Er sah mit seinen 35 Jahren aus wie ein auf geheimnisvollerweise jung gebliebener Student.

„Ich kann nicht anders“, sagte Kai mit seiner weichen Stimme und charmantem Lächeln. Die großen dunklen Augen, die wilde Frisur seiner dunkelbraunen Haarpracht und der Dreitagebart verfehlten nicht ihre Wirkung. Sophia umarmte und küsste ihn.

Als sie von ihm abließ, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Schön, dass du da bist. Ich bin aber noch nicht mit dem Essen fertig.“

„Das macht nichts, dann machen wir es zusammen. Ich habe auch noch einen guten Tropfen mitgebracht“, flüsterte Kai zurück, und hob die rechte Hand.

Sophia drehte den Kopf kurz nach links und sah eine Flasche Rotwein in Kais sonnengebräunter Hand.

„Ah gibt’s was zu feiern?“, hauchte sie ihm ins Ohr.

Sophia selbst hätte einen Grund zum Feiern gekannt. Sie hatte vor einigen Tagen einen Schlüssel ihres Hauses nachmachen lassen, der – mit einer roten Schleife versehen, auf ihrem Schrank im Wohnzimmer lag und darauf wartete an den neuen Besitzer übergeben zu werden. Doch vielleicht gab es ja noch einen weiteren Grund.

„Ja, kann man so sagen“, antwortete Kai ihr mit einem verschmitzten Lächeln. „Aber lass uns doch erst mal reingehen, oder?“

Sophia lachte und stimmte ihm zu: „Ja, sicher. Und dann lass uns erst mal das Essen fertig kochen. Das Wasser für die Pasta müsste schon heiß sein.“

Sie gingen in die Küche und sofort, ohne dass es einer weiteren Abstimmung bedurfte, fingen sie an, das Mahl zu bereiten.

Kai nahm die Olivenölflasche aus dem Regal, und fragte sicherheitshalber: „Es ist doch ok, wenn ich einen Schuss davon ins Wasser tue, oder? Dann kleben die Spaghetti nicht so aneinander.“

„Unbedingt!“, erwiderte Sophia, während sie damit begann die Kräuter klein zu hacken. Diese gemeinsame Tätigkeit erfüllte Sophia mit Freude, gerade an Tagen wie diesen.

Sie scherzten und lachten, und nach kurzer Zeit stand das Essen auf dem Tisch. Es schmeckte beiden köstlich und Kai ging es offensichtlich sehr gut. Er war bester Laune. Sophia gefiel das und irgendwann fragte sie: „Du bist mir ja noch eine Antwort schuldig. Was gibt es denn zu feiern?“

„Ja stell dir vor, wegen dieses Skeletts wird mein Boss einiges an Mitteln bekommen. Er hat mir heute gesagt, dass dann mein Vertrag verlängert wird. Ist das nicht klasse?“

Sophia stutzte kurz und sagte: „Verteilt das Fell des Bären nicht, bevor ihr es habt!“

Kai wollte sich in seiner Freude nicht beeinträchtigen lassen und meinte lapidar: „Na komm, das ist ja wohl nur noch eine Formsache, oder?“

In seiner Freude entging es ihm, dass die Stimmung bedrohlich kippte. Sophia hatte in den letzten beiden Tagen zu viele Konflikte aufgrund dieses Falls austragen müssen und war daher etwas dünnhäutig:

„Keineswegs! - Denn ob das so ist, wie die meisten es darstellen, ist noch nicht bewiesen! Was wenn sich herausstellt, dass der Tote Opfer eines Mordes war? Stellt ihr ihn dann auch aus?“

Kai fühlte sich seiner Chance auf eine unbefristete Stelle beraubt. Doch statt seine Angst zu benennen, was sicher ehrlicher und in der Kommunikation förderlicher gewesen wäre, sagte er trotzig: „Du stellst Dich an! Tot ist tot, und Skelett ist Skelett! Ist doch prima, wenn wir hier mal was Tolles zeigen können. Und geschichtlich können wir es auch gut darstellen!“

Es war einer der Momente, in denen Sophia deutlich das Gefühl hatte, dass jemand in ihren Gewässern, im Bereich der Rechtsmedizin, fischte. Sie fühlte sich nicht wahrgenommen in ihrer Arbeit und sie kochte innerlich. Es reichte!

„Es ist besser, du gehst jetzt!“

Er schaute sie einen Moment verdutzt an und wollte gerade noch was sagen, als Sophia bekräftigte:

„Sofort!“

Kai stand auf und verließ wortlos die Wohnung.

Sophia hörte, wie die Tür ins Schloss fiel. Dann war es still und sie war mit ihren Gedanken alleine. Hatte sie überreagiert? Womöglich. Gut möglich, dass das Skelett ein historischer Fund war, und es in einer Glasvitrine seine letzte Ruhe finden würde. Aber sie hatte ein immenses Problem damit, dass ständig andere meinten, ihre Arbeit erledigen zu müssen, besser noch, ohne jede Kompetenz die Arroganz besaßen, schon zu wissen glaubten, zu welchem Ergebnis ihre Untersuchungen führen würden.

Sophia sah den Schlüssel mit der roten Schleife, den sie Kai heute Abend eigentlich hatte überreichen wollen. Jetzt wünschte sie sich, sie hätte es getan.

Zum Glück würde das Seminar sie auf andere Gedanken bringen. Etwas Abstand tat ihr sicher gut.

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220 p. 1 illustration
ISBN:
9783754130223
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