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slena
Kriegerherz und Königsehre
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Schicksalstage
Neue Freunde
Ende der Maskerade
Das Geständnis
Erics Begräbnis
Hochzeitsvorbereitungen
Entführt
Olivers Schwur
Im Verlies
Bestätigter Verdacht
Gerettet
Unverhoffter Besuch
Ein neues Jahr
Audienz beim König
Auf Mission für den König
Wieder vereint
Epilog
Impressum neobooks
Prolog
Die Sonne strahlte auf White Castle nieder. An diesem Sommernachmittag in Mittelengland im Jahre 1096 herrschte dort geschäftiges Treiben. Die Ritter waren von der Jagd nach Hause gekommen und die Beute wurde entsprechend verarbeitet: Das Fleisch wurde geräuchert oder in einem kühlen Raum gelagert. Man erwartete Gäste. Sir Otto Wallace und sein 27-jähriger Sohn Oliver sollten am frühen Abend mit einigen ihrer Gefolgsleute eintreffen. Sir Robert Eddings, der Burgherr von White Castle, hatte zu seinem 40. Geburtstag geladen. Er stand neben dem großen Brunnen mitten im Burghof und beobachtete seine hübsche Gemahlin. Lady Diana ging ganz in der Organisation des herannahenden Festes auf. Sie war mit ihren 35 Jahren noch immer eine wunderschöne Frau. Rotes langes Haar, welches sie jedoch unter einem weißen Schleier verbarg, und grüne Augen leuchtend wie Smaragde strahlten mit der Sonne um die Wette. Ihre Wangen waren leicht gerötet vor Anstrengung. Mit sanfter, aber trotzdem bestimmender Stimme erteilte sie der Dienerschaft Anweisungen. Noch immer verspürte Robert eine tiefe Liebe zu ihr und wenn er sie so ansah, zog es in seinen Lenden. Seit nunmehr fast 20 Jahren waren sie verheiratet. Ihre Liebe war mit der Geburt von Zwillingen gekrönt worden, die jetzt 13 Jahre alt waren: Eric, der Erstgeborene und Deria, seine Schwester. Sie sahen sich so ähnlich, dass sie kaum auseinander zu halten waren. Beide hatten das Aussehen ihrer Mutter geerbt.
Eric war auf dem unteren Burghof und bekam Unterricht im Schwertkampf. Robert sah kurz zu ihm hinunter und schmunzelte. Sein Sohn schwang sein Holzschwert übermütig und versuchte, Sir Edgar zu treffen. Dieser wich ihm geschickt aus und versetzte ihm im Gegenzug einen Stich. Eric fluchte so laut, dass Robert lachen musste. Doch dann spürte er den prüfenden Blick seiner Gattin auf sich und wandte den Kopf in ihre Richtung. Er lächelte sie an und ging zu ihr. Liebevoll schlang er die Arme um sie und küsste sie auf den Mund. Diana hatte sich in all den Jahren nicht an die zärtlichen Bekenntnisse ihres Gatten in aller Öffentlichkeit gewöhnen können und senkte vor Verlegenheit den Kopf.
„Noch immer schüchtern wie eine Jungfrau“, raunte ihr Robert in ihr Ohr.
„Lass das, du Wüstling, du machst mich ganz verlegen“, flüsterte sie und versuchte sich aus seiner stählernen Umarmung zu befreien. Er blickte in ihr Gesicht und registrierte amüsiert ihr schelmisches Lächeln. Dann ließ er sie los.
„Hast du Deria gesehen?“, fragte ihn seine Frau.
„Nein, wo ist das Mädel schon wieder hin? Ich dachte, sie hilft dir.“
„Nein, nachdem ich ihr gesagt habe, was wir heute Abend feiern, ist sie kreidebleich davongerannt“, erwiderte seine Frau seufzend.
„Du hast es ihr gesagt? Warum?“, fragte Robert überrascht.
„Nun, sie muss sich doch wenigstens damit auseinandersetzen können, dass sie heute zum ersten Mal ihren zukünftigen Ehemann sieht. Außerdem wollte ich vermeiden, dass sie unhöflich wird.“
Robert musste lachen. Seine kleine Deria hätte ein Junge werden sollen. Wild, ungezügelt und frech war sie. Und obwohl sich Diana große Mühe mit der Erziehung ihrer Tochter gab, fiel es Deria schwer sich wie eine Dame zu benehmen.
Währenddessen war Deria über die Wiesen gelaufen, die an die Burg grenzten, und saß nun unter ihrem Lieblingsbaum, einer alten Trauerweide. Ihre weit herabhängenden Zweige spendeten gleichzeitig Schatten und verbargen das Mädchen vor neugierigen Blicken.
Sie war immer noch sehr aufgewühlt über die Worte ihrer Mutter:
„Heute Abend werden wir deine Verlobung bekannt geben. Oliver Wallace wird dich an deinem 18. Geburtstag zur Frau nehmen.“
Deria sollte einen Mann heiraten, den sie noch nie gesehen hatte! Wenn auch erst in fünf Jahren. Sie wusste, dass alle jungen Mädchen irgendwann mit irgendjemand verheiratet wurden, aber sie hatte immer geglaubt, dass ihre Eltern anders wären und sie Deria selbst ihren Ehemann wählen lassen würden. Welch falscher Gedanke, dachte sie verbittert. Tränen liefen an ihren Wangen hinunter. Sie war wütend. Auf ihren Vater und ihre Mutter und auf Eric, denn er war frei und konnte tun und lassen was ihm gefiel. Sie hingegen durfte nicht mehr allein ausreiten, seit sie vom Pferd gefallen war und Angst hatte. Auch Schwertkampfunterricht war ihr verboten und schwimmen konnte sie nur heimlich gehen. Daher Deria fasste einen Entschluss: Ich laufe weg. Und zwar jetzt sofort! Sie sprang auf, wischte sich entschlossen die Tränen aus dem Gesicht und trat unter dem Baum hervor. Sie blickte noch einmal zur Burg zurück, dann wandte sie sich um und begann in Richtung Wald zu laufen. Plötzlich tauchten zwischen den Bäumen bunte Flecken auf und das Echo von Pferdehufen donnerte zu Deria herüber. Dann sah sie auch schon die Ritter aus dem Wald hervorbrechen. Sie erkannte Sir Otto und seinen Sohn Oliver sofort an den Farben ihrer Wappenröcke: Ein riesiger aufrecht stehender Bär in blutroter Farbe zeichnete sich deutlich auf dem schwarzem Hintergrund ab. Schlagartig hielt Deria inne, änderte dann die Richtung und begann zu rennen, so schnell sie ihre Beine trugen. Otto sah die kleine Gestalt und nickte seinem Sohn zu:
„Sieh mal dort, Oliver, wenn das nicht die kleine Deria, deine Braut, ist. Wo sie wohl so schnell hin will?“
Oliver schnaubte verächtlich:
„Das ist keine Braut sondern ein Kind, noch dazu ein äußerst verzogenes.“
„Oliver, du weißt, dass wir heute nur das Heiratsversprechen geben. Sie wird noch zu einer Frau heranwachsen. Am besten reitest du dem Mädchen nach und bringst sie mit“, sagte sein Vater lachend.
Mit einem Kopfschütteln zügelte Oliver sein Pferd und ritt der sich entfernenden Gestalt hinterher. Sie war groß, aber auch sehr dünn. Nach kurzer Zeit hatte er sie eingeholt und stellte zornig fest, dass es tatsächlich seine zukünftige Verlobte war, die wie ein Junge gekleidet davonlief. Als er auf gleicher Höhe war, stellte er sich in die Steigbügel, umfing ihre Taille und zog sie schwungvoll vor sich in den Sattel.
„Lasst mich sofort runter!“, schrie sie ihn zornig an und begann zu treten und um sich zu schlagen.
Statt einer Antwort schlug ihr Oliver jedoch mit der flachen Hand auf den Hintern.
„Wenn du noch ein Wort sagst oder dich mir noch einmal widersetzt, werde ich dir deinen kleinen Po grün und blau schlagen. Hast du verstanden?“, drohte Oliver.
Derias Hintern brannte wie Feuer und so verhielt sie sich still. Oliver ließ sein Pferd langsamer werden und Deria erkannte entsetzt, dass sie fast die Burg erreicht hatten.
„Bitte lasst mich herunter. Ich möchte alleine hineingehen.“
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen“, gab Oliver schroff zurück.
Das Hufgetrappel schallte in Derias Ohren als sie durch das Burgtor ritten.
„Deria!“, donnerte die Stimme ihres Vaters, als dieser sie quer vor Oliver im Sattel liegen sah. Der junge Wallace ließ sie vorsichtig vom Pferd gleiten. Mit hochrotem Kopf blickte Deria sich um, sah die zornig blitzenden Augen ihres Vaters und den kummervollen Blick ihrer Mutter. Mit gesenktem Kopf ging sie zu ihnen.
„Geh dich umziehen! Wir reden später darüber. Dann hilf deiner Mutter.“
„Ja, Vater“, erwiderte Deria kleinlaut.
Deria trug ein weißes Unterkleid mit langen Ärmeln und darüber ein grünes mit Gold besticktes Kleid, das hervorragend zu ihren Augen passte. Ihr Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten und mit einem grünen Band durchzogen. Als sie in die große Halle trat, saßen bereits alle an den Tischen und unterhielten sich lautstark. Das Kinn trotzig vorgestreckt ging sie zu ihrem Platz. Ihr war bewusst, dass Oliver sie die ganze Zeit anstarrte. Wenn er mich weiterhin so angafft, fallen ihm noch die Augen aus dem Kopf, dachte Deria und streckte ihm wenig damenhaft die Zunge heraus. Oliver war schier sprachlos von dieser Frechheit und zog erstaunt seine rechte Augenbraue hoch.
Als Deria sich auf ihren Platz setzte, stieß Eric ihr den Ellenbogen in die Rippen und raunte ihr zu:
„Bei Gott, Deria, du siehst fast schon wie eine Dame aus. Fehlen nur noch die entsprechenden Rundungen.“
Grinsend beschrieb er mit den Händen welche Rundungen er meinte.
„Schwachkopf“, zischte sie ihrem Bruder zu.
Sie aß nur wenig und folgte auch nur ab und an einem Gespräch. Spät am Abend erhoben sich Sir Robert und Sir Otto und baten um Aufmerksamkeit.
„Verehrte Freunde, verehrte Gäste, wir sind heute nicht nur zusammengekommen um mein Wiegenfest zu feiern, sondern auch die Vereinigung unserer beiden Familien. Mit Freude geben wir die Verlobung meiner Tochter Deria und Oliver Wallace bekannt. Die Vermählung wird am Tag von Derias 18. Geburtstag stattfinden.“
Während er dies sagte, nahm er die Hand seiner Tochter, zog das Mädchen von ihrem Stuhl hoch und überreichte sie symbolisch an Oliver. Der junge Wallace blickte in die Augen der kleinen Deria und drückte ihr einen Kuss auf die Hand. Dann flüsterte er ihr zu:
„Auch wenn du jetzt nur wie eine Küchenmagd aussiehst, so hoffe ich doch, dass du in fünf Jahren so schön wie deine Mutter sein wirst.“
Deria war zutiefst verletzt über diese Worte und trat ihm mit aller Kraft gegen sein Schienbein.
„Bevor ich so einen Grobian wie Euch heirate, gehe ich lieber ins Kloster“, fauchte sie.
Dabei entzog sie ihm ruckartig die Hand und stürmte aus dem Saal. Ihre Tränen sollte keiner sehen.
„Deria!“, schrie ihr Vater ihr hinterher, aber dieses Mal hörte Deria nicht hin.
„Oliver, sie ist noch ein halbes Kind“, versuchte Diana das Verhalten ihrer Tochter zu entschuldigen.
Obwohl Oliver gegen diese Verlobung war, musste er doch grinsen. Was würde er für einen Spaß haben, diesen Wildfang zu zähmen.
Schicksalstage
Die Jahre vergingen und kurz nachdem die Zwillinge ihr 15. Lebensjahr zählten, brach eine fürchterliche Fieberepidemie über England herein. Auch White Castle blieb davon nicht verschont. Lady Diana kümmerte sich aufopferungsvoll um die Kranken, ob es Adelige oder Leibeigene waren spielte keine Rolle. Deria unterstützte sie, wo sie nur konnte. Sie war in den letzten beiden Jahren zu einer kleinen Schönheit herangereift. Ihre „Rundungen“, wie es ihr Bruder neckend nannte, waren hervorgetreten und ihr Gesicht glich immer mehr dem ihrer Mutter.
An diesem Tag saßen beide am Bett von Jane und Hannah, einer Leibeigenen und ihrem kranken Kind.
„Ach Mutter, sie werden es nicht schaffen“, wisperte Deria traurig.
So viele waren schon gestorben und bei jedem hatte sie geweint, so dass sie manchmal glaubte, keine Tränen mehr zu haben. Doch Jane und Hannah lagen ihr besonders am Herzen. Milly, Janes älteste Tochter, war Derias Zofe und jetzt sollte ausgerechnet ihre Familie sterben.
Diana war blass. Die letzten Wochen waren zuviel für sie gewesen. Sie hatte starke Kopf- und Gliederschmerzen und hatte nächtelang nicht mehr geschlafen. Gerade wechselte sie die kühlen Umschläge einer Kranken als ihr schwindelig wurde. Diana richtete sich auf, ihr wurde schwarz vor Augen. Ohnmächtig brach sie zusammen.
„Mutter, um Gottes Willen! Hilfe!“, schrie Deria und kniete neben ihr nieder.
Sir Edward, der in der Nähe war, kam sofort herbeigelaufen und betrat die Hütte.
„Mylady…!“, rief dieser erschrocken.
Er nahm sie auf die Arme und trug sie zur Burg zurück.
Deria lief neben ihm und redete verzweifelt auf ihre Mutter ein. Sir Edward brachte Diana in ihr Schlafgemach und legte sie aufs Bett.
„Ich werde Sir Robert suchen“, sagte er und verließ die beiden.
Deria befahl einer Magd, sofort kühles Wasser zu bringen und zog ihrer Mutter den Schleier vom Kopf. Dianas Haare waren feucht vom Schwitzen, ihre Stirn und ihre Wangen glühten.
„Oh Mutter, jetzt bist du auch krank“, jammerte Deria.
Sie kühlte ihrer Mutter die Stirn und zog ihr das Obergewand aus. Sie blieb an ihrer Seite sitzen und hielt ihre Hand. Wie lange sie so da saß, wusste Deria nicht mehr. Plötzlich flog die Tür auf und ihr Vater kam hereingestürmt.
„Diana, mein Liebes.“
Er sank neben dem Bett auf die Knie und nahm ihre feuchte Hand in die seine.
„Du darfst mich nicht verlassen. Ich kann ohne dich doch nicht leben.“
Deria stand auf und betrachtete ihre Eltern. Angst schnürte ihr die Brust zu, das Atmen fiel ihr schwer.
„Vater, wird sie sterben?“
„Nein, sie wird bestimmt wieder gesund werden. Deria, dein Bruder fühlt sich auch nicht wohl. Kannst du bitte nach ihm sehen?“, bat ihr Vater mit zittriger Stimme.
Deria rannte aus dem Zimmer und suchte Eric. Sie fand ihn in seinem Schlafgemach. Er hatte sich bis auf sein Hemd ausgezogen und lag auf dem Bett.
„Wie geht es Mutter?“, fragte er mit matter Stimme. Deria erschrak, als sie ihn hörte, und noch mehr als sie das Fieber in seinen Augen brennen sah. Sie stürzte zu ihm und warf sich in seine Arme.
„Sie ist so krank… genau wie du. Ach Eric…“, schluchzte sie.
Vater und Tochter teilten sich die Pflege der Kranken. Robert saß am Bett seiner Frau und versuchte das Fieber zu lindern. Er ließ Heiler kommen, doch keiner konnte helfen. Diana war in einen Dämmerzustand gefallen, aus dem es kein Erwachen mehr für sie gab. Nach einer Woche hörte ihr müdes Herz auf zu schlagen. Auch Eric lag in diesem Delirium, doch sie hatten Hoffnung, dass er es schaffen würde, da er noch jung und robust war.
Deria stand am Bett und betrachtete ihre tote Mutter. Sie fühlte sich schuldig, dass sie nicht bei ihr gewesen war. Wie gerne hätte sie ihr noch gesagt, wie sehr sie sie liebte. Nun war es zu spät. Sie drückte einen Kuss auf die Stirn ihrer Mutter, bevor man den Leichnam für das Begräbnis vorbereitete.
Der Himmel war wolkenverhangen. Es regnete in Strömen als die kleine Prozession von der Burg zu Lady Dianas letzter Ruhestätte zog. Ein paar Dorfbewohner, die bisher vom Fieber verschont geblieben waren, schlossen sich ihnen an, um ihrer angesehenen Burgherrin die letzte Ehre zu erweisen. Christlichen Beistand gab es nicht, der Priester war auch dem Fieber erlegen. Es war Derias Vater, der diese Aufgabe übernahm. Mit hängenden Köpfen lauschten die Trauernden Sir Roberts Grabrede und stimmten in das abschließende Gebet mit ein.
Deria wickelte fröstelnd ihren Umhang enger um sich, dennoch spürte sie die Kälte und die Feuchtigkeit bis in ihre Knochen. Sie weinte als man ihre Mutter ins Grab hinabsenkte.
