Read the book: «Pionier und Gentleman der Alpen»

NATASCHA KNECHT
PIONIER UND
GENTLEMAN DER
ALPEN
DAS LEBEN DER BERGFÜHRERLEGENDE
MELCHIOR ANDEREGG (1828–1914)
UND DIE BLÜTEZEIT DER ERSTBESTEIGUNGEN
IN DER SCHWEIZ

Inhalt
Wer ist Melchior Anderegg?
1855 im Grimsel-Hospiz: Die Karriere beginnt
Ambitionierte Gletschertour über den Strahleggpass – Mit Flöhen im Heubett – Sonnenbrand der Engländer – Hinchliff schiesst «wie ein Blitz» in eine Spalte – Stärker als der störrische Widder – Melchiors Kindheit in Zaun bei Meiringen – Wechsel in den «Schwarenbach» auf der Gemmi – Oberländer «Kriegsruf» auf dem Altels
Der steinige Weg zum Alpinismus
Die Engländer kommen – Kriegsrhetorik in den Bergen – Rückblick: Die Alpen sind schrecklich, Bergbesteigungen verboten und «keineswegs lukrativ» – Mit Pantoffeln auf den Mont Blanc – «Wo ist jetzt die Jungfrau?»
Von Touristen und Alpinisten
Die Industrialisierung ruiniert in Grossbritannien die Landschaft und das Essen – Die «gewespeten Taillen» in Interlaken – Alpinist, der neue elitäre gesellschaftliche Stand – «Herr, Sie klettern so gut wie eine Gemse!» – Die erste kommerzielle Vermarktung einer Bergtour – Flitterwochen mit dem Bergführer statt mit der Ehefrau
Erstbesteigung des Zinalrothorns mit Leslie Stephen
Die Hochalpen als neue Kathedrale – Ein endloses Füllhorn der Ärgernisse – Vor Kälte spielen die Zähne «Schlagzeug zu Negerweisen» – Rittlings über die «Rasiermesserbrücke» – Melchiors Freudensprünge an den unmöglichsten Stellen – Stephens Sturz in eine Gletscherkluft
Ein neuer Beruf
Schmiergeld, Verständigungsschwierigkeiten, Lügen – Bergführer werden patentiert – Nicht ohne meinen Camerado – «Lotzer» sorgen für Beschwerden – Das komplexe Verhältnis zwischen «Herr» und Führer – Schweizer Bergführer erlangen Weltruf
Melchior heiratet, dann taucht die reiche Lucy Walker auf
Melchior verliebt sich in Margaretha, Lucy verguckt sich in Melchior – Das «gemeinsame Übernachten des ledigen Jungvolkes» – Melchiors erste Erstbesteigung – Sein erster Sohn wird geboren
Unfall und Rettungsaktion am Col de Miage
Ein 18-jähriger Engländer stürzt 530 Meter ab – Sein ganzer Körper ist von den Schürfungen eine einzige Fleischwunde – Kräftezehrende pedestrische Rettung durch Melchior und die weiteren Bergführer – Rettung der Ehre englischer Alpinisten in der Brenvaflanke am Mont Blanc
Ausrüstung, Technik und Alkohol
Barriere Ambulante – «Der Herr ist im Schrund!» – Das Seil, ein Zeichen der Ängstlichkeit – Beliebte «Gepäckträger» – Biwakieren im Sturm – Gute Gründe, Steigeisen abzulegen – Wein gehört auf Bergfahrten zur Kultur – Höhenkrankheit, ein eingebildetes Symptom
Im Heilbad ein Empfang «so kalt wie ein Gletscher»
Erstbesteigung des Monte della Disgrazia: «Forwärts meine Herren!» – Falschen Weg eingeschlagen – Von Blitz und Donner überrascht – Mürrischer Leslie Stephen – Ein englischer Diener an Melchiors Seil
Was macht den grossen Bergführer aus?
Ein Schwingfest wie aus einem Ritterroman – Eiskunst und Spürsinn wie ein Indianer – Eine strenge und eine sanfte Natur – Diplomatie und Hochhaltung des Bergführerberufs – Im Zickzack durch die halbe Schweiz und bis nach Slowenien
Melchior und das Matterhorn
Die Konkurrenz schläft nicht: Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn – «Courage! Le Diable est mort!»
Reiche Touristen, arme Bergler
Pferde, Kutschen und Dampfeisenbahn: Die Reisemittel in den 1860er-Jahren – Bettelei, Ansingerei und schlechte Alphorntuterei werden polizeilich verboten – Ausländische Gäste klagen über stinkende Hotels und menschliche Parasiten – In den Alpen sind Kröpfe und Kretinismus allgegenwärtig
Melchior bei den Briten
Der Haslitaler reist dreimal nach England – Rauchende Fabriken und Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett begeistern ihn – Eine Londoner Galerie stellt seine Holzschnitzkunst aus
Einer der Engländer: Melchiors legendärer «Herr» und Freund Leslie Stephen
Stephen legt seinen Priesterorden ab – Im Alpine Club sorgt er für Zoff – Er heiratet und gibt das Bersteigen auf – Seine Ehefrau stirbt, ebenso seine zweite Ehefrau – Acht Kinder, darunter die spätere Schriftstellerin Virginia Woolf
Melchior, der Familienpatriarch
Lucy Walker, das grosse Kuriosum am Berg und an Melchiors Seite – Melchiors Leben auf Zaun bei Meiringen – Schicksalsschläge, Krankheit und Tod
Anhang
Karte der Schauplätze – Erstbesteigungen – Nachgewiesene Besteigungen und Übergänge – Ein Beispiel: Sechs Wochen mit Melchior Anderegg – Das Andereggjoch – Melchior Andereggs Erbe – Grosse Schweizer Bergführer – Quellen und Literatur – Register der Berge und Orte – Namensregister
WER IST MELCHIOR ANDEREGG?
Wer ist Melchior Anderegg? Diese Frage kann nur jemand stellen, der nie in den Schweizer Alpen war, wo sein Name ebenso bekannt ist wie Napoleon. Melchior ist auf seine Art auch ein Kaiser, ein Fürst unter den Führern. Sein Reich ist der ewige Schnee, sein Szepter der Eispickel.
Dies schreibt Alpinist Edward Whymper in seinem Bestseller «Scrambles Amongst The Alps», den er 1871 veröffentlicht, zu einer Zeit, als sich Melchior Anderegg auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Bergführer befindet, anspruchsvolle Erstbesteigungen leitet und mit seinen «Herren» unermüdlich neue Wege und Routen beschreitet. Zusammen mit den Engländern hat der Pionier aus Meiringen die frühe Geschichte des klassischen Alpinismus wesentlich geprägt. Dafür ehrt ihn der Alpine Club in London bis heute: «Unsere alpinistische Geschichte ist uns sehr wichtig. Und Melchior spielt darin eine wichtige Rolle», sagt Jerry Lovatt, gegenwärtiger Honorary Librarian.
Heute, wo befahrbare Strassen bis in die hintersten Winkel der Seitentäler führen und Bahnen viele hundert Höhenmeter Auf- und Abstieg erleichtern, kann man sich kaum noch vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten die Bergsteiger im «Zeitalter der Eroberungen» zu kämpfen hatten. Wie reich an Mühseligkeiten und Fährnissen die Alpenreisen, selbst auf den gangbarsten Pfaden, gewesen sind. Als der junge Haslitaler Melchior Anderegg Anfang der 1850er-Jahre seine ersten «Herren» in die vergletscherten Höhen seiner Heimat führt, steckt der Alpinismus noch in den Kinderschuhen. Es gibt weder reissfeste Seile noch atmungsaktive Kleidung, weder Clubhütten noch verlässliches Kartenmaterial. Etliche Gipfel haben keinen offiziellen Namen. Man weiss nicht einmal sicher, welche Gefahren in dieser Terra incognita lauern, geschweige denn, wie man ihnen begegnen soll. Die Vertrautheit mit den hohen Bergen muss erst noch gefunden und erprobt, der Umgang mit Sturm und Nebel, Gletscherspalten und schmalen Felstritten erarbeitet werden.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind gelegentlich Gelehrte zu Forschungszwecken ins Hochgebirge gestiegen. Nicht zum touristischen Vergnügen. Die einheimische Bergbevölkerung meidet die steilen, kalten Geröll- und Eishalden seit jeher. Sie sehen keinen Grund, dort hinaufzusteigen. Wozu auch? Als Bauern sind sie Selbstversorger, müssen schauen, dass sie durch den Winter kommen. Dort oben gibt es für sie nichts zu ernten. Die Menschen glauben gar, in den unzugänglichen Höhen leben Dämonen und Gespenster, die regelmässig Unheil ins Tal bringen. Lawinen, Murgänge, Überschwemmungen. Innert Minuten, so es der Teufel will, ist ein Dorf ausradiert.
Wie aus heiterem Himmel kommen Mitte des 19. Jahrhunderts plötzlich wohlhabende und gebildete Städter, die in diese Stätten des Grauens vordringen wollen. Allen voran suchen unternehmungslustige Engländer mit langen Sommerferien dort den Reiz des Unbekannten. Sie machen die Hochalpen zu ihrem neuen Spielplatz, wo sie unberührte Gipfel und Gletscher «erobern» können. Für sie steht nicht wissenschaftliches Interesse im Vordergrund, sondern sportliche Freizeitbeschäftigung. Kein Gipfel ist ihnen zu hoch oder zu abgelegen, kein Wind zu bissig, kein Abgrund zu grässlich. Zuvor hatten Stürmer, Dränger und Romantiker die schroffen Alpen als Seelenlandschaft entdeckt und besungen, aber nie bestiegen.

Der erste grosse Bergführer der Schweiz: Melchior Anderegg aus Zaun bei Meiringen. Für diese Aufnahme ist er 1879 nach Interlaken gereist, im Hintergrund die Jungfrau.
Als Begleiter engagieren die sogenannten «Hochtouristen» einheimische Bergführer. Zu Beginn sind das Jäger, Kristallsucher und Hirten, deren Erfahrung in diesen Einöden allerdings nicht sehr ausgeprägt ist. Besonders wenn sie nicht nur als «Wegweiser» oder «Pfadfinder» agieren sollen, sondern die Verantwortung für das Leben der «Herren» tragen müssen. In diesen Pionierjahren entwickelt sich Melchior Anderegg zum Meister. 1856 gehört er zu den ersten, die ein Schweizer Bergführerpatent erhalten und bald darauf zu den ersten Schweizer Bergführern, die aus der engen Heimat ausbrechen und überall in den Westalpen Erstbesteigungen in Angriff nehmen. Mit seinen «Herren» wagt er für damalige Verhältnisse Ausserordentliches und bewältigt eine Reihe von hochklassigen Ersttouren im Berner Oberland, im Wallis, im Mont-Blanc-Gebiet, im Bergell und in den Dolomiten. Melchior Anderegg, der als einfacher Knecht im Grimsel-Hospiz begonnen hat, wird zum Vorbild der nachfolgenden Bergführergenerationen.
Trotz Ehrgeiz und Tatendrang lehnt er tollkühnes Draufgängertum ab. Die Sicherheit der ihm Anvertrauten steht für ihn an erster Stelle. Nie lässt er sich zu leichtsinnigen Manövern drängen. Da bleibt er der sture Bergler, selbst wenn ihn ein «Herr» überreden will: «Melchior, das geht schon.» Dann antwortet er: «Ja, es geht. Aber ich gehe nicht.»
Nebst seinen bergsteigerischen Fähigkeiten machen ihn sein Charisma, seine feinfühlige Autorität, seine Ehrlichkeit und sein Humor begehrt. Eigenschaften, mit denen sich im «Goldenen Zeitalter des Alpinismus» nicht alle Bergführer rühmen können. Einer seiner englischen «Herren» schreibt: «Melchior war 42 Jahre lang mein Führer, und ich habe nie von ihm einen Ausdruck vernommen, der sich gegenüber der vornehmsten Dame nicht gehört hätte.» Die ambitioniertesten Bergsteiger des englischen Alpine Club reissen sich um ihn, wollen von ihm lernen. Rühmt er sie am Berg mit seinem kargen «Gut! Gut!», ist das für sie fast schöner als der Gipfelerfolg selber.
Während sich bereits zu den alpinistischen Anfangszeiten viele Männer an bergsteigenden Frauen stören, zeigt Melchior nie ein Problem mit ihnen. Mehrere Damen gehören zu seinem Kundenkreis. Einmal wurde er gefragt, wie er denn eine Lady über eine Gletscherspalte locke. Anderegg antwortete scherzend: «Nun, ich gehe voraus. Dann nehme ich ein Zucker-Bonbon aus dem Hosensack, strecke es ihr entgegen und sage: Komm, komm, komm! Und sie kommt sofort.»
