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Elduria

Dragon der Beschützer

Fantasy-Roman

Norbert Wibben

Elduria

Dragon der Beschützer

Elduria, Band 2

Für meine Söhne Nils und Malte,

ich bin stolz auf euch!

In Erinnerung an viele schöne Vorleseabende mit meinen Kindern verpacke ich auch diese Geschichte in den bekannten Dreizeiler:

Ein Huhn und ein Hahn – …

Übersichtskarte

Drachenschule!

Tipps aus der Ferne

Ein Angriff

Unerwartetes Zusammentreffen

Gegenmaßnahmen

Hilfe von Danrya

Drachenblut

Gefahr!

Ins Herz Merions

Eine Verfolgung

Krähenangriff

Ausbildungslager

Ein Zweikampf

Latrinenreinigung

Danryas Suche

Aidan de Elduria

Auf nach Grimgard

Grimgard

Drakonias Inspektion

Auf in den Norden?

Runas Plan

In Elduria

Ein neuer Versuch

Gibt es Hoffnung?

Eingang zur Drachenhöhle

In der Drachenhöhle

Ein Hexenmeister

Drakonias Plan

In den Felsengängen

Creulons Überlegungen

Danryas Plan

Befire

Igoreth

Atropaia

Zaubersprüche

Danksagung

Übersichtskarte


Lage der Triqueta in Merion.

Drachenschule!

Ein Huhn und ein Hahn – die Geschichte fängt an

Ein kräftiger und beständiger Sturm weht an diesem Morgen über die aufgepeitschten Wellen vom Meer im Westen heran. Ein junger Drache steht vor dem Höhleneingang, der in die Drachenschule führt. Er breitet die Lederhäute seiner Flügel aus und prüft, wie stark der Wind ist. Wird ihn die Luft überhaupt tragen können? Die Spannweite der gewaltigen Schwingen ist mehr als doppelt so groß, wie seine Körperlänge von der Schnauze bis zur Schwanzspitze. Er zögert, soll er endlich seinen ersten Flug wagen? Er ist unsicher. Er weiß, ein Drache fliegt schneller als fast alle bekannten Vögel, mit Ausnahme von Wanderfalken. Doch die kennt der zukünftige Beherrscher der Lüfte lediglich aus dem Unterricht. Seine Lehrerin, Frau Moira, hat ihm von der unglaublichen Geschwindigkeit berichtet, die der Greifvogel im Sturzflug erreichen kann. Sie sagte auch, selbst der kühnste Drache aus den vergangenen Jahrhunderten hatte nicht gewagt, sich mit einem Wanderfalken zu messen.

Dragon dreht sich zum Eingang der Schule zurück. Er liebt den Unterricht bei Frau Moira, der einmal in der Woche stattfindet. Sie ist schon sehr betagt und lässt sich von ihm ihr Essen auf den zerklüfteten Berg hinaufbringen. Ihre mit Schuppen bedeckte Haut schimmert in einer Farbe, die irgendwo zwischen Silber und Grau einzuordnen ist. Wenn sie von den Flugkünsten der vor Jahren gestorbenen Drachenkämpfer berichtet, leuchten jedes Mal ihre Augen. Sie beendet den Unterricht danach meist mit folgenden Worten:

»Mein lieber Jungdrache! Wenn du einmal in ihre Fußstapfen treten willst, wirst du endlich lernen müssen, dich der Kraft des Windes anzuvertrauen.«

Sie hat ihm nicht nur an jedem Schultag der verflossenen Jahre von den Taten der verstorbenen Drachenkämpfer berichtet, die mit Elfen verbündet waren, manches Mal erfolgte das mehrmals an einem Tag. Besonders stolz war sie dabei stets, wenn sie von ihren Brüdern erzählte. Deshalb geschah es in letzter Zeit immer häufiger, dass sie versäumte, ihm Neues beizubringen. Sie versank stattdessen in Erinnerungen und beschrieb die vergangenen Taten. Nicht nur ihre männlichen Geschwister hatten mehrfach die mit Zauberkräften ausgestatteten Elfenkämpfer aus Situationen gerettet, in denen diese von dunklen Zauberern der Menschen bedroht worden waren. Es gab unter ihnen fast gleichviele weibliche Drachen. Nur in Ausnahmefällen wurden sie davon ausgenommen. Das traf immer dann zu, wenn sie, wie Moira, wichtige Aufgaben für die Gemeinschaft erfüllten, oder diese geschlechtstypisch sind. Dazu zählte beispielsweise das Legen von Eiern. Die brüteten wiederum beide Elternteile abwechselnd aus. Sobald die jungen Kreaturen geschlüpft waren, wurden sie in Kriegszeiten von älteren oder anderen, nicht mehr für den Kampf geeigneten Mitgliedern der Drachengesellschaft aufgezogen und behütet.

»Wer Elfen unterstützen will, muss unbedingt fliegen können. Feuerspucken kann jeder Lindwurm, da ist nicht viel dabei. Aber fast so schnell und elegant wie ein Falke in der Luft zu sein, dazu gehört jahrelange Übung. Wenn du nicht endlich damit anfängst, wirst du das nie schaffen. Eine große Wendigkeit ist äußerst wichtig, um geschleuderten Flüchen ausweichen zu können! Eines Tages …« Meist schläft sie an dieser Stelle ein und der Jungdrache lässt sie dann, so wie heute, allein.

Auf der Plattform vor der Höhle prüft er wie jedes Mal vor und nach dem Unterricht die Tragfähigkeit des Windes. Dragon würde der Lehrerin gern folgen und sich der Luft anvertrauen, und sei es nur, um endlich für seinen Mut gelobt zu werden. Doch dann zögert er immer wieder im letzten Moment. Moira hat ihm auf der großen Schultafel mit Kreide aufgemalt, worauf es beim Flug ankommt. Wichtig ist, gegen den Wind zu starten, da der dabei hilft, schnell in den Himmel hinaufzusteigen. Dazu muss er nicht einmal die Kraft seiner Flügel nutzen. Das hat Dragon schon verstanden, auch ohne die vielen Pfeile, die sie auf die Tafel gezeichnet hat. Gerade jetzt spürt er, wie er fast automatisch nach oben gehoben wird, je nachdem, in welchem Winkel er seine Schwingen dem Wind entgegenhält. Wenn er sich umdreht und der heranbrausenden Luft die Rückseite seiner Flügel zeigt, wird er dagegen zu Boden gedrückt. Diese Erkenntnisse sind seit Jahren tief in seinen Erfahrungen verankert.

Trotzdem ist er unsicher, wie er es schaffen soll, nach dem Start in die Richtung zu fliegen, die er wünscht. Dabei kann es doch vorkommen, dass er mit dem Wind dahinstürmen muss. Wird er dann nicht abstürzen, herabgedrückt von der Luft?

Moira vermag ihm leider nicht zu zeigen, dass seine Sorge unbegründet ist. Seit Jahrzehnten wird sie von Gicht und Rheuma geplagt.

»Gäbe es doch nur einmal einen Tag, an dem ich keine Schmerzen habe. Ich würde dir voller Freude zeigen, dass deine Zweifel unangebracht sind.«

Diesen Spruch hat er inzwischen ungezählte Male von ihr gehört. Da sie aber, besonders im Schulterbereich und den Fingergelenken ihrer Flügel, von knotigen Entzündungen geplagt wird, verlässt sie den Schulraum nur noch selten. Deswegen bringt er ihr wöchentlich das Essen, wenn er zum Unterricht erscheint. Das besteht aus Bergziegen oder aus Schafen. Manche der Gämsen fängt er selbst, doch die Schafböcke, Muttertiere und Lämmer werden von den wenigen anderen Drachen der Insel gefangen. Dazu verlassen sie das Gebiet der Dracheninsel, was Dragon unmöglich ist, solange er sich zu fliegen weigert.

Der Drache erinnert sich an die vielen Jahre, in denen er Moira, die einzige Lehrerin des Drachengebietes, mit Nahrung versorgt hat. Er weiß, dass die uralte Drachenfrau nicht unweigerlich dem Tod geweiht ist, sobald er sie verlassen sollte, weil sie dann von anderen Bewohnern der Dracheninsel versorgt wird. Auch wenn die wesentlich älter als der Jungdrache sind, haben sie kein Verlangen, sich in die Angelegenheiten von Menschen und Zauberern auf dem Festland einzumischen. Sie nutzen die Ausflüge in deren Gebiete lediglich zur Nahrungsbeschaffung und achten peinlichst darauf, dabei nicht gesehen zu werden. Dragon zieht es aber aufgrund von Moiras Erzählungen gerade dorthin. Er möchte zu gern ähnliche Taten vollbringen, wie sie die von ihr gepriesenen Helden verrichtet haben. Stattdessen wird er von den anderen Lindwürmern wegen seiner Unfähigkeit zu fliegen verspottet.

Er weiß, dass das Drachenland eigentlich eine Insel im meist vom Wind gepeitschten Meer ist. Hierher sind alle Vorfahren vor langer Zeit von sogenannten Drachensuchern gebracht worden. Das sind oft Menschen, gelegentlich aber auch Elfen gewesen. Die hatten Drachen sogar in den entlegensten Gebieten auf dem Festland gefunden, deren Vertrauen gewonnen und sie auf die Insel umgesiedelt. Das machten sie deshalb, weil, abgesehen von den mit allen Wesen in Frieden lebenden Elfen, ihnen viele Menschen nicht wohlgesonnen waren. Das trifft aber besonders auf die dunklen Zauberer zu. Auf der Insel hatten die Drachen Ruhe vor selbsternannten Drachentötern und konnten ihr Wissen ungestört an Drachenjunge weitergeben. Als Dank halfen die Kämpfer der Lüfte wiederum in unzähligen Schlachten den Elfen und Menschen gegen die Schwarzmagier.

In der Entfernung von einigen Flugstunden in Richtung Osten befindet sich das Festland, das in mehrere Königreiche unterteilt ist. Auch das hat ihm Moira beigebracht. Sie berichtete von großen Taten anderer Drachen, die in den fast ewig währenden Kämpfen von Gut gegen Böse mitgewirkt hatten.

»In vielen Schlachten halfen sie den Königen Eldurias. Deren Herrschaftsbereich liegt der Dracheninsel am nächsten. Aber nicht nur deswegen bekamen die dortigen Menschen unsere Unterstützung. Sie sehen uns nicht als Missgeburten der Hölle an, wie es manche der dunklen Magier tun. Das mag daran liegen, dass wir einen unerschöpflichen Vorrat an Feuer in uns tragen und es auch gegen Feinde einsetzen.« Sie hustete und feiner Rauch kringelte sich aus ihrem großen Mund nach oben zur Höhlendecke. Die Übungen, einen Feuerschwall auf ein beliebiges Ziel zu spucken, hat Dragon zu ihrer vollen Zufriedenheit schnell gelernt.

Er erinnert sich ausgerechnet heute daran, dass sie einmal mit Kreide das Bild eines Menschen an die Schultafel zeichnete. Dicht daneben malte sie eine kleinere Ausgabe der ihm bisher unbekannten Kreatur. Dann zeigte sie darauf.

»Das sind ein erwachsener Mensch und dessen Kind, ein Junge. Schau sie dir genau an. Falls du es eines Tages schaffen solltest, vielleicht in einhundert Jahren, wenn ich daran denke, welch geringe Fortschritte du machst … Nun ja. Du musst wissen, diese Wesen können dir gefährlich werden. Sie besitzen Waffen, mit denen sie gegen uns Drachen kämpfen. Das geschieht aus Unwissenheit. Sobald wir mitteilen wollen, dass wir nichts Böses beabsichtigen, geraten sie allein durch den grollenden Klang unserer Stimmen in Panik. Hinzu kommt, dass sie viel kleiner sind, das flößt ihnen zusätzlich Furcht ein. Sie reagieren völlig widersinnig, sollten wir ihnen gegenüberstehen. Sie meinen dann oft, sich nur durch einen Angriff und unseren Tod schützen zu können. Obwohl sie eigentlich Winzlinge sind, die weniger Kraft besitzen, kann dich trotzdem ein Pfeil oder auch ein Schwerthieb töten, wenn er durch die Schuppenpanzerung einzudringen vermag.« Moira überlegte damals offenbar, was sie am besten sagen sollte, um seinen Ehrgeiz zu wecken. »Dieser Junge ist etwa in dem Alter eines Menschen, der deinem an Drachenjahren entspricht. Dieses Menschenkind könnte dir sehr gefährlich werden, weil du vor ihm nicht durch die Luft fliehen könntest!«

Die Drachenlehrerin hatte ihn in der Vergangenheit mit Versprechungen und auf vielerlei andere Weise zu ködern versucht, dass es für den Jungdrachen an der Zeit sei, nach damals fast fünfzig Jahren endlich das Fliegen zu lernen. Der Vergleich mit einem kleinen Menschen war schließlich erfolgreich, auch wenn er nicht sofort Früchte trug. Das sollte erst gegen Abend und völlig unerwartet geschehen.

Dragon schließt den Test der Tragfähigkeit der Luft ab, legt die Flughäute eng an den Körper und verlässt die Lehrerin. Sie ist längst wieder in tiefen Schlummer gefallen, was durch lautes Schnarchen verdeutlicht wird. Den ganzen Weg die Bergflanken hinab ins Tal geht ihm die Zeichnung des Jungen nicht mehr aus dem Kopf.

»Wenn ich doch nur so wäre wie er!«, denkt er andauernd. Am Fuß des Berges kraust er die Stirn. Ihm wird mit zusammengepressten Lippen bewusst, dass das zumindest einen Vorteil hätte, auch wenn er eigentlich gerne ein Drache ist. »In dem Fall würde mich niemand auslachen, nur weil ich nicht fliegen könnte!« Er zuckt mit den Schultern, da das letztlich gar nicht so schlimm ist. Dafür ist er der einzige Jungdrache in seiner kleinen Welt. Die erscheint ihm im nächsten Moment plötzlich verändert. Der Blick auf die Felsen und den vor ihm liegenden Pfad wirkt anders als sonst.

Dragon ist leicht irritiert, weil er mit den Füßen strauchelt und tatsächlich über einen Felsbrocken stolpert. Er landet mit dem Gesicht in einem Bachlauf und verschluckt sich fast an dem klaren Wasser. Derartiges ist ihm bisher nie passiert. Sollten hier neue Steinbrocken im Weg liegen, die vielleicht durch ein Erdbeben vom Gipfel des Berges herabgeworfen worden sind? Er richtet sich auf, um trotzdem einen Blick dorthinauf zu werfen. Manchmal macht sich Moira einen Spaß daraus, trotz ihrer steifen Gelenke Felsen über die Kante der Plattform zu rollen. Seltsamerweise scheint er nicht so scharf, wie gewohnt sehen zu können. Er vermag nicht einmal, den sonst weithin sichtbaren Eingang zur Drachenschule zu erkennen. Ob er sich beim Sturz den Kopf angeschlagen haben kann? Das wäre eine logische Erklärung. Er wendet sich prüfend zum Bachlauf, um sich im Wasser zu spiegeln und nach einer Beule zu forschen.

Dragon glaubt, nicht richtig zu sehen, und fährt erschrocken zurück. Anstelle des Drachenkopfes erblickt er in dem Wasserlauf das Gesicht des von Moira gezeichneten Menschenjungen. Es ähnelt dem Bild sogar bis ins kleinste Detail. Sollte das Kind hinter ihm stehen? Er schnellt erstaunt herum, doch da ist niemand. Er greift mit Menschenhänden an den Kopf und tastet bestürzt Nase, Mund und Augen ab. Wie ist das möglich?

