Read the book: «Wenn sich der Himmel wieder öffnet»
Titel
Nicolas Koch &
Susanne Hübscher (Hrsg.)
WENN SICH DER HIMMEL
WIEDER ÖFFNET
Menschen mit Schicksalsschlägen erzählen


Copyright
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865064509
© 2012 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Die angeführten Bibelstellen folgen, soweit nicht anders gekennzeichnet, der Lutherübersetzung (1984)
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: shutterstock
Satz: BrendowPrintMedien, Moers
1. digitale Auflage 2013
Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH
www.brendow-verlag.de
Zitat
Nicht den Tod sollte man fürchten,
sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.
Marc Aurel
Auch wenn ich Leib und Leben verliere,
du, Gott, hältst mich;
du bleibst mir für immer!
Aus Psalm 73
Inhalt
Cover
Titel
Copyright
Zitat
Vom Umgang mit Verlust und Trauer. Eine Einführung
Thomas Klappstein
„Wir konnten dem Täter vergeben“
Sandra Schlitter
Herbstzeitlose
Fabian Vogt
Winterseele – Frühlingsherz
Christina Brudereck
Nicht das Ende der Liebe
Anne und Nikolaus Schneider
Etwas, das nicht ersetzt werden kann
Frank Bonkowski
Kinder, Kinder
Elke Werner
„Ich höre immer noch die Worte der Richterin in meinen Ohren“
Dave S.
„Aber was ist, wenn sie Dave dann doch töten?“
Elisabeth Deutscher
„Warum hast du mir das angetan, Gott?“
Heinrich Silber
Salome
Sabine Herold
Reich an etwas ganz Neuem
Sigrid Röseler
Sicher in der Liebe Jesu, sicher im Leib Christi
Adrian Plass
Gibt es ein Leben vor dem Tod?
Thomas Klappstein
Menschen am Abgrund Ein seelsorgerlicher Beitrag zu Verlust und Trauer
Harald Petersen
Vom Umgang mit Verlust und Trauer.
Eine Einführung
Von Thomas Klappstein
Es gibt Momente im Leben, da steht die Welt für einen Augenblick still, und wenn sie sich weiterdreht, ist nichts mehr, wie es war. So einen Moment haben die Menschen erlebt, die in diesem Buch zu Wort kommen. So einen Moment haben auch viele der Leser dieses Buches schon erlebt. So einen Moment erleben Menschen in besonderer Weise immer dann, wenn sie einen Verlust erleiden. Ob der Verlust eines lieben Menschen, der einen über viele Jahre begleitet hat, der Verlust der Gesundheit, die so vieles im Leben erst möglich gemacht hat, oder die Trennung von einem Ehepartner, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen wollte ... Im ersten Moment steht man dem immer hilflos gegenüber. Es fällt schwer zu verstehen, warum dies so passiert ist.
Oft bohrende und schmerzende „Warum?-Fragen“ kommen einem in den Sinn, auf die es kein einfaches und eindeutiges „Darum!“ gibt. Eigentlich überhaupt keine Antwort.
Auch weil solche Verlusterfahrungen Momente sind, auf die man sich nicht wirklich vorbereiten kann, die eigentlich immer zu früh kommen. Ob nun absehbar oder unvermittelt. Die eine Lücke hinterlassen im Leben. Der Arbeitgeber braucht einen nicht mehr. Die Ehe, die „für immer“ halten sollte, ist nur noch ein Scherbenhaufen. Der Platz eines lieben Menschen bleibt leer, seine Stimme ist verstummt.
Man wird zum ersten Mal oder erneut mit dieser Tatsache und unumstößlichen Lebenswahrheit konfrontiert, die man in guten Zeiten so gerne ausblendet: Alle unsere Wege haben ein Ende.
Jedes Leben ist es wert, gelebt zu werden. Und jeder Verlust hinterlässt eine Lücke darin. Lässt Menschen die Endlichkeit schmerzlich spüren. Im ersten Moment mag man gar nicht so sehr an die Zukunft denken. Immer wieder geht man alte Wege, sucht alte Plätze auf; schwelgt in Erinnerungen an die Zeit davor, an all die Möglichkeiten, die man hatte. Und man spürt einen Stich in seinem Herzen. Nicht selten Einsamkeit. Man geht die alten Wege und hofft, dass der Weg für einen doch eines Tages weitergehen wird.
Doch bei jedem Abschied, egal, ob von einem geliebten Menschen, einer alten Umgebung, dem Ehepartner oder auch der eigenen Gesundheit, wird zugleich deutlich, wie kostbar das Leben ist. Es ist ein Geschenk, das jeder von uns für ein paar Jahre aus der Hand des Schöpfers, aus Gottes Hand, erhält. Und nach der Zeit der Trauer – deren Länge sehr individuell ist – wird man sich auch wieder über dieses Geschenk freuen können.
In der Phase unmittelbar danach hadert man aber nicht selten mit dem Schicksal. Da mag auch Wut sein und Unverständnis über so manche Dinge, manche Entwicklungen. In so einer Phase beten viele, weil Sie Antwort und Frieden suchen. Dieses Gebet kann manchmal eine einzige, bittere Klage sein. Aber trotzdem wird man spüren, dass es guttut. Der Schöpfer des Lebens hält so etwas aus. Es ist wichtig, Trauer zuzulassen. Auch seine Wut und sein Unverständnis mitteilen zu dürfen.
Zu gegebener Zeit wird man neben dem Schmerz ein zweites Gefühl spüren: Dankbarkeit. Dankbarkeit für gute Zeiten und Jahre. Und man wird froh darüber sein, dass einem unvergessliche Zeiten geschenkt worden sind. Die alte Lebenssituation, von der man sich nun verabschiedet, hat einen auf seine Weise geprägt und beschenkt. Etwas davon wird für immer zurückbleiben. Man darf Gott, den Schöpfer des Lebens, darum bitten, dass er einem, nach der wichtigen Zeit der Trauer, diese Gesinnung schenkt und erhält. Auch die Gedanken der Erinnerung. Denn solche Gedanken der Erinnerung bilden eine Brücke über das Leben hinaus. Sie sorgen für eine Art Verbindung und dafür, dass Erlebtes im Herzen bzw. in den Gedanken präsent bleibt.
Aber gerade in Verlustsituationen stellt sich dem Betroffenen auch die Frage nach dem, was am Ende bleibt. Mehr als nur Erinnerung. Das nicht vergänglich ist. Das keine Kündigung, kein Scheidungsanwalt und keine Krankheit einem nehmen kann.
Kafka hat einmal gedichtet:
„Das eigentlich Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit.“
Ein Auftritt, ein Leben, das die große weite Welt äußerlich scheinbar nicht verändert hat. Ein Tod, den in der Relation wenige zur Kenntnis nehmen. Das ist scheinbar oft die Geschichte vieler normaler Menschen. Man kann sich schon fragen, ob Kafka recht gehabt hat: Gibt es überhaupt irgendwas in unserem Dasein, das nicht vergänglich ist, das nicht der Vergessenheit anheimgerät?
Jemand anderes hat mal geschrieben:
„Gott wird das Gesicht eines Menschen auch dann noch sehen, wenn keiner mehr nach ihm fragt.“
Der Satz von Kafka stimmt dann nicht mehr, wenn einem der durch seinen Sohn Jesus Christus menschgewordene Gott ins Gesicht schaut. Denn in Jesus eröffnet er uns eine Perspektive, die über dieses Leben hinausgeht.