Als Deria mit ihrem vor Kummer gebeugten Vater zurück zur Burg ging, bemerkte sie seine Tränen. Er weinte still vor sich hin. Als sie jedoch in seine Augen sah, erkannte sie auch darin die ersten Anzeichen des tückischen Fiebers.
„Bei Gott, Vater, du bist auch krank!“
„Ich weiß, kleine Deria. Schon seit ein paar Tagen spüre ich es in mir. Jetzt werde ich mich ausruhen, damit ich dir bei Eric helfen kann.“
Verzweiflung überkam Deria. Was, wenn Eric und ihr Vater sterben würden? Was würde dann aus ihr werden? Sie müsste Oliver heiraten, diesen gemeinen Kerl, der sie geschlagen und verspottet hatte, und der es sicher wieder tun würde.
Sie ging in Erics Kammer und bemerkte seine schwache Atmung. Er wird sterben, auch er wird sterben, dachte sie bekümmert und weinte.
Milly half ihr bei der Pflege und so konnte sie gelegentlich bei ihrem Vater sein. Im Delirium redete er sie mit dem Namen ihrer Mutter an:
„Diana, du bist so schön wie damals, als ich dich auf meine Burg holte. Wie geht es den Kindern?“
„Gut. Schlaf jetzt“, antwortete Deria geduldig.
Sie fühlte sich müde. Seit Tagen hatte sie kaum etwas gegessen und jetzt wollte sie nur noch schlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich wie zerschlagen, jeder Muskel schmerzte.
Ich bin wohl auch krank, stellte Deria fast glücklich fest. Dann werden wir wenigstens alle gemeinsam sterben, fügte sie ihren Gedanken hinzu.
Deria lief als sei der Teufel persönlich hinter ihr her. Als sie einen kurzen Blick über ihre Schulter warf, sah sie Oliver Wallace auf seinem Pferd herangaloppieren. Verzweifelt rannte sie weiter. Doch das Schnauben des Pferdes und das Donnern seiner Hufe kamen immer näher.
„Du kannst mir nicht entkommen, Deria! Die Ehe ist beschlossen, du wirst mir ein gutes Weib sein.“
Olivers Lachen dröhnte in Derias Ohren. Gerade wollte sie einen Haken zum Waldrand hin schlagen, als Deria gepackt und in die Luft gehoben wurde. Wild strampelte sie mit ihren Beinen und versuchte sich zu befreien.
„Nein! Lass mich los! Ich will dich nicht heiraten, nein!“
„Aber Deria, beruhige dich doch!“, hörte sie plötzlich eine Frauenstimme. Deria schlug die Augen auf. Milly tupfte ihr mit einem kalten Lappen über die Stirn.
„Milly… wo ist Oliver…“, flüsterte Deria.
Ihre Zofe schüttelte bekümmert den Kopf.
„Er ist nicht hier, Deria. Du liegst im Delirium. Schlaf jetzt, damit du wieder gesund wirst. Ich bin bei dir.“
Dankbar und zutiefst erleichtert, dass Oliver nur ihrem Fieber entsprungen war, schlief Deria wieder ein.
Die Zwillinge lagen in einem Raum und nur Milly war bei ihnen. Kein anderer durfte die Kammer mit den beiden Kranken betreten, darum hatte Deria gebeten. In der zehnten Nacht seit Erics Erkrankung hauchte einer der Zwillinge seinen letzten Atemzug aus, während der andere eine schwerwiegende Entscheidung für sein eigenes Leben traf.
Zwei Jahre waren seit der verheerenden Fieberepidemie vergangen.
Wie durch ein Wunder überlebten Robert und sein Sohn Eric die Krankheit. Deria hingegen hatte den Kampf mit dem Fieber verloren. Robert jedoch erholte sich nicht wieder ganz von der Krankheit. Er spürte, dass die Krankheit ihn langsam aber sicher aufzerrte und er bald sterben würde. Daher musste er eine Lösung für Eric finden. Wer sollte ihn zu einem ehrenhaften Ritter ausbilden? Seine Lehnsmänner, denen Robert blind vertraute, waren bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls gestorben und die verbliebenen konnten diese Aufgabe nicht zu seiner vollkommenen Zufriedenheit erledigen. Leider war auch Sir Otto dem Fieber erlegen. Wieder kam ihm dessen Sohn Oliver in den Sinn. Er war jetzt 32 Jahre alt und hatte sich in vielen Schlachten einen Namen gemacht. Da Robert schon einmal eines seiner Kinder in die Obhut von Oliver geben wollte, kam nur er für diese Aufgabe in Betracht und so schickte er nach ihm, ohne Eric darüber zu informieren. Erst wenn Oliver einverstanden wäre, würde er mit Eric darüber sprechen, denn er rechnete mit gehörigem Widerstand, wenn sein Sohn von seiner Entscheidung erfuhr.
Seit dem Tod seiner Mutter und Derias kümmerte sich Eric um die Verwaltung der Burg und Lehensgüter. Dies tat er trotz seiner 17 Lenze sehr erfolgreich. Aber er musste auch stark werden, um sich in dieser harten Welt behaupten zu können und das sollte ihm Oliver beibringen.
„Sei mir gegrüßt, Vater, wie geht es dir heute?“, fragte Eric, als er Robert das Mittagessen brachte.
„Ach Eric, lass das doch. Das sind Frauenarbeiten! Wieso machst du das?“, fragte Robert ärgerlich.
Eric zuckte nur mit den Schultern.
„Ich werde jetzt die Felder überprüfen. Wenn du etwas benötigst, lass es Geoffrey bitte wissen.“
„Eric, wir bekommen Gäste. Ich habe den jungen Wallace gebeten zu kommen, da ich mit ihm einiges zu besprechen habe. Wenn er kommt, geleite ihn bitte umgehend zu mir.“
Während er sprach, schüttelte ihn ein Hustenanfall. Eric schaute besorgt auf das pergamentfarbene Gesicht seines Vaters. Er sah älter aus als er eigentlich war. Obwohl er spürte, dass sein Vater dem Tode täglich näher kam, wollte der junge Eddings es nicht wahrhaben. Und er hatte große Angst, was dann mit ihm selbst geschehen würde.
„Was ist der Grund dieses Besuchs?“, versuchte er möglichst beiläufig von Robert zu erfahren.
„Mein Sohn, das werde ich dir noch früh genug sagen und jetzt kümmere dich um deine Pflichten als Gastgeber“, fuhr ihn sein Vater gereizt an.
Eric verließ verstimmt das Gemach seines Vaters.
„Irgendetwas führt er im Schilde“, murmelte Eric vor sich hin. „Sonst hätte er nicht so geheimnisvoll getan. Und es betrifft mich“. Diese Erkenntnis verursachte ihm noch mehr Unbehagen.
Eric wies Milly an, entsprechend für den bevorstehenden Besuch, ein üppiges Mahl vorbereiten zu lassen. Er selbst wollte gerade gehen, als ein kleiner Junge angesprungen kam und meldete:
„Reiter kommen, sie tragen die Farben der Familie Wallace.“
„Danke Peter, führ sie herein“, nickte Eric ihm freundlich zu. Er strich seine Hosen und sein Wams glatt und blieb auf der obersten Treppenstufe stehen. Vier Jahre war es her, seit er Oliver das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte ihn immer als schwarzen Riesen mit eisblauen Augen in Erinnerung.
Es dauerte nicht lange und dann kam Peter mit weit ausschreitenden Schritten in die große Burghalle und blieb vor Eric stehen. Er deutete auf den großen Mann hinter sich: „Sir Olivääär Wallace, Mylord“, kündigte er den Besucher gestellt vornehm an.
Eric zuckte unmerklich zusammen. Olivers Augen waren genauso eisig, wie er sie in Erinnerung hatte. Oliver blieb zwei Stufen unterhalb von Eric stehen und war trotzdem genauso groß wie sein Gegenüber.
„Mein Vater heißt Euch auf Burg White Castle willkommen“, sprach der junge Gastgeber zögerlich.
„Und Ihr etwa nicht?“, fragte Oliver erstaunt. Dabei zog er seine rechte Augenbraue gereizt in die Höhe. Eric schluckte und versuchte sich zu rechtfertigen:
„Verzeiht dieses Missverständnis. Es sollte ein besonderer Willkommensgruß sein.“
„Nun, wenn das so ist…“
„Aber sicher! Vater wünscht Euch umgehend zu sprechen, wenn Ihr bereit dazu seid.“
„Natürlich, seine Nachricht klang dementsprechend. Er hatte Glück mich zu erreichen, ich war gerade auf dem Weg zu meiner Vermählung.“
Ein stechender Schmerz durchfuhr Eric:
„So schnell habt Ihr meine Schwester schon vergessen?“, warf er seinem Gast vorwurfsvoll entgegen.
Oliver blieb überrascht und verärgert zugleich stehen.
„Eric, ich habe Eure Schwester nur einmal gesehen und zwar am Tag unserer Verlobung. Da war sie noch ein Kind. Ich bedaure Euren Verlust, aber mir hat sie nichts bedeutet“, antwortete Oliver ohne eine Spur der Reue in seiner Stimme.
Der Schmerz wurde heftiger und brannte ungeheuer in Erics Brust. Tränen bahnten sich einen Weg ins Freie, doch er blinzelte sie weg.
Eric geleitete Oliver nun schweigend zu Roberts Räumen. Als er die Tür öffnete und hinter Oliver eintreten wollte, schaute ihn sein Vater sofort an:
„Eric, ich möchte mit Oliver allein sprechen. Ich rufe dich später hinzu.“
Roberts Stimme klang so stark und bestimmend wie früher. Mit trotzigem Blick schloss Eric die Tür ein wenig lauter als sonst hinter sich.
„Oliver, verzeih, dass ich nicht aufstehen kann, aber du siehst ja selbst, was aus mir geworden ist“, versuchte Robert zu scherzen und hob entschuldigend die Hände.
Oliver war bestürzt, wie alt und schwach der langjährige Freund seines Vaters aussah. Der Schatten des Todes lag auf ihm, das erkannte Oliver sofort.
„Wie kann ich dir dienen?“
„Setz dich!“
Oliver nahm ihm gegenüber Platz und Sir Robert schaute ihn eingehend an.
„Du bist ein stattlicher Mann geworden. Dein Vater wäre stolz auf dich, mein Junge. Und du wärst meiner Deria ein guter Mann gewesen. Wie gerne hätten wir unsere Familien durch diese Heirat verbunden“, seufzte er bedauernd. „Doch es kam alles anders. Oliver, ich werde bald sterben, ich spüre es. Meine einzige Sorge gilt Eric. Er hat in den letzten beiden Jahren die Burg verwaltet. Hier kannst du die Bücher einsehen. Er ist jetzt 17 Jahre alt, doch noch fehlt ihm die körperliche Entwicklung zum Manne. Er braucht einen Beschützer und einen Erzieher.“
Diese kurze Ansprache hatte Robert merklich geschwächt und er holte tief Luft, bevor er fortfuhr:
„Oliver, ich bitte dich, Eric als Mündel anzunehmen und ihn zu einem ehrbaren Ritter und Mann zu erziehen. Durch meine Krankheit war und wird es mir nicht mehr möglich sein. Seit Diana und Deria tot sind, hat er keinen Schwertkampfunterricht mehr gehabt. Er hat sich nur um die Verwaltung der Burg und der Ländereien gekümmert.“
„Was sagt Eric dazu?“
Oliver musste an die widerspenstige Deria denken. Das Verhalten des jungen Mannes beim Empfang ließ ebenfalls einen gewissen Trotz vermuten.
„Er weiß es noch nicht. Ich wollte mich erst vergewissern, ob du diese Aufgabe übernehmen würdest. Als Dank dafür sollst du die nächsten vier Jahre die Einnahmen aus der Verwaltung der Burg und den Ländereien bekommen.“
Da Robert das Schweigen Olivers als Ablehnung deutete, unterstrich er seine Bitte mit diesem großzügigen Angebot.
„Robert, ich danke dir für diese Geste. Ich fühle mich zutiefst geehrt, dass du mir deinen Sohn anvertrauen möchtest, so wie du mir damals auch deine Tochter anvertraut hattest. Ich nehme diese Aufgabe sehr gerne an und werde mein Bestes geben, aus Eric einen ehrbaren und anständigen Mann zu machen.“
Er sah die Erleichterung in Roberts Gesicht. Diesen überkam erneut ein Hustenanfall. Oliver bemerkte das Blut auf dem Tuch, dass sich Robert vor den Mund hielt, und erkannte, wie schlimm es um den Herrn von White Castle wirklich stand. Es war nur noch eine Frage von Tagen, bis dessen letztes Lebenslicht erlosch.
„Gut, holen wir Eric und setzen ihn von unseren Plänen in Kenntnis“, keuchte der ältere Mann.
Oliver öffnete die Tür und schickte Geoffrey nach Eric.
Als dieser das Zimmer seines Vaters betrat, musterte Sir Oliver ihn aufmerksam. Der Junge ging zum Stuhl seines Vaters und blickte ihn gespannt an.
„Du wolltest mich sprechen?“
Er ahnte bereits, dass sein Vater ihm etwas sagen würde, was ihm nicht behagte.
„Eric, ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Sir Oliver wird deine Erziehung übernehmen, du wirst ihm auf sein Anwesen folgen.“
„Auf keinen Fall! Ich kann dich doch nicht alleine lassen“, protestierte er.
„Eric, es ist mein ausdrücklicher Wille. Ich kann diese Aufgabe nicht mehr ausüben, meine Tage sind gezählt. Du hast die Tätigkeiten zum Verwalten und Führen einer Burg in den letzten beiden Jahren hervorragend gemeistert, aber das reicht nicht für den Rest deines Lebens. Du musst auch die Burg und ihre Bewohner vor Feinden verteidigen können. Du musst den Umgang mit Waffen erlernen. All das wird dir Oliver beibringen. Und ich möchte, dass du ihm gehorchst. Eric, schau mich an! Versprichst du mir das?“
Nur widerwillig hob Eric den Kopf. Er blickte erst seinen Vater in die Augen und dann kurz auf Oliver. Er hatte keine andere Wahl, seinem Vater konnte er den letzten Willen nicht abschlagen.
„Ich verspreche es dir“, sagte er gepresst.
„Eric, wir brechen morgen früh auf“, erklärte Oliver, der die innere Ablehnung von Roberts Sohn spürte.
„So früh schon?“, versuchte der Jüngling zu widersprechen.
„Eric!“ Die Mahnung seines Vaters wurde von einem erneuten Hustenanfall unterbrochen. Eric drehte sich um und stapfte wütend davon. Geräuschvoll schloss er die Tür hinter sich und rannte in seine Räume.
Er war außer sich vor Zorn und ging in seinem Zimmer von einer Seite zur anderen. Dabei redete er laut vor sich hin:
„Verdammt, das darf doch nicht wahr sein! Wie konnte Vater mir das antun? Ausgerechnet Oliver Wallace! Ich wäre auch sehr gut allein zurechtgekommen. Das habe ich doch die letzten Jahre eindeutig bewiesen.“
Ein zaghaftes Klopfen unterbrach seinen Monolog.
„Ja?“
„Ich bin es, Milly. Darf ich eintreten?“
„Ja, komm rein“.
Stillschweigend blickte Milly auf die zornige Person vor sich.
„Ich bin sein Mündel, Milly! Vater hat Sir Oliver mit meiner Ausbildung zum Ritter beauftragt. Kannst du dir das vorstellen?“
„Bei Gott, was wirst du jetzt tun?“, fragte Milly entsetzt.
„Ich werde, wie ich es Vater versprochen habe, bei Oliver in die Ausbildung gehen. Ich werde mich so tollpatschig anstellen, dass er mich schneller als gedacht wieder nach Hause schickt. Und dann bin ich diesen Kerl los. Ja, so mach ich es!“, rief Eric zuversichtlich und warf seinen Kopf siegessicher in die Höhe. Der Plan war in seinen Augen einfach, aber genial.
„Da wäre ich mir nicht so sicher, du freches Bürschlein.“
Als Eric die Stimme seines frisch ernannten Vormundes vernahm, setzte sein Herz einen Herzschlag lang aus. Er fuhr herum. Oliver stand lässig in den Türrahmen gelehnt und hatte wieder die rechte Augenbraue hochgezogen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er wütend war.
„Was fällt Euch ein, mir nachzuschleichen?“, fauchte Eric erschrocken.
Die Augenbraue hatte mittlerweile die Form eines spitzen Dreiecks, doch Oliver beherrschte sich ohne große Mühe.
„Dein Vater möchte dich sprechen. Es geht ihm sehr schlecht.“
Eric wollte sich an Oliver vorbeidrücken, doch dieser hielt den Jungen am Oberarm fest.
„Lasst mich los, Ihr tut mir weh!“
Eric zerrte an seinem Arm, doch der Druck wurde nur noch fester.