Dragon überlegt nicht lange und hastet den Berg hinauf. Er muss dringend seine Lehrerin fragen, was das zu bedeuten hat. Dass das länger als je zuvor dauert, beweist, dass er wirklich ein Mensch geworden ist! Oben angekommen, schafft er es nur mit Mühe, Moira aufzuwecken. Sie ist noch halb verschlafen, als sie ihn aus den riesig wirkenden Augen anschaut. Sie öffnete ihr Maul.

»Wie kommst du Menschlein hierher?«, lautet ihre erstaunte Frage. Obwohl das eigentlich ein tiefes Drachengrummeln ist, kann der Junge es verstehen. Der aufsteigende Rauch aus dem gefährlich erscheinenden Maul kündigt das bald hervorschießende Feuer an.

»Halt, Moira, ich bin es, Dragon!«

Er muss den Satz mehrfach wiederholen und ist bereits auf dem Sprung, sich außerhalb der Höhle vor dem sich ankündigenden Feuerschwall in Sicherheit zu bringen. Die Lehrerin verschluckt sich völlig unüblich an ihrem eigenen Rauch und beginnt zu husten. Der Junge steht währenddessen am Höhleneingang und redet beschwörend auf Moira ein. Er drückt sich in den Schutz einer Spalte in der Felswand und wartet mit klopfendem Herzen. Die alte Drachenlehrerin reibt sich die tränenden Augen und hüstelt noch einmal. Eine kleine Rauchwolke entweicht ihrem gefährlichen Maul.

»Du bist … Dragon?«

Der Junge weiß, dass er ohne Schutz dasteht, sobald er aus seinem Versteck hervortritt. Sollte Moira ihn hereinlegen wollen, könnte er in wenigen Sekunden in einem Flammenstoß verglühen. Doch er ist der Meinung, dass es an der Zeit ist, seinen Mut zu beweisen. Er macht einen entschlossenen Schritt nach vorne.

»Ich bin wirklich Dragon, auch wenn ich anders als bisher aussehe. Ich verstehe nur nicht, weshalb das so ist. Kannst du mir helfen?« Sein Verhalten und das Vertrauen in die alte Lehrerin überzeugen diese schlussendlich, dass er keine von einem Magier hervorgerufene Scheingestalt ist und dass sie ihm glauben kann. Was er nun hört, spornt ihn an, in den kommenden Wochen endlich Fliegen zu lernen.

»Du bist ein Gestaltwandler!«, beginnt Moira. »Einen Drachen mit dieser Fähigkeit hat es in den letzten tausend Jahren nicht gegeben. Hm. Das bedeutet, dass deine Mutter von einem Zauber getroffen wurde, bevor sie das Ei, aus dem du schließlich geschlüpft bist, legen und ausbrüten konnte. Ob du deshalb solche Angst vor dem Fliegen hast? – Ich muss irgendwo die Abschrift einer uralten Drachenweissagung haben. In der wird davon berichtet, dass ein Beschützer der Menschen … Hm. Bevor ich etwas Falsches erzähle, suche ich sie lieber. Wenn du das nächste Mal zum Unterricht kommst, werde ich dir sagen können, welche Auswirkung das für dich haben wird.«

Dragon versteht nicht, was das bedeuten könnte. Er ist aber überzeugt, dass es besser sei, seine Drachengestalt zurückzubekommen. Sobald er unten im Tal ist, würden die dort lebenden Drachen ihn sonst für einen Eindringling halten und zu töten versuchen.

»Die ätzenden Bemerkungen der anderen wegen meiner Flugunfähigkeit kann ich ertragen. Die habe ich viele Jahre gehört, so dass ich mittlerweile dagegen immun bin. In dieser menschlichen Erscheinung könnten die Drachen mich mit einem Feuerstoß vernichten, bevor ich Zeit hätte, sie über ihren Irrtum aufzuklären. Das würde ich nicht überleben. Kannst du mir verraten, wie ich meine Gestalt zurückverwandeln kann?«

Die alte Lehrerin hatte zwischenzeitlich ihre Augen verdreht und die Lider geschlossen. Sie droht, jeden Moment einzuschlafen. Auf die drängende Frage Dragons hin gähnt sie laut. Gleichzeitig poltern Steinbrocken von der Bergflanke ins Tal hinab. Sie schlägt mit ihrem Schwanz auf den Boden.

»Dieser Jungdrache fragt mich, wie das gehen soll? – Du hast es doch alleine geschafft, dieser etwa fünfjährige Menschenjunge zu werden. Was meinst du wohl, wie die Rückverwandlung möglich ist? Nutze deinen Verstand, das ist die erste und wichtigste Voraussetzung.« Im gleichen Moment fällt das mühsam hochgehaltene Augenlid hinab und ein tiefes, zufriedenes Schlafgeräusch erklingt.

»Frage nie einen müden Drachen«, stellt Dragon im Selbstgespräch fest, »wenn du dringend einer Antwort bedarfst. Du bekommst anstatt der gewünschten Lösung lediglich ein Rätsel zu hören. Hm. Oder konnte es so einfach sein, dass Moira es für unter ihrem Anspruch fand, darauf einzugehen?« Der Menschenjunge legt seine Stirn in Falten und versucht nachzuvollziehen, wie er sein Aussehen gewechselt hat. »Wow, sollte das so leicht sein?« Er probiert sofort, was er überlegt hat. Im selben Moment atmet er auf. Er hat seine bisherige Gestalt wieder, in der er sich seit fünfzig Jahren wohl fühlt. »Wenn ich jetzt noch fliegen könnte, würde ich Moira stolz auf mich machen.«

Mit diesen Gedanken und berauscht von der Vorstellung, in einer zukünftig von ihr erzählten Heldengeschichte die Hauptperson zu sein, breitet er die Flügel aus und stürzt sich kopfüber von dem Plateau vor dem Höhleneingang.

Dragon spürt erfreut, dass ihn die Luft trägt. Begeistert von dem Glücksgefühl, endlich fliegen zu können, lässt er einen lauten Jubelruf erschallen. Er dreht eine Runde um den Berggipfel und stürzt wie ein Stein ins Tal hinab. Das geschieht nicht, weil er nicht mehr von seinen Schwingen getragen wird. Er will versuchen, so schnell wie ein Wanderfalke zu sein.

Tipps aus der Ferne

Dragon fixiert den schnell auf ihn zukommenden Felsboden am Fuß des Berges. Er versucht, den rasanten Sturz mit ausgebreiteten Schwingen abzufangen, doch das gelingt nur ungenügend. In dem Moment, da er fast auf den harten Untergrund prallt, reibt er sich die Augen. Er blickt erstaunt umher. Wieso hat er die Gestalt des Jungen angenommen, konnte er dadurch seinen Aufprall verhindern? Dragon schüttelt den Kopf und kennt sofort die Erklärung. Er hat die Szenen der lang zurückliegenden Ereignisse nur geträumt und atmet erleichtert auf.

»Wow, das war damals aber knapp!« Er erinnert sich daran, wie er den Sturz zwar nicht abbremsen, den Aufschlag jedoch trotzdem überleben konnte. Das gelang ihm deshalb, weil er nicht einfach senkrecht nach unten gestürzt war. Er flog unbewusst eine Schleife. Dadurch schlug er nicht auf dem Felsboden auf, sondern platschte in den See, der am Fuß des Berges liegt. Als Drache liebt er Wasser nicht besonders, auch wenn er es trinkt. Doch ein Ganzkörperbad ist nicht wirklich sein Lieblingsding. Dennoch war er damals erleichtert, den von dem kleinen Wasserlauf gespeisten Teich getroffen zu haben.

Dragon schüttelt sich heftig, als er an das ihn umhüllende Nass zurückdenkt. »Da habe ich unwahrscheinliches Glück gehabt!«, spricht er zu sich selbst. »Ich wollte gleich bei meinem ersten Flug die Geschwindigkeit des schnellsten Vogels überbieten und habe mir das eine Lehre sein lassen.«

Das leise geführte Selbstgespräch des Jungen weckt Runa. Sie steht sofort an seiner Seite und hält den gespannten Bogen in Händen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie handelte automatisch, mit der einer Elfe typischen Schnelligkeit.

»Wo sind die Feinde?«, flüstert sie leise und lässt ihren Blick umherschweifen. Doch in der Dunkelheit kann sie nichts erkennen. Sie hatten nur einen kurzen Flug zu dem Gipfel eines kleinen Berges gewagt, um die Kräfte des Mädchens nach dem Zusammenbruch nicht zu überfordern. Die Landung in der Dämmerung und die Position in luftiger Höhe waren vermutlich der Anlass zu Dragons Träumen.

Sie waren den Rest des Tages in der Gestalt von Wanderfalken Richtung Burganlage des Hexenmeisters geflogen. Es erschien ihnen zu gefährlich, sich als Drache und Drachenreiter dorthin zu begeben. Sobald sie die Burg in der Ferne erblickten, landeten sie auf dem Berggipfel, von wo aus sie sich am kommenden Tag einen Überblick über das vor ihnen liegende Gebiet verschaffen wollten. Erst danach beabsichtigten sie, zu entscheiden, in welcher Gestalt sie sich weiter nach Osten vorwagen und der Festung Drakonias nähern sollten.

Der dunkle Magier hatte sie vermutlich nicht bewusst wahrgenommen, als sie seine Burganlage überfliegen wollten. Trotzdem könnte er jetzt gezielt nach der Silhouette eines fliegenden Drachen Ausschau halten. Möglicherweise wären sie sogar in der Nacht nicht sicher, wenn er zur Überwachung unbekannte magische Hilfsmittel einsetzen kann.

Deshalb war es äußerst klug von ihnen, die Rast zum Schlafen zu nutzen, um ihre Kraftreserven aufzufüllen. Außerdem dachten sie an die Worte Willards. Der Bauer hatte sie gewarnt, dass es drei Burgen im Osten Merions gibt, die Drakonias Festung zum Schutz zu allen Richtungen hin abschirmen. Der Mann nannte das Gebiet Triqueta. Aus der westlichsten dieser Anlagen heraus hatte der Hexenmeister sie mit Feuerkugeln attackiert. Als Falken hoffen sie, ihn am kommenden Morgen zu überlisten und näher an Grimgard herankommen zu können.

»Ich habe geträumt, wie ich das erste Mal fliegen konnte«, beginnt Dragon mit seiner Entschuldigung, da er eigentlich Wache halten wollte. »Das war gar nicht so einfach, denn … Aber das ist nebensächlich.« Der Junge schluckt. »An den folgenden Tagen hat mir meine Lehrerin Moira erklärt, was ein Drachensucher macht, an welchen Merkmalen dieser zu erkennen ist, und was ich als Gestaltwandler zu beachten habe. Das war der von mir erwähnte Schnellkurs, den ich erhielt. Trotzdem habe ich in der kurzen Zeit mehr über Elfen, Zauberer und dunkle Magier gelernt, als in den Jahren zuvor. Nach einer Woche verabschiedete ich mich von der Ausbilderin. Ich wollte zum Festland und dort Erfahrungen sammeln. Ich war der Ansicht, lernen zu müssen, wie sich Menschen verhalten, wie sie denken und womöglich auch fühlen. Deshalb nahm ich seitdem nur selten die Gestalt eines Drachen an. Meist begnügte ich mich damit, eine Zauneidechse zu sein. Das erinnerte an meine Zeit, bevor ich fliegen konnte.«

Die einkehrende Pause beweist, dass er kurzzeitig in Gedanken auf der Insel, in seiner Heimat weilt.

»Als Fünfjähriger wanderte ich durch Elduria, umging den Elfenwald, in den ich nicht einzudringen vermochte und landete schließlich in Homarket. Ich war bei deiner Ankunft erst seit einigen Wochen im »Fuchs und Gans« beschäftigt, wo ich von der Wirtin als Knecht eingestellt worden war.« Der Junge blickt Runa verschämt an. »Ich wollte jetzt nicht davon ablenken, dass ich auf Wache eingeschlafen bin. Da uns jedoch offensichtlich nichts geschehen ist, haben wir, besonders aber ich als dein Beschützer, erstaunlich viel Glück gehabt. – Du hattest mich mal gefragt, woher ich in das Gasthaus in Homarket gekommen war. Was ich dir soeben sagte, ist die Erklärung.«

Das Mädchen hat inzwischen den Bogen sinken lassen und ihn und den Pfeil verkleinert wieder in einer Hosentasche verstaut.

»Aha. Danke für die Erläuterung. Da ich mittlerweile weiß, dass du in deiner eigentlichen Gestalt ein Drache bist, der wegen seiner Fähigkeit des Gestaltwandelns meistens als Junge auftritt, hatte ich nicht erwartet, von deinen Eltern zu hören.«

»Ähem«, Dragon ist unsicher. »Die kenne ich auch lediglich aus Moiras Erzählungen. Das ist ähnlich wie bei dir, wobei du Atropaia als Erzieherin hattest.«

»Die wir zu retten aufgebrochen sind. – Ob wir uns bei Danrya erkundigen sollten, wie es ihr mittlerweile ergangen ist? Sie hat es womöglich mit unseren Verfolgern zu tun bekommen.«

Da Dragon nickt, versucht Runa sofort, einen Kontakt mit der Elfe herzustellen. Damit will sie gleichzeitig testen, ob das über die inzwischen beträchtliche Entfernung möglich sein wird. Danrya hatte das behauptet. Das Mädchen beabsichtigt nicht, ihre Worte in Frage zu stellen. Trotzdem scheint es ihr unwahrscheinlich, sich allein mittels Gedanken …

»Doch, mein liebes Kind, das ist tatsächlich so!« Danryas Stimme unterbricht Runas Gedankengänge. Sie entschuldigt sich sofort, nur einen Moment daran gezweifelt zu haben. »Das macht nichts«, sendet Danrya zurück. »Du bist erst seit kurzem darin geübt, Zauber anzuwenden, da ist deine Skepsis durchaus verständlich. – Hast du einen bestimmten Grund, weshalb du mich kontaktierst? Bist du in Gefahr?«

»Die besteht im Moment nicht«, funkt Dragon dazwischen. »Aber wir haben inzwischen einiges erlebt und sind nur knapp unseren Häschern entkommen.«

Der Junge und das Mädchen berichten abwechselnd, was ihnen seit ihrer Trennung von der Elfe widerfahren ist. Sie beginnen bei Willard und versuchen, die Ereignisse im Wirtshaus »Hai und Makrele« in Ostford nachträglich ungefährlicher aussehen zu lassen, als sie waren. Die Attacke durch den Magier aus einer Burg, die sie der Triqueta zuordnen, führt zu einer sofortigen Reaktion Danryas. Sie hat bis dahin atemlos aber zitternd dem Bericht gelauscht.

»Halt, einen Moment. Ich sehe schon, ihr habt euch bisher als allen Gefahren gewachsen erwiesen. Dafür habt ihr meine Anerkennung verdient. Das beweist gleichzeitig, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich euch begleitet hätte. Doch diesen Angriff des Hexenmeisters solltet ihr nicht so leicht abtun.«

»Warum?«, unterbricht Dragon die Elfe. »Wir sind ihm, zwar mit Glück, aber auch mit ein wenig Geschick entkommen.«

»Das bezweifle ich nicht«, entgegnet Danrya. »Dieser eine dunkle Magier ist fast noch gefährlicher als Creulon. Und den habt ihr bisher nicht in voller Aktion erlebt. – Ihr beabsichtigt also, bis nach Grimgard vorzustoßen. Dass ihr dazu in das Gebiet der Triqueta vordringen müsst, habe ich nicht bedacht. Ich werde womöglich mit zunehmendem Alter schusselig!«

Diesmal antwortet Runa.