Wir tragen für den Schöpfer des Lebens längst ein unverwechselbares Gesicht, das er herausfindet und ansieht unter zahllosen anderen. Er freut sich über jedes Gesicht, das er entdeckt. Er möchte es entdecken. Mit all den Narben und Furchen, die das Leid darin gezeichnet haben. Und wenn sich die Nebelschwaden der Trauer und anderer Dinge lichten, kann man vielleicht auch wieder seins erkennen. Im Hier und Jetzt.
Und auch davon erzählen die Beiträge in diesem Buch. Wie Menschen erfahren haben, dass Gott sie anschaut. Wie sie ihn erlebt und sich neue Perspektiven aufgetan haben. Wie sich der Himmel wieder geöffnet hat.

Thomas Klappstein ist geboren und aufgewachsen im Großraum Hamburg. Gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, studierter Theologe, studierter Diplom-Verwaltungswirt. Ordinierter Pastor im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MVFEG). Derzeit freiberuflich aktiv als Autor, Prediger, Presse- u. Öffentlichkeitsarbeiter, Redner, Trauerredner, Moderator. Lebt mit Frau Claudia und seinen zwei Kindern in Duisburg.
„Wir konnten dem Täter vergeben“
Mirco Schlitter war zehn Jahre alt, als er gegen Abend mit seinem Fahrrad unterwegs ist und nicht zurückkehrt. Fünf Monate später nimmt die Polizei einen 45-jährigen Mann fest, der die Beamten kurz darauf zur Leiche des Jungen führt. Mircos Familie sind gläubige Christen und Mitglieder einer Pfingstgemeinde. In diesem Beitrag berichtet die Mutter, Sandra Schlitter, wie sie das Unglück mit ihrer Familie erlebt und überstanden hat.
Von Sandra Schlitter
Es war ein Freitagabend, der 03.09.2010, an dem unser Mirco auf seinem Heimweg entführt wurde. Ich wollte am nächsten Morgen zur Arbeit gehen, als ich bemerkt habe, dass er nicht in seinem Bett liegt. Auch stand sein Fahrrad (das er niemals alleine lassen würde!!) nicht im Schuppen. Sofort schossen mir unzählige Fragen durch den Kopf: „Ist er bei seinen Kumpels? Was ist passiert?“ Ich habe zuerst seine Freunde angerufen, um mich schlau zu machen, ob er vielleicht über Nacht dageblieben sei. Fehlanzeige. Wir dachten daran, dass ihm vielleicht etwas passiert sein und er in einem umliegenden Krankenhaus liegen könnte. Also habe ich auch dort angerufen, aber wieder ohne Erfolg. Sofort sind auch mein Mann und Mircos Bruder mit dem Fahrrad losgefahren, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf ihn – oder sogar Mirco selbst – zu finden. Als auch das nichts brachte, habe ich mich an die Polizei gewandt, die sofort mit der Suche startete!
„Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Familie im Hintergrund schon begonnen zu beten, dass es Mirco doch gut gehen möge und wir ihn so schnell wie möglich finden würden. Am Tag von Mircos Verschwinden stieß ich in meiner Morgenandacht auf Vers 31 in 2. Samuel 22: „Alles, was dieser Gott tut, ist vollkommen, und was der Herr sagt, ist unzweifelhaft wahr. Wer in Gefahr ist und zu ihm flieht, findet bei ihm immer sicheren Schutz.“ Dieser Vers hat mir Trost geschenkt und mich durch die folgende Zeit begleitet.
Nachdem wir Mirco vermisst gemeldet hatten, begann eine Zeit des Hoffens, Wartens und ständigen Bereitseins. Viele Polizeibeamte gingen bei uns ein und aus und nahmen Sachen von Mirco mit, damit die Spürhunde seine Fährte aufnehmen konnten. Ab Sonntagabend war dann die gesamte Familie zusammen: Vater, Mutter, Geschwister, Omas und Opas, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen haben unsere Sorgen gemeinsam im Gebet zu Gott gebracht. So wie es in Philipper 4,6 heißt: „Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das Gute, das er euch schon erwiesen hat.“ Der Vers hat sich seit meiner Taufe tief in mein Herz gebrannt. Diese Austausch- und Gebetsabende waren für uns als Familie prägende und wichtige Zeiten. Für die Kinder war es zudem gut, ihre Cousins und Cousinen da zu haben, so waren sie nicht so alleine.
Schon am ersten Tag nach Mircos Verschwinden fragte die Polizei an, ob sie sein Fahndungsbild in den WDR-Nachrichten bringen dürfte. Für uns war klar, dass wir das unterstützen, denn wir wollten Mirco ja so schnell wie möglich wiederhaben. Dass schon die Veröffentlichung seines Bildes so weite Kreise zieht und er sich in so viele Herzen brennt, hatten wir aber nicht gedacht. Wir bekamen von Menschen aus aller Welt Post, wo uns mitgeteilt wurde, dass sie in ihren Gemeinden/Kirchen für uns beten. Andere wollten durch Wahrsagerei oder Wünschelrutensuche etwas für uns tun. Mit diesen Dingen konnten wir uns natürlich nicht identifizieren.
„Wir haben mit herabgelassenen Jalousien gelebt, damit uns die Medienvertreter nicht durch die Fenster filmen.“
Es war in diesen ersten Wochen nach Mircos Verschwinden schwierig, einen normalen Alltag zu führen. Wir haben während dieser Zeit mit herabgelassenen Jalousien gelebt, damit uns die Medienvertreter nicht durch die Fenster filmen. Schon wenn man mit dem Hund rausgehen wollte, musste man erst schauen, ob keine Presse vor der Tür steht, die einen abfängt. Durch den Medienrummel war Mirco in aller Munde. Oft wurden dort Dinge verbreitet, die gar nicht wahr waren. Menschen, die uns überhaupt nicht kannten, meinten auf einmal, mit uns befreundet zu sein und der Welt irgendwas über uns erzählen zu müssen. Das war alles nicht so einfach. Aber wir durften es an unseren Vater im Himmel abgeben – und auch an den Opferschutz, der von Anfang an für uns da war. Zudem haben wir für die „SOKO Mirco“ gebetet, dass sie immer wieder Freude und Kraft für ihre Aufgaben haben. Gerne haben wir ihnen Fragen zu unserem Sohn beantwortet, um ihn ihnen näherzubringen. So hatten wir das Gefühl, auch etwas tun zu können.
Wir haben in dieser Zeit immer wieder neue Hoffnung geschöpft, dass Mirco zu uns zurückkehren würde, besonders, wenn neue Spuren auftauchten. Etwa als seine Hose oder sein Fahrrad gefunden wurde. Zudem gab es Hinweise auf den PKW des Täters. Auch aus der Bevölkerung gingen jede Menge Hinweise bei der Polizei ein.
Als dann die Herbst- und Winterzeit kam und wir noch immer keinen Hinweis auf den Verbleib unseres Sohnes hatten, haben wir uns für einen Fernseh-Appell entschieden. Irgendwas musste passieren. Wir hofften, der Täter würde sich vielleicht melden oder der Polizei wenigstens einen Hinweis geben. Der Auftritt im Fernsehen ist uns nicht leichtgefallen, denn alle Erlebnisse um den Verlust unseres Kindes kamen dabei wieder extrem hoch. Es fiel mir auch deswegen schwer, weil ich es nicht gerade gewohnt bin, vor der Fernsehkamera zu stehen. Alles war fremd, die Redakteure (die aber superlieb zu uns waren), das ganze Umfeld und dann der Gedanke, dass in ein paar Minuten die ganze Welt weiß, wer man ist. Aber ich habe es gemacht, weil es um meinen Mirco ging.