„Morgen beginnen wir mit deiner Ausbildung, Eric. Heute lasse ich dir deine Respektlosigkeit noch einmal durchgehen. Aber vergiss nicht, ab morgen ist meine Geduld zu Ende!“, flüsterte Oliver zwar leise, doch die Drohung war nicht zu überhören. Dabei schaute er Eric ins Gesicht. Sonderbar, wie zart seine Züge sind, durchfuhr es Oliver. Lange Wimpern umgaben die grünen Augen, die in einem hervorragenden Kontrast zu den goldroten Haaren standen. Fast wurden diese schönen Augen von dem langen Pony versteckt. Die Lippen waren sinnlich geschwungen, fast zu schön für einen Mann. Abrupt ließ Oliver Eric los und dieser floh zu seinem Vater.
Sir Robert lag im Sterben. Eric sah seinen Vater auf dem Bette liegen, der Atem ging flach.
„Vater, nein, du darfst mich nicht allein lassen. Nicht mit diesem …“
„Mein Sohn, glaube mir, es ist das Beste so. Mach mir keine Schande. Hast du verstanden? Schwöre es mir!“ Lord Eddings Stimme war nur noch ein Flüstern. Eric kniete neben dem Bett und hielt die Hand seines Vaters.
„Ja“, kam es kaum hörbar über seine Lippen.
Mit der anderen Hand strich sein Vater ihm noch einmal liebevoll über das Haar und verschied.
„Vater… !“
Eric warf sich auf den ausgemergelten Körper seines Vaters und weinte bitterlich. Fast die halbe Nacht saß er am Totenbett, bis ihn die Erschöpfung übermannte und er auf dem Fußboden einschlief.
Geoffrey stand seit Stunden vor dem Schlafgemach und hörte das Klagen des Sohnes um den geliebten Vater. Als dies verstummte, spähte der Diener in den Raum und sah Eric auf dem Boden liegen. Leise schloss er die Tür und ging in die große Halle, um Oliver zu suchen. Der junge Wallace stand vor dem Kamin und unterhielt sich mit seinem Onkel Guy.
„Sir Oliver, verzeiht die Störung“, begann Geoffrey.
Der Angesprochene nickte dem Diener auffordernd zu.
„Sir Robert ist soeben verstorben. Eric ist vor Erschöpfung eingeschlafen und liegt nun vor dem Bett seines Vaters. Dürfte ich Euch um Hilfe bitten, den Jungen in sein Gemach zu bringen?“
Oliver warf Guy einen kurzen Blick zu und beide folgten dem Kammerdiener. Als sie das Gemach des Burgherrns betraten, schlief Eric noch immer. Es war ein erschreckend trauriges Bild, das sich den Männern bot: Roberts Arm hing vom Bett herunter und seine Hand ruhte auf dem Schopf seines Sohnes. Als würde er ihm noch über seinen Tod hinaus Trost spenden wollen. Oliver rüttelte sanft an Erics Schulter.
„Dein Vater ist jetzt erlöst, Junge“, sagte Oliver mitfühlend. Kraftlos erhob sich Eric. Seine Augen waren vom vielen Weinen verquollen. Verlegen senkte er den Kopf vor seinem Vormund.
„Es ist keine Schande, wenn ein Mann weint. Wir haben genauso viele Gefühle wie Frauen und sollten es dann und wann auch zeigen. Sir Guy wird dich auf dein Zimmer begleiten. Ich werde alles Nötige für das Begräbnis veranlassen. Sobald dein Vater beigesetzt ist, brechen wir auf.“
„Ihr könnt es wohl gar nicht abwarten, alles an Euch zu reißen“, sagte Eric, dem alles viel zu schnell ging. Und wieder schoss die rechte Augenbraue Olivers steil in die Höhe. Eric blickte seinen Vormund trotzig an, dann folgte er Sir Guy. Als sie beide alleine waren, wandte sich Guy an ihn:
„Eric, ich verstehe deinen Kummer. Aber du wirst lernen müssen deine Zunge im Zaum zu halten, denn dein Benehmen ist respektlos. Sir Oliver hat dich nur geschont, da du in Trauer bist.“ Mit diesen Worten ließ ihn Guy allein.
Wenige Tage später fand das Begräbnis statt, an dem neben Oliver und Guy auch Sir Frederic und weitere Gefolgsmänner der Familie Eddings teilnahmen. Stumm sah Eric zu, wie der Totengräber und sein Gehilfe den einfachen Holzsarg mit den sterblichen Überresten Sir Roberts in die Erde hinabließen. Da das Amt des Priesters im Dorf noch immer nicht besetzt war, sprach Oliver Wallace das Gebet. Erstaunt über seine tröstenden Worte blickte Eric ihn an und bemerkte Trauer in Olivers Augen.
„Nimm den Leib unseres geliebten Vaters, Freundes und Gönners in deinen Schoß auf. Sir Robert war ein harter, aber gerechter Mann. Er liebte seine Frau und seine Kinder, er war stolz auf sie. Und sie haben ihn geliebt. Friede seiner Seele.“
Anschließend wanderte die kleine Prozession zurück in die Burg.
„Sir Edgar wird die Besitztümer bis auf weiteres verwalten, Eric. Er ist ein kluger und erfahrener Kastellan.“
„Wenn Ihr es sagt“, antwortete Eric teilnahmslos. Er fühlte sich leer, ohne Hoffnung, verlassen von dem letzten Menschen, der ihm Liebe und Geborgenheit gespendet hatte.
„Hol dein Pferd und ….“, riss Oliver ihn aus seiner Lethargie.
„Pferd...?“, unterbrach Eric ihn aufgeregt.
„Eric, unterbrich mich nicht mehr, wenn ich rede! Du sollst dein Pferd holen. Wir brauchen zwei Tagesreisen zu meinen Ländereien.“
Seit dieser verdammte Oliver aufgetaucht ist, bin ich vom Pech verfolgt, fluchte Eric innerlich. Er hatte seit seiner Kindheit auf keinem Pferd mehr gesessen, weil er einst heruntergefallen war und sich danach nicht wieder getraut hatte, es zu versuchen. Aber jetzt durfte er sich keine Blöße geben. Mit hängenden Schultern ging er in den Stall. Dort nahm er sich Aragon, den alten Wallach seines Vaters. Es war ein geduldiges Tier. Mit Hilfe eines Steigbaums bestieg Eric das Pferd und ritt heraus. Der Rücken des Tieres war so breit, dass Eric kaum sitzen konnte. Oliver warf ihm einen prüfenden Blick zu und ritt dann voran durch das Burgtor. Der Trupp setzte sich in Bewegung.
Eric ritt neben Sir Guy. Er rutschte auf dem Sattel hin und her und die Bewegungen des Pferdes schüttelten ihn durch und durch. Er konnte sich dem Rhythmus des Tieres einfach nicht anpassen. So dauerte es nicht lange, bis ihm der Rücken schmerzte und seine Oberschenkel wund gescheuert waren. Guy warf dem Jungen zwischendurch einen Blick zu und musste sich ein Lachen verkneifen. Reiten konnte dieser wahrlich nicht.
Oliver ließ sich ans Ende des Zuges zurückfallen und bedeutete Sir Guy ihm zu folgen. Als sie auf gleicher Höhe waren, wartete Sir Guy darauf, was sein Neffe ihm zu sagen hatte. Seit Kindheitstagen war er Olivers engster Vertrauter. Selbst in der Zeit, als Sir Otto noch lebte, hatte sich Oliver lieber seinem Onkel anvertraut und ihn statt seinen Vater um Rat gefragt.
„Guy, was hältst du von Eric?“, wollte Oliver wissen.
„Nun, er ist ein wenig seltsam. Seine Statur ist ungewöhnlich; lange dünne Beine, aber einen kleinen Bauchansatz, noch keine männlichen Züge, kein Bartwuchs, ein dünnes Stimmchen und reiten kann er auch nicht. Und zu allem Überfluss ist er auf dich überhaupt nicht gut zu sprechen“, resümierte Guy.
„In der Tat. Nachdem ihn sein Vater unterrichtete, dass ich ab jetzt sein Vormund bin, erst recht nicht. Er hat mir sogar vorgeworfen, dass ich seine Schwester vergessen hätte. Dabei haben wir uns nur einmal vor vier Jahren gesehen und da war sie eine Bohnenstange gewesen. Für mich ist Eric fast zu hübsch für einen Jungen“, berichtete ihm Oliver.
„Das ist mir auch schon aufgefallen“, pflichtete ihm Guy bei.
„Weißt du, wenn er schon so ein reizendes Bürschchen ist, wie schön wäre dann seine Schwester geworden?“, sinnierte Oliver laut. Ein leichtes Bedauern schwang in seiner Stimme mit.
„Ich denke, sie wäre eine Augenweide geworden“, antwortete sein Onkel überzeugt.
„Ja, das glaube ich auch.“ Und wieder dachte Oliver an die zarten Züge in Erics Gesicht, sein trotziges Verhalten ihm gegenüber. Auf einmal begann sich ein Verdacht in ihm zu regen. Doch der Gedanke war so absurd, dass er sich selbst verrückt schimpfte. Dennoch beschloss er, Eric sehr genau im Auge behalten, um zu sehen, ob sich seine Ahnung bestätigte. Denn auf seine Intuition konnte er sich jederzeit verlassen.
Eric indes litt Höllenqualen. Er hatte den Kopf gesenkt, damit niemand die heimlichen Tränen bemerkte, die stumm an seiner Wange hinabperlten. Die Innenseiten seiner Schenkel brannten höllisch und er konnte sich kaum noch auf dem Pferd halten. Damit er nicht runterrutschte, drückte er seine Fersen in die Flanken des Pferdes. Aragon nahm dies als Anreiz und begann zu galoppieren. Völlig überrascht fiel Eric aus dem Sattel und landete unsanft auf seinem Hosenboden.
Die Ritter hielten ihre Pferde an und bildeten einen Kreis um ihn. Gelächter schlug ihm entgegen. Der Kreis öffnete sich und Oliver ritt mit Guy heran.
„Es scheint, als hättest du noch nie im Sattel gesessen, Bürschchen. Oder hast du das Reiten verlernt?“, lachte Oliver.
Eric stand auf, seine Wangen glühten und er biss sich auf die Lippen. Er fühlte sich so gedemütigt. Wie konnte Oliver ihn vor der versammelten Ritterschaft nur so bloßstellen? Zornig funkelte er ihn an. Oh, wie er Oliver verabscheute!
Wortlos nahm Eric die Zügel in die Hand, die ihm Oliver hinhielt. Dann führte er Aragon zu einem umgestürzten Baum und stieg auf. Schweigend setzte sich der Zug erneut in Bewegung.
Die Sonne stand hoch im Zenit und brannte auf sie herunter. Eric spürte die warmen Strahlen in seinem Gesicht, sie berührten sanft seine Wangen als wolle das Licht ihm Trost spenden. Ohne Pause ritten sie, bis die Sonne sich anschickte am Horizont hinter den Bergen zu verschwinden.
Sie erreichten eine Baumgruppe, die von einigen Hecken umgeben war, als Oliver plötzlich rief:
„Wir rasten hier. Macht Feuer! Roger und Martin werden auf die Jagd gehen.“
Eric glitt mühsam vom Pferd. Mit schwankenden Beinen suchte er sich hinter den Hecken einen Platz, wo er seinen Bedürfnissen nachkommen konnte. Als er sich erleichterte, sah er die wunden Innenseiten seiner Oberschenkel.
„Bei Gott, das ist ja fast wie rohes Fleisch“, stellte er fest.
Er holte eine Salbe und Leinenverbände aus seiner Tasche, die er vorsorglich mitgenommen hatte, und machte sich zwei Umschläge, die er fest um die Schenkel wickelte. Es brannte wie Feuer auf den offenen Stellen. Doch nur für einen kurzen Moment, denn sofort setzte die kühlende Wirkung ein. Allerdings konnte er die Linderung noch nicht genießen.
„Eric, wo steckst du, zum Teufel noch einmal?“, hörte er Oliver ungeduldig rufen.
„Ich komme gleich.“ Schnell zerrte Eric seine Hosen hoch. Er wollte auf keinen Fall von Oliver in so einer entwürdigenden Situation entdeckt werden. Gerade hatte er seine Beinkleider fest um seine Hüften gebunden, als Oliver auch schon die Hecke vor ihm teilte. Und wieder zog er seine rechte Augenbraue steil in die Höhe.
„Bevor du das nächste Mal verschwindest, melde dich vorher bei mir ab“, herrschte er ihn an.
„Ich lauf schon nicht weg. Ich habe meinem Vater mein Wort gegeben und außerdem bin ich nicht Euer Leibeigener“, fauchte Eric beleidigt zurück.
Oliver biss die Zähne fest zusammen. Wie gerne würde er diesem vorlauten Grünschnabel eine Tracht Prügel verabreichen, aber Sir Robert hatte ihn ausgewählt, weil er ihn für würdig und fähig gehalten hatte mit Eric klar zu kommen. Alles zu seiner Zeit, beruhigte er sich selbst.
„Du bist mehr als das, du bist mein Mündel.“
Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen drehte sich Oliver um und überließ Eric sich selbst. Nach einer Weile folgte ihm der Junge und fand das Lager bereits fertig aufgebaut vor. Ein Feuer brannte und auf zwei Holzspießen wurden Kaninchen gebraten. Ein verführerischer Duft stieg Eric in die Nase. Unsicher blieb er stehen und schaute auf die Männer. Sie saßen um das Feuer und unterhielten sich. Oliver war nirgends zu sehen. Aber dieser stand im Schatten eines Baumes und betrachtete Eric genauer. Die gleichen grünen Augen, wie Deria sie gehabt hatte, dachte er. Olivers Gedanken wanderten zu dem kleinen Wildfang, dem er vor vier Jahren den Hintern versohlt hatte, als sie vor ihm davonlaufen wollte. Damals war er wütend auf Robert und seinen Vater gewesen, die ihm vorschreiben wollten, wen er zur Frau nehmen sollte. Aber inzwischen sah er es anders. Bald würde er heiraten, dieses Mal eine wohlerzogene junge Dame. Sie war das genaue Gegenteil von Deria. Aber auch sie wählte er nicht aus Liebe, sondern weil die Ehe ihm den Frieden sicherte, seine Ländereien und Besitztümer erweiterte und weil er einen Erben brauchte.
Eric setzte sich neben Guy, der ihn zu sich gewunken hatte.
„Alles in Ordnung?“, fragte dieser den Jüngling.
„Ja, ich habe nur das Gefühl, dass Oliver wütend auf mich ist, egal was ich mache.“
„Eric, dein Benehmen ist unreif. Er ist jetzt dein Vormund, er hat die Verantwortung für dich übernommen. Wenn du dich ihm gegenüber nicht anders verhältst, dann wird euer beider Zusammenleben sich sehr schwierig gestalten.“
Da trat Oliver aus dem Schatten ans Feuer heran und nahm einen Spieß vom Feuer. Prüfend betrachtete er das Fleisch, zog sein Messer, schnitt ein Stück ab und hielt es Eric hin. Dieser war überrascht, als Erster das Mahl kosten zu dürfen. Guy nickte ihm aufmunternd zu und so griff Eric zögernd nach dem Stück Fleisch, das auf der Schneide lag. Bevor er es greifen konnte, zog Oliver das Messer zurück:
„Pass auf, es ist noch heiß“, erklärte Oliver.
Vorsichtig nahm Eric das Fleisch entgegen. Dabei berührten sich ihre Finger. Eric erschauerte. Er hob den Kopf und sah direkt in Olivers eisblaue Augen. Für einen kurzen Moment erwiderte dieser den Blick, wandte ihn jedoch irritiert wieder ab und ging zu seinen Männern auf der anderen Seite des Feuers. Gedankenverloren schaute Eric ihm nach und biss in das gebratene Stück Fleisch, das er immer noch in der Hand hielt.
Anschließend leckte sich Eric jeden Finger einzeln ab. Oliver beobachtete ihn dabei und war erstaunt, wie erregend es auf ihn wirkte. Aber das da war ein Mann, nein, ein Jüngling, schoss Oliver durch den Kopf, wie konnte er ihn anziehend finden? Und wieder kam ihm sein Verdacht in den Sinn. Er musste so schnell wie möglich herausfinden, ob sein Instinkt ihm nicht einen Streich spielte.
Oliver teilte die Wachen ein und streckte sich auf dem Boden aus. Über Eric nachdenkend schlief er ein.
Neue Freunde
Eric dachte, auf dem harten Boden könnte er niemals einschlafen, doch bevor der Gedanke sich aus seinem Kopf verflüchtigte, schlief er schon tief und fest. Der anstrengende Ritt und die Schmerzen forderten ihren Tribut.
Bei Sonnenaufgang brachen sie auf und rasteten nur zweimal, um die Pferde ausruhen zu lassen. Als die Sonne blutrot am Horizont in die dunkle Ebene hinabtauchte, erreichten sie die Bärenburg. Sie lag auf einer breiten Anhöhe und zeichnete sich gegen den dunkelroten Himmel ab. Vier große Türme und eine hohe Burgmauer bildeten den äußeren Ring, die Mauern schimmerten rotgolden. Als sie das erste Tor passierten, kamen sie in den unteren Burghof. Hier waren die Ställe und die Häuser der Bediensteten. Über eine Brücke gelangten sie in den zweiten Vorhof. Hier befanden sich eine Bäckerei, das Waschhaus und eine Fleischerei. Weiter hinten gab es weitere Ställe und eine Schmiede.
Oliver stieg vom Pferd und alle anderen folgten ihm. Also glitt auch Eric von Aragon.