»Das ist einer der Gründe, weshalb wir uns bei dir melden. Wir hoffen, einen Hinweis zu bekommen, wie wir am besten nach Grimgard vorstoßen sollen.«

»Das ist nicht so leicht zu beantworten. Was hattet ihr euch überlegt? Dass du auf Dragon in Gestalt eines Drachen reitend in das Gebiet eindringen kannst, so sorglos werdet ihr sicher nicht sein.«

»In meiner Drachengestalt hätte ich eine nicht zu unterschätzende Geschwindigkeit. Ich könnte außerdem Feuer spucken und …«

»Er will dich nur herausfordern«, unterbricht Runa den Jungen.

»Das habe ich mir schon gedacht. Ich kann nicht glauben, dass er so leichtfertig euer Leben in Gefahr bringen würde. Er ist schließlich dein Beschützer und nimmt seine Aufgabe mehr als ernst!«

»Genau!«, fällt Dragon ein. »Ich wollte dich lediglich testen. Nein, wir wollen heute als Wanderfalken in das Gebiet vordringen. Die haben den Vorzug, noch fixer …«

»NEIN!«, unterbricht Danrya ihn. »Diese Vogelgestalt wurde in der Vergangenheit oft von uns Elfen angenommen, aus genau den von dir genannten Gründen. Der Hexenmeister wird besonders den Luftraum überwachen. Als derart schnelle Vögel könntet ihr Grimgard rein rechnerisch in ein, bis zwei Tagen erreichen. Doch in dieser Gestalt seid ihr mehr als auffällig und würdet es nicht weit in das Gebiet der Triqueta schaffen!«

»Wir möchten aber schnellstmöglich zu Drakonias Festungsanlage vordringen. Als Menschen sind wir genauso verdächtig, zumal Steckbriefe von Runa im ganzen Land verteilt worden sind.«

»Wären Pferde möglich?«, beginnt das Mädchen sinnend. Doch sofort verneint sie die Frage. »Dann müsste einer von uns der Reiter sein, denn frei herumlaufende Wildpferde gibt es lediglich im Südwesten Eldurias. Nein, das fällt flach!«

»Wie wäre es, wenn wir die Gestalt von Hunden oder vielleicht Wölfen annehmen?« Dragons Vorschlag klingt nicht so, als ob er ihn ernst meinen würde. »Haben beide Tierarten eigentlich viel mit Flöhen zu kämpfen?«

»Das ist meistens so«, bestätigt Danrya seine Befürchtung. »Ich habe eine andere Idee. Verwandelt euch in Kolkraben. Diese Tiere sind zwar wesentlich langsamer als einige Greifvögel, aber äußerst intelligent. Da sie zur gleichen Familie wie Aaskrähen gehören, die von manchen Dunkelmagiern als Spione eingesetzt werden, würdet ihr in dieser Gestalt nicht verdächtig sein. Ihr könnt bis zur Burg des Hexenmeisters vordringen, solltet sie aber keinesfalls überfliegen. In der Nähe von Festungsanlagen gibt es immer Rabenvögel, die nach Nahrung Ausschau halten. Unter ihnen sind oftmals Krähen, manchmal auch Elstern und Kolkraben. Studiert ihr Gehabe, bevor ihr es wagt, in der neuen Erscheinung weiter auf das Gebiet der Triqueta vorzudringen. Rabenvögel verhalten sich anders als Falken oder Schleiereulen. Sie sind schlau, verspielt und immer zu Streichen aufgelegt. Also verfolgt nicht zu geradlinig euer Ziel. Lasst euch von Krähen ablenken, die ihr aus eurer Nähe vertreibt. Rupft ihnen gelegentlich eine ihrer Schwanzfedern aus und krakeelt gleichzeitig übermütig. Dann werdet ihr für echt gehalten! Die verschiedenen Rabenvogelarten vertreiben einander gegenseitig und attackieren sich dabei gerne. – Runa, du deutetest vorhin an, mindestens noch einen zweiten Grund für die Kontaktaufnahme zu haben. Worum handelt es sich?«

»Ich wollte wissen, wie es dir geht. Ich machte mir Sorgen, dass unsere ehemaligen Verfolger womöglich erneut im Elfenwald nach uns suchen und dich dabei entdecken könnten.«

»Das ist sehr fürsorglich, ich danke dir! Bisher ist das nicht geschehen. Zu ihrem Glück möchte ich behaupten. Denn ich würde sie nicht so glimpflich davonkommen lassen, wie es dir vermutlich einfallen würde. – Falls es sonst nichts mehr zu besprechen gibt …? Gut. Ich drücke euch die Daumen. Halt. Noch etwas, Runa. Du darfst über dich und Dragon keine Sgiath-Schutzglocke aufrufen, wenn ihr als Kolkraben agiert. Die Attacken von Krähen, die sicher nicht ausbleiben werden, würden zu dessen Aufleuchten führen und somit eure wahre Identität verraten. Ihr dürft nur den Protego-Spruch gegen tödliche Flüche nutzen. – Hm. – Aber auch das kann gefährlich werden. Sollte der Hexenmeister euch diese Zauber auf den Hals schicken und ihr fallt nicht tot vom Himmel, wird er sofort mit Feuer fortfahren. Sobald ihr derartige Angriffe feststellt, hat er vorher vergeblich Todesflüche probiert. In dem Fall hilft nur noch, auch Sgiath zu aktivieren und schleunigst zu verschwinden. Ich hoffe, dazu wird es nicht kommen. Viel Glück euch beiden!«

»Danke für die Tipps.« Dragon ist unsicher, ob er sich tatsächlich in der Gestalt dieses Rabenvogels in das gefährliche Gebiet wagen soll.

»Pass du auch auf dich auf!«, entgegnet Runa. »Wir werden deinen Ratschlägen folgen. Ich fände es gut, wenn wir nicht erst in der Nähe der Burganlage des Hexenmeisters Kolkraben studieren könnten. Da wären wir doch bereits auf dem Gebiet der Triqueta. Vielleicht haben wir ja Glück und hier auf dem Berg gibt es einige dieser Vögel.«

»Das hätte für euch den Vorteil, lange vor Erreichen der Burg das typische Kolkrabengehabe üben zu können. Das sind die größten Vertreter der Rabenvögel und entsprechend selbstbewusst nehmen sie es gerne mit einer größeren Anzahl Krähen auf«, sendet Danrya noch, dann ist die Verbindung unterbrochen.

»Das gefällt mir«, antwortet Dragon. Runa hört das und kann sich mit Mühe ein Grinsen verkneifen.

»Das ist ja so typisch«, denkt sie. Durch die Nachfrage, was sie meint, wird ihr bewusst, dass der Junge noch immer ihre Gedanken hören kann. »Ach nichts! Inhibeo!«

Ein Angriff

Runa fröstelt und zieht zusätzlich ihr Ersatzoberteil an, da es während der Nacht kühl geworden ist. Sie legt sich erneut auf ihr Lager im weichen Moos und deckt ihre Jacke über sich.

Ein Feuer hätten sie am gestrigen Abend mit Leichtigkeit entzünden können. Den Spruch »Incendere« hatte das Mädchen bereits mehrfach probiert. Dragon hätte sich außerdem kurzzeitig in seine wahre Gestalt als Drache verwandeln und mittels Feuerstoß jedes noch so frische oder feuchte Holz in Brand setzen können. Doch darauf hatten sie bewusst verzichtet. Ein Grund war der, dass sie nicht damit gerechnet hatten, wie kalt eine Sommernacht auf dem Gipfel eines Berges werden kann. Der andere entsprang ihrer Vorsicht. Ein Feuer auf einer Erhebung, egal wie groß sie ist, wäre in der flacheren Umgebung ein weithin leuchtendes Signal geworden und hätte vermutlich unzählige Feinde angelockt. Wachen auf der Burg des Hexenmeisters wäre der Lichtschein sicher nicht entgangen.

Runa vermag nicht erneut einzuschlafen. Sie blickt zu Dragon hinüber, der sich im Schneidersitz hingehockt hat und jetzt aufmerksam Wache hält. Er scheint nicht zu frieren, obwohl er keine Jacke trägt. Sie rätselt, ob das an seinem inneren Drachenfeuer liegen mag? Sie vermutet, damit die Erklärung gefunden zu haben und wendet ihre Gedanken in eine andere Richtung.

Runa grinst kurz, als sie an den Satz der alten Elfe denkt, in dem diese ihre zunehmende Schusseligkeit beklagt hat. Sie stimmt ihr darin nicht zu. Sie hatte zwar von ihrer Absicht geredet, Atropaia suchen und befreien zu wollen. Aber erwähnte sie dabei auch die Vermutung, dass ihre Amme mit größter Wahrscheinlichkeit in Grimgard zu finden sei? Runa ist sich nicht sicher und schüttelt den Kopf. Das ist letztlich unerheblich. Viel wichtiger erscheinen die Informationen, die sie von Willard und Danrya bekommen hat.

Im östlichen Teil von Merion existiert eine Anordnung aus drei Burgen, die die Spitzen eines gleichseitigen Dreiecks bilden. Sie wird »Triqueta« genannt und dient als Schutz für die Festung Grimgard. Obwohl Drakonias Schreckensburg oberhalb einer Meeresbucht auf steilen Felsen erbaut wurde, liegt die Anlage trotzdem im Zentrum dieser Konstellation und wird somit in alle Richtungen optimal geschützt. Die drei äußeren Festungsanlagen werden zudem jeweils von Zaubermeistern beherrscht, die magische Angriffe verhindern können. In der am weitesten nach Westen ausgerichteten Burg lebt ein dunkler Zauberer, der fast noch gefährlicher als sein Oberhaupt Creulon ist. Er nennt sich »Der Hexenmeister«, während die anderen ihre menschlichen Namen nutzen. Dieser Magier hat, ob durch Zufall oder mit Absicht, den ersten Vorstoß Runas und Dragons Richtung Grimgard abgewehrt. Damit hat er den Beweis angetreten, dass ein magisches Eindringen auf das Gebiet der Triqueta nicht so einfach ist.

»Das Überfliegen der Burg ist also keine gute Idee. Aber auch wenn wir die Anlage weiträumig umgehen, sind damit nicht allen Bedrohungen aus dem Weg gegangen. Sie werden eher größer, da wir uns auf das Gebiet begeben müssen, das zwischen den Festungen der drei Zaubermeister liegt. Ganz davon zu schweigen, dass die Gefahr für uns zusätzlich steigt, je mehr wir uns Grimgard nähern. Wenn ich Danryas Warnungen ernst nehme, und das steht außer Zweifel, ist zunächst »Der Hexenmeister« die größte Hürde. Hm. Ich hoffe, dass uns die Verwandlung in Kolkraben den entscheidenden Vorteil gegenüber den drei Magiern verschafft! Die alte Elfe scheint davon jedenfalls überzeugt zu sein! Ob der dunkle Zauberer meine Zauberkräfte mit irgendeinem Fluch attackiert haben könnte?«

Dragon hatte ihre Schwäche mit Nahrungsmangel begründet, aber als weitere Möglichkeit einen Zauberangriff nicht ausgeschlossen. Dem Mädchen will jedoch kein Zauber einfallen, der das bewirken würde. Doch das muss nicht heißen, dass es den nicht gibt.

Runa nimmt sich vor, noch vorsichtiger als bisher zu sein. Hoffentlich bleibt ihre Verwandlung in Kolkraben bestehen, auch wenn sie das Gebiet der Triqueta erreichen. Es wäre nicht nur fatal, sondern sogar lebensgefährlich, falls sie plötzlich ihre wahre Gestalt annehmen würden. Ob Danrya das vermutet hat, weil sie vor dem Überfliegen der Burg warnte? Dragon könnte sich als Drache in der Luft halten, doch sie würde unweigerlich abstürzen und könnte von Glück sagen, wenn ihr Beschützer sie retten würde. Der müsste in dem Fall sicher gleichzeitig Feuerkugeln ausweichen, ähnlich wie vor Tagen über dem Elfenwald.

Ihr Blick wandert zu Dragon hinüber. Dessen Silhouette wirkt wie ein Scherenschnitt vor dem Horizont, der sich leicht Rosa färbt und vom nahenden Morgen kündet.

Ein leises Keckern lässt den Kopf des Jungen in diesem Augenblick hochfahren. Sollte er erneut eingeschlafen sein? Seine Reaktion spricht nicht dafür. Er versucht herauszubekommen, von wo die Töne kommen und horcht in verschiedene Richtungen.

»Ich glaube, wir bekommen Besuch«, sendet er gedanklich an Runa. »Es hört sich so an, als ob jemand lachen würde.«

»Wer wird denn einen Berg hinaufwandern und dabei Scherze machen. Sollten hier gleich Wegelagerer oder Strauchdiebe auftauchen, die sich derart über eine vermeintlich leichte Beute freuen?«

Ein dunkles Kollern erklingt. Es ähnelt fast dem Bellen oder auch Knurren eines großen Hundes.

»Es könnte ein Wolf sein!«, sendet Dragon. »Ich halte bereits mein Schwert in Händen, mach du deinen Bogen schussbereit. Falls es wirklich einer der grauen Räuber sein sollte, sind vermutlich noch weitere in der Nähe. Sie könnten uns sogar schon eingekreist haben.«

Ein lautes Krächzen lenkt die Blicke der sich gedanklich verständigenden Freunde nach oben in das Geäst einer vom Wind gebeugten Eiche. In der zunehmenden Helligkeit erblicken sie dort zwei dunkle Schatten. Sie hüpfen auf einem dicken Ast herum, schlagen mit den Flügeln und legen die Köpfe schräg. Sie klappern mit den Augendeckeln. Als das Kollern erneut erklingt, kommt es dieses Mal eindeutig von den zwei Schemen.

»Das sind wahrlich keine Wölfe«, lacht Runa jetzt laut. »Du kannst dein Schwert beruhigt zurück in die Scheide stecken.«

»Das sehe ich auch«, mault der Junge. »Aber was für Vögel sind das? Sie sind jedenfalls größer als Dohlen. Meinst du, das könnten Saatkrähen sein, oder möglicherweise Rabenkrähen? Das Licht ist noch zu ungewiss, sonst könnte ich sie besser identifizieren.«

»Vielleicht haben wir Glück, und es sind Kolkraben«, hofft Runa. »Davon unabhängig sollten wir ihnen genau zusehen, wie sie sich benehmen.«

Und das machen die beiden. Das Morgenlicht wird schnell heller und die Beobachter studieren das Verhalten der zwei Rabenvögel. Ob von deren Gekrächze angelockt oder aus einem anderen Grund, ist nicht erkennbar. Plötzlich taucht ein Schwarm ebensolcher schwarzer Vögel auf. Sie sind geringfügig kleiner als die beiden auf dem Ast der Eiche, dafür sind es aber zehn an der Zahl. Ihr Gekreische klingt frohlockend, bevor sie sich auf die etwas größeren Artgenossen stürzen. Doch die Attackierten flüchten keinesfalls. Sie lassen sich geschickt von ihrem Platz hinabfallen, gehen in Gleitflug über und schrauben sich mit kräftigen Flügelschlägen unerwartet senkrecht in den Himmel hinauf. Im Vorbeiflug schnappen sie mit den Schnäbeln zu und rupfen jeweils einem der Gegner eine Schwanzfeder aus. Doch danach fliehen sie keineswegs. Ihr herausforderndes, dunkles Krächzen mischt sich mit den helleren Tönen der anderen. Die scheinen sich gegenseitig anzuspornen. Schließlich sind sie in der Überzahl, auch wenn die Angegriffenen das erste Aufeinandertreffen für sich entschieden haben.