Lucy Walker, die erste Frau, die regelmässig ins Hochgebirge steigt, unternimmt ihre Touren ausschliesslich mit Melchior Anderegg. Unter seiner Führung steht sie als allererste Frau auf dem Matterhorn und weiteren Viertausendern. Sie pflegen eine jahrelange innige Freundschaft. Auf die Frage, weshalb sie nie geheiratet habe, soll die sehr vermögende Lucy Walker geantwortet haben: «Ich liebe die Berge und ich liebe Melchior, aber er hat schon eine Frau.»
In der Schweiz geht Melchior Anderegg als «Glanzgestirn» in die Geschichte ein, bei den Engländern als «King of the Guides» – «König der Bergführer». Ein Titel, der von der ersten Führergeneration nie zugunsten eines anderen angefochten worden ist.
1855 IM GRIMSEL-HOSPIZ: DIE KARRIERE BEGINNT
AMBITIONIERTE GLETSCHERTOUR ÜBER DEN STRAHLEGGPASS — MIT FLÖHEN IM HEUBETT — SONNENBRAND DER ENGLÄNDER — HINCHLIFF SCHIESST «WIE EIN BLITZ» IN EINE SPALTE — STÄRKER ALS DER STÖRRISCHE WIDDER — MELCHIORS KINDHEIT IN ZAUN BEI MEIRINGEN — WECHSEL IN DEN «SCHWARENBACH» AUF DER GEMMI — OBERLÄNDER «KRIEGSRUF» AUF DEM ALTELS
Im Sommer 1855 taucht der 29-jährige Thomas Woodbine Hinchliff im Grimsel-Hospiz auf. Ein hochgebildeter Anwalt aus London, der allerdings nicht praktiziert. Er besitzt so viel Vermögen, dass er nie arbeiten muss und sich ganz und gar dem angenehmen Leben zuwenden kann. Drei Sommer lang reist er kreuz und quer durch die Alpen, um über seine Erlebnisse ein Buch zu schreiben. In diesem Jahr hat er sich vorgenommen, seine erste Hochgebirgsfahrt im Berner Oberland zu unternehmen: Von der Grimsel über den vergletscherten Strahleggpass nach Grindelwald. Damals eine ambitionierte Tour.
Hinchliff und sein Gefährte, den er Mister Dundas nennt, erreichen das Hospiz «an einem wunderschönen Abend» im August und reden mit dem Wirt über ihren Plan. Seine Wetterprognose ist zuversichtlich, und er empfiehlt ihnen zwei Bergführer, die er ihnen am Morgen nach dem Frühstück vorstellen will, damit sie am Nachmittag starten können.
Während Hichcliff im Hospiz auf das Abendessen wartet, beobachtet er einen Schotten und einen Führer, die wild miteinander gestikulieren und sich gegenseitig etwas zu verstehen geben wollen. Aber die beiden sprechen nicht dieselbe Sprache. Hinchliff wird als Übersetzer zugezogen und findet heraus, dass die Frau des Schotten auf einem Chaise-à-Porteur, einem Tragstuhl, nach Meiringen getragen werden will. Nachdem die Träger die Leibesfülle der Dame gesehen haben, bestehen sie auf der Unterstützung durch weitere Männer. Der Ehemann ist schon so aufgebracht, dass Hinchliff ihm diese Beleidigung nicht übersetzen will. Schliesslich sind die Träger damit einverstanden, die Lady wie üblich zu viert ins Tal zu tragen.
Am nächsten Morgen wird Hinchliff zwei Bergführern vorgestellt: Melchior Anderegg und Johann Huggler. Die beiden machen ihm «einen vielversprechenden Eindruck». Melchior ist 27-jährig, muskulös und mittelgross. Seine Haare sind wie seine Augen pechschwarz. Er trägt noch keinen Bart, aber modische kurze Koteletten an den Schläfen.
Nach einer kurzen Unterhaltung beschliessen sie, um vier Uhr nachmittags aufzubrechen. Den Engländern bleibt Zeit, eine Wanderung zum Rhonegletscher zu unternehmen. Gegen drei Uhr kehren sie zurück zum Hospiz. Dort sind ihre Bergführer eifrig daran, die Expedition vorzubereiten. Melchior macht sich eigenhändig daran, die Lederschuhe der Engländer mit spitzen Eisennägeln zu beschlagen. Einen jungen Trägerburschen schicken sie mit Holz, Decken, Mundvorrat, einigen Messern und etwas Geschirr zum Pavillon Dollfus-voraus.

Stützpunkt von Forscher Franz Josef Hugi auf dem Unteraargletscher, der «Hugiblock» und die Steinhütte (vorne rechts), Vorläuferin des Hotel Neuchâtelois, 1827.
Diese einfache Gletscherhütte befindet sich neun Kilometer vom Hospiz entfernt – dort, wo heute die Lauteraarhütte des Schweizer Alpen-Clubs steht – und ist eine Hinterlassenschaft von Gletscherforscher Daniel Dollfus-Ausset aus den 1840er-Jahren. Damals haben Glaziologen aus Neuenburg und aus dem Ausland mehrere Sommer auf dem Unteraargletscher verbracht, von morgens früh bis abends spät experimentiert, gemessen, gebohrt, beobachtet und gerechnet. Erst richteten sie ihr Laboratorium und Logis auf der grossen Mittelmoräne «unter einem riesigen Felsblock» ein. Rundum bauten sie eine Mauer und belegten den Boden mit Steinplatten. Diesen primitiven Schlafplatz für sechs Personen nannten sie «Hôtel Neuchâtelois».

Pavillon Dollfus, 1845 errichtet von Daniel Dollfus-Ausset, Fabrikant und Forscher aus dem Elsass.
Das Treiben der Gelehrten und vor allem ihre Behauptung, dass zwischen der Zeit der Schöpfung und der Gegenwart ganz Europa unter einer Eisdecke gelegen haben müsse, erregte die Neugier eines internationalen Publikums. Touristen kamen auf die Grimsel, um die Wissenschaftler bei der Arbeit zu beobachten. Nicht selten kam es vor, dass einer geglaubt hatte, das Hôtel Neuchâtelois sei ein behaglicher Gasthof. Diese Unterkunft hielt nicht lange, sie wurde vom fliessenden Gletscher und den Schneefällen im Winter zerstört. Der Pavillon Dollfus wurde daraufhin an einer sinnvolleren Stelle gebaut: Auf einem Felssporn etwa zweihundert Meter oberhalb des Unteraargletschers.
WEIN UND MILCHKAFFEE
Seit die Forscher weitergezogen sind, dient der verwitterte «Pavillon» nun den Alpinisten als Ausgangspunkt für die weite Tour über die Strahlegg. Kurz nach vier Uhr machen sich Melchior Anderegg, Huggler, Hinchliff und Dundas vom Hospiz auf den Weg. Um sich gegen die Sonne zu schützen, haben sie Schleier um ihre Hüte gewunden. Melchior trägt in seinem Rucksack Proviant und an der Aussenseite hat er ein Seil befestigt. Statt des gewöhnlichen Alpenstocks gebraucht er eine Kombination aus Axt und spitzer Stange, welche zu dieser Zeit in Chamonix bekannt ist.
Huggler buckelt den Weinkeller, einen Blechkanister mit Riemen, damit er wie ein Rucksack getragen werden kann. «Er war so gross, dass die Leute hätten glauben können, wir würden für eine ganze Woche ausrücken», schreibt Hinchliff später. Selber schultern die Engländer nichts. Ihr Reisegepäck haben sie für sechs Franken durch einen Träger via Meiringen und Grosse Scheidegg ins Hotel Adler nach Grindelwald bringen lassen.
Noch bevor sie zum Unteraargletscher kommen, holen sie einen Gentleman aus Deutschland ein. Er will sich der Gruppe für die Tour anschliessen. Melchior hat nichts dagegen, es gibt genug Vorrat für alle. Obschon das Gehen auf dem steinigen, aber zuweilen steilen Pfad einfach ist, fällt der Deutsche immer weiter zurück. Oben auf der Moräne müssen sie einige Zeit auf ihn warten. Als die fünf kurz vor sieben im letzten Anstieg zum «Pavillon» sind, dunkelt es ein, und sie erleben einen Moment, den Hinchliff als «selten schön» in Erinnerung bleibt: «Der Mond ging in seiner vollen Pracht hinter der gigantischen Bergkette auf und brachte die Schneegipfel wie in Silber getaucht zum Leuchten. Wir standen da und schauten in aller Stille und Bewunderung zu, bis uns der Trägerbursche entgegeneilte und rief: ‹Das ist der Mond!› Wir alle mussten herzlich lachen. Dass uns der arme Kerl erklärte, dass das der Mond war, hatte etwas Absurdes. Wie klein der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen doch sein kann!»
Die Hütte ist in zwei Kammern aufgeteilt. Eine für die «Herrschaften», eine für die Bergführer. Als Schlafunterlage steht ein Haufen Heu zur Verfügung. Neben einer kleinen Grube, die als Küche dient, stehen Tisch und Bänke. Der Bursche hat schon vor ihrer Ankunft mit dem mitgetragenen Holz angefeuert. Es gibt kaltes Schaffleisch, Brot und Käse, dazu heissen Milchkaffee. «Danach verbrachten wir den Abend angenehm mit Wein und einer Pfeife», so Hinchliff. Gegen neun Uhr wickeln sie sich in die Decken, liegen «wie Mumien nebeneinander» und hätten sehr komfortabel genächtigt, «wären wir Menschen die einzigen Lebewesen in den Heubetten gewesen». Hinchliff versucht, die Flöhe gelassen zu nehmen und kann «recht gut schlafen», bis ihn das Geräusch der Türe aufweckt. «Als ich aufschaute, sah ich die dunkle Kontur Melchiors vor mir. Er sagte, es sei halb vier und Zeit für das Frühstück. Also standen wir auf, assen wieder Schaffleisch und tranken Kaffee. Der Deutsche sass ebenfalls mit uns am Tisch.» Der Mut hat ihn verlassen. «Ohne um den heissen Brei zu reden, sagte er, die Expedition sei nichts für ihn, er gehe mit dem Träger zurück. Wir wollten ihn nicht davon abhalten. Als wir mit unseren zwei Führern gegen fünf Uhr rechts von der Hütte wegmarschierten, gingen er und der Bursche hinab zur Grimsel.»
SCHRECKEN BEIM BERGSCHRUND
Melchior führt seine Truppe über den Unteraargletscher hinauf zum Finsteraargletscher. Mit dem Stock sondiert er verborgene Schründe unter dem trügerischen Schnee und mahnt die Engländer zu sorgfältigem Gehen. Zwischendurch müssen sie über Spalten springen, was Hinchliff nicht Angst, sondern Spass macht. Nach drei Stunden erreichen sie den Strahleggfirn und legen einen Frühstückshalt ein. Besonders «fürstlich» ist der Trunk aus der Blechflasche, die sie sorgfältig mit Schnee gekühlt haben.
Die steigende Sonne weicht den Firn auf, was den Marsch mühsam macht. Im Steilhang zum Strahleggpass binden sie erstmals auf dieser Tour das Seil um und stapfen in einer Reihe weiter, Melchior voran, gelegentlich bis zu den Hüften einsinkend. Beim offenen Bergschrund erlebt Hinchliff einen Schrecken. Melchior überwindet die Kluft, stampft auf der anderen Seite mit den Füssen einen Standplatz in den Firn und fordert Hinchliff auf, nachzukommen. Beim ersten Versuch verschwindet dieser bis zum Hals im Schrund. Vom Seil festgehalten und gezogen, kann er sich schwitzend emporarbeiten. Dundas und Huggler folgen mit weniger Kapriolen. Melchior spricht kein Wort, bis sie den Übergang auf der Strahlegg auf 3332 Meter gegen zehn Uhr erreichen.

Von der Grimsel über den Strahleggpass nach Grindelwald – oder umgekehrt: Eine fast dreissig Kilometer lange Gletschertour.
Zeit für das frühe Mittagessen. Die Sonne glüht, und der mit Schnee «frappierte» Wein schmeckt wieder köstlich. Inzwischen macht die Sonneneinstrahlung und die Hitze den Engländern zu schaffen. Trotz Schleier verbrennt ihre Gesichtshaut. Sie schauen sich noch eine Weile die Aussicht an, dann geht es über die langen, mit Fels durchsetzten Schneefelder zum Oberen Eismeer hinunter. Um rascher vorwärtszukommen, bewerkstelligen sie diesen Abstieg zwischendurch auf dem Hosenboden: Sie setzen sich nah hintereinander in den Schnee, umfassen die Beine des Hintermannes und rutschen los. Bei einer dieser «Schlittelfahrten» über den buckligen Untergrund bricht der Zug auseinander. Unter Gelächter sausen sie die Bahn hinab, wobei ein Fläschchen Schnaps verloren geht.