„Du kümmerst dich um die Pferde, Eric. Bring sie in den Stall dort und versorge sie. Danach kannst du in die Küche gehen und selbst etwas essen. Guy wird dir dann zeigen, wo dein Schlafplatz ist.“
Während er dies sagte, drückte er Eric die Zügel seines Pferdes in die Hand und verschwand durch das Tor. Eric blies sich die Haare aus der Stirn. Er war hundemüde und sein Vormund ging einfach so davon und überließ ihm auch noch sein Pferd.
„Dieser aufgeblasene Gockel“, grummelte Eric und wollte Aragon und Olivers Pferd in die Ställe führen. Aber das Tier kannte Eric nicht, warf trotzig seinen Kopf in die Höhe und wand sich in die Richtung um, in der sein Herr verschwunden war. Durch diesen unerwarteten Ruck glitten Eric die Zügel aus der Hand und er wusste nicht, wie er das riesige Tier am Weglaufen hindern sollte.
„Ghost, schau mal, was ich für dich habe“, hörte er eine Knabenstimme.
Ein etwa 10jähriger Junge gesellte sich zu ihm und hielt seine Hand ausgestreckt dem Pferd entgegen. Das Tier wendete sich wieder und kam auf den Jungen zu. Ghost - na, dieser Name passte zu dem Schimmel, dachte Eric amüsiert. Zaghaft nahm es die angebotene Karotte von der Hand und fraß sie auf. In der Zwischenzeit hatte der Junge die Zügel ergriffen und stellte sich Eric vor:
„Ich bin Stephen, der Stallmeister von Sir Oliver. Ich helfe dir, wenn du willst.“
„Du bist der Stallmeister? Wie alt bist du denn?“, fragte Eric ungläubig.
„Diesen Sommer werde ich elf Jahre alt! Vor mir war mein Großvater Stallmeister und davor sein Vater auch schon“, antwortete Stephen beleidigt.
„Entschuldige bitte, ich wollte… ach, egal. Ich heiße Eric und bin das Mündel von diesem aufgeblasenen Gockel.“
Stephen fing laut an zu lachen. Das war einfach zu komisch! Bisher hatte sich noch keiner getraut so etwas über den Burgherrn zu sagen. Gemeinsam führten sie die Pferde in den Stall und Stephen half Eric bei der Versorgung der Pferde. Sie nahmen Stroh und rieben die Rücken und Flanken trocken. Dann gaben sie ihnen Wasser und Hafer. Über eine Stunde waren sie so am Arbeiten. Eric war hundemüde und fühlte sich schmutzig.
„Willst du mit zu mir nach Hause kommen?“, fragte Stephen seinen neuen Freund.
„Was werden denn deine Eltern sagen, wenn du einfach einen Fremden mitbringst?“, fragte Eric zögerlich.
„Freunde sind uns immer willkommen. Außerdem habe ich keinen Vater mehr und Mutter hat bestimmt nichts dagegen.“ „ Eigentlich muss ich mich bei Sir Guy melden, wenn ich fertig bin.“, protestierte Eric schwach.
Wortlos nahm Stephen seine Hand. Mehr gezogen, als selbst gelaufen, folgte Eric. Sie gingen jetzt durch das dritte Tor und standen in einem weiteren Burghof. Hier gab es einen Brunnen und kleine Häuser reihten sich auf der rechten Seite aneinander. Vor ihm ragte die Hauptburg mit zwei Türmen auf. Eine breite Treppe führte nach oben in die große Halle. Stephen ging an der Treppe vorbei zu einem der kleinen Häuser. Ohne zu klopfen öffnete er die Tür und trat ein. Das Haus war sauber, es lagen frische Binsen auf dem Boden. Der Holztisch war geschliffen und glänzte matt im Kerzenlicht. Eric hatte selten ein so reinliches Haus wie dieses gesehen. Eine Frau stand an einem anderen Tisch und bereitete das Abendbrot zu.
Ohne aufzuschauen sagte sie:
„Stephen, wo hast du so lange gesteckt? Geh dich waschen und komm dann zum Essen.“
Ihre Stimme hatte einen wunderbaren Klang. Eric fühlte sich an die Stimme seiner Mutter erinnert, die ähnlich geklungen hatte. Trauer erfasste ihn.
„Mutter, ich habe einen Freund mitgebracht. Darf…“, begann Stephen zu sprechen. Bei dem Gehörten hob seine Mutter sofort den Kopf und Eric wurde von rehbraunen Augen eingehend gemustert. Für einen Moment runzelte sie die Stirn, doch dann wurde ihr bewusst, wie unhöflich sie sich verhielt: „Oh, entschuldige bitte. Ich heiße dich willkommen. Ich bin Ester.“
„Ich heiße Eric, Eric Eddings von Winterley.“
„Darf er bleiben, Mama? Er ist Olivers Mündel.“, hakte Stephen nach.
„Aber nur, wenn du dich jetzt sofort waschen gehst“, sagte seine Mutter mit gespielter Strenge. Stephen verschwand hinter einem Vorhang, der den Zugang zu einem anderen Raum verdeckte. Eric blickte ihm sehnsüchtig nach. Was gäbe er nicht alles dafür, sich waschen zu können. Ester verstand seinen Blick und bot ihm spontan an: „Wenn es dir nichts ausmacht, dich mit dem gleichen Wasser zu waschen, kannst du dich gerne etwas frisch machen.“
Früher hätte Eric die Nase gerümpft und eine hochnäsige Antwort gegeben. Aber jetzt war alles anders. Dankbar nahm er das Angebot an. Als Stephen herauskam, blieb ihm vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen. Der Junge war Oliver wie aus dem Gesicht geschnitten. Die gleichen schwarzen Haare und himmelblauen Augen, sogar das Grübchen im Kinn war da.
„Das gibt es doch nicht! Ist das…“, stammelte Eric. Ester half ihm aus der Verlegenheit:
„Es ist Olivers Halbbruder. Sir Otto ist sein Vater.“
Als wäre es das normalste der Welt hatte sie ihm gerade gesagt, dass Stephen ein Bastard war.
„Stellt das ein Problem für dich dar?“, fragte jetzt Stephen, der in Erics Gesicht genau gelesen hatte, was dieser gerade dachte. Eric räusperte sich und erwiderte dann aufrichtig:
„Früher hätte ich mit solchen Sachen ein Problem gehabt. Aber es hat sich vieles geändert und auch ich habe meine Meinung zu solchen Dingen überdacht. Es geht mich nichts an.“
Stephen atmete erleichtert auf, denn er wollte seinen neuen Freund nicht schon wieder verlieren.
„Dann geh dich waschen. Anschließend gibt es erstmal etwas Ordentliches zu essen.“
Das ließ sich Eric nicht zweimal sagen und verschwand hinter dem Vorhang. Er zog sein Hemd aus und tauchte seine Hände in die Schale. Das Wasser war noch warm. Er griff nach dem kleinen Stück Seife, das auf dem kleinen Tisch lag, und begann sich den Dreck von der Haut und aus den Haaren zu schrubben. Als er fertig war, nahm er das Handtuch und trocknete sich ab. Erneut rieb er sich die Oberschenkel mit der Salbe ein. Dabei fiel sein Blick auf den Boden. Ester hatte unter dem Vorhang frische Kleidung durchgeschoben. Er probierte sie an und stellte erstaunt fest, dass sie bis auf die Länge der Beinkleider passte. Das war ihm jedoch egal. Er fühlte sich frisch und sauber. Jetzt fehlen mir nur noch etwas Ordentliches zu essen und etwas Schlaf, dachte er bei sich. Verlegen trat er zu Ester und Stephen und bedankte sich für die Kleidung.
„Sie gehörten meinem älteren Sohn Roy, er ist vor zwei Jahren gestorben.“ Trauer schwang in Esters Stimme. Schon lag Eric die Frage auf der Zunge, ob Roy auch der Halbbruder von Oliver gewesen war, doch er verkniff sie sich.
Sie saßen am Tisch und aßen Brot, Käse und Wurst. Dazu tranken sie Wasser. Es war ein heiteres Beisammensein.
„Ich habe schon lange nicht mehr soviel gelacht, wie heute Abend. Dank deiner Witze, Stephen.“
Eric hielt sich noch immer den Bauch vor Lachen. Stephen grinste, doch er rieb sich mittlerweile ständig die Augen vor Müdigkeit.
„So, mein Sohn, Abmarsch ins Bett“, befahl seine Mutter, seinen Protest ignorierend.
Ester schob ihn in Richtung der Schlafkammer, gab ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss und wartete einen Moment. Dann vergewisserte sie sich, ob er wirklich im Bett lag und kam dann zu Eric zurück.
Als sie sich wieder an den Tisch setzte, sah sie Eric geradewegs in die Augen. Sie hatte die tragische Geschichte der Familie Eddings gehört: Lady Diana und ihre Tochter Deria waren während der großen Fieberepidemie gestorben. So war es jedenfalls bekannt, doch als Ester den Eric Eddings vor sich genauer betrachtete, hatte dieser wenig Ähnlichkeit mit dem Jungen, der vor einigen Jahren zusammen mit Sir Robert auf der Bärenburg Rast gemacht hatte. Dieser Eric müsste jetzt schon kräftiger gebaut sein. Und markantere Gesichtszüge haben. Ohne Umschweife fragte Ester daher:
„Wie lange willst du diese Maskerade aufrechterhalten?“
Eric saß wie vom Donner gerührt da und wusste im ersten Moment nicht, wie Ester ihn so schnell durchschaut hatte. Ihm war sofort klar, was sie meinte, denn ihr Blick sprach Bände.
„Bis Oliver verheiratet ist. Dann bin ich frei!“, antwortete Deria genauso offen zurück.
„Das glaubst du doch nicht allen Ernstes?“, fragte Ester erstaunt.
„Wieso denn nicht?“, wollte jetzt das Mädchen wissen.
„Wenn du es ihm nicht sofort sagst, wird er es wahrscheinlich früher oder später herausfinden. Dann wird er furchtbar wütend auf dich sein und dich bestrafen.“
„Dann hau ich eben vorher ab. Er kann mir dann nichts mehr anhaben“, verteidigte sich Deria weiter, aber ihre Stimme klang schon nicht mehr ganz so zuversichtlich.
„Deria, er wird dir dann einen anderen Ehemann suchen. Du bist sein Mündel! Hast du diese Möglichkeit denn gar nicht in Betracht gezogen?“, fragte Ester weiter.
Die Erkenntnis, dass Ester sie sofort durchschaut hatte und die Aussicht, dass Oliver ihr womöglich einen Ehemann suchen würde, versetzte Deria in panische Angst. Sie schluckte schwer. Alles war umsonst gewesen. Zwei Jahre hatte sie geglaubt, die perfekte Lösung gefunden zu haben und dann hatte ihr Vater alles zunichte gemacht. Jetzt liefen die Tränen in ihrem Gesicht hinunter.
„Ich weigere mich jemanden zu heiraten, der mich nicht liebt und den ich nicht liebe!“, schrie Deria und sah Ester trotzig an.
„Ach Deria, ich versteh dich ja. Aber wir Frauen müssen gehorchen. Du musst es Oliver sagen, bevor es zu spät ist.“
Tröstend legte Ester ihre Hand auf Derias.
„Das kann ich nicht, Ester. Er wird mich umbringen.“
„Das Beste ist, du schläfst erst einmal darüber. Morgen wirst du klarer sehen. Ich werde keinem Menschen etwas sagen. Aber sei auf der Hut. So wie ich wird der ein oder andere in dir ebenfalls mehr sehen, und das schneller als dir lieb ist. Komm, du kannst in Roys Bett schlafen.“
Ester brachte Deria zu dem Schlafplatz und räumte dann den Tisch ab. Es war eine verfahrene Situation, in die sich Deria gebracht hatte. Egal wie, sie würde ihr beistehen. Sie hatte das Mädchen sofort in ihr Herz geschlossen und konnte verstehen, dass Deria geliebt werden wollte.
Gerade als sie die Kerze löschen wollte, um in ihre Schlafkammer zu gehen, klopfte es an der Tür. Ester öffnete die Tür. Es war Oliver.
„Ester, ich grüße dich.“
„Oliver, was führt dich zu mir?“
Spannung lag in der Luft. Oliver hatte immer von der Affäre seines Vaters mit Ester gewusst, aber sie nie akzeptieren können.
„Ich suche mein Mündel Eric. Man sagte mir, dass er mit Stephen davongegangen ist.“
Der junge Burgherr trat nicht ein, schaute sich aber prüfend im Raum um.
„Ja, er ist hier und schläft nebenan. Ich hoffe, es macht dir nichts aus? Sonst wecke ich ihn auf“, meinte Ester.
„Nein, ich wollte mich nur vergewissern, dass er nicht verloren gegangen ist. Gute Nacht, Ester.“
Erst als die Tür vor seiner Nase geschlossen wurde, wandte er sich um und ging.
In dieser Nacht schlief Oliver unruhig. Er wälzte sich in seinem Bett hin und her. Er träumte von Eric und plötzlich wurde dieser zu Deria. Sie hatte auf einmal lange Haare, die in sanften Wellen an ihrem Rücken entlang flossen. Sie schaute ihn trotzig an, trat ihn gegen das Schienbein und brüllte:
„Ich bin nicht euer Leibeigener!“
Schlagartig war Oliver wach, ihm schmerzte das rechte Schienbein. Nicht Deria hatte das gesagt, sondern Eric, aber Eric sah aus wie Deria. Oliver musste unbedingt herausfinden, was es mit seinem Traum und seinem Verdacht auf sich hatte.
Bei Sonnenaufgang wurde Deria von Stephen geweckt:
„Eric, aufwachen, wir müssen die Pferde auf die Weide bringen.“
„Oh, lass mich noch ein bisschen schlafen“, murmelte Deria schlaftrunken.
„Nein, steh jetzt auf!“ Stephen zerrte an ihrem Hemd.
„Schon gut, schon gut, ich komm ja gleich.“
Deria setzte sich auf. Die wunden Stellen an den Innenschenkeln waren mit Schorf bedeckt und schmerzten nur noch ein wenig beim Gehen. Nach einem kleinen Frühstück brachen die beiden zu den Ställen auf, um die Pferde zu einer großen Weide zu führen.
Deria und Stephen zäumten die Pferde ab und setzten sich ins Gras.
„Und was machst du jetzt?“, fragte Deria neugierig.
„Ich bleibe eine Weile hier und passe auf. Dann mache ich die Ställe sauber, prüfe das Zaumzeug und repariere es.“
„Aha! Dann werde ich dir helfen.“
„Musst du nicht was anderes machen?“, fragte Stephen skeptisch.
„Nun, Oliver hat mir im Moment keine andere Arbeit gegeben.“ Und außerdem will ich ihn gar nicht sehen, vollendete Deria den Satz in ihren Gedanken.
Während sie auf der Wiese saßen, kamen auf einmal zwei Hasen herangehoppelt.
„Schau mal, die spielen Fangen“, rief Stephen und zeigte in Richtung der Tiere. Der erste Hase sprang dem zweiten davon, aber zwischendurch wartete er, bis der zweite ihn fast eingeholt hatte, bevor er erneut Haken schlagend flüchtete. Nach einer Weile verschwanden sie aus ihrem Blickwinkel.
Deria blieb den ganzen Tag bei Stephen. Wann immer sie bemerkte, dass Oliver in Sichtweite kam, versteckte sie sich. So ging Deria Oliver fast eine Woche aus dem Weg. Ihr war bewusst, dass sie nicht auf Dauer vor ihm davon laufen konnte. An den Abenden war sie hundemüde. Die Arme schmerzten von der ungewohnten Arbeit. Wie jeden Abend sah sie nach Aragon und wollte anschließend wieder zu Stephen und Ester gehen, beschloss aber dieses Mal noch eine Weile im Stall zu bleiben. Sie setzte sich auf einen Heuhaufen und schaute Aragon beim Fressen zu. Nach einer Weile wurden ihre Lider immer schwerer und schließlich schlief sie ein.
Deria wurde von einer Stimme geweckt, die ihren Namen rief:
„Deria, Schwester, wach auf!“
Mit einem Schlag war sie wach. Eric stand vor ihr. Er war zu einem jungen Mann herangewachsen, sein Kinn zierte ein rötlicher Bart und sein Körper war muskulös.
„Eric, wo kommst du auf einmal her?“, fragte Deria verwirrt und wollte aufspringen, doch Eric deutete ihr sitzenzubleiben.
„Deria, du musst Oliver die Wahrheit sagen“, riet Eric ihr eindringlich.
„Das kann ich nicht. Er wird mich umbringen, wenn er die Wahrheit erfährt“, flüsterte Deria mit Tränen erstickter Stimme.
„Deria, du musst es tun. Er ist deine Bestimmung.“
Mit diesen Worten verblasste die Gestalt. Deria blieb wieder allein zurück.
Ende der Maskerade
Oliver war verärgert. Ihm war sofort klar gewesen, dass Eric ihm absichtlich aus dem Weg ging. Sobald er in seine Nähe kam, verschwand er immer auf mysteriöse Weise. Bei Ester und Stephen war er nicht. Sie meinten, er wäre noch im Stall geblieben. Ohne zu zögern lief er dorthin.
