Read the book: «Rurschatten»
Olaf Müller
Rurschatten
Kriminalroman

Zum Buch
Das Grauen fließt mit Feuerwerk auf der Annakirmes in Düren. Eine mysteriöse Nachricht lockt den 88-jährigen Alexander Rütters in die Geisterbahn – doch die Fahrt endet tödlich. Die Aachener Kommissare Fett und Schmelzer nehmen die Ermittlungen auf. Der Papierfabrikant Rütters lebte in einer Seniorenresidenz, wo es zu Unregelmäßigkeiten kam. Andere Spuren führen zum Camp Vogelsang, zu einem Beinahe-GAU der Kernforschungsanlage Jülich und zu dubiosen Immobiliengeschäften um ein Wasserkraftwerk am Rursee. Oder wurde Rütters doch noch von seiner Kriegsvergangenheit eingeholt? Die geheimnisvolle Marie Utzerath weiß mehr. Sie ist die uneheliche Tochter einer flämischen Widerstandskämpferin, die im Krieg als Zwangsarbeiterin bei Rütters arbeitete. Und plötzlich kommt auch noch der belgische Geheimdienst ins Spiel. Die Kommissare Fett und Schmelzer können nur durch die Zusammenarbeit mit den Kollegen Didier und Kalumba in Lüttich den grenzüberschreitenden Fall entwirren. Die vier Ermittler stoßen auf Staatsgeheimnisse, nähern sich dem Mörder – und den Schatten der Vergangenheit.
Olaf Müller wurde 1959 in Düren geboren. Er ist gelernter Buchhändler und studierte Germanistik sowie Komparatistik an der RWTH in Aachen. Seit 2007 leitet er den Kulturbetrieb der Stadt Aachen. Sprachreisen führten ihn oft nach Frankreich, Italien, Spanien sowie Polen und Austauschprojekte in Aachens Partnerstädte Arlington (USA) und Kostroma (Russland). Müller hält auch Vorträge u.a. zum Thema Heimat und Identität. Als Segelflieger kennt er die Eifel aus der Luft. Mit Rad und Wanderschuhen unterwegs, trifft der Autor die Menschen und entdeckt die Region mit ihren Licht- und Schattenseiten.
Impressum
An die Fliegerin Liesel Bach, geboren in Bonn, eine der erfolgreichsten Kunstfliegerinnen zwischen 1930 und 1970, wird in diesem Roman erinnert. Nachfahren konnten nicht ausfindig gemacht werden.
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Alle Rechte vorbehalten
5. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © fotofreakdgy / Fotolia.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-5830-9
Haftungsausschluss
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Widmung
Für meinen Sohn Tadeusz, den ersten Zuhörer …
Anfang
»Zacki, zacki, zacki, zacki! Neue Fahrt, neues Glück! Kommen Sie ran hier. Das macht Freude, das macht Spaß. Sie auch, junger Mann mit Basecap. Ran hier! Das geht ab. Heute auch ohne Viagra. Alsoooooooo! Jetzt geht’s loooooos hier! Ou-ou-ou-ou-ou-ou-ou. Schöne Maus im Morgenmantel – alles rodscha in Kambodscha? Let’s go, baby!«
Die Anheizer auf der Jaguarbahn und dem »Goldenen Looping« gaben an diesem Abend Vollgas.
Das Feuerwerk raste seinem Höhepunkt zu. Immer am Freitagabend der Annakirmes explodieren die Raketen und erleuchten den Himmel über Düren: Annaoktav, Annakirmes, Rummel. Eine Million Besucher. Und am Freitag kommen alle. Alle aus Düren, Kreuzau, Langerwehe, Heimbach, Merzenich und Nörvenich, Jakobwüllesheim und Jülich, aus Schlich und Weisweiler und manche auch aus Aachen und Köln.
Düren – Wirtschaftsgeografen, sogenannte Citymanager, alle, die irgendwas mit Marketing, Handel, Wandel zu tun haben, würden diese Stadt als ein Mittelzentrum bezeichnen, in der Mitte gelegen eben. In ihrem Englisch für Newcomer nennen sie es »In-between«. Düren liegt in der Mitte des Weges von Köln nach Aachen und umgekehrt. Diese Dürener Kirmes hat eine ziemlich große Geschichte, die etwas mit dem Diebstahl des Anna-Reliquiars im Jahre 1500 zu tun hat. In Mainz entwendet, gelangte die Reliquie nach Düren. Und zu Ehren des Annahauptes wurden ab 1510 jährliche Wallfahrten durchgeführt. Daraus ging die Kirmes hervor. Wer bei dieser Kirmes an Schießbude, Bierzelt und Kinderkarussell denkt, der liegt falsch. Manchmal dreht sich ein fünffach Looping, die Boxbude mit dem legendären Ostzonenmeister kam bis zum Fall der Mauer regelmäßig. »Steile Wand«, Geisterbahnen und »Hau-den-Lukas« tauchen immer auf.
Düren: Die Stadt wurde im November 1944 total ausradiert. Neben der Annakirmes ist Düren heute bekannt für ein ansehnliches Kunstmuseum, den Brandbomben knapp entkommen, ein Papiermuseum fürs Papier, das Erzeugnis, dem Düren den Wohlstand früherer Zeiten verdankt, einige bekannte Fußballspieler (Karl-Heinz Schnellinger und Schumacher Toni). Früher konnte man in Düren sogar in den D-Zug Paris-Moskau einsteigen. Heute halten nur noch Regionalzüge und die Bimmelbahn nach Heimbach und Linnich. Dies sind, kurz gesagt, die Besonderheiten. Vielleicht noch der Badesee. Düren, das Tor zur Eifel: Nur hat niemand dafür einen Schlüssel, und Hotels gibt es auch nur eins. Düren also ist bekannt durch die Annakirmes, das größte Volksfest dieser In-between-Region.
Im Polizeipräsidium in Aachen schob Kriminalhauptkommissar Michael Fett die Spätschicht der Mordkommission. Keine besonderen Vorkommnisse. Im Westen nichts Neues, dachte er beim Sortieren der Akten. Kein Spiel von »Alemannia«. Keine Rockerkriege, höchstens Beziehungstaten. Könnte ruhig werden. Könnte.
Aachen ist seit zehn Jahren für die Kriminalfälle in der Region zuständig. Tote Gyrosverkäufer, Mord unter Eheleuten, schlimm die Fälle mit Kindern. Daran konnte er sich nie gewöhnen.
See my Baby Jive
In dem Dunst aus Autoscooter-Musik, heute war Oldie-Abend mit »See my Baby Jive«, knallendem »Hau-den-Lukas« und dem Hardcoresound der »Steilen Wand«, trabte das Dreierteam der Polizei Düren über den Annakirmesplatz. 22.15 Uhr. Freitag, 1. August 2008. Traben, na ja. Sie schoben sich freundlich durch die Menge. Für die Songs waren sie zu jung. Die Spritzer von Currywurst, Bier und Backfisch auf den neongelben Jacken kaum zu übersehen. »So ein Tag, so wunderschön wie heute« – grölende Jungmänner bei der »Schwarzwald-Christel«, Backfischmädchen an der Jaguarbahn. Sommerhitze, Alkohol, Fettgebäck, gebrannte Mandeln, Reibekuchen und Bratwurst, verschwitzte Gesichter und schrilles Schreien, dazwischen Sabine Höllerath, Kommissarin, Wolfgang Niebergall, Anwärter und Thomas Weidenpesch, Hauptkommissar. Sie waren von der Menge an diesem warmen Freitag Anfang August 2008 überrascht und schauten in schweißüberströmte Gesichter. Kindern tropfte Eis auf das Shirt, karierte Hemden, knappe Höschen, Tattoos oben, unten, kauende Münder, das Kreischen der Fahrgäste auf der Wildwasserbahn – alle warteten auf das Feuerwerk.
»Wow-wow-wow-wow-wow. Hereinspaziert, immer ran hier an die Bühne. Das geht ab hier, das macht Laune. Männer und Frauen ohne Furcht. Die ›Steile Wand‹. Das ist Spitze, das ist Spannung. Fahrt auf Leben und Tod. Kein Netz, keine doppelte Sicherung. Alles hautnah. Kommen Sie ran hier. Heute auf allen Plätzen drei Euro – Ermäßigung.«
»Bingo-Bingo-Bingo-Bingo-Bingo. Wieder ein Hauptgewinn hier. Wieder ein Original-Alf hier. Wieder 10.000 Punkte. Jetzt die Lose kaufen. Jetzt gewinnen. Mitmachen hier! Keine Nieten. Punkte sammeln. Bong-Bong-Bong. Wieder ein Alf für die süße Maus da vorne.«
Neue Fahrt, neuer Tod
Im Geisterschloss klappten die Bügel herunter. Neue Fahrt, neues Glück – eher Horror und Schreck. Das Geisterschloss kam seit 15 Jahren zur Annakirmes. Dauergast. Horror für vier Euro, Kinder bis zwölf die Hälfte. 22.20 Uhr. Die Raketen explodierten, zischten, knatterten: neueste Modelle aus China. Oh und ah. Die Schlangen an den Fahrgeschäften wurden kürzer. Alle schauten in den Himmel. 15 Minuten Feuerwerk. Menschen lieben Spektakel. Die drei Polizisten aus Düren checkten die Biertheken, schauten auf Umhängetaschen, flinke Jugendliche und torkelnde Männer: 22.23 Uhr.