Wieder war die Reaktion überraschend stark. Jetzt war man geoutet, und die Welt hat mehr auf einen geschaut als vorher – denn jetzt hatten die Eltern ein Gesicht. Nach dem Appell kamen jede Menge Fernsehanfragen, die wir aber dankend abgelehnt haben, da wir uns nicht mit zu vielen Dingen belasten wollten.
„Es ist endgültig, Mirco kommt nicht mehr zu uns, sondern ist schon in seinem himmlischen Zuhause.“
Unser Gebet war natürlich immer, dass der Täter sich meldet oder wenigstens zeigen möge, wo Mirco ist. Dann kam der Tag der Festnahme, und kurz darauf hat der Täter die SOKO tatsächlich zur Leiche unseres Kindes geführt. Dafür sind wir dankbar, denn so konnten wir unter die Zeit des Wartens endlich einen Schlussstrich ziehen. Eine neue Phase des Verarbeitens konnte jetzt beginnen.
„Es ist endgültig, Mirco kommt nicht mehr zu uns, sondern ist schon in seinem himmlischen Zuhause.“ Dieser Gedanke hat uns ganz viel Trost gegeben – dass wir wissen dürfen, dass er von Anfang an bei unserem himmlischen Vater war und dass wir uns jetzt auf ein Wiedersehen mit ihm freuen können.
Die Beerdigung war ein großer Schritt des Abschiednehmens. So viele Menschen haben an uns gedacht. Uns wurde der Bibelvers aus Psalm 95,4 wichtig: „In Gottes Hand sind die Tiefen der Erde und die Höhen der Berge!“ Auch musste ich immer an Mircos Segnungsvers zur Geburt denken, aus Apostelgeschichte 5,29: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Nach der Beerdigung kehrte langsam der Alltag ohne Mirco ein. Natürlich hat er eine große Lücke hinterlassen. Oft sind es Kleinigkeiten, die uns an ihn erinnern. Nun muss der Rasen selbst gemäht werden, und wenn ich dem Hund Wasser in den Napf fülle, muss ich immer an seinen Kommentar denken: „Mama, denk ans Saubermachen, sonst ist da so ein komischer Film.“ Mirco war einfach unser Praktiker und hat gerne mit angepackt. Auch ist es im ganzen Haus jetzt viel ruhiger, denn wo er stand und ging, hat er immer herumgeklopft, sogar mit dem Besteck am Esstisch. Er hat unsere Familie mit seiner lebhaften Art ganz schön geprägt und Wünsche und Ideen hinterlassen, mit denen wir uns immer wieder auseinandersetzen. Wir erinnern uns noch oft und gerne an ihn. Seine Geschwister vermissen ihn, jeder auf seine Art und Weise. Als wir beispielsweise vor einiger Zeit ein Trecker-Museum besucht haben, war Mirco natürlich Gesprächsthema, weil er Traktoren geliebt hat. So geht es uns bei vielen Dingen, die uns im Alltag begegnen. Wir tragen ihn in unseren Herzen, jeder mit seinen eigenen Erlebnissen und Gedanken.
„Wir konnten dem Täter vergeben.“
Ein halbes Jahr nach der Beerdigung kam es dann zum Prozessauftakt, und eine neue Zeitspanne begann für uns. Wir mussten das letzte Jahr noch einmal durchleben und uns mit vielen schmerzlichen Dingen auseinandersetzen. Dennoch war es mir wichtig, den Prozess „live“ mitzuerleben, da es der Verarbeitung diente. Von dem ersten Tag an hatten wir für die Person gebetet, die unseren Mirco entführt hat, und Gott gebeten, ihm zu begegnen und an die Wahrheit heranzuführen. An jedem Prozesstag, wo wir da waren, haben wir dem Täter dann gegenübergesessen. Bis heute ist es für uns nicht nachvollziehbar, wie ein Mensch zu so einer Tat fähig ist. Dennoch konnten wir unserem Feind vergeben – was ihn aber nicht von Strafe freispricht. Das war eine bewusste Entscheidung und fiel uns auch nicht gerade leicht. Aber es lehrt uns schon das Vaterunser, wo es heißt: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir jedem verzeihen, der uns Unrecht getan hat“ (Matthäus 6,12).
Dabei hat uns auch geholfen, dass wir während der Zeit des Prozesses Gebet und Lobpreis nicht aus den Augen verloren haben. Bis jetzt fühlten wir uns getröstet und getragen von unserem himmlischen Vater. Viele Geschwister, Freunde und Fremde haben für uns gebetet und uns Karten und Päckchen zur Ermutigung und zum Trost geschickt. Ohne Gebet, Gottes Wort und Lobpreis würden wir heute nicht dort stehen, wo wir jetzt sind.
„Ich kann glauben, dass Gott Mirco ganz nah war.“
Die Menschen um uns herum haben in der gesamten Zeit erschrocken reagiert und konnten nicht begreifen, dass so etwas ausgerechnet uns passiert. Aus dem Umfeld kamen Fragen, und die häufigste lautete: Warum hat Gott Mirco nicht schon am Tatabend bewahrt und vor dieser Situation geschützt? Ich dagegen kann glauben, dass Gott Mirco ganz nah war. In Psalm 91,11 lesen wir, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, uns zu beschützen, wohin wir auch gehen. Schon bevor Mirco verschwand, habe ich meine Kinder jeden Tag in Gottes Hand gelegt und um seinen Schutz gebeten – denn ich kann meine Kinder nicht immer vor allem bewahren und schützen.
Unsere Familien und Freunde haben uns ganz viel Hilfe angeboten und viel für uns gebetet. Auch Menschen, die wir nicht kannten oder kennen. Das ist einfach großartig, wie Gott Menschen eins machen kann im Gebet. Viele haben sich getröstet und gestärkt gefühlt, wenn sie uns persönlich gesprochen haben. Meist hat sich ihre zunächst negative Einstellung ins Positive gewandelt. Aber auch ein paar skurrile Begegnungen gab es ...
Zum Beispiel habe ich auf dem Weg zur Schule mal mit einer Mutter gesprochen, die total entsetzt war, „wie diese Eltern (gemeint waren wir) den Jungen (natürlich Mirco) einfach haben alleine fahren lassen können, ach, und dann ist die Mutter ja auch noch einfach schlafen gegangen, das geht ja gar nicht ...“ Als meine Jüngste, die auch mit dabei war, mich nur grinsend anschaute, wurde der Frau ganz anders, und sie fragte: „Was ist? Sind Sie etwa ... ?“ Ich antwortete nur: „Ja, ich bin die Mama von Mirco.“ Sie hat sich dann ein paarmal entschuldigt und plötzlich ganz anders gesprochen.
Dies ist kein Einzelfall. Oft kamen falsche Behauptungen von Menschen, die uns gar nicht kannten. Man wurde durch das, was an die Presse gelangt war (angeblich hatte unser 10-jähriger Junge einen Irokesenschnitt und war auf der Skateranlage verschwunden), in eine Schublade geschoben, die mit der Realität meist nicht viel zu tun hatte. Es kamen die tollsten Sachen zu Tage, bis hin zur Behauptung, Mirco sei nicht unser leibliches Kind. In diesen Situationen mussten wir lernen, uns nicht damit zu belasten, sondern uns an der Wahrheit zu orientieren.