»Das müssen Kolkraben sein«, stellt Dragon begeistert fest. »Sieh nur, wie verwegen sie sich jetzt von oben in den gegnerischen Schwarm stürzen. Ihr Verhalten entspricht den Eigenschaften, die uns Danrya nannte. Sieh dir das an. Die Krähen fliegen auseinander wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, wenn ein Habicht auf sie herabstößt. Trotzdem werden erneut zwei, nein, sogar drei der ursprünglichen Angreifer durch die Kolkraben gerupft. Die ausgerissenen Federn segeln langsam zu Boden. Wow. Schau nur, wie geschickt die beiden sind. Ich glaube, wir erleben hier soeben eine Sondervorstellung. Ich stimme Danrya begeistert zu. Kolkraben sind die Vögel, in deren Gestalt wir uns auf das Gebiet der Triqueta wagen können. Sie mögen nicht so schnell wie Wanderfalken sein, dafür sind sie eindeutig gewitzter. Siehst du das? Jetzt sind erneut drei Federn ausgerupft und nun fliehen die Gegner. Sie suchen offenbar ihr Heil in der Flucht, verfolgt vom frohlockenden Keckern der Sieger!«

Runa grinst zu dem Kommentar des Freundes. Auch sie hat das Schauspiel nicht nur genossen, sondern versucht, es genauestens zu verfolgen.

»Ich denke, das ist ein kluger Rat von einer angeblich schusseligen Elfe. Was meinst du, können wir es wagen, uns bereits jetzt zu verwandeln, oder warten wir vorsichtshalber bis die zwei Sieger fort sind?«

»Ich habe keine Angst, dass uns die beiden attackieren und von hier vertreiben könnten. Wir sollten sie trotzdem weiter studieren. Wir werden es ja nicht andauernd mit anderen Vögeln zu tun haben. – Wie ist es, hast du noch einige von den Äpfeln? Leg doch einen auf den Platz unterhalb des Baumes, auf dem sie hocken. Wir können dann sehen, ob sie das Obst annehmen und wie sie mit Nahrung umgehen.«

Den Vorschlag führt Runa sofort aus. Ganz langsam nähert sie sich der verkrüppelten Eiche und legt die zwei Teile der vorher halbierten Frucht auf das von der Morgensonne beschienene Moos. Sie wird dabei genauestens von den dunklen Augenpaaren beobachtet. Sobald sich das Mädchen zurückgezogen hat, legen die Vögel ihre Köpfe schräg. Sie krächzen herausfordernd und blicken prüfend abwechselnd zu den Freunden und auf die Apfelhälften hinab.

Runa und Dragon verhalten sich still. Sie sagen kein Wort und vermeiden jede Bewegung. Innerhalb weniger Augenblicke segelt einer der Kolkraben nach unten, während der andere offenbar Wache hält. Der Vogel schnappt sich geschickt eines der Stücke und fliegt mit der Beute zu seinem Partner hinauf. Entgegen der Vermutung holt sich der nun nicht die zweite Hälfte. Sie teilen sich das erbeutete Obststück indem sie abwechselnd mit ihren kräftigen Schnäbeln Stückchen aus dem auf einer Astgabel platzierten Apfel reißen. Sobald das aufgefressen ist, beäugen beide die wartenden Menschen. Sie kollern und krächzen. Dann nicken sie heftig mit den Köpfen. Dass sie sich dadurch bedanken wollen, bezweifelt Runa, trotzdem findet sie den Gedanken schön.

»Schau nur. Jetzt ist die zweite Hälfte dran.« Damit hat Dragon Recht. Wie beim ersten Mal hält einer der Vögel Wache, derweil sich der andere geschickt das Obst schnappt und zu seinem Partner bringt.

Unerwartetes Zusammentreffen

Die Mittagszeit ist bereits vorbei, als die beobachteten Kolkraben davonfliegen. Runa und Dragon essen jeweils einen Apfel und schauen ihnen hinterher. In der Ferne nehmen sie verschwommen ein größeres Gebäude wahr. Das hatten sie gestern als die Festung des Hexenmeisters identifiziert.

»Was meinst du, sollen wir den Vögeln folgen? Das wäre bestimmt der kürzeste Weg zu Drakonias Burg.« Runa ist unsicher, ob sie sich erneut derart nah an den dunklen Magier wagen können.

»Dort könnten wir vermutlich üben, ob auch wir uns gegen einen Krähenschwarm behaupten können. Danrya ist doch überzeugt, dass in der Nähe von Festungen haufenweise Krähen zu finden sind. Als dein Beschützer rate ich jedoch dazu, lieber einen Umweg in Kauf zu nehmen. Das geschieht nicht aus Feigheit, keineswegs. Ich möchte nur nicht, dass du womöglich gefangen wirst!«

»Einverstanden«, bestätigt das Mädchen. »Dann verwandeln wir uns jetzt in die neue Gestalt. Muto speciem.«

Im nächsten Moment hockt es erstaunt auf dem Boden und schlägt probehalber mit den Flügeln. Der Junge verwandelt sich ebenfalls in einen dieser tiefschwarzen Rabenvögel. Beide wenden ihre Köpfe hin und her, klappern mit den Augendeckeln und stoßen ein erstes, herausforderndes Krächzen aus. Runa betrachtet die etwas größere Gestalt ihres Freundes.

»Wo ist denn das Langmesser geblieben? Ich kann auch den Lederriemen nicht entdecken, mit dem die Scheide sonst auf dem Rücken befestigt ist.«

»Die sind genauso wie meine Kleidung in die Umwandlung miteinbezogen worden. Schau dich nur selbst an. Weder die Jacke noch der Rucksack liegen in deiner Nähe. Wenn unsere Bekleidung und Ausrüstung nicht mitverwandelt werden würden, hätten wir bei der Rückverwandlung erhebliche Probleme.«

»Stimmt, dann wären wir nackt. Daran habe ich nicht gedacht.«

»Ich wusste es bereits im Vorhinein. – Jetzt fragst du sicher, wie dass mit dem Lederriemen ist, wenn ich mich in meine Drachengestalt verwandelte. Ich sparte sie einfach von der Verwandlung aus.«

Runa schüttelt den Kopf. Derartige Details hat sie bisher nicht beachtet, findet die Umwandlung in der stattgefundenen Art und Weise aber logisch.

Sie macht einen Hopser und schlägt mit den Flügeln. Sie muss den Start vom Boden mehrfach üben, bevor sie sich ähnlich wie Dragon gekonnt in die Luft hinaufschwingen kann. Sobald das zu ihrer Freude klappt, kollern beide zufrieden. Ihre Rufe schallen weit in die Ferne. Wie vorhin besprochen fliegen sie nicht in Richtung der Burg des Hexenmeisters. Zur Sicherheit schlagen sie einen großen Bogen um die Festung, indem sie sich zuerst nordöstlich, dann östlich und nach einer Flugstunde zum Südosten umorientieren. Sie überfliegen dabei Schafweiden und mit grauen Schindeln gedeckte Unterstände, aber auch Häuser und heimelige Laubwälder, die Runa an den Elfenwald im Westen erinnern.

»Ob hier ebenfalls Elfen leben?«, fragt sie Dragon.

»Das wird früher so gewesen sein, bevor Drakonia in Merion die Macht übernahm«, entgegnet der Freund. »Wenn wir viele Tage Richtung Norden fliegen würden, kämen wir zu dem geheimen Wald, in dem heute die Nordelfen leben.«

»Woher weißt du das? So weit bist du in deinen Jahren als Mensch doch vermutlich nicht gewandert, oder?«

»Nein. Von der Küste Eldurias aus bin ich fast direkt nach Homarket gekommen. Das ist vor sieben Jahren gewesen, wie du weißt. – Danrya hat mir gesagt, dass sich viele der Elfen aus den verschiedenen Königreichen dorthin zurückgezogen haben. Sie will dort Unterstützung für einen Aufstand gegen Drakonia und die mit ihr verbündeten, dunklen Zauberer gewinnen, wie sie uns sagte.«

In der beginnenden Dämmerung entdecken sie unter sich einen schnurgerade verlaufenden Weg.

»Das wirkt wie eine befestigte Straße, auf der Wagen mit Waren, aber auch Truppen schnell bewegt werden können.« »Stimmt«, bestätigt Runa. »Ob das die direkte Verbindung von der Burg des Hexenmeisters zur Feste Grimgard ist?«

»Hm. Lass mich überlegen. Sie verläuft etwa von Nordwest nach Südost. Das könnte schon passen.«

Dragon ist etwas unsicher. Danrya hatte ihm eine Skizze der Triqueta gezeigt. Jede der drei Burgen wird darin über eine bogenförmig verlaufende Linie mit den anderen zwei Festungen verbunden. Dadurch entsteht ein Gebilde mit drei spitzen, aber länglich runden Blättern, auf deren Endpunkten sie die Kastelle einzeichnete. In den mittleren, von den Bögen umrandeten Bereich, skizzierte die Elfe Grimgard. Sollten die Verbindungsstraßen kreisbogenförmig existieren, müssten zusätzliche Straßen zu Drakonias Festung gebaut worden sein. Sonst hätte das dem Bedürfnis widersprochen, im Notfall Soldaten schnell von einem Ort zum anderen zu senden. Nein! Dragon ist überzeugt, die Elfe wollte mit der Skizze etwas davon Abweichendes darstellen. Was das sein soll, vermag er jedoch nicht zu erkennen.

»Die Zeichnung habe ich auch gesehen«, unterbricht Runa seine Gedanken. »Ich könnte mir vorstellen, dass die Kreisbögen eine magische Bewandtnis haben. Wir müssen Danrya bei nächster Gelegenheit danach fragen.«

Die beiden Kolkraben folgen inzwischen der geradlinigen Straße. Tagsüber haben sie bemerkt, dass sich von Osten kommend immer mehr dunkle Wolken drohend am Himmel auftürmen. Urplötzlich zuckt ein greller Blitz zur Erde hinab, und sofort darauf kracht ein gewaltiger Donnerschlag.

»Wir müssen uns einen geschützten Ort suchen!« Dragon blickt erschrocken zur Wolkendecke hinauf. Dort sind nicht mehr nur aufgetürmte, einzelne Wolkenfelder zu sehen, der komplette Himmel besteht aus ihnen. Dicke Regentropfen fallen daraus herab und werden bereits nach wenigen Sekunden zu einer dichten Wasserwand.

Das Fliegen wird unter diesen Bedingungen zur Unmöglichkeit. Die Freunde lassen sich mit dem strömenden Regen zu Boden sinken. Sie überfliegen noch zwei Häuser, bis sie eine freistehende Scheune entdecken. Sie nutzen eine Öffnung in der hölzernen Giebelwand und huschen erleichtert hinein. Hier sind große Vorräte an Heu gelagert, die vom Lehmboden bis zum Dach geschichtet sind. Sie erkennen trotz des diffusen Lichtes, dass es hier von verschiedenen Tieren wimmelt. Die haben offensichtlich ebenfalls Schutz vor dem Unwetter gesucht, das draußen mit unverminderter Heftigkeit tobt. Blitz und Donner wechseln sich unablässig ab. Der prasselnde Dauerregen bildet erste Wasserläufe, die nicht nur um, sondern an einigen Stellen auch in das große Gebäude strömen.

Die Kolkraben landen auf einem Querbalken und schütteln das Wasser aus ihrem glänzenden Gefieder. Sie klappern mit den Augendeckeln und beobachten mit schräg gehaltenen Köpfen unzählige Mäuse, die vorsichtig ihre spitzen Schnäuzchen in die Höhe halten. Die kleinen, aber blanken Augen blicken nach oben, die Barthaare zittern und die runden Ohrmuscheln sind aufgestellt. Die flinken Nager scheinen sich zu fragen, ob die großen Vögel eine Gefahr für sie bedeuten. Davon sind sie offenbar überzeugt, da sie sich schnell tiefer ins Heu wühlen.

Plötzlich zeichnet sich im Blitzschein ein helles Viereck auf dem Boden ab. Das Scheunentor ist geöffnet worden! Der Donner ist ohrenbetäubend. Regenschauer werden ins Innere gedrückt, während gleichzeitig drei Soldaten ihre ängstlich schnaubenden Pferde hereinführen. Ihnen folgt ein weiterer Mann, der zuerst seinen Umhang ausschüttelt, bevor er sein Reittier ebenfalls ins Trockene folgen lässt. Runa und Dragon hatten noch vor wenigen Augenblicken überlegt, ihre menschliche Gestalt anzunehmen, was sie beim Anblick der Bewaffneten aufgeben.

»Wohin mögen die unterwegs sein?« Das Mädchen weiß nicht, ob das wichtig ist, trotzdem fühlt es eine unerklärliche Unruhe.

»Ich vermute, sie wollen nach Grimgard.« Der Junge ist davon überzeugt und liefert sofort die Erklärung für seine Behauptung. »Ich meine, sie vor kurzem auf der Straße gesehen zu haben. Jedenfalls sah ich unter uns einige dunkle Schemen, die sich in gleicher Richtung wie wir bewegten. Sollten sie aus der Gegenrichtung gekommen sein, hätten wir sie nicht sehen können.«

»Ich habe sie nicht bemerkt.«

»Vielleicht sind meine Augen besser als deine«, versucht Dragon zu scherzen. Er wird bei den folgenden Worten Runas jedoch sofort wieder ernst.

»Falls ich mich nicht täusche, ist einer der Bewaffneten Gwydion, der Wachtmeister und Vertraute Owains, der uns von Homarket aus verfolgt hat.«

»Auch wenn der uns nicht in der Kolkrabengestalt erkennen kann, sollten wir aus der Mitte des Raumes verschwinden. Dort am Rand sind wir vermutlich besser aufgehoben.«

Runa nickt automatisch, bevor sie Dragon folgt, der langsam auf dem Balken zur Seitenwand schreitet. Sie vermeiden, sich hüpfend zu bewegen, weil sie dadurch womöglich von den Männern unten bemerkt werden würden. Sobald sie am Rand angekommen sind, betrachten sie die drei Bewaffneten und den Mann, in dem sie zu Recht den Magier vermuten, der Feuerbälle auf sie geschleudert hat.

»So ein Sauwetter!«, flucht Gwydion. »Ich verstehe nicht, warum du keinen magischen Schutz um uns wirken wolltest. Das hätte uns davor bewahrt, derart durchnässt zu werden. Ha… ha… hatschi!«

»Das liegt doch auf der Hand. Ich habe uns mittels Magie so schnell wie möglich Richtung Grimgard geführt. Sollte ich den von dir erwähnten Schutz gewirkt haben, würden uns die Verfolgten wegen der unvermeidlichen Leuchterscheinungen, sobald Regentropfen darauf fallen, bereits von weitem bemerkt haben. So, wie ich Creulon verstanden habe, ist er der Meinung, dass das Mädchen über gewisse Zauberkräfte verfügt. Selbst wenn die nur gering sein sollten, was nicht bewiesen ist, hätte das Kind sofort gewusst, dass einer von uns Magie beherrschen muss.«

»Aber, falls wir we… – ha… hatschi – wegen Krankheit ausfallen, ist nichts – ha… ha… hatschi – gewonnen!«

»Dagegen kann ich etwas machen. Hey, jetzt lauf nicht weg. Ich werde die Erkältung schnell vertreiben. Du kannst mir vertrauen.«

Doch der alte Soldat scheint sich nicht sicher zu sein. Er weicht bis an eine Wand vor dem nachrückenden Magier zurück. In die Enge getrieben warnt er:

»Sollte der Spruch daneben gehen, kannst du was erleben!«

Die anderen zwei Bewaffneten grinsen über die Angst ihres Vorgesetzten. Wenn sie später ihren Kameraden davon erzählen, wird es ihnen schlecht ergehen, wie sie wissen. Der Wachtmeister versteht keinen Spaß, sollte seine Autorität durch derartiges Verhalten untergraben werden. Trotzdem finden sie allein diese Situation, in der sie den alten Haudegen ängstlich erleben, durchaus als lohnendes Erlebnis.