Ruckelnd und zuckelnd kamen die Gondeln aus dem Geisterschloss mit ihren Horrorfratzen. Die meisten Insassen hielten die Hände vor das Gesicht. Für vier Euro Erschrecken. Kopfschütteln, Aufatmen. Weiterer Knall. 22.25 Uhr. Eine Monstergondel krachte durch die Exit-Tür des Geisterschlosses. Nur ein Mann drin. Er liegt schräg im Wagen. Blut im Gesicht. Blut auf dem Sitz. Als der Wagen zum Ausstieg vorfährt, bleibt der Fahrgast liegen. Der junge Mann zum Mitreisen, Mirco aus Rumänien, der schauen muss, ob niemand sich erbrochen hat, und der beim Ausstieg hilft, tippt ihn an die Schulter und springt zurück: »Chefe!«
Not-Stopp
Der Not-Stopp für die Bahn wurde um 22.26 Uhr gedrückt. Mehrere Passagiere beugten sich über die Gondel mit dem blutenden Passagier. Kurze Schreie. Draußen schoben sich die Massen immer weiter.
»Jemandem ist schlecht geworden. Geld bekommen Sie zurück.« Maria Losen, Inhaberin der Geisterbahn, schickte ihre rumänischen Helfer in die Bahn.
»Alle Lichter an. Störung. Sorry. Kommen Sie. Hier raus. Dort lang«, riefen die Helfer, und die Bahn leerte sich ziemlich schnell, während verspätete Raketen in den Himmel über Düren zischten.
Maria Losen rief die Hauptwache auf dem Kirmesplatz an. Die verständigte per Funk das Dreierteam. Schluss mit lustig. Noch immer knallten letzte Raketen, als um 22.30 Uhr die drei Polizisten an der Gondel auftauchten.
»Kein Puls, Rettungssanitäter kommt schon, nein, kein Puls, Blut am rechten Hinterkopf. Ein Unfall?«
»Nein«, sagte Thomas Weidenpesch, »sieht nicht so aus. Ruft mal in Aachen an.« Ruhig betrachtete er das schwarze Einschussloch am Hinterkopf des alten Mannes.
Speed
Um 22.35 Uhr klingelte das Telefon von Hauptkommissar Michael Fett.
»Düren, Annakirmes, toter Mann in einem Wagen der Geisterbahn, Schusswunde am Hinterkopf.«
»Wir kommen.« Fett winkte seinem Kollegen Schmelzer. Sie nahmen ihre Sakkos und liefen zum Dienstwagen. Von der Hubert-Wienen-Straße in Aachen bis zum Annakirmesplatz, fast zum Annakirmesplatz, schafften sie es in 20 Minuten. 180 auf der Autobahn A 4. Heat, dachte Fett. Mit Al Pacino und Robert de Niro. Abfahrt Düren, die Kläranlage stank.
»Düren riecht man immer«, murmelte Kollege Bernd Schmelzer und störte Fett wieder einmal in seinen Gedanken.
In Fetts Kopf lief das Standardprogramm ab. Konzentrier dich, pochte es in seinem Kopf: Annakirmes. Geisterbahn. Ein Mann, angeblich sehr alt, alleine im Wagen, tot, erschossen. Freitagabend. Feuerwerk, alles voll, laut. Warum sitzt ein alter Mann am Freitagabend allein in einer Geisterbahn? Warum nicht? Fett denkt, Kollege Schmelzer lenkt.
»Fahren Sie über die Eisenbahnstraße«, sagte Fett. »Ich kenne mich hier aus. Geht schneller.«
»Verdammt. Wie kommen wir dahin. Tausende Menschen.«
»Stellen Sie den Wagen an der Landwirtschaftsschule ab. Wir laufen. Sonst liegt einer mit gebrannten Mandeln auf der Kühlerhaube.«
22.55 Uhr. Die Geisterbahn ist abgesperrt.
»Wir leiten die Leute um«, sagte Weidenpesch, »bloß keine Panik, das fehlt uns noch.«
»Gut gemacht«, sagte Fett. »Keine Reporter? KTU schon drin?«
»Ja«, antwortete Weidenpesch lakonisch.
»Wer hat ihn gefunden?«
»Mirco, 23, Rumäne, reist seit drei Jahren mit.«
»Wer ist der Tote?«
»Alexander Rütters, 88 Jahre, aus Düren. Ausweis und Portemonnaie. Er hatte ein Handy für Senioren. Liegt da in der Plastikhülle.«
»Todesursache?«
»Wohl ein Schuss in den rechten Hinterkopf. Was macht ein 88-Jähriger am Feuerwerksfreitag um 22.20 Uhr in der Geisterbahn?« Weidenpesch war irritiert.
»Habt ihr alles abgesucht, gesperrt?«
»Ja, so gut es ging. Hier sind geschätzt 20.000 Menschen unterwegs. Darunter auch der Täter.«
»Der oder die Täter müssen ihn irgendwo da drinnen erwischt haben. Die KTU soll die Stelle suchen, da muss Blut an der Bahn kleben«, sagte Fett leicht genervt von dieser Mischung aus Lärm, Schweiß, Discomusik, »also vor circa 35 Minuten ist es passiert?«
»Gegen 22.25 Uhr. Der wird ja nicht tot in den Wagen gesetzt worden sein. Außerdem ist hier alles voll Blut. Erschossen in der Geisterbahn.« Weidenpesch schüttelte den Kopf. »Lösen Sie eine Ringfahndung aus?«
»Wonach? Wollen Sie 20.000 Menschen kontrollieren? Achten Sie darauf, dass hier alles in Ruhe abläuft. Unfall. Verstanden? Wenn hier das Gerücht über einen Mörder auftaucht, dann rennen sich die Leute über den Haufen. Kein Blaulicht. Der Tote wird hinten raus abtransportiert. Verstanden, Weidenpesch?«
»Ja, Herr Fett.«
»Angehörige? Vermisst den Toten jemand?«
»Moment. Wache, gibt es Vermisstenmeldungen?« Weidenpesch horchte in sein Funkgerät und sprach das Ergebnis nach: »Alexander Rütters, 88, wird von seiner Tochter und dem Schwiegersohn vermisst. Seit 22.30 Uhr. Danke.«
»Wo sind sie jetzt?«, fragte Fett.
»Noch auf der Wache.«
»Wir kommen. Danke.«
Brauweilers Bierstand
»Fett, guten Abend. Kripo Aachen. Sie sind die Eheleute Hoven?«
»Ja, meine Frau Anne und ich. Wieso Kripo? Wir vermissen unseren Vater, also meinen Schwiegervater.«
»Wann haben Sie ihn denn zuletzt gesehen?«
»Wir waren so gegen 22.10 Uhr am Bierstand ›Brauweiler‹. Gemeinsam wollten wir das Feuerwerk anschauen. Was ist denn mit Vater?«
»Und dann?«
»Er schaute aufs Handy. Wohl wegen der Uhrzeit. Sagte, dass er kurz noch ein paar Reibekuchen holen wolle. Seitdem vermissen wir ihn. Oder, Anne?«
»Ja. Was ist denn nun?«
»Es tut mir sehr leid. Ihr Vater wurde tot in der Geisterbahn aufgefunden. Vor ungefähr 45 Minuten. Wir ermitteln noch die Ursache. Bitte kommen Sie mit nach nebenan.«
»Wie – tot? Was ist passiert? Das muss eine Verwechslung sein.«
Den Blick der Tochter würde Fett so schnell nicht vergessen. Er sammelte diese Blicke der nahen Verwandten, wenn er den schlimmsten Teil seines Jobs machen musste: den Angehörigen die Todesnachricht überbringen. Auch dann noch musste er sich voll konzentrieren. Gesichter sprechen, Augen sprechen, Gesten sprechen, der ganze Mensch spricht, so hatte es Fett gelernt. Und es stimmte. Hier sprach nur ungläubiges Entsetzen aus den Augen der Tochter. Mit dem Mord hat sie nichts zu tun. Fett war sich sofort sicher.
Schlechter Schlaf und viel Papier
Fett schlief schlecht. Wenige Stunden nur. Die Kakofonie der Geräusche, die Bilder aus der Geisterbahn, all die Menschen, die Gesichter. Ein Albtraum. Die Spurensicherung hatte die Stelle in der Bahn eruiert, wo Alexander Rütters erschossen worden war. Mord. Kein Zweifel. Eine Patronenhülse wurde nicht gefunden. Der alte Mann saß in einem Wagen, wurde erschreckt von Skeletten, Piraten, Zombies, Vampiren und Hexen und auf einmal, rums. Die Pistole war nicht aufgetaucht. Keine Spuren. Kein Raubmord. Niemand hatte etwas gesehen. Als ob der Alte von einem Geist ermordet wurde. Aber Geister tragen keine Pistolen.
Kurzer Lauf über den Lousberg, Kaffee, Brötchen, Marmelade. Fett, der alte Junggeselle, brauchte nicht viel. Vor allem keinen Aufschnitt.
Samstag, 2. August, 9.00 Uhr.
»Hört mal zu.«
Fett sprach zu seinem Team.