Ein wichtiger Punkt in der öffentlichen Wahrnehmung war der Auftritt bei „Beckmann“, der einzigen Talksendung, zu der wir dann doch gegangen sind. Das Thema „Glaube trägt“ hatte uns zugesagt, und wir wollten vielen Menschen diesen lebendigen Gott näherbringen. Zudem war der Auftritt für uns der einfachste Weg, die vielen Menschen zu erreichen, die die ganze Zeit an uns gedacht hatten.
„Wir wollen und wollten vielen Menschen diesen lebendigen Gott näherbringen.“
Der Abend war natürlich mit Bauchkribbeln verbunden, aber wir durften in der Sendung „wir“ bleiben und haben uns nicht verstellen müssen. Die Reaktionen der Bevölkerung waren unterschiedlich, eigentlich war von allem etwas dabei. Die einen haben sich gefreut, uns im Fernsehen zu sehen und zu merken, dass es uns gut geht. Andere wiederum haben sich gefragt, warum wir uns das jetzt auch noch antun, irgendwann müsse doch mal ein Ende sein. Und nicht zuletzt waren viele angetan von unserer Stärke, was wir aber immer wieder an Jesus weiterleiten, denn er ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12,9).
Es sind einige Dinge, die uns geholfen haben – und immer noch helfen –, die Zeit zu überstehen. Von Anfang an bis heute hilft uns der Glaube an Gottes Wort, Gebet und Lobpreis. Der Austausch in der Familie und das gemeinsame Gebet in der gesamten Zeit waren und sind prägende Zeiten. Unsere Gemeinde und die vielen Geschwister auf der ganzen Welt, die für uns gebetet haben und auch immer noch beten, möchten wir nicht missen.
Außerdem hat uns geholfen, unsere Kinder als Geschenke Gottes zu sehen und nicht als unseren alleinigen Besitz. Gott hat sie uns anvertraut, für eine unbestimmte Zeit. Er hat immer ein Auge auf sie, gerade dann, wenn wir es nicht können. Ich durfte und darf immer wieder lernen, meine Kinder in Seine Hände abzugeben.
Auch dass unser ganz normaler Alltag irgendwann weiterging, hat uns geholfen. Auszeiten, die von unseren Arbeitgebern gewährt wurden, waren sehr gut, und ebenso war hilfreich, dass wir den Zeitpunkt des Wiedereinstiegs bestimmen konnten. Die Kinder brauchten ihren Schulalltag und ihre Freunde. Aktuell dürfen wir alles sacken lassen und sind dankbar, mit unserer Familie an einem Ort des Friedens sein zu dürfen. An diesem Rückzugsort immer wieder aufzuatmen und Ruhe und Abstand gewinnen zu können, ist ein großartiges Geschenk. Auch Urlaube und Treffen in der Familie und mit Freunden helfen uns dabei, Abstand zum Geschehen zu bekommen.
Ich bin Gott dankbar, dass er uns auch vor Depression und Krankheitsschüben verschont hat. Immer nach vorne zu schauen und zu sehen, was ER auch im tiefsten Leid für positive Dinge tut und tun kann, ist uns ein großer Trost. Wir wollen es halten wie in einem alten Chorus, in dem es heißt: „Richte den Blick nur auf Jesus, schau auf in sein Antlitz so schön. Und die Dinge der Welt werden blass und klein, in dem Licht seiner Gnade gesehen.“
Die Verarbeitung hört natürlich nicht einfach irgendwann auf. Wir werden, so denke ich, unser ganzes Leben in einem Heilungsprozess sein, da natürlich immer wieder Situationen und Tage kommen, an denen wir an unseren Mirco denken oder uns fragen, was jetzt aus ihm geworden wäre. Diese Dinge wollen wir gemeinsam offen und ehrlich angehen. Das ständige Fragen nach dem „Warum?“ würde uns nur kaputt machen, deshalb fragen wir lieber: „Wozu, Gott?“
Für das Jahr 2011 habe ich einen Vers für Mirco aus Matthäus 24,13 gezogen: „Wer aber bis zu Ende standhaft bleibt, wird gerettet.“ Und das wünschen wir uns für die nächste Zeit, dass wir standhaft bleiben bis zum Ende. Und auch, dass Gott durch unser Zeugnis noch zu ganz vielen Menschenherzen reden kann und auch sie errettet werden. Wir freuen uns über Menschen, die jetzt schon einen Neuanfang und eine persönliche Beziehung mit Jesus begonnen haben.
Wenn ich Lieder singe oder Bibeltexte lese, wo es um Frieden geht, werde ich immer an meinen Mirco erinnert, da sein Name „Friede/Ruhm“ bedeutet. Dadurch hat folgender Vers für mich einen neuen Sinn: „Meinen Frieden gebe ich euch; einen Frieden, den euch niemand auf der Welt geben kann. Seid deshalb ohne Sorge und Furcht!“ (Johannes 14,27). Diesen Frieden durfte ich bis jetzt erleben und möchte das auch weiterhin erfahren. Ich bin Gott dankbar, dass er mir Sorge und Furcht nimmt.
(Die Bibelverse dieses Beitrags sind zitiert nach der „Guten Nachricht“.)

Sandra Schlitter lebt mit ihrer Familie in Grefrath und ist Mitglied einer Pfingstgemeinde.
Herbstzeitlose
Der Künstler und Theologe Fabian Vogt trifft eine schwere Entscheidung: Nachdem seine Ex-Frau ihm das Kind entzieht, verzichtet er auf einen zermürbenden Rechtsstreit.
Von Fabian Vogt
Du hast die feinen Blütenkelche zuerst entdeckt. Weißt du noch? Unter einer alten Esche mit dunkler Borke, ein Stück abseits vom Weg. Da standen sie mit ihren sechs blass-lilafarbenen Blättern und den leuchtend orangen Stempeln, die so frech emporragten, als hätte jemand ein Feuerwerk im Flug angehalten.
„Komm schnell her!“, hast du gerufen. Und ich bin natürlich sofort zu dir hingelaufen. So, wie ich immer komme, wenn du rufst. Wie könnte ich deinen Wünschen jemals widerstehen?
Du hast am Boden gehockt und ganz sanft mit den Fingerspitzen an die feinen Härchen getippt, die in der spätherbstlichen Sonne glitzerten: „Guck mal, die Blumen! Wie heißen die? Warum blühen die noch?“
Ich wusste weder das eine noch das andere und habe mich dafür ein bisschen geschämt. Aber das passiert mir ja andauernd. Du stellst Fragen, und ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich sie trotz der vielen Jahre auf Schulbänken und in Hörsälen nicht beantworten kann. Vielleicht, weil dir ganz andere Dinge wichtig sind als mir. Ich ertappe mich dabei, dass ich überlege, ob dein Blick auf die Welt nicht schöner und wahrhaftiger ist als der meine.
Weißt du noch, wie lange wir dort zusammen gesessen haben? Zehn Minuten, eine Viertelstunde? Ich habe keine Ahnung. Mit dir verfliegt die Zeit so schnell. Irgendwann haben wir aus den Blumen ein Spiel gemacht: Wer kann die dunklen Linien auf den Blättern nachziehen, ohne abzusetzen? Ich habe dich gewinnen lassen, weil deine Augen dann immer anfangen zu strahlen wie Scheinwerfer in einem Seerosenteich. Als würdest du gerade in diesem Augenblick das Geschenk des Lebens auspacken. Davon bekomme ich nie genug. Außerdem war mein Verhalten sicher pädagogisch wertvoll. Oder nicht? Ich bin mir unsicher. Und die Fachleute ändern da ja ständig ihre Meinung.