Später, beim Queren einer steilen und gefrorenen Schneepassage, verliert Hinchliff den Halt und schiesst «wie ein Blitz» in die Tiefe. «Unter mir sah ich ein Meer von Spalten, auf das ich hilflos zusteuerte. Zum Stillstand kam ich glücklicherweise in einer kleinen Spalte, die schmal genug war, um mich aufzuhalten, aber nicht breit genug, mir Harm anzutun.» Melchior steigt aufgeregt zu ihm ab. Für den Rest des Abstiegs nimmt er die Engländer ans Seil. An steilen und schwierigen Felsen sichert er die beiden daran hinab. So gelangen sie zum Unteren Grindelwaldgletscher und über einen schmalen Pfad hinab ins Dorf. Um 16.30 Uhr treffen sie im «Adler» ein.
Die Bergführer bekommen je dreissig Franken und ein Trinkgeld. Im Preis mitberechnet ist ihr Rückmarsch auf die Grimsel. Hinchliff ist begeistert. «Wir haben die Strahlegg-Reise sehr genossen. In der Freude über die Abenteuer des Tages betrachten wir uns als überaus entschädigt für die Kosten und die Mühe.»
Es ist die erste, im einzelnen bekannte Tour von Melchior Anderegg. Von Huggler, dem zweiten Führer, vernimmt man eigentlich nur, dass er den Weinkeller getragen hat.
VOM SCHNITZER ZUM GRIMSEL-KNECHT
In seiner Heimat Haslital macht Melchior Anderegg erstmals als Fünfjähriger von sich reden. Sein Götti besitzt einen stattlichen, aber störrischen Widder. Scherzhaft sagt er zu dem Buben: «Wenn du mir den fängst, so soll er dein sein!» Das lässt sich Melchior nicht zweimal sagen. Wie eine Katze schleicht er sich an das Tier heran, packt es im Sprung und klammert sich an seinem Hals fest. Mit aller Kraft versucht der streitbare «Bänz» frei zu werden. Melchior krallt sich wie ein Geier mit beiden Fäusten in der Wolle fest. Als nach langem Ringen die wilde Jagd über Stock und Stein zu Ende geht, hängt der Bub noch immer drin und bleibt der Sieger. Später wird Melchior einer der ganz «bösen» Schwinger im östlichen Berner Oberland. An den Festen holt er immer wieder ein Schaf. Aber nie mehr ein so prächtiges Exemplar.

Der Dorfkern von Meiringen, ca. 1888: Dunkle Holzhäuser inmitten einer pittoresken Wald- und Gipfellandschaft. So haben sich die ausländischen Gäste «ein wahres Bergdorf» vorgestellt.
Am 28. März 1828 geboren, wächst er im abgelegenen Weiler Zaun auf, vierhundert Meter oberhalb von Meiringen. Die kinderreiche Familie lebt wie der Grossteil der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Fleissige, einfache Leute. Viehhaltung, Alpgang, Nutzung der Allmenden und Wälder gelingt nur dank des starken Zusammenhalts in der Familie und der Nachbarschaft.
Im Tal sind die Schulklassen überfüllt, und die Lehrer verdienen so wenig, dass sie noch anderen Verdienstmöglichkeiten nachgehen müssen. Von einem weiss man, dass er weder schreiben noch rechnen, von einem anderen, dass er nicht schreiben kann. Zu Melchiors Einschulung 1835 tritt das Bernische Primarschulgesetz in Kraft, und die Lehrer werden verpflichtet, zur Ausübung des Berufes eine theoretische Prüfung abzulegen. Zu den obligatorischen Unterrichtsfächern gehören nun: Christliche Religion, Muttersprache, Kopf- und Zifferrechnen, Schönschreiben, Gesang. In der Oberstufe auch Linearzeichnen, Geschichte, Erdbeschreibung, Naturkunde, Verfassungskunde, Buchhaltung, Hauswirtschaft und Landwirtschaft.
Nach Abschluss der Grundschule hilft Melchior weiterhin auf dem elterlichen Bauernhof mit. In den ruhigeren Wintermonaten widmet er sich seiner künstlerischen Begabung, der Holzschnitzerei. Bären, Murmeltiere und Chalets sind beliebte Souvenirs bei den Touristen. Für den Fremdenverkehr liegt das Haslital ideal. Die Gäste kommen von Interlaken her, von Luzern über den Brünig, von der Gotthardstrasse via Wassen über den Susten, vom Oberwallis über die Grimsel, von Engelberg über den Jochpass und von Grindelwald über die Grosse Scheidegg. Zudem kommt Meiringen das «milde Klima» zugut. Das Dorf liegt auf lediglich sechshundert Metern über Meer.
Schon seit den frühen 1840er-Jahren verbringen hier ausländische Gäste längere Sommeraufenthalte und schwärmen von der «lieblichen Umgebung inmitten eines echten alpinen Tales». Besonders gefällt ihnen der Blick auf die hohen Schneegipfel und die vielen Wasserfälle, etwa die Kaskaden des tosenden Reichenbachfalls, in dem später Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes verschwinden lässt. «Die Einheimischen», so berichten die Reisehandbücher, «sprechen einen eigenen, angenehmen Dialekt und unterscheiden sich von den anderen Oberländern durch feineren, dennoch kraftvollen, fast durchgängig schönen Körperwuchs.» Und: «Die Frauen geniessen den Ruf, hübscher zu sein als jene der meisten Täler der Schweiz.»

Zu schmal und steinig für eine Kutsche: Auf dem Saumweg zur Handeck und auf den Grimselpass, um 1850.
Reich wird Melchior mit seinen Holzschnitzereien nicht. 1854 lässt er sich bei seinem Vetter Johann Frutiger im Grimsel-Hospiz als Knecht anstellen. Einst war das steinerne Gebäude auf dem historischen Passübergang eine wohltätige Stiftung, um Säumern eine Station zum Ausruhen zu bieten und mittellosen Wanderern eine kostenlose Zufluchtsstätte zu gewähren. Inzwischen ist es ein offenes Gasthaus, «in welchem für sehr dürftige Einrichtung, aber gute Verpflegung Preise der Hotels ersten Ranges gezahlt werden», wie ein Reisehandbuch informiert. Die Übernachtung in einer engen Bretterzelle mit Bett kostet 2 Franken, Abendessen ohne Wein 3 Franken, Kaffee 1.50 Franken, Service 1 Franken. Hinter dem Haus liegen zwei fischlose kleine Alpenseen, die auch im Hochsommer nicht selten nachts von einer dünnen Eisdecke überzogen werden.

Das historische Grimsel-Hospiz, 1852 durch Brandstiftung in Schutt und Asche gelegt, 1853 neu aufgebaut und in den 1930er-Jahren im Grimselstausee untergegangen.
Melchior hilft bei der Führung des Gasthauses und in den dazugehörenden Alpbetrieben. Zu tun gibt es hier auf zweitausend Meter über Meer rund um die Uhr. An schönen Tagen geht es zu wie in einem Taubenschlag. Säumer, Kaufleute und Touristen kommen und gehen – zu Fuss, zu Pferd oder mit dem Tragsessel. Für einen Karrwagen oder gar Kutsche ist der Saumpfad zu schmal und steinig. Die Wanderung von Innertkirchen bis zum Hospiz dauert sechs Stunden. Zwischenstation bietet die grosse Sennhütte an der Handeck, wo ein Matratzenbett 1.50 Franken pro Nacht kostet.
Wie viele Berggasthäuser damals vermietet auch das Grimsel-Hospiz seine stämmigen Knechte als Bergführer. Durch die Gletscherforscher in den 1840er-Jahren habe sich das Hospiz zur «Brutstätte für die künftige Generation Führer entwickelt», schreibt Carl Egger in «Pioniere der Alpen». Jäger, Strahler und Hirten aus dem Haslital begleiteten die Wissenschaftler auf ihren Exkursionen im vergletscherten Gebiet. «Junge Wagehalse», die «flink wie ein Affe» waren und sich im Gebirge «mit unerschrockener Kühnheit aus allen schlimmen Lagen herauszuziehen wussten». Gemäss Egger haben sie in der Entwicklung des touristischen Bergsteigens aber noch keine Bedeutung erlangen können.
Das ändert sich, als Anfang der 1850er-Jahre neuerdings ausländische Gäste auf der Grimsel eintreffen, die nach Führern verlangen, um mit ihnen in diese noch immer weitgehend jungfräuliche Gletscherwelt vordringen. Melchior Anderegg, der auch ein passionierter Gemsjäger war, trifft im Hospiz seine ersten englischen «Herren». Wie und wann er seine erste Gletscherfahrt unternommen hat, ist nicht überliefert.
WIEDERSEHEN IM «SCHWARENBACH»
Den Sommer 1856 verbringt Melchior Anderegg nicht mehr auf der Grimsel, sondern im Gasthaus Schwarenbach auf dem Gemmipass, der einzigen Unterkunft zwischen Kandersteg und Leukerbad. Man hat ihm das Angebot gemacht, dort seine Holzschnitzereien an die Touristen zu verkaufen und gleichzeitig als Lokalführer zu arbeiten. Thomas Hinchliff, den Melchior im Vorjahr über die Strahlegg geführt hat, weiss von diesem Wechsel nichts und staunt nicht schlecht, als er im «Schwarenbach» den Speisesaal betritt und Melchior sieht. Dieser trägt einen grünen Schurz und ist von einer Schar Gäste umringt, die ihm beim Schnitzen zuschauen. Erfreut schütteln sich die beiden die Hand, und Hinchliff teilt Melchior mit, dass er den Altels (3629 Meter) besteigen möchte.
Am Abend sitzen die beiden vor dem Haus auf der Holzbank, rauchen eine Pfeife und besprechen die Details für die Tour. Melchior war wenige Tage zuvor auf dem Altels und weil er Hichliff kennt, trägt er keine Bedenken, ihn allein auf den Gipfel zu führen. Für damalige Verhältnisse ein unerhörtes Wagnis, da sehr steile Eispassagen zu überwinden sind. Hinzu kommt, dass es geschneit hat und das Wetter noch immer nicht wirklich gut ist.
Wiederum macht Melchior den Nagelschuster. Um 3.30 Uhr weckt er Hinchliff, um 4.30 Uhr verlassen die zwei das Haus. Melchior trägt im Rucksack Brot, kaltes Fleisch, ein paar Flaschen Wein und ein Seil. Am Ledergürtel hat er ein Handbeil befestigt. Über Weidhänge, Geröll und Schneefelder gelangen sie an den Rand des mächtigen Hängegletschers, wo unaufhörlich Eistücke herunterfallen. Die Sache sieht bedenklich aus. Aber Melchior versichert Hinchliff, dass sich der Haupteissturz nur etwa alle hundert Jahre ereigne und das zuletzt vor etwa sechzig Jahren geschehen sei.
Ganz falsch liegt Melchior mit seiner zeitlichen Einschätzung nicht: Ein gewaltiger Eisabbruch ging dort am 18. August 1782 nieder, dabei starben auf der Alp unterhalb zwei Kinder, zwei Erwachsene und gegen hundertvierzig Tiere wurden «jämmerlich erschlagen und zerschmettert», wie Urkunden von Leukerbad und Kandersteg zu entnehmen ist. Der nächste, noch verheerendere Absturz folgte dann am 11. September 1895 um 5.10 Uhr. Im «Schwarenbach» nahm man ein anhaltendes, donnerähnliches Getöse wahr und sah eine weissliche, wolkenähnliche Lawine. Das Getöse und Erzittern ging bis Kandersteg. Etwas später fiel für kurze Zeit ein kalter Regen aus heiterem Himmel herab, «entstanden durch Schmelzung des Eisstaubes». Um 9.30 Uhr kam der Knecht vom «Schwarenbach» nach Kandersteg gerannt, «schweisstriefend und fürchterlich erregt». Er verkündete: «Der Altels ist herunter fallen, alles ist tot – Menschen und Vieh – alles!» Später wurde festgestellt, dass 4,5 Millionen Kubikmeter Eis abgestürzt waren. Vier Männer kamen darin ums Leben, darunter Kanderstegs Vize-Gemeindepräsident, welcher wie immer zwei bis drei Tage vor der Alpabfahrt zur Teilung von Käse und Butter auf der Alp Spittelmatte weilte. Getötet wurden zudem 220 Tiere. Auch die Vernichtung des gesamten «Sommernutzens», des Vorrats für den Winter, war für viele Familien ein unermesslicher Verlust. Diese Tragödie ereignete sich 39 Jahre nach Andereggs und Hinchliffs Fahrt, heute ist der Gletscher stark zurückgeschmolzen.
HAND IN HAND ÜBER DIE STEILE FLANKE
Am steilen Gipfelkegel schlägt Melchior Stufen in das Eis. Hinchliff macht es sich zur Ehrensache, das Seil, mit dem sie verbunden sind, nie straff werden zu lassen. Melchior ist mit dem Marschtempo sehr zufrieden, was er durch wiederholtes «Gut, gut!» bezeugt. Als der Engländer die Frage aufwirft, was geschehen könnte, wenn einer auf diesem Eishang ausglitte, zeigt ihm Melchior, wie er im schlimmsten Falle seine Axt einhauen und sich daran halten würde. Trotz eintretenden Wetterumschlags steigen sie weiter und betreten bereits um 8.15 Uhr den Gipfel, der von einer zehn Fuss hohen Stange markiert wird.