»Was haben wir? Anne und Peter Hoven fahren gestern Abend gegen 21.20 Uhr mit ihrem Vater Alexander Rütters, 88, Vater von Anne, zur Annakirmes. Feuerwerk gucken. Nach einem Rundgang landen sie um 22.00 Uhr bei der ›Brauweiler-Kneipe‹. Circa 100 Meter vom Geisterschloss entfernt. Dort bekommt Alexander Rütters eine SMS, die er liest. Wir haben das Passwort des Handys geknackt, war nicht schwer, hieß ›Anne‹. Die Nachricht lautet: ›Rurschatten. 22.20 Uhr im Geisterschloss. Nimm einen Wagen.‹ Er nimmt einen Wagen. Und kommt um 22.25 Uhr erschossen raus. Erschossen mit einem Colt M1911, einer amerikanischen Pistole Kaliber 45. Die wurde im Zweiten Weltkrieg von Offizieren getragen. Das Besondere, so unsere Ballistiker, sie hatte einen Schalldämpfer. Die Waffe scheint nicht registriert zu sein. Keine weiteren Spuren. Die Kriminaltechnik hat die ganze Nacht dran gearbeitet, sonst hätten wir das jetzt noch nicht. Das Personal der Geisterbahn wurde überprüft. Alle aus Rumänien. Ordentlich angemeldet. Drei Mann. Zwei beim Einstieg und der Kartenkontrolle. Einer beim Ausstieg. Mirco. Der hat ihn auch gefunden. Kein Angestellter war in der Geisterbahn. Kein Erschrecker oder Zombie oder so. Zugang gibt es durch mehrere Türen von hinten, die auch für die Flucht optimal geeignet sind oder wenn die Bahn brennt. Nirgendwo Auffälligkeiten. Und der Abstand zwischen den Wagen beträgt ungefähr 25 Sekunden. Der vorausfahrende Wagen war leer, im folgenden Wagen ein Liebespaar, alle wollten das Feuerwerk sehen. Vielleicht saß der Mörder in einem Wagen vor Rütters. Dann muss er ihn abgepasst haben. Vermutlich ist er aber durch einen der ungesicherten Notausgänge in die Bahn gelangt. Die Geisterbahn hat keine Videoüberwachung. Erinnern kann sich Frau Losen nicht mehr, was bei dem Feuerwerk kein Wunder ist. Handyortung nicht möglich. Eine Prepaid-Gurke. Keine vergleichbaren Fälle auf den großen Jahrmärkten. Nichts weist auf einen Serientäter hin. Rütters wurde zum Mord in die Geisterbahn bestellt.«
Bitte, Schmelzer
»Alexander Rütters. Bitte, Schmelzer.« Fett gab seinem jüngeren Kollegen das Wort.
»Geboren 1920, Sohn des Papierfabrikanten Oskar Rütters. Hat 1938 Abitur gemacht. War in der NSDAP. Nicht Soldat, weil er die Papierfabrik ab 1942 leitete. Die war kriegswichtig. Der Vater, Oskar, war wohl nicht richtig linientreu. Die Nazis setzten Alexander ein. Nach dem Krieg entnazifiziert. Die Alliierten brauchten auch Papier. Wiederaufbau. Saß Ende der 70er-Jahre im Stadtrat von Düren. Verkaufte die Fabrik 1990 an japanische Investoren, alle Mitarbeiter wurden übernommen. Seit 2000 lebte er in dem exklusiven Seniorenstift Sankt Irmgardis. Seine Ehefrau starb sehr früh in den 80er-Jahren. Die gemeinsame Tochter ist Lehrerin, 1962 geboren, verheiratet mit Peter Hoven, Jahrgang 1957, Chemie-Ingenieur in Leverkusen. Beide wohnen in Merzenich bei Düren, keine Kinder. Regelmäßig besuchten sie Alexander Rütters im Seniorenstift. Zur Annakirmes fuhren sie jedes Jahr gemeinsam mit dem Alten. So was wie ein Ritual. Motiv: Fehlanzeige. Die Tochter steht noch unter Schock. Ihr Mann bestätigt den Ablauf des Abends. Sie ist das einzige Kind. Im Seniorenstift keine besonderen Vorkommnisse.«
Was wir wissen
Fett fasste den Stand zusammen:
»Wir haben die SMS. Jemand hat Alexander Rütters in die Geisterbahn gelockt. Ihm muss etwas so wichtig gewesen sein, dass er der Aufforderung nachkam. Der Täter duzte den Ermordeten. Da könnte es eine Vorgeschichte geben. Rurschatten, Rurschatten. Was heißt das? Fragt nach beim Wasserverband, Stadtarchiv, Angelverein. Irgendwas hat Rütters so gedrängt, dass er alleine zur Geisterbahn aufbrach. Durchsucht sein Zimmer im Seniorenstift. Die Unterlagen der Papierfabrik. Da gibt es einen Schatten. Noch ermitteln wir in alle Richtungen. Und, Kollegen, kein Wort zur Presse aus ermittlungstaktischen Gründen.«
»Die Geisterbahn fragt an, wann sie wieder fahren darf.« Schmelzer schaute zu Fett.
»Erst, wenn alles geprüft ist. Vielleicht ist der Täter irgendwo hängen geblieben und wir finden ein Stück von der Jacke oder die Patronenhülse in den Zähnen eines Skeletts, weiß der Teufel was. In der Dunkelheit kann der Täter die Hülse unmöglich sofort gefunden haben. Alles wird heute geprüft. Die Zombies haben eben Urlaub. Wir haben einen Toten.«
Suite 103
Nach der Lagebesprechung fuhren Fett und Schmelzer zum Seniorenluxusstift am Ortsrand von Gürzenich bei Düren, Südlage, Golfplatz in der Nähe. Sie trafen auf Helene Schulz-Weißenbach, die stellvertretende Leiterin des Domizils, wie sie mehrfach betonte. Ein Domizil für ältere Gäste. Der Leiter, Fred Strack-Zimmermann, komme erst in drei Wochen. Er sei auf Mallorca, wandern und so, Flucht vor der Annakirmes. Helene Schulz-Weißenbach führte Fett und Schmelzer durch das Domizil. Ja, Herr Rütters sei ein besonderer Mensch gewesen, sagte sie ohne erkennbare Regung. Der Tod sei hier ja quasi stets zu Gast und am Tisch. Sie versuchte, mit einer Portion Halbphilosophie das Domizil zu verklären, und kam dann zum An- und Abwesenheitsbuch. Herr Rütters habe am Freitag gegen 19.00 Uhr ausgecheckt. Er wollte zur Annakirmes, zu Tochter und Schwiegersohn. Alles wie in jedem Jahr. Nichts Ungewöhnliches. Er war sehr gut beisammen. Rüstig, durchtrainiert, ein Langstreckenwanderer. Da sei Strack-Zimmermann nicht mitgekommen, wenn sie das so sagen dürfe. Das Zimmer, ja dort, die Suite 103, geräumig, mit Blick auf die Eifel. Natürlich bleibt sie verschlossen. Wann wird sie wohl wieder vermietet werden können? Sie wissen, das Budget, die Kosten und so.
Helene Schulz-Weißenbach säuselte zu den beiden Kommissaren: »Bitte, sprechen Sie doch sehr sanft mit unseren Gästen. Sie sind leicht erregbar, ach, was sage ich, erschütterbar. Wir sind eine geborgene Gemeinschaft, da schafft so ein Verbrechen Unruhe und Aufregung. Wir brauchen doch alle unsere Mitte, unser Vertrauen, unseren inneren Klang, nicht wahr, Herr Kommissar.«
»Danke, wir schicken heute noch die Kriminaltechnik. Bestimmt in 14 Tagen, da kann wieder jemand ins Domizil.« Fett war kurz angebunden. Nun sagte er auch schon Domizil, bemerkte er selbstironisch. »Danke, und es kann sein, dass wir uns wieder melden. Wir werden Ihre Ruhe nicht unnötig stören. Es sei denn, einem Ihrer Bewohner fällt noch etwas Wichtiges ein.«
Nachmittags war die Kriminaltechnik bereits in der Suite. Sie stellten alles auf den Kopf, fanden aber nichts von Bedeutung. Gar nichts. Auch das war merkwürdig. Keine Erinnerungsstücke, Fotoalben. Viele Wanderbücher, Karten und Bücher über die Region. Alle Kreisjahrbücher seit 1960. Kaum Medikamente. Kein Hinweis, der sie weiterbrachte. Als ob Alexander Rütters geschichtslos dort gelebt hätte.
Die Tochter
»Guten Tag, Frau Hoven. Wir haben da noch einige Fragen, auch wenn es bestimmt sehr schwer für Sie ist.« Fett hatte in Merzenich bei Rütters Tochter geklingelt, und Anne Hoven hatte mit Ringen unter den Augen die Tür geöffnet. Sie sagte nichts und ging langsam voraus zum Wohnzimmer des Bungalows aus den 80er-Jahren. Samstagnachmittag in der Siedlung am Rande des Dorfes, relativ neue Bauten, Mittelklassewagen, ab und an Oberklasse. Hier wohnt man preiswerter als in Köln oder Frechen, die Autobahn ist nahe, die Eisenbahn auch. Und doch ein Dorf. Einige Autos wurden gewaschen, auch wenn dieser samstägliche Nationalsport langsam ausstarb.
Peter Hoven kam aus dem Keller hoch, begrüßte mit einem stummen Nicken Fett und Schmelzer und bot Kaffee und Wasser an.
»Nein danke. Wir möchten nicht lange stören. Aber bitte, jetzt kann jeder Hinweis sehr wertvoll sein. Ist Ihnen etwas aufgefallen an Alexander Rütters, wurde er bedroht, gab es etwas Besonderes in letzter Zeit?« Fett blickte beide interessiert an.
Anne Hoven schaute zu ihrem Mann und beide antworteten fast zeitgleich: »Nein, nichts.«
»Wer tut so etwas, Herr Kommissar?« Anne Hoven erwartete wohl kaum eine Antwort, und Fett konnte auch keine geben.
»Frau Hoven, Herr Hoven, wir stehen am Beginn der Ermittlungen. Wir haben alles abgesucht, die Kameras auf der Annakirmes werden noch ausgewertet, wir sind am Anfang. Sagt Ihnen vielleicht das Wort Rurschatten etwas?«
Fett und Schmelzer schauten prüfend in die Gesichter. »Nein, nichts.« Wieder kam aus beiden Mündern zeitgleich die Antwort. Komischer Ehepaartick, dachte der Junggeselle Fett.