Als Oliver den Stall betrat, hörte er eine verzweifelte Stimme. Er brauchte eine Weile, bis er den Sinn der Worte, die er erst fast nicht verstanden hatte, begriff. Mit wem hatte Eric geredet, fragte sich Oliver? Er schlich weiter und da sah er ihn schlafend auf einem Heuhaufen liegen. Er hatte den Arm ausgestreckt, als versuchte er jemanden zu berühren. Er träumt, schoss es Oliver durch den Kopf. Schweigend blieb er vor ihm stehen und betrachtete ihn einige Augenblicke. Dabei wanderte sein Blick vom Gesicht des Jungen über seinen Körper hinab zu den Füßen und wieder zurück. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Keulenhieb. Mit der linken Hand schlug er sich an die Stirn und murmelte:
„Was bin ich doch für ein Narr, dass ich mich so habe an der Nase herumführen lassen. Dieses Gesicht ist viel zu zart für einen Jüngling.“
Olivers Blick glitt nochmals ungläubig über die schlafende Gestalt und blieb an den nackten Füßen hängen.
„Was für schmale Fesseln... oh, dieses Weibstück!“
Er ballte die Fäuste vor Zorn. Am liebsten hätte er Eric, nein Deria, geschüttelt bis ihr Hören und Sehen verging. Bevor er seine Beherrschung verlor, stürzte er aus dem Stall. Rastlos lief er im Mondlicht auf und ab.
„In was für eine Situation hat mich dieses Frauenzimmer nur gebracht.“
Nun hatte Oliver zwei Eheversprechen, die es einzulösen galt. Wie kam er nur aus dieser vertrackten Lage heraus? Wie musste Deria ihn verabscheuen, wenn sie zu solch einer immensen Lüge fähig war. Wie konnte in den letzten zwei Jahren niemand bemerkt haben, dass dies nicht Eric war? Oliver war fassungslos. Er schalt sich wieder einen Narren, dass er selbst nicht schon beim ersten Anblick ihre Maskerade durchschaut hatte.
Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, ging er in den großen Burgsaal. Ein Teil seiner Ritter saß noch beim Abendessen. Am Haupttisch unterhielten sich sein Onkel und Roger angeregt miteinander. Oliver setzte sich zu ihnen und trank einen Becher Met in einem Zug leer. Guy schaute seinen Neffen fragend an, das war sonst nicht Olivers Art mit Alkohol umzugehen. Oliver schüttelte den Kopf und murmelte:
„Später.“
Dann trank er einen zweiten Becher. An der Unterhaltung nahm er nicht teil. Seine Gedanken verweilten bei Deria, der kleinen verlogenen, widerspenstigen und kratzbürstigen Deria. Aber gerade diese Eigenschaften faszinierten ihn. Mit ihr würde es wahrscheinlich nie langweilig werden. Sie war wie eine stolze Burg, die mit hoch erhobenem Haupte dastand und sich bis zum letzten Atemzug zur Wehr setzte, bevor sie endgültig erobert wurde. Und er würde sie erobern oder besiegen, schwor Oliver sich in Gedanken. Ihm kam das Gespräch in den Sinn, das er vor einigen Jahren mit seinem Vater an der gleichen Stelle geführt hatte. Hier im Burgsaal hatte ihm sein Vater mitgeteilt, dass er und Sir Robert beschlossen hatten, die Familien zu vereinen und dass deshalb er, Oliver, Deria heiraten sollte. Oliver war außer sich gewesen. Er wollte sich seine Braut selbst suchen, aber sein Vater hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass es sein ausdrücklicher Wunsch sei. Nun, dem konnte und wollte er sich nicht widersetzen. Als dann das Fieber kam und alle dahinraffte, war Oliver froh, dass ihm das Schicksal diese aufgezwungene Ehe erspart hatte. Doch nach einiger Zeit begriff er, dass er trotzdem heiraten sollte, denn die Linie der Familie Wallace musste aufrechterhalten werden. Sein Onkel Guy hatte nie geheiratet und so lag es nun in Olivers Verantwortung. Bei einem Ritterturnier zu Gunsten König Rufus’, hatte er die schöne Alicia gesehen. Da sie ihm gefallen hatte, begann er ihr den Hof zu machen und ihr Vater war überglücklich, als der junge Wallace um ihre Hand anhielt. Die Hochzeit sollte in einem Monat stattfinden und jetzt hatte er plötzlich zwei Bräute.
Guy setzte sich auf den anderen leeren Stuhl und beobachtete seinen Neffen. Er sah die tiefen Falten auf dessen Stirn sowie die verkrampften ineinander verschränkten Hände. Irgendetwas war geschehen, dass ihn tief bewegte. Oliver wurde sich der Nähe seines Onkels bewusst und sah ihn unvermittelt an:
„Ich habe eine Entscheidung zu treffen, die das Leben von vielen Menschen verändern wird, Onkel.“
„Willst du weiter in Rätseln sprechen, oder soll ich raten?“, fragte dieser neugierig.
„Es geht um Eric. Er ist kein Er sondern eine Sie. Verstehst du?“
Dabei fuhr sich Oliver fahrig durch die Haare.
Guy war für einen kurzen Augenblick sichtlich irritiert.
„Schau an! Ich hatte schon gedacht, ich hätte Halluzinationen. Sie hat sich also als Eric ausgegeben?“
„Ja.“
„Aber warum?“
„Das weiß ich nicht genau. Ich kann nur vermuten, dass sie mich auf keinen Fall heiraten will und deshalb beschlossen hat, sich als ihren Bruder auszugeben“, erklärte Oliver.
„Hat sie dir denn nichts dazu gesagt?“, wollte Guy wissen.
„Sie weiß nicht, dass ich ihre Maskerade durchschaut habe, Onkel. Ich war viel zu aufgebracht, um sie zur Rede zu stellen. Und das bin ich immer noch. Ich sitze in einer Zwickmühle. Wenn ich Alicia heirate, habe ich immer noch Deria als Mündel und trage die Verantwortung für sie.“
„Du kannst sie doch umgehend verheiraten. Dann wärst du diese Verantwortung los“, schlug Guy vor.
„Ich weiß, aber das wäre nicht im Sinne unserer Väter.“
„Aber warst du es nicht, der damals vor Wut geschäumt hat, als dir dein Vater von dieser Vereinbarung erzählte. Wolltest du nicht damals ausreißen?“, gab Guy mit leicht belustigter Stimme zu bedenken.
„Ich weiß, ich weiß. Aber dieser Teufelsbraten fasziniert mich mehr als jede andere Frau. Kannst du das verstehen?“
„Nun, Deria wurde sehr freizügig erzogen. Sie hat sich immer an ihrem Bruder orientiert und sein Verhalten nachgeahmt. Davon abgesehen, ist sie eine schöne junge Frau geworden. Wenn sie mal in ordentlichen Kleidern steckt, wird ihre Weiblichkeit sicher erst richtig zur Geltung kommen“, lachte Guy. „Was wirst du jetzt machen, mein Junge?“
„Ich reite morgen zu Howard und Alicia und werde ihnen mitteilen, dass ich die Verlobung lösen muss, da sie ungültig ist“, beschloss Oliver.
„Was meinst du, wie werden sie diese Nachricht aufnehmen?“
„Ich hoffe, so wie es tatsächlich ist. Es hat nichts mit ihnen zu tun, aber das erste Versprechen hat noch Bestand. Ich habe mich mit Alicia unter der Annahme falscher Tatsachen verlobt.“
„Soll ich dich begleiten?“, schlug Guy vor.
„Nein, ich nehme Roger mit. Behalte du bitte mein Mündel im Auge, dass es nicht wieder davon läuft.“
„Wirst du mit ihr darüber sprechen, bevor du abreist?“
„Nein, ich werde sie noch eine Weile im Glauben lassen, dass sie mich an der Nase herumführt“, erklärte er. Dabei schwang ein sardonisches Lächeln um seine Lippen.
Deria wurde am nächsten Morgen von lauten Rufen, Pferdegetrappel und anderen Geräuschen aus dem Schlaf geschreckt. Sie setzte sich auf und sah Stephen, der Olivers Streitross fertig gesattelt nach draußen führte.
„Was ist denn los?“, fragte Deria verschlafen.
Guy trat in den Stall und warf ihr einen spöttischen Blick zu.
„Guten Morgen, Eric, du scheinst jeden Platz zum Schlafen vorzuziehen, solange er nicht in deiner Kammer ist.“
Deria rappelte sich hoch, zupfte sich das Heu aus dem Haar und versuchte ihre Kleidung einigermaßen zu richten.
„Es war nicht meine Absicht, die ganze Nacht hier zu schlafen“, murmelte sie entschuldigend. „Was ist denn los?“, wollte sie wissen.
„Nun, Oliver muss für ein paar Tage fort. Er besucht seine Verlobte.“
Daraufhin vernahm Guy nur ein leichtes Schnauben als Antwort. Diese zwei waren wie Katz und Maus, doch er war überzeugt, dass sie früher oder später zu einander fanden.
„Ich zeige dir jetzt deine Räume und dann werde ich dir deine Aufgaben erläutern.“
Guy drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Wortlos folgte ihm Deria. Konnte Oliver es gar nicht abwarten zu heiraten? Liebte er seine Braut? Nein, zu solchen Gefühlen war dieser Grobian sicher nicht fähig. Warum ärgerte es sie dann, dass er zu seiner Verlobten reiste? Sie verdrängte diese ganzen Gedanken, da sie noch keine befriedigende Antwort darauf fand. Als sie ins Freie trat, sah sie Oliver auf seinem Schimmel sitzen. Er war eine beeindruckende Erscheinung: Ganz in schwarz gekleidet, ritt er auf seinem schneeweißen Pferd, um seine Schultern lag ein schwarzer Umhang, auf dem das Wappen der Familie Wallace gestickt war: ein roter aufrechtstehender Bär.
Oliver warf Deria einen undefinierbaren Blick zu, nickte dann kurz und ritt durch das Tor davon. Mehrere Reiter folgten ihm.
In gemächlichen Trab ritten sie zur benachbarten Burg Shenderton. Oliver fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er würde Sir Howard gewaltig vor den Kopf stoßen und Alicia würde sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen. Doch nachdem er seine Wahl getroffen hatte, musste er so schnell wie möglich diese Angelegenheit klären, auch wenn es ihm noch so unangenehm war. Wie bei den meisten Grenzen zwischen den einzelnen Lehensgütern, war auch hier die Grenze zwischen den beiden Besitztümern ungefähr eine Tagesreise entfernt. Am frühen Nachmittag konnte Oliver in der Ferne bereits die Türme erkennen, am Abend waren die Zinnen zu sehen. Die Burg war in ihren Ausmaßen wesentlich kleiner als die Bärenburg.
Sie ritten über eine Zugbrücke durch das Burgtor.
Bedienstete kamen ihnen entgegen gelaufen und nahmen ihnen die Pferde ab. Als sie die Stufen zur Eingangshalle hinaufstiegen, kam Donald, der ältere Bruder Alicias herausgelaufen.
„Oliver, mein zukünftiger Schwager. Was führt dich zu uns?“
Er schlug Oliver kameradschaftlich auf die Schulter. Diese Begrüßung machte Olivers Vorhaben nicht leichter, im Gegenteil: Seine Schuldgefühle verstärkten sich. Und das habe ich alles diesem verlogenen Weibstück Deria zu verdanken, dachte er. Gemeinsam traten sie in die große Empfangshalle und Sir Howard kam auf sie zu.
„Oliver, welch angenehme Überraschung. Du kommst gerade recht zum Essen.“
Auch diese Begrüßung war sehr herzlich. Sie setzten sich an den höchsten Tisch, der nur für die Familienmitglieder und Ehrengäste vorbehalten war.
Wie ein Engel eilte Alicia herbei. Sie trug ihr hellblondes Haar in einem langen Zopf, in dem ein blaues Band eingeflochten war. Das Obergewand war in dem gleichen sanften Blau, das auch der Farbe ihrer Augen entsprach. Als sie Oliver die Hand zum Gruß reichte, schlug sie errötend die Augen nieder. Er war von ihrer Erscheinung wie bezaubert und mit Bedauern dachte er daran, dass es ihm nicht vergönnt sein würde, Alicia auch nur einen Kuss zu rauben.
Beim Essen erzählte er von den Ereignissen der letzten Tage, dem Tod Sir Roberts sowie seiner neuen Eigenschaft als Vormund für Eric. Dann wurde noch über die gegenwärtigen Vorkommnisse gesprochen.
König Rufus hatte wieder die Steuern erhöht und es wurde immer schwieriger für alle, diese zu entrichten.
„Es ist eine Schande. Selbst für uns, die wir reiche Güter haben, ist es fast unmöglich diese Beträge aufzuwenden“, schimpfte Sir Howard.
„Ja, da hast du Recht. Doch bleibt uns nichts anderes übrig, sonst würden wir wie einige andere der Rebellion bezichtigt“, pflichtete Oliver ihm bei.
„Vater, Oliver, wie könnt ihr das einfach so hinnehmen? Der König ist ein selbstgefälliger Herrscher, der unser Land ins Verderben zieht“, ereiferte sich Donald.
„Sprich nicht so!“, ermahnte ihn sein Vater.
„Euer Verhalten ist das eines feigen Waschweibs“, schoss Donald zurück. Er hatte schon ein paar Becher Wein getrunken.
Oliver erhob sich, die rechte Augenbraue vor Wut nach oben gezogen. Seinen Rittern war dies nicht verborgen geblieben und so taten sie es ihrem Lehnsherrn gleich. Bevor jedoch jemand reagieren konnte, zischte Alicia ihrem Bruder zu:
„Werde erst einmal ein richtiger Mann, bevor du wahre Männer beleidigst. Oliver, ich bitte um Entschuldigung für die Äußerungen meines Bruders.“
Sie hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt, dessen Finger bereits den Griff seines Schwertes umschlossen hatte. Oliver atmete mehrfach tief ein und aus, dann setzte er sich. Seine Gesichtszüge entspannten sich jedoch nur unmerklich.
„Alicia, ich habe mit dir und deinem Vater zu sprechen, allein!“
Er sprach es mit einer unmissverständlichen Härte aus, die beide leicht zusammen fahren ließ.
„Aber gerne doch“, erwiderte Sir Howard sich räuspernd und erhob sich. Er führte beide in einen großen Raum, in dem an den Wänden wunderschöne Teppiche mit Jagdmotiven hingen.
„Auch wenn es so aussehen mag, dass ich auf die Äußerungen deines unreifen Sohnes reagiere, versichere ich vorab, dass diese Angelegenheit damit absolut nichts zu tun hat.“
Sir Howard saß in einem breiten Stuhl mit hoher Rückenlehne und Alicia hatte auf einem kleinen Rundhocker Platz genommen.
Oliver holte tief Luft, bevor er sprach:
„Sir Howard, als ich im vergangenen Herbst um die Hand deiner bezaubernden Tochter angehalten habe, war ich im guten Glauben ein freier Mann zu sein.“ „Was soll das heißen?“, fragte Sir Howard misstrauisch.
Die Richtung des Gesprächs, die Oliver einschlug, gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Wie du sicher weißt, habe ich vor vier Jahren Lady Deria Eddings ein Eheversprechen gegeben.“
„Ja, aber sie ist doch während der großen Seuche gestorben, hast du mir erzählt“, fuhr Sir Howard unwirsch dazwischen.
„Vater, ich bitte dich, lass ihn aussprechen.“
Alicia ahnte, worauf Oliver hinaus wollte. Doch darüber war sie gar nicht unglücklich. Sie liebte schon seit einiger Zeit einen anderen Ritter und hatte ihm auch beigelegen. Sie fürchtete sich davor, was Oliver tun würde, wenn er dies in der Hochzeitsnacht feststellen würde. Es war ihr ein Gräuel auch nur daran zu denken, dass ein anderer Mann als ihre heimliche Liebe sie berühren könnte.
Mit einem bösen Blick auf seine Tochter nickte Sir Howard jedoch zustimmend in Olivers Richtung.
„Ja, das haben wir alle gedacht. Doch Lady Deria hat ihren Vater und auch mich getäuscht. Es war Eric, der damals an dem Fieber gestorben ist. Sie hat seine Rolle angenommen, um der vorbestimmten Ehe mit mir zu entgehen. Durch einen Zufall habe ich erst gestern bemerkt, wer tatsächlich mein Mündel ist.“
„Bei Gott“, entfuhr es Alicia und erschrocken hob sie ihre Hand an den Mund.
„Aus diesem Grund sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen, die Verlobung mit Alicia zu lösen, da ich bereits an ein Versprechen gebunden bin, dass einen älteren Rechtsanspruch hat.“
Oliver fuhr sich nervös durch die Haare. Es war totenstill im Raum. Sir Howard blickte den jungen Wallace ernst an und rieb sich nachdenklich sein Kinn. Er überlegte, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Konnte er Oliver einen Vorwurf machen? Nein, denn er verhielt sich gewiss ehrenhaft. Er musste eine Wahl treffen und hatte sich zu Gunsten des länger bestehenden Versprechens entschieden. Sir Howard warf einen Blick auf seine Tochter und war erstaunt, als er das Leuchten in ihren Augen sah. Sie war ganz und gar nicht unglücklich, geschweige denn traurig. Was hatte das zu bedeuten? Seufzend antwortete er dem ungeduldig und unsicher dreinblickenden Oliver:
„Nun, Oliver. Ich bin natürlich sehr enttäuscht. Aber nicht von dir, sondern von deiner zukünftigen Frau. Sie war sehr unvernünftig und ich hoffe für dich, dass du diese Entscheidung nicht bereuen wirst.“
Oliver atmete erleichtert aus.