Währenddessen spricht der Magier: »Salvus«. Sofort fühlt sich Gwydion besser. Er will soeben noch dem unwiderstehlichen Drang zu niesen nachgeben, da ist der bereits verschwunden. Der Zauberer nickt zufrieden und wendet sich den anderen zu.

»Kann ich noch jemandem zu Diensten sein? Es tut auch bestimmt nicht weh!« Er hat offenbar deren Gefeixe bemerkt und schreitet grinsend auf die Männer zu. Die erheben sich stotternd.

»Ne… nein, Da… danke!«

»Wir s… sin… sind völlig ge… gesund.«

Sie versuchen, ihre Angst nicht zu zeigen, weichen aber vor dem Magier zurück.

»Seid ihr sicher? Es gibt kein leises Kribbeln oder eine verstopfte Nase? – Na gut. Falls sich das ändern sollte, wendet euch vertrauensvoll an mich. Fragt Gwydion, es ist völlig schmerzlos.«

Der Wachtmeister ist jetzt an der Reihe zu grinsen.

»Stimmt genau«, bestätigt er.

Die sich in den Schatten drückenden Kolkraben nimmt der alte Soldat erst in diesem Moment wahr. Er kraust die Stirn. Er überlegt, ob sie hier im Stall gewesen sein könnten. Oder sind sie ihnen gefolgt? Er ist unsicher, meint aber doch, zwei Schemen bemerkt zu haben, die über sie geflogen waren. Das war etwa in Höhe des letzten Hauses. Ob er den Magier auf die beiden Tiere aufmerksam machen soll? Er öffnet bereits den Mund, zuckt dann jedoch die Schultern. Die Vögel können keine Gefahr darstellen, ist er überzeugt. Er möchte sich nicht erneut dem Spott seiner Untergebenen aussetzen. Den Gefallen, dass sie ihn für abergläubisch halten, weil er Verdächtiges hinter schwarzen Vögeln vermutet, will er ihnen nicht tun. Er hatte durchaus, genau wie der Zauberer, deren grinsende Gesichter und das gegenseitige Anstoßen bemerkt.

Gegenmaßnahmen

Drakonia durchmisst mit großen Schritten den prachtvollen Thronsaal. Er ist an den Wänden überreich mit Verzierungen versehen und liegt jetzt im hellen Licht vieler Kerzenleuchter. Von unzähligen vergoldeten Flächen wird es strahlend zurückgeworfen. In diesem Raum ist lediglich ein Sitzmöbel aufgestellt. Unter einem rotsamtenen Baldachin steht etwas erhöht der verzierte Thron, auf dem die Königin sitzend die Normalsterblichen ihres Herrschaftsbereiches, aber oft auch ihre Vertrauten zu einer Audienz empfängt. Auf dem polierten Parkettboden liegen kostbare Teppiche, die weder von den zwei Besuchern noch von der Herrscherin beachtet werden. Der mit weißem Hermelinbesatz verbrämte purpurne Umhang weht hinter ihr her. Mit der zur Faust geballten rechten Hand schlägt sie dauernd in die linke.

»Wieso? – Ich verstehe dein Versagen nicht! – Es ist doch nur ein kleines Mädchen!«

Sie wandert seit Minuten aufgebracht durch den Raum und bleibt schließlich vor ihrem obersten Zauberer stehen. Drakonia nähert ihr Gesicht dem seinen, bis kaum noch ein Blatt dazwischen passen würde. Creulon weicht jedoch keinen Millimeter zurück. Die Herrscherin hebt voller Staunen ihre Augenbrauen. »Na? Welche Ausrede bekomme ich zu hören? Dir fällt doch sicher eine ach so kluge Entschuldigung ein. Los, heraus damit!« Der von ihrem Mund sprühende Speichel lässt den Schutzschirm um den Magier aufleuchten. Das führt zu einem neuen Wutausbruch. »Ha. Du wagst es, einen magischen Schutz zu nutzen und das in meinem Thronsaal? Fürchtest du dich so vor mir?« Die Frau fährt wie eine Furie herum und beginnt erneut mit ihrer Wanderung. »Wann machst du deinen Mund auf? Oder soll ich dir helfen?« Gleichzeitig mit den Worten zieht sie einen kleinen, seltsam verzierten Dolch unter ihrem Gewand hervor. Sie bleibt stehen, aber so, dass ihre Besucher sehen können, wie sie den Gegenstand versonnen betrachtet. Die Königin spricht leise, wie zu sich selbst. »Dieses unscheinbare Messer besitzt die Fähigkeit, jeden magischen Schutz zu durchdringen. Wenn ich damit durch einen Schutzschirm stoße, gibt es nicht einmal das sonst übliche Aufleuchten, lediglich das hervorschießende Blut zeigt an, das etwas geschehen ist. – Was passiert wohl, falls ich meinen obersten Heerführer beauftrage, den angeblich größten Zauberer Merions und Eldurias zum Sprechen zu bringen?« Drakonia dreht sich langsam um. Ihr Blick fällt auf Owain, der abwartend einen Schritt neben Creulon steht und wie dieser den derart gefährlich beschriebenen Gegenstand fixiert.

Der dunkle Magier zeigt ein verhaltenes Lächeln, bevor er seine Lippen öffnet. Er hat lange damit gewartet, um deutlich zu machen, wie wenig er sich fürchtet, auch nicht vor dem spitzen Dolch. Da er Owain wiederum alles zutraut, der der Herrscherin blind ergeben ist, erhebt er nun doch seine Stimme. Sie klingt völlig emotionslos. Die Worte kommen langsam und fast ohne Betonung. Damit will Creulon demonstrieren, dass ihn die Drohung kalt lässt.

»Meine kluge Königin! Gestattet mir, euch das fehlende Wissen mitzuteilen.«

Das breite Grinsen auf Drakonias Gesicht spricht für sich. Sie ist überzeugt, den Zauberer mit ihrem kleinen Trick hereingelegt zu haben. Dass der Dolch lediglich ihr Brieföffner ist, der keinerlei magiebrechende Eigenschaften besitzt, meint nur sie zu wissen. Sie ist sich dennoch nicht hundertprozentig sicher. Wenn sie das leise Lächeln auf Creulons Lippen richtig interpretiert, könnte er vermuten, oder zumindest ahnen, was das Messer tatsächlich ist. Owains Miene bleibt unbeweglich, als der Magier auf ein huldvolles Nicken der Königin hin zu sprechen beginnt.

»Das Mädchen mag klein sein, doch ungefährlich ist es nicht! Ich habe von dem Zauberer, der Gwydion, Owains Wachtmeister und seine Männer begleitet, erfahren, dass es nicht allein unterwegs ist. Ein Junge reist in ihrer Gesellschaft, der offenbar auch die Gestalt eines Drachen annehmen kann …«

»Was sagst du? Wer behauptet das?«

»Der soeben erwähnte Zauberer. Doch auch ich habe den Lindwurm kennengelernt, obwohl es außer dem einen, der in unserem Gewahrsam ist, keine zweite dieser Kreaturen in diesen Landen geben dürfte. Er spuckte mir seinen heißen Feueratem direkt ins Gesicht. – Aber darum geht es nicht. Das geschah, als ich das Mädchen fast gestellt hatte. Sie befand sich zu der Zeit im Haus einer alten Gegnerin, wie ich im Nachhinein feststellen musste und was gleichzeitig ihr Entkommen erklärt.«

Drakonia starrt den Magier an. Ihr Mund steht offen, während sie sich das Gehörte ungläubig durch den Kopf gehen lässt. Sie schluckt heftig.

»Das hast du dir jetzt richtig schön ausgedacht! Ein Drache, ein Mädchen und dann angeblich zusätzlich eine alte Gegnerin. Ha. Es fehlt nur noch, dass du sagst, sie sei eine Elfe.«

»Das geschieht nicht grundlos. Ich weiß es.«

»Falls das nicht nur dem Bedürfnis entspringt, eine Entschuldigung zu präsentieren, dann solltest du mir das schnell erklären, bevor … Doch drohen muss ich sicher nicht, mein kluger und treu ergebener Zaubermeister! Du wirst mir bestimmt sofort deine Behauptung erläutern.«

Drakonia steht erneut vor dem Zauberer, aber dieses Mal beträgt der Abstand einen ganzen Meter. Sie blickt dem Mann in seine dunklen Augen und verspürt unwillkürlich das Verlangen, sich wegzudrehen. Sie befürchtet einen winzigen Augenblick, er könne sie zu hypnotisieren versuchen. Doch ein eiserner Wille regiert ihren Verstand und widersteht dem Drang. Sie presst die Lippen aufeinander und weicht dem Blick des Magiers nicht aus.

In diesem Moment bewundert Creulon ihren unbezähmbaren Stolz. Sie ist zu Recht die Herrscherin Merions und Eldurias, zumindest so lange, bis er ihr einen Teil des Gebietes abnimmt. Diesen seit langem gehegten Gedanken drängt er entschlossen in den Hintergrund. Er muss sich voll auf das Hier und Jetzt konzentrieren, sonst könnte er sich verraten und womöglich in einen Kerker geworfen werden.

»Es ist eigentlich einfach, da ich ihren Namen belauscht habe. Die Frau ist Danrya, eine Elfe. Erinnerst du dich an sie und deren Freundinnen? Eine hieß Atropaia und war eine ebenso starke Gegnerin.« Er dreht sich Richtung Owain. »Wenn ich richtig unterrichtet bin, hast du sie vor sieben Jahren gefangen genommen. Doch das Mädchen, dessen Amme sie zu der Zeit gewesen ist, konntest du nicht fangen.« Er wendet sich wieder der Herrscherin zu. »Du magst es glauben oder nicht, das kleine, damals fünfjährige Kind, dass du als vermeintlich harmlos betrachtest, ist das dem Zugriff Owains entkommene Mädchen.«

»Du willst behaupten, sie ist die Tochter Raikas?«

»Genau. Wie du weißt, war sie eine der drei Westelfen. Gemeinsam mit Atropaia und Danrya fügte sie dir erheblichen Schaden zu. Raika floh nach dem unerwarteten Tod ihres Gemahls, einem Anführer der Menschen, doch ich stöberte ihren Wohnsitz auf, stellte ihr eine Falle und verpasste ihr einen Todesfluch. Sie war zäher als ich erwartete und konnte entkommen. Mit Hilfe Atropaias brachte sie diese Runa zur Welt, bevor sie starb. Mit ihr haben wir es heute zu tun.«

»Das sind erschreckende Neuigkeiten. Schon damals waren die drei Westelfen gefährlicher als das ganze Heer des Königs von Elduria. – Wir haben es nach deinen Worten aktuell mit einem Mädchen zu tun, das aus der Verbindung einer Elfe mit einem Menschen hervorging. Hinzu kommt, dass das Kind, … wie heißt es noch? Richtig, Runa … außerdem von einem Jungen begleitet wird, der die Gestalt eines Lindwurms anzunehmen vermag. Wenn sie in Begleitung von Danrya sind, haben wir es mit einer seltenen Dreierkonstellation aus Drache, Halb-Mensch und Elfe als Gegner zu tun. Die wirkt möglicherweise der Triqueta, unserem größten Schutz, entgegen, da sie ebenso wie diese eine Dreierkonfiguration bilden. – Könnte darauf die alte Prophezeiung hinweisen? Runa trägt außerdem das Mal eines Drachensuchers, wie mir Owains Sohn berichtete. Ob dieser Drache deshalb zu ihr gestoßen ist? Das könnte in Summe bedeuten, dass die Weissagung schon bald in Erfüllung geht!«

»Das muss nicht sein!«, widerspricht Owain, der sich nach einer Verbeugung einmischt. »Wir sollten zu einem Gegenschlag ausholen, der die Gefahr gründlich beseitigt, bevor sie eintritt.«

»Genau deshalb befinden sich Gwydion und der Magier noch immer auf ihrer Spur. – Ich habe eine Verbindung zwischen den Orten gezogen, die Runa und der Junge besucht haben, und die von ihnen zurückgelegte Richtung verlängert. Für mich steht fest, sie wollen hierher, womöglich bis in die Festung Grimgard.«

»Was? Sollten sie beabsichtigen, diese starke Burg anzugreifen? Glauben die Jugendlichen wirklich, in einem Kampf gegen meine Soldaten siegreich sein zu können? Egal, wie stark ihre magischen Kräfte sind, das wird ihnen schlecht bekommen!«

Drakonia beginnt erneut mit ihrem Marsch durch den Raum. Creulon widerspricht ihr nicht. Er bekräftigt vielmehr seine Schlussfolgerung.

»Es sieht ganz danach aus. Doch Danrya befindet sich nicht bei ihnen. Davon habe ich mich überzeugt. Deshalb wagen sie bestimmt keinen Frontalangriff. Mir ist allerdings schleierhaft, was sie sonst vorhaben könnten.«

Drakonia wandert erneut umher und spricht ihre Gedanken laut aus.

»Was sollten sie schon wollen? Sie planen sicher nicht, hierher vorzustoßen. Da muss ich dir widersprechen. So verblendet wird niemand sein, nicht einmal Raikas Tochter! Bevor Danrya nicht zu ihr gestoßen ist, vermutlich begleitet von einem schlagkräftigen Heer, werden sie nicht wagen, in das Gebiet der Triqueta einzudringen. – Owain, du musst unverzüglich sämtliche Wehrgänge meiner Burg besetzen! Schicke auch Truppen zu den Festungen der Hexenmeister! Parallel dazu beginnen wir sofort mit der Ausbildung weiterer Soldaten. Wenn ich an die letzten Kämpfe denke, werden wir vorsorgen müssen, um Verluste ausgleichen zu können.«

Die Königin bleibt überlegend stehen und wendet sich an ihren Heerführer.

»Ich möchte, dass du eine Spezialeinheit aufstellst. Nimm dafür die gefährlichsten Verbrecher, die in den Gefängnissen sitzen. Versprich ihnen, dass sie im Gegenzug begnadigt werden, wenn sie auf unserer Seite kämpfen. Ich will, dass sie als gefühlsarme Kampfmaschinen agieren. Die nötige Ausbildung überlasse ich dir.« Drakonia nickt zu diesen Worten. »Genau, so machen wir es. Sollten sie im magischen Feuer der Gegner untergehen, denn auch sie werden Zauberer einsetzen, ist es nicht schade um sie. Wir verlieren dann lediglich kriminelle Subjekte, die wir für ihre Arbeit in den Steinbrüchen durchfüttern müssen. Gelingt es dagegen, mein Reich zu verteidigen, tragen sie erheblich mehr dazu bei, als wenn sie die Befestigungen der Burgen mit Steinen sicherstellen. In diesem Fall werden wir den Männern die Reststrafe erlassen. Teile ihnen das mit!«

»Ich werde buchstabengetreu euren Befehl umsetzen!«

Owain verbeugt sich bis zur Erde und richtet sich mit leuchtenden Augen auf. In Gedanken überträgt er seinem Sohn Brendan bereits das Kommando über einen Teil des Heeres und ernennt ihn zum Stellvertreter. Diese Truppen sollen die Sicherung der Außengrenzen der Triqueta übernehmen. Sobald das Gebiet gesichert ist, wird er mit der Sondereinheit die weiteren Regionen Merions durchforsten, bis hinein nach Elduria.