»Gab es irgendwas in der Vergangenheit Ihres Vaters, was wir wissen sollten?« Fett musterte Frau Hoven.
»Er war der beste Vater der Welt. Auch noch, als meine Mutter gestorben ist. Ich konnte immer auf ihn zählen.«
»Frau Hoven, gab es etwas in der Vergangenheit, als Sie noch nicht geboren waren? Hat Ihr Vater aus seiner Vergangenheit oder von Problemen im Betrieb oder mit Konkurrenten berichtet?«
»Mein Schwiegervater hat fast nie von der Vergangenheit erzählt. Er war froh, dass wir in Friedenszeiten leben, und wollte nicht an die Schrecken des Krieges und der Nazizeit erinnert werden.« Peter Hoven hatte konzentriert gesprochen. »So war es doch, nicht wahr, Anne?«
»Ja, Peter. So war es. Er war glücklich mit uns. Und auf die Annakirmes freute er sich wie ein kleines Kind. Nein, es gibt da keine Schatten. Fassen Sie den Mörder, bitte, Herr Kommissar. Entschuldigen Sie mich.« Hastig ging sie in den hinteren Teil des Bungalows.
»Das war es auch schon. Wenn Ihnen irgendetwas einfällt oder Ihrer Frau. Bitte nicht zögern. Rufen Sie uns an. Mich oder Herrn Schmelzer. Wir werden jede Spur verfolgen. Danke, Herr Hoven.«
»Ja, Herr Kommissar. Wir zählen auf Sie.«
Fett und Schmelzer standen auf und waren fünf Minuten nach Betreten des Hauses wieder im Freien.
»Mager«, stellte Schmelzer fest.
Fett nickte: »Komisch, alles schön, alles gut, nur ist der Herr Papa leider trotzdem ermordet worden.«
Höfe und Friedhöfe
Fett kam nicht voran. Die Spurenauswertung, Obduktion, Befragung von Fahrgästen, Geisterbahnpersonal, Mitbewohner im Domizil – alle Untersuchungen verliefen im Sand. Die Mordwaffe blieb verschwunden.
Am Tag der Beerdigung von Alexander Rütters, wieder ein Freitag, 15. August, war halb Düren auf den Beinen. Fett stand auf dem Hauptfriedhof hinter einem der Gräber der Großindustriellen. Auch die Familie Rütters besaß ein Familiengrab. Seit Generationen lagen die Vorfahren des Ermordeten dort. Papiermagnaten. Papiermillionäre. Warum stehe ich hier?, dachte Fett. Die Trauer der Angehörigen ist echt. Die Worte der Honoratioren falsch. Alles Käse. Wir haben nichts. Die Geisterbahn ist auf den Kopf gestellt worden. Null. Niente. Nothing. Rurschatten. Wer hat dem Alten die SMS geschickt, warum ist er los zur Geisterbahn, was war im Vorfeld passiert? Eine Vorgeschichte gab es, da war sich Fett sicher.
War Rütters vielleicht in einer Verbindung, Freimaurer oder so was. Fett dachte nach. Dann ging er am Beerdigungscafé »Don Camillo« vorbei zu seinem Wagen.
Hatte Rütters im Altenheim Feinde? Gab es Feinde nach dem Verkauf der Papierfabrik? – Seine Kinder waren während des Mordes in der Kirmes-Kneipe geblieben, dafür gab es Zeugen.
Im Büro unterrichtete Fett den Kollegen Schmelzer. Der süppelte seinen Kaffee und wirkte müde. Er dachte sich sein Teil. Ein alter Toter. Der wäre eh bald gestorben. Warum so viel Aufwand. Rechtsstaat. Die Staatsanwaltschaft ruft an, der Polizeipräsident und was weiß ich wer noch. Schatten über der Annakirmes. Auch da Schatten.
Rurschatten
Fast drei Wochen waren seit dem Mord vergangen. Fett stand mit leeren Händen da. Im Seniorenstift hatte es mal Krach im Bingoklub gegeben, aber Bingostreit als Mordmotiv? Ein Täter aus dieser Ecke kam nicht in Betracht, nicht bei dieser Form des Mordes. Die ehemaligen leitenden Angestellten der Papierfabrik waren gut abgefunden worden, keiner ins Bodenlose gefallen. Auch da kein Motiv. Rütters schien keine Feinde zu haben. War es eine Verwechslung? Ausgeschlossen. Alexander Rütters war gezielt in die Geisterbahn gelockt worden. Jemand hatte ihn dort erwartet. Im Wagen hinter ihm hatte ein Liebespaar gesessen, der Wagen vor ihm war leer. Also galt der Schuss mit dem Colt ihm. Ein stummes Paff, kein Lärm, die Waffe war fast aufgesetzt worden. Man könnte beinahe von einer Hinrichtung in der Geisterbahn sprechen. Fett war die Tour gefahren. Am Sonntag, dem letzten Tag der Annakirmes. Die kreischenden Zombies und Vampire hatten ihn tatsächlich erschreckt. An der Stelle, wo sich der Mörder positioniert haben musste, stand Schmelzer mit seiner ungeladenen Waffe. Paff. Ein Schuss, dann bog der Wagen um die Ecke und passierte noch einige Gespenster, ehe er ans Tageslicht kam. Das muss ein Profi gewesen sein, das schafft ein Rentner aus Sankt Irmgardis nicht. Wer war sich so sicher gewesen, dass der alte Mann einsteigen würde?
So ergebnislos wie die Ortsbesichtigung blieb Schmelzers Suche nach dem »Rurschatten«. Fett und Schmelzer saßen im Aachener Polizeipräsidium und kamen nicht voran.
Fett, der Junggeselle, addierte einen weiteren ungelösten Fall zu seiner Liste. Schmelzer, frisch verheiratet, kämpfte mit der Ratenzahlung für die Darlehen und mit den Handwerkern. Und dazwischen der Alte aus Düren. So ein Mist. Die Lokalmedien hatten zehn Tage wild spekuliert. Das alles war nicht gut: nicht für das Image der Annakirmes. Und nicht für das Image der Polizei.
Fett fährt
Fett fuhr nach Düren. Dort war er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Aus seiner Schulzeit kannte er noch einige, die mit ihm dort in den 70er-Jahren Abitur gemacht hatten. Sie gehörten nun zum Dürener Establishment. Vielleicht könnte ihm jemand helfen. Er musste neue Wege gehen. Wo war die Papierfabrik von Rütters? Er parkte am Dürener Bahnhof, lieh dort ein Fahrrad aus und fuhr die Rur entlang. Die Fabrik, die Rur, Schatten – die Begriffe tanzten in seinem Kopf. Die langsame Fahrt durch die Stadt und dann in Richtung Rur verschaffte ihm Luft und ließ ihn die Stadt etwas mehr spüren. Er sammelte die Eindrücke, die er später zu einem Mosaik zusammenfügen wollte. So ging er immer vor. Klar, manche Mosaiksteine musste er wegwerfen, manches Vorurteil beiseiteschieben.
An der Johannisbrücke bog er auf den linksseitigen Rurradweg flussaufwärts, dann ging es in Richtung Lendersdorf. Da standen die Papierfabriken. Direkt hinter dem Annakirmesgelände fing die Industriezone an. Sie erinnerte an bessere Zeiten. Düren war einst reich. Sehr reich. Dank des Papiers. Dank des milden Wassers der Rur. Schließlich erreichte er das Gelände der ehemaligen Fabrik Rütters. Hinter der alten Mauer standen moderne Hallen, kaum Arbeiter, alles automatisiert. Fett wusste nicht genau, warum er hier eigentlich radelte. Er kehrte um und fuhr zurück in Richtung Haltestelle Annakirmesplatz der Rurtalbahn. Er kam an Bauschutt und abgestorbenen Bäumen vorbei, eine Fußgängerbrücke führte auf die andere Rurseite, am Wegesrand stand ein zugewachsenes Metallkreuz. Er bemerkte einen leicht verwelkten Blumenstrauß davor.
Kriegswichtig
Schmelzer recherchierte unterdessen und trug Material über Alexander Rütters zusammen.
Rütters hatte in Düren das Abitur gemacht, war 1938 gemustert worden, hatte dann die Freistellung erhalten, um in der Papierfabrik seines Vaters Oskar mitzuarbeiten. Der war wohl nicht linientreu genug gewesen, war nicht Parteimitglied, wurde irgendwann 1941/42 aus der Leitung der Fabrik entfernt und blieb danach fast nur noch in seinem Wohnhaus in der Goethestraße, wo er 1944 beim Bombenangriff mit seiner Ehefrau starb.
Die Rütters Papier AG lieferte ihr feines Büttenpapier an die Reichskanzlei. Auch Göring und Goebbels bezogen die edle Ware. Sie wurde gebraucht für Urkunden und Auszeichnungen, die man bei den Nazis reichlich verteilte. Seit 1939 wurde vom Eisernen Kreuz II aufwärts jede Urkunde auf Rütterspapier gedruckt: Führerstandard. Selbst nach dem Bombenhagel am 16.11.1944, der Düren ausradierte, konnte Rütters nach 14 Tagen wieder liefern. Die Nachfrage nach Urkunden und Auszeichnungen blieb unersättlich. Orden statt Brot. Dann das Ende. Rütters stellte den Betrieb auf Nachkriegsbedarf um; er produzierte Packpapier, Kartonagen und Klopapier. Die Alliierten kauften bei dem jungen Unternehmer das Toilettenpapier für die Besatzungstruppen. Qualität und Preis stimmten. Geliefert wurde an die Engländer nach Mönchengladbach und an die Belgier vor Ort. Der Betrieb lief wieder. Tochter Anne zeigte kein Interesse an der Fabrik. Sie wurde lieber Lehrerin. Deshalb entschied Rütters sich für den Verkauf. Schluss mit Rütterspapier aus Düren.