„Ich danke für dein Verständnis, denn mir ist weiterhin an deiner Freundschaft viel gelegen.“
Dabei reichte Oliver dem Älteren die Hand. Howard ergriff diese ohne zu zögern. Dann wandten sich beide Alicia zu.
„Oh, ich … ich wünsche dir Glück, Oliver, und ich bin ehrlich gesagt auch dankbar. Ich … ich fühle mich noch nicht reif genug für die Ehe.“
Sie senkte ihren Blick und hoffte, dass man ihr diese Lüge abnahm.
„Dann lasst uns noch ein wenig feiern. Denn immerhin wirst du so oder so bald verheiratet sein“, meinte Sir Howard und schlug ihm aufmunternd auf den Rücken.
Am nächsten Morgen erzählte Howard seinem Sohn von dem Gespräch. Donald verlor die Beherrschung:
„Das ist eine Beleidigung uns gegenüber, Vater! Wie konntest du das so einfach hinnehmen?“
„Aber Donald, er hat sich ehrenhaft verhalten. Da die erste Verlobung noch gültig ist, muss er Deria heiraten.“
„Das hat unser Haus nicht verdient. Verflucht, er hätte sie ja mit jemand anderem verheiraten können.“
Donald war ein junger Hitzkopf und fühlte sich persönlich abgewiesen. Er schwor sich, diese Schmach zu rächen.
Derweil bekam Deria ihre Gemächer gezeigt. Es waren zwei Räume, die durch eine Tür miteinander verbunden waren. Die Fenster im Schlafgemach zeigten auf die Rückseite der Burg, sie konnte die Wiese überblicken und hinter dem Steinwall den Wald.
„Was für eine herrliche Aussicht“, sagte sie erfreut.
„Schön, dass es dir gefällt“, erwiderte Guy.
„Wessen Räume befinden sich noch auf diesem Gang?“, fragte sie neugierig. Ihr waren noch drei Türen aufgefallen, an denen Guy sie vorbei geführt hatte.
„Das sind Olivers Gemächer.“
Wie vom Donner gerührt fuhr Deria herum. „Und warum werde ich dann hier einquartiert? Es gibt doch sicher andere Räume?“
So nah wollte sie ihn nicht haben.
„Was spricht dagegen? Du bist sein Mündel und hast dadurch eine gewisse Stellung.“
Darauf konnte sie nichts erwidern.
„Was sind meine heutigen Aufgaben?“
„Du sollst sein Rüstzeug und seine Waffen reinigen. Sie liegen in seinem Zimmer.“
Guy führte sie in die privaten Räume von Oliver. Erstaunt blieb Deria in der Tür stehen. Ein riesiges Bett stand an der gegenüberliegenden Wand, rechts und links gab es jeweils ein kleines Fenster mit einer schönen bunten Glasscheibe. Über dem Bett war ein riesiger Wandbehang. Das Motiv ließ Deria erröten:
„Oh, das ist aber sündig!“
Guy lächelte: „Es ist ein Liebespaar.“
„Das sehe ich selbst.“
Der Wandteppich zeigte einen Mann und eine Frau, beide waren nackt und umarmten sich auf äußerst frivole Weise. Deria musste den Blick abwenden, sonst würde Sir Guy sie bestimmt auslachen.
„Die Waffen sind nebenan.“
Er verschwand durch einen kleinen Torbogen und Deria folgte ihm. Dieser Raum war Olivers Ankleidegemach. Aus den offenen Truhen lugten Kleidungsstücke aus verschiedenen Stoffen hervor, zwei Paar Schuhe aus Leder standen in einer Ecke. Auf einem Holzgestell hing Olivers Kettenhemd, dessen Metall matt glänzte. Deria betrachtete ehrfürchtig die auf dem Tisch liegenden Schwerter und Messer.
Nachdem Guy ihr alles erklärt hatte, überließ er sie ihrer Aufgabe. Den ganzen Tag war sie mit der Reinigung der Kettenglieder beschäftigt, und am Abend strahlten der Kettenpanzer und die Waffen in neuem Glanz. Dann betrachtete sie sich den Wandteppich genauer. Wer hätte gedacht, dass Oliver solch sündige Bilder gefielen? Sie stellte sich direkt vor das Bett und legte nachdenklich den Kopf schief. Wie viele Frauen hatte er schon in so einer Umarmung gehalten? Sie versuchte sich Oliver nackt vorzustellen. Irgendwie wurde ihr dabei ganz flau im Magen.
Wie im Flug vergingen die Tage und sie half abwechselnd Stephen oder Guy, der ständig mit neuen Aufgaben kam. Mal musste sie in der Küche aushelfen, mal wurde sie Wasserholen geschickt. Die Aufgaben waren an sich keine Arbeiten für Männer, sagte sich Deria. Ob sie Eric bestrafen wollten? Doch auf diese Frage bekam sie keine Antwort, da auch Ester keine Antwort darauf hatte. Da Derias Oberschenkel verheilt waren, und sie für diesen Tag ihre Arbeiten erledigt hatte, bat sie Stephen, ihr das Reiten beizubringen.
„Wirklich, Eric? Du möchtest, dass ich dir das Reiten beibringe? Es ist mir eine Ehre.“
Seine Stimme klang dabei stolz. Stephen führte Aragon aus der Burg heraus und sie gingen linker Hand an der Wiese vorbei.
„Wo gehen wir hin?“, fragte Deria neugierig.
„Hier ist ein Übungsplatz, wo die jungen Pferde eingeritten werden und hier üben auch die Ritter den Zweikampf“, erklärte Stephen.
Deria betrachtete den riesigen Platz, der von drei Seiten mit Wald umgeben war. Durch das Longieren der Pferde war auf der einen Seite ein großer Kreis ins Gras getreten worden. Am Ende des Platzes auf der anderen Seite stand eine kleine Hütte. Stephen band Aragon an das Longierseil und half Deria beim Aufsitzen.
„Ich soll ohne Sattel reiten?“
„Ja, damit du ein besseres Gefühl für das Pferd bekommst. Vertrau mir, Eric“, erklärte Stephen zuversichtlich. Aragon schritt im Kreis Runde um Runde dahin. Stephen mäkelte ständig an Deria herum.
„Nicht so steif, pass dich einfach dem Rhythmus des Tieres an. Mensch, Eric, du bist echt ein Angsthase!“
„Was meinst du wohl, warum ich nicht mehr reite, du Angeber“, fauchte Deria zurück.
Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie Stephens Ratschläge umzusetzen, doch je schneller Aragon lief, desto mehr wurde sie hin und her geschüttelt.
„Ich lerne das nie“, seufzte sie nach einer Weile.
„Ach Eric, irgendwann klappt es auch bei dir. Jetzt drück die Knie vorsichtig an die Seiten und schließ die Augen. Konzentrier dich auf Aragon! Spüre seine Bewegungen und vertrau dir selbst, du kannst das!“
Deria tat wie ihr geheißen. Sie konzentrierte sich auf Stephens Stimme und schloss die Augen. Sie hörte seine beruhigenden Worte und mit einem Mal empfand sie einen Gleichklang mit dem Pferd und hatte das Gefühl, sanft geschaukelt zu werden. Sie fühlte sich sicherer und automatisch löste sich ihre versteifte Haltung. Stephen lächelte, es war dem Elfjährigen nicht entgangen, wie sich die Haltung seines Schülers entspannt hatte. Er schnalzte mit der Zunge und Aragon fiel in einen leichten Trab. Deria merkte zwar, dass irgendetwas anders war, aber es machte ihr keine Angst mehr. Stephen sprach weiter:
„Strecke deine Arme seitlich in die Höhe und spüre die Kraft, die Aragon in dich überträgt.“
Sie tat wieder wie ihr geheißen und rief vor Entzücken:
„Ich hab das Gefühl, ich fliege. Oh, Stephen es ist so wunderbar!“ Freudentränen liefen ihr die Wangen hinunter.
„Jetzt öffne die Augen, gleich wirst du galoppieren!“
Und wieder schnalzte Stephen mit der Zunge, Aragon fiel in einen Galopp. Deria griff in die Mähne ihres Pferdes, aber sie passte sich sofort dem schnelleren Rhythmus an, ohne wieder zu verkrampfen. Sie lachte laut auf und schüttelte übermütig den Kopf.
„Ich kann wieder reiten!“
„Nun, morgen machen wir einen Ausritt und dann werden wir sehen, ob du reiten kannst“, hörte sie plötzlich eine tiefe Männerstimme.
Ihr Kopf flog herum und sie sah Guy dastehen, der ihr anerkennend zunickte, während er Stephen auf die Schultern klopfte.
„Das hast du sehr gut gemacht Stephen. Dein Vater und dein Bruder wären stolz auf dich.
„Danke, Sir Guy.“ Stephen bekam vor Verlegenheit rote Ohren.
Am nächsten Tag holte Guy Deria ab.
„Jetzt machen wir den versprochenen Ausritt. Ich werde dir ein wenig Olivers Ländereien zeigen.“
Ohne Angst bestieg Deria Aragon und folgte Sir Guy durch das Burgtor. Sie ritten gen Westen und nach mehr als zwei Stunden hielt er auf einem Hügel an.
„Von hier aus kannst du einen weiten Blick über Olivers Land werfen“, sprach er mit Stolz erfüllter Stimme.
„Es ist ein sehr fruchtbares Land. Und es ist wunderschön.“
Deria war das saftige Grün der Wiesen und das satte Braun der Erde nicht entgangen.
„Bei uns ist es auch schön, aber nicht so wie hier. Oliver kann sich glücklich schätzen“, meinte sie aufrichtig.
Fast den ganzen Tag ritten sie über Olivers Ländereien. Für Deria gab es viel zu sehen und sie konnte sich auch einen Eindruck verschaffen, was die Bevölkerung von ihrem Lehnsherrn hielt. Bewundernd musste sie anerkennen, dass Oliver bei seinen Untergebenen sehr beliebt war. Er fällte gerechte Urteile und schröpfte seine Bauern nicht. Und dies war selten in diesen Zeiten.
Als die Sonne langsam unterging, verkündete Guy:
„Es wird Zeit, umzukehren.“
„Ihr seid sein Onkel, nicht wahr?“
Deria wollte mehr über Oliver erfahren. Schon die ganze Zeit während des Ausrittes hatte sie darüber nachgedacht, wie sie das Gespräch auf Oliver bringen konnte, ohne dass ihre Neugierde allzu offensichtlich wurde. Guy war nicht dumm, er hatte die innere Unruhe an Deria bemerkt und nur darauf gewartet, dass sie endlich ihrer Neugierde freien Lauf ließ.
„Ja, mein Bruder war sein Vater.“
„Warum hast du nie geheiratet?“
Überrascht von der Frage, da er nicht damit gerechnet hatte, selbst im Mittelpunkt ihrer Neugierde zu stehen, zögerte er mit der Antwort.
„Nun, die Frau, die ich liebte, musste einen anderen heiraten. Und bis heute ist mir keine andere begegnet, die diese Frau aus meinem Herz verdrängen konnte.“
„Welch romantische Worte aus dem Mund eines Mannes“, entfuhr es Deria, die von dieser Antwort seltsam berührt war.
„Wieso sollte es das nicht? Hältst du Männer für weniger romantisch als Frauen?“, fragte Guy erstaunt.
„Ich möchte dich nicht beleidigen, Guy. Aber Männer sind in meinen Augen zu keinen tieferen Gefühlen fähig. Die einzige Ausnahme war mein Vater“, erwiderte Deria überzeugt.
„Und das denkst du auch von Oliver, oder?“, wollte Guy neugierig wissen.
„Oh, er ist ein Grobian und ein gefühlloser Mann. Die Frau, die ihn heiraten muss, tut mir jetzt schon leid“, sagte Deria naserümpfend.
„Eric, hüte deine Zunge. Du kennst Oliver nicht so gut wie ich. Dann würdest du anders von ihm denken.“
„Oh, ich kenne ihn gut“, bemerkte Deria trotzig und musste daran denken, als er ihr damals den Hintern versohlte.
„Lass dir gesagt sein, dass er sehr viele gute Eigenschaften hat, und dass er zu wahrer Liebe fähig ist. Nur wer ihn belügt oder betrügt, verdirbt es sich mit ihm.“
Bei diesen Worten warf er Olivers Mündel einen warnenden Blick zu. Deria wurde es heiß und kalt. Genau das tat sie die ganze Zeit: Sie log und betrog die Menschen um sie herum und vor allen Dingen Oliver. Irgendwann würde dieses Netz aus Lügen reißen. Und bevor das geschah, musste sie verschwinden. Schweigend ritten sie zur Burg zurück.
Mehr als zwei Wochen waren vergangen, als Oliver und sein Gefolge auf die Bärenburg zurückkehrten. Nach dem Besuch auf Burg Shenderton waren er und seine Männer noch auf die Jagd gegangen. Mägde und Knechte nahmen die Beute in Empfang, um die erlegten Tiere auszunehmen. Die vom Fleisch gesäuberten Felle übergab man dem Kürschner zur Weiterverarbeitung, Küchenmägde kochten das Fleisch ein oder hingen es zum Trockenen auf. Für die nächste Zeit waren die Vorratskammern der Burg reichlich gefüllt.
Oliver berichtete Guy von seinem Gespräch mit Howard und seiner Tochter.
„Dann ist ja alles gut gelaufen“, meinte Guy erleichtert.
„Und wie erging es meinem Mündel?“, fragte Oliver neugierig.
Guy erzählte seinem Neffen von dem Reitunterricht und dem gemeinsamen Ausritt. Das Gespräch jedoch verschwieg er ihm.
„Wo steckt sie jetzt?“
„Wahrscheinlich bei Stephen.“
„Gut, dann gehe ich mich erfrischen und mich dann mit einem Weib vergnügen“, sagte Oliver.
„Hältst du das für sinnvoll? Immerhin ist Deria deine Verlobte“, gab Guy zu bedenken.
Oliver runzelte die Stirn und sah seinen Onkel lange an, bevor er ihm antwortete:
„Meinst du nicht, nach allem, was dieses verlogene Biest mir angetan hat, muss ich mich auch noch benehmen? Offiziell habe ich keine Verlobte und wer weiß, wann ich Deria eheliche. Bis dahin führe ich mein Leben wie bisher und das heißt, ich nehme mir ein Weib, wenn mir danach der Sinn ist, und heute ist dies der Fall.“
Mit diesen Worten stand er auf und rief Jolanda. Guy sah ihm kopfschüttelnd nach. Jolanda arbeitete als Küchenmagd und war Olivers Mätresse. Bisher hatte es für beide kein böses Erwachen aus einer berauschender Liebesnacht gegeben, denn Oliver hatte aus den Fehltritten seines Vaters gelernt. Er hatte es sich angewöhnt, seinen Samen nicht im Schoße einer Frau zu verströmen, damit er keine Bastarde zeugte.
Oliver zog Jolanda mit sich fort und lief neckend mit ihr die Treppe hoch. Schon vor seiner Zimmertür riss er sie in seine Arme und küsste sie. Seine Lenden brannten. Leidenschaftlich zog er seine Mätresse mit sich ins Schlafgemach. Knallend fiel die Tür ins Schloss.
Deria hatte sich heimlich in Olivers Gemach geschlichen um in seinen Büchern zu lesen. Aufgeschreckt durch den Tumult vor der Tür, hob sie den Kopf und lauschte. Sie hörte zwei keuchende Stimmen. Panisch rannte sie in das Ankleidezimmer und versteckte sich hinter dem Holzgestell, welches das Kettenhemd trug. Just in diesem Moment kamen Oliver und Jolanda hereingestürmt. Er warf die Tür zu und riss das Mädchen erneut an sich.
„Oh, Ihr könnt es wohl gar nicht abwarten, Mylord“, kicherte sie kokett.
„In der Tat, ich war zu lange enthaltsam“, knurrte er.
Er schob ihre Röcke hoch und drückte die Frau an die Wand. Mit zwei Handgriffen löste er seine Beinkleider und drang hart in sie ein. Jolanda keuchte auf. Seine Stöße wurden fester und schneller und als sie laut aufschrie, zog er sich aus ihr zurück. Schnell nahm sie seinen Schaft in die Hand und rieb daran. Seine Erregung war so stark, dass er sofort zum Höhepunkt kam.
Deria hielt sich den Mund zu, um nicht laut zu schreien. Das ist ja widerlich, was die beiden da machen! Und während sie das dachte, spürte sie, wie ihre Brustwarzen sich plötzlich gegen ihr Hemd rieben. Ihr Körper reagierte auf diesen wilden Akt, ohne dass sie es wollte. Doch damit nicht genug, denn sie hörte Oliver sagen:
„Das war die Vorspeise, jetzt kommt der Hauptgang.“ Und mit diesen Worten zog er Jolanda aus und führte sie zum Bett.