„Dein Lachen, das wie ein gurrender, sprudelnder Wasserfall der Gefühle über mich hinwegbraust, ein unbeschwertes Fest der Laute. Jetzt, in diesem Moment, kann ich es hören.“
Am Schluss hast du mich schelmisch von der Seite angesehen und eine der Blüten abgebrochen. Ich musste dir helfen, sie in das Knopfloch deines weinrotkarierten Hemdes zu stecken, und du hast sie mit stolz geschwellter Brust vor dir hergetragen. Der erfolgreichste General hätte seine Orden nicht eindrucksvoller präsentieren können.
Danach sind wir zur Schaukel auf dem Spielplatz gelaufen, der in dieser launischen Jahreszeit schon ziemlich müde aussah und anfing, sich mit Blättern zuzudecken. Du warst wie immer zehn Schritte vorneweg, und ich habe dir bestimmt fünf Mal hinterhergerufen: „Lass auf keinen Fall los!“
Du hast nur gelacht. Mit diesem Lachen, das wie ein gurrender, sprudelnder Wasserfall der Gefühle über mich hinwegbraust, ein unbeschwertes Fest der Laute. Jetzt, in diesem Moment, kann ich es hören: dieses Lachen, dem keiner etwas entgegensetzen kann, weil es die Vernunft und die Argumente einfach davonjagt. Und noch bevor ich bei dir an dem rostbraunen Gerüst angekommen war, bist du schon mit beiden Beinen in den Himmel geklettert.
Ich werde mich an diesem Anblick wohl niemals sattsehen: die fliegenden Haare, die Unterschenkel, die wie eine fleißige Maschine auf- und niedergehen, und das konzentrierte Gesicht mit dem vor Freude weit geöffneten Mund. An diesem Tag habe ich auch die Blüte an deinem Hemd bewundert, die das Abenteuer des Schaukelns mit einer stoischen Ruhe über sich ergehen ließ, auch wenn es mehrmals so aussah, als würde sie beim nächsten Abschwung ganz gewiss davonsegeln.
Ich habe unten gestanden und dich geneckt. Bin mal links und mal rechts von dir aufgetaucht, habe deine Füße kurz festgehalten oder dich gekitzelt. Und dann haben wir beide angefangen zu kichern, du hoch und spitz, ich tief und verwegen. Es hat uns einfach überrollt. Ein herrliches Versinken in der Fröhlichkeit, Eintauchen in ein Miteinander, das uns der Wirklichkeit entzog, als gäbe es in dieser Welt nur dich und mich.
Plötzlich hast du mit einer Hand losgelassen. Ich weiß bis heute nicht, warum, aber die Schaukel geriet ins Schlingern, du bekamst Angst, dein rechtes Bein blieb am Boden hängen, und du bist vornübergestürzt, mit voller Wucht auf den Ellenbogen.
„Und doch wusste ich sofort, dass ich mir wieder bittere Vorwürfe würde anhören müssen: Mangelnde Aufsichtspflicht, fehlendes Verantwortungsbewusstsein, überhaupt kein Interesse an dem Kind.“
Einen Moment war alles still. Als wäre die Zeit einfach verschwunden. Mehr verwundert als leidend hast du mich vom Boden aus mit großen Pupillen angestarrt. Und erst dann, nach einer halben Ewigkeit, sind die Staudämme in deinen Augen gebrochen und haben dein Gesicht, das plötzlich in tausend Stücke zerbrach, überschwemmt.
Weinend, als müsstest du das Leid der ganzen Welt tragen, hast du in meinem Arm gelegen. Ich war – wie so oft – hilflos, habe dich gestreichelt, dir tröstende Worte ins Ohr geflüstert und geguckt, ob du ernsthaft verletzt bist. Aber außer einer Schramme am Arm war nichts passiert.
Und doch wusste ich sofort, dass ich mir wieder bittere Vorwürfe würde anhören müssen: „Mangelnde Aufsichtspflicht, fehlendes Verantwortungsbewusstsein, überhaupt kein Interesse an dem Kind“ und und und.
Ich hätte am liebsten mitgeheult. Für dich war die kleine Wunde nach einem großen, heißen Kakao aus der Thermoskanne und einer guten Vorlesegeschichte bald nur noch ein aufregendes Abenteuer, aber ich wurde meine Traurigkeit nicht los.
Am Tag darauf hat deine Mutter bei mir angerufen. Ich habe die Nummer auf dem Display gesehen und mich direkt in mir verbarrikadiert. Ich fürchte mich vor ihr. Immer noch. Warum, weiß ich gar nicht. Vielleicht, weil sie inzwischen aller Welt so eindrucksvoll erzählt, dass ich der Teufel in Person sei, dass ich langsam anfange, es selbst zu glauben. Und das kann einen Menschen zerfressen.
Tatsächlich war ihre Stimme kalt und schneidend. Und was sie sagte, klang wie ein Befehl, dem man nicht widersprechen darf. Sie wollte gar nicht diskutieren, sie wollte auch nicht ins Gespräch kommen, sie wollte einfach mitteilen. Das hat sie dann auch getan. Ohne zu zögern.
„Dieses Telefonat gehörte zu den schrecklichsten Erfahrungen, die ich je machen musste.“
Obwohl ich nicht geglaubt hätte, dass sie mir überhaupt noch mehr wehtun kann, ist es ihr gelungen. Möglicherweise täusche ich mich, aber ich hatte den Eindruck, als läge da ein genussvoller, nur mühsam unterdrückter Triumph in ihrer Stimme, als sie ihre Botschaft Wort für Wort durch den Hörer tropfen ließ? Nun: Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet. Darauf kommt es aber gar nicht an. Ihre Mitteilung war auch so verderblich. Leise sagte sie: „Er will dich nicht mehr sehen!“
Es hat lange gedauert, bis diese Worte bei mir angekommen sind. Deine Mutter sagte mir trocken, dass du mich nicht mehr sehen willst. Und um mir ganz klarzumachen, was das bedeutet, fügte sie noch befriedigt hinzu: „Wir haben doch beschlossen, niemals etwas gegen den Willen des Kleinen zu machen.“
Ach ja! Da warst du gerade vier Jahre alt geworden. Aber das konnte sie schon immer gut: ein Gespräch mit emotionalen Argumenten aushebeln. Ein Bekannter sagte mir kürzlich, dass deine Mutter sich mir in vielen Bereichen unterlegen fühlte. Ich bin da unsicher. Zumindest hat sie sich ein eigenes Waffenarsenal angeschafft, mit dem sie vortrefflich umzugehen weiß. Sie versteht es, so mit ihrem Gegenüber zu reden, dass der andere sich auf jeden Fall schuldig fühlt, ganz gleich, für welchen Lösungsweg er sich entscheidet. Nein. Vergiss das. Wenn ich eines nicht will, dann, dass wir vor dir aufeinander herumhacken. Trotzdem gehört dieses Telefonat zu den schrecklichsten Erfahrungen, die ich je machen musste.