Fett kramte unterdessen in den Unterlagen, die Schmelzer zusammengetragen hatte, und fand die Adresse einer Haushälterin, die dem Alten einige Jahre im Haushalt geholfen hatte, bevor er im Jahr 2000 ins Altenheim umsiedelte. Marie Utzerath. Ob sie wohl noch lebt, überlegte er. Eine Haushälterin bekommt viel mit. Vielleicht kann sie weiterhelfen.
Ein feiner Herr
Marie Utzerath lebte tatsächlich noch in Düren, Dr.-Overhues-Allee, direkt an der Rur. Über das Melderegister gelangte Fett an ihre Adresse. Als Fett den Besuch ankündigte, da klang sie so, als ob sie es erwartet hätte. Eine interessante Stimme, dachte Fett. Er fuhr an einem Augustmorgen wieder nach Düren, wieder an die Rur und stand vor einem stattlichen Haus. Marie Utzerath öffnete ihm, bevor er die Eingangstüre erreichte.
»Was für ein Schicksal!«, seufzte sie dem Kommissar entgegen.
Marie Utzerath, 67, hatte Alexander Rütters das Haus von 1985 bis 2000 besorgt. Ihre Schönheit zu dieser Zeit konnte sich Fett lebhaft vorstellen. Sie hatte sprechende Augen, bewegte sich sehr dynamisch und schien bestens in Form zu sein. Jahrgang 1941, sie war 21 Jahre jünger als Rütters und hatte im Alter von 44 die Stellung angenommen. 15 schöne Jahre seien es gewesen. Er habe sie stets sehr gut behandelt. Sie beschrieb ihn als humorvollen Mann:
»Wir haben viel gelacht.«
Rütters habe es ihr ermöglicht, ein Studium aufzunehmen. Sie sei nach Aachen gefahren und habe Geschichte und Politik gehört. Dass er ihr diese Chance gab, werde sie ihm nie vergessen.
»Sehen Sie, Herr Fett, das Leben besteht doch aus mehr als nur Hauswirtschaft, Empfängen, Martinsessen, nicht wahr. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, was für einen Sinn macht das, was wir gerade tun? Das sind ewige Fragestellungen. Mich trieb das immer um, während ich daneben kochte, putzte, Einkäufe besorgte und Kulturveranstaltungen aus dem Tageskalender heraussuchte.«
Manchmal habe Rütters sie eingeladen. Ja, auch zur Annakirmes. Riesenrad seien sie gefahren auf der Annakirmes. Und ein Weinchen bei der »Schwarzwald-Christel«. Feinde? Nein, Herr Rütters doch nicht. Ein sehr feiner Herr. Drohungen? Ach, was. Sie habe ihn oft besucht im Seniorenstift, und dann wurde von früher erzählt. Am letzten Samstag, vor Beginn der Annakirmes, da sei sie noch bei ihm gewesen:
»Da war er sehr aufgekratzt.«
»Hat er nie von Problemen, Drohungen, Konkurrenten oder vom Krieg erzählt?«
»Vom Krieg, nein. Alles sehr dunkel. Und mit Konkurrenten ist Herr Rütters souverän umgegangen. Drohungen hat er meines Wissens nie bekommen. Warum auch. Er war ein angesehenes Mitglied der Dürener Stadtgesellschaft.«
Er sei gerne gewandert. In der Eifel. Mariawald, Rursee, Vossenack. Als Vogelsang 2006 endlich, endlich geöffnet wurde, sei er sofort losgewandert – durch den ganzen Nationalpark. Dort habe er Ruhe gesucht, auch in der Jagdhütte seines Vaters bei Einruhr, am Rand des Sperrgebiets. Die Rur sei unsere Lebensader, das habe er immer wieder gesagt. Ohne die Rur, da wär hier nichts. Nichts. Nichts.
»Noch ein Kaffee, Herr Kommissar?«
»Nein danke und entschuldigen Sie bitte, Frau Utzerath, Sie wohnen hier in einem prachtvollen Haus in bester Lage.«
»Ich weiß schon, was Sie meinen, Herr Kommissar. Das ist das Haus von Alexander Rütters. Die Tochter wollte es nicht übernehmen, und Rütters bat mich, hier wohnen zu bleiben. Er konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass hier fremde Leute einziehen. Das Haus kaufte er wohl in der Kriegszeit oder kurz danach. Seine Eltern lebten ja in der Innenstadt, wo sie später beim Bombenangriff umkamen. So bin ich hier geblieben und hole, also ich holte ihn oft ab, und wir tranken hier zusammen einen Kaffee.«
Nein, sie selbst sei nicht verheiratet gewesen. Ein Drang nach Unabhängigkeit sei ihr eigen. Das sei ihr Problem gewesen, wenn er denn verstehe, der Herr Fett.
»Jaja«, murmelte Fett und verstand doch nicht so ganz. Ob denn Herr Rütters nach dem Tod der Ehefrau nicht noch mal sein Glück versucht habe.
»Wer, Herr Rütters? I wo. Nein.«
Er sei nach dem Tod der Frau sehr traurig gewesen und habe so, na, wie sagt man – platonisch, ja, genau, platonisch, gelebt. Sie müsse nun zum Tennis, ob er denn noch Fragen habe.
»Wir müssen das jeden fragen, Frau Utzerath. Wo waren Sie am Freitagabend, als der Mord passierte?«
»Mit meinen Freundinnen aus dem Tennisklub haben wir im Klubhaus einen Damenabend gefeiert. Es war sehr kurzweilig. Das dauerte etwa bis Mitternacht.«
»Eine letzte Frage. Rurschatten, sagt Ihnen das Wort etwas?«
Marie Utzerath hielt einen Moment inne.
»Nein. Nie gehört. Was soll das sein?«
»Nichts. Nur so ein Wort. Danke. Melde mich nochmals. Und viel Erfolg beim Aufschlag. Sie sehen sehr gut aus.« Da wurde Marie Utzerath rot. Michael Fett biss sich auf die Zunge. Er war überrascht. Über sich selbst.
Tennis – eigentlich kein Sport für eine Hausbesorgerin, arbeitete es nach im Gehirn von Fett. Obwohl – vom Aussehen her, da passt es. Alle können Tennis, nur ich wieder nicht. Fett erinnerte sich an sein Versagen im Sportunterricht. Wen man beim Tennis alles treffen kann, könnte, hätte treffen können. Fett konjugierte es durch. Sein Blick fiel auf die Bücherwand: Simmel, Böll, Grass, Lenz, dazwischen eine Goethe-Ausgabe, Hemingway, Faulkner, am Ende einige Franzosen. So viel konnte er an den Schutzumschlägen erkennen. Und Kataloge von Ausstellungen des Leopold-Hoesch-Museums. Ungewöhnlich für eine Hausverwalterin, dachte Fett. Oder von Rütters übrig geblieben. Nun, sie hat sich wohl selbst weiter gebildet. Warum sonst das Seniorenstudium. Marie Utzerath – Fetts Gedanken gingen in viele Richtungen. Diese Frau war für ihn nicht so einfach fassbar. Die Art, wie sie sich bewegte, die Freundlichkeit, die Ausstrahlung – faszinierend und geheimnisvoll. Er kehrte zurück von seinem gedanklichen Ausflug.
»Eine allerletzte Frage, Frau Utzerath. Verzeihen Sie, haben Sie Kinder?«
»Herr Kommissar«, ihr Ton bekam eine andere Färbung, härter und kälter, »mein Sohn Robert ist 1965 im Alter von fünf Jahren tödlich verunglückt. Das ist die Tragik meines Lebens. Er wuchs ohne Vater auf. Mehr werden Sie darüber nicht von mir hören. Guten Tag.«
»Entschuldigung, Frau Utzerath. Das tut mir sehr leid. Guten Tag«, sagte Fett relativ leise und mit gesenktem Kopf. Er ging nachdenklich davon.
Ölig, etwas ölig
»Schmelzer, neu denken.«
»Was?«
»Neu denken.«
Fett buchstabierte.
»Vielleicht ein Geisteskranker aus der Forensik. Hat Rütters mal einen beschäftigt? Kümmerte er sich um Resozialisierung? Hat er schwererziehbaren Jugendlichen geholfen? Alles checken. Kontoauszüge noch mal durchforsten. Wohin ging die Knete? Auch wenn das alles nicht so richtig zu der professionellen Ausführung des Mordes passt, wir müssen immer noch alle Möglichkeiten und Motive überprüfen.«
Schmelzer maulte. Dann legte er los. Am Nachmittag meldete er sich fast triumphierend in Fetts Büro.
»Das Superluxusseniorenwohnheim, das kostet rund 4.000 Euro im Monat. Meister Rütters hat jeden Monat 5.000 überwiesen. Seltsam, oder?«
»Termin mit der Leitung machen, rapido«, sagte Fett. Mehr als drei Wochen waren seit dem Mord vergangen.
Ölig, etwas ölig und tiefengebräunt saß der Leiter des Seniorenstifts, Fred Strack-Zimmermann, vor den beiden Kommissaren aus Aachen, wie er mehrfach betonte. Der Anzug war zu groß, die Uhr zu golden, die Haare zu ölig. Alles an dem Mann missfiel dem Kommissar. Nicht dem ersten Eindruck hingeben, sagte er sich.