Oh nein, das kann ich nicht mit anhören, geschweige denn zusehen. Ich muss irgendwie hier raus, dachte Deria entsetzt. Doch wie konnte sie flüchten ohne auf sich aufmerksam zu machen? Sie würde warten, bis die beiden wieder zu Gange waren und dann flux hinausrennen. Sie kam leise hinter dem Kettenhemd hervor und spähte um die Ecke. Oliver lag auf Jolanda. Fasziniert beobachtete sie, wie er sich über die Brüste der Frau beugte und diese in den Mund nahm. Ihr wurde flau im Magen. Sie musste raus – sofort! Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür. Gerade schob sie den Türriegel nach hinten, als Jolanda den Eindringling entdeckte:
„Da ist ja ein Kerl.“
Deria riss die Tür auf und stürzte fluchtartig hinaus. Hinter sich hörte sie Oliver lautstark fluchen. Sie rannte so schnell sie ihre Füße trugen in ihr Zimmer und versuchte die Tür hinter sich zu schließen. Doch es war unmöglich, da Oliver bereits von der anderen Seite dagegen drückte. Deria stemmte sich mit ihrem ganzen Körper, der wie Espenlaub zitterte, dagegen. Doch vergebens. Oliver war stärker als sie und nach kurzem Hin und Her stand er im Zimmer. Krachend warf er die Tür ins Schloss. Deria schnappte nach Luft. Oliver war fast nackt, hatte nur seine Beinkleider angezogen und selbst die waren noch nicht einmal ordentlich hoch gezogen.
„Raus!“, schrie sie und wich ängstlich vor ihm zurück.
Er starrte sie nur an und bewegte sich geschmeidig auf sie zu. Wie ein Raubtier, das seine Beute umschleicht, schoss es Deria durch den Kopf. Sie konnte nicht anders als ihren Blick an ihm hinabgleiten zu lassen. Noch nie hatte sie so einen herrlichen Mann gesehen: Sein Oberkörper war muskulös, schwarze Haare zierten seine Brust und seinen Bauch, seine Brust hob und senkte sich in kurzen Abständen.
„Verschwindet, Ihr seid widerlich“, brüllte sie dennoch. Um ihn auf Abstand zu halten, trat sie hinter ihren kleinen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand. Oliver sah ihre geröteten Wangen, ihre Lippen glänzten feucht. Sie sieht zum Anbeißen aus, dachte er plötzlich. Aber jetzt war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort um sich darüber Gedanken zu machen.
„Was hattest du in meiner Kammer zu suchen?“, herrschte er sie an.
„Ich…es war…ich habe gelesen und ich wollte nicht stören…“, stotterte sie herum.
„Hast du noch kein Weib bestiegen?“
Oliver hatte sich wieder unter Kontrolle und wollte sie nun ein wenig ärgern.
„Was? Bestiegen?“ Sie schnappte nach Luft.
„Nein, hast du also nicht, wie mir deine Reaktion zeigt. Na, dann werde ich dir das demnächst zeigen, wie es geht.“
Als er ihr bestürztes Gesicht sah, drehte er sich um und ging grinsend davon. Deria starrte ihm nach. Ihre Knie zitterten und ihre Brust hob und senkte sich heftig vor Aufregung. Langsam kletterte sie aufs Bett, schlang die Arme um ihre Beine und legte ihr Kinn auf die Knie. Sie musste den festen Verband um ihre Brüste lösen, da diese schmerzhaft an ihm rieben und Derias Atem einengte. Zwischen den Schenkeln spürte sie eine Wärme und Feuchtigkeit, die sie erröten ließen. Was passiert mit mir? Warum löst Olivers Anblick diesen Wirrwarr an Gefühlen in mir aus, fragte sie sich. Deria hatte Angst. Mit wem, außer ihrer Mutter oder Milly, hätte sie darüber sprechen können? Aber beide waren nicht hier. Deria musste an Olivers Worte denken. Ihre Situation wurde immer heikler. Wie sollte sie ihm klar machen, dass Eric kein Interesse an Frauen hatte? Mit dieser Frage fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Als Oliver am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich ausgeruht und ausgeglichen wie schon seit langem nicht mehr. Jolanda war längst gegangen, denn er duldete sie nicht die ganze Nacht in seinem Bett. Dieses Privileg würde nur seiner Frau vorbehalten bleiben. Seiner Frau - dieser Gedanke ließ ihn wieder an seine Unterhaltung mit Deria denken. Was mochte sie von der Situation gehalten haben, als ich Jolanda so wild genommen habe? Sie war bestimmt verschreckt gewesen. Selbst Schuld, was hat sie auch in meinen Räumen zu suchen, sagte er zu sich selbst. Aber eine seltsame Erregung ergriff ihn. Wieder musste er an die feuchten Lippen denken: Wie herrlich wäre es, diese zu küssen. Erstaunt bemerkte er, wie seine Leidenschaft sich zu regen begann.
Oliver wusch sich und beschloss, das Katz- und Mausspiel endlich zu beenden. Er würde „Eric“ keine andere Wahl lassen als selbst zuzugeben, was für ein falsches Spiel er spielte.
Mit diesen Gedanken klopfte er energisch an Derias Zimmertür. Stille. Er klopfte noch einmal, dieses Mal lauter und heftiger. Wieder keine Antwort. Ohne etwas zu sagen, riss er die Tür auf. Sofort sah er, dass der Raum verlassen war. Verdammt, wo ist dieses Weibsbild denn schon so früh am morgen, grollte er in Gedanken. Als er wutschnaubend in die große Halle kam, saß sein Oheim bereits am Tisch und grinste ihm entgegen.
„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte er süffisant.
„Keine, aber gerade das ist es ja.“
„Wenn du Eric meinst, der bzw. sie ist vor über einer halben Stunde hinaus geschlichen.“
„So früh schon?“, fragte Oliver verwundert.
„Oh, sie nimmt ihre Pflichten sehr ernst. Wahrscheinlich hilft sie Stephen und dann frühstücken die beiden bei Ester.“
„Aha. Na, dann werde ich ihren Tagesablauf ein wenig durcheinander bringen. Heute zeige ich meinem Mündel, wie gekämpft wird.“
„Aber Oliver, jetzt übertreibst du es aber“, versuchte Guy Deria zu beschützen.
„Nein, sie soll endlich zugeben, wer sie wirklich ist. Ich habe diese Spielchen langsam satt“, grollte Oliver. „Jolanda, pack mir ein wenig Proviant ein!“
Oliver ging in den Stall, aber dort war niemand. So wie Guy es richtig vermutet hatte, fand er Deria in Esters Haus.
„Oh Oliver, möchtest du auch etwas essen?“, fragte Ester überrascht.
„Nein, danke, Ester. Ich möchte mein Mündel abholen. Wir haben heute eine schweren Tag vor uns.“
Ohne einen Widerspruch zu dulden, warf er Deria einen ungeduldigen Blick zu. Sie verschluckte sich fast an ihrer Milch, stand dann unsicher auf.
„Bist du endlich fertig?“, herrschte er sie an.
„Ja, dank Euch habe ich keinen Hunger mehr“, zischte sie zurück.
Nachdem sie sich bei Ester bedankt hatte, folgte sie Oliver.
„Was, um alles in der Welt, soll das jetzt? Wieso behandelt Ihr mich so herabwürdigend?“, brauste sie auf.
Er fuhr so schnell zu ihr herum, dass sie ängstlich zurückwich. Er packte ihren Arm und zog sie zu sich heran.
„Nicht anders, als du mich behandelst“, knurrte er in ihr Ohr.
Dann zog er sie wortlos mit sich. Deria hatte nun wirklich Angst. Irgendetwas war anders als sonst. Oliver wirkte so entschlossen. Nur weswegen? Sie überlegte, ob sie versuchen sollte sich loszureißen. Nein, das würde zu nichts führen. Sie musste erst einmal abwarten, was er wirklich von ihr wollte.
„Sattle dein Pferd, wir werden ausreiten!“
Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. Deria tat wie ihr geheißen und folgte dann schweigend ihrem Vormund. Die Provianttasche hatte er sich umgehängt. Ohne ein Wort zu sprechen, trieb er sein Pferd zum Galopp an. Deria folgte ihm in den anbrechenden Tag. Wenngleich sich ihr ein wunderbarer Sonnenaufgang bot, konnte sie sich nicht daran erfreuen. Furcht umschloss ihr Herz und drückte ihre Brust zusammen.
Mehr als zwei Stunden waren sie im schnellen Galopp geritten, als eine Burgruine in Sicht kam. Eigentlich waren es eher ein paar Steinquader, als eine Ruine. Dort zügelte Oliver sein Pferd und wartete bis Deria ebenfalls abgestiegen war.
„Ich werde dir heute den ersten Unterricht im Schwertkampf geben.“
Deria schluckte. Noch tat ihr der Hintern von dem schnellen Ritt weh. Aber Oliver ließ ihr keine Sekunde Zeit, sich auszuruhen. Er holte zwei Holzschwerter aus der Tasche und gab eines davon Deria. Dann erklärte er ihr geduldig, wie sie den Griff am besten halten sollte. Es überraschte ihn, wie geschickt sie sich dabei anstellte. Nachdem sie seine Übungen wiederholt hatte, stellte er sich ihr gegenüber und sagte:
„So, und jetzt kämpfen wir gegeneinander. Versuche die Übungen, die ich dir eben gezeigt habe, anzuwenden. Fertig?“
„Ja.“
„Dann greif mich an“, forderte Oliver sie auf.
Wie er ihr erklärt hatte, stellte sie erst ihre Beine fest auf den Boden, um genug Halt zu haben. Dann holte sie aus, ließ ihr Holzschwert über dem Kopf kreisen und schlug dann auf Oliver ein. Als ob er eine Fliege abwehrte, hob er lässig sein Holzschwert und parierte ihren Schlag. Deria fuhr ein beißender Schmerz in die Arme, als ihre Schwerter aufeinander schlugen.
„Noch einmal, aber gib dir mehr Mühe“, reizte Oliver sie.
Und wieder machte sie die gleichen Bewegungen, doch dieses Mal duckte sich Oliver geschwind unter ihrem Schwert hindurch, so dass er plötzlich hinter ihr stand. Mit seinem Schwert schlug er ihr auf ihren Hosenboden. Deria machte einen Satz nach vorne:
„Aua, das tat weh!“
Jetzt war ihr Zorn geweckt und sie versuchte Oliver einen Stich zu versetzen, aber er wich auch diesem geschickt aus und verpasste ihr den nächsten Hieb.
„Das tut weh, Oliver!“, rief sie zornig.
„Das soll es auch. Ungezogenen Kindern versohlt man nun einmal den Po.“
„Ich bin kein Kind mehr“, rief Deria mit verletztem Stolz.
So ging es eine Weile und wieder und wieder bekam Deria einen Schlag auf ihren Allerwertesten.
„Oh, was seid Ihr nur für ein ungehobelter Mensch!“, schrie Deria völlig außer sich.
„Lieber ein Grobian als eine ausgekochte Lügnerin!“, brüllte Oliver zurück.
Erst jetzt realisierte Deria, was er gerade gesagt hatte. Er weiß es, oh mein Gott, er weiß es! Deswegen ist er so wütend und schlägt mich. Vor lauter Panik ließ sie das Schwert fallen, drehte sich um und rannte los. Doch gegen Oliver hatte sie keine Chance. Schon nach wenigen Metern hatte er sie eingeholt, bekam ihr Hemd zu packen und riss sie zurück. Deria verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.
„Lasst mich los!“ Sie versuchte ihn abzuschütteln, doch vergeblich. Wie eiserne Zangen umschlossen seine Hände ihre Handgelenke und drückten sie über ihren Kopf auf den Boden. Er setzte sich auf ihre Beine, sodass sie nicht mehr nach ihm treten konnte. Ihr Widerstand hielt an, bis sie endgültig erkannte, dass sie ihm nicht entkommen konnte.
Oliver hatte einfach gewartet, bis sie müde wurde. Jetzt lag sie unter ihm. Ihr Hemd war hoch gerutscht und gab einen kleinen Blick auf ihren schmalen Bauch frei. Ihre grünen Augen sprühten vor Zorn, doch sie hielt jetzt still. Nur ihre Zunge konnte sie nicht im Zaum halten:
„Geht Ihr immer so mit euren Schutzbefohlenen um?“
Seine Augen wurden zu einem eisigen Silber.
„Nur wenn man mein Vertrauen missbraucht.“
Er kam mit seinem Kopf ganz dicht an ihren heran und schaute ihr tief in die Augen. In diesen blauen Augen sah Deria einen Funken glimmen. Sein Mund berührte fast ihr Gesicht, sein warmer Atem streifte ihre Wange.
„Bin ich dir so zuwider, dass du beschlossen hast, mir immer wieder davonzulaufen?“
Seine Stimme war verdächtig leise. Deria wollte etwas erwidern, als seine Lippen ihren Mund versiegelten. Im ersten Moment, völlig gelähmt vor Entsetzen, erstarrte ihr Körper zu Stein. Doch mit einem Mal fühlten sich seine Lippen herrlich an. Warm, weich und zart. Oliver glitt mit seiner Zunge an den Innenseiten ihrer Lippen entlang. Er hatte ihre kurzzeitige Starrheit gespürt, aber auch wie sie sich langsam entspannte. Sieh an, dieses kleine Biest reagiert auf mich, stellte Oliver fest. Sie schmeckte so himmlisch süß und unschuldig. Ganz sanft bat seine Zunge um vollständigen Einlass. Deria wollte nicht, doch ihre Lippen öffneten sich wie von selbst. Oliver erkundete ihren Mund, nahm die Süße auf, neckte ihre Zunge und sie begannen zaghaft miteinander zu spielen. Deria wusste nicht wie ihr geschah, aber dieser Kuss war das schönste, was ihr bisher passiert war. Er liebkoste ihren Mund, dann glitten seine Lippen zu ihrem Hals und küssten dort eine unsichtbare Linie entlang. Derias Körper wurde von einer Gänsehaut überzogen. Doch sie konnte kein Wort über ihre Lippen bringen, nur ein tiefer Seufzer entwich ihnen.
Langsam richtete Oliver sich auf. Was für eine Leidenschaft hatte er gespürt. Er musste aufhören, sonst würde er sie hier und jetzt nehmen. Ihre Augen hatten sich dunkelgrün verfärbt, ihre Wangen leuchteten in einem sanften rosa.
„Wieso habt Ihr mich geküsst? Ich bin nicht eure Hu…“, doch Oliver hatte schon seine Finger auf ihren Mund gelegt.
„Du gehörst mir! Ich kann mit dir tun und lassen was ich will und wann ich will“, stieß er mit rauer Stimme hervor.
Oliver konnte nicht sagen, warum er ihr verheimlichte, dass sie jetzt seine rechtmäßige Verlobte war. Vielleicht weil sie ihn so lange belogen hatte? Sofort erwachte in Deria der Widerstand aufs Neue. Sie wurde so wütend, dass sie es schaffte, ihn von sich herunterzuwerfen. Oliver war zu überrascht, doch mit einem Satz war er auf den Füßen und griff nach ihr, bevor sie fliehen konnte.
„Hör endlich auf immer davonzurennen!“
Wie ein stählerner Ring hielt er ihre Taille umfangen. Mit dem anderen Arm presste er ihren Oberkörper an sich, so dass Deria sich nicht mehr bewegen konnte. Hilflos baumelte sie in der Luft. Deria spürte die Hitze seines Körpers, roch seinen Duft nach Schweiß, Stahl und Leder, der erregend auf sie wirkte. Langsam ließ ihre Gegenwehr nach und sie erschlaffte in Olivers Armen. Ihr Kopf sank müde an seine Brust.
„Ihr seid der größte Schuft, den ich je gesehen habe! Das Wort Ehre in Eurem Mund kommt einem Verrat gleich. Noch nicht einmal verheiratet und schon betrügt Ihr Eure zukünftige Frau und jetzt fallt Ihr über ein unschuldiges Mädchen her. Ich verabscheue Euch und Ihr habt meinen Vater entehrt!“
Oliver war von ihren Worten tief in seinem Stolz getroffen.
„Was bildest du dir ein, über mich zu richten?“ Er drehte sie herum und schüttelte sie wild durch. „Steht nicht in der Bibel, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein? Bist du ohne Sünde? Du, die alle Menschen, die dich liebten und lieben, belogen und betrogen hast. Und noch schlimmer: Du hast deinem Vater Schande gemacht und deinen Bruder entehrt, indem er namenlos begraben wurde.“
Seine Stimme überschlug sich vor Wut. Seine Augen funkelten wild und gefährlich, dass Deria sein Blick durch Mark und Bein ging. Sein fester Griff schmerzte an ihren Oberarmen und presste ihr die Tränen in die Augen. Olivers Worte bohrten sich wie glühende Klingen in Derias Herz und die Erkenntnis, dass er die Wahrheit sagte, schmerzte noch mehr und raubte ihr fast die Sinne. Unerwartet ließ er sie los, so dass Deria beinahe gestürzt wäre. Sie starrte mit leerem Blick zu Boden. Ihre Schultern zuckten unter dem Weinkrampf, der sie mit einem Mal erfasste.