Im Enthusiasmus klettert erst Melchior, dann Hinchliff an der Signalstange empor. Oben stösst Melchior den «Oberländer Kriegsruf aus, als ob ihn irgendjemand in der Runde hätte hören können». Hinchliff wird im Wind der Hut Richtung Gasterntal weggeweht, und der riskante Versuch Melchiors, diesen zu erhaschen, wird durch das Seil, das die beiden noch verbindet, rasch gehemmt. Melchior seilt seinen «Herrn» los, knüpft das Seilende und sich an den Signalpfahl und will sich auf die überhängende Wächte hinauswagen, um nach dem Hut zu spähen. Hinchliff schaudert es beim Zuschauen, er zieht ihn am Seil zurück, lehnt auch Melchiors Anerbieten ab, ihm seinen Hut zu leihen, und bedeckt das Haupt mit einem Taschentuch.
Um sich während des Mahls vor der Kälte zu schützen, graben sie die Beine bis zu den Knien in Schneehöhlen ein. Der «berühmte Gemsjäger» Melchior erzählt, dass er schon oft in selbstgegrabenen Schneehöhlen übernachtet und bis zum Morgen herrlich darin geschlafen habe. Beim Abstieg schreitet Melchior über das harte Eis voran, tritt in die im Aufstieg geschlagenen Stufen, Hinchliff dicht hinter ihm. Als der Schnee weicher wird, gehen sie Hand in Hand, die genagelten Absätze der Schuhe fest einstossend, wobei Melchior von Zeit zu Zeit sein «Gut, gut!» hören lässt. Es beginnt zu regnen, sie beeilen sich und gelangen um elf Uhr zum «Schwarenbach», wo man erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass sie lediglich sechseinhalb Stunden für die ganze Tour gebraucht haben, während man normalerweise nur für den Aufstieg deren sieben berechnet.
Sie trocknen ihre vom Niederschlag durchnässten Haare, geniessen eine Pfeife und einen Kaffee. Hinchliff will weiter nach Leukerbad, wo im Hotel des Alpes seine Reisebegleiter auf ihn warten. Bei diesem Wetter möchte Melchior seinen «Herrn» nicht alleine gehen lassen. Gutmütig gibt er vor, in Leukerbad «seinen Bruder» besuchen zu müssen. Arm in Arm, Hinchliff nun mit Melchiors Hut geschmückt, treten sie den Weg unter einem Regenschirm an. Hinchliff schreibt später: «Mit Bedauern schied ich von Melchior, indem ich ihn für einen ganz ausgezeichneten und zuverlässigen Gefährten halte, eines von jenen treuen und mannhaften Herzen, mit denen es immer ein Vergnügen ist, verbunden zu sein.» Sie nehmen sich zum Ziel, im nächsten Jahr gemeinsam den Wildstrubel zu besteigen – was sie 1858 zusammen mit Hinchliffs Freund Leslie Stephen machen werden.
DER STEINIGE WEG ZUM ALPINISMUS
DIE ENGLÄNDER KOMMEN — KRIEGSRHETORIK IN DEN BERGEN — RÜCKBLICK: DIE ALPEN SIND SCHRECKLICH, BERGBESTEIGUNGEN VERBOTEN UND «KEINESWEGS LUKRATIV» — MIT PANTOFFELN AUF DEN MONT BLANC — «WO IST JETZT DIE JUNGFRAU?»
Wäre Melchior Anderegg nicht von Thomas Hinchliff «entdeckt» worden, hätte ihn mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein anderer Engländer im Grimsel-Hospiz oder im «Schwarenbach» aufgespürt. Mit dem Aufkommen des touristischen Alpinismus tun sich zwar immer mehr Hochgebirgsführer hervor, aber nicht so viele, wie gefragt wären. Hinchliff publiziert 1857 sein Buch «Summer Months Among the Alps», ein Publikumserfolg. Es ist damals eine der ersten unterhaltsamen Lektüren über die Alpen ohne wissenschaftliche Abhandlung. Die Briten verschlingen Hinchliffs Reisen. Sie folgen ihm lesend auf die Alpengipfel, leiden mit ihm, wenn er sich etwa bei der Besteigung der Dufourspitze, mit 4634 Metern der höchste Gipfel auf Schweizer Boden, fast die Finger abfriert, weil ihm der Zermatter Führer nicht gesagt hat, er solle Handschuhe einpacken. Hinchliff beschreibt detailliert, was er gefühlt, gesehen und erlebt hat. Manche seiner Bergführer schienen ihm ängstlich und ungeübt, andere hat er als müde und weniger ausdauernd als er selber in Erinnerung. Jedenfalls erhält in «Summer Months Among the Alps» kein anderer so viel Lob wie Melchior Anderegg, den er seinen «good old friend» nennt. Dadurch wird der Haslitaler auf einen Schlag berühmt und begehrt. Also noch bevor seine grosse Zeit der Erstbesteigungen überhaupt angefangen hat.

Eintrag in Melchiors Führerbuch: 1959 sind Melchior Anderegg und sein «Entdecker» Thomas Hinchliff mehrere Wochen gemeinsam unterwegs und besteigen unter anderem das Finsteraarhorn.
In der Folge tauchen vermehrt Engländer auf der Grimsel und im «Schwarenbach» auf, um die grosse Blechflasche und Melchior zu finden. Sie reagieren enttäuscht, wenn sie nur erstere finden und zu hören bekommen: «Melchior ist weit weg über die Berge». Zu seinen Herrschaften zählt nun eine Reihe Bergsteiger, die ihm ehrgeizige Aufgaben stellen.
Die Anzahl der Touristen, die in die Hochalpen wollen, wächst ab den 1850er-Jahren rasant, die meisten bleiben Gelegenheitsbergsteiger und manche haben schon nach einem Gipfel oder einem vergletscherten Passübergang genug. Im Berner Oberland stellen Tschingel-, Strahlegg- und bei Zermatt der Théodule-Pass lange Jahre die grössten Ambitionen vieler dar.
Dagegen lassen sich die Namen jener, die sich um die Erstbesteigungen reissen und Saison für Saison von Gipfel zu Gipfel eilen, auf etwa drei, vier Dutzend beziffern. Allen voran sind es Briten. In ihrem kleinen Kreis verbrüdern sie sich zu einem Mikrokosmos von Alpinisten und gründen 1857 in London The Alpine Club, die erste Bergsteigervereinigung der Welt. An Meetings und in Jahrbüchern tauschen sie ihre Erfahrungen aus und diskutieren, wie sie ihr neu entdecktes Hobby weiterentwickeln können. Eine ähnliche Vereinigung konstituieren die Österreicher 1862.
In der Schweiz ruft 1863 eine Gruppe von Wissenschaftlern, Politikern und Mitgliedern des gebildeten Bürgertums mit dem Schweizer Alpen-Club (SAC) eine Gemeinschaft für «Hochgebirgsfreunde» ins Leben. Initiator ist Rudolf Theodor Simmler. Der Zürcher Chemie- und Geologieprofessor in Bern findet die Sachlage bemühend, ja sogar beschämend, «wenn das Publicum in der Schweiz über die Regionen des ewigen Schnee’s und Eises, über die Zugänglichkeit der Gletscher und Felsengipfel sich aufklären will, es zu den Beschreibungen des englischen Alpenclubs greifen muss.» Der SAC wird sogleich ein Erfolgsclub. Kurz nach der Gründung treten vier Bundesräte bei. Bei einigen SAC-Sektionen werden anfangs noch bergsteigende Frauen und «Fräuleins» akzeptiert, zumeist als «Tochter» oder «Ehefrau» registriert, 1907 dann aber offiziell ausgeschlossen. Bei den Engländern bleiben die Ladys von Anfang an draussen. Sie gehen gar soweit, dass die Hündin «Tschingel» Ehrenmitglied wird, aber nicht ihr «Frauchen», die Alpinistin Meta Brevoort. Mit ihr und ihrem Neffen William A. B. Coolidge hat «Tschingel» 66 grosse Bergtouren unternommen. Frauen nimmt der Alpine Club ab 1974 auf, der SAC erst ab 1980, also nachdem das Frauenstimmrecht auf Bundesebene bereits eingeführt war.
ATTACKIEREN, BESIEGEN, BEZWINGEN
Nachdem sich jahrtausendelang nichts oder nur wenig ereignet hat im Hochgebirge, folgen die Erstbesteigungen der Alpengipfel plötzlich Schlag auf Schlag. Das sogenannte «Goldene Zeitalter» in der Geschichte des Alpinismus dauert etwa von 1854 bis 1865. 1870 ist mehr oder weniger jeder namhafte Gipfel in der Schweiz bestiegen. Die Rhetorik, die damals in der alpinen Literatur gebraucht wird, könnte gar vermuten lassen, in der Zone des ewigen Eises sei Krieg ausgebrochen. Rudolf Theodor Simmler spricht im Zusammenhang mit dem SAC von «Feldzug», «Kriegsrat», «Generalstab», und «Hauptquartier». Bevor er mit seinen «Hochgebirgsfreunden» zum allerersten Vereinsabenteuer schreitet, der Tödi-Besteigung im Glarnerland, sagt er: «Diesen Moment stelle ich mir feierlich vor, wie ein Feldherr den Augenblick vor einer Schlacht, wo er vor der Front seinen Soldaten mit kurzen Worten die Situation enthüllt und ihnen Sieg und Ruhm verheisst.»

Das Niemandsland unter Kontrolle bringen: Schweizer Bergsteiger pflanzen eine Gipfelfahne. Skizze von Emil Rittmeyer, Mitbegründer der SAC-Sektion St. Gallen, publiziert 1861.
Ähnlich klingt die Wortwahl der Engländer. Auch in ihren Berichten geht es darum, einen Berg zu «attackieren» und zu «besiegen», als wäre er ein Gegner, den man buchstäblich mit Füssen tritt und mit Eispickeln schlägt. Leslie Stephen erklärt die Alpen mit seinem viel gelesenen Klassiker «Playground of Europe» ironisch zum «Tummelplatz». Und Edward Whymper, 1865 «Bezwinger» des Matterhorns, nennt sein Buch zweideutig «Scrambles Amongst the Alps». «Scrambles» kann sowohl als «Kletterei» wie auch als «Wettlauf» übersetzt werden.
Bergführer nennt man «Anführer», sie haben das «Kommando» respektive «Regiment», und ihre Zöglinge sind «Rekruten».
Am symbolischen Eroberungswettkampf der Alpengipfel beteiligen sich Bergsteiger verschiedner Nationalitäten, aber die Briten lassen den Rest weit hinter sich. «Eine besonders kräftige Pflege und Förderung, ja ein völlig sportliches Gepräge erhielt der Alpinismus durch die Engländer. Die Angelsachsen sind nicht nur die Pioniere des Westens, sie sind auch die Pioniere des europäischen Hochgebirges», schreibt der österreichische Alpinist Ludwig Purtscheller 1894 in einem Essay «Zur Entwicklungsgeschichte des Alpinismus und der alpinen Technik».
FURCHTBARER ANBLICK VON FELS UND EIS
Obschon die Eidgenossen die Alpengipfel gewissermassen auf dem Präsentierteller im eigenen Land haben, lassen sie sich Mitte des 19. Jahrhunderts vom Gipfelsturm englischer Touristen überrumpeln. Für den damals jungen Bundesrat ist das Hochgebirge ein Teil des Landesterritoriums, das er noch nicht unter Kontrolle hat. Der SAC habe seine Unternehmungen deshalb auch als «patriotische und wissenschaftliche Kolonisierung seines eigenen Niemandslandes» gesehen, schreibt Andrea Porroni in «Helvetia Club».
Heute mag sich man fragen, weshalb das Interesse an diesen Bergfahrten auf einmal schier politische Relevanz erlangt hat. Gleichzeitig aber auch, warum dieses Revier oberhalb der Vegetationsgrenze bisher grundsätzlich gemieden wurde. Immerhin stehen die Alpen schon seit ungefähr einer Million Jahre da.
Die Menschen hatten Angst vor dem Gebirge. Man wollte am liebsten nichts damit zu tun haben. «Es stand wie eine geistige Mauer dazwischen», schreibt Max Senger in «Wie die Schweizer Alpen erobert wurden». Diese Mauer musste durchbrochen werden. «Erst als diese Einstellung zwar nicht Allgemeingut, aber doch ‹gesellschaftsfähig› geworden war, durfte man daran denken, die physische Eroberung der Alpen in Angriff zu nehmen.»