Nein, warum Herr Rütters die 5.000 überwiesen habe, immerhin über zwei Jahre, vorher nur 4.000 und seit Mai dann wieder nur 4.000, da könne er sich jetzt keinen Reim drauf machen.
»Gut, jetzt nicht, später schon«, sagte Fett, »Betriebsprüfung hilft bestimmt. Heimaufsicht plus Durchsuchungsbeschluss, ob die Presse davon Wind bekommt, kann ich nicht ganz auszuschließen.«
»Moment mal«, stockte der Ölige, »doch, ja, jetzt kommt die Erinnerung.«
Der Herr Rütters selig, der sei sehr sozial gewesen. Klar, warum habe er das nur vergessen.
»Wir haben vor zwei Jahren einen Aufruf gemacht. Damals boten wir einigen schwererziehbaren Jugendlichen Jobs an. Dafür suchten wir Paten. Und Herr Rütters wurde Pate. Pate von Johnny.«
»Johnny«, sagte Fett, »wer zum Teufel ist Johnny, was heißt Pate und was hat das mit der Knete zu tun?«
»Nun ja, mit den 1.000 Euro zusätzlich wurde der Johnny gefördert, konnte sich eine Wohnung leisten, war sozusagen Resozialisierung«, meinte der Ölige.
»Wo finden wir denn den Johnny? Warum hörte denn die Zahlung im Mai auf?«, grätschte Schmelzer in das Gespräch.
»Herr Rütters, der wollte nicht mehr.«
»Ach so, warum denn und wo ist Johnny?«
»Moment mal. Schwester Irmgard, wo ist noch mal der Johnny Kaiser«, knurrte der Ölige ins Telefon. »Stimmt, hatte ich vergessen. Danke. Also«, setzte er an, »Herr Kaiser fehlt seit rund drei Wochen, genauer, seit das mit Herrn Rütters hier bei uns bekannt wurde. Vielleicht weil Rütters nicht mehr zahlen wollte, warum, warum. Keine Ahnung.«
Fett spürte etwas hochsteigen. So aus dem Bauch nach oben. Wie beim Wasserkessel kurz vor dem Pfiff. Er zählte bis fünf. Eine Kombination aus Wut und Ärger. Er hatte etwas übersehen, und das ärgerte ihn. Zudem verbarg Strack-Zimmermann etwas. Und leise sagte er ihm ins Ohr: »Wenn Johnny auch nur irgendwas mit dem Mord zu tun hat, sind Sie am Arsch. Und zwar richtig. Behinderung, Vertuschung. Sie kommen nach Aachen, wo die schweren Jungs einsitzen. Die freuen sich auf so einen Öligen wie Sie. Und jetzt die Adresse, sonst fahren Sie noch heute ein.«
Josef genannt Johnny
In der Rütger-von-Scheven-Straße 319 stand »Kaiser« an einer Klingel in krakeligen Buchstaben geschrieben. Die Tür zum Block war offen. Oben roch es nach angebrannten Pfannkuchen. Johnny Kaiser öffnete. Ein ungewaschener junger Typ, dem man all seine Vorstrafen und Aufenthalte in Erziehungsheimen irgendwie ansah. Johnny rülpste seine Begrüßung wie nach drei Flaschen Wicküler.
Über den Besuch der Polizei schien er nicht erstaunt, gehörte bei einem wie ihm wahrscheinlich zum Tagesgeschäft.
»Morgen, Herr Kaiser, Fett, Mordkommission Aachen. Wie war denn Ihr Verhältnis zu Herrn Rütters?«
»Was wollen Sie denn von mir?«
»Blöd, so ein Mordfall. Und das direkt, nachdem die Knete nicht mehr kommt. Wo waren Sie denn am Feuerwerksfreitag der Annakirmes? Jaguarbahn, Schießbude oder Autoscooter? Oder Lust auf Geisterbahn? Wir kommen mal rein. Keine Umstände.«
Josef Kaiser, genannt Johnny, hatte Erinnerungslücken. Nur, dass Rütters von heute auf gleich die Knete gestrichen hatte, das wurmte ihn. Die 500 Oschen von seinem Paten waren nötig.
»500, ick glob ick spinne, sagen da die Berliner.« Fett wurde ungehalten.
»1.000 mein Junge. Und dann Ende. Da kann man sauer werden.«
»Ich höre immer 1.000. 500 kamen vom Stift rüber. Nix mit 1.000.«
Johnnys Empörung wirkte ehrlich. Da hat der Ölige den Johnny beschissen. Fett wunderte nichts mehr. Vermittlungsprovision. Mal eben was über 12.000 Euro in mehr als zwei Jahren.
»Was wollte Rütters von Ihnen? Klartext, Johnny. Sonst gibt’s nen Shuttle zum Souterrain in die Hubert-Wienen-Straße nach Aachen. Gefilterter Sonnenschein.«
Herr Rütters
und die jungen Mädchen
Heraus kam, dass Rütters sich für Johnny einsetzte, ihm eine zweite Chance geben wollte. Dafür brachte ihm Johnny meistens am Sonntagabend Besuch ins Sankt Irmgardis. Girls aus der Szene. Drogenabhängige, Minderjährige, Obdachlose. Auch ihnen half Rütters. Auf seine spezielle Art, sagte Johnny. Sonntags, da kam Marie Utzerath nicht zu Besuch. Tennisstunden. Eben.
»Wo warst du an dem Freitagabend?«
Johnny wurde blass. »Hier.«
»Und warum bist du nicht mehr zur Arbeit gegangen?«
»Ich kann nicht mehr. Strack-Zimmermann ist ein Riesenarschloch. Er wollte noch mehr Geld von Rütters und hat gesagt, der Stundensatz für mich sei erhöht worden. Stattdessen hat Rütters aufgehört zu zahlen. Alles soll meine Schuld gewesen sein. Beide haben mich ausgebeutet. Beide. Johnny Kaiser glaubt doch niemand. Ich bin am Ende. Jetzt kann ich wieder in den Jugendvollzug. Scheiße.«
»Wo warst du an dem Freitagabend? Genau. Mit Zeugen.« Fett wurde sauer.
»Also, ich war, ich war hier.«
»Genauer macht schlauer«, sagte Fett.
»Mit meiner Freundin Jasmin, die kann es bezeugen. Wir waren hier. Wohin denn auch? Ohne Knete. Wir haben DVDs geguckt. Wirklich. Ich bring doch den Alten nicht um. Da schon eher Strack-Zimmermann, die Sau. Der beutet uns aus. Dieses Arschloch. Der kassiert für jeden Schwererziehbaren. Vom Jugendamt und von den Paten. Doppelt cash. Das hat der olle Rütters gemerkt. Der dachte, ich würde ihn bescheißen. Stimmt aber nicht. Trotzdem hat er keine Kohle mehr rübergeschoben. Wahrscheinlich rief er dann einen Escort-Service an. Knete genug hatte er ja. Oder die olle Hausbesorgerin musste ran. Die Tennislady. Einmal hat sie ihn mit einer Drogenabhängigen überrascht. Sie hatte sich beim Tennis verletzt und war ausnahmsweise am Sonntagabend mit ihrem Schlüssel in Sankt Irmi aufgetaucht. Affentheater. Scheiße. Ich bring den doch nicht um.«
Fett neigte dazu, diesem armen Hund zu glauben. So jung und schon das ganze Leben verbaut.
»Wir checken deine Freundin. Name und Adresse. Wenn das nicht stimmt, dann hast du ein Problem. Ein weiteres. Hier, meine Karte, wenn dir noch was einfällt.«
Schmelzer und Fett gingen.
»Der war es nicht«, sagte Fett. »Warum so ein komplizierter Mist mit Handy und Geisterbahn und ›Rurschatten‹? Der wäre beim Rütters am Sonntag eingestiegen. Doch nicht so kompliziert. Wir haben nichts. Nur Schatten, die Schatten von Herrn Rütters. Marie Utzerath, die soll mal mehr erzählen. Von dem feinen Herrn. Oder?«
Fett knuffte Schmelzer in die Seite.
»Jow, Chef.«
Schmelzer hatte nicht die beste Laune. Sein Konto war fast leer. Die Sparkasse Aachen hatte die Raten abgebucht und die Inspektion des Volkswagen Passat war teurer als erwartet ausgefallen: neue Scheibenbremsen, neue Reifen, neuer Anlasser. Alles Käse, dachte Schmelzer.
Aus einer anderen Welt
Marie Utzerath öffnete am Mittwochmorgen, fast vier Wochen nach dem Mord, an einem milden Augusttag den Kommissaren lächelnd die Tür.
»Guten Morgen, Frau Utzerath. Dürfen wir eintreten? Wir haben noch ein paar Fragen an Sie.«
»Sicher, bitte gerne. Bitte kommen Sie in das Wohnzimmer. Kaffee, Tee, Wasser?«
»Kaffee gerne«, sagte Schmelzer.