Owain ist nicht dumm. Er weiß, dass das Sonderkommando eine starke Hand benötigt, zumal es innerhalb kürzester Zeit aufgestellt wird. Das traut er weder seinem Sohn noch einem anderen seiner Untergebenen zu, auch nicht Gwydion. Er geht nicht davon aus, dass sich Runa und ihr Begleiter nach Grimgard wagen. Sie stellen vermutlich zuerst eine schlagkräftige Armee auf, bevor sie mit dieser gemischten Truppe aus Menschen und Elfen tiefer ins Königreich Merion vorstoßen. So würde er vorgehen, was durchaus einer gewissen Logik folgt. Zumindest aus Sicht eines Soldaten.

»Eure Majestät. Auf ein Wort.«

Creulon hat während Drakonias Rede einen wichtigen Aspekt betrachtet, der in ihren Überlegungen über den Einsatz von bewaffneten Kämpfern zu wenig berücksichtigt wurde. Es handelt sich dabei um die Anwendung von Zauberei, wie könnte es auch anders sein. Die Herrscherin wacht bei seinen Worten aus ihren Träumereien über siegreiche Schlachten auf und blickt den Magier erstaunt an.

»Ich verlange, dass du Owain bei der Auswahl geeigneter Kandidaten für die Sondereinheit unterstützen wirst. Habe ich vergessen, das klar zum Ausdruck zu bringen?« Sie baut sich vor dem Zauberer auf, wobei sie wie ein einfaches Bauernmädchen ihre Hände in die Seiten stemmt. »Falls du dafür eine spezielle Anweisung erwartest, gebe ich sie dir gerne.«

»Majestät!« Creulon beginnt mit wohlüberlegten Worten in gewohnter Weise zu sprechen. Sein unbewegliches Gesicht, umrahmt von langen, schwarzen Haaren, ist ruhig auf die Königin gerichtet. »Das Besondere des Gebiets der Triqueta sollte in die Überlegungen einbezogen werden!«

Drakonias Augen verengen sich erstaunt. Wie konnte sie nur vergessen, dass möglicherweise Magie bei der Auseinandersetzung eine Rolle spielen wird. Ihr oberster Zauberer offenbar nicht. Sie bemerkt keine verräterische Regung seiner Miene. Sie betrachtet kurzzeitig das silberne Mondabzeichen am Kragen des schwarzen Umhangs seiner vorwiegend dunklen Kleidung, das alle Magier ihres Reichs tragen.

»Das habe ich nicht übersehen. Welchen Vorschlag willst du diesbezüglich machen?«

Sie spielt damit den Ball zu ihm zurück, ohne einzugestehen, die Möglichkeiten der Zauberei nicht genügend bedacht zu haben.

»Da sehr geübte Hexenmeister auf den drei Burgen in eurem Auftrag das Gebiet der Triqueta beschützen, was natürlich ebenso Soldaten und deren Fähigkeiten einbezieht, können und müssen sie den besonderen, magischen Schutz aktivieren!« Creulon senkt seine Stimme zu einem Flüstern. Auch wenn er nicht glaubt, dass es einer der Bediensteten der Königin wagen würde, an Türen zu lauschen, geht er auf Nummer sicher. Drakonia tritt einen Schritt näher und lauscht seinen Vorschlägen. Schnell zieht ein teuflisches Grinsen über ihr Gesicht.

»Die Idee ist ausgezeichnet, lieber Creulon. Ich stimme dir gewiss nicht zu, dass Runa wagen könnte, in diese Burg einzudringen, aber warum soll ich nicht vorsorglich die maximalen, magischen Möglichkeiten zu meinem Schutz einsetzen? Ich hatte zwar mit diesem Gedanken gespielt, fand ihn jedoch einer Herrscherin unwürdig. Da du mich jetzt darauf hinweist, bleibt mir wohl nichts anderes übrig. – Setze alle Zaubermittel ein, die deiner Meinung nach nötig sind. – Unabhängig davon werde ich Owain und den Soldaten meines Heeres die notwendige Aufmerksamkeit widmen. – Du kommst sicher ohne zusätzliche Anweisungen aus? Gut!«

Hilfe von Danrya

Das S-förmige Mal auf Runas linkem Unterarm beginnt zu kribbeln und weckt sie aus ihrem Schlaf. Sollte das ein Warnsignal sein? Es könnte auch damit zusammenhängen, dass sie augenblicklich in der Gestalt eines Kolkraben auf dem Querbalken einer Scheune hockt. Sie hat bis vor wenigen Sekunden tief und fest geschlafen und zieht alarmiert ihren Kopf unter dem Flügel hervor. In dem Gebäude glimmt auf dem Boden der Rest eines Feuers, das der Magier entzündet hatte, um sich und die Begleiter zu wärmen. Da Heu leicht entzündbar ist, hatten sie einen Ring aus Feldsteinen errichtet, in dessen Mitte die Holzscheite geschichtet worden waren. Diese hatten sie sorgsam aus einem Vorrat ausgewählt, denn brennendes Nadelholz hätte durch Funkenflug womöglich die Steinbarriere überwinden können. Die drei Soldaten und der Zauberer wärmten sich dankbar an dem lustig flackernden Feuer. Sie verfluchten den Auftrag, auf einer gedachten Linie Richtung Grimgard zu ziehen. Creulon schärfte das dem Magier ein, da er die Meinung vertritt, die Gesuchten würden Drakonias Festung zum Ziel haben. Das hatten Dragon und Runa voller Staunen der Unterhaltung entnommen, bevor sich die Männer um das Feuer legten und einschliefen.

Weshalb das Mädchen mit klopfendem Herzen aufwachte, ist ihm ein Rätsel. Sollte das Mal auf seinem Arm der Grund sein? Die Augendeckel sind weit geöffnet und der Rabenkopf dreht sich in alle Richtungen. Runa hüpft sogar einmal hoch, um auch hinter sich blicken zu können. Die Bewegung führt dazu, dass Dragon ein unwirsches Kollern von sich gibt. Sofort fordert Runa von ihm, leise zu sein.

»Wa… was ist denn los?«, sendet der verschlafen zurück. Gleichzeitig zieht auch er den Kopf unter dem Flügel hervor. »Werden wir angegriffen? Da sollte ich lieber meine Drachengestalt …«

»Nein, bleib bitte wie bisher ein Kolkrabe«, fordert sie. Dann berichtet sie von ihrem Gefühl, das sie aufweckte.

»Das ist mehr als seltsam«, grübelt er. »Ich weiß von Moira, dass das Mal dich als Drachensucherin ausweist. Ich habe dir auch gezeigt, wie es reagiert, wenn ich in der Drachensprache fordere, dass es sein Geheimnis offenbaren soll. Das wirkt ähnlich wie dein Aperio-Zauber, mit dem Atropaias Nachricht in dem angeblichen Kochbuch für dich lesbar wurde. – Sollte doch noch mehr Magie hinter dem Symbol stecken?«

»Ich bin mir unsicher. Womöglich liegt das daran, dass ich meine Gestalt geändert habe.«

»Oder dein Bein, ach nein, in diesem Fall ist es eher dein linker Flügel, ist eingeschlafen. War es ein Kribbeln, wie es entstehen würde, wenn das Blut abgedrückt war und wieder zu zirkulieren beginnt?«

»Nein, das war es sicher nicht. Außerdem läuft mir gerade jetzt zusätzlich ein eiskalter Schauer über den Rücken. Schau mich nur an, ich habe das Gefühl, als würden sich alle Federn aufplustern!«

Obwohl es fast dunkel in der Scheune ist, kann Dragon das bestätigen.

»Das gefällt mir nicht. Nein, ganz und gar nicht. – Könnte der Magier einen unbemerkten Angriff auf uns gestartet haben?«

Im gleichen Moment segelt er fast unhörbar von dem Querbalken zu den schlafenden Männern hinab.

»Dragon, bleib hier. Du bringst uns unnötig in Gefahr!«

»Sei ohne Sorge. Ich muss mich als dein Beschützer überzeugen, dass hier keine Teufelei vorbereitet wird. Womöglich lauert Creulon irgendwo, herbeigerufen von diesem Zauberer hier. Du hast doch gehört, dass er weiß, was wir vorhaben.«

»Das ist nicht richtig. Er vermutet es lediglich, obwohl er recht gut kombiniert hat. Aber zum Glück kennt er offenbar weder unsere wahre Absicht noch unseren augenblicklichen Aufenthalt. – Jetzt komm schon zurück. Ich … brauche deine Hilfe. Das Kribbeln wird zu einem Zittern. Ich habe das Gefühl, dass etwas von außen versucht, meine Gestalt auseinanderzunehmen.«

»Was sagst du?« Dragon hat sich überzeugt, dass die Männer tief und fest schlafen. Er landet neben Runa und macht dabei mehrere unbeholfene Hüpfer. Er legt den Kopf schräg und klappert verwundert mit den Augendeckeln. Es sieht tatsächlich so aus, als ob sich Runas linker Flügel zu ändern beginnt. Oder sollte das an den schlechten Lichtverhältnissen liegen. »Wir müssen Danrya kontaktieren. Sofort!«, drängt er.

Das Mädchen starrt nur kurz auf den rechten Flügel des Jungen. Er ähnelt eher der Schwinge eines Drachen, als der eines Raben, obwohl dessen Größe noch unverändert ist. Das erklärt auch seine ungewohnt unsichere Landung auf dem Balken. Die Freunde starren erschrocken auf die sich abzeichnenden Änderungen, dann senden sie mit aller Kraft, die sie aufzubringen vermögen, einen Notruf.

»Danrya! Wir brauchen deine Hilfe!«

Die Elfe scheint nur auf den Kontaktversuch gewartet zu haben, obwohl es Nacht ist. Sie antwortet sofort.

»Was gibt es?«

Runa berichtet von dem sonderbaren Gefühl, das sie weckte, dem immer noch stark klopfendem Herzen und dass ihre Gestaltwandlung offenbar aufgehoben wird.

»Wie lange wirkt die Änderung unseres Aussehens? Ist das womöglich eine Frage meiner magischen Kräfte?«

»Nein, das wird nicht die Ursache sein«, korrigiert die Elfe. »Dragon hat sich selbst verwandelt, und trotzdem ändert er sich ebenfalls und noch dazu in seine wahre Gestalt, so wie du sagst.«

»Das stimmt«, bestätigt der Junge. »Ich werde vorsichtshalber auf dem Boden der Scheune landen. Das Gewicht eines Drachen von einhundertundzwanzig Jahren hält er bestimmt nicht aus.«

Er segelt hinab und landet etwas ungeschickt, da das mit unterschiedlichen Flügeln nicht einfach ist. Zum Glück werden die Männer durch das leise Poltern nicht geweckt. Runa folgt ihm sofort. Sie fängt ihre Landung mit einem Purzelbaum ab.

»Danrya, was geschieht mit uns?«

»Ihr erinnert euch sicher an die Zeichnung der Triqueta. Seid ihr bereits auf dem blätterförmigen Gebiet? Aha. Dann muss es damit zusammenhängen. Hm. Es besteht die Möglichkeit … Ich muss überlegen.«

Die zwei Kolkraben verändern ihre Gestalt immer schneller. Sie schleichen unbeholfen Richtung Scheunentor. Mit vereinten Kräften schaffen sie es, das Tor zu öffnen, dann huschen sie hinaus. Draußen bleiben sie im Sternenlicht stehen und wundern sich über ihr Aussehen. Runa ist fast Mensch, aber noch mit unzähligen schwarzen Federn überzogen. Er ist dagegen bereits ein Drache, dessen Maße noch beständig anwachsen.

»Steig auf meinen Rücken«, fordert Dragon. »Ich bringe uns besser fort von hier.«

»Ich weiß, was geschieht«, meldet sich Danrya, bevor das Mädchen seinen Sitz auf der Schulter des Freundes eingenommen hat. »Die Hexenmeister haben offenbar einen speziellen Schutz über die Region der Triqueta gewoben. Es könnte eine Mischung aus »Deduco defensio«, »Aperio« und weiteren Zaubern sein. Dadurch werden alle Lebewesen auf dem Gebiet der Triqueta in ihrer wahren Gestalt gezeigt werden, sollte sie durch Magie geändert worden sein. Aber das werden sie nur machen, wenn sie vermuten, …«

», … dass wir das Aussehen verändert haben könnten und auf dem Weg zu Drakonias Burg sind. Dass Creulon unsere Zielrichtung kennt oder auch nur vermutet, haben wir gestern Abend von den Verfolgern erlauscht.« Runas Unterbrechung bestätigt Danryas Vermutung.

»Dann ist die Absicht klar, die Hexenmeister sollen durch einen Zaubermix verhindern, dass ihr euch unerkannt bis zur Festung Grimgard durchschlagen könntet. Hoffentlich nutzen sie nicht noch weitere Sprüche, die womöglich Runas magische Fähigkeiten stark schwächen. Der Zauber ist auch so schon schwierig genug zu brechen, da er sich sogar auf die Kräfte eines Gestaltwandlers auswirkt.«

»Was können wir dagegen machen?« Runa sitzt auf dem Drachenrücken. »Als Kolkraben sind wir bisher gut und unerkannt vorangekommen. Doch Creulon will offensichtlich mit allen Mitteln verhindern, dass wir ungesehen bis zur Festung Drakonias vorstoßen können. – Wenn das so ist, kann uns Dragon besser jetzt als Drache in Sicherheit bringen, bevor wir gesehen werden.«

»Und genau das mache ich nun! Halte dich fest, es geht los«, fordert der Junge.

»HALT!«, widerspricht die Elfe eindringlich. »Deine Drachenkräfte werden von diesen Zaubern nicht beeinflusst, das ist wahr. Sie wirken lediglich auf das Vermögen, die Gestalt zu ändern. Was aber wichtiger ist, Runa vermag vermutlich nicht, euch mit einem wirksamen Schutz zu umgeben. Das wird durch den Mix der Sprüche sicher verhindert werden. Dabei wäre das extrem notwendig, da die große Drachengestalt weithin sichtbar sein wird. Jeder auch nur wenig begabte Zauberer könnte euch in Sekundenbruchteilen töten. Falls die Hexenmeister zusätzlich noch andere Magie nutzen, womöglich spezielle Offenbarungszauber, könnten sie dadurch erfahren, was euer aktueller Aufenthaltsort ist und gezielt angreifen.«

»Was können wir dann machen? Einfach abwarten, bis wir getötet oder gefangen genommen werden? Nicht mit mir. Mein Feueratem wird denen schon zeigen, wie gefährlich ein Drache ist.«

»Halt, stopp, mein junger, ungestümer Freund. Es gibt die Möglichkeit, etwas gegen diesen Zaubermix zu unternehmen.«

»Was muss ich machen?« Runa klingt erleichtert. Sie hatte schon befürchtet, ihren Plan, in Grimgard nach Atropaia zu suchen, aufgeben zu müssen. Sie hofft, dort ihre Amme finden und befreien zu können, auch wenn deren Verschleppung bereits sieben Jahre zurückliegt. Wenn es eine Möglichkeit gibt, diese Zauber außer Kraft zu setzen, wird sie sie nutzen.