Noch bis tief ins 18. Jahrhundert gilt des Römers Livius altes Wort von der Scheusslichkeit der Alpen – der Foeditas Alpium. Wer immer der unwirtlichen Einöde trotzt, die zwischen Nord- und Südeuropa liegt, tut das aus schierer Notwendigkeit und hält sich eng an die alten Passstrassen. «Gott gib mich meinen Brüdern zurück, damit ich sie warnen kann, diesen qualvollen Ort zu meiden», betet ein englischer Mönch, als er 1178 den Gotthard auf dem Weg nach Rom überquert. Der protestantische Missionar David Cranz beobachtet noch 1757 auf dem Flüelapass mit Bestürzung, wie nicht nur die Vegetation, sondern Sichtbares überhaupt verschwindet: «Wenn die Bäume und nach ihnen die Alpen wegen der grossen Kälte aufhören, sieht man noch ein wenig Gras zwischen den Steinhaufen, dann nur noch Moos und endlich gar nichts.» Sein Zeitgenosse Johann Joachim Winckelmann setzt sich gegen den Schrecken der Alpen zur Wehr, indem er 1760 auf dem Weg zu Italiens Kunstschätzen die Fenster seiner Kutsche verhängt, um sich den furchtbaren Anblick von Fels und Eis zu ersparen. Wer zu Pferd über die Saumwege muss, verbindet sich die Augen.
Dennoch gab es immer schon ein paar Verwegene, welche die Berge weder als «feindliche Macht» noch als «scheusslich» wahrgenommen haben. Etwa Peter II., König und Feldherr des heutigen Katalonien in Spanien. Um zu «entdecken und erkennen, was auf dem Gipfel ist», steigt er im Jahr 1250 in den Pyrenäen auf den Pic du Cnaigou (2780 m ü.M). Im Vordergrund steht sein Wissenstrieb und vielleicht auch Ergeiz. Der italienische Dichter Francesco Petrarca erreicht 1336 den Gipfel des Mont Ventoux, eine 1912 Meter hohe Erhebung in der Provence, «alleine von dem fieberhaften Wunsche beseelt, die bedeutende Höhe dieses Ortes zu sehen.» Petrarca ist er erste Mensch, der von einer Art «Gipfelextase» spricht. Im 16. Jahrhundert wird dann der Zürcher Arzt Conrad Gessner der erste Mensch, der die Anstrengung einer Wanderung als Genuss beschreibt: «Ich habe mir vorgenommen, fortan, so lange mir Gott das Leben gibt, jährlich mehrere oder wenigstens einen Berg zu besteigen, und zwar in der Jahreszeit, wenn die Pflanzen in der Blüte sind, theils um diese kennenzulernen, theils um meinen Körper auf ehrenwerte Weise zu üben und meinem Geist die edelste Erholung zu gestatten. Denn welche Lust ist es und welches Vergnügen, für den ergriffenen Geist, die gewaltige Masse der Gebirge wie ein Schauspiel zu bewundern und das Haupt gleichsam in die Wolken zu erheben.»
VERBOTE, VERHAFTUNGEN, DRACHEN
Aber weder Petrarca noch Gessner dringen bis ins Hochgebirge vor. Es gilt nach wie vor als wertlos. Am meisten Geringschätzung bringen ihm jene entgegen, die ihm am nächsten sind: Die Alpenbewohner. Bei grösster Mühe der Bewirtschaftung bringt der Gebirgsboden nur geringe, oder gar keine Erträge. Zudem verkörpern die unfruchtbaren, dem Menschen gar gefährlichen Stellen des Gebirges seit dem Mittelalter die Wohnstätten höllischer Geister und des Teufels. Diesem Glauben leistet die Kirche offen Vorschub. 1387 stecken die katholischen Behörden der Stadt Luzern sechs Mönche ins Gefängnis und verweisen sie dann des Landes, weil sie auf den mythenumrankten Pilatus wollten. Dessen Besteigung ist bis ins 16. Jahrhundert per Gesetz untersagt. Man glaubt, nur schon eine Annäherung an den Berg und den Bergsee, wo gemäss der Sage angeblich die Leiche von Pontius Pilatus, römischer Statthalter in Jerusalem, versenkt worden sei, bringe schreckliches Unheil. «Grusame, ungestüme wätter und Hagel, windschlegen und anlaufen der bergwasser» wären die Folge. Über hundert Jahre nach den Mönchen, 1518, holt Joachim Vadian, Reformator aus Sankt Gallen, eine offizielle Bewilligung für den Pilatus ein und besteigt den Gipfel. In den gefürchteten See wirft er Steine, worauf sich – oh Wunder – kein Unwetter zusammenbraut. Sowohl die Mönche wie auch Vadian haben die Besteigung des Pilatus in erster Linie aus Protest gegen den Aberglauben und die religiöse Intoleranz dieser Zeit geplant.
Die Furcht vor dem Gebirge und den bösen Wesen, die es möglicherweise bewohnen, bleibt lange verbreitet. Dazu verhelfen nebst der Kirche wissenschaftliche Theorien. Wie jene des Zürcher Arztes Johann Jakob Scheuchzer: 1716 veröffentlicht er sein Werk «Naturgeschichte des Schweitzer Landes» (Itinera Alpina). Darin bringt er ausführliche Beschreibungen von Drachen in den Schweizer Bergen. Zur Illustration hat er Skizzen von sagenhaften Ungetümen erstellt, manche mit dem Körper einer Schlange und dem Kopf einer Katze oder mit Fledermausflügeln, andere mit kurzen Beinen und einem Hahnenkamm oder einem behaarten, zweigezackten Schwanz. Scheuchzer kann das Vorkommen der Drachen sogar nach Kantonen ordnen. Betroffen sind seiner Meinung nach die beiden Appenzell, Bern, Glarus, Luzern, Unterwalden, Zürich sowie das «Pündtner-Land», die Grafschaft Sargans oder die Landschaft Gaster. Es sei klar, so schreibt er, dass es solche Lebewesen gebe. «Sie mögen eine besondere Art der Tiere ausmachen, oder, wie viele wollen, Missgeburten sein; denn man siehet, dass nicht alle von einerlei Art sind.»

Drachen «existiren» in der Schweiz bis ins 18-Jahrhundert: Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer hat sie in seiner «Naturgeschichte des Schweitzer Landes» auch abgebildet.
Immerhin gehört Scheuchzer zu den ersten Gelehrten, die sich aus ihren Studierstuben hinauswagen und in die Alpen reisen. Auf hohe Gipfel schafft er es jedoch nie. «Theils wegen körperlicher Erschöpfung, theils wegen der noch zurückzulegenden Entfernung.» Und er stellt fest: «Nicht jeder vermag es, sich an der Besteigung von Hügeln zu erfreuen, die bis zu den Wolken reichen. Sehr wenige schätzen ein mühsames Unterfangen dieser Art, das keineswegs lukrativ ist.»
Scheuchzers enorm umfangreiche Forschungen zeigen, wie wenig noch im 17. Jahrhundert von den Alpen und den Talbewohnern bekannt gewesen ist. Nebst den Drachen beinhalten seine Bände Kapitel wie «von des Sennen Person», «von Bergen, Neblen und Wolken», «von den wässrigen und winddichten Luftge-schichten des Schweitzerlandes» oder «von den Überbleibseln der Sündflut». Er glaubt, die Berge seien hohl, und er zeichnet erste Karten «von den Gletschern, Schnee- und Eisbergen» im Berner Oberland und im Rhonetal, die allerdings etwa so verlässlich sind wie seine Drachentheorie. Nach ihm wurden später das Scheuchzerhorn und das Scheuchzerjoch benannt, die zum Gebirgszug zwischen Finsteraar- und Oberaargletscher gehören.
STÜRMER, DRÄNGER, ROMANTIKER
Ein ganz neues Gesicht bekommt das Gebirge im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung. Diese begegnet der Natur insgesamt mit den nüchternen Methoden der Wissenschaft, aber gleichzeitig wächst das Unbehagen und die Kritik am Glauben an die Messbarkeit. Empfindsamkeit, Sturm und Drang und schliesslich die Romantik suchen einen ganz anderen Zugang zu ihr und finden nicht zuletzt in der Natur Erholung von Zivilisation und gesellschaftlicher Konvention. Sie verweisen auf die irrationalen Seiten des Lebens, auf Leidenschaften, Unberechenbarkeiten, und so entdecken sie auch die «barbarischen» Alpen mit ihren schroffen Felsen und tiefen Schluchten als ihre Seelenlandschaft. Schon 1729 macht der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller mit seinem Gedicht «Die Alpen» Furore, in dem er der «verweichlichten Zivilisation» die Augen für die Schönheit der Berge zu öffnen versucht. Er verachtet Städter, die in Luxus und Genuss leben. Jean-Jacques Rousseau sieht die Alpenbewohner noch in einem unverdorbenen Naturzustand, Joseph von Eichendorff schreibt vom «reinen, kühlen Lebensatem», den die Bergbewohner «auf ihren Alpen einsaugen». Schriftsteller aus ganz Europa schreiben von «süssen Schauern», wenn sie in den Alpen «trotzig hinabschauen in die Schrecken». Lord Byrons «Manfred» von 1817, ein Hauptwerk der Romantik und oft vertont und gemalt, spielt unter anderem auf dem Gipfel der Jungfrau. Reisen in die Schweiz kommen in Mode. Aber weder Rousseau, Byron noch die Stürmer und Dränger sind Alpinisten. Johann Wolfgang von Goethe steigt auf unbedeutende Gipfel wie die Rigi oder den Brocken in Deutschland und macht Passtouren.
Gleichzeitig beginnt auch die Wissenschaft, die geheimen Schlupfwinkel und verborgenen Einöden der Alpen zu erobern. Eine Welt, «die mehr wundervoll als bequem, mehr schön als nützlich ist».
DIE GEISTLICHEN UND DIE GELEHRTEN
In der Schweiz werden die ersten namhaften Gletscherberge von Geistlichen bestiegen. Unter anderem der Titlis 1739, der Vélan 1779, die Dents du Midi: 1784. Zu den bemerkenswertesten frühen Pionieren gehört Placidus a Spescha (1752 bis 1835). Alleine oder nur von einem Schafhirten oder Diener begleitet, besteigt er eine ganze Serie von Gipfeln als erster: Rheinwaldhorn, Oberalpstock, Piz Cristallina, Urlaun, Uffiern, Terri, Ault, Stoc Grond, Scopi, Muraun, Güferhorn. Er ist Pater im Kloster Disentis, Kartograf, Geograf, Natur- und Sprachenforscher.
Als «geistiger Vater des Alpinismus» geht der vermögende Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure in die Geschichte ein. Am 3. August 1887 steht er auf dem 4810 Meter hohen Mont Blanc, nachdem er 27 Jahre zuvor demjenigen eine hohe Geldsumme versprochen hatte, der eine Route auf den Gipfel findet. Begleitet wird er von seinem Diener, dem «Weg-Finder» Jacques Balmat und siebzehn Trägern. Sie schleppen Saussures «physikalische Werkzeuge und alle nöthigen Geräthe». Dazu gehören auch seine persönlichen Gegenstände wie Sonnenschirm, Zelt, Klappbett mit Matratze, Betttücher, Decken, zwei Überröcke, drei Jacken, drei Westen, sechs Hemden, ein weisser und ein Reiseanzug, Stiefel, Gamaschen, ein Paar Schuhe mit grossen und zwei Paar mit kleinen Spitzen, zwei Paar gewöhnliche Schuhe und Pantoffel. Für den mühseligen Aufstieg von Chamonix bis auf den Gipfel brauchen sie drei Tage. Ab den Grands Mulets muss Saussure alle fünfzehn Schritte pausieren, um Atem zu schöpfen. Oben angekommen, fühlt er aufgrund der Höhe «eine leichte Neigung zum Erbrechen». Das mitgebrachte Essen ist gefroren, und die Begleiter, denen die «Dünnigkeit der Luft» ebenfalls zur Last fällt, «bekümmerten sich nicht einmal um den Wein und gebrannte Wasser», schreibt Saussure später in seinem vier Bände umfassenden Werk «Voyages dans les Alpes». «Sie hatten wirklich gefunden, dass die starken Getränke die Unpässlichkeit vermehrten, wahrscheinlich weil sie den schnellen Umlauf des Geblütes noch beschleunigen. Bloss frisches Wasser that gut und war uns angenehm; aber es kostete Zeit und Mühe, Feuer anzumachen, und sonst war keines zu haben.»
Die Delegation verbringt vier Stunden auf dem Gipfel. Während Saussures Begleiter auf ihren auf den Schnee gelegten Säcken schlafen, nimmt er allerlei Messungen vor. Das Wasser zum Siedepunkt zu bringen, so stellt er fest, erfordert auf dem Mont Blanc eine halbe Stunde. Zu Genf lediglich fünfzehn bis sechzehn Minuten. Eine Pistole, die er auf dem Gipfel abfeuert, «machte nicht mehr Lärm als ein kleiner chinesischer Schwärmer im Zimmer». Der Puls von Bergführer Balmat schlägt nach den vier Stunden Ruhe 98-mal, der von Saussures Diener 112-mal und sein eigener 100-mal in einer Minute. In Chamonix sind es 49, 60, 72-mal.