Fett winkte ab. »Keine Umstände, Frau Utzerath, wir sind gleich wieder weg.«
»Frau Utzerath, Sie haben doch Herrn Rütters regelmäßig in Sankt Irmgardis besucht?«
»Ja, ich bin oft zu ihm gegangen. Wir haben Spaziergänge gemacht.«
»Ist Ihnen etwas aufgefallen in den letzten Monaten?«
»Aufgefallen, ja, vielleicht, er war manchmal etwas schlechter gelaunt. Er erzählte von einem jungen Pfleger, Johnny. Da gab es irgendwie Ärger. Herr Rütters hatte eine Art Patenschaft für den Jungen übernommen. Das hatte ihn etwas beschäftigt. Entschuldigen Sie, dass ich das nicht gleich erzählt habe, denn er war zum Schluss guter Dinge.«
»Kennen Sie Josef Kaiser und wieso gab es Ärger mit ihm?«
»Ich hab den jungen Mann vielleicht einmal auf dem Flur gesehen. Nein, nein. Ich kann Ihnen nicht sagen, um was es ging.«
»Frau Utzerath, das ist jetzt wichtig. Haben Sie Herrn Rütters mal mit einem jungen Mädchen überrascht?«
»Ach, die Geschichte. Das war doch nichts. Sie hat ihm vorgelesen.«
»Vorgelesen?«
»Ja, er liebte es, vorgelesen zu bekommen. Ich hab ihn außer der Reihe sonntags besucht, und da saß sie neben seinem Bett. Ich glaube, sie las ihm Heinrich Böll vor. Ja, Böll. Den mochte er so gerne. Böll lebte in Langenbroich, und Rütters schätzte ihn sehr. Wir diskutierten früher oft die neuen Romane und stritten uns heftig über die Verfilmung von ›Die verlorene Ehre der Katharina Blum‹.«
»Frau Utzerath, hatte Herr Rütters, sagen wir mal, Interesse an jungen Frauen?«
»Nein, Herr Kommissar, ich muss doch bitten. Was hat das mit dem Mord zu tun? Herr Rütters war sehr spendabel und versuchte, Gutes zu tun. Es gab dieses Hilfsprogramm mit dem Herrn Kaiser, und der brachte wiederum andere junge Menschen mit. Rütters versuchte, ich betone, er versuchte, einen guten Einfluss auszuüben. Aber im Innersten glaubte er wohl nicht an einen Erfolg. Vielleicht wollte er durch etwas Muße und Lektüre Nachdenklichkeit erzeugen. Er wollte im Alter immer mehr aufklären, anderen helfen oder die Öffentlichkeit wachrütteln.«
»Wir müssen einfach allen Spuren nachgehen«, sagte Fett und schaute auf die schlanke Marie Utzerath, ihre blauen Augen, die Jeans, die ihr wirklich gut standen, und ihre Jugendlichkeit, die sie wohl nie verlieren würde. Manchmal lohnt sich ein Mord, um Menschen zu treffen, die irgendwie anders sind, dachte Fett und riss sich sofort wieder zusammen. Marie Utzerath gefiel ihm. Er, der cineastische Dilettant, dachte an Marlene Dietrich, die Garbo, Romy Schneider, Catherine Deneuve. Ein Hauch von all den Diven, das hatte die Marie Utzerath.
»Vielen und herzlichen Dank. Wenn Ihnen etwas einfällt, bitte einfach anrufen. Wir freuen uns auf Sie. Und, ach, wie kamen Sie damals, 1985, an die Stelle bei Herrn Rütters?«
»Empfehlung. Jemand hatte mich empfohlen. Ich war einige Jahre im Haus eines Freundes von Rütters. Juwelier Goldbach. Auch hier in Düren. Das Geschäft existiert noch in der Wirtelstraße. Alte Familie. Sie kannten sich, David Goldbach und Alexander Rütters. Düren ist klein. Sie waren eine Generation. Und meine Empfehlungen waren bestens. Immer.«
»Ja, ja. Empfehlung ist immer gut. Empfehlung, Frau Utzerath«, sagte lächelnd Kommissar Fett.
Sie verließen Marie Utzerath, und Fett war gespannt auf Schmelzers Meinung. Der war beim ersten Besuch nicht dabei.
»Nun, lieber Herr Schmelzer, was sagen Sie zu Frau Utzerath?«
»Eine interessante Person. Ich werde nicht richtig schlau aus ihr. Sie haben von ihr berichtet. Eigentlich wirkt sie eher wie die Witwe eines Unternehmers und nicht wie die Hausdame eines Papierfabrikanten. Ob sie uns bei dem Mordfall helfen kann, da hab ich so meine Zweifel. Wer hier lange alleine wohnt, der bastelt sich so seine Geschichte und Geschichten. Vielleicht möchte sie wichtiger oder geheimnisvoller erscheinen, als sie tatsächlich ist. Wir sollten sie mal im Büro durch den Computer laufen lassen. Vielleicht erfahren wir dann mehr als durch die aufwendigen Fahrten nach Düren.«
»Danke, Schmelzer. Eine gute Idee. Das machen wir gleich.«
Marie Utzerath
Er ließ sie durch den Computer laufen und siehe da: Marie Utzerath war 1941 in die Pflegefamilie Utzerath gegeben und von ihr adoptiert worden. Als Mutter war eine belgische Zwangsarbeiterin eingetragen namens Silvie van der Felde, die im Juni 1940 in der Papierfabrik Rütters zum Arbeitseinsatz gezwungen wurde. Vater unbekannt. Warum hatte sie das nicht gesagt? Da gab es mehr Verbindungen als zunächst gedacht. 1941 geboren. Adoptiveltern. Grundschule, Realschule, Berufsschule, Abitur im Abendgymnasium. Hauswirtschafterin in verschiedenen Familien, so auch bei Goldbach von 1966 bis 1976, dann andere Familien, Unternehmer, Anwälte und im Alter von 44 wird sie im Jahre 1985 die Hausdame von Alexander Rütters. Bis der im Jahr 2000 ins Seniorenstift Sankt Irmgardis zieht. 1960 Geburt des Sohnes Robert. Vater unbekannt. Der Junge spielt im Sommer 1965 an der Rur mit Freunden. Da explodiert ein Blindgänger. Alle fünf Kinder sind auf der Stelle tot. Eine englische Fliegerbombe vom Angriff auf Düren, so die Vermutung.
Ob Rütters Tochter mehr über Marie Utzerath wusste? Fett zog ein paar Linien. Rurschatten. Das Wort stand in der Mitte. Daneben die Namen. Richtig weiter war er immer noch nicht. Schatten. Viele Schatten.
Johnny
Schmelzer überprüfte das Alibi von Josef Kaiser und der Freundin, hörte nach bei den Nachbarn, checkte die Handydaten und kam zu dem Ergebnis, das er erwartet hatte. Josef Kaiser war nicht auf der Annakirmes gewesen, Josef Kaiser war ein armer Hund. Pflegefamilie, Schulen abgebrochen, Sankt Irmgardis war eine Chance, und auch hier wurde er ausgebeutet. Ja, er hatte Alexander Rütters immer wieder Mädchen vorbeigebracht, die ihm vorlesen sollten. Er wollte wohl so gerne den Klang einer jungen Stimme hören. Schmelzer suchte mehrere von ihnen auf und alle bestätigten, dass der »Alte«, wie sie ihn nannten, nur zuhören wollte. Dafür zahlte er den Mädchen 100 Euro, und Johnny Kaiser kassierte die Hälfte.
Ein Hinweis an die Heimaufsicht brachte den lieben Fred ins Schwitzen. Fred Strack-Zimmermann kassierte von den Jugendämtern und den Schutzbefohlenen, stellte den Paten überhöhte Kosten in Rechnung und fuhr nach Mallorca in seine Kleinbürgerfinca. Eine einvernehmliche Trennung war zu erwarten, vielleicht sogar eine Abfindung, und Stellvertreterin Helene Schulz-Weißenbach bekam unvermittelt einen Karriereschub. Sie half übrigens bei der Aufklärung mit großer und schlecht gespielter Naivität, nur, um den Gästen im Domizil Aufregung zu ersparen. Johnny Kaiser wurde also entlastet und entlassen, eine neue Maßnahme, so sein Sozialamtsbetreuer, sei in Sicht. Schmelzer wollte sich gar nicht erst vorstellen, welche. Er schloss den Aktendeckel Johnny Kaiser.
Schmelzer denkt
»Es geht sich um …«
»Nein, Schmelzer, es geht, es geht oder sagen Sie, von mir aus, meiner Meinung nach, nicht sich um, nicht sich um, dieser verdammte rheinische Reflexiv, immer dreht sich jemand um sich, trinkt sich jemand was, isst sich jemand selbst auf. Bitte, nicht es geht sich um. Sonst schalte ich ab.«
Fett war gereizt. Da liebte er diese Formulierungen, diese Wolkenschiebereien, diese Redewendungen, dieses Dumpfdeutsch besonders; er konnte nicht mehr. Sodbrennen, Kopfschmerzen, keine tröstende Hand. Nur diese lockere Verbindung.
»Schmelzer, noch mal von vorne.«
»Also, Rütters hat eine Haushälterin, deren Mutter vermutlich ab Mai 1940 in der Fabrik des Vaters gearbeitet hat. Merkwürdig. Rütters lebt in einem Luxusstift, ist Pate von einem Junkie, wird vom Geschäftsführer ausgenommen und vielleicht von dem Junkie erpresst. Wegen der Girls. Ich finde, der Loser Johnny, den sollten wir noch mal rannehmen. Auch wenn ich ihm den Mord nicht zutraue. Wenn der den Alten erpresst und mit Kumpels gemeinsame Sache gemacht hat, dann …«
»Warum dann der Zirkus mit der Geisterbahn? Ist doch viel zu kompliziert für den Jungen. Außerdem hat er ein Alibi. Seine Kumpels haben auch nicht genug drauf für so eine Nummer. Nein, irgendwo liegt ein anderer Faden. Den haben wir noch nicht. Ein Faden mit zahlreichen Knoten. Was ist mit dem Rurschatten? Was ist mit dem Vermögen von Rütters, was wurde eigentlich aus seinem Vater? Ich will mehr über die Familie wissen. Die sind doch ziemlich gut durch den Krieg gekommen.«
Fett dachte an Rührei mit Speck. Irgendwas Herzhaftes musste er essen. Heute war nicht sein Tag. Dazu noch Schießübungen im Schießkino um 14.00 Uhr. Wieder mal auf Filme ballern.