Sie hat sogar noch einmal mit weichem, leicht vorwurfsvollem Ton hervorgehoben, dass die vorläufige Besuchspause wirklich nur dein Wohlergehen im Sinn habe: „Wenn der Kleine dich im Augenblick nicht treffen will, dann machen wir eben eine Unterbrechung der Besuche. Du willst doch auch, dass es ihm gut geht.“
Natürlich möchte ich, dass es dir gut geht. Natürlich möchte ich nichts tun, was du nicht möchtest, aber darf sie mir daraus so einfach einen Strick drehen? „Gib ihn mir doch bitte mal!“, habe ich interveniert: „Er ist alt genug, mir das selbst zu sagen. Ich wüsste auch gar nicht, welchen Grund er dafür haben sollte. Als ich ihn dir gestern gebracht habe, war er auf der Fahrt unglaublich gut gelaunt und hat von all den herrlichen Ausflügen erzählt, die er mit mir demnächst unternehmen will. Ja, er möchte sogar mit mir in den Urlaub fahren, zu diesem eindrucksvollen Tierpark, in dem ich ihm letztes Jahr die Wildschweine und die Okapis gezeigt habe.“
„Er will dich nicht sprechen.“
„Wie bitte?“
Dann hat sie aufgelegt. Sie muss mir andauernd zeigen, dass sie nun bestimmt, wie lange unsere Gespräche dauern. Kleiner Mann! Bitte, sag mir, dass das nicht wahr ist! Ich kann es nicht glauben. Verstehst du? Das kann doch nicht sein, dass du mich wirklich nicht mehr sehen willst. Oder will ich es nur nicht glauben? Was hat dir deine Mutter eingeredet, dass du so etwas überhaupt denken konntest? Wenn du es denn jemals gedacht hast.
„Warum, warum – verdammt noch mal – solltest du mich nicht mehr sehen wollen?“
Jetzt, da ich das hier aufschreibe, spüre ich noch deine kleine, verschwitzte Wange an meinem Hals. Du warst nach unserem Spaziergang ein richtig müder Krieger, ein furchtloser Kämpfer, der nacheinander alle Spielgeräte besiegt und sich an der Schaukel sogar eine – inzwischen längst mit Faszination betrachtete und mit einem bunten Pflaster verdeckte – Wunde eingefangen hatte.
„Wir müssen fahren. Die Mama wartet schon!“, habe ich gesagt, als du mit einem riesigen Glas Orangensaft vor mir auf dem langen blauen Sofa ausgestreckt lagst – und auf einmal hast du dich an mich geklammert, als wolltest du mich nie mehr loslassen. Und ich hatte genauso das Bedürfnis, alles Trennende ein für allemal wegzuwischen. Ich erinnere mich, wie sehr mir auffiel, dass du immer noch diesen ganz eigenen Geruch hast, den ich schon interessant fand, als du noch ein Baby warst. Eine Mischung aus Karamell, Sand und Lavendel.
Du hast dich lange an mich gekuschelt, meinen Rücken gestreichelt und mir dann von den Dinosauriern erzählt, die du im Kindergarten gerade kennengelernt hast: Tyrannosaurus Rex, Brontosaurus, Diplodocus, Iguanodon und Triceratops. Ich kannte nur die ersten beiden Gattungen; und selbst die verwechsle ich manchmal. Warum, warum – verdammt noch mal – solltest du mich nicht mehr sehen wollen?
Weißt du, was mich am meisten beschäftigt? Die Frage, wie ich nun auf diese zerbrochenen Jahre schauen soll, voller Groll oder mit Dankbarkeit. Deine Mutter hat sich schon entschieden. Zu schnell, wie ich finde. Für sie war unsere gemeinsame Zeit eine einzige Höllenfahrt. Als die viel zu spät aufgesuchte Paartherapeutin sie fragte, wofür sie denn im Rückblick auf unsere Ehe dankbar sei, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen: „Für nichts!“ Wenn du älter wirst, dann verstehst du vielleicht, wie weh so etwas tut.
Ich möchte mich nicht so kalt und schäbig von dieser Zeit verabschieden. Ich habe sie auch nicht so düster und falsch erlebt. An vielen Stellen habe ich wohl den Luftschlössern mehr Aufmerksamkeit geschenkt als unserer Etagenwohnung, aber meine Freude über das bunte Miteinander, die Reisen, die Erfahrungen und die Sehnsüchte, war genauso ehrlich wie meine Hoffnung.
„Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder an einem Spielplatz vorübergehen werde, ohne dass mir die Tränen kommen.“
Soll ich einfach sagen, dass sie mir, dass wir einander zehn Jahre unseres Lebens geraubt haben, und es dabei belassen? Ich kann das nicht. Und vielleicht ist genau das mein Problem. Dass ich mir jedes Mal inniglich wünsche, dass eine Geschichte gut ausgeht. Das ist nun einmal ein Tick von mir. Ich bin nicht in der Lage, mitten in einem Film den Fernseher abzuschalten, bevor ich nicht weiß, wie alles endet. Ja, selbst wenn ich längst ahne, wie alles ausgeht, fiebere ich mit den Helden solange weiter, bis das Gute gesiegt hat.
Ich wollte so gerne, dass die Geschichte von deiner Mutter und mir gut ausgeht. Vielleicht habe ich mir darum den Abgrund verschwiegen. O nein, ich sage nicht, dass sie allein schuld wäre. So einfach mache ich es mir auf keinen Fall. Ich wollte das Kaputte, den Druck, die Angst und das zunehmende Zerwürfnis nicht sehen. Und nun muss ich entscheiden: Schließe ich mich deiner Mutter an und verfluche alles, was war, oder rette ich etwas von der Schönheit, von der Leidenschaft und der Hingabe? Schneide ich die Vergangenheit weg wie eine faule Stelle an einer Kartoffel, oder finde ich meinen Frieden? Den Frieden damit, dass ich offensichtlich einen falschen Weg gegangen bin.
Kleiner Mann! Ich laufe mindestens einmal pro Woche über unseren Spielplatz. Immer den gleichen Weg, den wir damals zusammen gegangen sind. Und manchmal ist mir dabei, als hätte ich dein Lachen gehört. Dann hebt sich mein Kopf, der es sonst nicht wagt, über den Wegrand hinwegzublicken, und ich schaue hoffnungsvoll die vielen schreienden Kinder an, die sich dort vergnügen. Und wenn ich feststellen muss, dass du doch nicht dabei bist, ist es jedes Mal so, als hätte mir jemand einen Schlag direkt in den Magen versetzt.
Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder an einem Spielplatz vorübergehen werde, ohne dass mir die Tränen kommen. All die Spielgeräte sind für mich eine große Bibliothek der Erinnerungen. Und ich schlage sie auf, um mich daran festzuhalten. Da! Auf so einer rostigen, ehemals knallroten Rutsche bist du schon hinabgesaust, als du noch nicht einmal richtig sitzen konntest. Ein kleines Bündel Mensch mit einer lauten Stimme und zwei vorwitzigen Zähnen im Oberkiefer, die dich wie ein Hase aussehen ließen. Ich glaube kaum, dass du dich daran erinnerst. Aber ich weiß es noch. Und ich werde es nie vergessen. Die Mama hat dich oben hingelegt und losgelassen – ich habe dich unten aufgefangen. Beim ersten Mal konnte ich sehen, wie dir der Schreck in die Glieder gefahren ist und du plötzlich stocksteif wurdest. Doch mit jedem Mal hat sich dein Grinsen den Ohren mehr angenähert. Und als du dann laufen konntest, warst du jedes Mal einem Tobsuchtsanfall nah, wenn einer von uns beiden dir helfen wollte, die steilen Stufen zu erklimmen. „Allein, allein!“, hast du gerufen. Das war eines deiner ersten Worte. Wer hätte damals geahnt, dass ich dich eines Tages allein lassen muss?