In den folgenden Jahrzehnten dringen weitere Gelehrte ins Hochgebirge vor, jedoch nur einzelne und wie Saussure weniger der Berge wegen, sondern zu Forschungszwecken. Wie können Vögel und Insekten in diesen Höhen überleben? Weshalb bewegen sich die Gletscher, wie sie sich bewegen?
Oder die Meyers aus Aarau, die 1811 und 1812 mit Gemsjägern vom Wallis auf die Jungfrau klettern, um von dieser unbekannten Gegend Kartenmaterial zu erstellen. Eine Besteigung, ohne Messungen oder andere der Menschheit dienliche Beobachtungen durchzuführen, wird zu der Zeit als nutzlos angesehen oder gar nicht anerkannt. Wie etwa die Finsteraarhornbesteigung von 1812, als Meyer erschöpft auf dem Grat zurückbleibt und seine Führer angeblich alleine den Gipfel erklimmen. 1813 wird dann in der Schweiz noch das Zermatter Breithorn (4164 m ü.M.) von einer Gruppe um Henry Maynard erstmals bestiegen. 1819/20 im Monte-Rosa-Massiv die Vincentpyramide (4215 m ü.M.) und die Zumsteinspitze (4563 m ü.M.) von Joseph und Johann Vincent sowie Joseph Zumstein, 1822 die Ludwigshöhe (4341 m ü.M.) von Ludwig Freiherr von Welden.
WIRTSCHAFTSKRISE, KALTE WINTER, HUNGERJAHR
Trotz des alpinistischen Enthusiasmus’, den Saussure mit dem Mont Blanc ausgelöst hat, kommt die Bewegung ins Stocken. Man hat dringendere Probleme in der Folge der napoleonischen Kriege. Zwischen 1806 und 1814 verhängt der französische Kaiser eine Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln – als Antwort auf die vorangegangene britische Seeblockade der französischen Küste. Dadurch geraten die Handelsbeziehungen fast aller Länder des Kontinents ins Schleudern, allen voran Frankreich selber. Am wenigsten trifft die Sperre jedoch Grossbritannien, es findet sogleich neue Absatzmärkte. In der Schweiz ist insbesondere die Textilindustrie betroffen, in der auch die Meyers aus Aarau tätig sind. Statt weitere Gipfel zu besteigen und Reliefs zu erstellen, müssen sie sich um das Überleben ihrer Fabrik kümmern. Alleine in der Schweiz werden gegen 200 000 Weber und Sticker arbeitslos.
Zudem bewirken klimatische Einflüsse grosse Katastrophen: Nach zwei ausserordentlich harten Wintern spuckt 1815 in Indonesien der Vulkan Tabora so viel Asche aus, dass danach achzehn Monate lang weltweit kaltes Wetter herrscht. 1816 wird «das Jahr ohne Sommer». Es schneit jeden Monat bis auf mindestens achthundert Meter herab. Darauf folgt eine Wärmeperiode mit rascher Schneeschmelze und Überschwemmungen. Die Missernten führen zu fürchterlichen Zuständen – auch in der Schweiz. In Sankt Gallen verhungern zwischen 1816 und 1817 sechstausend Menschen, Appenzell verliert sechs Prozent der Bevölkerung.
So wundert es wenig, dass in diesen Jahren, wo Schweizer gezwungen sind, Heu zu essen, Katzen und Hunde als seltene Delikatessen gelten, in der alpinistischen Technik ein deutlicher Rückschritt zu verzeichnen ist. Jungfrau und Finsteraarhorn sind seit den Meyers nie mehr angegangen worden und fast schon in Vergessenheit geraten. Erst 1827 nimmt Gletscherforscher Franz Josef Hugi, Professor am Gymnasium und Direktor des Museums in Solothurn, einen erneuten Anlauf auf die Jungfrau, dann auch mehrere auf das Finsteraarhorn. Er scheitert bei all seinen Versuchen. Den Finsteraarhorn-Gipfel erreichen 1829 seine Haslitaler Bergführer. Er selber muss wegen eines verstauchten Knöchels im Sattel zurückbleiben.
Bemerkenswert sind nicht nur Hugis Komplikationen am Berg, sondern auch jene im Tal. Im Lötschental begegnen die Einheimischen Hugi und seinen Begleitern höchst misstrauisch. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Männer den weiten Weg unter die Füsse genommen haben, nur um Gletscher zu erforschen. So etwas hat man hier noch nie gehört. Man glaubt, sie seien Viehdiebe, Schmuggler oder anderes Gesindel. Keiner will ihnen Unterkunft geben. «Die Walliser staunten mächtig über unsere Ankunft von jenen weissen Himmelshöhen herab», schreibt Hugi in «Naturhistorische Alpenreise». «Zwischen den Dörfern Zneisten und Platten hielt ich mit meinen acht Trägern am Bache, in hohes Gras gelagert, noch einen Abendtrunk. Wie die Einwohner unser aufgepflanztes Fass, die Hutten und Reisegeräthschaften sahen, und Peter einige Worte von Krieg fallen liess, wurde es ihnen unheimlich. Ein altes Mütterchen kreuzte sich und eilte so schnell als möglich vorbei. Überhaupt sah ich wohl, dass man wenig Gutes uns zutraute. In Kippel, wo der Pfarrer zugleich Wirth ist, wurden wir erst nach langer Deliberation mit den Nachbarn ins Haus gelassen. Wohl eine halbe Stunde sassen wir so ungewiss auf der Mauer des Kirchhofes. Meine Gefährten waren aber alle von ungewöhnlicher Grösse, Baumann tüchtig benarbt, und die meisten so bebartet, dass ihre Kraftgesichter und der ganze muskulöse Gliederbau wohl geeignet war, Besorgnisse zu erregen.»
EINE BERNER JUNGFRAUFAHRT
Im Sommer 1828 macht sich auch der Zürcher Caspar Rohrdorf, Präparator am naturhistorischen Museum in Bern und Aufseher des Bärengrabens, zur Jungfrau auf. Er meint, er erweise dem Kanton einen Bärendienst, wenn er als erster Mensch von der Berner Seite auf den Gipfel steigt und Kartenmaterial zeichnet. Aber er bleibt ebenfalls auf der Strecke. Wie unwissend und amateurhaft Rohrdorf unterwegs ist, vernimmt man aus seinen Beschreibungen in «Reise über die Grindelwald-Viescher-Gletscher auf den Jungfrau-Gletscher». Mit vier Führern, acht Trägern und zwei Hirten startet er von der Stieregg oberhalb von Grindelwald. Sie biwakieren eine Nacht in der Eigerhöhle und erreichen am nächsten Nachmittag das Mönchsjoch. Rohrdorf als letzter. Er schreibt: «Wir staunten eine Weile; wo ist jetzt die Jungfrau? fragte ich den Führer Christian Roth; das weiss ich nicht, antwortete er; und ich eben so wenig, sagte ich.» Auf dem Hosenboden rutschen sie den Hang hinab und folgen dem Pfad ihrer Begleiter, die vorausgegangen sind. «Als wir sie erreicht hatten, rufte ich, ob nicht dort unten die Jungfrau sey? Ob ich denn das nicht wisse? versetzten sie; ich gab ihnen zur Antwort, wie ich das wissen könnte, ich sey ja so wenig je hier gewesen als sie; jetzt kamen die beyden anderen zurück und Hildebrand Burgener sagte ein wenig hitzig: das da drüben sey die Jungfrau und nicht die untere; die Vernünftigeren suchten ihn zu besänftigen; ich sagte, ich wollte dahin gehen, wo er gewesen sey, dann werde ich wohl so gut als er sehen, ob das die Jungfrau sey oder nicht.» Auf dem Grat zwischen Jungfrau und dem Mönch erkennt Rohrdorf «ganz deutlich» die beiden Silberhörner und in der Tiefe die Wengernalp und den Thunersee. «Ihr habt ganz recht, sagte ich nun Burgener; er aber fieng wieder an zu jammern: jetzt müssen wir alle sterben wie die Mücken, wer will hier eine Nacht auf dem Gletscher aushalten! sterben müssen wir alle, wir kommen heute nicht mehr in die Höhle zurück! Ich sagte, warum habt ihr mir nicht gefolgt, als ich euch befohlen, wenigstens die Decken mitzunehmen, es geschieht euch recht, ich will auch mit euch erfrieren, dann hat Einer was der Andere, und lachte ob diesem Geschwätze; die Hälfte meiner Leute aber glaubte an seine Reden. Ich sagte: wisset ihr was, wer mit mir will, der komme, und wer nicht will, der gehe in die Höhle zurück, bey 12 Grad Wärme wird keiner erfrieren.»
Alle bleiben und sie errichten mit Steinen eine Lagerstätte, laben sich mit Wasser und Kirschwasser, Brot, Fleisch und Käse. Zum Schlafen legen sich die älteren wie Löffel ineinander. Die Jungen hingegen, vor Angst zu erfrieren, tanzen und lärmen bis nach Mitternacht. Das Thermometer sinkt «auf vier volle Grad über Eis.» Am nächsten Morgen um 4 Uhr befiehlt Rohrdorf seinen Leuten, aufzubrechen «und eine Probe zu machen, wie weit man auf die Jungfrau Vordringen könne». Er selber macht keine Anstalten mitzugehen, bleibt mit Roth zurück, trinkt Wasser mit Wermuth-Extrakt auf deren Gesundheit und zeichnet dilettantisch die Jungfrau ab. Bald darauf kehren die anderen zurück und erzählen, dass sie auf dem Rottalsattel umgekehrt wären, weil sie «von dem Winde so ergriffen worden, dass es unmöglich gewesen sey, weiter fortzukommen.» Noch ein anderer Umstand habe sie zurückgetrieben, meint Rohrdorf: «Nämlich die Besorgnis, dass sie nicht mehr in die Höhle zurückkehren möchten und noch einmal auf dem Gletscher übernachten müssten.»
Zurück im Flachland gibt er Christian Roth einen Geldvorschuss und den Auftrag, noch andere Männer von Lauterbrunnen zu engagieren. Rohrdorf will die Jungfrautour wiederholen. Aber Roth hat Eigenes im Sinn: Mit Rohrdorfs Geld engagiert er sechs Grindelwaldner und führt die Besteigung eigenmächtig durch – ohne Rohrdorf zu benachrichtigen. Selber erreicht Roth den Gipfel nicht, aber die anderen. Sie pflanzen Rohrdorfs 36 Pfund schwere Fahne und behaupten, keine Anzeichen eines früheren Besuchs aufgefunden zu haben. Für diese Besteigung erhalten sie von der Kantonsregierung, welche damals noch Pioniere mit Vorbildcharakter belohnt, je einen Doppeldukaten Prämie.
DIE ERSTE HOCHALPINE KATASTROPHE
Einzig am Mont Blanc, dem höchsten Alpengipfel, bleibt in diesen Jahren das Interesse konstant. Von 1787 bis 1850 wird dieser vergletscherte Riese rund fünfzigmal bestiegen. 1820 ereignet sich hier auch der erste hochalpine Unfall überhaupt. Der russische Wissenschaftler Dr. Joseph Hamel lässt einen Käfig voller Brieftauben hochschleppen, um zu testen, ob diese in der verdünnten Luft fliegen können. Bei diesem weltbewegenden Experiment begleiten ihn ein Genfer Ingenieur und zwei Engländer der Universität Oxford. Unterhalb des Gipfels geraten sie in eine Lawine. Drei der zwölf Führer sterben. Die Tragödie wirkt einerseits abschreckend, andererseits bewirkt sie, dass die Besteigung noch prestigeträchtiger wird. «Sind Sie auf dem Berg gewesen?», sei in Chamonix eine notorische Frage geworden, berichtet ein Engländer. Die Antwort habe über das generelle Ansehen des Gefragten entschieden. Besonders bei den ausländischen Damen.
1838 steigt die französische Comtesse Henriette d’Angeville auf den höchsten Alpengipfel. Nachdem das erste «Frauenzimmer» auf dem Mont Blanc, Marie Paradies, 1808 ab dem Grand Plateau getragen und am Seil gezogen worden ist, will sie die Anstrengungen bis zuoberst aus eigener Körperkraft bewältigen und lässt sich dafür «Mannskleider» anfertigen – weite Hosen, die sie unter einem langen Mantel trägt und erst am Berg anzieht, damit sie Chamonix noch in betont femininer Kleidung verlassen kann. Im Gepäck hat sie Kölnischwasser, einen Fächer, einen Schuhlöffel, Thermometer und Fernglas, sowie einen Spiegel, um die Gesichtshaut auf Sonnenbrand hin zu kontrollieren, damit rechtzeitig Gurkencreme zur Kühlung aufgetragen werden kann. Beim Aufstieg kommt sie an die Grenzen ihrer Kräfte. Eine «unwiderstehliche Müdigkeit» zwingt sie zu einer kurzen Schlafpause. Den Gipfel schafft sie dennoch. Dort soll sie sich auf die Schultern ihrer Führer gesetzt haben, damit sie eineinhalb Meter höher gewesen sei als alle vor ihr.