»Du musst zuerst sieben Mal »Firmo defensio« sprechen und dir abwechselnd die Hände auf Stirn, Herz und Bauch legen. Beginne bei deinem Herzen und ende auch dort. Anschließend wiederholst du das bei Dragon. Damit stärkst du eure möglicherweise geschwächten Kräfte und eure Verteidigung gegen Flüche. Anschließend musst du ohne große Verzögerung »Remittere« nutzen, um dadurch den Einfluss der Sprüche zurückzuwerfen. Nachdem du den Zauber dreimal gesagt hast, wobei du mit den Händen eine Glocke um dich und Dragon beschreibst, nutzt du noch »Occulus magus«. Der Spruch muss lediglich einmal gesprochen werden, dafür aber täglich, wobei du auf dich und deinen Beschützer deutest. Dadurch werden eure magischen Kräfte verborgen, was auch die Anwendung von Offenbarungssprüchen durch Creulon oder seine Hexenmeister nutzlos machen wird.«

»Das klingt ein wenig kompliziert. Wenn ich mich richtig erinnere, sind die Sprüche im Anhang des Buches »Insel der Drachen« aufgeführt. Die notwendige Häufigkeit für das Aufsagen jedoch nicht.«

»Das ist doch einfach«, beginnt Dragon. »Du musst die Stärkung unserer Kraft sieben Mal aufrufen, danach dreimal den Einfluss fremder Zauber zurückweisen und unsere Magie täglich vor anderen verbergen.«

»Es ist gut, dass du so genau aufgepasst hast. Ich drücke euch die Daumen. Falls das Vordringen zu Drakonias Festung doch zu gefährlich werden sollte, kehrt unverzüglich um. Ich weiß zwar, dass du, Runa, Atropaia so schnell wie möglich befreien möchtest, aber das können wir auch dann machen, wenn ich alle Elfen von der Notwendigkeit gemeinsamen Vorgehens überzeugt habe.«

»Nein!«, widerspricht das Mädchen vehement, »ich habe schon zu viele Jahre ungenutzt verstreichen lassen. – Ich drücke dir die Daumen, dass du mit deiner Mission erfolgreich bist. Jetzt werde ich sicherstellen, dass wir weiter unerkannt vorangehen können.«

Danrya hat keine andere Reaktion Runas erwartet. Deshalb ist sie keineswegs enttäuscht, sondern vielmehr ein wenig stolz auf die junge Elfe. Denn für sie ist die Tochter Raikas genau das.

Drachenblut

Für den Rest der Nacht kehren Dragon und Runa nicht in die Scheune zurück. Nach der Anwendung der von Danrya benannten Zaubersprüche sind die magischen Fähigkeiten der Freunde wiederhergestellt. Trotzdem verwandeln sie sich nicht erneut in Kolkraben, jedenfalls nicht sofort. Obwohl die Dämmerung noch fern ist, und sie mit dem schwarzen Gefieder kaum bemerkt werden könnten, befürchten sie, alleine dadurch die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken. Denn weder der Junge noch das Mädchen können sagen, ob diese Vögel in der Nacht unterwegs sind. Sie entscheiden sich deshalb dafür, die Gestalten von Erwachsenen anzunehmen, die sich nach ihrer Ausbildung auf Wanderschaft begeben haben. In manchen Berufen ist das üblich, um weitere Erfahrungen zu sammeln und den Horizont zu erweitern.

Das Aussehen Runas erinnert stark an das von Katie, dem rothaarigen Mitglied der Straßenbande, die das Mädchen vor sieben Jahren an Kaytlin, die Wirtin von »Fuchs und Gans« verkaufen wollte. Dragon ähnelt wiederum Willard, dem Bauern aus Ochsenham. Um sich in eine andere Gestalt zu verwandeln, ist erforderlich, sich diese genau vorstellen zu können. Deshalb ähneln die Freunde den von ihnen gewählten Vorbildern, auch wenn kleinere Veränderungen eingeflossen sind.

Eine Umwandlung in die Rabenvögel erscheint schnell erstrebenswert, da sie als Wanderer viel langsamer vorwärtskommen. Die Sonne strahlt inzwischen vom leuchtend blauen Himmel, und die Landschaft wirkt vom gestrigen Regen wie frisch gewaschen. Nach dreistündiger Wanderung ist der bisher zurückgelegte Weg nicht besonders groß. Doch unerfreulicherweise scheinen die Häuser hier dichter, als anderswo zu stehen. Wo das nicht der Fall ist, begegnen ihnen Bauern mit Fuhrwerken und auch Reiter, oder sie werden von anderen überholt. Dadurch bekommen sie nicht die Gelegenheit, unbemerkt ihre Gestalt zu ändern, selbst wenn sie sich hinter einem Gebüsch verbergen wollten. Hinzu kommt, dass es diesen Bewuchs nur vereinzelt gibt und in den seltenen, unbeobachteten Augenblicken keine Bäume am Wegrand stehen. Notgedrungen wandern sie weiter und hören schon bald Hufgetrappel, das zum wiederholten Mal Reiter ankündigt, die sie gleich überholen werden. Doch die Männer, es sind vier, umringen sie und betrachten sie prüfend.

»Woher des Wegs?«, fragt Gwydion.

»Dragon, wir müssen vorsichtig sein!«, ermahnt ihn Runa gedanklich. Der hat bereits den Mund geöffnet und wendet sich erstaunt, aber augenscheinlich leicht übermütig an den Wachtmeister.

»Das ist doch ohne Mühe zu erkennen.« Zu diesen Worten dreht er sich zur Seite und macht eine Kopfbewegung dorthin, von wo sie gekommen sind.

»Mein Bruder ist nicht ganz klar im Kopf«, versucht Runa sofort seine herausfordernde Antwort abzuschwächen. »Er nimmt Fragen immer wörtlich. Doch ihr wollt sicher wissen, weshalb wir unterwegs sind und wohin unser Weg führt, richtig?« Sie senkt die Augen, schaut keinen der Männer direkt an. Das soll demütig wirken, wie es Bewaffnete von einfachen Leuten erwarten. Der Magier richtet seinen forschenden Blick auf das Mädchen. Wieso kommt es ihm nur so bekannt vor?

»Bist du wahnsinnig, dich derart verdächtig aufzuführen. Denke daran, dass du mein Beschützer bist, der alles tun sollte, damit ich nicht in Gefahr komme«, sendet es an Dragon, jedoch ohne ihn anzuschauen. Das wäre auffällig und könnte den Magier auf ungewollte Gedanken bringen.

»Dich habe ich doch mal in Homarket gesehen«, beginnt der Zauberer langsam, aber drohend. »Wie kommt es, dass du jetzt hier bist? Und wie lautet dein Name?«

»Verzeihung, hoher Herr«, versucht Runa sich einzuschmeicheln. »Ich heiße Katie. Und es stimmt. Vor Wochen war ich in dem Ort, wo ich eine Ausbildung gemacht habe. Sobald die abgeschlossen war, ich bin jetzt übrigens eine geprüfte Gärtnerin, machte ich mich auf, in den verschieden Regionen des Landes nach seltenen Pflanzen oder Kräutern zu suchen. Für deren Transport nutze ich meinen Rucksack. Auch wenn ich bisher nicht besonders erfolgreich gewesen bin, denn ich habe bis jetzt kaum andere Heilkräuter als Beinwell, Spitzwegerich und Löwenzahn gefunden, werde ich weitersuchen. Die wachsen überall, aber einige Mariendisteln und …«

Der Wachtmeister unterbricht unwirsch die Unterhaltung mit dem Magier.

»Im Gegensatz zu deinem Bruder scheinst du ja recht gerne zu reden. Welchen Beruf hat der denn gelernt? Weshalb begleitet er dich?«

»Ich bin ihr Beschützer!«, sprudelt es selbstbewusst aus Dragon heraus.

»Beherrsche dich«, fordert Runa. Das wirkt sofort.

»Ich habe eine Tischlerlehre abgeschlossen und begleite meine Schwester«, fährt der Junge mit bewusst unsicherer Stimme fort. Er hofft, dadurch einen möglichen Verdacht zu zerstreuen.

»Also habt ihr kein bestimmtes Ziel, auf das ihr zusteuert?« Gwydion ist nicht so leicht zu täuschen. Sollten die Wanderer so harmlos sein, wie sie sich geben? Unbewusst glaubt er nicht daran. In früheren Schlachten und bei anderen Aufgaben hat ihn sein guter Instinkt bisher nicht im Stich gelassen. Und richtig, an ein Ereignis mit der Rothaarigen aus Homarket erinnert er sich jetzt auch. Sie hatte sich mit einem Mädchen gezankt, fällt ihm plötzlich ein, welches über ihre Füße gestolpert war und dadurch das gesammelte Geld verstreut hatte. »Du hast in dem Ort gebettelt, wie passt das dazu, dass du eine Ausbildung abgeschlossen haben willst?«

Runa wird es mulmig zumute. Warum hatte sie nur das Aussehen der jungen Streunerin gewählt? »Weil es leichter ist, bei einer Umwandlung eine bekannte Gestalt vor Augen zu haben, als sich eine erdachte vorzustellen. Da kann es schnell passieren, wichtige Einzelheiten zu vergessen. Aber weshalb ausgerechnet Katie?«

Sie legt unbewusst ihre Stirn in Falten, was dem skeptischen Gwydion nicht entgeht. Er betrachtet ihre Mimik aufmerksam, um eine Lüge erkennen zu können.

»Kaytlin war zu alt und Pulmoria einfach zu korpulent«, liefert sich Runa sofort die Begründung, »und das Mädchen hat grüne Augen, die stark leuchten, wenn sie aufgeregt oder wütend ist. Das hat mich schon als Fünfjährige fasziniert.«

»Was? Diese blöde Streunerin hat dich beeindruckt?«, Dragon kann es nicht fassen.

»Nur ihre Augen, vielleicht aber doch noch mehr?« Die Furchen auf ihrer Stirn scheinen sich zu vertiefen, dann antwortet sie Gwydion.

»Das war, weil mein, – ich wollte sagen, unser Vater Hilfe benötigte.«

»Stimmt«, fällt Dragon ein. »Er war aus dem Kirschbaum gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen. In seinem Beruf als Schmiedegehilfe konnte er mit den geschienten Knochen mehrere Wochen nicht arbeiten.«

»Und deshalb erbettelte ich Geld für ihn.« Runa führt, erleichtert über den Einfall des Jungen, die Geschichte fort. Ihre Stirn glättet sich, und ihre Anspannung weicht einem Gefühl der Erleichterung.

»Wie passt das dazu, dass ihr jetzt hier herumwandert? Benötigt er eure Hilfe nicht weiter?«

Der Wachtmeister will offenbar nicht so schnell aufgeben. Er misst dem kleinen Versprecher durchaus Bedeutung zu. Etwas an der Erzählung erscheint ihm faul. Das könnte mehr sein, als die angebliche geschwisterliche Beziehung zwischen den beiden.

»Lass sie doch«, fordert jetzt der Magier. »Egal ob ihre Geschichte stimmt, oder nicht. Die Gesuchten sind sie nicht! Wenn wir uns nicht Creulons Unmut zuziehen wollen, sollten wir weiterreiten.« Der Mann wendet bereits sein Pferd und setzt es mit einem Schnalzen der Zunge in Trab.

»Was fällt dir ein?«, poltert Gwydion. »Ich gebe hier die Befehle. Wie willst du wissen, ob das nicht diejenigen sind, hinter denen wir her sind. Deren Erzählung klingt mehr als dünn und auch das Gesicht des jungen Mannes, der vermutlich nicht Katies Bruder ist, kommt mir bekannt vor. – Hey, bleib hier! – Aus der Miene des Jungen spricht reine Aufsässigkeit, und die kann ich nicht durchgehen lassen. Einem Wachtmeister des königlichen Heeres, der gleichzeitig der Vertraute des Heerführers ist, gebührt mehr Respekt.«

»Das ist mir egal«, entgegnet der Magier, der nicht daran denkt, anzuhalten. »Ich habe den Test gemacht, ob sie magische Fähigkeiten besitzen. Es ist daher unmöglich, dass wir nicht ihre wahre Gestalt zu sehen …«

Mehr bekommen Runa und Dragon von der Diskussion nicht mit, da mittlerweile nicht nur das Pferd des Wachtmeisters, sondern auch die Tiere der Soldaten in Trab fallen und davonstieben, dem Magier hinterher. Das sich entfernende Hufgetrappel übertönt die Worte.

»Puh, das war knapp!«, stellt Dragon erleichtert fest. Er wischt mit einer Handbewegung etwas Schweiß von seiner Stirn.

»Aber nur, weil du völlig untypisch für einen Beschützer, einen Gegner unnötig herausforderst. Dabei wäre es sinnvoll, eine mögliche Auseinandersetzung zu vermeiden.«

»Ich hatte plötzlich wieder vor Augen, wie mich dieser dunkle Zauberer mit Feuerkugeln angriff. Er war dadurch beinahe für unseren Absturz verantwortlich. Das Drachenblut reagiert manchmal unerwartet heiß, Schwesterchen!«

Sein verschmitztes Grinsen und der gesenkte Kopf tragen dazu bei, dass seine Augen wie die eines Hundes in die des Herrchens blicken. Um zusätzlich von seinem Fehlverhalten abzulenken, schiebt er eine Frage hinterher. »Aber was meinte der Magier, als er von einem durchgeführten Test der magischen Fähigkeiten sprach?«

»Ich kann es lediglich vermuten und gehe davon aus, dass er eine Überprüfung unserer Kräfte mit »Aperio« gemacht hat. – Wenn er nicht weiß, dass der von den Hexenmeistern gewobene Mix aus Zaubersprüchen unwirksam gemacht werden kann, wird er deine und meine Gestalt nicht infrage stellen. Ich bin deshalb überzeugt, dass sie trotz der vielen Fragen die erzählte Geschichte vielleicht im Detail, aber ansonsten nicht bezweifeln. Unabhängig davon könnten wir Zauberkräfte haben und womöglich zu Verbündeten der Gesuchten werden. In dem Fall hätte er uns als gefährlich eingestuft und zu überwältigen versucht. Er führte den Test heimlich aus, um uns gegebenenfalls durch einen Überraschungsangriff außer Gefecht setzen zu können. Dass die Täuschung gelungen ist, dafür hat Danryas Rat gesorgt. Unsere magischen Fähigkeiten sind ihm verborgen geblieben.«

»Und das ist gut so«, bestätigt Dragon mit einem Grinsen. Er ist zufrieden, dass sie trotz seines manchmal überschäumenden Temperaments glimpflich davongekommen sind. Außerdem hat er Runa davon abgebracht, ihm weitere Vorhaltungen zu machen. Das allein ist schon viel wert.

»Du solltest die Verbindung zu mir unterbrechen, damit deine Gedanken nicht ungewollt von mir mitgehört werden.«

Das helle Lachen des Mädchens zeigt, dass es seinem Beschützer nicht zürnt. Dragon atmet erleichtert auf.

»Ich versuche, mein Drachenblut besser im Zaum zu halten. Versprochen. – Inhibeo.«

Gefahr!

Die zwei Gefährten haben es vorerst aufgegeben, auf eine Gelegenheit zum Gestaltwandeln zu warten. Sie finden einfach keine Möglichkeit, das unbemerkt durchführen zu können. Sie wollen notgedrungen den heutigen Tag nutzen, einen Eindruck vom Verhalten der Bevölkerung zu bekommen, die auf dem Gebiet der Triqueta in Merion lebt. Spätestens in der Nacht, so hoffen sie, werden sie erneut die Gestalt von Kolkraben annehmen.

Runa und Dragon kennen den direkten Einflussbereich Drakonias lediglich aus Erzählungen, die sie im Wirtshaus »Fuchs und Gans« oder auf dem Markt in Homarket aufgeschnappt haben. Obwohl ihr bisheriger Aufenthaltsort auch in Merion liegt, wird über die weit im Osten liegende Festung Grimgard und die sie umgebenden Gebiete wenig Gutes erzählt.