An dem Tag, an dem wir die lila Blumen betrachtet haben, wolltest du unbedingt mit mir boxen. Weißt du noch? Im Sandkasten, in dem noch einige vergessene Förmchen lagen, wie Korallen am Meeresgrund. Wie komme ich nur auf ein so romantisches Bild? Eigentlich war es ein dunkelgraues, vom Regen stumpf gewordenes Eckchen auf dem Spielplatz.
„Weißt du, wovor ich Angst habe? Dass du eines Tages sagst, ich hätte nicht um dich gekämpft.“
„Das hier ist unser Ring. Lass uns kämpfen!“, hast du gesagt, dich hingestellt und die kleinen Fäuste weit geschwungen, mit einem eisernen Willen und doch so wenig Kraft. Wenn ich dich jetzt vor mir sehe, denke ich, dass ich genauso bin: Ich will dich endlich wiedersehen, aber ich habe die Kraft nicht mehr. Nein, so darf ich es nicht sagen. Das klingt irgendwie fremd. Mir fehlen wohl die Worte dafür. Wie soll ich es dir nur erklären? Weißt du, wovor ich Angst habe? Dass du eines Tages sagst, ich hätte nicht um dich gekämpft. Wie sollte ich denn? Kann ich gegen deinen erklärten Willen kämpfen? Ich bin so ratlos.
Ich habe alle Energie gebraucht, um die Wut, den Hass und die Verletzung in mir unter Kontrolle zu bekommen. Das ist, als ob man einen übervollen Schrank zumachen will, aus dem andauernd etwas anderes hervorquillt. Ich will nicht mehr kämpfen. Ich kann auch nicht mehr. Deine Mutter und ich, wir haben zehn Jahre lang gekämpft. Erst nebeneinander und dann gegeneinander, leider nie miteinander. Unsere Ehe war in all den Jahren ein „Ich“ und ein „Du“. Ein wirkliches „Wir“ ist daraus nie geworden. Das Seltsamste daran ist: Seit du da bist, verstehe ich, wie es eigentlich hätte sein müssen. Denn jetzt geht es mir gut, wenn es dir gut geht.
Die Freunde, zu denen deine Mutter den Kontakt nicht abgebrochen hat, sagen mir, dass du das Leben genießt, dass du dich prächtig entwickelst und ein sehr aufgeweckter Junge bist. Sie denken, dass sie mir damit eine Freude machen, aber sie quälen mich. Kann es dir denn gut gehen, wenn ich nicht an deiner Seite bin? Ich erschrecke, wenn ich so etwas denke, weil ich spüre, dass in diesem ganzen Streit nicht nur das Sehen oder Nichtmehrsehen eine Rolle spielt. Es geht auch um mich. Und das bekomme ich nicht so schnell in den Griff.
„Ich habe mir vorgestellt, wie du von Polizisten aus dem Haus deiner Mutter geführt wirst. Weinend, weil du nicht begreifen kannst, was mit dir passiert.“
Eines habe ich noch keinem erzählt, aber dir möchte ich es gerne sagen: Ich bin inzwischen dankbar, dass deine Mutter gegangen ist. Ich fühle mich elend und traurig bei diesem Gedanken, aber er ist trotzdem wahr. Mama hat nicht nur sich, sondern auch mich aus einem sich immer mehr verfestigenden Lügengefängnis befreit. Obwohl! So kann ich das nicht stehen lassen. Dass sie die Mauern gesprengt hat, dafür bin ich ihr dankbar, dass sie nicht versucht hat, es mit mir gemeinsam zu tun, nehme ich ihr wohl mein ganzes Leben lang übel.
Ich war bei einem Anwalt, einem großen Mann, der ein bisschen wie der Räuber Hotzenplotz aussieht. Der sollte mich beraten. Er hat sich in seinem weichen Ledersessel vor einem modernen Kunstdruck lässig nach hinten gelehnt und mir aufmunternd zugenickt: „Machen Sie sich mal keine Sorgen. Das kriegen wir hin. Überhaupt kein Problem. Sie haben ja schließlich alle Rechte.“
Zuerst habe ich mich gefreut, aber dann fing er an, mir die ganze Palette der Möglichkeiten aufzuzeigen: „Sehen Sie: Wenn Ihre Ex-Frau sich nach dem Urteil weiterhin weigert, Ihnen den Umgang zu ermöglichen, dann wird der Junge eben vom Jugendamt oder von der Polizei abgeholt. Zum Glück sind die Richter in unserer Stadt sehr väterfreundlich. Wie gesagt: Das kriegen wir hin.“ Und dann wollte er wohl, dass ich ihm sage, wie froh ich über seine Ermutigungen bin. Aber ich war es nicht.
Ich habe mir vorgestellt, wie du von Polizisten aus dem Haus deiner Mutter geführt wirst. Weinend, weil du nicht begreifen kannst, was mit dir passiert. Eine merkwürdige Scheu ist über mich gekommen, die ich von mir gar nicht kenne. In meiner Fantasie hatte ich dich längst ein Dutzend Mal aus dem Kindergarten entführt und mit auf eine lange Reise nach Indien genommen, wo uns keiner findet. Oder nach Taka-Tuka-Land. Manchmal komme ich vor lauter Verzweiflung auf so seltsame Gedanken. Dabei bin ich sicher, dass es dir in Indien gefallen würde. Da leben die Elefanten mit den kleinen Ohren. Hey, du bist doch einmal unglaublich erschrocken, als dir im Zoo einer von diesen Kerlen eine Karotte mit dem Rüssel aus der Hand zog. Darüber haben wir noch ganz oft gesprochen.
Wenn du mir wieder mal so sehr fehlst, dass ich nicht schlafen kann, dann schmiede ich sogar noch finsterere Pläne. Dann lasse ich deine Mutter von der Mafia entführen und in ein sizilianisches Verließ werfen, aus dem sie erst wieder herausdarf, wenn sie unterschreibt, dass ich dich regelmäßig sehen darf. Und der Obergangster macht ihr sehr deutlich, dass schreckliche Dinge passieren, wenn sie sich nicht daran hält. Und diese Drohung sagt er mit so finsterer Miene, dass sie gehorcht.
„Ein befreundeter Psychoanalytiker sagte mir, ich müsse lernen loszulassen. So ein Idiot!“
Entschuldige, ich schweife ab. Wahrscheinlich ist daran meine Sehnsucht nach dir schuld. Viele meiner Freunde haben mir geraten, dem Vorschlag von Räuber Hotzenplotz zu folgen und um dich zu kämpfen. Sie verstehen nicht, dass ich nicht kann. Ein paar Mal hatte ich schon den Telefonhörer in der Hand, um ihn anzurufen. Aber dann sehe ich immerzu das Polizeiauto vor mir – und ahne, dass das keine Lösung sein kann. Das mit dem Kämpfen muss irgendwann einmal vorbei sein. Dir zuliebe, mir zuliebe, aber auch deiner Mutter zuliebe, der ich bei aller Verletztheit nichts Böses wünsche. Und doch möchte ich schreien, wenn ich begreife, dass ich an deinem Leben keinen Anteil mehr haben soll. Ein befreundeter Psychoanalytiker sagte mir, ich müsse lernen loszulassen. So ein Idiot! Wahrscheinlich hat er Recht, aber wie soll das denn gehen? Was wird aus der Zeit, die wir zusammen hatten?