Der grosse Mont Blanc bleibt ein Magnet. Rundum und im restlichen Hochalpenraum bleibt es dagegen noch immer relativ still. In dieser Zeit beginnen die ersten Schweizer Bergsteiger ihre Freizeit regelmässig in der Höhe zu verbringen. Unter ihnen etwa der Berner Gottlieb Studer, der Zürcher Theologe Melchior Ulrich, der Sankt Galler Textilhändler Jakob Weilenmann oder der Churer Forstingenieur und Gebirgstopograf Johan Coaz, der zwischen 1845 und 1850 im Bündnerland achtzehn Gipfel besteigt, darunter den 4049 Meter hohen Piz Bernina. Ihre Bergfahrten haben jedoch noch keinen Wettkampfcharakter und dienen nach wie vor dazu, für die Nachwelt nützliche Kenntnisse heimzubringen.
VON TOURISTEN UND ALPINISTEN
DIE INDUSTRIALISIERUNG RUINIERT IN GROSSBRITANNIEN DIE LANDSCHAFT UND DAS ESSEN — DIE «GEWESPETEN TAILLEN» IN INTERLAKEN — ALPINIST, DER NEUE ELITÄRE GESELLSCHAFTLICHE STAND — «HERR, SIE KLETTERN SO GUT WIE EINE GEMSE!» — DIE ERSTE KOMMERZIELLE VERMARKTUNG EINER BERGTOUR — FLITTERWOCHEN MIT DEM BERGFÜHRER STATT MIT DER EHEFRAU
Wozu Barometer und andere wissenschaftliche Geräte ins Hochgebirge befördern, wenn man auch mit leichtem Rucksack losziehen kann? Das mögen sich die jungen, unternehmungsfreudigen Engländer in den 1850er-Jahren gedacht haben. Sie sehen die eisigen Höhen als Paradies voller jungfräulicher Gipfel, die sie als deren «Liebhaber» in ihren langen Sommerferien besteigen können. Warum sie diese mühselige und gefährliche Trophäen-Jagd so fanatisch betreiben, wissen sie selber nicht genau. Edward Shirley Kennedy, Mitbegründer des Alpine Club und einer von Melchior Andereggs «Herren» schreibt: «Ich behaupte, dass dieses Kräftemessen mit der Natur in ihren wildesten Launen Freude hervorbringt.» Er fühle danach einen stillen Stolz – auf die geleistete Arbeit und auf den gegen alle Widerstände errungenen Erfolg. Aber er könne nicht sagen, ob dieser aggressive Trieb auf das angelsächsische Blut zurückzuführen sei, «wie manche meinen, oder ob es sich nur um eine der Seinsweisen handelt, in denen bei gewissen Individuen die ‹Widerspenstigkeit› des menschlichen Charakters zum Vorschein kommt.»
«Unerforschte Gebiete, Flüsse, die keinen Namen haben, Völker von denen man nichts weiss, Gebirge, die man nicht genau kennt, das alles wirkt auf den Engländer magnetisch. Er muss hin und die Sache untersuchen», schreibt Max Senger. Die Londoner Tageszeitung «The Times» spottet: «Er muss nachschauen, ob der Globus vielleicht doch irgendwo ein Ende hat.» Während Thomas Cook zweihundert Jahre zuvor die Welt umsegelt und in Neuseeland Kanibalen getroffen hat, finden die jungen Alpinisten nun nicht in Afrika oder am Nordpol einen weissen Fleck auf der Landkarte, sondern in greifbarer Nähe, im Zentrum des aufgeklärten Europa. Berge, von denen es heisst, sie seien nicht ersteigbar und Heimat von Geistern und Drachen. Hier finden die verwöhnten Söhne Englands ganz neue Grenzen, die sie wagemutig überwinden können.
Das Vereinigte Königreich Grossbritannien und Irland dominiert in jenen Tagen weltweit auf fast allen Gebieten. In Europa ist der Inselstaat die wohlhabendste Nation, wirtschaftlich, industriell und technologisch am weitesten fortgeschritten. Von den kontinentalen revolutionären Aufständen 1848 ist es dank politischer Reformen verschont geblieben. Wer es sich leisten kann, verbringt die Sommerferien in der Schweiz. Die Kluft zwischen reich und arm ist riesig, was die gehobene Oberschicht allerdings wenig kümmert. Während in den Armenvierteln Londons die Menschen hungern und von Seuchen heimgesucht werden, stört sich das Bürgertum vor allem an den negativen Auswüchsen der Industrialisierung, die ihre Kochtöpfe erreichen.
DAS GESETZ DER WIRTSCHAFT
John Ruskin, selber aus wohlhabendem Haus und damals bekanntester englischer Sozialphilosoph, wird nicht müde, die Entwicklung zu kritisieren. In den Tälern von Lancastershire sei es unmöglich, tausend Meter zurückzulegen, ohne auf eine Fabrik oder einen Hochofen zu stossen. Die Industrialisierung erniedrige die Natur, ruiniere die Landschaft und den Charakter der Waren, die sie hervorbringe: Bier wird mit Schwefelsäure gewürzt, Weissbrot enthält Alaunpulver, Vollkornbrot wird mit Kartoffeln, Kreide und Kaolin verpanscht, Tee mit Blättern und Heckenschnipseln hergestellt, Pfeffer mit Abfall angereichert, Milch mit Wasser verdünnt. «Im wahrhaftigen England ist alles falsch oder gefälscht.»
Es gebe kaum ein Produkt auf dieser Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, mahnt Ruskin. «Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.» Das Gesetz der Wirtschaft verbiete es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten.
Seinen Sinn für soziale Gerechtigkeit rollt Ruskin bis in die Alpen aus, die er wie Tausende Briten damals selber bereist. Für das Erklimmen eines hohen Gipfels will er sich jedoch nicht erwärmen, weil dies nur einer auserlesenen Schar von körperlich fitten Personen vorbehalten sei. Alles, was sich in den Alpen anzuschauen lohne, solle jedem Besucher zugänglich sein, argumentiert er. «Wahre Schönheit ist nur dort zu sehen, wo alle sie betrachten können, das Kind, der Krüppel und der ergraute Mann.» Er bleibt darum im Tal und ist der Meinung: «Die besten Aussichten auf Berge hat man von ihrem Grund.»
In dieser Hinsicht stimmen die meisten, der «gewöhnlichen» Touristen Ruskin bei. Sie kommen in die Schweiz, um sich zu erholen. Am liebsten ohne zusätzliche Anstrengung, denn die Reise mit den ungefederten Kutschen und einfachen Karrwagen bis in die gepriesenen Täler ist schon strapaziös genug. Für sie ist diese Art, die Sommerferien zu verbringen, avantgardistisch und extrem genug. Entschädigt werden sie durch die Naturschauspiele, das Klima, die Wanderungen und Heilbäder, wo sie ihre Wohlstandswehwehchen kurieren.
DIE ENGLISCHEN TOURISTEN
Interlaken, dreissig Kilometer von Melchior Andereggs Wohnsitz entfernt, gilt seit den 1830er-Jahren als «Englische Kolonie», was die lokalen Touristiker freut, die Touristen aber zunehmend verwirrt. Sie fliehen vor der Industrialisierung in ihrer Heimat, erwarten in der Schweiz Alpenromantik und urige Chalets – und treffen auf ihresgleichen. Die unberührten Alpen aus Byrons berühmten Gedichten scheinen sie nicht mehr zu sehen. Ein nach Interlaken ins Exil gezogener französischer Graf notiert in seinem Tagebuch, die Briten kämen nur der Mode wegen in die Berge, aus Stolz, weil sie nichts Besseres zu tun hätten, und nur selten aus echter Neugier. Das Treiben in der Berner Oberländer Touristenkapitale, welche den typischen dörflichen Charakter längst eingebüsst hat, beschreibt er so:
«Frühmorgens wird man durch den Lärm einer Reiter-Kavalkade geweckt, die sich auf einen Ausflug zum Staubbach oder zum Grindelwaldgletscher vorbereitet. Fünf oder sechs junge Frauen warten auf ihren Pferden, während zwei Matronen auf Esel gehievt werden, um dem Unternehmen den Anschein von Schicklichkeit zu verleihen. Ein Dutzend Dandys in Blusen und mit langen Nagelstöcken, die sie wie Lanzenschwerter tragen, umrunden die Karawane auf ihren Rössern. Nach viel Gerede und Geschrei und als feststeht, dass niemand im Dorf ungestört geblieben ist, entfernen sie sich im wilden Durch-einander. Wenn das Wetter gut ist, wird der Abend Spaziergängen gewidmet. Aber wenn es regnet, entgeht man nicht der Qual, abscheuliche Musik zu hören, gespielt von Laien, die sich eines Klaviers bemächtigen und die Stücke verhunzen, die im vorhergehenden Winter in Paris grosse Mode waren.»
Auch wollen die Briten in den Alpen unter sich bleiben und ungern mit Touristen anderer Nationen zu tun haben. Selbst innerhalb ihrer eigenen Kreise achten sie darauf, dass sie nur mit ihresgleichen verkehren. Die Hierarchie der englischen Gesellschaft funktioniert kompliziert. Befreundete Adelige nennen sich nicht beim Vornamen, sondern beim Titel: Earl, Baron, Duke, Colonel. Gegenüber unteren Schichten bleibt man distanziert und desinteressiert. Der Genfer Zeichner und Novellist Rodolphe Töpffer nennt die Engländer 1837 «einzigartige Sterbliche», die in der Lage sind, durch Täler zu wandern, ohne irgendein Zeichen des Grusses, der Höflichkeit oder auch nur Zivilisiertheit erkennen zu lassen. Das steife, zurückhaltende, stolze, barsche, unbeholfene, verschlossene Auftreten der Briten interpretieren andere als Schüchternheit, die von den geselligen Schweizern, Italienern und Franzosen missverstanden werde.
Bei der Pariser Schriftstellerin Amantine-Aurore-Lucile Dupin, die unter dem Pseudonym George Sand schreibt, müssen die Engländer gar als Karikaturfiguren herhalten:
«Albions Inselbewohner bringen ein eigenartiges Fluidum mit sich, das ich das britische Fluidum nennen würde. Darin eingehüllt reisen sie und sind so unzugänglich für die Atmosphäre der Gebiete, die sie durchqueren, wie eine Maus im Zentrum einer Tretmühle. Ihre ewige Teilnahmslosigkeit ist nicht allein auf die vielen tausend Vorsichtsmassnahmen zurückzuführen, die sie treffen. Sie geht nicht darauf zurück, dass sie drei Paar Hosen, eine über der anderen, tragen und ihr Ziel trotz Regen und Schlamm völlig trocken und sauber erreichen; nicht darauf, dass ihre steife und metallische Frisur der Feuchtigkeit infolge ihrer Wollmützen trotzt; auch nicht darauf, dass sie mit genug Pomaden, Bürsten und Seifen beladen sind, um ein ganzes Regiment bretonischer Rekruten in Adonisse mit stets gepflegtem Bart und makellosen Fingernägeln zu verwandeln. Der Grund ist, dass die äussere Luft keinen Einfluss auf sie hat, denn sie gehen, trinken, schlafen und essen eingekapselt in ihrem Fluidum wie in einem sieben Meter dicken Gefäss, aus dem heraus sie mitleidig auf Reiter herabblicken, deren Haar vom Wind zerzaust wird, und auf Fussgänger, deren Schuhe vom Schnee beschädigt werden.»
DIE ENGLISCHEN ALPINISTEN
Die junge Generation Engländer, die sich systematisch dem touristischen Bergsteigen zuwendet, tut dies nicht zuletzt, um sich von diesem «Spiessbürgertum» abzugrenzen. Mit ihrer ungewöhnlichen Urlaubsbeschäftigung schaffen sie einen neuen gesellschaftlichen Stand: Die Alpinisten. Obschon sie in den Alpen Touristen sind wie alle Touristen, wollen sie nicht zu ihnen gehören und sich vom «Gewöhnlichen» abheben. Das tun sie mit dem Rückzug in die unzugänglichen, unberührten Gletschergegenden. Im Hochgebirge sind sie nicht einfach Touristen, sondern Alpinisten, die eine eigene Elite bilden und unter sich bleiben. Der Berg wird zum Symbol der Einsamkeit, Stille und Weltflucht. Je mehr sich Wohlstand, Überfluss und materieller Luxus ausbreitet, desto mehr begrüssen und preisen die geplagten Städter die Unwirtlichkeit des Gebirges.