Oliver indes hatte sich abgewandt und war hinter den Steinen der Ruine verschwunden. Verzweifelt raufte er sich das Haar. Fast hätte er die Beherrschung verloren und zum ersten Mal in seinem Leben eine Frau, nein, ein Mädchen geschlagen. Sein Zorn war erst gegen sich selbst gerichtet und dann wieder auf Deria. Es war nicht zum Aushalten mit ihr. Sie brachte ihn ständig zur Weißglut. Hatte er die richtige Entscheidung getroffen, als er seine Verlobung mit Alicia gelöst hatte? Würde er jemals mit Deria auch nur einen Weg des Miteinanders finden, ohne dass sie sich ständig gegenseitig verletzten? So viele Gefühle, wie ihn die letzten Tage durchströmt hatten, waren für ihn schwer zu akzeptieren. Er war immer nur der kühle beherrschte Oliver, der höchstens im Bett Leidenschaft kannte, die jedoch von ihm bestimmt wurde. Alle anderen Gefühle waren ihm fremd gewesen, bis Deria in sein Leben getreten war. Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, ging er wieder zu Deria.
„Wir reiten zurück. Ab sofort wirst du die Rolle annehmen, die dir von Geburt her bestimmt ist. Ich will dich nie mehr in Männerkleidung rumlaufen sehen. Heute Abend wirst du an meiner Seite sitzen, und zwar als Lady Deria Eddings. Hast du mich verstanden?“, herrschte er sie an. So sehr er gewillt war, anders zu klingen, bei ihrem Anblick geriet er wieder in Rage.
Deria hörte den warnenden Ton in seiner kühlen Ausdrucksweise und nickte. Ihr Blick jedoch triefte vor Verachtung, die ihn wie ein Schwertstoß ins Herz traf. Warum macht mir das nur soviel aus, fragte er sich. Ohne sich anmerken zu lassen, wie sehr sie ihn erneut verletzt hatte, drehte er sich herum, packte die Sachen zusammen und stieg auf sein Pferd. Er wartete nicht auf sie, sondern trieb das Tier zu schnellem Galopp an und überließ Deria sich selbst.
Sie sank zu Boden und dachte nach. Es war alles anders gekommen, als sie es sich vorgestellt hatte. Nun saß sie hier und dachte über Olivers Worte und seine Reaktion nach. Er hatte sie hier zurückgelassen. Entweder war er sich so sicher, dass sie nicht floh oder so dumm, dass er diese Möglichkeit nicht bedacht hatte, oder er war einfach nur überheblich. Überheblichkeit passte in ihren Augen am besten zu ihm. Doch sofort machten sich auch Zweifel in ihr breit und es begannen zwei Seiten in ihr miteinander zu ringen. Sie führte laute Selbstgespräche; das half ihr, einen klaren Kopf zu bekommen.
„Warum hat er mich geküsst, wenn er doch so wütend auf mich ist? Ob es ihm so gefallen hat, wie mir selbst?“
Mit zitternden Fingern fuhr sie über ihre Lippen und schloss die Augen. Sie stellte sich wieder den Moment vor, als sein Mund den ihren berührte. Erst war sie geschockt, doch dann hatte sie ein Kribbeln erfasst, dass durch ihren ganzen Körper lief. Die Worte ihres Bruders aus ihrem Traum kamen ihr wieder in den Sinn: Er ist deine Bestimmung!
„Was genau bedeutet das, Eric? Dass Oliver mich heiraten würde? Nun, das allein sicher nicht, denn es war schon vor langer Zeit beschlossen worden.
Oder, vielleicht, dass er der Mann sein würde, in den ich mich verliebe, oder der vielleicht mich liebt?“ Ein Schauer überkam sie. Wenn es so wäre, warum waren sie dann wie Katz und Maus? Je mehr sie darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher kam es ihr vor. Aber er hatte sie hier allein zurückgelassen. An seiner Stelle hätte sie ihm nicht bis zur Nasenspitze getraut. Was hatte ihn dazu veranlasst, sofort zu gehen?
„Er lässt dir eine Wahl“, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf. Ihm zu folgen bedeutet, ihn zu akzeptieren.
Wenn ich jetzt davonreiten würde, wäre ich frei… Deria war sich nun ziemlich sicher, dass Oliver sie auf die Probe stellte. Sie sollte selbst entscheiden welchen Weg sie gehen wollte - nur verstand sie es nicht. Denn immerhin war er mit Lady Alicia verlobt. So viele Fragen, auf die sie keine eindeutige Antwort fand. Sie konnte immer nur Vermutungen anstellen. Doch eines hatte sie in den vergangenen Jahren gelernt: Mit Flucht wurden die Dinge nicht besser. Auch das Lügennetz war immer löchriger geworden. Zudem hatte Oliver Recht, sie hatte Schande über ihre gesamte Familie gebracht. Sie musste es wieder gut machen. Aber erst musste sie herausfinden, was Oliver von ihr wollte. Sie atmete tief durch und stieg auf Aragon.
Während sie zurück zur Burg ritt, spielte der Wind in ihrem Haar und die Sonne trocknete ihre Tränen. Mit einem Mal kamen ihr wieder Olivers Worte in den Sinn: Alle Menschen, die dich liebten und lieben, hast du belogen und betrogen. Sie zügelte Aragon und hielt verwundert inne: Wen meinte er mit lieben? Doch nicht sich selbst, oder? Außer Milly und ihren neuen Freunden Stephen und Ester war niemand da, der sie liebte. Bei Gott, ob er wusste, was er da zu ihr gesagt hatte? Sie würde es herausfinden müssen.
Beflügelt von dieser Erkenntnis gab sie ihrem Pferd die Sporen und flog mit dem Wind zurück zur Burg. Als sie Aragon in den Stall führte, war Stephen schon fleißig damit beschäftigt, Ghost zu striegeln.
„Wie geht es dir, Stephen?“
Stephen schaute sie trotzig an. Deria blieb verwundert stehen und sprach ihn erneut an:
„Was hast du denn? Bist du sauer auf mich?“
„Du hast mich belogen und ich dachte, du wärst mein Freund!“, brüllte Stephen.
Deria wusste gar nicht warum Stephen so aufgebracht war: „Aber Stephen, ich hab dich doch nicht belogen.“
„Ach nein, wie kannst du das sagen? Du bist doch gar nicht Eric, sondern Deria!“
Im ersten Moment war Deria sprachlos. Mit trauriger Gewissheit wurde ihr klar, dass wohl alle so reagieren würden, die von ihrer Maskerade erfuhren. Sie trat zu Stephen und kniete sich vor ihm hin. Der Junge ignorierte sie und striegelte weiter den Schimmel.
„Stephen, bitte schau mich an! Ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Weißt du, es gab einmal Zwillinge, die sich von Herzen gern hatten. Sie gingen zusammen durch dick und dünn. Alles wollten sie gemeinsam machen, aber es gab einen Unterschied zwischen den beiden. Eric war ein Junge und damit frei in seinen Entscheidungen und seinem Tun. Seine Schwester hingegen, ich, stieß immer wieder an Schranken, die mir mein Geschlecht vorschrieb. Und als ich 13 Jahre alt war, sah ich zum ersten Mal meinen künftigen Ehemann. Er sah so finster aus, mit seinen schwarzen langen Haaren, der schwarzroten Kleidung und den eisblauen Augen. Ich bekam Angst und wollte davonlaufen, doch er fing mich ein, und zum Dank versohlte er mir den Hintern.“
Mittlerweile hatte Stephen aufgehört zu striegeln und lauschte interessiert.
„Dann verschwand er wieder, aber die Angst blieb und nur zu denken, dass ich an meinem achtzehnten Geburtstag diesen Mann heiraten musste, verleitete mich dazu, während des großen Fiebers in die Rolle meines Bruders zu schlüpfen. Meine Mutter war bereits von uns gegangen und mein Vater lag im Sterben. Ich war 15 Jahre alt und sah es als einzige Möglichkeit frei zu bleiben. Als Mann konnte ich weiter auf der Burg bleiben. Ich brauchte auch nicht zu heiraten. In meinen Gedanken war alles so einfach. Ich fand den Plan genial und so wurde ich zu Eric. Nicht einmal mein Vater merkte es.“
Deria holte tief Luft, schaute Stephen prüfend an. Keine Reaktion war in seinem kleinen Gesicht zu erkennen, also sprach sie weiter.
„Nun, alles lief so, wie ich es geplant hatte - bis mein Vater beschloss, dass ich noch zum Ritter erzogen werden musste. Er bestimmte Sir Oliver zu meinem Vormund. Alles umsonst, denn nun war ich ihm wieder ausgeliefert. Gerade dem Mann, vor dem ich mich am meisten fürchtete. Daher beschloss ich meine Rolle weiterzuspielen, aber es hat nicht lange gedauert, bis er mich durchschaut hatte. Deine Mutter hat mich sogar im ersten Augenblick durchschaut. Stephen, ich wollte…“, hielt Deria verzweifelt inne.
Stephen legte ihr seine Hand auf die Schulter und sprach mit der Weisheit eines Erwachsenen:
„Du hast niemanden verletzen wollen, du wolltest dich nur schützen. Ich bin dir nicht mehr böse, aber Eric wird mir sehr fehlen.“
„Oh, Stephen!“ Deria war überrascht was für kluge und tröstliche Worte aus dem Mund dieses elfjährigen Jungen kamen. Sie umarmten sich.
„Bleiben wir dennoch Freunde?“, wollte Deria wissen.
„Na klar, auch wenn du jetzt ein Mädchen bist, bist du trotzdem ganz in Ordnung.“
Dankend tätschelte Deria ihm den Kopf.
„Ach, Oliver hat gesagt, du sollst zu Mutter gehen, wenn du kommst. Und er hat mir gesagt, dass du nicht mehr im Stall arbeiten darfst.“
„Weißt du es von ihm?“
„Ja, er war ziemlich wütend auf dich als er zurückkam und ich hab ihn gefragt, wo Eric ist. Da hat er mich angebrüllt, es gäbe keinen Eric, sondern nur seine Schwester Deria, die alle belogen und betrogen hat.“
Wie konnte Oliver sich nur so unbeherrscht benehmen, dachte Deria entrüstet. Stephen war doch noch ein halbes Kind. Scheinbar war er wütender als sie vermutet hatte.
„Dann werden wir beide heute zum letzten Mal zusammen arbeiten. Mir fehlt es jetzt schon und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich es mir von Oliver verbieten lasse“, meinte Deria und eine Spur Trotz schwang in ihrer Stimme mit. Stephen schaute sie schräg von der Seite an, erwiderte jedoch nichts darauf.
Nach ein paar Stunden waren sie fertig und schlenderten gemeinsam zu Esters Haus. Als sie eintraten, begrüßte Ester sie. Während sie Stephen umarmte und ihm einen Kuss auf die Stirn, drückte sah sie Deria eindringlich an.
„Stephen weiß es bereits, Ester. Oliver hat es ihm gesagt“, sagte Deria entmutigend.
„Ja, das habe ich mir gedacht, denn als er hier war…“
„Er war hier?“, unterbrach Deria sie aufgebracht.
„Ja, Oliver hat mir gesagt, dass du heute Abend als Lady Deria zum Essen erscheinen sollst und ich dir dabei behilflich sein soll“, meinte Ester gelassen.
„War er wütend?“, fragte Deria neugierig.
„Nun, da ich Oliver ganz gut kenne, würde ich sagen, er war nicht nur wütend, sondern auch ziemlich enttäuscht.“ Ester schaute Deria forschend an.
„Enttäuscht? Warum?“, wollte Deria zögerlich wissen.
„Das musst du dir schon selbst beantworten. Soweit reichen unsere freundschaftlichen Bande nun auch nicht, dass er mir den Grund für seine Verstimmung genannt hat.“
Damit würde sich Deria später auseinandersetzen. „Stephen, du gehst dich heute Abend so waschen. Ich benötige Zeit mit Deria. Und du kannst schon einmal baden gehen, mein Fräulein“, delegierte Ester die beiden.
Deria verschwand hinter dem Vorhang und fand bereits einen Zuber mit heißem Wasser vor. Sie zog sich aus und wickelte sich die enge Brustbandage ab, wohl wissend, dass es wahrscheinlich das letzte Mal war. Jetzt spürte sie eine große Erleichterung beim Atmen - eine regelrechte Befreiung.
Mit einem Seufzer versank Deria in dem heißen Wasser. Es wirkte entspannend und für einen Moment schloss sie die Augen. Ohne dass sie es wollte, musste sie an Oliver denken: Seine große stattliche Statur, die schwarzen langen Haare, die gerade den Nacken bedeckten, und seine blauen Augen, die jetzt so warm wie der schönste Sommerhimmel leuchteten. Ein sanftes Lächeln umschmeichelte seine Lippen und auf seinen Wangen erschienen Grübchen. Was für ein schöner Mann; er gefällt mir sehr, dachte Deria. Es war ihr, als flatterten tausende kleiner Schmetterlinge in ihrem Bauch herum.
Sie legte ihre Hand darauf, als ob sie das Gefühl damit ausschalten könnte, aber dem war nicht so. Sie spürte, dass sich ihre Gefühle gegenüber Oliver veränderten. Obwohl sie immer noch Furcht vor ihm verspürte, sehnte sie sich nach ihm. Sie dachte an den Kuss zurück. An Olivers Körper, der ihrem so nah gewesen war und die Hitze die er ausgestrahlt hatte. Sie sehnte sich nach seinem Mund und seinen Händen. Plötzlich hörte sie eine Stimme:
„Was für ein entzückender Anblick!“
„Oh, verflucht, was macht Ihr hier? Hinaus mit Euch!“, entrüstete sich Deria und versank mit hochrotem Kopf im Wasser. Oliver verließ lachend das Zimmer, aber was er gesehen hatte, ließ ihn frohlocken.
„Aber Oliver, was machst du denn hier?“, fragte Ester, die aus ihrem Schlafgemach kam.
„Ich wollte mich nur vergewissern, dass Deria dieses Mal meinen Anweisungen gefolgt ist.“
„Nun, es sieht ganz so aus. Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?“, fragte Ester.
„Ich würde mich freuen, wenn du und dein Sohn ebenfalls an meiner Tafel Platz nehmt“, sagte Oliver.
Ester war sichtlich überrascht, denn seit dem Tod von Sir Otto hatte sie nicht mehr im Festsaal gespeist. Sie knickste und bedankte sich:
„Ich danke dir für die Einladung. Nun lasst mich nach Deria schauen.“
Oliver nickte ihr zu und verließ das Haus.
Ester ging zu Deria, die noch immer im Wasser eingetaucht war. Nur ab der Nasenspitze lugte ihr Kopf aus dem Wasser.
„Ist er weg?“, fragte sie aufgebracht, als sie Ester erblickte.
„Ja, er ist weg. Komm heraus. Ich helfe dir beim Ankleiden.“
Deria warf noch einmal einen Blick zum Vorhang, bevor sie sich erhob. Ester hatte bereits ein großes Handtuch ausgebreitet und wartete bis Deria aus dem Zuber stieg. Dann wickelte sie damit die junge Frau ein.
„Warum bist du so nett zu mir?“
Deria war von dieser Geste peinlich berührt.
„Ich habe dich gern, Deria, und du brauchst ein wenig weibliche Intui-tion“, meinte Ester und rubbelte Derias Rücken trocken. Ester hatte sich immer eine Tochter gewünscht und deshalb verwöhnte sie Deria. Sie rieb sie mit Rosenöl ein und half ihr beim Ankleiden. Sie hatte ihr schönstes Gewand geholt und hoffte, dass es Deria passen würde, denn deren Oberweite war ansehnlich. Das Unterkleid war fein gewebt aus weißer Wolle. Das grüne Übergewandt, mit goldenen Fäden durchzogen, passte sich Derias Körperformen an. Ester war überwältigt:
„Deria, es passt wie angegossen. Du bist so eine wunderschöne Frau. Schau dich mal an.“
Deria trat zu dem Spiegel und blickte hinein. Sie konnte es fast gar nicht glauben, dass sie sich selbst sah. Wie lange hatte sie kein Kleid mehr getragen? Und dieses saß wirklich, als wäre es nur für sie gemacht. Sie drehte sich nach rechts und dann wieder nach links. Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Dein Körper hat an den richtigen Stellen die richtigen Rundungen. Du wirst die Herren heute Abend allesamt verzaubern“, bemerkte Ester.
Derias Gesicht wurde von einer sanften Röte überzogen. Obwohl sie sich selbst überzeugen konnte, wie schön sie aussah, fühlte sie sich doch unsicher. Ester frisierte ihr das kurze Haar aus der Stirn und schmückte es mit einigen Kämmen. Zuletzt befestigte sie einen durchsichtigen Schleier auf Derias Scheitel und legte ihn rechts und links in Derias Armbeugen. Dann zog auch Ester sich für das Abendmahl um.
„So, nun können wir gehen“, erklärte Ester stolz.
Stephen blieb wie erstarrt stehen, als er Deria erblickte.
„Oh, du siehst aber bezaubernd aus.“ Deria lächelte und umarmte ihn.
„Wenn du es sagst, dann glaub ich das. Begleitest du mich als Tischherr?“
„Aber gerne.“
Mit stolzgeschwellter Brust bot Stephen Deria den Arm an. Leichtfüßig verließen sie das Haus und gingen zur Burg. Je näher sie kamen, desto nervöser wurde Deria. Was würde Oliver sagen, wenn er sie so sah? Würde sie ihm gefallen? Ester drückte ihr zuversichtlich die Hand und gemeinsam schritten sie die Treppen hinauf.
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