»Herr Fett, Kimme und Korn, sonst klappt das nicht.«
Davon bekam er immer Druck im Kopf. Hundestaffel, das wäre es gewesen. Warum ist er nicht zur Hundestaffel gegangen? Immer schön mit Bello durch die Wälder. Schnüffeln, draußen sein.
»Wo steht die Jagdbude von dem Rütters?«
»Irgendwo, Moment, hinter Einruhr.«
»Einruhr. Kenn ich. Ich schau mir das mal an.«
»Soll ich mitkommen, Chef?«
»Ach, Schmelzer. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient. Aber nicht erschrecken. Die Eifel ist hart, kantig. Und draußen nur Kännchen.«
Die Fliegerin
Fett und Schmelzer fuhren an einem heißen Mittwoch Ende August mit dem Opel Vectra raus nach Einruhr. Sie nahmen die Himmelsleiter, bogen hinter Roetgen nach Lammersdorf ab. Dann über Kesternich die Serpentinen hinunter nach Einruhr. Schmelzer lenkt, Fett denkt. Fenster auf.
»Robert 35 von Zentrale.«
»Robert 35 hört.«
»Position?«
»B 265 vor Einruhr. Mordfall Rütters. Ortsbesichtigung.«
»Verstanden. Ende.«
»Ende.«
»Herr Fett, was machen wir hier eigentlich?«
Schmelzer ruderte mit dem Lenkrad wie W. C. Fields in seinen besten Filmen.
»Nachdenken, Schmelzer. Kaffee trinken. Wandern und nachdenken. Das ist kein einfacher Mord, Schmelzer. Hier steckt was dahinter. Etwas Geheimnisvolles.«
Schmelzer sinnierte und schaltete einen Gang runter, oder umgekehrt. Der Opel sinnierte und Schmelzer schaltete ab. Fett sprach mehr zu sich als zu Schmelzer: »Es könnte ein einfacher Fall sein. Jemand rächt sich an dem Alten. Bestimmt wegen der Fabrik oder irgendeiner Schikane vor 20 Jahren. Der Täter weiß, dass der Alte mit seiner Tochter jedes Jahr zum Feuerwerk geht. Aber was steckt genau dahinter? Warum macht der Alte das alles mit? Dann der Profimord mit Schalldämpfer. Hier stimmt was nicht. Er hätte auch im Seniorenstift erschossen werden können. Warum so spektakulär in der Geisterbahn? Da abbiegen, Hotel ›Seemöwe‹. Auf den Parkplatz.«
Schmelzer parkte ein.
»Schön hier. Muss ich mal mit den Kindern herkommen. Wenn ich mal welche habe.« Schmelzer schaute sich um und griff die Gedanken von Fett auf.
»Die Annakirmes bietet sich zur Flucht natürlich an. Wir können da keine Fahndung auslösen. Das wäre zu riskant gewesen. Ob mit dem Ort noch etwas signalisiert werden sollte? Geisterbahn, Schrecken, Grauen – aber alles nur künstlich. Sehr viel Lärm. – Wohin jetzt, Herr Fett?«
»Zu Fuß raus aus dem Ort, Rurstraße entlang und dann am Ufer weiter. Jägersweiler, so heißt dieses Waldstück, da muss die Hütte stehen. Sie haben recht, Schmelzer. Zugleich wurde seiner Tochter ein großer Schmerz zugefügt. Der Täter wusste, dass Rütters nicht alleine auf dem Platz war. Darauf nahm er keine Rücksicht. Vielleicht sollte genau das erzielt werden. Am Abend der Freude erfolgt der größte Schmerz.«
Beide gingen mit raschen Schritten und schweigend durch Einruhr. Vorbei am Freibad mit Holzverschlag als Eingang. Schmelzer schwitzte, Fett ging zügig voran.
»Der Weg ist noch asphaltiert. Keine Müdigkeit vortäuschen. Los, Schmelzer. Machen Sie mir hier nicht schlapp. Die Rurmücken fressen Sie auf.«
Schmelzer sah ein kühles Kölsch vor Augen. Fett schritt aus. Vorbei an der Kläranlage und der Behelfsanlegestelle auf die Wiesen zu.
»Hier war früher mal Sperrbezirk, aber nicht, was Sie denken. Truppenübungsplatz. Vogelsang. Nicht vom Weg abkommen. Minen. Überall.« Fett lachte.
»Da drüben ist Jägersweiler.«
Sie sahen die Reste von zwei Häusern.
»Das muss das Jagdhaus von Rütters gewesen sein. Wieso durfte der hier denn jagen? Sperrbezirk und mittendrin so ein Jagdhaus? Moment mal.« Fett zögerte. Irgendwas ging ihm durch den Kopf: »Liesel Bach.«
»Wer ist denn Liesel Bach?« Schmelzer verdrehte die Augen.
»Das da hinten, das ist das Haus von Liesel Bach. Und hier war das ehemalige Haus von Rütters.« Fett überlegte.
»Ich hab darüber gelesen. Fliegerin. Eine der ersten und besten deutschen Fliegerinnen. Das war ihr Haus. Rütters, Bach, Einruhr.«
Fett überlegte angestrengt.
»Grundbuchamt. – Schmelzer, checken Sie das. Wann ist das Haus von Liesel Bach eingetragen worden und das von Rütters? Warum durfte der im Sperrbezirk bleiben? Hier, so nah am Obersee der Rur.«
Ein lautes Tuten unterbrach seine Überlegungen. Die MS Aachen, ein Elektroausflugsdampfer, schipperte mit winkenden Niederländern in Richtung Einruhr. Fett konzentrierte sich.
Das Haus war verfallen. Nur wenige Meter daneben das Haus von Liesel Bach, ebenso verfallen. Die Natur hatte alles zurückerobert, wie man so sagt. Nichts war mehr erkennbar. Die Jagdhütte lag wunderschön eingebettet und ruhig mit Blick auf den Obersee. Vielleicht lag das Geheimnis dieses Mordes weit zurück, vielleicht war hier in einem Sommer der 30er- und 40er-Jahre etwas passiert. Fett setzte sich einen Moment in das kniehohe Gras. Die Ruhe überwältigte beide. Sie kehrten wortlos zurück nach Einruhr.
»Schmelzer, tragen Sie alles über Liesel Bach zusammen und über die Geschichte dieser Hütten. Wir müssen allen Spuren nachgehen.« Fett setzte sich auf den Beifahrersitz. Schweigend kehrten sie nach Aachen zurück. Am nächsten Tag trug Schmelzer vor.
Die geheimnisvolle Hütte
»Liesel Bach war eine Kunstfliegerin. Tolle Frau. Jahrgang 1905. 1992 in Frankreich gestorben. Hatte im Krieg Flugzeuge überführt. Nach dem Krieg flog sie durch Indien. Irgendwie unbeschadet aus der NS-Zeit rausgekommen. Die müssen sich gekannt haben. Vielleicht durch die Jagdhütte vom alten Rütters. Ach ja, dann wurde diese Jagdhütte von Rütters 1946 auf Goldbach, Düren, überschrieben. Nach dem Tod von Goldbach fiel es an Rütters zurück zur Nutzung, aber Eigentümer blieb Goldbach, Juwelier, Wirtelstraße. Der durfte auch drin bleiben während der Sperrzeit des ganzen Gebietes. Rütters, Goldbach und wieder Rütters.«
»Goldbach, Juwelier in Düren?«
Fett lief langsam auf Betriebstemperatur.
»Marie Utzerath war bei dem Juwelier doch mal Haushälterin. Liesel Bach, Alexander Rütters, David Goldbach, der Juwelier und Marie Utzerath. Mensch, Schmelzer, langsam verliere ich den Überblick.«
Diamantenfieber
Schmelzer trug alle zugänglichen Informationen über David Goldbach zusammen. Daraus ergab sich folgendes Bild:
David Goldbach, Jahrgang 1919, war mit Alexander Rütters zusammen ins Stiftische Gymnasium gegangen. Humanistische Bildung. Schmelzer tauchte wieder mal ab in Regesten, Archiven, Standesamtsakten. Der Name Goldbach hätte hellhörig machen müssen. Der Name klang nach einer jüdischen Familie. Davids Vater war hochdekorierter Weltkriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg. Die Eltern wurden 1943 deportiert, David ist irgendwie durch den Krieg gekommen. Die Goldbachs besaßen ein Juweliergeschäft und hatten beste Kontakte nach Antwerpen zu den dortigen Juwelieren.
David überlebte. Schutzengel oder wie immer der jüdische Kollege hieß. Wo und wie David genau gelebt hatte, war nicht mehr zu ermitteln. Aber 1946 übertrug der Angestellte, ein gewisser Heinrich Gülpen, das Geschäft zurück an David Goldbach, der es weiterführte und 1999, mit 80 Jahren, bei einem Segelausflug auf dem Rursee einen Unfall hatte und ertrank. Junggeselle. Keine Familie. Schmelzer hatte alles recherchiert. Bei der Polizei Düren war 1999 Oberkommissar Kuckertz der Ansprechpartner.
»Fragen Sie die Nachkommen, Schmelzer. Fragen, fragen, fragen. Wie gehören die alle zusammen? Kannten die Liesel Bach? Die war 15 Jahre älter als die beiden Burschen. Liesel Bach, fragen Sie mal nach, über sie gibt es Bücher. Vielleicht weiß jemand etwas über ihr Leben hier in der Eifel.«
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