Welche Abscheu Leslie Stephen vor dem Touristenstrom und dem «Gewöhnlichen» empfindet, bringt er in seinem Buch «Playground of Europe» zu Papier. Nicht-Bergsteiger sind für ihn alte Männer, Krüppel, kostümierte Damen, Cook-Touristen, dicke deutsche Professoren und Amerikaner, welche die Alpen im Galopp und nur von unten besichtigen – und damit alles verpassen, worauf es gemäss seiner Weltanschauung ankommt. Er sieht sie als «Flut», als «Tiere mit Herdentrieb» und «Schwärme», die von «Fliegenfallen» wie St. Moritz angezogen werden. Weil diese «gesichtslose Masse» anders als er nicht fähig ist, tagelang im Gebirge zu klettern, bezeichnet er sie gar als körperlich minderwertig und weniger überlebenstüchtig.
Diese Verachtung gegenüber Nicht-Alpinisten, der Hohn auf die armseligen Freuden und Genüsse der im Staube der Täler Kriechenden seien begreiflich, analysiert später der deutsche Grafologe Heinrich Steinitzer in seinem Essay «Psychologie des Alpinisten». Die so sprechen, schreibt er, hätten diese für sie verachtenswerten Freuden und Genüsse einst selber erlebt, darunter gelitten, sie aber überwunden, vielleicht nur für Stunden und Tage, doch das könne ihnen die Erinnerung daran nicht rauben, dass sie einmal all ihre Willenskraft aufgewendet haben, um mehr zu sein, als sie von Natur aus seien. Steinitzer geht sogar soweit, dass er die Behauptung aufstellt: «Es ist zweifellos, dass der Alpinismus so gut wie aufhören würde, wenn es auf irgendeine Weise gelänge, dem Alpinismus jede Möglichkeit zu nehmen, andere von seinen Leistungen zu unterrichten.»
KLASSENGESELLSCHAFTEN IN DEN BERGEN
Auch die Schweizer Alpinisten beginnen in den 1850er-Jahren über die «gewöhnlichen» Touristen zu schnöden. Der Thurgauer Dr. Abraham Roth, später Redaktor beim Schweizer Alpen-Club, schreibt in seinem Buch «Gletscherfahrten in den Berner Alpen»: «Bei meinen puritanisch-republikanischen Landsleuten ist es in neuster Zeit Ton geworden, mit Achselzucken von Interlaken zu reden, als wären durch die Anwesenheit so vieler Fremden die Alpen entweiht.» Es sei nicht auszuhalten unter dem vornehmen Volke. Der köstliche Duft der Nussbäume ersticke unter den Strömen von Eau de mille fleurs und Patschouli. Über den gewespeten Taillen der Damen und Dämchen verliere man am Ende auch den Geschmack an der Jungfrau. Die Standesvorurteile seien jedoch gegenseitig, fügt Roth an. Ob die Gräfin in Ohnmacht sinke, wenn ihr Kutscher zufällig ein Andenken aus der Sphäre seines Wirkens an den Stiefeln trage oder ob der edle Proletarier in Zorn aufkoche, wenn er an der Brust seines Nachbarn ein regelgerecht gebügeltes Hemd sehe: «Es ist Eines so lächerlich wie das Andere. Wir sind, denk’ ich, über die Periode hinweg, da man sich ein natürliches Herz nur unter den Lumpen dachte und Eugen Sue auf seidenen Polstern und im damastenen Schlafrock die Tugend der Armuth pries.»
Der Tugend der Armut respektive der Tugend des Ursprünglichen zu huldigen, ist manchen der wohlhabenden englischen Alpinisten jedoch Gebot. Sie könnten sich alles leisten, ziehen es dennoch vor, sehr lange Reisedistanzen zu Fuss zurückzulegen. Nicht aus Geiz, sondern weil sie ihre Fitness als einzigartigen Reichtum erachten, der sie vom durchschnittlichen Touristen unterscheidet. Zum Beispiel den weiten Weg von Leukerbad über die Gemmi nach Thun bewältigen sie in zehneinhalb Stunden aus eigener Körperkraft, obschon Teilstrecken zu Pferd, mit Karrwagen und Kutsche möglich wären. Unterkünfte in abgelegenen Bergtälern lassen sie nicht im Voraus reservieren. Sie überlassen es dem Zufall, ob sie in einem Bett schlafen werden oder unter freiem Himmel.
Kommt hinzu, dass nicht alle englischen Bergsteigerpioniere über ein dickes Bankkonto verfügen. Etwa der Ire John Tyndall, Sohn eines Polizisten, oder Edward Whymper, Sohn eines Druckers, gehören nicht zur Oberschicht.
Innerhalb des «Alpine Clubs» spielt die Herkunft oder Finanzlage der Mitglieder keine Rolle. Beitreten kann nicht einfach jeder, der den Mitgliederbeitrag bezahlen kann, sondern nur ausgewiesene Bergsteiger, später auch solche, die wichtige Beiträge zu Wissenschaft, Kunst oder Literatur der Hochgebirgsregionen vorweisen können.
NATIONALISIERUNG IN DEN BERGEN
Unter dem Strich bleibt im 19. Jahrhundert das Bergsteigen als Freizeitbeschäftigung trotzdem solchen vorbehalten, welche erstens über die dafür nötigen Finanzen verfügen, und zweitens über genügend Freizeit. Eine Reise in die Berge ist kostspielig und braucht Zeit. Selbst von Zürich oder St. Gallen aus. Deshalb verwundert es wenig, dass in den Anfangszeiten des Hochtourismus nebst jenen, die überhaupt nicht arbeiten mussten, vor allem Juristen, Ärzte, Priester oder Universitätsprofessoren aktive Alpinisten sind. Sie verdienen gutes Geld oder haben lange Sommerferien, im besten Fall beides.
Diese Männer haben noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie lieben es von den Bergführern gerühmt zu werden. «Herr, Sie klettern so gut wie eine Gemse!» oder «Sie gehen so schnell wie der Herr Stephen!» Von einem sonderbaren Lob berichtet Thomas Hinchliff in «Summer Months Among the Alps»: «Ich habe von Führern häufig gehört, dass sie am liebsten nur mit Engländern und Schweizern ins Gebirge gehen würden. Die Gäste anderer Nationen seien keine gute Alpinisten.» Schwierige Berge würden die Bergführer darum nur mit «Switzern» und «Englishmen» vornehmen. Zwar zieht Hinchliff in Betracht, dass diese Aussagen der Führer lediglich Schmeicheleien seien, «vielleicht weil die Engländer besser bezahlen als andere, ausgenommen die Amerikaner. Aber gewiss ist, dass es unter den Schwärmen von Franzosen und Deutschen in Touristenorten wie Interlaken kaum einen gibt, der willig wäre, eine anstrengende Tour zu unternehmen. Und noch schwieriger ist es, unter ihnen einen zu finden, der eine Tour auch erfolgreich zu Ende führen könnte.» Er selber habe Deutsche und Franzosen getroffen, die einen Gipfel besteigen wollten und damit geblufft hätten, was sie alles können, dann aber aufgaben, bevor die Hauptschwierigkeiten am Berg überhaupt angefangen hätten. «Einer war ein gigantischer Franzose, den ich 1854 in Zermatt kennengelernt habe», so Hinchliff. «Den ganzen Abend prahlte er davon, er sei auf dem Wetterhorn gewesen. Eine Besteigung, von der ich ausser von ihm nie etwas gehört habe. Am nächsten Tag wollte er uns über den Gletscher aufs Weisstor begleiten. Aber schon beim ersten Anzeichen von Morgennebel flehte er, dass wir umkehren, was er mit seinem Führer dann auch tat. Wir dagegen hatten eine gefreute und erfolgreiche Tour.»
BÜHNENSHOW IN LONDON
Der erste Bergsteiger, der seine Tour im grossen Stil kommerziell vermarktet, ist der englische Journalist und Entertainer Albert Richard Smith. 1851 besteigt er mit drei Landsmännern, 16 Führern und 20 Trägern den Mont Blanc. Es ist die grösste und extravaganteste Expedition, die Chamonix bis dahin gesehen hat. Für die zweitägige Tour lässt er seine Helfer unter anderem 4 Lammkeulen, 6 Stücke Kalbfleisch, 1 Stück Rindfleisch, 11 grosse und 35 kleine Hühner, 91 Flaschen Wein, 3 Flaschen Cognac und 2 Flaschen Champagner hochbuckeln. Den grössten Anteil der alkoholischen Getränke konsumiert er selber, den Gipfel erreicht er halb ohnmächtig und nur, weil ihm die Führer notfallmässig Champagner in die Kehle giessen und ihn mit aller Kraft am Seil hinaufziehen. Das Abenteuer kostet ihn 456 Franken, ein Vermögen, das er jahrelang zusammensparen musste und das er danach – wie heute ein Profialpinist – mit der Publikation seines Buches «The Story of Mont Blanc» und mit Auftritten in der «Egyptian Hall» in London wieder eintreibt. Seine selbstironisch inszenierte Bühnenshow («Ich leide anscheinend schwer an einer unheilbaren Krankheit: Eisberg im Gehirn!») wird die erfolgreichste Bergsteigererzählung aller Zeiten. Er absolviert zweitausend Auftritte über sechs Jahre hinweg, 1854 sogar vor Queen Victoria und Prince Albert. Dadurch hilft Smith mit, den Alpinismus in England populär zu machen.
DER BERG UND DIE MANNESKRAFT
Seit Gefahren und Anstrengung von Bergtouren auch bei Nicht-Alpinisten bekannt sind, verleiht das Besteigen eines hohen Gipfels einen gewissen Nimbus. Nicht wenige verbringen ihre Flitterwochen in den Alpen und nutzen die Reise, um der frisch angetrauten Gattin ihre Manneskraft zu demonstrieren. Sir Alfred Wills, Richter am obersten Gerichtshof in London, besteigt 1854 während seiner Hochzeitsreise als erster Engländer mit einheimischen Führern das Wetterhorn, während seine Frau im Tal wartet. Nach ihm ist heute das Willsgrätli genannt, die am häufigsten begangene Route auf den Grindelwaldner Hausberg.
Charles Edward Mathews stürmt während seines Honeymoons im Sommer 1860 mit Melchior Anderegg Altels und Jungfrau. Der Erfolg ermuntert die beiden, gleich noch die Erstbesteigung des Blüemlisalphorns im Berner Oberland zu versuchen, was jedoch nicht gelingt. Auch am 4505 Meter hohen Weisshorn im Wallis beissen sie sich die Zähne aus. Es ist noch unbestiegen, als sich Melchior, Mathews und der zusätzliche Führer Johan Kronig am 1. Juli 1860 von Randa im Mattertal aufmachen. Eine Nacht verbringen sie in einer Alphütte unterhalb des Hohlichtgletschers. Kurz nach Mitternacht schreiten sie dann zum grossen Abenteuer. Es liegt viel Schnee. Sie überwinden den nördlichen Teil des Gletschers und schlagen dann den direkten Weg auf der Vorderseite des Berges ein. Das Gelände ist sehr steil, unter dem Schnee bricht das Eis hervor. Melchior verrichtet schwere Arbeit, bahnt mit dem Pickel Tritte. Steigeisen tragen sie nicht. Sie befinden sich auf rund 4300 Meter, als sich über ihnen ein Schneebrett löst und ganz in ihrer Nähe herunterdonnert. Zu viel für Kronig. Seine Knie zittern, und er bittet, die Expedition aufzugeben. Bis zum Gipfel rechnen sie noch anderthalb Stunden. Aber Kronigs Zustand ist hoffnungslos. Man beschliesst den Rückzug. Beim Abstieg werden sie von weiteren Lawinen «begrüsst» und von Schneestaub eingehüllt. Am Abend erreichen sie wohlbehalten Zermatt, wo Mathews Ehefrau Elizabeth wartet. Die Erstbesteigung dieser grossen Felspyramide gelingt sechs Wochen später dem Physiker John Tyndall mit zwei anderen Führern. Das Blüemlisalphorn «erobert» Melchior Anderegg im Sommer darauf mit Leslie Stephen.
Mathews engagiert Melchior Anderegg über vier Jahrzehnte hinweg regelmässig als Führer. Er arbeitet als beratender Jurist an einer Schule in Birmingham, wird später Bildungspolitiker und von 1878 bis 1880 Präsident des Alpine Club. Ein freundlicher und aufrichtiger Gentlemen, der als Bergsteiger lediglich zweimal nennenswert aus dem Rahmen fällt. Einmal soll er in einer desolaten und ärmlich ausgestatteten Berghütte ein Sechsgangdiner organisiert haben, gefolgt von Kaffee und Liqueur. Und einmal, beim Abstieg von der Aiguille Verte im Mont-Blanc-Gebiet, ist er so durstig, dass er in einem Zug das Notfall-Champagnerfläschchen leert – sehr zur Empörung von Melchior.
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