Neulich habe ich beim Aufräumen hinter der Anrichte die lila Blüte gefunden, ja genau, die Blüte aus deinem Knopfloch. Sie ist einfach getrocknet und sieht noch fast genauso schön aus wie damals. Sie ist ein bisschen älter geworden, aber die Falten stehen ihr gut. Ich nehme an, dass du sie verloren hast, als du im Flur dein buntes Hemd möglichst schnell ausziehen wolltest, um noch das Sandmännchen zu sehen, bevor ich dich zurückbringe. Vielleicht ist sie auch erst später dorthin gekommen. Ich weiß es nicht. Ich habe sie in einen alten Bilderrahmen unter Glas gesteckt. Zu dem Bild, dass dich auf dem Klettergerüst zeigt. Das Bild, das ich im Sommer im Schwimmbad gemacht habe. Du hängst darauf kopfüber nach unten und winkst.
Manchmal stelle ich das Bild weg, weil ich den Anblick nicht ertrage. Es hat so viel von dir – und ich habe so wenig. Außerdem war deine Lust am Klettern einmal Anlass für einen Riesenstreit zwischen deiner Mutter und mir. Sie wollte dich immer vor allem bewahren. Ich wollte, dass du dich Herausforderungen stellst. Du warst von Anfang an ein Klettermax. Sobald du laufen konntest. Und wie oft hatte auch ich Angst um dich, wenn du in schwindelerregenden Höhen herumgeturnt bist.
Erstaunlich: Du wolltest immer ganz nach oben. Das kenne ich. Nur habe ich dabei die Bodenhaftung verloren. Nein, ich habe nicht zu viel gearbeitet, wie deine Mutter gerne behauptet. Ich war mit meinen Gedanken zu oft nicht bei ihr. Diesen Vorwurf hätte sie mir zu Recht machen können. Aber sie redet ja nicht mehr mit mir.
Erst nach ihrem Anruf ist mir klar geworden, dass ihr irgendjemand gesagt haben muss, dass es seit kurzem eine neue Frau in meinem Leben gibt. Oder hast du deiner Mutter davon erzählt? Wie dem auch sei: Offensichtlich hat diese Information sie so sehr getroffen, dass sie meinte, sofort zurückschlagen zu müssen. Wie absurd. Ich habe dir gesagt, dass ich weiß, wie sehr ein Kampf um dich auch ein Kampf um meine eigenen Fragen und Zweifel wäre. Jetzt verstehst du sicher, dass es bei deiner Mutter genauso ist. Obwohl sie mich verlassen hat, gibt sie mir die Schuld an allem und versucht, sich wieder zu finden. Würde ich um dich kämpfen, dann ginge es nur ganz am Rand um dich. Vor allem fände eine erneute Schlacht zwischen deiner Mutter und mir statt. Und das hast du nicht verdient. Wenn ich, um dich zu sehen, deine Mutter besiegen muss, dann will ich das nicht. Schließlich lebst du bei ihr. Ich kann nur beten, dass wir beide, deine Mutter und ich, irgendwann so weit sind, dass wir tatsächlich über dich reden können.
„Eines Tages möchte ich dich wiedersehen, eines Tages werde ich dich wiedersehen. Dieses Leben ohne dich, das kann nicht sein.“
Kleiner Mann! Ich habe nur ein Stück deines Lebens mitbekommen. Das verblüffende Aufwachen eines neuen Wesens, das ganz langsam lernt, dass es ein Mensch ist. Ich habe mit dir gelernt und dabei gespürt, dass ich immer noch dabei bin, mich selbst zu entdecken. Deine Mutter hat mich aus der Verantwortung entlassen. Es ist ihr ein Gräuel, dass ich, der angebliche Zerstörer ihres Lebens, dir etwas mit auf den Weg geben sollte. Dabei möchte ich dir gerade jetzt so viel sagen.
Vielleicht sage ich dir nur eines. Das, was ich lange Jahre weder deiner Mutter noch mir selbst sagen konnte: Pass auf! Man kann in etwas hineinrutschen, das man später Liebe nennt. Ehe man sich versieht, werden aus Küssen Beziehungen, die besser Küsse geblieben wären. Manchmal scheint es so viel einfacher, „Ja“ zu sagen als „Nein“! Gerade dann, wenn man niemandem wehtun will. Man kann sich Liebe denken. So sehr, dass man irgendwann das Nachdenken über die Liebe mit der Liebe selbst verwechselt. Lass nicht zu, dass dir das eines Tages auch passiert. Der Preis für die vermeintliche Wohlanständigkeit ist zu hoch: Lügen sind wie ein Geschwür, das im Inneren wütet und erst Symptome hervorbringt, wenn es groß und mächtig wird.
Hier sitze ich mit meinen Fragen, und vor mir liegen all die Zeitabschnitte, die auf einmal nicht mehr zusammenpassen wollen: die Zeit mit deiner Mutter, die Zeit mit dir, die Zeit nach der Trennung und die neue Zeit, die auf mich wartet. Ich weiß nicht einmal, ob ich mir wünschen soll, dass es zwischen diesen Lebensphasen klare Trennlinien gibt oder nicht. Im Moment sehe ich sie jedenfalls noch nicht. Alles, was war, hinterlässt Narben.
Sechs Monate haben wir uns nicht mehr gesehen. Und ich schaudere, wenn ich an diese leere Zeit ohne dich denke. Ich weiß einfach nicht, was ich jetzt tun soll. Hast du eine Idee? Ich habe dir immer wieder Postkarten geschrieben und Geschenke geschickt. Aber das reicht mir nicht mehr. Ich will mit dir teilen, was mich bewegt und freut, ich will hören, wie du mit den Buchstaben kämpfst, die Zauberwelt der Zahlen eroberst und den Kindergarten in eine geheimnisvolle Oase verwandelst, in der es noch Tiger und Giraffen gibt. Ich verspreche dir: Ich werde dich niemals aufgeben.
Darum habe ich mich entschieden, dir von nun an Briefe zu schreiben. Dies hier ist mein erster. Du bist sicher noch zu klein, um sie zu begreifen – aber eines Tages wirst du sie neu lesen. Und vielleicht verstehst du dann. Eines Tages möchte ich dich wiedersehen, eines Tages werde ich dich wiedersehen. Dieses Leben ohne dich, das kann nicht sein.
Ich habe mir fest vorgenommen, deiner Mutter nichts Schlechtes zu unterstellen, aber ich werde meine Briefe vervielfältigen. Falls sie dir die Originale nicht gibt, bekommst du irgendwann einmal die Kopien. Spätestens dann, wenn du nach mir fragst. In Gedanken nehme ich dich ganz fest in die Arme.
Dein Vater
PS: Ich habe nachgeschaut und weiß jetzt, wie die Blumen mit den lila Kelchen heißen. Sie haben einen ganz komischen Namen – Herbstzeitlose. Sie blühen dann, wenn alle anderen Pflanzen sich schon auf den Winter vorbereiten. Zwischen September und November. Und eines muss ich dir unbedingt noch sagen: Ich habe dich lieb. Unsagbar lieb!

Fabian Vogt ist evangelischer Pfarrer, Künstler und Schriftsteller. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Oberstedten bei Frankfurt.
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