Fast alle männlichen Jugendlichen werden dort seit Jahren zum Kriegshandwerk herangezogen. In den Gesprächen ist die Rede von mörderischen Ausbildungslagern, in denen die neuen Soldaten für Drakonias Heer durch eine harte Schule gehen. Es wird berichtet, dass zu Übungszwecken scharfe Waffen genutzt werden. Obwohl das vermutlich nicht stimmen wird, denn das vermag sich Runa nicht vorzustellen, wird es so in Homarket behauptet. Der Nachwuchs an ausgebildeten Kämpfern wird gerade in einem militaristisch orientierten Königreich wie Merion nicht leichtfertig durch derartiges Gebaren aufs Spiel gesetzt werden. Auch wenn die Auseinandersetzungen mit dem einverleibten Elduria viele Jahre zurückliegen, wurde die Mannschaftsstärke des Heeres seitdem nicht reduziert. Männliche Einwohner der vereinten Länder, die in Elduria leben oder deren Wurzeln dort liegen, werden allerdings von der Ausbildung im Kriegshandwerk ausgeschlossen. Diese Verordnung hatte die Herrscherin sofort nach der Einverleibung des eroberten Königreiches erlassen. Sie wollte damit möglichen zukünftigen Aufständen vorbeugen.

In den letzten Jahren sieht es danach aus, als ob Drakonia ein neues Ziel ins Auge gefasst hätte. Für eine denkbar erscheinende Auseinandersetzung mit den Nordlanden, so wird gemunkelt, werden mehr Kämpfer als bisher benötigt.

Gerade dorthin haben sich viele Elfen aus anderen Gebieten zurückgezogen. Auch wenn sie friedliebend sind, werden sie ihren letzten Einflussbereich mit allen Kräften verteidigen. Deshalb wurde in Merion vor fünf Jahren der Befehl erlassen, dass die Ausbildung zum Soldaten oberste Bürgerpflicht sei. Bisher wird die Erfüllung dieser Anordnung in den meisten Landesteilen eher lasch gehandhabt, aber nicht so in der Triqueta. Das liegt vermutlich daran, dass Grimgard die Mitte dieser Region bildet, aber gleichermaßen auch an der Ergebenheit der drei Hexenmeister gegenüber Drakonia.

Die Fähigkeiten für die Ausübung vieler Berufe werden üblicherweise innerhalb der Familien weitergegeben. So bleibt es nicht aus, dass Söhne von ihren Vätern bereits von frühester Kindheit an ausgebildet werden. Gleiches gilt für Töchter und ihre Mütter, in deren Belange die Königin bisher durch keine Verordnung eingegriffen hat.

Wenn einer der sogenannten Männerberufe auszusterben droht, der für den Fortbestand des Königreiches wichtig ist, wird einem der Söhne aus der jeweiligen Familie erlaubt, sich darin ausbilden zu lassen.

In der Verordnung wurde eine weitere Ausnahme genannt. Bei den Berufen, die für die Versorgung mit Nahrungsmitteln benötigt werden, das schließt deren Erzeugung, Verarbeitung, Transport und Verkauf mit ein, wird ausdrücklich festgelegt, den jeweils Erstgeborenen im väterlichen Betrieb zu behalten.

In beiden Ausnahmefällen wird der entsprechende Jugendliche vom Dienst an der Waffe befreit. Gibt es in einer dieser Familien mehr als ein Sohn, der eingezogen werden kann, darf anstelle des ersten einer der Nachgeborenen ausgewählt werden. Da die Musterung und Einziehung der geeigneten Jungen alle drei Jahre erfolgt, ist eine Auswahl zwischen dreien der Kinder einer Familie möglich. Das jedoch nur, wenn die Mutter alljährlich einen Sohn bekommen hat. Sollten Zwillinge geboren worden sein, stehen in seltenen Fällen sogar vier zur Wahl, die den väterlichen Betrieb übernehmen könnten. Alle anderen Jungen müssen direkt nach der Musterung zur Soldatenausbildung das bisherige Heim verlassen.

Die getroffene Auswahl wird penibel im Gemeinderegister festgehalten, damit Betrügereien ausgeschlossen werden können. Trotzdem wird gemunkelt, dass einige Söhne gegen Zahlung größerer Geldsummen vom Dienst mit der Waffe befreit worden sein sollen.

In den Fällen, wo bereits der Vater Soldat ist, bleibt jedem Jungen, egal welchen Alters, keine andere Berufswahl offen. Das war schon vor der Neuerung der Kriegsverordnung üblich. Durch die Summe dieser Maßnahmen steigt die Mannschaftsstärke von Drakonias Kriegsheer beständig.

Für Brendan ap Owain stand somit mit seiner Geburt fest, welche berufliche Laufbahn er einschlagen würde. Dass er sie nicht mit dem von vielen anderen Jungen gezeigten Widerwillen ausfüllt, liegt vermutlich am Vorbild des Vaters. Seine Mutter starb, bevor der Knabe fünf Jahre alt geworden war. Seitdem lebt er quasi als Anhängsel des Heerführers und wurde somit auch zu jedem seiner Einsätze mitgenommen. Größere Kämpfe hat er zwar nicht miterlebt, doch bei der Niederschlagung einzelner Aufstände war er dabei. Er durfte sogar sofort nach seiner abgeschlossenen Ausbildung kleinere Einheiten befehligen, wobei er äußerst umsichtig und erfolgreich agierte. Das erfüllte seinen Vater mit unbändigem Stolz. Auch die Königin förderte Brendans Aufstieg mit Wohlwollen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wie herablassend sich der junge Mann anderen Soldaten oder gar dem in seinen Augen gewöhnlichen Volk gegenüber verhält. Er darf seit dem Ende der Ausbildung nur mit Syr und möglichst seinem vollen Namen, also Syr Brendan ap Owain, angesprochen werden. Das entspricht einem Adelstitel, obwohl er weder eigene Güter noch einen Herrschaftsbereich besitzt. Er ist inzwischen siebzehn und gilt somit seit mindestens vier Jahren als erwachsen.

Einiges davon hat Runa bereits in Homarket aufgeschnappt, anderes erst im Laufe des Tages. Sie und Dragon wundern sich darüber, dass die Bevölkerung überwiegend aus uniformierten Menschen zu bestehen scheint. Die Hintergründe dafür erfahren sie in vorsichtigen Gesprächen mit älteren Bewohnern, die ihnen mit offensichtlichem Staunen begegnen. Dabei knüpfen sie geschickt an deren Fragen an.

»Wie kommt es, dass ihr frei herumwandern könnt?«

»Du bist doch ein stattlicher Junge, warum tust du dann keinen Dienst bei den Soldaten?«

»Wohin führt eure Wanderschaft?«

»Willst du dich melden, um an den Waffen ausgebildet zu werden? Sei froh, wenn du nicht eingezogen wirst.«

»Geht es zur Marine, junger Mann?«

»Mädchen werden weder beim Heer, noch in der Seefahrt benötigt.«

In den sich daraus entwickelten Gesprächen, stellt sich Runa besonders geschickt an. Dadurch erhalten sie Informationen, die die Erklärung für den mit Soldaten übervollen Landesteil ergeben.

Dragon fühlt sich geschmeichelt, dass er wegen seiner Statur als offenbar kriegstauglich eingestuft wird. Sein Selbstwertgefühl führt dann dazu, dass er mit herausgedrückter Brust und weiten Schritten voranstürmt. Runa gönnt ihm jede einzelne geäußerte Bewunderung, die für ihn die Bestätigung seiner selbstgewählten Aufgabe als Beschützer darstellt. Auch wenn in manchen Situationen sein Drachenblut überschäumt und ihn unüberlegt handeln lässt, verlässt sie sich mittlerweile darauf, dass er ihr notfalls durch seine Stärke beistehen wird.

Runa betrachtet kopfschüttelnd die beständig dichter zueinanderstehenden Häuser. Zuerst folgten alle paar hundert Meter verschiedene bäuerliche Anwesen aufeinander. Sie werden inzwischen von Besitztümern abgelöst, die einander in einem wesentlich engeren Abstand folgen. Obwohl die Gebäude vermutlich nur direkt an der strikt geradeaus führenden Straße Richtung Grimgard liegen, wirken sie insgesamt wie eine gewaltige Stadt. Mit jeder weiteren Stunde rücken die Häuser noch enger zusammen. Im gleichen Maße, wie diese dichter zusammenrücken, sind beständig mehr Menschen unterwegs. Wie sollen die Freunde da eine Gelegenheit finden, sich erneut in Kolkraben zu verwandeln?

Sie legen gegen Mittag eine kurze Rast ein, sobald sie einen der in regelmäßigen Abständen vorhandenen öffentlichen Brunnen erreichen. Im warmen Sonnenschein schöpfen sie mit den Händen Wasser. Der Junge benetzt außerdem seine Haare, um sich zusätzlich Abkühlung zu verschaffen. Den Durst können sie zwar stillen, aber ihre Mägen knurren wie hungrige Wölfe.

»Wir sollten Ausschau nach einem Gasthof halten«, schlägt Dragon vor.

»Meinst du das ernsthaft? Denke nur an unser Erlebnis in Ostford!«

»Nicht jedes Wirtshaus wird von einem Ganoven wie dem Wirt von »Hai und Makrele« geführt. Du bist doch außerdem in Begleitung eines stattlichen Beschützers. Das bestätigten heute so viele Leute, dass daran schon etwas Wahres sein wird.«

»Sie sagten nichts von einem möglichen Schutz, sondern lediglich, dass du als Soldat eine gute Figur machen würdest. Das ist nicht das Gleiche!«

»Nicht ganz, das stimmt schon. Es widerspricht dem aber auch nicht!«

Das Mädchen und der Junge grinsen sich an, dann fährt der Beschützer fort.

»So dicht wie hier ein Haus auf das nächste folgt, werden wir kaum eine Obstwiese finden, auf der wir Äpfel pflücken können. Und selbst wenn wir eine entdecken sollten, müssten wir damit rechnen, als Diebe bezeichnet und verfolgt zu werden.«

»So scheint es!«, bestätigt Runa. »Wir hätten schnell einige der Soldaten auf unseren Fersen. Andererseits müssen wir dringend etwas zu essen bekommen. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit, wenn wir einer der Seitenstraßen folgen. Schau nur, da vorne führt eine nach links.«

Sie deutet auf einen schmalen Pfad, der sich zwischen zwei Anwesen in östlicher Richtung hindurchschlängelt. In einiger Entfernung sehen sie einen sanft ansteigenden Berghang, auf dessen grüner Wiese eine Schafherde weidet. Noch bevor sie auf den Schotterweg abbiegen und dem Verlauf folgen können, bemerken sie eine Gruppe Soldaten, die auf sie zugeritten kommt. Interessiert, worum es geht, zumal ein plötzliches Ausweichen auf den Weg womöglich Verdacht erregt hätte, gehen sie dem Trupp entgegen.

»Dragon?«

Das Mädchen nimmt vorsichtshalber erneut gedanklichen Kontakt zu dem Jungen auf.

»Ja? Was ist?«

»Hoffentlich suchen die nicht nach uns. Dem Wachtmeister könnte die Begegnung mit uns im Nachhinein mehr als verdächtig vorgekommen sein.«

»Das glaube ich nicht. In dem Fall wäre er längst umgekehrt. Nein. Der Magier hätte sicher den … wie sagte Danrya noch? Genau, er würde den magischen Sprung genutzt haben. Es muss um etwas anderes gehen. Für uns besteht vermutlich keine Gefahr.«

Trotz dieser Einschätzung nähern sie sich dem berittenen Trupp nur vorsichtig. Dieser hält auf einem Platz, wo die Häuser etwas zurückweichen. Hier sind die Gebäude tiefer gestaffelt und umschließen eine Art Marktplatz. Die Männer steigen ab, treten zu den Haustüren und klopfen heftig dagegen. Mit lauten Stimmen rufen sie die Bewohner der umliegenden Häuser zusammen. Immer mehr Menschen strömen herbei und beginnen den Platz zu füllen. Runa und Dragon bleiben vorsichtshalber in einiger Entfernung vor der Versammlung stehen. Ein grimmig aussehender alter Soldat liest eine Verordnung vor.

»Unsere kluge Herrscherin lässt hiermit Folgendes kundtun:

Um die Sicherheit des Herrschaftsbereiches aufrecht erhalten zu können, ist eine zusätzliche Einberufung waffentauglicher Jungen notwendig.

Die Bedrohungen von außen steigen ständig. Wir werden insbesondere durch grausame Kämpfer aus den Nordlanden bedroht. Erste Angriffe auf die aufmerksamen und tapferen Verteidiger unseres Königreiches konnten erfolgreich an der Grenze zurückgeschlagen werden. Nach Informationen des Geheimdienstes, zu deren Beschaffung ich besonders meinem obersten Magier Creulon zu großem Dank verpflichtet bin, verbünden sich derzeit Menschen mit Elfen des Nordens. Sie schicken grausame Fabelwesen gegen unsere Soldaten. Darunter sollen sich Greife und feuerspeiende Lindwürmer befinden. Meine Kämpfer werden zuverlässig durch Schutzzauber gesichert, um auch diesen Kreaturen der Hölle widerstehen zu können. Niemand muss somit um seine Kinder fürchten, die wir gezwungen sind, heute und in den nächsten Wochen als zusätzliche Reserve einzuziehen.

Gezeichnet Drakonia, Königin von Merion und Elduria.«

Der Mann streicht über die geschwungenen Enden seines gewaltigen Schnurrbarts und blickt in die Runde. Vereinzelt strömen noch verspätete Menschen herbei. Er räuspert sich und erhebt erneut seine Stimme.

»Ihr habt es gehört, Leute. Die bisher geltenden Ausnahmen werden mit sofortiger Wirkung außer Kraft gesetzt. Geht heim und bringt eure Söhne herbei. Sie bekommen die Ehre, die Feinde unserer Herrscherin zu vertreiben!«

Der alte Kämpfer sitzt als Einziger im Sattel seines Pferdes, vermutlich, um seine Stimme weithin erklingen zu lassen. Er beugt sich zu einem seiner Begleiter hinab und flüstert ihm etwas zu. Seine Augen sind dabei auf Dragon gerichtet. Dem Jungen wird unbehaglich, als der Soldat dieser Blickrichtung folgt. Der drängt sich durch die Menge und fordert mit Handzeichen zwei weitere Kämpfer auf, ihm zu folgen. Die drei umrunden die Umstehenden. Das sind fast ausschließlich ältere Frauen und auch wenige Greise, die ihnen sofort aus dem Weg gehen. Die Bewaffneten nicken sich zu und stürmen auf Dragon und Runa zu.

»Was hat das zu bedeuten?« Das Mädchen weicht etwas zurück und dreht sich um.

»Können wir gegen ein uns unbekanntes Gesetz verstoßen haben?« Der Junge mag es nicht glauben. »Wir haben doch lediglich einer Bekanntmachung gelauscht. Sollte das in diesem Landesteil verboten sein?« Jetzt wendet auch er der Versammlung den Rücken und eilt Runa hinterher. Noch machen sie nur raumgreifende, große Schritte. Rennen wollen sie vermeiden, da das verdächtig wirken würde.

»HALT!«, erklingt eine befehlende Stimme hinter ihnen. »Hier wird nicht weggelaufen. Das Heer der Königin braucht dich!«

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290 p. 1 illustration
ISBN:
9783753185767
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